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Internationales Asienforum, Val. 37 (2006), No. 3-4, pp. 339- 355 Der Yasukuni-Schrein in Tökyö RICHARD DÄHLER Immer wieder erscheinen in den Medie...

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Internationales Asienforum, Val. 37 (2006), No. 3-4, pp. 339- 355

Der Yasukuni-Schrein in Tökyö

RICHARD DÄHLER

Immer wieder erscheinen in den Medien Berichte über Proteste Chinas und Koreas, die sich gegen die Besuche des Yasukuni-Schreins durch japanische Politiker, vor allem den Ministerpräsidenten, richten. Besonders das Verhalten von Junichirö Koizwni, der vom 26. April 2001 bis 21. September 2006 das Amt des Ministerpräsidenten bekleidete, belastete das ohnehin nicht einfache Verhältnis Japans zu diesen zwei Staaten. Seine Besuche im mit der Eroberungspolitik Japans verbundenen Schrein wurden dahingehend gedeutet, dass er sich von jener Zeit nicht vorbehaltlos distanziert habe. Die Kommentare in den Medien tragen allerdings kaum zum Verständnis der Sache bei, auch in bekannten Nachschlagewerken finden sich nur unergiebige Angaben. Ausschließlich dem Yasukuni-Schrein gewidmete Publikationen sind außerhalb Japans kaum vorhanden. Obwohl viele Aspekte nicht oder nur ungenügend beleuchtet werden können, sei der Versuch unternommen, das Thema Yasukuni-Schrein und damit verknüpfte Fragen in geraffter Form darzustellen.

Der Yasukuni-Schrein - Gedenkstätte für die Gefallenen Die 1850er und 1860er Jahre waren gekennzeichnet von heftigen innenpolitischen Streitigkeiten, Morden und blutigen Kämpfen. Soll sich Japan dem Ausland öffnen? Welche Regierungsform - Schogunat und Weiterfiihrung des Vasallensystems oder Direktherrschaft des Tennö - ist die richtige? 1862 ordnete der Tennö Gedenkfeiern fur in den Unruhen Umgekommene sowie eine Amnestie fur politische Vergehen an. Die erste Feier nach Shintö-Ritual fand noch im Dezember des gleichen Jahres in Kyöto statt, weitere folgten im ganzen Land. 1869 wurde, unter dem Eindruck der Bedeutung der Staatsreligionen in Europa, der neu geschaffene Staats-

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Richard Dähler 1

Shintö zum Staatskult erhoben. Er unterstand der Kontrolle der Regierung und war keine Religion, eine solche Bedeutung war ihm ausdrücklich nicht zugedacht. Die traditionelle Verbindung der Schreine2 mit ihren örtlichen Gemeinschaften wurde durch einen Erlass vom Juli 1871 aufgelöst und in eine Bindung an den Staat umgewandelt. Im gleichen Jahr wurde in Tökyö der "Shökonsha" (Shökon: Anrufung der Seelen der Gefallenen, sha: Schrein) gegründet und 1879 in "Yasukuni Jinja" (Yasukuni: Friedliches Land, Jinja: Schrein) umbenannt. Er sollte als Gedächtnisstätte für die in den politischen Unruhen Umgekommenen und als Landes-Schutzschrein (gokoku jinja) dienen. Die japanischen Kriege gegen andere Staaten ließen ihn dann auch zur Gedenkstätte dieser Gefallenen werden. Auf den Listen aus Japanpapier (washi) sind in kalligrafischer Schrift 2 466 000 Namen eingetragen. Der Meiji-Tennö (r. 1868-1912) besuchte den Schrein öfters und unterstrich damit dessen besondere Stellung. Der Shöwa-Tennö (r. 1926-1989) trug bei seinen Besuchen die Uniform des Oberbefehlshabers. Aller für das Vaterland Gefallener, ungeachtet ihres Glaubens, wird gedacht, nicht nur der Shintöisten, sondern auch der Buddhisten und der Christen, obwohl sie sich gegen den Staats-Shintö auflehnten. Seine große Bedeutung erlangte der Schrein vor und während des Zweiten Weltkrieges wegen der Vereinnahmung durch Nationalisten und Militaristen, er wurde zu einem Symbol ihrer Ideologie. Nach dem Krieg verbot die Besatzungsmacht USA jegliche offizielle Feier. Der Abriss des Schreins wurde aber, anders als bei einer großen Anzahl Kriegsdenkmäler, nicht verlangt. Die Haltung der USA veränderte sich im Laufe der Jahre, u. a. weil man erkannte, dass Gedenkfeiern einem Bedürfnis entsprechen. Dies zeigte sich am 2. Mai 1952, als der Oberbefehlshaber der Alliierten, Gen. Matthew Ridgeway, in Anwesenheit des Tennö einer Feier beiwohnte (Safier 1997). Die weiträurnige Parkanlage, an deren westlichem Ende der Schrein steht, wirkt vor allem zur Zeit der Kirschblüte, dem Symbol des Schreins, eindrucksvoll. An vielen Bäumen sind Widmungen von Veteranenvereinigungen angebracht.

Lokowandt (1978, 1997). Im Staats-Shintö mit seiner Hierarchie und seinen Regeln stand die Verehrung der Gefallenen im Vordergrund, um deren Schutz des Staates zu erlangen. Er wurde nach dem Kriege verboten. Der Volks-Shintö kennt weder einen Stifter noch eine Lehre mit Heiligen Schriften und deshalb auch keine fiir die Auslegung und Verbreitung der Lehre zuständige Hierarchie.

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Japan kennt keine Heldenfriedhöfe, lediglich seit 1959 steht in Tökyö die schlichte Gedächtnisstätte Chidorigafuchi zur Erinnerung an die zivilen Opfer des Krieges und den Unbekannten Soldaten. Sie liegt in etwa zehn Minuten Gehentfernung vom Yasukuni-Schrein, welcher weiterhin der Ort ist, wo der Gefallenen in erster Linie gedacht wird. Trauert der vor der Schreinhalle weinende alte Mann hier, weil er das Grab des Verstorbenen nicht aufsuchen kann? Sind die vor dem Schrein aufmarschierenden Veteranen Militaristen oder versammeln sie sich im Gedenken an die gemeinsamen Erlebnisse, zur Pflege der Kameradschaft und zur Ehrung ihrer gefallenen Kameraden? Auf meine Fragen erhielt ich ausnahmslos die Antwort, der Ort sei ihnen zur Ehrung der gefallenen Kameraden wichtig.

Was bedeutet es, im Yasukuni-Schrein verehrt zu werden? Berichte, wonach im Yasukuni-Schrein die Gefallenen als Götter verehrt werden, fuhren außerhalb Japans zu Missverständnissen, bezogen auf die als Kriegsverbrecher Verurteilten zu Unverständnis bis hin zu Empörung. Die Übersetzung des Wortes ,,kami" mit "Gott/Gottheit/Götter" ist ein Behelf. Nach japanischer Vorstellung sind kami Teil der Natur, dieser nicht übergeordnet, sondern wie sie unvollkommen und vergänglich. Auch Berge, markante Bäume, Flüsse, Tiere, z. B. im Kampf getötete Pferde und Hunde, denen beim Museum ebenfalls ein Denkmal gesetzt ist, können kami sein. Im Faltprospekt mit Erklärungen fur Kinder wird deren Zahl mit Myriaden beziffert. Hinter den buddhistisch geprägten Vorstellungen über das, was nach dem Tode geschieht, steht der Glaube, jeder Mensch gehe, ungeachtet seines Lebenswandels und der Art seines Todes, von Schu1d befreit in einen friedlichen, buddhaähnlichen Zustand über. Er muss fur seine Vergehen nicht büßen, es gibt keine Bestrafung über den Tod hinaus. Zur Seelenruhe bedürfen die Toten des Gedenkens. Wird ihnen dieses verweigert, können sie sogar Schaden anrichten, man befurchtet ihren Zorn (onryö, rachsüchtiger Geist). Kami zu werden kann verstanden werden als das Eingehen in eine andere, mit der diesseitigen aber verbundenen Welt. Ministerpräsident Koizumi begründete seine Besuche im Yasukuni-Schrein einerseits mit der Pflicht, der Toten zu gedenken, anderseits mit der Hoffnung, Japan vor neuen Kriegen zu bewahren. Er gab aber auch zu verstehen, dass er sich nicht vom Ausland vorschreiben lasse, wie Japan seiner Gefallenen zu gedenken habe.

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Schreinbesuche von Politikern, die japanische Verfassung und die Öffentlichkeit Der Schreinbesuch von Yasuhiro Nakasone, Ministerpräsident von 1982 bis 1987, hat die öffentliche Diskussion über den Schrein angefacht. Ministerpräsident Koizumi sorgte mit seinen regelmäßigen Besuchen nicht nur für Aufsehen, sondern nahm selbstbewusst eine Belastung der Beziehungen zu China und Korea in Kauf. In dieser Haltung dürfte er durch den in den vorgezogenen Wahlen vom 11. September 2005 erzielten überwältigenden Wahlsieg bestärkt worden sein. Die in den Medien austUhrlich beschriebenen Einzelheiten, ob er im Frack oder in Zivilkleidung erschien, den Besuch als offiziell oder privat deklarierte, sich im Besucherregister eintrug, und, wenn ja, mit welcher Bezeichnung, sich vor dem Hauptschrein oder innerhalb des Schreins verbeugte, sich an die korrekte Form des Rituals hielt, kann man sowohl als Zugeständnis an die unterschiedlichen Ansichten in Japan als auch als Absicht verstehen, den Gerichten in ihren Urteilsfmdungen möglichst wenig Argumente für eine Ablehnung der Besuche zu liefern. Diese Vermutung bestärkte er durch seinen letzten Besuch. Er hielt nicht nur am Datum des 15. August fest, sondern er nahm ihn offiziell als Ministerpräsident vor, wohl weil er nicht mehr gerichtliche Verfahren zu bedenken hatte. Man wartet gespannt darauf, wie sich sein Nachfolger verhalten wird. Die Gerichte sind sich in der Beurteilung der Frage, ob Schreinbesuche eines Ministerpräsidenten gegen die verfassungsmäßige Trennung von Religion und Staat verstoßen, uneinig. Im Jahre 2004 wurden zwei Klagen in Osaka und je eine in Matsuyama (Shikoku) und Fukuoka eingereicht. Im Hauptklagepunkt wurde verlangt, es sei Koizurni der Schreinbesuch wegen der in der Verfassung festgelegten Trennung von Staat und Religion zu untersagen. In Osaka und Matsuyama wurden die Klagen abgewiesen. Das Gericht von Fukuoka erkannte 2004, die Schreinbesuche hätten gegen die Verfassung verstoßen, die übrigen Punkte wurden abgewiesen (Tsujimura 2005: 31- 32). Das Urteil löste heftige Pro- und Kontra-Reaktionen aus. Das Obergericht von Osaka wiederum erkannte am 30. September 2005, Koizurni habe gegen die Verfassung verstoßen, während das Obergericht von Tökyö am 29. September 2005 zum Schluss gelangte, die Besuche hätten privaten Charakter und seien deshalb zulässig. Laut Asahi Shinbun vom 29. Juni 2006 entschied dasselbe Gericht am 28. Juni 2006 wiederum im gleichen Sinne, vermied es aber erneut, sich zur Verfassungskonformität solcher Besuche zu äußern. Am Schrein entzünden sich Fragen zur Ehrerweisung an die Gefallenen, zur Trennung von Shintö und Staat und zum Symbol des Militarismus. Auch

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in Japan gibt es Vereinigungen der ehemaligen Soldaten und der Familien der Kriegsgefallenen. Sie sind noch immer in der Lage, bei jeder Wahl Millionen von Stimmen zu organisieren. Der Gang eines Politikers zum Yasukuni-Schrein, vor allem eines Ministers oder gar des Ministerpräsidenten, hat auch damit zu tun. Die öffentliche Meinung ist gespalten. Die Antworten auf Umfragen scheinen von der Art der Fragestellung und der jeweiligen Stimmungslage abzuhängen. Die Zeitung Asahi Shinbun ermittelte, wie der Verzicht Koizumis auf den Schreinbesuch am 15. August 2005, dem Jahrestag der Erklärung des Tennö über das Kriegsende, beurteilt wird. Sie publizierte das Ergebnis am 17. August 2005: 63% hielten den Verzicht fiir richtig, 18% fiir falsch. Das Resultat einer anderen Befragung veröffentlichte am 10. Oktober 2005 die staatliche Rundfunk- und Femsehgesellschaft NHK.: 29% befiirworteten Besuche Koizumis im Yasukuni-Schrein, 46% bejahten sie "bis zu einem gewissen Grade", 16% waren eher dagegen und 6% lehnten sie ab. Auf die Frage, ob er auch dieses Jahr den Schrein besuchen solle, antworteten 41 % mit Ja, 46% mit Nein und 13% hatten keine Meinung. Die am Tage nach Koizumis erneutem Schreinbesuch vom 17. Oktober 2005 veröffentlichte Umfrage des NHK. erbrachte in etwa das gleiche Ergebnis. Meine japanischen Gesprächspartner vertraten ähnliche Ansichten. Einige fanden, mit den Protesten wollten China und Korea Japan zwingen, die hergebrachten Vorstellungen über das Gedenken der Toten zu ändern, was man sich nicht bieten lasse. Koizumi wirke mit seiner Art des Politisierens und dem selbstbewussten Auftreten als wohltuender Gegensatz zu den bisherigen Ministerpräsidenten. Andere beklagten hingegen den geringen Stellenwert, den Koizumi der internationalen Diplomatie und den Beziehungen mit den Nachbarn beimesse. Sie halten es fiir unerlässlich, sich zusammen mit diesen aktiv um eine Lösung zu bemühen oder mindestens alles zu unterlassen, was sie reize, ungeachtet ob man sich im Recht fühle oder nicht. Interessant ist eine neue Entwicklung, die Takashi Shiraishi (2006) anhand eines von ihm kommentierten Gespräches zwischen den Chefredakteuren der fuhrenden Tageszeitungen Yomiuri Shinbun und Asahi Shinbun, Watanabe Tsuneo und Wakamiya Yoshibumi, darlegt Watanabe Tsuneo machte Wakamiya Yoshibumi den Vorschlag, eine Allianz gegen Koizumis Schreinbesuche zu bilden. Der Yomiuri Shinbun hatte bis anhin als eine Zeitung gegolten, die Koizumi eher unterstützte, der Vorschlag erregte deshalb beträchtliches Aufsehen. Zusammen mit anderen großen Zeitungen, die sich in der Ablehnung der Schreinbesuche einig sind, verfügen die zwei Zeitungen über eine Auflage von 28 Mio, bei einer Gesamtauflage aller japanischen Tageszeitungen von 50 Mio. Nur eine Zeitung, Sankei, mit weni-

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ger als 5% der Gesamtauflage, unterstützt Koizumis Schreinbesuche weiterhin. Auch in Leserbriefen ist der Yasukuni-Schrein wiederholt ein Thema. Asahi Shinbun veröffentlichte am 9. Juni 2005 zwei Einsendungen. Ein Verfasser, 74 Jahre alt, schrieb, seit auch der als Kriegsverbrecher Verurteilten gedacht werde, gehe er nicht mehr dorthin. Dies sei für ihn unerträglich, weil sie als die obersten Verantwortlichen die Soldaten in den Tod getrieben hätten. Der Schrein sei nicht nur dazu da, der im Kriege Gefallenen zu gedenken, sondern auch zum Troste der Hinterbliebenen. Er gehe deshalb zur Gedächtnisstätte Cbidorigafucbi. Ein zweiter Einsender fragte, wieso sein Vater, 1933 im Dienst mit dem Flugzeug abgestürzt, im Register des Yasukuni-Schreins nicht eingetragen worden sei. "War das nicht mehr als ein gewöhnlicher Unfall, sondern Tod im Dienste des Vaterlandes?" Während seiner Grundschulzeit habe er oft mit dem Schulvorsteher und seiner Mutter darüber gesprochen. Er war unglücklich, seinen Vaters nicht im Yasukuni-Schrein ehren zu können. Man habe ibm geantwortet, diese Ehre gebühre nur den Gefallenen. Als er dann als Erwachsener erfahren musste, dass die Kriegsverbrecher, die ja auch nicht auf dem Schlachtfelde gefallen seien und zudem die Verantwortung für den Krieg trügen, nun ebenfalls verehrt würden, sei er sehr überrascht gewesen, er könne das nicht begreifen.

Drei Ansichten über den Yasukuni-Schrein In dem Sammelband Untersuchung - Worin besteht das Yasukuni-Problem? (Kenshö - Yasukuni mondai to ha nani ka (2002» geben acht Autoren ihre Ansichten wieder. Drei von ihnen seien hier zusammengefasst. Der Gouverneur von Tökyö, Isbihara Shuntarö (1932), drückt in seinem Beitrag " Eingebettet im ewigen Kreislauf der Zeit" (eien naru toki no rin no naka de) aus, was viele Japaner empfinden: Sie fUhlen sich mit den Ahnen und den Gefallenen verbunden. Mit dem Besuch im Yasukuni-Schrein wird ihnen die gebührende Ehre erwiesen. Solche Gedanken werden auch von anderen Persönlichkeiten geäußert. Sie wollen sich nicht wegen der politisch belasteten Vergangenheit des Schreins von einer ihnen wichtigen Sitte abhalten lassen. Eine andere Ansicht vertritt der Wissenschaftler Takeshi Umehara (1925). In seinem Beitrag ,,An Ministerpräsident Koizumi - kein Besuch im Yasukuni" (Koizumi söri ni tsugu dakara Yasukuni sanpa i ha shite ha ikenai) fUhrt er aus, China und Korea seien wichtige Nachbarn, mit denen Japan unbedingt gute Beziehungen pflegen müsse. Ein Schreinbesuch, ob offiziell oder privat, komme einer Anerkennung des Militarismus der Kriegszeit gleich

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und verärgere sie. Umehara macht geltend, dass der Yasukuni fur einen vom ursprünglichen Volks-Shintö weit entfernten Staats-Shintö stehe, einer Japan völlig fremde, aus dem Westen übernommene Idee von Staatskirchenturn. Der Schriftsteller Yasuo Nagayama (1962) wiederum ist in seinem Beitrag "Über das mit geschwellter Brust zum Yasukuni Pilgern" (mune wo hatte Yasukuni ni mairu ni ha) der Ansicht, ein Minister solle den Schrein weder privat noch offiziell besuchen. Er wendet sich aber gegen eine Ächtung der als Kriegsverbrecher Verurteilten, was er als unmenschliche Rachehaltung über den Tod hinaus bezeichnet.

Der Yasukuni-Schrein und das Yasukuni-Museum Direkt neben dem Schrein steht das Yasukuni-Museum3, wo anband von Texten, Karten, Bildern, Briefen und Exponaten erklärt wird, wo und wie die Gefallenen gekämpft haben. In dem obgenannten Gespräch zwischen den Chefredakteuren der Tageszeitungen Yomiuri Shinbun und Asahi Shinbun, Watanabe Tsuneo und Wakamiya Yoshibumi, bezeichnete Watanabe das Yasukuni-Museum als das eigentliche Problem, weil es den Militarismus verherrliche und Kindern einen falschen Eindruck über den Krieg vermittle. Sein Kollege Wakamiya bringt Verständnis dafur auf, dass China über die Art und Weise, wie der Krieg gegen China dargestellt wird, erbost ist. Es ist offensichtlich nicht das Ziel des Museums, die japanische Geschichte zu hinterfragen. Die Gefallenen haben Anspruch darauf, dass ihrem Leiden und ihrem Tod Achtung erwiesen wird, unabhängig davon, ob sie Opfer einer richtigen oder einer falschen Politik waren. Die Darstellung der Kamikaze-Piloten versteht sich als Ehrung soldatischer Disziplin, Pflichterfiillung und Hingabe. Die Erklärungen der militärischen Operationen heben die Leistungen und die Einsatzbereitschaft der Soldaten hervor. Unter den Besuchern fallen die Veteranen auf, die lebhaft diskutierend vor den Karten der Kriegsschauplätze stehen. Die Zurückhaltung, die man sich als ausländischer Besucher auferlegen soll, kann auf die Probe gestellt werden, z. B. wenn man in dem fur Kinder bestimmten Faltblatt die Darstellung des Kriegsverbrecherprozesses in Tökyö (3. Mai 1946 - 12. November 1948) liest. Dessen Rechtmäßigkeit wird bestritten. Die Angeklagten hätten in guten Treuen geglaubt, dem Tennö und dem Land zu dienen und dürften deshalb nicht durch den Ausschluss aus dem Gedenken, zusammen mit ihren Familien, weiter bestraft werden.

Japanisch: Yüshükan = Haus, wo die Freude der Pflichterfiillung gelehrt wird.

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Japans kolonialistische Vorbilder 1853 hatten die USA durch die Entsendung von Kriegsschiffen die Öffuung Japans erzwungen. Japan wurde genötigt, mit den Weltmächten demütigende, seine Souveränität einschränkende Verträge abzuschließen. Dies fiihrte zu einer tief greifenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderung. Seit Beginn der Meiji-Zeit (1868) prägten bedingungsloser Gehorsam und die Hingabe an den Tennö die staatsbürgerliche und militärische Erziehung. Unter Losungen wie ,,Reiches Land, starke Armee" (jukoku kyöhei) und "Japanischer Geist, westliches Wissen" (wakon yösai) wurde eine radikale Modernisierung nach dem Muster Europas und der USA betrieben, um die Unabhängigkeit Japans zu sichern. Nach Wilson (2000) beinhaltete die Vorstellung von einem modernen Staat Tatkraft, Wachstum, ein hohes Niveau industrieller Produktion, ein großes Territorium und eine führende Rolle in der Welt, all dies mit der bewusst angestrebten Fähigkeit, Krieg zu führen und ihn als politisches Mittel einzusetzen. Große, mächtige und moderne Länder besaßen Kolonien, deshalb war es :fiir die maßgeblichen Kreise folgerichtig, dass Japan solche nicht nur brauche, sondern darauf sogar einen Anspruch habe. Der Status einer Großmacht und der Besitz von Kolonien bedeutete Anerkennung durch die Weltmächte, Überwindung der Vormacht der weißen Rasse, mithin Gleichberechtigung in der Welt und Vorrang in Ostasien. Einen guten Einblick in die Denkweise zwischen 1900 und 1945 liefern die Memoiren des ehemaligen Außenministers Shigenori Tögö (Tögö 1958). Er erklärt, wie das Verhalten der Kolonialmächte Japan erbitterte. Sie wollten Japan daran hindern, das zu tun, was sie :fiir sich als Selbstverständlichkeit beanspruchten. Der japanische Wissenschaftler Masao Maruyama schrieb 1946 in einem mit "Logik und Mentalität des Ultranationalismus" betitelten Aufsatz, in Japan habe Autoritätsgläubigkeit und eine undifferenzierte Form des Denkens geherrscht (Maruyama 1989). Die Beschlüsse der japanischen Regierung hingen u. a. davon ab, welche Kreise sich in einer bestimmten Lage mit dem Anspruch, die Unterstützung des Hofes zu besitzen, durchzusetzen vermochten. Armee und Marine, die in der Regierung die entsprechenden Minister stellten, gingen oft eigenmächtig vor und brachten die Regierung in Verlegenheit oder versetzten sie in Zugzwang. Nach weitgehend akzeptierter Interpretation hielt sich der Tennö aus den Entscheidungsfindungen heraus. Da er :fiir die Politik formell die Verantwortung trug, zwangen ihn die Amerikaner am 1. Januar 1946 zu erklären, dass er ein gewöhnlicher Mensch sei.

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Man darf die Ansicht vertreten, Japan sei durch das Vorbild der Kolonialmächte auf seinen verhängnisvollen Weg gefiihrt worden.

Das Nachkriegsjapan, die Kriegsschuld und die Entschuldigungen Japan war fur die USA während des Kalten Krieges von größter Bedeutung. Die USA hatten andere Probleme als vom Verlierer und nun wichtigen Bündnispartner die Aufarbeitung der Vergangenheit zu verlangen. Im Friedensvertrag von San Francisco von 1951 setzten sie sich dafur ein, dass Japan keine Reparationen entrichten musste. Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Burma beharrten darauf, die Ansprüche der übrigen Länder sollten durch bilaterale Verhandlungen geklärt werden. Für viele Japaner war und ist der Krieg der gut gemeinte Kampf gegen den Kolonialismus. Sie sind überzeugt, den Kolonien sei so der Weg in die Unabhängigkeit geebnet oder mindestens erleichtert worden. Ebenso wollen sie die enormen Investitionen, ganz besonders in der Mandschurei, die großen Infrastrukturmaßnahmen und andere Entwicklungen anerkannt sehen, so wie es die ehemaligen Kolonialmächte tun. Eine beträchtliche Zahl Japaner hatte unter entbehrungsreichen Umständen an der Erschließung mitgearbeitet. Verbreitet ist auch die Meinung, Japan werde allein an den Pranger gestellt, derweil andere Mächte während ungleich längerer Zeit fremde Länder beherrschten und sich ihrer militärischen Macht bedenkenlos bedienten. Das 19. Jahrhundert mit dem zur Hochform auflaufenden Kolonialismus liefert viele Beispiele, China ist eines davon. Auch die USA schwenkten, trotz der Monroe-Doktrin von 1823, auf eine solche Politik ein. Lewis H. Lapham schreibt darüber anschaulich in Imperial America (2004). Verbreitet ist auch die Meinung, die Geschichtsschreibung sei von den Siegern diktiert, die in erster Linie an einer Darstellung der Schuld und der Vergehen der Verlierer interessiert seien. Wegen des Abwurfes der Atombomben sieht man sich ebenfalls als Kriegsopfer, es gibt kaum etwas, über das mehr Einmütigkeit besteht. Auf der Potsdamer Konferenz wurde am 2. August 1945 beschlossen, alle japanischen Kriegsgefangenen seien in die Heimat zu entlassen. Die Sowjetunion schloss sich dieser Erklärung am 8. August an, einen Tag bevor sie den Angriff auf die japanischen Truppen in der Mandschurei, Korea, Sachalin und den Kurilen eröffnete. Dennoch befahl die sowjetische Führung am 23. August 1945, 500000 zur Arbeit unter den schwierigen klimatischen Verhältnissen Sibiriens und des Femen Ostens geeignete japanische Soldaten zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion zu überfUhren (Dähler 2003). In Wirklichkeit waren es dann sogar 600 000, 60 000 erlagen den Strapazen, viele Heimkehrer waren an Leib und Seele schwer geschädigt. In Japan wird dies als Kriegsverbrechen betrachtet. Da es aber von einem Sieger begangen

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wurde, blieb es ungeahndet und hinterlässt im japanischen Denken bis heute einen bitteren Nachgeschmack. Es ist nicht so, dass es in Japan kein Schuldbewusstsein gibt, der Umgang damit unterliegt jedoch japanischen, nicht (vermeintlich) internationalen Regeln. Ich halte es fur wenig ergiebig, den Japanern Deutschland als das Vorbild hinzustellen, nach welchem sie ihre Vergangenheit aufzuarbeiten hätten. Ruth Benedict befasste sich in ihrer Arbeit The Chrysanthemum and the Sword Patterns of Japanese Cu/ture (1967) mit Schuld und Scham. Nach ihr unterscheidet die Anthropologie u. a. nach Kulturen mit einer starken Betonung der Scham und einer solchen der Schuld, z. B. christliche Kulturen. Schuld entsteht durch den Verstoß gegen moralische Werte. Die Menschen entwickeln ein entsprechendes Bewusstsein, das auch dann wirkt, wenn eine Tat nicht bekannt wird. Das Schuldgefühl kann durch Bekennen und Bereuen, unter Umständen öffentlich, gemildert oder gar getilgt werden. Anders ist es bei den Schamkulturen, zu denen die japanische gezählt wird. Sie zeichnen sich nicht in erster Linie durch ein Schuldbewusstsein, sondern durch die mit dem Verstoß gegen soziale Normen verbundene Scham aus. Die japanische Gesellschaft orientiert sich an den Verhaltensnormen der Umgebung, der Kameraden, der Kollegen und der öffentlichen Meinung. Dieses Verhalten wird von frühester Kindheit an eingeprägt. Wer sich nicht daran hält, läuft Gefahr, von der Umgebung belächelt, gar abgelehnt zu werden. Hazukashii, sich schämen, Scham empfinden, wird den Kindern schon früh beigebracht. Schweigen kann eine Form des Umgangs mit Schuld sein, wenn z. B. angesichts ihrer Schwere Worte des Bedauerns nicht zu genügen vermögen, die Schuld endlos ist. Dieses Nie-Enden kommt im Wort sumimasen, einem in der japanischen Konversation wichtigen Wort zum Ausdruck. Nach Iwabuchi Tatsuji (1997: 3, 13) fehlt es in Japan an aus einem christlichen Umfeld stammenden Begriffen wie "Schuld und Sühne", es gebe auch keine Ausdrücke wie "mitmachen" und "Mitläufer". Man fühlt sich unschuldig, wenn man nur Befehle von oben ausgefiihrt hat. Jener aber, in dessen Namen und fur den alles geschah, der Tennö, blieb unbehelligt. Natürlich kennt auch Japan Verfahren zur Wiederherstellung beschädigten Ansehens, im privaten wie im öffentlichen Bereich. Im letzteren kann das durchaus die Form einer öffentlichen Entschuldigung annehmen. Der Vorstand einer westlichen Eisenbahngesellschaft wird über ein Unglück sein Bedauern ausdrücken, kaum aber eine persönliche Verantwortung übernehmen. In Japan hingegen wird er das Unglück als persönliches, sein und das

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Ansehen des Unternehmens schädigendes Versagen verstehen, das nach einer öffentlichen Entschuldigung, vielleicht gar nach dem Rücktritt ruft. Wie steht es mit dem weit verbreiteten Eindruck, Japan habe sich nie entschuldigt? Yamazaki (2006) beschreibt und kommentiert eine Reihe von Entschuldigungen in den Jahren 1965 bis 2005, von beiden Tennö, den Regierungen, Parteien und dem Parlament. Den Erwartungen des Auslandes an die Formulierung und den Akt der Entschuldigung stehen auf der japanischen Seite innenpolitische Rücksichten gegenüber. Noch heikler wird es, wenn der Tennö die Botschaft überbringt und im Wortlaut des Bedauerns auch Rücksicht auf seine in der japanischen Gesellschaft überragende Stellung zu nehmen ist. Wie wurden die Entschuldigungen aufgenommen? Die chinesische Regierung begrüßte am 29. September 1972 die Anerkennung der Verantwortung und das Bedauern des japanischen Ministerpräsidenten Kakuei Tanaka fiir das China angetane Leid. Beim Treffen des chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin mit Ministerpräsident J. Koizumi am 8. Oktober 2001 wiederholte Koizumi das zwischen 1972 und 2001 von anderen japanischen Staatsmännern geäußerte Bedauern und bot seine Entschuldigung an. Eine ausdrückliche Annahme und das Ziehen eines Schlussstriches erfolgten seitens Chinas aber nicht. Südkoreas Präsident Roh Tae Woo hingegen akzeptierte am 27. Mai 1990 die Entschuldigung von Tennö Akihito und verband dies mit der Hoffnung, die Beziehungen beider Länder würden sich fortan ausschließlich an der Zukunft orientieren. Eine eigene Haltung zu Koizumis Schreinbesuch nimmt laut Japan Times vom 18. Oktober 2005 der frühere Präsident Taiwans, Lee Teng-hui, ein, indem er ihn lobte. Dies überrascht nicht, sind doch aus Taiwan kaum Anklagen gegen die ehemalige Kolonialmacht zu vernehmen. Inzwischen haben sich die Haltungen Chinas und Koreas gegenüber Japan verändert. Beide Länder stoßen sich an den Besuchen Koizumis im Yasukuni-Schrein und an der Darstellung der jüngeren Geschichte in den Schulbüchern, Korea zudem am Umgang Japans mit den "Trostfrauen". Der Vorwurf lautet, die Entschuldigungen seien nicht ernst gemeint gewesen. Das als trotzig empfundene Festhalten an den Schreinbesuchen hat die Spannung aufgeladen. Der Yasukuni-Schrein als ein Negativ-Symbol der japanischen Vergangenheit hat eine Bedeutung erhalten, die seit Kriegsende wohl kaum je so groß gewesen ist. Sehr vereinfacht lassen sich in Japan drei Haltungen erkennen: Gleichgültigkeit oder Überdruss, Bereitschaft auf Kritik einzugehen und Festhalten an einem selbstbewussten Auftreten. Zahlreich sind jene, denen der Schrein nichts oder nicht so viel bedeutet, dass sie seinetwegen die Beziehungen zu

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den Nachbarn Belastungen auszusetzen bereit sind. Andere hingegen betrachten den Yasukuni als den Ort, an dem sie, ungeachtet dessen Vergangenheit und ohne sich politische Ziele unterschieben zu lassen, der Gefallenen gedenken wollen. Viele Japaner betrachten die Niederlage im 2. Weltkrieg als die Demütigung schlechthin und als das Ereignis, das Japan in die Schranken gewiesen hat. Man hat daraus die Lehren gezogen und möchte dies nicht immer wieder angezweifelt sehen. Die Ernsthaftigkeit der Abkehr von jeglichem militärischem Einsatz im Ausland geht soweit, dass man selbst humanitären Operationen zurückhaltend gegenüber steht, aus Angst, diese könnten sich in Richtung bewaffneter friedens sichernder Operationen oder deren logistischer Unterstützung entwickeln. Fast nie wird von der Weltöffentlichkeit gewürdigt, dass Japan an die UNO einen größeren finanziellen Beitrag leistet als die Siegermächte Frankreich, Großbritannien, Russland und China zusammen. Auch die Entwicklungshilfe wird in Japan als ein Beitrag zur Wiedergutmachung verstanden. China z. B. erhielt in den Jahren 1979 bis 2005 3,1331 Billlionen Yen Kredite zu günstigen Bedingungen (loan aid), 145,7 Mrd Yen nicht rückzahlbare Hilfe (grant aid) und fiir 144,6 Mrd Yen technische Hilfe (technical cooperation). Bei einem mittleren Kurs €N von 130 ergäben diese Beträge 24,1 Mrd, 1,11 Mrd. bzw. 1,11 Mrd. Euro. Die Nachbarn wissen durchaus, wie empfindlich Japan auf Druck reagiert, es ist deshalb zu hoffen, dass man andere Wege zur Verständigung sucht. Damit ließe sich auch vermeiden, jene Japaner vor den Kopf zu stoßen, die eigentlich zu einem kritischeren Umgang mit der Vergangenheit bereit sind.

Der Yasukuni-Schrein als Lieu de memoire Antoine Prost (1984) ist in Les Monuments aux Morts der Entstehung und Funktion von Erinnerungsstätten fiir die Toten nachgegangen. Der YasukuniSchrein ist zu einem doppelten Ort der Erinnerung geworden, fiir Japan und fiir die ehemals besetzten Länder. Er ist eine "Gedächtnisprothese", wie Pierre Nora sich ausdrückt, deren Symbolwirkung umstritten bleiben wird. Letztere wird vor allem in China und Korea, aber auch von Japanern, mit Misstrauen betrachtet. Nach Antoni (1995) sind die mit dem Staats-Shintö und damit auch die mit dem Yasukuni-Schrein verbundenen Vorstellungen noch nicht völlig überwunden.

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Schlussbemerkungen Nach japanischem Verständnis bedürfen Verstorbene zur ihrer Seelenruhe des Gedenkens. Wird diese rituelle Gedächtnispflege eingehalten, kann die Familie auf den Schutz durch die Verstorbenen zählen. Als Folge des Militarismus wurde der Pflege des Gedächtnisses und der Verehrung der Gefallenen eine besondere Bedeutung zugedacht: Sie sollten das Land beschützen. Zentraler Ort des Gedenkens und der Verehrung war der YasukuniSchrein, der damit fiir die von Japan besetzten Länder, aber auch fiir Japaner selbst, zu einem Symbol des Militarismus wurde. Sie empfinden die sich häufenden Schreinbesuche japanischer Politiker, vorab der Ministerpräsidenten, als Zumutung. Das Yasukuni-Museum steht nicht im Zentrum der Kontroversen, belastet sie aber durch die Art der Darstellung der Feldzüge. Grob gesehen lassen sich drei über die Jahre in der Stärke schwankende Lager ausmachen. Im kleinsten fmden sich die Nationalisten, denen ein Liebäugeln mit dem Militarismus nachgesagt wird, oder die dies gar offen sagen. Sie fordern ein eindeutiges Bekenntnis der Politiker zum YasukuniSchrein, ungeachtet der außenpolitischen Folgen. Die zwei anderen Lager sind in etwa gleich stark. Das eine plädiert fiir Rücksichtnahme auf die Außenpolitik, also keine Schreinbesuche fiihrender Politiker, eine offenere Darstellung der Geschichte und Anstrengungen, die Zwistigkeiten mit den Nachbarn beizulegen. Diese Haltung spiegelt sich auch in den bisher erfolglosen Versuchen wieder, solchen Schreinbesuchen durch gerichtliche Anordnung einen Riegel zu schieben. Im dritten Lager finden sich jene, die der Angelegenheit gleichgültig gegenüberstehen oder ihr überdrüssig geworden sind. Es darf bezweifelt werden, ob Druck die politisch maßgeblichen Kreise Japans zu einer Änderung des Verhaltens bewegen wird. Diese machen geltend, dass Japan seit dem Kriegsende große Anstrengungen zur Eingliederung in die Weltgemeinschaft betrieben hat, u.a durch eine hohe Entwicklungshilfe und ein bedeutendes fmanzielles Engagement in der UNO, und wollen das anerkannt sehen. Druck und die Weigerung, an Japans friedliche Absichten zu glauben, kann auch jene Japaner, die den Nachbarländern bei der Aufarbeitung der Geschichte und den Schreinbesuchen entgegen kommen möchten, vor den Kopf stoßen und eine Verhärtung der japanischen Position bewirken. Am treffendsten lässt sich die Lage mit dem Satz von lan McBride (2001, zit. nach Burke (2005: 100» charakterisieren: ,,Die Erinnerungen an den Konflikt sind zugleich auch Konflikte der Erinnerungen."

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Richard Dähler

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Der Yasukuni-Schrein in Tökyö

Japanische Zeichen Chidorigafuchi

Nationale Gedenkstätte

eirei

erhabene Gefallenenseele

fukoku kyöhei

Reiches Land, starke Armee (Losung)

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jinja

Schrein

~t±

gokokujinja

Landesschutzschrein

~OO~t±

kami

Gott/Gottheiten

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kamikaze

göttlicher Wind Die japanische Bezeichnung fur Kamikaze-Piloten lautet: tokkötaiin: Sonderangriffskorps-Mitglied

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onryö

rachsüchtige(r) Geist( er)

shökonsha

Schrein zur Anrufung der Seelen der Gefallenen

wakon yösai

Japanischer Geist, westliches Wissen (Losung)

fofli*:t

washi

Japanpapier

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Yasukuni Jinja

Yasukuni-Schrein

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Yüshükan

Yasukuni-Museum

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