Die Pfyffer von Luzern im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges

Die Pfyffer von Luzern im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges

Familiale Machtpolitik und Militärunternehmertum im katholischen Vorort Die Pfyffer von Luzern im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges Philippe Rogger ...

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Familiale Machtpolitik und Militärunternehmertum im katholischen Vorort Die Pfyffer von Luzern im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges Philippe Rogger

1. Einleitung Die Pfyffer gehörten in der Neuzeit zu den führenden Familien in Luzern und in der katholischen Eidgenossenschaft. Ihr rascher Aufstieg in den innersten Zirkel der luzernischen Machtelite im Verlauf des 16. Jahrhunderts ist bemer­ kenswert. Die Gründe für diese familiäre Erfolgsgeschichte sind vielfältig. Ihre politische Stellung war u. a. eng mit der Betätigung zahlreicher Familien­ mitglieder im Soldgeschäft verknüpft. Die grenzübergreifende Verflechtung der Familie mit fremden Herren, insbesondere mit Frankreich, und die da­ durch vermittelten materiellen und immateriellen Ressourcen bildeten ein ent­ scheidendes Fundament für deren Macht. Dabei ist die Fähigkeit dieses Ge­ schlechts, seine einflussreiche Position trotz inneren und äusseren Krisen, Umbrüchen und Widerständen zu behaupten und zu stärken, ebenso erstaun­ lich wie erklärungsbedürftig. Die Pfyffer stellen ein aufschlussreiches Fallbei­ spiel dar, um der Frage nachzugehen, welche Rolle die fremden Dienste in der familialen Strategie des Obenbleibens um 1600 in der katholischen Eidgenos­ senschaft spielten und welche Herausforderungen damit in der Zeit des Dreis­ sigjährigen Krieges verbunden waren. Um dies zu klären, sollen der Weg der Pfyffer ins luzernische Patriziat beschrieben (Kap. 2) und die pfyffersche Machtpolitik um 1600 knapp skizziert (Kap. 3) werden. Anschliessend werden das aussenpolitische Spannungsfeld zwischen Glaube und Geschäft im Um­ feld des Dreissigjährigen Krieges ausgelotet und die Abhängigkeit der Pfyffer von Frankreich am Beispiel der Sold- und Pensionenschulden problematisiert (Kap. 4 und Kap. 5). 2. Der rasante Aufstieg der Familie ins Luzerner Patriziat Die Familie Pfyffer wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Luzern an­ sässig. 1483 erhielt Hans Pfyffer das Luzerner Bürgerrecht. 1489 gelang ihm die Wahl in den Grossen Rat. Ab 1513 / 14 sass der inzwischen 75-Jährige im Kleinen Rat der Stadt. Im Zentrum der Macht angelangt, besetzten die Pfyf­ fer bis in die Jahrhundertmitte je eine Ratsstelle in den beiden Ratsgremien. In den folgenden Jahrzehnten sicherte sich die ambitionierte Familie zahlrei­ che weitere Ratsstellen und war um 1600 im Kleinen und im Grossen Rat

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gleichzeitig mit je sieben Mitgliedern vertreten. Jeder fünfte Kleinrat war dem­ nach ein Pfyffer.1 Es stellte für die Familie eine glückliche Fügung dar, dass ihr Machtstreben im 16. Jahrhundert mit einer Phase auffallend hoher Ster­ bequoten im Rat zusammenfiel.2 Insgesamt besetzten die Pfyffer zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert fünfmal das Schultheissenamt.3 Die Geschwin­ digkeit ihres sozialen Aufstiegs und ihre politische Vormachtstellung in Lu­ zern gelten in der Forschung als beispiellos. Gleichzeitig ist die pfyffersche Machtpolitik, so Kurt Messmer, modellhaft für eine ganze Epoche.4 Denn der Machtzuwachs der Familie war eng mit deren lukrativen Geschäftsbeziehun­ gen zu auswärtigen Mächten verknüpft. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhun­ dert war der Handel mit Söldnern ein wichtiges Geschäft für die Orte und de­ ren politische Eliten. Auf den Schlachtfeldern Europas waren neben Iren, Schotten, Kroaten oder Deutschen immer auch Eidgenossen als Söldner an­ zutreffen.5 Die Kantone entwickelten mit Soldallianzen und Kapitulationen ein vertragliches Instrumentarium, das es ihnen ermöglichte, den Export der militärischen Gewalt wie die grossen deutschen Kriegsunternehmer abzuwi­ ckeln.6 Gegen die Bezahlung von Pensionen in die Stadtkasse und in die Ta­ schen der Machteliten sicherten sich die fremden Kriegsherren das Recht, Söldner auf den eidgenössischen Gewaltmärkten zu rekrutieren und die geo­ politisch wichtigen Alpenpässe für Truppendurchzüge zu nutzen. Diese dip­ lomatisch-militärische Verflechtung mit den umliegenden Grossmächten war für die Kantone von herausragender Bedeutung. Die dadurch vermittelten Res­ sourcen (Pensionen) erlaubten es den Orten, die Steuern tief zu halten. Aus den Vereinbarungen mit den Kriegsherren zogen die Kantone auch einen si­ cherheitspolitischen Nutzen, der sich kostenmässig günstig niederschlug. Sie liessen sich in den Allianzen von den Kriegsherren für den Kriegsfall ein Rück­ berufungsrecht für die im Ausland weilenden Regimenter zusichern. Dadurch verfügten die Orte über gut ausgebildete und kriegserfahrene Truppen, für de­ ren Ausbildungskosten sie nicht selber aufzukommen hatten. Die Allianzen gewährten ausserdem zahlreiche Handelsprivilegien, die es eidgenössischen Kaufleuten erlaubten, ihre Waren zollfrei nach Frankreich oder nach Mailand zu befördern und diese potenziellen Käufern zum Vorzugspreis anzubieten.7 Hinter dieser Politik der Orte standen die Interessen bestimmter Familien, de­ ren ökonomische und machtpolitische Ambitionen eng mit den fremden Diens­ ten verwoben waren. Die Aussenpolitik der Orte war nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet und bildete gewissermassen die Resultante dieser Familieninte­ ressen. Umgekehrt gründete das Machthandeln der politisch-militärischen

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Eliten massgeblich auf dem finanziellen, kulturellen und sozialen Kapital, das sie aus den fremden Diensten zogen. Militärische Karriere, wirtschaftlicher Erfolg und politischer Aufstieg bedingten sich gegenseitig.8 Als erfolgreiche Söldnerführer profitierten die Pfyffer von französischen, savoyischen, päpst­ lichen und spanischen Patronageressourcen, welche sie äusserst effizient in politische Macht vor Ort ummünzten.9 Ihre Tätigkeit als Militärunternehmer und Agenten im Dienste Frankreichs verschaffte den Pfyffer neben finanziel­ len Einkünften auch Beziehungen, Prestige und die nötige Gewandtheit für die Politik und Diplomatie. Greifbar werden diese Zusammenhänge etwa mit Jost Pfyffer († 1584) und seinem Neffen Ludwig (1524–1594), dem sogenann­ ten «Schweizerkönig». Seit 1559 hatte Schultheiss Jost Pfyffer die Stellung des französischen Pen­ sionenausteilers in Luzern inne. Diese Position hatte der emsige Politiker dazu genutzt, um seinen politischen Einfluss auf die Geschicke der Stadt auszubauen. In geheimer Absprache mit fünf weiteren Patriziern, von denen drei zu der mit den Pfyffer konkurrierenden Faktion der Familie Amlehn gehörten, teilten sie politische Ämter, Pensionen, Gesandtschaften und Hauptmannschaften unter sich auf.10 Besonders deutlich veranschaulicht auch die Biografie Ludwig Pfyf­ fers den engen Konnex zwischen der militärischen Karriere als Söldnerführer in Frankreich und dem politischem Machtgewinn vor Ort.11 Ludwig begann seine politische Karriere 1548 als Grossrat und wurde 1554 in den Kleinen Rat gewählt. Als Bannerherr stieg er 1565 zum militärischen Führer Luzerns auf. Derweil stand er seit 1553 im Sold Frankreichs und war 1563 bereits Inhaber eines eigenen Regiments. Seine Einkünfte als Militärunternehmer, aber auch aus Handel und Geldgeschäften machten Pfyffer zum vermutlich reichsten Schweizer seiner Zeit.12 Seine Verdienste als Militär und sein Status als Klient des französischen Königs führten Ludwig an die politische Spitze des luzerni­ schen Stadtstaates – und das während eines Skandals, für den die Pfyffer eine Hauptverantwortung trugen. Denn als die geheime Absprache von Ludwigs On­ kel Jost mit der Faktion der Amlehn, an der Ludwig ebenfalls beteiligt war, 1569 publik wurde, kam es zum Prozess gegen die Verschworenen. Der in Frankreich weilende Ludwig kehrte nach Luzern zurück, um sich im sogenannten PfyfferAmlehn-Handel vor dem Rat zu verantworten. In der Tasche führte er ein Schrei­ben von König Karl IX. mit sich, der die grossen Verdienste des Söldner­ führers lobte und ihn der Luzerner Obrigkeit empfahl. Mit dem französischen König als persönlichem Fürsprecher und einer klugen Verteidigungsstrategie ging Ludwig gestärkt aus der Affäre hervor. Nach der Verbannung seines On­

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kels Jost 1569 rückte Ludwig 1570 als dessen Nachfolger ins Schultheissenamt nach.13 Diese Position machte ihn für die äusseren Mächte zu einem Akteur, dessen Loyalität mit Pensionen und Ehrenbezeugungen gesichert werden musste. Pfyffer erhielt Pensionen von Frankreich, Savoyen, Spanien und vom Papst. Ausserdem verteilte er spanische und savoyische Gelder an die Luzerner Machtelite.14 Seine klientelären Beziehungen zu den umliegenden Königs- und Fürstenhäusern wiederum stärkten seine Machtposition in Luzern und in der Eidgenossenschaft.15 In der Tat reichte Ludwigs Einfluss weit über seine Vater­ stadt hinaus. Sein politisches Gewicht in der katholischen Eidgenossenschaft kam etwa darin zum Ausdruck, dass Tagsatzungen der katholischen Orte zu­ weilen abgesagt wurden, wenn Pfyffer an einer Teilnahme verhindert war.16 Dem Nuntius erschien Ludwig als «il maggior homo che questa natione habbia».17 Ähnlich lautete das Urteil der französischen Diplomatie. Ambassador Pom­ ponne de Bellièvre bezeichnete Pfyffer 1571 nach dessen Wahl zum Schultheis­ sen als die für den König wertvollste Persönlichkeit in der Schweiz.18 Als «ty­ ranno» betitelten ihn dagegen seine Gegner wie etwa der Graf von Montbéliard.19 Bei Truppenaushebungen etwa scheint es üblich gewesen zu sein, dass die wer­ benden Mächte vorgängig bei Pfyffer um Rat und Beistand nachsuchten.20 Selbst wenn es stimmen sollte, dass Pfyffer, der von Kaiser Maximilian II. mit einem Wappenbrief bedacht und zum Ritter des französischen St.-MichaelOrdens ernannt worden war, als Einziger in Gegenwart des französischen Kö­ nigs seinen Hut aufbehalten durfte,21 so war Ludwig deshalb noch kein «Schwei­ zerkönig».22 Bei dieser Titulatur handelt es sich vielmehr um eine wirkmächtige Erfindung seiner Nachkommen. Ihren Anfang nahm die familiale MemoriaPolitik mit der handschriftlich verfassten Genealogia Pfyfferorum, die Ludwig erstmals als König bezeichnete. So sei er wegen seiner ruhmwürdigen Taten von den Eidgenossen ein «Vatter deß Vatterlands, von Königen aber und Fürs­ ten ein König der Eÿdtgnosßen» genannt worden.23 Gemeint waren dabei selbst­ verständlich nur die katholischen Eidgenossen, denn die protestantischen Orte «frolocketen», so die Genealogie weiter, beim Tod ihres mächtigen Gegenspie­ lers 1594.24 Die Bezeichnung Ludwig Pfyffers als König der Eidgenossen erfuhr möglicherweise im 18. Jahrhundert eine Popularisierung, nachdem der Begriff «Schweizerkönig» Eingang in den Schweizerischen Ehrentempel (1748 – 1774), in das Schweitzerische Lexicon (1747–1765) und in die Bibliothek der SchweizerGeschichte (1785–1788) gefunden hatte.25 Die zeitgenössischen Aussagen über die Macht Ludwigs sind zweifellos ein­ drücklich. Isoliert betrachtet vermitteln sie jedoch ein verzerrtes Bild über die

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damaligen Machtstrukturen. Ludwig eine quasi-monarchische Machtfülle in den katholischen Orten der Zentralschweiz zu unterstellen, entbehrt jeder his­ torischen Grundlage.26 Verschiedene Interessen, Abhängigkeiten und Akteure prägten die dynamischen und komplexen Kräfteverhältnisse in diesem Raum. Von einem einheitlichen katholischen Block unter Pfyffers Führung zu spre­ chen, ist nur schon wegen der chronischen Rivalität zwischen Luzern und den Länderorten verfehlt. Die starke politische Stellung der Pfyffer musste mit den führenden Familien in Luzern und in den katholischen Orten in unterschiedli­ chen Konstellationen permanent neu ausgehandelt und abgesichert werden.27 Der Machterhalt der Pfyffer erforderte eine kluge familiale Strategie des Oben­ bleibens. 3. Die pfyfferschen Strategien des Obenbleibens um 1600 Im Verlauf des 16. Jahrhunderts entwickelte sich die Gewerbestadt Luzern zu einem florierenden Rekrutierungsmarkt für Söldner.28 Diese Entwicklung lag im Interesse des Patriziats, das ökonomischen Nutzen aus dem luzernischen Söldnerhandel zog. Die Zahl der luzernischen Ratsherren, die in fremde Dienste traten, erhöhte sich im 16. Jahrhundert beträchtlich. Hatte zu Beginn des Jahr­ hunderts etwa ein Achtel der Ratsmannschaft eine Kaderfunktion in einem ausländischen Heer inne, so stand gegen 1600 bereits jeder zweite Ratsherr im Dienst eines fremden Kriegsherrn. Die Verknotung von Militärunternehmer­ tum und Patriziat hatte System, da die Offiziersstellen in Soldregimentern den Kleinräten und ihren engsten Verwandten im Grossen Rat vorbehalten wa­ ren.29 Von den 47 Pfyffer, welche in den Ratslisten zwischen 1518 und 1648 er­ scheinen, zog etwa die Hälfte in fremde Dienste.30 Im Falle Luzerns scheint es deshalb durchaus passend, von einem Soldpatriziat zu sprechen.31 Obwohl auch militärische Erfolge den Weg für eine politische Laufbahn eb­ nen konnten, bildete in den meisten Fällen die Ratsmitgliedschaft die Voraus­ setzung für eine militärische Karriere in fremden Diensten.32 Der Ratssitz be­ stimmte gleichzeitig darüber, in welchem Ausmass die politisch-militärischen Eliten von den Geldern auswärtiger Fürsten profitieren konnten. Denn seit dem Pfyffer-Amlehn-Handel wurden in Luzern die privaten Pensionen in einem fes­ ten Quotensystem nach Ratsalter ausgeteilt. Die auswärtigen Gesandten kon­ trol­lierten nur noch die Verteilung eines kleinen Teils der Gelder.33 Der Rats­ sitz war deshalb eine wichtige Bedingung für die familiale Vermögensbildung. Er garantierte den Anteil der Pfyffer an den auswärtigen Patronageressourcen

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und ermöglichte ihnen die Ausübung einträglicher Staatsämter. Das Ziel der fa­milia­len Machtstrategie musste es sein, die biologische Reproduktion zu si­ chern und im Hinblick auf die generationenübergreifende Aneignung von Re­ gierungsgewalt, Reputation und Ressourcen die richtigen Heiratsallianzen zu schliessen.34 Die Pfyffer haben in der Folge standesgemäss in die Machteliten Luzerns und der Innerschweiz eingeheiratet.35 Mit diesen strategischen Ver­ bindungen wur­den, so Nathalie Büsser, «geschäftliche, politische und freund­ schaftliche Be­ziehungen durch verwandtschaftliche Beziehungen abgesichert und verstetigt».36 Dieses engmaschige Verwandtschaftsnetz führte dazu, dass die Ratsgremien und die eidgenössischen Gesandtenkongresse um 1600 gewis­ sermassen den Charakter von Familienzusammenkünften erhielten.37 Militäri­ sche Chargen in fremden Diensten wurden unter Familienangehörigen ver­ teilt 38 und Hauptmannschaften nachrückenden Söhnen vermacht.39 Reichtum bildete zusammen mit dem Ratssitz die wichtigste Voraussetzung für die kapitalintensi­ve Betätigung als Söldnerführer und ermöglichte ausserdem eine aristokratische Lebensführung.40 Verschiedene Pfyffer wurden mit Adels- und Wappenbriefen ausgestattet und investierten ihr Kapital in den Kauf standes­ gemässer Güter auf dem Land, nach denen sich die verschiedenen Linien des Geschlechts benannten: Altishofen bzw. von Heidegg, von Mauensee, zu Neueck und von Wyher.41 Die für eidgenössische Verhältnisse beeindruckende herr­ schaftliche Architektur und die luxuriöse Möblierung zeugen von der Weltläu­ figkeit und den kulturellen Impressionen, welche die Pfyffer während ihren Auf­ enthalten als Offiziere am französischen, lothringischen oder savoyischen Hof oder auch als Bildungsreisende gewannen.42 Die Pfyffer pflegten nicht nur mit Frankreich beste Beziehungen. Seit den Bündnisschlüssen mit Savoyen (1560, 1577), dem Heiligen Stuhl (1565) und Spanien (1587) war die Familie auf fast allen Pensio­nen- und Soldlisten der führenden katholischen Mächte Europas zu finden.43 Im Bericht des Nuntius Ladislaus d’Aquino aus dem Jahr 1612 er­ schienen verschiedene Pfyffer ganz selbstverständlich als führende Exponenten der päpstli­chen, der spanischen, der französischen und der savoyischen Fak­ tion.44 Mehrfachbindungen waren übliche Praxis auf den eidgenössischen Pa­ tronagemärkten und dienten der familialen Ressourcenmaximierung. Trotz der zeitweiligen Abwendung Ludwigs von König Heinrich III. von Frankreich hiel­ ten die Pfyffer dem westlichen Nachbarn die Treue und zogen mehrheitlich in französische Dienste.45 Savoyen gewann als Dienstherr zwar an Bedeutung, wo­ gegen die pfyfferschen Söldnerdienste für Spanien, den Papst, Lothringen oder Modena bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts vergleichsweise selten blieben.46

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Die konfessionell ausgerichtete Bündnispolitik der eidgenössischen Orte be­ lastete um 1600 zunehmend die Kohäsion der Eidgenossenschaft. Die kriege­ rische Stimmung im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges erforderte von der Familie Pfyffer eine nüchterne Abwägung ihrer Interessen im Spannungsfeld zwischen Glaube und Geschäft. 4. Eidgenössische «Stiefbrüder» und das strapazierte Verhältnis der katholischen Orte mit Frankreich in den 1620er-Jahren Die politische Anspannung und die konfessionelle Entfremdung zwischen den eidgenössischen «Stiefbrüdern», wie Christoph Pfyffer (1593–1673) seine re­ formierten Miteidgenossen in seinen persönlichen Aufzeichnungen nannte, waren gegen Ende des 16. Jahrhunderts deutlich spürbar.47 Luzern zeigte sich in den Jahren nach dem Konzil von Trient (1545–1563) unter der Ägide der Pfyffer als besonders eifriger Förderer der katholischen Reformbestrebun­ gen.48 In den 1580er-Jahren war es unter anderem die Genferfrage, welche den Konflikt zwischen den katholischen und den reformierten Orten befeuerte. Als sich der savoyische Herzog 1582 dazu anschickte, die Stadt Calvins über­ fallartig einzunehmen, liessen die fünf katholischen Orte dem Aggressor so­ gleich militärische Hilfe zukommen. Bern dagegen sagte Genf militärische Unterstützung zu. Eine kriegerische Eskalation zwischen den eidgenössischen Glaubensparteien konnte nur dank französischer Vermittlung abgewendet werden und es kam noch im selben Jahr zu einer Allianzerneuerung mit Frank­ reich. Eingedenk des genffreundlichen Kurses des französischen Königs Hein­ rich III. (Solothurner Vertrag 1579), des Wiedereintritts Berns in die franzö­ sische Soldallianz 1582/83 und des Bündnisses zwischen Bern, Zürich und Genf 1584 sahen sich die katholischen Orte zunehmend politisch isoliert.49 Po­ litisch manifestierte sich die Entfremdung zwischen den verfeindeten Konfes­ sionsblöcken im Goldenen Bund von 1586, den die katholischen Orte als Hilfs­ bündnis zur Verteidigung des alten Glaubens abschlossen, und im Bündnis der katholischen Orte mit Spanien 1587 (ohne Solothurn).50 1609 sah sich der politisch einflussreiche Stadtschreiber von Luzern Renward Cysat dazu ver­ anlasst, eine Schrift mit dem Titel Geheime sachen der Statt Luzern vmb fürsehung in Vatterlands nötten vnd gfaren zu verfassen. Dieses für den Kriegsfall verfasste Handbuch erörterte die Kriegsorganisation und die Beziehungen Lu­ zerns zu den eidgenössischen Orten, Zugewandten und Gemeinen Herrschaften. Cysats Schrift richtete sich explizit gegen die «sectische[n] mitt Eidtgnossen» 51

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und räumte den Beziehungen zu den befreundeten katholischen Mächten in Europa viel Platz ein. Nur ein Jahr später wurde die Kriegsgefahr im Gachnanger­ handel 1610 in der Tat akut, als ein unbedeutender Zwischenfall in der Gemei­ nen Herrschaft Thurgau beinahe zu einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden Konfessionsblöcken führte. 52 Aufgrund dieser Spannungen entlang der Konfessionsgrenzen sicherten sich auch die reformierten Städte Zürich und Bern gegen aussen ab. Obschon die vier reformierten Städteorte einen Beitritt zur protestantischen Union 1610 abgelehnt hatten, gingen Bern und Zürich 1612 mit Baden-Durlach ein Hilfs­ bündnis ein, wodurch sie immerhin indirekt mit der Union verbunden wa­ ren. 53 Ausserdem schlossen Bern und Zürich 1615 mit Venedig eine Soldallianz ab, Zürich trat 1614 dem Soldbündnis mit Frankreich bei und Bern besiegelte 1617 einen Bündnis- und Beistandsvertrag mit Savoyen.54 Die Bündnispolitik der reformierten Orte musste den katholischen Orten angesichts der verschärf­ ten internationalen Konfliktlage nach 1618 bedrohlich erscheinen. Mit der Ge­ nauigkeit eines Buchhalters schildert Christoph Pfyffer das angespannte Ver­ hältnis zwischen den Konfessionsblöcken. Die Vorgänge in Böhmen und der Kriegsausbruch in Deutschland führten in der gesamten Eidgenossenschaft zu grossen Verunsicherungen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Teue­ rung). 55 Mit besonderer Sorge nahm Pfyffer aber die Vorgänge in den Drei Bünden und das Ringen der Grossmächte um das für die habsburgischen Trup­ pendurchzüge zentrale Veltlin zur Kenntnis. Die katholischen Orte zeigten sich während dieser Wirren, in denen die Bündner wegen ihrer faulen Prakti­ken und Ketzereien, wie Christoph schreibt, beinahe um ihre «Libertet» gekom­men waren, äusserst besorgt über das Schicksal ihrer bedrängten Glaubensge­ nossen.56 Die Einquartierung der Soldtruppen Ernst von Mansfelds auf ber­ nischem Boden nahe der luzernischen Grenze (1618),57 der Streit um die Durch­ zugskorridore in Rapperswil, Bremgarten und Mellingen (1620ff.) 58 oder der Konflikt um die Gemeine Herrschaft Echallens zwischen Bern und Freiburg 59 erhöhten die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den eidgenös­ sischen Glaubensparteien. Besorgt notierte Pfyffer den Neu- und Ausbau der Fortifikationen in Basel, Bern und Zürich 1622.60 Obwohl «es woll noch nit zÿt» gewesen sei, schreibt der spätere Kommandant der luzernischen Truppen im Ersten Villmergerkrieg, «daß ein Eidtgnoschafft hatt sollen an ein andern kommen», herrschte eine gefährlich angespannte Atmosphäre.61 In seinem Misstrauen gegen die reformierten Orte bestärkt wurde Pfyffer ausserdem, als nach der Einnahme Heidelbergs durch Tilly 1623 in der dortigen Kanzlei

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«filer leÿ geschrifften von vnsern steuff bruedern» auftauchten, welche ihren An­schluss an die «Vnion der Behemischn Rebellion» und ihren Plan, «vff die Ca­tholische Ort zuo zuo falln vnd sie zuo vber rumbln», scheinbar bestätigten.62 Aufgrund der schwelenden Kriegsgefahr lag die spanische Besetzung des Velt­ lins, welche Truppenverschiebungen zwischen Mailand und Wien ermöglichte, keineswegs im Interesse der katholischen Orte. Solange Spanien das Veltlin be­ setzt hielt, mutmasste Pfyffer, war auf diesen Bündnispartner im Falle eines Krieges kein Verlass. Denn das spanische Bündnis war, so Pfyffer, hauptsäch­ lich wegen des Gotthardpasses aufgerichtet worden. Ein Bedeutungsverlust des Gotthards für die spanischen Truppendurchzüge stellte aus seiner Sicht nicht nur wegen allenfalls ausbleibenden Pensionen einen grossen Nachteil dar, «sönder auch wegn deß Securi vnd bÿ stand, so er [der spanische König, PR] ihnen gegen den Lutherischn Ortn zuo thuon versprochn hatt». Aus die­ sem Grund «sol man luogn, das diser Paß wider ihme Konig vß Hispania vs den handen komme vnd also er gezwungn werde, die Eidtgnosische Pundtnuß werth zuo haltn».63 In einem solchen Umfeld schien es den katholischen Orten angezeigt, ihre Kontakte im Reich zu aktivieren – etwa zu Bayern.64 Mit diesem Herzogtum stand Luzern seit der Regierung Herzog Wilhelms V. in gutem Einvernehmen.65 Diese Beziehung wurde in der Regierungszeit Herzog Maximilians I., des Gründers und Haupts der katholischen Liga, intensiviert. Der überlieferte Schriftverkehr zwischen 1616 und 1625 zeugt von einem regen Austausch über das internationale politische Geschehen.66 Zentrale Figur in der Bayernpoli­ tik Luzerns war Kleinrat Rudolf Pfyffer (1545 – 1630), der viele Briefe persön­ lich verfasste.67 Die Korrespondenz dokumentiert eine zunehmende Distan­ zierung gegenüber der französischen Politik im Veltlin in der Mitte der 1620er-Jahre. Unter Kardinal Richelieu nahm Frankreichs Interessenpolitik im Veltlin deutlich aggressivere Züge an.68 Die französischen Werbungen in der Eidgenossenschaft und die «Pratica» des ausserordentlichen französischen Gesandten Marquis de Coeuvres «mit den Pundtnerischn Predicanten vnd Redlifuehrer»69 sowie die Befreiung Graubündens und die Okkupation des vom Papst besetzten Veltlins unter Coeuvres’ Kommando 1624 stiessen in Luzern auf entschiedene Ablehnung. Das mit dieser militärischen Aktion einherge­ hende Erstarken des reformierten Glaubens in den acht Gerichten in Graubün­ den war aus katholischer Sicht nicht hinnehmbar.70 «Es kumbt mir wun­derlich für», schrieb Rudolf am 9. April 1625 an Maximilian, «die Gottlose, vn christen­ liche Procedur, wellche die bösen vnnd faltschen Ministri Ir Aller Christlichen

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Majestät bruchent vnnd üebendt wider Gott, wider Ir Bäpstliche Heiligkeit vnnd den H. Stuol zu Room, wie auch wider andere frome Catholische Poten­ taten, Fürsten vnnd Herren.»71 Trotz der zeitweiligen Entfremdung von Frank­ reich und der zwischen Bayern und Luzern regelmässig bekräftigten Hilfs- und Freundschaftsbekundungen 72 kam es nicht zum Anschluss an die katholische Liga, obwohl eine Annäherung 1619 durchaus in Betracht gezogen worden war. 73 Ein Beitritt hätte die Gefahr eines Konfessionskrieges drastisch erhöht und das politische Schicksal der Eidgenossenschaft unmittelbar mit den Er­ eignissen im Reich verknüpft. An einer derartigen Verwicklung hatte jedoch keine der beiden Glaubensparteien ein Interesse. Ohnehin zeugt die luzerni­ sche Korrespondenz mit Maximilian von politischer Weitsicht. Von den ver­ bündeten reformierten Orten könne man sich, so liess sich Rudolf an anderer Stelle vernehmen, nicht ohne grosse Gefahren separieren, «dan wie die selig gschrift sagt vnd ein gmein sprichwort ist: Regnum inter se diuisum desola­ bitur [Ein Reich, das in sich uneins ist, wird verwüstet werden, PR].»74 Die Po­ litik des Stillesitzens, welche in einer konfessionell einheitlichen Eidgenossen­ schaft kaum möglich gewesen wäre, wurde für das fragile Bündnisgeflecht zu einer Überlebensfrage.75 Die Aufgabe der aussenpolitischen Passivität aber hätte nicht nur die Kriegsgefahr erhöht, sondern auch den Interessen Frank­ reichs, das wegen seines Bedarfs an eidgenössischen Söldnern und wegen der Alpenübergänge stets um innereidgenössischen Ausgleich bemüht war,76 wi­ dersprochen. Eine solche Politik hätte sich insbesondere für die Militärunter­ nehmerfamilie Pfyffer nicht gerechnet. Die ausstehenden Sold- und Pensionen­ guthaben in Frankreich und die Aussicht auf künftige Geschäfte mit ihrem wichtigsten Dienstherrn machten die Pfyffer in hohem Masse von Frankreich abhängig. 5. Die Abhängigkeit von Frankreich – Schulden als Beziehungskitt Die beträchtlichen Geldflüsse aus Frankreich in die Eidgenossenschaft waren für die familiale Machtpolitik der Pfyffer fundamental. Allerdings schwankte die Zahlungsmoral der französischen Krone erheblich. Obgleich die eidgenös­ sischen Soldtruppen bei der Bezahlung von Frankreich gewöhnlich bevorzugt behandelt wurden, blieben ihre Forderungen im Verlauf der französischen Re­ ligionskriege teilweise über Monate und Jahre unbeglichen.77 Die französi­ schen Staatsfinanzen befanden sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in einem desolaten Zustand.78 Die Zahlungsrückstände des Königs entwickel­

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ten sich zu einem Dauerthema an den Tagsatzungen. Ludwig Pfyffer bezif­ ferte die französischen Schulden Ende November 1586 auf insgesamt zweiein­ halb Millionen Kronen.79 Um 1600 sollen sich die ausstehenden Beträge auf circa zwölf Millionen Sonnenkronen belaufen haben.80 Die Pfyffer waren als Militärunternehmer von der Schuldenpolitik Frankreichs direkt betroffen. Als Militärunternehmer hafteten sie bei Zahlungsrückständen des Königs mit ih­ rem privaten Vermögen.81 Im Jahr 1570 schuldete der König den Regimentern Pfyffer und Schiesser insgesamt 800 000 Livres. Wegen der ausbleibenden Zah­ lungen scheint Ludwig Pfyffer unentwegt bei der Krone interveniert zu ha­ ben.82 1601 stand der König beim mittlerweile verstorbenen Ludwig mit 2 900 Franken Privatpensionen im Rückstand.83 Obwohl die politisch-militärischen Eliten die französischen Ausstände mit dem spanischen oder savoyischen Bündnis zu kompensieren suchten, stellte Spanien auf längere Sicht keine ver­ lässlichere Alternative als Einkommensquelle dar: Zwischen 1567 und 1653 verzeichnete das Imperium insgesamt sieben Staatsbankrotte.84 Die Schulden­ politik Frankreichs blieb deshalb in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhun­ derts virulent. Eidgenössische Gesandtschaften nach Paris stellten ein belieb­ tes Mittel dar, um den Druck auf die Zahlungsbereitschaft des Königs zu erhöhen. Die Anstrengungen des Ambas­sadors, solche unerwünschten Initia­ tiven zu verhindern,85 zwangen die Pfyffer bisweilen dazu, allzu loyale Klien­ ten Frankreichs auf Linie zu bringen. 1623 mahnte Rudolf Pfyffer den Zuger Ammann Konrad III. Zurlauben, welcher aus Furcht vor der Ungnade Frank­ reichs eine geplante Gesandtschaft hinauszuzögern versuchte, dass Zug «stiff» bleiben und Zurlauben sich vehement für diese Gesandtschaft einsetzen sollte.86 Die Kriegsfinanzierung stellte die Grossmächte vor erhebliche Schwierig­ keiten.87 Doch war die Androhung der Heimberufung der unbezahlten Trup­ pen an die Adresse Frankreichs, wie dies etwa Jost Pfyffer 1563 im Namen Lu­ zerns vorbrachte, keine geeignete Strategie, sofern man mit Frankreich im Geschäft bleiben wollte.88 Es ist deshalb zu vermuten, dass die französische Politik der leeren Kassen für den König ein adäquates Instrument darstellte, um die eidgenössischen Gläubiger auch während Phasen politischer Differen­ zen an sich zu binden. «Der König von Frankreich», so kommentierte der päpst­ liche Nuntius d’Aquino 1612 diese Logik, «ist in jedem Kanton zahllosen Privat­ leuten grosse Summen schuldig […] für geleistete Kriegsdienste, wobei die Zinse immer wieder zur Schuldenmasse gerechnet werden. Durch dieses Kunststück kirrt man die Leute mit beständiger Hoffnung, so dass sie nicht

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Porträt von Ludwig Pfyffer (1524 – 1594). Ein dunkles, mit Schweizerkreuzen und französischen Lilien geschmücktes Wams bedeckt den Oberkörper. Die rechte Hand stützt sich auf den Kommandostab, die Linke ruht am reich verzierten Degengriff. Idealporträt von Ludwig Pfyffer von Altishofen (1524 – 1594), kurz nach 1630, Öl auf Leinwand. – Schloss Heidegg [Kopie], Foto: Gregor Meier.

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von der französischen Partei abzufallen wagen, um nicht das viele Geld zu ver­ lieren, und sich von ihr lenken und leiten lassen nach Belieben.»89 Ein Aus­ stieg aus der Allianz mit Frankreich wäre für die Pfyffer mit hohen finanziel­ len Ausfällen verbunden gewesen. Mit seiner Schuldenpolitik versuchte der König, so formulierte es auch Cysat, die Eidgenossen «bim seil und in siner hand» zu behalten.90 6. Schlussbemerkung Der rasante Aufstieg der Pfyffer ins Patriziat und die familialen Strategien des Obenbleibens waren eng mit deren Tätigkeit als Militärunternehmer im Dienste Frankreichs verknüpft. Die Machtpolitik der Pfyffer stützte sich seit dem 16. Jahr­ ­hundert massgeblich auf die materiellen und immateriellen Patronageressour­ cen ihres französischen Dienstherrn. Dabei erwies sich die Treue der Pfyffer zu Frankreich zwar als eine erfolgreiche Strategie, diese enge Anbindung stellte jedoch gleichzeitig einen Zwang dar (Schuldenproblematik). Bei der «staatli­ chen» Interessenpolitik Luzerns im Bereich des Militärs in Frankreich handelte es sich im Kern um die Familieninteressen der Pfyffer und ihresgleichen. Diese Interessenverflechtung mit Frankreich fand im 17. Jahrhundert Eingang in das familiale Selbstbild und mit dem postumen Idealporträt Ludwig Pfyffers ihren kongenialen künstlerischen Ausdruck. Das Porträt zeugt eindrucksvoll von der aristokratischen Würde und mili­ tärischen Potenz der Pfyffer in der Selbstwahrnehmung des Geschlechts. Da­ bei bringt das mit Schweizerkreuzen und französischen Lilien bestickte Wams die symbiotische Beziehung der eidgenössischen Elitefamilie zu Frankreich prägnant zur Geltung. Die Grenzen zwischen Frankreich und der Schweiz – zwischen Innen und Aussen – scheinen sich vollständig zu verflüchtigen. Hy­ bride Identitäten und multiple Loyalitäten, das veranschaulicht das Porträt Ludwigs eindrücklich, gehörten um 1600 zum kollektiven Selbstverständnis dieser eng mit Frankreich verflochtenen Militärunternehmerfamilie.

Abkürzungsverzeichnis BBLU Bürgerbibliothek Luzern EA Eidgenössische Abschiede HLS Historisches Lexikon der Schweiz

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Leu

Hans Jacob Leu: Allgemeines Helvetisches, Eydgenößisches,



oder Schweitzerisches Lexicon […]. Zürich 1747 – 1795 (20 Bände)

StALU Staatsarchiv Luzern

Anmerkungen 1

Messmer, Kurt; Hoppe, Peter: Luzerner Patriziat. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Studien zur Entstehung und Entwicklung im 16. und 17. Jahrhundert. Mit einer Einführung von Hans Conrad Peyer. Luzern, München 1976, 41, 93, 170; Lischer, Markus: Art. Pfyffer. In: HLS, Version vom 28.09.2010. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22243.php; Windler, Christian: «Ohne Geld keine Schweizer»: Pensionen und Söldnerrekrutierung auf den eidgenössischen Patronagemärkten. In: Thiessen, Hillard von; Windler, Christian (Hrsg.): Nähe in der Ferne. Personale Verflechtung in den Aussenbeziehungen der Frühen Neuzeit. Berlin 2005, 105 – 133, hier 117.

2

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 79.

3

Lischer (wie Anm. 1).

4

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 42.

5

Bolzern, Rudolf: In Solddiensten. In: Bucher, Silvio (Bearb.): Bauern und Patrizier. Stadt und Land Luzern im Ancien Régime (600 Jahre Stadt und Land Luzern). Luzern 1986, 30–42, hier 32. Bolzern schätzt die Zahl der luzernischen Söldner zwischen 1400 und 1800 auf gegen 50 000.

6

Peyer, Hans Conrad: Schweizer in fremden Diensten – Ein Überblick. Festvortrag anlässlich der 12. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen vom 11. April 1992 in Solothurn-St. Niklaus, Schloss Waldegg. In: Schweizer Soldat und MFD 67,6 (1992), 4–8, hier 4.

7

Holenstein, André: Mitten in Europa. Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte. Baden 2014, 32–40, 85–92, 108–158.

8

Bolzern (wie Anm. 5), 33.

9

Haas, Leonhard: Die spanischen Jahrgelder von 1588 und die politischen Faktionen in der Innerschweiz zur Zeit Ludwig Pfyffers. In: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 45 (1951), 81–108, 161–189, hier 105.

10

Suter, Andreas: Verschwörungen in der schweizerischen Eidgenossenschaft der Frühen Neuzeit. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 45 (1995), 330 – 370; Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 77– 93; Segesser, Philipp Anton von: Ludwig Pfyffer und seine Zeit. Ein Stück französischer und Schweizer Geschichte im sechszehnten Jahrhundert. 4 Bde. Bern 1880–1882, hier Bd. 2, 10 – 55, 67– 81.

11

Zu Ludwig Pfyffer von Altishofen siehe Lischer, Markus: Art. Pfyffer, Ludwig (von Altishofen). In: HLS, Version vom 28.09.2010. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D14468.php; Messmer/Hoppe (wie Anm. 1), Register; Segesser (wie Anm. 10); Müller-Wolfer, Theodor: Der Staatsmann Ludwig Pfyffer und die Hugenottenkriege. In: Zeitschrift für Schweizerische Geschichte 8 (1928), 1–63, 113–148, 241–320; Bütler, Josef: Männer im Sturm. Luzern 1948.

12

Messmer/Hoppe (wie Anm. 1), 189.

13

Siehe die Nachweise zum Pfyffer-Amlehn-Handel weiter oben.

14

Haas (wie Anm. 9), 105; Windler (wie Anm. 1), 118; Bolzern, Rudolf: Spanien, Mailand und

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die katholische Eidgenossenschaft. Militärische, wirtschaftliche und politische Beziehungen zur Zeit des Gesandten Alfonso Casati (1594–1621). Luzern, Stuttgart 1982, 158f. 15

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 154.

16

Müller-Wolfer (wie Anm. 11), 17.

17

Ottavio Paravicini an den Grossherzog der Toskana vom 24.2.1588. Zit. nach Haas (wie Anm. 9), 90 [Anm. 3].

18

Müller-Wolfer (wie Anm. 11), 37.

19

Siehe Haas (wie Anm. 9), 89 [Anm. 2] und vgl. Müller-Wolfer (wie Anm. 11), 17.

20

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 92.

21

Marchal, Guy P.: Konfrontation mit fremden Normen symbolischer Repräsentation. Die Abenteuer einer eidgenössischen Gesandtschaft am Hofe des Sonnenkönigs. In: Hahn, Alois; Melville, Gert; Röcke, Werner (Hrsg.): Norm und Krise von Kommunikation. Inszenierungen literarischer und sozialer Interaktion im Mittelalter. Berlin 2006, 193 – 206, hier 193. Für Pfyffer als Ritter siehe Segesser (wie Anm. 10), Bd. 2, 559 – 562 und Lischer (wie Anm. 11).

22

Die Bezeichnung Pfyffers als «Schweizerkönig» ist sowohl in der älteren als auch in der aktuellen Literatur verbreitet. Quellen werden indessen nicht angeführt.

23

StALU, Cod. PA 15 / 1 Genealogia Pfyfferorum, erweitert 1705, 14.

24

Ebd., 15.

25

Herrliberger, David: Schweizerischer Ehrentempel, in welchem die wahren Bildnisse teils verstorbener, teils annoch lebender berühmter Männer geistlich- und weltlichen Standes, sowohl aus den XIII. als zugewandten Orten, ... Erster Theil. Basel 1748 (unpaginiert); Leu XIV, 524; Haller, Gottlieb Emanuel von: Bibliothek der Schweizer-Geschichte und aller Theile, so dahin Bezug haben. Systematisch-Chronologisch geordnet. Zweyter Theil. Bern 1785, 537.

26

Sein Biograf Joseph Bütler (wie Anm. 11), 216, versteigt sich zur Behauptung, dass Pfyffer «einer der mächtigsten Herrscher Europas» gewesen sei und dass die «Geschicke des Abendlandes» zu einem «guten Stück» von ihm abhingen.

27

Haas (wie Anm. 9), 86ff.

28

Bolzern (wie Anm. 5), 31.

29

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 87.

30

Ebd., 158 – 214 (Anhänge 1 – 3), 467– 512 (Anhang 4).

31

Bolzern (wie Anm. 5), 31.

32

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 86.

33

Ebd., 88; Haas (wie Anm. 9), 84; Bolzern (wie Anm. 5), 32.

34

Schläppi, Daniel: Art. Patriziat. In: HLS, Version vom 27.09.2010. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16374.php.

35

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 145–152; BBLU, Ms. 369 fol. Johann Ludwig Pfyffer von Altishofen, Chronik der Familie Pfyffer, Mitte 17. Jh.; StALU, Cod. PA 15/1.

36

Büsser, Nathalie: Militärunternehmertum, Aussenbeziehungen und fremdes Geld. In: Historischer Verein des Kantons Schwyz (Hrsg.): Geschichte des Kantons Schwyz. Bd. 3. Zürich 2012, 69 –127, hier 118.

37

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 152.

38

Ebd., 87.

136

39

BBLU, Ms. 261 fol. Aufzeichnungen des späteren Schultheissen Christoph Pfyffer von Altishofen (bis 1635), 193.

40

Parker, Geoffrey: Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500 – 1800. Frankfurt a. M., New York 1990, 89; Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 382.

41

Lischer (wie Anm. 1).

42

Vgl. Fässler, Doris: Landsitze in der Luzerner Landschaft – Residenzen einer Führungsschicht. In: Bucher (wie Anm. 5), 55 – 71. Für Christoph Pfyffers Reisen nach Italien und Frankreich siehe BBLU, Ms. 261 fol.

43

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 158 – 214 (Anhänge 1– 3), 467– 512 (Anhang 4); Haas (wie Anm. 9), 104f.

44

Die päpstliche Nuntiatur in der Schweiz 1612. Information des Cardinals d’Aquino für seinen Amtsnachfolger. Übersetzt von Prof. Jak. Burkhardt. In: Taschenbuch für Geschichte und Alterthum in Süddeutschland 5 (1846), 223 – 256, hier 244 – 246 [im Folgenden abgekürzt mit Aquino].

45

Zur Abwendung Pfyffers von Heinrich III. siehe Müller-Wolfer (wie Anm. 11), 56 –  6 3, 113 – 148, 241–  280.

46

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 158–214 (Anhänge 1– 3), 467– 512 (Anhang 4).

47

BBLU, Ms. 261 fol., 172, 206.

48

Segesser (wie Anm. 10), Bd. 2, 95f. und Lischer (wie Anm. 11).

49

Stadler, Peter: Das Zeitalter der Gegenreformation. In: Handbuch der Schweizer Geschichte. Bd. 1. Zürich 1972, 571– 672, hier 593–595, 601–604; Segesser (wie Anm. 10), Bd. 2, 431– 484.

50

Müller, Albert: Der Goldene Bund 1586. Zug 1965.

51

Cysat, Renward: Geheime sachen der Statt Luzern vmb fürsehung in Vatterlands nötten vnd gfaren, hrsg. von Theodor von Liebenau. In: Archiv für die schweizerische ReformationsGeschichte 3 (1876), 117–176, hier 121.

52

Stadler (wie Anm. 49), 619.

53

Ebd.

54

Ebd., 619f.

55

BBLU, Ms. 261 fol., 134–136.

56

Ebd., 148f. (Zit. 148) und passim. Siehe dazu Bolzern (wie Anm. 14), 321– 338.

57

BBLU, Ms. 261 fol., 131f.; Bolzern (wie Anm. 14), 323.

58

BBLU, Ms. 261 fol., 132f., 184f.; Bolzern (wie Anm. 14), 328.

59

Bolzern (wie Anm. 14), 328, 331f.

60

BBLU, Ms. 261 fol., 147f.

61

Ebd., 133.

62

Ebd., 172f.

63

Ebd., 150.

64

Bolzern (wie Anm. 14), 328.

65

Cysat (wie Anm. 51), 162.

Rogger: Familiale Machtpolitik und Militärunternehmertum

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66

StALU, FA 32 Correspondenz mit der Stadt Luzern und dem dortigen Hauptmann v. Pfiffer, das Religions- und Kriegswesen, in specie die katholische Union betref., 1616–25.

67

StALU, FA 32, 29.

68

Wendland, Andreas: Der Nutzen der Pässe und die Gefährdung der Seelen. Spanien, Mailand und der Kampf ums Veltlin (1620–1641). Zürich 1995, 134; Schilling, Heinz: Konfessionalisierung und Staatsinteressen. Internationale Beziehungen 1559–1660. Paderborn u. a. 2007, 265 – 277, 547f.

69

BBLU, Ms. 261 fol., 185.

70

Stadler (wie Anm. 49), 627f.; BBLU, Ms. 261 fol., 179–181, 185–187, 192f., 201; StALU, FA 32, 41f.

71

StALU, FA 32, 43.

72

StALU, FA 32, 10, 21, 29–31, 34, 38, 40.

73

EA 5 / 2, Nr. 54, (4./ 5.3.1619), lit. d, 59– 60.

74

StALU, FA 32, 13.

75

Stadler (wie Anm. 49), 633f.; Schilling (wie Anm. 68), 265.

76

Würgler, Andreas: Symbiose ungleicher Partner. Die französisch-eidgenössische Allianz 1516–1798 / 1815. In: Jahrbuch für Europäische Geschichte 12 (2011), 53 – 75, hier 61, 74.

77

Wood, James B.: The King’s Army. Warfare, Soldiers, and Society during the Wars of Religion in France, 1562–1576. Cambridge 1996, 235, 276, 279, 280.

78

Jouanna, Arlette: La France du XVIe siècle, 1483–1598. Paris 1996, 593.

79

EA 4 / 2, Nr. 758 (30.11.1586), lit. h, 965.

80

Vgl. Schmid, Walter: Der Beitritt Zürichs zum französischen Soldbündnis 1614. Zürich 1943, 66 [und Anm. 7].

81

Bolzern (wie Anm. 5), 38.

82

Müller-Wolfer (wie Anm. 11), 12, 15.

83

Müller-Wolfer, Theodor: Das Jahrhundert der Glaubenstrennung. In: Schweizer Kriegsgeschichte. Heft 5. Bern 1925, 5–92, hier 87.

84

Büsser (wie Anm. 36), 105 [Anm. 149] und vgl. zu den ausbleibenden spanischen Geldern auch BBLU, Ms. 261 fol., 205, 208.

85

EA 5 / 2, Nr. 77 (30.6. – 19.7.1619), lit. f., 80f.

86

Rudolf Pfyffer an Ammann Konrad III. Zurlauben am 27.4.1623. AH 27 / 34. Vgl. EA 5 / 2, Nr. 279 (10.4.1623), lit. a, 334 und Büsser (wie Anm. 36), 96.

87

Wood (wie Anm. 77), 279; Parker (wie Anm. 40), 86 – 89.

88

Messmer / Hoppe (wie Anm. 1), 85.

89

Aquino (wie Anm. 44), 242.

90

Cysat, Renward: Über die Beziehungen der Schweiz zu Frankreich in der Zeit Heinrichs III., hrsg. von Theodor von Liebenau. In: Anzeiger für schweizerische Geschichte N.F. 8 (1898–1901), 457–460, hier 459.

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