Die herzwärmende Kalte - Die Onleihe

Die herzwärmende Kalte - Die Onleihe

Reflektierte Mode: Die Kunst des Dazwischen Das Met in New York würdigt die japanische Designerin Rei Kawakubo ▶ Seite 17 AUSGABE BERLIN | NR. 11390 ...

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Reflektierte Mode: Die Kunst des Dazwischen Das Met in New York würdigt die japanische Designerin Rei Kawakubo ▶ Seite 17

AUSGABE BERLIN | NR. 11390 | 31. WOCHE | 39. JAHRGANG

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Die herzwärmende Kalte NACHRUF Die Schauspielerin

Jeanne Moreau verführte durch Eigenwilligkeit, Intelligenz und Charme jenseits des Körperlichen. Bis ins hohe Alter ▶ Kultur SEITE 15

ILLEGAL Der türkischen

Abgeordneten Tuğba Heder Öztürk wurde das Mandat entzogen. Mit welchem Recht? ▶ SEITE 4 IDEAL Abubakar Mo-

hammed will im Norden Nigerias Fahrräder verkaufen. Doch dort gibt es keine Zukunft ▶ SEITE 5 IRREAL Elke Heckel lebt

seit 30 Jahren in London. Jetzt fühlt sie sich unerwünscht ▶ SEITE 13 Fotos: imago; dpa (o.)

FREE DEN IZ

verboten fordert die Freilassung von Deniz Yücel.

Guten Tag, meine Damen und Herren! Ein Gespenst geht um in Europa – das „Schadstoff- wahlweise Feinstaubgespenst“. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, die Barbara, die Hendricks und die Umweltministerin. Wo ist die Opposi­ tionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als verstaubt verschrien worden wäre? Es ist hohe Zeit, dass die Verstaubten ihre Anschauungsweise vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Feinstaubs ein Manifest der Schadstoffe entgegenstellen. Frauke Petry, i. V. verboten Ihre Lippen, ihre Stimme, ihr Gang: Die Göttin des französischen Films ist auf ewig entschwebt Foto: Hélène Bamberger/cosmos/Agentur Focus

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KOMMENTAR VON FELIX LEE ÜBER CHINAS INTERNETZENSUR

K

lingt einleuchtend: Wer in China Geschäfte macht, muss sich den dortigen Regeln fügen. Das ist anderswo nicht anders. Nun hat die chinesische Regierung mit einem neuen Cyber-Security-Gesetz ein Verbot erlassen auf Software aus dem Ausland, über die sich die strengen Internetsperren des Landes umgehen ließen. Insofern ist es naheliegend, dass sich ein Konzern wie Apple dem fügt und diese sogenannten VPN-Tunnel aus seinem App-Store entfernt. Nun ist China nicht irgendein Land. Vielmehr ist die Volksrepublik mit fast einer Milliarde Nutzern das Land mit der weltweit höchsten Zahl an SmartphoneKäufern. Ein Rausschmiss aus dem Reich

Apple im Sinkflug der Mitte würde den US-Konzern empfindlich treffen. Doch ist dem wirklich so? Ja, allerdings ist die Wahrheit etwas anders gelagert. Denn selbst wenn sich Apple nicht auf die neue Zensur einlassen würde, befindet sich Apple in China im Sinkflug. Technisch kann die chinesische Konkurrenz schon lange mit dem iPhone mithalten. Geräte von Huawei oder Xiaomi sind sogar um einiges besser. Auf dem chinesischen Smartphone-Markt ist Apple auf Platz fünf abgerutscht. Der chinesische Staat befördert diese Entwicklung. Auch wenn die Regierung es offiziell nicht zugibt, weil ansonsten Ärger mit der Welthandelsorganisation

drohen würde – die Zensur ist oft nur vorgeschoben. Schon als China um 2009 herum – aus politischen Gründen – die Sperre von Face­book und Twitter verfügte und kurze Zeit später auch die Google-Dienste aus dem chinesischen Markt drängte, ergab sich der interessante Nebeneffekt, dass die chinesischen Dienste zur gleichen Zeit aufsteigen konnten. Baidu, Tencent

In China ist Apple auf dem Smartphone-Markt auf Platz fünf abgerutscht

und Sina gehören heute zu den größten Internetfirmen der Welt. Auch auf Apple haben es die chinesischen Regulierungsbehörden abgesehen – und kommen ständig mit neuen Restriktionen. Apple hat sich stets darauf eingelassen und durfte den Chinesen weiter iPhones verkaufen. An die Spitze wird es Apple auf diese Weise aber nicht mehr schaffen. Ein Ausweg für Apple wäre eine Klage wegen des Verstoßes gegen Wettbewerbsregeln bei der Welthandelsorganisation. Zumindest im Streit über Chinas Überkapazitäten im Stahlbereich musste Peking klein beigeben. ▶ Schwerpunkt SEITE 3

02

TAZ.DI E TAGESZEITU NG

Schwerpunkt

DI ENSTAG, 1. AUGUST 2017

Venezuela

PORTRAIT

Das Land hat ein politisches Gremium mehr – Probleme aber werden dadurch nicht gelöst. Im Gegenteil

Das Ende der Gewaltenteilung RÜCKBLICK Venezuela hat eine Verfassunggebende Versammlung gewählt. Der „Tom Cruise“ von Bangladesch

Die Opposition lehnt sie ab – auch das Ausland kritisiert Präsident Nicolás Maduro

Foto: Promo

Actionheld wird Prediger

M

ajor Mahmud ist ein Suchender. Im Film „Khoj – The Search“ („Die Suche“, verfügbar auf YouTube) legt sich der Agent des (fiktiven) Bangladesh Secret Service mit einem internationalen Waffenhändlerring an und bringt dessen Chef Nino zur Strecke. „Khoj“, international kaum wahrgenommen, war ein Action-Blockbuster in Bangladesch, der seinen Hauptdarsteller Ananta Jalil im 160-Millionen-Menschen-Land direkt zum Star machte. Jalil, so scheint es, ist auch ein Suchender. Der Mann, der als Vorarbeiter einer Fabrik begann, eine erfolgreiche Textilfirma aufbaute, dann Actionfilme finanzierte mit sich selbst als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller, hat seit Kurzem eine neue Lebensaufgabe: Er wird Prediger der konservativen islamischen Strömung Ta­ blighi Dschamaat. Der 38-Jährige kommt aus einem wohlhabenden Elternhaus. Als er fünf war, starb seine Mutter, und er wuchs mit einem Bruder bei seinem Vater auf. In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka besuchte er ein angesehenes englischsprachiges Gymnasium und machte einen britischen Schulabschluss. Nach eigenen Angaben studierte er anschließend in Manchester Betriebswirtschaft und Modedesign – eine Tatsache, die von bösen Zungen angezweifelt wird, da er die Stadt konsequent „ManSister“ nennt. In Bangladesch arbeitete er zunächst in der Textilfabrik der Familie, die er nach dem Tod seines Bruders 2008 übernahm und erfolgreich führte: 2015 hatte er mehr als 7.000 Angestellte. 2010 begann er dann seine Filmkarriere mit „Khoj“. Die Mischung aus Rambo und Mission Impossible, mit schlechten Spezialeffekten und einem eher eigenwilligen Drehbuch, sorgte in Bangladesch für Begeisterung. Es folgten jährlich Filme. Tom Cruise sei sein Vorbild und einzige Konkurrenz, sagte Jalil einmal ungeniert. Nach der Rückkehr von der Pilgerreise nach Mekka scheint Ananta Jalil nun wie verwandelt. In einem Facebook-Video trägt er ein weißes Gewand, auf dem Kopf einen Turban und bittet die Zuschauer, am Sonntag auf einen öffentlichen Platz zu kommen. Dort präsentiert er sich nun als Prediger der Tablighi LALON SANDER Dschamaat.

Reptilienfonds Leistenkrokodil und Nasenfrosch, Kai Diekmann und Eva Herman, Wickelschwanzskink und Weddinger – Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden

blogs.taz.de

AUS BUENOS AIRES JÜRGEN VOGT

Venezuela steuert auf das Ende der Gewaltenteilung zu. Mit der am Sonntag gewählten Verfassunggebenden Versammlung hat sich das Land ein neues oberstes Gremium geschaffen. Nach dem Wunsch der Regierung soll die Asamblea Nacional Constituyente (ANC) den Frieden wiederherstellen und die aktuelle Verfassung reformieren. Von Frieden war am Sonntag jedoch wenig zu spüren. Die rechte Opposition hatte zum Boykott und zu Blockadeaktionen aufgerufen, mit der die Wahl behindert wurde, trotz des von der Regierung erlassenen Demonstrationsverbots. Zahlreiche Wahllokale, wie in

den Wohnvierteln der Mittelund Oberschicht in der Hauptstadt Caracas, blieben geschlossen. Durch eine Explosion in der Nähe von Altamira, einem traditionellen Treffpunkt der Opposition, wurden mehrere Nationalgardisten verletzt. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft kamen in Zusammenhang mit der Wahl mindestens zehn Menschen ums Leben. Dass die regierenden Chavisten in der ANC die Mehrheit stellen, überrascht nicht. Mit der Festlegung neuer Wahlbezirke und der Wahl von KandidatInnen aus ausgesuchten gesellschaftlichen Bereichen hatten sie sich den Triumph schon zuvor zurechtgeschneidert. Der passive und aktive Wahlboykott der rechten Opposition machte

die ganze Angelegenheit zur reinen Formsache. Keiner der am Sonntag gewählten 545 Mitglieder steht auch nur irgendwie in Opposition zur Regierung. Ihren Sitz hat die ANC im Parlamentsgebäude. Welche Machtposition die ANC jedoch einnimmt, beschreibt auch Artikel 349 der gegenwärtigen Verfassung: „Die bestehenden Gewalten können die Entscheidungen der Verfassunggebenden Versammlung in keinster Weise verbieten.“ Nach einfacher Lesart untersteht ihr damit sogar der Präsident. 1999 trat ebenfalls eine gewählte Verfassunggebende Versammlung zusammen. Die damals vom verstorbenen „ewigen“ Comandante Hugo Chávez initiierte ANC war jedoch von

einem gesellschaftlichen Konsens getragen. Die Wahl am vergangenen Sonntag hingegen fand ohne die breite Unterstützung der Bevölkerung statt. Mit rund 8,1 Millionen nahmen nur knapp 42 Prozent der 19,4 Millionen Stimmberechtigten teil, so die offiziellen Zahlen. Nach Angaben der Opposition haben sich weniger als drei Millionen beteiligt. Wer aus freier Entscheidung votierte oder sich wegen der zuvor massiv angedrohten Sanktionen gegen StaatsangestelltInnen, MitarbeiterInnen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA sowie EmpfängerInnen von Sozialleistungen dazu gezwungen sah, bleibt offen. Eine unabhängige Kontrolle von Wahlverlauf und Auszählung fand nicht statt. Die

Boykott in der Hauptstadt Caracas: Wer gegen die Regierung ist, ging am Sonntag nicht zur Wahl Foto: Ariana Cubillos/ap

Regierung weigerte sich, internationale WahlbeobachterInnen zuzulassen. Die Wahl wird von der rechten Opposition nicht anerkannt. „Es ist der größte Wahlbetrug in der Geschichte unseres Landes“, twitterte Parlamentspräsident Julio Borges und stellte klar, dass auch Entscheidungen der ANC nicht anerkannt würden. Zu erwarten steht, dass sich zwei Versammlungen gegenseitig ihre Nichtanerkennung attestieren. „Wir werden weiter im Parlamentsgebäude tagen,“ kündigte Borges am Montagmorgen an. Neben dem Parlament, das die Opposition kontrolliert, könnte die neue Versammlung auch eine unliebsame Generalstaatsanwältin absägen. Seit Lui­ sa Ortega Ende März die vor­übergehende Entmachtung des Parlaments durch das regierungshörige Oberste Gericht kritisierte, ist sie der Regierung ein Dorn im Auge. Bis zuletzt sprach sie sich gegen die Bildung der ANC aus. Diese wird wohl nun ihre Amtsenthebung anordnen und zugleich die Kontrolle ihres noch autonomen Ministerio Publico übernehmen. Das hatte Präsident Maduro bereits öffentlich angekündigt. Mit diesem Kurs erntet Venezuela weltweit Kritik. Acht lateinamerikanische Länder haben der ANC öffentlich die Anerkennung verweigert, darunter Kolumbien, Argentinien, Brasilien und Mexiko. Die USA haben ihre Sanktionsdrohungen erneut bekräftigt, und warnende Stimmen kommen auch von EU und aus Deutschland. „Die Wahl war weder frei noch geheim noch gleich und verstieß somit gegen demokratische Grundprinzipien“, so ein Außenamtssprecher in Berlin.

„Die internationale Isolation ist Teil des Narrativs“ Wohin steuert Venezuela mit dem neuen Gremium? Nach der Gleichschaltung der Gewalten könnte das Land völlig im Chaos versinken, sagt Lateinamerika-Experte Günther Maihold. Die Nachbarn dürften das Regime jetzt aber nicht isolieren AUSBLICK

taz: Die Verfassunggebende Versammlung spaltet Vene­ zuela. Die Opposition sagt: Sie soll das Parlament auflö­ sen. Präsident Maduro sieht in ihr die einzige Möglichkeit für Frieden. Wie sehen Sie das, Herr Maihold? Günther Maihold: Zunächst ist das Wahlverfahren für die Verfassunggebende Versammlung sonderbar. Nicht nur, weil es neben territorialen Kandidaten auch Stimmen für „sektorale“ Vertreter gab. Die Listen wurden natürlich durch Leute Maduros besetzt. Die Opposition hatte natürlich kein Interesse daran, ein Verfahren zu legitimieren, das eine deutliche Mehrheit für Regierungsanhänger bedeutet. Ist Venezuela auf dem Weg in die Diktatur? Ich würde noch nicht von Diktatur sprechen, sondern von Gleichschaltung. Exekutive und Judikative waren bisher schon

weitgehend auf Regierungslinie, nun wird auch nun die Legislative auf Linie gebracht. Das nimmt der Opposition jegliche institutionelle Ausdrucksform. Deshalb lagert sie die politische Auseinandersetzung auf die Straße aus. Seit April demonstrieren Vene­ zolanerInnen gegen die Regie­ rung. Wie viele von ihnen un­ terstützen die Opposition? Wenn wir das wüssten! Es gibt Umfragen, die sagen: 80 Prozent der Bevölkerung sind gegen die Verfassunggebende Versammlung; 77 Prozent wünschen die Ablösung von Maduro. Das entspricht aber nicht notwendigerweise den Tatsachen. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung arbeitet im Staatsapparat, den Parteiorganisationen oder den Sozialprogrammen und wird bevorzugt mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Es ist schwierig zu sagen,

wer die Regierung wirklich unterstützt. Ähnlich schwer zu beurteilen: Wer ist für die Versorgungs­ krise verantwortlich? Regie­ rung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld … Der Hauptfaktor ist sicher die desaströse Einnahmesituation des Landes, für die die abnehmende Ölförderung und der niedrige Ölpreis verantwortlich sind. Hinzu kommt, dass der aufgeblasene Staatsapparat sehr viel der Finanzen auffrisst und Maduro klientelistische Strukturen geschaffen hat. So hat er die Lebensmittelindustrie dem Militär unterstellt und lässt seinen Anhängern über lokale Komitees Lebensmittelpakete zukommen. Das schafft natürlich Bindung an das System. Die USA haben Sanktionen angekündigt. Mehrere latein­ amerikanische Staaten erken­ nen die Wahl nicht an. Ist Iso­

lation der richtige Schritt? Natürlich nicht. Es ist sogar Teil des Narrativs der Regierung: Ein Putsch von außen könne nur durch eine einheitliche Front zur Verteidigung des Vaterlandes verhindert werden. Klar ist aber: Wir brauchen externe Akteure, die verhindern, dass die Gewalteskalation in Venezuela weiter voranschreitet. Die internen Akteure spielen alle nur auf Sieg. Da brauchen wir Kuba, die USA und die südamerikanischen Staaten. Auf die Kritik der Nachbarn im April hat Venezuela den Aus­ tritt aus dem amerikanischen Staatenbündnis OAS verkün­ det. Wie wahrscheinlich ist eine Vermittlung? Gegenwärtig sind alle Versuche gescheitert, zuletzt die des Vatikan. Kein Player ist von allen Akteuren anerkannt. Das darf aber nicht heißen, dass das Land international isoliert werden

darf. Zentral ist, dass die humanitäre Krise im Land nicht vertieft wird. Falls das nicht gelingt: Läuft es auf einen Bürgerkrieg hinaus? Wir sehen, dass in der Opposition die radikalen Kräfte sichtbarer werden. Das hat der Einsatz von Sprengstoff am Wochenende gezeigt. Das Maß an Polarisierung und Waffen im Umlauf könnte einen noch weit höheren Blutzoll fordern. INTERVIEW RALF PAULI

Günther Maihold ■■60, ist stellvertretender

­Di­rek­tor und Lateinamerika-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Foto: Marc Darchinger

Schwerpunkt Zensur im Internet

DI ENSTAG, 1. AUGUST 2017

TAZ.DI E TAGESZEITU NG

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China und Russland schränken die Kommunikation über VPN-Tunnel ein. Das zeigt, wie wichtig diese Technik ist – auch in Deutschland

AUS PEKING FELIX LEE

Facebook ist in China gesperrt. Instagram, Twitter und YouTube ebenso. Und wer versucht, die chinesischsprachigen Webseiten der Deutschen Welle oder der New York Times aufzurufen, kann lange warten. Innerhalb der chinesischen Landesgrenzen lassen sich die Seiten nicht öffnen. Selbst die meisten Google-Dienste sind blockiert – der großen Firewall sei Dank, Chinas staatlicher Internetsperre. Für Abhilfe haben bislang sogenannte Virtual-Privat-Network-Verbindungen (VPN) gesorgt. Dabei handelt es sich um spezielle Software, über die sich eine verschlüsselte Verbindung

„China gefährdet ganz erheblich seine eigenen Interessen“ MATS HARBORN, EU-HANDELSKAMMER

zu einem ausländischen Server aufbauen lässt. Der Nutzer in China loggt sich zunächst in einen dieser ausländischen Server ein und ruft über diesen Umweg die Facebook oder Twitter auf. Die Zensoren sehen nur, dass der Nutzer einen ausländischen Server anzapft. Seit einiger Zeit sind den Behörden aber auch VPNs ein Dorn im Auge. Große Anbieter berichten, ihre Server seien von China aus immer schwerer zu erreichen; sie müssten sich regelrecht ein Katz-und-Maus-Spiel liefern, um Chinas Firewall zu umgehen. Das war ihnen bislang auch stets gelungen. Am Wochenende hat die VPN-Szene allerdings einen besonders herben Schlag hinnehmen müssen. Ausgerechnet der Apple-Konzern, der sich gerne als Vorreiter in Sachen Verschlüsselungstechnik feiert, hat in China die meisten Anti-Zensur-Programme von seinem App-Store gelöscht. Apple sei dazu verpflichtet, weil es „gegen neue chinesische Gesetze verstoße“, heißt es in einer kurzen Stellungnahme. Anbieter, die sich in China offiziell registriert haben, seien weiter verfügbar. Dazu gehört ExpressVPN nicht, einer der am weitesten verbreiteten Anbieter. Das Unternehmen ist „bestürzt“ über diese Entscheidung. Apple habe sich damit auf die Seite der Zensoren geschlagen. Auch die populäre TunnelApp VyprVPN war am Sonntag nicht mehr in Apples China-Angebot verfügbar. Das ist nicht das erste Mal, dass sich der Tech-Gigant der chinesischen Zensur beugt. Erst Anfang des Jahres war von einem Tag auf den anderen die

Im Tunnel: Fahrgäste der Pekinger U-Bahn mit künftig nicht mehr ganz so nützlichen Geräten Foto: Fred Dufour/afp

Gebannter Apfel CHINA Über VPN-Tunnel konnten Internetnutzer in China bisher Sperren der Zensoren umgehen.

Doch nun wollen sie auch diese Verbindungen blockieren. Und Unternehmen wie Apple machen mit Nachrichten-App der New York Times aus dem chinesischen App-Store verschwunden. Die Apple-Konzernleitung gab kurze Zeit später zu, dass dies auf ausdrücklichem Wunsch der Führung in Peking erfolgte. Die Volksrepublik ist mit fast einer Milliarde Nutzer der weltweit größte IT-Markt. Für den iPhone-Konzern ist China nach den USA der wichtigste Absatzmarkt. Allerdings schwächelte zuletzt der Verkauf der iGeräte. Auf dem chinesischen Smartphone-Markt rutschte Apple zuletzt auf Platz fünf ab. Tunneldienste sind in China weit verbreitet. Nicht nur ausländische Journalisten, Diplomaten und Geschäftsleute nutzen sie. An vielen Universitäten, in Unternehmen, ja sogar bei Behörden ist ihre Nutzung üblich. Zwar war es den Zensurbehörden technisch schon möglich, VPN-Zugänge zu blockieren. Doch offenbar hatte der chinesische Staat bislang ein Interesse daran, dass zumin-

dest bestimmte Kreise freien Zugang zum weltweiten Web haben. China versteht sich als Teil der globalisierten Welt. Wissenschaftler sollten an den Universitäten forschen können, internationale Geschäftsbeziehungen müssen gepflegt sein. Die Marktforscher von GlobalWeb­ Index schätzen die Zahl der VPN-Nutzer in der Volksrepublik auf über 100 Millionen. Doch unter Xi Jinping als Staatspräsident hat Chinas Führung die Regeln deutlich verschärft. Seit Mitte des Jahres gilt das neue „Gesetz zur Stärkung der Cyber-Sicherheit“. Erstmals ist darin explizit von einem Verbot ausländischer VPNs die Rede. Ab Februar 2018 dürfen nur noch Tunnelzugänge genutzt werden, für die sich der Nutzer vorher offiziell registriert hat. „Das Land muss Wege finden, um die Sicherheit im Internet zu wahren“, rechtfertigte das Ministerium für Industrie und Information (MIIT) das Verbot von Tunneldiensten und

Russland blockiert VPN ■■Schwarze Liste: Auch das russische Parlament hatte am 21. Juli ein Gesetz beschlossen, das die Nutzung von AnonymisierungsSoftware und sogenannter Virtueller Privater Netzwerke (VPN) im Internet einschränkt. Es soll dafür sorgen, dass über solche Dienste keine in Russland verbotenen Inhalte abgerufen werden können. Dafür soll es eine von der russischen Telekom-Aufsicht gepflegte „schwarze Liste“ geben, wie aus dem Gesetz hervorgeht. Wenn Anonymisierungs-Dienste oder VPN-Anbieter nicht sicherstellen, dass die verbotenen Inhalte von Russland aus nicht erreichbar sind, sollen sie blockiert werden. Die Initiatoren argumentieren, so effektiver gegen Extremismus vorgehen zu können. ■■Putins Segen: Am Sonntag wurde durch eine Mitteilung auf der Regierungshomepage bekannt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin das Gesetz mittlerweile unterzeichnet hat.

warnte vor „ausländischen Kräften“, die übers Internet versuchten, „in China Unruhe zu stiften“. Die Internetfirmen reagieren unterschiedlich auf die Zensur. Google lehnte eine Kooperation mit den chinesischen Zensoren ab und hat sich 2010 komplett aus dem Markt zurückgezogen. Ganz anders hingegen Microsofts Suchmaschine Bing. Sie ist in China abrufbar, allerdings finden sich darin nur politisch unbrisante Inhalte. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist seit Jahren um einen Marktzugang nach China bemüht und biedert sich an. Bislang ohne Erfolg. Facebook bleibt gesperrt. Betroffen von den zusätzlichen Restriktionen werden auch die vielen internationalen Firmen sein, die ihre Regionalzentralen nach Peking oder Schanghai verlegt haben. Ihre Mitarbeiter kommunizieren nicht nur über das Internet mit den Mutterhäusern in ihrer Heimat. Einige Firmen haben ihr ganzes System auf Cloud-Dienste um-

gestellt, deren Server meist im Ausland stehen. Peking fordert sie auf, diese Server nach China zu verlegen und so der staatlichen Kontrolle zu unterstellen. Ausländische Unternehmen vor Ort seien extrem verunsichert und sähen ihre Datensicherheit massiv gefährdet, kritisiert Mats Harborn, Präsident der EU-Handelskammer. „China gefährdet damit ganz erheblich seine eigenen Interessen.“ Diese Kritik schert die chinesische Führung offenbar aber nur wenig. Sie ist sogar überzeugt, dass Chinas Internetfirmen ihren Erfolg überhaupt erst diesem „speziellen regulatorischen Umfeld“ zu verdanken haben. Tatsächlich erlebten chinesische Internetgiganten wie Baidu, Tencent, Alibaba oder Youku dann ihren Aufstieg mit der Einführung der Firewall. Sie fanden in China erst dann viele Nutzer, als Facebook, Twitter und YouTube für die breite Masse nicht mehr abrufbar waren.

sind. Auch dafür nutzen viele einen VPN-Tunnel: Sie wollen in Deutschland eine Serie schauen, die nur in den USA verfügbar ist, oder in Spanien ein Fußballspiel, das der Sender aus Rechtegründen nur in Deutschland zeigen darf. Um dieses sogenannte Geoblocking zu umgehen, tut es im Grunde jeder VPN-Anbieter, auch ein kostenloser. Wer einen VPN für sensible Dinge nutzen will, muss bei der Wahl des Anbieters mehr Sorg-

falt walten lassen und im Zweifel auch ein paar Euro im Monat dafür bezahlen. Denn wer all seinen Internetverkehr über den Server einer Firma umleitet, muss dieser voll vertrauen können. Nichts wäre schlimmer, als wenn der Anbieter selbst leichtfertig mit den Daten umgeht oder sie bewusst abgreift und speichert – und sie sogar an Dritte weitergibt. Manche Anbieter suchen sich als Standort gezielt ein Land, das sie für möglichst sicher halten, was Datenschutz und strafrechtliche Grundlagen angeht, und versprechen, keine Nutzerdaten zu speichern.  SEBASTIAN ERB

Licht am Ende des Tunnels SICHERHEIT

Was ein VPN-Tunnel kann und warum er wichtig ist – auch beim Surfen im Café um die Ecke

BERLIN taz | Einmal klicken oder

oder auf die Smartphone-App tapsen, und schon surft man durch den Tunnel. Ist ein VPN – also ein Virtuelles Privates Netzwerk – aktiviert, wird der gesamte Internetverkehr durch einen verschlüsselten Tunnel zum Server des VPN-Anbieters geleitet und erst von dort zum Ziel. Ich surfe also mit einer neuen IP-Adresse, die nicht ohne Weiteres auf mich zurückverfolgt werden kann. Weder der Inter-

netprovider noch der Betreiber der besuchten Webseite sehen, wer ich bin und was ich mache. Weil der Tunnel so aussieht wie normaler Internettraffic, ist es schwierig, die VPN-Nutzung technisch zu unterbinden. Arbeitnehmer nutzen einen VPN, um virtuell in ihrem Firmennetzwerk zu surfen, auf das sie außerhalb des Büros sonst keinen Zugriff hätten. In fremden Netzwerken, etwa in einem Café oder Hotel, sollte man im-

mer einen VPN einschalten. Denn der Betreiber des WLAN braucht kein gewiefter Hacker zu sein, um ansonsten mitlesen zu können, wo ich mich online so herumtreibe. Je nach Einstellung des Netzwerkes könnte das sogar der Mensch am Nebentisch tun, der scheinbar harmlos vor seinem Rechner sitzt und im selben WLAN surft. Auf Auslandsreisen ist ein VPN besonders wichtig, weil in manchen Ländern gezielt Inter-

netnutzer ausspioniert werden. Auch praktische Gründe sprechen dafür: Geblockte Seiten funktionieren sonst nicht, etwa Facebook oder Twitter in Iran. Im Vergleich zu anderen ­Anonymisierungsdiensten wie dem noch sichereren Tor-Netzwerk kann man mit einem VPN in voller Geschwindigkeit surfen. Dieser Aspekt ist entscheidend, wenn man Inhalte streamen will, die offiziell nur in einem anderen Land verfügbar