Die Unseren Zum Bild des österreichischen Soldaten - Bundesheer

Die Unseren Zum Bild des österreichischen Soldaten - Bundesheer

Die Unseren Zum Bild des österreichischen Soldaten während der letzten 100 Jahre Hofrat Univ. Prof. Dr. Manfried RAUCHENSTEINER Direktor des Heeresges...

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Die Unseren Zum Bild des österreichischen Soldaten während der letzten 100 Jahre Hofrat Univ. Prof. Dr. Manfried RAUCHENSTEINER Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, WIEN

1. Die Helden und ihr Tod Als Harald Heppner vor zwei Jahren vorschlug, eine Tagung unter dem griffigen Titel „Vom Helden zum Schneeschaufler der Nation“ zu veranstalten, reichten die Reaktionen von amüsierter Zustimmung bis zu harscher Ablehnung. Ich kann das durchaus nachvollziehen, denn jenseits der Provokation, die vor allem der „Schneeschaufler der Nation“ andeutete, wurde damit an ein Selbstverständnis appelliert, das sicher nicht mit der Innensicht eines Soldaten in Einklang zu bringen ist. Denn wer sieht sich schon gerne als Hilfsarbeiter, Erntehelfer, Pistenpräparator oder was immer auch bezeichnet, wenn es darum geht, etwas zu verdeutlichen, das zweifellos zu den Grundlagen eines jeden Gemeinwesens gehört: Militär als Ausdruck von Staatlichkeit und mit Abstand bedeutendstes Instrument der organisierten staatlichen Gewalt. Der seinerzeitige Titel wurde verworfen und durch: „Die „Rolle des Soldaten. Gestern, Heute und Morgen“ ersetzt. Das ist unverbindlicher, und ich darf auch für mich reklamieren, dass die Formulierung meines Einleitungsreferats „Zum Bild des Soldaten etc.“ Olympiade INNSBRUCK 1976 viele Möglichkeiten öffnet. Allerdings muß uns auch bewußt sein, dass mit dem Bild vom Soldaten wiederum ein ambivalentes Paar begrifflich zu fassen versucht wurde, denn es ist ja zu fragen, wer macht sich dieses Bild? Der Soldat selber, oder jene die ihn sehen? Beide, so viel ist sicherlich gleich vorweg zu sagen, setzen Erwartungen in den Soldaten, wobei die Erwartungen um so höher anzusetzen sind, je höher der Rang und je umfassender die Befehlsgewalt sind. Ein General ist nun einmal etwas anderes als ein Rekrut. Wir können aber weiter gehen und bei voller Anerkennung dessen, dass es zwei Sichtweisen gibt, die Innensicht und die Außensicht, in einer Art Album zu blättern beginnen, wo diese Bilder vom Soldaten eingeklebt sind. Da gibt es größer- und kleinerformatige, gelungenere und weniger gelungene, Schnappschüsse, Porträts und Gruppenbilder, Ereignisse, Schönes, weniger Schönes und Häßliches, letztlich ein Querschnitt durch 100 Jahre Fotografie und bis zu einem gewissen Grad wohl auch ein Familienalbum. Lassen Sie es uns aufschlagen:

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Zunächst mußte man sich erst daran gewöhnen, daß ein Soldat ein durchschnittlicher Mensch mit durchschnittlichen Eigenschaften und durchschnittlichen Empfindungen ist. Kein Vieh, kein Untermensch, keine Kanaille; kein Menschenmaterial, das einem gewissen Verschleiß unterlag, aber letztlich nur eine statistische Größe war. Als 1868 in Österreich zum erstenmal die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde – insgesamt wurde sie ja dreimal eingeführt, 1868, 1936 und 1955, da ging es darum, ein politisches Instrument zu formen, das besser, allseitiger und in größerem Umfang einsetzbar war, als jenes Militär, das zwar auch schon vor 1868, und zwar durch mehr als einhundert Jahre, mittels Konskription eingereiht wurde, aber immer seine Ausnahmestellung behalten hatte. Und seine Randlage. Die war aber natürlich nicht selbstgewählt, vielmehr war Militär immer und überall eine Funktion des politischen und des sozialen Systems. Aber der Begriff „Die Unseren“ verband sich natürlich in ganz anderer Weise mit den Pflichtigen, denen, die „ein Volk in Waffen“ verkörperten, wie das Colmar Freiherr von der Goltz so schön formulierte. Die in Österreich-Ungarn „einrückend Gemachten“ hatten beim gemeinsamen Heer und den beiden Landwehren bis 1912 eine dreijährige bzw. zweijährige Dienstzeit aktiv abzuleisten. Dazu kamen dann noch neun Jahre bzw. zehn Jahre in der Reserve. 1912 wurde die aktive Dienstzeit – mit Ausnahme der Kavallerie - auf zwei Jahre reduziert; die 12 Jahre Gesamtdienstzeit blieben erhalten.1 In drei bzw. zwei aktiven Jahren, die der Soldaten im gemeinsamen Heer oder einer der Landwehren abdiente, waren die Gefühlslagen wohl schon eingangs verschieden. Drei oder zwei Jahre, das machte einen erheblichen Unterschied! Aber es ging noch sehr viel weiter. Österreich-Ungarn schöpfte seine Wehrkraft ja nur zu einem geringen Grad aus. Die meisten jungen Männer eines Jahrgangs dienten überhaupt nicht oder nicht in der k.u.k. Armee oder den Landwehren. Vor 1912 rückten in dem 52 Millionen-Reich jährlich nur 126.000 junge Männer ein. Weitere 80.000 wurden Ersatzreservisten und hatten nur acht Wochen Grundausbildung zu absolvieren und dann die Verpflichtung, bei den jährlichen Standeskontrollen anwesend zu sein. Noch einmal so viel waren untauglich oder wurden aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einrückend gemacht. Die Assentierung war ein Vorgang, bei dem jene, die „genommen wurden“, ein wenig das Gefühl der Elite vermittelt bekamen, dann nämlich, wenn die assentierten Burschen von der Dorfmusik begleitet und die Tauglichen von den Untauglichen mit Sträußchen von künstlichen Blumen beschenkt wurden, die man sich auf den Hut stecken konnte, wenn sie – auch als Nichtraucher - Zigarren bekamen oder die Bürgermeister zum Essen einluden.2 Erstaunlich eigentlich, dass sich diese Musterungsriten da und dort noch erhalten haben und es sich beispielsweise burgenländische oder niederösterreichische Bürgermeister auch heute nicht nehmen lassen, die Gemusterten von der Stellungsstraße abzuholen, mit Bussen in ihre Heimatgemeinden zu transportieren und zum Essen einzuladen, oder dass vor den Stellungskommissionen Wanderhändler ihre Musterungssträußchen verkaufen und die Tauglichen das Gefühl bekommen, mehr, besser, auf jeden Fall männlicher zu sein als die Untauglichen. Doch das waren und sind letztlich noch keine historischen Besonderheiten sondern Begleiterscheinungen der in Europa praktizierten allgemeinen Wehrpflicht für Männer, denn das von Ernst Hanisch beigebrachte italienische Sprichwort aus der Zeit vor dem Großen Krieg „Wer für den König nicht taugt, taugt auch nicht für die Königin“ zielt genau in dieselbe Richtung.3

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Detailliert und auf die Verhältnisse vor und ab 1912 abgestimmt: Karl Glückmann, Das Heerwesen der österreichisch- ungarischen Monarchie, 12. Aufl., Wien 1911, hier bes. S. 20 – 27. Ernst Hanisch, Die Männlichkeit des Kriegers. Das österreichische Militärstrafrecht im 1. Weltkrieg, in: Thomas Angerer, Brigitte Bader-Zaar, Margarete Grandner (Hg), Geschichte und Recht. Festschrift für Gerald Stourzh zum 70. Geburtstag, Wien 1999, S. 316. Ebenda.

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Für die Rekruten folgte nach der Assentierung die Zeit der Abrichtung, der Grund-, Aus- und militärischen Weiterbildung, etwas, das sich meist unterschiedslos als Zeit von beträchtlicher Härte zeigte, wo den Weichlingen und Muttersöhnchen ganz bewußt beigebracht werden sollte, dass ihnen nicht nur körperlich alles abverlangt würde, sondern auch mental. Dass die Selbstmordrate in der k.u.k. Armee die höchste in Europa war, mochte mit der gewollten Härte der Ausbildung zusammenhängen, ich meine jedoch, dass das zum wenigsten Indiz ist, weil die Selbstmordrate auch unter der Zivilbevölkerung Ungarns und Österreichs immer zu den höchsten in Europa gezählt hat und zählt, und das Schikanieren und Herabwürdigen auch sicherlich keine österreichisch-ungarische Besonderheit war. Das Ergebnis der militärischen Ausbildung ermöglichte der Habsburgermonarchie schließlich nicht nur die Mobilmachung von über zwei Millionen Mann, sondern versetzte die Regierungen in den beiden Reichshälften auch in die Lage, im Wege von Assistenzanforderungen alle möglichen innenpolitischen Probleme zu lösen. Es konnte freilich auch vorkommen, daß die k.u.k. Armee selbst Anlaß für Unruhen war. Meist ließen sich die Spannungen in der Weise beseitigen, dass Regimenter aus ihren Ergänzungsbereichen in ganz andere Gegenden der Monarchie versetzt wurden, wo sie in einem für sie fremden Umfeld neutralisiert wurden. Doch manchmal nützte auch das nichts. Das mußten beispielsweise auch die Bosniaken in Graz erfahren, als sie während der Badenikrise 1897 Ziel heftiger Anfeindungen und gewaltsamer Zwischenfälle wurden. Sie waren fremd, sprachen nicht deutsch, waren mit Masse Moslems und paßten somit nach der Meinung ortsansässiger Nationalisten nicht nach Graz. Die Bezeichnung „unser Heer“ oder „die Unsrigen“ galt folglich auch bei den Soldaten nicht für alle gleichmäßig. Doch derartige „Ausritte“ waren eher die Ausnahme. Die Beistellung von Assistenzen hingegen nicht. Die gehörten vornehmlich in den Ballungszentren zum Friedensalltag. Und da konnte es dann so kommen, wie es Leo Schuster in seinen Erinnerungen „... Und immer wieder mußten wir einschreiten!“ beschrieb, oder wie sich auch aus Hugo Kerchnawes anonym erschienenem Buch „Unser letzter Kampf“ leicht herauslesen läßt: Da steht ein Bataillon Deutschmeister an einem angenommenen Tag, 1907, als äußere Burgtorwache während einer Wahlrechtsdemonstration in Wien: „Den Tschako tief ins Gesicht gezogen, mit knirschenden Zähnen, zwar mit aufgepflanztem Bajonett, aber ‚Gewehr bei Fuß‘ standen die ‚braven Edelknaben‘ seit frühem Morgen der brüllenden, schimpfenden, johlenden Menge gegenüber. Hie und da zuckte einer, wenn ihn ein ‚Argument der Straße‘ getroffen, hie und da stürzte wohl auch einer mit dumpfem Wehlaut zusammen, wenn ein solches allzu schweres Argument die Magen-, die Herzgegend oder den Kopf getroffen, aber die Kameraden zogen ihn zurück, ein anderer trat an seine Stelle. Jedesmal aber gellte lauter Jubel über solch einen ‚Sieg‘ aus dem blökenden Haufen.- Eine harte Prüfung war’s für das brave Bataillon“.4 Dennoch: Gerade die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war eine Zeit, in der Militär als selbstverständlich galt, Offiziere ein besonders hohes Sozialprestige besaßen, auch Soldaten damit rechnen konnten, respektiert, geachtet, geliebt und gefürchtet zu werden. Und als sie in den Ersten Weltkrieg zogen, war man selbstverständlich sofort mit dem Begriff des Helden da. Der Kampf war heldenhaft, die Armee, die Offiziere, die Soldaten und erst recht die Gefallenen, die Gestorbenen und in Kriegsgefangenschaft Geratenen. Allerdings wurde sehr wohl differenziert und machte es natürlich einen unendlich großen Unterschied, ob man als Angehöriger des Prager Infanterieregiments Nr. 28 in den Karpaten desertierte und in Kriegsgefangenschaft geriet5 oder als Verteidiger von Przemysl kapitulierte, denn letzteren 4

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Anonym (H.Kerchnawe), Unser letzter Kampf. Das Vermächtnis eines alten kaiserlichen Soldaten, WienLeipzig 1907, S. 15. Dazu Richard G. Plaschka, Zur Vorgeschichte des Überganges von Einheiten des Infanterieregiments Nr. 28 an der russischen Front 1915, in: Österreich und Europa. Festgabe für Hugo Hantsch zum 7o. Geburtstag, Graz 1965.

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wurde noch am Tag vor der Waffenstreckung der ausdrückliche Dank Kaiser Franz Josephs übermittelt.6 Am Ende des Ersten Weltkriegs bedankte sich freilich keiner bei den Soldaten des alten Österreich. Sie waren primär ein Versorgungsproblem.

2. Der Kampf um die Erinnerung Erst auf den Kriegerdenkmälern und in der summarischen Beurteilung wurden die Toten des Großen Kriegs dann wieder zu Helden und Handelnden in Rahmen jenes – wie es der Bundesminister für Heereswesen Carl Vaugoin beim Erscheinen des Generalstabswerks „Österreich-Ungarns letzter Krieg“ nannte - „gigantischen Heldenkampfes“, in dem die Habsburgermonarchie einem „unerbittlichen Geschick zum Opfer fiel“.7 Mittlerweile ist freilich der Begriff des Helden, der uns während und nach dem Ersten Weltkrieg auf Schritt und Tritt begegnet, schon regelrecht verpönt und wurde im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg nicht nur in Frage gestellt, sondern ausdrücklich verurteilt, er wurde eradiert und nachträglich auch für die Soldaten des Ersten Weltkriegs in Zweifel gezogen.8 Man muß sich nur die Kriegerdenkmäler anschauen, die umgetextet, neu beschriftet und gelegentlich auch versetzt worden sind. Diese Denkmäler sprechen meistens nur von den Opfern oder von den Gefallenen, sofern sich nicht überhaupt Sprachlosigkeit breit macht, weil man eigentlich nicht weiß, wie man eine so große Zahl von Menschen benennen soll, die im Krieg und als Folge des Kriegs ihr Leben verloren haben. Tatsächlich fällt es auch schwer, sie einer gleichmäßigen Bewertung zu unterziehen und für sie lediglich ein Wort zu gebrauchen. Immerhin, und das sollte die Dimension einigermaßen verständlich machen, reden wir allein hier in Österreich von rund 400.000 Menschen, die als Soldaten in den Weltkriegen starben, zweifellos aber nicht alle Helden waren. Vielleicht sind sie auch erst durch die Kriegerdenkmäler so pauschal gewürdigt worden, weil den Denkmälern ja das Bemühen der Über- und Nachlebenden Pate stand, dem Soldatentod, über dessen Umstände man häufig nicht Bescheid wußte, einen Sinn zugeben. Sie starben fürs Vaterland, aber sie sollten ja nicht als Feiglinge gestorben sein, denn dann hätten sie ja gegen Grunderfordernisse des Militärischen und gegen alles verstoßen, was ihnen an Wünschen, Hoffnungen und Glauben mitgegeben worden war. Viele werden tatsächlich als Helden gestorben sein, als Menschen, die sich selbst überwunden haben, Leben gerettet aber auch Leben vernichtet haben. Doch bemühen wir ein wenig die Statistiken. In ihnen heißt es meistens „tot, verwundet, krank, kriegsgefangen und vermißt“. (Letztere Kategorie zählte um einiges mehr als die Verwundeten). Rund 540.000 österreichisch-ungarische Soldaten waren Ende 1918 nicht mehr am Leben. –Dreimal so viele waren verwundet worden, ein Teil von ihnen für ihr weiteres Leben schwerstens gekennzeichnet und verkrüppelt. Waren die Toten alle gefallen? Waren alle Gefallenen tapfer? Waren alle Kriegsgefangenen Feiglinge? Starben die Kranken und Verwundeten alle ehrenhaft? – Wir wissen es im einzelnen nicht, doch eigentlich wäre Differenzierung angebracht.

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7 8

Franz Forstner, Przemysl. Österreich-Ungarns bedeutendste Festung (= Militärggeschichtliche Dissertationen österreichischer Universitäten, Bd. 7), Wien 1987, S. 234. Der vom Armeekommandanten Erzherzog Friedrich im Auftrag des Kaisers hinausgegebene Armeebefehl nannte die „unbesiegten Helden von Przemysl“, die „von Naturgewalten und nicht durch den Feind bezwungen“ worden waren. Österreich-Ungarns letzter Krieg, 1. Band, Wien 1930, S. VI. Joachim Giller, Hubert Mader, Christina Seidl, Wo sind sie geblieben...? Kriegerdenkmäler und militärisches Totengedenken in Österreich (= Schriften des Heeregeschichtlichen Museums, Bd., 12), Wien 1992.

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Die Gesamtverluste der öst.-ung. Wehrmacht 1914 - 1918 Jahr

1917

1918

Gefallen

Verwundet

Krank

Kriegsgefange n u. vermißt

Zusammen

1914

Offiziere Mann

4.827 140-226

11.950 472.365

11.287 271.969

4.706 407.604

32.770 1.292-164

1915

Offiziere Mann

4.428 177.801

14.429 625.406

24.251 699.773

8.345 607.693

51.453 2.110.673

1916

Offiziere Mann

2.449 90.116

8.401 407.442

19.217 787.643

7.023 430.933

37.090 1.716.134

Nordost -front

Offiziere Mann

537 20.289

1.667 70.873

9.057 416.878

1.019 53.327

12.280 561.367

Balkan -front

Offiziere Mann

64 3.526

17

1.779 119.484

11 2.075

1.871 125.721

Südwestfront

Offiziere Mann

1.327 41.166

4.215 180.355

9.686 459.335

1.753 82.226

16.981 763.082

Nordostfront

Offiziere Mann

114 5.357

66 1.831

2.864 151.547

13 5.237

3.057 163.972

Balkan -front

Offiziere Mann

125 4.362

203 6.216

1.805 86.662

113 15.193

2.246 112.433

Südwestfront

Offiziere Mann

1.511 40.629

3.724 131.302

14.767 649.211

11.795 473.721

31.797 1.294.863

Westfront

Offiziere Mann

26 753

130 2.009

403 10.571

142 5.261

701 18.594

Offiziere Mann

15.408 524.225

44.802 1.898.435

95..098 3.653.073

34.920 2.083.270

190.228 8.159.003

539.633

1.943.237

3.748.171

2.118.190

8.349.231

Summen

Zusammen

636

In jeder Inschrift, aber auch in jeder einschlägigen Publikation, sei sie autobiographisch, biographisch, ereignisgeschichtlich deskriptiv, sozialgeschichtlich orientiert, an religiösen, medizinischen oder auch logistischen Fragen ausgerichtet, immer ein anderer Soldat. Der, jener und der dritte ebenso wie der achtmillionste. (Und wir reden jetzt nur von Österreich-Ungarn und dem Ersten Weltkrieg). Sie bewahrten sich quer durch die Zeiten etwas von ihrer Individualität, die allerdings in dem Augenblick zugeschüttet wurde, wo etwas beschrieben wurde, das mehr sein wollte als eine Analyse des Geschehens. Da wurden dann Klischees gängig und unter Umständen auch aufrecht erhalten, um ganz bestimmte Sichtweisen zu tradieren, so etwa, wie es für die Generalstabsrunde nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Führung von Oskar Regele eingestandenermaßen gegolten hat, dass man über den Ersten Weltkrieg durchaus kritisch denken und schreiben konnte, so lange einer dabei nicht zu Schaden kam: Conrad von Hötzendorf, dem Oskar Regle selbst eine Biographie widmete. Sein Andenken sollte intakt bleiben, denn andernfalls befürchteten Regele und seine Kriegerdenkmal in FISCHAMEND Kameraden, würde alles ins Gleiten kommen.

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Doch das Anstemmen gegen historisch-kritische Untersuchungen galt primär dem Erscheinungsbild des Offiziers und da wieder dem des Generalstabsoffiziers. Sein Bild sollte intakt bleiben. Der „gemeine“ Soldat, der auch während des 1.Weltkriegs notfalls noch durch die Strafe des Anbindens oder durch Prügel diszipliniert wurde,9 war aber schon während des Kriegs zum Gegenstand wissen-schaftlicher Untersuchungen geworden, allerdings nicht der Geschichtswissenschaft, sondern der Naturwissenschaften. Der Psychologe Stephan von Madáy versuchte schon im September 1915 den Wandel, den die Friedens- zu den Kriegssoldaten durchgemacht hatten, damit zu beschreiben, daß er zwischen Kämpfern und Arbeitern unterschied. Der eine, der Kämpfer, sei ein „Lustsoldat“, der andere ein „Pflichtsoldat“. Beide wären notwendig. Mehr noch: es würden immer mehr Soldaten benötigt, die als Arbeiter ausdauernd und leistungsfähig seien. Denn die Kriegführung würde immer mehr „dem Typus einer planmäßigen Arbeit“ ähneln. Die Schlachten würden länger und länger, und der Krieger muß „wochen- und monatelang im feindlichen Feuer ausharren".10 Aber im Trommelfeuer brauchte man vielleicht keine Lustsoldaten. - Der Pflichtsoldat und Militärarbeiter wiederum verkörperte nicht wirklich das Bild des schneidigen Kavalleristen oder auch des Kaiserjägers am Col di Lana. Das war das Dilemma. Denn da schien nichts von Standschützenromantik und Freiwilligen durch, eher schon das, was dann das Bild des Soldaten gegen Kriegsende ausmachte. Und der „Lustsoldat“ ging wohl allmählich in den Sturmsoldaten über, der dann von Ernst Jünger als „Inbegriff des Frontkämpfers“ verstanden wurde.11 Aber auch Louis Trenkers „Hauptmann Ladurner“ und unzählige andere Gestalten in wissenschaftlichen Darstellungen ebenso wie in Romanen sind nicht anders. Man kann selbstverständlich Einzelbeobachtungen so zusammenfügen, dass am Ende Zweifel aufkommen, ob über dieselbe Zeit, denselben Krieg, das gleiche Militär, den gleichen österreichischen Soldaten geschrieben wurde, oder ob da nicht „aus einem anderen Land“ berichtet worden ist. Unter dem Begriff des „gigantischen Heldenkampfes“ (Vaugoin) wurde alles subsumiert. Aber es gab mehr denn je Einzelbeobachtungen. Und es gab auch ein sehr unterschiedliches Soldatenbild. „Nach Meinung unserer meisten Offiziere rekrutiert sich ein österreichisches Regiment aus lauter Schweinen und anderen Viechern ...“, ist im Nachlaß B/428 im Kriegsarchiv nachzulesen.12 Dem wäre der Leutnant der Reserve Josef Aschauer entgegenzuhalten, der in seinem Tagebuch vermerkte „der gute Soldat ist eine Persönlichkeit ... nicht hinterm Ofen, sondern im Wind, Regen und Schnee, sieht er sich Problemen gegenüber, die er durch Überlegung und Tat anpacken muß... Sein Körper ist allen Anstrengungen und Entbehrungen gewachsen. Von hoher Liebe zu seinem Volk, zu seiner Heimat erfüllt, verzichtet er auf Bequemlichkeit und stirbt vor dem Feind“.13 – Es hat sicherlich alle gegeben, die guten Soldaten, die Schweine und die „Viecher“. Wie es einem Helden ergeht, der Anstrengungen und Entbehrungen meistert und im Artilleriefeuer einer der Einleitungsschlachten des Ersten Weltkriegs in Galizien ausharrte, findet sich ebenfalls in Tagebucheintragungen. Nehmen wir die eines Tiroler Kaiserjägers vom September 1914: „Ich bin zu Tode erschöpft, laufe aber natürlich mit Aufbietung aller Kräfte vor ... Mörderische(s) Schrapnell- und Kartätschfeuer ... Ich bleibe unverletzt und stehe auf einmal taumelnd ... zwischen den feindlichen Geschützen. Die Russen haben sich heldenhaft gehalten ... Ein grausam verstümmeltes Pferd klebt an einem Geschützrand. ... Wie ich mit dem Leben davongekommen bin, weiß ich nicht ... Das I. Baon hat furchtbare 9

Manfried Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, 2. Aufl. 1994, S. 476f. 10 Bernd Ulrich, Die Desillusionierung der Kriegsfreiwilligen von 1914, in: Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, hg. Wolfram Wette, München/Zürich 1992, S. 121f. 11 Ulrich, Die Desillusionierung, S. 122. 12 Hanisch, Die Männlichkeit, S. 330. 13 Ebenda, S. 327 (zit. Nachlaß KA/507).

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Verluste! Von 260 Mann einer Kompagnie sind bloß 30 unverwundet. Schrecklich viele Offiziere sind gefallen“.14 Eine Woche später war auch der Tagebuchschreiber schwerst verwundet, hatte ein Bein verloren und starb schließlich. Dieser mehr oder weniger beliebig herausgenommene Oberstleutnant Candussi, von dem die Eintragungen stammen, wird sicherlich in die Gruppe der Helden zu subsumieren sein, aber ich würde auch nicht zögern, jenen der vier Söhne des Chefs des Generalstabs Conrad von Hötzendorf dazu zu zählen, der in die Gruppe der sogenannten Kriegsneurotiker fiel und der dem Lärm der Schlacht, dem Explodieren der Granaten, dem Schreien der Verwundeten und dem Sterben seiner Kameraden nicht gewachsen war. Während der Vater, Franz Conrad von Hötzendorf, über seinen 1914 gefallenen Sohn Herbert tief trauerte und ihn in seinen Briefen immer wieder erwähnte, von einem zweiten Sohn schrieb, daß er bei Przemysl verwundet wurde und der dritte an den Strapazen des Feldzugs in Rumänien starb, verschwieg er den vierten Sohn. Vielleicht galt auch für ihn, was dann der sozialdemokratische Gesundheitspolitiker Julius Tandler in Verteidigung des von der Kommission zur Untersuchung militärischer Pflichtverletzung im Krieg angeklagten Psychiaters Julius von Wagner-Jauregg meinte, daß Wagner-Jauregg mit der Anwendung von Elektroschocks bei Kriegsneurotikern völlig richtig gehandelt habe, denn das seien schließlich „Minusvarianten der Menschheit“ gewesen.15

3. Modell Schützengraben Nun ist das Herausgreifen von Einzelschicksalen natürlich nur geeignet, besondere Aspekte einer Zeit, eines Kriegs, einer Gesellschaft und ihrer Denkweise aufzuzeigen, und dennoch ist immer wieder zu fragen, inwieweit sich die Aussagen generalisieren lassen und inwieweit sich darin auch jener grundsätzliche Anspruch wiederfindet, den jedes Gemeinwesen erhebt und jede Gesellschaft, jeder Staat geltend machte und macht, indem von der Notwendigkeit gesprochen wird, Gewalt auszuüben, da das Gemeinwesen sonst zerfallen würde. Die diesbezüglichen Feststellungen stammen von Max Weber und lassen sich sowohl empirisch als auch theoretisch durchaus erhärten. Ebenso wie sich die Beispiele beliebig vermehren lassen und immer auch davon auszugehen ist, dass Normal- und Ausnahmssituationen nicht gleichgesetzt werden können, dass sich aber auch erhebliche Unterschiede in einer militarisierten und einer weniger bis gar nicht militarisierten Gesellschaft zeigen. Rahmenbedingungen und Bezüge ändern sich, vor allem aber unterscheidet sich in auffallender Weise die Erzählung über die Welt von gestern. Trotz der Kriegsjahre von 1914 bis 1918 hat man in der Ersten Republik doch immer wieder den Eindruck, daß über das Verlorene, das zu Ende Gegangene getrauert würde, und daß sich auch die politischen Parteien nur schwer von der „Welt von gestern“, wie sie dann Stefan Zweig nannte, lösen konnten. Der Krieg, der Held, der Soldat des Weltkriegs – sie waren omnipräsent. Und die Krieger verschwanden auch durchaus nicht, oder erstarrten nur zu Denkmälern. Der Kampf wurde freilich etwas, dem nicht ausschließlich das Militär zu dienen hatte, sondern ebenso die Parteiformationen, die jeweiligen paramilitärischen Organisationen. „Der Klassenkampf war ebenfalls Kampf, der den ganzen Mann erforderte. Die 14

Reinhold Staffler; Kadett Alois Garber, Gaismair-Kalender 1987, S. 139 – 143. Andere Beispiele in dem Beitrag von Gerhard Oberkofler und Eduard Rabofsky, Tiroler Kaiserjäger in Galizien, in: Historische Blickpunkte. Festschrift für Johann Rainer (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Bd. 25), Innsbruck 1988, S. 505 – 527. 15 Ernst Hanisch, Die Rückkehr des Kriegers. Männlichkeitsbilder und Remilitarisierung im Österreich der Zwischenkriegszeit, in: Transit. Europäische Revue. Nr. 16, Wien 1999, S.109. Zu dem damit angesprochenen grundsätzlichen Problem auch Sabine Kienitz, Der Krieg der Invaliden. Helden-Bilder und Männlichkeitskonstruktionen nach dem Ersten Weltkrieg, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, herausg. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam, 60.Jahrg. (2001), Heft 2, S. 367 – 402.

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Errungenschaften der Revolution mußten notfalls mit der Waffe verteidigt werden“,16 hieß es. Dementsprechend wurden die Kämpfer für eine neue Ordnung dann wie die Soldaten der Kriegsanleihen des Ersten Weltkriegs stilisiert, nur dass die Recken statt des Schwertes den Hammer schwangen. Mit dem jeweils eigenen Traditionsverständnis suchten sich daher auch die paramilitärischen Formationen nach dem Ersten Weltkrieg in durchaus klassenkämpferischer Absicht ihre Traditionen und fanden sie im vorangegangenen Krieg.17 Der Kriegsteilnehmer der Jahre 1914 bis 1918 – oder wollen wir es doch wieder überspitzt formulieren: der Held dieses Krieges – war nicht nur der Held der Arbeit, der „Pflichtsoldat“, sondern auch der Führer, und wie selbstverständlich wurde das Er- und Durchlebte als Legitimation genommen, um die Eignung für neue Aufgaben zu unterstreichen. Da waren ebenso die Oberleutnants Otto Bauer und Julius Deutsch zu finden wie der Oberleutnant Julius Raab, der seine Kompanie am Bauhof der Schwiegereltern in St. Pölten verabschiedete, der Oberleutnant Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg, dem der Mob in Linz die Tapferkeitsmedaille von der Brust gerissen und den Säbel zerbrochen hatte, oder auch der Kaiserschützenoberleutnant Engelbert Dollfuß, dessen untadeliges Verhalten als Offizier im Ersten Weltkrieg immer hervorgehoben wurde und mitunter als Kompensation seiner geringen Körpergröße erscheinen mußte. Offenbar wirkte das Bild vom Soldaten des Ersten Weltkriegs und wirkte die Erinnerung an den Soldaten im alten Österreich (so der Titel der Autobiographie von Karl Bardolff) so stark fort, dass dieser Mythos auch alles überdeckte, was das Bundesheer der Ersten Republik an nennenswerten Leistungen erbrachte. Und damit sollen jetzt nicht die Einsätze in den Bürgerkriegen, sondern jene unzähligen Assistenz- und Hilfeleistungen gemeint sein, die dieses handtellergroße Heer erbrachte. Auch in Zeiten, wo das Bundesheer, die Heeresverwaltung bereits eingeschlossen, weniger als 20.000 Mann zählte, wurde es Monat für Monat und manchmal Tag für Tag gefordert, um irgendwelche Hilfen zu erbringen und gemäß dem auch damals wie heute sehr ähnlich formulierten Wehrgesetz zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Inneren sowie zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen besonderen Ausmaßes beizutragen.18 Dennoch war es merkwürdigerweise nicht in der Lage, mit diesen Leistungen regelrecht ins Bewußtsein zu dringen. (Und das ist bis heute so geblieben!) Da nützten auch die Millionen Stunden nichts, die die Soldaten im Ernteeinsatz, beim Transport von Kulturgütern, bei der Bekämpfung von Hochwässern und Lawinen, bei Absperrungs-, und Sicherungsmaßnahmen, Kellnerstreiks und Häftlingsrevolten, Eisstössen auf der Donau oder Murenabgängen leisteten. Viel prägender waren offenbar die politischen Einsätze, und die machten das Heer nicht beliebt.19 Und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wurde 1931 die Überlieferungspflege der alten Armee wieder aufgenommen und wurde dem Bundesheer die Uniformierung der k.u.k. Armee in einer Art Mixtur aus Krieg und Frieden gegeben und obendrein signalisiert, dass nur jene, die bereits irgendwo im Jenseits mitmarschierten, die Eugens, Carls, Radetzkys und Conrads, aber auch jene, die vielleicht nur namenlose Helden des Kriegs gewesen waren, Vorbilder zu sein hätten. Limanowa-Lapanow, Gorlice, die Ortigaraschlacht, die Isonzoschlachten und anderes: Das waren die Bezüge, die Geltung haben sollten und nicht die „Minusvarianten der Menschheit“. Vielleicht war es wirklich das „Modell Schützengraben“, von dem Ernst Hanisch meint, dass es zum Modell der parlamentarischen Demokratie genommen wurde. Erst recht zu dem des 16

Hanisch, Die Rückkehr des Kriegers, S.109. Zum Problem des Paramilitarismus vgl. Warren E. Williams, Versuch einer Definition paramilitärischer Organisationen, in: Militarismus, hg. Volker R. Berghahn (= Neue wissenschaftliche Bibliothek 83), Köln 1975. 18 Überblicksartig: M. Rauchensteiner, Landesverteidigung und Sicherheitspolitik 1918 – 1934, in: Handbuch des politischen Systems Österreich. Erste Republik 1918 – 1933, hg. Emmerich Tálos (u.a.), Wien 1995. 19 Vgl. dazu die Dissertation von Anton Zettel, Die Assistenzeinsätze des österreichischen Bundesheeres 1918 bis 1938, Wien 1989. 17

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christlichen Ständestaats und damit der letzten Jahre vor dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dergleichen meistens obsolet. Zumindest das politische Grundmuster war ein anderes. Wenn bilanziert wurde, dann anhand der Opferbilanz. Wenn politisch geurteilt wurde, dann herrschte nach dem Zweiten Weltkrieg als selbstverständliche Meinung vor, dass es sich bei dem Jüngstvergangenen um einen vom Nationalsozialismus ausgelösten Krieg gehandelt habe, der – man muß das nur in der österreichischen Unabhängigkeitserklärung nachlesen - von keinem Österreicher gewollt und einem politisch und ökonomisch entmachteten Volk aufgezwungen worden war. - Den Rest konnte man dann auf den Kriegerdenkmälern nachlesen.

4. Das große Schweigen Nach dem Krieg fand sang- und klanglos der „Abschied vom Helden“ statt.20 Nach den Schocks der Zusammenbrüche, nach dem Abschied von der sehr wohl unterstützten, wenn auch nicht immer akzeptierten politischen Richtung, wandte sich die Gesellschaft neuen und großteils unpolitischen Zielen zu. In der Regel wurden die Namen der im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommenen Soldaten auf den Denkmälern nur fortgeschrieben, so daß sie dann unter einem alten Heldenbegriff subsummiert wurden. Aber natürlich wurden auch die Denkmäler weiter bemüht, um Botschaften loszuwerden. Dergleichen ist uns bis heute vertraut geblieben. Man muß sich nur die jährlich stattfindende Diskussion um den Kärntner Ulrichsberg ansehen. Doch es gab auch andere Kontroversen um das überlieferte Soldatenbild. Dabei bietet sich wieder ein Vergleich an. 1930 kam der Film „Im Westen nichts Neues“ nach dem pazifistischen Roman von Erich Maria Remarque in die österreichischen Kinos. Es gab erbitterten Streit, heftige Tumulte und eine regelrechte Mobilisierung von christlich-sozialen und deutschnationalen Kreisen gegen diesen Film, weil er – wie der Abgeordnete Kurt Schuschnigg im Nationalrat sagte – „die Erinnerung an die Kriegsteilnehmer schädige“. Am 10. Jänner 1931 erließ das Bundesministerium für Inneres eine Notverordnung, die den Film im ganzen Bundesgebiet verbot, „um die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu garantieren“.21 Das Bild des Soldaten, so wie es in der Erinnerung, in den Köpfen und der schon erwähnten Schützengrabengesellschaft verankert war, sollte so erhalten bleiben, wie es mittlerweile in die jeweiligen Alben gepickt worden war und sich sehr wohl mit einer Grundfrage menschlichen Lebens verbinden ließ, nämlich der Sinnfrage. Verglichen mit der Erregtheit, die „Im Westen nichts Neues“ zur Folge hatte, war das, was man nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte, weit weniger dramatisch. Doch auch gegen den Film „Der letzte Akt“ wurde mobil gemacht. Er war manchen wieder zu pazifistisch, destruktiv, und schändete angeblich das Ansehen der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Auch in diesem Fall wurde demonstriert, in Deutschland allerdings weit mehr als in Österreich.22 Kriegsteilnehmer und ihre Organisationen, aber auch politische Gruppen wollten sich ihre persönlichen Erinnerungen und Einschätzungen nicht beschädigen lassen. Doch das Bild des deutschen Soldaten hatte – und das wußten wohl die meisten – gewaltige Sprünge bekommen. Von den Alliierten wurden hohe und höchste Offiziere zur Verantwortung gezogen, darunter auch eine größere Anzahl von Österreichern. Hinzu kamen jene, denen in Österreich ein Delikt vorgeworfen wurde, und das konnte von Verbrechen gegen die 20

J. Christoph Allmayer-Beck, Der österreichische Offizier von heute, in: Truppendienst 5/1975, S. 415. – Es handelte sich um den Abdruck eines Beitrags aus „Die Presse“, vom 8.2.1975, der unter dem eigentlich viel besser passenden Titel „Von Tapferkeit ist kaum noch die Rede“ erschien. 21 Hanisch, Die Rückkehr des Kriegers, S. 118. 22 Freundliche Mitteilung von Herrn Carl Szokoll.

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Menschlichkeit bis dahin reichen, daß dem Stadtkommandanten von Krems, Oberst Soche, ein Volksgerichtsprozeß gemacht wurde, in dem er sich wegen der Sprengung der Brücke über die Donau nach dem Zeitpunkt der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht zu verantworten hatte.23 (Er wurde verurteilt). Wie nach dem Ersten Weltkrieg kamen die meisten Soldaten erst allmählich nach Hause. Die Menschen begannen den Krieg zu verarbeiten, ihn zu verdrängen oder auch über ihn zu schreiben. Die Masse der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften schwieg aber bzw. behielt sie sich – im Gegensatz zu den hohen und höchsten Offizieren und Politikern - das Gespräch für den engsten Kreis ihrer Familien und Freunde vor. Das Erinnern war dennoch ein kollektives, allerdings wurden mehrere Gruppen auszuklammern gesucht und – wie sich dann weisen sollte – verhältnismäßig erfolgreich ausgeklammert. Die einen waren jene Österreicher, die bei den Alliierten gekämpft hatten oder irgendwann einmal auf alliierte Seite übergewechselt waren.24 In die zweite Gruppe fielen jene, die sich zu den Partisanen, vornehmlich den Titopartisanen geschlagen hatten, die Deserteure25 oder auch jene, die ebenso wie viele im Ersten Weltkrieg an Kriegsneurosen litten. Nadine Hauer hat ihnen ein Buch gewidmet.26 Vor allem aber zählten jene dazu, die sich mehr oder weniger aktiv im militärischen Widerstand betätigt hatten. Sie, und besonders sie, verfielen dem Verdikt des kollektiven Vergessens. Und das, obgleich die Politik in eine andere Richtung wies, und sich schon das Rot-Weiß-Rot Buch 1946 zur Vorbereitung der Staatsvertragsverhandlungen der von den Alliierten vorgegebenen Opferthese bediente und eigentlich jeglichen Bedarf an Beispielen von Widerstand und Verfolgung hatte. Nach und nach wurden die Namen einiger herausgeschält. Biedermann, Huth und Raschke, Heckenast und Burian, etwa. Robert Bernardis, einer der wichtigen Mitverschwörer des 20. Juli 1944, drang im Umweg über Deutschland ins Bewußtsein. Carl Szokoll und Ferdinand Ferdinand Kaes riefen sich selbst in Erinnerung. Doch sie wurden häufig nicht akzeptiert, und auch dann, als die politische und gesellschaftliche Akzeptanz gegeben war, stellte sich heraus, dass diese Angehörigen der Wehrmacht zum wenigsten traditionsbildend waren. Im Kollektiv der Toten mochten sie eine Rolle spielen, wie Biedermann, Huth und Raschke. Einige wurden auch als Namenspatrone für Kasernennamen ausgewählt. Die „Heckenast-Burian-Kaserne“ in Wien wurde mittlerweile freilich wieder zum „Amtsgebäude“. Noch eine Gruppe sollte unbedingt erwähnt werden, die Kriegsgefangenen. Auch ihr Erscheinungsbild gehört zum Bild des Soldaten. Sie sind uns durch unzählige Fotos und durch Bilder gegenwärtig. Zum wenigsten jene, die nur einige Wochen oder Monate kriegsgefangen waren. Am stärksten jene anderen, die viele Jahre in Kriegsgefangenschaft verbrachten. Für sie hat wohl gegolten, was Viktor Frankl als Parallelerfahrung der Eingesperrten geschildert hat: Den Gefangenen, ob in Konzentrations- oder Kriegsgefangenenlagern, kam die Welt „draußen“ abhanden. Terminlosigkeit führte zu Zukunftslosigkeit. Denn ohne fixen Punkt in der Zukunft wird das Leben inhaltlos, sinnlos.27 Aber die Kriegsgefangenen verfielen zumindest nicht dem sozialen Tod. Sie blieben im Bewußtsein, waren Ziel unzähliger politischer Bemühungen und wurden bei ihrer Heimkehr von Honoratioren und Angehörigen 23

Manfried Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 1945 (= Schriften des Heeresgeschichtlichen Museums, Bd.5), 3. Aufl., Wien 1984, S.445. 24 Vgl. dazu Siegwald Ganglmair, Österreicher in den alliierten Armeen, 1939 – 1945, in: Ausstellungskatalog Walküre und der Totenwald. Das Kriegsjahr 1944, Heeresgeschichtliches Museum Wien, 1994, S. 42 – 70. 25 Vgl. dazu Reinhard Johann Forster, „... Gehorsam bis in den Tod ...“. Kriegsdienst und Kriegsdienstverweigerung im Nationalsozialismus (= Diplomarbeit Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Univ. Linz), 1998; Christoph Jahr, Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914-1918 = Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 123), Göttingen 1998; Franz W. Seidler, Fahnenflucht. Der Soldat zwischen Eid und Gewissen, München 1993. 26 Nadine Hauer, Gefangene Psychiatrie. Soldaten und Kriegstrauma, Wien 1997. 27 Zitiert in: Der Krieg des kleinen Mannes, S. 303.

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erwartet, repatriiert und wieder aufgenommen. Ein General Windisch ebenso wie der angeblich letzte österreichische Kriegsgefangene, Walter Reder. Ihr Schicksal rührte und es bewegt noch immer. Ganz anders das Schicksal jener, die die Fronten wechselten oder in einer anderen Zeit und auf andere Weise „Minusvarianten“ waren.28 Die Deutsche Wehrmacht sollte eigentlich für das österreichische Bundesheer nicht traditionsbildend sein und ist es bis heute nicht geworden, sieht man einmal davon ab, dass der jüngste Traditionserlaß sehr wohl militärische Einzelleistungen von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht ausdrücklich als berücksichtigenswert ansieht und damit wahrscheinlich auch die Aufnahme von Erinnerungsstücken verdienter Wehrmachtsgeneräle in Traditionsräumen zuläßt.29 (Man mußte sich – bis zum Zeitpunkt dieses Vortrags - nur die Uniform und Erinnerungsstücke des Befehlshabers im Wehrkreis XVIII und zuletzt Befehlshabers der Alpenfront Nordost, General Julius Ringel, in einer steirischen Kaserne ansehen, um zu wissen, was gemeint ist).30 Es mag auch ein purer Zufall sein, dass zur selben Zeit, als im Frühjahr 2000 in Österreich nicht nur über die sogenannten EU-Maßnahmen, sondern auch und neuerlich über Rolle und Bedeutung des Widerstands gesprochen worden ist, diese Diskussion schließlich abgewürgt wurde, während in Deutschland eine weitere Kaserne nach einem Wehrmachtsangehörigen benannt wurde, der sich aktiv für die Rettung von Juden eingesetzt hatte. In Rendsburg wurde am 8. Mai 2000 die Generaloberst Rüdel-Kaserne in „Feldwebel Anton-Schmid-Kaserne“ umbenannt.31 Schmid war Wiener, kam 1941 nach Litauen und sah Massenerschiessungen von Juden. Daraufhin begann er in Wilna, die Flucht von Juden vorzubereiten und soll 200 bis 300 zumindest zeitweilig das Leben gerettet haben. Schmid flog auf und wurde im April 1942 hingerichtet. Dem Feldwebel Schmid wurde als erstem Österreicher im israelischen Yad Vashem ein Baum gepflanzt und – wie erwähnt – nach ihm wurde eine Kaserne der Deutschen Bundeswehr benannt. In Österreich ist er nahezu unbekannt. Aber auch Anton Schmid war Angehöriger der Deutschen Wehrmacht, war Österreicher, war ein Geworfener, hatte wahrscheinlich häufig keine Wahl, ob er lediglich einer von Millionen sein wollte, ob Held oder Kanonenfutter; aber einmal hat er sich entschieden und zwar letztlich nicht in einer Frage, die ihm als Soldat gestellt worden ist, sondern als Menschen. – Ist er deswegen ein „Held“? Fahnenflüchtige, Diebe und Vergewaltiger, aber auch Nonkonformisten werden wohl nicht so ohneweiteres als „die Unseren“ bezeichnet werden, sondern aus den unterschiedlichsten Gründen auszugrenzen versucht. Aber natürlich will man auch mit jenen nichts gemein haben, die schwerer Verbrechen bezichtigt werden. Die Reaktionen auf die sogenannte Wehrmachtsausstellung des Herrn Reemtsma waren diesbezüglich sehr wohl aufschlußreich. Daß die Manipulation mit Händen zu greifen war, lag auf der Hand, ebenso freilich, daß ein nennenswertes Problem thematisiert worden war. Aber für manche ehemaligen Angehörigen des Deutschen Heeres in der Sowjetunion oder auf dem Balkan galt es als fast undenkbar, daß Verbrechen vorgekommen waren. Und wenn, dann waren es doch die „anderen“ gewesen und war es anderswo geschehen. 28

Beispielhaft Christian Fleck, Koralmpartisanen. Über abweichende Karrieren politisch motivierter Widerstandskämpfer (= Materialien zur Historischen Sozialwissenschaft, Bd,4), Wien/Köln 1986. 29 Verlautbarungsblatt Bundesministerium für Landesverteidigung, Jahrg. 2001, 53. Folge, Nr. 117: Anordnungen für die Traditionspflege im Bundesheer – Neufassung. 30 Die Erinnerungen an General Ringel wurden mittlerweile anderweitig untergebracht. 31 Arno Lustiger, Feldwebel Anton Schmid, in: Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, hg. Wolfram Wette, Hamburg 2002, S. 45 – 67. Ferner Fritz Stern, Am Grab des unbekannten Retters. Festvortrag zur Umbenennung der Generaloberst-Rüdel-Kaserne in Rendsburg nach Feldwebel Anton Schmid am 8. Mai 2000.- Für die Zurverfügungstellung des Manuskripts bin ich dem Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam, Kapitän z.S. Dr. Jörg Duppler, sehr verbunden. Anton Schmid findet auch in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ausführliche Erwähnung. Im übrigen sei noch auf die Gedenktafel in Wien-Brigittenau, Pappenheimgasse 31 hingewiesen.

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Das militärische Erzählschema hat trotz der Einzelbeispiele von den „Schwätzern“ und den Schweigern seine Regeln. Und die sind bei den eminenteren Wissensträgern wie bei den Ignoranten ziemlich gleich: Auch für hohe und höchste Offiziere gilt, daß sie die Verantwortung bei der Politik suchen: Denken wir auch nur an unsere Tage. Zu den Stehsätzen höchster Offiziere gehört(e) bisweilen die Formulierung: „Es ist Aufgabe der Politik ...“. Da ist natürlich viel Richtiges dran, doch ebenso ist es eine Art Rückversicherung und mündet fast nahtlos in der Feststellung, daß dieses oder jenes ganz anders geworden wäre, wenn. Es ist die große Erzählung, die ebenso zum Bild des Soldaten gehört. Da sind die kleinen Schwadronierer, die erzählen, wie die Kugeln gepfiffen sind, die Granaten einschlugen, wie sie unerschrocken handelten und in Wirklichkeit weit weg saßen und erst aus der Zeitung oder aus Erzählungen anderer erfuhren, was geschehen war. Und auf der anderen Seite sind es die wirklich eminenten Wissensträger, die schreiben, sich rechtfertigen und nach und nach immer mehr Florilegien in ihre Darstellung einflechten. Sie werden von Journalisten und Historikern auch regelrecht dazu gedrängt und geben bereitwillig Auskunft. Denn wer will denn schon eingestehen, daß auch er – trotz seiner hohen Verantwortung – etwas nicht gewußt hat? Alles wird in die eigene Erinnerung eingeflochten und zum Schluß selbst geglaubt. Und wie sagte doch Ernst Fischer: „Das Gedächtnis ist ein großer Retoucheur“. Dabei galt einmal, was der Historiker Hermann Heimpel so einprägsam formulierte: „Der von der Geschichte übermüdete Mensch ersehnt sich Urlaub von der Geschichte, er möchte entrinnen“. Und genau in diesem Augenblick erwischt ihn die Überlieferungspflege und versucht ihn, in einen historischen Ablauf einzuordnen. Zum erstenmal wird jemand in anderer Weise historisch gefordert, so nämlich, daß er einen aktiven Faktor in der historischen Überlieferung und nicht nur einen Beobachter, Kommentator oder einen Urlauber vor der Geschichte verkörpern soll. Man wird gerade innerhalb des Heeres mit der vollen Last der Überlieferung konfrontiert, mit menschlichen Vorbildern, Symbolen, Formen, Sitten, Bräuchen und Gegenständen, die in der Vergangenheit für eine Gruppe von Menschen, „für Einzelne oder für die Gemeinschaft Zeugnisse geistiger, sittlicher Haltung waren“.32 Die zu vermittelnde Botschaft ist einfach: Was die geleistet haben, das können wir auch!- Fragt sich nur, ob die Beispiele immer richtig gewählt sind und ob sich die Vergangenheit überhaupt in der gewünschten Weise in die Pflicht nehmen läßt. Denn natürlich entziehen sich Zeiten und Menschen immer wieder dem direkten Vergleich.

5. Assistenzen und Helfer – der „brave Soldat Maier“ Wir haben uns schon längst damit abgefunden, daß es den unpolitischen Soldaten nicht mehr gibt. Er ist wohl auch ein Ideal, das gegenwärtig nicht oder wenig gefragt ist, weil es dem politischen Bekennertum zuwiderläuft. Laut Politikeraussagen gilt ein parteipolitisches Nichtbekenntnis als suspekt, ja feig. Doch hier ist ein nicht zuletzt für Offiziere nicht unwesentlicher Querverweis angebracht: Es war einer der Hauptvorwürfe gegen die Offiziere des 20. Juli ´44 und wurde in den sogenannten Kaltenbrunnerberichten über das Attentat auf Hitler besonders hervorgehoben, daß Stauffenberg, Yorck, Tresckow, Beck, Witzleben, Brockdorf-Ahlefeldt, Stülpnagel aber wohl auch die „Österreicher“ Marogna-Redtwitz und Bernardis Reaktionäre gewesen seien, unpolitisch sein wollten, abendländischen Traditionen verpflichtet, einer „verfluchten Tradition“, wie sie Hitler nannte.33 Die Traditionalisten wurden umgebracht, und bis Kriegsende wachten NS-Führungsoffiziere darüber, daß sich so ein Unsinn wie der unpolitische Offizier nicht wiederholte. Doch für viele blieb das Ideal intakt. Es war so ziemlich das Einzige, das intakt blieb. Alles andere erfuhr dramatische Veränderungen, und man meinte nicht zuletzt auch im Österreich der Zweiten Republik, einen 32 33

Karst, Das Bild des Soldaten. Versuch eines Umrisses, Boppard a. Rhein 1964, S.227. Ebenda, S. 275.

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neuen Soldaten schaffen zu können. Doch wer sollte das tun; und wie sollte „er“ aussehen. (Mittlerweile wissen wir, daß aus dem „er“ auch eine – von Traditionen unbelastete – „sie“ werden konnte). Zunächst einmal wurde versucht, Militär grundsätzlich in Frage zu stellen. Denn nach dem Krieg wurde gerade in Deutschland und Österreich gefragt: „Geht das Zeitalter des Soldaten zu Ende .... Gehören also Armeen nicht der romantischen Vergangenheit an wie Ritter und Segelschiff?“34 Die Frage beantwortete sich von selbst. Folglich wurde schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren der Schluß gezogen: Der Soldat wird weiter gefragt sein und er wird zwei irdische Bezugspunkte haben, nämlich den Staat, dem er dient und den Krieg, auf den er sich vorzubereiten hat.35 Dem wurde widersprochen. Doch es war primär die Wortwahl, die irritierte. Daher wurden mehr und mehr die Begriffe Krieg und Krieger gestrichen. Gefordert wurden „Friedenssoldaten“, Soldaten nämlich, die ihre Aufgabe in der Friedenssicherung sahen. Und die sollten anders sein. Aber wie? Einfach nur durch’s „da“ sein? Trotz des selbstverständlichen Gehorsams und unter Beibehaltung der geforderten aber nicht mehr intensiv gelebten Ideale von Mut, Tapferkeit und Treue sollten die neuen Soldaten auch kritische Geister, Demokraten und bereit sein, für Werte einzutreten, die als Werte der neuen Staatlichkeit politisch außer Streit gestellt waren. Auch für Österreich galt, was dann Thomas Ellwein für die Deutsche Bundeswehr postulierte: Wir sprechen nicht vom Verwaltungsmitarbeiter der Großstadt, sondern unterscheiden zwischen Arzt, Mitarbeiter im Meldeamt etc. Spricht man dennoch vom „Soldaten“ „verweist das auf eine Funktion in der Gesellschaft und oft auf ideologische Gehalte: Gibt es nämlich trotz der Tätigkeitsvielfalt „den“ Soldaten, müßte alles an einer einzigen Tätigkeit, nämlich der des Kämpfens ausgerichtet sein“. Und das sollte nicht nur in Frage gestellt, sondern regelrecht negiert werden.36 Der Soldat war Diener (Präsenzdiener), Wehrmann, Rekrut, notfalls auch Angehöriger der Heeresverwaltung, und natürlich Unteroffizier oder Offizier. Mittlerweile haben sich die Erwartungshaltungen gegenüber Streitkräften immer wieder geändert, und gerade wir in Österreich haben mit verständlichem Interesse, grüblerisch und manchmal regelrecht geschockt erfragt und untersucht, welche Erwartungshaltung außerhalb und innerhalb des Heeres zu finden ist, mit welcher Motivation die Einrückenden und die Abrüstenden ausgestattet sind und was sich mit ihrem Dienst verbinden läßt. IFES, Brunmayer– und andere Studien belegten, widerlegten, freuten und schockten. Sie waren als Momentaufnahmen gefragt, manchmal wichtig. Und sie waren in besonderem Maß von „konjunkturellen“ Schwankungen abhängig.37 In der Werteskala zeigte sich freilich meist ein geradezu atavistisches Bild. Der „gute Soldat Maier“, um ihn irgendwie zu benennen, sprach nicht von Demokratie, Staat oder Unabhängigkeit, sondern reihte bei den verteidigungswürdigen Werten Familie, Eltern und Eigentum vorne. Die Verteidigung der demokratische Einrichtungen kam erst weit hinten in der Aufzählung. Neutralität war wurde zwar als Wert an sich erkannt, doch wie sollte sie verteidigt werden? Die Akzeptanzuntersuchungen zeigten demgemäß ein diffuses Bild: 1973 war eine überwiegende Zahl der Gefragten dafür, das Bundesheer bei Katastrophen aber auch als Hilfskräfte bei Sportveranstaltungen und zur Repräsentation einzusetzen. 1980 waren 79% der Österreicher überzeugt, daß das Land zur militärischen Landesverteidigung verpflichtet ist. 34

Ebenda, S. 53. Ebenda, S. 56. 36 Thomas Ellwein, Soldat als Beruf, in: Sicherheit und Frieden, Jahrg. 12, Nr. 1,1994, S. 30. 37 Für die Überlassung des Kompendiums an Untersuchungen der 70er und 80er Jahre sowie der darauf basierenden Auswertungen habe ich MinR Dr. Joachim Giller und Univ.Doz. Dr. Franz Kernic zu danken. 35

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50% der Befragten gingen von der Wichtigkeit des Bundesheers aus, räumten ihm aber keine Erfolgschancen ein. Für die Abschaffung waren 9%. Zwei Jahre später wollten es 15% auflösen. Neun Jahre nach der ersten Untersuchung, 1982, nannten als Begründung für einen Bedarf an Bundesheer 95% die Hilfe bei Katastrophen, 52% die Teilnahme an friedenserhaltenden Operationen der UNO, 46% bzw. 42% Erziehung zu Ordnung und körperliche Ertüchtigung; 31% billigten dem Heer Repräsentationsaufgaben zu.38 1985 hatte sich an der fast hundertprozentigen Zustimmung im Fall von Katastropheneinsätzen nichts geändert – (Quintessenz: Helfer braucht man immer). Der Einsatz von Soldaten zur Vermeidung von Grenzverletzungen wurde von 71% der Gefragten für sinnvoll gehalten. Bei Sportveranstaltungen sowie Repräsentationsfunktionen schienen Soldaten bereits entbehrlich, und das trotz der Olympischen Winterspiele. – Das war die Aussensicht. Die Innensicht des „guten Soldaten Maier“ kehrte anderes hervor. 1980/81 waren 3/4 der Einrückenden und 2/3 der Abrüster froh, nach dem Präsenzdienst nichts mehr mit dem Bundesheer zu tun haben zu müssen. Nach der Allgemeinen Grundausbildung ver besserte sich das Urteil über das Heer, verschlechtert sich dann aber wieder und erreicht vor dem Abrüsten den Tiefststand. Zwischen den Erwartungen und dem Urteil beim Abrüsten tat sich eine Kluft auf. Die Einrückenden erwarteten sich zu 35% ausdrücklich, für die Verteidigung der Heimat gebraucht zu werden. Nur 15% wurde dieses Gefühl vermittelt. Und nur 19% waren von der fachlichen Qualifikation ihrer Vorgesetzten überzeugt worden.39 Zu schaffen machte immer wieder das geringe Sozialprestige. Dabei war freilich die Außensicht zeitweilig etwas besser als die Innensicht. Offiziere rangierten dennoch bei der Außensicht am Ende der Elitenskala. (Doch auch Redakteure und Mittelschulprofessoren waren am untersten Ende zu finden. Ärzte und Universitätsprofessoren behaupteten sich immer an der Spitze). Unteroffiziere hatten 1973 ein ähnliches Sozialprestige wie ein (Beisl-)Koch oder ein Mechaniker.40 Bei der Innensicht kamen gelegentlich auch noch Skepsis und Zynismus dazu. Ein Zugsführer meinte schon Anfang der Sechziger Jahre: Wenn er nicht weiter Unteroffizier sein und dann als ziviler Vertragsbediensteter übernommen werden könnte, sei es das beste, er würde ein Blasinstrument lernen, denn dann könnte er Signaltrompeter bei den Bundesbahnen werden. - Am untersten Ende des berufsmäßigen Prestiges fanden sich immer wieder Unteroffiziere und Längerdienende, wobei letztere mit 1% Prestige und Attraktivität mit Abstand Schlußlicht waren. (Wir dürfen das Jahr der diesbezüglichen Untersuchung nicht vergessen: 1973 steckte das Bundesheer in der Krise) 1982 hat sich Kluft zwischen Erwartungshaltung und Realität aber weiter vertieft. Als besondere Schwachpunkte im Verhältnis der Berufs- zu den präsent dienenden Militärpersonen wurden 1983: Herumbrüllen, Unterdrückung der Schwächeren, ungerechtfertigte Strafen, Frustration: Hektik, Totzeiten (einstmals „Leerlauf“ genannt), Herumhetzen und Warten erwähnt. Wichtig war die Kameradschaft. Durchgängig in all den Jahren und Jahrzehnten war, daß ein überwiegender Teil der Bevölkerung dem Bundesheer positiv gegenüberstand. Aber natürlich unterliegen auch und besonders Soldaten konjunkturellen Schwankungen und pauschalen Urteilen: 1956 und 1991 konnte man sich nicht genug tun, das Bundesheer zu loben; 1968 wurde harsche Kritik geübt. Auch 38

Ernst Gehmacher, Heer und Offizier in der modernen Demokratie, ÖMZ 6/1981, S. 441. Erich Brunmayr, Verteidigungsbereitschaft österreichischer Präsenzdiener..., 1982. 40 Die Österreicher und ihr Bundesheer. Ergebnisse einer Umfrage des IFES im Auftrag des BMLV, 1973. 39

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Urteile dieser Art sind natürlich subjektiv und politikabhängig. Ein positives Urteil über den Ressortleiter und über einzelne exponierte Persönlichkeiten färbt auf das Ganze ab. Doch nehmen wir einmal die statistische, anonyme Größe der subalternen Offiziere her. „Ihr“ Heer wurde einmal die „Die Armee der Hauptleute“ genannt:41 „Sie sind Bürger, mitunter Spießbürger und Kleinbürger, deren Gedanken oft genug auf das Allernächste konzentriert sind, auf die alltäglichen Interessen von Gehalt und Zulagen, von Wohnungssuche und Kindergeld. Sie geben sich tatsächlich als Bürger in Uniform, hin und wieder als Beamte, die sich den Kopf zerbrechen viel eher über Kompetenzfragen als über den nächsten Krieg“. Eine Reihe von Worten und Einschätzungen, die da in den Sechzigerjahren gefallen sind, könnte substituiert werden. Die Hauptleute von einst sind vielleicht mittlerweile pensionierte Oberste oder Generäle oder zumindest solche, denen dringend die Pensionierung nahegelegt wird. Krieg wäre durch „Sicherheitspolitik“, „Low intensity conflict“ oder was immer zu ersetzen. Aber natürlich wäre auch zu fragen, ob ein - im übrigen für die Deutsche Bundeswehr gefälltes Urteil - nur für die 60er Jahre und nur für die „Armee der Hauptleute“ zutreffend war?- Wurde nicht immer wieder der Staatsbürger in Uniform und von Bruno Kreisky der Beamte in militärischer Verwendung beschworen? Und war es da nicht logisch, zumindest denkbar, daß man Anforderungen und Gefahren ausklammerte, gleichzeitig aber wie selbstverständlich die Aussage akzeptierte, daß der Soldatenberuf keiner sei wie andere auch.? Da entstand eine fast unüberspringbare Kluft. Und es entstand ungeheuer viel Frust. Denn wie meinte doch einer von ihnen, Oberst Erich Grigar, in den Achtziger Jahren und knapp vor seiner Pensionierung: „Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob ich während der letzten dreißig Jahre etwas getan habe oder nicht“. Ihm war, als ob er keine Spur hinterlassen hätte und sein Bild verwehen würde.

6. Der Soldat als billigste Lösung Doch sehen wir uns noch andere Bilder an. Es sind die alltäglichen Aufnahmen, die den Soldaten zeigen, gewissermaßen die Illustration jener in unterschiedlichen Abständen erscheinenden Bücher wie „Tagwache“, „Ein Heer für jede Jahreszeit“ oder – zeitlich übergreifend – „Unter Österreichs Fahnen“ bzw. „Unser Heer. 350 Jahre österreichisches Soldatentum“. (Demnächst gibt es Fortsetzungen). Da werden Soldaten der unterschiedlichsten Zeiten und Armeen deutlich, und haben wir dann die Bilder vor Augen: Das Marschieren und Exerzieren, das Lagern, Turnen, Robben, und Schießen. Dazu kommen die Gemälde und Aufnahmen, die den Ereignissen, vor allem den Kriegen zugeordnet sind. Wir haben mittlerweile gelernt, die echten von den gestellten Fotos zu unterscheiden: Die Sturmtruppen, die da am Isonzo durch Stacheldraht, Artilleriefeuer und einen fast mit Händen zu greifenden Vorhang aus Stahl laufen, Handgranaten werfen und wahrscheinlich brüllen – sie wurden bei einer Übung fotografiert. Das Bild des Soldat, der am 1. Tag des Polenfeldzugs tödlich getroffen die Hände empor reißt, ging um die Welt – er ist authentisch. Der Anfang der Weltkriege wird mit sauberen, rasierten Soldaten illustriert. Die beiden Kriegsenden mit abgerissenen, unrasierten, ausgemergelten Gestalten. Subalterne Offiziere sind vorne bei ihrer Truppe; Generäle sind über Karten gebeugt. Leichen werden weggeräumt.- Wenn wir die Bilder vertonen wollten, dann würde Militärmusik anklingen, egal ob der Radetzky-, Prinz Eugen- oder der Castaldomarsch der „28er“, des Prager Hausregiments, vielleicht auch der Badenweilermarsch oder „Preußens Glorie“. Und natürlich „Oh du mein Österreich“. Würde man sich Lieder dazu denken, käme Zuckermanns Reiterlied aus dem 1. Weltkrieg in Frage: „Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen. Fall ich am Donaustrand? Sterb’ ich in Polen? ...“, die „Herzegowina“ oder dann „Fahren gen Engelland“, das Panzerlied, „In einem Polenstädtchen“. Oder man würde eines der dann später für das Bundesheer erlaßmäßig zu singenden Lieder anstimmen wollen: „... Auf einem Jägersgrab, da blühen keine Rosen. Auf 41

Karst, Das Bild, S. 74.

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einem Jägersgrab da blüht ein Edelweiß“. Oft geht es um das Sterben, zumindest in einer Strophe. Die Straßen sind staubig, die Berge hoch, das Leben kurz. – Ein Lied, zwei, drei ... Die Wirkung und die Nachwirkung sind ident: Soldaten singen, sie marschieren mit Gesang. Ihnen selbst bleibt es in Erinnerung. Man gibt sich regelrecht einen Ruck, wenn es darum geht, mit einem Lied in die Kaserne einzumarschieren. Die Leute sollen sehen und hören, daß nicht nur disziplinierte, sondern auch sangesfreudige Soldaten „durch die Stadt marschieren“(Aber eigentlich sollte ich in der Vergangenheit sprechen, denn es wird im Bundesheer so gut wie nicht mehr gesungen). Wir müssen uns den Soldaten wohl eher mit Walk- oder Discman vorstellen. Aber das sind vielleicht nur Äußerlichkeiten. Denn das Bild fügt sich auch aus anderen Elementen zusammen. Die Soldaten sollen Schutz und Hilfe bringen. – Bedrohungsfälle und Landesverteidigungsdoktrin legten die Szenarien fest. Man glaubte an die Raumverteidigung und nahm bestenfalls widerwillig zur Kenntnis, daß das Heer immer wieder an seine Grenzen stieß. Fallweise kam es dann wie ein Stoßseufzer, wenn festgestellt wurde, jetzt und in einem aktuellen Vergleich, in einer geänderten Situation, würde das Heer auch tatsächlich in der Lage sein, eine, zwei oder mehr Aufgaben zu bewältigen. Nur keinen Verteidigungsfall. Der Soldat wurde dennoch schnell zum Alleskönner. Und die Leistungsbilanz seit 1955 war und ist faszinierend.42 Sicherungs- und Assistenzeinsätze, an die 60 Einsätze im Ausland. Das ist alles feinsäuberlich dokumentiert und publiziert. – Vermißtensuche, Schneeräumung, Hilfe bei Vermurungen, „Rettung von Hochkultursäulen in Weingärten“, Trinkwasserversorgung etc. zählen aber gar nicht auf diese Statistik. Es sind Hilfeleistungen im Rahmen der Ausbildung, und nur um ein x-beliebiges „Normal“-Jahr herausgzugreifen: 1983 waren solcherart 4.616 Mann im Einsatz und leisteten 86.559 Arbeitsstunden.43 1976 leisteten die „Schneeschaufler der Nation“ während der Olympischen Winterspiele über 700.000 Arbeitsstunden. Nur an der ursprünglichen Bestimmung, daß der Soldat Krieg führen können sollte, wurden mehr und mehr Abstriche gemacht. Bis es hieß, das sei eigentlich gar nicht mehr gefordert. Der Held wurde zum Kinohelden – westlicher Prägung versteht sich – während die Helden anderer Kulturen und Ideologien (Stichwort „Terrorismus“) bei uns keineswegs als „Helden“ gesehen werden oder zur Heldenverehrung einladen. Ein Held, so kann man schlußfolgern, unterliegt nicht nur einem gewissen Verschleiß; er ist es auch häufig nur unter ganz bestimmten Gesichtspunkten. Das ließ Christoph Allmayer-Beck bei seiner Darstellung des Offiziersberufs schon in den Siebziger Jahren den Unterschied vom Helden alten Typs zum Helden neuen Typs, der als Individualist und Anhänger eines Gruppenideals erscheint, einfach Krieger ist, Gottes-, Glaubens- oder was immer auch für Krieger, gegenüber dem Offizier des Bundesheers damit beschlagworten, daß es hieß: Von Tapferkeit ist nicht mehr die Rede. Der Mut ist geblieben – aber auch er ist billiger geworden. Es hat sich unendlich viel verschoben, und setzen wir ruhig auch etwas tiefer an. Ist es nicht merkwürdig, daß von einem Soldaten, einem Rekruten, unter Umständen mehr gefordert werden kann (und wird) als – sagen wir – von einem x-beliebigen Vorgesetzten? Nicht, was seine militärischen Kenntnisse anlangt, wohl aber beim Vergleich des geforderten Diensteifers. Der Rekrut hat keine strikt normierte Dienst- und Arbeitszeit. Er kann keine Überstunden geltend machen und seine Sonntagsdienste mit 100% Zuschlag bezahlt bekommen. Er hat auch keine Tagesdiensthöchstzeiten, nach denen er seine Mehrdienstleistungen finanziell und zusätzlich vielleicht noch durch Freizeitausgleich abgegolten bekommt. Von ihm wird selbstverständlich gefordert, daß er körperlich fit und leistungsbereit ist und möglichst überall eingesetzt werden kann, an der ungarischen Grenze ebenso wie in 42

Überblicksartig Rolf M. Urrisk, Die Einsätze des österreichischen Bundesheeres im In- und Ausland von 19552001, Gnas 2001. 43 Truppendienst 2/1984, S. 183.

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Galtür oder Kaprun. Ist vielleicht er, der unbekannte Soldat, der Rekrut des Jahres 2002, der Träger von Soldatentugenden, die anderswo keine Geltung mehr haben? Von den Anforderungen her scheint es fast so. Der Rekrut der allgemeinen Wehrpflicht ist bei uns noch nicht wirklich in Frage gestellt worden, im Gegensatz etwa zu Frankreich, den Niederlanden, der Bundesrepublik Deutschland oder auch Ungarn, wo die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft wurde, zur Disposition steht oder abgeschafft werden soll. Einstmals stand das Argument hoch im Kurs, die allgemeine Wehrpflicht würde eine Verselbständigung des militärischen Instruments verhindern, und das, obwohl es sich auch und gerade in der Ersten österreichischen Republik nie verselbständigt hat. Dann wird von der Integration gesprochen, der engen Verbindung von Heer und Bevölkerung, die nur die allgemeine Wehrpflicht mit sich bringe. Aber ich meine, daß auch die Freiwilligen im Dienste der UNO oder der NATO bei den Auslandsverwendungen während der letzten Jahre und Jahrzehnte häufig Großartiges geleistet, zumindest den Erwartungen entsprochen und sich ihr Geld verdient und nicht zuletzt aufgrund ihrer Professionalität als „die Unseren“ gegolten haben. Das Wir-Gefühl hat mit der Wehrform nichts zu tun; möchte man meinen! Allerdings wird ohne besondere Rechenkünste festzustellen sein, daß der Soldat der Allgemeinen Wehrpflicht für vieles die billigste Lösung ist, beispielsweise für den Assistenzeinsatz an der ungarischen und der slowakischen Grenze, und das scheint das Entscheidende zu sein. Der „Pflichtsoldat“, wie ihn Stephan von Madáy einstmals genannt hatte, ist zum Inbegriff des Soldaten geworden. Ihn haben wir vor Augen, wenn es darum geht, ein gegenwärtiges Bild zu zeichnen. Für die „alte Armee“ hieß die Reihung „Gott, Kaiser und Vaterland“; für die Deutsche Wehrmacht galt, daß man dem Führer Adolf Hitler einen persönlichen, feierlichen Eid schwor. Den Soldaten des Bundesheers der 2. Republik wurde der Eid auf das „Vaterland, die Republik Österreich“ und ihre verfassungsmäßigen Einrichtungen abverlangt. Doch was die Soldaten wollten und was sie als verpflichtend und leistbar ansahen, das war letztlich immer die Verteidigung von Familie, gewohnter Lebensform und persönlichem Eigentum. – Darüber hinaus wollten sie als Menschen geachtet werden, einen Sinn in ihrer Arbeit finden und sich allenfalls auch etwas Geld verdienen. Wie klein ist doch die Welt! Denn genau dieses sehr durchschnittliche Bild des Soldaten ist auf vielen, wenn nicht den meisten Seiten unseres fiktiven Familienalbums eingeklebt. – Neben Ihren und neben meinen Bildern.

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