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Internationales Asienforum, Vol. 43 (2012), No. 3–4, pp. 373–404 Reviews KARL PILNY / GERARD REID, Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit. München...

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Internationales Asienforum, Vol. 43 (2012), No. 3–4, pp. 373–404

Reviews KARL PILNY / GERARD REID, Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit. München: FinanzBuch Verlag, 2011. 268 Seiten, € 29,99. ISBN 9783-89879-639-2 Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit beschäftigt sich mit den globalen Strukturen und Trends der Energiewirtschaft sowie daraus resultierenden Problemen für die globale Energie- und Sicherheitspolitik. Das Werk der beiden Investmentexperten beginnt mit einer Skizzierung des Energiebedarfes der Industrie- und Schwellenländer und den damit zusammenhängenden Trends. Die Autoren werfen die Frage auf, welche globalen Implikationen ein „amerikanisiertes China“ im Hinblick auf Konsum und Energieverbrauch haben könnte. Dabei beleuchten sie nicht nur die bekannten Verbrauchsszenarien, sondern geben interessante Einblicke in das Verhalten großer asiatischer Staaten am Weltmarkt, zum Beispiel auch im Bereich der Solarenergie. Zur Vorbereitung ihrer Thesen präsentieren Pilny und Reid einen Abriss der Geschichte Asiens. Sie beziehen sich dabei besonders auf die großen asiatischen Staaten, um deren kulturelle wie auch wirtschafts- und sicherheitspolitische Interessen verständlich zu machen. So werden Chinas Fall und neuerlicher Aufstieg sowie der Zusammenhang zwischen kultureller Prägung und wirtschaftlicher Performanz herausgestellt. Die Autoren heben hervor, dass gegenwärtig zum ersten Mal in der Geschichte eine Situation besteht, in der alle drei asiatischen Mächte – Japan, China und Indien – gleichzeitig „stark“ sind. Diese Stärke, die gleichzeitig verhindert, dass sich eine ausgeprägte Dominanz auf dem Kontinent entwickelt, führt zu einer Spannungssituation, in der Energie eine zentrale Rolle spielt. Der darauf folgende Abschnitt des Buches widmet sich der Bedeutung von Energie für die Entwicklung der westlichen wie auch der fernöstlichen Ökonomien. Es werden Verbrauch und Reserven aufgezeigt, wobei die seit Fukushima auch in den asiatischen Staaten rückläufige Begeisterung für die Atomkraft thematisiert wird. Die Autoren stellen fest, dass das gegenwärtige Wachstum der asiatischen Staaten mit den derzeit bekannten Ressourcen kaum langfristig zu halten ist, und zitieren die Internationale Energieagentur (IEA): „Das Energiesystem der Welt ist an einem Scheideweg. Die aktuellen Trends in Energieversorgung und -verbrauch sind offensichtlich umwelttechnisch, ökonomisch und sozial nicht nachhaltig“. Diese Konstellation, so die Autoren, führt zu einer Bedrohung der weiteren Entwicklung der asiatischen Staaten und birgt somit ein starkes Konfliktpotential nach innen wie auch nach außen. Es kommt zu einem „kalten Energiekrieg“. Zu dessen Verhinderung verweisen Pilny und Reid auf das Potential alternativer Energien und Energieeffizienz. Nach einem Ausflug in die physikalischen Grundlagen und die Beschaffenheit von Energie sondieren sie technische

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Möglichkeiten zu deren Nutzung, erläutern die historische Nutzung unterschiedlicher Energieträger und hinterfragen deren Verwendung und Perspektiven unter aktuellen Gegebenheiten. Sie stellen ferner die unterschiedlichen Formen alternativer Energienutzung, deren gegenwärtigen Zustand und deren Perspektiven dar, so zum Beispiel die Geothermie, Wasser-, Wellen- und Windkraft, Solarenergie und Biomasse. Ihre Synthese lautet, die „Mauer des Kalten Energie-Krieges“ durch den Einsatz erneuerbarer Energien niederzureißen. Wie dies gelingen kann, diskutieren die Autoren, indem sie unterschiedliche Maßnahmen zur Förderung erneuerbarer Energien und Energieeffizienz in unterschiedlichen Staaten diskutieren. Interessante Paradoxa wie jenes von Jevons, das veranschaulicht, wie effiziente Technologien und damit zusammenhängend sinkende Energiepreise den Verbrauch und somit auch die Emissionen steigern können, machen deutlich, wie komplex sich die Umsetzung einer globalen ‚Energierevolution‘ gestaltet. Die Autoren votieren für ein umsichtiges, aber deutliches politisches Handeln in Bezug auf die Förderung von Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energien und sprechen dabei von einer Herausforderung in der Kategorie eines neuen „Manhattan Project“. Beispielhaft erwähnen sie eine europäische CO2-Steuer und den Einsatz von Effizienzstandards. Die dabei entstehenden Kosten würden zwar kurzfristig wachstumsdrosselnd wirken, mittel- und langfristig jedoch die deutlich beste Alternative darstellen. Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit ist mit Sicherheit kein rein wissenschaftliches Buch. Vielmehr stellt es das Plädoyer zweier Experten für eine globale und konsequente Umsetzung der in Deutschland so genannten „Energiewende“ dar. Die hierfür aufgeführten Argumente – Ressourcenknappheit, Klimawandel und sicherheitspolitische Zusammenhänge – sind zwar nicht neu, doch die Autoren betten sie in eine interessante und nachvollziehbare Struktur ein, die gerade auch für Einsteiger von hohem Gewinn ist. Schließlich verknüpfen die Autoren ihre Argumentation mit einem politischen Appell: Sie betrachten die Politik als zentrale Akteurin für die Rahmen- und Anreizformulierung und fordern eine „sehr gute Gesetzgebung, die die Energieverwendung reguliert und besser kontrolliert“. Den Modus einer globalen Energierevolution lassen sie jedoch offen, während ein Blick auf die gegenwärtigen internationalen Klimaverhandlungen verdeutlicht, dass die Herstellung eines globalen Konsenses auf diesem Gebiet nicht einfach ist. Die Übertragbarkeit der von Pilny und Reid vorrangig aus der Politik westlicher Industriestaaten übernommenen Vorschläge zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Senkung des Energiebedarfes auf asiatische (und andere) Staaten scheint dementsprechend schwierig. Es wird an dieser Stelle deutlich, dass Pilny und Reid die Entwicklung asiatischer Staaten zwar als Bedingung für das Problem, aber weniger bei der Suche nach Lösungen in Betracht ziehen. Forschungsarbeiten aus dem Bereich der Politikwissenschaft und der Internationalen Politischen Ökonomie könnten hier ansetzen und auf Basis der dargestellten kulturellen und ökonomischen Gegebenheiten und Interessen Vorschläge erarbeiten, wie globale Ausgleichs-

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und Anreizmechanismen installiert und aufrechterhalten werden können. Auf diese Weise könnten sie das Buch von Pilny und Reid sinnvoll ergänzen, indem sie Wege zur Umsetzung der globalen Energiewende aufzeigen. Benjamin Miethling

Gandhi. Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Shriman Narayan, bearbeitet von Wolfgang Sternstein. Mit einem Nachwort von Gita Dharampal-Frick. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Luchesi und Wolfgang Sternstein. Göttingen: Wallstein, 2011. 5 Bände, 2098 Seiten, € 59,90. ISBN 978-3-8353-0651-6 Although Mohandas K. Gandhi was more so a doer than a thinker, he managed to leave behind a massive amount of written material. His Collected Works – published between 1958 and 1994 by the Indian Government’s Ministry of Information and Broadcasting – runs to 100 volumes and, according to Wikisource, totals more than 50,000 pages. While this huge undertaking was underway, the Navajivan Trust – founded by Gandhi in 1929 – published a six-volume Selected Works of Mahatma Gandhi in 1968. This was edited by Shriman Narayan and produced in advance of the centenary celebrations of Gandhi’s birth in 1869. The Ausgewählte Werke under review here are basically a German translation of Narayan’s volumes, with some changes. In the first three volumes, the documents reproduced follow closely the selection in the first four volumes of Narayan’s edition, compressing Gandhi’s memoirs into one volume instead of two. The versions of the documents as found in the official Collected Works were also consulted – and in many cases used – in the preparation of the translations. The last two volumes are reversed and their contents are significantly different, especially in volume four. There are also additional explanatory materials and accompanying essays by Gita Dharampal-Frick, Wolfgang Sternstein and Brigitte Luchesi. The first volume contains Gandhi’s An Autobiography: The Story of My Experiments with Truth, which was published initially in serialized form in Gandhi’s newspaper in the late 1920s. In this essential text, Gandhi reflects on his early life and political activism in South Africa and India up to the launching of the Non-Cooperation Campaign in 1920. Volume two reproduces Gandhi’s Satyagraha in South Africa, much of which was written while Gandhi was in prison from 1922 to 1924 because of the Non-Cooperation Campaign. It contains a detailed account of Gandhi’s public campaigns in South Africa on behalf of the Indian population there and, as David Arnold notes, it “is a confident statement of how his techniques [of non-violent resistance] had worked successfully in their first extended trial” (Gandhi [London: Pearson, 2001], p. 132). Volume three contains key texts that Narayan brought together under the subtitle The Basic Works. These include two English works – William Salter’s

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Ethical Religion and John Ruskin’s Unto This Last – that Gandhi adapted and freely translated into Gujarati. Both books had deeply influenced Gandhi during his South African years and remained central to his religious and economic views. Two of sets of letters written while imprisoned in 1930 are reproduced here too: one group illuminates Gandhi’s core principles; the other forms a commentary on the Bhagavad Gita, which had captivated Gandhi since his student days in London. Also in volume three is Hind Swaraj, Gandhi’s 1909 revolutionary work outlining his rejection of modern civilization in favor of what he believed the simpler, moral civilization of ancient India and his rejection of political violence in favour of what he then called (when using English) passive resistance. This volume concludes with two works from the 1940s, one an account of his constructive program for rebuilding India from the bottom up, the other Gandhi’s thoughts on health, including his preference for nature cures over modern medicine. This volume has a brief, but valuable introduction by Luchesi that enlarges upon the one Narayan wrote for his edition; Luchesi clarifies, for instance, that the first item was based on Salter’s book. Editorial notes at the back also indicate that previous German translations of the original books by Salter and Ruskin were consulted. The fourth volume deviates the most from the 1968 edition, which closed with a volume subtitled The Voice of Truth containing a selection of what Narayan called “Gandhiji’s choicest writings and speeches on a variety of topics” (The Selected Works of Mahatma Gandhi [Ahmedabad: Navajivan Publishing, 1968], vol. 6, p. iii). Although faithful to Narayan’s intent and subtitle, the volume under review here is largely a fresh selection of documents organized in a clearer, more focused manner. It does reproduce the same famous speeches found in Narayan, such as the one Gandhi gave at his trial in 1922 and his Quit India speeches during the momentous night of August 8–9, 1942. The remainder of the volume is organized around five general topics – religion, politics, political ideologies, economics and society – each of which is broken down into helpful subtopics, such as Hinduism, the Non-Cooperation Campaign, pacifism, industrialism, and women. In a few places, documents that Narayan used are reproduced here, although in most cases longer versions are given and these are accompanied by different texts. The others are new ones aptly chosen to illuminate Gandhi’s complex and often confounding ideas on issues ranging from Hinduism and the varna system to Christianity and Buddhism, from Non-Cooperation to political fasting, from Western democracy to anarchism and fascism, from industrialism and machinery to swadeshi and khadi, and from trusteeship to India’s future. Particularly interesting – and not only to German readers – is a selection of writings not found in Narayan that address the Jewish question in Germany and Zionism. Dating mostly from 1938–1939 these contain Gandhi’s suggestion that non-violent resistance could melt the heart of Hitler and his criticisms of Zionism, which led Martin Buber to publish his famous open letter to Gandhi from Jerusalem in 1939. Buber’s letter is appended to this volume.

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The final volume is a collection of letters mostly from Gandhi to famous figures, but with some addressed to Gandhi. By and large these are the same letters selected by Narayan for the penultimate volume of the 1968 edition. The German edition omits, however, extracts from other letters that Narayan thought illustrative of Gandhi’s ideas. It also contains a few new letters, two of which were chosen because of their interest for German audiences. One is Gandhi’s November 1934 letter to Dietrich Bonhoeffer welcoming the German pastor to visit him. The other is a second letter, dated December 1940, that Gandhi wrote to Hitler, this one explaining the Indian independence movement’s non-violent opposition to British rule and to fascism, and appealing to Hitler to pursue peace. Like the July 1939 letter (published by Narayan) that Gandhi addressed to Hitler asking the German leader to prevent war, the 1940 letter was never delivered by the British authorities in India. The accompanying essays by Dharampal-Frick and Sternstein are of very different natures but agree in their assessment of Gandhi’s importance. The former holds the chair in history at the South Asia Institute of Heidelberg University and her essay, an afterword to volume one, is a scholarly assessment of the main features of Gandhi’s life and ideas. It provides valuable insights into key issues including the relationship between colonialism and Gandhi’s critique of modern civilization, and Gandhi’s brilliant Salt March of 1930. It also contains an interesting discussion of Gandhi’s encounter with Christianity and Christian missionaries. Some readers, however, might be unhappy with the treatment of a few subjects, such as the very brief mention of the Quit India campaign or the cursory account of Gandhi’s engagement with Untouchability. As noted below, there are good reasons to wish that these controversial subjects had received more attention. Sternstein is a Gandhian peace activist and his afterword to volume two addresses the question whether Gandhi’s ideas are still relevant for the crises facing the world today. It briefly compares the socio-economic critiques and political proscriptions of Gandhi and Marx, coming down on the side of what is described as Gandhi’s trust in the power of individuals to alter the world. The essay also offers the suggestion that if India had followed Gandhi’s ideals, rather than worshipping the Golden Calf of industrialism, then its socio-economic system could have served as a fascinating alternative to the capitalism that dominates the world today. Complementing this is DharampalFrick’s view of Gandhi as nearly prophetic in his critique of the destructive potential of modernity. There are good reasons to read Gandhi this way, as anyone who engages many of the texts reproduced here will realize. One wishes, however, that more had been done to introduce the controversial nature of these and other ideas – and actions – of Gandhi. His critique of modern civilization and machinery, for instance, was challenged by two important contemporaries, Jawaharlal Nehru and Dr. B. R. Ambedkar, the former from the perspective of national security and economic development, and the latter with a concern for liberating Dalits (i.e. Untouchables) from unremitting toil and poverty. Gandhi’s thoughts on modernity were no less problematic to Nehru and Ambedkar than were

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Gandhi’s ideas about Jews to Buber. If it was desirable to reprint Buber’s letter to Gandhi, why not also include, say, some of Nehru’s speeches and writings defending his five-year plans for rapid industrialization, or Ambedkar’s essay “Gandhism: The Doom of the Untouchables” (from his 1946 work, What Congress and Gandhi Have Done to the Untouchables)? Including Ambedkar’s essay would have also exposed readers to the Dalit leader’s outrage at Gandhi’s defence of the varna system. In other places explanatory material would have sufficed. A prime example of this is Gandhi’s Quit India speeches, presented here with little accompanying material. In these speeches Gandhi used a famous phrase – “Do or Die” – that he issued as a mantra to the Indian nation. According to Francis Hutchins, these speeches set the stage for a violent revolution in August 1942 that marked the beginning of the end of the British Raj (India’s Revolution: Gandhi and the Quit India Movement [Cambridge: Harvard University Press, 1973]). The phrase “Do or Die” – translated here as “Handle oder stirb” – is an adaptation of a line containing the phrase “do and die” from Alfred Tennyson’s 1854 poem, The Charge of the Light Brigade. Dietmar Rothermund rendered Gandhi’s phrase as “Tat oder Tod” (Mahatma Gandhi: Eine politische Biographie [München: Beck, 1997], pp. 416–17) and – along with Anthony Parel (ed., Hind Swaraj [Cambridge: Cambridge University Press, 1997], pp. 181–82) – examined Gandhi’s lifelong fascination with Tennyson’s poem and its evocation of martial valor. Given the violence that erupted after Gandhi issued his mantra to the nation, these issues merit some kind of editorial attention. The same can be said of many other matters raised in these volumes, such as Gandhi’s at times problematic views of women. In Satyagraha in South Africa, for instance, Gandhi relates how he dealt with an incident on his Tolstoy Farm where a young man teased two young women: he persuaded the two women to let him shave their heads in order to have some sign on their persons to warn off other young men. As David Hardiman notes, Gandhi “was blaming girls who were being sexually harassed” (Gandhi in His Time and Ours [New York: Columbia University Press, 2003], p. 104). In the edition under review here, the incident merits only an editorial footnote (vol. 2, p. 258) explaining Gandhi’s allusion to Sita and Ravana in the epic Ramayana. To be fair, a selection of Gandhi’s writings should keep the focus on Gandhi, not on his critics then and now. Still, by introducing Buber’s rejoinder, this edition opens the door to criticism that more critical commentary on Gandhi’s views was in order. Despite such shortcomings, this is a valuable edition. German readers now have at hand a good selection of some of Gandhi’s most important – and controversial – writings. Lynn Zastoupil

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MICHAEL GOTTLOB, Historie und Politik im postkolonialen Indien. Göttingen: V&R unipress, 2008. 232 Seiten, € 39,99. ISBN 978-3-89971443-2 Michael Gottlob untersucht in seinem Buch Historie und Politik im postkolonialen Indien den Zusammenhang zwischen alltäglicher Politik und den Vorstellungen „der Inder“ über „ihr“ Land. Es soll gleich am Anfang darauf hingewiesen werden, dass das Buch aus einzelnen, bereits vorher veröffentlichten Aufsätzen zusammengestellt ist, sodass es teilweise zu inhaltlichen Überschneidungen einzelner Kapitel kommt. Mit der Frage, wer hier eigentlich über was redet, befindet sich der Leser bereits zwischen allen Fronten des seit Jahrzehnten auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen ausgetragenen Streits um die hegemoniale Deutung dessen, was Indien denn nun wirklich sei: eine multikulturelle Republik oder eben doch eine hinduistische Nation, in der Minderheiten nur mehr oder weniger geduldet werden. Im ersten Kapitel widmet sich Gottlob der Frage, welche wissenschaftlichen und politischen Ansprüche an die Historiographie Indiens in der Vergangenheit gestellt wurden. Das zweite Kapitel behandelt die „Methodische Forschung und praktische Orientierung“. Im dritten Kapitel „Historische Bildung für Staatsbürger“ nimmt Gottlob Teile des ersten Kapitels wieder auf, diesmal aber verstärkt in Form einer historisch orientierten Untersuchung. Auf fünfzig Seiten werden die einzelnen Aspekte der indischen Debatte über die eigene Nation beleuchtet. So wird die Frage der „Muslime als Erbfeinde“ einer imaginierten Hindunation debattiert und die Rolle einzelner historischer Personen sowie der ihnen zugewiesene Stellenwert in der Entwicklung der indischen Nation beleuchtet. Im vierten Kapitel geht es um das kollektive Gedächtnis und eine mögliche pluralistische Identität. Warum ist die Frage nach der Vergangenheit so wichtig? Gottlob schreibt dazu: „Heute sind kollektive Erinnerung und die Imagination der Vergangenheit wichtige politische Ressourcen in Indien, und Geschichtspolitik ist Teil des Kampfes um die Macht im Staat.“ (p. 14). Er stellt zu Recht fest, dass die Geschichtspolitik durch den Kampf um (intellektuelle) Hegemonie im politischen System bestimmt wird, und nicht umgekehrt. „Das politische Bedürfnis nach Machtgewinn oder Stärkung des Handlungswillens kann zu einem Gebrauch der Vergangenheit führen, der vom empirischen Befund nicht gedeckt ist oder auf einseitigen Selektionsentscheidungen beruht und daher von der Wissenschaft in Frage gestellt werden muss.“ (p. 19). Wollen wir also verstehen, welche Entwicklung der Historikerstreit nimmt, müssen wir die Dynamik der indischen Gesellschaft und Politik verstehen. Leider wird diese Art politologisch-soziologischer Analyse nicht erbracht, wie sie etwa Henri Brunschwig mit dem Buch Gesellschaft und Romantik in Preußen im 18. Jahrhundert für die Zeit der deutschen Romantik erbracht hat. Brunschwig zeigt, wie eine neue Deutung der deutschen Geschichte in Teilen der Öffentlichkeit hegemonial werden konnte. Eine in das ancien régime nicht

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integrierte aufsteigende Schicht von Intellektuellen benötigte ein alternatives politisches Projekt aus zwei Gründen: zum einen um ihre (auch materiellen) Ansprüche zu rechtfertigen, zum anderen aber auch, um ihr subjektives Leiden an der neuen Welt erklären zu können. Eine derart angelegte Untersuchung des indischen Falls hätte gezeigt, dass ein großer Teil der prominenten Vertreter des Hindunationalismus nicht zum Kern der indischen Staatsklasse gehören und daher sich, z.B. wegen fehlender kultureller Ressourcen, von den „alten Marxisten“ wie Romila Thapar abgrenzen müssen. Warum die historiographische Postmoderne wiederum in einem weitgehend agrarisch geprägten Land wie Indien seit Jahren fröhliche Urstände feiert, zeigt Aijaz Ahmad in dem Essay „Orientalism and After: Ambivalence and Metropolitan Location in the Work of Edward Said“ (in: A. Ahmad, Hrsg., Theory, Classes, Nations, Literatures, New Delhi: OUP 1995, pp. 159–220). Ahmad beschreibt, wie bestimmte literarische Schulen von Akademikern benutzt wurden, um kulturelle Ressourcen zu erwerben, gleichzeitig aber auch den eigenen sozioökonomischen Status abzusichern. Sowohl Brunschwig als auch Ahmed zeigen, dass der Kampf um intellektuelle Hegemonie immer in die dynamischen Entwicklungen der jeweiligen Gesellschaft eingebunden ist. Leider kommt dieser Einfluss der realen Machtverhältnisse auf die Geschichtsschreibung in Gottlobs Buch zu kurz. Im Kapitel über das kurze Intermezzo der Janata-Regierung schreibt Gottlob: „Den greisen Majumdar, der sonst stets auf der Unabhängigkeit der Geschichtswissenschaft bestanden hatte, sah man in Umkehrung der Fronten nun auf der Seite der Befürworter der staatlichen Eingriffe.“ (S.41) Dass dies so war, zeigt, dass die Bedeutung theoretischer Argumente der Geschichtsschreibung weitgehend unerheblich ist für das, was tatsächlich durch die staatlichen Institutionen umgesetzt wird. Dennoch ist das Buch eine spannende Lektüre, da es den Schatz der konstruktivistisch orientierten Literatur umfassend darstellt, und jeder deutsche Leser einen autoritativen Überblick über diese bedeutende Debatte erhält. Ein großer Vorteil des Buches ist, dass es sich exemplarisch dem Fall Indien widmet. Indien wiederum genießt in der Dritten Welt eine Ausnahmestellung. Es ist ein Land mit einer lautstarken Zivilgesellschaft und, trotz aller Schwächen, einer großen akademischen Vielfalt. Nicht umsonst stammen die „Subaltern Studies“ aus Indien. Weil das Niveau des indischen „Schulbuchstreits“ so hoch ist, zumindest auf Seiten der marxistischen und postmodernen Historiker, ist dieses Buch wichtig für andere Weltregionen. Zwei Beispiele: das Konzept des „Buen Vivir“ in Lateinamerika versucht, dem hegemonialen westlichen Leitbild ein „indigenes“ einer autonomen Entwicklung entgegen zu setzen. Viele Argumente in dieser Diskussion, wie z.B. die Annahme eines „Golden Age“ der Indigenen Lateinamerikas, erinnert an Aussagen gemäßigter Hindunationalisten. Auch Europa bietet Beispiele, eines davon ist das vom ehemaligen konservativen Präsidenten des Europäischen Parlaments im Jahr 2007 initiierte Projekt eines „Hauses der europäischen Geschichte“. Dieses erlebt gerade auf dem Brüsseler Parkett einen neuen Schub.

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Michael Gottlobs Buch sei jedem ans Herz gelegt, der sich mit dem Zusammenhang von kollektiver Identität, Sozialwissenschaft und politischer Herrschaft beschäftigt. Roland Kulke

SYLVIE GUICHARD, The Construction of History and Nationalism in India. Textbooks, Controversies and Politics. (Routledge Advances in South Asian Studies 17). London / NewYork: York: Routledge, Routledge, 2010. 2010. XI, 236 pages, London/New £ 85.00. ISBN 978-0-415-56506-6 Historiography and education are traditionally seen as playing a decisive role in nation-building. This fact is reflected in numerous controversies over history textbooks all over the world. The most frequently studied cases are perhaps those of Japan and India. Since the struggle for independence there have been many competing concepts of how to define the Indian nation. These ideas range between the poles of moderate and radical. After independence the moderate version, which was inclusive of minorities and personified by the mainstream of the Congress Party, eventually gained the upper hand and found expression in the constitution and school textbooks. However, Hindu nationalists succeeded the radicals and, primarily to exclude the Muslims, severely criticized the “pampering” of minorities, while the moderates accused the Hindu nationalists of trying to “saffronize” nation and education. Beginning in 1977 with the new Janata Government, renowned historians, organizations doing support work for the government, such as the federal National Council of Educational Research and Training (NCERT), and the secular Congress Party itself were increasingly challenged by the Hindu nationalist network Sangh Parivar and its view of history. The debates intensified in the 1990s and 2004 during the Hindu nationalist campaigns of escalation around the Babri Mosque in Ayodhya, and when governments changed and tried to push through their conceptions of the nation in the educational system. In 2005 the controversy attained a new dimension, when such debates even spread to the Californian diaspora. In her book Sylvie Guichard shows that the situation is far more complex than a pure confrontation between a Hindu nationalist and a secular discourse as the often assumed link between education and nationalism suggest. Without neglecting older and more recent debates, the author mainly focuses on the history textbook controversy from 1998 to 2004, when the National Democratic Alliance (NDA), led by the Hindu nationalist Bharatiya Janata Party (BJP), formed the national government. Using interviews with the authors of textbooks, their publications and those of other participants as sources, she explores “the process of construction, elaboration and negotiation of […] official history” and “the specific interaction between the dynamics of nation-building, history teaching and school education” (p. 1) in India.

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Guichard’s book is composed of five main chapters. After the introduction, which gives a short account of the aims, structure and preconditions of the study, the first chapter analyses different theories of the nation, falling into a secular discourse using non-religious criteria to define and homogenize the nation and one using religion for the same purpose, both of which could also be identified in the case of India as either secular or Hindu nationalist. Guichard then criticizes both the secularists, who “prefer to ignore […] that the conflicts […] before colonization could have had religious causes”, and the Hindu nationalists, who “overestimate” the pre-colonial opposition between Hindus and Muslims (p. 31). The second chapter describes the development and functioning of the Indian school system and the role of the NCERT textbooks therein. Here Guichard states that “the last 60 years demonstrated an identical zeal for nation-building” (p. 34), but she also points out that national education has “limitations” (p. 33): she identifies changes of government as the most powerful factor. These often introduced a new ideological agenda and the negotiation of an official version of a ‘common past’ “bitterly disputed”: in the timeframe investigated, “official history was modified” (p. 35) in three sets of textbooks. Although the textbook in general plays a central role in school, its power at the same time is “counterbalanced by a utilitarian and negative perception” (p. 37) on the part of the target audience and by other, perhaps more influential sources like comics or movies. The NCERT textbooks in particular reach only 10 to 15 per cent of the children, though they are also used as textbooks on state level. In the last section Guichard analyses the secular nationalist discursive core elements regarding the old textbooks in use from the 1970s until 2002. Although the secular view was dominant during this period, a communalist view was apparently widespread at the same time in the general public and even in some textbooks before the BJP was elected. Before turning to the changes in the content of the curriculum and the staffing of the educational boards after 1998 and a side note on the Californian debates, to place the later controversies in context Chapter Three discusses the debates from 1977 and the 1990s, when the Hindu nationalists won elections in four states. In this part Guichard rightly emphasizes the centrality of history and education in the Sangh Parivar’s ideology. Furthermore, she highlights that Hindu nationalist criticism of the secular textbooks over the years remained largely unchanged: it challenged the narratives of ancient India, the positive presentation of Muslims, the dominance of political instead of religious explanations and the negative light in which some national heroes were presented. The last two chapters compare the two discourses during the controversy from 1998 to 2004. While the secular one is “based on the idea of defence (of secularism, tolerance and reason)” (p. 8) against an assault by Hindu nationalists, the latter concentrates on the concept of the Muslim as the “principal enemy” (p. 100), the colonial and communist enemy. In the light of the increasing persecution of the Christians, they would have deserved a separate subsection in this part of the book. In her comparison, Guichard not only refers to the dif-

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ferences between the two nationalist groups, but also to their similarities and convergences. In short, both narratives, though referring to different national concepts, share the same perception of the textbook as being unquestionable; for both of them history is a homogenizing “instrument of the nation-state” and both argue, though as opponents, within the same framework of rules: “the relations between Hindus and Muslims in the past define the status of Muslims in India today” (p. 118). To prove another similarity, Guichard compares the old secular textbooks and curricula with the new ones of the NDA. In so doing, she demonstrates that both versions share an upper caste, urban and masculine view, “swallowing all other issues” in a constructed antagonism of two categories, so that “diversity and heterogeneous traits find little space” (p. 158). What she calls the “diversity absorption phenomenon” (p. 162) is the main reason why both nationalist groups have been criticized by NGOs, feminists or subalternists, who point to alternative positions representing the still “underprivileged” (p. 163). In her concise, well-written and well-balanced book on the Indian textbook debates Guichard draws attention to aspects and dynamics beyond the simplifying dichotomy of Hindu nationalism and secularism, which have been widely neglected to date. This antagonism and its “illusion of clarity” (p. 164) strongly shaped the political arena, reduced the debates to two poles and thereby overlaid social complexity. Without playing down the even violent consequences of Hindu nationalist thinking, she has demonstrated that there are more narratives, not only antagonistic elements, but also similarities and convergences between these competing constructs of the Indian nation. Tobias Delfs

ULRICH OBERDIEK, Die Agravals in Rajakshetra (Kumaon Himalaya) – Lebenstile, Habitus, Ökonomie und „Puritanismus“ in einer Händlerkaste. (Indus. Ethnologische Südasien-Studien, 14). Berlin: LIT Verlag, 2010. 515 Seiten, € 49,90. ISBN 3-643-10556-1 „Detaillierte Untersuchungen über Händlerkasten“, so heißt es im Klappentext des vorliegenden Werkes von Ulrich Oberdiek, „sind bisher rar.“ Daher ist es umso erfreulicher, dass sich der Ethnologe Ulrich Oberdiek eine Händlerkaste im Norden Indiens zum Untersuchungsgegenstand gewählt hat und mit seiner Untersuchung dazu beiträgt, unser Wissen über die Agravals, eine der größten Händlerkasten Nordindiens, in Rajakshetra, zu erweitern. Sein 515 Seiten umfassendes Werk zielt darauf ab, „Lebensstil, Ansichten, Glaubens- und Wertorientierungen“ der Agravals zu untersuchen, die vor etwa hundert Jahren nach Kumaon im heutigen Bundesstaat Uttarakhand kamen. Für seine Untersuchung wählte Oberdiek eine Marktstadt mit 12000 Einwohnern aus , wo etwa 50 Familien leben, die der Agraval-Kaste angehören: „ich dachte, daß eine Marktstadt in diesen Bergen eine geeignet große Population einer Händlerkaste haben könnte, die ich in ihrer Gesamtheit erforschen könnte und die, weil sie etwas

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abgelegen war, vielleicht noch Züge trug, die eher in die Vergangenheit weisen und vielleicht weniger neueste, heterogene Einflüsse aufweist“ (S. 311). Essentiell für Oberdiek ist die Frage nach einem Puritanismus in Indien. Max Weber hatte vor rund 100 Jahren die folgenreiche Diskussion über den Zusammenhang zwischen der Kultur puritanischer Gruppierungen und der Entstehung des modernen okzidentalen Kapitalismus angestoßen, die bis heute in den Sozialwissenschaften ein fruchtbares Thema ist. Und: Etliche Soziologen und Ethnologen, die über Indien arbeiten, behaupten – so Oberdiek – immer wieder, dass Brahmanen und andere Kasten „puritanisch“ seien, belegen dies aber nur unzureichend. Existiert also ein eigenständiger Puritanismus indischer Prägung? Und wie lässt sich dieser gegebenenfalls definieren? Welche Wirkung übt er auf die verschiedenen Lebensbereiche aus? Im ersten Teil des Buches (Kap. 0) bringt der Autor auf fast 150 Seiten eine umfassende theoretische Einführung, die sich mit vergleichenden Puritanismusstudien im Allgemeinen und der Untersuchung eines „kulturellen Puritanismus“ im Besonderen beschäftigt. Um nicht Gefahr zu laufen, „Äpfel mit Mangos zu vergleichen“ (so Detlef Kantowsky, S.16), geht Oberdiek vorsichtig vor. Zwar gibt es vergleichende Studien zum Puritanismus wie etwa von Ernest Gellner (Muslim Society, 1981) und Jacques Waardenburg („The Puritan Pattern in Islamic Revival Movements“; Schweizerische Zeitschrift für Soziologie 3 (1983)), die das Konzept auf nordafrikanische islamische Gruppierungen angewendet und dort einen Puritanismus ausgemacht haben. Er stellt diese Studien wie auch Webers Logik eingangs vor, folgt aber selbst nur teilweise deren Weg. Die indische Situation erklärt Oberdiek dabei zunächst aus sich heraus: aus textualen Grundlagen sowie heutigem Verhalten in dieser Kaste, um die Frage zu beantworten, was hier „puritanisch“ sein könnte. In Kapitel 1 (S. 149–226) und 2 (S. 227–310) wendet sich Oberdiek der eigentlichen ethnologischen Beschreibung der Agravals zu: samskaras (rites de passage), Feste, Tauschprinzipien, ökonomisches Verhalten, Analyse mythologischer Texte, soziale Kontrolle, Hierarchie in der Familie und Reinheit/Unreinheit. Diese Beschreibung basiert vor allem auf eigenem ethnographischem Material. So führt Oberdiek beispielsweise bisher nicht übersetzte Texte zum Ursprung der Agravals an, in denen auch erläutert wird, warum die Agravals besonders wohlhabend sind (S. 160ff). Insgesamt wurden rund 100 Personen im Zug teilnehmender Beobachtung untersucht: „56 Agravalmänner, 28 Agravalfrauen sowie 10 Brahmanen als Vergleichspersonen“ (S. 315). Einzelne von ihnen werden mit ihren Eigenheiten und Handlungslogiken exemplarisch dargestellt (Kap. 3, S. 311–348). Auch hier ist das Thema Puritanismus immer wieder präsent. In den Fallbeschreibungen von Kapitel 4 (S. 349–436) analysiert Oberdiek dann mit konkretem Bezug auf den Puritanismus einzelne Aspekte der untersuchten Personen, wie z.B. drei Formen des manipulatives Verhaltens im Sinne des Verschweigens und der Verdrängung, der Doppelmoral und des Kontroll-

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verhaltens. Die Fälle des Puritanismus beziehen sich auf Sexualität, Körper, Nahrung, Ehe, Wirtschaft, Kunst etc. Oberdiek kommt im abschließenden Kapitel 5 (S. 437–454) zu dem Schluss, dass das, was indisch bzw. bei dieser Kaste „indigen puritanisch“ genannt werden könnte – kontrollierter Lebensstil und Reinheitsaspekte bezüglich Sexualität, Körper, Nahrung, Ehe/Verwandtschaft, Wirtschaft, auch Ästhetik –, nach wie vor existiert und letztlich auch hinduistisch (theologisch) begründet ist (S.441, 451), sich aber deutlich vom christlich-theologisch geprägten Puritanismus der Puritaner unterscheidet (Hindus leben z. B. in einer Glaubenssituation der Heilsgewissheit, Puritaner nicht!). Obwohl es bei Puritanern und manchen Hindus gleiche „puritanische“ Verhaltensphänomene geben mag (wie etwa eine Ablehnung von Sinnlichkeit), sind sie doch theologisch-psychologisch sehr unterschiedlich motiviert. Die Untersuchung erbrachte bei weniger als der Hälfte der untersuchten Personen „puritanisches“ Verhalten. Außerdem gibt es keine Homogenität der Gruppe, stattdessen individuelle Unterschiede und verschiedene Familientraditionen, z. B. streng, liberal, konservativ usw. Anders als bei historischen Puritanern, deren Spannungen im Glauben auch auf andere Bereiche – wie Ökonomie – übergriffen, stellte Oberdiek solche Spannungen oder Widersprüche zum Beispiel zwischen Ökonomie und Frömmigkeit nicht fest, was er auf kulturell übliche Trennungen zwischen Kasten, Tätigkeiten und Bereichen, auf die traditionelle (unproblematische) Existenz teils kontradiktorischer Ethiken zurückführt. Ferner fand er bei den Agravals tendenziell eine Abschwächung „puritanischer“ Tendenzen im Vergleich zu der klassischen Studie von G. Morris Carstairs (The Twice Born, 1961) bei den Agravals. Oberdiek gelingt es, mit seiner Studie ein umfassendes Bild einer Händlerkaste in den Vorbergen des Himalaya zu zeichnen. Sie ist ein Beleg dafür, wie wichtig und informativ theoriegeleitete ethnologische Studien heute sind. Gerade die Frage nach einem „Puritanismus“ in Indien ist dabei von besonderer Bedeutung. Katja Schubert

MARTINA CLAUS / SEBASTIAN HARTIG, Verraten und verkauft in Rourkela. Zeitzeugen berichten von der Enteignung durch das deutsch-indische Stahlwerksprojekt Rourkela. Heidelberg: Draupadi Verlag, 2011. 124 Seiten, € 12,00. ISBN 978-3-937603-59-9 Die Stadt Rourkela mit ihrem Stahlwerk ist von besonderer Bedeutung für die deutsch-indischen Beziehungen. Das Großprojekt in Orissa ist ein frühes Mahnmal für Fehler, die in der Entwicklungshilfe Deutschlands, aber auch in der Entwicklungspolitik Indiens begangen wurden. Leidtragende sind bis heute die Adivasi, die Stammesbevölkerung, und alle anderen, die – zum Teil nur vorgeblich – dem Stahlwerk weichen mussten und von ihren Politikern und Beamten verraten und – sinnbildlich – verkauft wurden.

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Für die Führer der Unabhängigkeitsbewegung um Pandit Nehru hatte die Unabhängigkeit Indiens maßgeblich eine wirtschaftliche Dimension, die ihren Ausdruck in einer eigenen Industrie und vor allem einer eigenen Stahlproduktion finden sollte. Zu diesem Zweck wurden mehrere Stahlwerke in Angriff genommen, mit britischer, sowjetischer und deutscher Hilfe; die Sowjets sprangen ein, nachdem die USA kein Interesse gezeigt hatten. Bereits 1952 wurde in Rourkela, damals eine unbedeutende Bahnstation auf der Strecke von Kolkota nach Mumbai, bekannt, dass man hier ein Stahlwerk zur Verhüttung der nahegelegenen Erzvorkommen bauen wollte. Der deutsche Beitrag bestand in der Lieferung der Anlagen und des technischen Wissens, dem Einsatz einer großen Zahl von Spezialisten und der Bereitstellung von Exportkrediten. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die Bevölkerung des Projektgebietes fanden keine Beachtung: Man versprach den Betroffenen als Entschädigung Land für Land, Haus für Haus, Arbeitsplätze, Schulen und Gesundheitsversorgung. So berichtet einer der noch lebenden Zeitzeugen (S. 104). Die Adivasi, die im Umland die Mehrheit der Bevölkerung stellten, konnten kaum ahnen, was ihnen bevorstand: 1957 begann die „Umsiedlung“ der Bewohner von 31 Dörfern und von weiteren 32 Dörfern, die einem in der Nähe geplanten Stausee weichen mussten. Binnen kürzester Frist wurden sie, noch bevor sie ihre Ernte einbringen konnten, mit ihren beweglichen Habseligkeiten in ihre neuen „Dörfer“ gekarrt, mitten im Dschungel, wo sie einige wenige primitivste Behausungen vorfanden, ohne Straßenverbindung, Wasserstelle und Strom. Sie erhielten weder ausreichendes Ackerland noch feste Behausungen oder Arbeitsstellen. Das wenige Land war von schlechtester Qualität und ohne verbriefte Besitzrechte. Ihre Hütten mussten sie sich selbst zimmern. Die versprochenen Arbeitsplätze im Stahlwerk erhielten die wenigsten. Es gab keine Schulen, keine Lehrer und keinerlei Gesundheitsversorgung. Trinkwasser, das ihnen angeliefert wurde, war verseucht, so dass viele starben. Die Umgesiedelten sind vor allem immer noch erbost darüber, dass sie nicht nur so gut wie keinerlei Entschädigung erhielten, sondern dass das Stahlwerk letztlich viel weniger Land brauchte und der Staat Orissa die restlichen konfiszierten Flächen entgegen den Vorschriften zu einem Vielfachen an Fremde verkaufte, ohne dass sie irgendetwas von dem Erlös erhielten. In zwölf Niederschriften von Interviews werden die haarsträubenden Missstände in ergreifender Weise geschildert. Die Frage vor allem für den deutschen Leser ist, welche Mitschuld wir an diesem Elend tragen und welche Möglichkeiten einer, wenn auch späten, Abhilfe sich für uns bieten. Die offizielle Linie auf Seiten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der finanzierenden Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) lässt sich daraus erkennen, dass sie sich von der Diskussion möglichst fern halten. Die Koordinationsgruppe Rourkela widmet sich seit Jahren dem Problem und hat es bereits einmal im Draupadi Verlag vorgestellt (Adivasi-Koordination in Deutschland e.V. (Hg.): Rourkela und die Folgen. 50 Jahre industrieller Aufbau und soziale Verantwortung in der deutsch-indischen Zusammenarbeit. Heidelberg: Draupadi Verlag, 2007. Vgl. Besprechung in Heft

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1–2, 2010: 128–130, dieser Zeitschrift). Mitglieder der Gruppe haben die meisten der Umsiedlungsdörfer besucht und tragen das Problem weiterhin in die Öffentlichkeit, auch in Indien. Die Frage der Umsiedlung, oder besser der Vertreibung, ist nämlich nach wie vor aktuell. Nicht nur in Stammesgebieten, wie der Fall des geplanten Bauxit-Abbaus ebenfalls in Orissa zeigt, sondern auch in traditionellen Landwirtschaftsgebieten wird weiter enteignet. Die Auseinandersetzungen um den Standort Siringur in Westbengalen (S. 68), wo die Firma Tata ihren neuen Nano, das billigste Auto der Welt, bauen wollte, gingen auch bei uns durch die Presse. Im Unterschied zu Deutschland, wo der Staat kein Land für ein privates Industrievorhaben enteignen darf (erinnert sei daran, dass das Land Baden-Württemberg mit seinem Vorhaben, Land für die von der Daimler AG in Boxberg geplante Teststrecke zur Verfügung zu stellen, vor dem Bundesverfassungsgericht scheiterte), erlaubt ein Gesetz aus der Kolonialzeit ein solches Vorgehen in Indien. Die neuen Dörfer der Rourkela-Vertriebenen liegen in Forstgebieten, die der Verfassung nach dem indischen Staat gehören und in denen keine individuellen Eigentumsrechte eingetragen werden können. Danach ist die Stammesbevölkerung dort nur geduldet und jederzeit von neuer Vertreibung bedroht – konkret durch Pläne für den Bau einer neuen Eisenbahnlinie. Die zwölf Texte beeindrucken durch ihre knappe Sprache. Die Forderungen, die vorgebracht werden, unterscheiden sich nicht von denen anderer benachteiligter Gruppen: Einkommenssicherheit durch Land oder Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung und Rechtssicherheit. Den Interviews ist ein Überblick vorangestellt, im Wesentlichen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen der Zeitzeugen. Das Buch wirft viele neue Fragen auf. Wie die Vertriebenen vorher gelebt haben und wie ihre Lebensumstände heute sind, lässt sich nur zum Teil aus den Interviews herauslesen. Die Koordinationsgruppe wird die Vertriebenen weiter begleiten und sieht ihre Arbeit erst dann als abgeschlossen, wie die Autoren in ihrem Schlusskapitel schreiben, „wenn die Zwangsumgesiedelten selbst sagen, dass ihre Rechte anerkannt sind, dass ihre Forderungen und Ansprüche berücksichtigt sind und wenn die entsprechende Wiedergutmachung geleistet worden ist.“ (S. 112) Wolfgang-Peter Zingel

M. R. NARAYAN SWAMY, The Tiger Vanquished. LTTE’s Story. New Delhi: Sage, 2010. 276 pp., US$ 37.00. ISBN 978-81-321-0459-9 N.R. Narayan Swamy – formerly with AFP (Agence France Press) and now Executive Editor of IANS (Indo-Asian News Service) – is one of the few Indian journalists to have met V. Prabhakaran, the chief of the Tamil Tigers, already in the 80s and several times after that. He published an account of the founding and development of the Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) with a

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special focus on India’s involvement (Tigers of Lanka. From Boys to Guerillas, Colombo 2002) and an unauthorised biography of its founder-leader Prabhakaran that even claimed to look into his head (Inside an Elusive Mind. Prabhakaran. The First Profile of the World’s Most Ruthless Guerilla Leader, Delhi 2003). In the process he turned from cautiously sympathetic to radically anti-LTTE and anti-Prabhakaran. The current volume is clear evidence for this. This book, however, is not a thoroughly composed and researched monograph like the two titles mentioned above, but a collection of consecutively numbered articles written for different papers and news agencies (IANS, Asian Affairs, Mainstream, etc.) between 2003 and 2009. They are preceded by a long and detailed introduction outlining the events leading up to the final defeat of the Tigers, a recording of the final moments of a telephone conversation of a leading cadre and two testimonies of female Tigers. In a postscript he endeavours to sum up the effects of the defeat and future prospects for the Sri Lankan Tamils. For anybody concerned with the conflict in Sri Lanka, these reprints provide a welcome summary and reminder about the defining moments of the conflict. Yet, often the reader misses a connecting thread and, more crucially, interpretation and in-depth analysis of empirical observations. The pieces sometimes seem to be clubbed together arbitrarily disregarding content and context. The rationale for the inclusion and arrangement of quite a few of the articles is not really clear. This contributes to the impression that the presentation and arrangement of the collection are selective verging on being biased, and it is not clear whether this is due to the choice of articles or whether the author indeed gave his attention only to these aspects. The treatment of India’s role shows this bias most clearly. The author has doubtlessly an excellent grasp of the facts and access to classified information and gives some fascinating facets of India’s activities (particularly illuminating and revealing article is no. 47, ‘India’s Covert Role in Sri Lanka’s Ceasefire’, p. 121–124). Yet for the scholar familiar with the conflict, there is nothing that is startlingly new. In the articles from 2009 the author discusses in detail the Indian contribution to the LTTE’s defeat, but completely leaves out the decisive financial and military support by China both during and after the conflict. Some of his statements are open to doubt, e.g. whether India was really interested in a just solution for the Tamils. In other places he claims that India pursued merely its strategic and political interests by intervening in the conflict. It is, however, illuminating when he states that India supported Sri Lanka mainly in order to offset Western criticism, and not so much because it was happy with the latter’s politics. This is probably the case, but only for the years since 1990. Before that, there was often not much love lost between the Indian and Sri Lankan governments. Mr. Swamy, like many Indian authors, still harks back to the assassination of Rajiv Gandhi in 1991 as the defining element in India’s relationship to and judgement of the LTTE until today. This, however, says more about the mental state of India’s elite regarding this tragedy than about the facts of the case.

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Since the pieces are so to speak written on the hoof, one should not criticise occasional contradictions in the presentation and analysis. Yet, some of the sensational events narrated by the author (unreferenced or insufficiently evidenced) especially about forced recruitment of children and girls remain unverified and unconvincing, not least because they sound implausible: as the author admits on p. XLVII, the military value of young children remained doubtful. Why then should the battle-hardened LTTE have forcibly recruited them? Other facts reported by the author flatly contradict the reviewer’s own observations and the reports of neutral observers, e.g. about the Tsunami. The author portrays the LTTE as having lost their nerve and fleeing for their lives. All other reports and observations narrated the prompt and efficient dealing of the LTTE with the catastrophe – comparing favourably with the inefficient and hesitant approach by the Sri Lankan government. Prabhakaran is described as cleverly anticipating events (p. XXXIX) in one place, which would fit the earlier description as a ruthless guerilla leader, but in other places, notably at the beginning of the present study, dismissed as a ‘school dropout of low intellect’ (p. XVIII) bent on violence and prone to errors. This low intellect shows in not accommodating India’s wishes and strategic interests – in the eyes of the author one of Prabhakaran’s gravest blunders! Against this, his repeatedly stated disregard for the Tamil people becomes irrelevant. That Prabhakaran desired Rajapaksa’s election victory to show the world the racism of the regime and therefore called for a boycott is certainly true (p. LX). It is also true that this was a misconception, but as the author admits himself the ploy has worked in other instances and should not be put down to mere stupidity. The blame for the brutal end to the war is laid squarely at the feet of the LTTE and particularly Prabhakaran. While the style and politics of Rajapaksa are approved, both evil intent and military blunders are impugned to the LTTE. He reproaches the LTTE both for causing civilian suffering during the war and for preventing political participation and discouraging criticism (p. XX). Yet a bit further on he describes precisely this criticism (p. XXIII) and claims (p. 149) that the LTTE had lost the people’s support. It is not understandable how the LTTE could lose support it never had in the first place. What would have been more accurate to say is that the LTTE lost the (until then quite considerable) moral support of the people towards the end, because it could not fulfil the military protection role the population had expected. There was very little active support from the mass of the population ever. The testimonies of the two women cadres clearly show the reasons for the Tamil uprising, and these were not, contrary to the author’s statement, invented by the LTTE: a feeling of discrimination and oppression and a deep-seated distrust of the Sinhalese ever accepting the Tamils as equals. This distrust has not vanished with military victory, but increased. In this context, it is illuminating to read the reasons given by the girls for joining (voluntarily!) the LTTE. These are stories which the reviewer has heard from other sources in similar form as well.

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Here, as elsewhere, the author lets it become too obvious that his sympathies lie with other militant Tamil outfits more amenable to Indian manipulation, and he seems to take personal umbrage for the LTTE being successful in its fight where other groups were not. Journalists have a right to be biased, but in that case they should declare their interests and not pretend neutrality. The bias shows also in his discussion of the split from the LTTE by the Karuna faction in 2004. While the writer acknowledges that Karuna’s faction was the one mostly responsible for child recruiting and other excesses, he still seems to harbour implicit sympathies for the faction and rejects their being termed ‘traitors’. His own statements in article no. 68, however, make it quite clear that the LTTE split in 2004 was engineered by the Sinhalese government and Karuna bought over like so many others before him (if it needs a final proof at all: Ranil Wickremesinghe, a former Prime Minister and leader of the United National Party (UNP), admitted this to the reviewer in 2007 himself). Under normal circumstances, this is called treason. What strikes the reader most forcefully is that even a journalist like Swamy who had known the conflict practically from the beginning did not foresee nor predict the utter defeat of the LTTE in 2009, even though he reported a rising dominance of the Sri Lankan army from 2007 onwards. In his later articles, the military mistakes since 2007 are somehow projected back to earlier years, though the articles from 2003 to 2006 years show that back then the author himself was still equivocal about the chances of Eelam. Even in early 2009, he still wrote of set-backs and crises rather than of a final push towards defeat. The government and people in Tamilnadu come in for severe criticism in the last days of the war – for not helping the Tamil people and rather supporting the LTTE! This is directed especially at Chief Minister Jayalalitha who admittedly played fast and loose with the Tamil issue. But when this is contrasted to the alleged help the central government was providing (p. 161/62), one can only say that there are none so blind as those who do not want to see. From the reviewer’s own experience there were attempts among Tamilnadu public figures to help the Tamils in the final impasse – impeded and truncated by the fact that the state government cannot (and never could) move without the central government’s approval. The article collection ends with two obituaries of Prabhakaran, one of which (no. 67) contains some controversial statements that contradict evaluations by long-term scholars of the movement (e.g. the description of the early years of the LTTE and Prabhakaran’s rise within it on p. 166) and another one (no. 70) verging on the scurrilous in its concentration on personal foibles. The postscript undertakes to give some reasons for the comprehensive rout of the LTTE and the final cataclysm. A number of blunders are identified, but some of the reasons given by the author are too superficial to be plausible: he mentions the LTTE’s alienation from the Indian ruling class as well as their slighting the ‘West’ (whatever that may be) and their being undemocratic. Whether the last characteristic led to their defeat, may be justifiably doubted, otherwise there would be no militant movements world-wide any more which

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are supported by one or the other ‘Western’ country. More convincing are the sections addressing the split in 2004, the election boycott in 2005 and the ruthlessness of the Rajapaksa family regime (here called quaintly cohesiveness). The author claims that the LTTE lost the war because it failed to achieve what it promised, while attributing the Sinhala government’s success to becoming like the LTTE. Is the reviewer the only one seeing a logical fault here? The author’s conclusion is one increasingly gaining ground: there is hardly a future for the Tamils in Sri Lanka. Like many others both in India and the ‘West’ he wants to draw a separating line between the LTTE and the Tamil population. But this is neither easy nor useful. The relationship between the LTTE and the Tamil people was much more complex, and there were no clear dividing lines. But to blame the LTTE for the suffering of the Tamils instead the government comes too dangerously close to blaming the victim to be either convincing or acceptable. Most of the civilian suffering must be attributed to the Sri Lankan government, but their human rights violations are rarely acknowledged. The less than rigorous proof-reading leads to occasional repetitions of facts and quotes, something which is particularly irksome in the last article of the collection. The book is useful for reading up on the facts and events leading to the LTTE’s demise; but the conclusions (whatever there is of them) should be taken with a large grain of salt. Dagmar Hellmann-Rajanayagam

JORGE V. TIGNO (ed.), State, Politics and Nationalism Beyond Borders. Changing Dynamics in Filipino Overseas Migration. Quezon City: Philippine Migration Research Network and Philippine Social Science Council 2009. 169 pp., US$ 9.99. ISBN 978-971-8514-32-0 James F. Hollifield’s passionate plea for political scientists to take a broader interest in migration studies, a field of research generally dominated by sociologists and economists, culminated in a book chapter by him with the somewhat hyperbolical title “The Politics of International Migration. How Can We “Bring the State Back In”? (in: Brettell, Caroline B. and James F. Hollifield (eds.): Migration Theory. Talking Across Disciplines. New York / London: Routledge 2000, pp. 137–185). Almost a decade later, an edited volume on a one-country case study honors Hollifield’s plea. The volume compiled by Jorge V. Tigno takes issue with the new dynamics in international migration that originated in the Philippines, and it claims, as the title states, to focus on the concepts of state, politics and nationalism. Although the contributors – three political scientists (Jorge V. Tigno, David Camroux and Stefan Rother) and a lawyer (Henry S. Rojas) – share perspectives from related disciplines, the conceptual approaches of their chapters

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could not be more diverse. Two remarks must be made in this context: First, the chapters emerged from several conferences and most of them were not written specifically with the subjects of state, politics and nationalism in mind. Second, political science itself is a highly diverse discipline, and this volume ranges widely within the scope of what may be considered the discipline’s “trademark.” While Camroux and Rother provide qualitative, empirical analyses focusing on the macro (Camroux) and meso (Rother) levels of Filipinos’ migration experiences, Tigno and Rojas offer policy advice. Both their contributions end with multiple-point action plans that contain recommendations on procedures to improve migration management. What makes this volume particularly worth reading is the high level of in-depth analysis of all four contributions of how political actors approach the issue of emigration from the Philippines. This quality is most apparent in Rother’s contribution, which addresses the networks of Filipino temporary workers in Hong Kong, the so-called transnational political (!) spaces and their relevance. The first section on theory introduces political science and sociological models by Edgar Grade and Ludger Pries, respectively. It is followed by an empirical section that outlines, for example, mechanisms of governance from below within the transnational political spaces which can be traced among Filipino workers in Hong Kong. Rother’s analysis produces a rare, and therefore surprising, observation about civic participation in the context of migration studies. His data show that civic participation in Hong Kong on behalf of Filipino workers can be attributed mainly to the Filipino community itself, rather than to the destination country’s society. While studies such as the one published by Barbara Laubenthal (Der Kampf um Legalisierung. Soziale Bewegungen illegaler Migranten in Frankreich, Spanien und der Schweiz. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2006) were able to portray the migrants’ political power in a European context, studies about Asia – in the case of Japan, for example, by Apichai W. Shipper (Fighting for Foreigners. Immigration and its Impact on Japanese Democracy. Ithaca, N.Y. / London: Cornell University Press 2008) – show a contrary trend, i.e., a relatively low level of political activism among the migrant population in the country of destination. Rother presents several lobbying activities of Filipino temporary workers actively participating in non-governmental organizations. Those activities focus on traditional issues relevant to the group, especially immigration and labor laws (such as minimum wage and paid leave). In addition, this civic participation provides an interesting twist: While it adopts a confrontational course toward Hong Kong’s state authorities, migrants maintain cooperative relations with many Philippine authorities, in particular with the consulates. The close cooperation between the Philippine state and non-state actors can be understood as an extension of governance from one state into the territory of another. Rother concludes his chapter by stating his intention to deepen his research through a more actor-centered analytical framework. This is

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a necessary step if he is to fully remove the remaining anecdotal aura from his convincing research approach. Camroux, too, in his chapter deals with the Philippine state’s range of political influence. In fact, his approach faithfully reflects the volume’s title. Camroux focuses on three concepts – state, diaspora, transnationalism – and exposes the multiple problems of their applicability and non-applicability to Filipino migrant workers, i.e., the so-called “new national heroes” (p. 53) and their individual migration experiences. Although Camroux’s contribution is by far the longest – more than 50 pages – the presentation of his arguments is sometimes too brief. For example, even though the term diaspora is rooted in the expulsion of religious or ethnic groups, Camroux states that since the term has become omnipresent in the media we can simply use it in the context of Filipino migrant workers. It is not until later, after a brief look at the political economy of Filipino migrant workers and their remittances, that Camroux introduces Robin Cohen’s five ideal types of diaspora (victim, labor, imperial, trade and deterritorialized diaspora). Camroux concludes that diaspora is a useful concept in the Philippine context since it highlights the idea of a “Filipino family” (p. 87) that exists independently of citizenship and status of residence in the various countries of destination. In addition, Camroux presents his thoughts on state as a concept. In the context of migration it is possible to take a closer look at the power of the Philippine state, particularly with regard to governance as implemented and made use of by migrants. This power is remarkable since the Philippine state is commonly referred to as a so-called weak state. When it comes to the third concept central to his analysis, transnationalism, Camroux expresses strong doubts about the concept’s applicability to migration reality. According to him, there are no visible transnational characteristics within the Filipino migration population. Rather, it is characterized by “dual localism” (p. 88) and in consequence by “binary nationalism” (p. 89), which can be explained as the migrants’ simultaneous emotional localization in two places. Although Camroux’s contribution includes a vast amount of data such as statistics about the Filipino emigrant population as well as the economic significance of their remittances, there is not much data supporting his chapter’s main contention, which hints at the need to replace the commonplace concept of transnationalism with the term bi-nationalism. The following two chapters by Tigno and Rojas offer policy proposals intended for the Philippine state. Tigno provides an extensive reevaluation of existing unilateral, bilateral and multilateral approaches to migration management. His chapter presents numerous short pieces portraying case studies on topics such as gender, security and economics, and thus serves as a well-rounded introduction. Tigno ends on a note of advice for the Philippine state when he emphasizes the central position of the multilateral level in migration management, which is evident in particular when facilitating migration procedures and prioritizing issues of migrants’ human security. While Tigno focuses on the macro level, Rojas treats the micro level of migration, for example, by pinpointing opportunities for political activism of migrants in their country of origin. Rojas

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provides a detailed quantitative study on the experiences of political participation of Filipinos by addressing their utilization of new instruments of participation in the 2004 and 2007 national elections. The gist of this chapter is migrants’ desire for political activism. It also argues for a variety of measures to increase political activism, including, for example, reforming registration procedures, which would increase the integrity of the voting system. Ultimately these measures would enhance the stability of the democratic system in the Philippines. This volume deserves attention as a contribution on several aspects of governance in the context of Filipinos’ migration experiences. It discusses activities by civil society organizations, several individual politicians, and multinational migration management. Throughout the volume the reader is accompanied en passant by this approach of multi-level governance. The editor deserves credit for this achievement and for his accomplishment in providing an extensive introduction to the various dimensions of Filipinos’ national migration experiences and their significance for the national economy. Furthermore, and in particular, the editor and authors deserve credit for providing an introduction to the dynamic changes of the Philippine’s political system in Hollifield’s spirit. This aspect of the volume, which is also formulated as a goal in the introductory chapter, should, however, have been applied more rigorously to the individual contributions, especially with regard to the formulation of the respective research questions. In addition, it should be noted that the volume would have been easier to read if the contributions had been more thoroughly copy-edited. That said, the entertaining (short) read rewards the reader with an extensive insight into issues of governance surrounding migrants in a country of about eight million “new national heroes” who generate 13 percent of the national gross domestic product from overseas (p. 59). (A German version of this review was first published in: NOAG (Nachrichten der Gesellschaft für Naturund Völkerkunde Ostasiens / Hamburg), Vol. 185/ 186 (2009/2010), pp. 216– 219. Ms. Antje Bieberstein assisted with the English translation.) Gabriele Vogt

RAINER WERNING, Krone, Kreuz und Krieger. Europäische Vermächtnisse in den Philippinen. Crown, Cross and Crusaders. European Legacies in the Philippines. Essen: Verlag Neuer Weg, 2011. 109 pp., € 9.00. ISBN 978-3-88021-386-9 Many German-speakers traveling to the Philippines for the first time may be surprised to come across a street and a metro station named ‘Blumentritt’ in Manila. In the nineteenth century Ferdinand Blumentritt, an Austrian ethnographer, was one of the most knowledgeable European scholars about the Philippines and a friend of the Philippine national hero José Rizal. Blumentritt is just one of many European legacies in the Philippines and probably one of the better

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known. European legacies in the Philippines are the central theme of Rainer Werning’s new book. Rainer Werning knows the political and colonial situation in the Philippines from years of research. The book is the publication of lectures that Rainer Werning held in Philippine universities and the German Club in Manila. The lectures were held in English and, therefore, half of the book is in English as well. The other half of the book consists of the German translation. The first chapter of the book deals with omnipresent and better known legacies whose effects are still very visible in contemporary everyday life in the Philippines. The most obvious European legacy in the Philippines is the name of the country. The Philippines were named after the Spanish king Philip II, who not only wanted a base for trade with China, but was also driven by religious motives to spread the Catholic belief. He also supported the harsh treatment of the Moros in the Southern Philippines. Spaniards born in the Philippines were termed Filipinos, but already Rizal – of Chinese origin – considered himself as Filipino. Other legacies from Spanish colonialism are the widespread practice of Catholicism, the celebration of fiestas and landlordism. The latter still impacts on the contemporary social structure. Many landlords are of Spanish origin. Hidden legacies are the topics of the next chapter. Rainer Werning first introduces the reader to John Joseph Pershing, who during US colonialism in the Philippines held various positions in the Southern Philippines. He was overall commander of Mindanao and became known as the ‘butcher of the Moros’. Rainer Werning then deals with a nearly unknown chapter in the relationship between Spain and the Philippines: the role of the Falange Exterior, a Fascist organization during the Second World War. The Japanese occupation of the Philippines was supported by the Falange. The organization was very active in the Philippines and had around 10,000 members. Another chapter portrays protagonists who influenced bilateral relationships. Rainer Werning explains the continuing integration of the Philippines in the world economy in the nineteenth century, which advanced with increasing mobility. Many members of the Propaganda Movement (Filipino liberals exiled in 1872 and students abroad) went to Europe. One of them was José Rizal who made friends not only with the aforementioned Ferdinand Blumentritt, but also with Rudolf Carl Virchow, a leading figure in medicine and social reform. Another almost unknown aspect of Philippine history was the willingness of the Philippine government to admit Jewish refugees during the Second World War. The Jewish community in Manila peaked at around 2,500 persons in 1941. Mindanao was targeted as a place for resettlement, but the Japanese occupation brought the plans to a stop. Individual members of the Jewish community enriched the Philippine cultural and scientific scene. One example is Herbert Zipper, a composer, conductor and musician who became conductor of the Manila Symphony Orchestra. In the last chapter, Rainer Werning introduces the audience to Captain Hermann Leopold Schück from Silesia, who befriended the Sultan of Jolo in the nineteenth century and became an amateur diplomat. One of the richest business

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families in the Philippines today is the Zobel de Ayala family, whose conglomerates strongly impact on the Philippine economy and the development of Makati, Manila’s business quarter. The family traces its origin to a German pharmacist who left Hamburg in 1832 to open a drugstore in Manila and later engaged in mining and established a chemical laboratory. The book tries to shed light on hidden aspects of European legacies in the Philippines. It not only mentions the well-known legacies of Spanish and US colonialism, but uncovers surprising new topics like the role of the Falange or the Jewish community in Manila. The lectures were originally intended for a Philippine audience and therefore German readers without basic knowledge about the Philippines might want some background information. At 109 pages the book is relatively short, and after reading it one would like to read more about these largely unknown aspects of European legacies in the Philippines. Simone Christ

HELWIG SCHMIDT-GLINTZER, Wohlstand, Glück und langes Leben. Chinas Götter und die Ordnung im Reich der Mitte. Frankfurt/Main / Leipzig: Verlag der Weltreligionen, 2009. 449 Seiten, € 24,80. ISBN 978-3-45871018-9 Der Titel der Einleitung „Die Kunst, Chaos in Harmonie zu verwandeln“ könnte dem Autor selbst Ansporn gewesen sein bei seinem ebenso verdienstvollen wie anspruchsvollen Unterfangen: die Kunst, die chaotische Fülle der Überlieferung – von mehr als 2000 Jahren auf einem Raum so groß wie Europa – in eine Ordnung zu verwandeln. Der rote Faden, der nie verloren geht und mit komplexen Mustern gesellschaftspolitischer Entwicklung verwoben wird, ist das religiöse Leben im „Land der Mitte“, das sich auch nach der Reichseinheit im 3. Jh. v. Chr. nur scheinbar als monolithischer Block präsentiert. Mit seiner Einleitung (S. 18–63) setzt das Buch in der Gegenwart ein, bei aktuellen Entwicklungen in der VR China als Ort der seit geraumer Zeit konstatierten Wiederkehr der Religionen, Wiederkehr der Götter. Grund genug, den Blick in die Geschichte zurückzuwenden, nicht zuletzt, um ihn zu schärfen für damit einhergehende Rekonstruktionen, Dekonstruktionen, materialistische und spirituelle Dynamiken, offizielle und inoffizielle Varianten von Religiosität. Der erste Teil des Buches, „Himmel – Erde – Mensch“ (S. 64–130), hält sich in den vorchristlichen Jahrhunderten auf, greift religiöse Aspekte heraus, die für die chinesische Zivilisation in ihren Anfängen kennzeichnend sind: die Ordnung einer dem Rhythmus des Universums angepassten Welt, Ahnen- und Totenkult, Orakelwesen und Himmelsglaube, Schöpfungsmythen, das Fortleben der Götter und Geister, philosophische Auslegungen der kosmischen und Menschenwelt, Entsprechungsdenken.

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Im zweiten Teil, „Die Überwindung der Götter“ (S. 131–190), steht die geistige und religiöse Entwicklung nach der Zeitenwende im Mittelpunkt. In die verschiedenen Thematiken: Verblassen der Götter, Staatskulte und Volkskulte, Individuierungsprozesse, Endzeitvorstellungen und Heilserwartungen, Paradiese und Utopien, Wahrsagerei und Omina, Mahayana-Buddhismus sind beziehungsreiche Querverweise zu späteren chinesischen Denkern sowie zur Wahrnehmung Chinas durch Europa eingestreut. So ist die Chronologie immer wieder unterbrochen, doch mit Gewinn, erweist sich hier Geschichte, die eigene wie die fremde, umso deutlicher als Fundus für Selbstvergewisserungen bzw. Gegenentwürfe. Der dritte Teil, „Neue Welten: Höllen und Paradiese“ (S. 191–255), umfasst eine Zeit, die auch als chinesisches Mittelalter (5.–8. Jh.) bezeichnet wird. Politische Zersplitterung, Sinisierung des Buddhismus, Auseinandersetzung zwischen Daoismus und Buddhismus setzen sich in Form von Annäherungen, Abgrenzungen und Vermischungen der Religionssysteme fort. Stichworte reichen kaum aus, die Vielfalt religiöser Phänomene in dieser Zeit anzudeuten: Lebenspflege als äußere und innere Alchimie, Binnendifferenzierung der organisierten Religionen, Kanonisierung der Texte, Heilige Orte und Pilgerschaft, Verhältnis von Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus zu Herrschaft und Kaiserstaat, Aufklärung und „Atheismus“, Orthodoxie und Heterodoxie. Im vierten Teil, „Das Gespräch der Religionen“ (S. 256–291), kommt der Kultur- und Religionsraum der Seidenstraße in den Blick und mit ihr bisher fremde Religionen, die entweder mit den zentralasiatischen Händlern den Weg ins Land der Mitte fanden oder sich an den Rändern des Reiches entwickelten: Manichäismus, Christentum, Islam, tibetischer Buddhismus, mongolischer Lamaismus. Auf chinesischem Boden selbst entstand als Reformbewegung gegen den offiziellen Buddhismus der Meditationsbuddhismus des Chan, der sich seit dem 13. Jh. bis heute in Japan ungebrochen als Zen behauptet. Den vierten Teil abschließend wird der Neokonfuzianismus, der in der späten Kaiserzeit das Selbst- und Weltverständnis von Beamten und Gelehrten entscheidend prägen wird, an seinem Hauptvertreter Zhu Xi (1130–1200) erläutert. Der fünfte Teil, „Verlust der Mitte und Suche nach einem Neuanfang“ (S. 292–365), reicht mit der Kommunistischen Revolution, Gründung der VR China, Liberalisierungspolitik seit den 1980er Jahren in die Gegenwart hinein. Die Mitte war spätestens mit dem Sturz der Ming-Dynastie durch die Mandschu im Jahre 1644 verloren. Auch die Präsenz der Jesuiten und anderer Missionare trug zum Verlust der Mitte bei. Rebellionen hatten der Ming-Dynastie sowohl zur Macht verholfen als auch ihren Sturz vollbracht. Unter der Fremdherrschaft der Mandschu reißen bald die Aufstände mit und ohne Heilserwartung nicht mehr ab und vermischen sich im 19. Jh. ununterscheidbar mit den religiösen Konflikten in einem Vielvölkerstaat. Lange bevor sich der chinesische Kommunismus als verändernde Kraft herausgebildet hat, war das Kaiserreich mitsamt der Mandschu-Herrschaft von der politischen Bühne verschwunden. Spätestens in den 1980er-Jahren löst der Pragmatismus eines Deng Xiaoping die (kultur)revolutionären Impulse ab. Hand in Hand geht damit nach Jahren der Ver-

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folgung und Zerstörung von Klöstern und Tempeln eine liberalere Haltung gegenüber Heilslehren, Kirchen und Sekten. Nichtsdestotrotz ist bis heute das Verhältnis zwischen Staat und Religionen prekär. Der Ausblick (S. 366–392) wirft Blitzlichter auf aktuelle Entwicklungen und schlägt den Bogen zum Anfang des Buches: Veränderungen im Selbst- und Weltverständnis, Menschenrechte bzw. individuelle Freiheitsrechte, Regionalismen, die Rolle der Eliten, der Pluralismus und seine Grenzen und nicht zuletzt die Religionen als Hilfe bei der Sinnsuche. Den Anhang bilden eine Zeittafel, ein 30 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis sowie ein Stichwortregister von über knapp 20 Seiten. Am Ende steht ein Inhaltsverzeichnis, in dem ausführlich die Titel der einzelnen Kapitel und Unterkapitel aufgeführt sind – im Unterschied zum Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches, das nur die Überschriften der fünf Einzelteile nennt. Zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen veranschaulichen – passend zu Text und Kontext – signifikante Phänomene der Kultur- bzw. Religionsgeschichte Chinas. Insgesamt ein sehr hilfreiches Buch, das eine lange Beschäftigung mit chinesischer Kultur und Geschichte und anhaltendes Interesse an aktuellen Entwicklungen voraussetzt. Nur so konnte es dem Autor gelingen, den Wald vor lauter Bäumen nicht aus den Augen zu verlieren, die großen Linien mit einer Fülle von Details auszugestalten. Wer sich einen Überblick über die Geschichte Chinas verschaffen und zugleich am Beispiel der Religionen in die Tiefe gehen will, ist mit diesem Buch gut beraten. Die Verquickung sozialpolitischer Geschichte mit religiösen Lehren und Praktiken bringt spezifische Einsichten hervor, ohne dass die Komplexität der beiden Felder auf der Strecke bleibt. Bei allem Respekt vor der Abfolge der Zeiten hält es sich an keine strenge Chronologie, sondern greift immer wieder in die Geschichte vor und zurück oder quert die Kulturen, wenn der Exkurs zur Erhellung der Einzel- und Gesamtthematik beiträgt. Gudula Linck

MARCIA R. RISTAINO, The Jacquinot Safe Zone. Wartime Refugees in Shanghai, Stanford: Stanford University Press, 2008. XIII, 206 pp., US$ 27.95. ISBN 987-0-8047-5793-5 The fascinating story of a French Jesuit organizing human relief in war-torn China for almost 30 years has not been told so far – for a number of reasons that the author more or less avoids explaining. To French church leaders the pragmatic and self-confident Abbé obviously seemed too involved in local politics. American scholars tend to neglect any help to the Chinese other than American support, like their fellow countrymen in the 1930s. And the (communist) Chinese regarded missionaries and Christian help as handmaidens of Western imperialism. Born into an aristocratic family in northern Lorraine (France) in 1878, Robert Jacquinot de Besange entered the Societas Jesu at the age of 16. He was

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trained for 15 years in English Catholic institutions, acquiring a perfect command of English, and was ordained in Hastings in 1909. As China had been a stronghold of Jesuit missions since the days of Matteo Ricci, who served at the imperial court from 1583 to 1610, the young priest was sent to China in 1913, just one year after China became a republic. Shanghai, the booming industrial centre and largest port of the country, became Father Jacquinot’s new home. He served as a priest in a parish in the French extraterritorial concession and taught at the local Jesuit University (Aurora). By learning Mandarin, the local Shanghai dialect and, last but not least, Japanese, the language of the largest foreign minority, the young priest was able to serve as an intermediary between the different national and ethnic groups in Shanghai. In 1927, during the massacre of communists by Chiang Kai-shek’s army, he developed skills in evacuating Catholic war victims from the battlefield. In 1932 when the Japanese Navy landed marines in Shanghai under the pretext of protecting Japanese civilians, heavy fighting broke out between the new Chinese elite troops and the invaders. Many Chinese civilians took shelter in the French concession and the International Settlement. Local foreign and Chinese authorities organized refugee camps to try to cope with the chaos, which eventually ended with an armistice after three months` fighting. This experience can be seen as a trial run and model for the situation that arose with the new invasion of Shanghai by the Japanese in October 1937. The fierce Battle of Shanghai was fought by Chinese, German-trained and equipped model divisions, which humiliated the “ever victorious” Japanese troops. Faced with the constant threat of damaging foreign property and getting involved in international politics, the Japanese forces agreed to a safe zone for Chinese civilians. The French, too, were interested in a safe zone. Since Chinese civilians had flooded the concession, it had to be closed and a new place found. South of the concession the safe zone Father Jacquinot had tirelessly struggled for was opened on 9 November 1937 to protect more than 250,000 Chinese refugees. The Jesuit priest was in charge of the whole organization of the camp. This provoked protest even from Western observers like Agnes Smedly. The leftist author criticized that the war was a godsend to missionary institutions, since most of the foreign aid was distributed only to Christian institutions. In 1938 Father Jacquinot went on a fundraising tour to the National Government by then located in Chonquing, to Hong Kong, Japan and the United States. In America he received a warm welcome from President Roosevelt and was a distinguished guest at the famous Rice Bowl Parties. As a result, in the United States somewhat more than a million dollars in donations were collected as relief for China. The author, China expert at the Library of Congress, has thoroughly checked all available archives for her study, from Jesuit documents to French and American diplomatic papers and finally Chinese and Japanese holdings. Although Ristaino is conscious of the dangers of a hagiographic approach, there is still an element of hagiography in her account. This is obvious in her comparison between the Shanghai safe zone and the one established by the German

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businessman John Rabe during the “Rape of Nanjing”. While Rabe is well known for his heroic role in protecting Chinese civilians against the looting and raping Japanese invaders, who were taking revenge for the protracted war in Shanghai, the “Christian savior of Shanghai” probably will not attain the same fame unless he is beatified by the Vatican. Abbé Robert Jacquinot died in Berlin in September 1946 while serving as the Vatican’s chief representative for human relief. Bernd Martin

STUDENTENINITIATIVE DES OSTASIENINSTITUTS DER HOCHSCHULE LUDWIGSHAFEN, Ein Beben, elf Perspektiven, München: Iudicium Verlag, 2012. 114 Seiten, € 9,00. ISBN 978-3-86205-078-9 Das Buch bietet eine sehr spannende und berührende Lektüre. Wie haben elf Austauschstudenten, die urplötzlich von der Katastrophe des 11. März 2011 – dem schwersten Erdbeben Japans und dem darauf folgenden Tsunami – in ihren Semesterferien überrascht wurden, darauf reagiert und diesen Schock überwunden? Die Studenten aus Ludwigshafen studierten zu dieser Zeit in fünf japanischen Universitäten, in Akita in Nordjapan, in Takasaki in der Gunma Präfektur, an der Aoyama Gakuin in Tokyo, in Nagoya und an der Kansai Gaidai Universität nahe Kyoto. Einige von ihnen befanden sie sich weitab vom Katastrophenzentrum, andere wiederum wurden bei einem Urlaub in Matsushima und folglich mitten in dem Tsunami-Gebiet getroffen oder blieben auf der Durchreise auf dem Bahnhof von Chiba stecken. Interessant und bemerkenswert ist, wie beherrscht und umsichtig alle Studenten mit der Katastrophe, den Beben, dem Strom- und Netzwerkausfall, dem vorübergehenden Zusammenbruch des Bahnverkehrs und den Versorgungsengpässen umgegangen sind, obwohl sie der japanischen Sprache oft nicht vollständig mächtig waren. Vor allem auf Druck ihrer Eltern und auf Anweisung ihrer jeweiligen Hochschule flogen sie nach der Wasserstoffexplosion in Fukushima umgehend aus Japan aus, um dann fast alle zwei bis drei Wochen später – oft gegen den Widerstand der besorgten Angehörigen – zu Semesterbeginn in die oft recht leeren Vorlesungssäle für Austauschstudenten zurückzukehren. Oft wurde die temporäre Ausreise aus dem Land mit sehr schlechtem Gewissen angetreten, ließ man doch japanische Freunde, Kommilitonen, Gastfamilien und Freundinnen zurück. Zwei Akteure werden in den Berichten der Studenten ausgesprochen negativ beurteilt: Dies sind zum einen die deutschen Medien mit ihrer hysterischen Panikmache, die den Familien der Studenten in der Heimat den Eindruck vermittelten, ganz Japan sei verstrahlt und unbewohnbar geworden. Und zum anderen werden jene Politiker kritisiert, die ihre schmutzige politische Suppe mit der Dreifachkatastrophe kochen wollten – wobei sich,

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wie richtig beobachtet wurde, das deutsche Mitgefühl mit den Tausenden Tsunami-Opfern durchaus in Grenzen hielt. Zu den „Tartarenmeldungen“ zählt unter anderem die Information, ganz Sendai sei zerstört worden, und der Bericht jenes amerikanischen Senders, der die Diskothek „Nuclear Plant“ im Herzen Tokyos in eine Karte der japanischen AKWs aufnahm. Die Medien schienen vor allem an einem apokalyptischen Ausmalen der Katastrophe, die mit Tschernobyl verglichen wurde, interessiert. Auch die deutsche Botschaft in Tokyo, die, nachdem sie Ratsuchende an ihrem Notfalltelefon zunächst zum Bleiben aufgefordert hatte, nach einigen Tagen nach Osaka evakuiert wurde, bekommt in diesen Berichten keine besonders guten Noten: So habe sie undifferenziert empfohlen, Jodtabletten einzunehmen, und den Tipp gegeben, ansonsten die Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen zu verfolgen. Auch beim Verlassen des Landes per Flugzeug gab es keine Unterstützung. Im Wesentlichen blieben diese jungen Leute in der Stunde der Not sich selbst überlassen und mussten sich angesichts der verqueren Nachrichtenlage, der Abwiegelung der japanischen Behörden und der Panik erregenden Berichterstattung der deutschen und amerikanischen Medien selbst einen Reim auf die Situation machen, um angemessen reagieren zu können. Am spannendsten ist sicher der Bericht eines Paares, das in Matsushima an der Sanriku-Küste Ferien machte. Man war gerade dabei, sich Schiffstickets am Hafen zu kaufen, als das Erdbeben, gefolgt von der Tsunami-Warnung, begann. Beherzte Angestellte des Fährbetriebs räumten sofort das Hafengelände und geleiteten die bei ihnen Gestrandeten zum nahen Zuiganji-Tempel als Zufluchtsort. Nach dem Ausfall von Strom und Wasser kochten die Mönche mit Feuerholz Tee, und eine Schülergruppe verteilte Notfallrationen. Schließlich schlug sich das Paar mit dem Taxi nach Sendai durch, ernährte sich in Suppenküchen, um schließlich in Nachtbussen und überfüllten Zügen stückweise über Yamagata, Tsuraoka, Niigata und Nagoya bis nach Kyoto zu gelangen. Ein ausgesprochen positives Bild wird in diesen Berichten von der japanischen Bevölkerung gezeichnet. Es ist sehr beeindruckend, wie hier einstimmig ein Loblied auf die Disziplin, den Stoizismus, das Gemeinschaftserlebnis der zusammengewürfelten Notgemeinschaften und die spontane Hilfsbereitschaft der Japaner angestimmt wird. Ob in Notunterkünften Pappe als Unterlage zum Schlafen und Decken geteilt wurden – auf dem Bahnhof in Chiba machten dies die Obdachlosen – oder den Ausländern Durchsagen übersetzt und sie zu den wenigen fahrenden Zügen und Bussen geleitet wurden, all dies erfolgte mit selbstverständlicher Höflichkeit. In den langen Schlangen, die sich nach Lebensmitteln, Benzin und den wenigen Bussen und Bahnen anstellten, gab es den Berichten zufolge kein Gedrängel und keine bösen Worte. Das gleiche positive Bild bot sich auf den Flughäfen, die von der Ausreisewelle, die nach der Wasserstoffexplosion einsetzte, überfüllt waren – wohingegen manch eine Fluglinie die Gunst der Stunde zu nutzen schien, um ihre Preise zu erhöhen. Angesichts der Angst schürenden Darstellungsweise der deutschen Medien, die im selben Atemzug verkündeten, die stolzen Japaner wollten gar keine frem-

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de Hilfe, schämten sich die meisten Studenten für ihr Land. Umso mehr kann man ihren berechtigten Stolz nachvollziehen, selbst gegen den Widerstand ihrer von der Presse beeinflussten Familien nach wenigen Wochen nach Japan zurückgekehrt zu sein und ihr Auslandsstudium wie vorgesehen abgeschlossen zu haben. Erfreulich ist es auch für den Leser festzustellen, dass eine Generation, der oft nachgesagt wird, sie sei angesichts der Verführungen des Internets kaum noch des Lesens und Schreibens mächtig, eine sehr lesbare und stilistisch meist anspruchsvolle Prosa liefern kann. Alles in allem: Ein sehr schönes und nachdenklich stimmendes Buch. Albrecht Rothacher

SEBASTIAN DOBSON / SVEN SAALER (Hg.), Unter den Augen des PreußenAdlers: Lithographien, Zeichnungen und Photographien der Teilnehmer der Eulenburg-Mission in Japan 1860–61. 392 Seiten, 188 farbige Abbildungen. München: Iudicium Verlag, 2., durchgesehene Auflage 2012. € 49,00. ISBN 978-3-86205-135-9 Ohne die finanzielle Unterstützung der OAG in Tokyo und der Firma Merck wäre es gewiss nicht möglich gewesen, diese dreisprachige Publikation aus Anlass des 150. Jahrestages der Unterzeichnung des Preußisch-Japanischen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrags am 24. Januar 1861 so preiswert zu realisieren. Obwohl zunächst ja nur ein Vertrag zwischen Japan und Preußen, wird dieses Dokument heute als Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland angesehen. Eine Fülle von Berichten über die Eulenburg-Mission liegt vor. Dieser Band jedoch stellt sich die Aufgabe, „die visuelle Hinterlassenschaft der Eulenburg-Mission zu reproduzieren und, versehen mit Annotationen und Einordnung in den historischen Kontext, einer breiten Leserschaft (in drei Sprachen) zugänglich zu machen.“ (S. 22) Insgesamt haben sechs Autoren an dem Band mitgewirkt; der Hauptteil des Buches jedoch stammt von dem als freier Wissenschaftler in Antwerpen lebenden Sebastian Dobson, der ein Spezialist für die Geschichte der Photographie ist. Während in den vorhergehenden Beiträgen von Sven Saaler 150 Jahre japanisch-deutsche Beziehungen resümiert werden (S. 37–46), Peter Pantzer die Eulenburg-Expedition in einen vermittelnden Kontext stellt (S. 47–66) und Veit Hammer und Timon Screech die preußische Kenntnis von Ostasien im 17. und 18. Jahrhundert darstellen (S. 67–76), beginnt der im Titel angezeigte Schwerpunkt ab S. 77 mit den folgenden vier Beiträgen von Dobson: Kapitel V, „Humboldt in Japan“ (S. 77–124), analysiert den Einfluss, den Humboldt auf die Auswahl des wissenschaftlichen Personals der Expedition hatte, deren Beginn er zwar selbst nicht mehr erleben konnte, doch sein ganzheitlicher Wissenschaftsbegriff prägte die Arbeit der Teilnehmer auch in Japan.

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Kapitel VI, „Getrennte Ansichten“ (S. 125–254), beschreibt die Spannungen, die zwischen den beiden für die photographische Dokumentation angestellten Mitarbeitern Wilhelm Heine und Albert Berg in Japan entstanden, weil sie von unterschiedlichen Auffassungen des neuen Mediums der Photographie ausgingen. Kapitel VII schließlich detailliert die Schwierigkeiten der Arbeiten vor Ort, die zum Abbruch der Mitarbeit von Heine führten, der auf eigene Kosten über China und die USA nach Deutschland zurückkehrte (S. 255–316). Als besonderes Dokument damaliger Selbstdarstellung sei auch noch auf die Liste der Geschenke der Eulenburg-Expedition an den Shogun (Anhang 1, S. 317–346) hingewiesen, die von Dobson wiederum mit einer Fülle von Details vorgestellt und kommentiert werden. Aber eigentlich will dieses Buch ja nicht so sehr als Text- sondern vielmehr als Bilderbuch wahrgenommen werden. Dazu muss man sich auf die Bilder einlassen und die im Abbildungsverzeichnis (Anhang 2, S. 347–372) jeweils nachgewiesene Quellenlage nachschlagen – ein etwas mühsames Unterfangen, denn das 30 x 21,5 cm querformatige Buch wiegt als Hardcover immerhin 1,5 Kilo. So erschließen sich Stück um Stück die 190 „visuellen Quellen“. Sie beinhalten „Lithographien des offiziellen Expeditions-Malers, Albert Berg (Ansichten aus Japan, China und Siam), welche 1864 bis 1873 von der Königlichen Geheimen Oberhofdruckerei in Berlin in einer Auflage von 500 Exemplaren publiziert wurden, aber inzwischen eine Seltenheit geworden sind; Werke eines weiteren offiziellen Zeichners der Mission, Wilhelm Heine, aus seinem Buch Japan. Beiträge zur Kenntnis des Landes und seiner Bewohner; Photographien des offiziellen Photographen Carl Bismarck, seines Assistenten und Nachfolgers August Sachtler sowie von John Wilson, einem vorübergehend in Edo von Eulenburg angestellten amerikanischen Photographen; sowie letztlich zeitgenössische Reproduktionen dieser Photographien aus der Leipziger Illustrierten Zeitung, der ersten deutschen Illustrierten“ (S. 23). Besonders bemerkenswert ist die Reproduktion der 30 Ansichten von Japan (S. 194–253) aus den genannten Ansichten von Japan, China und Siam, weil auch die beschreibenden Texte der Erstausgabe wiedergegeben werden und uns so nicht nur ausgewählte zeitgenössische Wahrnehmungsmuster sondern auch deren Deutung vermitteln. Was wurde für heimische Betrachter ausgewählt, in aufwendigen Verfahren entwickelt und welche Interpretationen dann dazu gesetzt? Wer die Ansichten nach mehr als 150 Jahren derart durchsieht, ist erstaunt über die behutsame Vermittlung der jeweiligen Motive. Dazu ein Beispiel, das ich vor allem deswegen ausgewählt habe, weil der kommentierende Text vergleichsweise kurz ist und hier in voller Länge ohne Selektion durch den Rezensenten wiedergegeben werden kann (S. 222/223): „Yeddo. An der Landstrasse. Ein ländliches Bild, wie es sich an den japanischen Strassen aller Orten wiederholt: schattige Bäume und Hecken, malerische Hütten, Schenken und Theehäuser für alle Classen von Reisenden. In der Mitte breitet ein stattliches Exemplar der Pinus massoniana seine Äste über den Weg; links wachsen Bambus, rechts ragen junge Cryptomerien über den berankten Zaun, dahinter Laubbäume heimischen

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Aussehens. Hier ist der Eingang in ein reinliches Theehaus für bemittelte Reisende; in der ländlichen Schenke gegenüber kehren ärmere Wanderer, Landleute und die Treiber der Lastthiere ein. Der Japaner reist gern und häufig, in Berufs- und Handelsgeschäften, zur Belehrung und pilgernd; die grossen Verkehrsstrassen sollen im ganzen Lande sehr belebt und gut unterhalten sein, Meilenzeiger finden sich überall, und für jeden District, für jede Strecke des Weges kauft man um wenige Pfennige gedruckte Karten und Reisehandbücher, welche die Entfernungen, die Gasthäuser und Schenken, alle Industrien und Merkwürdigkeiten der Gegend genau und ausführlich behandeln. Der hier dargestellte ist ein in die südliche Umgebung der Hauptstadt führender Landweg. Der Theegarten rechts, wo die Reisenden der preussischen Gesandtschaft häufig einkehrten, zeichnete sich durch sonderbare Gartenkünsteleien aus; da waren Bäume in Gestalt von Fächern, segelnden Schiffen und allerlei barocken Formen gezogen.“

Dass der so ausnehmend sorgfältig gestaltete Band wirklich eine „breite Leserschaft“ erreichen wird, ist den Autoren nur zu wünschen, auch wenn die digitalen Medien die klassischen Verfahren zur Wahrnehmung und Vermittlung ausgewählter Erscheinungsformen von Welt fast obsolet haben werden lassen und die Arbeit, die Sebastian Dobson mit diesem ausgewählten Kapitel aus den Anfängen der Photographie gelungen ist, am Ende wohl doch nur in kleinen Fachzirkeln geschätzt wird. Detlef Kantowsky