Die letzten Tage des Krieges in meinen Heimatdörfern - Erich Bolinius

Die letzten Tage des Krieges in meinen Heimatdörfern - Erich Bolinius

Die letzten Tage des Krieges in meinen Heimatdörfern Jarßum und Widdelswehr Ausschnitte aus meinem Buch „Dörpen, Diek un Dullert“, erschienen im Selb...

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Die letzten Tage des Krieges in meinen Heimatdörfern Jarßum und Widdelswehr

Ausschnitte aus meinem Buch „Dörpen, Diek un Dullert“, erschienen im Selbstverlag 1995, Auflage 1.100, vergriffen.

Up Flüggt na Uttum

April 1945. Ok in Jarßum könt mien Moeder, hör Ollen un hör Süsters dat ofsehn, dat dat mit de "Endsieg" nix mehr word. De Mannlü sünd all in d´ Krieg. Mien Opa Berend neet, de is al toe old, um för Dütsland noch wat toe de Für ruttoerieten. De fröm Soldaten sölen, wenn s´ komen, alls mitnehmen, wat wat weert is, un de jung Frauen sünd vör de Soldaten neet seker, word d´ seggt. Een weet noch mehr as anner. Wat maken, fragen sük in disse Dagen ok mien Grootollen un hör Dochters? Hier blieven of mit de Kinner noch wieder up Land trecken?

Mien Oma Gretje Bolinius ut Petkum, mien Vaders Moeder, is toe disse Tied al mit hör Dochter un anner Verwandtskupp na Warsingsfehn flücht. Dor, so menen se, sünd se sekere as in Petkum, wor de Rieksstraat dörlöppt. Dor mutten de fröm Soldaten lang, wenn se Emden innehmen wölen. Ok Jarßum liggt an disse Straat. "Wi mutten weg," menen mien Moeder un hör Süster Bertha. Mien Tant Bertha harr ´n Wohnen in d´ Jarßumer Pastoree. Van anner Kant Eems harren s´ eerst kört vörher mit n´ Flak skoten un dorbi de Pastoree truffen. Ut versehn? Dat blifft unklaar. Heel Bült Saaken van mien Tant sünd do verbrannt. Mien Tant Bertha, se is noch ´n paar Jahr junger as mien Moeder, harr dorum an meesten Nood för de fröm Soldaten.

"Ik overlegg mi dat noch", se mien Opa, "of ik un Oma mitgahn". "Man uns goed Saaken un dat bietje Geld wat wi spaart hebben, dat doe ik in d´ Tuun vergraben", see he, "dor sölen s` nix van hebben." Un an anner

Dag hett he dat ok all in d´ Tuun verbuddelt. Ok mien Moeder hett Geskirr vergraben un ok Buddels mit Fett. Ja, Ji hebben recht lesen. Dat Fett wurr smulten un dann in Flersen goten. `n Körk drup un dann in ´t Grafft.

Mien Moeder un Tant Bertha hebben för de Reis een Handwagen un `n Kinnerwagen, dor kwamm mien Süster in, klaar maakt. Mien Ootje harr ´n Lüttje Levensmiddelladen, un ut de hebben s´ Bült Eetensaaken för de Flüggt haalt un in d` Handwagen daan. Bold twintig Hönigköken wurren ok inpackt. Natürelk denen wi un ok Oma un Opa slachten. Dorvan wurren Mettwursten, Speck un Skink mitnohmen. De Reis sull na Cirkwehrum of na Uttum in de Krummhörn gahn. Dor harr mien Tant Keli Bekannten, de uns upnehmen kunnen. Dat was de Familie Buurmann. Mien Tant Keli was bi disse riek Familie in de Jungfernbrückstraat in Emden in "Stellung". Frau Buurmann un mien Tant Keli wullen mit Kuuts nakomen.

Ok mien Tant Hanni, se was mit Gerhardus Voogd verheiraadt, wullte sük uns mit hör beid Kinner Bernhard un Margret ansluten. Hör Nichte Johanne Bartels, de siet de Dood van hör Süster Wilhemine bi hör leevde, sull natürelk ok mit. All wsasen s´ over de Dood van Süster "Mimi", se is an 8. April 1945 stürven, noch heel trürig. Hör Dood lagg ok doran, dat hör Mann Johann in April 1944 as Soldat in Rußland fallen was. Dat kunn se neet verwinnen. Hör beid Kinner Rudolf un Hanne wassen nu Vullwaisen. Hanne is bi Tant Hanni un Rudolf bi Oma groot worden. Man nu wieder toe uns Flüggt. Tant Hanni wohnte domaals al in Harsweg. Un Harsweg lagg ja up uns Tour. Smörgens heel up Tied sünd mien Opa, mien Moeder mit mi un mien Süster Ursula, de was do fiev Maant old, mien Tant Bertha mit hörs beid Kinner Annette un Johann un Vedder Rudolf uptrucken. Ik satt in de Hand- un mien Süster in de Kinnerwagen. Mien anner Vedders un Cousinen wassen al all paar Jahr oller un kunnen lopen. In Harsweg hebben wi dann de eerst Paus inleggt. Hebben eeten, gaff Hartskillbohnsopp, un uns eefkes utrüst. An d´ sülvige Dag gung dat noch wieder. Blot mien Opa Berend is neet mitgahn. "Ik gah weer na Huus, laat komen wat d´ will", see he, un do is he weer na Jarßum toerügglopen. Tant Hanni un mien Vedder Bernhard un de Cousinen Margret un Hanne hebben sük uns ansloten. Unnerwegs hebben wi Kinner de heele Dag Hönigkök eeten. Wat smook de lecker. Un de gaff ´t

ja ok neet elke Dag.

In Uttum ankomen, sünd wi eerst all in Konfermandensaal unnerbrocht worden. Dorna wurren wi van de Frau van Pastor Müller in hör Huus upnohmen. De Pastor was noch laat as Soldat in d´ Krieg intrucken worden. Ik kann mi noch goed an de Ruum erinnern, wor wi sleepen. Mussen wi up Gemack, dann kunnen wi dor blot dör de Slaapkamer van d` Pastor henkomen. Heel vörsichtig, Stapp för Stapp mussen wi dann dör de düster Kamer lopen. Dorbi harr ´k alltied Hartkloppen. Weet `k vandaag noch. Is so, as wenn ´t eerst güstern west is. De Frau Pastor wull neet waker worden, dat harr se an mien Moeder seggt. Man de Frau Pastor hett al in de eerst Nacht neet heel föl Slaap kregen. Ik un ok de anner Kinner harren Dörfall. De bült Höngikök, de wi de heele Dag eeten harren, was wall doran Skuld west.

Na ruugweg tein Dag sünd wi al weer na Jarßum toerügg gahn. De Rüggweg was neet so eenfach, as de Flüggt na Uttum. Overall wassen Straatenspeeren. Un so mussen wi `n paar Dörpen umlopen. Opa un Oma wassen blied, dat wi d´ weer wassen. As de Soldaten de Wohnen dörsöcht harren un na ´n paar Daag neet weer kwammen, hett Opa de vergrabene Saaken weer ruthaalt. All was skietnatt worden. Dat Fett in Buddels neet, de wurr weer smulten. De Geldskiens hett Opa an d` Waskelien uphangen, dormit se weer drög wurren. Dat dürs man vandaag seker neet mehr riskeeren. Word toevöl klaut.

De Krieg is ok in mien Dörp ut ©

2. Mai 1945 bi Börgmester Hinrich Cassens´ Huus in Widdelswehr. In d´ Kanal liggt ´n full Munitionsskipp, un up de Ofstellgleis vör d´ Bahnhoff steiht `n beladene Munitionszug. Cassens´ Vörkamer is bit boben hen full Munition, nettso as de Bunker, de 50 m van hör Huus steiht.

Ruugweg 120 Soldaten, ´n Kompanie, hollen sük hier, tüsken Bahnhoff un Cassens´ Huus, up. 10 Soldaten sitten an de MG um anflegende Bombers oftoesketen. Van Pogum skütt de "feindliche" Flak ofuntoe rover. De Soldaten un de Lü, de sük hier uphollen mutten, sitten sotoeseggen up ´n Pulverfatt.

Hinrich Cassens geiht an disse Mörgen na de Soldaten, de an de MG sitten un seggt an hör, "Schießt bloß nicht auf die anfliegenden Tiefflieger. Wenn die zurückschießen, gehen wir alle in die Luft". Un de Soldaten skeeten wahrhaftig neet, as kört dorup over d´ Dullert twee Jagdbombers anflegen komen. Se flegen over hör weg, um dann in ´n Boogen na Westen up Emden daal toe flegen.

Snamiddags worden de Soldaten all heel unrüstig. Se hebben hört, dat de "Feind" al bi Neermör steiht. Dat kann sük blot noch um Stünnen of Dagen hanneln, dann sünd se hier. Un dann komen s` wiß in Gefangenskupp.

De Soldaten un hör "Führers" besluten, oftoehauen. Een Trupp, de sük bi de Familie Cassens in t´ Huus verofskeden, drückt Hinrich Cassens noch ´n Oostfreeslandkaart in d´ Hannen. Kört drup sünd all Soldaten in Richt Uphuser-Hammerk verswunnen.

Keen Stünn later kloppt dat luud an d´ Dör van Cassens Huus. "Sofort aufmachen oder wir schießen durch die Tür", bölkt een Stimm van buten. Hinrich Cassens maakt de Dör open. För hum steiht de GESTAPO. Een bekannte "Ritterkreuzträger" is ok dorbi. "Wo sind die Soldaten geblieben", fraggt een van de Offizeeren. "Das kann ich Ihnen nicht sagen," antwoordt Hinrich Cassens, "ich glaube, die haben einen Abmarschbefehl bekommen". Dorbi hett he düchtig Hartkloppen. He weet dat ja beter, man seggen deit he hör dat neet, dat kunn för hum leep gefahrelk worden. "Wohnung durchsuchen", seggt de Offizeer, de dat toesegen hett. De hele Huus word van unnern bit boben dörsöcht, man Soldaten finnen se neet.

"Das sind Deserteure," seggt de Offizier an Cassens as se in hör Auto stiegen, um oftoefahren, "und alle, auch die diesen Feiglingen geholfen haben zu fliehen, werden standrechtlich erschossen".

Man dorvan is glückelk nix mehr worden. Al paar Daag later sünd de Kanadiers in Widdelswehr inmarskeert.

Angst vör de fröm Soldaten © Was in Maimaant 1945. Dütsland harr nettakkraat de Krieg verloren. Wi harren kapituleert. Up de Petjemer Brügg bi de Gaststee „Slis“ harr an 5. Mai 1945 de Oberleutnant Hans Schulte van de Kriegsmarine de Stadt Emden an de Kanadiers overgeven.. Ik was do 3 1/2 Jahr old. Mien Moeder wohnte mit mi un mien Süster Ursula, de do ´n 1/2 Jahr old was, in de Tied in de Wohnen boben in de Jarßumer Skoel. Mien Vader was ut d` Krieg noch neet weer toerügg.

Al Dagen vörher murk ik, dat mien Moeder und ok mien Tanten heel unrüstig wassen. Wor dat um gung, wuß ik neet. Man dat se Angst harren, dat spörte ik. Later bün ik gewahr worden, dat se Nood för de fröm Soldaten harren. Se meenten, dat de Soldaten hör wat andoen denen. Un inproot worden was hör dat ja faak genug.

An de Dag, wor de Soldaten bi uns in d` Skoel upduukten, kann ik mi, ofwall ik noch so lüttjet was, heel genau an erinnern. "Traumatisches Erlebnis" seggen de Psychologen dortoe. Mien Moeder keek ut Fenster un reep: "Dor komen s´ an". Se snappte mi un mien Süster, un dann sünd wi de Trappen andaal lopen. Heel fell hett se noch de Butendör ofsloten. Dorna gung dat in de Ofstellkamer, de unner de Trappen lagg. Pickdüster was dat dor. Wi satten ´n Settje drin, as wi Stimmen hörten. Un kört drup kloppte dat ok al an de Butendör. Mien Moeder drückte uns nu noch faster ansük. "Segg keen Woord", see se an mi, "dann gahn de Soldaten gau weer weg". Mien Süster sleep fast. Man nu gung dat eerst recht los. De Lü hoden so luud an de Dör, dat uns angst un bang wurr. Mien Moeder trillerte an `t heel Leven. Man open maken dee se de Dör neet. Up eenmal hörten wi een heel luud bölken, un dorna hörs dat

Kloppen toemaal up. Wi sünd noch ´n heel Sett in de Ofstellkamer sitten bleven. Troeten de Free neet. Man as sük na ´n ruugweg halv Stünn nix mehr dee, is mien Moeder alleen na boben gahn, um ut Fenster toe luuren, of de Soldaten oftrucken wassen.

As mien Moeder weer bi uns unner d´ Trappen upduukte, wuß ik, de Soldaten wassen weg. Se sach so blied ut. Ik aber kann siet de Tied neet goed in Rümten wesen, wor keen Fenster in is un wor keen Lücht henkummt. Föhl mi dann so inengt, un faak brekt mi de Sweet dann ut. Glückelderwies gifft dat van süskse Rümten ja neet völ, un ik bruuk ja ok neet ingahn.

Satt Wien un Rum ©

In de "Marschversuchswirtschaft" (heel groot Plaats) in Widdelswehr, wor dütse Soldaten sük ´n lang Tied inquarteert harren, laggen in d´ Keller noch ´n paar full Faaten mit Wien un Rum. De Soldaten wassen, mit Oberleutnant Hans Schulte, de an 5. Mai 1945 de Stadt Emden an de Kanadiers overgeven harr, an de Spitze, gefangen nohmen worden. Up de Wienkeller dee nu keeneen mehr uppassen. De Kanadiers wussen dorvan nix. Bült Widdelswehrster hebben do mit lüttje Emmers un Bummkes sük wat van dit lecker Natt besörgt. Mennig een, de in de lesd Jahren keen Drüpp mehr drunken harr, is in disse Dagen duun worden. Dat Tüg smook so lecker un was ok noch umsünst. Un well wuß, wenn man dat neet gliek upbruukte, of een dat neet weer ofhaalt wurr. Dann lever gliek updrinken un mit Frünnen fieren. Dat was sekerer. De Arbeiders up "Versuch" hebben sük as eerst wat organiseert. De groot Faaten wurren van unnen anstoken, ´n Schlauch dran un dann wurr offüllt.

Ok de Wichter van Börgmester Cassens hebben wat van dat lecker Natt haalt. Un se kriegen vandaag noch strahlende Oogen, wenn se dorvan vertellen. "Man wi hebben ok uns Soldaten, de in Canum un GrootMidlum fasthollen wurren, un de wi ofuntoe besöchten, Rum un Wien in Thermosbuddels mitnohmen," vertellten Lene un Henni Cassens mi. De Besatzungssoldaten harren dorvan nix mitkregen. Keke Flier, so wurr mi

van anner Kant vertellt, harr gliek ´n tein Liter Emmer mit best Rum up "Versuch" full maakt, un was dormit ofhauen. Un Hensmann Bloem harr sogaar ´n 20liter Bumm offüllt. As he murk, dat noch mehr in de groot Faaten was, hett he sien vull Bumm achter n` Heeg up „Versuch“ verstoppt, is in Drafft na Huus lopen um noch `n löß Fatt toe haalen. Man as he dor weer ankwamm, was sien verswunnen. He sall düchtig skullen hebben, muss he doch nu ohn Rum utkomen.

Die letzten Tage des Krieges (erlebt von einem Zeitzeugen aus Widdelswehr)

Rieke Janssen (lange Zeit SPD-Kreistagsabgeordneter im Kreis Leer), ein Vetter meines Vaters, hat die Ereignisse, die Erlebnisse dieser Tage aufgezeichnet. Nachstehend gebe ich seine Schilderungen wieder, geben sie doch ein bezeichnendes Bild von der damaligen Situation wieder. Seine Tochter Alice hat mir die Genehmigung zur Veröffentlichung gegeben.

Fuhrunternehmer Pantekoek macht seine letzte Fahrt

Frühlingswetter überstrahlte die letzten Kriegswochen an der unteren Ems.

Als ich in den letzten Märztagen des Jahres 1945 meine Heimstätte erreichte, fand ich die Haustür verschlossen. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel mit folgendem Vermerk: "Wir sind heute Mittag abgereist. Pantekoek macht heute seine letzte Fahrt." Zahlreiche Familien der Ortschaften an der Bundesstraße 70 an der unteren Ems hatten bereits ihre Wohnungen verlassen, um auf den Fehnen oder anderswo den drohenden Kampfhandlungen zu entgehen. Man vermutete, daß der

Feind über Holland durchs Rheiderland bis an das südliche Emsufer vorstoßen und die Bundesstraße und die Bahnanlagen unter Artilleriefeuer nehmen würde. Pantekoek, der Fuhrunternehmer, hatte mit seinem Lastkraftwagen die letzten Evakuierungen von Widdelswehr und Petkum durchgeführt.

Inzwischen wurden an allen Straßen und Feldwegen Schutzlöcher ausgehoben und Panzersperren errichtet. Sämtliche Brücken wurden mit Sprengladungen versehen und die Straßen an vielen Stellen unterminiert. An den Bahnübergängen und sogar auf den Brücken des Dortmund-Ems-Kanals zwischen Oldersum und Emden lagen schwere Seeminen zum Einbau bereit. Alles in allem ein Bild, das eine totale Zerstörung aufkommen ließ. Zahlreiche um Emden gelegene feste Batterien und neu herangezogenen Feldartillerie ließen erkennen, daß es vor der Stadt Emden noch zu schweren Kampfhandlungen kommen würde. Die wenigen nur splittersicheren Bunker boten nicht genügend Schutz, und in den eigenen Wohnungen fühlte man sich erst recht nicht wohl.

So kam es, daß auf den Straßen eine regelrechte Völkerwanderung einsetzte. Vor allem waren es Frauen und Kinder, die die Straßen mit Fahrzeugen und zu Fuß belebten, um möglichst weit von den Hauptverkehrsadern entfernt Unterkunft zu finden. Oft war es eine gefährliche Reise, denn die zahlreichen Tiefflieger ließen sie vielfach nicht zur Ruhe kommen.

Die letzten Kriegswochen wurden überstrahlt von einem herrlichen Frühlingswetter. Das Feld konnte rechtzeitig bestellt und die Kartoffeln konnten vielfach bereits im Monat März gepflanzt werden. Dies war insofern erfreulich, als sich später wegen des ständigen Artilleriebeschusses keiner mehr auf den Acker wagte. Die Vorgärten zeigten sich im schönsten Frühlingsschmuck. Auf den weiten Wiesenflächen der fetten Marschweiden hatten die vielen Marienblümchen unter dem friedlichen Wirken der gefiederten Sänger ihre freundlichen Augen aufgetan. Das Vieh konnte schon recht früh auf die Weide getrieben und somit oftmals aus der unmittelbaren Gefahrenzone in den weiten Hammrich evakuiert werden.

Die Front rückte näher

Allmählich rückte die Front näher und näher an den unteren Emslauf heran. Ähnlich wie am 10.05.1940 war von der holländischen Grenze her Kanonendonner zu hören. Bis eines Tages die feindlichen Truppen über Bunde, Ditzumer-Verlaat, Jemgum und Critzum den Fährort Ditzum erreichten. Die zurückgebliebene Bevölkerung dieses Ortes flüchtete größtenteils in die Räume der Ziegelei. Vom rechtsseitigen Emsufer sah es recht gefährlich aus, wenn leichte und schwere Granaten auf dem Fabrikgelände ihre Opfer suchten.

Auch aus Richtung Leer kamen unangenehme Mitteilungen. Über das Dorf Esklum, das schwer zu leiden hatte, stießen polnische und kanadische Truppen über den Unterlauf der Leda vor und drangen in die Stadt Leer ein. Auf ihrem Vormarsch wurden neben Esklum vor allem auch die an der Bundesstraße 70 gelegene Ortschaften Großwolde, Steenfelde und Folmhusen hart mitgenommen. Viele Emder, die glaubten, ihr Hab und Gut sicher in dieser Gegend untergebracht zu haben, sind bitter enttäuscht worden. Was nicht durch die unmittelbaren Kampfhandlungen verloren ging, verfiel der Beschlagnahme oder landete irgendwie in fremden Händen. Die herrliche, der Landschaft so gut angepaßt und im Jahre 1933 eingeweihte Straßenbrücke über die Leda und die zweigleisige Eisenbahnbrücke lagen wie die bei Hilkenborg und Leerort in Trümmer. Einige Zeit vorher hatte ein schwerer Bombenteppich die Kasernenanlage stark zerstört.

Schon nach wenigen Tagen hieß es im Wehrmachtsbericht: "Nach harten Kämpfen an der unteren Ems ist die Stadt Leer aufgegeben worden."

Als ich die Durchsage dieser Rundfunksendung an einem Aprilsonntagnachmittag hörte, brach ich sofort meinen kurzen Sonntagsbesuch bei den freundlichen Wirtsleuten in Warsingsfehn ab und begab mich auf dem schnellsten Wege in Richtung Emden. Das

Landschaftsbild wechselte ständig. Neermoor war wie ausgestorben und sein Bahnhof durch Bombentreffer stark beschädigt. Dir Ortschaften längs der Bundesstraße lagen vom jenseitigen Emsufer unter leichtem Artilleriebeschuß. Prachtvolle Tiere waren Opfer des noch in diesem Raume geführten nutzlosen Krieges geworden. Die auf den Weiden grasenden Milchkühe fühlten sich sichtlich wohl, wenn jemand kam, um ihnen die Milch abzuzapfen. Die zurückgebliebenen Dorfbewohner wußten mit diesem wertvollen und begehrenswerten Nahrungsmittel oftmals nichts besseres anzufangen, als es wegzuschütten. Nachdem die Molkereien ihren Betrieb eingestellt hatten, kam es darauf an, vor allem die Tiere zu erhalten. Auf einzelnen verlassenen Bauernhöfen schrien die hungrigen noch im Stall verbliebenen Tiere nach Futter.

Ja, die Natur, die sich draußen mit ungeheuerer Kraft in Bewegung setzte, verlangte auch im Stall ihre Erfüllung. Dies kam mir so recht zum Bewußtsein, wenn ich nachts bei herrlichem Mondschein und bei schönem, ruhigem Frühlingswetter mit dem geliehenen Einspänner durch die Gegend fuhr, um die Versorgung mit den Evakuierten aufrechtzuerhalten. Auf den Straßen des Fleckens Oldersum war kaum ein Mensch zu sehen. Ein schwerer Bombenangriff hatte zuvor mehrere Tote hinterlassen und einen erheblichen Gebäudeschaden verursacht. An den vier Brücken standen Volkssturmmänner, um gegebenenfalls auf Befehl die Lunte an das eigene Pulverfaß zu legen. Die Spuren des letzten Bombenangriffs auf die Petkumer Batterie waren noch deutlich sichtbar.

Der Riegel war fest geschlossen

Petkum lag in der Nacht vom 24. zum 25. 04. erstmals unter den Granatwerferfeuer Ditzumer Geschützstellungen. Viele Einwohner waren in den Hammrich geflüchtet und andere mit einem Schiff in Richtung Ihlow hinausgefahren. Ein Ausweichen in östlicher Richtung war nicht mehr möglich. Dieser Riegel war nunmehr fest geschlossen. Die Unentwegten hielten aus in der Hoffnung, auch die letzte bittere Pille noch schlucken zu können. Als ich meinen 82 Jahre alten Vater allein in seiner kleinen Küche antraf, antwortete er mir auf meine Frage, ob er

sich nicht auch in Sicherheit bringen wolle: "Wenn uns leve Heer mi haalen will, dann kann he mi overall finden; ik bliev hier." Er war nicht der einzige, der in diesen letzten Apriltagen des Jahres 1945 so dachte. Vor allem viele ältere Leute verließen nur höchst widerwillig ihre Behausung oder die kleinen Splitterbunker.

In Widdelswehr hatten sich die ausländischen Arbeitskräfte im Keller der Marsch-Versuchswirtschaft friedlich zusammengefunden. Nach der allgemein guten Behandlung in den bäuerlichen Betrieben hatten sie nur den einen Wunsch, die letzten Kriegstage heil zu überstehen.

Während alle ihrer Heimat zustrebten, blieb ein Pole zurück, der heute (1955) noch bei dem Landwirt Ontjo Goemann, dem damaligen Bürgermeister, beschäftigt wird. Für ihn ist offenbar Ostfriesland eine feste Heimat geworden. Neben vielen ZuFlüggtsstätten weitab von der Hauptverkehrsstraße suchten Teile der Bevölkerung Schutz in einer Siedlung am Fehntjer Tief. Andere lagen in dem großen allerdings auch nur splittersicheren (das stimmt nicht, der Verf.) Bunker der Abfüllanlage für Nebelgase beim Bahnhof Petkum. Widdelswehr selbst lag unter dem direkten Beschuß feindlicher Batterien von Pogum. Mehrere Häuser erhielten Volltreffer.

... von Oldersum kamen die Panzer

Das Dachgeschoß der Pastorei, von dem man einen guten Überblick über das jenseitige Emsufer hatte, wurde von einer Granate durchbohrt. Die Bundesstraße in Richtung Emden, die bis zuletzt noch täglich von Radfahrern, die ihre Arbeitsstelle in Emden aufsuchten, befahren wurde, erhielt mehrere Volltreffer, abends verstärkte sich regelmäßig das Artilleriefeuer. Neue Infanterie- und Batteriestellungen wurden ausgehoben und Feldgeschütze herangefahren.

Als endlich am 08. Mai die Feindseligkeiten eingestellt und die feindlichen Panzer ungehindert von Oldersum kommend in Richtung

Emden vorüberfuhren, atmete die Bevölkerung auf.

Heimfahrt mit Knoop

Am Abend des 24. April 1945 konnten wir vom Deich an der Fährstraße zu Petkum am jenseitigen Emsufer einen schweren Kampf beobachten. Es ging offenbar darum, eine in Critzum oder Oldeborger Siel gelegene Panzersperre zu durchbrechen. Auch die Emder Batterien beteiligte sich an diesen letzten Kämpfen. Schließlich mußte der Widerstand der deutschen Truppen aufgegeben und die Straße in Richtung Ditzum Pogum den heranrückenden feindlichen Verbänden überlassen werden. Dieser letzte schwere Kampf kurz vor der Mündung der Ems in den Dollart verursachte in Critzum selbst erhebliche Gebäudeschäden.

Artillerie stellte Feuer ein

Um den weiteren Verlauf der Kämpfe am jenseitigen Emsufer beobachen zu können, begab ich mich durch die menschenleeren Dorfstraßen gegen Mitternacht zum Jarßumer Hörn, Pogum schräg gegenüber.

Inzwischen war es ruhiger geworden. Die betonierten Maschinengewehrnester, die heute (1955) noch auf dem Deich längs der Ems zu sehen sind, blieben unbesetzt. Die Artillerie hatte beiderseits das Feuer eingestellt. Auch die Pogumer Batterie blieb stumm. Man sprach davon, daß ihre Stellung gesprengt und dabei ein Geschütz unversehrt geblieben sei.

Den Dollart und die Ems im Rücken war es für die deutschen Soldaten schwer, sich aus diesem Zipfel des Rheiderlandes abzusetzen. Dennoch landeten einige Soldaten schlickverschmiert am rechtsseitigen Emsufer. Die Sturmboote, die im Herbst 1940 das schmutziggraue Emswasser mit ungeheurer Geschwindigkeit blitzartig durchfuhren, um für die Landung in England zu proben, standen jetzt nicht zur Verfügung.

Vergrabene Lebensmittel

Obwohl die Bevölkerung schon alle Möglichkeiten ausgenutzt hate, ihre wertvollste Habe in Sicherheit zu bringen, gingen die wenigen noch zurückgebliebenen Dorfbewohner dazu über, den noch vorhandenen Rest, vor allem Lebensmittel, in Behältern zu vergraben oder sonstwie vor irgend einem Eingriff zu schützen. Was auf diesem Gebiet an raffinierten Tricks ausgedacht und in die Tat umgesetzt worden ist, mögen die geneigten Leser in Plauderstündchen selbst zum besten geben.

Nachdem die Verbindung mit dem Kreisernährungsamt Leer unterbrochen war, erteilten die örtlichen Kartenstellen den noch verbliebenen Kaufleuten den Auftrag, den Bestand an Lebensmitteln an die Bevölkerung auszugeben.

Unerschrockene Frauen im Kampfgebiet

Die Zeit vom 25. April bis zum 08. Mai war ausgefüllt mit Begebenheiten von geschichtlicher Bedeutung. Besonders unangenehm wurde in den Orten längs der Bundesstraße 70 an der unteren Ems der direkte Beschuß vom jenseitigen Emsufer empfunden. Zahlreiche Häuser erhielten Volltreffer. Die im Bereich des Artilleriefeuers grasenden

Viehherden erlitten starke Verluste. Die zurückgebliebenen Frauen und Männer bemühten sich nach Kräften, die letzten Kriegstage in den splittersicheren Bunkern möglichst heil zu überstehen. Jede Rauchentwicklung mußte vor allem am Tage vermieden und jede Deckung gegen Sicht ausgenutzt werden. Neben den verbliebenen Männern waren einige Frauen unerschrocken tätig. Auch meine Nachbarin Frauke (das war Frauke Hattermann, geb. Brungers d.Verf.), die als eine der wenigen Frauen unentwegt im Kampfgebiet verblieb, ließ es sich trotz des oftmals recht starken Streufeuers der feindlichen Artillerie nicht nehmen, ihren Haushalt zu führen und die Tiere auf der Weide selbst zu versorgen. Wenn wir uns morgens trafen, wurde weniger das Wetter als das Kriegsgeschehen erörtert und immer wieder der Wunsch zum Ausdruck gebracht, die Führung möge doch endlich mit dem nutzlosen Kampf Schluß machen. Dabei umkreisten Fraukes Gedanken Ayenwolde, den ZuFlüggtsort ihrer nächsten Angehörigen.

Kampfhandlungen eingestellt

Am Morgen des 8. Mai war es dann so weit. Etwa gegen fünf Uhr wurde uns durch Wehrmachtsangehörige mitgeteilt, daß die Kampfhandlungen um sechs Uhr eingestellt würden. Dies war also der zweite Waffenstillstand, den viele von uns mit einer schweren deutschen Niederlage erlebten. Mir kam der Gedanke, daß der Erste Weltkrieg am 08.11.1918 sein Ende fand. Ich stand damals als Infanterist in der ersten Kampfstellung vor Coven in Belgien. Kurz und bündig teilte uns damals der Ordonanzoffizier mit: "Sofort Gewehre entladen, um 11.45 Uhr sind die Feindseligkeiten aufgehoben." Wer konnte damals ahnen, daß nach knapp 27 Jahre ein neuer Weltkrieg eine viel größere Katastrophe für Deutschland bringen würde.

Die Nachricht über die Waffenruhe verbreitete sich sehr schnell. Alsbald kehrten zahlreiche Bewohner aus dem Hammrich und anderen abgelegenen Plätzen in ihre Behausung zurück. Mein erster Versuch, über die an mehreren Stellen gesprengte Bundesstraße 70 nach Neermoor oder Warsingsfehn zu gelangen, mißglückte. Die Sprengung von vier Straßen- und drei zweigleisigen Eisenbahnbrücken in und um Oldersum machte das Vorwärtskommen sehr schwierig. Der Versuch, über ein schmales Brett an das andere Ufer des Oldersumer Sieltiefes in

Richtung Rorichum zu gelangen, endete mit einem unfreiwilligen Bad bis zu den Hüften. Nur mit Mühe gelang es mir, nicht ganz zu versacken und mich und mein Fahrrad zurück auf das Trockene zu bringen.

Truppen rücken an

In Oldersum selbst war es schon recht lebhaft. Als ich gegen zehn Uhr morgens den Ort betrat, standen Bürgermeister Riemann und Pastor Leemhuis im ernsten Gespräch auf dem alten Marktplatz. Sie warteten offenbar auf das Eintreffen der ersten kanadischen Truppen, die mir bereits einige Minuten später auf dem Wege zu dem genannten Sieltief (Kleiborg) mit Maschinenpistolen unter dem Arm im Gänsemarsch begegneten.

Die etwa 70 Oldersumer, die allein auf Ibbenwarf bei Tergast unter ärztlicher Betreuung ZuFlüggt gefunden hatten, und die übrigen ausgewanderten Bewohner kamen truppenweise in den Flecken zurück. Viele von ihnen verließen ihn erst etwa eine Woche vor dem Waffenstillstand, als Oldersum Kampfgebiet wurde. Hier lagen sich die kanadischen Truppen und die deutschen Infanteristen bis zuletzt gegenüber. Während die kanadischen Gruppen und später auch die polnischen Truppen Rorichum als erste Reservestellung besetzte, zogen sich die deutschen Reserven in die Wohnhäuser des Fleckes zurück. Leider mußten bei den Kämpfen um Rorichum, Oldersum und Tergast auch noch einige junge deutsche Infanteristen ihr Leben lassen.

Als ich meinen unfreiwilligen Rückzug in Richtung Emden ausführte, war die Bevölkerung damit beschäftigt, die restlichen Lebensmittel der Petkumer Batterie und der Marsch-Versuchswirtschaft zu verteilen. Besonders größere Mengen an Rum hatten die deutschen Soldaten zurückgelassen. Findig ließ man einen Schlauch durch die Spundlöcher der Fässer, sog die Flüssigkeit mit dem Munde an und füllte die Eimer mit diesem starken Getränk.

Häuser in Sprengtrichter

Am anderen Tage konnte ich Neermoor bzw. Warsingsfehn über die Bundesstraße mühelos erreichen. Überall waren Pionierbrücken geschlagen worden. Im alten Kampfgebiet hatten die Kanadier mit schweren motorisierten Geräten ganze Häuser in die großen Sprengtrichter der Straße verschwinden lassen. Erhebliche Gebäudeschäden entstanden noch durch die Sprengung der zahlreichen Panzersperren. Bei Düppré in Rorichum und bei der Mühle in Neermoor waren größere feindliche Heerlager zu sehen. Längs der Bundesstraße lagen unzählige Pferde und Rinder tot auf den Weiden, davon eine ganze Herde in unmittelbarer Nähe von Middelsterborg.

Schon nach wenigen Tagen war der Weg in die Heimat frei. Alsbald konnten die Wagen von Knoop, Borßum, beladen und das unfreiwillige, zeitweise allerdings auch von Artilleriebeschuß und erstem Besatzungsfieber heimgesuchte, aber für viele immerhin angenehme und dankbare Exilgebiet in Richtung Emden verlassen werden.