Die Letzte Die Erste - DaGG

Die Letzte Die Erste - DaGG

matrix_letzte4:Layout 1 29.11.2011 16:04 Uhr Seite 1 Die Letzte Die E rste DAGG Informationen des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychothera...

4MB Sizes 0 Downloads 11 Views

Recommend Documents

Die letzte heiße Revolution und die erste coole - Forschung Frankfurt
men zu machen, nannte in »Masculin –. Feminin« die Akteure des Spektakels mit böser Genauigkeit »Die Kinder von. Karl Ma

Die letzte Mutante - BIOspektrum
Der letzte Versuch war ... Corona, die bis jetzt für ihn gearbeitet hatte, dann begann ein neuer ... ten hatte ihn verfü

die letzte amerikanerin - FEMBooks
Ich kann die beiden durch meine Schlafzimmerwand hören. Die Wohnung ist ... Mama, wenn Mike nicht zu Hause ist oder auf

Ist die Einrichtung eines „Niedriglohnsektors“ die letzte
stabilen Koinzidenz hoher Arbeitslosigkeit mit einer niedrigen Erwerbsquote. ..... ten Erfahrungen anknüpfen, was den be

Die erste Liebe.
Mit der Entdeckung der Liebe werden plötzlich auch der eigene ... fibz: Erste Liebe – ab wann beginnen Kinder, sich f

Die erste wissenschaftliche Hausarbeit
zum ersten Mal sozusagen ein »Werkstück« zur selbstständigen Bearbeitung in die Hand ... Da die erste Hausarbeit fas

Die Erste Hilfe
04.07.2006 - Tipps für Hundstage. Hitzschlag. Ursachen. Begünstigt wird Hitzschlag durch körperliche Arbeit oder Spor

Die erste Wohnung - Lehrer.at
Gemeinsam mit einer Freundin/einem Freund in einer eigenen Wohnung. □ In einer ..... Nachfolgend findest du eine Liste m

Die Erste Republik
Die Morde in Potempa: a) Polizeibericht, 10.8.1932; b) Telegramm Hitlers an die verurteilten Täter, 23.8.1932 (S. 477).

Die letzte Handwebmeisterin im Landkreis
In der VHS-Höxter wurden einige Kurse mit dem Handwebrahmen ... DER BRAUNSCHWEIGISCHE WESER-DISTRIKT 1799: Holzminden, H

matrix_letzte4:Layout 1

29.11.2011

16:04 Uhr

Seite 1

Die Letzte

Die E rste DAGG Informationen des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik

DAGG Informationen des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik

Inhalt Editorial

4

Die Kunst sich überflüssig zu machen Gedanken zur Auflösung des DAGG

5

Berichte von Tagungen „Studientag Gruppe“ lockte rund 140 TeilnehmerInnen nach Münster

10

Wie Bilder leiten können! Projektwerkstatt zur Entwicklung eines Leitbildes für den DFP

12

Bericht von der ersten Tagung der Sektionen AG, KuP und IDG vom 27. - 29. Mai 2011 „Das Unbewusste in der Gruppe“

13

Interview Interview mit Ulrich Schulz-Venrath Der 11. September und PTBS - „Trauma“ auf dem Weg zur Modediagnose?

17

Mitteilungen Neue Mitglieder, verstorbene Mitglieder

21

Nachrufe Karl Reuter zum Abschied

22

Zum Tod von Helmut Enke

24

Zum Tod von Adolf Martin Däumling

29

Nachruf Werner Greve

32

Bücher Neuerscheinungen unserer Mitglieder

35

Die letzte Seite

36

Impressum

37

4 Editorial

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, heute halten Sie die letzte Ausgabe der Matrix in Händen. Für mich ein bewegender und trauriger Anlass, das Editorial zu schreiben. Den Prozess der Veränderungen im DAGG haben Sie verfolgen können. Die Auflösung der bisherigen Struktur steht nach Mitgliederbeschluss bevor. Dazu gab und gibt es durchaus kontroverse Positionen. Eine Analyse zur Entwicklung des DAGG aus der Sicht des geschäftsführenden Vorstands finden Sie in diesem Heft. In diesem Jahr sind für den DAGG bedeutsame Personen gestorben: Prof. Dr. Helmut Enke, Dr. Karl Reuter, Prof.

Dr. Alf Däumling, Prof. Dr. Werner Greve. Es scheint fast symbolhaft, dass wir um Gründer und Mitglieder der ersten Stunde trauern. Die Nachrufe und Würdigungen sind von Menschen geschrieben, die den Verstorbenen über lange Zeit auf persönlicher und beruflicher Ebene verbunden waren. Den Nachfolgeorganisationen des DAGG wünsche ich Gedeihen und Erfolg, immer in der Hoffnung, dass der durch den DAGG getragene intermethodische Diskurs Bestand haben wird. Mit herzlichen, kollegialen Grüßen Dr. Hella Gephart, Vorsitzende des DAGG

5 Die Kunst sich überflüssig zu machen Gedanken zur Auflösung des DAGG

Der geschäftsführende Vorstand hat die Strukturdebatte und -entwicklung des DAGG seit 2000/2003 wesentlich mit initiiert, gestaltet und mit erlebt. Dass nun mit der Gründung der einzelnen Methodenvereine die Auflösung des DAGG verbunden ist und damit einem gemeinsam verfolgten Interesse der verschiedenen gruppenmethodischen Ansätze eine klare Absage erteilt worden ist, war seitens des geschäftsführenden Vorstandes gewiss nicht intendiert und zu Beginn des Prozesses nicht in Betracht gezogen worden. Den Zerfall der Gruppenlandschaft im DAGG in mehrere Individualvereine; die Verunmöglichung des Sowohl-Als auch – Methodenvereine einerseits, Intermethodenverband andererseits – halten wir unverändert für einen Irrweg, der u. E. den Gruppengedanken geradezu konterkariert. Indes ist nicht zu leugnen, dass der Prozess die Grenzen der kohäsiven Kräfte innerhalb des DAGG verdeutlicht hat und dass es vielleicht dieses Irrwegs bedarf, bevor ein erweiterter Raum und erneut Valenzen für einen verstärkten intermethodischen Diskurs entstehen können. Da uns der Prozess am Herzen lag, wollen wir in der nunmehr letzten Matrix nochmals versuchen aufzuzeigen, was unsere Zielsetzungen waren und was aus unserer Sicht zu der derzeitigen Entwicklung beigetragen hat. Ein Blick in die Geschichte des DAGG kann helfen, die jetzige Situation besser zu verstehen. Er zeigt folgende Ausgangssituation: 1. Es sind mit der Satzungsformulierung zur

Gründung des DAGG Strukturen geschaffen worden, die in praxi eher zu einem Dachverband von Sektionen als einem Mitgliederverband führten. 2. Die erste Satzung des DAGG organisierte das fachliche Leben in methodenorientierten Sektionen. Statt berufs- und feldübergreifende Organisationsstrukturen zu definieren – wie auch diskutiert – wurde diese Möglichkeit zugunsten einer Methodenorientierung verworfen. Diese Entscheidung kann als eine der Hauptursachen für die Konfliktstruktur im DAGG betrachtet werden. 3. Durch die Konstruktion, dass Mitglieder über die Aufnahmekriterien der jeweiligen Sektion Mitglied im DAGG wurden, entstand eine starke Identifikation mit der Sektion, weniger eine mit dem Gesamtverband. Zudem entwickelte sich daraus eine systematische Diffusität zwischen formaler, satzungsgemäßer und gelebter Struktur. Das Erleben, sowohl Mitglied des Gesamtverbandes als auch der Sektion zu sein, trat zunehmend in den Hintergrund im Sinne einer Polarisierung zugunsten der Sektionen. Zu Beginn der Vereinsgeschichte wurde dies durch den Willen der handelnden Personen zur Kooperation überdeckt. Sobald sich die Zielsetzungen der wechselnden Vorstandsmitglieder jedoch veränderten und in stärkerem Maße auf die eigenen Sektionen richteten, wurden andere Schwerpunkte gesetzt und diese durch die Sektionsleitungen den Sektionsmitgliedern auch so vermittelt. Die kohäsiven Kräfte im DAGG wurden durch die Struktur hingegen wenig unter-

6 stützt. Eine Ausnahme war der anfänglich zeitweilig gepflegte wie verpflichtende Besuch der Veranstaltungen anderer Sektionen im Rahmen der Ausbildung in den jeweiligen Aufnahmesektionen. Diese Struktur wurde jedoch abgeschafft. 4. Außerdem griffen gruppendynamisch übliche Mechanismen: So dienten die wechselseitigen Abgrenzungen der Sektionen auch der eigenen Identitätsentwicklung; in der Projektion intrasektioneller und intersektioneller Konfliktpotentiale auf den GesamtDAGG konnten diese gemindert werden bzw. gerieten sie aus dem Blick. 5. Es gab einige Weichenstellungen, die das Wachstum und die Kohäsion des DAGG nachhaltig beeinträchtigt haben. • Die erste Weichenstellung erfolgte in der Rückschau 1978: es standen zwei Sektionsneugründungen an, die einer ‚Sektion Balint-Gruppenleiter‘ und die einer ‚Sektion für Familientherapeuten‘. Ebenso stellte sich später die Frage, ob die DGSv als Sektion im DAGG hätte einen Platz finden können. Es ist im Einzelnen für uns nicht nachzuvollziehen, warum sich die Entwicklung so vollzogen hat, wie sie sich vollzogen hat – dass diese Neugründungen nicht erfolgten. Mit Sicherheit wurde aber ein Veränderungsund Wachstumsimpuls für den DAGG verhindert. • Die 2. Weichenstellung folgte 1993: die Sektion Psychodrama beschloss, einen parallelen Verein, den deutschen Fachverband für Psychodrama (DFP) zu gründen, um die im Vorfeld des Psychotherapeutengesetzes notwendige berufspolitische Vertretung organisieren zu können. U.a. wollten die Psychodramatiker dies durch die Mitbegründung der Arbeitsgemeinschaft psychotherapeutischer Fachverbände (AGPF), einem

Zusammenschluss der Humanistischen Therapieverfahren, umsetzen. Im und mit dem DAGG war diese Interessenvertretung offensichtlich nicht möglich. Deutlich wurde hingegen der Konflikt zwischen den Sektionen resp. den Methoden, die kassenanerkannte Verfahren und denen, die nicht kassenanerkannte Verfahren vertraten. Damit wurde die Bedeutung des Zugangs zu Geld, berufspolitischem Einfluss und Ausbildungsmacht deutlich und v. a. auch der Konflikt, inwieweit der DAGG als Fachverband und/oder Berufsverband zu verstehen sei. Die Gründung des BAG zur Vertretung berufspolitischer Interessen der psychotherapeutisch tätigen DAGG-Mitglieder schaffte hier z. B. mehr Klarheit, ohne den Grundkonflikt zwischen den Sektionen wirklich zu beenden. • Die dritte Weichenstellung betraf das Anwendungsfeld der Supervision: Es gab geraume Zeit im DAGG eine sektionell unterschiedliche, fachlich interessante Auseinandersetzung im Feld der Supervision. Dazu gab es Kontakte zur DGSv, u.a. um eine gegenseitige Anerkennung von Ausbildungsleistungen und Titeln zu vereinbaren. Wiederum konnte eine gemeinsame DAGGPosition nicht ausgetragen werden. Die Sektionsleitungen entschieden sich ausdrücklich gegen ein Verhandlungsmandat des geschäftsführenden Vorstands mit der DGSv. Hingegen handelten die Sektionen (AG, GD, KuP und PD) je eigene Modelle aus. Dies schwächte u. E. sowohl die Position des Gesamtverbandes als auch die Position der Einzelsektionen in der Außenwirkung erheblich. Es wirft ein Schlaglicht auf die dem geschäftsführenden Vorstand zugedachte Rolle sowie die Dominanz der Partikularinteressen versus die der Gesamtgruppe.

7 Zur Illustration der auseinander divergierenden Handlungsstrategien: DAGG und DFP wirkten beide als Gründungsmitglieder an der Gründung der DGfB (Deutsche Gesellschaft für Beratung) mit, ohne dass in diesem Fall Interessen- oder Auffassungsunterschiede sichtbar wurden. Von beiden Verbänden werden Beiträge entrichtet und Verwaltungsarbeit geleistet – eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen, die wiederum deutlich die Partialisierung der Interessen kennzeichnet. • Als eine vierte Weichenstellung kann die Auseinandersetzung um die Kongressdefizite 2000 und 2003 verstanden werden. Die heftige Auseinandersetzung um die Defizitverteilung zwischen Gesamtverband/ Geschäftsführendem Vorstand und den Sektionen führte zu einem Verteilungsschlüssel, der nochmals mehr die Abgrenzung der Sektionen manifestierte und weniger die inhaltliche Auseinandersetzung z. B. die Zielsetzung der Kongresse in den Fokus rückte. Die Kongresse wurden zu Kostenfaktoren, nicht zu Zukunftsinvestitionen. Es wurde aber deutlich, in welchem Maße der Gesamt-DAGG mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte wie die einzelnen Sektionen, z. B. dem Nachlassen der Kongressteilnehmerzahlen. Auch die Frage nach der Zielsetzung der Kongresse wurde letztlich nicht konsequent weitergeführt: sollten sich die Tagungen vornehmlich an Mitglieder oder auch an relevante Gruppen der Gesellschaft richten? Der Vorschlag des geschäftsführenden Vorstands, die alle drei Jahre stattfindenden Gesamt-DAGG-Kongresse mit Blick auf gesellschaftliche Gruppierungen zu richten, die Gruppenkompetenz benötigen (Schule, Sport etc.) und die sektionalen Tagungen mit

Blick auf die Mitglieder auszurichten und hier die methodisch-theoretische Weiterentwicklung der jeweiligen Ansätze zu pflegen, blieb ohne Widerhall. Die beschriebenen Prozesse haben unseres Erachtens zu der jetzigen Situation geführt, in der die Auflösung des DAGG geradezu folgerichtig erscheint. Trotzdem sind – auch auf dem Hintergrund der geschilderten Prozesse – in den letzten Jahren wichtige Projekte in Angriff genommen und erfolgreich durchgeführt worden, die unsere Vorstellungen eines erfolgreichen DAGG skizzieren: • Eine gemeinsame Nachwuchswerbung (Studientag Gruppe) • Ein gemeinsames in die Öffentlichkeit gerichtetes „Marketing“ für Gruppenexpertise (Website, Pressearbeit, Kongresse mit dem Ziel, Personen aus definierten Anwendungsfeldern anzusprechen und zu erreichen ) • Service für die Mitglieder durch das Mitgliederregister; häufigere Informationen, Newsletter; die Möglichkeit, Werbung für andere Mitglieder zu machen; das Zertifikat • Das Bemühen um gemeinsame Qualitätsstandards (Beispiel Basisqualifikation) • Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Verbänden (ÖAGG, DGfB, Verbändeforum) Unsere auf den Ergebnissen der ersten Zukunftskonferenz 2005 basierenden Visionen und auf der Tagung 2009 noch einmal vorgetragenen Vorstellungen waren: Der DAGG ist ein Verband, der gemeinsam mit den methodisch fundierten Sektionen resp. Methodenvereinen • für Gruppenexpertise steht, • als kompetenter Partner in Ministerien, öffentlichen Einrichtungen, Hochschulen, anderen Verbände, Medien angesehen wird,

8 • Forschungsaktivitäten anstößt, • für Qualitätsstandards in Gruppenarbeit die Maßstäbe setzt, • durch seine vielfältige Methodenorientierung nach außen und nach innen anregend wirkt, • international vernetzt ist. Dass dazu auch die Einführung professioneller Strukturen, wie die eines Geschäftsführers, notwendig wären, wird von allen noch ehrenamtlich strukturierten Verbänden diskutiert, wurde im Vorstand aber abgelehnt. Die in den Vorstandssitzungen eingebrachten Konfliktlösungsversuche – wie die eigenständige Festsetzung der Mitgliederbeiträge durch die Sektionen, die Auslotung der eigenständigen politischen Vertretung, die Diskussion um gemeinsam zu vertretende und damit ressourcensparende Interessen, die Möglichkeit einer neuen Namensgebung etc. – fruchteten nicht. Letztlich schien die Angst, der Gruppenverband DAGG schwäche oder behindere die Methodenvereine, größer zu sein als die Erwartung, er stärke sie mit seiner Tradition, seinem Namen und einer mit einander geteilten professionellen Kompetenz. Wie sich nun die Zukunft der Gruppenlandschaft in der parallelen Existenz von vier gruppenorientierten Vereinen – D3G (entstanden aus den Sektionen AG, KuP und IDG) – DGGO (entstanden aus der Sektion GD) – DFP (entstanden aus der Sektion PD) – DG3S (entstanden aus der Sektion ST + pP) – darstellen wird, bleibt abzuwarten, zumal die bis dahin propagierte Gründung eines korporativen Dachverbandes eher fraglich erscheint. Eine Zukunftsperspektive entwickelten wir in unserem Statement zur außerordentlichen Mitgliederversammlung Oktober 2010 in Berlin, mit dem Wunsch nach einem „Neu-

anfang“ nach einem nunmehr 40-jährigen Prozess. Nur zwei innovative Lösungen schienen uns dabei dienlich, wovon wir die erstere aus dargelegten Gründen nicht vertreten konnten: • die Auflösung des DAGG mit der Option einer zukünftigen Neugründung eines wie auch immer gearteten Intermethodenverbandes oder der Option eines lockeren Netzwerkes. • die vom Geschäftsführenden Vorstand vertretene Lösung eines DAGGs als einem Verein mit persönlichen (nicht sektionell organisierten) und korporativen Mitgliedern – eine Lösung, die Kontinuität, aber auch Neuanfang wollte, ein Neuanfang, der die Entwicklung „eigenständig“ gewordener Methodenvereine begrüßt, aber gleichzeitig sich der Wurzeln des DAGGs besinnt. Dies war und ist für uns nach wie vor eine zukunftsorientierte Lösung. Denn spätestens mit den Ergebnissen der Psychotherapieforschung über die Wirkvariablen oder mit den Diskussionen um die impliziten und expliziten Theorien des professionellen Praktikers, wissen wir um die Relativierung eines Methodenzentrismus. Konsistenter Befund ist, dass die Bedeutung einer methodenorientierten Ausbildung in der professionellen Identitätsfindung liegt. Wir wissen aber auch darum, wie diese sich relativiert im Bewusstsein der Begrenzung der Methode, hin zu einer Offenheit für andere Methoden. Jenseits von Ausund Weiterbildung ist eine unübersehbare Entwicklung von der Methodendominanz hin zu einer Dominanz der Anwendungsfelder zu konstatieren - das zeigt z. B. die klinische Praxis oder das Erfolgsmodell DGSv. Dementsprechend war und ist unserer Auffassung nach die Verbindung von Methodenund Intermethodenverein (DAGG) eine in je-

9 der Hinsicht zukunftsorientierte Struktur, die sich auch nochmals im Plädoyer D. Ohlmeiers in der Festschrift zum 40-jährigen Bestehen des DAGG eindrucksvoll ausdrückt. „Meine Erfahrungen im DAGG haben mich gelehrt, über den klassischen Rahmen meiner eigenen Disziplinen… hinaus zu denken, und damit Abstand und Überblick, eine „dritte Position“ des Denkens und Praktizierens, zu gewinnen. Diese subjektive Sicht getraue ich mich auf den gesamten DAGG zu beziehen. Die Aufrechterhaltung methodischer Strenge und Sorgfalt bei ständiger Rezeptionsbereitschaft für das Andere – das Nichtvertraute und zuvor nicht zur Kenntnis Genommene. Nur aus der Kenntnis dieses „Anderen“ erwächst der kritische und beständige Blick auf sich selbst und das eigene Tun.“ Wenn nun der lange Prozess um die Strukturveränderung des DAGG dazu geführt hat, dass der DAGG sich überflüssig gemacht hat, so entspricht die genommene Entwicklung nicht, wie aufgeführt, unserer Vorstellung. Mit Bedauern nehmen wir daher Abschied

von dem Versuch, Gruppenmethoden und Ansätze gemeinsam mit einander zu entwickeln und in gegenseitigem Interesse und fruchtbarer Konkurrenz in einem Verein zu schärfen. Doch es entwickelte sich die Zuversicht, dass auch in der Auflösung, dem „Überflüssig geworden sein“, ein kreatives Veränderungspotential liegen kann, sich Irrwege als gangbare Wege offenbaren, die neue Räume eröffnen. Vielleicht bedarf es noch vermehrt der jeweils eigenen professionellen und methodischen Souveränitätsentwicklung, bevor solche Räume und freie Valenzen für einen verstärkten intermethodischen Diskurs in der Gruppenlandschaft entstehen. Letztlich gestaltet sich die Zukunft nach eigenen Gesetzlichkeiten, die unserem Einfluss entzogen bleiben. Hella Gephart Christian Warrlich Geschäftsführender Vorstand DAGG

10 Berichte von Tagungen „Studientag Gruppe“ lockte rund 140 TeilnehmerInnen nach Münster Am 6. November 2010 fand der „Studientag Gruppe“, eine Kooperationsveranstaltung der Katholisch-Theologischen Fakultät mit dem Deutschen Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG) an der Universität Münster statt. Unter der Leitung von Professor Dr. Judith Könemann stellten die sechs Sektionen des DAGG sich und ihre jeweiligen Verfahren zur Arbeit in und mit Gruppen vor. Die Motivation, an einem solchen Studientag teilzunehmen, kann eine ganz vielgestaltige sein, wie Könemann in ihrem Eröffnungsvortrag deutlich machte. Neben einem eher professionell ausgerichteten Interesse, das in entsprechenden Berufsfeldern oder Studiengängen gründet, sei dabei für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gruppe an sich und das in ihr zu findende spezielle Potenzial reizvoll. Die immer stärkere Ausweitung des Dienstleistungssektors und damit zusammenhängend gestiegene kommunikative Zusammenhänge in der modernen Gesellschaft lassen Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, sich in ganz unterschiedlichen Gruppen bewegen und arbeiten zu können, zu entscheidenden Kompetenzen in der zweiten Hälfte des 20. Jh. werden. „Mit der Moderne und vor allem mit einer sich radikalisierenden und beschleunigenden Moderne steigt die Bedeutung der Sozialform Gruppe sowohl im privaten wie im beruflichen Kontext der Menschen“, so Könemann.

Neben Teilnehmerinnen und Teilnehmern, für die die Beschäftigung mit der Sozialform Gruppe recht neu war, erhofften sich andere Besucherinnen und Besucher des Studientages die Chance, ihre bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse vertiefen zu können. So auch Mark Werden, Student der Katholischen Theologie: „Ich interessiere mich schon seit einiger Zeit für das Thema Gruppe und für verschiedene Ansätze, Gruppen zu leiten. Da ich in diesem Bereich auch schon einige Erfahrungen habe, wollte ich mir nun weitere Ansätze ansehen.“ Wie sich Gruppenstrukturen und –prozesse gestalten und welche verschiedenen theoretisch-konzeptionellen wie methodischen Ansätze in der Arbeit mit Gruppen existieren, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studientages anschließend selbst erfahren. In sechs verschiedenen Workshops, von der Gruppendynamik über das Psychodrama bis hin zu verschiedenen psychoanalytischen Ansätzen, bot sich die Möglichkeit, einen ganz praktischen Blick auf die Arbeit in und mit Gruppen werfen zu können und etwas über die theoretischen Hintergründe zu erfahren. Theologiestudentin Irmin Brocker entschied sich für die Teilnahme am psychoanalytisch orientierten Workshop der Intendierten Dynamischen Psychotherapie. Während des Studientages wurde ihr erneut bewusst, welche wichtige Rolle die Selbsterfahrung

11 beim Agieren in und Leiten von Gruppen einnimmt: „Es ist wichtig, sich selbst zu reflektieren und zu hinterfragen, warum man auf bestimmte Aufgaben und Fragestellungen, Personen oder Orte in einer bestimmten Weise reagiert. Mit diesen ‚Ahnungen’ von sich selbst kann man sich innerhalb von Gruppen besser orientieren und seinen Platz finden.“ Diese Fähigkeit, so die Studentin weiter, wäre auch für ihre spätere berufliche

Tätigkeit eine entscheidende Kompetenz. Der Studientag Gruppe des DAGG findet jedes Jahr an einer anderen Hochschule statt. An der diesjährigen Veranstaltung in Münster nahmen rund 140 Interessierte aus verschiedener Fachrichtungen und Berufsfeldern teil. Daniela Kornek, Münster

12 Wie Bilder leiten können! Projektwerkstatt zur Entwicklung eines Leitbildes für den DFP Tagung des Deutschen Fachverbandes für Psychodrama, in diesem Jahr noch Sektion Psychodrama im DAGG, vom 18. bis 19.März 2011 Nicht der Einzige werde ich gewesen sein , dem nicht so recht klar war, worauf er sich einließ mit dem (von Gerd Pischetsrieder, Hamburg, multimedial und kundig geleiteten) Workshop zur Leitbildentwicklung. In zwei 3 Stunden-Blöcken wurde von 30 Teilnehmer/innen aus mehreren auf Schreibkarten notierten Stichwortsammlungen auf höchstens 10 Leitsätze hingearbeitet, die zur Orientierung des Verbandes dienen können, als Vergewisserung untereinander und als Visitenkarte zu Politik, Medien und benachbarten Verbänden. Nicht Überraschendes bildet sich ab, sondern Einstellungen und Bewertungen, die uns in diesem Verband, in dieser Berufswelt und in dieser Gesellschaft in hohem Maße gemeinsam sind. Dies reiht sich aneinander, häufelt sich in ermüdender Selbstverständlichkeit. Doch zeigt sich so auch eine dichte kulturelle Kohärenz, die wahrzunehmen und nicht selbstverständlich und nicht selbstlaufend zu finden, bestärkend und ermutigend wirken kann. Nach der breit angelegten Sammlung folgt die Kondensierung auf Leitsätze, redaktionelle Bearbeitung durch den Vorstand, Veröffentlichung auf der Homepage, Erweiterung durch die so erreichten Mitglieder, wiederum redaktionelle Bearbeitung und Vorlage der höchstens 10 Sätze auf einem DIN A4 Blatt

zur Abstimmung bei der Mitgliederversammlung am 18. November 2011. Anders gesehen: Wie ein komplexes Ritual, dessen Einzelpartikel man kennt, sich von der Teilnahme etwas Einprägsames erwarten oder erhoffen kann, ein sich untereinander Vergewissern. Und etwas davon auch in der digitalen Verbreitung und Rückmeldung für eine größere Mitgliederzahl. Oder noch anders: Ein breiter Prozess der Klärung durch Formulierung und Abstimmung, bei dem sich möglichst viele Mitglieder aktiv beteiligt sehen und die entstandenen Leitsätze als die ihren auffassen können, ein kleines Stück, digital gestützte, demokratische Meinungsbildung. Wieweit sich auch ein Einfluss auf das Verhalten nach den aufgestellten „Spielregeln“ erwarten lässt, war nicht das Thema. Da erscheint die Selbstverständlichkeit eher als Warnzeichen. (Mit einem Insider kam es zu einer Unterhaltung über den Umgang mit Leitbildern in großen Betrieben. Er bejahte deren Anteil an betrieblicher Kultur, erwähnte die gängige Praxis, Geld in diesem Zusammenhang unerwähnt zu lassen. Nun, das ist (leider?) nicht unser Problem.) Und die Leitsätze? Diese am Ende des Prozesses auf der Homepage zu bewundern sind Sie gerne eingeladen, aber erst Anfang 2012. www.psychodrama-deutschland.de Manfred Drücke, Heidelberg

13 Bericht von der ersten Tagung der Sektionen AG, KuP und IDG vom 27. - 29. Mai 2011 „Das Unbewusste in der Gruppe“ Bericht von der ersten gemeinsamen Jahrestagung der drei DAGG-Sektionen Analytische Gruppenpsychotherapie, Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie und Klinik und Praxis. Vom 27. bis 29. Mai 2011 fand in Berlin die gemeinsame Jahrestagung der drei DAGGSektionen Analytische Gruppenpsychotherapie, Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie und Klinik und Praxis mit dem Titel „Das Unbewusste in der Gruppe“ statt. Diese erste gemeinsame Tagung war insofern ein historisches Ereignis, als sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie darstellt. Dementsprechend hatte die Tagung auch das Ziel, den Gründungsprozess inhaltlich einzuleiten. Marita Barthel-Rösing, Peter Döring, Stephan Heyne, Pieter Hutz, Gundula Jung-Römer, Thomas Mies und Stefan Zillner hatten die Tagung inhaltlich vorbereitet. Trotz der großzügigen Räumlichkeiten konnten aufgrund der unerwarteten Resonanz nicht alle Interessenten angenommen werden. Noch erstaunlicher war, dass fast die Hälfte der 240 Teilnehmer nicht Mitglied im DAGG war. Es bleibt offen, ob dies eher auf das Thema, den Ort oder den historischen Augenblick zurückzuführen ist. Die Tagung fand im Harnack-Haus in Berlin statt. Adolf von Harnack, Namensgeber des Hauses, war der erste Präsident der dort ansässigen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die nach dem Ersten Weltkrieg das Ziel ver-

folgte, die Isolation der deutschen Wissenschaft zu überwinden und sie international wieder anschlussfähig zu machen. Nach einer Periode der Anpassung an das Regime des Nationalsozialismus, wurde das Haus von den wechselnden Bewohnern mehrfach umgestaltet und gilt heute als Symbol deutscher Forschungsgeschichte und Schauplatz internationaler Politik. In den Begrüßungsworten thematisierten die drei Sektionsleiter die aktuelle Umbruchsituation. Ulrich Schultz-Venrath (Sektion „Analytische Gruppenpsychotherapie“) erinnerte daran, dass das Tagungsthema auch der Ursprung des „Schönberger Kreises“ war. Diese seit 2002 bestehende Arbeitsgruppe treffe sich jährlich, um die „Theorien des Unbewussten“, die sie als für die Gruppenanalyse grundlegend erachtet, zu diskutieren und dem rasant fortschreitenden Wissensstand Rechnung zu tragen. Demgegenüber werde das Unbewusste heute in der Öffentlichkeit populär mit dem Gehirn gleichgesetzt. Ulrich Schultz-Venrath appellierte zuletzt mit einem Zitat von Thomas Morus, „Tradition“ sei „nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!“, an die Dringlichkeit der Gründung der neuen Gesellschaft. Holger Brandes (Sektion „Klinik und Praxis“) hob in seiner Begrüßung die Tagung als ein „Neues Ereignis“, als eine „Schnittstelle“ der Gruppenanalyse in Deutschland, als die erste und letzte gemeinsame Tagung hervor, die in eine neue Gesellschaft münde. Stephan Heyne (Sektion „Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie“) bezog sich auf

14 Oscar Wilde, der zwei Gründe für Traurigkeit benennt: Zuerst sei man traurig, wenn man Wünsche nicht erfüllt bekomme und dann, wenn sie doch erfüllt würden. In der Geschichte der Gruppenanalyse sei das erste Schmerzhafte die Erfahrung der Teilung gewesen. Bei der Planung der Auflösung des DAGG habe sich die zweite Traurigkeit eingestellt. Unter der Moderation von Pieter Hutz begann der erste Vortragsblock. Michael B. Buchholz bezog sich in seinem Vortrag „Die horizontale Dimension des Unbewussten“ nicht auf gruppenanalytische Prozesse, sondern auf dyadische zwischenmenschliche Beziehungen. Anhand einer Reihe von experimentellen Studien, insbesondere aus Psychobiologie, Neurowissenschaften und Psycholinguistik, arbeitete Buchholz Synchronisationen und Resonanzphänomene in der Beziehung zwischen Mutter und Kind, zwischen Analytiker und Patient heraus. Er wies auf die Nähe der Experimente zur klinischen Praxis hin und forderte die Überwindung der Diskrepanz zwischen Forschung und Praxis. So hinterfragte Buchholz, ausgehend von den erläuterten Studienergebnissen, etablierte psychoanalytische Begriffe und Techniken wie beispielsweise die Abstinenz und Neutralität hinsichtlich ihrer Risiken. Er kam zu dem Schluss, dass die horizontale Dimension des Unbewussten in alltäglichen Beziehungen mehr Beachtung finden müsse. Thomas Mies und Dietlind Köhncke teilten sich den zweiten Abendvortrag mit dem Titel „Der Matrixbegriff und die intersubjektive Wende – Der gruppenanalytische Blick auf das Unbewusste“. Thomas Mies fasste im ersten Teil des Vortrags, „Das Unbewusste in einer sozialen Theorie des Mentalen“, die wesentlichen theoretischen Errungenschaften des

Schönberger Kreises aus seiner Sicht zusammen. Er griff den Matrixbegriff von Foulkes auf, stellte dessen Neuerungen, Grenzen und Anschlussmöglichkeiten für eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Unbewussten in Gruppen dar. Ins Zentrum rückte er die Kritik des altbekannten Sender-Empfänger-Modells und die These vom Primat des geteilten Bewusstseins vor dem Selbstbewusstsein als Notwendigkeiten für eine kommunikationsund bewusstseinstheoretische Fundierung des Matrixbegriffs. Schließlich endete er mit einer ersten Begriffsbestimmung des Dynamischen Unbewussten für die Psychoanalyse und die Gruppenanalyse. Dietlind Köhncke gab im zweiten Teil des Vortrags, „Das Spiel und das Unbewusste in der Gruppe“, den Anstoß, neu über die Bedeutung des Spiels in der Gruppenanalyse nachzudenken. Sie bezog sich zunächst auf Arbeiten von Winnicott und Fonagy, auf das Aufkommen der Kindergruppenanalyse, deren Unterschiede zu Erwachsenengruppen und auf das Spielen als Kulturphänomen. Sodann veranschaulichte sie die bewegte Kommunikation und Intersubjektivität in Spiel und Tanz anhand einer Reihe von fotografisch dargestellten Szenen aus Kinderspielen, Kunst und Tierwelt. Zuletzt bezog sie die aus dem Diskurs über das Spiel herausgearbeitete Körperebene der Kommunikation zurück auf gruppenanalytische Prozesse und deklarierte eine positive Einstellung zum Spiel und die Aufmerksamkeit für die präsymbolischen und sinnlich-symbolischen Kommunikationsebenen als eine wichtige Dimension der gruppenanalytischen Haltung. Die ausgiebige Diskussion der beiden Vorträge fand in zwei Arbeitsgruppen am Folgetag statt. Nach einer kleinen Pause folgte die erste der insgesamt drei Großgruppensitzungen unter

15 der Leitung von Robi Friedman. Der erste Abend schloss mit einem gemeinsamen Abendessen. Am Samstagmorgen führte Marita BarthelRösing in die elf Arbeitsgruppen ein, deren Einteilung im Vorfeld Pieter Hutz organisiert hatte. An dieser Stelle seien die Arbeitsgruppen und deren LeiterInnen erwähnt: Die Entwicklung geteilter Bedeutungen in der frühen Kindheit (Holger Brandes), nonverbale und verbale Kommunikation in der Gruppe (Stephan Heyne, Dietlind Köhncke), das Unbewusste und der (Gruppen)Körper – Annäherungen ans Thema anhand videographierter und protokollierter Sequenzen aus Gruppen mit Essgestörten (Regina Klein, Beate Schnabel), die Gruppe im Unbewussten (Werner Knauss), Wirkungen des Unbewussten in therapeutischen und alltäglichen Gruppensituationen – Fallvignetten, interpretiert nach dem Göttinger Modell (Wulf-Volker Lindner, Peter Döring), unbewusste und bewusste Antworten – Mentalisieren und Intervenieren in der Gruppenpsychotherapie komplexer Persönlichkeitsstörungen (Thomas Bolm), das Unbewusste in der gruppenanalytischen Supervision (Irina Bergs-Tessmar, Cornelia Volhard-Waechter), Gruppenanalyse und transkultureller Übergangsraum (Christoph Seidler), die intersubjektive Erkundung des Unbewussten am Beispiel von I. D. Yaloms Roman „Die Schopenhauerkur“ (Harm Stehr) sowie eine größere Arbeitsgruppe zu den Vorträgen (Rolf Haubl, Ulrich Schultz-Venrath), die durch Zusammenlegung mit einer weiteren Arbeitsgruppe zu den Vorträgen (Brigitte Mittelsten Scheid, Regine Scholz) entstand. Die Arbeitsgruppen waren mit einer Dauer von zwei Blöcken à eineinhalb Stunden am Samstagvormittag ein Schwerpunkt der Tagung.

Nach dem Mittagessen im Garten des Harnack-Hauses fand die zweite Großgruppe statt. Im Anschluss trafen sich die Sektionen zu ihren Mitgliederversammlungen. Der zweite Tag schloss mit einem Festabend, der mit einem gemeinsamen Abendessen eröffnet wurde. Zu den abwechslungsreichen Rhythmen der Crossover-Band von Bassist Achim Dette wurde getanzt und bis in die Morgenstunden gefeiert. So wie sich die Musiker über leichten Jazz, Sinti-Swing und russisches Liedgut in ihrem ersten gemeinsamen Auftritt fanden, fanden auch die Tagungsteilnehmer mit viel Freude zueinander. Am Sonntagmorgen tauschten sich die Mitglieder über ihre unterschiedlichen Arbeitsgruppen anhand eines „Fishbowl in Variationen zum Tagungsthema“ unter der Moderation von Marita Barthel-Rösing und Stephan Heyne aus. Das Regelwerk des Fishbowls war – wohl aufgrund der Vielzahl der Arbeitsgruppen – komplexer angelegt als gewohnt, was bei einigen Teilnehmern Schwierigkeiten auslöste, sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Nichtsdestotrotz entstand allmählich ein buntes Mosaik aus den verschiedenen Arbeitsgruppen. Nach einer kurzen Pause fanden die Teilnehmer zur letzten Großgruppe zusammen. Die Tagung endete mit einem Ausblick von Peter Döring. Er berichtete aus den Sektionsversammlungen, in denen die Satzung der neuen Gesellschaft diskutiert und verabschiedet wurde. Es bleibe voraussichtlich bei dem Namen „Deutsche Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“, deren Gründung am 15. Oktober 2011 in Berlin stattfinde. Er lädt die anwesenden interessierten Kolleginnen und Kollegen herzlich zur Teilnahme ein. Zuletzt wurden zahlreiche Vorschläge für die nächste Jahres-

16 tagung entgegengenommen, die vom 15.17.06.2012 vermutlich in Leipzig stattfinden wird. Nach einem emotional bewegenden, aber auch anstrengendem Wochenende ließen die zahlreichen originellen Einfälle Zuversicht aufkommen, dass am runden Tisch der neuen Gesellschaft ein intensiver Diskurs über Gemeinsamkeiten und Unterschiede

der ehemaligen Sektionen entstehen wird und dass sich viele neue Mitglieder dazugesellen werden. „Die“ zukünftige Gruppenanalyse wird davon sehr profitieren, theoretisch befruchtet werden und sich weiterentwickeln. Tanja Brand, Bergisch Gladbach

17 Interview Interview mit Ulrich Schulz-Venrath Der 11. September und PTBS - „Trauma“ auf dem Weg zur Modediagnose? Interview in „Der Neurologe & Psychiater“, 2011; 12 In Kürze jähren sich die Anschläge des 11. September 2001 zum zehnten Mal. Wir sprachen mit Professor Dr. Ulrich Schultz-Venrath über die Hintergründe von Terror sowie über postraumatische Störungen. ? Wer direkt von den Anschlägen betroffen war, aber überlebt hat, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit traumatisiert. Ebenso die Angehörigen der Opfer. Welche Thera- pien gelten in der Behandlung posttraumatischer Störungen als State of the art? SchultzVenrath: Zu den überraschenden Erkenntnissen der Traumaforschung und von MetaAnalysen von PTBS-Studien, die sich mit dem Masseneinsatz von Traumatherapeuten nach dem 11. September 2001 beschäftigten, gehört, dass viel weniger Menschen, die in New York diesen Tag erleben mussten, im Sinne einer PTBS traumatisiert wurden als zunächst angenommen. Auch fehlen Langzeituntersuchungen über mehr als fünf Jahre. Ohne den wirklich Traumatisierten Unrecht antun zu wollen, haben wir es aktuell mit einem neuen Phänomen zu tun, dass die Übertreibungen, sowohl durch die Medien als auch durch

Traumatherapeuten, den Begriff „Trauma“ – ähnlich wie „Burnout“ – zu einer Modediagnose machen. So kommt es inzwischen zu massenhaft auftretenden Pseudo-PTBS, oder wie die Amerikaner sagen: „virtual-PTSD“. Es könnte sein, dass wir in unseren Kliniken zurzeit mehr Patienten mit dem Etikett „Trauma“ behandeln als Patienten mit einer wirklichen PTBS. Wir haben nicht selten Patienten, die mit dem Satz „Ich habe ein Trauma!“ um stationäre Aufnahme bitten, bei denen aber nach genauerer Anamnese oft ganz andere Gründe für die psychische Störung zutage treten. Weniger ist darüber bekannt, wie Traumabetroffene ohne eine PTBS ihre Schicksalsschläge verarbeiten. Diese Resilienzforschung stößt leider auf viel weniger Interesse als die Psychotraumatologie. Bei der Behandlung gibt es keinen „State of the art“.In der jüngsten Ausgabe des American Psychologist kommen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass zahlreiche, meist teure Behandlungen gegen PTBS den Patienten eher geschadet haben. Dagegen haben die Therapeuten von solchen Ad-hoc-Therapien ökonomisch stark profitiert. Nicht wenige Patienten sollen nach solchen Therapien in noch tiefere Depressionen abgestürzt sein. Insofern sprechen die Forscher deshalb inzwischen auch von einem „Trauma-Tourismus“: Aus allen Bundesstaaten der USA seien Kollegen angereist und hätten provisorische Praxen eingerichtet, um die unter

18 Schock stehenden Menschen zu befragen und zu behandeln. Nur wenige der Überlebenden hätten dadurch ihr früheres Gleichgewicht wieder gewonnen. Bei vielen sei der Leidensdruck sogar noch größer geworden. Die EMDR-(Eye Movement Desenzitation Reprocessing-)Traumatherapie hat sich unter den verschiedenen Therapieangeboten als gut herausgestellt und steht in Deutschland kurz vor der Anerkennung als psychotherapeutische Richtlinientherapie. Trotzdem ist sie vermutlich nicht unbedingt „besser“ als die analytische oder mentalisierungsbasierte Einzel- oder Gruppentherapie, wenn es sich um komplexe Traumata oder Pseudo-PTBS handelt. Vergleichsstudien gibt es leider noch nicht. ? Welche Rolle spielen Gruppentherapien bei der PTBS-Behandlung? Schultz-Venrath: Die analytische – und ihre heutige Erweiterung, die mentalisierungsbasierte Gruppentherapie – ist während des Zweiten Weltkriegs von S. H. Foulkes, jüdischer Emigrant aus Frankfurt/Main, im Military Psychiatric Hospital in Northfield entwickelt worden und hat sich als Behandlung für Menschen mit einer PTBS sehr bewährt. Ein Trauma ist jedoch nie individuell zu sehen, sondern immer auch ein Herausfallen, eine Exklusion, aus der psychosozialen Gemeinschaft. Deshalb ist hier eine analytische oder mentalisierungsbasierte Gruppentherapie so erfolgreich. Die Wirksamkeit dieser Therapie, die in London überwiegend in der Gruppe praktiziert wird, hat sich in mehreren randomisierten Studien an Borderline-Patienten, die immer auch (mehrfach) traumatisiert sind, als so überlegen gegenüber einer sozialpsychiatrischen Behandlung herausgestellt, dass die APA sie als Methode der ersten Wahl für Borderline-Patienten dekla-

rierte. Für PTBS-Patienten steht eine solche Studie noch aus. Wir haben in unserer Klinik jedoch eine Station für Trauma- und Borderline-Patienten mit einem hochfrequenten Gruppensetting und haben festgestellt, dass wir für solche Patienten kein EMDR mehr benötigen. Die Ausbildung in stationärer analytischer und mentalisierungsbasierter Gruppentherapie wird noch nicht allumfassend angeboten. Mit der Gründung einer Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie, die am 15. Oktober 2011 in Berlin stattfinden wird, wollen wir unter anderem die Ausbildung befördern. ? Die TV-Dauerschleifen der einstürzenden Türme stehen uns bevor. Können auch TVBilder ein Trauma auslösen? Schultz-Venrath: Ich war schon damals verwundert, als auf dem APA-Kongress in New York 2005 Daten vorgetragen wurden, dass Menschen, die mehr als sechs Stunden wiederholt den 11. September vor dem Fernseher erlebt hatten, mehr PTBS-Symptome zeigen sollten als Angehörige oder Betroffene des Einsturzes der Türme des World Trade Center. Von einem Psychologen der Harvard-Universität wird die Behauptung, Fernsehbilder könnten die Seele im Sinne eines PTBS verletzen, inzwischen als absurd bewertet. Ich teile diese Auffassung. Die Datenlage scheint mir für die Beantwortung der Frage zu dünn. Obwohl es keinen Zweifel daran geben kann, dass der terroristische Angriff zur Traumatisierung Einzelner geführt hat, gibt es keinen überzeugenden Beleg für eine epidemische Traumareaktion in der Bevölkerung. Das eigentliche Problem der sich ständig wiederholenden Bilder der einstürzenden Türme des WTC besteht darin, dass Terrorismus eine Aufmerksamkeit

19 erfährt, die möglicherweise zu einer „Infektion“ unter Menschen führt, die sich nicht gesehen oder unterdrückt fühlen. Wir haben hier den „Werther“-Effekt, ähnlich wie im Falle des Suizids des Torwarts Robert Enke: Durch die Medialisierung werden Terrorismus oder Suizid nachahmenswert gemacht. Es wäre hier wichtig, die Zusammenhänge zwischen „postdisaster screening“, Erkrankungsformen und Behandlungsmethoden systematischer zu untersuchen. ? Wie funktioniert die Psyche der Attentäter? Waren/sind sie psychisch krank? Schultz-Venrath: Keiner dieser Attentäter war zuvor in psychotherapeutischer Behand- lung, sodass wir uns nur auf die mehr oder weniger verlässliche Rekonstruktion der Biographien stützen können. So leicht es dem einen oder anderen fallen mag, von „psychisch krank“ bei den Terroristen des 11. September angesichts des enormen Schreckens, den sie verursacht haben, zu sprechen, so schwer ist es zu akzeptieren, dass die Ursache auch eine sozialpolitische oder sozialpsychologische ist. Wer eine Tat dieser Qualität wagt, egal wie naiv oder gestört er ist, wägt zwischen dem Sein und dem Nicht-Sein ab. Manchmal dauert dieses Abwägen Jahre, manchmal Minuten. Die Tat wird vollzogen, wenn die destruktiven Kräfte im Menschen obsiegen. Viele, die das tun, leben unter Druck, großer Verzweiflung oder Not. Um dem Elend zu entfliehen, beenden sie ihr Leben. Ich gehe davon aus, dass die Ursachen für einen terroristischen Anschlag wie bei einem Suizid immer multikausaler Natur sind. ? Sie haben die Hypothese aufgestellt, dass unbewältigter Neid fundamentalistische Bewegungen wie Terrorismus induzieren können. Wie ist das zu verstehen?

Schultz-Venrath: Fundamentalistische Bewegungen können als ein Versuch verstanden werden, die Geschlossenheit des Traditionalismus über die Errichtung einer mythischen Gemeinschaft, die nicht von den Übeln der Moderne vergiftet ist, wiederherzustellen. Dies betrifft nicht nur den Islam, sondern auch Juden- und Christentum. Schon Nietzsche vertrat die interessante These, dass das Christentum – und man könnte es um den Sozialismus und Kommunismus als Programm der Neidvermeidung ergänzen – letztlich aus verdrängtem Neid entstanden sei. Die Urchristen hätten sich gegenüber den Römern derart ohnmächtig gefühlt – islamischen Fundamentalisten mag es angesichts der Dominanz der Finanzwelt ähnlich ergehen –, dass sie sich nur wehren konnten, indem sie das um Vitalität zentrierte römische Wertesystem verachteten, obwohl sie es eigentlich begehrten. Dieser Konflikt sei durch eine Verdrängung des Neides gelöst worden, weshalb Neidlosigkeit im Christentum eine Tugend sei. Verdrängter Neid kehrt aber als Ressentiment bis zur Ermordung – etwa am Beispiel Abels durch den neidischen Kain – wieder. Unser Kain heute heißt Mohammed al- Amir Atta – der Name bedeutet Geschenk. Er wird als rational, sprachbegabt, perfektionistisch und organisatorisch geschickt, in höchstem Maße belastbar und verhaltenskontrolliert beschrieben, so dass nur selten Fanatismus und Antiamerikanismus durchgebrochen seien. Sein großes Thema – er war angehender Architekt und Stadtplaner – waren Städte! Er wollte die ägyptische Kultur schützen, ihre islamische Identität wahren und seine Heimat nicht von Hochhäusern amerikanischer Art überstülpen und zerstören lassen. Aber dadurch, dass im Islam Politik

20 und Religion zusammenfallen, müssen – wie bei den Christen gegenüber den Römern – die Werte des Westens verachtet werden, obwohl sie auch beneidet werden. Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Terroristen des 11. September als Studenten mit westlicher Kultur viel Berührung hatten. Klinisch bleibt ein Neidgefühl unauffällig, solange die Hoffnung besteht, irgendwann einmal das begehrte Gut zu bekommen. Probleme größerer Art entstehen erst, wenn diese Hoffnung schwindet. An einem solchen Punkt muss die neidische Person entweder ihr Begehren oder ihre Hoffnung aufgeben. Der Islam ist aktuell mit seinem Universalitätsanspruch am meisten von der Globalisierung betroffen. Völlig verleugnet wird, dass sich hinter der Globalisierung durch den Ökonomismus ein westlicher„Fundamentalismus“ verbirgt, der auf die einfache Formel ge-

bracht werden kann: Wer genug Geld hat, kann sich alles kaufen. Die Grenzenlosigkeit der Globalisierung hat immense sozialpsychologische Folgen, weshalb es nicht verwundert, dass fundamentalistischer Terror auch mit dem Aufkommen des Internets und mit Menschen korrespondiert, die angesichts der Grenzenlosigkeit in Fundamentalismus verfallen müssen. Sie machen ihr Gefühl des Zu-kurz-Gekommenseins zu einer Ideologie. Diese pathologische Rückbeziehung auf eine fundamentalistische Grenze ist – so wichtig Grenzen mit der Fähigkeit zum osmotischen Austausch bezüglich Ich-Selbst-Struktur und Persönlichkeitsentwicklung sind – nicht adaptiv. Die Fragen stellte Dr. Gunter Freese. Wir veröffentlichen den Text mit Erlaubnis des Springer-Verlags.

21 Mitteilungen

Neue Mitglieder, Verstorbene Neue Mitglieder Wir begrüßen unsere neuen Mitglieder. Sektion Psychodrama / DFP: Reiner Ort, Bogota/Kolumbien; Sektion Analytische Gruppenpsychotherapie: Marion Mayer-Hanke, Hamburg; Heike Düwel, Braunschweig; Andrea Meyer, Hechingen; Veronika Munz-Herzog, Zürich; Dr. Susanna Kretschmann, Zürich; Myunghee Yeon, Göttingen; Christiane Rösch, Dipl.Psych., Konstanz; Dr. Diana Pflichthofer, Hamburg; Dr. Mathias van Voorthuizen, Berlin; Dr. Georg Hess, Zollikon. Sektion Klinik und Praxis: Friedrich Beer, Velbert; Annette Hillesheim, Haan; Dipl.-Psych., Dr. Ute Höner, Wermelskirchen; Diethard Möller, Dipl.-Psych., Stuttgart; Markus Schirpke, Dipl.-Psych. Berlin; Rosemarie Schuckall, München; Dr. Ludger Wiemer, Rhede; Wolfgang Grote, München.

Sektion Sozialtherapie und psychosoziale Forschung: Sabine Bleitgen, Biebergemünd; Jörg Müller, Linden; Petra Prinz, Lich; Sektion Intendierte Dynamische Gruppentherapie: Susanne Bolling, Dipl.-Med., Halle/Saale; Dr. Susanne Mohr, Weimar; Dr. Jana Mohr, Halle/ Saale; Jörg Klimaczewski, Halle/Saale Wir verabschieden uns und ehren unsere verstorbenen Mitglieder Sektion PD/DFP: Friedel Geisler, Solingen; Meinolf Schönke, Münster; Sektion AG: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Helmut Enke, Stuttgart; Dr. Ursula Heim, München (2008); Prof. Dr. Petra von Keutz-Vogel, Bonn; Werner Kraft, Dipl.-Psych., Freiburg; Sektion GD: Prof. Dr. Alf Däumling, München; Sektion KuP: Dr. Liselotte Garloff, Darmstadt (2002); Dr. Karl Reuter, Düsseldorf; Prof. Dr. Werner Greve, Berlin.

22 Nachrufe Karl Reuter zum Abschied 11.3.1914 - 20.4.2011 Er hat fast das gesamte letzte Jahrhundert durchlebt, und dennoch ist er sehr aktiv in das neue Jahrtausend eingetreten; er hat zu Fuß die Alpen überquert und sich selbst bescheidenironisch als „Revoluzzer“ bezeichnet. Er war ein politischer und in Gruppen vernetzter Mann. Von Karl Reuter ist die Rede, der am 20. April 2011, gerade 97 Jahre alt geworden, nach einer fröhlichen Feier seines Geburtstags, seiner eigenen Zielvorstellung gemäß “im rechten Augenblick“ altersweise losgelassen hat. Karl Reuter war nicht ein Mann im Vordergrund, nicht jemand, der sich vordrängte oder in die erste Reihe stellte, um dranzukommen, wenn es darum ging, Vorstandsämter zu übernehmen; er war allerdings ein Mensch, ohne den keine Gruppe zu einem tragfähigen Netzwerk gedeihen kann. Er packte an, wo es aufzuräumen galt. Zudem vermochte er in diesem Sinne zu gewinnen und zu überzeugen. So gehörte er bald nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Gründern der Gesamtdeutschen Partei. Bereits vor seiner Alpenüberquerung war ihm die Meldung

„der Führer ist tot“, Grund und Anlass, als jetzt ehemaliger Sanitätsoffizier mit einem Grüppchen von Soldaten aus „aufgeriebenen“ Truppen, den Weg in das zerstörte Deutschland anzutreten, um dort seine Familie wiederzufinden und sein Heimatland wieder aufzubauen. Sein ganzheitliches Menschenbild als Arzt und Geburtshelfer erlaubte es ihm nicht, sich auf seine klinisch-ärztliche und schließlich hausärztliche Tätigkeit zu beschränken. Er engagierte sich bald in der Sozialdemokratischen Partei und wurde in den Rat der Stadt Düsseldorf gewählt. Dort wirkte er 12 Jahre lang (1962 – 1974) als Kommunalpolitiker. Miteinander seit den sechziger Jahren über die Lindauer Psychotherapiewochen in Kontakt gekommen, begegneten wir einander wieder Mitte der siebziger Jahre im Rahmen einer Veranstaltung der Sektion Klinik und Praxis des Deutschen Arbeitskreises für Gruppentherapie und Gruppendynamik (DAGG) in Hofgeismar. Er gewann mich als Mitglied der Sektion. Seine Art der Mitarbeit als Schriftführer im DAGG-Vorstand (19731982) hat mich für die Übernahme einer Funktion in diesem Gremium motiviert (damals zunächst als Sektionskoordinator). Mit seiner Schriftführerfunktion, die der damalige Vorsitzende des DAGG (Dieter Ohlmeier) bedeutungsgerecht als „Geschäftsführung“ bezeichnete, füllte Karl Reuter über drei Vorstandsperioden (9 Jahre) die Orientierung

23 gebende Rolle in dem damals noch jungen Gruppenverband. Karl Reuter brachte eine persönliche Matrix mit, die geprägt war von psychosomatisch/psychotherapeutischen Pionieren wie Knaus in Prag und Langen in Mainz. Er sprach zudem oft von „heillosen Gruppenexperimenten“ in der Apo-Zeit. Er war zwar nicht Sprecher des Vorstands, aber alle Mitglieder des Vorstands verließen sich auf seine Dokumentationsarbeit und vor allem auf ihn als stets präsente Person. Seine Verlässlichkeit und sein politisches Geschick waren von enormer integrativer Bedeutung für die Überwindung schon damals relevanter intersektioneller Spannungen. Für den DAGG war er zweimal (1978 und 1991) im wahrsten Sinne des Wortes SchriftFührer, nämlich bei der Erarbeitung einer Stellungnahme zum Entwurf eines Psychotherapeutengesetzes des Deutschen Bundestags; er vertrat mit anderen den interdisziplinären Akzent, womit er den Konflikt im intersektionellen Spannungsfeld verstärkte, aber gleichzeitig die Solidarität der Sektionen im Sinne der Gruppen-Idee herausforderte. Der DAGG hat ihn für seine Mitarbeit deswegen durch die Ehrenmitgliedschaft geehrt. Obwohl er sich einmal vorgenommen hatte, „offizielle Dekorationen“ sparsam zu akzeptieren, ließ er sich diese Ehrung gefallen. Ich konnte noch einmal als Mitbegründer einer interdisziplinären Initiativ-Gruppe von engagierten Gruppenanalytikern erleben, wie authentisch er mit seiner interdisziplinären und politischen Solidarität war, als er die seinerzeit kontrovers zur Sektion Analytische Gruppenpsychotherapie (AG) intendierte Gründung des Instituts für Gruppenanalyse Heidelberg mit trug (1979-1984). In der schwierigen Gründungsphase erwies

er sich als kreativer Stratege, so dass die Institutsgründung im Jahre 1984 mit einem eigenen Verein gelang. In den jetzt fast dreißig Jahren institutioneller Entwicklung blieb er dem Institut für Gruppenanalyse, Heidelberg, das inzwischen zu den zentralen Ausbildungsinstituten der Sektion AG gehört, als Mitgestalter aktiv verbunden. Auch hier hat er sich die „Dekoration“ durch die Ehrenmitgliedschaft des Instituts gefallen lassen. Karl Reuter hat somit im Großen und im Kleinen an der Etablierung der Gruppenanalyse in Deutschland mitgewirkt und ist aus meiner Sicht in diesem Kontext eine historische Figur. Ich hätte ihm gewünscht, den DAGG als eine organisatorische Gestalt zurückzulassen, wie er diese mit geformt hat. Er war eine der letzten Persönlichkeiten in der Geschichte dieses Verbands, die das Wissen lebten und vermittelten, dass die Zielrichtung der Konfliktbewältigung über Integration mehr Zukunftschancen hat als die Zersplitterung. Dem General Paul von Lettow-Vorbeck, dem er als 12-jähriger Knabe bei einem Ferienaufenthalt auf Borkum vorgestellt worden war, habe er auf die Frage, was er einmal werden wolle, geantwortet: “Missionsarzt“. Dazu hatte der gesagt: “Wenn Du etwas ganz feste willst, schaffst Du es auch.“ Und er hat es nicht einmal nur in diesem Sinne geschafft, weil dieser Satz ihn in seinem „wechselvollen Leben“ begleitet hat. Wir haben mit ihm eine wichtige Ressource für die Gruppenanalyse verloren; aber sein Vorbild wird vielen Freunden und Kollegen und deren Schülern Auftrag bleiben. Gerhard Rudnitzki, Heidelberg

24 Zum Tod von Helmut Enke 4.12.1927 - 1.5.2011

Am 1. Mai 2011 verstarb Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Helmut Enke. Die Nachricht traf uns tief. Wir hatten Helmut Enke lange nicht mehr gesehen und wussten nur, dass er an einer Augenerkrankung laboriert. So hofften wir auf Besserung und eine mögliche weitere Zusammenarbeit. Nun also diese Mitteilung. So bleibt uns nur, in dankbarer Erinnerung zu trauern. Zunächst müssen Helmut Enkes Verdienste für die ostdeutsche Gruppenpsychotherapie gewürdigt werden: Lange vor dem Mauerfall, spätestens ab 1966, gab es eine Zusammenarbeit mit Kurt Höck. Damals fand in Berlin (Ost) der erste deutschsprachige Gruppenpsychotherapiekongress statt. Über ihn wurde schon viel berichtet, auch, weil paradoxerweise gerade von Ostberlin (Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft) die Bestrebungen ausgingen, den DAGG nach dem Vorbild des ÖAGG zu gründen. Dass der ostdeutsche Zweig der Gruppentherapie nicht in Vergessenheit geriet, ist der Zusammenarbeit zwischen Helmut Enke und Kurt Höck zu verdanken. Besonders über die Gruppenprozessforschung gab es einen regen Austausch zwischen der Gruppe um Helmut Enke, Dietmar

Czogalik, Volker Tschuschke & Co und der Gruppe um Kurt Höck, Helga Hess & Co. Aber auch nach der Wende hat Enke die ostdeutsche Psychotherapieszene sehr unterstützt. Zum Beispiel fand 1990 eine Psychotherapiegutachter-Tagung in BerlinGrunewald statt. Gleichzeitig tagte der „Arbeitsausschuss Ärzte und Krankenkassen“, bei dem die Ostpsychotherapie verhandelt wurde. Enke, der mehr oder weniger zufällig vorbei kam, äußerte, dass die intendierte dynamische Gruppenpsychotherapie die am besten elaborierte und evaluierte tiefenpsychologisch fundierte Gruppenpsychotherapiemethode Deutschlands sei. Ein solches gewichtiges Wort brach damals Dämme. Im Jahr 2001 unterstützte er uns auch bei der Herausgabe des Buches über die intendierte dynamische Gruppenpsychotherapie durch ein Vorwort. Hier beschreibt er als ein wichtiges originäres Kennzeichen: … „Die konzeptionelle Ehrlichkeit, bezogen auf das Therapeuten-/Therapeutinnenverhalten (speziell in der Anwärmphase)“. „Operatives Therapeutenverhalten ist in jeder guten Gruppenpsychotherapie unerlässlich. Das sollten Abstinenzillusionisten nicht als Manipulation verunglimpfen.“ Es war dies schon zu der Zeit, als die Intendierte als „stalinistisch“ denunziert wurde. Mir persönlich ist ein typischer „Enke- Ausspruch“ zum Phasenkonzept in Erinnerung: „Ich glaube, ich habe verstanden, was die Anwärmphase ist. Ich habe in den Videoauf-

25 nahmen in meinen Gruppen gesehen, wie blöd ich am Anfang grinse. Ich glaube, das ist die Anwärmphase.“ Als Enke 1998 von „überfälligen Reformen“ sprach und damit die Unterfinanzierung der Gruppentherapie kritisierte, stieß er gesamtdeutsch eine Bewegung an, die in der Gründung des „Berufsverbandes der approbierten Gruppentherapeuten (BAG)“ mündete und ganz erheblich zur Erhaltung der Gruppenpsychotherapie in Deutschland beitrug. 2005 fand in Berlin eine gemeinsame Tagung der Sektionen KuP und IDG zum Thema „Gruppenprozess zwischen Struktur und Chaos“ statt. Dort hielt Helmut Enke einen wichtigen Vortrag, der zugleich viel über diesen Mann aussagt. Er sprach mit „ungeschützten Gedanken“ zur Chaostheorie bei Gruppenprozessen und -phasen einige Probleme an. Das aus meiner Sicht zentrale Problem lautete: „Die Forschungsrealität sieht leider so aus, dass originelle Spekulation, das spielerische Jonglieren mit Hypothesen, hemmungslose Entwürfe zu Gunsten einer hygienischen Beschränkung auf abgesicherte Sachverhalte zu unterbleiben haben.“ Zum Schluss zitiert er: „Also sprach Zarathustra: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“. Mit Kurt Höck verband Helmut Enke nicht nur treue wissenschaftliche Zusammenarbeit und Freundschaft, sondern auch ein Raucherhusten. In den Räumen der Schwarzwaldklinik Schömberg sagte er einmal: „Ich

habe mir gerade vorgestellt, ich würde eine Zigarre rauchen, und schon fange ich an zu husten. Ich bin doch ein alter Hysteriker.“ Im Gegensatz zu Kurt Höck war Helmut Enke nie unser Chef. Insofern konnten wir an ihm ungebremst idealisieren, was seine Herzlichkeit, Weisheit und sein Humor angingen. Ich hatte das Glück, manche gute Stunde mit ihm verbringen zu dürfen und dabei einiges aus seinem Leben zu erfahren: Dass sein Vater Chefarzt der Bernburger Psychiatrie war, wo in unmittelbarer Nähe Psychiatriepatienten ermordet wurden, und wie das zu verarbeiten war… Wie er und ein Kamerad 1945 kurz vor Kriegsende im Berliner Hotel Adlon ihr ganzes Geld ausgaben… Vielleicht ist daraus die Begabung entstanden, sich „auf der Schwelle des Augenblickes niederzulassen wie eine Siegesgöttin“, um auch mit Nietzsche zu sprechen. Inzwischen sind wir Nachgeborenen wahrlich nicht mehr die Jüngsten, dennoch bleiben wir die „vaterlose Generation“, die sich viel mit der Suche nach Vaterbildern herumgeschlagen hat. Helmut Enke bleibt auch nach seinem Tod ein wichtiger „Vater“, der freies Denken, mutige Toleranz, unbekümmertes Spielen und Lebensliebe verkörpert. Und der Tod gehört zum Leben. Danke, Helmut Enke! Für die Trauernden aus der Sektion Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie (ehemals Ostdeutschland) Christoph Seidler, Berlin

26 Auf seiner Todesanzeige stand: Nach monatelangem Ringen und geduldigem Lernen, wie Krankheit und Sterben auf sich zu nehmen sind, starb Prof. Dr. Helmut Enke * 4. 12. 1927 + 1. 5. 2011 Diese Nachricht seiner Familie lässt die Identität dieses Vorreiters der Psychosomatik noch einmal aufscheinen. Der Bereich zwischen Körper und Seele war sein ureigenstes Feld. Aber er sprach auch gerne von Soziosomatik, wohl bewusst, dass Gesellschaft und Gruppe den Menschen und seine Gesundheit beeinflussen. So wurde Helmut Enke auch einer der Mitbegründer des DAGG und Gründungsmitglied der Sektion Gruppendynamik – wie manche seiner Zeitgenossen war er Gruppenanalytiker und Gruppendynamiker zugleich. Als ich am 5. Mai die Todesnachricht – nicht unerwartet, eher ersehnt – erhielt, kamen mir die Tränen und mir wurde bewusst, wie viel ich ihm verdanke. Unter dem Gefühlsgemisch, das Trennung und Abschied charakterisiert, schälte sich Dankbarkeit an erster Stelle heraus. Ich kann und will nicht die äußeren Stationen seines Erfolgslebens beschreiben; dazu sind andere berufener. Aber ich möchte aus meiner Sicht nachzeichnen, was die unvergleichlichen Qualitäten von Helmut waren, den ich in einer großen Bandbreite von Rollen erleben durfte: begeisterter Student, spöttisch-kritischer Praktikant, von ihm als Chef überzeugter Assistent, den Älteren bewundernder Kollege – und dem „Opa Helmut“ meines Enkels Palle. Mit den folgenden Skizzen bleibe ich vielleicht nicht beim klassischen „de mortuis nil nisi bene“, aber es waren auch und gerade die Schwächen, die Helmut für mich zu

einem mit all seinen Ecken und Kanten runden Menschen machte. 1. Meine damalige Freundin und spätere Frau Vera und ich besuchen in den Jahren 1965 und 1966 seine Vorlesungen zur Psychosomatik an der Universität Freiburg. Er war ein Dozent, der nicht hinter dem Katheder stand, sondern engagiert, an- und manchmal aufgeregt den Raum nutzte, hin- und herwanderte, seine Worte suchte, manchmal nach ihnen rang und uns an diesem Ringen teilhaben liess. Damit schaffte er es, uns etwas von dem zu vermitteln, was sein Metier war: Psychosomatik. In Seminaren machte er durch Gespräche mit PatientInnen deutlich, wie Seelisches Körperliches beeinflusst und umgekehrt – und das Ganze noch in der Gesellschaft. Ein Stück Aufhebung der kartesianischen Spaltung. 2. 1966, ich bin Praktikant in der Psychosomatischen Klinik Umkirch bei Freiburg, einer Pionierinstitution in Deutschland. Während sechs Wochen war ich bei den Teamsitzungen dabei, bei denen Theodor Hau und Helmut Enke um die Wette Reval (bei uns hiessen sie nur Rival) rauchten. Aber diese unübersehbare Rivalität bekam stets eine konstruktive Wendung – es war im Bemühen, dem neuen Fach Kontur zu geben, es zu definieren.- Mit Editha Ferchland, Helmuts späteren Frau, arbeitete ich an meiner ersten sozialpsychologisch-gruppendynamischen Studie zur Rangdynamik (nach Schindler) von Patienten in der Hausgemeinschaft und in der therapeutischen Gruppe. Ich leckte Blut, bekam Spass an solcher Forschung und fragte am Ende meines Praktikums, ob er nach dem Diplom eine Stelle für mich habe. Seine Antwort: Leider nein, hier jedenfalls nicht – ich gehe an die neue Universität in Ulm.

27 3. Eineinhalb Jahre später, der erste Kongress des DAGG im Rathaus in Ulm. Ich meldete mich mit Vera an, und als wir bei der Eröffnungsveranstaltung zur Tür hereinkamen, stand er oben auf der Rathaustreppe und tönte mit seiner Stentorstimme durch das ganze Foyer: „Kinder, ich hab zwei Stellen für Euch!“ – Nun ja, wir wurden so etwas wie seine „Kinder“, mit Editha die ersten Assistenten an einer der ersten Abteilungen der neuen Universität, auf der Reisensburg, dem Privatsitz des Gründungsrektors Ludwig Heilmeyer. Sie hieß Abteilung für medizinische Soziologie und Sozialpsychologie. 4. „Ich habe da einen Experten in meiner Abteilung“: Diesen Satz benutzte Helmut sinngemäss recht häufig, wenn es darum ging, in irgendeinem fachlich oder politisch wichtigen Gremium einen Fuss in die Tür zu bekommen. Wenn es dann am nächsten Morgen hiess „in drei Wochen zum nächsten Treffen kann ich nicht, da gehst dann Du“, dann blieb nichts anderes übrig als sich in der Zwischenzeit schlau zu machen, um nicht den Chef und sich selbst zu blamieren. Abgesehen von solchen Gewaltstreichen war Helmut ein sehr ungewöhnlicher und unüblicher Chef. Man konnte mit allen möglichen Forschungsideen kommen, er war fast immer begeistert und fand stets eine Möglichkeit, sie organisatorisch und finanziell zu realisieren. Insofern habe ich bei ihm selbständiges Denken und Forschen gelernt und ihn als einen sehr fördernden, grosszügigen und ermöglichenden Chef erlebt, der auch nie beanspruchte, als Erstautor auf den Publikationen zu stehen. 5. Zweimal hat er mir etwas übel genommen, einmal in Ulm, einmal bereits in Stuttgart. Helmut Enke und Helmut Thomä (Chef der Abteilung Psychotherapie) hatten ein

Stillhalteabkommen, und wir Assistenten hatten ihre unerledigten Konflikte auszutragen. Da habe ich einmal seinen Burgfrieden gestört, indem ich mich mit der anderen Abteilung angelegt habe. Das fand er gar nicht gut. In dieser Situation (und anderen) wurde deutlich, dass er ein überaus konfliktscheuer Mensch war – und auch ein ängstlicher Mensch. – In Stuttgart gab ich meine venia legendi zurück, um einem unwürdigen Geschacher um eine Lehrstuhlbesetzung zu entkommen. Dass ich ihm seinen Wunsch, alle seine „Kinder“ mögen auch Professoren werden, vermasselt habe, das hat ihn wohl gekränkt. Und das tut mir bis heute leid. 6. Seine Konfliktscheu zeigte sich auch immer wieder in den bewegten Jahren nach ‘68. Natürlich solidarisierte er sich mit der Linken – aber ich war nie sicher, ob er auch wirklich dabei war oder nur etwas tat und inszenierte, um dem studentischen Zorn gegen die Professoren zu entkommen. Gelegentlich biederte er sich sogar ein wenig an – aber gerade dieses Ambivalente, gelegentlich Hysterische und Hypochondrische machte ihn liebenswert. 7. Auch eine nächste Stelle verdanke ich ihm. Die Leitungsstelle der neu gegründeten Fortbildungsstelle am Psychotherapeutischen Zentrum Stuttgart-Sonnenberg wurde frei, und nach einem Privatissimum bei der Gründerin Johanna Läpple, bei dem er seinen ganzen Charme einsetzte, hatte ich die Stelle – ohne genau zu wissen wieso. Helmuts Botschaft muss gewesen sein „der Mann taugt was“. Das hat wohl mehr gewirkt als ich selber. – Damit wurde mein früherer Chef mein Kollege, und auch hier habe ich ihn ermöglichend, dem jüngeren Kollegen Hilfestellungen gebend erfahren. Die Leitungssitzungen mit Helmut Enke, Fritz Beese und

28 Hans Jellouschek habe ich in guter Erinnerung. Es war ein nicht immer einfaches, aber durchweg gutes Arbeitsklima. 8. Wasserburg am Bodensee, Sommer 2002: Helmut und Editha Ferchland-Malzahn feiern, zusammen mit ihren jetzigen Partnern, ihre „Silberne Scheidung“, genauer gesagt ihre 25 Jahre nacheheliche Zusammenarbeit auf den Lindauer Psychotherapiewochen. Ein merkwürdiges Fest; beide sagen mir nachher, sie hätten ziemliche Angst gehabt, ob so etwas gelingen kann. Es gelang – es war ein wunderbares Fest, in einem wundervollen Silber, das eine neue Kultur zu begründen geeignet wäre. Es zeigt den Mut Helmuts und Edithas, Ungewöhnliches zu riskieren. 9. Stuttgart, 8. Dezember 2007, in der Akademie: Ein Symposium zu Helmuts Achtzigsten. Prominenz ist anwesend, Helmut deutlich gealtert, verlangsamt. Dennoch scheint er den Anlass rundum zu geniessen:

Zehn Minuten, in einer Ecke, ein ganz wunderbares Gespräch mit ihm allein – ich fühle mich beglückt. 10. Lindau, Frühjahr 2009. Auf dem Bücherschiff treffe ich ihn und Editha – die Lindauer Kooperation hält. Seine witzige, zwar verlangsamte und etwas umständlicher gewordene, charmante Art ist noch präsent, aber die Beschwerden durch das Schaukeln des (im Hafen fest liegenden) Schiffes übertönen die Freude des Wiedersehens. Er wirkt sehr, sehr angestrengt. 11. Stuttgart Degerloch, Sommer 2009. Auf der anderen Strassenseite, zwischen uns eine Blechlawine, sehe ich einen alten Mann, im südfranzösischen Look, eine Baguette unter dem Arm. Ich rufe ihm zu, er hört mich nicht. Ehe die Ampel mir das Queren der Strasse ermöglicht, ist er im Gewühl verschwunden. Klaus Antons, Büsingen

29 Zum Tod von Adolf Martin Däumling 12.2.1917 - 30.6.2011

Es gilt hier Facetten der Persönlichkeit von Alf Däumling zu schildern in denen er uns - als Schüler, Doktoranden und Freunde, Hella Gephart, auch als Vorsitzende des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik – sichtbar geworden ist. Alf Däumling war ein begnadeter Hochschullehrer. Er konnte seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit seinem Schwung und Enthusiasmus und mit der Kraft seines Vortrags anstecken und inspirieren. Selbst wenn es in der Sache unterschiedliche Auffassungen gab, blieben am Ende von Vortrag und Vorlesung das Erlebnis zurück: Er sagt, was er meint, und er meint, was er sagt. Eindrücke von Frische, Lebendigkeit, Erfahrung und Augenmaß stellten sich ein und wir standen unter dem Eindruck, es mit einem gestandenen Mann zu tun zu haben. Alf Däumling war in drei großen Gebieten der Angewandten Psychologie ausgewiesen. Es waren die Klinische, die Forensische und die Arbeits- und Betriebspsychologie, wie die heutige Wirtschaftspsychologie damals hieß. Wir spürten in seinen anschaulichen Vorträgen und Seminaren: Er spricht nicht über Themen, sondern er bewegt sich mit Sicherheit in diesen Feldern der Gesellschaft, und er findet den richtigen Ton. Heute nennen

wir diese Fähigkeit ‚Feldkompetenz‘, und diese wird überwiegend in der Supervision gefordert. Er war damals für uns ein Vorbild, uns daran zu orientieren und uns ebenfalls in unsere jeweiligen Kontexte einzuarbeiten. Er sagte oft fröhlich: “Geht in die Praxisfelder, damit Ihr später wisst, worüber Ihr schreibt!“ und stellte uns dafür großzügig Zeit zur Verfügung, statt sie für sich zu beanspruchen). Alf Däumling ging in der Psychologie von Menschen aus, nicht von Theorien über Menschen. An seiner Maxime „Theoretisch synoptisch, methodisch eklektisch!“ haben wir uns als Assistentin und Assistenten die Zähne ausgebissen. Erst später haben wir die Klugheit und Besonnenheit dieses Satzes verstanden. Denn natürlich verhilft nur die Zusammenschau der Theorien zu einem angemessenen und umfassenden Verständnis der Menschen, und Interventionspläne müssen individuell und methodenvariabel, personen- u. situationsadäquat konzipiert werden. Alf Däumling hat die Übergänge zwischen Normalität und psychischer Erkrankung ausgelotet. Einer der zentralen Inhalte seiner Lehre war die ‚Psychohygiene‘, also der seelische Gesundheitsschutz. Diesen Schutz benötigt der Kranke wie auch der gesunde Mensch, mehr präventiv oder mehr kurativ, aber im Grundsatz in gleicher Weise. Wenn sich ihm gegenüber jemand einmal sehr rücksichtslos verhalten hatte und er uns davon berichtet, was nur selten geschah – dann verzichtete er auf eine pathologisie-

30 rende Etikettierung des Betreffenden und sagte nur zurückhaltend: „Das war nicht fair!“ – nur verhalten enttäuscht, aber auch klar, und ohne vorwurfsvoll daran kleben zu bleiben. Das war eine schöne Formulierung für uns. Denn fair – das ist ja das, was Alfred Adler in dem Begriff des Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck gebracht hat, gleichsam eine Ethik für den Alltag: „Praktiziere Fairness und erwarte sie auch!“ Den gleichen Sachverhalt hat er an anderer Stelle einmal so ausgedrückt: „In der Gruppendynamik geht es darum, den Übergang einzuüben von dem hierarchischem Appell: „Du musst Dich ändern!“ zu dem gleichrangigen Kooperationsangebot: „Wir müssen lernen, miteinander zurecht zu kommen!“ Das Einüben und Praktizieren dieser Maxime war allerdings mit vielfachen Turbulenzen verbunden: besonders in Staffmeetings griff Alf Däumling zu vorgerückter Stunde – also zwischen 23.00 Uhr und später – zuweilen auf seinen Status als Veranstalter, Erfahrener, Professor zurück, was wohl auch deswegen geschah, weil seine Gegenüber das ungewohnte Angebot einer Kooperation auf Augenhöhe exzessiv überdehnten bzw. einen Rollentausch vornehmen. Alf Däumling war Gründungsmitglied des DAGG und auch Leiter der Sektion Gruppendynamik. Später hat er als einfaches Mitglied die wechselnden Vorstände der Sektion mit Klugheit und Erfahrung beraten, loyal und in einer Haltung kontinuierlicher Unterstützung. Alf Däumling hat eine tolerante paradigmatische Offenheit gelebt und gefördert. Er war Psychotherapeut jungscher Prägung, Hochschullehrer und Gruppendynamiker. Er hat aus freien Stücken Verhaltenstherapeuten und personenzentrierte Therapeuten als Assistenten/ Dozenten an das Psychologische In-

stitut in Bonn geholt. Er hat das Psychodrama gefördert und Kontakte mit Ruth Cohn und der TZI gepflegt. Er hat in der Gruppendynamik Raum für eine Methodenvielfalt gegeben: Gestalt- und Bewegungstherapie, Bioenergetik, Kunsttherapie, Paartherapie und Marathontechniken wie auch Meditation – aber nicht aus einer reinen Methodenlust heraus, sondern in der Freude daran, den Blick für das zu öffnen und zu weiten, was andere geschaffen hatten und eigenständig einbringen konnten. Den Mut und die inhaltliche sowie methodische Offenheit, die er dabei an den Tag legte, hat wohl auch manchen überfordert – insbesondere sich emanzipiert wahrnehmende Angehörige der Feuilletonkultur, die ihre Überforderung durch Häme abzuleugnen versuchten. Alf Däumling hat uns zur Selbstreflexion unserer Professionalität eingeladen. Er hat seine Skepsis gegenüber dem Begriff ‚Psychologischer Laie‘ unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, der doch die prinzipielle Unterlegenheit der nichtprofessionellen Hilfe suggeriert. Er hat demgegenüber die Leistung von Ehrenamt und Selbsthilfe herausgestellt und gewürdigt. Er hat uns mit den Phänomenen ‚Blinder Fleck‘ und ‚Berufliche Deformation‘ im Helferberuf vertraut gemacht und uns mit der These‚ Gruppendynamik ist Therapie für Normale‘ zur Selbsterfahrung eingeladen. Alf Däumling war ein Freund klarer Worte Er hat recht früh neben den Vorzügen und Verdiensten der Studentenbewegung auch deren Auswüchse klar benannt. Er hat schon 1972 in einem Gutachten für das Ministerium NRW über die zukünftige Gestaltung des Strafvollzugs einen folgenreichen Satz formuliert: „Das Berufsbild des Justizvollzugs-Beamten wird sich zukünftig

31 weniger am Berufsbild des Wärters (!), des Aufsichtsbeamten oder Polizisten und mehr an dem des Sozialpädagogen und Sozialarbeiters zu orientieren haben.“ Wenige Jahre später hatten sich die Sozialtherapie wie auch ein gewandeltes Verständnis der Forensik etabliert bzw. den Prozess ihrer Etablierung begonnen. Alf Däumling war ein uneigennütziger Förderer. Er förderte seine Doktorandinnen und Doktoranden, selbst wenn sie Themen behandelten, die ihm selbst gar nicht nahe lagen. Er förderte sogar solche Mitarbeiter, die nicht bei ihm, sondern bei Kolleginnen und Kollegen promovierten. Er förderte die Ausbildungs-Kandidatinnen und - Kandidaten der Gruppendynamik. Er akzeptierte das Habilitationsgesuch eines Nachwuchswissenschaftlers, der ihn früher öffentlich mehrfach aufs schwerste attackiert hat. Er erhielt viele Vortrags- und Seminareinladungen, nahm sie gerne an und übernahm die Tür-Öffner-Funktion, und dann gab er sie an uns, die Assistenten weiter, und sagte dazu: „Da könnt ihr als junge Wissenschaftler früh lernen, wie der Alltag aussieht, in dem die Angewandte Psychologie ihre Aufgaben findet!“

Alf Däumling hatte eine leise spirituelle Seite. Er hat sich mit christlicher Spiritualität beschäftigt und die Gesellschaft für Pastoralpsychologie unterstützt. Er hatte Zugang zu der Vorstellung einer möglichen Wiedergeburt. Er hat sich mit Meditation beschäftigt und sprach manchmal verhalten und ahnend von der ‚Anderwelt‘, in der es ein Leben – eben ein anderes Leben geben könne, in gelassener Haltung, auch der Endlichkeit der eigenen Existenz gegenüber. Er hat ohne Furcht um seinen Ruf Vorträge in dem entsprechend ausgerichteten Albert-SchweitzerHaus in Bonn-Bad Godesberg gehalten und frei von Berührungsängsten Bhagwan Shree Rajneesh und Seibaba aufgesucht. Die Menschen, die Alf Däumling kannten und mit denen wir nach seinem Tod über ihn gesprochen haben, sprachen mit Freude, Anerkennung, Bewunderung und Dankbarkeit über ihn. Alle diese Gefühle spüren auch wir selbst ihn gegenüber. Er war und ist für uns ein besonderer Mensch und ein treuer Freund, der auch weiterhin in unserem Leben ein zuverlässiger Wegweiser und Begleiter sein wird. Jörg Fengler, Hella Gephart und Lothar Nellessen

32 Nachruf Werner Greve 21.7.1928 - 13.10.2011

An einem sonnendurchfluteten Sonntagmorgen vor drei Wochen hatte ich ein langes, lebhaft fröhliches Telefongespräch mit Werner Greve. Nun wieder an einem sonnigen Sonntagmorgen mit nun weniger aber herrlich bunten Blättern an den Bäumen sitze ich am gleichen Platz und schreibe an einem Text mit manchem, was ich ihm noch gerne gesagt, ihn gefragt hätte und nun nachrufen möchte. Die großen Verdienste von Werner Greve um den DAGG, dessen Vorsitzender er von 1982 bis 1988 war, hat Gerhard Rudnitzki zu seinem 80 Geburtstag gewürdigt (Matrix 1/2008). In seinen persönlichen Erinnerungen anlässlich 40 Jahre DAGG (Matrix Sonderheft 2007) hat er selber Rückschau gehalten. Ich finde diesen Rückblick für den „Nachruf Werner Greve“ wie auch ein Stück als „Nachruf“ für den sich auflösenden „Arbeitskreis“ (Greve in seinem Rückblick: „Wir sind ja auch kein Verein, sondern ein hoch differenzierter Arbeitskreis“) lesens- und bedenkenswert. Greve in seiner professionellen Identität als Kliniker („ein Mitglied der KuP und dazu noch ein Psychiater“) artikuliert die „Spannungen“, in denen er 1982 in „einer Kampfabstimmung“ gewählt wurde, für ihn „logisch“ als Kliniker. Die „Hahnenkämpfe“ fokussiert er zwischen der „hl Mutter AG“ und den „etwas unerwachsenen Kindern (vor allem KuP)“. So zeigt ihn das für seinen Matrix Beitrag ausgewählte

Bild mit Alf Däumling (Gründungsmitglied des DAGG und langjähriger Vorsitzender der GD) und Jörg Fengler (ebenfalls prominenter Vertreter der GD). Im Subtext gelesen: Da gab es eine eher freundlich kollegiale und professionelle Kommunikation und Kooperieren. Für meine ebenfalls eher klinisch geprägte Sichtweise wird sich in der soeben gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“ zeigen müssen, ob wir die von Greve apostrophierten oder ggf welche anderen Spannungen integrieren können, nachdem wir nun quasi unter uns sind. So ganz allerdings stimmt das mit dem unter uns nicht, denn sowohl aus der KuP und IDG wie aus der AG kommen „neue alte Mitglieder“, die nicht ausschließlich klinisch praktizieren. Das Verbindende könnte eine gruppenanalytische Tradition sein, die auf einer sozialpsychologischen Position ruht, in der Gruppendynamik und Gruppenpsychotherapie um differenzierte Integration bemüht sind. Und hier sind wir wieder bei Werner Greve: Zu seinem 75. Geburtstag (Matrix 2/2003) richtete die Berliner Schlosspark Klinik, deren Direktor und psychiatrischer Chefarzt Werner Greve von 1970 bis 1994 war, ein Symposion aus mit dem Motto: „Wichtigstes Ziel unserer Arbeit ist es, dass in der Gruppe der Mensch am Wir zum Ich werden kann“. Oder: „Die Gruppentherapie als zentraltherapeutisches Medium hatte sich schon in den ersten Wochen des Bestehens der Klinik angeboten“, so Greve selbst in seinen autobiografischen Reflexionen in Matrix 2/2005.

33 Sieglind Schröder hat in einem leider bisher nicht publizierten Bericht zu ihrer 20 jährigen Zusammenarbeit mit Werner Greve als Oberärztin der psychiatrischen Abteilung der Schlosspark-Klinik Rückschau gehalten unter der Überschrift:“ ...und ganztags mitten in der Gruppendynamik.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen außer vielleicht im aktuellen und zukünftigen (?) DAGG Kontext, dass Werner Greve seine praktischen Arbeit als Psychiater und Chefarzt so zu gestalten versuchte wie auch die Zusammenarbeit im „hochdifferenzierten Arbeitskreis“ DAGG, nämlich immer mitten in der Gruppendynamik. 1975 im Rahmen eines DAGG/ÖAGG/SGGG Kongresses in Graz hat Werner Greve eine AG gegründet, die sich der Praxis und Theorie der Gruppentherapie mit chronisch psychisch Kranken widmet. Diese AG ist unter dem Kürzel „Himmelfahrtstreffen“(!) bekannt geworden, besteht bis heute und wird gerade in ihrer langen Geschichte für eine längst fällige Publikation vorbereitet (Nicolas Nowack, Salzwedel). Die Gruppe trifft sich weiterhin jeweils am Himmelfahrtstag zwischen Hamburg, Berlin, Zürich und Wien. In ihrem Kontext entstand zwischenzeitlich eine „Überregionale Weiterbildung in Analytischer Psychosentherapie“, die nicht explizit auf Gruppentherapie ausgerichtet ist. Aber es gibt Kooperationen, worüber Frank Schwarz bei oben erwähntem Symposion (Matrix 2/2003) berichtete. Schließlich gehört zu diesen Projekten, die Werner Greve mit auf den Weg gebracht hat, eine AG „Gruppenpsychotherapie in der Psychiatrie“, die 1996 eine repräsentative Erhebung durchführte. Die 77 der antwortenden psychiatrischen Einrichtungen (von 263 angeschriebenen, Rücklaufquote 30.80 %) gaben in über 90 % an, die verschiedensten Gruppenpsychotherapien (Auflistung in: D. Mattke

et al. (1996) Psychiatrische Praxis 23 ,126-131) in der stationären Behandlung zu nutzen. Leider waren die beiden die Studie tragenden Fachgesellschaften (DGPPN und DAGG) in den 90ziger Jahren zu sehr mit sich selbst und ihren Strukturen beschäftigt, die in der Folge von PTG (1999) und einiger neuer „Psych“Fachärzte die Landschaft der „Psych“-Verbände durcheinander wirbelte. Berufspolitische Verteilungskämpfe eben auch im DAGG verdrängten inhaltliche Projekte und Ziele, wie sie Werner Greve und seinen Mitstreitern am Herzen lagen. Im Jahre 2011 gibt es diese Verbände so nicht mehr und die versorgungsorientierte Gruppentherapie sucht weiter ihren Platz im Verbände-Panorama. Das ist nun nicht mehr Werner Greves Zeit! Trotzdem haben gerade in den Nuller- und Zehner-Jahren des 21. Jahrhunderts viele Kolleginnen und Kollegen gerade aus dem „alten“ DAGG immer wieder Rat und Beratung bei ihm gesucht. Ich erinnere mich gerne an die Treffen mit ihm bei den internationalen Kongressen der IAGP. Er hat sich sogar nochmals vor den institutionellen Karren spannen lassen, als der DAGG sich um die Ausrichtung der 98 und 2000er Kongresse der IAGP bewarb. In beiden Fällen haben wir den Bewerbungspoker aus den verschiedensten Gründen, die Greve in seinem Rückblick beschreibt, verloren. Aber wir „reiften“ zu guten Verlierer auch dank Werner Greve, der seine großen Lebens- und fachlichen Erfahrungen mit Fairness und Maß einbrachte und mit uns kämpfte, obwohl es ihm nicht leicht fiel, dies alles auf Englisch zu artikulieren. Er nennt es in seinem Rückblick 2007 „Horizont-Erweiterung“ für den DAGG. Dabei ist zu bedenken, dass Werner Greve Jahrgang 1928 war, also noch viel näher dran an Nazi-Herrschaft und Holocaust.

34 Lieber Werner, Du wurdest noch im letzten Kriegsjahr als Luftwaffenhelfer eingezogen. Das erfuhr ich erst aus den Kriegsbriefen Deiner Mutter an Deinen älteren Bruder, die Du herausgegeben hast (Werner Greve (Hg): Kriegsbriefe aus Duisburg. Zeitgut Verlag, Berlin 2005). Deine ganz persönliche Aufarbeitung und Betroffenheit bekam ich zu spüren, als wir als kleine deutsche Gruppe beim 2000er IAGP Kongress in Jerusalem „Yad Vashem“ besuchten. Wir hielten uns immer wieder weinend an den Händen und blieben noch lange nach dem Besuch zusammen. Wir haben das nie gruppendynamisch reflektiert. Ich weiß aber noch, dass wir als Deutsche ganz unüblich für internationale Anlässe unter uns bleiben wollten, deutsch sprechen wollten über dieses schreckliche kulturelle Erbe, das nun auch zu unserer Geschichte gehört. Werner, Du warst als unser Senior bei uns, das werde ich mit bis heute nachwirkender existentieller Erschütterung als einen Schatz in meiner Erinnerung an Dich bewahren. So gehst Du nun als unser Senior davon: Großer Bruder, Vater und Deiner wunderbar mütterlichen Art. Ich weiß gar nicht, wer noch da ist aus Deiner Generation im DAGG, den es ja nun auch nicht mehr geben wird. Lieber Werner, ich komme zurück zu unserem Telefongespräch vier Tage vor Deinem für mich zu plötzlichen Tod. Ich habe mich sehr gefreut, als Deine Frau Gisela mir sagte, es sei das letzte Gespräch mit einem Kollegen gewesen, leider auch mein letztes mit Dir. Als Du mir fröhlich über das Telefon zuriefst: „Ja, lesen und telefonieren kann ich noch gut, was machst Du denn gerade, schick mir doch mal was von Dir.“ Das habe ich dann gleich getan und Du hast noch gelesen, was ich gerade im „Psychotherapeut“ über psychodynamische Gruppen geschrieben habe. Leider kann ich es nicht mehr mit

Dir diskutieren. Aber Deine Frau sagte mir, Du hast Dich gefreut und mit dem unvergesslichen Greve-Slang kommentiert: „Du, der Mattke hat mir was aus seiner Küche geschickt, kannst Du das mal ausdrucken?“ Seit Werner Greve bettlägerig war, haben wir in größeren Abständen immer mal wieder telefoniert, zuletzt am 9.10. vormittags. Oft ging es in letzter Zeit um die strukturellen Entwicklungen im DAGG. Es war kurz vor der Gründungsversammlung der „Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“. Er war eigentlich ganz gut informiert, fand ich, sei es durch vorausgehende Telefonate mit Jutta Bohnhorst, „der Bohnhorst“, wie er immer sagte, aber auch durch die Infos der DAGG Geschäftsstelle, die wir zuverlässig erhalten, was er sehr schätzte. „Ja, lesen kann ich noch gut und auch telefonieren.“ Ja, so war er, unser Greve, fröhlich und interessiert, in unserem Gespräch auch ein wenig besorgt und skeptisch, denn er war informiert, dass der DAGG in der Form, wie er ihn mit gestaltet hat am 31.12.2011 aufgelöst wird. „Ja, wie soll das denn gehen? Was wird aus der KuP, was ist mit den „Ostdeutschen?“ Habe ihm dann berichtet, dass in der sich neu gründenden „Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“ die drei klinischen Sektionen zusammengehen. Am 14.10. war der Abschiedsabend der KuP in Berlin. Die anwesenden Kolleginnen und Kollegen haben noch eine Grußkarte geschickt, die ihn nicht mehr lebend erreichte. Am 13.10. 2011 um 5:00 Uhr ist Werner Greve friedlich in den Armen seiner Frau eingeschlafen, wie Gisela Greve mir gerade erzählt hat. Dankwart Mattke

35 Bücher Neuerscheinungen unserer Mitglieder

Anton Hahne (Hg.) (2010): Beratung und Arbeitnehmerinteressen. Europäischer Hochschulverlag, Bremen (Reihe Wismarer Schriften zu Management und Recht).

Mathias Hirsch (2010): „Mein Körper gehört mir … und ich kann mit ihm machen, was ich will“ – Dissoziation und Inszenierungen des Körpers psychoanalytisch betrachtet. Psychosozial-Verlag, 336 S., 34,90 Euro

Mathias Hirsch (2010): Trauma. Psychosozial-Verlag. ISBN 078-3-83792056-7, 138 S., 16,90 Euro

Christoph Seidler (Hg.): Spiel der Geschlechter. Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978–3-525–40169-9, 22,95 Euro

36 Die letzte Seite

Merke wohl die ernsten Worte: Von der Stunde, von dem Orte, treibt dich eingepflanzter Drang. Tod ist Leben, Sterben Pforte, alles ist nur Übergang. Inschrift am Weserwehr Bremen

37 Geschäftsführender Vorstand 1. Vorsitzende: Dr. Hella Gephart, Geislarstr. 28, 53255 Bonn, Tel./Fax: 0228 - 46 29 79, eMail: [email protected] 1. stellvertretender Vorsitzender: Christian Warrlich, Fedelhören 49, 28203 Bremen Tel.: 0421 - 3 36 56 40, Fax: 0421 - 3 36 56 41 eMail: [email protected] 2. stellvertretender Vorsitzender: N.N. Geschäftsstelle Jutta Bohnhorst, Landaustr. 18, 34121 Kassel, Tel.. 0561 - 28 45 67, Fax: 0561 - 28 44 18, eMail: [email protected], [email protected], www.dagg.de Erreichbarkeit: Mo. – Fr. 8.30 – 13.30 Uhr

Sektionsvorsitzende

(Mitglieder des Gesamt-Vorstands) Analytische Gruppenpsychotherapie: Prof. Dr. Ulrich Schultz-Venrath, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Ferrenbergstraße 24, 51465 Bergisch-Gladbach, Tel.. 02202 - 1 22 31 00, eMail: [email protected] Gruppendynamik: Dr. Monika Stützle-Hebel, Eschenweg 11, 85354 Freising, Tel.: 08161 - 53 47 28, Tel. priv.: 08161 - 76 78, eMail: [email protected] Gruppenmethoden in Klinik und Praxis: Prof. Dr. Holger Brandes, Ev. Hochschule für Sozialarbeit, Pf 200 143, 01191 Dresden, Tel.: 0351 - 4 69 02 42 (dienstl.), Tel.: 0351 - 2 17 98 31 (priv.), Mobil: 0171 - 7 34 55 84, Fax: 0351 - 4 71 59 93, eMail: [email protected] Psychodrama: Dipl.-Päd. Helmut Schwehm, Bahnhofstr. 148, 67480 Edenkoben, Tel.: 06323-33 25, eMail: [email protected]

I

m

p

r

e

s

s

u

m

Matrix ISSN 0936-3157 23. Jahrgang 1/2011, Auflage: 1.200 Mitteilungsblatt des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG)

Sozialtherapie und psychosoziale Praxis: Peter Betz, Rhönstraße 15, 63450 Hanau Tel.: 06181-120 320, Fax: 0181-304 265 eMail: [email protected]

Herausgeber: Vorstand des DAGG Redaktion: Dr. Hella Gephart (verantwortlich), Jutta Bohnhorst Satz & Layout: André Schaub, [email protected], Kassel Umschlaggestaltung: Sabine Dilling, Kassel

Intendierte dynamische Gruppenpsychotherapie: Dr. Stephan Heyne, Praxis am Hackeschen Markt, Oranienburger Str. 5, 10178 Berlin, Tel.: 030 - 92 04 79 97, eMail: [email protected]

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Anfragen, Briefe, Manuskripte an die Redaktion in der Geschäftsstelle, Jutta Bohnhorst, Landaustr. 18, 34121 Kassel