Die Neckermanns - Die Onleihe

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Schlepptau, aber es war nicht leicht, ihm zu folgen. Er eilte nicht voran, er rannte, als ginge es darum, die letzte Bahn zu erwischen. Im Gewühl verlor ich ihn bald aus den Augen. Als ich ihn wiederfand, lotste er bereits den Bundespräsidenten Carl Carstens mit seiner Frau Veronica zu Lamberts donnernder Orgel. Neckermanns ungestümer Drang beeindruckte mich. Spät nach Mitternacht strahlte er immer noch unverwüstliche Energie aus. Später stand ich neben ihm vor dem Bierzelt im Foyer. Um den Sporthilfechef versammelten sich die Bosse der Bosse der deutschen Wirtschaft auf eine Bockwurst für 5 Mark. Neckermann aß sie diätbewusst – ohne Semmel, aber mit scharfem Senf. Der Reinerlös dieser Gala betrug, wie am nächsten Tag überall in der Presse stand, satte 2,2 Millionen Mark. Davon rund 1 Million aus Privatspenden.

Die Würzburger und die Frankfurter Neckermanns Im Jahr 1995 intensivierte sich mein Kontakt zu Marlene Neckermann, der Nichte des Kaufhauskönigs. Sie ist die Tochter von Josefs jüngerem Bruder Walter, der den familiären Kohlenhandel in Neckermanns Geburtsstadt Würzburg weitergeführt hatte, nachdem Josef zu größeren Zielen aufgebrochen war. Marlene hatte auf der Münchner Kunstakademie studiert und galt als das »schwarze Schaf« des Familienclans. Als vielbeachtete Erotik-Malerin verkehrte sie in der Clique des umtriebigen Fürsten Thurn & Taxis. Mit 50 rettete die begeisterte Reiterin den 125 Jahre alte Traditionshandel für Kohlen und Brennstoffe und gründete ein Start-Up-Unternehmen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Heute liefert sie unter anderem Biodiesel aus Raps für die Heizungsanlage des neuen Bundestages in Berlin. Ich traf sie damals, um einen Bericht über ihr Unternehmen zu schreiben, und der Kontakt hat sich bis heute erhalten. Die erste Begegnung ging auf das Jahr 1982 zurück, als mein Freund Dieter Heisig, ein begnadeter PR-Fachmann in der interna­ tionalen Filmbranche, mich seiner »neuen Flamme« Marlene vorstellte und gleich vorschlug, eine Geschichte über sie als Erotik-Ma-

16  D i e N e c k e r m a nn s lerin zu schreiben. Marlene überraschte mich mit ihrer schüchternen, zurückhaltenden Art. Irgendwann lag es nahe, ein Buch über diese vielschichtige Familie zu schreiben. Als ich mit den Recherchen begann, half mir Marlene, Kontakt zu den »Frankfurter Neckermanns« aufzunehmen. Diese Bezeichnung geht auf den Umzug von Josef Neckermann zurück. Nach dem Krieg fand er in seiner Heimatstadt Würzburg für einen Neubeginn keine günstigen Bedingungen mehr – auch deshalb, weil er dort als unrühmlicher »Arisierer« eines jüdischen Kaufhauses in Verruf geraten war. »Profiteur der Nazis« nannte ihn die Würzburger Tageszeitung Main Post noch kürzlich. Josef Neckermanns jüngster Sohn, Johannes, 1942 in Berlin geboren, erklärte sich nach einigen E-Mails zu einem Interview bereit. Er schlug vor, sich zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth mit mir zu treffen. Die Wahl des Ortes überraschte mich angesichts der vielfältigen Verstrickungen der Neckermanns in die NS-Vergangenheit. Zu unserem Treffen erschien Johannes Neckermann, der heute am Schuyler Lake im US-Bundesstaat New York lebt, im feinkarierten, braun-beigen Sakko. Doch das typisch amerikanische Muster täuschte: Das strapazierfähige Kaschmirjackett stammte aus dem Neckermann-Katalog. Johannes hält an der Tradition fest und lässt sich die neueste Ausgabe stets in die USA schicken – »und hin und wieder bestelle ich auch etwas. Es gibt in diesem Katalog immer Dinge, die es woanders nicht gibt«, meinte er. Es war ein angenehmes Gespräch, aus der ursprünglich vereinbarten knappen Stunde wurde ein langer Nachmittag mit dem eingefleischten Wagnerianer. Anschließend dinierten wir am traditionellen Neckermann-Stammtisch im Gasthof »Goldner Löwe« in Auerbach in der Oberpfalz. Im Laufe des Nachmittags kamen wir auch auf die NS-Zeit zu sprechen. Johannes Neckermann meinte: »Alles was es zu dieser Zeit zu sagen gab, hat mein Vater in seinen Memoiren niedergeschrieben. Alles, was darin steht, ist auch die Meinung der Familie.« Wann immer ich mich während meiner späteren Recherchen mit Fragen zu diesem Thema an ihn wandte, verwies Johannes Neckermann immer auf die Memoiren seines Vaters. Er kannte das

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Buch Seite für Seite beinahe auswendig und schien keinerlei Zweifel an deren Richtigkeit zu haben. Ich merkte bald, dass die Frankfurter Linie wie eine verschworene Gemeinschaft agiert. Ohne den Segen von Johannes Neckermann, der nun als Oberhaupt über die Tradition des Hauses wacht, öffnete sich kein Weg zu den weiteren Familienmitgliedern oder früheren Angestellten. »Wir Neckermanns funktionieren wie eine Festung – wir sind ein Adel ohne Adelstitel«, räumte Johannes ein. In seiner »Ritterlichkeit« war er schließlich bereit, mich bei meinen Recherchen zu unterstützen – ohne mein Manuskript vor dem Abdruck vorgelegt zu bekommen. Durch ihn traf ich auch Klara Rupp, die 30 Jahre lang Haushälterin der Familie war. Ein Besuch bei ihr in Gemünden am Main verschlug mir förmlich die Sprache. Die Wohnung der 84-jährigen agilen Fränkin gleicht einem Neckermann-Museum. In den drei geräumigen Zimmern befindet sich das komplette Mobiliar »des Chefs« und »der Chefin« – so wie es zwischen 1951 und 1955 bei einem Kunsttischler in Frankfurt nach Maß angefertigt wurde. Dunkles Wurzelholz, Ahorn, Kirsch und Mahagoni, in robuster Ausführung. Ich saß an einem runden, auslegbaren Esstisch, um mich herum großbürgerliche Schränke und Kommoden. Besonders fiel mir eine Vitrine mit Kristallglas ins Auge, die nach dem Vorbild eines Stücks von Katerina der Großen ausgeführt war: »Die Chefin«, also Annemarie Neckermann, »hatte das Original bei ihrer Familien­ reise in Petersburg gesehen und danach bei dem Tischler in Auftrag gegeben«, erzählte »Klärchen«, wie sie von den Neckermanns genannt wurde. Frau Rupps Offenheit war herzerfrischend. Auch mit 84 immer noch das Mädchen vom Lande, streng katholisch, das sich in ihrem Herzen nie verbiegen ließ. Ohne Umschweife antwortete sie, als ich fragte: »Und wie war Josef Neckermann zu Hause?« – »Den Chef habe ich bewundert und gefürchtet. Die Chefin war nie launisch, sie war jeden Tag gleich. So konnte ich es auch ohne Schwierigkeiten 30 Jahre bei den Neckermanns aushalten.« Die Bewirtung war wie damals bei Neckermanns: Semmeln mit Schinkenwurst. Was nicht bedeutete, dass Josef Neckermann keinen

18  D i e N e c k e r m a nn s Hummer liebte. Von einem Foto an der Wand schauten mir zwei Hunde in den Teller: Axel und Sony, aufgenommen im Garten ­ der Neckermanns. »Die Neckermanns waren sehr großzügig,« erzählte mir Frau Rupp, während ich mich umsah. »Bei meinem Abschied erhielt ich zur Firmenrente zusätzlich rund 30 000 Mark auf einmal ausgezahlt, für jedes Jahr 1 000 Mark. Damit habe ich ein sorgloses Alter. Das Glück meines Lebens war, dass ich zu den Neckermanns kam.« Über Johannes kam schließlich auch ein Treffen mit seiner Schwester Eva-Maria, genannt Evi, zustande. Eva-Maria Pracht, die 1982 in Seoul im Dressurreiten die Bronzemedaille holte, lebt seit 1986 in Kanada. Sie war Papis Liebling und suchte mit goldenem Händchen seine Pferde aus. Im Oktober 2004 kam sie an den Tegernsee, um ihren Bruder Peter zu besuchen, der nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt war. Unser Gespräch fand in einer ruhigen Ecke im Hotel Parkresidenz statt, wo Eva-Maria Neckermann bereitwillig erzählte. Besonders genüsslich berichtete sie vom Aberglauben in der Familie. Josef Neckermann habe bei jedem Turnier eine Miniaturbibel in einer winzigen Silberbox in der Tasche gehabt, und seine Frau Annemarie habe ihm vor jedem Turnier auf die Stiefel gespuckt. Einmal warnte die Tochter ihren Vater, als er geschniegelt ausritt: »In brandneuen Hosen reitet man bei einem Turnier nicht.« Josef Neckermann hörte nicht auf seine Tochter und fiel prompt vom Pferd. Als Evi ihn deswegen hänselte: »Siehst du, ich habe es doch gesagt, in neuen Hosen reitet man nicht«, blickte sie der Vater auf eine Weise an, die man nie vergisst: »Er war kurz davor, mir eine zu scheuern.« Eva-Maria erzählte mir eine Anekdote nach der anderen aus der Geschichte der Familie und der Nachmittag verging im Fluge.

Die Legende lebt Seit ich mich intensiv mit der Familie Neckermann beschäftige, begegne ich dem Namen noch häufiger als früher. Vor einigen Monaten war ich in Hongkong, um einen Bericht für ein Reisemagazin zu

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schreiben. Auf dem Pier der Star Ferry wartete ich auf eine Dschunke, als ein fröhliches Grüppchen aus einem Bus ausschwirrte. Sie folgten ihrem chinesischen Führer, der mit einem Fähnlein wedelte: »Neckermann« stand darauf. Das Sächseln wies unverkennbar auf die Herkunft der Weltenbummler hin. »Sind Sie von Neckermann?«, fragte ich eine etwas opulente Leipzigerin. Ihr Gesicht erstrahlte, als hätte sie ein Kompliment bekommen: »Jaaa! Sie auch!?« In sektenähnlicher Begeisterung erkundigte sie sich gleich: »Sehen wir uns morgen beim Ausflug?« Als wäre es selbstverständlich, dass ein Deutscher in Hongkong ein Neckermann-Tourist sein muss. So zwitscherte es aus der Gruppe auch fröhlich: »Na, dann bis morgen! Mit Neckermann.« Auf dem Rückflug nach Frankfurt saß ich neben einem Jungmanager. Aus seinem ledernen Gucci-Aktenkoffer holte er eine Zeitschrift: PM Forum – für alle Freunde des Pferdes. Aus dem Augenwinkel las ich: »Dr. Josef Neckermann ... durch sein Wirken ... fruchtbare Verbindung zwischen der Sporthilfe und dem Pferdesport ... nicht wegzudenkende Meilensteine ... Wir sind zu Dank verpflichtet.« Wieder zurück in Deutschland, war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Unter den Gästen waren auch einige alte Freunde aus der ehemaligen DDR. Wir erinnerten uns an die alten Zeiten – und schwärmten von den alten Neckermann-Katalogen. »Wenn es uns gelang, einen heimlich zu ergattern, kam es uns wie ein Fenster zum Westen vor«, meinten die Ost-Freunde. Meine selige Mutter tauchte vor meinem geistigen Auge auf und ihr Glück, als sie von diesen gepflegten, freundlichen Westdeutschen einen Neckermann-Katalog geschenkt bekommen hatte. Welch rührendes Geschenk! Sofort verstummte damals jedes Gerede über Alt-Nazis, Neofaschismus und Revanchismus. Sobald man im Neckermann-Katalog zu blättern anfing, war die Welt für eine Weile in Ordnung. Die Wünsche und Illusionen vom Konsumglück vereinten West und Ost. Diesen Glanz hat der Name auch nach den vielen Aufs und vor allem Abs der Familie und des Unternehmens nicht verloren. Neckermann bleibt ein deutscher Mythos.