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Indien – China Vergleich zweier Entwicklungswege von Dirk Bronger 1 Standortbestimmung: China und Indien im Bewusstsein der Öffentlichkeit China – I...

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Indien – China Vergleich zweier Entwicklungswege von Dirk Bronger

1

Standortbestimmung: China und Indien im Bewusstsein der Öffentlichkeit

China – Indien: Die Berichterstattung in den Medien über die beiden Subkontinentalstaaten – demographisch Kontinentalstaaten! – könnte gegensätzlicher kaum sein. Das „Reich der Mitte “ steht für Dynamik und Wandel, wird vorgestellt als „alte Kulturnation “ und gleichzeitig als monolithischer Block. Sein „spektakuläres wirtschaftliches Wachstum “ (Naß 1997: 1) wird heute mehr denn je als Herausforderung, ja Bedrohung empfunden: „Zeichnet sich am Pazifik ein Ringen ab zwischen der Führungsmacht des 20. und der Weltmacht des 21. Jahrhunderts? “ (ibid). Mehr noch: Diese Einschätzung ist keineswegs neu – bereits Napoleon hat von der Bedrohung Europas durch China gewarnt, Kaiser Wilhelm II. von der „gelben Gefahr “ gesprochen. Indien dagegen taucht in den Medien in allererster Linie dann auf, wenn Negatives zu belegen ist, wenn es (ungelöste) Probleme zu erläutern gibt – etwa das Land mit dem unkontrollierten, vor allem aber unkontrollierbaren Bevölkerungswachstum. Indien, das paradigmatische Entwicklungsland, das für Überbevölkerung, Schmutz, Hunger, Kinderarbeit, Not, Unruhen, Landflucht und Slums steht. Dementsprechend wird das Menschenbild konstruiert: hier: 279

280

Indien–China

„der “ dynamische, erfolgs- (und profit)orientierte „Chinese “, dort: der „indische Mensch “, dem zwar Individualität und Eigenständigkeit zugesprochen, Handlungsfähigkeit und Handlungswillen aber weitgehend abgesprochen werden. Und schließlich: Auch für die Zukunft wird Indien allenfalls der Status einer (südasiatischen) Regionalmacht zugestanden – wohlgemerkt politisch, nicht wirtschaftlich. An Textbeispielen aus zwei durchaus renommierten Medien sei dieser Tatbestand verdeutlicht. China erwacht, die Welt erbebt Das also soll die Zukunft des Sozialismus chinesischer Prägung sein: Zhangjiagang, die neue Modellstadt der Volksrepublik, von den Männern an der Staatsspitze dem Milliardenvolk als vorbildlicher Kern einer neuen Zivilisation ans Herz gelegt, geplant schon für das Zeitalter nach Deng Xiaoping. Betonburgen, Aluminiumpaläste, glitzernde Türme aus Glas, 200 Quadratmeter große Villen. Schmucke Schaufensterauslagen und goldfarbene Ladenschilder an brandneuen Fassaden. Die Läden quellen über, die Restaurants sind voll. Arbeiter asphaltieren die Straßen und ziehen Fabrikhallen hoch. Und alle Bauten, die Banken und Büros, sind eingerahmt von exakt ausgerichteten Blumenbeeten. Die Vorbildstadt in der mittelchinesischen Provinz Jiangsu, 130 Kilometer von Schanghai entfernt am Jangtse-Strom gelegen, wurde am Reißbrett geplant. Sie hat schnurgerade Straßen und rechtwinklige Kreuzungen, und sie ist die Stadt der Saubermänner. Täglich schrubben drei Brigaden Straßenkehrer das Pflaster, der Markt ist überdacht, das Gemüse wird säuberlich geputzt, die Frische der Ware ist polizeilich überprüft. 850.000 Menschen leben heute in Zhangjiagang, und noch ist viel Platz für Neuankömmlinge. „So wie in Singapur wollen wir werden “, sagt der Propagandakader Zhou Baoxing, 50. (Der Spiegel, 9/1997)

Und zu den politischen und wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven des „Reiches der Mitte “ heißt es im gleichen Artikel (Der Spiegel, 9/1997): 1997 wird in die Weltgeschichte als das Jahr Chinas eingehen. Im Jahr des Ochsen betritt eine Weltmacht die internationale politische Bühne. Geboren wird mit dieser [Hongkong, D.B.] Wiedervereinigung ein Goliath: Großchina, nicht nur der menschenreichste, sondern dann auch der devisenreichste Staat der Welt. Mehr als 100 Milliarden Dollar steuert Peking dazu bei, mehr als 55 Milliarden („die größte Mitgift seit Kleopatra “, so der letzte britische Gouverneur, Chris Patten) bringt Hongkong mit in die Ehe – eine Valutareserve, über die Deutschland und die USA zusammen nicht verfügen. Das um Hongkong vergrößerte China könnte, wenn es seine Wachstumsraten der letzten Jahre von durchschnittlich zehn Prozent auch nur annähernd hält, schon in etwa zehn Jahren die USA als Wirtschaftsmacht überholen.

Dirk Bronger

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Halbtote irren durch den Müll Nach längerer Abwesenheit besuche ich wieder mit meiner Familie Indien. Wir warten im internationalen Flughafen von Bombay auf den Bus, der uns zum nationalen Flughafen bringen soll. Neben unseren schweren Koffern warten wir auf den Bus. Die Schwüle und das Gekrächze der Krähen auf den flachen Dächern sind mir aus alter Zeit vertraut. Doch der schweflige Gestank, die stickige Luft und die müllübersäten Straßen sind eine neue, fremdartige Erscheinung. Während ich mich umschaue, fühle ich, wie mich mehrere Augen anstarren. Ich wende mich ihnen zu. Drei versteinerte Gestalten stehen mir gegenüber und lassen mich nicht aus den Augen. Ein Mädchen, nicht größer und älter als ich; ihr dürrer Körper trägt einen zerlumpten, verdreckten Rock und eine bis zum Bauchnabel reichende Bluse. Auf dem einen Arm sitzt ein zwei bis drei Jahre alter kleiner, nackter Junge. Mit dem anderen Arm hält sie ein zirka sechs Jahre altes Mädchen fest. Die Kleine in ihrem Kleid, dessen Farbe vom Dreck verblaßt ist, zappelt nägelkauend an der Hand der großen Schwester. Alle drei, barfüßig, mit zerzausten, ungepflegten Haaren und laufender Nase, starren mich bewegungslos an. Ich benehme mich nicht anders und sehe die Trauer, die Ehrfurcht und eine Art Beschuldigung in ihren toten Blicken. „Sag mal, willst du nicht einsteigen “, reißt mich mein Vater aus meinen Gedanken. Der Bus ist da, ich steige ein. Sie starren mich immer noch an. Die Fahrt in dem Bus ohne Glasfenster ist eine Erfrischung und eine Qual zugleich. Die hineinströmende Luft kühlt die Haut und macht sie zugleich klebrig. Vorbei an Häusern aus der Kolonialzeit und modernen Geschäften fahren wir durch ein Gebiet, bei dessen Anblick mir übel wird: In Säcken vermummte Menschen schlafen auf offener Straße im Schlamm; verwahrloste Kinder, wie ich sie am Flughafen gesehen habe, waschen sich an den Abwasserkanälen; bis zu den Knochen abgemagerte alte Menschen ziehen schwer beladene Lastkarren; zwischen zusammengesetzten Bruchbuden aus Wellblech und Müll irren Hunde und Halbtote orientierungslos umher. Dahinter steigen große Müllberge empor, auf denen Krähen und jämmerliche menschliche Kreaturen nach Eßbarem suchen. In Erinnerung hatte ich ein Land mit Palmen und strahlenden Menschen. Nun kehre ich zurück in ein Land, das ein Abbild hoffnungslosen Elends ist, und erkenne, daß Armut eine unbeschreiblich schockierende Gestalt annehmen kann. (FAZ v. 19.10.1998)

Zur wirtschaftlichen Lage der Armen heißt es in einem Artikel mit der Überschrift „Bedrückende Aussichten “ in der gleichen Zeitung (FAZ v. 21.1.1997): Die seit fünf Jahren betriebene wirtschaftliche Liberalisierung und Deregulierung hat zwar größere Wachstumsraten gebracht, aber zwei Drittel der Bevölkerung spüren davon noch nichts [...]. Vierhundert bis fünfhundert Millionen Inder [sind] so arm [...], dass sie nicht einmal die 2000 Kalorien am Tag zusammenbekommen, die für eine halbwegs ausreichende Ernährung erforderlich sind [...]. Die Unterernährung bei Frauen und Kindern ist schlimmer als in Afrika.

282

Indien–China

Zugegeben: Gerade in ihrer Gegenüberstellung sind die Textbeispiele, obschon aus seriösen Quellen ausgewählt, plakativ; zwei Einzelberichte können niemals auch nur entfernt die komplexe Wirklichkeit widerspiegeln. Zudem liest man auch in den zitierten Medien – allerdings eher selten – differenziertere Berichte zur Situation der Länder bzw. der dort lebenden Menschen. Aber die eingangs genannte „Grundeinstellung “ in der Medienberichterstattung über die beiden Staaten erscheint mir dennoch getroffen und somit im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit durchaus verankert – bis in die Gegenwart.

2

Der Vergleich als wissenschaftliche Methode (Anmerkung)

Der Vergleich bzw. die vergleichende Gegenüberstellung der beiden Subkontinentalstaaten hat die verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen seit jeher fasziniert. Der Reiz und die Relevanz zugleich resultiert bereits aus dem Tatbestand, dass es sich hier um die mit Abstand volkreichsten Länder unseres Planeten handelt: Auf sie allein entfallen 36% der Erdbevölkerung – nach der Fläche sind es „nur “ 8,4%. Die hier angestrebte vergleichende Gegenüberstellung der Entwicklungsunterschiede der beiden Länder einschliesslich der seit ihrer Unabhängigkeit erzielten Fortschritte im Allgemeinen und der innerhalb der beiden Subkontinentalstaaten, d.h. in ihrer räumlichen Differenzierung, im Besonderen ist methodisch niemals unumstritten – jeder Vergleich hinkt. Dennoch deckt der Vergleich kennzeichnende Elemente und Strukturen auf; damit hilft diese Methode grundsätzliche Probleme deutlich(er) zu machen, sie leichter zu begreifen. Mit anderen Worten: Der Vergleich schärft den Blick für das Besondere, er ermöglicht den Zugang zum Wesentlichen und (auch) zum Unverwechselbaren, Einmaligen. Eine zusätzliche Berechtigung und damit Relevanz ergibt sich in den Fällen, wo in den zu vergleichenden Objekten eine nennenswerte Reihe von Gemeinsamkeiten, genauer: Gemeinsamkeiten nicht nur in möglichst vielen Strukturelementen (Größe etc.), sondern vor allem in möglichst vielen Lebensbereichen, bestehen (Kap. 3). Unterschiede, ja Trennendes (Kap. 4) gibt es stets genug. Die damit verbundene Relativierung eines jeden Vergleichs kann der Ursachen forschung nur dienlich sein: Das Warum ist schließlich der entscheidende Bestandteil jeglicher wissenschaftlicher Analyse. Die Dimensionen und Bewertungen andersartiger Natur- und Lebensverhältnisse einschließlich ihrer Entwicklungen kann man ohne Kausalforschung zwar ansprechen, nicht aber erklären. Bei der Zielsetzung einer vergleichenden Gegenüberstellung von Großstaaten, dazu höchst unterschiedlicher politischer Systeme, ist die Datenproblematik von besonderer Relevanz (Kap. 5).

Dirk Bronger

3

283

Indien – China: Gemeinsamkeiten

Tatsächlich weisen die beiden Subkontinentalstaaten – zumindest auf den ersten Blick – eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten auf: eine wesentliche Voraussetzung für unsere Zielsetzung. Getrennt nach den einzelnen Lebensbereichen seien die wichtigsten, eher stichwortartig, aufgelistet.1

3.1

Naturraum China mit knapp 9,6 Mio. km2 (Rang 3 hinter Russland und Kanada) und Indien mit 3,3 Mio. km2 (Rang 7 hinter USA, Brasilien und Australien) gehören ihrer Fläche nach zu den größten Staaten der Erde. Indien und China weisen aufgrund ihrer differenzierten naturräumlichen Ausstattung ausgeprägte Gunst- bzw. Ungunsträume auf, entstanden durch Faktoren wie Niederschlag, Böden, Temperatur und Wasserressourcen. Gerade die großen Flüsse (Ganges und Brahmaputra in Indien sowie Huanghe und Jangtsekiang in China) besitzen lebenswichtige aber auch lebensbedrohende Bedeutung für die Bevölkerung: lebenswichtig im Hinblick auf Trinkwasserversorgung und Bewässerung, lebensbedrohend aufgrund von Jahr für Jahr auftretenden Überschwemmungen und/oder Dürren. In beiden Ländern – Indien noch ausgeprägter – ist der Monsun der ausschlaggebende klimatische Faktor. Das bedeutet große Variabilität (und damit Unsicherheit) in der Niederschlagsverteilung, nicht allein im Jahresablauf, sondern ebenso von Monat zu Monat wie auch von Tag zu Tag. In beiden Fällen handelt es sich um, insgesamt gesehen, niederschlagsarme Länder: Auf jeweils über 80% der Fläche bleibt der Jahresniederschlag im Mittel unter 1.500 mm – d.h., Reis, das wichtigste Nahrungsmittel beider Völker, kann nur mit zusätzlicher (künstlicher) Bewässerung kultiviert werden. Das unsichere und wechselhafte Klimageschehen im Zusammenwirken mit der Bevölkerungsdichte (s.u. Abschnitt 3.3) führt zu häufigen Naturkatastrophen, die noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts Hungersnöte und Seuchen gigantischen Ausmaßes zur Folge hatten: Ihnen fielen in Indien zwischen 1910 und 1920 über 10 Millionen, in China zwischen 1959 und 1962 – hier allerdings mitbedingt durch eine verfehlte Wirtschaftspolitik – sogar weit über 20 Millionen Menschen zum Opfer. Mit verursacht wurden diese Katastrophen durch die

1 Vollständigkeit

kann im Rahmen dieses Beitrags nicht entfernt angestrebt werden.

284

Indien–China in beiden Ländern weit fortgeschrittene Entwaldung – der Anteil des Primärwaldes liegt inzwischen bei deutlich unter 10% – mit nachfolgender Erosion bis hin zur Desertifikation. Das Zusammenwirken dieser Geofaktoren bewirkt eine ständige, ja dramatische Verringerung der Ackerfläche pro Kopf. Durch die permanente Zunahme der Siedlungs-, Industrie- und Verkehrsflächen nimmt sogar die Bruttoanbaufläche in China seit über 20 Jahren absolut ab, in Indien stagniert sie seit ca. 1970: Die Neulandreserven beider Länder sind erschöpft.

3.2

Kultur und Geschichte Sie bilden die Kernräume alter, bis weit vor Christi Geburt zurückreichender Hochkulturen– d.h. bereits zu einer Zeit, in der das heutige „hoch entwickelte “ Europa kulturell noch im Dornröschenschlaf lag. Als für die Gegenwart relevantes, weil wirtschaftlich gemeinsames Erbe resultiert aus dieser Zeit ein hoch entwickeltes, diversifiziertes Handwerk. Indien war die Wiege zweier (Buddhismus, Hinduismus), China einer (Konfuzianismus) der fünf großen Weltreligionen. Aufgrund ihrer Größe, Geschichte und auch ihrer wirtschaftlichen Potenz bilden sie die wichtigsten Bestandteile „ihres “, d.h. des süd- bzw. des ostasiatischen Kulturerdteils. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Kernräume beider Länder von ausländischen (überwiegend europäischen) Mächten beherrscht. Die koloniale Penetration währte in beiden Fällen 100 bis 150 Jahre – mit weit reichenden Folgen, die bis in die Gegenwart nachwirken (s.u. Abschnitt 3.4). Beide Großstaaten wurden fast zur gleichen Zeit – 1947: Indien, 1949: VR China – politisch unabhängig. Für die Erlangung der Unabhängigkeit waren zwei charismatische Führungspersönlichkeiten hauptverantwortlich, wie sie unterschiedlicher allerdings kaum sein konnten: Gandhi (1869-1948) und Mao (1893-1976). Seit jeher, und das bis in die Gegenwart, überwiegt in beiden Ländern eine binnenländische Orientierung. Bezeichnenderweise wurden die – wenigen – größeren Häfen sämtlich von den Kolonialmächten gegründet: Shanghai und Hongkong, daneben noch Tianjin und Guangdong (Kanton) in China sowie Mumbai (Bombay), Calcutta und Chennai (Madras) in Indien. Mit Ausnahme der beiden zuerst Genannten rangiert bis heute keiner unter den 50 größten Häfen der Welt.

Dirk Bronger

3.3

285

Bevölkerung Mit fast 1,3 Milliarden (China) und mehr als 1 Milliarde Menschen (Indien) um die Jahrtausendwende sind sie die mit weitem Abstand (3. USA: 275 Mio.) bevölkerungsreichsten Länder der Erde. Existierten die 29 Provinzen Chinas und die 25 indischen Bundesstaaten als selbständige Staaten, so würden sie die Hälfte der – 30 – bevölkerungsreichsten Staaten der Erde (mit jeweils mehr als 60 Mio. Einwohnern) stellen!

Die letzte Verdoppelung der Bevölkerung erfolgte innerhalb von 34 Jahren in Indien und innerhalb von 40 Jahren in der VR China, d.h., das relative Bevölkerungswachstum wird von vielen Ländern Asiens, Afrikas und sogar Lateinamerikas übertroffen, absolut ist ihr Bevölkerungszuwachs bis heute jedoch mit Abstand der höchste geblieben: Mit fast 15 Millionen pro Jahr in China (1981-1996) übersteigt dieser die Zahl der heutigen Einwohner Dänemarks und Schwedens zusammen; der Nettozuwachs Indiens von über 18 Millionen im Jahr (1991-2001) übertrifft die heutige Einwohnerzahl des Kontinentalstaates Australien, d.h. eines Landes nahezu 2,5-mal so groß wie die Indische Union!2 Dicht bevölkerten Aktivräumen („Zentren “) stehen, flächenmäßig sehr viel ausgedehntere, dünn besiedelte, in China z.T. sogar fast menschenleere Passivräume („Peripherien “) gegenüber. Erstere gehören mit Werten von z.T. über 1.000 Einwohnern/km2 zu den am dichtesten besiedelten Agrarräumen der Erde. Darüber hinaus sind beide Länder durch folgende Dichotomien gekennzeichnet: Einerseits ist Indien wie auch China nach wie vor ein Land der Dörfer: Den je über 700.000 Gemeinden stehen nur etwa 2.000 Städte (Siedlungen mit mehr als 20.000 Einwohnern) gegenüber. Während zur Zeit der Unabhängigkeit über 80% der Gesamtbevölkerung auf dem Lande lebte, sind es heute in beiden Staaten noch annähernd 75%.3 Kurz: Der ländliche Raum ist nach wie vor der typische Lebensraum der Inder wie der Chinesen – auch wenn, wiederum gültig für beide Staaten, hier große regionale Unterschiede zu registrieren sind. Andererseits verzeichnen beide Länder trotz im internationalen Vergleich geringer Verstädterung(squoten) die höchste Anzahl von Megastädten (über 5 Mio. Einwohner) aller Länder der Erde: Zur Jahrtausendwende waren es je fünf, Bombay, Calcutta, Delhi, Madras und Hyderabad in Indien, Shanghai, Beijing, Tianjin, Hongkong und Shenyang 2 Nach der jüngsten Schätzung auf der Basis der ersten Zensusdaten von Mitte März 2001 beziffert sich die Bevölkerung der Indischen Union auf 1.027.015.247 Menschen, das wären noch immer über 2% Realzuwachs/Jahr! 3 Näheres zur Berechnung der Urbanisierungsquote siehe Abschnitt 5.1.

286

Indien–China in China – gefolgt von vier in den USA – in allererster Linie Ausdruck der überragenden demographischen Dominanz der beiden Großstaaten. Großstädte liegen allerdings auch in der historischen Tradition Indiens wie Chinas. In ihrer Blütezeit zählten sowohl Pataliputra, westlich des heutigen Patna, um 300 v.Chr. wie auch Chang’an, Vorläufer des heutigen Xi’an, um 800 n. Chr. zu den größten und gleichzeitig am meisten entwickelten Städten der Welt in ihrer jeweiligen Epoche.

Dieser (früh)geschichtlichen hoch entwickelten Stadtkultur steht heute ein junges und, vornehmlich infolge des rapiden Bevölkerungswachstums, problembehaftetes Städtesystem gegenüber: ein sichtbares Nebeneinander nicht allein traditioneller wie moderner Lebensweisen, sondern auch neuzeitlicher Klassengegensätze, die sich zudem noch zu verstärken scheinen. Diese soziale Brisanz steht im Kausalzusammenhang bzw. ist mit verursacht durch einen weiteren Aspekt, der für die Entwicklungsperspektiven beider Länder erheblichen Zündstoff birgt: Es ist dies der funktionale Konzentrationsprozess aller wichtigen Einrichtungen sämtlicher Lebensbereiche, der in den Megastädten Indiens und Chinas, auch im Weltmaßstab, besonders weit fortgeschritten ist. Die Folgewirkungen sind gravierend: Die Sogwirkung der metropolitanen Ballungsgebiete mit ihren anscheinend unbegrenzten Arbeitsmöglichkeiten lassen diese zu den Hauptimmigrationszentren der Wanderungsbewegungen vom Land in die Stadt werden. In Shanghai gehört jeder vierte Bewohner zur sog. Wanderbevölkerung (liudong renkou), das sind etwa 3 Millionen wirtschaftlich und sozial erheblich diskriminierte Menschen (vgl. Wüllner 2000: 9f.). In der Wirtschaftsmetropole Indiens, Bombay, liegt der vergleichbare Anteil der sozial und wirtschaftlich unterprivilegierten Bevölkerung sogar noch weit höher: Während 70 der 100 reichsten Familien Indiens (Wamser 2001: 15) – und es dürfte sich hierbei überwiegend um Dollarmiliardäre handeln! – im Kerngebiet der Großmetropole leben, hausen zur gleichen Zeit ca. 50% der Gesamtbevölkerung, das sind ca. 5,5 Millionen Bewohner, in menschenunwürdigen Quartieren.

3.4

Wirtschaftsstrukturen

Nicht nur demographisch, sondern auch ökonomisch sind beide Staaten bis heute stark agrarwirtschaftlich strukturiert – Indien mittlerweile allerdings in deutlich stärkerem Maße. Zwischen 60% und 70% der Erwerbstätigen sind auch heute noch hauptberuflich im primären Sektor tätig. In beiden Ländern kommt innerhalb dieses Sektors der Agrarwirtschaft die herausragende, Viehwirtschaft und Fischfang eine demgegenüber volkswirtschaftlich bescheidene Bedeutung zu.

Dirk Bronger

287

Dabei spielt die Getreideproduktion in beiden Ländern die dominante Rolle; die Sicherung der Selbstversorgung kommt für die Mehrzahl der in den bis heute wenig entwickelten Peripherregionen lebenden Menschen herausragender Stellenwert zu. Wichtigste Nahrungspflanze in beiden Ländern ist Reis, in Teilregionen – jeweils in den nördlichen Landesteilen – tritt an seine Stelle Weizen. Beide – Weizen nachrangig – werden im Nassfeldbau kultiviert. Die wichtigsten Trockenfeldfrüchte sind die zahlreichen Hirsearten sowie Hülsenfrüchte und Mais. Heute exportieren beide Länder Nahrungsmittel. Keineswegs ist deshalb die Marktfrüchte-(„cash-crop “-)Produktion von untergeordneter Bedeutung: Insbesondere Gewürze und Tee spielen auf dem subkontinentalen Markt Indiens eine herausragende und sogar auf dem Weltmarkt eine gewisse Rolle; in China sind dies ebenfalls Tee und, für den eigenen (Riesen)markt, vor allem Obsterzeugnisse. Die „cash-crop “-Produktion ist bis heute der Hauptrohstofflieferant für die Leichtindustrie, in erster Linie die Textilindustrie (s.u.) einschließlich der traditionsreichen Seidenherstellung. Die Industrialisierung ging von den Kolonialmächten und damit von den im 19. Jahrhundert besetzten Territorien aus: In China entlang der Küste, insbesondere in den zahlreichen „Vertragshäfen “ bzw. in deren Hinterland, ferner entlang des Jangtsekiang sowie in der von Japan besetzten Mandschurei. Ausgangspunkte der industriellen Entwicklung in Indien waren ebenfalls die von der Kolonialmacht England gegründeten Hafenstädte Calcutta (Hauptstadt Britisch Indiens bis 1912), Bombay und Madras einschließlich ihres jeweiligen Hinterlandes – kurz: ein ganz ähnliches Raummuster, dazu die Textilherstellung als Leitindustrie. Ihr kommt bis heute eine bedeutende Rolle zu. Bis heute sind die genannten Regionen die industriellen Kernräume Indiens und Chinas. In beiden Ländern sind im Wesentlichen nur die Gebiete um die beiden Hauptstädte Delhi (seit 1912) und Beijing sowie Erdöl- und Kohleabbaugebiete in den Peripherregionen beider Länder neu hinzugekommen. In erster Linie als Folge der kolonialen Penetration wiesen beide Subkontinentalstaaten ausgeprägte regionale Entwicklungsunterschiede insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht auf: In China manifestiert als Ost-West-, in Indien als Küsten-Binnenland-Gefälle. Die wirtschaftliche (subkontinentale) Primatstellung von Shanghai mit einem Anteil von über 50% des Außenhandels vor dem 2. Weltkrieg sowie über 60% aller Fabriken und industriellen Arbeitsplätze noch gegen Ende des Krieges (1945) (Wu 1967: 9; zitiert in Dürr 1978: 443) – bei einem Bevölkerungsanteil von nur 1% – dürfte „einzigartig “ auf der Welt gewesen sein

288

Indien–China – man stelle sich dieses Datenverhältnis für London oder Paris bezogen auf Europa (einschließlich der ehemaligen Sowjetunion!) vor.

3.5

Resümee: Die Ausgangssituation um 1950

Zusammenfassend betrachtet präsentieren sich beide Subkontinentalstaaten um die Mitte des 20. Jahrhunderts als typische Entwicklungsländer. Indikatoren dafür sind: Ein geringer Lebensstandard: gemessen am Einkommen (BSP/Kopf) oder an 0,21 ha (China) bzw. 0,32 ha (Indien) Ackerfläche pro Kopf,4 gehör(t)en sie zu den ärmsten Ländern der Erde überhaupt (vgl. Bronger 1999: Fig.2, Sp.2 & 3). Zusätzlich waren sie gekennzeichnet durch eine einseitige bzw. ungerechte Einkommensverteilung; es bestand eine Konzentration der Einkommen und Vermögen in den Händen verhältnismäßig Weniger bei gleichzeitiger Armut der ganz großen Mehrheit der Bevölkerung. In China entfielen vor 1949 auf die 4% der Agrarbevölkerung zählende Schicht der Grundherren (Besitz > 10 ha) 50% des Landes, auf die 70% Kleinbauern und Landarbeiter dagegen nur 17% (Großmann 1960: 24). Indien wies ähnlich ungleiche Besitzstrukturen auf (Chao 1964; v. Urff 1973).

Der hohen Konzentration der Erwerbstätigen im primären Sektor von 80% und mehr steht ein geringer Industrialisierungsgrad gegenüber: Während in der Zeit der kolonialen Penetration, d.h. im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Mutterländern eine rasante Entwicklung der modernen Industrie zu konstatieren ist, die zur Herausbildung von komplexen, hoch produktiven, integrierten Volkswirtschaften führte und die – dadurch! – gewaltige Veränderungen auch in der Gesellschaft nach sich zog (Wilmer 1996: 245), erfolgten diese in beiden Kolonialländern eben nicht. Zwar wurden in Indien wie in China die Weichen für eine Industrialisierung gestellt, aber nur in dem Rahmen, wie sie für die Kolonialmächte von Nutzen waren: räumlich partiell – in Hafenstandorten mit gleichzeitig guter Infrastrukturanbindung sowie in Gebieten mit reichen Rohstoffvorkommen, ökonomisch partiell – durch die Entwicklung nur weniger, ausgesuchter Bereiche (Branchen), die sich überdies auf die Herstellung von allenfalls Halbfertigprodukten beschränkten (Beispiel: Baumwollindustrie). Eine nur sehr unzureichend entwickelte Gesamtinfrastruktur: angefangen im Bildungsbereich über eine gänzlich unzureichende Energieversorgung bis hin zum räumlich sehr unausgewogenen Entwicklungsstand des Verkehrsausbaus. 4 Zur

Berechnung siehe Abschnitt 5.2.

Dirk Bronger

289

Dabei gehörte das, gerade auch im Vergleich zu China, verhältnismäßig dichte Eisenbahn- und Straßennetz Indiens zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der englischen Kolonialzeit. Im Vergleich zu ersterem bedeutete dies bereits eine immerhin fortgeschrittene Erschließung des gesamten Subkontinents. Damit war dem jungen Staat eine gute Ausgangsbasis für den intensiven Ausbau der binnenwirtschaftlichen Verflechtung als einer ganz wesentlichen Voraussetzung für die Gesamtentwicklung des Landes gegeben. Richtig ist aber auch, dass es in allererster Linie militärische und politische sowie wirtschaftliche Eigeninteressen waren, die die Engländer veranlassten, den Straßen-, insbesondere aber den Eisenbahnbau energisch voranzutreiben. Die Folge dieser Kolonialpolitik waren erhebliche regionale Disparitäten in der Verkehrserschließung des Landes. Dieser Tatbestand ist mit verantwortlich für die räumlich ungleichgewichtige Entwicklung der einzelnen Landesteile, die in der Kolonialzeit somit ihren Ursprung hat (Bronger 1996: 202). Darüber hinaus beeinträchtigte die Existenz dreier verschiedener Spurbreiten die Effizienz dieses Verkehrsträgers erheblich. Einen deutlich niedrigeren Entwicklungsstand offenbarte das Verkehrsnetz in China zur Zeit der politischen Unabhängigkeit. Nicht nur, dass die Schienenlänge gerade einmal die Hälfte des indischen ausmachte (und das bei fast der 3fachen Größe des Landes), wichtiger war, dass sich das Netz räumlich sehr unausgewogen präsentierte: Es beschränkte sich auf die Verbindung der Schlüsselregionen (s. Abb. 1) untereinander, wobei fast die Hälfte (46%) des Schienennetzes allein auf die Mandschurei entfiel. Im Gegensatz dazu waren der Südwesten, Westen und Nordwesten Chinas, d.h. 70% der Fläche mit gut 10% der Bevölkerung, von der Verkehrserschließung vollständig ausgespart – eine große Hypothek für die von den Kommunisten seinerzeit anvisierte gleichmäßige Entwicklung aller Landesteile (s.u. Abschnitt 4.4).

Aus dem niedrigen, dazu räumlich sehr unausgewogenen Entwicklungsstand der Gesamtinfrastruktur im Zusammenhang mit dem niedrigen Stand der technisch-industriellen Entwicklung resultierte eine niedrige Arbeitsproduktivität und – gleichzeitig – ein geringer Ausnutzungsgrad der vorhandenen natürlichen Hilfsquellen der Länder, einschließlich der – reichlich vorhandenen – Rohstoffe. Die Datenzusammenstellung (Tab. 1) offenbart, dass Indien zu Beginn seiner Unabhängigkeit bei der Mehrzahl der Entwicklungsindikatoren sogar einen (leichten) Entwicklungsvorsprung hatte – gerade auch, wenn man berücksichtigt, dass die Angaben für China aus dem Jahre 1952 in sämtlichen Bereichen bereits eine signifikante Steigerung gegenüber der Situation von 1949 bedeuteten (s. Kraus 1979: Tab. 1.10). Lediglich in der Produktivität (Pro-Kopf-Produktion) der wichtigsten Nahrungsfrüchte – Reis, Weizen – wies China einen deutlichen Entwicklungsvorsprung auf. Zu erklären ist dies aufgrund der deutlich höheren agraren Dichte5 , gepaart mit der gleichzeitig ebenfalls höheren Agrarquote6 des (fast) industriefreien ländlichen China: Der Zwang zur Intensivierung der Landwirtschaft war hier stärker als in Indien, wollte man das Überleben sichern. 5 Zahl der landwirtschaftlichen Berufszugehörigen je km2 oder auf 100 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. 6 Die Agrarquote gibt den Anteil der der Landwirtschaft zuzurechnenden Erwerbspersonen an der Gesamtzahl der Erwerbspersonen an.

290

Indien–China

Tab. 1: Kennziffern zum Entwicklungsstand Indien – China (Ausgangssituation um 1950)

Indikator Bevölkerung Einwohner (Mio.) Geburtenrate (auf 1.000) Sterberate (auf 1.000) Wirtschaft BSP (Mio. US$) BSP/Kopf (US$) Anteil am BIP: Industrie (%) Landwirtschaft (%) Anzahl der Personen pro ha Ackerland Ertrag: Reis (t/ha) Weizen (t/ha) Bewässerungsfläche (in Tsd. ha) Verkehr Eisenbahn: Schienennetz (in Tsd. km) Gütertransport (Mio. t-km) Personentransport (Mio. Personen-km) Straßennetz (in Tsd. km) Hafenumschlag (in Tsd. t) Agrarproduktion pro Kopf (kg) Nahrungsfrüchte – Reis – Weizen – Hirse, Mais, Gerste, Hülsenfrüchte Marktfrüchte – Ölfrüchte – Baumwolle – Zuckerrohr – Tee (g) – Tabak (g) Industrieproduktion pro Kopf – Baumwollstoffe (m2) – Papier, Pappe (kg) – Zucker (kg) – Nähmaschinen (auf 1.000) – Radiogeräte (auf 1.000) – Fahrräder (auf 1.000)

Indien 1952

China 1952

370 38 24

575 37 17

22.000 60 16,7 49,0 1,5 1,3 0,7 21.050

30.000 50 16,9 63,6 4,75 2,5 1,1 19.959

54,9 43,411 66,503 156,9 21.564

27,1 60,200 20,100 129,6 14.400

141 58 18 66

285 119 32 90

17,1 8,4 15,8 870 723

7,3 2,3 12,4 143 386

11,4 0,31 3,1 0,12 0,23 0,28

6,7 0,64 0,8 0,11 0,03 0,14

Dirk Bronger – – – – – – –

Kraftfahrzeuge (auf 1.000) Zement (kg) Kohle (kg) Rohöl (t/1.000) Roheisen (kg) Stahl (kg) Stromerzeugung (kWh/1.000)

291 0,045 7,4 89 0,7 4,4 2,8 15

– 5,0 115 0,8 2,8 2,3 13

Quellen: Indien – Government of India, Planning Commission (Ed.), The First Five Year Plan, New Delhi 1952; Government of India, Planning Commission (Ed.), Third Five Year Plan, Delhi 1961; Ghosh, A., Indian Economy. Its Nature and Problems, Eleventh Revised Edition, Calcutta 1967; Government of India (Ed.), Economic Survey 1968-69, New Delhi 1969. China – State Statistical Bureau, PRC (Ed.), Statistical Yearbook of China 1984, Hong Kong 1984; Grossmann, B., Die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik China, Stuttgart 1960; Eckstein, A., China’s Economic Development, Madison 1975 (Berechnungen D.B.).

Als Ergebnis der – vor allem – kolonialen Penetration wiesen beide Subkontinentalstaaten sehr ähnliche Raumstrukturen auf (Abb. 1 u. 2). Selbst wenn man an Stelle von „Entwicklung “ im Sinne von Partizipation breiter Schichten der Bevölkerung realistischer den Begriff wirtschaftliche Modernisierung für diese Zeit verwendet, so fand diese in jeweils eng begrenztem geographischen Raum statt – und zwar in erster Linie 1. in den großen Hafenstädten mit ihrem Umland/Hinterland, 2. in – wenigen – großen Binnen(industrie)zentren und 3. in agraren Gunstgebieten bzw. in der Verknüpfung von zwei oder allen drei Raumtypen. So gliedert Whitney in China um 1940 (Abb. 1, Tab. 2) ein Kerngebiet (Shanghai-Nanjing mit Hinterland) und sechs Schlüsselgebiete aus. Basierend auf den Daten des Zensus von 1931 (der von 1941 ist sehr lückenhaft) sowie der Agrar- und Industriezählung aus dem gleichen Jahr, ermittelte Wilmer für Indien das Ausmaß des regionalen Entwicklungsgefälles um 1930 (Abb. 2, Tab. 2). Während in China mit Ausnahme des Roten Beckens sämtliche Kernbzw. Schlüsselgebiete im Osten, zumeist sogar in unmittelbarer oder relativer Küstennähe lokalisiert sind, ist für Indien keine so klare räumliche Ordnung zu erkennen, ausser dass auch hier die Mehrzahl der Kern- und Schlüsselgebiete an der Küste oder in Küstennähe gelegen sind. Die Binnenlandregionen fallen demgegenüber im Entwicklungsstand deutlich ab – Ausnahmen bilden die Hauptstadt Delhi, der Punjab als die agrare Gunstregion des Subkontinents, ferner Cochin-Travancore (heute Kerala) sowie – räumlich punktuell – der Binnenstandort und die Hauptstadt des seinerzeit größten Fürstentums, Hyderabad.

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Indien–China

Tab. 2: Raumdisparitäten – Kerngebiete und Schlüsselgebiete in Britisch Indien (um 1930) und China (um 1940) Indien China Region Raumtyp Region Raumtyp Kerngebiet Kerngebiet Bombay 1 Shanghai-Nanjing 1+3 Calcutta 1+3 Delhi 2+3 Schlüsselgebiet Schlüsselgebiet Punjaba 2+3 Südl. Mandschurei 1+2+3 Karachib 1 Beijing-Tianjin 1+2+3 Ahmadabad 2+3 Shandong 1+3 Hyderabad (2) Wuhan 2 Madras 1+3 Kanton-Hongkong 1+3 Cochin 3+1 Sichuan (Rotes Becken) 2+3 a) 2/3 der Fläche gehören heute zu Pakistan. b) Gehört heute zu Pakistan. Quellen: Wilmer, Chr. (1986), Die Entwicklung der Regionalen Disparitäten Indiens vom Ende der Britischen Herrschaft bis zur Gegenwart, Bochum (unveröff. Magisterarbeit); Whitney, J.B.R. (1970), China: Area, Administration and Nation Building, Chicago (University of Chicago, Department of Geography, Research Paper No.123).

Die in Tab. 2 dargestellten Kerngebiete weisen einen mehr als dreifachen, die Schlüsselgebiete einen mehr als doppelten Wert wie der gesamtindische Durchschnitt auf. Die Größenklassifikation der Städte basiert in beiden Fällen auf der Zeit um 1940. Fassen wir zusammen: Industrielle Investitionstätigkeit sowie Verkehrsausbau führten während der semikolonialen Periode in China zu einer weiteren Verstärkung der alten, auf agrarischer Basis beruhenden multinodalen Raumstruktur. Im Ergebnis beinhaltete dies eine Verstärkung der Dominanz des Ostens, genauer der Ostküste(nregionen) gegenüber dem Westen. Das im Prinzip gleiche funktionale und – zugleich – multinodiale Raummuster wies auch Indien auf – allerdings, bedingt durch die andersartige Naturausstattung in Verbindung mit der weiter reichenden kolonialen Penetration in zu China unterschiedlicher, d.h. in geographisch nicht so eindeutiger räumlicher Anordnung: Vergleichsweise hoch entwickelten Küstenstandorten sowie agraren Gunsträumen im Norden und Süden stand ein schwächer entwickeltes (von der Naturausstattung allerdings oft auch benachteiligtes) Binnenland7 gegenüber. 7 Hierbei handelte es sich größtenteils um Fürstenstaaten mit weit reichender politischer Autonomie (bis 1947). Ihr Gebiet umfasste ein gutes Drittel des gesamtindischen Territoriums mit etwa einem Viertel der Bevölkerung (zum Entwicklungsstand britischer Kolonialterritorien, insbesondere auch der Fürstenstaaten s. Wilmer 1986: 104ff.).

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4

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Indien – China: Trennendes

Das nicht allein Reizvolle, sondern Sinnvolle einer vergleichenden Gegenüberstellung liegt in den Unterschieden begründet (wie umgekehrt die Gemeinsamkeiten für das Vergleichbare stehen), schärfen sie doch ganz wesentlich den Blick für das Wichtige und gleichzeitig das Typische, Besondere und Komplexe der Subkontinentalstaaten (s.o. Kap. 2). Nicht zuletzt bringt uns der Vergleich auch mancher Wahrheit ein Stück näher – das fängt bereits mit der Diskussion der Datengrundlagen an (Kap. 5). Doch zunächst sollen einige entwicklungsrelevante, d.h. für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der beiden Länder (und ihrer Bewohner!) als wesentlich erachtete Faktoren genannt werden. Auch hier kann es sich nur um eine eher stichwortartige Auflistung handeln.

4.1

Nahrungsraum – Bevölkerung – Nahrungsgrundlage

Das nur auf den ersten Blick für China günstigere Verhältnis Raum:Bevölkerung, d.h. dreifache Größe des Staatsgebietes bei „nur “ 20% mehr Menschen, wird durch den im Fall Chinas sehr viel geringeren Anteil der Ackerfläche an der Gesamtfläche mehr als umgekehrt: Selbst wenn man die optimistische Flächenschätzungsvariante von 135 Mio. ha „Ackerland “ zugrunde legt (Taubmann 1998: 34f.), beläuft sich dieser Anteil gerade einmal auf 14,5% der Gesamtfläche (1994). In Indien beträgt er – ebenfalls 1994 – immerhin 43,3%, mithin der dreifache Wert. Auf die pro Kopf entfallende Ackerfläche umgerechnet, verringert sich der „Vorsprung “ Indiens allerdings auf 0,15 ha gegenüber 0,11 ha in China (1952: 0,32:0,21 ha).8 Die in der VR China infolge Versalzung, Bodenerosion und Desertifikation, aber auch aufgrund des ungebremsten Flächenanspruchs der Städte, des Verkehrs und der Industrie sowie wegen der – häufig illegalen – Bebauung auf dem Lande hohen Verluste an landwirtschaftlichen Nutzflächen von mehreren Hunderttausend Hektar pro Jahr (ibid.: 35) stellen mittelfristig eine ernsthafte Bedrohung für die Nahrungsgrundlage der bis 2030 anvisierten 1,5 Milliarden Menschen dar. Nicht dass Indien in dieser Hinsicht grundsätzlich besser dastünde – auch hier wird für das Jahr 2030 eine ähnliche Bevölkerungszahl, und das bedeutet ein deutlich schnelleres Wachstum, prognostiziert. Angesichts von Hektarerträgen bei Reis und Weizen von gerade einmal der Hälfte der in China erzielten, dazu eines Düngemitteleinsatzes von bis dato einem Drittel desjenigen in China, ist das Potenzial für eine Produktivitätssteigerung bei der indischen Landwirtschaft doch deutlich höher einzustufen – ob das allerdings eine langfristige Perspektive ist, mag (muss) bezweifelt werden. 8 Näheres

zu den Datengrundlagen s. Abschnitt 5.2.

296

Indien–China

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Auf der Ebene Nahrungsraum – Bevölkerung – Nahrungsgrundlage gibt es bis heute eindeutig Unterschiede, allerdings auch nichts (grundsätzlich) Trennendes – zumal in historisch kurzer Zeit, bei fortbestehendem Verlauf des Bevölkerungswachstums, Indien vor den gleichen Problemen stehen wird, mit denen China sich bereits heute konfrontiert sieht.

4.2

Ethnische, sprachliche und soziale Pluralismen oder: Integrationsfördernde versus intergrationshemmende Strukturen

Indien und China – beides Vielvölkerstaaten: auf den (aller)ersten Blick eine richtige Feststellung, die auf Gemeinsames hindeutet. Auf den zweiten (genaueren) Blick gibt es kaum Gegensätzlicheres bei den beiden Staaten. Denn in China bilden die Han-Chinesen mit einem Anteil von fast 91% an der Gesamtbevölkerung das staatstragende Element bzw. Fundament. Die größere westliche Hälfte der VR China ist zwar seit jeher das traditionelle Siedlungsgebiet der 55 anerkannten staatlichen Minderheiten; in ihren Schlüsselgebieten, den größeren Städten, werden sie jedoch längst von dorthin umgesiedelten Han-Chinesen nicht nur demographisch, sondern vor allem auch wirtschaftlich dominiert, ob diese Städte nun Baotou und Hohhot in der Inneren Mongolei, Urumqi in Xinjiang oder Lhasa in Tibet heißen – Ergebnis einer bis heute praktizierten rigiden Nationalitätenpolitik sowjetischen Vorbilds. Integrationsfördernd war und ist, dass, zusätzlich, das Riesenreich trotz stark voneinander abweichender Dialekte, immer eine gemeinsame Schrift hatte. Diese Einheitlichkeit und Allgemeinverständlichkeit der Schrift hat eine wichtige einigende Rolle in der kulturellen, politischen und sozialen Geschichte dieses großen Reiches mit seinen vielfältigen Unterschieden gespielt (Chen 1977: 14).

Ganz anders war und ist die Konstellation in Indien: Von eher kurzen historischen Perioden abgesehen,9 war der indische Subkontinentalstaat in eine – unterschiedlich große – Zahl von Regionalreichen zersplittert. Erst der wachsende Widerstand gegen die britische Kolonialmacht einte Indien, wobei einige Fürstenstaaten nur gewaltsam eingegliedert werden konnten; allerdings gelang es nicht, das Auseinanderbrechen in zwei religiöse Großstaaten zu verhindern. Aber auch im heutigen Indien haben wir zwei Hauptreligionen, die nicht nur durch den Kaschmirkonflikt zunehmenden politischen Zündstoff in sich tragen – beim wachsenden Hindunationalismus ein offensichtlich permanenter Konfliktherd, zumal das gewichtige historisch-kulturelle Erbe des Islam 9 Kein einziges der historischen Großreiche (Maurya, Ashoka, Gupta, Akbar) umfasste jemals die gesamte indische Halbinsel (s. Embree/Wilhelm 1967; Kulke/Rothermund (1982).

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ebenso wie die heutige Zahl von fast 130 Millionen Muslimen – damit wäre die Indische Union, nur ganz knapp hinter Pakistan (1998: 130,6 Mio. Einwohner), der drittgrößte islamische Staat der Erde! – nicht wegdiskutiert werden kann.10 Weit mehr noch als die religiöse Frage ist das Sprachenproblem der bedeutsamste integrationshemmende Faktor für Indien. Stärker noch als die ethnischen Strukturen kennzeichnen sie den völkischen Pluralismus Indiens. Ihre verwirrende Vielfalt läßt sich zwar statistisch auf 15 Hauptsprachen reduzieren, die von etwa 90% der Bevölkerung gesprochen werden. Aber schon weil die meisten von ihnen zusätzlich über eigene Schriftzeichen verfügen, konnte und kann keine einzige von ihnen als gemeinsames Verständigungsmittel dienen. Alle bis in die Gegenwart reichenden Versuche der Zentralregierungen, Hindi als Nationalsprache zu etablieren (tatsächlich wird Hindi bis heute von weniger als 40% der Bevölkerung gesprochen) und damit Englisch, für viele das Symbol kolonialer Beherrschung, zu verdrängen, ist am Widerstand selbstbewusster Sprachregionen, heute mit Bundesstaaten identisch, gescheitert. Bis heute ist deshalb Englisch die (fast) alle Inder verbindende gemeinsame Wirtschafts-, Kultur- und Verwaltungssprache. Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass Indien – im Gegensatz zu China – zusätzlich noch mehrere Tausend Kasten (jatis) hat, ja selbst jede Gemeinde in durchschnittlich mindestens 20 Kasten fragmentiert ist, muss es eher als Wunder angesehen werden, dass die Indische Union – als Demokratie! – bis heute Bestand hat. Tatsächlich ist dies eine politische Leistung, die ihresgleichen im 20. Jahrhundert sucht.

4.3

Bevölkerungsplanung und Bevölkerungspolitik: Kardinalproblem der Zukunft

Schauplatz Indien: Von seiner Unabhängigkeit 1947 bis zur gerade abgeschlossenen Volkszählung dieses Jahres (2001), in 54 Jahren also, hat sich die Bevölkerungszahl von 338 Millionen auf 1,04 Milliarden mehr als verdreifacht, zuvor hatte man dafür noch ca. 300 Jahre benötigt. Die 689 Millionen Realzuwachs bedeuten fast die heutige Bevölkerungszahl des gesamten amerikanischen Kontinents. Schauplatz China: Im gleichen Zeitraum hat die Zahl der Menschen sogar um 760 Millionen (von ca. 530 Mio. auf ca. 1,29 Mrd.) zugenommen – mehr als die doppelte Zahl, wie sie die EU heute beherbergt. Das bedeutet zwar eine Steigerungsrate um „nur “ das 2,4fache; bei gerade einmal 1.000 m2 Ackerfläche 10 Neben dem Hinduismus (82% der Bevölkerung) und dem Islam (12,7%) spielen die übrigen Religionsgemeinschaften kulturell zwar eine durchaus gewichtige, aber aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Zahl (Sikhs: 2,0%, Jainas: 0,5%, Buddhisten: 0,6% und Christen: 2,1%) keine integrationshemmende Rolle.

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Indien–China

pro Kopf – Tendenz sinkend (s.o.) – dennoch eine bedrückende und zugleich alarmierende Zahl. Wie reagierten die verantwortlichen Politiker in Indien und China auf diese – keineswegs nur – demographische Herausforderung? Die (verkürzte) Antwort lautet: Sowohl früher wie auch heute gegensätzlich. Bekannt ist der Ausspruch des „großen Steuermanns “ bei seiner Machtübernahme im Jahre 1949. In einem für die folgenden Jahrzehnte chinesischer Bevölkerungspolitik richtungweisenden Kommentar erklärte er Chinas große Bevölkerung zu einer „ausgezeichneten Sache “ und formulierte, dass „Produktion plus Revolution “ alle Bevölkerungsprobleme lösen könnten (Scharping 1998: 359). Im Wesentlichen hatte diese Laisser-faire-Politik die nächsten 30 Jahre Bestand. Indiens Verantwortliche dagegen erkannten sehr bald die ganz besondere Bedeutung, die der Bevölkerungsplanung für die Gesamtentwicklung zukommt. Bereits im Jahre 1952 wurde das Family-Planing-Programm offiziell zum integralen Bestandteil des gerade angelaufenen 1. Fünfjahresplanes (1951-1956) erklärt. Planung und Wirklichkeit klafften allerdings von vorneherein auseinander: Die für das Programm bereitgestellten Mittel – im langjährigen Durchschnitt (1951-1997) gerade einmal 1% der Ausgaben des Bundes und der Länder für die Entwicklung (s. Bronger 1996: Tab. 7.1) – waren viel zu gering, um auf demokratischem und damit evolutionärem Wege Erfolg haben zu können: Tatsächlich waren sogar die relativen Zuwachsraten der vergangenen drei Dekaden, zwischen 1961 und 1991, mit >2,2%/Jahr die höchsten jemals dagewesenen. Auch in der jüngsten (1991-2001) ist sie auf gerade einmal 2,1%/Jahr zurückgegangen (s. Anm. 2). Die Antwort des (seinerzeitigen) Premierministers Rajiv Gandhi zu Beginn des Jahres 1989 auf die Frage, welche neuen Ideen er habe, mit dieser wohl größten Herausforderung Indiens fertig zu werden, klang dann auch eher hilflos: Ich weiß nicht, ob es eine neue Idee ist. Wahrscheinlich nicht. Aber ich setze auf die bessere Erziehung der Frauen, die an die wirtschaftliche Entwicklung eng gekoppelt ist. Ich glaube nicht an medizinische Programme zur Familienplanung. Abgesehen von den vier Hindi-Staaten in unserem Kernland ist die Situation nicht schlecht. Deshalb haben wir uns schon seit einigen Jahren auf diese HindiStaaten konzentriert, und ich hoffe auf Erfolge. (FAZ vom 19.02.1989.)

Ganz anders reagierten Chinas Machthaber auf die Jahrhundertherausforderung: Ende der 70er Jahre erkannte die politische Führung, dass die im Dezember 1978 verkündete Wirtschaftsreform (s.u. Abschnitt 4.4) und die damit verbundene gesellschaftliche Entwicklung ohne eine rigorose Familienplanung erfolglos bleiben müsse. Die nunmehr propagierte „Ein-Kind-Politik “ ist sicherlich die einschneidendste (und den traditionellen Wertvorstellungen

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der Chinesen zutiefst widersprechende) Veränderung der Bevölkerungspolitik in der Jahrtausende alten Geschichte des Subkontinentalstaates. Laut Gesetz ist nur ein Kind erlaubt und das auch nur nach der Eheschließung. Damit sind praktisch alle Ehepaare zur Anwendung von Verhütungsmitteln gezwungen; zur Verhinderung weiterer Geburten ist Abtreibung ein gesetzliches Mittel und soll bei allen zusätzlichen Schwangerschaften Anwendung finden: Von millionenfachen Zwangsabtreibungen und -sterilisierungen (wurde und) wird berichtet. Trotz einer Reihe von Ausnahmegenehmigungen, insbesondere für die nationalen Minderheiten (s. Scharping 1998: 362ff.), zählt China zu den Ländern mit der schärfsten Geburtenkontrolle (vgl. Staiger 1997:39). Wie aber reagierten die Betroffenen in der „größten Demokratie der Welt “? Mit (chinesischen) staatlichen Zwangsmaßnahmen, wie sie in den Jahren des Ausnahmezustandes 1975-1977 von der Regierung Indira Gandhi betrieben wurden – im Jahre 1977, auf dem Höhepunkt der Kampagne, wurden etwa sechs Millionen Männer zwangssterilisiert –, ist in Indien jedenfalls nichts zu erreichen: Ende 1977 wurden die Unionswahlen für die Ministerpräsidentin nicht zuletzt deshalb zu einem Desaster. Das Fazit muss lauten: Eine derart rigorose Familienpolitik, wie in der VR China praktiziert, ist in einem demokratischem Staatswesen nicht umzusetzen: Tradierte Verhaltensweisen sowie eine fehlende Altersversorgung für über 90% der Bewohner stehen dem entgegen. Das gilt im Prinzip ebenso für die Chinesen: Die staatliche Familienpolitik sorgt daher nach wie vor für gewaltigen sozialen Zündstoff (ibid.: 39f.).

4.4

Wirtschaftspolitik: Revolution versus Evolution?

Der Blick auf die gegenwärtigen Wirtschaftssysteme der beiden Megastaaten offenbart – zunächst – überraschende Gemeinsamkeiten. Das der VR China angehängte Etikett „sozialistische Marktwirtschaft “ (Schüller 1997: 15) könnte man der Indischen Union bedingt ebenfalls zubilligen. Aussagekräftiger als eine solche Etikettierung ist die beiden Staaten eigene Existenz von Parallelstrukturen: das Nebeneinander von Plan- und Marktelementen bzw. von staatlichen und marktorientierten Sektoren. Im Grundsatz ähnlich ist ferner der schrittweise Abbau der staatlichen Einflussnahme bzw. Kontrolle: Die für China konstatierte „zweigleisige und schrittweise Transformation der Wirtschaftsordnung von einem durch zentrale Planung und Staatseigentum dominierten Wirtschaftssystem zu einer (sozialistischen) Marktwirtschaft “ (Schüller 1998: 279), wie sie hier seit Ende der 70er Jahre sukzessiv auf den Weg gebracht wurde, ist auch für Indien nachvollziehbar: Auch hier hat man begonnen, die – allerdings seit Anbeginn existierende – „mixed economy “ 11 in den 11 Dieser bis heute immer wieder verwendete Begriff ist in seinem eigentlichen Wortsinn unklar, wenn nicht sogar nichtssagend, bezeichnet er doch nichts anderes als das Neben-

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Indien–China

letzten zehn Jahren dahingehend zu transformieren, dass man dem Privatsektor eine größere Rolle zubilligte, was notwendigerweise mit einem Abbau der Staatskontrolle (Bürokratie!) einherging. Und schließlich gehen beide Staaten – China allerdings vorrangig wegen des Erhalts des Machtmonopols der KPCh – mit dem Transformationsprozess sehr behutsam um, mit der Folge, dass eine immer noch große Zahl unrentabler Staatsbetriebe ein den Wirtschaftsaufschwung belastendes Erbe verkörpert. Mag man gegewärtig auch mehr und mehr Gemeinsamkeiten finden – der Weg dorthin, und das bedeutet letztlich die wirtschaftspolitischen Auffassungen, hätten unterschiedlicher kaum sein können. Diese Feststellung hat natürlich ihre Wurzel in den gegensätzlichen politisch-ideologischen Grundauffassungen im Allgemeinen und denen zur wirtschaftlichen Neustrukturierung im Besonderen. Für die chinesischen Kommunisten kam nach ihrer Machtergreifung im Jahre 1949 aus ideologischen Gründen eine marktwirtschaftliche Ordnung nicht in Frage; zur Diskussion stand nur das Modell der vom (seinerzeit noch) „großen Bruder “, der Sowjetunion, und von seinen ost- und mitteleuropäischen Satellitenstaaten praktizierten Zentralverwaltungswirtschaft.12 Angeführt vom Parteivorsitzenden Mao Zedong setzte sich sehr rasch eine „harte Linie “, d.h. das Programm einer umfassenden radikalen sozialistischen Umgestaltung durch: 1. Verstaatlichung zunächst der Großindustrie und nachfolgend sämtlicher übriger Industrien sowie 2. Abschaffung des Privateigentums und zwar nicht nur der städtischen Privatwirtschaft, sondern auch im Agrarsektor. Für letzteren, und damit für die ganz große Mehrheit der Bevölkerung, bedeutete dies, analog zur Politik Stalins seit 1929, die zwangsweise Überführung der sog. landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften niedriger Ordnung in Kollektivwirtschaften – und das in einem beispiellosen „revolutionären “ Tempo: Nach dem Beginn der Zwangskollektivierung 1955 waren bereits Ende des darauffolgenden Jahres 96,3% der Betriebe kollektiviert (Kraus 1979: 171). Doch damit war der ideologische (und machtpolitische) Ehrgeiz Mao Zedongs nicht gestillt: Um eine möglichst umfassende, vollständige Kontrolle aller Lebensbereiche zu erreichen, wurden die Kollektivwirtschaften seit 1958 zu Volkskommunen zusammengefasst – und das in einem noch rascheren Tempo als zuvor: Am 20.4.1958 wurde die erste Volkskommune mit dem die sowjetische Führung besänftigenden13 Namen „Sputnik “ aus 27 Kolchosen gebildet, am 15.11.1958 waren 99% der chinesischen Landbevölkerung in 26.578 Volkskommunen zusammengefasst (ibid.: 222)!

Der Schwerpunkt der chinesischen Wirtschaftspolitik lag (und liegt) jedoch eindeutig auf der Industrialisierung. Um die ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen – am Ende des erfolgreichen 1. Fünfjahresplans (1953-1957) glaubte die komeinander eines öffentlichen und eines privaten Sektors, das schliesslich in jeder Wirtschaft anzutreffen ist (vgl. v. Urff 1973: 214). 12 Auch der in diesem Zusammenhang zumeist gebrauchte Terminus „zentrale Planwirtschaft “ ist diskussionswürdig: Mit seiner Abfolge von Fünfjahresplänen (seit 1950) könnte man auch das Wirtschaftssystem Indiens als solches bezeichnen. 13 Die Einführung der Volkskommunen bedeutete eine Abkehr vom sowjetischen Weg; Moskau hatte diese „höhere Stufe des Kommunismus “ niemals in Angriff genommen.

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munistische Führung noch, innerhalb weniger Jahre das Industrialisierungsniveau westlicher Staaten erreichen zu können –, waren bereits ab 1949 die Schlüsselindustrien sowie die Unternehmen im Transport-, Verkehrs- und im Bankensektor verstaatlicht worden. Zwischen 1949 und 1958 erhöhte sich der Anteil des Staates im Industriesektor – gemessen am Beitrag zum Bruttoproduktionswert – von 26% auf 89% (Schüller 1997: 16). Die Grundideen zur – möglichst raschen – Wirtschaftsentwicklung waren in Indien (und ebenso in fast allen Ländern der „Dritten “ Welt) ganz ähnlich: Auch hier glaubte man nach der politischen Unabhängigkeit die wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie die Verbesserung der Lebensverhältnisse am ehesten durch eine forcierte Industrialisierung erreichen zu können. „Die neuen Tempel Indiens sind seine Fabrikschlote “ – dieser Ausspruch Nehrus charakterisiert die entsprechende Strategie zutreffend – und diese Sentenz (vielleicht ohne die Tempelmetapher) hätte auch aus dem Munde Maos kommen können. Auch für Nehru war der Aufbau einer schwerindustriellen Basis das Primat dieser Politik, und auch in Indien wurde bereits 1948 festgelegt, dass bestimmte Schlüsselindustrien, die man für die Existenz und die weitere Entwicklung des Landes für besonders relevant hielt („commanding heights of the economy “), zur ausschliesslichen Angelegenheit des Staates erklärt wurden. Der entscheidende Unterschied zum „chinesischen Modell “ ist im unmittelbaren Zusammenhang mit dem – gegensätzlichen – politischen System zu suchen: Während in China durch Enteignungen sämtliche – 7,5 Millionen – privaten Unternehmer bis Mitte der 50er Jahre ihre Existenzgrundlage verloren (ibid.: 16), wurden in Indien selbst in denjenigen Industriezweigen, die ausschließlich dem Staat vorbehalten bleiben sollten, private Unternehmen geduldet; das bereits 1907 fertiggestellte Tata-Stahlwerk in Jamshedpur/Bihar ist das wohl prominenteste Beispiel. Abgesehen vom Nebeneinander von Staatssektor und privatwirtschaftlichem Sektor war das föderale Element im Planungsprozess hier von vornherein immanent. In der Praxis bedeutet dies, dass, neben den nationalen, gesonderte Entwicklungspläne auch für die einzelnen Unionsstaaten existieren (Näheres: Bronger 1996: 180). Neben solchen Branchen, in denen der staatliche und der private Sektor nebeneinander existieren sollten, gab es in Indien – im Unterschied zu China – eine ganze Palette von Industriezweigen, die grundsätzlich dem privaten Sektor offenbleiben sollten, bei denen sich der Staat jedoch das Recht vorbehielt, sich ebenfalls zu engagieren: Kraftfahrzeug-, Chemie- und Konsumgüterindustrie (Textilindustrie etc.). Ferner gehörten dazu die Bereiche Kleinindustrie, Handwerk und Landwirtschaft.14 Für Letztere wurden – vergleichbar mit der wirtschaftspolitischen Situation in China bis zum Beginn des Jahres 1955 (s.o.) – genossenschaftliche Organisationsformen, d.h. die 14 Daneben gab es noch eine dritte Gruppe von Industriezweigen, in denen der Staat allmählich das Monopol übernehmen, gleichzeitig jedoch der private Sektor weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollte (konnte). Näheres: Bronger 1996: 178.

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Bildung von Landbewirtschaftungsgenossenschaften, stark propagiert und gefördert: wiederum mit dem entscheidenden Unterschied zum totalitären China, dass diese Überführung ausschliesslich evolutionär, d.h. auf freiwilliger Basis, erfolgen sollte. Dem Programm blieb dann auch nur ein sehr begrenzter Erfolg beschieden (Näheres: Bronger 1975) – wie (fast) überall auf der Welt, wo diese Zielsetzung auf evolutionärem Wege anvisiert war. In Indien war denn auch von diesem Programmpunkt, der in den 50er und 60er Jahren noch ein ganz wesentlicher Bestandteil der agrarpolitischen Zielsetzung der Regierung war, bereits im 5. Fünfjahresplan (1974-1979) überhaupt nicht mehr die Rede.

In China führte die – überstürzte – Überführung der Kollektivwirtschaften in die Volkskommunen, von der politischen Führung überschwänglich als Sieg („Endstufe “) des Kommunismus gefeiert (während Moskau stumm blieb!), wirtschaftlich zu einem Desaster: Anstelle der anvisierten „sprunghaften “ Produktionssteigerung in Industrie und Landwirtschaft – das Motto des „Großen Sprungs “ hieß: „Amerika und England einholen und überholen “ – fiel die schwerindustrielle Produktion, nach bemerkenswerten Anfangserfolgen zwischen 1958 und 1960, bis zum Jahre 1962 auf den Stand von 1957 zurück. In weiten Teilen des Landes brachen – mitbedingt durch ungünstiges Klimageschehen (teilweises Ausbleiben des Monsuns) – verheerende Hungersnöte aus, die bis zu 30 Millionen Opfer (Sandschneider 1998: 173) forderten. Volkswirtschaftlich war der „Große Sprung nach vorn “ in Wirklichkeit ein „großer Sprung zurück “ (Schier 1988: 74). Diesem (nicht nur) ökonomischen Fiasko folgte eine – allerdings nur kurze – Zeit der Konsolidierung (1962-1965), in der das maoistische Primat einer vorrangigen Entwicklung der Schwerindustrie durch eine nunmehr gleichgewichtigere Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft ersetzt wurde. Als die Folgewirkungen – Dezentralisierungstendenzen in der Wirtschaftsplanung und Auflösungserscheinungen der Volkskommunenstruktur – immer sichtbarer wurden, entfachte Mao das „revolutionäre Feuer “ mit seiner „Großen Proletarischen Kulturrevolution “ von neuem. Ökonomisch brachte sie eine Zementierung der Strukturen von vor 1962, was die Wirtschaft des Landes zum Stillstand brachte (und wiederum mehrere Millionen Menschen das Leben kostete): Als „zehn verlorene Jahre “ pflegen Chinesen auch heute noch die Jahre zwischen 1966 und 1976 zu bezeichnen. Derartige Exzesse (auch) in der Wirtschaftspolitik sind in einem demokratischen Staatswesen undenkbar. Selbst als Indira Gandhi das Riesenland mit den Mitteln des Notstandes, d.h. mit quasi-diktatorischen Vollmachten, regierte, blieb diese Episode (1975-1977) wirtschaftspolitisch ohne Folgen. So war es der chinesischen Führung erst nach dem Tod des „Großen Steuermannes “ (1976) möglich, behutsam einen evolutionären Wirtschaftskurs einzuschlagen (s.o.). Die spontane Auflösung der Volkskommunen nach 1978 brachte das wahre Denken und die Überzeugung der „breiten Massen “ schlaglichtartig ans Tageslicht: Individualismus statt Kollektivismus – im Zeitalter der Globalisierung sicher eine Grundvoraussetzung, um im „Weltkonzert “ mitspielen zu können. Auf diesen Aspekt wird zurückzukommen sein.

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Datenproblematik: Grenzen und Chancen des Vergleichs

Bei der Zielsetzung einer vergleichenden Gegenüberstellung, noch dazu von Staaten mit gegensätzlichen politischen Systemen und – immer noch – unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen, spielt die Datenproblematik naturgemäß eine besondere Rolle. „Zahlen und Daten haben in einem planwirtschaftlichen Wirtschaftssystem einen anderen Charakter als in einem kapitalistisch orientierten. In der Planwirtschaft können sich Kennziffern zu leicht derartig verselbständigen, dass sie an die Stelle des eigentlichen Erfolges oder Misserfolges wirtschaftlicher Prozesse treten, wo dies doch nur durch die realen Güterströme bzw. die erbrachten Dienstleistungen erreicht werden kann. Die Fetischierung der Zahlen verführt viele Verantwortliche auf allen Ebenen dazu, Daten in ihrem Sinne zu verändern, aus den in den Kennziffern verborgenen Widersprüchen Nutzen zu ziehen [...] “ (Louven 1983: 235).

Politisch brisante Daten werden von den politisch Verantwortlichen bis heute in ihrem Sinne und für ihre Zwecke bedenkenlos manipuliert – dazu gehören statistische Daten, die die Rigidität der Nationalitätenpolitik verschleiern sollen. Ein Beispiel ist die massive Sinisierung Tibets mit dem – politisch motivierten – Schwerpunkt Lhasa: Für 1990 wird die offizielle Bevölkerungszahl der Stadt mit 125.828 angegeben, der Anteil der Han-Chinesen mit 28% beziffert. Tatsächlich enthält der – unveröffentlichte – Bericht des stellvertretenden Vorsitzenden des tibetischen Volkskongresses für dasselbe (!) Jahr einen Anteil von 100.000 Han-Chinesen an der Gesamtbevölkerungszahl von 160.000 Bewohnern (Bronger 2001: 62), seinerzeit also 62,5%. Heute dürfte sich ihr Anteil auf etwa 80% belaufen. An einigen – für die vergleichende Gegenüberstellung relevanten – Beispielen sei die Datenproblematik erläutert.

5.1

Welche ist die größte Stadt der Welt?

Im jährlich erscheinenden Weltentwicklungsbericht wird „Urbanisierung “, genauer: die Urbanisierungsquote, d.h. die in den Städten lebende Bevölkerung, als Entwicklungsindikator bezeichnet, in den Angaben der letzten Jahre sogar in der Rubrik „Lebensqualität “ geführt (zusammen mit Lebenserwartung, Analphabetenquote etc.). Ob die (Höhe der) Urbanisierungsquote wirklich ein entwicklungsfördernder Indikator ist, vermag bis heute niemand zu sagen. Die Streitfragen: „Welche Rolle spielen die Städte und die Verstädterung im Entwicklungsprozess eines Staates? Fördern sie die Entwicklung der übrigen Landesteile oder wirken sie eher entwicklungshemmend? “ sind Jahrzehnte alt

304

Indien–China

(näheres: Bronger 1993: 113f.).15 In diesem Zusammenhang wird immer wieder die „Schneewittchen-Frage “ gestellt: „Wer hat die größte Stadt in seinem Land? “ „Schlag nach “ im China Statistical Yearbook 2000, Seite 350. Es ist nicht Tokyo oder Mexico City, weder São Paulo noch New York und auch nicht Shanghai, sondern Chongqing mit 30,7 Millionen Einwohnern (1999). Nach der gleichen Quelle sind im „Reich der Mitte “ weitere 3 Städte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern (Shanghai, Beijing, Chengdu), 16 mit mehr als 5 und weitere 17 mit mehr als 1 Mio. Einwohnern lokalisiert, Hongkong nicht eingerechnet. Derartige Angaben sind nicht etwa nur eine „chinesische Marotte “: In der diesbezüglich am häufigsten zitierten Quelle, dem von den Vereinten Nationen jährlich herausgegebenen Demographic Yearbook finden wir in der neuesten Ausgabe für die VR China, bezogen auf die Volkszählung von 1990, nicht weniger als 95 (!) Millionenstädte aufgelistet – und das sogar nur auf das Kerngebiet („city proper “) bezogen (UN 1999:243-246). In Indien sind es demgegenüber „nur “ 24 „Urban Agglomerations “ („cities proper “: 19 – ibid.: 246-249). Selbst die hochverstädterte USA bringt es auf nur 46 („cities proper “: 10) metropolitane Agglomerationen. Ist China also das Land nicht nur mit der größten Metropole der Welt, sondern mit der – mit Abstand – größten, und gegenüber Indien 4-fach höheren, Anzahl von Millionenstädten? (Fast) das Gegenteil ist richtig. Wie aber kommt dieses die Wirklichkeit so verfälschende Bild zustande? Die Klärung dieser offensichtlich so unterschiedlichen Datengrundlagen bietet die Chance (und Notwendigkeit), die Datensätze vergleichbar zu machen– unabdingbare Voraussetzung für unsere Themenstellung. Des Rätsels Lösung liegt in dem Tatbestand begründet, dass die administrativ-statistische Abgrenzung der chinesischen Städte ein – in der Regel ausgedehntes – agrares Umland mit einbezieht, die Bezugsfläche aber (fast) niemals angegeben wird. Das gilt auch im Falle der beiden eingangs genannten chinesischen bzw. UN-Quellen. Die Einwohnerzahl der „größten Stadt der Welt “, Chongqing, bezieht sich auf ein Areal von 82.000 km2, d.h. deutlich größer als das der Benelux-Staaten oder so groß wie die Insel Irland – bereits dieser Tatbestand demaskiert die Bevölkerungszahl als völlig irreal. Auch die übrigen Großstädte Chinas sind, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Chongqing, „overbounded “, d.h., die administrativ-statistischen Grenzen sind viel weiter gezogen als die eigentliche Stadt (Davis 1959: 6ff), während es sich bei den Städten Indiens durchweg um „truebounded “ cities handelt, bei denen politische und geographische Grenzen zusammenfallen (einige, wie z.B. Calcutta, sind inzwischen sogar zu „underbounded “ cities geworden). Die Flächen der – 1990 – 31 Metropolen Chinas übersteigen die der 23 Indiens um 15 Darauf

wird in einem späteren Beitrag zurückzukommen sein.

Dirk Bronger

305

mehr als das 44-fache, die Einwohnerzahl Calcuttas, bezogen auf die Fläche von Chongqing, würde fast die 80-Millionen-Marke erreichen! Wie nun machen wir die Unterschiede transparent, wie stellen wir eine Vergleichbarkeit her? Das „chinesische Puzzle “ 16 ist am ehesten dadurch zu entwirren, dass wir hierzu die Abgrenzung der eigentlichen Stadt (shi) heranziehen, und, da selbst diese Siedlungseinheiten gegenüber den städtischen Agglomerationen Indiens noch „overbounded “ sind (s. Tab. 3, Sp. 3 u. 5, 9 u. 11), hier nur deren „NonAgricultural Population “ (NAP) berücksichtigen. Für die Volkszählungsjahre 1990 (China) bzw. 1991 (Indien) – die Daten für die Jahre 2000 bzw. 2001, aufgeschlüsselt nach Stadtgrößenklassen, liegen noch nicht vor – ergibt sich die in Tabelle 3 dargestellte Vergleichsbilanz. Tab. 3: Metropolisierungsquote (MQ)/Urbanisierungsquote (UQ) China – Indien 1990/1991 Stadtgrößenklasse 1 2 I > 1 Mio. II > 500.000 III > 100.000 IV > 20.000 Gesamt

Stadtgrößenklasse

I > 1 Mio. II > 500.000 III > 100.000 IV > 20.000 Gesamt

Anzahl 3 31 28 272

Chinaa (1990) Fläche Bevölkerung (km2) (1.000) 4 5 49.587 62.468 51.752 18.988 58.440

Dichte (E/km2) 6 1.260 367

18,7b

214.140

Anzahl 8 23d 32e 245 1.292 1.592

Indienc (1991) Fläche Bevölkerung (km2) (1.000) 9 10 8.602 72.408 3.716 21.740 46.334 53.304 193.034

MQ/UQ (%) 7 5,5 1,7 5,3

Dichte (E/km2) 11 8.418 5.850

MQ/UQ (%) 12 8,6 2,6 5,5 6,3 22,9

a) shi: Non-Agricultural Population; b) in den Städten (shi) lebende Gesamtbevölkerung (Herrmann-Pillath 1995: L II), d.h., die NAP-Quote dürfte noch um ein bis zwei Prozent darunter liegen (siehe auch ibid.: L V); die Gesamtzahl (Sp. 4) ist entnommen aus: Hu/Foggin 1995: 15; c) Urban Agglomeration (U.A.); d) ohne Kalyan (zu Greater Bombay U.A.); e) ohne Thane (zu Greater Bombay U.A.).

Quellen: Volkszählungsergebnisse; Berechnungen D.B. 16 Zum Folgenden s. Bronger 1988: 4ff.; Bronger 1993: 35f. und die dort angegebene Literatur.

306

Indien–China

Fazit: Trotz deutlich großzügiger Abgrenzungen der Städte Chinas (Sp. 3 u. 9) und demzufolge kaum noch „städtisch “ zu nennender Dichtewerte (Sp. 5)17 strafen die Ergebnisse die offiziellen Angaben Lügen: Während diese der VR China eine Quote von 26,2% (für 1990) und 30,9% (für 1999) attestieren, liegt die tatsächliche Urbanisierungsquote des „Reiches der Mitte “ deutlich unter der Indiens und dürfte auch gegenwärtig die 20%-Marke nicht nennenswert überschritten haben.18 Übrigens: Die Einwohnerzahl (NAP) der „größten Stadt der Welt “ belief sich 1990 auf 2,27 Mio. (bei einer shi-Bezugsfläche von 1.534 km2); gegenwärtig dürfte sie allenfalls bei 3 Millionen liegen. Damit rangiert Chongqing ungefähr an 100. Stelle der Metropolen der Welt. Und schliesslich: Chongqing mit Lebensqualität zu assoziieren ist wirklich nicht nachvollziehbar. Andererseits: Sind Bombay und Calcutta für viele der dort wohnenden Menschen wirklich lebenswerter?

5.2

Wieviel Erde braucht der Mensch?

Trotz massiver Industrialisierungsbemühungen in mittlerweile über 50 Jahren mit dem Ergebnis, dass sich beide Staaten heute im (beginnenden) Übergang zu einer Industriegesellschaft befinden (China deutlich fortgeschrittener als Indien), sind beide gegenwärtig immer noch – primär – als Agrarländer bzw. Agrargesellschaften zu bezeichnen: Drei Viertel (Indien) bzw. vier Fünftel (China – siehe Tab. 2) der Gesamtbevölkerung leben auf dem Lande, und auch heute (1998) noch sind über drei Fünftel der Erwerbstätigen – Indien: 60,5%, China: 68,0%19 (FAO 1998: 24) – direkt im primären Sektor beschäftigt. Darüber hinaus sind aber auch die nichtagrarischen Wirtschaftszweige direkt oder indirekt in mannigfacher Weise mit der Landwirtschaft verflochten: Eine beträchtliche Zahl der hauptberuflich nicht in der Landwirtschaft beschäftigten Landbevölkerung bezieht, zumindest temporär, im Neben- oder Zuerwerb einen Teil ihres Einkommens aus der Landwirtschaft. Aber auch die Industrie dient in erheblichem Umfang noch immer der Aufbereitung und Vorbereitung der Erzeugnisse aus der einheimischen Land-, Vieh- und Forst17 Selbst unter den Millionenstädten erfüllen nur 9 der 31 das Dichtekriterium von 2.000 Einw./km2 (Bronger 1993: Tab. 1A), während in Indien sämtliche Städte der Größenklassen I und II deutlich darüber liegen (s. dort: Sp. 16). 6 der insgesamt 27 Flächenprovinzen Chinas weisen einen höheren Dichtewert auf als der Durchschnittswert der Größenklasse II (367 Einw./km2 – Sp. 5)! 18 Vgl. dazu die Daten in Zou Deci 1995: 26; die Bevölkerungszahl der 517 Städte wird mit 163,22 Millionen angegeben, das entspricht einem Anteil von 13,9% der Gesamtbevölkerung (für 1992). 19 Die amtliche chinesische Statistik gibt hiervon stark abweichende, niedrigere Prozentzahlen an: Für das Jahr 1999 errechnet sich der im Sektor Farming, Foresty, Animal Husbandry and Fishery Erwerbstätigen anteilig auf 47,5% (vgl. China Statistical Yearbook 2000: 120).

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307

wirtschaft: Bis heute finden noch immer über 30% (China) bzw. 40% (Indien) der Industriebeschäftigten in diesen Branchen Beschäftigung, und über 30% der in der Industrie verarbeiteten Produkte entfallen auf Erzeugnisse des primären Sektors (Lebensmittel-, Tabak-, Zucker-, Textil-, Holz-, Papier- und Lederindustrie). Bei der bis heute überragenden Bedeutung dieses Sektors auf der einen und der dramatischen Bevölkerungsentwicklung gerade der vergangenen 50 Jahre auf der anderen Seite (Abschnitt 3.3), kommt dem Produktionsfaktor Boden in beiden Ländern eine besondere Bedeutung zu. Die sich daraus ergebende Frage „Wieviel Erde hat der Mensch? “ ist sehr viel einfacher gestellt als beantwortet – vor allem im Hinblick darauf, wie die vorhandenen Daten vergleichbar zu machen sind. Aufgrund der auf diesem Gebiet – Agrarstatistik – herrschenden Begriffsvielfalt und somit des Daten„reichtums “ wird die Antwort auf diese Frage sehr erschwert (Tab. 4). Fragen wir zuerst die Fachleute von der UNO und der Weltbank. Beide Institutionen verwenden den Begriff „arable land “ 20 , in der deutschen Ausgabe des World Development Report (WDR) mit „bebautes Land “ wiedergeben. Nach den jüngsten Angaben der FAO wird die Fläche dieser Landnutzungskategorie für die VR China 1997 auf gut 135 Mio. ha geschätzt (I: Sp. 3); damit wurden frühere Angaben offensichtlich, und zwar erheblich, nach oben korrigiert (I: Sp. 4 – s.o. Abschnitt 4.1). Die amtliche chinesische Statistik bedient sich zweier Termini: „cultivated area “ 21 und „total sown area “ 22 – dementsprechend differieren die Angaben nennenswert – um gut 20% – voneinander (II: Sp. 6 u. III: Sp. 6).23 Auch die amtliche indische Landnutzungs20 „Arable land: land under temporary crops (double-cropped areas are counted only once), temporary meadows for moving or pasture, land under market and kitchen gardens and land temporarily fallow (less than five years)[...]. Data for ’Arable land’ are not meant to indicate the amount of land that is potentially cultivable “ (FAO 1998: VIII). Die obige Zahl (Sp. 3 u. 4) schliesst ein: „Land under permanent crops: land cultivated with crops that occupy the land for long periods and need not be replanted after each harvest, such as cocoa, coffee and rubber; this category includes land under flowering shrubs, fruit-trees, nut-trees and vines, but excludes land under trees grown for wood or timber “ (ibid.). 21 „Cultivated area (Area under cultivation) refers to farmland which is plowed constantly for growing crops, including cultivated land, newly cultivated land in the current year, farmland left without cultivation for less than three years and fallow land in the current year, rotation land, rotation land for grass crops, farmland with some fruit trees, mulberry trees and other trees and cultivated seashore land, lake land, and etc. The land of mulberry fields, tea plantations, orchards, nurseries of young plants, forest land, reed land, natural and man-made grassland and other land are not (Hervorh. D.B.) included in cultivated land “ (China Statistical Yearbook 2000: 403). 22 „Sown Area of Crops refers to area of land sown or transplanted with crops regardless of being in cultivated area. Area of land re-sown due to natural disasters is also included “ (ibid.). 23 In der deutschsprachigen Chinaliteratur finden verschiedene Termini Verwendung: „Grundanbaufläche “, „Anbaufläche “ (u.a. Machetzki 1986: 501f.), „Ackerfläche “ (Taubmann 1998: 34f.), „genutzte Anbaufläche “ (Schüller 1998:636), „Ackerbaufläche “ (Herrmann-

308

Indien–China

statistik unterscheidet zwischen „gross area under major crops “ (IV: Sp. 7) und „cropped area “. Bei letzterer wird zwischen „net area sown “ (V: Sp. 7) und „total cropped area “ (VI: Sp. 7) unterschieden, d.h., bei letzterer ist die Mehrfachanbaufläche mit berücksichtigt. Wie stelle ich nun eine – möglichst optimale – Vergleichbarkeit her? Man könnte es sich hier einfach machen und die FAO-Werte zugrunde legen. Dagegen spricht weniger, dass es sich bei den Angaben beider Länder um Schätzwerte handelt (bei der Mehrzahl der Länder der „Dritten “ Welt ist dies ebenso der Fall – FAO 1998: 3-13), als der Tatbestand, dass die Mehrfachanbaufläche als m.E. ganz wesentlicher Entwicklungs indikator dann unberücksichtigt bleiben würde. Unter diesen Umständen bleiben für Indien nur Kategorie VII und für China – am ehesten – Kategorie III übrig, zumal hier die Genussmittelpflanzen (Tee!) und die Obstkulturen ausdrücklich eingeschlossen sind. Anzumerken aber ist, dass die Berücksichtigung der Mehrfachanbaufläche in dieser Kategorie zwar wahrscheinlich,24 aber nicht eindeutig gegeben ist. (s. Anm. 22)25 So manchen (zusätzlichen) Stolperstein beinhaltet der Vergleich der Landnutzungsstatistik im Einzelnen. Beispiel: In China werden Bohnen sowie Knollengewächse (Kartoffeln!) zu Getreide gerechnet; in Indien zählen erstere zu den Hülsenfrüchten, letztere zu den Gemüsepflanzen (für Indien: s. Bronger 1996: 483-486). Darauf wird zu achten sein.

Bei der in erster Linie durch das dramatische Bevölkerungswachstum bedingten Halbierung der pro Kopf entfallenden Anbaufläche in beiden Ländern in den vergangenen 45 Jahren (1951/52-1996/97)26 besteht ein sich ständig verschärfender Zwang zur Intensivierung der Landwirtschaft. In Anbetracht des – wiederum in beiden Ländern herrschenden – unsicheren Niederschlagsgeschehens, hauptverantwortlich für die sowohl jährlichen als auch regional erheblichen Produktionsschwankungen, kommt der positiven Stabilisierung der Agrarproduktion entscheidende Bedeutung zu. „Positive Stabilisierung “ beinhaltet die Verwirklichung folgender Komplementärziele: 1. Sicherstellung der Eigenversorgung der über 1 bzw. 1,3 Milliarden Menschen, 2. größere Unabhängigkeit von den erheblichen Ertragsschwankungen und damit von Getreideimporten sowie 3. Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze auf dem Lande. „Positive Stabilisierung “ kann somit einen wichtigen, wenn nicht entscheidenPillath 1995: 74). Leider werden die Begriffe nicht definiert – ihre Verwendung als Synonym zur Kategorie „arable land “ (s.o., Anm. 20) kann vermutet werden. 24 Dafür spricht m.E. die Angabe, dass die „total sown area “ in den vergangenen fünf Jahren (1995-1999) um beachtliche 6,5 Mio. ha (= 4,3%) zugenommen hat (ChStYb 2000: 369; Berechnung D.B.), während die Nettoanbaufläche rückläufig sein dürfte (s. Abschnitt 4.1). 25 Kategorie II scheidet m.E. von vornherein aus, weil hier, im Unterschied zu Indien (einschließlich Kategorie IV), aber auch zur FAO/WEB-Kategorie (I), Spezialkulturen (Maulbeere), aber auch Genussmittelpflanzen (Tee!) ausdrücklich ausgeschlossen sind (s. Anm. 21). 26 Zur Ermittlung dieser Werte sind die Angaben von Kategorie I, Sp. 3 (für China) und Kategorie V, Sp. 7 (für Indien) herangezogen.

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309

den Beitrag zur Beseitigung der Armut leisten. Zur Erreichung bzw. Verwirklichung dieser beiden Entwicklungsziele, Intensivierung der Landwirtschaft, (Erhöhung des Ertrags- potentials und) positive Stabilisierung der Agrarproduktion, kommt der Ausdehnung der Bewässerungsfeldflächen eine Schlüsselrolle zu. Für unsere Zielsetzung einer vergleichenden Gegenüberstellung der beiden Subkontinentalstaaten stellt die Ausdehnung der bewässerten Fläche (irrigated area) somit einen unverzichtbaren Entwicklungsindikator dar. Auch hier ist die Vergleichbarkeit der vorhandenen Datensätze nicht unproblematisch. Die indische Statistik unterscheidet – sinnvollerweise – zwischen (einfach bewässerter) Netto- und (mehrfach bewässerter) Bruttofläche (Tab. 4, VIII u. IX: Sp. 7). Aus den oben genannten Gründen sollte man die „gross irrigated area “ als Vergleichsindikator heranziehen.27 Für China liegen Angaben dagegen nur für die „irrigated area “ insgesamt vor: das betrifft diejenigen der FAO (VII: Sp.3) ebenso wie die der amtlichen Statistik (VII: Sp.6). Auch die von beiden Institutionen gegebenen Erläuterungen zum Begriff „irrigated area “ 28 geben keinen eindeutigen Aufschluss darüber, ob es sich hierbei um die „net “ oder die „gross irrigated area “ handelt. Auch die (bislang) zitierte Fachliteratur bringt keine Lösung des Problems. Lediglich in der Datenzusammenstellung von Dürr/Widmer findet sich in Tab. 56 eine „dry land “ 29 „irrigated area “ von 22,25 Mio. ha (für 1978) und in Tab. 58 eine „total irrigated area “ von 44,57 Mio. ha (für 1981 – Dürr/Widmer 1983: 92,94) – letztere stimmt mit der im China Statistical Yearbook 2000 ausgewiesenen „irrigated area “ für das betreffende Jahr überein (ibid.: 377). Die Vermutung liegt nahe 27 Empirische Feldstudien in Dörfern Indiens offenbarten, dass die Angaben sowohl zur „net “ als auch zur „gross irrigated area “ mit gravierenden Unsicherheiten behaftet sind, die sogar ein die Wirklichkeit verfälschendes Bild ergeben können. Die nachfolgend genannten – grundsätzlichen – Vorbehalte dürften für die Bewässerungsstatistiken Chinas mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso gültig sein: 1. Der überwiegende Teil des Bewässerungsfeldlandes wird nur während der Monsunmonate überflutet. Die Angaben enthalten jedoch keine Aussagen über die Bewässerungsdauer, d.h. darüber, wieviel und wie lange Wasser den jeweiligen Bewässerungsanlagen zusätzlich entnommen werden kann. 2. Die Tatsache, dass ein Gebiet bewässert wurde, sagt nichts darüber aus, ob von der Bewässerungsmöglichkeit auch der optimale Gebrauch gemacht worden ist, besser: der optimale Gebrauch gemacht werden konnte. Auf dieser Linie liegt 3., dass die amtlichen Statistiken nichts darüber aussagen, wieviel Wasser bereits während des Bewässerungsvorganges verloren geht (Näheres: Bronger 1984: 150ff; ders. 1996: 362ff.) 28 „Irrigation. Data on irrigation relate to areas equipped to provide water to the crops. These include areas equipped for full and partial control irrigation, spate areas, and equipped wetland or inland valley bottoms. [...] China: Data on irrigated area cover farmland only (areas under orchard and pastures are excluded) “ (FAO 1998: VIII); „ Irrigated Area refers to areas that are effectively irrigated, i.e. level land which has water source and complete sets of irrigation facilities to lift and move adequate water for irrigation purpose under normal conditions “ (China Statistical Yearbook 2000:403). 29 Seinerzeit 74,8% des „arable land “ (berechnet v. D.B.).

310

Indien–China

– in der Zusammenstellung selbst wird keine Erklärung gegeben –, dass es sich bei der „total irrigated area “ um die Bruttobewässerungsfeldfläche handelt. Kurz: Die „gross cropped area “ Indiens und die „(total) irrigated area “ der VR China sind – analog zu der „total sown area “ (Kategorie III) – als Vergleichsindikatoren heranzuziehen. Tab. 4: Wieviel Erde hat der Mensch? (Flächenangaben in 1.000 ha; Pro-Kopf-Angaben in %) Berechnungen D.B. LandChina FAO FAO WEB ChStYb nutzungs- Indien 1998 1989 1999/2000 2000 kategorie 1 2 3 4 5 6 Bezugs- 1997 1988 1994-96 1996/II jahr 1999/III,VII I China 135.365* 96.645* I Indien 169.850* 169.450* IA China 0,11 0,09 0,10a IA Indien 0,18 0,21 0,17a

IES 1999/2000 Tata 1999-2000 7 1999/IV 1996/V,VIII,IX

II II A

China China

130.039 0,11

III III A

China China

156.373 0,12

IV IV A

Indien Indien

168.800 0,17

V VA

Indien Indien

142.200 0,15

VI VI A VII VII VII A VII A

Indien Indien China Indien China Indien

186.600 0,20

VIII VIII A

Indien Indien

53.500 0,6

IX Indien IX A Indien IX B China IX B Indien *) Schätzungen.

71.500 0,8

51.819 57.000* 0,4 0,6

53.158 0,4

51,8a/37,0b 32,0

38,3c

Dirk Bronger

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a) Berechnungen der Weltbank; die übrigen Pro-Kopf-Daten von D.B. berechnet. b) 51,8%: WDR 1998/99: 204; 37,0%: WEB 1999/2000 - eine Erklärung für diese Diskrepanz wird nicht gegeben. c) Gross irrigated area as of % of cropped area. Quellen: Food and Agriculture Organization of the United Nations (Ed.): FAO Production Yearbook 1998: 8, 14; FAO Production Yearbook 1989: 52, 53, 59; Weltbank (Hrsg.), Weltentwicklungsbericht (WEB) 1999/2000: 290; World Development Report (WDR) 1998/1999: 204; National Bureau of Statistics, People’s Republic of China (Ed.), China Statistical Yearbook (ChStYb) 2000: 373, 377, 382, 383; Jain, N.K. (Ed.), Indian Economic Survey (IES) 1999/2000: S-17; Tata Services Ltd. (Ed.), Statistical Outline of India 1999-2000: 64.

Legende zu Tabelle 4: I : Arable land: FAO, WEB (WDR) (I A : Arable land per capita) II (II A

: :

Cultivated land: ChStYb Cultivated land per capita)

III (III A

: :

Total sown area: ChStYb Total sown area per capita)

IV

:

(IV A

:

Gross area under major crops: IES Area under agricultural crops: Tata Gross area under major crops per capita)

V (V A

: :

Cropped area: Net area sown: Tata Net area sown per capita)

VI

:

(VI A

:

Total cropped area: Tata (including area sown more than once) Total cropped area per capita)

VII (VII A

: :

Irrigated area: FAO, WEB, ChStYb Irrigated area per capita)

VIII : (VIII A :

Net area irrigated: IES/Tata Net area irrigated per capita)

IX

:

(IX A (IX B

: :

Gross area irrigated: IES/Tata (including irrigated area irrigated more than once) Gross area irrigated per capita) Irrigated Area: Cropped Area: WEB, Tata)

312

Indien–China

5.3

Wer hat wieviel? Zur regionalen Verteilung des „Einkommens “

Vorhandene Daten sind die eine, Datenzuverlässigkeit eine (ganz) andere Seite. Das beginnt bereits mit den Daten zur Bevölkerung (Abschnitt 5.1) – man zähle die Bewohner eines total überfüllten Squattergebietes (mit 100facher Dichte wie in unseren Großstädten) oder die von Rückzugsgebieten mit z.T. nomadisierender Bevölkerung, die es auch in Indien und erst recht in China gibt. Noch unsicherer sind die Angaben zu Anbauflächen (Aussaatoder Ernteflächen?) sowie zu den bewässerten Flächen (Abschnitt 5.2). Am wenigsten zuverlässig erscheinen ausgerechnet die Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (BSP, BIP) – „Volkseinkommen “ usw. – d.h. des zentralen, zumindest am häufigsten benutzten „Entwicklungs “indikators: Stets beruhen diese Angaben auf – unterschiedlich akkuraten – Stichprobenerhebungen, streng genommen also Schätzungen, die darüber hinaus von Regierungen oder in deren Auftrag handelnden Institutionen durchgeführt werden. Immerhin sind die zu seiner Berechnung entwickelten Konzepte ständig verfeinert worden30 mit dem Ergebnis, dass eine Vergleichbarkeit auf nationaler Maßstabsebene möglich erscheint, wie die vergleichende Gegenüberstellung der Berechnungen zum BIP/Kopf der internationalen mit den nationalen Statistiken für die vergangenen 20 Jahre (1980-1999) zeigt: Die Zunahme des BIP/Kopf ist nahezu identisch (Tab. 5, Sp. 4). Tab. 5: Indien – China: Wachstum des BIP/Kopf 1980-1999 (1980 = 100) BIP/Kopf 1 Weltbanka Economic Survey (Indien)b Stat. Yearbook (China)c

Indien 2 144,3 183

China 3 374,4

Zunahme 4 2,6fach 2,5fach

462

a) Zu Marktpreisen (Werte in US$); b) „at constant prices “; c) „at comparable prices “. Quellen: Weltentwicklungsbericht 1999/2000: 296; Indian Economic Survey 1999-2000: S-3; China Statistical Yearbook 2000: 53; Berechnungen D.B. Sehr viel schlechter sieht es auf den unteren Maßstabsebenen aus. Für die nächste, die subnationale Ebene – China: Provinzebene, Indien: Bundesstaaten – liegen die BIP-Daten zwar immerhin vor, aber 1. ist eine direkte Vergleichbarkeit infolge unterschiedlicher Berechnungsmethoden der Provin30 Darauf kann im Rahmen dieses Beitrages nicht näher eingegangen werden. Für China siehe u.a. Louven 1983, Machetzki 1982 u. 1986, Herrmann-Pillath 1995.

Dirk Bronger

313

zen bzw. Bundesstaaten nur bedingt gegeben.31 Und 2. gilt dieses Handikap erst recht für den Zeitfaktor: Die Daten„sprünge “ bei den Zeitreihen, konkret: die Variationsbreite der BIP/Kopf-Unterschiede, erscheinen doch sehr fraglich, was in der Folge die Vergleichbarkeit stark beeinträchtigt. In der Indischen Union berechnet sich die Variationsbreite zwischen dem „wohlhabendsten “ Bundesstaat (Punjab) und dem „ärmsten “ (Bihar) für 1990/91 auf 3,1:1, für 1996/97 dagegen bereits auf 4,75:1 (Tata 1999-2000: 23; Berechnungen D.B.) – eine sehr unwahrscheinliche Zunahme der Schere in gerade einmal 6 Jahren. Für die VR China ermittelte Herrmann-Pillath dagegen eine deutliche Abnahme der regionalen Disparitäten: Die Variationsbreite zwischen den Antipoden Shanghai und Guizhou verringerte sich im Zeitraum von 1978 bis 1992 von 14,5:1 auf 7,5:1 (Herrmann-Pillath 1995: Tab. 2-11; Berechnung D.B.) – kaum vorstellbar, wenn man die dynamische Volkswirtschaft der Metropolitanregion und die (seinerzeit) noch großenteils in der Planwirtschaft verharrende Bergregion vor Augen hat. Für 1999 errechnet sich die Variationsbreite zwischen beiden auf 12,45:1 (nach: China Statistical Yearbook 2000: 63; siehe auch: Giese 2001: 38). Darauf wird zurückzukommen sein.

Auf der nächsten, der regionalen, Maßstabsebene wird die Diskrepanz evident: Während in China BIP-Daten bis hinunter auf die Gemeindeebene existieren (ihre Zuverlässigkeit steht auf einem anderen Blatt), zählt zwar der alle 10 Jahre publizierte Census of India über 1.000 (zumeist dickleibige) Bände und enthält auch eine große Datenmenge auf Gemeindeebene, BIP-Angaben unterhalb der Bundesstaatenebene sucht man jedoch vergeblich. Für Indien muss auf dieser Ebene deshalb auf den vom Centre for Monitoring Indian Economy, Bombay, entwickelten und ständig verfeinerten sog. CMIE-Index zurückgegriffen werden, dessen jüngste Berechnungen flächendeckend – 466 Distrikte – für 1993 (davor: 1980, 1985) vorliegen. Auch wenn dieser Index mit den Angaben für die VR China nicht direkt vergleichbar ist, so wird man ihn für die vergleichende Gegenüberstellung des ökonomischen Leistungsgefälles auf dieser Ebene heranziehen (müssen). Unsere eingangs gestellte – zugegebenermaßen plakative – Frage: „Wer hat wieviel? “ ist somit allenfalls bis zur subnationalen Maßstabsebene zu beantworten. Für die (raue) Wirklichkeit ist dies natürlich ein (noch) sehr unbefriedigendes Fazit. Ein grundsätzlicher Kritikpunkt besteht vor allem aber darin, dass mit einem einzelnen, noch dazu hoch aggregierten wirtschaftlichen Indikator die Entwicklung (bereits als Zustand) und damit das regionale Entwicklungsgefälle nicht in angemessener Form erfasst werden können. Um das gegenwärtige Ausmaß des regionalen Entwicklungsgefälles auch auf den unteren – regionalen, subregionalen, lokalen – Maßstabsebenen aufzuzeigen und seine Entwicklung (Dynamik) für einen möglichst langen Zeitraum zurückzuverfolgen, ist ein multisektoraler Ansatz erforderlich, der vergleichbare Daten aus möglichst allen Lebensbereichen berücksichtigt.32 Im Hinblick auf diese zweifellos sehr anspruchsvolle Zielsetzung, dies für die beiden Megastaaten in vergleichender Gegenüberstellung zu versuchen, muss der erste Untersuchungsschritt darin bestehen, vergleichbare Indikatoren herauszufiltern. 31 Zu 32 Zu

China: s. insbes. Herrmann-Pillath 1995: LXV ff.; zu Indien: Tata 1999/2000: 23. Indien: Bronger 1987: 22 ff., insbes. Fig. 1 (:26) u. Fig. 2 (:31).

314

6

Indien–China

Der Vergleich: Wahrheiten und Einsichten (Resümee)

Der Vergleich, bescheidener formuliert: die vergleichende Gegenüberstellung, als Forschungs- und Darstellungsmethode bietet die Chance und die Möglichkeit, das Wesentliche und Unverwechselbare, aber auch das Besondere, Einmalige eines Landes (oder einer Region) deutlich(er) zu machen. Entscheidende, ja unabdingbare Voraussetzung einer jeden vergleichenden Gegenüberstellung ist es, muss es sein, vorhandene Datensätze – möglichst – vergleichbar zu machen. An Hand dreier Untersuchungsgebiete, der Verteilung von Stadt- und Landbevölkerung, des Umfangs der Produktionsfaktoren Boden und Wasser sowie der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wurde die Notwendigkeit dieses – ersten – Untersuchungsschrittes aufgezeigt. Bereits die Datendiskussion offenbarte relevante Erkenntnisse (und z.T. Ergebnisse) – im Hinblick auf die Wahrheitsfindung: Im Gegensatz zu sämtlichen Statistiken und der – darauf „aufbauenden “ – Interpretationen ist der Anteil der in den Städten33 lebenden Menschen im „Reich der Mitte “ erkennbar geringer (und seine Hauptstadt kaum halb so groß wie die der Indischen Union).34 – im Hinblick auf methodische und inhaltliche Einsichten: der „zentrale “ (Entwicklungs?)indikator – BIP, „Volkseinkommen “ oder wie er sonst noch genannt wird – ist, da er mit vielen (statistischen) Unsicherheitsfaktoren behaftet ist und obendrein für Indien unterhalb der subnationalen Maßstabsebene hierfür keine Daten existieren,35 unbedingt durch solche aus möglichst allen Lebensbereichen zu ergänzen so wie es dem Zentralbegriff „Entwicklung “ schliesslich auch entspricht. 33 Die auf landesüblichen Stadtdefinitionen bezogenen Zusammenstellungen von (zeitpunktbezogenen) Urbanisierungsquoten und Urbanisierungsraten (Zeitreihen) sind kaum aussagekräftig – in erster Linie, weil sie a priori nicht vergleichbar sind. Abgesehen davon, dass nur eine Minderheit der jungen Staaten über einen klar definierten Stadtbegriff verfügt (s. Zusammenstellung in: UN Demographic Yearbook 1997: 140-144), der sich auch in vielen Fällen häufig geändert hat (z.B. Indien und China), weist bereits die statistische Abgrenzung „Stadt “ von Land zu Land sehr verschiedene Dimensionen auf: Die Untergrenze „Stadt “ variiert von 200 Einwohnern in Skandinavien (Schweden, Norwegen, Island) bis 50.000 in Japan. Die bereits 1966 von den Vereinten Nationen vorgeschlagene (sinnvolle) Untergrenze von 20.000 für die „urbane “ Bevölkerung (PD-UN, 1966: 23) hat sich bis heute nicht durchsetzen können. 34 Bezogen auf eine vergleichbare, d.h. (auch) vergleichbar große Bezugsfläche: Beijing 1.370 km2 („city proper “ u. „near suburbs “): 6.589 Mio. Einw. (1999) – Delhi 1.483 km2 („Union Territory “): 13.661 Mio. Einw. (2001; s. Anm. 2). Dabei ist der Anteil an nichtstädtischer („rural “ bzw. „non-agricultural population “) mit 7-8% in beiden Fällen in etwa identisch. 35 Das trifft für (fast) alle Länder der „Dritten “ Welt ebenfalls zu – im Übrigen auch für eine nennenswerte Zahl von Industrieländern.

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Werner Draguhn (Hrsg.) Indien 2001 Politik Wirtschaft Gesellschaft

Redaktioneller Beirat: Prof. Dr. Michael von Hauff Prof. Dr. Dietmar Rothermund Dr. Christian Wagner Beiträge von: Joachim Betz Jagdish P. Bhati Elfriede Bierbrauer Dirk Bronger Jona Dohrmann Alexander Fischer Sushila Gosalia Michael von Hauff Heinrich Kreft Claudia Kruchten-Weinrich Beate Kruse Jürgen Lütt

Citha D. Maaß Sonja Majumder Nina V. Michaelis Joachim Oesterheld Helmut Reifeld Hans Christoph Rieger Dietmar Rothermund Michael Schied Ralf Schmid Christian Wagner Martin Z. Wilderer Wolfgang-Peter Zingel

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Manuskriptbearbeitung: Vera Rathje Satz und Textgestaltung in LATEX auf Linux: Ruth Cordes, Wiebke Timpe Gesamtherstellung: Zeitgemäßer Druck CALLING P.O.D., Hamburg ISSN 1436-1841 ISBN 3-88910-267-0 Copyright Institut für Asienkunde Hamburg 2001

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VERBUND STIFTUNG DEUTSCHES ÜBERSEE-INSTITUT Das Institut für Asienkunde bildet zusammen mit dem Institut für Allgemeine Überseeforschung, dem Institut für Afrika-Kunde, dem Institut für Iberoamerika-Kunde und dem Deutschen Orient-Institut den Verbund der Stiftung Deutsches Übersee-Institut in Hamburg. Aufgabe des Instituts für Asienkunde ist die gegenwartsbezogene Beobachtung und wissenschaftliche Untersuchung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Asien. Das Institut für Asienkunde ist bemüht, in seinen Publikationen verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die jedoch grundsätzlich die Auffassung des jeweiligen Autors und nicht unbedingt die des Instituts darstellen. Alle Publikationen des Instituts für Asienkunde werden mit Schlagwörtern und Abstracts versehen und in die Literaturdatenbank des Fachinformationsverbundes Internationale Beziehungen und Länderkunde eingegeben. Anfragen zur Asien-Literatur richten Sie bitte an die Übersee-Dokumentation (Tel.: (040) 42834 598 Fax: (040) 42834 512).