Die Herausforderung der Ebenbürtigen Die - Bergundsteigen

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Die Herausforderung der Ebenbürtigen C Greg Von Doersten / The North Face von Gerald Lehner Mit Analysen von Ursache und Wirkung lassen sich Jugendku...

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Die Herausforderung der Ebenbürtigen C Greg Von Doersten / The North Face

von Gerald Lehner Mit Analysen von Ursache und Wirkung lassen sich Jugendkultur und das Massenphänomen Snowboarding nicht mehr erklären. Das Pilotprojekt „risk & fun“ zeigt, wie junge Snowboarder und Sportkletterer die alpine Sicherheit in den Griff bekommen können, ohne den Spaß zu verlieren. Es geht um das riskante Verhalten von Menschen in Gruppen. Das reicht sozialpsychologisch von moderner Lebenskultur bis zu historischen Zwischenfällen.

Bedenke, dass du deine innere Freiheit bewahrst, ob du nun selbst deine Meinung änderst, oder dem nachgibst, der sie berichtigt. Denn auch dann vollzieht sich deine Tätigkeit nach deinem Willen und Urteil, ja sogar nach deiner Absicht. Marcus Aurelius, Römischer Kaiser, Philosoph, 2. Jahrhundert n. Chr.

Die allgemeine Situation in den Alpen und Nordamerika gibt Anlass zu großer Besorgnis. Immer mehr Jugendliche fahren mit Snowboards in potentielle Lawinenhänge und extreme Steilflanken. Bewusst, um das Adrenalin zu genießen, oder völlig unwissend. Ganze Cliquen geben sich den Kick. Zum Glück kommen die meisten noch immer heil davon. Es geht um neue und alte Phänomene der Gruppendynamik, pubertäre Verhaltensweisen und psychologische sowie sozialpädagogische Strategien, die aus der Suchtprävention und konkreten Arbeit mit jugendlichen Risikogruppen stammen. „risk & fun“ ist ein Pilotprojekt von der Alpenvereinsjugend, Naturfreundejugend und Austrian Snowboard Association (ASA). Methoden der „Peer Group Education“ stehen im Mittelpunkt. Sie sollen in weiterer

Folge auf Szenen von jugendlichen Sportkletterern angewendet werden, von denen manche ebenso zu riskantem Verhalten neigen. Das Curriculum bei „risk & fun“ erstellen die Sozialarbeiterin Hilde Scheikl und der Erlebnispädagoge Jürgen Einwanger. Grundgedanken, Ansätze und fächerübergreifendes Wissen werden hier vorgestellt.

Selbstüberschätzung und Gruppenzwang Zu Beginn sei der allgemeine wissenschaftliche Hintergrund über Verhalten und Fehlverhalten von Menschen in Gruppen kurz vorgestellt. Fachleute gehen davon aus, dass Gruppen wesentlich risikofreudiger sind als Einzelpersonen. Das gilt für fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von der Politik, Militärwesen bis hin zum Sport und dem Bergsteigen. Gruppen

verstärkten die Illusion, wonach man kollektiv unverwundbar, stark, vielleicht sogar unbesiegbar sei.

Das Elend des Konformen Sozialwissenschaftler erkennen bei solchen Vorgängen das Phänomen der Stereotypisierung. Das bedeutet: Eine Gruppe tendiert dazu, Vorgänge und ihre Wirkungen zu unterschätzen. Sie entwickelt klischeehafte Vorstellungen von Gegnern und Gefahren. Auf kritische Mitglieder, die diesen Vorstellungen widersprechen, wird von der Gruppe Druck ausgeübt, um jeden Zweifel zu zerstreuen. Einzelne Mitglieder versuchen dann, ihre Befürchtungen für sich zu behalten und vor sich selbst die Bedeutung dieser Zweifel herunterzuspielen, um der Gruppe nicht zu widersprechen. Bei Cliquen von Snowboardern hieße das: Jemand hat ein ungutes Gefühl beim Befahren eines Hanges, schweigt und fährt mit, weil scheinbar der Spaß der ganzen Gruppe auf dem Spiel steht. Gruppen verwenden wenig oder keine Zeit, ein Problem umfassend zu diskutieren. Risiken werden mangelhaft berücksichtigt. Objektive Informationen von

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außen gelten als eher unerwünscht. Es kommt zu schnellen und gefährlichen Entscheidungen. Rationales Denken wird ausgeblendet oder weicht fast vollständig Emotionen und Trieben. Die intellektuelle Unkontrollierbarkeit nimmt mit der Gruppengröße zu. Um das dramatisch zu veranschaulichen seien folgenschwere Zwischenfälle der Zeitgeschichte kurz geschildert, deren Ursachen sozialpsychologisch genauer untersucht wurden.

Pearl Harbor, Kuba und Tschernobyl 1941 lagen große Flottenverbände der amerikanischen Marine in Pearl Harbor auf Hawaii in Warteposition vor Anker. Der Angriff japanischer Kampfflieger auf diese wichtigste amerikanische Basis im Pazifik kam für die USA völlig überraschend. Er zerstörte das zuvor vorhandene große Selbstbewusstsein der Vereinigten Staaten, denen nichts übrig blieb, als der Regierung in Tokio nun offiziell den Krieg zu erklären. Anderes Beispiel: 1962 versuchten die USA eine Invasion der Insel Kuba, um das ihnen nicht genehme Regime des Revolutionärs Fidel Castro hinwegzufe-

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eine kurzlebigere und manchmal gefährlichere Euphorie erzeugt, die Selbstkontrolle im Genuss des Schönen, Ungewöhnlichen oder Gefährlichen weitgehend ausschaltet und die Ausschüttung von Adrenalin extrem erhöht. Beispiele: Bungee Jumping oder Flying Fox. Beim Kick wird die Verantwortung für Sicherheit oft an Strukturen oder Personen delegiert. Falls das misslingt oder unmöglich ist, können physische Gefahren beträchtlich steigen. Der Bergführer und Pädagoge Martin Schwiersch prägte den Satz: „Wer den Flow hat, braucht den Kick nicht mehr.“ Also her mit dem Flow?

Jugendkultur und Risiko „Zur derzeitigen Jugendkultur gehören auch riskante Verhaltensweisen“, heißt es im Curriculum des Projektes „risk & fun“. Diesen Satz könnte auch der alte Aristoteles gesagt haben. Die Kritik des Philosophen an der

Jugend des antiken Griechenland ist in Fachkreisen bekannt und in ihrer Verbissenheit rührend. Mit Zeitlosigkeit beweisen die Aussagen des Aristoteles, dass ältere Generationen schon immer mit Schrecken, Abscheu und erhobenen Zeigefingern auf das bunte Treiben des Nachwuchses reagierten. Wie sieht das in modernen Industriegesellschaften aus? Bis zum 20. Lebensjahr gehört die Neigung zu riskantem Verhalten offenbar automatisch zur Existenz. Mann und Frau wollen Grenzen bewusst überschreiten, die von einer stark normierten Erwachsenenwelt gesetzt werden. Die Auflehnung gegen Eltern und Establishment ist zeitlich befristet und bremst sich mit der fixen Einbindung in starre Berufswelten. Das Rebellische paart sich mit Suchtverhalten verschiedenster Preis- und Qualitätsklassen. Das reicht von Alkohol über leichtere und harte Drogen, Clubbings,

C John Kelly / The North Face Kick oder Flow . . . gen. Dass der Angriff in der Schweinebucht Kubas für die Nordamerikaner katastrophal endete, hatte damit zu tun, dass Castro völlig unterschätzt wurde. Berater des US-Präsidenten John F. Kennedy verstärkten sich gegenseitig in der Meinung, Kubas Luftwaffe sei unfähig, die Armee schwach und von Gegnern Castros durchsetzt. Weit gefehlt, wie das historische Ergebnis bewies. Ähnliches gilt nach umfassenden Analysen auch für den Vietnamkrieg oder das Reaktorunglück von Tschernobyl. Im April 1986 führte übersteigerte Selbstsicherheit eines gut eingespielten Teams von angesehenen Fachleuten dazu, dass mehrere Sicherheitsvorschriften ignoriert wurden, was die Kernschmelze des Atommeilers zur Folge hatte und halb Europa in Panik stürzte. Warum sind Gruppen risikofreudiger als Einzelpersonen? Laut Wissenschaft habe es damit zu tun,

dass sich die Verantwortung auf mehrere verteilt und deshalb als weniger belastend empfunden wird. Dominante Mitglieder prägen das Verhalten der Gruppe. Risikofreudigkeit gilt zudem in der spätkapitalistischen Welt als sehr positiver Wert, den man gern nach außen zeigt. Als Gruppe oder einzeln.

Kick und Flow Flow ist ein Zauberwort der jungen Snowboard-Kultur. Fans von anderen jungen Sportarten verwenden es ebenso. Ein Gefühl, so alt wie die Menschheit. Es gehört beim lustvollen Bergsteigen genauso dazu, nur redete man lange nicht darüber. Flow kennzeichnet das Verschmelzen von Natur, Spiritualität, körperlicher Erfahrung und praktischer Handlung. Flow beinhaltet eine Fähigkeit, die bewusstseinsmäßige Kontrolle über Aktionen und Entscheidungen zu behalten. Anders definiert sich Kick, der

C John Kelly / The North Face Kick oder Flow . . .

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27 Education“ geht davon aus, dass Jugendliche die Ziele der Gesundheitsförderung eher anerkennen und die eigene Sicherheit erhöhen, wenn das Wissen von Gleichaltrigen vermittelt wird.

Snowboard konkret

Kick oder Flow . . . Techno, extremes Tanzen, Love Parades, sexuelle Eskapaden, extremes Snowboarden bis zum Hochleistungssport in allen Disziplinen. Suchtverhalten ist oft mit Gefahren und Gesundheitsrisiken verbunden. Männliche Wesen neigen dazu stärker als weibliche, wenngleich Mädchen und junge Frauen stark aufholen. Aids, Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Gewalt sind eigene Bereiche, die mit jugendlichem Risikoverhalten verbunden sind. Soziale und kulturelle Entwurzelung bleibt längst nicht mehr auf Ballungszentren beschränkt. Urbane Lebensstile, nordamerikanische Befindlichkeiten, Klischees und künstlich erzeugte Bedürfnisse erobern alle Teile der Erde und führen zu ständig neuen Spannungsfeldern zwischen Tradition und Moderne.

Was ist „Peer Group Education” ? Fachleute sind überzeugt: Wer auf diese Herausforderungen mit Methoden der klassischen bis autoritären Pädagogik reagiert, steht auf verlorenem Posten. Potenzielle Gefahren im Sport sind heute bei Jugendlichen erwünscht, um den Kick zu

erhöhen und den Körper mit Adrenalin in euphorische Zustände zu versetzen. Kommen nun Erwachsene mit erhobenem Zeigefinger, dann wollen manche Jugendliche erst Recht Dinge tun, die Moralpredigern die Haare zu Berge stehen lassen. Ein Zustand ganz ohne Beeinflussung ist andererseits von jungen Leuten ebenso unerwünscht. Wenn Erwachsene authentisch ihre Lebenserfahrung einbringen, kann gegenseitige Anerkennung erreicht werden. Das englische Wort „peer“ bedeutet gleicher, gleichrangig oder ebenbürtig. Wurzeln liegen im Lateinischen (par = gleich). Jugendliche, die einer Gruppe von Gleichaltrigen mit gleichem sozialen Status angehören, werden „peers“ genannt. Wer bei 14- bis 20-jährigen eine Verhaltensänderung bewirken will, sollte nach neuesten Erkenntnissen auf die Vorbildwirkung von Jugendlichen selbst vertrauen. Nicht Lehrer, erwachsene Prediger oder Manipulatoren stehen im Mittelpunkt. Frontalunterricht und zwangsweises Lernen würden das Gegenteil von dem erreichen, was erwünscht ist: Bewussterer Umgang mit dem Risiko, ohne dass der Spaß verloren geht. „Peer Group

„risk & fun“ setzt weltoffene Erwachsene als Regional-Koordinatoren ein. Diese haben Erfahrung in Jugendarbeit, erkunden Szenen und kommen mit Snowboardern und Cliquen ins Gespräch. Partnerschaftlichkeit, Interessen und Fähigkeiten von Jugendlichen stehen im Mittelpunkt. Sie können ins Projekt einsteigen, als sogenannte „Peers“ oder „Peergroups“, als kommunikative Brücken zu anderen jungen Leuten. Über sie läuft die Meinungsbildung, die auf breiterer Basis eine Verhaltensänderung bewirken kann. Das Projekt vertraut auf persönliches Engagement und Vorbildwirkung von Leitfiguren in Cliquen. Freie Meinungsbildung, Diskussion, alpinistische Kompetenz und Können sind Anliegen. Wer 100 Prozent Sicherheit sucht, sollte das Leben im Bett verbringen. Ein erfülltes

Kontakt

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Dasein ohne Risiko wird es kaum geben. Wie gehen wir mit alpinen Gefahren um? Wie nutze ich das Risiko für positive Aktionen? „risk & fun“ wurde kürzlich gestartet, dauert zwei Jahre und erfasst Gebiete Tirols, Südtirols, Vorarlbergs und Salzburgs. Als Pilotprojekt konzipiert, kann es später für andere Regionen nutzbar sein. Außerdem wird die Methodik für Szenen von jungen Sportkletterern entwickelt und erprobt. Geldgeber: Landesregierungen der beteiligten Bundesländer und Südtirols, Fonds Gesundes Österreich sowie das Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen. Sponsoren und Partnerschaften: Radioprogramm FM4 (ORF), Red Bull und EURO26, ein internationales Netzwerk und Jugendservice der Europäischen Union. „risk & fun“ sucht noch weitere Sponsoren. Das Team denkt an Industrie und Sportartikelhandel. Die Zeitschrift „Berg&Steigen“ wird weiterhin über „risk & fun“ berichten. Geplanter Teil 2: Reportage über die praktische Arbeit mit Regionalkoordinatoren und jungen Snowboardern in den Bergen.

„risk & fun“ Domplatz 3 6020 Innsbruck http://www.riskandfun.com

Tel.: 0512/56 27 61 Fax: 0512/57 20 34 Mobil: 0699/20967639 e-mail: [email protected]

„risk & fun“ - Das Team ❍ Michele Gallonetto, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Sportlehrer und Erlebnispädagoge, leitet „risk & fun“. Der gebürtige Südtiroler lebt in Kirchbichl. Er arbeitete hauptamtlich für die Alpenvereinsjugend auf beiden Seiten des Brenners und leitete das Jugendhaus SPOT in Obernberg. ❍ Hilde Scheikl ist professionelle Sozialarbeiterin. Die gebürtige Steirerin wohnt bei Lienz und absolvierte die Ausbildung zur „Lehrwartin Hochalpin“. Sie arbeitete fächerübergreifend in der Suchtprävention, Erziehungshilfe und Erlebnispädagogik. Interessenschwerpunkt: Wüsten-Abenteuer. ❍ Jürgen Einwanger aus München bringt neben umfassender Arbeit für Erlebnispädagogik viel Erfahrung aus Umwelt-, Werkpädagogik und stationärer Jugendhilfe (Regensburg) mit. Der ausgebildete „Lehrwart Hochalpin“ hat international preisgekrönte Langzeitprojekte konzipiert und geleitet. ❍ Gerald Koller (Steyr), Pädagoge, Autor und Referent - seit 15 Jahren in der Präventionsarbeit. Grundlagenkonzepte für Bundesländer, Geschäftsführer des Österreichischen Bildungsforums für fördernde und präventive Jugendarbeit, Fachmann der „Peer Group Education“, Koordination internationaler Projekte, Fachberater für „risk & fun“. ❍ Gerald Lehner (Salzburg), Lehramt für Volks- und Sonderschulen, Studium Politikwissenschaft und Kommunikationstheorie, Bergsteiger. Seit 14 Jahren Journalist (ORF, internationale Medien). Betreut öffentliche Erscheinungsbilder von „risk & fun“.

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