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Vor- und Frühgeschichte in den Niederlanden: ein dynamisches Selbstbild für die Nachbarn, J.H.F. Bloemers

Die Beschreibung eines Selbstbildes der Vor­ und Frühgeschichte in den Nie­ derlanden kann nur ein subjektives Unternehmen sein, das fast zugleich ein Selbstbild des Autors ist. Ein Selbstbild wird von der gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt, in der man lebt, bestimmt, wie man diese Umwelt er­ fährt und durch sein Handeln mitstrukturiert. Es ist demzufolge "contextu­ al" im Sinne von Hodders "contextual archaeology" (Hodder 1986). In diesem Aufsatz sind zuerst die Randbedingungen und Merkmale der Vor­ und Frühge­ schichte in den Niederlanden skizziert, und es werden einige Meinungen von prominenten niederländischen Archäologen zu den unterschiedlichen Themen vorgeführt. Schließlich gebe ich meine persönliche Auffassung über die Zielsetzung und Zukunft der Vor­ und Frühgeschichte in den Niederlanden.

Randbedingungen Es gibt vier Randbedingungen, die die Art der niederländischen Vor­ und Frühgeschichtsforschung bestimmen: die dynamische Entwicklungsgeschichte der holozänen Landschaft, die geringe Größe des Landes und Sprachgebietes, die wissenschaftlich­politische Entwicklung der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts und die verhältnismäßig kurze akademische Tradition des Fach­ gebiets. 1. Die geologische und bodenkundliche Ausbildung der Landschaft des heuti­ gen niederländischen Territoriums in vor­ und frühgeschichtlicher Zeit ist von der Dynamik der großen Flüsse Scheide, Maas und Rhein sowie des Meeres in Verbindung mit dem allmählichen Anstieg des Meeresspiegels bestimmt. So hat sich seit Jahrtausenden eine Landschaft auf die andere gelagert; der Archäologe muß dieses vielschichtige Palimpsest mit Hilfe von Geologen und Bodenkundlern entziffern. Aufgrund dieser geologischen Gegebenheiten hat Waterbolk die Vor­ und Frühgeschichte in den Niederlanden als "Delta­Archä­ ologie" bezeichnet (Waterbolk 1981). 2. Die Oberfläche der heutigen Niederlande ist klein. Das bedeutet, daß die Bevölkerungszahl (14,5 Mio.) relativ niedrig ist und deshalb auch die Zahl der beruflich tätigen Archäologen: ungefähr 150. Im absoluten Sinn bedeutet dies, daß die intellektuelle Tragfläche des Fachs sowie das Reservoir, aus dem man talentierte Archäologen schöpfen kann, beschränkter ist als in grö­ ßeren Nationen. Eine Kompensation dafür bilden gute Ausbildung, Arbeitstei­ lung und Informationserwerb. Die Kenntnis ausländischer Fachliteratur und die Teilnahme an Tagungen im Ausland sind ein "sine qua non". Andererseits ist es organisatorisch möglich, eine Bilanz zwischen Zentralisation und De­ zentralisation zu erreichen, wie sich das z.B. in dem nationalen Denkmal­ schutzgesetz und in der Struktur der Staatlichen Bodendenkmalpflege (ROB) mit ihren Provinzial­Archäologen (= Landes­ oder Kreisarchäologen) zeigt. Wissenschaftlich bedeutet es, daß man bei überregionalen Forschungsfragen bald auf die nationalen Grenzen stößt, die aus praktischen Gründen nicht leicht überquert werden. Dies erschwert es, kulturgeschichtlich in sich geschlossene und sinnvolle regionale Einheiten zu formulieren.

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Auch das Sprachgebiet ist klein und demzufolge sind die niederländischen Archäologen gezwungen, sich am Ausland zu orientieren. Wissenschaftliche Aufsätze werden deswegen in internationale Sprachen wie Deutsch oder Eng­ lisch übersetzt. Dies nimmt aber sehr viel Zeit und Geld in Anspruch; diese zusätzlichen Aufwendungen können nicht direkt produktiv in die primären Forschungsarbeiten eingesetzt werden. So kostet z.B. die Ubersetzung einer Monographie durchschnittlichen Umfangs schon Hfl. 20.000­40.000, das (hal­ be) Jahresäquivalent einer Promovendensteile!

3. Die niederländische Universitäts­ und Wissenschaftspolitik des letzten Dezenniums in Unterricht und Forschung zeigt tiefgreifende und strukturelle Änderungen auf, die anglo­amerikanische Einflüsse verraten. Die Verbindung von Produktivität und Finanzmitteln, die Formulierung und Prüfung von Pro­ duktivitäts­ und Qualitätsleistungen, die Auflösung kleiner Fachbereiche bei einigen Universitäten und die Bildung oder der Ausbau größerer Institu­ te sowie die Verwendung der in offenem Wettbewerb zu erlangenden großen Summen (öfter Millionen) zwecks Förderung der Innovation und Spitzenfor­ schung sind einige der angewendeten Instrumente. Diejenigen Disziplinen, die sich durch gute Zusammenarbeit hervorheben und aktiv und kreativ auf die gebotenen Chancen reagieren, bekommen unerwartete Möglichkeiten. Paral­ lel dazu verläuft der Eingriff in das bisherige Personalgefüge, in welchem bisher die große Zahl der 40­ und 50jährigen mit festen Stellen die Chancen der jüngeren Generation zu Arbeit und Aufstieg blockierten: dieser Eingriff bietet eine Lösung für die fehlende Mobilität und das Nachwuchsproblem der "lost generation". Die aktuellen Probleme der Raumordnung und des Umweltschutzes sind in den Niederlanden besonders groß; dies hängt mit der intensiven Nutzung der be­ grenzten Oberfläche des Landes zusammen. Das hat Konsequenzen, aber auch Möglichkeiten für die Archäologie, wenn man die Bodendenkmäler als eine kulturgeschichtliche Komponente unserer Umwelt auffaßt. Tatsächlich werden in unterschiedlichen Gesetzen und Plänen die kulturgeschichtlichen oder ar­ chäologischen Werte explizit erwähnt. Die Raumordnungs­ und Umweltschutz­ problematik löst eine Reihe von Plänen und Gesetzgebungen und die Bereit­ stellung notwendiger Finanzmittel aus, die auch für archäologische Zwecke verwendet werden können.

4. Die berufsmäßig ausgeübte Archäologie hat in den Niederlanden eine ver­ hältnismäßig kurze Tradition. Die leitenden Stellen der Bodendenkmalpflege und der drei größeren Universitätsinstitute von Amsterdam, Groningen und Leiden sind in den letzten acht Jahren von der dritten (in Leiden der zwei­ ten) Generation besetzt worden; die über zwölf Stadtarchäologen gehören al­ le zur Gründergeneration. Nur das nationale Rijksmuseum voor Oudheden in Leiden, das bereits Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, bildet eine Ausnahme. Der Ursprung der niederländischen Archäologie ist somit klar: sie geht hauptsächlich zurück auf Albert Egges van Giffen, den Grün­ der des Biologisch­Archäologischen Instituts (BAI; 1920) in Groningen, des Albert Egges van Giffen Instituut voor Prae­ en Protohistorie (IPP; 1951) in Amsterdam und der Staatlichen Bodendenkmalpflege (ROB; 1947) in Amers­ foort. Das Leidener Instituut voor Prehistorie (ILP; 1962) wurde von P.J.R. Modderman, einem Schüler van Giffens, gegründet. IPP, IPL, ROB, die zwei kleinen Universitätsinstitute der katholischen Universität in Nimwegen und der evangelischen Freien Universität in Amsterdam und die Stadtarchäologen stammen also alle aus der Nachkriegszeit.

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Die Merkmale Die wesentlichen Merkmale der Vor- und Frühgeschichte in den Niederlanden sind: der multidisziplinäre Charakter des Fachs, die geographische und kul­ turelle Mittellage zwischen England und Deutschland, die relativ gute Qua­ lität der archäologischen und geologischen bzw. bodenkundlichen Daten, die gute Organisation und Zusammenarbeit mit den fachlichen Institutionen und den Amateurarchäologen und schließlich das große Interesse des breiten Pu­ blikums. 1. Der multidisziplinäre Charakter des Fachs wird insbesondere von kultu­ rellen (Geschichte, Philologie, Anthropologie, Geographie) und ökologischen (Biologie, Geologie/Bodenkunde) Richtungen bestimmt, wie sich in der Orga­ nisation der größeren Institute und in dem Studienprogramm Vor­ und Früh­ geschichte zeigt. Kultur und Umwelt sind in dieser Weise im Prinzip mitein­ ander verbunden. Die rein medizinischen (physische Anthropologie) und na­ turwissenschaftlichen Richtungen sind zur Zeit schwach entwickelt und kaum integriert. 2. Geographisch und kulturell nehmen die Niederlande eine Mittelposition zwischen England und Deutschland ein. Damit wird die Vor­ und Frühgeschich­ te sowie ihre Forschung immer wieder von den Entwicklungen in diesen beiden Ländern beeinflußt. Auch der vom französischen Gebiet ausgehende Einfluß ist groß, spielt aber in der Forschungsgeschichte eine kleinere Rolle­ teils durch die Art der französischen Forschung, teils wegen der sprachli­ chen Barrieren. 3. In den Niederlanden sind Qualität und Umfang der archäologischen und be­ sonders der geologischen und bodenkundlichen Daten relativ gut bzw. groß. Das hängt zusammen mit der intensiven Nutzung der verfügbaren Oberfläche und der Bedeutung der modernen Agrarwirtschaft für die niederländische Öko­ nomie . 4. Die Zusammenarbeit der fachlichen Institutionen ist im allgemeinen aus­ gezeichnet. Vor allem zeigt sich dies in der gemeinsamen Verantwortung für Notgrabungen und Denkmalschutz, woran sich nicht nur die Staatliche Boden­ denkmalpflege und die Stadtarchäologen, sondern auch die Universitätsinsti­ tute aktiv beteiligen. Das gleiche kann von den Tausenden von Amateurarchä­ ologen gesagt werden, die z.T. in einem Nationalverband mit über 2.500 Mit­ gliedern vereinigt sind. Andererseits zeigt sich dies auch in der For­ schung, an der sich nicht nur die Universitätsinstitute beteiligen, sondern auch z.B. die Staatliche Bodendenkmalpflege. Die Finanzmittel der Nieder­ ländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung sind denn auch im Prinzip für alle Institutionen zugänglich. 5. Das Interesse des breiten Publikums ist groß, wie sich aus den Besucher­ zahlen der archäologischen Ausstellungen und der "Offenen Tage" bei Ausgra­ bungen ergibt. Zwei eindrucksvolle Beispiele sind zu erwähnen: 1981 wurden innerhalb von drei Wochen fast 100.000 Exemplare eines populären Archäolo­ gie­Buches verkauft (Bloemers, Louwe Kooijmans u. Sarfatij 1981), und ab 1990 wird mit der Anlage eines archäologischen Themaparks angefangen (Bau­ kosten Hfl. 67 Mio.), der jährlich über 700.000 Besucher anziehen soll. Das breite gesellschaftliche Interesse schlägt sich auch in der Gesetzge­ bung nieder. Außer dem 1988 erneuerten nationalen Denkmalschutzgesetz gibt es die kulturhistorischen Paragraphen in der Gesetzgebung und die Pläne für Raumordnung, Flurbereinigung, Naturschutz, Umweltschutz usw., die für die Erhaltung der Bodendenkmäler eingesetzt werden können.

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Meinungen von Kollegen zu einigen Aspekten Die Meinungen der Kollegen stimmen bezüglich der Bedeutung des multidiszi­ plinären Charakters für den Unterricht und die Forschung überein, gehen aber auseinander die Konsequenzen für das Fach betreffend. Waterbolk ist der Ansicht, daß gerade deswegen die Vor­ und Frühgeschichte kein selbstän­ diges Fachgebiet ist, eher eine Technik oder Methode der kulturgeschichtli­ chen Forschung (Waterbolk 1980). Van Es dagegen vertritt die Auffassung, daß die Archäologie durch ihre vielfältige Entwicklung eine eigene Diszip­ lin darstellt; als Symptom dafür nennt er die Verbindung der Vor­ und Früh­ geschichte mit der klassischen Archäologie, die es an einigen Universitäten gibt (Van Es 1988). Einen ähnlichen Meinungsunterschied gibt es bezüglich der Notwendigkeit einer eigenen "Propaedeuse" im archäologischen Studium. Bis vor einigen Jahren brauchte man in den Niederlanden für das zweijährige Studium der Vor­ und Frühgeschichte ein dreijähriges Grundstudium in einem anderen Fach, wie Geschichte, Geographie oder Biologie, das "Kandidaats­examen". Die Begründung dafür war, daß in dieser Weise der multidisziplinäre Charak­ ter des Fachs gefördert wurde. Seit kurzem wurde dieses Grundstudium auf ein Jahr konzentriert (die Propaedeuse) und das Programm Vor­ und Frühge­ schichte auf drei Jahre verlängert. In diesem Sinn sind die heutigen Studiengänge in Amsterdam und Groningen unter Beibehaltung der Argumentation für die Multidisziplinarität geplant. In Leiden gibt es seit zwei Jahren probeweise eine eigene einjährige Pro­ paedeuse "Allgemeine Archäologie" als Grundausbildung für die unterschied­ lichen archäologischen Richtungen wie klassische Archäologie, Vor­ und Frühgeschichte, orientalische Archäologie usw. Man könnte sagen, daß die Multidisziplinarität von einer Multi­"Archäologität" als selbständige Dis­ ziplin ersetzt worden ist (Louwe Kooijmans 1984­1985;Waterbolk 1984­1985). Die Entwicklungsrichtung der Universitätsinstitute wird weiterhin dadurch verunklart, daß die Universitäten selbst die Möglichkeit haben zu entschei­ den, in welche Fakultät die Vor­ und Frühgeschichte eingeordnet werden soll. Während früher alle Institute für Vor­ und Frühgeschichte zur Inter­ fakultät der Geographie und Vorgeschichte gehörten, ist es jetzt möglich, daß es zur unterschiedlichen Eingliederung in die Geisteswissenschaft und Geographie kommt oder sogar stellenweise zur Bildung einer archäologischen Fakultät. Wesentlich dabei ist, daß die finanzielle und personelle Ausstat­ tung zwischen der geisteswissenschaftlich und der naturwissenschaftlich orientierten Archäologie einen dreifachen Unterschied zugunsten der letzte­ ren aufzeigt! Bei der Frage der gesellschaftlichen Relevanz der Vor­ und Frühgeschichte und der Bodendenkmalpflege hat Waterbolk sich klar ausgesprochen für eine Archäologie der Kulturlandschaft. Er zielt damit auf eine Pflege der kul­ turgeschichtlichen (d.h. archäologischen und historisch­geographischen) Bo­ dendenkmäler im Rahmen des Natur­ und Landschaftsschutzes. Sein Leitgedanke dabei ist, daß die heutige Landschaft einschließlich der Natur so stark vom vor­ und frühgeschichtlichen Menschen geprägt worden ist, daß Bodendenkmal­ pflege und Naturschutz nicht zu trennen sind (Waterbolk 1984; 1988). Eine persönliche Meinung zu einigen Aspekten In der niederländischen Vor­ und Frühgeschichte hat sich seit den späten 70er Jahren ein deutliches Interesse für die anglo­amerikanische archäolo­ gische Theorienbildung entwickelt. Zum Teil hat sich dies in regionalorien­

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tierten Forschungsprojekten und Dissertationsthemen niedergeschlagen. Auch in einem Handbuch über die Vor­ und Frühgeschichte vom Paläolithikum bis ins späte Mittelalter, das in Zusammenarbeit mit der Fernuniversität vorbe­ reitet und Ende 1990 erscheinen wird, ist zum ersten Mal ausführlich und explizit eine theoretische Grundlage für die Behandlung der archäologischen Themen formuliert worden (Bloemers u. Van Dorp, im Druck). Hierauf gründet sich meine Auffassung, daß die aktuelle Aufgabe der Archäologie ist, die theoretischen Konzepte mit der angewandten Forschung zu verbinden. Theorie ohne Anwendung sowie Forschung und Bodendenkmalpflege ohne die theoreti­ schen Konzepte bleiben steril. Im Rahmen des empirischen Zyklus können sich in dieser Weise Theorie und angewandte Forschung gegenseitig prüfen und fördern. Sie können außerdem den Rahmen für strategische Entscheidungen in Forschung und Bodendenkmalpflege bilden, da hier doch immer wieder eine Auswahl getroffen werden muß. Die westeuropäische Archäologie in England, Skandinavien und Deutschland hat günstige Ausgangspunkte, dies zu errei­ chen: eine gute Organisation und eine lange Tradition ordentlicher Daten­ verarbeitung. Hier sollte man sich der eigenen Kraft und Möglichkeit bewußt werden. Das Konzept der "processual archaeology" ist für die niederländische Archä­ ologie die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zu liefern. Es ist ­ soweit ich es übersehe ­ bis jetzt das aussagekräftigste und umfassendste Konzept, obwohl die Kritik der "contextual archaeology" ernst zu nehmen ist. Die Stärke dieses Konzeptes liegt darin, daß es Mensch und Umwelt in einer lan­ gen Zeitdimension miteinander verbindet. Die systematische Verknüpfung von menschlicher Gesellschaft und Umwelt läßt sich sowohl in die Forschung als auch in die Bodendenkmalpflege der 90er Jahre ­ in denen Fragen des Natur­ und Umweltschutzes aktuell sind ­ ein­ binden. Die Auffassung der Verbindung von Mensch und Umwelt schließt sich nahtlos an die niederländische Forschungs­ und Ausbildungstradition an, in der kulturelle und ökologische bzw. geologische Aspekte integriert studiert werden können. Die Praxis der regionalen Forschungsprojekte, mit deren Hilfe jahrzehnte­ lang systematisch Landesaufnahmen und großflächige Grabungen durchgeführt werden, bildet eine gediegene Grundlage, die theoretischen Konzepte mit der angewandten Forschung zu verbinden. Als Beispiele dafür seien genannt die Projekte im Oer­IJ­Astuarium westlich von Amsterdam, im Gebiet zwischen Rhein und Maas im Zentrum der Niederlande sowie in den Kempen im Süden. Was jetzt hinzugefügt wird, sind supraregionale Studien mit teilweise themati­ schem Charakter, wie das sogenannte Pionierprojekt zur Forschung der Rolle der Elite in der sozio­politischen Entwicklung in Nordwesteuropa im ersten Millennium vor und nach Christi Geburt. Die Integration von Mensch und Umwelt läßt sich auch in der Bodendenkmal­ pflege und Raumordnung anwenden. Es ist nicht nur besser, Bodendenkmäler in ihrem landschaftlichen Rahmen zu erhalten, sondern die Pläne für Umwelt­ schutz und Raumordnung bieten auch die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen für eine umfangreiche Landesaufnahme, welche die Erhaltung der aufgefundenen Denkmäler erst ermöglicht. Ein Beispiel dafür ist die halbprivate Stiftung R.A.A.P. (Regionaal Archaeologisch Archiverings Pro­ jekt), die seit fünf Jahren Landesaufnahmen als Kontraktarbeit im Rahmen der Raumordnung durchführt und überraschenderweise schon in kurzer Zeit die Integration von Bodendenkmalpflege in Raumordnung und Umweltschutz vorange­ trieben hat (Bloemers u. Borger 1988). Hier fügen sich auch die Entwicklun­ gen im Bereich der EDV und insbesondere die "Geographischen Informationssy­ steme" (GIS) ein. Der 4jährige Aufbau eines nationalen "Archäologischen In­ formationssystems" (ARCHIS) zur Speicherung aller Fundstellen ­ ermöglicht

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durch eine Millioneninvestition von staatlichen Innovationsgeldern - bildet eine feste Grundlage für eine rasche und gründliche archäologische Informa­ tionsverarbeitung zur Sicherung der Bodendenkmäler. Das breite Publikum sollte auch über diese Konzepte, die hinter Forschung und Bodendenkmalpflege stehen, informiert werden, anstatt immer wieder nur mit sensationellen Funden und interessanten Plänen unterhalten zu werden. Das Selbstbild einer archäologischen Disziplin mit eigenen spezifischen theoretischen und methodischen Fragen und die gesellschaftliche Aktualität der Kulturgeschichte im Rahmen der Umweltproblematik soll auch dem Publikum vermittelt werden. Nur so kann jeder verstehen, was hinter der Faszination des materiellen Objektes und dessen Auffindung steckt, welche Einblicke in historische Prozesse ermöglicht werden und welche Gefahren das kulturelle Erbgut bedrohen. Aus dem Vorhergehenden ist zu ersehen, daß auf dem Arbeitsmarkt die Per­ spektiven für (gute) junge Archäologen nicht so ungünstig sind, wie man oft denkt. Die Zahl der Arbeitsplätze hat in den letzten Jahren zugenommen, ob­ wohl viele neue Stellen auf 2­4 Jahre befristet sind. Dieser Zuwachs for­ dert Kreativität und Zusammenarbeit derjenigen Archäologen, die in der Lage sind, Initiative zu ergreifen und sie zu fördern. Auch hier ist ­ wie in der "processual archaeology" ­ das Stichwort "Dynamik".

Literatur Zur allgemeinen Information: W.A. van Es, 1976, De Nederlandse archeologie na 1945. Westerheem 25, 1976, 279-305. W.A. van Es, H. Sarfatij u. P.J. Woltering (Hrsg.), 1988, Archeologie in Nederland. De rijkdom van het bodemarchief. Amsterdam/Arnersfoort 1988, 209-218. L.P. Louwe Kooijmans, 1987, Nieuwe bezems door oud vuil. Veranderingen in het beeld van de Nederlandse prehistorie in de laatste twintig jaar. Bijdragen en mededelingen betref­ fende de geschiedenis der Nederlanden 102, 1987, 541­561. H. T. Waterbolk, 1979, Nieuwe lijnen in de archeologie sinds 1945. In: Onder de "ZWO­ Bannier". Den Haag 1979, 17­32. ders., 1980, Het vak prehistorie. Karakter, doel en werkwijze. In: M. Chamalaun u. H.T. Wa­ terbolk (Hrsg.), Voltooid verleden tijd? Een hedendaage kijk op de prehistorie. Am­ sterdam 1980, 9­20. Zitierte Literatur: J.H.F. Bloemers u. G.J. Borger, 1988, Cultural history and environmental planning: research and policy for the future. In: L.H. van Wijngaarden­Bakker u. J.J.M. van der Meer (Hrsg.), Spatial sciences, research in progress. Nederlandse Geografische Studies 80, Amsterdam 1988, 53­67. J.H.F. Bloemers u. T. van Dorp (Hrsg.), im Druck, Pre­ en protohistorie van de Lage Landen. Theorie en toepassing in de archeologie. Houten im Druck. J.H.F. Bloemers, L.P. Louwe Kooijmans u. H. Sarfatij, 1981, Verleden land. Archeologische opgravingen in Nederland. Amsterdam 1981. W.A. van Es, 1988, De Nederlandse archaeologie. Spiegel Historiael 23, 1988, 304­308. I. Hodder, 1986, Reading the past. Current approaches to interpretation in archaeology. Cambridge 1986. L.P. Louwe Kooijmans, 1984­1985, 'Vöör een propaedeuse archeologie*. Universiteit en Hoge­ school 31, 1984­1985, 147­150. H.T. Waterbolk, 198J, Archaeology in the Netherlands: Delta Archaeology. World Archaeology 13, 1981, 240­254. ders., 1984, Archeologie en landschap. Amsterdam 1984. ders., 1984­1985, De opleiding in de archeologie. Universiteit en Hogeschool 31, 1984­1985, 141­146. ders., 1988, De archeologie van het cultuurlandschap. Spiegel Historiael 23, 1988, 309­314.

Prof. Dr. J.H.F. Bloemers Albert Egges Van Giffen Instituut voor Prae­ en Protohistorie Singel 453 NL 1012 WP Amsterdam

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