Die Kartoffel und die Kunst

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Die Kartoffel und Kunst Auf den Einfluß Shakespeare auf den Kartoffelverzehr ist schon hingewiesen worden. Die Kartoffel regte wegen ihrer »venerische...

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Die Kartoffel und Kunst Auf den Einfluß Shakespeare auf den Kartoffelverzehr ist schon hingewiesen worden. Die Kartoffel regte wegen ihrer »venerischen« Kräfte auch andere Schriftsteller an der Wende zum 17. Jahrhunderts zu Äußerungen an. In seiner Komödie »Histrio-Mastix«, 1630, werden potatos von John Marston erwähnt: »Käufer: ›Ha’ ‘y any Potatoes?‹ Verkäufer: ›Der (vorhandene) Überfluß an Kartoffel bringt nicht die Kosten.‹« Ben Johnson schreibt 1601 »Cynthias’ Revels« und zählt die Kartoffel in einer Liste von »delikaten« Nahrungsmitteln auf. George Chapman beschreibt 1611 eine Szene in seinem Stück »Maientag«, in der ein Liebhaber sich mit seiner Geliebten trifft und an einem Bankett mit »Austern, Kartoffeln und Wasserrüben« teilnimmt; auch er weist auf die aphrodisische Wirkung hin. John Fletcher läßt in dem schon erwähnten Stück »The Loyal Subject« 1617 einen Hausierer singen: »I have fine potatoes«. Im Stück »The Elder Brother« verweist Fletcher auf die priapeischen Folgen des Kartoffelgenusses. Nach Salaman schreiben auch Gervase Markham und Lewis Machin (1608) über die unzüchtigen Folgen des Knollengenusses. Die Hollywood-Aktrice Dorothy Parker soll bei einem Essen gesagt haben: »Noch eine Kartoffel und ich lieg’ unterm Gastgeber.« Ein wenig zweifelhaft ist schon, ob die Autoren am Anfang des 17. Jahrhunderts überhaupt wußten, worüber sie spekulierten: Erst 1696 veröffentlichte Gerard seinen »Herball« mit einer ersten Beschreibung der Kartoffel in England. Während der Regierungszeit der jungfräulichen Königin Victoria1197 (1837–1901) wird die Knolle lange verteufelt, bis Albert von SachsenCoburg-Gotha ihr die »ehelichen werckzeuge« zeigt und diese auf den Kartoffelverzehr in Kindheit und Jugend in Deutschland zurückführt. 1715 wird erstmalig Mahagoni aus Kuba und Santo Domingo nach Irland importiert und löst – bei den feineren Leuten – die altehrwürdige irische Eiche ab. Schränke, Tische und Stühle aus Mahagoni werden in der Dubliner »gentry« üblich; diese »gentry« »zeichnete« sich durch besondere Extravaganz, durch eine besondere Kulturbeflissenheit und durch viel Muße aus; »Beau« Brummell war einige Jahrzehnte später ein typischer Vertreter dieser Gecken und Stutzer, der – wie Hermann Fürst von Pückler-Muskau schrieb – eine ganze Generation durch den Schnitt seines Rockes beherrschte, als »arbiter elegantiarum«, als »Meister des Geschmacks«. In diesen Kreisen wurden Kartoffeln gegessen, wohl um damit Geld für die anderen Amüsements zu haben und wegen der aphrodisischen Wirkung. Der Unterschied von Eiche und Mahagoni war, daß die in Schalen servierten heißen Kartoffeln die schönen Mahagoni-Intarsien der Tische durch die Wärme beschädigten; es kamen daher kunstvoll mit Ornamenten versehene aus Silber oder mit Silber überzogene »Tischringe« auf, auf die die Schalen mit den heißen Kartoffeln gestellt wurden und somit das Mahagoniholz schützten. John Ruskin schreibt 1869 in »Der König der Lüfte«, daß die Kartoffel (wegen ihres unterirdischen Stiels) eine unglückbringende Pflanze sei; noch schlimmer sei aber Tabak, bei dem man nicht schätzen kann, welchen demoralisierenden Einfluß dieser auf die Jugend Europas habe. Dazu paßt: »Es ist ja auch sehr unangenehm, wenn wir aus unseren Mündern Rauch in anderer Leute Münder, Augen und Nasen blasen und uns das gleiche widerfährt.« Matthias Claudius schreibt 1774 im »Wandsbecker Bothen« ein Poem über die Kartoffel, 1197 1846 beschloß König Victoria, zeichnen zu lernen, und beauftragte Edward Lear (der die Limericks »erfand«), ihr Zeichenunterricht zu geben. In einer der ersten der insgesamt zwölf Unterrichtsstunden betrachtete Lear die kostbaren Nippes im Buckingham Palace und fragte: Wo haben Sie nur all diese herrlichen Sachen her? Und Victoria soll mit unbewegter Miene geantwortet haben: Ich habe sie geerbt. 622

und es gilt als das schönste Loblied auf die Knolle: »Schon rötlich die Kartoffeln sind und weiß wie Alabaster. Sie däu’n sich lieblich und geschwind und sind für Mann und Frau und Kind ein rechtes Magenpflaster. 1802 wurde aus der »Frau« ein »Weib«, was aber für die Kartoffelgeschichte unwichtig ist. Im Bertelsmann Volkslexikon steht über Matthias Claudius: »schuf innigeinfältige, fromme Gedichte«; das ist wohl wahr. Der Text kann sogar gesungen werden nach einer Melodie von Johann Rudolf Zumsteeg (1760–1803), einem Cellisten, Musiklehrer und späteren Kapellmeister (und Komponisten) an der Stuttgarter Hofkapelle, der die italienische Oper1198 verbannte und Mozart aufführte. Ein anderes sehr schönes (aber schwer verständliches) Loblied auf die Kartoffel (»Aardäppel-Lied«) kommt von Hans Siegert (nach der Melodie »Da streiten sich die Leut herum«): Was untern Heiser is de Körch, Der Toler untern Gald, Das is fürn Bauern in Gebörg A schiens Aardäppelfald Bringt dar zur Arnt de Säck vull rei – Kast sol dich net dra saah! Un sei aah Faule oft derbei – Dos gibt’s wu anersch aah! Hei, wie das dämpt un wie dos riecht, Wenn rei die Schüssel kimmt, Wenn rachts un links der Schäler fliegt Un Zeit sich kaaner nimmt! Do bie gescheit un knauser net Mit Butter oder Quark, Mit Grumpele, mit Worscht un Fett, Nooch wärscht de sot un stark! Drüm wärscht, Aardäppel, du geehrt; Dir bie ich orndlich gut. Ich halt dich huch, wie sich’s gehärt, Un racht wie’s liebe Brut. Garn lub ich dich mit Harz un Mund, Ka’s net su vun mir gaam – När das sog ich aus Harzensgrund: »Aardäppel, du söllst laam!« Albert Vigoleis Thelen ist da schon handfester, wenn er von sich sagt, daß sein ganzes Dasein ein Kampf gegen Kartoffeln und Tüllgardinen gewesen sei; die Kartoffel, so Thelen, sei eine »unbegeistete Tuberkel«. Ganz anders sieht es Jeremias Gotthelf, der von Kathi, der Großmutter berichtet, daß sie von Religion und Kartoffeln lebte. Eine andere Großmutter, Anna Bronski aus der Kaschubei1199, brät sich am Feldesrand einige Knollen und holt mit dem 1198 Merke: »Oper ist erst vorbei, wenn die korpulente Dame gesungen hat.« 1199 Die Kaschuben, die älteste Ethnie an der Danziger Bucht, existieren noch heute als kulturelle Minderheit. 623

Haselstock die garen Kartoffeln aus der Asche; Oskar Matzerath wird sich gefreut haben. Und im Butt schreibt Grass: »Dann fragte er [Friedrich II.], blank vom kaschubischen Dauerregen, nach dem gewissen Frauenzimmer, das den Kartoffelanbau, beispielhaft für die preußischen Provinzen, als erste gefördert und so, neben dem Sättigungsbeweis, die Schmackhaftigkeit der neuen Hackfrucht bewiesen habe. Ich brachte ihn zu Amanda. Die saß wie immer in der Gesindeküche auf der Ofenbank und schälte Kartoffeln für die alltägliche Suppe. Gar nicht erstaunt sagte sie: ›Nu is Ollefritz doch noch jekommen.‹« Auch Guy de Maupassant sieht die Kartoffel als Nahrungsmittel der Armen, die sich von »Suppe, Kartoffeln und frischer Luft« ernähren würden. Der Physiologe Jacob Moleschatt sagt Mitte des 19. Jahrhunderts, er sähe es am liebsten, wenn die Kartoffel vom Erdball verschwände. Im »Stern« (Juli 1999) wird »Der abgeschlossene Roman« veröffentlicht: »Dr. Gathel erklärte uns das Bruzzelverhalten der deutschen Heidekartoffel, wobei er auf die Hilfe seiner Frau Heike zurückgriff. Sie hatte sich in eine Alufolie gewickelt und diente, von einem Schweißbrenner erhitzt, als Folienkartoffel, die Dr. Gathel gekonnt mit der Grillzange ergriff und mit Schmackes wendete.« In den »Dorfgeschichten aus dem Vormärz« dichtet Carl Arnold Schoenbach: »Wie der Klaus nach Hause kam, machte seine Frau Ofenplätze.« Und das geschieht so: Aus rohgeriebenen Kartoffeln, mit Hafermehl untermischt und Salz zugegeben. Dann wird der Kartoffelmehlteig »aus freier Hand« gegen den richtig beheizten Ofen geworfen, bis dieser damit ganz bedeckt ist. Jede »Handvoll« bleibt am Ofen kleben und bildet den sog. Ofenplatz. Sobald die eine Seite braun gebacken ist, wird der Teig mit der anderen Seite an den Ofen geklatscht. Wenn alle »Ofenplätze« beidseitig knusprig sind, dann werden sie mit Butter oder Birnkraut oder mit Schmalz bestrichen und dazu gibt’s (bei den Armen) Zichorienkaffee. Zentralheizungen sind für die Herstellung von »Ofenplätze« nicht so gut geeignet1200. Backe, backe, Reibekuchen, laßt uns heute die versuchen. Wer will gute Puffer machen, der muß haben sieben Sachen Kartoffeln und Mehl, Butter und Öl, Zwiebeln und Ei Und auch noch Gewürz dabei. An dieser Stelle ein wenig Aufklärung: Der aus Getreide-Mehl bestehende Pfannkuchen ist in Berlin jenes Gebäck, das andernorts »Berliner« genannt, der wiederum vielfach als Krapfen oder Kreppel bezeichnet wird und schon in der Römerzeit zum Frühlingsfest geopfert wurde; in Irland heißen Kartoffel-Pfannkuchen »boxty« oder »boxty pancakes« und sind ein besonderer Leckerbissen, dem Schweizer Rösti verwandt. Puffer oder Buffer sind immer aus 1200 Ringelnatz schreibt über »Himmelsklöße«: »Man muß Zeitung oder Papiere von Vaters Schreibtisch nehmen. Keiner darf sich schämen, Das Papier mit der Hand in den Nachttopf zu tauchen. Wenn es ganz weich ist, wird es zu Klößen geballt Und mit aller Wucht gegen die Decke geknallt. Man darf auch vorher schnell noch Popel hineinkneten. Solche Klöße bleiben oben minutenlang kleben.« 624

geriebenen Kartoffeln, sonst wären es ja crêpes. Jedoch sagt Siebeck über Rösti: »Darunter versteht man geraspelte Kartoffeln, welche in fett goldgelb gebraten werden. Klingt nicht schlecht und kann, als Kleinstportion gegessen, einen Waldarbeiter zu Höchstleistungen anspornen. Doch auf Büroangestellte wirken Rösti wie die Steine im Bauch des bösen Wolfs, der sich an die sieben Geißlein verging.« Johann Konrad Friedrich aus Frankfurt in seinen »Gastronomischen Aphorismen« 1827: »Die Erfahrung lehrt, daß die Kochkunst und die Dichtkunst sehr nahe Verwandte sein müssen. Gewürzhafte Speisen und gehaltvolle Getränke begeistern zu den schönsten poetischen Erzeugnissen; wer aber nur Kartoffeln und Brunnenwasser im Leibe hat, wird schwerlich mehr als Knittelverse machen.« Wer einmal als Pfadfinder1201 durch die Landschaft zog und Abfall aufsammelte und abends am Lagerfeuer der Romantik huldigte, der wird dem Heidedichter Hermann Löns zustimmen: »Im Bruchwald, am Seerand, da war eine Ecke von Weiden umwuchert, von Dornen geschützt. Wir brieten in sicherem Räuberverstecke uns dort Kartoffeln, die wir uns stibitzt. Du wirbelnder Rauch der Kartoffelfeuer, Erinnerer an alte, verflossene Zeit, wie ist mir dein herber Geruch noch so teuer, du bleibst mir als Jugenderinnerung geweiht.« Etwas weniger vom Qualm eingeräuchert schreibt Erich Kästner: »Das ist ein Abschied mit Gerüchen, aus einer fast vergessenen Welt. Mus und Gelee kocht in den Küchen, Kartoffelfeuer qualmt im Feld. Und wieder lyrisch und metaphysisch – wahrscheinlich nach einem Schluck Kartoffelschnaps – der Oberschlesier Heinz Piontek in »Romanzen des Abschieds«: »Okarina des Abschieds bläst mir der heitere Herbst Ach, mit dem Rauch der Kartoffelfeuer Zieht die chimärische Dauer Hinter die Steigung des Hangs.« Dieser »Brauch« der Ackersleut’ besteht nur in der Phantasie des Städters: Da spielt weder Mythos noch Magie eine Rolle, sondern vielmehr die Lust der Kinder, zu zündeln. Auch das Verkohlen der Kartoffeln an einem Zweig in einem solchen Feuer ist mehr Spieltrieb, denn eine besondere Form der Atzung: »... des is aweng a so a Legende, des Kartoffelfeuer«. Dennoch erinnern sich alle zumindest zeitweise auf dem Land gelebten Leute an diese besondere Form des Knollenverzehrs. Georg Friedrich Lichtenberg nennt 1775–1776 jemanden »einen Goldmacher, der hinter den Hecken eine röstende Kartuffel hungrig mit einer hölzernen Zange wendet ...« Der qualmige Rauch eines Feuers aus Kartoffelkraut, aus Quecken und Melden vertreibt lästige Insekten – auf das nächste Feld. Karl Gerok über das Kartoffelkraut »Blühendes Kartoffelkraut, sanft vom Sommerwind umkost, immer, wenn ich dich geschaut warst du mir ein Augentrost, 1201 Horst Ernst (der eine hervorragende Kritik des Buches »Kartoffel auf der Briefmarke« in der FAZ veröffentlichte) über den Gründer der Pfadfinder Robert Baden-Powell: »Er liebte ein kaltes Bad mehr als den Beischlaf.« 625

mit der Büsche Laubgezelt, mit der Blüte Rötlichblau hebst du wie ein Blumenfeld dich hervor aus grüner Au. ... Löns, Gerok, Kästner werden sich wohlgefühlt haben im Kräuticht. Das ist verständlich. Kokeln ohne Aufsicht, verbrannte Knollen essen und so. Johann Peter Hebel in seiner Märchenvision des »Fischers un sin Frau« 1808: »Des andern Abends, während die Kartoffeln zum Nachtessen in der Pfanne prasselten, standen beide, Mann und Frau, vergnügt an dem Feuer beisammen, sahen zu, wie die kleinen Feuerfünklein an der rußigen Pfanne hin und her züngelten, bald angingen, bald auslöschten, und waren, ohne ein Wort zu reden. vertieft in ihrem künftigen Glück. Als sie aber die gerösteten Kartoffeln aus der Pfanne auf das kleine Plättlein anrichteten, und ihr Geruch lieblich in die Nase stieg ...« Und im »Schmelz-Ofen« schreibt Hebel vom »armen Ma«: »Er bringt e paar Grumbereli und leits ans Füür und brotet sie.«, wenn sie nicht (Goethe in der »Fischerin«) zu Mulm verkocht sind. Und Johann Christian Friedrich Hölderlin in »Die Stille« »Nahm dann eilig, was vom Abendessen An Kartoffeln mir noch übrig war, Schlich mich in der Stille, wann ich satt gegessen, Weg von meinem lustigen Geschwisterpaar.« In den »Recensionen 1804 bis 1806« bespricht unser Dichterfürst Goethe »Die Kartoffelernte«, ein Loblied auf die Kinderarbeit von Johann Heinrich Voss, 1798, »Kindlein, sammelt mit Gesang der Kartoffeln Überschwang. Ob wir voll bis oben schütten alle Mulden, Korb’ und Bütten; noch ist immer kein Vergang!« Goethe schreibt: »Man singe das Kartoffellied wirklich auf dem Acker, wo die völlig wundergleiche, den Naturforscher selbst zu hohen Betrachtungen leitende Vermehrung, nach langem, stillem Weben und Wecken vegetabilischer Kräfte, zum Vorschein kommt und ein ganz unbeschreiblicher Segen aus der Erde quillt.« Und August Wilhelm Schlegel (1767–1845) schreibt zu Voss: »Bepflanzend mit Kartoffelnollen wühlst Du, o Voss, den Pindus um« , was eine ganz schöne Arbeit wäre, wenn’s denn so käme.1202 Schon 1775/1776 erwähnt Goethe in »Stella. Ein Trauerspiel« (1.Akt) die Kartoffel: »Madame Sommer. ›Und wenn wir dann nach einem heißen Tag, nach ausgestandenen Fatalitäten, schlimmen Weg im Winter ... auf der hölzernen Ofenbank zusammensaßen, unsern Eierkuchen und abgesottene Kartoffeln zusammen aßen ...‹« Bei seiner Italienreise soll Goethe nach dem Überqueren der Alpen und im Angesicht der vor ihm liegenden Ebene und der blühenden Kartoffelfelder gedichtet haben: »Kennst Du das Land, wo die Kartoffel blühen?«, aber da das doch zu profan klang, ersetzte er die Knolle mit Zitronen. Schon 1786 aus Weimar an Philipp Kaiser: »Erst gepflasterter Weg, dann ein schöner gleicher Fußpfad. Hölzerne Brücke über die 1202 Der Pindus ist ein von Nord nach Süd verlaufendes Kalkgebirge im Norden Griechenlands zwischen Thessalien und Epirus. 626

Motte, flache große Weide mit Nußbäumen, rechts Kartoffel- und Kohlbau. Hübsche Mädchen mit der Mutter auf den Knien, Kartoffeln ausmachend.« Goethe wußte wohl nicht, welche Mühen das Kartoffellesen macht. Voss, Sohn eines bitterarmen Landpächters im Mecklenburgischen, kannte die Ausdauer, die erforderlich war, um auf einem Kartoffelacker die »Bulten« (Voss: »Das ist die aufgehäufte Erde um die Kartoffelpflanze samt den knollichten Wurzeln«) zu heben. Als Schuldirektor in Eutin ließ er seine Schüler auf dem Kartoffelfeld arbeiten und unterrichtete vom Ackerrand her über die Zusammenhänge der Kartoffel mit der Religion, der Geschichte und der Philosophie: »Nur ein Knöllchen eingesteckt Und mit Erde zugedeckt. Unten treibt dann Gott sein Wesen. Kaum sind Hände gnug zum Lesen, Wie es unten wühlt und heckt.« Der Berliner Heinrich Seidel, der in Groß-Lichterfelde bei Berlin lebte: »Die Trüffel reift in Frankreichs Gauen, verborgen in der Erde schoß, allein für mich, auf märk’schen Auen, wächst die Kartoffel bloß.« Detlev von Liliencron, ein Lyriker des Impressionismus im 19. Jahrhundert, sagte zu seinem Dichterkollegen Gustav Falke in der »Stadt der Goldenen Türme«, in Prag, geringschätzig1203: »Kartoffelsupp! Kartoffelsupp! Und alle Tag’ Kartoffelsupp! Und sonntags gibt es Brei; Kartoffelbrei, die Woch’ vorbei« Aus dem vorigen Jahrhundert stammt ein jiddisches1204 Lied über die Kartoffel, kartofl oder bulbes: »Zuntik bulbes, montik bulbes, Dinstik un mitvokh bulbes, Donershtik un fraytik bulbes. Shabes in a novine a bulbe-kigele! Zuntik vayter bulbes! 2. Broyt mit bulbes, fleysh mit bulbes, Varimes un vechere bulbes, Ober un vider bulbes, Eynmol in a novine a bulbe-kigele! Zuntik vayter bulbes! 1203 Dazu muß man wissen, daß dieser verarmte Landadliger aus Alt-Rahlstedt wegen wiederholter Verschuldung aus Staatsämtern ausschied und sich wahrscheinlich glücklich dünkte, wenn er Kartoffelsupp’ bekommen hätte. 1204 Das Vokabular des Jiddischen geht zum größten Teil auf deutsche Dialekte zurück, mit hebräisch-aramäischen und slawischen Anteilen. Neuere Untersuchungen verlegen den Geburtsort dieser Sprache in den bayerisch-böhmischen Raum; von da ist die Sprache durch die verfolgungsbedingten Wanderungen vom 13. Jahrhundert an auch im Osten Europas verbreitet worden. Moses Mendelssohn und andere jüdische Aufklärer sahen das Jiddische als ein entscheidendes Hindernis für die Emanzipation der Juden in Deutschland. Antwerpen ist die letzte Stadt, in der jiddisch noch als lebende Sprache, als »Mameloschen«, benutzt wird. Jiddisch wird in hebräischen Buchstaben von rechts nach links geschrieben. 627

3. Ober bulbes, vider bulbes, Nokh amol un oder amol bulbes! Haynt un morgn bulbes! Ober Shabes nokhn cholnt a bulbe-kigele! Zuntik vayter bulbes!« In Schleswig-Holstein hieß es: »De ganze Week Kantüffelsupp, un Sünndags is se noch nich op, un Maandags gifft Kantüffelbree, un Dingsdach deit dat Lief mi weh von all den veelen Kantüffelbree.« Und noch eine plattdeutsche Variante zum Thema Kartoffelsuppe: »Kartuffelzopp, Kartuffelzopp, un dar Kartuffeln to. Ok Sonndags sund wi noch nich free Von Karmelk un Kartuffelbree. De ganze Wääk geiht’t in’n Galopp Mit Karmelk un Kartuffelzopp.« Leo Tolstoi beschreibt 1888/89 in »Auferstehung« eine Szene, in der der Großgrundbesitzer Nechljudow einen seiner leibeigenen Bauern1205 fragt »Was eßt Ihr denn zu Mittag?« und als Antwort erhält »als ersten Gang Brot mit Kwaß und als zweiten Kwaß mit Brot und dann noch eine Suppe aus Ziegenkraut und dann hernach Kartoffeln.«1206 Bekannt ist sicherlich die Filmszene mit Rainer Harmstorf aus dem Fernsehfilm »Der Seewolf«, in dem er als »Held« eine Kartoffel zerquetscht; Jack London beschreibt diese Szene in seinem Roman: »Ich« (der zum Küchendienst gepreßte andere ›Held‹ Humphrey van Weyden) »schälte Kartoffeln. Er nahm eine aus dem Eimer. Sie war ungewöhnlich groß, fest und ungeschält. Er umschloß sie mit der Hand, preßte sie zusammen, und die Kartoffel spritzte zwischen seinen Fingern hervor. Die breiigen Überreste warf er wieder in den Eimer und ging.« 1948 erscheint mit »Information Control License US-E-185« – laut Impressum gedruckt auf Papier, das aus Kartoffelschalen hergestellt wurde – »Der Kartoffelroman. Eine Powenziade« von Ernst Penzoldt, in dem die doppelerntige Tomoffel erstmals beschrieben wird. Ursprünglich, so heißt es in einer Fußnote, wurde jedoch eine Pflanze gezüchtet, die »über der Erde die Eigenschaften der Kartoffel und unter der Erde die der Tomate besaß«1207. Ein Lepelletier schreibt in Bezug auf François-René Vicomte Chateaubriand, »ein Beefsteak mit Kartoffeln ist vielleicht alles, was eines Tages übrigbleibt von ... einem Archimedes der Philosophie«; es wäre nicht das Ärgste – andere Schriftsteller des 19. 1205 Der russische Bauer ist zum Inbegriff der christlichen Demut. Die russischen Worte für Christ, christjanin, und Bauer, krestjanin, klingen praktisch gleich und im krestjanin ist noch das Wort krest, Kreuz, enthalten. Die Leibeigenschaft verhinderte, daß der Bauer den Unterdrückungsmaßnahmen der Gutsbesitzer und der Steuereintreiber durch Flucht in die Stadst ausweichen konnte. 1206 Friedrich Wollner 1970: Die an Hunger und Entkräftung zugrunde gehende Bauernschaft »erklärt auch, warum es 1917 in Rußland zur Revolution kommen mußte.« 1207 Es gibt in der Tat eine »Deutsche Kartoffeltomate« – eine alte, fast in Vergessenheit geratene – Tomatensorte mit kleinen bis mittelgroßen, hellroten Früchten, die früh reifen. Das Tomatenaroma ist mild und leicht säuerlich. Ungewöhnlich ist die Blattform, die stark an Kartoffellaub erinnert und so auf die Verwandschaft von Tomate und Knolle hinweist. 628

Jahrhunderts sind total vergessen worden. 1984 schreibt Eckhard Henscheid den tiefschürfenden Roman »Beim Fressen beim Fernsehen fällt der Vater dem Kartoffel aus dem Maul«, in dem er darauf hinweist, daß früher alles anders war. Wohl wahr. Peter Rühmkorf sagt, daß er Anfang der achtziger Jahre ein Märchen erzählen wollte: »Im Lande Utopien, wo bekanntlich die dicksten Kartoffeln auf den dürrsten Äckern wachsen, lebte ein Bauer, der ...« Weiter geht’s nicht. Aber Rühmkorf »im Vollbesitz seiner Zweifel« schreibt auch: »Nicht zu predigen, habe ich mich an diesem Holztisch niedergelassen, nicht, mir den Hals nach dem Höheren zu verdrehen, sondern mir schmecken zu lassen dies: Matjes mit Speckstibbe, Bohnen, Kartoffeln, Einssechzig« Der Chilene Pablo Neruda schreibt in einer »Ode an die Kartoffel«: »Papa heißt du, Kartoffel, und nicht Patata, du kamst nicht mit einem Bart zur Welt, bist spanisch nicht: dunkel bist du wie unsere Haut. Kartoffel, Amerikaner sind wir, Indios sind wir. Unergründlich bist du, mild, Fruchtfleisch makellos, reinste unter den weißen Rosen.« In Neubrandenburg wurde im Kammertheater eine »Kartoffeloper« (ganze 55 Minuten) aufgeführt: Text von Matthias Wolf, Musik von Jürgen Kurz unter Verwendung von Themen von Wagner, Rossini, Bizet und anderen. Ein kurzweilig und empfehlenswertes Stück, das aber nicht mehr aufgeführt wird wie auch die beiden anderen Kartoffel-Stücke. Claes Oldenburg zeigt eine »Baked Potato I« in Silberfolie (ausgestellt in der Hamburger Kunsthalle), die in der aufgeplatzten Schale das weiße Fruchtfleisch sehen läßt. In einem Interview gesteht der Bulgare Javachev, daß er sehr beeindruckt gewesen sei, als er 1958 nach seiner Ankunft in Paris in einem Bistro auf dem Montmartre erstmals eine in Silberfolie verpackte gebackene Kartoffel sah; diese Kartoffel sei für ihn und seinem Kunstempfinden prägend gewesen. Der »Wrapped Reichstag Project for Berlin« von 1995 auf eine Kartoffel zurückzuführen? Der Pariser Fotograf Gerhard Vormwald bannt 1995 in einem »work-shop« neben Kerzen und mit Flüssigkeit gefüllte Flaschen Kartoffeln unter verschiedenen Lichteinflüssen auf die Platte und läßt in diesem Zusammenhang über »Intuitives Fotografieren« referieren. In den 1970er Jahre wirft der Amerikaner Paul Thek mit wenigen rotbraunen Strichen die Umrisse von dampfenden Kartoffeln auf zuvor grau grundierte Zeitungspapier des »Herald Tribune« und versah die (unförmigen) Erdknollen mit zerbrechlich wirkenden Gliedmaßen und gibt sie als Porträt von bekannten Persönlichkeiten aus (Proust , Augustinus und Faust). Was ist Kunst?

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Kartoffelopern und Kartoffelstücke »Erdäpfelschmaus oder Kartoffelschmaus« (Theaterspiel aus der Zeit Friedrich II.) von Gisela Schürdel »Die gestohlenen Teufels-Äpfel anno 1647« von Oskar Froschauer 1947 (1938) »Der Kartoffelkrieg«. Eine fränkische Powenziade in drei Akten frei nach Ernst Penzoldt von Dr. Helmut Haberkamm, 1999 »Kartoffeloper« von Jürgen Kurz (Musik) und Matthias Wolf (Text), 1999 »Inkognito oder En Herren-Eten«, Komödie in 3 Törns von H. Schmidt-Barrien, 1939 »Kasperl-Theater von der gemeinen Bratpfanne« von Regina Bestle-Körfer

»Die Kartoffelkammer« von Georges Perec 1990 »Kartoffelsupp’« von Heinrich Rössbacher »Kartoffelschalen« von Dietrich Feldhausen »Alles mit Bratkartoffeln« von Arnold Wesker »Kartoffel-Musical« von Michael Quast und Frieder Keuerleber »Heiße Kartoffeln« »Die vertauschten Köpfe«, Große politische Kartoffelkomödie in 11 Bildern von Sidonie Schulte, Puppenspiel, Hamburg 1922 »Kartoffel-Komödien« von Eduard Sédourard, Berlin 1890

In den Jahren 1988 bis 1991 schafft der Pariser Kunstprofessor Henri Cueco mehr als zweihundert Kartoffelbilder, aber er schreibt auch das »Tagebuch einer Kartoffel«; unklar sei – so der Herr Professor – ob das weibliche Geschlechtsteil einer aufgeschlitzten Kartoffel ähnele oder ob es umgekehrt sei. Der Beuys-Schüler Professor Bernhard Blume nebst Frau Anna machen in den 1990er Jahren eine Fotosequenz »Mahlzeit«, Kartoffel-Bildkompositionen, und auch dieser Herr Professor meint, daß sich die Kartoffel weiblich anfasse. Ein weiterer Beuys-Schüler, Polke, stellt ein nettes »Kartoffelhaus« her; denn schon sein Lehrer war mit braunen Bildern dem Blut und Boden und dem (von einer Führerin regierten) Bienenstaat verpflichtet. Noch ein weiterer Schüler des Meisters, Werner Reuber, hat eine enge Beziehung zur Kartoffel (mehrere Kartoffelbilder), ist aber gegen chips und fritten, weil diese keine Persönlichkeit haben. In Nancy besteht ein Verein namens »Verrückte Kartoffel«, geleitet von dem kunstsinnigen Kartoffelhändler Daniel Denise, der – wenn er nicht Kartoffel auf dem Markt verkauft – Ausstellungen zum Thema Kartoffel organisiert. Und in München lebt Harald 630

Braun, der in einem »Projekt Lebensläufe« aus Kartoffeln Gesichter und Figuren schnitzt, sie nach einer selbst entwickelten Methode einlegt und sie dadurch haltbar macht. 1998 stellt auf »Kampnagel« in Hamburg Susann Stuckert ihren Werkkomplex »Auch Kartoffeln wollen ans Licht« aus, zu dem eine mehrteilige Bilderserie und eine Komposition aus Kisten mit keimenden Kartoffeln in einem abgedunkelten Verschlag gehören; Stuckert vergleicht die Knollen mit dem Dasein des Künstlers, der eine Zeitlang abgeschieden lebt, aber dann – wie die Kartoffel – ans Licht drängt und sich und seine Werke zeigen will.

Vincent van Gogh, malt im April 1885 den »Kartoffelesser«, auf das er sich mit Hunderten von Skizzen, Zeichnungen und Ölstudien vorbereitete, um bewußt ein »gültiges« Meisterwerk zu schaffen (aber sein Freund van Rappard meint: »Warum hast Du alles so oberflächlich beobachtet und behandelt?”) und als das Werk vollendet ist1208, macht er sich daran, schafft er 1208 Karl May packt das Kartoffelthema richtig an (in »Die Liebe des Ulanen«): »›Meine Familie ist nicht nur wohlhabend, sondern sogar reich, sehr reich; aber Sie wissen, wir Franzosen sind Genußmenschen, und wenn wir ja arbeiten, so beschäftigen wir uns lieber mit Kunst und Wissenschaft, mit Literatur und Politik, als mit der Zerkleinerung der Ackerscholle, welcher wir doch nichts weiter abzuringen vermögen als die höchst prosaische Frucht der Kartoffel, der Rübe oder des Kohles.‹ ›Aber doch sind diese höchst prosaischen Früchte unbedingt nothwendig. Auch die Kunst und Wissenschaft, die Literatur und sogar in gewisser Beziehung die Politik beschäftigen sich mit ihnen.‹ ›Ich gebe das gern zu, möchte aber doch lieber eine Gruppe dieser Früchte auf Leinwand malen, oder ein Buch über den materiellen Anbau der Kartoffel schreiben, als gezwungen sein, diese schmutzige Knolle aus der Erde zu wühlen.‹ ›Wer ein solches Buch schreiben will, darf die Kartoffel nicht nur auf der Leinwand eines Malers gesehen haben. Das Leben des Landmannes ist ein vorzugsweise nüchternes und mühevolles, ich gebe das zu; aber es hat auch seine Lichtseiten. Es bewahrt vor Oberflächlichkeit und Zerstreuung, es macht den Menschen gewissenhaft und ernst; es giebt ihm Liebe zur Heimath und lenkt sein Denken und Sinnen auf den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Lasse ich das Korn meines selbst erbauten Roggens oder Weizens durch die Finger gleiten, so fühle ich dieselbe Genugthuung, welche den Künstler erfüllt, wenn ihm eine Frucht seiner Phantasie gerathen ist.‹ ›Von dieser Seite aus habe ich die Landwirthschaft allerdings noch nicht betrachtet. Ich bin zufrieden, wenn meine Verwalter und Pächter ihre Gelder zahlen. Das Gold, welches dann durch meine Finger rinnt, ist mir werthvoller als das Gold der Aehren und Körner.‹« 631

nach diesem Motiv eine Lithographie; er malt spiegelverkehrt direkt auf dem Stein und signiert mit Vincent f. auf dem Rücken einer der am Tisch sitzenden Bäuerinnen; sein Bruder in Paris kann diese Lithographien nicht verkaufen. Die »Kartoffelesser« zeigen, so die späteren Interpreten des Bildes, das Leben voller Mühsal, Plackerei und Ergebenheit in das Schicksal. Interessant ist aber auch, daß van Gogh alle fünf Menschen auf dem Bild aus den Familien der de Groot und van Roij sitzend vor einer Schale auf einem Tisch mit geschälten Kartoffeln, mit stets nur einem Ohr zeigt. Ein früher Hinweis auf die spätere Verstümmelung? Van Gogh weiß, daß das Bild Mängel hat, »doch gerade weil ich sehe, daß die jetzigen Köpfe kräftiger werden, wage ich zu behaupten, daß auch die Kartoffelesser ihre Kraft fertigen, mit einer anderen Perspektive und einer größeren Distanz.« Die »Kartoffelesser« von 1885 sind von van Gogh nach einem Vorläuferbild des Landschafts- und Genremalers Jozef Israel (1824–1911), dem späteren Haupt der Haager Schule, gemalt worden, der mit seiner durch Reproduktionen prominent gewordenen Darstellung einer Bauernfamilie von 1876 auch van Gogh beeinflußte. Später nahm Israel seinerseits das van-Gogh-Bild als Motiv mehrmals wieder auf. Und außerdem malt van Gogh weitere Bilder mit Kartoffel-Motiven. Die ganze natürliche Abfolge der Kartoffel vom Feld bis zum Verzehr wird von van Gogh dargestellt. Pablo Ruiz Picasso sagt 1955 über van Gogh: »Es muß wunderbar sein, ein neues Thema zu erfinden. Van Gogh zum Beispiel. Eine so alltägliche Sache wie die Kartoffeln.« Von Max Liebermann ist das Sujet des kartoffelrodenden Bauern bekannt und zahlreiche Radierungen und Ölbilder, die von der Kartoffelernte (»Kartoffelbuddelnde Bauern« von 1874, »Kartoffelernte« von 1895, »Tischgebet« vor Kartoffelschüssel von 1884) erzählen. Wilhelm Busch zeichnet ein »Kartoffelidyll« mit Pellkartoffeln und Moritz von Schwind arbeitet auch an der Kartoffel. Wilhelm Trübners »Kartoffelfeld bei Weßling« aus dem Jahr 1876 ist eines der seltenen Bilder des 19. Jahrhunderts, das blühende Kartoffelpflanzen zeigt. Max Pechstein aus dem sächsischen Zwickau erstellt während der Hungerjahre nach dem Ersten Weltkrieg 1921, beeinflußt von van Goghs Kartoffelbildern und von seinem Hunger nach ’ner anständigen Mahlzeit, die »Kartoffelbuddler«, (ein Bild, das 1996 für stolze 120.000 Mark verauktioniert wird). Die Kartoffelernte wird neben van Gogh und Liebermann auch von Wilhelm Morgner, W. Klemm, E. Fraass, H. Merck, A. Heinzinger, A. E. Lambert, H. Mühlig, Johannes Lippmann, Arnold Peter Faust und H. Nauen bildlich dargestellt. »Kartoffelmotive« sind zu finden bei Otto Strützel, Jean François Millet1209 (der Sohn eines Bauern), M. Unold, A. Wartmüller, R. Michaud, Josef Damberger, Ferdinand Balzer, Hugo Troendle, Franz Robert Schmidt, Alex Follak, Ernst Witkamp, F. Witte und Ernst Ludwig Kirchner. Jean-François Millets Bild »Beim Angelusläuten« (1859) zeigt auf einem abgeernteten

Karl May erwähnt die Kartoffel übrigens auch in seinem bekanntesten Epos, im »Winnetou«. Der edle Häuptling der Apachen kennt Nuggets, groß wie Kartoffeln – aber den Fundort verrät er nicht. Was Karl May auch verschweigt, ist, daß die Apachen bekannt für ihre Menschenfresserei waren und was gibt es schöneres zu einem »Steak« als gut gemachte Bratkartoffeln? 1209 Wegen die Situation der Erben von Jean François Millet ist in Frankreich 1920 das »droit de suite« gesetzlich eingeführt worden. Die mittellosen Erben mußten mit ansehen, wie ein Werk, das der Künstler zu Lebzeiten für 1200 Franc verkauft hatte, nach seinem Tod für eine Million Franc weiterverkauft wurde. Nach dem »droit de suite« muß in solchen Fällen auch dem Künstler bzw. seinen Erben ein Anteil am Verkaufserlös abgeführt werden. In Deutschland gibt es eine solche Regelung bisher nicht. 632

Kartoffelacker Bäuerin und Bauer in Gebetshaltung, in ihrer Mitte ein Kartoffelkorb1210 (obwohl es doch richtiger gewesen wäre, das Jesuskind im Stroh zu zeigen); in einer zeitgenössischen Karikatur heißt es: »Lasset uns beten, liebe Mitbrüder, für die kranken Kartoffeln.« In der Tat, Millets Bilder stehen vielfach im Kontrast zu den fröhlich schaffenden, die Hacke schwingenden Landleuten der akademischen Malerei. Salvador Dalí verarbeitet dieses Bild von Millet mehrfach als Vorlage für eigene Motive, davon viermal klar erkennbar mit dem Milletschen Kartoffelsack oder -karre: »Gala und der Angelus von Millet kurz vor dem unmittelbaren Eintreffen der kegelförmigen Vexierbilder« (1933), »Atavismen des Zwielichts (Zwangsvorstellung)« (1933 bis 1934), »Der Angelus von Gala« (1933) »Der Bahnhof von Perpignan« (1965), Auf dem Bild von Eduard Spitzer »Kinder der Welt« von 1886 »sparen Bürgerstöchter für einen Ball, in dem sie Kartoffeln essen«. Darüber hinaus gibt es von diversen Zeichnern eine Vielzahl von Karikaturen zum Thema »Kartoffel«. Jean Paul (in »Hesperus«) hat eine sehr schöne Verbindung zwischen der Kartoffel und Buchdruckerei hergestellt: »Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er sägte mit keiner andern Ätzwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupferplatten als in Kartoffeln Buchdruckerstöcke und Schließquadrätchen ein, die auf die Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Und Heinrich Heine in den 1830er Jahren (»Ludwig Börne«): »Wir sind ein denkendes Volk, und weil wir so viele Gedanken hatten, daß wir sie nicht alle aufschreiben konnten, haben wir die Buchdruckerei erfunden, und weil wir manchmal vor lauter Denken und Bücherschreiben oft das liebe Brot nicht hatten, erfanden wir die Kartoffel.« Und er lobt die Kartoffel wie keiner vor ihm: »Warum die Rose besingen, Aristokrat! Besing die demokratische Kartoffel, die das Volk nährt!« Zur Pellkartoffel schreibt Ringelnatz in dem Poem »Pellka«: »Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde, Du Ungleichrunde, Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte, Du Vielgequälte, Du Gipfel meines Entzückens. Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens Mit der Gabel! – Sei stark! Ich will auch Butter und Salz und Quark Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen. Mußt nicht so ängstlich dampfen, Ich möchte dich noch einmal erfreun. Soll ich Schnittlauch über dich streun? Oder ist dir nach Hering zumut? Du bist ein so rührend junges Blut. Deshalb schmeckst du besonders gut. Wenn das auch egoistisch klingt, So tröste dich damit, du wundervolle Pellka, daß du eine Edelknolle Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt. Auch in dem Gedicht »Fußball (nebst Abart und Ausartung)« verweist Ringelnatz auf die Kartoffeln, bei dem der vom Fußballwahn Befallene unberechenbar wird: »Da sah man ... 1210 Im Egerland wurde solche Körbe »Zistel« genannt, mit einem großen Henkel versehen. 633

Kartoffeln spritzen und Citronen«, obwohl man ihm vorher nie Kartoffelklöße gab. Georg Perec läßt in seinem Stück »Die Kartoffelkammer« seine fünf Darsteller einen »wilden Reigen« tanzen »wobei sie so laut wie möglich singen«: »Das kann uns gar nicht quälen die Knollen hier zu schälen froh sind wir und versessen sie auch gepellt zu essen Um den Kartoffelkäfer zu verjagen Da braucht man keinen Mann mit Kragen Und immer fühlt man sich sehr wohl Ißt man Kartoffeln in Stanniol.» Und weitere Strophen mit Refrain. Über Pfannkuchen nach Kölner Art singen die »Bläck Fööss«: »Mam, Mam, schnapp d’r de Pann, mir wolle Rievkooche han. Mam, Mam, fang doch flöck an, fuffzehn Stück pack op dr Mann. Denn Rievkooche, dat es en Delikatess, die schmecken am allerbess, un kriste noher jet Buchping, oh jös, do lähste dich flöck en der Kess. Wer Rievkooche eins hät erfunge, dat wor ne Erfinder janz jroß, denn dat es ihm jot jelunge, och wenn et jet Öl hät jekoss.« Und natürlich hat sich auch Ludwig Thoma geäußert in »Josef Filsers gesamelter Briefwexel« (Fiertens: Über die Stehlung bayerns zum Auslahnd): »Das Kenigreich Breißen ist ein ahrmes Land und nehren sich fon Kahrdofeln indem sonzt nichz waxt. Den disses ist leicht zum bekreifen, dass wo mahn plos Kahrdofel hat, wiel man was andernes. Sie versuchen es, indem sie ins schmeigeln, damit das mir zutrauhlich werden, haber wen der bayerische Löhwe seine Zehne bleckt und zum Knuhren anfängt, ziehgen sie geschwiend die hende weg, womit sie ien gestreigelt haben. Iere Köbf sind geschwohlen und disses kohmt fon lauder Kahrdofelesen.« Heinrich Zille in seinen satirischen Zeichnungen der Berliner vergißt nicht die Hauptnahrung der von ihm portraitierten Bevölkerung. Auf einer Geburtstagskarte nimmt er ein Stück Kartoffelgeschichte vorweg. Er schreibt zu der bildlichen Darstellung des Verkaufs von Saatkartoffeln: »Was, das nennen Se Saatkartoffeln? Die sind ja schon breiig. Wenn Se die in die Erde stecken, dann ernten Se Kartoffelpuffer.« Der »Verein der Freunde der Kartoffeln e.V.« in Lohr am Main hat anläßlich des 50. Geburtstages ihres Vereinsgründers, Hans Schönmann, ein »Kartoffelesserlied« vorgetragen (Text von Claudia Heinstein): »Sie wächst mit Blüten auf dem Feld mit Früchten dran |: Schau dir’s nur an :| Doch unterirdisch liegt, was man genüßlich essen kann. |: Schau dir’s nur an. :| Wir hol’n sie gern schwarz aus der Kartoffelglut, |: das schmeckt uns gut. :| Die Pellkartoffeln dampfend aus der kochend Wasserflut. |: das schmeckt uns gut. :| « Nach der Melodie »Ein Vogel wollte Hochzeit machen« mußte in den 1990er Jahren in 634

einem Kindergarten in der Berliner Schillerstraße gesungen werden: »1.Kartoffelliese, Kartoffelfranz wollen tanzen einen Kartoffeltanz. Fiderumpelbum, fiderumpelbum, fiderumpel, rumpel bum. 2. Kartoffelliese ist dick und rund doch innen gelb und gesund. Kartoffelfranz ist groß und schlank; er liegt viel lieber auf der Bank. Kartoffelliese ruft ihm zu: ›Steh endlich auf und tanz im Nu.‹ Es tanzt der Franz nun immer mehr, Kartoffelliese freut das sehr. Es wird nun etwas lauter hier, denn mittlerweile sind es vier. Fiderumpelbum, fiderumpelbum, fiderumpel, rumpel bum« In dem selben Kindergarten wurde das Märchen vom »Kartoffelkönig« vorgelesen, in dem eine große Kartoffel sich zum König ausruft und sich daher nicht kochen oder schälen lassen will; aber auch diese Knolle wird zu Reibekuchen verarbeitet. Aber die Kartoffel ist auch gut für die Beschreibung von Personen; beispielhaft sei Anton Semjonowitsch Makarenko zitiert: »Timofej Viktorowitsch ist ein korpulenter Mann mit einem gestutzten Schnurrbart und einer Kartoffelnase.« Da ist Donna Leon in »Aqua alta« viel unfreundlicher: »Die sehen alle aus wie Kartoffeln und stinken nach Paprika«. Über Peggy Guggenheim heißt es, daß sie nie den geforderten Preis für ihre Käufe zahlte. Einmal jedoch sei ihr das mißlungen: da ging es um ihre Nase, die ihr wie eine riesige Kartoffel erschien, ein Familienerbstück, das sie verändern wollte, als sie volljährig wurde. Mitten während der Operation sagte ihr der Chirurg, daß das von ihr gewünschte Nasenmodell nicht realisierbar sei und sie solle sich eine andere Nasenform aussuchen. Sie ließ die Operation abbrechen, mußte aber die vereinbarten 1000 Dollar für den Versuch, ihre Knollennase zu beseitigen, dennoch bezahlen. Jenny Lind, die schwedische Sopranistin, die »schwedische Nachtigall« mit der reinen Haut und dem breiten Gesicht, meinte über sich, sie hätte eine »Kartoffelnase«. Der türkischstämmige Rapper Kool Savas (Yurderi) nennt die Deutschen gern »Kartoffel«, was ja wohl deutlich zeigt, daß die Integrationsbemühungen der Berliner Ausländer- und Ausländerinnenbeauftragten fruchtlos geblieben sind. Der ägyptische Luftfahrtminister Ahmed Schafik will übergewichtige Flugbegleiterinnen in der staatlichen Fluggesellschaft »Egypt-Air« nicht mehr akzeptieren; diese sähen nämlich aus wie »fliegende Kartoffelsäcke«. Elizabeth Braddon schreibt 1881: »You wouldn’t love a man with a potato-nose«, und wir Älteren kennen die Geschichte mit dem Johannes. Salaman zitiert Mme d’Arbley, die in ihrem Tagebuch am 4. Juni 1791 einträgt, daß der Herzog von Clarence eine Mrs. Schwellenberg zurechtweist mit den Worten: »Hold your potato-jaw«. Zur Beschreibung von Pferdeköpfen eignet sich die Kartoffel auch: »Hier müssen Sie nicht an unsere hannöverschen Pferde gedenken mit den Kartoffel-Gesichtern«, schreibt Lichtenberg. In Japan – so schreibt Uwe Schmitt in »Tôkiô Tango« – gibt es einen reichen »Fluchwortschatz der traditionellen Vegetarier auf dem Feld der Gemüse. Jemanden einen Kürbis, einen Rettich oder eine Kartoffel zu schimpfen werde nich als lustig empfunden. 635

Die beruhigend völkerverbindenden Funde des Autors in Japans Straßenmilieus, die sämtliche Variationen weiblicher Masturbation und Verunglimpfungen des Penis (gobô), von dünnen Wurzel, gedrungenen Pilzen bis zu dicken Kartoffeln, einschließen ...« Eine Schilderung von Uwe Schmitt beim Besuch eines japanischen Freibades am Wochenende: »Sie badeten im Schichtbetrieb, so wie sich einst Europas Schichtarbeiter ein Bett teilten, das nie erkaltete. Imo arai, Kartoffel waschen, nannten sie es gutmütig.« Kritische Intellektuelle in Japan werden als »kokutsubushi« bezeichnet, als »Verschwender der Feldfrüchte«, also auch Verschwender der in Japan weit verbreiteten Kartoffel. Bei der Bedeutung der Kartoffel ist es nicht verwunderlich, daß sogar ein Film zu diesem Thema produziert wurde: 1985 haben Fernsehanstalten der Schweiz, Österreich und Deutschland die Geschichte eines schweizerischen Bergbauern als halbdokumentarischen Spielfilm produziert: »Der schwarze Tanner«, frei nach einer Erzählung von Meinrad Inglin, mit Otto Mächtlinger (als Kaspar Tanner) und Dietmar Schönherr (als Bauernfunktionär Traugott Steiner), Regie Xavier Koller. Die Schweizer Milchbauern wurden 1940 gesetzlich verpflichtet, auf den Hängen ihrer Almen Kartoffeln anbauen, da die offizielle Politik der Schweiz die Autarkie bei der Nahrungsmittelversorgung anstrebte. Alle Milchbauern (im Tanner-Film) weigern sich anfänglich, aber bei Strafandrohung geben sie als »gute« Staatsbürger nach – nur der Tanner Kaspar weigert sich und muß ins Gefängnis. Im jenischen heißt Gefängnis »Erdäpfelpalast«, so daß die Inhaftierung für den Tanner ein besonderer Tort war. Tanner geht in den Hungerstreik und wird schließlich doch aus der Beugehaft entlassen. Ein Film mit happy end, wenn es auch gegen die Knolle geht, aber nicht jeder Platz ist für den Anbau geeignet. Der Grieche Dimos Avdeliodis dreht 1999 den Film »I earíni synáxis tón agrofýlakon», was auf deutsch heißt: »Das Treffen der Feldhüter«. In diesem Film geht es um die Ernennung eines neuen Feldhüters auf der Insel Chios, Anfang der 1960er Jahre. Der alte Feldhüter von Tholopotami ist tot; man sieht im Film, wie er starb: Er beobachtete das Mädchen Elisso (gespielt von Angeliki Malandi) und seine Mutter beim Kartoffelklauen; als er die Diebinnen stellen will, packt ihn das Mädchen an der Schulter und der Feldhüter fällt vor Schreck tot ins Gras. Der erste Nachfolger ertrinkt, als er vor stechenden Bienen flüchtet, der zweite ersäuft in einem Tümpel, der dritte verspielt seinen Esel und sein Gewehr – erst der vierte hat Glück. Und darf die resche Elisso heiraten. So hat die Kartoffel doch noch Glück gebracht und Einfluß auf die »eheliche wercke«. Verzichtet werden soll hier auf Vergleiche der Kartoffel mit anderen Gegenstände wie das »Knöllchen« oder die Bezeichnung »Kotzknolle« der Zeitschrift »Tempo« 1988 für den VWPassat oder »Knautsch-Potato« im »Stern« 1999 für den FIAT Multipla. Solche Übertragungen verunglimpfen die Kartoffel! Der Verweis Burkhard Hirsch als Sonderermittler der rot-grünen Bundesregierung über die verschwundenen Kanzleramtsakten (1998), der Staat sei keine »Bundesfrittenbude«, ist zwar richtig, aber zukünftig wäre es besser, keine Akten und Dateien zu vernichten, wenn die sozialdemokratische Bedrohung wahr wird bevor irgendwelche Fritten-Beispiele herangezogen werden. Und in diesem Zusammenhang ein weiterer energischer Protest: Die häufig gehörte Bezeichnung »Kartoffel Sport Verein« für den HSV, nur weil dieser Traditionsverein in manchen Zeiten im Keller steht, ist unangebracht. Denn heutzutage werden die Knollen nicht mehr im Keller gelagert. Unangebracht ist auch die Umschreibung »märkische Kampfkartoffel« (in der TV-Sendung »Ottis Schlachthof«) für die Vorsitzende der CDU, Angela Merkel. Und Håkan Nessers Satz »Rügers Gesicht war ausdruckslos wie eine Kartoffel« zeugt nicht von der starken Beobachtungsgabe eines ansonsten guten 636

Romanschriftstellers. In Frankreich wird über einen Faulpelz gesagt, er hätte »Kartoffelblut« und Leute mit zwei linken Füßen »würden tanzen wie ein Sack Kartoffeln«. Und – was ein früherer Bundeskanzleramtsminister vergessen wollte: »Kartoffeln gehören in den Keller, Akten in die Registratur.«

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