Dokumentationen 2 - Historisches Kolleg

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Dokumentationen 2 Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung Horst F...

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Dokumentationen 2

Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung Horst Fuhrmann

Das Interesse am Mittelalter in heutiger Zeit Beobachtungen und Vermutungen

Lothar GaU

Theodor Schieder 1908-1984

München 1987

Schriften des Historischen Kollegs im Auftrag der Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgegeben von Horst Fuhrmann in Verbindung mit Knut Borchardt, Lothar Gall, Alfred Herrhausen, Karl Leyser, Christian Meier, Horst Niemeyer, Arnulf Schlüter, Rudolf Smend, Rudolf Vierhaus und Eberhard Weis Geschäftsführung: Georg Kalmer Redaktion: Elisabeth M üller- Luckner Organisationsausschuß : Georg Kalmer, Franz Letzelter, Elisabeth Müller-Luckner, Heinz-Rudi Spiegel Die Stiftung Historisches Kolleg hat sich für den Bereich der historisch orientierten Wissenschaften die Förderung von Gelehrten, die sich durch herausragende Leistungen in Forschung und Lehre ausgewiesen haben, zur Aufgabe gesetzt. Sie vergibt zu diesem Zweck jährlich Forschungsstipendien und alle drei Jahre den "Preis des Historischen Kollegs". In Anerkennung der besonderen Verdienste Theodor Schieders um das Historische Kolleg hat das Kuratorium der Stiftung zum Andenken an seinen Gründungsvorsitzenden eine Gedächtnisvorlesung eingerichtet. Die erste "Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung" hielt als Nachfolger im Amt des Vorsitzenden Professor Dr. Horst Fuhrmann am 21. November 1985 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; ihr ursprünglicher Titel lautete: "Der Historiker und sein Publikum - Über das Interesse am Mittelalter". Die Stiftung Historisches Kolleg wird vom Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der Wissenschaft in Forschung und Lehre und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft getragen.

© 1987. Stiftung Historisches Kolleg, Marstallplatz 8, 8000 München 22.

Inhalt Vorbemerkung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Erste Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung: Horst Fuhrmann Das Interesse am Mittelalter in heutiger Zeit Beobachtungen und Vermutungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Lothar GaU Theodor Schieder 1908-1984.............. ..........................

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Vorbemerkung

Theodor Schieder (1908-1984) war der erste Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Historisches Kolleg. Unter seiner 1978 übernommenen Leitung einigte sich das Kuratorium auf die Grundsätze und formulierte die Satzung, bis 1980 die erste öffentliche Ausschreibung erfolgen und der Kollegbetrieb aufgenommen werden konnte. Daß der Appell des Historischen Kollegs von Anfang an Zustrom und Zustimmung fand, bleibt mit dem Namen Theodor Schieders verbunden. Es hatte einige Mühe gekostet, den zunächst Zögernden zu gewinnen, aber wie es immer bei Theodor Schieder war: hatte er eine Sache übernommen, so identifizierte er sich mit ihr. Diese Hingabe an Sache und Ziel ist letztlich auch der Grund, weshalb man ihn gern an der Spitze wissenschaftlicher Einrichtungen sah, und seine Gabe, Menschen und Aufgaben zusammenzuführen, verbunden mit seinem hohen wissenschaftlichen und auch gesellschaftlichen Ansehen, gab ihm gleichsam eine archimedische Position außerhalb kleinlicher Querelen. Man tat sich leichter mit Theodor Schieder als Entscheidungsträger. Ich weiß, daß es dennoch falsch wäre anzunehmen, Theodor Schieder hätte die unabwendbar auftretenden Spannungen nicht empfunden und aus einer Art Unempfindsamkeit die Kraft des Zusammenhaltens, des Kurshaltens aufgebracht. Es war vielmehr im Gegenteil gerade so, daß ihn die Schwierigkeiten innerlich aufs stärkste bewegten und er eben deshalb ein Sensorium besaß für die Zumutbarkeit des einen und des anderen, für die Ausgewogenheit und das richtige Vorgehen. Nachdem das Historische Kolleg im Oktober 1980 auf den Weg gebracht war, hatte Schieder wichtigen Anteil an einem weiteren Schritt: an der Aussetzung des "Preises des Historischen Kollegs", mit dem in einem Abstand von jeweils drei Jahren die wissenschaftliche Gesamtleistung eines Historikers, zugleich aber auch ein durch Originalität, Gehalt und Sprache herausragendes Werk ausgezeichnet werden soll. Schieders Initiative wurde ein grundlegendes Gespräch im Hause des Bundespräsidenten verdankt, der schließlich

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das Patronat für die Verleihung des Preises übernommen hat und im November 1983 zum ersten Mal auch wahrnahm. Bald nach Theodor Schieders Tod (t 8. Oktober 1984) kam im Kreise der Kuratoren der Wunsch auf, die Erinnerung an ihren Gründungsvorsitzenden und seine Leistung auf angemessene Weise wachzuhalten, zumal sein Name wiederholt im Zusammenhang mit dem Historikerpreis genannt worden war, Theodor Schieder jedoch als Mitglied der Jury und als deren Vorsitzender es strikt abgelehnt hatte, daß man an ihn als einen möglichen Kandidaten des Preises denke. Die wissenschaftlichen Mitglieder des Kuratoriums des Historischen Kollegs, gemeinsam mit dem Vertreter der Deutschen Bank und dem Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, kamen überein, eine Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung einzurichten. Am Anfang eines neuen Kollegjahres soll jeweils im November ein Vortrag stehen, der diese Bezeichnung trägt: "Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung". Trifft dieses Datum mit der Verleihung des "Preises des Historischen Kollegs" zusammen, so entfällt die "Schieder-Gedächtnisvorlesung". Eine solche Planung ergab folgende Termine: Im November 1985 fand die erste und hier abgedruckte "Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung" statt; der November 1986 war - nach dreijährigem Intervallder zweiten Verleihung des "Preises des Historischen Kollegs" vorbehalten; 1987 und 1988 sind wieder Jahre der Gedächtnisvorlesung, bis 1989 der dritte "Preis des Historischen Kollegs" vergeben wird usw. - quod Deus bene vertat. Alle diese, um es im englischen Sprachgebrauch auszudrücken, "memorial lectures" wenden sich an ein historisch interessiertes Publikum, nicht an den Spezialisten. Daß diese Intention mit dem Namen Theodor Schieders verbunden wird, hat seinen guten Sinn, denn gerade ihm war daran gelegen, daß wir die Fachgrenzen überwinden und in die Breite wirken. Als er die Einrichtung des Historikerpreises empfahl, schrieb er an den Generalsekretär des Stifterverbandes: "Die Geschichte als Wissenschaft hat in den zurückliegenden zwanzig Jahren manche Anfechtungen vor allem von politischer Seite erfahren; sie wurde in den Schulplänen ... zum Teil völlig abgeschafft, zum Teil außerordentlich zurückgedrängt, so daß bei den Historikern eine manchmal resignative, manchmal aber auch zur heftigen Gegenwehr entschlossene Stimmung entstanden ist ... Diese Phase einer offenen Bekämpfung scheint jetzt überwunden, aber es ist unbestreitbar, daß die Geschichtswissenschaft bei

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allem historischen Interesse in der Öffentlichkeit noch keineswegs Anerkennung und Verbreitung ihrer Ergebnisse gefunden hat. Dies steht ganz im Gegensatz etwa zur modernen Physik, die es trotz ihres weit höheren Schwierigkeitsgrades verstand, durch Publikationen wie etwa denen von Werner Heisenberg ein Interesse weit über Fachkreise hinaus zu erwecken. Es scheint, daß dieser Unterschied vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die Historiker sich zwar nicht in den berühmten Elfenbeinturm zurückzogen, aber sich fast ganz auf Detailforschung beschränken. Diese wurde zudem in einer komplizierten und fast unverständlichen Fachsprache vorgetragen, so daß ihre Wirkung auf spezialistische Kreise beschränkt blieb. Das weiterhin steigende Interesse der Öffentlichkeit an historischen Fragen wurde dagegen von Autoren befriedigt, die Zusammenfassungen aus zweiter und dritter Hand boten. Sie schreiben oft unbestreitbar eingängig, benutzen aber die Ergebnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschung ziemlich skrupellos, ohne sie auch nur zu zitieren. Es muß indessen möglich sein, daß die Geschichtswissenschaft ihr Spezialistentum überwindet und in die Lage versetzt wird, ... gut geschriebene, aber keineswegs popularisierende Zusammenfassungen" zustande zu bringen. Eine "Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung" ist nicht nur ein Geschenk, für das wir dem Stiftungsfonds der Deutschen Bank und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft dankbar sind; sie ist auch eine Herausforderung an das Fach, sich auf einem Felde zu bewähren, das von ihm bislang nur lässig bestellt wurde und dessen Pflege Theodor Schieder anregen wollte. Dieser ersten "Gedächtnisvorlesung" ist eine Würdigung Theodor Schieders und seines Lebenswerkes durch Lothar Gal! - seit 1984 selbst Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Historisches Kolleg beigegeben, wie sie in Band 241 (1985) der Historischen Zeitschrift erschienen ist, die Theodor Schieder durch viele Jahre gemeinsam mit Lothar Gall herausgegeben hat.

Horst Fuhrmann Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Historisches Kolleg

Erste Theodor-Schieder-Gedächtnisvorlesung: Horst Fuhrmann

Das Interesse am Mittelalter in heutiger Zeit Beobachtungen und Vermutungen

"GESCHICHTSBÜCHER, so scheint mir, sollten nicht vorwiegend von denen konsumiert werden, die sie produzieren .... Darum versäume ich keine Gelegenheit, mich an andere Menschen zu wenden als an meine Schüler und Kollegen. Da ich meine Kompetenz nicht mehr mit gelehrtem Detail nachzuweisen brauche, spreche ich dabei eine andere Sprache ... Ich möchte möglichst viele Menschen erreichen, weil ich das außerordentliche Vergnügen, das mir Geschichte bereitet, anderen mitteilen will, und weil ich vom Nutzen gut dargestellter Geschichte überzeugt bin - gut dargestellt, das heißt in der nicht leicht zu treffenden Mischung von Scharfsinn und Leidenschaft. " Die humanistischen Fächer (und unter ihnen auch die Geschichte) "verdanken ihre Existenzberechtigung dem Interesse und dem Fassungsvermögen des Laienpublikums: sie existieren nicht zur Ausbildung von Fachleuten, sondern zur Erziehung von Laien; und deswegen sind sie mit Recht dazu verdammt unterzugehen, sobald sie den Kontakt mit dem Laien verlieren". "Geschichte darf nicht das Ergebnis liebenswürdiger Unterhaltungen unter Historikern sein, sondern muß herauswachsen aus dem Dialog der Historiker mit der Welt"; Geschichte habe beizutragen "zu einem besseren Zusammenleben der Menschen, zu einer lebendigeren Kultur, zu einem konkreteren Bewußtsein unserer Zeit"; alles, was nicht den Laien suche, sei akademische Spielerei. Drei Zitate sind hier zusammengestellt, aus denen eine gemeinsame Grundanschauung spricht und die sich deshalb fast nahtlos aneinanderreihen. Es ist nicht schwer zu erraten, daß keins aus der Feder eines deutschen Gelehrten stammt. Das erste Zitat kommt von Georges Duby (* 1919), Professor am College de France in Paris, jener 1530 gegründeten Einrichtung ohne Ausbildungs- und Prüfungsverpflichtungen, deren Professoren sich ganz ihren Forschungen - nicht also didaktischen Aufgaben - widmen können. Das zweite hat H. R. Trevor-Roper(* 1914)zum Autor; es entstammt seiner Antrittsvorlesung als Professor für moderne Geschichte in Oxford (1957). Die letzten Formulierungen, die offenbar auf Johan Huizingas (t 1945) Geschichtsbegriff anspielen, stammen von dem in Frankreich lehrenden italienischen Historiker Ruggiero Romano (* 1923).

14 Wie sagte Duby? "Da ich meine Kompetenz nicht mehr mit gelehrtem Detail nachzuweisen brauche, spreche ich dabei eine andere Sprache ... " Duby setzt seine Gelehrsamkeit in Gemeinverständlichkeit um. Wer immer das tut, muß sich bei diesem "Umsetzen" mit seinem Publikum beschäftigen, um die richtige Einstellung zu finden mit dem "Laien publikum" sagt Trevor-Roper, "mit der Welt" Romano und damit hat es seine Schwierigkeiten.

Die Frage nach dem Publikum Man sollte sich vor Augen halten, daß weite Teile der Bevölkerung Wissen und Orientierung nicht aus Büchern beziehen. Der deutsche Buchhandel lebt, so lautet eine Schätzung, etwa von 15-20% der Bevölkerung, und überall, wo das Buch Wissensvermittler ist, werden die meisten Menschen von diesem Angebot nicht erreicht. Ihre Vorstellungen sind stärker geprägt von Fernsehen und Rundfunk, von der Zeitung, vom redseligen Nachbarn, vom Stammtisch, von Überresten der Vergangenheit, auf die sie in der häuslichen Umgebung oder auf Reisen stoßen, und anderem mehr. Sie leben eher vom Zufall eines Informationsangebots, kaum geleitet von einem Bildungsstreben. In ihren Köpfen dürfte das Mittelalter aus stereotypen Bildern bestehen: das finstere Zeitalter mit Inquisition und Hexenverbrennungen, mit Rittern und geschundenen Bauern, mit Königen, Bischöfen und Päpsten, die untereinander offenbar ständig im Streit lagen, mit unverständlich großen und kunstvollen Kathedralen. engen Städten und zahlreichen Klöstern. Es sind hauptsächlich Ausschnitte aus der spätmittelalterlichen Welt, die in verschiedenartiger Brechung Bild und Schlagwort abgeben, manchmal horrorartig, manchmal aber auch mit einem Schuß Sehnsucht nach der noch nicht vergewaltigten Natur, ohne Kernkraft und Kunstdünger. Mittelalter - das ist die Nichtmoderne: keine Elektrizität. kein Auto, keine Eisenbahn, keine Zentralheizung. Die Welt der Nibelungen, des Robin Hood, mit dichten Wäldern und Pfeil und Bogen. geschaut im Fernsehen oder im Kino. Themen aus dem Robin-Hood-Stoff zum Beispiel sind weit über 20mal verfilmt worden. Wann diese Zeit war, bleibt recht vage. Das Mittelalter ist hier eben kein Zeitalter, sondern eine Lebensform. Wem "Rückfall ins Mittelalter" vorgeworfen wird, dem unterstellt man Primitivität. chaotische Rechtsvorstellungen, handfesten Aberglauben oder ähnliches.

15 Allerdings wird dem Bürger andererseits mancherlei Mittelalterliches - Angebliches und Wirkliches - geradezu aufgedrängt. Kaum eine Stadt oder ein Dorf, die nicht, wo es möglich ist, bei einer runden Jubiläumszahl an mittelalterliche Ursprünge mit Festschrift, folkloristischen Darbietungen und Feiern erinnern. Dafür sorgen schon die Fremdenverkehrsvereine. Da gibt es die Landshuter Fürstenhochzeit, die 1475 gefeiert wurde und ständig wiederkehrt wie die Corsa dei Ceri in Gubbio, die Giostra della Quintana in Foligno oder der Palio in Siena. Geschäftstüchtige Unternehmer vermarkten vorgeblich Mittelalterliches. In einer "Mittelalterlichen Kuchel" wird ein "Mittelalterliches Schlemmermahl" angeboten: "Die gemeinsame Völlerei beginnt um 20 Uhr und dauert bei 10 Gängen circa 3 Stunden" (so der Prospekt). Ein ganzes mittelalterliches Dorf - Düppel im Berliner Stadtteil Zehlendorf - ist eingerichtet worden. Es knüpft an eine an derselben Stelle untergegangene bäuerliche Siedlung des 13. Jahrhunderts an. In Kaltenberg, Kreis Landsberg am Lech (Besitz des Prinzen Luitpold von Bayern), gibt es, jeweils im Frühsommer, ein Ritterturnier. Eine beigegebene Straßenkarte ist mit den Worten überschrieben: "So kommen Sie ins Mittelalter. " Dies alles ist freischwebendes, geldbringendes Mittelalter mit Bilderbuch- und Amüsiercharakter, besonders an Ferienplätzen Europas - von Andalusien bis Irland - angeboten, ohne festen historischen Ort. Ein historisches Grundgerüst - was die Engländer basic facts nennen - dürfte bei den europäischen Nachbarn stärker ausgebildet sein als bei den Deutschen. Der Engländer selbst geringen Bildungszuschnitts kennt Hastings \066, weiß, daß zu den Angelsachsen die Normannen hinzutraten, hat vom IOOjährigen Krieg etwas gehört und erinnert sich der Heinriche III., IV., V. und der Richarde 11. und III. aus Shakespeares Königsdramen, auch wenn er die Personen durcheinanderbringt. Die Franzosen, deren schulischer Geschichtsunterricht kürzlich intensiviert worden ist, haben ihre Kreuzzüge und die heilige Johanna und feiern 1987 mit großem Aufwand unter einem sozialistischen Präsidenten den Beginn ihrer "Rechtsgeschichte" vor eintausend Jahren, als Hugo Capet König wurde, die Spanier kennen und verehren ihren Cid, die Reconquista, Alfons den Weisen und anderes. Die Italiener - auch der Mann auf der Straße - zitieren nicht nur ihren Dante; sie sind in die Geschichte geradezu hineingeboren.

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Ursprung und Gestalt ihrer Städte fordern häufig eine geschichtliche Erklärung (man denke an Alessandria, an Grado: beide aus historischen Situationen entstanden), und mit gutem Grund wird ihnen eine "robuste historische Kultur" bescheinigt (R. Romano). Die kommunistische Parteizeitschrift Italiens widmete kürzlich der "Aktualität des Mittelalters" in Italien einen respektvollen Artikel, und seit Jahren versammeln sich italienische Mediävisten zu Tagungen mit dem Thema "Medioevo oggi", deren Akten gedruckt werden. Auf einer kürzlich durchgeführten Befragung der Zeitschrift "L'Espresso", welches Verhältnis der einzelne Italiener zur Geschichte habe, antworteten über 75% der Befragten, sie erwecke Interesse, 20% nannten sich sogar an der Geschichte "Ieidenschaftlich interessiert". Es mag sein, daß in Italien die Nachbarschaft des Papsttums an der Gegenwärtigkeit des Mittelalters mitwirkt. Das publikumswirksame Auftreten gerade des jetzigen Papstes hat diesem das Urteil eingetragen, er sei eine Inkarnation des Mittelalters und seines Mythos' heute, er sei "Mittelalter plus Fernsehen" (J. Le Goft). Angesichts dieses der Geschichte aufgeschlossenen Umfeldes wird man es kaum Zufall nennen können, daß den größten Erfolg eines "historischen" Romans in den letzten Jahrzehnten das Buch des Italieners Umberto Eco darstellt "I1 norne della rosa" (Der Name der Rose), das einen mittelalterlichen Stoff ungemein sachkundig und raffiniert aufarbeitet. Die geradezu lawinenartige Verbreitung dieses Buches verlangt eine eigene Betrachtung (siehe unten S. 25). Die Einbußen des ,.deutschen" Mittelalters

Um die unterschiedlichen Voraussetzungen für das Geschichtswissen und das Geschichtsverständnis in den einzelnen europäischen Ländern zu begreifen, müßten die jeweiligen Bildungs- und Erlebnisfaktoren geprüft werden, zum Beispiel die Behandlung der Geschichte im Schulunterricht, die politischen Parteien als Träger der Geschichte, deren Rolle im öffentlichen Leben, die persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen und anderes mehr. Den Deutschen stellt sich über diese Bildungs- und Ausbildungselemente hinaus ein eigenes Problem. Kaum ein Fernsehfilm der letzten Jahre über einen historischen Stoff dürfte in der Bundesrepublik einen so starken Eindruck hinterlassen haben wie die wiederholt gesendete amerikanische Serie "Holocaust": die Vernichtung jüdischer Menschen, in der Filmhandlung erlebt an individuellen Schicksalen.

17 Die schweren Verbrechen des Nationalsozialismus okkupieren das historische Interesse, und der Streit um die Frage, ob die Zeit des Nationalsozialismus historisch eingeordnet werden dürfe oder ein ahistorisches "Mahnmal" bleiben müsse, das nicht seinesgleichen habe, zeigt an, wie sehr das "Dritte Reich" als Barriere die Betrachtung früherer Zeiten versperrt. Die Beschäftigung mit Geschichte bedeutete lange Zeit und für manche auch jetzt noch - so gut wie nur eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit und reichte kaum vor das 19. Jahrhundert zurück, zumal manche Schulpläne die Degradierung der Vergangenheit zur Vorgeschichte der Moderne förmlich anwiesen. Die zermürbende Beschäftigung mit dem tragischen und zudem mit Verbrechen behafteten Gang der jüngsten deutschen Geschichte hat geradezu rhapsodisch die Frage in den Vordergrund treten lassen, wo denn die Stationen zur "deutschen Katastrophe" (F. Meinecke) lagen: bei Luther, bei Friedrich dem Großen, bei Bismarck? Das deutsche Mittelalter war bei der Suche nach den Ursachen der Katastrophe kaum gefragt; es war in dieser Hinsicht wenig ergiebig, hatte aber andererseits die Verdrängung mancher Phänomene, die zum deutschen Mittelalterbild vor der Katastrophe gehörten, hinzunehmen. Ein Beispiel: 1928 konnte ein deutscher Mittelalter-Historiker vom Range und der Nüchternheit Adolf Hofmeisters (1883-1956) schreiben: die deutsche "Ostkolonisation" sei die "größte und unverlierbare Leistung des deutschen Volkes". Der Nachvollzug dieser Wertung fällt heute nicht leicht, da der größte Teil der deutschen "Ostkolonisation" (eben nicht "unverlierbar") zurückgenommen ist und die Kolonisation selbst nicht mehr als Leistung "des deutschen Volkes" als eines präzise umschreibbaren GeseIlschaftskörpers aufgefaßt wird. Als wollte dem Historiker Hofmeister aus dem kleindeutschen Raum eine großdeutsche Stimme sekundieren, schrieb etwa gleichzeitig (1930) der gebürtige Niederösterreicher Hans Hirsch (1878-1940) in einem bekennerhaften Aufsatz ("Das Mittelalter und wir") vom "Wunder deutscher mittelalterlicher Volkskrart '""' demzufolge sich das Geltungsgebiet der deutschen Sprache auf dem Wege zumeist friedlicher Besiedelung im Osten geradezu verdoppelte". Zu den Altstämmen seien die Neustämme getreten, und diese allerdings schwebten in Gefahr, denn es sei die Frage, "ob das deutsche Volk die wunderbaren Erfolge der mittelalterlichen Kolonisation wird behaupten können oder nicht". Es bestehe kein Zweifel, "daß bei einer dauernden Abtrennung der

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Neustämme, zu denen auch die Österreicher gehören, die merkwürdige Ähnlichkeit offenbar würde (und hier erfolgt ein Rückgriff auf das klassische Bildungsgut), die in diesem Falle das Schicksal des griechischen Volkes mit dem des deutschen verbinden würde". Wie die griechischen Kolonien dem Mutterland verlorengingen, so sah Hirsch die Gefahr, daß die "Neustämme" abgetrennt würden. An beiden Zitaten wird deutlich, wie stark bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein vom Mittelalter her gedacht wurde: die Stammesgliederung, die Reichsentstehung waren noch gegenwärtig: "Deutschlands Mittelalter, Deutschlands Schicksal" (H. Heimpel). Der Österreicher Hirsch zählte trotz der bereits ein Dutzend Jahre bestehenden Donaurepublik im Nachklang großdeutscher Gedanken die Österreicher (die er als abgetrennten Neustamm wertet) selbstverständlich zum deutschen Volk. Das gentile und aus dem Mittelalter kommende Bewußtsein eines Reichszusammenhangs, das sich zum Beispiel noch in der Präambel der Weimarer Verfassung ausdrückt: "Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen", ist den Deutschen durch die Katastrophe von 1945 weitgehend genommen. Aus der Ostkolonisation wurde die Flüchtlingsfrage, deren Bewältigung die Menschen mehr beschäftigte als das Räsonieren über eine angeblich unverlierbare historische Leistung. Zudem hat man zu bedenken, daß der Aufruf, sich im Osten zum Beispiel unter polnischen Herzögen anzusiedeln, sich nicht allein an die Deutschen richtete; es gab auch Polen, die den Vorzug des "Ius Teutonicum", des deutschen Rechts, erhielten. Vor 1945 war gerade dieser Teil der deutschen Geschichte, der sich in den Räumen Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, Sudetenland abspielte, mit der markigen und expansionistischen Propaganda des "Dritten Reiches" belastet worden, die einen eigenen Mythos schuf: da gab es Lieder wie "Nach Ostland geht unser Ritt, hoch wehen die Fahnen im Winde" und "ln den Ostwind hebt die Fahnen, denn im Ostwind stehn sie gut", An den beiden Liedern läßt sich zeigen, wie raffiniert die nationalsozialistische Propaganda sich an die gewachsene Geschichte anlehnte und sie korrumpierte. Beide Lieder nehmen sich zwar ganz ähnlich aus: sie sind in Liedform gekleidete Aufrufe zur OstsiedJung, und beide bildeten einen festen Bestandteil des nationalsozialistischen Liedguts. Aber es besteht ein wesentlicher Unterschied. "Nach Ostland geht unser Ritt" ist ein altes nämisches Volkslied wahrscheinlich noch des 12. oder 13. Jahrhunderts, während" Wort

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und Weise" des anderen Liedes: "In den Ostwind hebt die Fahnen" von dem nationalsozialistischen Hofbarden Hans Baumann (* 1914) erfunden wurden, dem auch das berüchtigte Lied "Es zittern die morschen Knochen" verdankt wird. Die Ostsiedlung ist so stark von dem Geist des Nationalsozialismus überdeckt worden, daß es vieler tastender Versuche bedurfte, bis im internationalen Gespräch zwischen Historikern aus Ost und West eine gewisse Ausgewogenheit und ein besonnenes Urteil herbeigeführt wurden. Die angestrengte und anstrengende Diskussion fand im kleinen Kreise einer "deutsch-slawischen Wissenschaftsgemeinde" (eh. Higounet) statt, und in Schulbüchern hat sich die angestrebte Ausgewogenheit, die in den Augen manches Deutschen und manches Polen immer noch Schief- und Falschheiten enthält, nur beschränkt niedergeschlagen. In der deutschen Öffentlichkeit besteht auf der einen Seite weitgehende I nteresselosigkeit und die Furcht, des Revanchismus bezichtigt zu werden, auf der anderen der teilweise hitzige Geist der sogenannten "Landsmannschaften", die an einem Recht auf Heimat festhalten ("Schlesien bleibt unser"). Hier ist ein Bereich mittelalterlicher deutscher Geschichte, der - was das allgemeine Interesse betrifft - von dem Verlust der nationalen I dentität besonders betroffen ist. Die allmähliche Eingewöhnung in die Verlustsituation läßt den Schock vergessen. Vor über vierzig Jahren - 1944 - notierte Thomas Mann: "Die deutsche ,Geschichte' scheint wirklich zu Ende. Sie begann im Osten und wird an der Quelle desavouiert." Vom Geist nationalsozialistischer Verunstaltung sind auch andere Bereiche mittelalterlicher Geschichte überschattet gewesen: der deutsche Ordensritter, dem die "Ordensburgen" der SS nachempfunden wurden; die germanische Frühzeit, deren Erforschung von nationalsozialistischer Seite - vom "SS-Ahnenerbe" - besonders gefördert wurde, denn hier sah man die Wurzeln einer "nordischen Rasse". Nun hat allerdings nicht die ganze Mittelalterforschung im Dritten Reich sich dem ideologischen und politischen Druck gebeugt. Zum Beispiel haben jüdische Gelehrte wie Wilhelm Levison (1876-1947) und Ernst PereIs (1882-1945) bei den Monumenta Germaniae Historica, dem "Deutschen Institut für Erforschung des Mittelalters", lange Zeit ihrer Editionsarbeit an der Frankengeschichte Gregors von Tours (t593/4) und an den Briefen Hinkmars von Reims (t882) nachgehen können, auch wenn ihre Faszikel ohne

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Namensnennung haben erscheinen müssen. Einem im Februar 1939 abgeschlossenen geheimen Dossier des "SS-Ahnenerbe", das erst nach dem Kriege bekannt wurde, ist zu entnehmen, daß gerade die Monumenta Germaniae Historica Anstoß erregten: Hier vornehmlich seien jüdische Gelehrte tätig, seit 1870 nicht weniger als fünfzig heißt es da -, und sogar im Berichtsjahr (1939) habe man "trotz einer neuen Zeit" auf jüdische Mitarbeit nicht verzichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Arbeit ohne die in anderen Fächern häufig tiefgreifende Unterbrechung fortgesetzt werden, und es erschien eine ganze Reihe von Büchern, die während der Zeit des Nationalsozialismus entstanden, aber von seinem Geist unbeeinflußt geblieben waren. Geschichtsverdrossenheil und Wissensdejizil

Stand es im Falle der Mittelalterforschung nicht ungünstig, so war nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges doch in weiten Teilen der Bevölkerung - und gerade unter den geistig Aufgeschlossenen - eine allgemeine Geschichtsverdrossenheit spürbar; man sprach vom "Abschied von der Geschichte" (so Alfred Weber, 1868-1958), vom "Verlust der Geschichte" (so Alfred Heuß, *1909). Niemand wollte sich so richtig mit der Geschichte einlassen, die manchem nichts anderes war als - wie Arnold Toynbee (1889-1975) es formuliert hat "ein verfluchtes Ereignis nach dem anderen" (just one damned thing after another). Auch als die Bereitschaft zunahm, sich mit der Geschichte wieder zu beschäftigen, wurden einige Bereiche - bei der Ostsiedlung und der Vorgeschichte ist es angedeutet worden -, gemessen an der Aufmerksamkeit, die sie früher genossen, verhältnismäßig wenig beachtet Hinzu kamen andere Faktoren, die den Umgang und die Vertrautheit mit Geschichte zurücktreten ließen. In den historischen Verein wünscht er eingeführt zu sein, dichtete Wilhelm Busch. Bei allem Respekt vor den tatkräftigen landesgeschichtlichen Vereinen dürfte das heutige bürgerliche Selbstverständnis ohne diese Sehnsucht auskommen, es trachtet eher nach einer Einführung in den Yachtclub, in den Rotary- oder Lionsclub. Auch gibt es nicht mehr jene breite Schicht historisch interessierter

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und wissenschaftlich tätiger Gymnasiallehrer, die einerseits in hochgelehrten "Jahresberichten" förderliche Forschungsbeiträge lieferten, andererseits - meist mit patriotischen Untertönen oder nach humanistischen Maximen - historisches Wissen vermittelten, um nicht zu sagen: einpaukten. Oder um ein anderes Beispiel zu geben. Durch Jahrhunderte gehörte die epische Dichtung oder die historische Ballade zur Schullektüre, ob in der Elementarschule oder im Gymnasium: "Als Kaiser Rotbart lobesam / zum Heil'gen Land gezogen kam, / da mußt' er mit dem frommen Heer / durch ein Gebirge wüst und leer." Diese Ballade, "Schwäbische Kunde" von Ludwig Uhland (1787-1862), dürfte früher eins der am häufigsten von Schülermund vorgetragenen Gedichte gewesen sein, doch ist es nicht das einzige Gedicht, das anekdotisch einen historischen Vorgang - hier den dritten Kreuzzug - beschreibt und sich damit im Gehirn des geplagten Schülers festsetzt. In der in preußischen Gymnasien vor dem Ersten Weltkrieg eingeführten "Auswahl deutscher Gedichte" von Ernst Theodor Echtermeyer (1805-1844), die es auf fast 50 AuOagen brachte, nehmen Gedichte aus dem Themenkreis "Sage und Geschichte" fast die Hälfte des Bandes ein. Das Mittelalter ist mit 33 Poemen vertreten. Der am häufigsten berücksichtigte Dichter ist mit acht Gedichten der eben genannte Ludwig Uhland, dessen treuherziger und doch zuweilen verschmitzter Balladenton den sich mit seiner Geschichte identifizierenden Deutschen besonders ansprach. In heutigen Deutschbüchern (zumindest in bayerischen) scheint Uhland ganz zu fehlen, und es ist auch kein eigener Abschnitt "Sage und Geschichte" oder Entsprechendes zu finden. Beim alten Echtermeyer folgte auf Uhland Friedrich Schiller und auf diesen ein Fachhistoriker: Felix Dahn (1834-1912), dessen vielbändiges Standardwerk "Die Könige der Germanen" auch heute noch nicht überholt ist. Von Dahn stammen düstere Gedichte wie "Gotentreue" und "Hagens Sterbelied", die bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zum festen Kanon der Schullektüre gehörten. Dahn - Sohn eines Schauspielerehepaars und von besonderem patriotischen Pathos, für den ein Germane eigentlich schon ein Deutscher war - entsprach mit seinem Versuch, in dichterisch überhöhter Form von "deutscher Vorzeit" zu berichten, einem Typ bürgerlicher Geschichtsschreibung, der sich im Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildet hatte und weit in das 20. Jahrhundert hineinwirkte. Dahns "Kampf um Rom" (1876) hat unzählige

22 Auflagen erlebt und war ein häufiges Jugendgeschenk in Bürgerhäusern, die auf deutschnationale Bildung hielten, Diese Form der Popularisierung wurde von zünftigen Historikern durchaus nicht verächtlich behandelt, zumal eine ganze Reihe von Universitätslehrern unter die Romanschreiber gegangen war, so daß man von der Gattung des "Professorenromans" sprach, Nietzsehe schüttete einen etwas verkrampften Spott über das "allgemein beliebte ,Popularisiren'" gerade bei jungen Historikern aus, "das heißt, das berüchtigte Zuschneiden des Rocks der Wissenschaft auf den Leib des ,gemischten' Publikums: um uns hier einmal für eine schneidermäßige Thätigkeit auch eines schneidermäßigen Deutsches zu befleißen",

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schwere Forschung hinter lieblicher Hülle verbergend": der Experte und der Laie

Theodor Mommsen (1817-1903), der seine Römische Geschichte für den politisch und geschichtlich interessierten Bürger schrieb und 1902 den Nobelpreis für Literatur erhielt die Verleihungsrede spricht von der "vollkommenen Geschichtsschreibung eines Mommsen" -, trat bewußt vor ein Laienpublikum, um. wie er es ausdrückte, "uns (die Fachhistoriker) nicht gänzlich vom Platz verdrängen zu lassen", Mommsen pflegte Freundschaft mit Gustav Freytag (1816-1895), dem von ihm durchaus akzeptierten Autor der "Bilder aus deutscher Vergangenheit" (1859-1867), die in den 20er Jahren in einer reich illustrierten Ausgabe unter der Betreuung des angesehenen Mediävisten Georg von Below (1858-1927) erschienen sind, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg Neuauflagen erfahren haben und die kürzlich von einem besonderen Kenner der deutschen Geschichtsschreibung "vielleicht noch heute die schönste deutsche Geschichte" genannt wurden (E, Schulin). Mit dem Romanzyklus "Die Ahnen" versuchte Freytag, in den Geschicken einer Familie von der germanischen Frühzeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die Geschichte des deutschen Volkes sich widerspiegeln zu lassen, und eine vorwiegend national und nationalliberal gesinnte Historikerschaft wußte ihm Dank, Heinrich von Treitschke (1834-1896) schrieb Gustav Freytag zu dessen goldenem Doktorjubiläum in einer offiziellen Grußadresse: Der Dank an diesem Tage gelte "dem Historiker, der, schwere Forschung hinter lieblicher Hülle verbergend, sinnig wie kein Zweiter, den Werdegang des deutschen Gemüts durch die Jahrhunderte verfolgt hat",

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Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nicht selten Bücher ausländischer Historiker, die im deutschen Sprachraum ein breites Publikum fanden. Aus dem Bereich der mittelalterlichen Geschichte etwa: Stephen Runcimans (* 1903) Darstellung der Kreuzzüge, Regine Pernouds (* 1909) schmissige Biographie Eleonores von Aquitanien, Le Roy Laduries (*1929) Auswertung der Inquisition Jacques Fourniers, des späteren Papstes Benedikt XII. (1335-1342), im kleinen Pyrenäendorf Montaillou, A. J. Gurjewitschs (* 1924) zusammengetragenes" Weltbild des Mittelalters". Den deutschen Historikern wurde vor gar nicht langer Zeit von Joachim Fest (* 1926) "Unvermögen" vorgeworfen, "Gefühl und Gedanke" der Öffentlichkeit für ihre Geschichte zu mobilisieren, obwohl es "noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik ein derartig breites, ganz elementares Interesse an der Vergangenheit'" gegeben habe wie jetzt. I n der Tat lassen sich unter diesem Aspekt aus dem mittelalterlichen Bereich nur wenige deutsche Titel nennen, Arno Borsts "Lebensformen im Mittelalter" (1973) etwa, und in jüngster Zeit die Bücher von Edith Ennen über die Frauen und von Werner Rösener über die Bauern im Mittelalter, obwohl auch hier der große Durchbruch. wie er etwa dem Buch von Le Roy Ladurie gelungen ist. noch aussteht. Den Markt für ein breiteres Publikum beherrschen hier stärker Schriftsteller und sogenannte Sachbuchautoren. Zu diesen Routiniers der Feder (und es gibt respektable Könner unter ihnen wie Hermann Schreiber und Barbara Tuchman) haben manche Verleger offenbar mehr Vertrauen als zu Fachhistorikern. Es wirkt schon leicht komisch. wenn gelegentlich im Klappentext eines Buches versichert wird, der Autor habe sich ein geschlagenes Jahr mit dem Stoff beschäftigt - einem Stoff. mit dem Gelehrte sich ihr ganzes wissenschaftliches Leben abgeben. So wenig sich die deutsche Fachhistorie im allgemeinen einem breiteren Publikum zugewendet hat: vor einigen Jahrzehnten waren die Weichen anders gestellt. Die Historische Zeitschrift, das offiziöse Organ der deutschen Historiker, hatte 1928 immerhin eine eigene Abteilung "Historische Belletristik" eingerichtet. in der populärwissenschaftliche Werke, freilich meist negativ und decouvrierend, vorgestellt wurden. Diese Sparte ist nicht weiter gepflegt worden; es blieb bei einem einmaligen Versuch. Auch anderwärt5 gab es durchaus hoffnungsvolle Ansätze. Die kulturgeschichtlichen Forschungen von und um Karl Lamprecht, seine von der Wirtschaftsbis zur Geistesgeschichte übergreifende Betrachtungsweise - um es

24 auf diese grobe Formel zu bringen -, erzielten von der lahrhundertwende bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs eine enorme Breitenwirkung und fanden gerade beim geschichtsinteressierten Bürgertum starke Beachtung. Es dürfte nicht zuletzt dieser außerordentliche Erfolg gewesen sein, der die professionellen Historiker herkömmlichen nationalkonservativen Zuschnitts geradezu wütend über Lamprecht herfallen und ihn zum historischen Außenseiter, zum nicht ernstzunehmenden Dilettanten abstempeln ließ, dem schon aus methodischen Gründen zu mißtrauen sei. Lamprechts Schneisenschlag zu einer materiell-anthropologisch bestimmten Geschichtsbetrachtung hatte durchaus Erfolg - hauptsächlich jedoch außerhalb Deutschlands. Die Sichtweise Lamprechts wurde von dem Belgier Henri Pirenne (1862-1935) und dem Franzosen Marc Bloch (1886-1944) in modifizierter Weise aufgenommen, um schließlich mutatis mutandis mit der Historikergruppe um die Zeitschrift "Annales" (seit 1929) zu großem und bis in die Gegenwart reichendem Einnuß zu gelangen, auch wenn in jüngster Zeit vornehmlich von angelsächsischer Seite (G. R. Elton, L. Boyle) Vorbehalte angemeldet werden, weil durch das Herausarbeiten langlebiger Strukturen und die Fixierung auf sie das eigentliche Historische - das erzählte Ereignis - vernachlässigt werde: "Historians against History" , so lautet der Vorwurf. Der große und immer noch andauernde Erfolg der Schule der "Annales" beruht aber nicht nur auf ihrem modell haften Vorgehen, ihrer faßlichen Systematik, ihrem fast sendungshaften Selbstbewußtsein, sondern nicht zuletzt auf dem gesuchten Gespräch mit einem interessierten Publikum. Es ist bezeichnend, daß von dem "Annales"-Gründer Marc Bloch das kostbare Wort stammt: "Selbst wenn die Geschichte zu nichts anderem zu gebrauchen wäre, eines muß man ihr zugute halten: Sie ist unterhaltsam." Georges Duby äußerte sich ähnlich, als er von dem "außerordentlichen Vergnügen" an der Geschichte sprach, das er anderen mitteilen wolle (siehe oben S. 14). Unter Anregung und Einnuß der "Annales", aus deren Schule einige der derzeit richtungweisenden Mediävisten Frankreichs hervorgegangen sind (zum Beispiel Duby, Le Goff), ist in Frankreich ein starkes Interesse geweckt worden für die mittelalterliche Gesellschaft, für das tägliche Leben mit seiner materiellen Ausstattung und seinen Sehnsüchten, für geistige Haltungen, für "Mentalitäten": ein das Phänomen etwas verkürzender Ausdruck, so daß in letzter Zeit häufiger mit der Bezeichnung "histoire de

25 l'imaginaire" operiert wird. Forschung wird hier bewußt - ich erinnere an Duby - unter Berücksichtigung eines interessierten nichtfachmännischen Publikums betrieben. "Der Triumph der Geschichte" - so hat einer der Herausgeber der "Annales" (J. Le Goft) kürzlich konstatiert - "ist unleugbar." Das Montaillou-Buch von Le Roy Ladurie hat in Frankreich die Zweihunderttausend-Marke weit überschritten; der Altmeister der "Annales" -Schule Fernand BraudeI (1902-1985) und Georges Duby sind in die Academie Franyaise gewählt worden.

Ein Fallfür sich: Ecos Roman .. Der Name der Rose" Im September 1980 erschien in Italien der Roman "Der Name der Rose" des Bologneser Professors Umberto Eco (* 1932) und brachte es dort innerhalb eines Jahrfünfts auf eine Million verkaufter Exemplare. Ähnliche Absatzerfolge werden aus Frankreich, England und den USA gemeldet, wo Rezensenten den Roman giftig als "ungelesenen Bestseller" einstuften: es sei eben schick, ihn bei einer Party als "conversationpiece" auf dem Kaffeetisch liegen zu haben. Im November I 982 ins Deutsche übersetzt, drang das Buch nach wenigen Wochen in die Spitzengruppe der Bestseller vor und hält sich dort ohne größere Einbrüche. Von der deutschen Ausgabe waren bis Ende 1986 über eine Million Bände abgesetzt, die WeItauflage beträgt 5-6 Millionen, Raubdrucke und Lizenzen für Buchclubs nicht mitgerechnet. Selbst eine Agatha Christie hat mit keinem ihrer Bücher innerhalb dieser kurzen Zeit so hohe Absatzzahlen erreicht. Das Gespräch - auch das gelehrte Gespräch - über diesen Roman reißt nicht ab, zumal Eco eine ebenso erhellende wie verwirrende Nachschrift hat erscheinen lassen. In zahlreichen Interviews und in untereinander nicht immer stimmigen Stellungnahmen gibt Eco raffiniert schwebende Deutungen, die selbst wiederum das literarisch-gelehrte Gespräch - Wie verhält sich Ecos Gesagtes zu Ecos Geschriebenem? - beleben. An Universitäten nicht nur der Bundesrepublik werden Seminare, Kolloquien und Vorlesungen über den "Namen der Rose" abgehalten, Prüfungsarbeiten einschließlich Doktordissertationen ausgegeben, und es ist bereits eine umfangreiche Sekundärliteratur entstanden. Unter M ittelalter- Historikern wird ernsthaft die Frage diskutiert, ob der Erfolg dieses Buches nicht Veranlassung sein müsse, Inhalt und Methode der jetzigen Mittelalter-Forschung zu überdenken und womöglich zu verändern.

26 Vielleicht beantworte die Historiker-Zunft Fragen, die vom historisch interessierten Publikum gar nicht gestellt werden. Ist das Buch etwa ein Indiz dafür, daß die Wissenschaft und das Interesse der Gesellschaft auseinanderfallen ? Ohne Zweifel hat die Eco- Welle das Mittelalter-Interesse sprunghaft erhöht, und ihr Auslaufen ist noch nicht abzusehen. Der Stoff des Romans: Morde in einer Benediktiner-Abtei im Apennin wegen eines Aristoteles-Codex im Jahre 1327 zur Zeit Ludwigs des Bayern (1314-1347) und Papst Johannes' XXII. (1316-1334). Das Sujet ähnelt von ferne dem von Gusla\' Freytags Roman "Die verlorene Handschrift" (1864) oder Jan Potockis (1761-1815) "Handschrift von Saragossa". Die Suche nach einem Codex wird als Aufhänger benutzt zur Schilderung der Zeitumstände, aber welcher Unterschied in Erzähldichte und Hintergründigkeit. Erlebnisträger und Erzähler ist bei Eco ein Benediktinermönch namens Adson von Melk, der im Greisenalter seine Erlebnisse als jugendlicher Begleiter eines englischen Franziskaners, WillIam von Baskerville, aufgezeichnet hat. Der Name" William von Baskerville" ist eine erheiternde, wenn auch etwas frivole Kreuzung von Wilhe1m von Ockham (t 1349) und Sherlock Holmes' beziehungsweise Conan Doyles (1859-1930) Hund von Baskerville, und der brave Adson ist selbstredend der sich ob des Scharfsinns seines Meisters stets verblüfft gebende Dr. Watson. Das eigentlich Interessante ist jedoch nicht die schließlich mit sieben Morden aufwartende Kriminalgeschichte (auf die sich der actiongesättigte Film gestürzt hat), sondern die großartig ausgestaltete Gedanken- und Realienwelt des Spätmittelalters. Selbst Insider haben den Riesenerrolg des Buches nicht vorausgesehen. Der italienische Verleger hatte, wenn man Ecos Aussage trauen darf, mit einem Absatz von "vielleicht" viertausend Exemplaren gerechnet, und in der Werbezeitschrift der deutschen Verleger "UT' wurde der Roman mit den fast umsatzhemmenden Worten vorgestellt: "Ein Buch für Feinschmecker, für bedachtsame Genießer." Das Buch erlebte einen Durchbruch ins breite Publikum, zur Überraschung auch des Mittelalter-Fachmanns. Denn Ecos Buch ist wahrhaftig nicht leicht zu lesen. Das ist nicht Walter Scotts (1771-1 &32) "lvanhoe", nicht Victor Hugos (1764-1835) "Glöckner von Notre Dame", liegt weit entfernt von Gustav Freytags treuherzigen "Ahnen" und von Lion Feuchtwangers (1884-195&) romantisierter "Margarete Maultasch", alles Werke von Autoren, die sich auch

27 der habilitierte Germanist Freytag - eher als Literaten verstanden. Eco jedoch ist Gelehrter: Professor für Semiotik und Verfasser mehrerer, historische Fragestellungen einbeziehender Bücher, zum Beispiel über mittelalterliche Ästhetik allgemein und speziell bei Thomas von Aquin oder über mittelalterliche Erzählkompositionen und daneben dieser Wurf. Dabei schenkt Eco, der freilich auch auf eine Zeit als Journalist und Fernsehredakteur zurückblicken kann, dem Leser nichts. Das Buch ist getränkt mit mittelalterlichem und monastischem Geist, begonnen bei der Komposition, die mit ihrem Wochenablauf (I. Tag, 2. Tag und so weiter) an Boccaccios (t 1375) Decamerone erinnert, der Tageseinteilung von der Prim und Matutin am Morgen und der Complet am Abend, bis hin zu wortwörtlich übernommenen Vergleichen und Exzerpten. Dies alles geschieht so unauffällig, so wenig verfremdet, daß kaum einer der Rezensenten in den Feuilletons der Zeitungen das mediävistische Salz geschmeckt haben dürfte, und es grenzt an Groteske, wenn eine schneidige Rezensentin von "abgedroschenen Kunstgriffen" und "trivialen Erzählschablonen" - eben mittelalterlichen - spricht (A. Vollenweider). Ganze Partien mittelalterlicher Quellen hat Eco in seinem Verwirrspiel ausgeschrieben und umgestaltet, manchmal in einer für moderne Leser sicherlich ermüdenden Länge: über die Allegorie der Edelsteine, den Defensor Pacis des Marsilius von Padua (tl 342/43), die cena Cypriani, die Visio Brendani, die Summa theologiae des Thomas von Aquin (t 1274), das Ketzerhandbuch des Bernardus Gui (t 1331), Ockhams Dialoge und anderes mehr. Dreißig ausgeschriebene Quellen sollen es sein. Es sind sicher mehr, und nicht alles erschließt sich sogleich dem Verständnis, zumal auch Modernes hineinspielt. Nicht nur Conan Doyle (1859-1930) und Ellery Queen (* 1905) haben Pate gestanden: Dem Haupthelden William von Baskerville zum Beispiel ist die mittelhochdeutsche Übersetzung eines Satzes von Ludwig Wittgenstein (1889-1951), dessen Sprachlogik Eco ungemein schätzt, in den Mund gelegt: daß man die "Leiter der Erkenntnis" wegwerfen müsse, wenn man auf ihr hinaufgestiegen sei. Sofort bei Erscheinen des Buches kam die Vermutung auf, in den radikalen, vom Armutsideal durchdrungenen Fratizellen und in den anarchischen Dolcinianern steckten verschlüsselt die "roten Brigaden", in den pragmatischen Franziskanern die Euro-Kommunisten, bereit zu einem "historischen Komprorniß".

28 Eco gibt eine Doppelbödigkeit offen zu: "Mein Mittelalter", sagt er in einer biographischen Rückschau, "geht zurück bis 1950. Ich habe meine Dissertation und mein erstes Buch über das Mittelalter geschrieben. Ich bin durchs Mittelalter zu Joyce und zur Avantgarde gekommen. Ich habe mich auch in den letzten zehn Jahren weiter mit dem Mittelalter beschäftigt, und das alles hat bewirkt, daß mir spontan der Gedanke kam, das Mittelalter als Modell unserer Zeit zu benutzen: durchzogen von Endzeiterwartungen, chiliastischen Weltuntergangsvisionen, breiten Ketzerströmungen, Banden, die zur Verbesserung der Menschheit Blutbäder anrichten, beherrscht von apokalyptischen Vorstellungen." In seinem in die Gegenwart wirkenden Facettenreichtum und dem häufigen Wechsel der Verständnisebenen ist deshalb Ecos "Name der Rose" nicht eigentlich ein historischer Roman - und darin gerade dürfte ein Grund seines Erfolgs liegen. Er bedient den historisch interessierten, den frommen-unfrommen Leser, den Action-Liebhaber, den Freund der Kriminalromane, den Aufschlüsse für die Gegenwart Suchenden und wen noch alles mehr. Der vielfältige Reiz des Romans ist zugleich seine Einbuße, denn die hintergründige und den Leser ständig im Ungewissen lassende Ironie, die durch Übertreibung manches zur Karikatur werden läßt, nimmt dem Roman unbeschadet seiner Anziehungskraft - den gerade zur mittelalterlichen Welt gehörenden Glaubensernst und mündet in einem sinn- und zukunftslosen Szenario: William von Baskerville ist eben doch nicht Wilhelm von Ockham.

Der "wahre" historische Roman Der Erfolg von Ecos Roman sollte uns in Erinnerung rufen, was dem 19. Jahrhundert gegenwärtig war: daß Geschichtsschreibung und historischer Roman in der Erzählform eng zusammenhängen. Der Laie kann ohnehin Fiktion und berichtete Realität schwer unterscheiden. Vor einiger Zeit wurde eine Diskussion um ein "hellsichtiges" Goethegespräch über Deutschlands Zukunft geführt, das in Wirklichkeit Thomas Manns "Lotte in Weimar" entnommen war und das ein Schlaumeier als separates Fragment in den Literaturbetrieb eingeschleust hatte. Mit guten Gründen ist belegt worden, daß zwischen der Geschichtsschreibung LeopoId Rankes und den historischen Romanen Walter Scotts ein Zusammenhang besteht (H. R. Jauss), und Augustin Thierry (1795-1856), gleichaltrig mit Ranke

29 und berühmt durch seine Geschichte der normannischen Eroberung, hat ScoH sein Vorbild genannt. In Frankreich, aber auch in England blieb Geschichtsschreibung zunächst ein Feld vorwiegend von Literaten, deren Werke - ob geschichtliche Darstellung oder geschichtlicher Roman von Historikern durchaus ernst genommen wurden. Jacob Burckhardt, der zum Beispiel Edward Bulwers "Last days of Pompeji" in seiner Vorlesung behandelte, hat den, wie er sagte, "wahren historischen Roman" in die Betrachtung historiographiseher Möglichkeiten einbezogen, allerdings mit Vorbehalten. Der Hauptvorbehalt betraf nicht den Roman als Fiktion, sondern den Zweck bloßer Unterhaltung. Burckhardt wendet sich gegen den "historischen Roman, welcher die Geschichte in lauter Amusement umsetzen will". Geistesarbeit dürfe "nicht zum bloßen Genuß werden", und er fährt fort: "Alle echte Überlieferung ist auf den ersten Blick langweilig, weil und insofern sie fremdartig ist. Sie kündet die Anschauungen und Interessen ihrer Zeit für ihre Zeit und köm mt uns gar nicht entgegen, während das moderne Unechte auf uns berechnet, daher pikant und entgegenkommend gemacht ist. Für den gewöhnlichen halbgebildeten Menschen ist ... aus der Vergangenheit auch das Vergnüglichste unverständlich und langweilig, weil ihm nichts auf den Leib zugeschnitten ist wie die heutigen Romane.,. (Die) Vergangenheit (ist) in ihrer Äußerung Anfangs immer fremdartig und ihre Aneignung eine Arbeit." Burckhardt resümierte seine Ansicht in dem Satz: "Der wahre historische Roman, wenn es ihn gäbe, wäre so schwer zu lesen als ein Geschichtsbuch," Ist in diesem Sinne Ecos "Name der Rose" ein "wahrer" historischer Roman, der die Geschichte nicht "in lauter Amusement" umsetzt?

Probleme der

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und des Darsfellungsinhalfs

Mit seiner Wertung, der wahre historische Roman "wäre so schwer zu lesen als ein Geschichtsbuch", berührt Burckhardt ein Problem, das nicht nur bei der Vermittlung von Geschichte an ein LaienpubIikum eine Rolle spielt, sondern im Wesen und im Selbstverständnis des Fachs angelegt ist: die Spannung zwischen Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung. Die analytische Aufarbeitung stört den Erzählfluß, wie umgekehrt "voraussetzungsloses" Erzählen nicht möglich ist, denn auch der "erzählende" Historiker muß aus der Fülle des Berichtbaren

30 auswählen und manche Handlungsabläufe diachronisch zusammenstellen, Umwelt- und Entscheidungsanstöße rekonstruieren, objektive und subjektive Zwänge ausmachen. Die erzählende Form der Geschichtsdarstellung kann sich nicht mit dem vordergründigen Geschehnisablauf, gleichsam mit einer action-story, begnügen. Auch sie hat theoretische Prämissen, und selbst die auf den Markt drängenden "Alltags"-Geschichten ("So lebten die ... ") benötigen Sinnerklärungen und chronologische Fixierung, wenn sie nicht zeitlos und amorph in der Vordergründigkeit des bloßen Vorgangs stecken bleiben wollen. Hier liegen auch die Grenzen des stummen Bildes oder des Films als Vermittler des Geschichtlichen. Das Meditative, das Reflexive, die inneren Voraussetzungen äußeren Geschehens sind an das informierende und interpretierende Wort gebunden, und so wird ernsthaft betriebene Geschichte auch für das Laien-Publikum, um an Burckhardt zu erinnern, immer "Arbeit" sein. Doch ein Historiker, der heute seinem Publikum diese "Arbeit" zumutet, sieht sich vor weiteren Schwierigkeiten. Wenn der Mensch zu seiner Eigenbestimmung Geschichte nötig hat, wenn er, um mit Dilthey zu sprechen, "sich nur durch Geschichte, nie durch Introspektion" erkennen kann, so stellt sich gerade den Deutschen, deren Nationalgeschichte in ein Niemandsland mündet, das Problem der Identität und der Perspektive. Worauf soll die Selektion des Stoffes zielen, worauf die Wertung beruhen, wenn ein Konsens über Kernfragen der eigenen Geschichte kaum herstellbar ist? Wer sich als Historiker heute an den interessierten Laien wendet, muß nicht nur mit einem - im Verhältnis zu früheren Zeiten - geringeren Wissen rechnen: er trifft zugleich auf höchst unterschiedliche Voreingenommenheiten und Erwartungen. Selbst auf induktivem Wege gewonnene Zuordnungen und rekonstruierte Mentalitäten geraten, zumal bei einem deutschen Publikum, leicht in den Geruch unangebrachter Sinnstiftung, obwohl sich gerade das Mittelalter den Vorwurf der Sinnlosigkeit als häretisch verbeten hätte. Vielleicht liegt hier einer der Gründe für das starke Interesse an früherem Alltag und an Realien, die weitgehend frei sind von einem teleologischen oder gar "geschichtspolitischen" Verdacht; freilich ist zuzugeben, daß bei uns - nach Volks-, Dynastien- und Ereignisgeschichte - auf diesem Felde ein großer Nachholbedarf besteht.

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Hinwendung zum Mittelalter - Flucht aus der Moderne? Andererseits herrscht eine nostalgisch bestimmte Bereitschaft, früheren und auch entfernten Lebensformen Aufmerksamkeit zuzuwenden. ja man ist versucht zu sagen: je entfernter und exotischer, desto hingebungsvoller. Der Erfolg der Tutanchamun-Ausstellung hat alle Schätzungen und Voraussagen der Museumsleute übertroffen. Insgesamt dürften mehrere Millionen Menschen die Schau gesehen haben. Es mag eine Portion Mystizismus in dem Wunsche stecken, vor diese geheimnisvollen allägyptischen Kunstwerke hinzutreten, die von einem geradezu unheimlichen Können zeugen und einen orientierungslosen Betrachter bereit machen, den windigen Theorien eines Erich von Däniken (* 1935) Glauben zu schenken. Gerade dieser sehnsuchtsvolle Mystizismus, der sich zum Geschehen in anderen, fiktiven Welten hingezogen fühlt, steht in hoher Blüte. Die Phantasien des Oxforder Anglisten und besonderen Kenners Beowulfs und Chaucers John Ronald Tolkien (1892-1973) haben eine begeisterte Gemeinde begründet mit Millionen von Lesern und eigenen Clubs, in der die düstere und mysterien hafte Welt der .,Hobbits" und des "Herrn der Ringe" beschworen wird. In Nachbarschaft zu diesem Kult einer imaginären Welt bewegen sich Filmerfolge wie "Excalibur", dessen Stoff der Artussage entnommen ist, und mit größtem Erfolg sind in letzter Zeit Motive aus der MerlinSage und aus dem Artus-Stoff vielfach literarisch verwendet worden. Erstaunlich ist die Science-Fiction-Szene. Mit utopischen Geräten bewegen sich menschenähnliche Wesen durch das All, um hin und wieder in mittelalterlicher Aufmachung mit Schwert und Keule zu kämpfen. Von größerem Tiefgang sind spirituell-intellektuelle Einübungen, die auf eine Veränderung unseres Bewußtseins abzielen, wie sie in der allmählich kräftiger werdenden "New-Age-Bewegung" zutage tritt: der Mensch möge sich freimachen von der mit den modernen Naturwissenschaften ein hergehenden Entfremdung gegenüber der geschaffenen Natur; er möge sich als "Teil des Ganzen", als Teil des Kosmos fühlen, den er nicht zerstören dürfe, den er erhalten müsse. So ek lektisch die Gedankengänge sind, so haben sie eine gewisse Nähe zur mittelalterlichen Mystik und zur Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung, wie wir sie nicht nur bei Geistern wie Franz von Assisi antreffen. In verschiedenen intellektuellen Zirkeln vornehmlich romanischer Länder wird von einem "Neuen Mittelalter" gesprochen: die

32 ständige apokalyptische Furcht vor der SeJbstvernichtung verleihe unserer Zeit einen "eschatologischen und chiliastischen Charakter" (R. Vacca). Die "großen Systeme" lösten sich auf, die von den Großmächten beherrschte Welt werde unregierbar, wie das römische Reich unregierbar geworden sei, an dessen Grenzen "Barbaren" drängten wie jetzt die Dritte Welt usw. Es ist wiederum Umberto Eco, der diese Gedanken aufgenommen hat und sich daran machte, in spielerischer Form "ein gutes Mittelalter zu fabrizieren" mit einer zerbröckelnden "Pax Americana", einem ökologischen Verfall, mit den Universitäten als Klöstern usw. Eco verkündet als Lehre aus dieser Analogisierung, daß "unser Neues Mittelalter ... eine Epoche der ,permanenten Transition' sein" werde, des ständigen Übergangs: "Es wird, wie in Ansätzen schon zu sehen ist, eine Kultur der laufenden Neuanpassung entstehen ... Das Mittelalter hat die Erbschaft der Vergangenheit auf seine Weise gehütet: nicht indem es sie wie einen Schatz vergrub, sondern indem es sie laufend neuübersetzte, benutzte und adaptierte, in einer immensen Bastelarbeit auf der Kippe zwischen Hoffnung, Nostalgie und Verzweiflung." Wie kunstvoll solche Überlegungen auch sein mögen: Für das historische Mittelalter bringt dieses "Neue Mittelalter" wenig an Kenntnis und Erkenntnis, auch wenn der Vergleich das Interesse weckt an den Strukturen und den Wesenheiten der Zeit zwischen (um die Epochenbeschreibung Ecos aufzunehmen) dem "Zerfall des weströmischen Reiches" und der ,eigentlichen' Renaissance. Fraglos aber besteht der Wunsch, aus der eigenen funktionalen Welt herauszutreten und sich über das Leben anderer Zeiten und Menschen - zumal unserer Vorfahren (man bedenke den RootsBoom) - zu informieren. Historische Ausstellungen ziehen ein zahlreiches Publikum an. In den letzten Jahren gab es in der Bundesrepublik eine Flut großer und aufwendiger Ausstellungen: Karl der Große (1965), Kar! IV. (1978), die Wittelsbacher (1980), Norddeutsches Bürgertum 1150-1650 (1985) und als der wohl größte Erfolg: die Staufer-Ausstellung in Stuttgart (1977). Innerhalb von nur sechs Wochen haben rund eine dreiviertel Million Besucher die wissenschaftlich teilweise anspruchsvolle Ausstellung gesehen; der vierbändige und fast zehn Pfund schwere Katalog ist mit über 170000 verkauften Exemplaren der größte Erfolg eines wissenschaftlichen Werkes über die Stauferzeit. Die Verbreitung des Katalogs der Stauferausstellung scheint eine Vermutung zu bestätigen: heute ist ein gekauftes Buch noch nicht unbedingt ein gelesenes Buch, und es

33 wäre zumindest vorschnell, vom Verkaufserfolg auf ein sprunghaft angestiegenes Interesse oder gar einen hohen Kenntnisstand zu schließen, auch wenn speziell die stau fische Epoche in letzter Zeit viele Liebhaber gefunden hat.

Im Rückblick: "Die Geschichte ist über die Historiker gekommen" Fassen wir diese mehr kaleidoskopartigen als systematischen Darlegungen zusammen, die sich in vielerlei Richtungen - entsprechend dem Charakter von "Beobachtungen und Vermutungen" fortsetzen ließen. Gefragt war nach dem Interesse des Publikums und nach den Chancen des Gelehrten, bei diesem Publikum Gehör zu finden. Sie stehen nicht schlecht für die Geschichte und besonders für das Mittelalter. Der Mensch der heutigen Industriegesellschaft - in einer technisierten und verplanten Umgebung - ist der Vergangenheit und dem Fremden, dem zuweilen Mystischen, geöffneter als früher, wenn auch der Zugriff weniger aufgrund eines breiten Geschichtskonsenses geschieht, sondern eher auf dem Wege privater, manchmal fast sektenhafter Aneignung. Eine nationale Komponente ist kaum vorhanden, zumal die Deutschen in den Zuordnungsgrößen Volk, Reich und Nation unsicher geworden sind, und andere, überzeugende, noch nicht gefunden haben. Manche Bereiche der mittelalterlichen deutschen Geschichte, wie etwa die Ostsiedlung, werden mit Befangenheit behandelt. Schwach ausgebildet ist infolge des auswählenden exemplarischen Unterrichts auch das chronologische Grundgerüst: Karl der Große schwebt durch die Zeiten, und phänomenologische Darstellungen über den mittelalterlichen Alltag, den Bauern, die Frau usw. tragen bei allen Vorteilen bildhafter Schilderung zur zeitlichen Orientierung wenig bei. Sinnentleerende Verflachung gerade des Mittelalters ist es und das suggestivste Medium, das Fernsehen, bringt diese Gefahr mit sich -, wenn man Bild und Geschehen ohne die dazugehörige Vorstellungswelt anbietet: zum Beispiel ohne das mittelalterliche Lebensgefühl, die drückenden eschatologischen Fragen, das ständige Suchen nach Gottes Plan. Wer die Sehnsüchte und die Ängste mittelalterlicher Menschen nicht wahrnimmt oder sie nicht ernst nimmt, wird kaum Verständnis aufbringen für eine Epoche, deren Hinterlassenschaft in unvernünftig großen Kathedralen, in nicht benutzbaren Weltkarten und in entpersönlichten Porträts besteht, und

34 deren Menschen, durchdrungen von dem Gefühl der Sündhaftigkeit und in der Hoffnung auf Gnade, vielfach ein ebenso hingebungswie entsagungsvolles Leben geführt haben. Ein Sich-öffnen zu häufig Fremdem und ein geduldiges Hinhören sind hier nötig. Wegen seiner Sinndichte ist das Mittelalter immer wieder angerufen worden: von der Romantik gegen den Vernunftglauben der Aufklärung, von den Vertretern einer universalistischen Idee gegen den I ndividualismus, von christlichen Traditionalisten gegen die Gefahr des" Untergangs des Abendlandes". Was immer der Grund des aufgekommenen Interesses des Publikums am Mittelalter ist: die Historiker selbst haben das geschichtsfreundliche Klima, das vielfach eingebettet ist in eine umfassendere emanzipatorische Sehnsucht, kaum herbeigeführt. "Die Geschichte ist über die Historiker gekommen" (W. 1. Siedler), und sie sollten es mit Duby halten: ,keine Gelegenheit versäumen, sich an andere Menschen (außerhalb der Zunft) zu wenden'.

35 Literaturhinweise Einige Grundgedanken der Vorlesung sind 1982 in Bologna vorgetragen und unter dem Titel ,,11 Medio evo e il lettore comune" in der Zeitschrift: Intersezioni. Rivista di storia delle idee 3 (1983) veröffentlicht worden; verkürzt ist der Beitrag meinem Buch "Einladung ins Mittelalter" (1987) beigegeben. Über das Thema gibt es eine reiche, manchmal ins Belletristische gehende Literatur und zahllose mehr nebenbei gemachte Bemerkungen. I m folgenden ist nur eine schmale Auswahl gegeben. J. Le Go/.That sich über das augenblickliche Geschichtsinteresse speziell für das Mittelalter, über den "Triumph der Geschichte", wie er es nennt. ausführlich befragen lassen: J. Le Gojj: Intervista sulla storia, a cura di F. Marello (1982). G. A. eraig äußerte sich in sehr persönlicher Form in einem Vortrag "Der Historiker und sein Publikum" anläßlich der Verleihung des Historikerpreises der Stadt Münster (Dokumentation der Stadt Münster 1982); als "Vermächtnis" M. Bluchs gilt dessen "Apologie der Geschichte oder der Beruf des Historikers" (franz. 1949, deutsch 1974). Orientierungshelfer im Wandel zu sein, nennt Th. Schieder die Aufgabe des Historikers: ,.Ohne Geschichte sein? Geschichtsinteresse, Geschichtsbewußtsein heute" (1973); vgl. auch Th. Schieder, "Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung" (2. Aun. 1968), R. Wittram. "Das Interesse an der Geschichte: Zwölf Vorlesungen über Fragen des zeitgenössischen Geschichtsverständnisses" (2. Aun. 1963), H. Lühhe. "Über den Grund unseres Interesses an historischen Gegenständen", in: Geisteswissenschaft als Aufgabe, hg. von H. F1ashar u.a. (1978) und Th. Nipperdey mit seinem Vortrag anläßlich der Verleihung des Historikerpreises der Stadt Münster: "Neugier, Skepsis und das Erbe" (Dokumentation der Stadt Münster 1985), nachgedruckt in dessen "Nachdenken über die deutsche Geschichte" (1986). Zur Lebendigkeit der "robusten historischen Kultur" in Italien vgl. den Bericht von J. Petersen. "Geschichte und Geschichtswissenschaft in Italien heute", in: Zeitgeschichte und Politisches Bewußtsein, hg. von B. Hey und P. Steinbach (1986). Unter dem Titel ,,11 sogno dei Medioevo" haben die Quaderni medievali ihren 21. Band (Juni 1986) dem gegenwärtigen Mittelalter-Bewußtsein gewidmet; von den Beiträgen berührt besonders unser Thema: F. Cardini. "Medievisti ,di professione' e revival neomedievale. Prospettive, coincidenze, equivoci, perplessita". Über die deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg vgl. statt vieler E. Schulin, "Geschichtswissenschaft in unserem Jahrhundert. Probleme und Umrisse einer Geschichte der Historie", in: Historische Zeitschrift 245 (1987); unter Schulins Leitung fand bei internationaler Beteiligung (unter Einschluß von Historikern der DDR) im September 1986 ein vom Historischen Kolleg veranstaltetes Kolloquium statt: "Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg" (1945-1965) (erscheint wahrscheinlich 1988 in der Reihe: Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien). Lagebeschreibungen : Vorwürfe gegenüber der Historikerzunft formulierte J. C. Fest. "Noch einmal: Abschied von der Geschichte. Polemische Überlegungen zur Entfremdung von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeir', in: Fest.- Aufgehobene Vergangenheit. Portraits und Betrachtungen (1981). K.-E. Jeismann. ,,,Identität' statt ,Emanzipation"? Zum Geschichtsbewußtsein in der Bundesrepublik", in: Aus Politik und Zeitgeschehen. Bei-

36 lage zur Wochenzeitung Das Parlament B 20-21/86 (17.5.1986); von grimmiger Misanthropie: A. Heuß. "Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses" (1984). Der Frage des Verhältnisses von Geschichte und Medien wollte sich eine Arbeitsgemeinschaft annehmen, deren Publikationsorgan jedoch über einige Nummern nicht hinausgekommen ist: Geschichtswissenschaft und Massenmedien, hg. von S. Quandt I ff. (1981 ff.); vgl. auch K. D. Bracher. "Geschichte und Medium. Gedanken zum Verhältnis von Fernsehen und Geschichtsbewußtsein", in: Aus Politik und Zeitgeschehen. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 8/80 (23.2.1980). Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft kündigt ein Handbuch an: "Geschichte im Fernsehen", hg. von G. Knopp und S. Quandt. Aus der Sicht des Zeithistorikers, aber von allgemeinem Belang: M. Broszat. "Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte" (1986). Zur nationalsozialistischen Mythisierung der Ostsiedlung: W. Wippermann. "Der ,deutsche Drang nach dem Osten'. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen Schlagwortes" (1981); H. Boockmann. "Der Deutsche Orden" (2. Aufl. 1982) schließt sein Buch mit einem Kapitel über: "Der Deutsche Orden in der Geschichtsschreibung und im historischen Bewußtsein des 19. und 20.Jahrhunderts". Bedeutungsvoll ist das Buch des Franzosen eh. Higounet. "Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter" (1986) mit einer äußerst lesenswerten Einleitung, an deren Ende ein durchaus auf Higounet beziehbares Wort M. Blochs gesetzt ist, es möge sich ein Forscher finden, "dem es seine Abkunft gestattet, bis auf den Grund zu graben, weil sie ihm das göttliche Privileg verleiht, gleichgültig zu sein". Über die Haltung der deutschen Geschichtswissenschaft, speziell der Mittelalterhistoriker, im Dritten Reich: K. F. Werner. "Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft" (1967) und K. Schreiner. "Führerturn, Rasse, Reich. Wissenschaft von der Geschichte nach der nationalsozialistischen Machtergreifung", in: Wissenschaft im Dritten Reich, hg. von P. Lundgreen (1985), der auch bei dem von Schulin organisierten und oben zitierten Kolloquium mit einem Beitrag vertreten ist: "Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters im Zeichen des Neubeginns: Kontinuitäten und Neuorientierungen im westlichen und östlichen Deutschland nach 1945". Aus eigenem Erleben: K. Jordan. "Aspekte der Mittelalterforschung in Deutschland in den letzten fünfzig Jahren", in dessen "Ausgewählten Aufsätzen zur Geschichte des Mittelalters" (1980) und G. Tel/enbach. "Aus erinnerter Zeitgeschichte" (1981). Zur Situation der Monumenta Germaniae Historica H. Heiber. "Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands" (1966); speziell zu Levison: "In memoriam W. Levison (1876-1947)" (1977). Zu Fragen der Geschichtsdarbietung vgl. "Geschichte - Ereignis und Erzählung", hg. von R. Kosel/eck und W.-D. Stempel (1973); "Theorie und Erzählung in der Geschichte", hg. von J. Kocka und Th. Nipperdey (1979); "Formen der Geschichtsschreibung", hg. von R. Kosel/eck u.a. (1982); W. J. Mommsen. "Die Sprache des Historikers", in: Historische Zeitschrift 238 (1984). Zur Gattung der sogenannten Sachbücher: "Geschichte als Fluchtburg? Zum Phänomen historisches Sachbuch", hg. von M. Bosch (1979); dazu B. Müller unter demselben Titel, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 31 (1980). Zum historischen Roman R. Schörken. "Geschichte in der Alltagswelt" (\981) und B. von Borries. "Könige, Ketzer, Sklaven. Histo-

37 rischer Roman und politische Sozialisation", in: Politische Didaktik 1978. Beide Beiträge machen deutlich, wie unvorbereitet das Phänomen ,.Eco" die deutschen Wissenschaftstheoretiker traf, vgl. die Analyse von J. Wer/heimer, "Im Labyrinth der [Zeit-)Zeichen: Chronik eines Bestsellers", in: Arbitrium 1984, mit über zwanzig weiteren Stellungnahmen jetzt nachgedruckt in "Zeichen in Umberto Ecos Roman ,Der Name der Rose"'. Aufsätze aus Europa und Amerika, ausgewählt und hg. von B. Kroeber (1987). Von eigenem Wert ist R. Imbach, "Der Teufel ist ... die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfaßt wird", in: Civitas. Monatsschrift für Politik und Kultur, H. Januar-Februar 1983; F. HeItIer, "Geschichte und Fiktion. Umberto Ecos ,Der Name der Rose''', Magisterarbeit Universität Regensburg 1986, und vor allem J. Pelersohn, "Ecos Echo - ein ,Anstoß' für Mittelalterhistoriker?", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 37 (1986). Stimmen von MittelalterHistorikern sind in einem demnächst erscheinenden Sammelband zusammengetragen: ,,' ... eine finstere und fast unglaubliche Geschichte?' Mediävistische Notizen zu Umberto Ecos Mönchsroman ,Der Name der Rose"', hg. von M. Kerner (1987). Auf ein Kolloquium an der Universität Trier geht zurück: "Ecos Rosenroman" hg. von A. Haverkamp und A. Heil (1987). J. Burckhardls Bemerkungen über den "wahren" historischen Roman stehen in dem Vorlesungsmanuskript "Über das Studium der Geschichte. Der Text der Weltgeschichtlichen Betrachtungen", nach der Handschrift hg. von P. Ganz (1982). Über das Mittelalter in der modernen und zeitgenössischen Literatur sind eine ganze Reihe von Beiträgen verfaßt und Kolloquien abgehalten worden, von denen genannt sei das Symposium "Mittelalter und Kultur der Gegenwart", das unter dem Titel "Materialien und Beiträge zur Mittelalter-Rezeption" I, hg. von R. Krohn (1986) erschienen ist, darin U. Müller, ",Dur Man in Camelot'. Mittelalter-Rezeption in der Literatur. Aufgezeigt an Artus-Romanen der Jahre 1970-1983". Mit einem Verzeichnis zur internationalen Artus- Rezeption 1970-1985, und: J. Erfon-Hänsch, "Die Wiederkehr des Mythos im Gewand des High Tech". Star-Wars: Chiffren des Mittelalterlichen. - Die New-Age-Bewegung wird von einer eigenen Literatur getragen, vgl. M. Berman, "The Reenchantment of the World" (englisch 1981, deutsch in Aufnahme des Max-Weberschen Wortes von der ,Entzauberung der Welt' unter dem Titel: "Wiederverzauberung der Welt", 1983); F. Capra, "Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild" (1985); G. Schiwy, "Der Geist des Neuen Zeitalters". New-Age-Spiritualität und Christentum (1987). Zum "Neuen Mittelalter" vgl. den Auswahlband U. Ecos, "Über Gott und die Welt" (1985), dessen erstes Kapitel lautet: "Auf dem Wege zu einem Neuen Mittelalter". Am Anfang dieses Modells steht der Entwurf von R. Vacca, ,,11 medioevo prossimo venturo" (1971). Einer der letzten Beiträge U. Ecos in diese Richtung bringt der oben genannte Band der Quaderni medievali 21 (1986): "Dieci modi di sognare il Medioevo". Zum Museums- und Ausstellungswesen hat sich vor allem H. Boockmann wiederholt geäußert, vgl. zuletzt dessen Aufsatz: "Kulturhistorische Museen aus der Sicht eines Historikers", in: Museumsverband für Niedersachsen und Bremen, Mitteilungsblatt Nr. 30 - Juli 1986 und dessen Buch: "Geschichte im Museum?" (1987).

Lothar GaU

Theodor Schied er 1908-1984

,,INDIVIDUUM est ineffabile" - in diesem Satz Goethes an Lavater hat Friedrich Meinecke zugleich das Eigentümliche des Historismus, des neuen geschichtlichen Denkens aufgehoben gesehen, wie es sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelte. So mag es auf den ersten Blick als höchst bezeichnend erscheinen, daß am Ende des wissenschaftlichen Lebenswerks Theodor Schieders eine Biographie steht, eine Darstellung von Leben und Werk Friedrichs des Großen. Denn über aller Veränderung, über allem Neuen, in der Zeit und in der darauf antwortenden Wissenschaft, auch über aller kritischen Auseinandersetzung bleibt doch, blickt man auf dieses lange und reiche Gelehrtenleben, der überwältigende Eindruck der Kontinuität, des Eintretens in eine als groß und wegweisend empfundene Tradition. Ein später Amtsnachfolger Leopold von Rankes als Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Herausgeber dieser Zeitschrift* in der Reihe Heinrich von Sybels und Friedrich Meineckes - das waren keine Äußerlichkeiten. Das bezeichnete und bezeichnet eine Linie, ein Erbe, durchaus auch einen Anspruch. Der Rückgriff auf das große und unverwechselbare Individuum also als eine Art letztes Wort, als Beschwörung des Kerngedankens des Historismus im Sinne Meineckes? Ein größeres Mißverständnis wäre kaum denkbar. "Jede biographische Darstellung stellt das Problem", heißt es im Nachwort zum ,Friedrich" lapidar, "wie sich ein persönlich-individuelles Leben zu seiner Mit- und Umwelt, zu den großen Strukturgegebenheiten verhält."') Viele Konstellationen seien hier theoretisch vorstellbar und auch in der realen Geschichte anzutreffen. Stets aber sei im letzten die Perspektive entscheidend, der Rahmen, in den das Indi-

* Die Würdigung Theodor Schieders und seines Lebenswerkes durch Lothar Gall erschien zuerst in der "Historischen Zeitschrift", Band 241 (1985), S. 1-25. ') Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche. Berlin 1983, 493.

42 viduelle vom Betrachter gerückt werde, das, was dieser an Kategorien und Anschauungsweisen aus der Kenntnis des allgemeinen historischen Prozesses, aber auch aus den Vorstellungen seiner eigenen Zeit mitbringe. Nicht auf Relativierung zielte das, sondern auf eine zentrale Idee, die Schieder immer wieder umkreist hat und auf der wohl seine Art, Geschichte zu betrachten und zu schreiben, im Kern beruhte: daß das Individuelle sich stets nur im typisierenden Zugriff erfassen lasse, wie andererseits das Typische, der Typus nur in der Konfrontation mit dem Individuellen lebendig werde. "Bewußt oder unbewußt", so hat er es in einem wegweisenden Aufsatz aus dem Jahre 1952 formuliert, "wird unsere Anschauung von Typen mitbestimmt", und weiter, mit Blick auf Jacob Burckhardt: "Das Allgemeine wird nicht in erster Linie als Kontinuität der singulären Dinge verstanden, sondern als die Konstanz des menschlichen Geistes, die durch alle individuellen Wandlungen hindurchbricht."2) Damit ist indirekt schon die wissenschaftliche Ahnenreihe bezeichnet, in die Schieder sich sehr bewußt stellte und die, ungeachtet vielfältiger Berührungen, letztlich doch immer weiter von den Traditionen des sogenannten Historismus und dem Neorankeanismus der Jahrhundertwende wegführte. Diese Ahnenreihe wird außer durch Droysen vor allem markiert durch die Namen von Jacob Burckhardt, Max Weber und Otto Hintze. J ) Sie ziehen sich durch alle ins Grundsätzliche gehenden Abschnitte seines Werkes, vor allem die groBen Aufsätze der fünfziger und sechziger Jahre, die seinen Namen begründeten, angefangen von der Untersuchung "Das historische Weltbild Leopold von Rankes"4) über den "Typus"-Aufsatz von 1952 5 ) und die sehr einnußreich gewordene Abhandlung ') Der Typus in der Geschichtswissenschaft, in: Studium Generale 5, 1952, 228 fr., wiederabg.edruckt in: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit. Studien zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. München 1958, l72ff., Zit. 172 u. 175. J) Mit Karl Marx hat er sich zwar immer wieder intensiv beschäftigt, einen unmittelbaren literarischen Niederschlag aber hat das anders als im Fall der eben Genannten nicht oder doch nur in sehr viel begrenzterer Form gefunden: Vgl. v.a.: Karl Man und seine S[ellung in der europäischen Geschichte, in: GWU 15, 1964, 16ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte. Essays. Berlin 1980, 88 fr. 4) In: GWU 1,1950, 138f1'., wiederabg.edruckt in: Begegnungen mit der Geschichte. Göttingen 1962, 105 I'f. 5) S. Anm.1.

43 über .,Möglichkeiten und Grenzen vergleichender Methoden in der Geschichtswissenschaft"") bis hin zu dem zusammenfassenden Beitrag über "Unterschiede zwischen historischer und sozial wissenschaftlicher Methode"7) von 1971. Es war dies eine weitgehend selbständig gewählte, nicht durch Schulzusammenhänge nahegebrachte Ahnenreihe. Ja, mehr noch: Sie spiegelte einen Reorientierungsprozeß nach dem inneren und äußeren Zusammenbruch aller bisherigen Ordnung im Jahre 1945, der seinerseits in vielfältiger Hinsicht bestimmend geworden ist für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in der neu entstehenden Bundesrepublik. Voraussetzung dafür war neben der Verwurzelung in den Traditionen der deutschen Geschichtswissenschaft - die von Grund auf in Frage zu stellen nach 1945 auch im Lager der entschiedensten Gegner des NS-Regimes kaum jemandem einfiel- die Offenheit gegenüber ganz neuen Frage- und Problemstellungen und die Bereitschaft, bisherige Zunftgrenzen entschlossen zu durchbrechen. Für beides hatte sein bisheriger Lebensweg Schieder in vielfältiger Weise vorbereitet. Am 11. April 1908 in Bayrisch-Schwaben, in Oettingen bei Nördlingen, als Sohn einer Familie ho her bayerischer Beamter und Richter geboren. hatte er nach der Gymnasialzeit in Augsburg, am dortigen protestantischen St.-Anna-Gymnasium 8 ), seit 1926 vor allem in München Geschichte, Germanistik und Geographie studiert und war dort Ende 1933 promoviert worden. Die von Kar! Alexander von Müller angeregte, aus einer Fülle von ungedruckten Quellen sowie aus einer gewaltigen Masse von Zeitungen, Zeitschriften und Flugschriften geschöpfte Arbeit enthielt, in Fragestellung und methodischem Zugriff damals hochmodern, in

[n: HZ 200, 1%5. 519ff., wiederabgedruckt in: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung. München/Wien 1965, 1!l7ff. ') In: Festschrift für Hermann Heimpel. Hrsg. v.d. Mitarbeitern des MaxPlanck-Instituts für Geschichte. Bd. I. Göttingen 1971, 1 ff.. wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), 45'> ff. ') Höchst anschaulich, dabei weit in die allgemeinen Zusammenhänge ausgreifend, der "Beziehung zwischen kleiner und großer Welt" aus der Perspektive der eigenen Biographie nachspürend, hat Schieder diese Jugendzeit in einem der lelzten Beiträge aus seiner Feder noch selb~t geschildert: Kleine und große WeiL Große Ereignisse im Spiegel der Erinnerungen an eine Jugend in Bayrisch-Schwaben, in- Land und Reich, Stamm und Nation. Feslgabe f. M. Spindler z. 90. Geburtstag. Hrsg. v. A. Kraus. Bd.3. München 1984, 389 ff. h)

44 nuce bereits einen erheblichen Teil der Themen, die Schieder in den nächsten Jahrzehnten unter verschiedenartigsten Aspekten immer wieder beschäftigen sollten. Sie trug den Titel "Die kleindeutsche Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Einheit 1863-1871"9) und verband, konzentriert auf einen gerade damals wieder viel diskutierten Abschnitt der deutschen Geschichte, landesund parteigeschichtliche Frage- und Problemstellungen sowohl mit gesamtdeutschen als auch mit systematischen Ansätzen und Perspektiven. mit der Frage nach Wesen, Antriebskräften und Erscheinungsformen des nationalen Gedankens, des Nationalismus. In der wiederaufgebrochenen, vor allem von Heinrich von Srbik vorangetriebenen Auseinandersetzung um die möglichen Alternativen zu 1871 vertrat Schieder zwar deutlich die kleindeutsche Position in dem Sinne, daß er ihr die größere Realitätsgerechtigkeit und die größeren Realisierungschancen zuschrieb. Aber dem sorgfältigen Leser mußte doch deutlich werden, daß sein Interesse daneben schon sehr anderen Fragen galt: den Formen politischen Handelns im beginnenden Massenzeitalter, dem Verhältnis von Macht und Idee und vor allem eben dem nationalen Gedanken als epochenbestimmender Kraft. Natürlich wurde das in einer stark auch auf das Faktische, auf die Erschließung bis dahin unbekannter Vorgänge und Zusammenhänge konzentrierten Arbeit vorerst nur in Ansätzen sichtbar. Neben persönlichen Beweggründen - seine spätere Frau, die er noch als Studentin in München kennengelernt hatte, stammte aus der Gegend von Elbing in Westpreußen - ergab es sich jedoch auch unmittelbar aus seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinen wissenschaftlichen Interessen, daß sich seine Blicke bald nach der Promotion nach Königsberg, auf Hans Rothfels richteten, der sich, die nationale Gemengelage des ostmitteleuropäischen Raums und ihre gewaltige Brisanz unmittelbar vor Augen, seit Jahren in immer stärkerem Maße mit Problemen und Erscheinungsformen des Nationalismus beschäftigte - in einer Mischung von Engagement und Distanz, die der rund zwanzig Jahre Jüngere als beispielhaft und zugleich als der eigenen Natur und den eigenen Bestrebungen kongenial empfand. Zu einer unmittelbaren Zusammenarbeit mit Rothfels, der bereits wenig später seinen Königsberger Lehrstuhl verlassen mußte,

9) Münchener Historische Abhandlungen. Rh. I H.12. München 1936.

45 ist es nicht mehr gekommen. Aber es ist unübersehbar, daß Schieder, der in den folgenden Jahren, offiziell ab April 1935 - bis dahin hatte er, seit Weihnachten 1934 verheiratet, von einem knappen Stipendium gelebt -, eine "Landesstelle für Nachkriegsgeschichte am Preußischen Geheimen Staatsarchiv" Berlin mit Sitz in Königsberg aufbaute und leitete IO ), die Linie von Hans Rothfels fortsetzte und, wenn man das bei einem früh so selbständigen Mann überhaupt sagen kann, in einem geistigen Sinn sein Schüler wurdeli). Das galt freilich mehr für den Ansatz, für die Fragestellungen und Kategorien als für die Themen. Hier wandte sich Schieder. seit 1936 Herausgeber der Zeitschrift "Altpreußische Forschungen", in den nächsten Jahren immer stärker der, wie man später sagen sollte, frühneuzeitlichen Geschichte zu. Bereits 1935 erschien sein Aufsatz "Die preußische Königskrönung von 1701 und die politische Ideengeschichte"I"), der gleichsam die Brücke von seinem bisherigen zu einem vom real historischen Zusammenhang ganz neuen Forschungsfeld schlug. Wie in der Dissertation, nur hier schon in ungleich weitläufigeren zeitlichen und sachlichen Dimensionen und Perspektiven wird das Zusammenwirken unterschiedlichster Traditionen untersucht und gewichtet: die Tradition des Ordensstaates und die der dynastischen Staatsbildung in ihrer spezifischen brandenburgisch-hohenzollerischen Form, die Tendenzen des modernen Fürstenstaates, der deutsche Dualismus, schließlich auch das konfessionelle Problem. Überall ist dabei bereits ein gesteigertes Bemühen zu spüren, zu allgemeineren Aussagen zu gelangen, die Fülle der Probleme auf höhere Begriffe zu bringen, ohne dabei den Stoff zu vergewaltigen. Noch freilich ist der Gegenstand, bei aller in staunenswerter Kürze erlangten Sach- und Problemkenntnis, zu neu, das Feld insgesamt noch zu unvertraut, als daß nicht der Eindruck des erst noch

10) Frdl. Mitteilung von Frau Eva Schieder, der ich auch sonst für vielerlei Auskünfte und Hinweise zu großem Dank verpflichtet bin. 11) Es spiegelt das Verhältnis, daß es Hans Rothfels war, der Schieder mehr als dreißig Jahre später, 1970, zur Wahl in den Orden Pour le merite vorschlug. Vgl. a. Schieders Beitrag zum 70. Geburtstag v. H. Rothfels: VfZG 9, 1961, I I 7ff. I') Altpreußische Forschungen 12, 1935, 64 ff. Wiederabgedruckt mit dem etwas veränderten Titel: Die preußische Königskrönung von 1701 in der politischen Ideengeschichte, in: Begegnungen mit der Geschichte (wie Anm.4), 183 ff.

46 Tastenden überwiegt. Einschätzungen und Urteile münden schließlich doch in eher herkömmliche Bahnen. Wie sich ständische Traditionen, monarchische Staatsidee, staatsnationale Gedankengänge und Reichsvorstellungen zueinander verhielten, wird zwar in vielfältiger, stets gedanken- und kenntnisreicher Weise berührt, aber noch nicht eigentlich zum Thema gemacht. Dies geschieht erst, mit Blick auf Westpreußen, in der vier Jahre später, 1939, vorgelegten Habilitationsschrift, die unter dem Titel "Deutscher Geist und ständische Freiheit im WeichseIland. Politische Ideen und politisches Schrifttum in Westpreußen von der LubJiner Union bis zu den polnischen Teilungen (1569-1772173)" 1940 veröffentlicht wurde.l\) Wieder aus einer großen Fülle bis dahin unbekannten Quellenmaterials unterschiedlichster Provenienz geschöpft und einen Zeitraum von nicht weniger als zweihundert Jahren umfassend, wird hier mit der Frage nach Zusammenhang und vor allem auch innerer Spannung zwischen ständischem und nationalem Gedanken, zwischen politischer "Nation" und Kulturnation in dem spezifischen Rahmen und unter den spezifischen Bedingungen der frühmodernen Epoche ein Thema von säkularer Bedeutung entfaltet und im einzelnen erörtert. Sicher ist der Blick vor allem auf die deutsche Seite im sprachlich-kulturellen, aber auch im politischen Sinne, auf das deutschsprachige Bürgertum insbesondere der drei großen Stadtstaaten Danzig, Elbing und Thorn gerichtet. Aber das hindert doch nicht, daß die zentralen Probleme in einem durchaus übergreifenden Sinne behandelt werden. Von einer engen völkisch-nationalen Perspektive, wie sie damals bei der Behandlung solcher Fragen nahelag und vielfach die Regel war, kann keine Rede sein. Es dominiert im Gegenteil ein nüchtern-analytischer Sprach- und Argumentationsduktus, der sich wie im Stilistischen auch in der Gedankenführung vor Übersteigerungen hütet und eher differenzierend zurücknimmt als thesenhaft zuspitzt. An dieser Art des Zugriffs hat Schieder zeit seines Lebens festgehalten. Sie stand der forcierten Thesenbildung stets entgegen, von sensationsmachender Überspitzung ganz zu schweigen: mit dergleichen hat sich sein Name nie verknüpft. Den unübersehbaren Gewinn einer solchen Vorgehensweise aber bildeten größere Distanz, gesteigerte Souveränität gegenüber dem Gegen-

Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreul)ische Landesforschung. Bo. R. Königsberg 1940.

IJ)

47 stand und vor allem die Offenheit gegenüber sehr unterschiedlichen Positionen, die weniger gegeneinandergestellt als in einer complexio oppositorum wenn nicht miteinander versöhnt, so doch in ein wechselseitig befruchtendes Verhältnis zueinander gebracht wurden. Das bewährte sich damals auch Gegenständen gegenüber, die politisch, "weltanschaulich" ungleich brisanter waren als das Thema der Habilitationsschrift und die Themen mancher kleinerer Arbeiten, die parallel zu ihr und der 1936 erscheinenden Dissertation entstanden. 14 ) Zu ihnen zählte vor allem die Beschäftigung mit der italienischen Geschichte, gipfelnd in dem Abschnitt über "Faschismus und Imperium" in der von Michael Seidlmayer herausgegebenen "Geschichte des italienischen Volkes und Staates".I~) Auch hier überwog eindeutig die Haltung analytischer Distanz als sehr bewußt gepflegtes Erbe des Historismus Rankeseher Prägung. I") Im Sommer 1942 ist Schieder, der innerhalb eines knappen Jahrzehnts Arbeiten zu allen Jahrhunderten der neueren Geschichte vorgelegt hatte, mit eben 34 Jahren als Nachfolger von Kurt von Raumer auf den ehemaligen Lehrstuhl von Hans Rothfels berufen worden - auch die Universität Innsbruck, an der er in den vorangegangenen zwei Semestern den Lehrstuhl seines Fachs vertreten hatte, hatte sich sehr für ihn interessiert und damit das Königsberger Verfahren beschleunigt. Es war die erste Krönung einer überaus erfolgreichen Karriere, die alles der wissenschaftlichen Leistung und nur wenig dem Zeitgeist oder gar bewußten Konzessionen an ihn verdankte. Das heißt nicht, daß Schieder der konservativen Kritik an der Weimarer Republik fern gestanden und daß nicht auch er zunächst gewisse Hoffnungen mit dem neuen Staat verbunden hiitte. 14) Prinz Eugen und Friedrich der Große im gegen,eitigen Bilde, in: HZ 156,

1937, 263rf.; Franz Peter Buhl- Franz Armand Buhl, in: Deutscher Westen - Deutsches Reich. (Saarprälzische Lebensbilder, Bd. I.) Kaiserslautern 1938, 151 ff.; Politische Erfahrung und politi~che Theorie bei Bartholomäu~ Keckermann, in: Altpreußische Fürschungen 15, 1938, 76 ff.; OstpreuBen in der Reichsgeschichte, in: Volk und Reich 14, 1938,1301'1'.; Brieniche Quellen zur pülitischen Geistesgeschichte Westpreußens vom 16. übers 18. Jahrhundert, in: Altpreullische Forschungen 18, 1941, 262fr.; Die Bismarcksche Reichsgrlindung von 1870171 als gesamtdeutsches Ereignis, in: Stufen und Wandlungen der deutschen Einheit. Festschrift für Karl Alexander VOn Müller. Hrsg. v. K. v. Raumer u. Th. Schieder. StutlgartlBeriin 1943,342 ff. ") Leipzig 1940, 467ff. '0) Ranke galt damals nicht zufällig ein erster gmlkr Aufsatz: Ranke und Goethe, in: HZ 166, 1942, 260ff., wiederabgedruckt in: Begegnungen mit der Geschichte (wie AnmA), 80ff.

48 Als Mitglied der bündischen Jugend"), die fraglos manche Berührungspunkte mit der nationalsozialistischen Bewegung hatte oder, besser gesagt, deren kritische Haltung zum Parteienstaat und zu Weimar für manchen damals und später den Übergang zu Hitler erleichterte, hat er allerdings schon früh, 1930, das Trennende herausgestelltiR) und ist dann innerlich immer mehr auf Distanz gegangen. Als politisch und "weltanschaulich" unzuverlässig - wie die Formeln damals lauteten - oder gar als jemand, der dem Regime feindlich gegenüberstand, galt er offiziell nicht: Das hätte eine Berufung natürlich unmöglich gemacht und ebenso die Wahl zum Dekan der Philosophischen Fakultät der Albertina wenig später. Aber es gab hier wie anderswo doch teilweise überraschend große Spiel räume. Ein Umkehrschluß wäre daher ganz unzulässig, und in dem schriftlich Überlieferten, in den Veröffentlichungen findet er jedenfalls keinerlei Stütze. Schieder selber hat sich, soweit man weiß, dazu niemals in einem größeren Rahmen und Kreis geäußert. Wohl aber hat er sich, nachdem Ende August 1944 während eines Aufenthalts im heimischen Allgäu die Nachricht von der Zerstörung des Königsberger Historischen Seminars eine Art symbolischen Schlußstrich unter seine bisherige Laufbahn gezogen und alle Zukunft ganz ins Ungewisse gerückt hatte, nachdrücklich und in einem durchaus überpersönlichen Sinne zu dem bekannt, was sich aus der Zeit der NS-Herrschaft für die deutsche Geschichte und auch und gerade für die deutsche Geschichtswissenschaft ergab. Es galt, ganz neu zu beginnen, ohne sich dabei der lllusion hinzugeben, bei einer Stunde Null angelangt zu sein: So etwas, hat er wiederholt betont, sei im Leben einer historisch gewachsenen Gemeinschaft wie auch im geistigen und wissenschaftlichen Leben undenkbar, und eine solche Vorstellung könne nur zu gefährlichen Selbsttäuschungen führen. Neubeginn. das hieß zugleich Neuaufbau, in Schieders Fall zunächst des akademischen Lebens in seinen äußeren Formen, dann aber auch und vor allem in seinen Inhalten. Bereits im Februar I') Er gehörte der "Deutsch-akademischen Gildenschaft" an.

18) In einem hektographischen Rundbrief einiger Gilden: Vgl. dazu den Vortrag von Werner Conze bei der Akademischen Gedenkfeier für Schieder am 8.2.1985 in Köln. Ich danke Herrn Conze, daß er mir das Manuskript seines Vortrags noch vor der geplanten Drucklegung zugänglich gemacht hat. Ein Exemplar des Rundbriefs hat sich im Nachlaß erhalten, der inzwischen im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt wird.

49 1948, knapp drei Jahre nach Kriegsende, wurde er, kaum daß die Universitäten ihre Arbeit wieder richtig aufgenommen hatten, an die Universität Köln berufen, zu deren Gunsten er in den folgenden Jahren Rufe nach Göttingen (1954), nach Freiburg (1956) und schließlich auch nach München (1963) ablehnen sollte. Im Kreis erster Schüler, die durch Kriegsdienst und Gefangenschaft zum Teil kaum jünger waren als er selber, hat er sich nüchtern und kritisch, aber auch getragen von dem speziellen Elan der ersten Nachkriegsjahre an diesen inneren, geistigen Neuaufbau gemacht. Der Staat, die politische Gemeinschaft und ihre Wandlungen, das war bis dahin der Hauptgegenstand, der Fixpunkt der deutschen Geschichtswissenschaft gewesen. Davon ist Schieder nicht grundsätzlich abgerückt: er blieb ein Vertreter der, wie man es in einer nicht sehr glücklichen Formulierung genannt hat, politischen Geschichtsschreibung, wobei ihm das Verhältnis von Staat und Gesellschaft, von "politischer und gesellschaftlicher Verfassung" mehr und mehr als das "GrundprobJem der modernen Welt" erschien. '9 ) Aber die Erfahrungen mit einem zu fürchterlicher Allmacht aufgestiegenen Staat 20 ) drängten doch zu sehr grundsätzlichen Revisionen sowohl in der Betrachtungsweise als auch im Kategoriensystem. Sie gingen vor allem in zwei Richtungen. Einmal in Richtung einer verstärkten Rückbesinnung auf das eigentliche Subjekt und Objekt, auf den eigentlichen Mittelpunkt des historischen Prozesses, den "handelnden und duldenden Menschen". Und zum anderen in Richtung auf eine stärkere Betonung der normativen und mit ihnen der normierbaren und zugleich typisierbaren Elemente der geschichtlichen Entwicklung. 19) Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), Vorbemerkung,9. '") In diesen Zusammenhang gehören auch die stets weit ins Grundsätzliche vorstoßenden Auseinandersetzungen mit Machiavelli, deren erste 1951 erschien (Shakespeare und Machiavelli, in: AKG 33, 195 I, 131 ff., wiederabgedruckt in: Begegnungen mit der Geschichte (wie Anm.4), 9ff.) und deren letzte einen großen Abschnitt in seinem "Friedrich" zum Thema" ,Antimachiavell' und Machiavellismus" bildete: Friedrich der Große (wie Anm.I), 102ff. Vgl. daneben. Niccol6 Machiavelli. Epilog zu seinem Jubiläumsjahr, in: HZ 210, 1970, 26Sff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), Ilff., und: Machiavelli im Marxismus, in: Geschichte in der Gegenwart. Festschrift für K. Kluxen. Hrsg. v. E. Heinen u. H. J. Schoeps. Paderborn 1972, 33 ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), 38ff.

50 Für das eine wie für das andere wurde vor allem Jacob Burckhardt, dem eine der ersten in Köln von ihm vergebenen Dissertationen galf'), zu einer Art Leitfigur. In dem tiefen Pessimismus, der bei Burckhardt hinter aller Welt- und Geschichtserfahrung stand, fühlte sich Schieder dem großen Basler durchaus wesensverwandt, und dessen gesteigertes Krisenbewußtsein reflektierte ganz das eigene Zeitgefühl. "Neugestalten helfen, wenn die Krisis vorüber ist, das ist wohl unser beider Bestimmung" - dieser Satz Burckhardts an den Freund Gottfried Kinkei, den Schieder in seinem großen Burckhardt-Aufsatz von 1950 zitierte 22 ), enthielt von hier zugleich einen sehr persönlichen Bezug. Jener Devise zu folgen, so Schieder, habe für den Historiker Burckhardt bedeutet, den "Bewegungsphänomenen", den "Bewegungsmomenten" des "geschichtlichen Lebens" nachzuspüren, die in den "beschleunigten Prozessen" im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung, eben in den Krisen besonders deutlich hervorträten - alle "große Historie", so betonte er zwanzig Jahre später noch einmal, sei dementsprechend, angefangen von Thukydides und Tacitus bis in unsere Gegenwart, "Krisenwissenschaft", wissenschaftliche Erfassung und Erhellung der großen geschichtlichen Krisen. 2 ') "Ihre Verlaufsgesetze, ihre ,typischen Stadien'" herauszuarbeiten, helfe nicht nur, die Gegenwart zu verstehen, liefere nicht nur die Grundlagen für sachgerechtes, über die allgemeinen historischen Voraussetzungen und Bedingungen orientiertes Handeln, sondern schaffe auch ein Widerlager gegen den alles verschlingenden Pessimismus, gegen "die Gegenwarts- und Zeitangst", gegen "jenes dominierende Gefühl krisenhafter Gefährdung des Menschen in der Geschichte".24) "Auch auf das Schrecklichste, was geschehen, muß ja die Menschheit sich wieder einrichten, ihre noch heilen Kräfte herbeibringen und weiterbauen" , zitierte Schieder aus den "Weltgeschichtlichen Betrachtungen".

") Josef Engel, Jacob Burckhardts Weltbild. Versuch einer Umrißzeichnung seiner geistigen Gestalt. Ms. Diss. Köln 1950. ") Die historischen Krisen im Geschichtsdenken Jacob Burckhardts, in: Schicksalswege deutscher Vergangenheit. Festschrift für S. A. Kaehler. Hrsg. v. W. Hubatsch. Düsseldorf 1950,421 ff., wiederabgedruckt in: Begegnungen mit der Geschichte (wie Anm.4), 129ff., Zit.135. 'I) Historiker in dieser Zeit, in: Mannheimer Hefte 1972, 34 ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), 505. 24) Krisen im Geschichtsdenken Burckhardts (wie Anm. 22), 133.

51

Damit war, in drängender, weit über das bloß Sachlich-Methodische herausreichender Begründung, bereits ein ganzes Programm entwickelt. Die Suche nach den "Verlaufsgesetzen" des "geschichtliehen Lebens", nach Burckhardts "typischen Stadien" mußte ohne Preisgabe der Ergebnisse und Erkenntnismöglichkeiten der individualisierenden, historisch-genetischen Methode, ohne gewaltsamen Abschied vom sogenannten Historismus fortan im Zentrum stehen. Dem Typus, dem Bewegungsgesetz und dem, was sich mit ihnen, in gebotener Vorsicht, an Normierbarem und auch an Normativem verbinden ließ, sollte künftig die Aufmerksamkeit des Historikers in besonderem Maße gelten. Und mit innerer Konsequenz richtete sich von diesem Ausgangspunkt her der Blick vor allem auf jene aus dem Kreis der Historiker und Sozial wissenschaftler, die dieser Perspektive mit von Fall zu Fall durchaus unterschiedlicher Begründung ihre besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatten, also innerhalb des deutschen Wissenschafts- und Sprachraums neben Jacob Burckhardt und Johann Gustav Droysen vor allem Otto Hintze und Max Weber. Beide sind von Schieder sozusagen für die deutsche Geschichtswissenschaft gewonnen, zumindest - wenn man etwa an Meineckes enge Beziehungen zu Hintze denkt - wiedergewonnen worden, und die außerordentliche Renaissance, die das Denken und die Schriften beider, voran Max Webers, in den fünfziger und sechziger Jahren erlebten, geht sehr wesentlich auf ihn zurück. Es war freilich, im Unterschied zu manchem Nachfolgenden, ein durchaus kritischer Prozeß der Auseinandersetzung und der Aneignung, bei dem das Erbe der eigenen Disziplin, das Erbe des Historismus stets als kritische Instanz präsent blieb: Nicht zufällig steht vor dem großen "Typus"-Aufsatz von 1952, zeitlich parallel zur Burckhardt-Studie, ein Beitrag über "Das historische Weltbild Leopold von Rankes" als eine Art - wenngleich keineswegs bloß affirmativer Selbstvergewisserung der eigenen Grundlagen. Die Grenzlinie, die Schieder immer wieder nachzog, verlief für ihn dort, wo sich das typisierende, das damit zugleich auch normierende Denken gewissermaßen selbständig machte, wo es nicht mehr so sehr historische Erfahrung und Erkenntnis verdichtete und unter große, übergreifende Begriffe brachte, sondern die historische Wirklichkeit zu konstruieren oder gar unter vorgefaßte Auffassungen zu

2S) S. Anm.4,

52 subsumieren begann. Das war und blieb für ihn die EinbruchsteIle für bloße Ideologie, die zwar wohl der Daseins- und Weltorientierung dienen konnte, aber mit eigentlicher Wissenschaft nichts zu tun hatte: Die Wissenschaft sollte zwar wohl dem "Leben", der Welt des Gestaltens und HandeIns zugewandt sein. Sie durfte jedoch im Kern, im eigentlichen Erkenntnisprozeß nicht von ihr abhängig werden. Wieder war es Jacob Burckhardt, der hier die zentrale Formulierung lieferte. "Die Erkenntnis des Menschen", so zitierte Schieder aus der "Griechischen Kulturgeschichte"2b), "geht auf das Innere der vergangenen Menschheit und verkündet, wie diese war, wollte, dachte, schaffte und vermochte. Indem sie damit auf das Konstante kommt, erscheint am Ende dieses Konstante größer und wichtiger als das Momentane, erscheint eine Eigenschaft größer als eine Tat; denn die Taten sind nur Einzeläußerungen des betreffenden inneren Vermögens, welches dieselben stets neu hervorbringen bnn." Vor diesem das Erbe des Historismus im HegeIschen Doppelsinne in sich "aufhebenden" Hintergrund war der Satz zu sehen: "Die Frage nach dem historischen Typus, dem unsere Kultur zuzurechnen ist, die Frage nach den typischen Abläufen des Geschichtsprozesses ist heute in einem gewissen Sinne an die Stelle getreten, die vor einem Jahrhundert das Individualitätsprinzip eingenommen hat."27) So war es nicht etwa eine Rückwendung, eine Rückkehr zu älteren Positionen, sondern eine Bekräftigung, wenn er zwanzig Jahre später in dem schon erwähnten Aufsatz über "Unterschiede zwischen historischer und sozialwissenschaftlicher Methode" formulierte: "Die Geschichte wird daher immer die Individualitätsstruktur ihrer Objekte im Auge behalten müssen und in diesem Sinne ,Individualwissenschaft' bleiben, wenn sie dies auch niemals mehr als ihre einzige Aufgabe ansehen wird:' 28 ) Mit der Unterscheidung zwischen "Modell" und "Typus" suchte er dabei noch einmal, ganz unpolemisch, aber doch mit sehr klarer Akzentuierung des eigenen Standorts, die entscheidende Differenz beider Ansätze zu fassen. Der Typus wurde hier nun bereits ganz für die Geschichtswissenschaft reklamiert, wobei Schieder I, 3 = Gesamtausgabe. Bd. VIII: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), 175. 27) Ebd. 177. ") Wie Anm.7, 477.

16)

53 in einer fast schon ironisch zu nennenden Wendung bemerkte, es sei zwar im Hinblick vor allem auf die sogenannten" Verlaufstypen" in der "seit Max Weber währenden Diskussion über die Idealtypen ... kontrovers geblieben", ob es sich dabei "um eine empirisch gehaltvolle oder nur um eine analytische Aussage" handele. Es gehe aber "aus der wissenschaftlichen Praxis eindeutig hervor, daß sich in ihr Typus-Begriffe ohne Realitätsbezug, und zwar ohne einen auf historische und regionale Wirklichkeiten gerichteten Realitätsbezug, nicht zu halten vermögen". Diesem Typus-Begriff stellte Schieder den Modell-Begriff gegenüber, in dem anders als beim Typus "das Konstruktive überwiegt". Man könne mit aller gebotenen Zurückhaltung und mit vielerlei Einschränkungen hier von einem "mehr deduktiv" und dort von einem "mehr induktiv gerichteten Verfahren" sprechen. Darüber hinaus sei "offenkundig, daß alle ModellBegriffe dazu neigen" er nannte als Beispiel das Imperialismus"Modell" in der Tradition Hilferdings, Rosa Luxemburgs und Lenins -, "einen prognostischen Ausblick in die Zukunft eröffnen zu wollen. Sie hypostasieren sehr oft ihre Hypothesen von der Vergangenheit zu Gesetzen für die Zukunft, wo der Historiker etwas unschärfer und unverbindlicher, aber realitätsnäher von Tendenzen sprechen würde. "29) Noch in einem der letzten Beiträge aus seiner Feder, der nach seinem Tode in dieser Zeitschrift erschien, kreisten seine Überlegungen, in diesem Fall angeregt durch den in einem Sammelband zusammengefaßten Ertrag einer Otto Hintze gewidmeten Tagung, um diese Fragen. Bezogen auf Hintze, der so große Bedeutung für ihn erlangt hatte und dessen Nachwirkung von ihm auf das stärkste gefördert worden ist, hat er darin zwei Sätze formuliert, die mit Hintzes auch die eigene Position sehr gen au umschreiben. "Er sah", hieß es dort im Hinblick auf das Verhältnis zwischen den Sozialwissenschaften, speziell der Soziologie, und der Geschichtswissenschaft, "die Unterschiede zwischen beiden Disziplinen sehr deutlich und hielt es für die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, als Vermittler zwischen der individual- und der strukturgeschichtlichen Betrachtungsweise aufzutreten. Das war weder ,reaktionärer Historismus', wie er ihm unterstellt wurde, noch extreme Progressivität, wie man sie ihm im Übereifer heute gelegentlich zuerkennen will."JO) 19) Ebd. 470 f. 30) OUo Hintze und die moderne Geschichtswissenschaft, in: HZ 239, 1984, 619.

54 Wie Hintze so hat auch Schieder diesen Ansatz zunächst in einer Reihe von großen Aufsätzen erprobt. Während bei Hintze hier vor allem die vormoderne Welt, das Phänomen des Feudalismus, die Erscheinungsformen der ständischen Verfassung, die Bedingungen der Repräsentativverfassung oder die Wandlungen der Heeresverfassung, im Mittelpunkt standen, konzentrierte sich Schieder auf zentrale Probleme der Moderne: auf Struktur und Entwicklung des Parteiwesens 31 ), auf Entfaltung und Krise der bürgerlich-liberalen Bewegung"), auf die Wandlungen des modernen Staates J3 ), auf das Problem der Revolution 34 ) und dann zunehmend auf den ihm seit Dissertation und Habilitationsschrift unter den verschiedensten Aspekten und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen seit langem eng vertrauten Themenkomplex Nation, Nationalismus, Nationalstaat. Dieser wurde nach bedeutenden, Gang und Richtung der Forschung in vielerlei Hinsicht bestimmenden Untersuchungen zur Parteigeschichte und speziell zum Liberalismus zu einem ausgesprochenen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit. 35 ) Außer ") Die Theorie der Partei im älteren deutschen Liberalismus, in: Aus Geschichte und Politik. Festschrift für L. Bergslrässer. Hrsg. v. A. Herrmann. Düsseldorf 1954, 183ff., wiederabgedruckt in erweiterter Fassung in: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), II0ff.; Die geschichtlichen Grundlagen und Epochen des deutschen Partei wesens, in: ebd. 133 ff. ll) Das Verhältnis von politischer und gesellschaftlicher Verfassung und die Krise des Liberalismus, in: HZ 177, 1954, 49 ff., wiederabgedruckt unter dem Titel: Die Krise des bürgerlichen Liberalismus. Ein Beitrag zum Verhältnis von politischer und gesellschaftlicher Verfassung, in: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), 56ff. (danach auch in: L. GaB (Hrsg.), Liberalismus. 2. Auf1. Königstein 1980, 187 ff.); Der Liberalismus und die Strukturwandlungen der modernen Gesellschaft vom 19. zum 20. Jahrhundert, in: Relazioni dei X Congres5o Internazionale di Scienze Storiche. Bd.5: Storia Contemporanea. Florenz 1955, 143ff. B) Staat und Machtpolitik im Industriezeitalter, in: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), 89 ff.: Wandlungen des Staats in der Neuzeit, in: HZ 216,1973, 265ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), 173 ff.: 5.a. Idee und Gestalt des übernationalen Staats seit dem 19. Jahrhundert, in: HZ 184, 1957, 336ff., U.: Zum Problem des Staatenpluralismus in der modernen Welt. Köln/Opladen 1969. Hj Das Problem der Revolution im 19. Jahrhundert, in: HZ 170, 1950, 233 ff., in umgearb. Fassung in: Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit (wie Anm.2), I1 ff. 3') Den Auftakt bildete der Aufsatz: Nationalstaat und Nationalitätenproblem, in: ZfO I, 1952, 161 ff.

55 durch eine Serie stets weitgespannter Beiträge und eine Reihe von wissenschaftlichen Kongressen förderte er ihn vor allem auch nachhaltig mit der Gründung der Forschungsabteilung des Historischen Seminars der Kölner Universität Mitte der sechziger Jahre, die er bis zu seinem Tode leitete. Was Schieder auf diesem Gebiet, angefangen mit der großen Studie zum Thema "Das deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat"'") über "Der Nationalstaat in Europa als historisches Phänomen"J?) bis hin zu dem eine Art Summe ziehenden Beitrag "Typologie und Erscheinungsformen des Nationalstaats in Europa"38) "als Vermittler zwischen der individual- und der strukturgeschichtlichen Betrachtungsweise" an Einsichten, aber auch an Anregungen und Anstößen geliefert hat, stets bestrebt, das Thema aus der so lange vorherrschenden Perspektive nationaler Parteilichkeit zu befreien 39 ), hob die Behandlung des Gegenstandes auf eine ganz neue Ebene. An Friedrich Meinecke und Hans Kohn wie auch an Hans Rothfels anknüpfend, aber sogleich weit über sie hinausführend, verband er mit der gesamteuropäischen, auf verschiedene Typen abhebenden Perspektive die Frage nach den jeweils hinter den verschiedenen nationalen Bewegungen stehenden politischen und gesellschaftlichen Kräften und Tendenzen. In diesem Sinne arbeitete er aus dem Geflecht sehr unterschiedlicher Bedingungen und Entwicklungsabläufe, unter sorgfältiger Berücksichtigung des Zeitfaktors, drei Typen heraus: den vor allem für Westeuropa charakteristischen, zeitlich ersten Typus einer Nations- und Nationalstaatsbildung im Zuge eines inneren Revolutionierungs- und Emanzipationsprozesses auf der Basis bereits vorhandener Staaten. Daneben den besonders in Mitteleuropa und Halien zu beobachtenden Typus der Nationalstaatsbildung durch Zusammenschluß bisher getrennter

16) Wissenschaftliche Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Bd. 20, Köln/Opladen 1961. 17) Arbeilsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften, H. 119, Köln/Opladen 1964, 'S) In' HZ 202,1966, 58ff. 39) Es gehe darum, hieß es programmatisch in dem "Typologie"-Aufsatz, dem der Text eines öffentlichen Vortrags auf dem 12. Internationalen Historikerkongreß 1965 in Wien zugrunde lag, "das zu überwinden, was lange fast alle Forschungen über nationalstaatliche Probleme beengte: die Parteinahme für die nationale Sache. der der Historiker durch seine Herkunft und sein Schicksal sich verpnichtet fühlte": ebd, 58,

56 Teile, deren in dieser Hinsicht führenden Gruppen die Nation "als eine vor dem Staat gegebene, entweder historisch oder kulturell oder als sozialer Verband begründete Größe H40 ) erschien. Und schließlich den vor allem in Osteuropa zu beobachtenden Typus der Nationalstaatsbildung durch Sezession von größeren, in erster Linie dynastisch verklammerten Staatsgebilden wie dem russischen und dem osmanischen Reich, der Habsburger und auch der preußischen Monarchie. Rund zweihundert Jahre europäischer Geschichte umgreifend, steckte darin zugleich ein umfangreiches Forschungsprogramm. Dieses Programm hat Schieder in ständigem Bemühen, durch eigene Arbeiten und durch von ihm angeregte Untersuchungen von Mitarbeitern und Schülern, vorangetrieben. Das war schon für sich eindrucksvoll genug, konnte ein wissenschaftliches Leben ausfüllen. Anders als Hintze bei seinen in gleicher Weise Neuland erschließenden Untersuchungen ist Schieder dabei jedoch nicht stehengeblieben. sondern hat all dies im weiteren in große, zusammenfassende Darstellungen eingefügt, Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung in breiter Wirkung miteinander verknüpfend. Sicher waren die Zeitumstände in den Jahrzehnten nach 1950 kontinuierlicher wissenschaftlicher Arbeit sehr viel günstiger als in den Jahren Hintzes. Dazu aber kam in Schieders Fall nicht nur eine staunenswerte Arbeitsenergie, sondern zugleich ein starkes Gefühl für die Verpflichtung der Wissenschaft insgesamt wie auch des einzelnen Gelehrten der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit gegenüber. Die wachsende Isolierung und Selbstgenügsamkeit des Wissenschaftsbetriebes hat Schieder, so sehr er bloß modischen "Öffnungen" skeptisch gegenüberstand, stets als eine Gefahr empfunden und aus manchem sich bietenden Anlaß im Alter des Mteren davor gewarnt, die Hingabe an diesen Betrieb und eine sich daraus nicht ganz selten ergebende hektische Umtriebigkeit mit Wissenschaft und wissenschaftlicher Leistung gleichzusetzen. Solche zeige sich, zumindest in der Geschichtswissenschaft, in erster Linie in dem großen wissenschaftlichen Werk. Daran hat Schieder sich selber, zumal im Alter, in beispiel setzender Weise gehalten. Schon bewährter Autor großer, zusammenfassender, in Form und Gestaltung zugleich auf Vermittlung und in die Breite zielender Handbuchdarstellungen der deutschen Ge40) Ebd. 63.

57 schichte des 19. Jahrhunderts']), übernahm er in den sechziger Jahren mit der Gesamtherausgeberschaft eines neuen "Handbuchs der europäischen Geschichte", das seit 1968 zu erscheinen begann, zugleich die spezielle Betreuung der den letzten hundert Jahren gewidmeten Teile. Das schloß die Aufgabe ein, in großen einleitenden Abschnitten ein Gesamtbild der Epoche, der zentralen Probleme, der übergreifenden, Europa als ganzes erfassenden Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft, Staat und Staatensystem, Kultur und Wissenschaft zu entwerfen. Daraus ist. als Kopfstück jenes schließlich auf drei starke Bände anwachsenden Teils des Gesamtwerks, ein eigenes Buch von rund 550 eng bedruckten Seiten entstanden. 42 ) Es enthält, überall auf der Höhe der modernen Forschung, eine auf die zentralen Problemkreise konzentrierte Darstellung der Entwicklung des modernen Europa, die in ihrer differenzierenden Geschlossenheit, in der Weite der Perspektiven, in dem Bemühen, stets auf allgemeinere, übergreifende Einsichten und Zusammenhänge abzuheben, in der neueren Geschichtsschreibung in Deutschland über diese Zeit kaum ein Pendant hat. Hier fand all das Eingang, was der Ertrag vielfältiger eigener Forschungen in den vergangenen Jahrzehnten gewesen war. Es zeigte sich dabei einmal mehr, wie sehr diese Forschungen stets auf den historischen Gesamtprozeß bezogen gewesen waren, wie wenig über aller Konzentration auf einzelne Vorgänge und einzelne Entwicklungen und über aller in der modernen Wissenschaft unerläßlichen isolierenden Betrachtungsweise der Blick an Schärfe für den Gesamtrahmen, für die gesamteuropäischen und die universalen Bezüge eingebüßt hatte. Seine Arbeiten über Nation und Nationalstaat, über Bismarck und das Bismarck-Reich mit allen seinen inne-

Das Reich unter der Führung Bismarcks, 1871-1890, in: P. Rassow (Hrsg.), Deutsche Geschichte im Überblick. Stuttgart 1953.3. Aufl. Hrsg. v. Th. Schieffer. Stuttgart 1973, 528 ff.; Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich (1815-1871), in: B. Gebhardt (Hrsg.), Handbuch der deutschen Geschic':1te, Bd. 3. 8. Autl. Stuttgart 1960.9. Autl. Stuttgart 1970, 97ff.; Political and Social Developments in Europe, in: The New Cambridge Modern History. Bd. 11. Cambridge 1962, 243 ff. 42) Europa im Zeitalter der Nationalstaaten und europäische Weltpolitik bis zum I. Welikrieg (1870-1918), in: Th. Schieder (Hrsg.), Handbuch der Europäischen Geschichte. Bd.6. Stuttgart 1968, 1-196; Europa im Zeitalter der Weltmächte, in: ebd., Bd. 7/1 u. 11. Stuttgart 1979, 1-351. 41)

58 ren und äußeren Problemen 4 ]), über die italienische Geschichte 44 ) fügten sich hier ebenso ein wie seine Studien über RapalJo 45 ), über Rathenau 4b ), über Rauschnings "Gespräche mit Hitler"47), über die Probleme des Staaten pluralismus in der modernen Welt 48 ) oder über die Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, die zu dokumentieren ihn als Hauptherausgeber der entsprechenden Edition auch von den methodischen Problemen her in den fünfziger Jahren lange beschäftigt hatte 49 ). 4.1) Bismarck und Europa. Ein Beitrag zum Bismarck-Problem, in: Deutsch-

land und Europa. Festschrift für H. Rothfels. Hrsg. v. W. Conze. Düsseldorf 1951, 15 ff., wiederabgedruckt in: Begegnungen mit der Geschichte (wie Anm.4), 236ff.; Nietzsche und Bismarck, in: HZ 196, 1963, 320ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm. 3), 67ff.; Bismarck gestern und heute, in: PolZG B 13/1965, wiederabgedruckt in: L. Gall (Hrsg.), Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin 1971, 342ff., auch in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm. 3), 283 ff. 44) Das Italien bild der deutschen Einheitsbewegung. Studien zur deutsch-italienischen Geistesgeschichte, in: Studi italiani. Bd. 3. Köln/Graz 1959, wiederabgedruckt in: Begegnungen mit der Geschichte (wie Anm. 4), 210ff.; Italien vom ersten zum zweiten Weltkrieg, in: M. Seidlmayer, Geschichte Italiens. Vom Zusammenbruch des Römischen Reiches bis zum ersten Weltkrieg. 2. Aufl. Stuttgart 1962; Italien und die Probleme des europäischen Nationalstaats im 19.1ahrhundert, in: Geschichte und Gegenwartsbewußtsein. Festschrift für H. Rothfels. Hrsg. v. W. Besson u. F. Frhr. Hiller v. Gaertringen. Göttingen 1963, 339 ff. ") Die Probleme des Rapallo- Vertrags. Eine Studie über die deutsch-russischen Beziehungen 1922-1926. Köln/Opladen 1976; Die Entstehungsgeschichte des Rapallo-Vertrages, in: HZ 204, 1967, 545 ff., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm.3), 349 ff.; Der deutsch-russische Rapallo-Vertrag von 1922, in: O. Franz (Hrsg.), Was weiter wirkt. Stuttgart 1971, 99ff. '0) Walther Rathenau und die Probleme der deutschen Außenpolitik, in: Gedenkfeier des Auswärtigen Amtes zum 100. Geburtstag des Reichsaußenministers Walther Rathenau am 28. September 1967, Bonn 0.1., wiederabgedruckt in: Einsichten in die Geschichte (wie Anm. 3), 41 I ff.; s. auch: Die Außenpolitik der Weimarer Republik, in: K. Rüdinger (Hrsg.), Ereignisse und Linien Europäischer Geschichte. München 1962, 49ff. 47) Hermann Rauschnings "Gespräche mit Hitler" als Geschichtsquelle. (Rheinisch- Westfälische Akademie der Wissenschaften, Geisteswissenschaften, G 178.) Opladen 1972. 48) S. Anm. 33. 49) Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene. Groß-Denkte/Wolfenbüttel 1954-1961.

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Es war, in der äußeren Form eines Handbuchbeitrages, eine stolze Summe, ein opus magnum im wahren Sinne des Wortes, Bilanz der Forschung, Geschichtsschreibung und vielfältiger Vorstoß zu ganz neuen Einsichten und Perspektiven in einem. Was hier zur Typologie der modernen Verfassungsentwicklung und des Parteiwesens, zu Tradition und Schicksal internationalistischer Bestrebungen, zu den Grundtendenzen der modernen Kultur und Wissenschaft, zu Kontinuität und Zusammenhang der außenpolitischen Entwicklung der letzten hundert Jahre oder auch zur Krise des liberalen Staates und zu dem dargelegt wurde, was der Ausgang des Zweiten Weltkrieges für Europa und die Welt bedeutete, findet man in dieser konzentrierten und konzisen Form an kaum einer anderen Stelle. Für die breite Wirkung war es freilich nicht der richtige Ort. So nahm Schieder das Angebot des Propyläen Verlages gerne an, im Rahmen einer auf sechs Bände konzipierten Geschichte des neueren Europa den Band über die Zeit zwischen der Revolution von 1848/49 und dem Ende des Ersten Weltkriegs zu schreiben 50 ): Das Fundament war in jeder Hinsicht gelegt, und es mußte, ungeachtet vielfältiger anderer Verpflichtungen, als eine höchst reizvolle Herausforderung erscheinen, dem Ganzen eine Form zu geben, die auch in die Breite wirkte, die jene widerlegte, die von einer kaum noch überbrückbaren Kluft zwischen Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung, zwischen den Kategorien, Fragestellungen und Erkenntnisprozessen der modernen Wissenschaft und den Bedürfnissen und Erwartungen des Publikums, zwischen analytischem und narrativem Verfahren sprachen. Diese Widerlegung ist ihm in der Tat in höchst eindrucksvoller Weise gelungen. Das typisierende Verfahren bewährte sich zugleich als ein außerordentlich eindringliches Darstellungsprinzip, und zwar nicht nur hinsichtlich der sogenannten Strukturtypen, sondern auch und gerade der Verlaufstypen. Die Entwicklung der Institutionen und Verfassungen, der Parteien und Verbände, der sozialen Verhältnisse und der Konfliktlagen in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts wurde ebenso entschieden diesem Verfahren unterworfen wie der Verlauf der Revolution von 1848/49, die Geschichte der Kultur und Zivilisation und vor allem und mit besonderem Nachdruck die EntwickStaaten system als Vormacht der Welt 1848-1918. (Propyläen Geschichte Europas, Bd. 5.) Berlin 1977.

SO)

60 lung der Staatenbeziehungen und des internationalen Systems. Neben den Strukturen markierte Schied er dabei immer wieder die Rolle der Persönlichkeiten im geschichtlichen Prozeß, die neben allem anderen in besonders anschaulicher Form das Element des nicht Vorausberechenbaren, des "Zufälligen", des nur individuell, im konkreten historischen Raum Erklärbaren in jenem Prozeß repräsentierten. Gerade aus dem Spannungsverhältnis zwischen beiden Faktoren, dem Schieder mehrfach auch in grundsätzlichen Betrachtungen nachgegangen ist"), leitete sich für ihn die Dramatik, das Überraschende, die Farbigkeit und nicht selten die Tragik der geschichtlichen Entwicklung ab. Das überwand in Verbindung mit einem ebenso plastischen wie klaren, an den klassischen Vorbildern geschulten Stil zugleich die Sprödigkeit, die dem strukturanalytischen und typisierenden Zugriff und Verfahren leicht eigen ist, und ließ den Leser, ohne ihn zu überfordern und zu ermüden, an den Einsichten und streckenweise sogar an den Erkenntnisprozessen der modernen Geschichtswissenschaft teilnehmen - fraglos auch eine Vermittlungsleistung von hohem Rang. Kein Wunder, daß der Verlag einen solchen Autor sofort mit einer neuen Aufgabe zu fesseln suchte! Mit Blick auf die sich abzeichnende Wiederbelebung des Interesses an Preußen, auch an den großen historischen Persönlichkeiten verfiel er auf die Gestalt Friedrichs des Großen. Schieder ist darauf eingegangen freilich aus sehr anderen Erwägungen als der Verlag. Er selber hatte ein Jahrzehnt zuvor die historische Biographie als Darstellungsform für eher problematisch erklärt, da sie stets die Gefahr in sich schließe, die Betrachtungsweise über Gebühr einzuschränken und zu verengen. Aber wenn man sich dieser Gefahr bewußt war, dann enthielt eine solche Form doch auch besondere Möglichkeiten, nicht zuletzt, was die Breitenwirkung anging. Vor allem aber bot sich hier die Chance, jene Perspektive beispielhaft einmal von der anderen Seite vorzuführen, aus der heraus er das Verhältnis Strukturen und Persönlichkeit in der Geschichte bisher so eindrucksvoll behandelt hatte. Zurückkehrend zu einem ihm aus der Königsberger Zeit eng vertrauten Themen- und Forschungsfeld, souverän über den Stoff 51) Die Idee der Persönlichkeit und ihr geschichtliches Schicksal in den letzten anderthalb Jahrhunderten, in: GWU 2, 1952, 193 fr.; Strukturen und Per-

sönlichkeiten in der Geschichte, in: HZ 195, 1962,265 fr., wiederabgedruckt in: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung. München/Wien 1965, 149ff.

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wie über die neu esten Forschungsergebnisse disponierend, hat er zu diesem Zweck die Gestalt des großen Preußenkönigs in einer Serie von Einzelessays, ohne den Versuch einer biographischen und narrativen "Vermittlung" zwischen den einzelnen Abschnitten - die in diesem Rahmen nur vordergründig hätte ausfallen können -, vor die unterschiedlichen Sach- und Problemzusammenhänge gerückt. Friedrich erscheint auf diese Weise aus wechselnden Blickwinkeln, in sehr verschiedenartiger Beleuchtung und Gestalt und in sehr verschiedenen Dimensionen als ein Mann, der auf keinen Nenner zu bringen ist - nicht nur, weil die Person so widersprüchlich war, sondern vor allem, weil das Amt, die Funktion, die Rolle letztlich unausgleichbare Widersprüche in sich enthielt. Diese spiegeln ihrerseits die Zeit, sind Ausdruck übergreifender, vielfach dialektischer Zusammenhänge. Der Mensch, auch der sehr große, die weIthistorische Persönlichkeit, wird, so lautet im Kern das Fazit, aufgespalten, nicht selten zerrissen zwischen den überindividuellen, einander vielfach widerstrebenden Kräften, Tendenzen und bestimmenden Faktoren des historischen Prozesses. Sein Handeln ist meist ihr Spiegel, nur selten ist er ihr Gestalter - und wenn, dann meist, wie im Fall des Feldherrn und Machtpolitikers Friedrich, zu einem hohen Preis in allgemeiner wie in individueller Hinsicht. Der nationalen Erbauung, dem Glauben an den großen Mann diente hier wenig. Viel eher schwebte über dem Ganzen, so eindrucksvoll in Konzentration auf Preußen und Mitteleuropa erneut das Bild eines ganzen Zeitalters entfaltet wurde, ein dunkler Pessimismus, eine tiefe Skepsis, die Schieder auch als Historiker nie verlassen hat. Wie den Gelehrten, so hat eine solche Grundstimmung jedoch auch den akademischen Lehrer und den Vertreter seiner Disziplin in Fach und Öffentlichkeit nie oder nur in kurzen Momenten gelähmt. Im Gegenteil. Zu handeln, zu wirken, die Dinge voranzutreiben war ein geradezu unentbehrliches Mittel, dem Gefühl des Ausgesetztseins des Menschen in der geschichtlichen Welt und der Vergeblichkeit und tiefen Widersprüchlichkeit des historischen Prozesses wenn nicht Herr zu werden, so doch ihm entgegenzuarbeiten. Schon früh sammelte sich in Köln ein wachsender Kreis um ihn, um den akademischen Lehrer, der in Lehre und Forschung mehr zu vermitteln versprach als eine ebenso sorgfältige wie moderne Schulung in sachlicher und vor allem auch methodischer Hinsicht, der vielmehr nach sich rasch verbreitender Meinung von der Geschichte

62 her an die großen und zentralen Fragen der leit heranführte und gleichzeitig und in großer Offenheit gegenüber unterschiedlichen Positionen in der Geschichte nach Antworten auf sie suchte. Nachhaltige I mpulse sind von hier, über entsprechende Dissertationsvorhaben, auf die verschiedensten Gebiete der neueren Geschichte aus· gegangen, vor allem auf das große neue Feld einer stärker von der Gesellschaft und den sozialen Problemen ausgehenden Betrachtungsweise, aber auch auf die eben neu entstehende leitgeschichtsforschung wie auf die Geistes- und Ideengeschichte, auf die Ge· schichte der internationalen Beziehungen ebenso wie auf den methodischen und wissenschaftstheoretischen Bereich 52 ) - alles Gebiete, auf denen er selber, parallel zu seinen Schülern, wichtige Veröffentlichungen vorlegte. Vergleichsweise früh wurde er so zu einem der wichtigsten Repräsentanten des Fachs, zu einem Repräsentanten und Wortführer, der es sich von Anfang an zur Aufgabe gestellt hatte, ein solches Mandat nicht zugunsten einer Richtung auszuüben, sondern die verschiedenen Strömungen und Positionen zusammenzufassen, zu "integrieren". In diesem Sinne übernahm er 1957 von Ludwig Dehio die Herausgeberschaft des Aufsatzteils dieser leitschrift SJ), die er bis zu seinem Tode mit nie erlahmender Energie, mit stets wachem Sinn für das Neue und Interessante. mit großer Liberalität, aber gleichzeitig unbestechlichen Qualitätsansprüchen ausübte. Und in diesem Sinne führte er zwanzig Jahre, von 1964 an, das Amt des Präsidenten der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er seit 1953 war. Dazu kam - je älter er wurde, in immer dichterer Fülle - eine gro[3e lahl nicht minder wichtiger Aufgaben: Von 1967 bis 1972 war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands, 1978179 Präsident der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, deren Vorläuferinstitution er seit 1954 angehörte, seit 1978 Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Historisches Kolleg, deren Gründung ganz Vgl. dazu die Liste der bei ihm angefertigten Dissertationen, in: Politische Ideologien und nationalsta
63 wesentlich auf ihn zurückging. Dekan der Philosophischen Fakultät von 1952-54 und Rektor der Universität zu Köln während zweier für die innere Verfassung der Hochschule besonders wichtiger Amtsperioden, von 1962-64, war er in allen diesen Ämtern und Funktionen ein Mann, der, mit den jeweiligen praktischen Problemen und Verfahren aufs beste vertraut, die Verhandlungen und Diskussionen doch immer wieder über das Routinemäßige, das Pragmatische, das nur Geschäftsmäßige hinauszulenken verstand, der nie vergaß, daß die Organisationen der Wissenschaft nicht Selbstzweck, sondern stets nur Mittel zum Zweck sind. Gerade deswegen aber war seine Tätigkeit in allen diesen Institutionen und Gremien so erfolgreich, wurde sie für viele von ihnen unentbehrlich. Statt auf sich selbst, verwies er sie über sich selbst hinaus, trieb er sie zu immer neuen Anstrengungen und Initiativen. Mit Betriebsamkeit, mit einer Art selbstläufiger Dynamik, wie sie heute nicht selten zu beobachten sind, hatte das nichts zu tun. Für Hektik und bloße Projekteschmiederei hatte er ein sehr scharfes Auge und, bei aller Verbindlichkeit, gelegentlich auch ein recht deutliches Wort. Aber das Wesen der modernen Wissenschaft war für ihn die Bewegung, der "Fortschritt ins Unendliche", wie Max Weber gesagt hatte, das Stellen immer neuer Fragen, und das duldete kein Verharren, keinen Stillstand, kein selbstzufriedenes Sichausruhen. Darin bestand in seinen Augen das spezifische Ethos der Wissenschaft. Aus ihm ergaben sich seiner Auffassung nach für ihre Adepten zugleich bestimmte Grundforderungen, die Verpflichtung, sich nie zufrieden zu geben, sich dem Neuen offenzuhalten, in der schöpferischen Unruhe ein Lebenselement zu sehen. Wo Institutionen der Wissenschaft sich keine größeren Ziele mehr setzten, wo sie sich in der Selbstdarstellung und in festlichen Vortragsveranstaltungen zu erschöpfen begannen, da hat er, der scheinbar so konservative Mann, der durchaus Sinn für Form und Repräsentanz besaß, im privaten Kreise sehr entschieden geurteilt, von Sichselbstüberleben und Sinnverlust gesprochen. Das hing zugleich mit seiner zutiefst skeptischen Grundhaltung zusammen, mit dem durch die Erfahrung des Historikers verstärkten Bewußtsein, daß alle Hervorbringungen und Einrichtungen der Menschen ständig von Dekadenz und Verfall bedroht seien. Es war aber auch die Quelle einer erstaunlichen, bis zuletzt anhaltenden Lebendigkeit, der Bereitschaft, sich immer wieder auf Veränderungen, auf neue Entwicklungen, auf überraschende Wendungen einzulassen, ja, ih-

64 nen den Weg zu öffnen. Diese Zeitschrift hat davon in starkem Maße profitiert. I hre Bände spiegeln in vielfältiger Weise die Initiativen ihres Herausgebers wider, der sich eben nicht mit dem begnügte, was kam, sondern seinerseits anregte, ermunterte, nachfragte. Diese anstoßende, belebende Wirkung auch noch des weit über Siebzigjährigen haben die Vertreter der vielen Gremien und Institutionen, denen Schieder angehörte, bei den verschiedensten Gelegenheiten immer mit an erster Stelle hervorgehoben. 54 ) In vorderster Reihe ist hier neben den bereits erwähnten der Orden Pour le merite für Wissenschaften und Künste zu nennen, zu dessen Mitglied Schieder 1971 gewählt wurde und dem er sich in besonderem Maße verbunden fühlte. Ähnliches gilt jedoch auch für die Bayerische, die Mainzer und die Dänische Akademie der Wissenschaften und die wissenschaftlichen Beiräte einer großen Zahl weiterer wissenschaftlicher Institutionen. Stets empfand er die Zuwahl, die Mitgliedschaft nicht nur als Anerkennung und Ehrung, sondern vor allem auch als Verpflichtung. Und es ist bezeichnend, daß er sich, wo dies überhaupt in Frage stand und möglich war, zurückzog, wenn er glaubte, dieser Verpflichtung nicht mehr in vollem Umfang nachkommen zu können. Der Umkehrschluß ist durchaus erlaubt: Vielen Verpflichtungen fühlte er sich, trotz mancher Krankheiten von bemerkenswerter Energie und Lebenskraft, bis zum Schluß vollständig gewachsen und war dies auch in jeder Hinsicht. Sich zurückzuziehen, zu resignieren, gar in der doppelten Bedeutung des Wortes, das war zwar gelegentlich eine Idee, ein Gedanke, wohl auch bisweilen eine Versuchung, aber kaum mehr. Der Tod traf ihn am 8. Oktober 1984 im zur neuen Heimat gewordenen Köln denn auch aus dem vollen Leben, als eine nach wie vor zentrale Figur der deutschen Geschichtswissenschaft, ja, der deutschen Wissenschaft insgesamt. Das eben war das eigentlich Eindrucksvolle nicht allein der Organisator, der Sprecher, der Repräsentant der Wissenschaft war bis zum letzten Augenblick in höchstem Maße aktiv und lebendig, sondern vor allem auch der Gelehrte, der Forscher, der Partner der wissenschaftlichen Diskussion. Nichts charakterisiert das vielleicht 54) Vgl. etwa die Ansprachen bei der "Akademischen Festveranstaltung in

der Universität zu Köln am 16. April 1983" zur Feier seines 75. Geburtstags. Köln 1983.

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besser, als daß er noch im Sommer seines Todesjahrs, sechsundsiebzigjährig, an einem Völkerrechtsseminar teilnahm: Er bereitete ein Buch vor über die Idee des Weltstaates und wollte seine Kenntnisse zu einem zentralen Aspekt dieses Themas in direktem Gespräch und auch in persönlichem Kontakt mit inzwischen über fünfzig Jahre jüngeren Studenten auf den letzten Stand bringen. "Geschichte von heute kann immer nur Weltgeschichte sein wollen oder der Versuch, den Weg der Menschheit zu sich selber darzustellen", hatte er zwölf Jahre früher einmal programmatisch geschrieben. Dazu gehöre auch der "unerschütterbare Glaube an das friedliche Zusammenwachsen einer Menschheit mit gleichrangigen Partnern".55) Ihm sollte auch das neue Werk dienen, nüchtern, ohne sich etwas vorzumachen, ausgerüstet mit der dem Historiker eigenen "heilsamen Macht der Skepsis" "gegenüber utopischen Hoffnungen auf eine vollkommene Welt", aber auch als "ein Heilmittel gegen mutlose Resignation .. angesichts der Beispiele menschlicher Bemühungen und menschlichen Strebens, die die Menschheitsgeschichte bietet"5Ö) - die Wissenschaft, der geistige progressus ad infinitum als das Leben, als das eigentliche Leben über das eigene hinaus.

") Historiker in dieser Zeit (wie Anm.23), 508. 56) Ebd. 510.