Die Salbenmacherin und die Hure - Die Onleihe

Die Salbenmacherin und die Hure - Die Onleihe

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Kapitel 2

Nürnberg, Juli 1409 Das Schrillen der Glocke hallte immer noch durch die Gassen, vermischte sich mit den Rufen der Wächter und dem Rauschen des Wassers zu Jonas Füßen. Während die Stadtwachen den Toten auf einen Karren luden, verharrte er mucksmäuschenstill zwischen den Zweigen des Haselstrauches und verfolgte das Geschehen. Ohne lange zu fackeln, hatten die Männer die Eingeweide des Ermordeten zurück in seinen Bauch gestopft und ihn wie einen Tierkadaver auf die Ladefläche geworfen. Der Anblick der verstümmelten Leiche machte Jona die Knie weich, allerdings hatte er schon weitaus Schlimmeres gesehen. Jedenfalls versuchte er sich das einzureden. Der Gestank des Todes hing schwer in der Luft, und Jona war dankbar, dass der Wind gedreht hatte. Die anderen Gaffer waren inzwischen so weit zurückgedrängt worden, dass die Männer ungehindert in Richtung Marktplatz abziehen konnten. Sobald er sicher war, dass ihn niemand bemerkte, kroch Jona aus seinem Versteck. Da er ahnte, wo die Wachen den Toten hinbringen würden, schlich er am Ufer entlang zur Fleischbrücke und machte sich von dort aus ebenfalls auf den Weg zum Grünen Markt. Während er sich in den Nebengassen einen Weg durch freilaufende Schweine, streunende 15

Hunde und abgestellte Karren bahnte, fragte er sich, wer den Toten wohl so zugerichtet hatte. Seit einiger Zeit munkelte man, dass in Nürnberg Dämonen umgingen. Manch einer behauptete sogar, einen Werwolf gesehen zu haben. Da er aus heiterem Himmel das Gefühl hatte, verfolgt zu werden, drehte er sich mit wild klopfendem Herzen um. Doch außer einem besonders hässlichen Köter, der vor Schwäche kaum stehen konnte, war ihm nichts und niemand auf den Fersen. Plötzlich kam ihm die verwinkelte Gasse mit den Katen, deren gegenüberliegende Dachgiebel sich fast berührten, furchtbar dunkel vor. Nur wenig Licht erreichte den Lehmboden. Der auffrischende Wind erschien ihm mit einem Mal kühl, weshalb er fröstelnd die Schultern hochzog. Als er den Blick an den Hauswänden emporwandern ließ, hatte er den Eindruck, hinter den Fensterläden würden ihn Hunderte von Augen beobachten. Als könne sie ihm Halt geben, umfasste er die Tasche mit den Arzneien fester und beschleunigte die Schritte. Sei kein Narr!, schalt er sich. Immerhin war es helllichter Tag. Wusste nicht jedes Kind, dass Werwölfe und Dämonen nur im Dunkeln ihr Unwesen trieben? Er erinnerte sich an die Schauermärchen, die einer der Priester im Elisabethenspital in Bamberg erzählt hatte – vermutlich, um die Waisenknaben davon abzuhalten, nachts das Weite zu suchen. »Wenn ein Dämon von einem Menschen Besitz ergreift, kann der sich in einen Wolf verwandeln.« Der Pfaffe hatte eine bedeutungsvolle Pause gemacht. »In einen Werwolf. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, streifen diese teuflischen Krea16

turen durch die Lande, morden Kinder und Erwachsene und fressen ihr Hirn.« Angeblich erkannte man einen Werwolf in seiner menschlichen Gestalt an seinen zusammengewachsenen Augenbrauen und daran, dass er das Tageslicht scheute. Aber Jona war nicht sicher, ob der Priester ihnen nur einen Teil der Wahrheit erzählt hatte. Auf dem Weg nach Nürnberg hatte er immer wieder von Wesen gehört, die wie rasend um sich schlugen und bissen, brüllende Laute von sich gaben und deren Zähne vor Geifer troffen. Er bekreuzigte sich, während er immer schneller auf den Ausgang der Gasse zulief. Als er wenig später den sonnenbeschienenen Marktplatz erreichte, atmete er erleichtert auf. Wie erwartet, holperte der Karren mit dem Toten auf die Wachstube beim Rathaus zu, gefolgt von einem wahren Rattenschwanz an Schaulustigen. Die Bemühungen der Stadtknechte schienen vergeblich gewesen zu sein, da die Ansammlung noch größer geworden war. Ehe Jona es sich versah, war er umringt von Nürnbergern, die ihn wie eine Welle erfassten und über den Grünen Markt auf das Rathaus zuschoben. Was um ihn herum getuschelt wurde, überraschte ihn nicht. Wenn er den Verdacht hegte, dass es nicht mit rechten Dingen zuging, waren andere sicher auch zu dem Schluss gekommen. »Jetzt wird der Rat nicht anders können, als die Sache ernst zu nehmen«, hörte er einen Zimmermann sagen. »Von wegen, das sei nichts als Aberglaube! Da sieht man, wozu der Aberglaube fähig ist. Wenn nichts unternommen wird, ist man bald nicht mehr sicher in der Stadt!« 17

Er erntete ein zustimmendes Raunen. »Wer weiß, vielleicht hat der Fluss den Toten von außerhalb angespült«, wandte eine Frau mit einer blütenweißen Haube ein. »Er könnte das Opfer von wilden Tieren gewesen sein. Im Wald.« »Ach was!«, widersprach der Zimmermann. »Meinst du nicht, dass ein Toter im Fluss den Soldaten an den Stadttoren aufgefallen wäre? Die sind doch nicht blind!« »Aber faul!«, warf jemand ein, den Jona nicht sehen konnte. »Wenn die würfeln, könnten die Sarazenen einfallen, ohne dass sie es bemerken würden.« Einige lachten. Andere schüttelten die Köpfe. »Es ist eine Schande.« »Die Sache erinnert mich an den kopflosen Knaben«, brummte ein hagerer Müller, dessen Kittel voller Mehl war. Jona machte sich instinktiv kleiner. Die Worte brachten die Schrecken des Hauses beim Weißen Turm zurück. Wie nahe er und Casper einem ähnlichen Tod gewesen waren wie der unglückliche Knabe, den man ohne Kopf im Wald vor der Stadt gefunden hatte! Wäre er nicht durch Zufall bei der Flucht in Oliveras Hinterhof gestolpert, wären weder er noch sein Freund Casper noch am Leben. Er spürte, wie sich eine Gänsehaut auf seinen Unterarmen ausbreitete. »Nur dass dieses Mal ganz sicher nicht der Losunger dahintersteckt«, riss ihn die Stimme des Zimmermanns aus seinen Gedanken. »Woher willst du das wissen?«, fragte jemand aus der Menge. »Vielleicht hat ein Dämon seine sündige 18

Seele gestohlen, geht jetzt um und nimmt Rache an der Stadt.« »Rede doch nicht solch gotteslästerliches Zeug!«, empörte sich die Frau mit der weißen Haube. Sie schlug ein Kreuz vor der Brust und murmelte ein Gebet. »Vielleicht ist die arme Seele im Fluss nur einem Unfall zum Opfer gefallen.« »Das werden wir gewiss bald erfahren«, sagte der Müller. Jona hoffte, dass er recht hatte. Allmählich wurde ihm die Angelegenheit nicht nur unheimlich. Das Geschwätz von den Dämonen, die Erinnerung an die Geschichten des Bamberger Pfaffen – all das ließ ihn sich wünschen, er besäße ein Amulett, das ihn vor bösen Mächten schützen könnte. »Da kommt der Nachrichter!«, hörte er jemanden weiter vorn rufen. »Ob die Wachen ihn gerufen haben?« »Was denkst du denn? Er soll sich bestimmt den Leichnam ansehen.« Das Durcheinander der Stimmen wurde immer lauter, und nach einer Weile hätte Jona sich am liebsten die Hände auf die Ohren gepresst. Er wollte all das Gemunkel nicht hören. Da er von seinem Standpunkt aus ohnehin nicht viel sehen konnte, zwängte er sich zwischen den Schaulustigen hindurch, bis er den Schönen Brunnen erreichte. Dort wollte er gerade einen Umweg über die Waaggasse machen, als er mit Götz zusammenstieß, der atemlos aus Richtung Burgberg dahergelaufen kam. »Jona!«, rief er. »Was ist passiert? Was tust du hier?« 19