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EDITORIAL 1 WAS NUTZT DIE WISSENSCHAFT DEM JUGENDSCHUTZ? Bei der Beurteilung von Medienwirkungen kommen wir an normativen Grenzen nicht vorbei In d...

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EDITORIAL

1

WAS NUTZT DIE WISSENSCHAFT DEM JUGENDSCHUTZ? Bei der Beurteilung von Medienwirkungen kommen wir an normativen Grenzen nicht vorbei

In der Physik ist manches einfacher als in den Sozialwis-

Prof. Dr. Dieter Lenzen, Professor für Erziehungswis-

senschaften: Hat man einen Wirkungszusammenhang erst

senschaft und Präsident der FU in Berlin, forderte dage-

einmal erkannt und dafür eine Formel gefunden, dann ist

gen dazu auf, kein Geld mehr für Wirkungsuntersuchungen

diese gültig, egal, wie oft man den Versuch wiederholt.

zu verschwenden. Wirkungsprozesse verliefen nicht linear,

Aber schon dann, wenn man beispielsweise komplexe Zu-

es gebe keine einfachen Kausalitäten, die relevanten Varia-

sammenhänge wie das Wetter vorhersagen will, stößt man

blen seien so zahlreich, dass eine Wirkungsprognose nicht

an Grenzen: Kleine, nicht berechenbare Vorgänge können

möglich sei.

die Großwetterlage so beeinflussen, dass auch der beste Wetterbericht nicht mehr stimmt.

Viele Teilnehmer empfanden Lenzens Vortrag und seine Beiträge in der anschließenden Podiumsdiskussion als

Menschliche Gesellschaften sind besonders komplexe

ernüchternd oder gar frustrierend. Wer aber genau hin-

Systeme. Mit Hilfe der Sozialwissenschaften versuchen wir,

hörte, konnte erkennen, dass Lenzen keineswegs der Mei-

ihre inneren Zusammenhänge zu erkennen und durch dar-

nung ist, der Jugendschutz solle seine Arbeit einstellen. Er

aus abgeleitete Theorien Prognosen für spätere Entwick-

hält lediglich den Versuch für verfehlt, Beeinträchtigungen

lungen herzustellen. In manchen Bereichen gelingt das

oder Gefährdungen wissenschaftlich absichern zu wollen.

bereits erstaunlich gut. So ist beispielsweise faszinierend,

Stattdessen fordert er die Selbstkontrolle geradezu auf,

wie genau Hochrechnungen bei Wahlen aufgrund gerin-

nach plausiblen Überlegungen Normen zu setzen und die-

ger Auszählungen von Stimmen das Endergebnis vorher-

se immer wieder zu überprüfen.

sagen können. Aber schon bei Steuerschätzungen oder

Prof. Dr. Dieter Dörr, Professor für öffentliches Recht an

Prognosen über konjunkturelle Entwicklungen geraten die

der Universität Mainz, verwies darauf, dass die Rechtspre-

Experten schnell an ihre Grenzen.

chung des Bundesverfassungsgerichts auch keineswegs

Seit den 70er Jahren bemüht sich der Jugendschutz,

vom Jugendschutz verlange, Beweise für bestimmte Wir-

die Beeinträchtigung oder Gefährdung von Kindern und

kungsannahmen vorzulegen, plausible Begründungen

Jugendlichen durch mediale Darstellungen insbesondere

würden ausreichen. Solange nicht eindeutig bewiesen sei,

von Gewalt und Sex mit Hilfe der Medienwirkungsfor-

dass negative Wirkungen auszuschließen sind, müsse der

schung zu erklären und zu belegen. Zahlreiche Theorien

Jugendschutz von Beeinträchtigungen ausgehen und die-

aus der Kommunikationswissenschaft oder der Psycholo-

se auch in begreiflichen Kriterien umsetzen.

gie wurden als Beweis dafür herangezogen, dass es Zu-

Es wäre schön, wenn die Prüferinnen und Prüfer der

sammenhänge zwischen fiktionaler Darstellung von Ge-

FSF in ihrer Spruchpraxis wissenschaftliche Formeln an-

walt und realer Gewalt geben kann. In Analysen von ins-

wenden könnten. Dann wäre ihre Arbeit gegenüber den

gesamt über 5.000 Studien und Untersuchungen finden

Sendern, aber auch gegenüber der Öffentlichkeit leichter

wir zwar keine Beweise, aber viele Hinweise auf einen sol-

zu rechtfertigen und zu begründen. Aber die Tagung hat

chen Zusammenhang.

deutlich gemacht: Die Wissenschaft bietet zwar Denkmo-

Auf einer Fachtagung anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens hat die FSF die Frage gestellt, was die Wissen-

delle an, doch letztlich müssen die Prüfer die Normen selbst setzen.

schaft tatsächlich dem Jugendschutz nutzt. Prof. Dr. Jo Groebel, Professor für Psychologie und derzeit Direktor

Ihr Joachim von Gottberg

des Europäischen Medieninstituts Düsseldorf/Paris, vertrat zwar nicht die Auffassung, dass es mechanische Wirkungsprozesse gibt, denn dann müsste jeder, der einen bestimmten Film sieht, in etwa gleich darauf reagieren. Doch gibt es seiner Meinung nach ein Wirkungsrisiko, das er vor allem bei solchen Jugendlichen sieht, die Gewalt in ihrem realen Umfeld als Mittel der Konfliktlösung erleben und dasselbe System in Filmen wiederfinden.

E D I T O R I A L 3 | 2004 | 7. Jg.