Die »Nationalsozialistischen Monatshefte« und »Volkstum und Heimat

Die »Nationalsozialistischen Monatshefte« und »Volkstum und Heimat

1 Die »Nationalsozialistischen Monatshefte« und »Volkstum und Heimat«. 1 Wenn im Rahmen dieses Bandes zwei NS-Zeitschriften vorgestellt werden, sind ...

207KB Sizes 0 Downloads 5 Views

Recommend Documents

Paul Celan und die "Fremde der Heimat"
von Nelly Sachs zurückgenommen. Aber der Vorwurf hat Celan lebenslang be- schäftigt. Ging es ihm doch nicht um. Metaph

Kirchhain und „Die Langen Hessen“ - Heimat- und Geschichtsverein
Hier wurde die Ohm bei der Brücker Mühle überquert und durch den. Brücker ... besonders zu befestigen: Hier ist der

HEIMAT UND FREMDE
Philosophisch-Theologische Hochschule Münster. Kirchlich und staatlich anerkannte Hochschule der Deutschen Kapuzinerprov

Natur und Heimat - LWL
ihren guten Ruf beweisen; und schließlich sind auch die Bilsteinhöhle bei Warstein und die Reckenhöhle im Hönnetal manch

Natur und Heimat - LWL
Anschrift des Verfas.sers: Hans Bäppler, am Wall 17, 5962 Drolshagen. 142' ... a) Otto-Friedrich von Schönberg, Gut ...

Natur und Heimat - LWL
Der EITeger der bizarr geformten Knopperngalle (Abb. 1) ist die Gallwespe. Andricus quercuscalicis (Burgsdorf, 1783). Di

Natur und Heimat - LWL
den Wäldern an der Glörtalsperre (THIENEMANN 1912). Abgesehen von dem hier mitgeteilten Fund wurde die Art seit den Thie

Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau
Das Bürogebäude „Glückauf" ist von der Stadt Essen geschaffen, um dem ..... (In Zusammenhang mit dem Kölner Hochhaus-Wet

Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau
Die Wohnhäuser des Berliner Architekten Rudolf Fränkel zeigen ruhige Fassadenbildung, die durch den glücklichen Um- stan

Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau
Abb. i I Betriebsbahnhof der Straßenbahn in Berlin-Charlottenburg / Architekt: Jean Krämer, Berlin / Die Oberlichtaufbau

1

Die »Nationalsozialistischen Monatshefte« und »Volkstum und Heimat«. 1 Wenn im Rahmen dieses Bandes zwei NS-Zeitschriften vorgestellt werden, sind zuvor einige wichtige, teils selbstverständliche Unterschiede zur Zeitschriften- und Netzwerk-Situation des konservativen Milieus von den 1890er Jahren bis zum Anbruch der NS-Zeit zu nennen:

1) In der NS-Gesellschaft gab es die Binnendifferenzierung der Öffentlichkeit in Teilkulturen nicht mehr. Konterdiskurse zu nationalsozialistischen Ideologie-Positionen waren entweder modal, illegal oder exterritorial. 2) Die beiden zu untersuchenden Zeitschriften »Volk und Heimat« und »Nationalsozialistische Monatshefte«, die erste im rechtskonservativen Heimatschützer-Milieu entstanden, die zweite genuines NS-Produkt, besaßen in der Zeit des »Dritten Reiches« offiziöse Funktionen; hinter ihnen stand die Macht. 3) Bei der Frage nach der Rezeption von Zeitschriften im Nationalsozialismus ist Auflagenhöhe kein Indikator, da der Leserschaft die Wahlmöglichkeiten republikanischer Zeit genommen waren. Die vorzustellenden Zeitschriften wurden von Staats wegen gedruckt und verteilt; sie konnten sich während des Krieges und der damit verbundenen Papierrationierung als einem zusätzlichen Steuerungsinstrument für eine nur mehr rudimentäre publizistische 2 Öffentlichkeit besonderer Begünstigungen erfreuen. 4) Eine Vielzahl von Artikeln in den beiden Zeitschriften rechnete genau mit dem Milieu des publizistischen Konservatismus ab, das in diesem Band zu untersuchen ist. Aber nur auf den ersten Blick fällt damit die Analyse aus dem vorgegebenen Rahmen; denn wir sehen die »konservative Presse und ihre Netzwerke« im verzerrenden Rückblick nazistischer Ideologie-Vortrupps: In den »Nationalsozialistischen Monatsheften« und in »Volkstum und Heimat« wird der publizistische Konservatismus auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, und zwar von ideologisch strammen Autoren, die sehr viel jünger gewesen sind als die Angegriffenen oder sich vor 1933 teilweise selbst in der nun bekämpften Szene bewegt hatten. Bei solchen Autoren erkennen wir überangepasste Renegaten-Anstrengung an eine nun opportune Ideologie mitsamt den gebotenen Karrierechancen. Mit den »Nationalsozialistischen Monatsheften« (folgend: NsM), dem Ideologie-Organ des Amtes Rosenberg, und mit »Volkstum und Heimat« (folgend: VuH), dem Brauchtums-Organ der Deutschen Arbeitsfront / »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude«, haben wir zwei monatlich, im Kriege zweimonatlich erscheinende Zeitschriften vor uns, deren Grundlinien - Hypostase des rassischgermanischen Volkes, biologistisches Untergreifen historischer und gegenwärtiger Vorgänge - sich deckten. In VuH sollte sogenanntes Volksbrauchtum bewahrt und auch aus vermeintlichen histori1

Publ. in: Michel Grunewald, Uwe Puschner (Hg.), Le Milieu Intellectuel Conservateuer en Allemagne, sa Presse es ses Réseaux (1890 – 1960) / Das konservative Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1890 – 1960), Bern 2003, S.575-616. 2

Z. B. wurde 1942 für das ideologienahe Werk des Leiters der »Ahnenerbe«-Lehr- und Forschungsstätte für Alte Geschichte, Prof. ALTHEIM, Der Hirsch in der indogermanischen Frühgeschichte - 200 Seiten Text, 500 Seiten Kunstdruck - eine Auflage von 6.000 vorgesehen. (BAB , NS 21-121, Ahnenerbe-Stiftung Verlag an Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, 30.11.1941, Verlagsplanung für erstes Halbjahr 1942.)

2 schen Überresten für eine populäre nationalpädagogische Volkstumsarbeit konstruiert werden. Das Feld der NsM war der gesamte Ideologie-Bereich des Nationalsozialismus. Die Zeitschrift begleitete die politischen Entscheidungen des Regimes oder bereitete sie argumentativ vor. Das Betrachtungsspektrum des expliziten Ideologie-Organs NsM war demgemäß breiter als jenes von VuH, dem expliziten Brauchtumspflege-Organ und eher impliziten Ideologie-Organ. Bei NsM war die Funktion des ideologischen Schäferhundes stärker ausgeprägt, wogegen VuH in dieser Hinsicht regelrechte Schnitzer unterliefen. Wenden wir uns diesen Zeitschriften unter drei Aspekten zu: I. Publikationsgeschichtlich; II. inhaltsbezogen; III. prosopographisch, also personenbezogen.

I. Publikationsgeschichtlich. Die NsM erschienen von 1930 bis 1944 als Theorie-Organ des Amtes Rosenberg. Alfred Rosenberg war die ganze Zeit über »Schriftleiter«, Hitler bis Ende 1933 Herausgeber. Kurz bevor Hitler Rosenberg im Januar 1934 offiziell mit der »Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP« beauftragt hatte, gab NSDAP-Reichsleiter Amann im NsM-Editorial vom November 1933 bekannt:

Ab 1. Januar 1934 werden die Nationalsozialistischen Monatshefte wesentlich ausgebaut und im doppelten Umfang erscheinen. Ich weise darauf hin, dass die Nationalsozialistischen Monatshefte die einzige zentrale parteiamtliche politische u. wissenschaftliche Zeitschrift der NSDAP sind. Außer den Nationalsozialistischen Monatsheften ist keine politi3 sche und wissenschaftliche Zeitschrift parteiamtlich anerkannt. Welcher Ideologie-Anspruch der NsM damit verbunden war, geht aus einer beliebig gewählten Charakterisierung ihres Schriftleiters Rosenberg hervor: Er sei der »vom Führer des deutschen Volkes bestellte Hüter der Reinheit unserer Weltanschauung«, der »unermüdliche Kämpfer und Bahn4

brecher für eine nationalsozialistische Lebensgestaltung«. Folglich befassten sich die NsM mit ideologie-zentralen Fragen. Unregelmäßig wechselten dabei NsM-Hefte mit Titelbeiträgen und mit Themenmix. NsM-Titelbeiträge im Jahre 1933:

-

3

»Das Wesen des Faschismus. Das neue Italien an der Arbeit« 6 »Novemberverbrecher«

5

Unterstreichung im Original.

4

Ehrenbürgerbrief der Stadt Düsseldorf für Alfred Rosenberg vom 2. Juni 1938, zit. n.: Rosenberg Ehrenbürger von Düsseldorf. In: NsM, H. 101, August 1938, S.63. 5 6

H. 36, März 1933. H. 37, April 1933.

3 7

»Richard Wagner« 8 »Das neue Deutschland und die Kunst« 9 »Die USA und wir« 10 »Die deutsche Saar«

-

Zu den ständigen NsM-Rubriken zählte »Kritik der Zeit« - Medienbeobachtung, propagandistische Politikbewertung, ideologische Umschau mit aktuellen Berichten, kurzen Leitartikeln zum politischen Geschehen und ideologisch-theoretischen Marginalien. Diese Marginalien sollten entweder von leitender Stelle aus Akzente setzen oder Nachwuchsideologen eine Profilierungschance bieten, bevor sie in den Aufsatzteil aufsteigen konnten. Weitere Dauerrubriken waren die Rezensionsteile »Das Buch« und die »Zeitschriftenschau«. Zusätzlich wurden Gedichte abgedruckt - entweder von 11

verstorbenen Größen der Bewegung, so Dietrich Eckart (»Parlamentarier« ), oder von nationalso12

zialistischen Nachwuchslyrikern (»Mütter, wir müssen marschieren« ). Der Lyrik und Sprachpflege generell widmete sich der NS-Funktionär und »Alte Kämpfer« Gottfried Neeße in den Jahren 1943 und 1944.

13

Ab 1935 erschien die NsM-Schriftenreihe »Nationalsozialistische Wissenschaft«,

die in ausführlicherer Form ideologischen Gravamina gewidmet war und teils Auskoppelungen oder Langfassungen bereits erschienener NsM-Artikel enthielt. Die Reihe begann 1935 mit Heft 1, »Rassendämmerung und ihre Meisterung durch Geist und Tat als Schicksalsfrage der weißen Völker« von Karl Astel. Heft 3 (1935) war von Lothar Stengel-von Rutkowski verfasst und trug den Titel »Hans F. K. Günther, der Vorkämpfer für den nordischen Gedanken«, aus der Feder Matthes Zieglers stammte Heft 4 (1936): »Volkskunde auf rassischer Grundlage. Voraussetzungen und Aufga14

ben« . Im Gegensatz zu den NsM als einer nationalsozialistischen Eigengründung war VuH Fortsetzung der 1893 von Heinrich Sohnrey (1859-1948), dem völkischen Schriftsteller, Publizisten und Sozialreformer, gegründeten Zeitschrift »Das Land«. Selbstverständlich haben die Apologeten Sohnreys hinsichtlich der Zeitschriften-Übernahme durch die Nationalsozialisten von einem schamlosen 7 8 9

H. 40, Juli 1933. H. 43, Oktober 1933 H. 44, November 1933.

10

H. 45, Dezember 1933.

11

»Wie jämmerlich das alles ist, / Der ganze Dunst von Lug und List! / Das nickt sich zu und winkt sich zu / Und jeder denkt: Du Schurke Du!« (NsM, H. 49, April 1934, S.312.)

12

NsM, H. 75, Juni 1936, S.60 (entnommen aus H. Menzels Gedichtband In unsern Fahnen lodert Gott).

13

Schrifttum zur Spracherziehung - Bericht und Wertung. In: NsM, H. 158, Juli / August 1943, S.40-48; Kunstwerk Spruch. In: NsM, H. 161, 1. Doppelheft 1944, S.31-41; Liebe zum Gedicht. In: NsM, H. 163, Drittes Doppelheft 1944, S.37-41. 14

Dem war in den NsM vorausgegangen: Matthes ZIEGLER, Volkskunde auf rassischer Grundlage. In: NsM, H. 53, August 1934, S.7-13.

4 Coup gesprochen, aber Sohnrey selbst war im Laufe seines langen Lebens immer rechtsextremer geworden, und im Juli 1938 hieß es in VuH zu dessen 80. Geburtstag, sein Werk reiche nicht allein zeitlich, sondern auch dem Sinn und Wesen nach unmittelbar in die nationalsozialistische Zeit hinein - »wir können wohl noch bei ihm in die Schule gehen«. VuH erschien von 1934 bis 1944. Dahinter stand die Deutsche Arbeitsfront / »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« / Amt Volkstum und Heimat. Als Hauptschriftleiter fungierte zunächst Werner Haverbeck, dann Wolfgang Hirschfeld, schließlich Walter Stang. Herausgegeben wurde das Blatt von der Deutschen Arbeitsfront. Ein Arbeitsfront-Organisationsschema der mit »Brauchtumsarbeit der nationalsozialistischen Volks15

tumsarbeit beauftragten Dienststellen« zeigt, in welches Netzwerk VuH eingebunden war :

I. ) NS-Arbeitsgemeinschaft »Kraft durch Freude« der Deutschen Arbeitsfront: 1) Leiter des Reichs-Amtes: Pg. Werner Haverbeck (Herausgeber von VuH). (Kanzlei: Berlin, Herwarthstraße 4) 2) Fachstab / Hauptreferate: 2 a) Brauchtum und Volkskunde 2 b) Tanz 2 c) Volkskunst 2 d) Schrifttum 2 e) Fest und Feier 2 f) Volksspiel 2 g) Bildende Kunst 2 h) Film 2 i) Musik 2 j) Theater 2 k) Heimat und Erde 2 l) Rundfunk. 3) Organisationsstab: 3a) Abt. I. Organisation und Verwaltung 3b) Abt. II. Volkskulturelle Einrichtungen 3c) Abt. III. Volkskulturelle Erziehungsmittel 3d) Abt. IV. Feierabend-Werk

II.) Werkgemeinschaft und Fachvertretung der Laienkulturarbeit: »Reichsbund Volkstum und Heimat « / Reichsführung

16

(Bln., Herwarthstr. 4):

1) Abt. 1: Organisation 2) Abt. 2: Brauchtum und Volkskunde: 2 a) Brauchtum 2 b) Volkskunde 2 c) Vorgeschichte 2 d) Volkstum und Rasse 15 16

VuH, H. 1, Ostermond / April 1934, letzte Innenseite (S.117). Dieselbe Telefon-Sammelnummer w.o.

5 2 e) Wissenschaftliche Forschung 3) Abt. 3: Praktische Volkstumsarbeit: 3 a) Volksmusik: Volkslied und Volksinstrumentalmusik, Hausmusik 3 b) Sprechchor 3 c) Volks- und Laienspiel 3 d) Heimattanz, Ständetanz 3 e) Fest- und Feiergestaltung 3 f) Beratung Abt. 4: Heimatgestaltung und Volkskunst: 4 a) Volkskunst 4 b) Handwerkskultur 4 c) Trachtenpflege 4 d) Schnitzen 4 e) Weben 4 f) Bäuerliche Fragen 4 g) Landsmannschaften Abt. 5: Heimat und Erde: 5 a) Heimatschutz 5 b) Landschaftsgestaltung 5 c) Bauberatung 5 d) Naturschutz 5 e) Denkmalspflege 5 f) Heimatwandern Abt. 6: Wort und Schrift : 6 a) Presse 6 b) Rundfunk 6 c) Film 6 d) Heimatschrifttum 6 e) Heimatbüchereien

Nicht hinter jeder Unterabteilung ist eine Organisation mit einem Schwarm von Mitarbeitern anzunehmen - in derartigen Schemata der NS-Zeit herrschte der Augmentativ vor. Gleichwohl standen diese Abteilungen nicht für Nichts, und diese Tatsache ist auch vor dem Hintergrund der katastrophalen Akademiker-Arbeitsmarkt-Situation Ende der Weimarer Republik

17

zu bedenken. Diese

Überlegung, die auf soziologische Rahmenbedingungen des nationalsozialistischen Zeitschriftenfrühlings zielt, wird durch einen Blick in eine »Zeitschriftenschau« der NsM vom Frühjahr 1935 18

bestätigt . Es paradierten hier und ließen VuH und NsM als Zeitschriften innerhalb einer ganzen Schüttung erscheinen:

-

Odal. Monatsschrift für Blut und Boden, hg. v. W. Darré, Hauptschriftleiter: Dr. Hermann Reischle

17

Dazu noch immer: Michael H. KATER, Studentenschaft und Rechtsradikalismus in Deutschland 1918 - 1933. Eine sozialgeschichtliche Studie zur Bildungskrise in der Weimarer Republik, Hamburg 1975. 18

NsM, H. 60, März 1935, S.96.

6 -

Wille und Macht. Führerorgan der nationalsozialistischen Jugend, Hauptschriftleiter: Günter Kaufmann

-

Rasse. Monatsschrift der Nordischen Bewegung, hg. v. R. v. Hoff in Verb. mit F. Clauß und H. F. K. Günther

-

Volk und Rasse. Illustrierte Monatsschrift für deutsches Volkstum. Zeitschrift des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst und der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, Schriftleiter: PD. Dr. Bruno K. Schultz

-

Der Norden. Monatsschrift der Nordischen Gesellschaft, hg. v. Dr. Ernst Timm, Schriftleiter: Dr. Fred. J. Domes

-

Die völkische Kunst. Reichbebildertes amtliches Organ der NS-Kulturgemeinde, Abtlg. Bildende Kunst, hg. v. Dr. Walter Stang, Hauptschriftleiter: Robert Scholz

Im Editorial des ersten VuH-Heftes, »Ostermond« (April) 1934, wurde programmatisch formuliert:

So wie auf der politischen Ebene der Nationalsozialismus den mühsamen Weg nach oben beschritt, so auch auf kulturellem Gebiet. Auch diese Blätter wollen nicht ein vollendetes Ende, sondern einen mutigen Anfang darstellen. VuH beanspruchten, diesen kulturellen Weg zu dokumentieren und einem jeden »Rüstzeug« zu sein, »der als Pionier des jungen Volkstums auf ihrem Boden arbeiten will«. Wie in NsM »Kritik der Zeit«, so finden wir in VuH einen Miszellen- und Marginalienteil mit kurzen Meldungen und Einschätzungen sowie den Rezensionsbereich »Das Buch als Rüstzeug«. Auch in VuH gab es Titelhefte, so etwa kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion über den Bolschewismus.

19

In VuH wurde der nationalsozialistische Jahresverlauf vollzogen, wie er sich in Feier und sogenanntem Volkstumsbrauch niederschlagen sollte: Germanische Wurzeln des Osterfests, im Sommer eine KdF-Urlaubsnummer, vor Weihnachten die üblichen Beiträge über die germanischen Grundlagen des Weihnachtsbaums. Hier wie anderswo finden wir thematische Überschneidungen mit den NsM; denn selbstverständlich wurde auch dort versucht, den Weihnachtsgedanken aus der »Edda« heraus zu entwickeln.

20

Die NsM behielten Anspruch und Aufgabe als offizieller Ideologiewächter bis zum Ende bei, wogegen VuH ihre Ambitionen zurückschrauben mussten. 1934 hatte es in VuH noch großspurig geheißen:

Die Deutsche Arbeitsfront ist die Zusammenfassung des gesamten schaffenden Volkes und damit die organisatorische Grundlage der deutschen Volkwerdung. Die NS-Gemeinschaft »Kraft durch Freude« ist das großer Erziehungswerk des Volkes, das den deutschen Werkmenschen zu den Werten des Lebens führt. Die nationalsozialistische Volkstumsarbeit gestaltet innerhalb dieser Formen das Gemeinschaftsleben aus dem deutschen Volkserbe und dem Geiste der nationalsozialistischen Revolution zum Werden des jungen 19 20

VuH, H. 9/10, Sept. / Okt. 1941. Wolfgang SCHULTZ, Weihnachten. In: NsM, 6. Jg., H.69, Dezember 1935, S.2-30.

7 Volkstums. Die Werkhefte »Volkstum und Heimat« bringen das Rüstzeug für die praktische Durchführung der nationalsozialistischen Volkstumsarbeit der NS-Gemeinschaft 21 »Kraft durch Freude« . Ab 1939 wurden die VuH-Hefte erheblich zurückgestutzt, die Artikel waren fortan kürzer, oftmals anonym oder mit Initiale gezeichnet und enthielten kaum mehr Wissenschaftliches wie etwa Berichte über die Entwicklung der Volkskunde und Frühgeschichte, dafür um so mehr Häkel- und Malvorlagen für praktische Volkstumsarbeit. Während die NsM ab 1938 als »Zentrale politische und kulturelle Zeitschrift der NSDAP / Herausgeber Alfred Rosenberg« firmierten, lautete der Untertitel von VuH ab 1941 nur mehr »Kampfschrift für nationalsozialistische Kulturarbeit. Herausgegeben im Einvernehmen mit der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude«.

22

Waren bis dahin in VuH nach der

Tradition der völkischen Jugendbewegung noch die germanischen Monatsnamen verwendet worden - etwa »Lenzing« für März »Wonnemond« für Mai, »Ernting« für August und »Jul« für Dezember -, so wurden ab 1941 allein die römischen Monatsnamen geführt. Im Zuge der nationalsozialistischen Okkupations- und Europapolitik erschienen jetzt Artikel in dänischer, flämischer und schwedischer Sprache. Heft 9/10, Sept./Okt. 1941, zeigte bereits vor der Niederlage bei Stalingrad das typische VuH-Gesicht im »Totalen Krieg«: Beiträge wie »Germanischer Schicksalskampf. Ausrottung des Bolschewismus« und »Studiendagen over Poppenspel in Vlaanderen« im Wechsel mit Aufnahmen von Soldatenfriedhöfen des neuen Krieges sowie Nachrufen auf gefallene VuHMitarbeiter. Einer der roten Fäden in beiden Zeitschriften war die Dauerabrechnung mit dem Weimarer »System«. In der »Novemberverbrecher«-Nummer der NsM von April 1933 erschien Rosenbergs titel23

gebendes Gruppen-Porträt ; ein Jahr darauf formulierte Erwin Metzner, »Sonderbeauftragter für bäuerliches Brauchtum, für Sitte und Gesittung im Reichministerium für Ernährung und Landwirtschaft«: »Verbrechen über Verbrechen gegen das Leben unseres Volkes begingen die damaligen 24

Machthaber marxistischer, bürgerlicher und reaktionärer Prägung.« ; im letzten VuH-Heft, März / April 1944, lesen wir neben »Kohlenklau, jetzt geht’s Dir schlecht« gleichsam als abschließende 25

kulturpolitische Willensbekundung: »Der Jazz - eine letzte jüdische Konsequenz« . Der Musikwissenschaftler Carl Hannemann zog darin Parallelen zwischen dem »Mauscheln« der Juden und dem Orchesterklang des Jazz; er unterlegte seinen Text mit Auszügen aus einer Prager Rosenberg21 22

VuH, H. 6, Scheiding (September) 1934, erste Heft-Innenseite. VuH, H. 1, Januar 1941, Editorial.

23

NsM, H. 37, April 1933, S.2-46 (ü. Emil Barth, Helmut von Gerlach, Kurt Tucholsky, Rudolf Hilferding, Otto Wels, Matthias Erzberger, Franz Wilhelm Foerster , Joseph Wirth, Erich Zeigner , Weismann .)

24 25

Blut und Boden als Grundlagen unseres Volkstums. In: NsM, H. 48, März 1934, S.222-227. VuH,. H. 2, März / April 1944, S.84-86.

8 Rede. So schloss VuH mit einer der üblichen Anklagen gegen eine noch fortwirkende, nicht radikal genug vernichtete Kultur der Weimarer Zeit. Dieser ausgesprochene Abrechnungscharakter hielt sich in beiden Zeitschriften bis zum Ende durch und resultierte auch aus dem revolutionspsychologischen Zwang, sich und die Leser des Sieges über und des Kampfes gegen die Vergangenheit immer wieder neu versichern zu müssen. Gegenüber VuH publizierten in den NsM die prominenteren nationalsozialistischen Autoren. Auch der verantwortliche NsM-Schriftleiter von Mai 1933 bis Mai 1934 war ein bekannter jungnationalsozialistischer Autor, Thilo von Trotha, zugleich Leiter der »Abteilung Norden des Außenpolitischen Amts«.

26

27

28

In NsM finden wir Beiträge von Karl Astel , Alfred Baeumler , Hans Fried-

29

30

31

32

rich Blunck , H. F. K. Günther , Lutz Mackensen , Matthes Ziegler , der v. Trotha als Schriftleiter folgte, sowie Alfred Rosenberg

33

selbst. Aber trotz dieser Funktion als ideologischer Panzer-

kreuzer - in NsM erschienen auch unspektakuläre Beiträge, denen nichts spezifisch Nationalsozialistisches anhaftete. Dazu kann etwa der Beitrag »Filmregie« von Wolfgang Liebeneiner gerechnet 34

werden , jenem Regisseur, der sich in der Bundesrepublik mit »Auf der Reeperbahn nachts um halb eins« einen Namen machen sollte.

II. Inhaltsbezogen. 26

Siehe das Loblied in: Adolf BARTELS, Geschichte der deutschen Literatur, Braunschweig, Bln., Hamb. S.761.

17

1941,

27

Z.B.: Rassendämmerung und ihre Meisterung durch Geist und Tat als Schicksalsfrage der weißen Völker. In: NsM, H. 60, März 1935, S.2-23, sowie in der NsM-Schriftenreihe Nationalsozialistischen Wissenschaft, H. 1, 1935 (32 S.). Es handelt sich um Astels Jenaer Antrittsrede vom 19. Januar 1935. 28 29

Siehe dazu unten. Vorgeschichte und Kulturpolitik. In: NsM, H. 48, März 1934, S.69-72.

30

Die Auflösung der germanischen Rassenpflege durch das mittelalterliche Christentum. In: NsM, H. 69, März 1935, S.28-32 (Auszug aus dem damals gerade erschienenen Buch Günthers, Herkunft und Rassengeschichte der Germanen). Auch Rasse-Günthers erste Frau kam in NsM zu Wort: Hedda LEMBACH, Artgemäße und artfremde Kunstauffassung auf der deutschen Bühne. In: NsM H. 43, Oktober 1933, S.29-33.

31

Z. B. Gedanken zur Großstadtvolkskunde. In: NsM, H. 53, August 1934, S.14-18; Sprache und Rasse. In: NsM, H. 61, April 1935, S.19-27.

32

Volkskunde auf rassischer Grundlage. In: NsM, H. 53, August 1934, S.7-13; Die 1. Tagung des Reichsbundes für deutsche Vorgeschichte. In: NsM, H. 56, November 1934, S.91-92; Kirchliche oder religiöse Volkskunde?. In: NsM, H. 65, August 1935, S.2-13; Germanische Religionsforschung um Weltanschauungskampf. Bemerkungen zum neuesten germanenkundlichen Schrifttum. In: NsM, H. 78, September 1936, S.43-48; Wilhelm Stapel und die Judenfrage. In: NsM, H. 86, Mai 1937, S.26-33; Von den inneren Kräften der deutschen Geschichte. In: NsM, H. 100, Juli 1938, S.1619; Wo standen die Kirchen? Ein notwendiges Nachwort zu den September-Tagen 1938. In: NsM, H.104, November 1938, S.35-43.

33

Novemberverbrecher. In: NsM, H. 37, April 1933, S.2-46 (offensichtlich vor 1933 verfasst); Revolution der bildenden Kunst. In: NsM, H. 40, Juli 1933, S.34-35; Der Bolschewismus als Aktion einer fremden Rasse. In: NsM, H. 67, Oktober 1935, S.3-9 (Nürnberger Reichsparteitagsrede); Alfred Rosenberg zum 150. Jahrestag der Französischen Revolution. Aus einer Rede des Reichsleiters im Berliner Sportpalast am 8. Mai 1939. In: NsM, H. 113, August 1939, S.3-6; Stunde des Ostens. In: NsM, H. 7/8, Juli / August 1941, S.102 34

In: NsM, H. 147, Juni 1942, S.8-10.

9 Statt einer rhapsodischen Inhaltsschau sollen ein paar Gesichtspunkte systematisch betrachtet werden. Für die Auswahl ist es angebracht, gängige Kriterienkataloge von »konservativ« durchzusehen. Karl Mannheim hat das konservative Denken in seinem maßgebenden Beitrag von 1927 als »SichFunktionalisieren der traditionalistischen Lebenshaltung« bestimmt, entstanden im 19. Jahrhundert. Konservatives Denken sei auf das Vergangene gerichtet, sofern es in der Gegenwart mitlebe, eine Ausformung dieses wichtigen Aspekts konservativen Denkens sei mithin der Historismus, der - gerichtet gegen jedweden revolutionären Bruch - Vergangenheit als solche emphatisch erlebt.

35

Wil-

helm Ribhegge lässt den Konservatismus mit Edmund Burke’s Schrift gegen die Französische Revolution entstehen, sieht seine hohe Zeit im 19. Jahrhundert und führt - bei aller konzedierten Vielschichtigkeit - als Wesensmerkmale von »konservativ« auf:

1) 2) 3) 4) 5) 6)

Autorität als Leitbild des Aufbaus von Familie, Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, organischer Staatsgedanke, bevorzugte Stellung von Religion und Kirche im öffentlichen Leben, Erhalt der tradierten staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung, historistische Geschichtswissenschaft als eine Basiswissenschaft konservativen Denkens, 36 Abwehr von Zersetzungserscheinungen in Kultur und Gesellschaft.

Punkt 1) bildete wie Punkt 2) eine zeitweilige Schnittmenge zwischen Konservatismus und Nationalsozialismus, wenngleich konservative Vorstellungen von Autorität kaum dem entwickelten nationalsozialistischen »Führerstaat« entsprochen haben dürften und der organisch-ständische Staatsgedanke ab 1936 über Bord geworfen wurde; Punkt 6) bildete eine dauernde Schnittmenge, wenn wir darunter die Beseitigung des Geistes der Weimarer Zeit verstehen - allerdings ohne die physische Ausrottung des Judentums, welche für die Ideologen in NsM und VuH unabdingbar für die wahre Vernichtung dieses Geistes schien. Um das Verhältnis zwischen NS-ideologischem und konservativem Denken aus der Perspektive von NsM und VuH auszuloten, sollen im Rahmen einer Inhaltsanalyse aufgrund der genannten Kriterien fünf Fragen beantwortet werden:

1) 2) 3) 4) 5)

Betrachteten sich die Ideologen in NsM und VuH als Revolutionäre? Verfochten sie den organisch-ständischen Gedanken? Wie hielten sie’s mit der christlichen Religion? Wie ist das Verhältnis zur Vergangenheit? Wie standen sie zur Wissenschaftstradition des 19. Jahrhunderts?

35

Karl MANNHEIM, Das konservative Denken. Soziologische Beiträge zum Werden des politisch-historischen Denkens in Deutschland. In: Hans-Gerd SCHUMANN (Hg.), Konservativismus, Köln 1974 (Neue Wissenschaftliche Bibliothek, 68), S.24-75. Die Zitate S. 29, 33, 40, 53. 36

Wilhelm RIBHEGGE, Konservatismus. Versuch einer kritisch-historischen Theorie. In: SCHUMANN (wie Anm. 34), S. 112-136. Die Zitate S. 114, 117.

10

Die Fragen 4) und 5) ergeben sich aus der zentralen Stellung der historistischen Methode als Waffe im Arsenal des Konservatismus oder - mit Burke - »Feuerspritze gegen die Revolution«. Wenn wir Karl Lamprechts Interpretation aus dem Jahre 1910 akzeptieren, Geisteswissenschaften seien im 19. 37

Jahrhundert auf wichtigen Gebieten identisch mit Geschichtswissenschaft , dann focussieren die Fragen 4) und 5) das Verhältnis der NS-Ideologie zur gesamten geisteswissenschaftlichen

38

Bil-

dungstradition des 19. Jahrhunderts, in welcher zumindest die bürgerlichen Konservativen gestanden haben. Frage 1), ob sich die Ideologen in NsM und VuH als Revolutionäre betrachteten, ist einfach zu beantworten: In beiden Zeitschriften wurde der Nationalsozialismus als Revolution gedeutet. Dass nationalsozialistische Volkstumsarbeit »aus dem deutschen Volkserbe und dem Geiste der nationalsozialistischen Revolution« gestaltet werde müsse, wurde aus VuH 1934 bereits zitiert. Prima vista ist die Revolutionsattitüde in dem Ideologie-Organ NsM zwar stärker ausgeprägt als im brauchtumspflegerisch ausgerichteten VuH, aber auch die Brauchtumspflege verstand sich als revolutionär, indem sie den christlich-katholischen Teil der Überlieferung auszurotten bestrebt war und im Ersatz dafür germanische Überlieferung notfalls auch erfand. VuH sollte am Brauchtums- und Volksneubau mitwirken. »Volksneubau und Geschlechterfrage«

39

war auch der Titel eines NsM-Beitrages

von 1934, und in der NsM-Reihe »Nationalsozialistische Wissenschaft« hieß es ein Jahr darauf, die »nationalsozialistische Revolution« habe den überkommen Typus des deutschen Hochschullehrers 40

»hinweggescheucht« .

37

»In einem Zeitalter, dessen Vorstellungskreis dem Entwicklungsgedanken unterliegt, ist Geisteswissenschaft in manchem Betracht identisch mit Geschichte.« (Karl LAMPRECHT, Die gegenwärtige Entwicklung der Wissenschaften, insbesondere der Geisteswissenschaften, und der Gedanke der Universitätsreform . In: Ausgewählte Schriften zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte und zur Theorie der Geschichtswissenschaft, Aalen 1974, S.725-746, S.728 .)

38

Nicht zur naturwissenschaftlichen, worüber auf Basis von NsM eine eigene Untersuchung möglich wäre. Die NsM blieben zwischen der nationalsozialistischen Naturphilosophie vom Schlage der »arischen Physik« und der anwendungsorientiert-technischen Ausrichtung der Naturwissenschaften in Forschung und Lehre unentschieden. Sie folgten zunächst der Linie einer »arischen Physik« (Johannes STARK, Philipp Lenard als deutscher Naturforscher. In: NsM, H. 71, Februar 1936, S. 106-112). Noch 1942 finden wir die mit Ernst Krieck formulierte Forderung nach dem »Primat der Weltanschauung (...) auch im Bereich der Naturforschung« (Rembert RAMSAUER, Naturwissenschaft im Aufbruch. In: NsM, H.149, August 1942, S.557-559), 1943 Reflexionen über das »uns wesensfremde Denken« der Relativitätstheorie (Herbert von Stein, Naturwissenschaft und Technik in der europäischen Kultur. In: NsM, H. 155/156, Februar / März 1943, S.95-114). Aber im Kriege gewannen insgesamt nüchtern-sachliche Auffassungen die Oberhand (Oskar Ritter von NIEDERMAYER, Wesen und Zweck des wehrwissenschaftlichen Studiums. Lehrerfahrungen an der Berliner Universität. In: NsM, H. 117, Dezember 1939, S.995-1003), die auf das germanische Europa ausgeweitet wurden, wenngleich mit dem Appell an die Grundwerte der »germanischen Seele« verbunden (Kurt WAGNER, Neuausrichtung der Technik in Europa. In: NsM, H. 132, März 1941, S.229-237). 39 40

NsM, H. 54, September 1934, S.75-77.

Lothar STENGEL-VON RUTKOWSKI, Hans F. K. Günther, der Vorkämpfer für den nordischen Gedanken. In: Nationalsozialistische Wissenschaft, H, 3, 1935, S.5 f.

11 Allerdings wurde in der Darstellung der Geschehnisse für das Ausland die Revolutionsrhetorik zurücknuanciert. Revolution nach innen - deren moderate Darstellung nach außen. In einer von NsM abgedruckten Rede, die der nationalsozialistische Hoffnungsdichter und zeitweilige NsMSchriftleiter Thilo von Trotha (1909–1938) in Oslo kurz vor seinem Unfalltod hielt, führte er aus, Deutschland habe eine »große Revolution durchgemacht«, doch sei die »in vielen Köpfen auf der ganzen Welt« mit dem Revolutionsbegriff verbundene Vorstellung von »Hängen, Erschießen, Plündern« eher östlicher Stil: »Die Revolutionen germanischer Völker sind im allgemeinen von konservativer Art.« Als geistige Ahnentafel östlich-beseitigender Revolutionen gab Trotha die Linie Voltaire, Rousseau, Marx, Bakunin an, als Trasse germanisch-konservativer Revolutionen Calvin, Milton, Nietzsche, Lagarde, H. St. Chamberlain. Trotha appellierte an seine Zuhörer zu begreifen, »dass das Deutschland der großen Kaiser, des preußischen Friedrich und Adolf Hitlers zugleich das Deutschland Goethes, Kants und Beethovens ist, und dass das politische und geistige Leben unseres Volkes eine unlösliche Einheit bildet.«

41

Bereits 1933 hatte sich der nationalsozialistische Presse-

fachmann Karl Bömer (1900–1942) in NsM gegen ausländische, vor allem britische Presseberichte zur Wehr gesetzt, die sich »in den gräulichsten Sensationen über die angeblichen Schreckenstaten der nationalsozialistischen Revolution« überschlagen und von »zerstückelten Judenleichen« und »blutüberströmten Straßen« fabuliert hätten.

42

Bömer, der 1942 als Oberleutnant fiel, wurde 1933

Leiter der Presseabteilung im Außenpolitischen Amt der NSDAP, 1937 Beauftragter des Reichspressechefs der NSDAP für Auslandsfragen, 1938 Leiter der Auslandsabteilung der Presseabteilung 43

der Reichsregierung im Propagandaministerium und parallel dazu Professor in Berlin. Er fungierte in den NsM als Beobachter der ausländischen Öffentlichkeit. 1934 publizierte er seinen Artikel 44

»Die Presse des neuen Deutschland und die französische Presse. Ein kritischer Vergleich« , der zuerst in der französischen Zeitschrift »La Revue des Vivantes« erschienen war und das Reichsschriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933 rechtfertigen sollte. Bömer tat dies unter völliger Ausblendung der antisemitischen Stoßrichtung dieses Gesetzes und malte die Zustände in der Weimarer Republik in düsteren Farben. Damals sei die NS-Presse zum Teil verboten gewesen, und niemand im benachbarten Ausland hätte sich darüber erregt. Inzwischen aber, wo sich das ganze deutsche Volk zu einem Führer bekannt und geeint hätte, würden die Deutschen gefragt, warum sie »die Presse vergewaltigten und wo die Pressefreiheit geblieben sei«. So etwa in »L’Europe Centrale« vom 23. Dezember 1933 unter dem Titel »La nouvelle loi allemande sur la profession de journa41

Thilo von TROTHA, Deutschlands Kulturtradition und das Dritte Reich. Letzte Rede, gehalten vor der NorwegischDeutschen Gesellschaft, Oslo. In: NsM, H. 101, August 1938, S.2 – 14, S. 3, S.14. 42

Karl BÖMER, Die publizistische Haltung der englischen Presse zum neuen Deutschland. In: NsM, H. 41, August 1933, S3-6, S.4. 43 44

Ministerialdirigent Oberbereichsleiter Prof. Dr. Karl Bömer gefallen. In: NsM, H. 150, S.95. NsM, H. 49, April 1934, S.86-96.

12 liste« von Charles Loiseau, der sich eingangs auf einen Ausspruch André Tardieus bezog: »La civilisation française est liberté (…) vivre libre, penser libre, parler libre«. Bömer erlaubte sich die Frage, »ob denn wirklich der französische Journalist frei leben, frei denken und frei sprechen könne«? Wie sei es mit dem russischen Geheimrat Raffalovitch gewesen, der vor dem Ersten Weltkrieg ein Jahrzehnt lang französische Organe mit russischen Geldern unterstützt habe? Wie mit der Angelegenheit der »Volonté«, deren Abhängigkeit vom Interessenkapital die Stavisky-Affäre so deutlich habe werden lassen? Wie endlich mit den Kapitalkämpfen zwischen dem von François Coty 1928 neu aus der Taufe gehobenen »Ami du Peuple« und Léon Renier, dem »monopolistische(n) Beherrscher des französischen Zeitungsgewerbes«? Es gebe Fälle wie jenen des prominenten »Matin«Mitarbeiters Jules Sauerwein, der nach dem Besitzwechsel des Blattes entscheiden musste, ob er selbst seine Gesinnung ändern solle. Sauerwein habe es vorgezogen, zum »Paris Soir« zu gehen. Aber er sei ein hervorragender Mann des französischen Journalismus. Wie stehe es mit dem journalistischen Durchschnitt? Müsse der sich nicht aus sozialen Rücksichten und sozialer Not den Verhältnissen unterwerfen? Bömer erinnerte an die veritablen Verpachtungen des Handelsteils, ja, sogar des allgemeinpolitischen Teils französischer Zeitungen an potente Geldgeber. Bömers Kritik hätte streckenweise von einem Marxisten stammen können. In »Pressefreiheit – Modell 1935«

45

zielte er auf den Kommerz-Charakter der Zeitungen, der alle großen Freiheitsworte Lügen strafen würde: »Die Presse ist nie frei von sie bestimmenden Einflüssen. Es hat daher keinen Zweck, noch weiter mit dem Wort Pressefreiheit zu spielen.« Auch Roosevelt würde jetzt »die Presse als Mittel der Erziehung« benutzen. So verteidigte Bömer gegenüber dem Ausland die nationalsozialistische Presse-Revolution. Auch im Bereich der Kunst wollte der Nationalsozialismus revolutionär sein. Im Juli 1933 schrieb Alfred Rosenberg in NsM über die »Revolution der bildenden Kunst«. Dass sich hier eine Revolution zu vollziehen habe, war außer Zweifel, aber bei deren näherer Bestimmung verharrte Rosenberg unentschieden zwischen dem notorischen photorealistischen Volks- und Heimatschutzstil in Anlehnung an die Pathosformeln des »Rembrandtdeutschen« auf der einen und der auch Konservative schreckenden sezessionistischen Moderne auf der anderen Seite. Einige Werke moderner Malerei ließ er passieren, lobte etwa Noldes stark und wuchtig gemalte Seelandschaften, musste aber dessen Porträts als »negroid, pietätlos, roh und bar jeder echten inneren Formkraft« bemängeln; Barlach schüfe durchaus »echte Monumentalität«, präsentiere andererseits aber, wie bei dem Magdeburger Kriegerdenkmal, »kleine, halbidiotisch dreinschauende Mixovarianten undefinierbarer Menschensorten«.

45 46

46

Immer wieder - auch hier - wird auf biologisch verstandene Rasse rekuriert

NsM, H. 60, März 1935, S.54-59. NsM, H. 40, Juli 1933, S. 34-35, S. 35.

13 und damit auf das Hauptstück und die differentia specifica der nationalsozialistischen Weltanschauung. Diese war in der Darstellung von NsM und VuH auf Rassekräften beruhendes Revolutionsdenken, das sich positiv auf den Germanen richtete, negativ auf den Juden. Bereits im Oktober 1930 hatte es in dem anonym erschienen NsM-Artikel »Das Judentum in der nationalsozialistischen Rechtsordnung«

47

geheißen, »dass es ein Judenfrage für den Nationalsozialismus an sich nicht

gibt«. Dies wäre nur der Fall, wenn in den Reihen der Nationalsozialisten »keine Gewissheit bestünde über die Todesgefahr, die unserem Volke durch den Einbruch des rassenstarken, alles überwuchernden artfremden jüdischen Volkes droht.« So bedürfe es nur der Erwägung, inwieweit der Jude aus der Volksgemeinschaft »eliminiert« werden müsse und wieweit er »eliminiert« werden könne. Als »Endziel« wurde unter Berufung auf das NSDAP-Parteiprogramm formuliert, dass die Juden in Deutschland unter »Fremdengesetzgebung« zu stellen seien - das aber schlösse »weitergehende Eingriffe, wenn erforderlich«, nicht aus. Ergibt sich von der zumindest rhetorischen Revolutionsmacherei in NsM und VuH kaum ein Weg zum konservativen Denken, so gelangen wir bei der Frage 2), ob in NsM und VuH der organischständische Gedanke verfochten worden sei, zu einem zunächst anderen Ergebnis. Nach einer treffenden, leider etwas entlegen publizierten Analyse bedeutete die auf den katholischen Wiener Ökonomen Othmar Spann (1878–1950) zurückgehende organisch-ständische, universalistische Wirtschaftslehre, die einen autoritären Staat auf berufsständischer Grundlage propagierte, einen Angriff auf die pluralistische Weimarer Demokratie und den marxistischen Klassenkampf; zugleich fügte sich die Lehre den Vorstellungen konservativ-katholischer Politiker und jener eher konservativen NSDAP-Mitglieder, die den linken Nationalsozialismus ablehnten.

48

Der ständischen Idee im Sinne

Spanns brachten die NsM zunächst Sympathien entgegen. Im Mai 1934 wurde sogar die Beilage »Ständischer Aufbau« eingeführt. Bei dieser Gelegenheit unterstrich Dr. Max Frauendorfer, Leiter des »Amts für ständischen Aufbau der NSDAP«, dass bereits im NSDAP-Parteiprogramm von 1920 »der ständische Aufbau als Weg für ein organisches Verhältnis von Staat, Wirtschaft und einzelnem schaffenden Volksgenossen gefordert« worden sei. »Heute sind die Ziele ihrer Verwirklichung nahegerückt.«

49

Zum darauffolgenden NsM-Heft steuerte der prominente Historiker Egmont

Zechlin den Aufsatz »Bismarck und der ständische Gedanke« bei.

50

Aber der ideologische Wind drehte sich; 1936 wurde das Düsseldorfer »Institut für Ständewesen« aufgelöst, weil der dortige Gauleiter schlecht die katholische Kirche bekämpfen und gleichzeitig ein 47

NsM, H. 7, Oktober 1930, S.22-26.

48

Peter HÜTTENBERGER, Ständelehre. In: Hugo WEIDENHAUPT (Hg.), Düsseldorf. Geschichte von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Bd. 3: Die Industrie- und Verwaltungsstadt (20. Jahrhundert), Düsseldorf 1989, S.488-495, S.489. (In Düsseldorf bestand von 1933 bis 1936 das »Institut für Ständewesen«.) 49 50

NsM, H. 50, Mai 1934, S.79. NsM, H. 51, Juni 1934, S. 64-71.

14 Institut dulden konnte, das den im konservativen Katholizismus wurzelnden Theorien eines Spann anhing.

51

Spann selbst wurde 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, als Professor abgesetzt,

verhaftet, für einige Monate in das Konzentrationslager Dachau gesperrt und dort misshandelt. Ebenfalls 1938 - und das ist ein wichtiger Hinweis auf den Gleichschritt von politischen Entscheidungen und NsM-Aufsätzen! - erfolgte eine schroffe Abrechnung mit der Ständelehre, verfasst von Heinrich Härtle, Hauptstellenleiter im »Amt Wissenschaft« der Dienststelle Rosenberg: »Othmar Spann, der Philosoph des Christlichen Ständestaates«.

52

Spann wurde als »Jesuit« und »geistesge-

schichtlicher Reaktionär« bezeichnet. Es habe Zeiten gegeben, so musste Härtle einräumen, »in denen Othmar Spann als ein Vorläufer des Nationalsozialismus und nationalsozialistischer Gesellschaftslehre propagiert werden durfte«. Er habe zwar als Universalist gegen Individualismus, Marxismus und Liberalismus gekämpft, aber dieser Universalismus sei mit der nationalsozialistischen Feindschaft gegen diese Mächte verwechselt worden: »Weil wir ähnliche Feinde hatten, glaubte man, wir müssten auch die gleichen Ziele haben.« Spann schrieb 1936 in »Ständisches Leben«, er habe einst »als einer der Wegbereiter der nationalsozialistischen Gedankenwelt« gegolten; Härtle bestritt ihm diese Vorläuferschaft au fond. Die Polemik ist erstens im Rahmen des antikatholischen Kirchenkampfes der Nationalsozialisten zu deuten, zweitens der generellen Abkehr des NSRegimes von gesellschaftlichen Atavismen, welche das Hochfahren der Wirtschaft in Richtung auf Kriegsfähigkeit behindert hätten, drittens im Rahmen des seit 1933 zu beobachtenden Bemühens der NsM, sich von Trittbrettfahrern und Opportunisten aus dem konservativen Lager scharf abzugrenzen. Eine solche Abgrenzung unternahm im Dezember-Heft der NsM der bereits genannte Thilo von Trotha gegenüber Edgar Julius Jung.

53

Trotha verriss Jungs Buch »Sinndeutung der deut-

schen Revolution«, das als Schnellschuss in der Reihe »Schriften an die Nation« bei Stalling in Oldenburg erschienen war, und stellte den Verfasser ein halbes Jahr vor der von ihm verfassten Marburger Papen-Rede als »typischen Vertreter einer gewissen Richtung« dar, »die sich konservativ nennt« und »den gewiss trefflichen Moeller van den Bruck gleichsam als trojanisches Pferd zu benutzen sucht«. Jung wurde als »dereinstige recht Hand des dereinstigen Ministers und Leiters der Volkskonservativen Bewegung Treviranus« vorgestellt. Jungs Anspruch in dem inkriminierten Buch, sich seit zwei Jahrzehnten zur deutschen Revolution zu bekennen und für sie gekämpft zu haben, kommentierte Trotha mit den trockenen Worten, man habe Jung vor 1933 auf dem Kampffeld nicht gesehen ... Er hadere über sein Los als nach der nationalsozialistischen Revolution verschmähter Politiker.

51 52 53

HÜTTENBERGER (wie Anm. 47), S..494. NsM, H. 101, August 1938, S. 34-42. (Dort die folgenden Zitate.) Bejahende Kritik. In: NsM, H. 45, Dezember 1933, S. 38-40. Dort das Folgende.

15 Jung sollte zu den Opfern des 30. Juni 1934 gehören. Trotha beschloss seine Besprechung im Dezember 1933 mit einer Warnung, von der man sagen könnte, sie habe sich ein gutes halbes Jahr später in voller Konkretion ausgewirkt: Völlig unverständlich aber ist es, dass ein Mann wie Jung, dessen politische Anschauungen völlig Schiffbruch erlitten haben, nicht den Anstand besitzt, zu schweigen, sondern seine 54 gekränkte Eitelkeit in einer nörgelnden und durchaus nicht bejahenden Kritik offenbart, die hart an die Grenze der Staatsfeindlichkeit stößt. Zeigte sich bei der Spann-Kritik der ideologische Gleichschritt von Politik und NsM-Artikeln, so im Falle Jung der Avantgarde-Charakter der Zeitschrift: Im Dezember 1933 der Vorwurf der Staatsfeindlichkeit vom NsM-Hauptschriftleiter; am 1. Juli 1934 Jungs Ermordung im KZ Oranienburg. Jung wurde in der Besprechung der »Konservativen Revolution« zugeordnet; in positiver Konnotation diente dieser Begriff den linientreuen Ideologen nur der Selbstdarstellung des Regimes im Ausland. Zu diesem Zweck hatte ihn Trotha, wie wir oben gehört haben, noch 1938 in Oslo benutzt. Wie Spann, so erschien auch Jung und der »von ihm gerne zitierte Wilhelm Stapel ein überzeugter Universalist«. Eine Abrechnung mit Wilhelm Stapel erfolgte im Mai 1937 durch den NsMHausvolkskundler Matthes Ziegler. Er gab seiner Kritik den Titel »Wilhelm Stapel und die Judenfrage«.

55

Ausgangspunkt war Stapels 1937 erschienene Schrift »Die literarische Vorherrschaft der

Juden in Deutschland 1918 – 1933«. Wer Stapels Veröffentlichung lese, so Ziegler, der müsse »die rhetorische Gewandtheit des bekannten Literaten bewundern«.

56

Stapel wird vorgeworfen, dass in

seinem Buch »eine rassische Geschichtsbetrachtung nicht zum Ausdruck« komme, ja, dass »nicht einmal das Wort Rasse auch nur an einer einzigen Stelle« zu finden sei. Wie im Jahre 1933 Edgar Julius Jung, so wurde 1937 Wilhelm Stapel Opportunismus vorgeworfen; zugleich musste Stapel als Verfasser von »Der christliche Staatsmann. Eine Theologie des Nationalismus« (1932) den nationalsozialistischen Ideologen aus dem Amt Rosenberg ein Gräuel sein. 1938 wurde Stapel aus der Publizistik ausgeschaltet.

57

Zieglers Polemik führt zu 3), der Frage, wie es NsM und VuH mit der christlichen Religion hielten. Sie ist nicht schwer zu beantworten. Der Hass auf die katholische Kirche war - in der Sprache von »Mein Kampf« - »ein unbändiger«. Er war ebenso statisch wie der Hass auf die Juden oder die Freimaurer. Es gab keine Phasen, die allgemeinpolitischen Linien gefolgt wären. Zur Zeit der Konkordatsunterzeichnung und dem anfänglich noch moderat gehandhabten Umgang mit dessen Best54 55 56 57

In dem Buch hatte er von der Notwendigkeit einer bejahenden Kritik geschrieben. NsM, H. 86, Mai 1937, S. 26-33. (Dort die folgenden Zitate.) »Literaten« im Original gesperrt.

Armin MOHLER. Die konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1932. Ein Handbuch, Darmstadt 31989 (2 Bde.), Bd. 1, S. 410.

16 immungen stoßen wir auf denselben Grundhass wie während der propagandistisch groß aufgemachten Prozesse wegen angeblicher sittlicher Verfehlungen oder Devisenschiebereien durch Priester und Ordensangehörige. Bei einer Zeitschrift, die wie NsM von Rosenberg herausgegeben wurde, kam aufgrund des katholischen Kampfes gegen das »Mythus«-Buch noch zusätzliche Schärfe in die Auseinandersetzung. Wie in der finstersten Vulgär-Aufklärung wurde überall Priesterbetrug gesehen. In seinem pro58

grammatischen NsM-Beitrag »Volkskunde auf rassischer Grundlage« zeigte sich Matthes Ziegler darüber erregt, dass noch 1934 ein römischer Kardinal die dreiste Behauptung gewagt habe, die alten Germanen hätten die Feldarbeit den Sklaven und Frauen überlassen, seien faul gewesen und erst durch das Christentum Volk und Kulturvolk geworden. Im darauffolgenden Heft sekundierte Thilo von Trotha mit der Auffassung, noch im frühen Mittelalter sei die Frau im germanischen Sinne »Gefährtin« des Mannes gewesen, ihre Lage mit dem fortschreitenden Mittelalter aber immer unnatürlicher geworden, indem der Klerus Gebiete an sich riss, die vorher ihr zugestanden hätten.

59

Ei-

ner der wichtigsten Autoren der NsM, H. F. K. Günther, publizierte ein paar Monate später als Auszug aus seinem gerade erschienenen Werk »Herkunft und Rassengeschichte der Germanen« den Abschnitt »Die Auflösung der germanischen Rassenpflege durch das mittelalterliche Christentum«, worin er die christliche Entwürdigung der germanischen Gefolgschaftsehe und damit der germanischen Frau nachzuweisen suchte.

60

Das eiserne Dogma auf dem historischen und Brauchtumsforschungssektor war, dass die Kirche in der Volkskunde etwa vertreten durch den Münsteraner Prälaten Schreiber - die Überlieferung mit einem verfälschenden Lack überzogen hätte, der gleichsam abzuschaben war, um auf die in Wahrheit germanisch-völkische Kulturbringerschaft zu stoßen. Vor diesem Hintergrund wird der enorme Ideologie-Gehalt eines harmlos scheinenden Berichts von Matthes Ziegler über die erste Tagung des Reichsbundes für deutsche Vorgeschichte deutlich: Tagungshöhepunkt sei ein Vortrag über die Externsteine gewesen, der die Deutungen Wilhelm Teudts - Errichtung der christlichen Kapellenanlage auf einem germanischen Heiligtum - voll bestätigt habe.

61

VuH gingen bei tatsäch-

lich christlichen Bräuchen noch weiter, indem sie etwa forderten, die »Sternsinger« und deren Bräuche »einzudeutschen«.

62

Erscheinen all diese Beiträge wie von einem Autor verfasst, so gab es

auch sprachliche Pöbeleien wie in Bernhard Sommerlads unmittelbar vor den Nürnberger Rassegesetzen erschienenem Aufsatz »Die Bastardisierung des deutschen Volkes durch Judentaufe und 58 59 60 61 62

NsM, H. 53, August 1934, S.7-13. (Dort das Folgende.) Volksneubau und Geschlechterfrage. In: NsM, H. 54, September 1934, S.75-77. NsM, H. 69, März 1935, S.28-32. NsM, H. 56, November 1934, S.91-92. VuH, H. 12, Julmond (Dezember) 1937, S.243-244.

17 Mischehe«.

63

Der Text, den Kampf gegen die Juden mit dem Kampf gegen die Kirche kombinie-

rend, liest sich wie eine Einstimmung auf die verschärfte nationalsozialistische Judenpolitik durch die Nürnberger Gesetze. Hinsichtlich der Juden, so Sommerlad, gebe es Leute, die einfach unbelehrbar seien. »Was da nicht immer wieder allen Aufklärungsreden zum Trotz von getauften Juden, christlicher Duldsamkeit usw. zusammengefaselt wird, ist kaum vorstellbar.« Offenbar hätten sich diese Leute »noch keine Gedanken darüber gemacht, woher eigentlich der faulend-stickige Bach rassischer Bastardisierung seinen Anfang nimmt«. All die angeführten Pasquills galten der katholischen Kirche, wogegen man Protestantismus und Reformation als deutsche Tat begriff. Ziegler deutete die Reformation und Teile der Ketzerbewegungen rassisch-germanisch, wenn er schrieb, aus dem germanischen Bluterbe »standen immer wieder die Ketzer und unerschrockenen Kämpfer auf, die lieber den Tod auf sich nahmen, als ihren Glauben an die innere Freiheit und an die Gottesunmittelbarkeit deutschen Menschentums unter dem Krummstab der fremden Dogmengläubigkeit zu beugen.«

64

War der Protestantismus deutsch,

so der Katholizismus universalistisch-übervölkisch: Rom, so hieß es, sei Zivilisations- und Humanismus-Idee, sei Frankreich und die katholische Kirche.

65

NsM und VuH unterschieden sich nicht in der ideologischen Linie, aber in der dabei beobachteten 66

Sorgfalt. Ein Artikel über Andachtsbildchen, der sich jeder antikirchlichen Polemik enthielt , wäre in NsM ebenso unmöglich gewesen wie 1935 eine VuH-Annonce des Rosenberg angreifenden Buches »Antwort auf den Mythus. Die Entscheidung zwischen dem nordischen Mythus und dem biblischen Christus«, verfasst von dem protestantischen Theologen und konservativen Mitglied der Be67

kennenden Kirche Walter Künneth , der ein Jahr darauf Schreib- und Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet erhielt. Während die NsM auch Schulbücher unter die ideologische Lupe nahmen

68

und sich in der Insistenz auf die Rassenfrage von niemandem übertreffen ließen, erschien in VuH 63

NsM, H. 66, September 1934, S.23-38 (Nicht etwa Ende September 1935 erschienen; denn auf die Nürnberger Gesetze wird nicht Bezug genommen, und das Motto in der Innenseite des Hefts stammt aus Adolf Hitlers Rede auf der Kulturtagung des Reichsparteitages 1934!)

64

Von den inneren Kräften der deutschen Geschichte. In: NsM, H. 100, Juli 1938, S.16-19.

65

Walter EBERHARDT, Die Antike und wir. In: NsM, H. 58, Januar 1935, S.19-31, S.24 f. Der Beitrag erschien erweitert auch in der Reihe Nationalsozialistische Wissenschaft, H. 2, 1935. 66

Karl MACKES, Rheinische Volkskunst im Bildschnitt und kleinen Andachtsbild. In: VuH, H. 9, Scheiding (September) 1936, S.289-291. 67 68

VuH, H. 3 / 4, Lenzing / Ostermond (März / April) 1935, hintere Außenseite.

Etwa: Manfred PECHAU, Lebendiges Schrifttum?. In: NsM, H. 82, Januar 1937, S.53-56. Pechau nahm das Schulbuch Sammlung neuartiger Lesestoffe. Deutsch, englisch, französisch, erschienen Ostern 1936 bei Velhagen und Klasing, aufs Korn, worin ein Studienrat über Moses Mendelsohn geschrieben hatte: »(...) Sohn eines Thorarollenschreibers und Lehrers an der jüdischen Schule in Dessau. Mit zähester Energie hat er sich aus der starren Engherzigkeit seiner Umwelt emporgerungen zu freier Bildung.« Der Rezensent warf dem Verlag vor, die Auflage von 1932 nicht intensiv genug umgearbeitet zu haben und konfrontierte die kritisierte Passage mit einschlägig-linientreuen Bemerkungen des Rasse-Literaturhistorikers Adolf Bartels.

18 ein Artikel Willy Hellpachs über Volkstum, der wie eine Karikatur des nationalsozialistischen Rassismus anmutet: »Rasse«, »Schicksal«, »Klima« rangierten gleichrangig; es gäbe charakteristische »Erbgesichter« der Niedersachsen, Schwaben und Rheinfranken, was den Gedanken nahe lege, dass Sprache und Sprechform einer Wirtsbevölkerung die Gesichtsform änderten und wir etwa »im eigentlich rheinischen Gebiet eine ausgesprochen gespitzte - schnutige - Lippenstellung« fänden; dabei zeigten sich ebenso die Schranken wie der Spielraum der erblichen Mitgiften - ähnlich wie bei der Chinaprimel, die bei gemäßigter Temperatur rot, in Treibhaus- oder Tropenhitze weiß erblühe, jedoch nie gelb oder blau: »So verstanden, sind auch wir Chinaprimeln«.

69

Es entsprach - zum Punkt 4) zu kommen - dem Revolutionsgestus in beiden Zeitschriften, sich zum Richter über die Vergangenheit aufzuwerfen. Das verdeutlicht das Bemühen, die katholische Tradition aus der Geschichte auszulöschen, da sie ein böswilliger Palimpsest kultureller Eigenleistung des germanischen Volkes sei. Deutsche Kultur stamme von unten aus Germanien, nicht von 70

oben aus Rom. Wie die Juden, so wurde »Rom« überall am Werk gesehen. Wenn es - wie zitiert hieß, Rom sei Zivilisations- und Humanismus-Idee, Frankreich und die katholische Kirche, dann musste auch die antike Überlieferung, wie sie im 19. Jahrhundert von Boeckh bis Mommsen erforscht worden war und dazu beigetragen hatte, der deutschen Wissenschaft einen internationalen Spitzenrang einzuräumen, einer Radikalrevision unterzogen werden. Das versuchte Walter Eberhardt in einem Beitrag »Die Antike und wir«, der für programmatisch gehalten und deshalb zweimal publiziert wurde.

71

Der nationalsozialistische Aufbruch sei »eine scharfe Absage an den Geist

Westeuropas«, hieß es, aber er sei doch eine »Wiedergeburt der Antike«, der Marschtritt von SA und HJ ein Wiedererwachen Spartas - heute wie damals Männer- und Knabenbünde, getragen von den elementaren Kräften des Volkstums. Solches Wiedererwachen sei aus »Blut, Instinkt und Urverwandtschaft« heraus geschehen, womit der Autor zu einer Abrechnung mit der gelehrten Altphilologie des 19. Jahrhunderts überleitete. Diesen Aspekt vertiefte der später in der Bundesrepublik 72

als Etrusker-Experte hervorgetretene Althistoriker Otto Wilhelm von Vacano , als er 1937 über das »Archäologische Institut des Deutschen Reiches« in Rom schrieb, dort seien »an führender Stelle bis in jüngste Zeit Juden und Judenfreunde tätig« gewesen.

73

Da sich die NS-Ideologen mit dem Gestus aller Revolutionäre in eine säkularisierte Teleologie einordneten, also ein Geschichtsmodell konstruierten, das auf sie selbst zulief, mussten widersprechen69

Das Antlitz des Volkstums. In: VuH, H. 3 / 4, Lenzing / Ostermond (März / April) 1935, S.46-50.

70

Etwa: Karl ROSENFELDER, Die Abkehr der Romkirche von Europa. In: NsM, H. 104, November 1938, S.2-18; Matthes Ziegler über die Sympathie der »Romkirche« für »Herrn Benesch«. In: Ebd., S.35-43.

71 72 73

NsM, H. 58, Januar 1935, S.19-31, und in der Reihe Nationalsozialistische Wissenschaft, Heft 2, 1935. Die Etrusker in der Welt der Antike, Hamb. 1961. Ionien und Hellas. Ein Beitrag zur Rassengeschichte der Griechen. In: NsM, H. 85, April 1937, S.24-35.

19 de Ergebnisse der Geschichtswissenschaft entweder den Juden oder den Katholiken angelastet werden oder aber, da es in der historistischen Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts keine führenden Juden und Katholiken gab und Judenfreundschaft in der Regel auch nicht, dem Wissenschaftsbetrieb an sich. Letzteres geschah. Das historistische Erkenntnisideal wurde als »liberal«, »konservativ-liberal« und gleichsam ich-schwach abgelehnt. Diese Position stand zum einen in der Tradition der Geschichtsschelte seit dem 19. Jahrhundert mit Schopenhauer, Nietzsche und Benn als prominentesten Vertretern, zum andern sollte historistische Velleität durch juvenil-vitalistische Erkenntnisdezision überwunden werden. Baeumler brandmarkte die traditionelle Geschichtswissen74

schaft als »Selbstprostitution liberaler Wissenschaftlichkeit« ; Hellmut Merzdorf umriss bereits im Frühjahr 1935 das Programm nationalsozialistischer Geschichtswissenschaft positiv: Wir erwarten von der neuen Geschichtsschreibung, dass sie uns eine vom nationalsozialis75 tischen Willen bestimmte Sicht der Vergangenheit gibt. Härtle hatte in seiner Spann-Kritik von 1938 geschrieben, nur eine impotente Wissenschaft sein po76

litisch neutral ; Merzdorf sah im »Relativismus« der Historiker »innere Haltlosigkeit«, die sich sofort nach der nationalsozialistischen Revolution gezeigt habe: Verrat der alten Ideale, sich auf den »Boden der Tatsachen« stellen, »Konjunkturhascherei«. Diese Geisteshaltung sei insbesondere an den »falschen Propheten« Wilhelm Mommsen

77

und Herman Oncken

78

deutlich geworden. Als er-

freuliche Beispiele einer noch jungen nationalsozialistischen Geschichtsschreibung, die freilich in der kurzen Zeit noch kein umfassendes Werk habe schaffen können, wurden K. R. Ganzers »Das deutsche Führergesicht« (München 1935) sowie Walter Franks Bücher »Kämpfende Wissenschaft«, »Geschichte des Nationalsozialismus« und »Nationalismus und Demokratie im Frankreich der Dritten Republik« bezeichnet. Nun konnten Velleität, Saft- und Kraftlosigkeit, Relativismus unter allen Historikern des 19. Jahrhunderts einem Heinrich von Treitschke am wenigsten nachgesagt werden; Rosenberg firmierte so-

74 75 76

Friedrich Ludwig Jahns Stellung in der deutschen Geistesgeschichte. In: NsM, H. 75, Juni 1936, S.35-49. Irrungen moderner Geschichtsschreibung. In: NsM, H. 60, März 1935, S.89-90. Othmar Spann, der Philosoph des Christlichen Ständestaats, a.a.O.

77

»Wilhelm Mommsen, ein maßgebender Vertreter der demokratischen Geschichtswissenschaft, hatte seit langen Jahren an einer Politischen Geschichte von Bismarck bis zur Gegenwart gearbeitet; 1933 platzte mitten in diese Arbeit die nationalsozialistische Revolution. Hastig stellte Mommsen das Werk aus nationalsozialistisch um. An einigen Stellen wurde Antisemitismus hineinkorrigiert, andere Stellen wurden dabei aber übersehen; ausgezeichnete demokratische Erklärungen politischer Ereignisse wechseln in bunter Reihenfolge mit Bekenntnissen zum Nationalsozialismus ab.« (Wie Anm. 74.)

78

»Wir müssen uns auch gegen Hermann Oncken entscheiden. Er ist der Repräsentant der objektiven Geschichtsschreibung. Er selbst sagt: Der Geschichtsschreiber würde sich gegen sein eigenes Gefühl versündigen, wenn er sein Erkenntnisstreben in den Dienst politischer Tendenzen, und sei es auch des Patriotismus, stellte.« (Wie Anm. 74.)

20 79

gar als Herausgeber von dessen Hauptwerk. Es ist interessant zu sehen, wie Alfred Baeumler, von Rosenberg zum Leiter der künftigen »Hohen Schule« als der nationalsozialistischen Antwort auf die 80

bürgerliche Universität bestimmt , in einem Beitrag über den Turnvater Jahn mit Treitschkes be81

rühmter Jahn-Abkanzelung in der »Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert« fertig wurde . Bekanntlich hat Treitschke die von Jahn angeregte Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest 1817 eine »abgeschmackte Posse« genannt und es als einen krankhaften Zustand beklagt, »dass die Söhne eine geistreichen Volkes einen lärmenden Barbaren als ihren Lehrer verehrten«. Während die Nati82

onalsozialisten Jahn ebenfalls als einen der ihren Lehrer verehrten , war er für Treitschke ein polternder Rohling, der sich zu der Zote verstieg, wer seine Tochter französisch lernen lasse, tue nichts besseres als sie die Hurerei zu lehren. Treitschke nannte ihn einen Banausen, »dem die Kunst und das Altertum, die ganze Welt des Schönen verschlossen blieb«. Angesichts des »Terrorismus deutschtümelnder Kraftworte und Kraftsitten« sei verkümmert, »was den Kern alles deutschen Wesens bildete, die stolze Freiheit der persönlichen Eigenart.«

83

Was sollte Baeumler tun, wenn er

denn zu dem Treitschke-Jahn-Problem in NsM Stellung nehmen wollte? Er schrieb, auf Jahn liege »der Bannfluch der national-liberalen Tradition«. An Treitschkes Verwerfungsurteil zeige sich ein bestimmter geschmäcklerischer Geist, eine bestimmte Bildung, eine feiner Geschmack »des manchmal allzu gebildeten Treitschke«, der es nicht verschmäht habe, geschmacklos zu werden. Das Amt Rosenberg hat den Schluss gezogen, die kräftigsten Anti-Jahn-Worte Treitschkes, die sich problemlos auch gegen die Nationalsozialisten hätten wenden lassen, in der Rosenberg-Ausgabe von Treitschkes »Deutscher Geschichte« - fortzulassen! Das betrifft etwa die Passagen über die Hurerei des Französischlernens, über die Verwilderung der Jugend und über Jahn als den jugendverderbenden, kunst- und bildungsfernen Tölpel und Banausen.

84

79

Heinrich von TREITSCHKE, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Mit einer Einführung von Alfred Rosenberg herausgegeben und bearbeitet von Klaus Gundelach, Rostock o. J. 80

Mit der Planung dieser Hohen Schule war Baeumler bereits vier Jahre befasst gewesen, als er 1942 in der Dienststelle Rosenberg das »Aufbauamt Hohe Schule« übernahm. Siehe: Reinhard BOLLMUS, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, Stgt. 1970, S.68. 81

BAEUMLER (wie Anm. 73).

82

Siehe: Reinhard K. SPRENGER, Die Jahnrezeption in Deutschland 1871 - 1933. Nationale Identität und Modernisierung, Schorndorf 1985 (Wissenschaftliche Schriftenreihe des Deutschen Sportbundes, Bd. 19). 83

Heinrich von TREITSCHKE, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen, Lpz. 1927, S.385, 381, 382.

84

Heinrich von TREITSCHKE (wie Anm. 78). Man vergleiche dort S. 371 – 374 mit S. 378 – 382 der Leipziger Ausgabe von 1927, Zweiter Teil. Gundelach, 1905 in Berlin geboren, war von 1926 bis 1933 Redakteur in Berlin, von 1933 bis 1938 Verlagsdirektor in Rostock. Danach zog er sich als »schriftstellender Bauer« auf einen Hof in Mecklenburg zurück. Nach dem Krieg lebte er in Schleswig-Holstein und arbeitete dort 1948 als Vorarbeiter in Wiederaufforstungsmaßnahmen, wurde Mitbegründer der »Schutzgemeinschaft deutscher Wald« (SDW) und gründete 1957 die »Deutsche Waldjugend« (DWJ). 1975 stiftete er den Klaus-Gundelach-Preis, der einmal jährlich auf Vorschlag des Bundesverbandes vom Präsidium der SDW für herausragende Leistungen in der Jugendarbeit und im Naturschutz verliehen wird. Gundelachs Verdienste wurden

21 Aber wenn wir nach der Leit-Geisteswissenschaft des Nationalsozialismus fragen: Es war nicht die Neuere und Neueste Geschichte, sondern eine rassistisch unterfütterte Kombination aus Volkskunde und Früh- bzw. Urgeschichte. Diese Fusion führte gleichsam zu einer nationalsozialistischen Volkskunde von unten, welcher Begriff, auf die Literarhistorie angewandt, denn auch aus dem rech85

ten Umfeld stammt , und folglich war der Bonner Volkskundler Hans Naumann die bête noire der nationalsozialistischen Leit-Geisteswissenschaft. Denn Naumann, als Redner bei der Bücherverbrennung in Bonn vollkommen konform, als verantwortlicher Bonner Dekan bei der Aberkennung von Thomas Manns Ehrendoktorat ebenfalls unrühmlich in die Geschichte eingegangen, vertrat mit seiner These vom abgesunkenen Kulturgut, das nicht als Eigenproduktion des Volkes missverstanden werden dürfe, das Konzept einer Volkskunde von oben. Es ist unnötig, die nicht endende Reihe der Naumann-Verächter in NsM und VuH abzuschreiten; einige Beispiele genügen. Matthes Ziegler polemisierte 1934 gegen Naumanns »Grundzüge deutscher Volkskunde«, worin von den deutschen Bauern als »unseren Primitiven«, »Wilden« und sogar von »sozial gebundenen Herdentieren« gesprochen würde. Es handele sich dabei um ein »volkskundliches Primitivitätsdenken«, als dessen Vater »nicht zufällig (...) gerade der Jude Levy-Brühl« gelte. Auf der Linie Merzdorfs und Baeumlers, die gegen eine laue Geschichtswissenschaft vom Leder zogen, dekretierte Ziegler weiter, Volkskunde sei keine bürgerliche Wissenschaft und könne heute weniger denn je mit bloß loyalem Bekenntnis zum Staate und mit Neutralität betrieben werden; sie sei vielmehr »entweder nationalsozialistisch und damit Trägerin einer ungeheuren politischen und weltanschaulichen Verantwortung oder sie schaltet sich selbst aus dem Leben der Nation aus«. Er lehnte den Begriff Vorgeschichte ab: »Man sage Frühgeschichte und Urgeschichte, aber man rede nicht gedankenlos von 86

Vorgeschichte. Unsere Geschichte beginnt nicht erst mit der christlichen Zeitrechnung.« In erweiterter Form erschien Zieglers Beitrag anderthalb Jahre später in der Reihe »Nationalsozialistische 87

Wissenschaft« ; der Autor paradierte nun als »Schriftleiter der N.S. Monatshefte, Referent für Volksforschung in der Deutschen Forschungsgemeinschaft«. Der europäische Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts wurde einmal mehr als »Menschheitswahn gutgläubiger Humanitätsapostel« bezeichnet, die Angriffe auf Naumann erfolgten aufs Neue; Volkskunde wurde als eine Art anwendungsorientierte und politisch engagierte geisteswissenschaftliche Superwissenschaft gedacht: »Wir sehen heute Volkskunde, Vorgeschichte, Rassenkunde, Sprachkunde und Siedlungsgeschichte als

mit der Schleswig-Holstein Medaille und dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Er starb 1989. (Quelle: www.waldjugend.de/foerderung/klaus-gundelach.shtml ) 85

Soweit ich sehe, erstmals 1907. Siehe: August SAUER, Literaturgeschichte und Volkskunde. Rektoratsrede gehalten in der Aula der K. K. Deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag am 18. November 1907, Prag 1907, S.17. 86 87

Volkskunde auf rassischer Grundlage. In: NsM, H. 53, August 1934, S.7-13.

Volkskunde auf rassischer Grundlage. Voraussetzungen und Aufgaben. In: Nationalsozialistischen Wissenschaft, H. 4, 1936.

22 einen festgefügten Block, als die Wissenschaft der deutschen Volksforschung.«

88

Die Vorgeschich-

te, so heißt es einmal über deren praktische Relevanz, reiche »unmittelbar in die großen Kämpfe unserer Tage hinein.«

89

Zwar unterlief VuH das Ideologie-Missgeschick, in der Rubrik »Das Buch als Rüstzeug« die ausgerechnet von Naumann besorgte und kommentierte Ausgabe von Riehls »Naturgeschichte des deut90

schen Volkes« mit warmen Worten zu empfehlen , aber die Tritte gegen Naumann und seine Richtung erfolgten im übrigen auch hier: Im Ganzen gehe der Weg nach oben von der Wurzel zur Krone, vom Bauern zum Städter, und: »Das Leben ist nicht oben bei der hohen Wissenschaft, sondern unten beim Volke.«

91

Die Ablehnung der »hohen Wissenschaft« und des Elfenbeinturms, manchmal irritierend an 1968erTöne erinnernd, führt zu 5) - dem Verhältnis zur Wissens- und Wissenschaftstradition des 19. Jahrhunderts. Nach der einprägsamen Formulierung Thomas Manns, unter dem Eindruck aufmarschierender faschistischer Bewegungen geschrieben, erschien die Menschheit »wie eine Bande losgelassener Schuljungen aus der humanistisch-idealistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts« 92

davongelaufen ; im gleichen Zusammenhang bezeichnete er die NS-Ideologie als »Pöbelherrschaft 93

des Elementarischen« , woraufhin ein Jura-Student und NS-Jugendfunktionär namens Gottfried Neeße, der uns oben als Verfasser von NsM-Beiträgen über Sprachpflege und Lyrik begegnete, die Antwort fand: »Zu einer solchen Pöbelherrschaft geben wir ohne Zögern unser Ja.«

94

Ein klares Ja

zu einer Gestalt der jüngeren deutschen Geschichte, die dem Pöbelhaften sehr nahe kam, zu Turnvater Jahn mit seinem viehischen Franzosenhass, hatte Alfred Baeumler ausgesprochen: Nur eine bestimmte bürgerliche Bildung habe sich gegen den Alten aufgelehnt und seine Bedeutung verkannt. Schon daraus, dass die sich als Revolutionäre verstehenden NsM-Autoren in der bürgerlichgebildeten Welt des 19. Jahrhunderts keine Vorläufer ihrer Bewegung erkannten, entstand ihr Dégoût vor dieser Epoche. In der Tat hatten ja solche für das 19. Jahrhundert typischen Geister wie Emil Du Bois-Reymond und Rudolf Virchow lebhaft vor dem antisemitischen Rassismus als törichter, böser Neigung und mystischer Regung gewarnt, die von einzelnen Abenteurern in die Volkssee-

88

I. Orig. gesperrt.

89

Karlheinz RÜDIGER, Aus der Bewegung. Die fünfte Reichstagung für deutsche Vorgeschichte. In: NsM, H. 104, November 1938, S.67-69.

90 91

VuH, H. 8, Nebelung (November) 1934, S.264-265. Fr. LEMBKE, Von primitivem und gesunkenem Kulturgut. In: VuH, H. 9, Scheiding (September) 1936, S.278-279.

92

Thomas MANN, Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft (1930). In: DERS., Von deutscher Republik, Ffm. 1984 (Frankfurter Ausgabe), S.294-314, S.303. 93 94

DERS., Die Wiedergeburt der Anständigkeit (1931). In: Ebd., S.314-343, S.342. Gottfried NEEßE, Brevier eines jungen Nationalsozialisten, Oldenburg 1933, S.49.

23 le getragen werde.

95

Der nationalsozialistische Rassegedanke, so hieß es 1938 in NsM fast klagend,

spiele in keinem einzigen philosophischen System des 19. Jahrhunderts eine grundlegende Rolle.

96

Aber sollte Nietzsche nicht von nationalsozialistischen Ideologen als Vorläufer in Anspruch genommen worden sein? Thomas Mann nannte Alfred Baeumler den »Nietzsche-Verhunzer (...) auf Fichte’s Katheder«.

97

Baeumler selbst stellte 1934 in NsM fest, der Nationalsozialismus habe in

seinen Ursprüngen kaum unmittelbar aus Nietzsche geschöpft; er - Baeumler - habe deshalb auch nicht vor, »irgendwelche Gedanken Nietzsches mit irgendwelchen Gedanken des Nationalsozialismus in einen mehr oder weniger engen Zusammenhang« zu bringen. Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen Nietzsche und dem Nationalsozialismus gab, dann sah Baeumler sie in der aggressiven Abneigung gegen das Bürgertum und das Bürgerliche: »Jenseits der Überlieferungen des deutschen Bürgertums stehen Nietzsche und der Nationalsozialismus«. Baeumler kappte damit die Verbindung zwischen einem Nationalsozialismus, wie er ihn vertrat, und konservativem Milieu. Zwischen Bürgertum und Nietzsche hätte von beiden Seiten keine Verbindung existiert. Was die Überlieferung des 19. Jahrhunderts betreffe, so habe die »vom konservativ-liberalen Bürgertum geschaffene Legende der Klassik von Weimar« die Alleinherrschaft besessen. Wie Baeumler an seinem Lieblingsthema - der verkannten Romantik - deutlich machte, eignete sich das Bürgertum nur an, »was 98

in die Wohnstube passte«. Der führende Ideologe in NsM war mithin antibürgerlich und gegen die vom Bürgertum geprägte Bildung eingestellt, die er als zurechtgezimmerte Wohnstuben-Idylle de99

nunzierte. Er bekämpfte die »Epigonen eines sterbenden geisteswissenschaftlichen Betriebes« . In solcher Attitüde gefiel sich eine große Zahl der Autoren: Was das 19. Jahrhundert kennzeichne, sei die Auflösung der Gemeinschaft

100

; den »Trägern der bürgerlichen Geistigkeit«

101

wird Schlappheit

attestiert; die Ausrichtung des Wissensstoffes an den klassischen Gymnasien und ihr vom eigenen Volkstum abgekehrtes Bildungsideal einer Wissensvermittlung um ihrer selbst willen zeigten gera-

95

EMIL DU BOIS-REYMOND, Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede. In: ESTELLE DU BOIS-REYMOND (Hg.), Reden von Emil Du Bois-Reymond in zwei Bänden, Bd. 2, Lpz. 21912, S.157-183, S.168; Rudolf VIRCHOW, Die Gründung der Berliner Universität und der Übergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche Zeitalter. Rektoratsrede von Rd. Virchow, Bln. 1893, S.30. 96

Ferdinand WEINHANDL, Ludwig Klages. In: NsM, H. 94, Januar 1938, S.3-40, S.40.

97

Thomas MANN, Leiden an Deutschland. Tagebuchblätter aus den Jahren 1933 und 1934. In: Ders., An die gesittete Welt. Politische Schriften und Reden im Exil, Ffm. 1986, S.7-90 (Gesammelte Werke in Einzelbänden), S.22. 98 99

Nietzsche und der Nationalsozialismus. In: NsM, H. 49, April 1934, S.1-10. Liberalismus und Unordnung. In: NsM, H. 69, Dezember 1935, S.68-70.

100 101

Karl VOGEL, Nationalsozialistische Architektur. In: NsM, H. 40, Juli 1933, S.35-38. MERZDORF, (wie Anm. 74).

24 dezu lebensbedrohende Folgen

102

schreibung« des 19. Jahrhunderts

; gewarnt wurde vor der »geheimrätliche Literaturgeschichts-

103

.

Bürgerliche Bildung wurde als schwächend und - modern geredet - praxisfern angesehen, wobei man unter Praxis völkisch-politische Praxis begriff. Im Fadenkreuz der Kritik standen dabei das traditionelle Gymnasium und die Universität. Das grundsätzlich negative Bild der Universität, das sich nicht nur auf die Vergangenheit bezog, sondern auch auf ihre Erscheinung in der NS-Zeit selbst, will bedacht sein, wenn die Verstrickungen von Universitätswissenschaftlern in den Nationalsozialismus untersucht werden. Das Amt Rosenberg plante eine »Hohe Schule« mit Alfred Baeumler an der Spitze, und das mit Rosenberg scharf konkurrierende »Ahnenerbe« wollte selbst Universität werden.

104

1933 wurde in NsM anlässlich des Danziger Hochschullehrertages beklagt, es fehle ein »fester Mittel- und Erziehungspunkt«, dieser könne »nur im deutschen Volkstum in allen seinen Äußerungen, Hervorbringungen und Erscheinungsformen gesucht werden«.

105

Lothar Stengel-von Rutkowski

stellte in »Nationalsozialistische Wissenschaft« 1935 die Kraft des biologischen Rechts der Nationalsozialisten gegen alle papierne Universitätssatzung. Gegenüber dem »alten, als verhängnisvoll und trügerisch erwiesenen mittelalterlich-liberalistischen Wertmaßstab« sollte der Wissensstoff an den Universitäten »mit einem neuen lebensgesetzlich-rassischen oder biologisch-nordischen Wertmaßstab (...) in des Forschens und Lernens Wertes und für ein kämpfendes und lebendiges Volk Belangloses und seinen Weg Verwirrendes« geschieden werden.

106

1937 druckten die NsM Passagen

aus Karl Astels Eröffnungsrede zum WS 1936/37 an der Universität Jena. Darin formulierte der prominente Rasseforscher und »Alte Kämpfer« der NS-Bewegung, an der Wiege der alten Universität hätten »als Paten die Theologie und das Weltbürgertum« gestanden, an der Wiege der »nationalsozialistischen, lebensgesetzlichen Universität« stehe »die Befreiung der arischen Naturwissenschaft von Scholastik, Dogma und Spekulation, steht das Eingliedern des Menschen mit Leib, Geist und Seele in die Gesetze der Natur«

107

- wobei Astel hier mit »Naturwissenschaft« Rassefor-

schung meinte.

102 103

Karl SCHNEIDER, Deutsche Bildung. In: NsM, H. 40, Juli 1933, S.44-46. Wolfgang LUTZ, Schluss mit Heinrich Heine!. In: NsM, H. 78, September 1936, S.16-42.

104

So schrieb »Ahnenerbe«-Geschäftsführer Wolfram Sievers 1941 über den Mediziner Sigmund Rascher, der eine Anstellung wünschte: »Eine solche Anstellung, die seinem Entwicklungsgang und seiner Ausbildung gemäß ist, können wir ihm aber nicht geben, bevor das Ahnenerbe nicht Universität ist.« (BA Berlin, NS 21-245, Sievers an Brandt, 27.3.1941 .) 105 106 107

SCHNEIDER, (wie Anm. 101). (Wie Anm. 39.) Hochschule und Wissenschaft. In: NsM, H. 81, Dezember 1936, S.54-57.

25 Als Facit der vorgenommenen Inhaltsanalyse ist festzuhalten, dass die Autoren von NsM und VuH entweder die Werte des konservativen Bürgertums der Vergangenheit aggressiv ablehnten oder dieses Bürgertum dort, wo es Wert-Schnittmengen mit dem Nationalsozialismus gab - vaterländischer Standpunkt; emphatisch deutsche Geschichtsauffassung - als willensschwach und unfähig hinstellten. Es wurden alle Verbindungen gekappt.

III. Prosopographisch. Der kurze Blick auf Karriere- und Lebensläufe exponierter NsM- und VuH-Autoren soll nicht ihre »Verstrickungen« in den Nationalsozialismus nachweisen - diese liegen ja vor aller Augen; der abermalige Nachweis der »Banalität von Karriere« nach 1945 verspricht kaum aufregende Erkenntnisse. Aber es sollen ein paar Gemeinsamkeiten und Differenzen des “think-tanks“ der NSIdeologie skizziert werden. Wir können dabei von der üblichen Universitätsverdammung ausgehen, wie sie uns aus NsM und VuH entgegenschallt. Die krasse Ablehnung der traditionellen Universität zeigte sich in NsM und VuH nämlich auch an einer dreischrittigen Erzählungsmatrix der Karriere nationalsozialistischer Konkurrenz-Wissenschaftler oder ihrer beanspruchten Vorläufer bis zurück in das 19. Jahrhundert:

1) Die Männer hätten außerhalb der klassischen Bildungs- und Universitätstradition gestanden, seien von einem unfähigen konservativen Universitäts-Establishment verkannt, abgelehnt und verfemt worden . 2) Sie hätten sich mühsam durchschlagen und eine oft kümmerliche Existenz fristen müssen. 3) Sie seien erst durch die nationalsozialistische Bewegung in ihrer Bedeutung erkannt bzw. mit deren Unterstützung an die Spitze von DFG-Projekten oder auf Lehrstühle gehievt worden. Es versteht sich, dass solche Lebenslauf-Strukturen teils dem Mythos des Revolutionärs geschuldet sind, sie waren jedoch nicht ohne Realitätskontakt. Lothar Stengel-von Rutkowski schrieb in seinem bereits zitierten Päan auf Hans F. K. Günther, die junge nationalsozialistische Bewegung habe 1930 mit ihm einen Mann auf den Schild gehoben und zum Professor gemacht, der in den Augen der Universität seinem Berufe nach Außenseiter und auf seinem Forschungsgebiet Autodidakt gewesen sei. Die Vertreter des Universität seien »Männer eines feindlichen Geistes und Willens«, aber der Protest von Rektor und Senat gegen den ihnen »aufgezwungenen Schriftsteller« sei Papier geblieben; jene Wissenschaftler, die ihn verfasst hätten, seien teils durch die nationalsozialistische Revolution verjagt worden, teils aber führten sie noch immer »hinter den alten Mauerresten der mittelalterlichen und liberalen Gedankengebäude den alten

26 Kampf weiter, wenn auch vorsichtiger und getarnter als damals«.

108

Ähnlich wie über Günther auch

die Erzählung über Hans Hahne-Halle (1875–1935), den Vorgeschichtlicher und Rasseforscher, der seit 1920 in der Provinzialsächsischen Landesanstalt für Vorgeschichte germanische Feste inszenierte

109

: Studium der Medizin, Arzt, Aufgabe des Arztberufes, Studium der deutschen Vorge-

schichte und Rassenkunde als Schüler Kossinnas, anschließend Museumsmann. Hätte ihm in der Weimarer Zeit, dem »Zwischenreich«, die rechte Anerkennung gefehlt, so sei er nach der »Machtergreifung« von Rust zum ordentlichen Professor der Volksheilkunde in Halle ernannt worden und konnte bereits am 18. Januar 1934 seine Rede als Universitätsrektor halten.

110

Über die Verkennung

der Sinnbildforschung in den Jahren vor 1933 hieß es in einem Summa cum laude für deren nationalsozialistischen Vertreter Karl Theodor Weigel, später SS-Obersturmbannführer, es sei niemandem verwunderlich, dass der Kampf um die wissenschaftliche Anerkennung dieser Forschungsrichtung »nicht von einem zünftigen Wissenschaftler, sondern von einem Laienwissenschaftler geführt« worden sei. 1936 habe Weigel sein Ziel erreicht und dank der tatkräftigen Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft die »Hauptstelle für Sinnbildforschung« ins Leben rufen können.

111

End-

lich Karl Astel: Geboren 1898, Gymnasium, »Wandervogelführer«, »vielseitiger Tierzüchter«, Studium der Medizin in Würzburg und dort Leitung des Amts für Leibesübungen der Universität. »1919 Beteiligung an der Befreiung Würzburgs von der Bolschewistenherrschaft mit Waffengewalt.« Danach Freikorps Epp, »Teilnahme an der Befreiung Münchens von der Bolschewistenherrschaft«, im Anschluss Fortsetzung des Studiums. Tätigkeit in Krankenhäusern, dann Studienreferendar an Gymnasien in Würzburg und München. Astel schlug sich acht Jahre als Lehrer und Leiter der Sportärztlichen Untersuchungs- und Beratungsstelle von Universität und TH München durch, begann »aufgrund tierzüchterischer Neigungen« ein Studium der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene und trat 1930 in die NSDAP ein. Seit 1931 bearbeitete er an der SAReichsführerschule Rassefragen sowie die Verlobungs- und Heiratsgesuche von SS-Männern. 1933 holte Sauckel ihn nach Thüringen, wo er fortan das Landesamt für Rassewesen als Präsident leitete und Rassefachberater des SS-Oberabschnitts Mitte wurde. Im Juni 1934 sehen wir Astel als ordentlichen Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor der neuen Universitäts-

108

(Wie Anm. 39.)

109

Uwe PUSCHNER, Deutsche Reformbühne und völkische Kultstätte. Ernst Wachler und das Harzer Bergtheater. In: DERS., Walter SCHMITZ, Justus H. ULBRICHT (Hg.), Handbuch zur »Völkischen Bewegung« 1871 – 1918, München, New Providence etc., 1996, S.762-796, S.785, Fn.113. 110 111

Werner HÜLLE, Professor Hans Hahne-Halle zum Gedächtnis. In: NsM, H. 60, März 1935, S.24-27. Siegfried LEHMANN, Der Kampf um die Sinnbildforschung. In: NsM, H. 78, September 1936, S.56-59.

27 anstalt für menschliche Erbforschung und Rassepolitik.

112

Bei Kriegsende war er Rektor der Uni-

versität Jena. Am 3. April 1945 erschoss er sich in seinem Dienstzimmer.

113

Bis 1938 meldete sich in VuH immer wieder Otto Plassmann zu Wort. Der Vielschreiber deckte die gesamte NS-Brauchtumspalette ab: »Germanische Volksrätsel« re volkstümliche Deutung« tenfeiern«

118

115

, »Geister im Korn«

116

120

, »Himmelserscheinungen und ih-

, »Wurzeln des Volksspiels«

, »Stamm und Landschaft im deutschen Westen«

Ursprung der Maifeier«

114

119

117

, »Deutsche To-

; Plassmanns Beiträge »Sinn und

mit einem Hitler-Bild und der Unterzeile »Warum der Führer die Mai-

königin empfing« sowie »Uralter Brauch um den Maitag«

121

sollten den germanischen 1. Mai und

den 1. Mai als 1933 eingeführtem »Tag der nationalen Arbeit« miteinander verklammern. Plassmann schrieb nicht allein in VuH, sondern ebenso in »Nordland«, er war Redakteur von »Germanien«, dem offiziellen »Ahnenerbe«-Organ ab 1936, und mit dem Thema »Die Irminsäule in der germanischen Überlieferung« Mitarbeiter am »Ahnenerbe«-Projekt »Wald und Baum«.

122

Joseph

Otto Plassmann wurde 1895 als Sohn eines Oberlehrers geboren, wuchs in einem streng katholischen Elternhaus auf, wurde jedoch offenbar bereits als Jugendlicher zum Apostaten, lebte ganz in germanischen Gedanken, begann ein Studium der germanischen Sprachen, wurde 1914 Kriegsfreiwilliger und ging nach schwerer Kriegsverletzung 1917 zur deutschen Zivilverwaltung in Brüssel. Nach 1918/19 beteiligte sich Plassmann an der Abwehr des Spartakus-Aufstands in Berlin, an der Einwohnerwehr von Münster, an der »Bekämpfung des roten Aufstandes an der Ruhr« und 1923 am Kampf gegen das französisch-belgische Besatzungsheer. Im Anschluss an seine Dissertation germanische Bestandteile im Denken einer flämischen Mystikerin - widmete er sich als freier 112

Lebenslauf. In: Nationalsozialistische Wissenschaft, H. 1, 1935, S.31 f.

113

Jenaer Stadtgeschichte, Internet (Recherche Januar 2002): http://www.jena.de/chronik/chroni13.htm. Eines seiner Kinder ist der Lyriker Arnfried Astel, der mit dem Gedichtband »Notstand« zu den Leitautoren der 1968erBewegung zählte. 1985 legte er sich den Vornamen seines Sohnes Hans zu, der in diesem Jahr Selbstmord begangen hatte. (Internet : http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaftaktiv/nullpunkt/biographien.htm.) 114 115 116 117 118 119 120 121 122

VuH, H. 6, Scheiding (September) 1934, S.183-185. VuH, H. 7, Heumond (August) 1935, S.120-124. VuH, H. 10, Gilbhart (Oktober) 1935, S.192-195. Ebd., S.206-210. VuH, H.11, Neblung (November) 1935, S.216-219. VuH, H. 2, Hornung (Februar) 1936, S.41-44. VuH, H. 1, Ostermond (April) 1934, S.53-71. VuH, H. 5, Wonnemond (Mai) 1936, S.134-136.

Zum Folgenden: Bernd-A. RUSINEK, »Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte« - Ein Forschungsprojekt des »Ahnenerbe« der SS von 1937 bis 1945. In: Albrecht LEHMANN, Klaus SCHRIEWER (Hg.), Der Wald - Ein deutscher Mythos?, Perspektiven eines Kulturthemas, Bln., Hamburg 2000 (Reihe Lebensformen, Bd. 16), S.267-363, S.336 ff. (Abschnitt Faces in the Crowd). Dort auch die Quellenhinweise und Literaturangaben.

28 Schriftsteller und Privatgelehrter der »Wiederbelebung des germanischen Gedankens«, war 1928 Mitgründer der »Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte« und der Zeitschrift »Germanien«, legte im »Dritten Reich« seinen christlichen Vornamen Joseph ab, trat 1934 dem »Reichsbund Volkstum und Heimat« bei, 1935 der »Kulturgemeinde« Rosenbergs und wurde im Dezember 1935 in das Stabsamt Darré berufen, um von dort in das »Ahnenerbe« der SS übernommen zu werden, zu dessen Gründer Herman Wirth (1885-1981) er bereits in den 1920er Jahren ebenso in Kontakt getreten war wie zu Wilhelm Teudt (1860-1942), der uns als ExternsteineMystiker oben bereits in einem NsM-Artikel von Matthes Ziegler begegnet ist. Die Habilitation gelang Plassmann nach zwei vergeblichen Anläufen 1943 in Tübingen; 1944 erhielt er eine Bonner Professur für Deutsche Volkskunde. In der SS brachte Plassmann es zum Obersturmbannführer. Rechtes Gedankengut vertrat er auch in seinen Schriften nach 1945, vor allem in »Princeps und Populus. Die Gefolgschaft im Ottonischen Staatsaufbau nach den sächsischen Geschichtsschreibern des 10. Jahrhunderts« von 1954. Die Arbeit erschien in den »Schriften der Forschungshilfe«, wo vom Dienst suspendierte nationalsozialistische Hochschullehrer zu veröffentlichen pflegten. In Kürschners Gelehrtenkalender von 1954 heißt es über Plassmann: »Dr. Phil., ao. UProf. Celle.« Ebenfalls in VuH publizierte der Germanist und Volkskundler Otto Huth.

123

Er war einer der engs-

ten Mitarbeiter Plassmanns, so dass hier Teile eines Netzwerkes sichtbar werden. Am »Wald und Baum«-Projekt war Huth mit dem Thema »Der Lichterbaum« beteiligt. Er hatte Plassmann zunächst bei der Redaktion von »Germanien« assistiert und leitete mit ihm ab 1937 faktisch die Ahnenerbe-Abteilung für Märchen- und Sagenkunde. 1906 als Arztsohn geboren, war Huth bereits 1922 »im völkischen Sinne aktiv tätig«, beteiligte sich noch als Schüler am Kampf gegen die Separatisten im Rheinland und gehörte 1924 und 1925 der »Deutsch-Völkischen Freiheitsbewegung« an, einer NSDAP-Tarnorganisation der Verbotszeit. Nach dem Studium der Germanistik und Volkskunde sowie dem Doktorexamen 1932 war Huth 1933 und 1934 Stipendiat der DFG, und Bearbeiter des Themas »Der indogermanische Dioskuren-Mythos«, 1934 - mit 28 Jahren! - Abteilungsleiter in der Reichsführung des »Reichsbundes Volkstum und Heimat«, bezog 1935 und 1936 abermals ein Stipendium der Forschungsgemeinschaft, nun für eine Arbeit über den Feuerkult der Indogermanen. 1937 trat er in das »Ahnenerbe« der SS ein. 1941 wurde er an die Universität Straßburg berufen. Wie Plassmann war er SD-Mitarbeiter. Als Straßburg evakuiert werden musste, ging Huth nach Tübingen; nach dem Kriege finden wir ihn dort als außerordentlichen Professor. Später publizierte er unter anderem in »Symbolon. Jahrbuch für Symbolforschung«.

123

124

Sommersonnenwende. In: VuH, H 1., Ostermond (April) 1934, S.99-101; Deutsche Wiedergeburt. In: VuH, H. 6, Scheiding (September) 1934, S.177-178. Zu Otto Huth: RUSINEK, (wie Anm. 121), S.339 ff..

124

Internet (Recherche Januar 2002): wwwsymbolforschung org/jahrbuch. htm.

29 Eine ganze Reihe von NsM- und VuH-Autoren war offenbar im völkisch-nationalistischen Zweig der Jugendbewegung während der 1920er Jahre politisiert worden: Alfred Pudelko, in NsM mit dem Artikel »Volk, Raum und Reich in der deutschen Geschichte« hervorgetreten

125

, war Schriftleiter

des »Falken«, der Älterenzeitschrift des Bundes »Adler und Falken / Deutsche Jugendwanderer« gewesen

126

, zu den »Adlern und Falken« hatten auch Matthes Ziegler und Otto Strobel

127

gehört.

128

In den Gedenkartikeln für gefallene Kameraden in VuH, Jahrgang 1942, finden wir zu Fritz Grauer angegeben, der SA- und SS-Mann sei 1923 bei den »Adlern und Falken« gewesen, wogegen Wolfgang Hirschfeld, zeitweilig VuH-Hauptschriftleiter, vom Bund der »Artamanen« gekommen, von dort in die HJ gewechselt und anschließend »Lehrer an einer Bauernhochschule« gewesen sei.

129

Carl Hannemann, aus dessen VuH-Artikel »Der Jazz - eine letzte jüdische Konsequenz« von 1944 oben zitiert worden ist, entstammte der musikpädagogischen Szene der Jugendbewegung, war Kirchenmusiker und Begründer der »Lobeda«-Singebewegung des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, die 1926 mehr als 150 Chöre mit ca. 10.000 Mitgliedern umfasste und 1933 in den »Reichsbund Volkstum und Heimat« überführt wurde.

130

Aus dem bündischen Teil der evangeli-

schen Jugend stammte Werner Haverbeck (1909-1999), der als Vorgänger Hirschfelds Hauptschriftleiter von VuH gewesen war. Er hatte Geschichte, Germanistik und Volkskunde studiert, wurde Mitglied der Reichsleitung des NS-Studentenbundes, brach sein Studium aber ab und trat in den NS-Apparat ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte er sich der Anthroposophie zu, studierte am Priesterseminar der anthroposophischen Christengemeinschaft in Stuttgart und wurde 1950 zum Priester geweiht. 1963 gründete er das Collegium Humanum, wirkte von 1973 bis 1979 als Professor für angewandte Sozialwissenschaft an der FH Bielefeld, gehörte zum rechten Saum der Ökologie-Bewegung, tummelte sich auch in der Gottsucher- und Urgemeinschaftsszene, also dort, wo er sich vor 1933 ebenfalls befunden hatte, und unterzeichnete den Holocaust-leugnenden »Aufruf der 100«.

131

Heinrich Härtle, der 1936 den aggressiven Othmar-Spann-Verriss in NsM publiziert hatte,

schrieb 1965 ein Auschwitz-Leugnungsbuch und war Mitbegründer der NPD.

132

Im einschlägigen

Druffel-Verlag (Leoni) erschien 1976 „Deutsche und Juden. Studien zu einem Weltproblem“; des

125 126 127 128 129 130

H. 100, Juli 1938, S.2-15. MOHLER (wie Anm. 56), S.298. Wagners Münchener Zeit im Lichte unveröffentlichter Briefe des Meisters. In: NsM, H. 40, Juli 1933, S.10-33. BOLLMUS (wie Anm. 79), S.320. VuH, 1942, S.1-3, 174 f. Ich danke Prof. Dr. Jürgen Reulecke (Siegen) für diese Information.

131

Internet (Recherche Januar 2002): www.info3.de/projekte/ns/ns-wagner.html und idgr.de/lexikon/bio/h/haverbeckwg/haverbeck.html. 132

Internet (Recherche Januar 2002): http://www.h-ref.de/lit/h/haertle/freispruch.shtml

30 weiteren publiziert Härtle „Von Kopernikus bis Nietzsche. Deutsche Befreier europäischen Geistes“ und „Großdeutschland - Traum und Tragödie. Rosenbergs Kritik am Hitlerismus“.

133

Weit bedeutender als Härtle war Lutz Mackensen (1901–1992), in NsM für Sprache und Volkskunde zuständig. Sein programmatischer Aufsatz »Sprache und Rasse« schloss mit den Worten: »Wir wollen die Kraft erkennen, die unserer Sprache ihre bezeichnende, einmalige Wesentlichkeit verleiht. Diese Kraft aber heißt: Rasse.«

134

Mackensen hatte Germanistik und Volkskunde studiert,

wurde Professor in Riga, war laut Kürschner, Ausgabe 1950, Professor in Göttingen, laut Ausgabe 1954 »Professor zur Wiederverwendung« und laut Ausgabe 1964 Leiter der deutschen Presseforschung, Bremen. Sein Rechtschreib-Handbuch von 1954 wurde mehr als eine Million Mal verkauft.

135

Mackensens Schüler war der in NsM bis 1940 vielfach präsente Matthes Ziegler, 1911 in

Nürnberg als Matthäus Ziegler, Sohn eines Werkmeisters, geboren.

136

Er wurde 1934 - mit 23 Jah-

ren! - Leiter der »Hauptstelle Weltanschauung« im Amt Rosenberg und war bis 1940 einer der Hauptmatadore im Kampf gegen die konfessionelle, bürgerlich-konservative und bürgerlich-liberale Volkskunde. Wenn ein Nachwuchswissenschaftler wie Ziegler, der aus der völkischen Jugendbewegung kam, mit 24 Jahren gegen den »objektive(n) Wahrheitsbegriff der Wissenschaft von gestern« schrieb

137

und mit 28 einen »Verdammungs-Index der Universitätsvolkskunde«

138

vorlegte,

dann - das sei hier nur angedeutet - muss der Generationen-Kampf gegen das universitäre Establishment als Movens mitbedacht werden. Ziegler hatte u. a. in Erlangen, Greifswald und Riga, wohin er seinem Lehrer Mackensen gefolgt war, Evangelische Theologie, Philosophie, Deutsche und Nordische Philologie sowie Volkskunde studiert. Wie Plassmann in der NS-Zeit seinen christlichen Vornamen Joseph abstreifte, wandelte Ziegler den seinen in Matthes; wie Otto Huth publizierte Ziegler nach 1945 über Symbole

139

; wie

Werner Haverbeck wandte auch Ziegler sich dem christlichen Glauben zu, wurde aber nicht wie dieser Pfarrer einer Sekte, sondern der Evangelischen Kirche - Martin Niemöller selbst hatte Zieg-

133 134 135

Für diese Hinweise danke ich Herrn Thomas Müller, M.A. (Aachen). NsM, H. 61, April 1935, S.19-27. WDR-Stichtage, Internet (Recherche Januar 2002): www.wdr.de/radio/wdr2/westzeit/stichtag_mar_2002.html.

136

Zu Ziegler: Hannsjost LIXFELD, Die weltanschauliche Volkskunde des Amts Rosenberg und ihr Wissenschaftstheoretiker Matthes Ziegler. In: Wolfgang JACOBEIT, Hannsjost LIXFELD, Olaf BOCKHORN, Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien., Köln, Weimar 1994, S.192-205; Wolfgang BRÜCKNER, Volkskunde und Nationalsozialismus. Zum Beispiel Matthes Ziegler. In: Bayerische Blätter für Volkskunde, Jg. 13 (1986), S.189-192. 137 138 139

Kirchliche oder religiöse Volkskunde?. In: NsM, H. 65, August 1935, S.2-13. BRÜCKNER (wie Anm. 135), S.191.

1957 erschien in der Reihe Lehre und Symbol des Origo-Verlages Zürich Zieglers Engel und Dämonen im Lichte der Bibel mit Einschluss es außerkanonischen Schrifttums. (BRÜCKNER, , S.189.)

31 ler wieder in die Kirche aufgenommen und ihm eine Pfarrstelle im Südhessischen vermittelt, wo Pfarrer Matthäus Ziegler bis in die 1970er Jahre tätig war. Wenn wir auf die Zeit vor 1933 blicken, so hatte von den exponierten älteren NsM- und VuHAutoren offenbar einzig Baeumler

140

die Anerkennung des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs

nicht gefehlt: Geboren 1887, altkatholisches Elternhaus, zwar Realgymnasium, aber Promotion über Kant; danach zwar Realschullehrer, aber Habilitation, ebenfalls über Kant, und ab 1929 Professor für Philosophie und Pädagogik. Baeumler war zumindest vor 1933 als ernsthafter Philosoph wissenschaftlich geachtet, nicht zuletzt aufgrund seiner monumentalen Einleitung von 1926, »Bachofen, der Mythologe der Romantik«

141

, die ihn auch in Kontakt mit Thomas Mann brachte.

Da im »Dritten Reich« über-exponiert, war Baeumler, Günther und Plassmann die Fortsetzung universitärer Tätigkeit nach 1945 versagt. Baeumler schrieb, Günther irrlichterte in rechten neorassistischen Szenen, Plassmann publizierte in der Schriftenreihe der »Amtsverdrängten«. Astel erschoss sich, Hannemann starb 1945. Lutz Mackensen diversifizierte in Richtung eines deutschen Wörterbuchs und konnte sich nach einigen Mäandern als Leiter der Presseforschung in Bremen neu positionieren. Sehen wir von Baeumler und Mackensen ab, so scheinen die übrigen vollmundigen Hauptideologen in NsM und VuH nicht zwar - oder nicht allein - »wildgewordene Studienräte oder Außenseiter« gewesen zu sein, wie einst prominent formuliert wurde

142

, aber eben doch krasse Außen-

seiter oder nach bürgerlich-konservativen Begriffen Schlechtweggekommene der akademischen Bildung, so dass Hans Rothfels’ Feststellung, fügen wir den Aspekt der Jugendlichkeit hinzu, für den hier gewählten Untersuchungsgegenstand nicht fehlgegriffen ist.

140

Zu Baeumler: Christian TILITZKI, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Bln. 2002, Teil I, S.190 ff. 141

In: Der Mythus von Orient und Occident. Eine Metaphysik der Alten Welt. Aus den Werken von J. J. Bachofen, mit einer Einleitung von Alfred Baeumler herausg. v. Manfred Schroeter, München 1926, S.XXV – CCXCIV (!). 142

So die umstrittene Formulierung von Hans ROTHFELS, Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren. In: A. FLITNER, (Hg.), Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Eine Vortragsreihe der Universität Tübingen, Tübingen 1965, S.90-107, S.99.