Ein RomAn von MArkus Brunner - Rumschreiber

Ein RomAn von MArkus Brunner - Rumschreiber

Ein RomAn von MArkus Brunner „Große Männer streben nicht nach Macht. Die Macht wird ihnen aufgezwungen.“ Imperator Kahless TEiL 2 ARCHER 2233 2 ...

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Ein RomAn von MArkus Brunner

„Große Männer streben nicht nach Macht. Die Macht wird ihnen aufgezwungen.“

Imperator Kahless

TEiL 2

ARCHER 2233

2

D

oktor Phlox glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er das Space Port verließ. Denn während der große Raumschiffbahnhof im Vergleich zu seinem letzten Besuch auf der Erde nahezu unverändert ausgesehen hatte,

schien die Stadt hinter den Start- und Landefeldern eine extreme Wandlung vollzogen zu haben. Phlox hatte San Francisco immer für eine höchst faszinierende Stadt gehalten. Sie zählte zu den wichtigsten Städten auf der Erde und Phlox hatte sich immer gewundert, dass die Gebäude nicht viel größer waren und die Straßen nicht völlig überlaufen. Verglichen mit seiner Heimatwelt Denobula, auf der sich zwölf Milliarden Einwohner einen einzigen Kontinent teilen mussten, war ihm San Francisco immer sehr beschaulich, ja nahezu provinziell erschienen. Eine Ansicht, die er nun unbedingt revidieren musste. Während das Taxi vom Space Port aus nach Sausalito fuhr, konnte Phlox sehr wohl noch einige der bekannteren Wahrzeichen der Stadt ausmachen. Wie die Transamerica

Pyramid

oder

das

Bay

Stadium.

Doch

die

einstmals

beeindruckenden Bauwerke standen heute im Schatten weit erstaunlicherer Wolkenkratzer und verblassten neben gigantischen, neuen Kuppelbauten, um die die altmodischen Straßenbahnen weite Bogen auf hochgelagerten Gleisen fuhren. Und auch in den Menschenmengen auf der Straße spiegelte sich wider, dass heute weit mehr Menschen – und Angehörige anderer Spezies – in dieser Stadt lebten als einstmals …

Vor 30 Jahren? Kann es wirklich schon so lange her sein? Phlox hatte bis jetzt noch nicht darüber nachgedacht, wann er zuletzt San Francisco und somit die Erde besucht hatte. Seitdem er vor fast einem Jahrhundert erstmals den Heimatplaneten der Menschheit besucht hatte, um deren Anatomie und medizinischen Fähigkeiten kennenzulernen, war er nie so lange von hier fort gewesen. Natürlich waren 30 Jahre für ihn nur ein kurzer, nahezu nicht nennenswerter

Zeitraum.

Als

Denobulaner

hatte

er

eine

sehr

hohe

Lebenserwartung und selbst Jahrzehnte vergingen für ihn wie im Fluge. Doch wie stark sich San Francisco in diesen wenigen Jahren verändert hatte, erinnerte Phlox daran, dass Menschen viel kürzer lebten und nahezu durch ihr ganzes Leben eilten und diese kurz bemessene Zeit verwendeten, um an allen Ecken und Enden Veränderungen vorzunehmen. Besessen von der tiefsitzenden Angst, später nicht mehr genug Zeit zu haben. Eine Angst, von der sich einer von Phlox‘ besten Freunden befreit hatte. Am Vorplatz des Sternenflottenhauptquartiers angekommen stieg der Denobulaner aus dem Taxi und erkannte mit großer Zufriedenheit, dass sich auf der anderen Seite der Bucht wenig verändert hatte. Abgesehen von kleinen kosmetischen 3

Änderungen sah das Sternenflottenhauptquartier noch immer genauso aus wie vor 30 Jahren. Abgesehen vom veränderten Emblem über dem Haupteingang sah das Hauptgebäude sogar noch genauso aus wie vor über 80 Jahren, als sich im Inneren noch nicht das Hauptquartier der Föderationssternenflotte, sondern jenes der irdischen Raumfahrtorganisation UESPA befunden hatte. Phlox hätte gerne herausgefunden, ob es auch im Inneren noch genauso aussah wie einst, aber sein Weg führte zu einem der angeschlossenen Gebäude. Phlox versuchte sich zu erinnern, was früher in dem mehrstöckigen, kastenförmigen Annex gewesen war. Er glaubte sich vage zu erinnern, dass dort vor der Gründung der

Föderationssternenflotte

die

Administration

der

UESPA-Flugschule

beheimatet gewesen war. Inzwischen existierte diese Abteilung natürlich nicht mehr und die Nachfolgeorganisation namens Sternenflottenakademie war schon vor Jahren auf das Presidio-Gelände von San Francisco umgezogen. Denn es musste neuer Platz für eine der wichtigsten Einrichtungen der Föderation geschaffen werden: das Missionsplanungszentrum. Jede Mission eines Sternenflottenschiffes wurde in diesem Gebäude konzipiert, adaptiert oder überwacht. Dieses Gebäude war ohne Untertreibung das Nervenzentrum der Sternenflotte sowie Dreh- und Angelpunkt aller Kontakte mit neuen und vertrauten Spezies dies- und jenseits der Grenzen der Föderation. Was auch immer dort draußen im Weltall geschah, die Leute im Planungszentrum erfuhren es zuerst. Sogar noch früher als der Föderationsrat oder der Föderationspräsident. Nach dem Durschreiten der verspiegelten Glastüren stand Phlox in einem weitläufigen Foyer, von dem aus vier breite Korridore, ein halbes Dutzend Türen, eine breite Treppe und zwei separate Liftschächte wegführten. „Und nie ist ein Plan zur Hand, wenn man einen braucht“, murmelte Phlox zu sich selbst. „Das ist ja genauso wie zuhause.“ Zu seinem Glück befand sich in der Mitte des Foyers ein Hufeisenförmiger Tresen, hinter dem mehrere rangniedrige Offiziere – den braunen Uniformen nach von der Sicherheitsabteilung – saßen und Auskünfte erteilten. Die Warteschlange vor dem Tresen war sehr kurz, offenbar wussten die meisten hier, wo sie hin sollten. Als Phlox schließlich an der Reihe war, begrüßte er den weiblichen Ensign am Tresen mit einem typischen denobulanischen Lächeln und einer angedeuteten Verneigung. „Hallo, ich bin Doktor Phlox und ich habe einen Termin …“

4

„… bei Admiral Archer“, vervollständigte der Ensign den Satz. „Ihr Kommen wurde uns bereits angekündigt. Wenn Sie mir folgen möchten geleite ich Sie direkt zum Büro des Admirals.“ „Oh! Wie nett von Ihnen.“ Ihr Blick wanderte zu seiner großen Reisetasche, die an einem Riemen von seiner Schulter hing. „Sie können Ihre Tasche ruhig hier beim Empfang lassen“, schlug sie vor, doch Phlox winkte ab. „Danke, aber das ist nicht nötig. Außerdem habe ich hier drinnen etwas, das ich dem Admiral geben möchte. Eine Überraschung.“ „Ich

verstehe,

Doktor.

Nun,

wir

von

der

Sicherheitsabteilung

mögen

Überraschungen nicht so sehr. Aber wenn Sie gestatten, dass ich die Tasche kurz scanne …“ „Aber natürlich. Tun Sie nur Ihre Pflicht.“ Phlox beobachtete das Gesicht der Frau ganz genau, als diese die Sensoren ihres Tricorders auf die Tasche richtete und die Messwerte vom kleinen Bildschirm des Geräts ablas. Er kicherte, als er ihr Stirnrunzeln bemerkte. Zweifellos hatte sie soeben die kleine Überraschung entdeckt. „Seltsam“, kommentierte sie schließlich. „Aber zumindest sind es keine Gefahrenstoffe.“ „Ganz im Gegenteil, Ensign“, versicherte er ihr. Er konnte ihr ansehen, dass sie nicht genau wusste, was sie mit diesen Messwerten anfangen sollte, aber sie beließ es schließlich dabei und stellte keine weiteren Fragen. Stattdessen begleitete sie ihn zum nächsten Lift und wies den Computer an, die Liftkabine in den Bürobereich zu steuern. Ein sehr bieder eingerichtetes Stockwerk erwartete Phlox, mit vielen langen Gängen und noch viel mehr identisch aussehenden Türen. Und hinter einer dieser Türen befand sich Jonathan Archers Büro. „Der Admiral ist noch in einer Gremiumssitzung“, erklärte der Ensign als sie den Doktor in den leeren Raum führte. „Er bittet die Verspätung zu entschuldigen. Machen Sie es sich in der Zwischenzeit ruhig bequem.“ „Das werde ich ganz sicher“, sagte Phlox und setzte sich sogleich auf die cremefarbene Couch die vom unbesetzten Schreibtisch aus auf der rechten Seite des Raums stand. Ein großes, rundes Fenster hinter dem Schreibtisch ermöglichte den Ausblick auf die Bucht von San Francisco. Diese besondere Perspektive kannte Phlox schon zur Genüge von den regelmäßigen Subraum-Gesprächen mit dem Admiral, weshalb seine Aufmerksamkeit mehr den Einrichtungsgegenständen galt. In langen Regalreihen stapelten sich PADDs, Aktenordner und Schatullen für Datenmodule. Aber auch alle möglichen Ziergegenstände von den 5

unterschiedlichsten Welten erkannte Phlox. Einige hatte er schon vor 80 Jahren in Archers Bereitschaftsraum oder Quartier an Bord der Enterprise gesehen. „Darf ich Ihnen vielleicht in der Zwischenzeit etwas bringen? Ein Getränk, etwas zu lesen …“ „Nein, nein, vielen Dank, Ensign“, winkte Phlox schnell ab. „Ich habe alles was ich brauche.“ Der Ensign nickte ihm zufrieden zu und verließ schließlich den Raum. Kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, knurrte plötzlich Phlox Magen lautstark. „Hoppla. Vielleicht hätte ich doch um einen kleinen Snack bitten sollen.“ Glücklicherweise war Phlox für solche plötzlichen Hungeranfälle mehr als gut gerüstet. Er öffnete einen der Reißverschlüsse an seiner Tasche und holt einen kleinen Stoffbeutel hervor in dessen Inneren sich eindeutig etwas bewegte. Ehe er den Klettverschluss des Beutels öffnete, schreckte ein unerwartetes Geräusch den Denobulaner hoch. Eine schmale Tür an der gegenüberliegenden Wand schwang wie in Zeitlupe auf und quietsche lautstark in den Angeln. Dahinter befand sich ein kleiner Waschraum, allerdings konnte Phlox niemanden darin erkennen. Er wollte das plötzliche Öffnen der Tür bereits auf einen Luftzug schieben, als ihm schließlich das kleine, pelzige Wesen auffiel, das auf der Türschwelle stand und den Denobulaner aus großen Augen musterte. Noch eine Eigenart der Menschen, die Phlox beinahe vergessen hatte, war ihre Angewohnheit, sich Haustiere zu halten. Und Jonathan Archer schien eine besondere Vorliebe für eine Hunderasse namens „Beagle“ zu haben. „Du musst wohl Aragorn sein.“ Der Hund neigte interessiert den Kopf und begann heftig zu wedeln. „Du hast dich wohl aus deinem Versteck gewagt, weil du was Leckeres gerochen hast, nicht wahr?“ Phlox hob den Beutel und hielt ihn so, dass Aragorn ihn sehen konnte. Aus dem Stand heraus sprang der Hund nach vor, durchquerte das Büro in halsbrecherischem Tempo und hüpfte neben Phlox auf die Couch, den Denobulaner heftig bedrängend. „Nicht so hastig, mein kleiner Freund. Du bekommst schon noch was ab.“ Phlox griff in den Beutel und holte zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt eine weiße, zappelnde Kugel daraus hervor, nicht größer als eine Murmel. „Ob du Schneekäfer magst?“ Phlox musste nicht lange auf die Beantwortung der Frage warten. Aragorn schnappte sofort nach dem Käfer, riss ihn aus Phlox Fingern und schluckte ihn nach ein paar kräftigen Bissen hinunter. Der Hund schien nach Schneekäfern genauso verrückt zu sein wie einst Phlox‘ pyrithianische Fledermaus. Natürlich 6

hatte sich die Fledermaus diesen exklusiven Snack weit mehr verdient als dieser Hund. Immerhin konnte Phlox den Speichel der Fledermaus dazu verwenden, um eine sehr wirkungsvolle Salbe gegen Hautausschlag herzustellen. Aragorns Sabber dürfte hingegen nur dazu dienen, den Teppich und die Couch mit kleinen Tropfflecken zu zieren.

Aber vielleicht sollte ich zur Sicherheit eine Probe nehmen , überlegte Phlox, während er dem Hund einen weiteren Schneekäfer reichte und den nächsten selbst aß. Nachdem die beiden zusammen den Beutel restlos geleert hatten, bedankte sich Aragorn für das Teilen der Schneekäfer indem er sich neben Phlox auf die Couch legte und seinen Kopf auf dessen Schoß. „Wie ich sehe, habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht.“ Die Stimme gehörte Admiral Archer, der eben durch die Tür trat. Wie von der Tarantel gestochen huschte Aragorn zu seinem Herrchen um ihn aufgeregt herumspringend zu begrüßen. Auch Phlox erhob sich, um einen seiner – im wahrsten Sinne des Wortes – ältesten menschlichen Freunde zu begrüßen: „Hallo, Jonathan! Schön dich wieder einmal von Angesicht zu Angesicht anzutreffen.“ „Geht mir genauso, Phlox“, versicherte Archer und ergriff Phlox Hand. „Schön, dass du kommen konntest.“ „Um nichts im Universum hätte ich diese Party verpassen wollen. Deine Pensionierungsfeier und natürlich dein 121. Geburtstag.“ Einmal mehr staunte Phlox darüber, dass Jonathan Archer trotz seines hohen Alters noch einen so vitalen Eindruck machte. Die meisten Menschen in diesem Alter machten es sich bereits in einer hübschen Holzkiste oder einem dekorativen Aschenbecher bequem. Doch Archer leitete immer noch eine der wichtigsten Organisationen der Vereinigten Föderation der Planeten, an deren Erschaffung er vor über 70 Jahren nicht unwesentlich beteiligt gewesen war. „Bis zu meinem Geburtstag dauert es noch eine paar Wochen“, erwiderte Archer, doch Phlox war sich nicht sicher, ob er bis dahin nicht schon wieder auf der Rückreise nach Denobula sein würde. Seine drei Ehefrauen waren schon nicht begeistert gewesen, dass er inmitten einer kleinen familiären Krise – lediglich zänkisches Gehabe unter Frauen, seiner Meinung nach – Denobula verlassen hatte. Es würde ihm wahrscheinlich nicht gelingen, alle drei Frauen von der Notwendigkeit eines längeren Aufenthalts zu überzeugen. Deshalb beschloss Phlox, dem Admiral jetzt gleich sein Geburtstagsgeschenk zu überreichen.

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„Nichtsdestotrotz habe ich dir etwas mitgebracht und ich hoffe, du wirst viel Freude

damit

haben.“

Er

holte

eine

schwarze

Box

mit

einer

roten,

schiefgebundenen Schleife aus seiner Reisetasche hervor. „Alles Gute, Jonathan.“ Archer betrachtete die kleine Box misstrauisch und wog sie in seinen Händen ab. „Ist da Wasser drinnen?“ „Ja. Und noch ein bisschen mehr. Immunozytische Gelwürmer.“ „Äh … Danke“, brachte Archer unsicher hervor. Eine Reaktion, die Phlox vorausgesehen hatte. Die medizinischen Wunder, die lebende Tiere vollbringen konnten, waren den meisten Nicht-Denobulanern immer noch völlig unbekannt oder zumindest nicht sonderlich populär. „Und ob du mir danken solltest. Wechsle einmal pro Woche das Wasser, in dem sie schwimmen. Sie brauchen ungefähr so lange, um das Wasser in ein rosafarbenes Gel zu verwandeln.“ „Und was mache ich mit dem Gel?“ „Überall dort auftragen, wo sich altersbedingt das eine oder andere Wehwehchen einstellt. Du wirst feststellen, dass immunozytisches Gel ein wahres Allheilmittel ist. Von Gelenksschmerzen bis zu Krampfadern. Und ich kann gar nicht deutlich genug

hervorheben,

welch

unverhoffte

Wirkung

eine

Anwendung

im

Genitalbereich hat.“ „Ich kann’s mir vorstellen“, sagte Archer lachend. „Danke, Phlox. Ich habe für die … verschiedenen Anwendungsbereiche derzeit zwar keine Verwendung, aber wenn es soweit ist, werde ich gerne auf dieses Allheilmittel zurückgreifen.“ Phlox nickte zufrieden, fragte sich jedoch, ob Archer gerade darüber nachdachte, die Würmer an Aragorn zu verfüttern. Er nahm wieder seinen Platz auf der Couch ein, Archer setzte sich ihm gegenüber auf der anderen Seite des niedrigen Beistelltisches, auf dem der Admiral vorsichtig die schwarze Box mit den Gelwürmern abstellte. „Ein 121jähriger Mensch, der noch nicht an den einen oder anderen Nebenwirkungen des unvermeidlichen Älterwerdens leidet? Du bist wirkliche in medizinisches Wunder, Jonathan.“ „Du musst wohl irgendetwas richtig gemacht haben, als du noch mein Chefarzt auf der Enterprise warst“, scherzte Archer. „Aber hin und wieder zwickt es schon. Der Rücken, die Kniescheiben und ich bin öfter erkältet als früher.“ „Das ist doch gar nichts“, wischte Phlox den Einwand sofort zur Seite. „Das sind die normalen Beschwerden eines Mannes, der auf die 70 zugeht. Eine Einschätzung, die übrigens auch gut zu deinem Äußeren passt. Die meisten Menschen in deinem Alter sind üblicherweise Greise, die kaum ohne Hilfe 8

aufstehen können oder gar in der Lage wären, als Stabschef der Sternenflotte zu arbeiten. Wenn ich dich so ansehe, muss ich sogar ganz offen hinterfragen, ob du es wirklich nötig hast, dich in den Ruhestand zurückzuziehen. Während ich durch die Gänge dieses Gebäudes geführt wurde habe ich junge Leute gesehen, die erschöpfter und ausgebrannter aussahen als du. Also warum die Eile?“ Archer atmete tief durch, ehe er zu einer Antwort ansetzte. Dabei war sich Phlox sicher, dass er nicht der erste sein konnte, der ihm jemals diese Frage gestellt hatte. Aber vielleicht bin ich nun der erste, der eine der Wahrheit entsprechende

Antwort erhält? „Ich habe in meinem Leben einen langen Weg zurückgelegt“, sagte Archer schließlich. „Von einem Ort zum anderen. Von einer Position zur nächsten. Captain

eines

Raumschiffs,

Commodore,

Botschafter,

Präsident

des

Föderationsrates und nun Stabschef der Sternenflotte. Ich habe jeden dieser Posten genossen, habe meine Pflicht sehr gerne erfüllt. Meistens zumindest. Aber irgendwann hatte ich stets das Gefühl, weiterziehen zu müssen. Um anderen nicht im Wege zu stehen. Um ihnen nicht die Chance zu nehmen, selbst weiterzukommen.“ „Und dieses Gefühl hast du nun wieder?“, fragte Phlox. Die überraschende Antwort Archers lautete jedoch: „Nein. Habe ich nicht.“ Ehe Phlox diese Antwort hinterfragen konnte, ergänzte Archer: „Ich erwarte dieses Gefühl. Seit Jahren schon warte ich darauf, dass mir mein Gefühl sagt, welchen Weg ich von hier aus einschlagen soll. Aber es stellt sich einfach nicht ein. Und während ich darauf warte und dabei einen der wichtigsten Posten der Föderation innehabe, arbeite ich mit Leuten zusammen, die älter werden und älter aussehen als ich und weiterhin nur von unten zu mir aufsehen können. Natürlich würde keiner von ihnen darauf drängen, dass ich endlich meinen Platz räumen soll. Seit zwanzig Jahren werde ich vom Gremium regelmäßig einstimmig zum Stabschef gewählt. Das ist Beweis genug für mich, dass alle damit einverstanden sind, dass ich diese Bürde weiterhin tragen soll. Aber während sie alle zufrieden sind, blicke ich in älterwerdende Gesichter und frage mich, ob es nicht Zeit wäre, das Zepter an einen Nachfolger zu übergeben.“ „Aber wenn alle zufrieden mit dir sind, warum willst du dann einem von ihnen die Verantwortung übertragen, wenn sie diese doch gar nicht wollen? Vielleicht stimmen sie ja alle für dich, weil sie davon überzeugt sind, mit dieser großen Verantwortung nicht klar zu kommen?“ Archer schüttelte vehement den Kopf. „Wie könnten sie das schon im Vorhinein wissen? Vielleicht scheitern sie an der Herausforderung, vielleicht aber auch nicht. 9

Aber sie sollten zumindest die Chance erhalten, es herauszufinden. Und die Chance erhalten sie nicht, wenn sie sich ständig vor einem lebenden Denkmal wie Jonathan Archer verbeugen müssen.“ Schwungvoll stand Archer auf und begann in seinem Büro hin und her zu wandern. Eine Angewohnheit, die ihn bereits seit Jahrzehnten begleitete, wie Phlox wusste. Archer war nie jemand gewesen, der gerne längere Zeit ruhig stillsaß. „Und wenn mir schon mein Gefühl nicht sagt, wann der beste Zeitpunkt für meinen Rücktritt gekommen ist, dann muss ich es rational entscheiden. Erst vor kurzem hat die Föderation einen Konflikt mit den Klingonen beigelegt, der beinahe eine Dekade gedauert hat. Die ständige Kriegsgefahr ist damit vorerst beseitigt sowie die Grenzen der Föderation gefestigt und gesichert worden. Es stehen uns ruhigere Zeiten bevor, in denen sich die Sternenflotte wieder der Erforschung und Entdeckung widmen kann. Der friedlichen Repräsentation der Föderation im Weltall. Welch besseren Zeitpunkt könnte es für einen neuen Stabschef geben, sich mit diesem Job vertraut zu machen?“ „Egal wer es wird?“, fragte Phlox skeptisch. „Egal wer es wird“, bestätigte Archer. „Das Admiralskollegium ist voller kluger Köpfe. Einer besser für den Job geeignet als der andere. Sie wissen es nur noch nicht. Aber in zwei Monaten werden sie es herausfinden. Dann wird der neue Stabschef gewählt.“ „Und wer wird den Posten in der Zwischenzeit bekleiden?“ Archer schmunzelte. „Das Privileg meiner Vertretung steht in der Zwischenzeit dem Leiter der Sicherheitsabteilung zu. Admiral Malcolm Reed.“ Nun musste Phlox lachen. Der frühere Waffenoffizier und Sicherheitschef der Enterprise war seinem Metier absolut treu geblieben. Ihre Wege hatten sich schon lange nicht mehr gekreuzt, aber Phlox freute sich jetzt schon darauf, Mister Reed wieder zu begegnen. Wenngleich er sich noch mehr darauf freute, Hoshi Sato zu treffen. Die Linguistin hatte nach ihrer Karriere bei der Sternenflotte einen Farmer von Tarsus IV geheiratet und war auf die etwas abseits gelegene, landwirtschaftlich geprägte Koloniewelt gezogen. Erst vor ein paar Wochen hatte Phlox über Subraum mit ihr gesprochen und sie hatte ihm versichert, zur Verabschiedung des Admirals zur Erde zu reisen. „Ich komme gerade von einer Sitzung des Gremiums, das

– völlig

erwartungsgemäß – Malcolms vorübergehender Ernennung zugestimmt hat.“ „Hat die Sitzung deshalb länger gedauert als gedacht?“ „Allerdings. Aber das war nicht die einzige Abstimmung heute. Da dies meine allerletzte Gremiumssitzung war, habe ich die Chance ergriffen, einige 10

Weichenstellungen für die Zukunft der Sternenflotte vorzunehmen. Nichts Weltbewegendes. Zum Beispiel einen Erlass, dass sich mein Nachfolger um eine Lösung des Platzproblems in den Räumlichkeiten des Hauptquartiers kümmern soll. Oder dies hier.“ Archer holte ein PADD aus der Innentasche seines Uniformblazers hervor und reichte es dem Doktor. „Eine Schiffstaufe?“, fragte Phlox, als er den obersten Tagesordnungspunkt las. „Lies‘ weiter“, forderte Archer ihn auf und Phlox überflog den folgenden Absatz bis er an einem vertrauten Wort hängen blieb. „Enterprise! Es wird tatsächlich wieder ein Schiff geben, dass diesen Namen tragen wird?“ „Es wurde verdammt nochmal Zeit“, bestätigte Archer. „Unser altes Mädchen ist seit rund 70 Jahren im Raumfahrtmuseum und ein Fall von missverstandener Heldenverehrung hat ebenso lange verhindert, dass wieder ein Raumschiff diesen Namen tragen konnte. Damit habe ich Schluss gemacht. In zehn, höchstens zwölf Jahren wird das erste Schiff der Constitution-Klasse in den aktiven Dienst gestellt werden. Und dieses Schiff wird den Namen Enterprise tragen. Ich selbst habe das Constitution-Projekt vorangetrieben und bin sicher, dass kein anderes Schiff besser geeignet wäre, um nach so langer Zeit wieder diesen geschichtsträchtigen Namen zu tragen. Ich kann’s kaum erwarten dabei zu sein, wenn das Schiff zu seinem Jungfernflug aufbricht.“ Zehn bis zwölf Jahre waren für einen 121jährigen zweifellos eine lange Zeit. Aber wenn er den Admiral betrachtete, hatte Phlox nicht den geringsten Zweifel, dass Archer diesen Jungfernflug miterleben würde.

Ich werde zumindest ein Auge auf ihn haben und sicherstellen, dass er dabei sein kann, schwor sich der Doktor. Aus seinen Gedanken an die Zukunft gerissen zuckte Phlox erschrocken zusammen, als plötzlich die Tür aufschwang und eine Frau in der Uniform eines Yeomans hereinstürmte. Schnell atmend blieb sie an der Türschwelle stehen und warf Phlox einen misstrauischen Blick zu. „Was ist denn los, Larisa?“, fragte Archer besorgt. Auch ihm war nicht entgangen, dass das Gesicht der Frau große Sorge ausdrückte. „Es gab einen Zwischenfall. Ähm, kann ich Sie vielleicht unter vier Augen sprechen?“ Abermals sah sie argwöhnisch in Phlox‘ Richtung. Der Doktor nahm dies nicht persönlich. Dank der ärztlichen Schweigepflicht brachte es auch sein Beruf mit sich, dass man nicht jedem alles anvertrauen durfte. Er nickte daher verständnisvoll und setzte sich auf, stoppte jedoch, als Archer sagte: 11

„Ist schon in Ordnung. Doktor Phlox kann etwas für sich behalten.“ Die Versicherung des Admirals schien den Yeoman – Larisa – nicht zu beruhigen, aber sie fand sich damit zumindest ab und verschloss die gepolsterte Tür hinter sich. „Admiral, wir haben gerade die Nachricht erhalten, dass eines der Schiffe, das Gäste für Ihre Abschiedsfeier transportierte, vernichtet wurde.“ „Oh mein Gott“, stammelte Archer und wankte einen Schritt zurück. „Es kommt noch schlimmer“, fügte Larisa schnell hinzu. „Es ist die Kelvin.“ Blankes Entsetzen spiegelte sich auf Archers Antlitz wider. Verständlich, denn selbst Phlox hatte bereits von diesem Schiff und den Heldentaten seiner Besatzung gehört. Dieses Schiff genoss heute eine ebenso hervorragende Reputation wie einst die Enterprise unter Archers Kommando. „Verluste?“ Archers Frage war nicht mehr als ein Hauch. „Die gute Neuigkeit ist, dass sich der größte Teil der Besatzung und der Passagiere in die Shuttles und Rettungskapseln flüchten konnte. Es gab noch keine genaue Zählung, aber wahrscheinlich kamen nicht mehr als zwanzig oder dreißig Personen bei dem Angriff ums Leben. Bestätigt sind bisher jedoch nur die Tode von Captain Robau und Lieutenant Commander Kirk.“ „Verdammt! Ausgerechnet die beiden!“, fluchte Archer lautstark. Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor er weitersprach: „Ich war mir sicher, dass Robau einmal meinen Job machen würde. Wie sind sie gestorben? Sie erwähnten einen Angriff. Durch wen?“ „Es ist noch zu früh, um etwas Genaueres zu sagen. Wir haben noch keine Telemetrie-Daten oder Logbuch-Einträge erhalten und das Wenige, das wir von den überlebenden Führungsoffizieren erfahren haben, klingt ziemlich wirr. Die Shuttles eskortieren momentan die langsameren Rettungskapseln zurück nach Tarsus IV, wo sie innerhalb der nächsten zehn Stunden ankommen müssten. Dann erfahren wir sicher mehr. Ich habe unsere besten Datenanalysten bereits alarmiert. Sie sind bereit“, versicherte Larisa dem Admiral. Phlox war sich klar, dass er genaugenommen nicht einmal hier sein sollte und hatte sich vorgenommen, sich nicht in das Gespräch einzumischen. Aber nun musste er eine Frage stellen: „Entschuldigen Sie bitte, Yeoman. Sie erwähnten Tarsus IV. Warum Tarsus IV?“ War es nur ein seltsamer Zufall, dass die Überlebenden von der Kelvin zu jenem Planeten zurückkehrten, auf dem auch Hoshi Sato lebte?

12

„Tarsus IV ist der nächstgelegene bewohnte Planet“, erklärte der Yeoman. „Der Angriff fand nur einige Minute nachdem die Kelvin eine Passagierin von Tarsus IV an Bord gebeamt hatte statt.“ Phlox konnte nichts dagegen unternehmen, dass sein ganzer Körper zu zittern begann. „Hoshi?“, brachte er geschockt hervor. „Keine Sorge, Phlox“, sagte Archer schnell als er erkannte, was dem Denobulaner gerade durch den Kopf ging. „Hoshi war nicht an Bord der Kelvin. Sie reist mit einem zivilen Transportschiff an und müsste noch im Laufe des Nachmittags beim Space Port eintreffen.“ Ein Stein im Ausmaß eines kleinen Mondes fiel Phlox vom Herzen. Und sicher ging es dem Admiral ähnlich. Was für ein schrecklicher Tag wäre dies geworden, wenn er neben der Zerstörung eines der wichtigsten Raumschiffe der Flotte auch noch den Tod einer alten Freundin betrauern hätte müssen. ********************************* Das Planungszentrum der Sternenflotte befand sich in den Stockwerken oberhalb von Archers Büro. Vom verglasten Konferenzraum aus sah er hinunter zu einem Raum, der ihn stark an die Hörsäle der

Stanford Universtiy erinnerte.

Zweihundert seiner Mitarbeiter saßen an ihren Arbeitspulten, verarbeiteten eintreffende Daten und aktualisierten die Anzeigen auf den drei gigantischen Projektionswänden, die unter anderem Sternenkarten, Schiffsregister, Flugpläne und Crewzuteilungen anzeigten. Alle Informationen, die die Sternenflotte über ihre Raumschiffe, Sternenbasen und Außenposten sammelte, flossen hier zusammen. Und irgendeiner dieser Leute dort unten hatte den Auftrag, so schnell wie möglich eine Kommunikationsverbindung mit Tarsus IV herzustellen und zum Konferenzraum zu leiten. Noch war der große Bildschirm vor dem Konferenztisch schwarz. Am Tisch bereits sitzend unterhielten sich Doktor Phlox und Malcolm Reed sehr angeregt. Als Admiral der Sicherheitsabteilung war Reed natürlich sofort über den Angriff auf die Kelvin informiert worden. Allerdings war dies allein nicht der Grund, warum sich Reed ins Planungszentrum begeben hatte. Er war ebenso wie Archer sehr erfreut darüber, Phlox wiederzusehen. Wenn Archer die beiden nun so sah, wie sie miteinander sprachen und lachten, beneidete er sie irgendwie. Vor zwei Stunden hatte er selbst mir Phlox noch ein angenehmes Gespräch geführt. Nun herrschte in Archers Gehirn jedoch ein permanenter Alarmstufe-Rot-Zustand. Der Kelvin-Zwischenfall beanspruchte den größten Teil seiner Gedanken. Und selbst wenn er für einen kurzen Moment an 13

seinen bevorstehenden Ruhestand dachte, dann nur um sich einen Narren zu nennen, der geglaubt hatte, es würden ruhigere Zeiten auf die Sternenflotte zukommen.

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Seine Laune besserte sich erst ein wenig, als Larisa Hoshi Sato in den Raum führte und er die kleine Japanerin erleichtert in den Arm schloss. „Schön dich zu sehen, Hoshi.“ Schon in ihrer Jugend war sie ein zierliches Geschöpf gewesen und im Alter von 103 Jahren war sie es noch immer. Ihr Haar – inzwischen nicht mehr pechschwarz sondern schneeweiß – trug sie immer noch bevorzug zu einem Pferdeschwanz gebunden. Archer hatte Phlox‘ Komplimente noch im Ohr, aber verglichen mit Hoshi war Archer durch das Alter zu einem völlig neuen Mann geworden. Denn Hoshi – trotz der offensichtlichen Zeichen des Älterwerdens – war irgendwie noch immer jene Hoshi, die damals an Bord der Enterprise gedient hatte.

Das Beste bleibt wohl wie es sein soll. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagte sie, als sie sich aus der Umarmung löste. „In einem Stück. Soweit ich gehört habe, hätte es auch anders ausgehen können.“ Archer nickte nur und führte sie zum Konferenztisch, wo sie ebenso herzlich von Phlox und Malcolm begrüßt wurde. Die üblichen Floskeln wurden ausgetauscht und Archer hatte wie zuvor auch diesmal kein Ohr dafür übrig. Seine Aufmerksamkeit galt weiterhin dem schwarzen Bildschirm und er versuchte mitzubekommen, ob die drei Analysten an den Konsolen der Rückwand des Konferenzraums etwas miteinander besprachen. Aber auch sie hatten wohl noch keine Daten erhalten, mit denen sie arbeiten konnten. Nachdem das obligatorische Begrüßungszeremoniell abgeschlossen war, bot Archer Hoshi einen Stuhl an und nahm direkt neben ihr Platz. „Ich habe von der Vernichtung der Kelvin gehört“, sagte sie schließlich. „Aber soweit ich mitgekriegt habe, hätte es auch schlimmer ausgehen können.“ „Allerdings“, bestätigte Reed. „Dass es nicht mehr Tote gegeben hat ist hauptsächlich dem Ersten Offizier zu verdanken. George Kirk. Er blieb bis zuletzt an Bord des Schiffes und gab den startenden Shuttles und Rettungskapseln mit den Bordwaffen Feuerschutz. Ehe er mit dem, was von der Kelvin noch übrig war … naja.“ „Das Schiff rammte“, vervollständigte Hoshi. „Ist schon okay, du kannst es ruhig aussprechen.“ Reed nickte lediglich dankbar. Erleichtert, dass er sich keine Vorwürfe machen musste. Denn vor rund sechzig Jahren hatten sie einen guten Freund auf fast 14

dieselbe Art verloren. Lieutenant Commander Travis Mayweather hatte einst die U.S.S. Bonaventure gerettet, indem er mit einem Shuttle ein angreifendes OrionerSchiff gerammt hatte. Hoshi hatte lange Zeit unter Travis Tod gelitten. Die beiden waren die jüngsten Offiziere an Bord der Enterprise gewesen und hatten sich sehr nahe gestanden. Sie waren kein Liebespaar gewesen – damit hätte damals vor allem Travis‘ Frau Gannet ein Problem gehabt. Aber sie waren sich doch so nahe gestanden wie Bruder und Schwester. Archer fand es gut, dass Hoshi inzwischen über Travis Tod hinweggekommen war und auch offen darüber sprechen konnte. „Aber warum hat Kirk gleich das ganze Schiff geopfert? Travis konnte ein großes Orioner-Schiff damals mit einem kleinen Shuttle außer Gefecht setzen.“ Reed schüttelte immer noch ungläubig den Kopf: „Also nachdem, was uns die Überlebenden bisher sagen konnten, war das angreifenden Schiff gigantisch. Mehrere Kilometer lang. Und schwer bewaffnet. Wenn die Aussagen stimmen, dann hätte ein Shuttle gar nichts ausgerichtet.“ „Zumal Captain Robau sogar mit einem Shuttle zum feindlichen Schiff hinübergeflogen ist“, ergänzte Archer. „Hätte er eine Möglichkeit gesehen, den Angreifer durch ein Rammmanöver zu vernichten, hätte es Robau sicher getan. Ich kenne … Ich kannte ihn gut genug. Richard Robau hätte nicht gezögert sich auf diese Art zu opfern um sein Schiff und seine Crew zu retten.“ Verständliches Schweigen trat ein. Zweifellos dachten sie alle daran, dass auch sie selbst zu einem solchen Opfer bereit gewesen wären. „Weiß man schon, wer für den Angriff verantwortlich war?“, fragte Hoshi schließlich. „Tarsus IV ist nicht weit entfernt vom klingonischen Territorium.“ „Nein, es waren keine Klingonen“, schloss Reed sofort aus. Er rieb sich seinen grauen Schnurbart, ehe er weitersprach. Eine nervöse Geste, wie Archer wusste, die Reed immer dann vollführte, wenn er unsicher war. Archer hatte ihm bereits dazu geraten, den Bart abzurasieren, damit er nicht so leicht zu durchschauen war. Doch Reed hielt stur daran fest, dass ihn ein grauer Bart weniger alt erschienen ließ als die Falten, die dieser verdeckte. „Wir warten noch auf die Übermittlung der Sensordaten, aber der Beschreibung nach haben die Klingonen nichts dergleichen. Wenn, dann hätten sie es in den letzten zehn Jahren gegen uns eingesetzt. Und der Mann, der mit Captain Robau über Bildverbindung gesprochen hat, sah angeblich auch nicht wie ein Klingone aus.“ „Sondern?“, fragte Hoshi. Reed rieb sich abermals den Bart, ehe er hervorbrachte: „Nun, der Mann hatte spitze Ohren.“

15

Hoshi sackte in ihrem Sessel zusammen. Denn sie wusste wie alle anderen Anwesenden, dass die Föderation bisher erst eine Spezies kannte, deren auffälligstes Körpermerkmal spitz zulaufende Ohren waren. Und dabei handelte es sich nicht nur um irgendeine Spezies, sondern um eines der vier Gründervölker der Föderation. „Vulkanier? Soll das bedeuten, Vulkanier haben ein Schiff der Föderation angegriffen?“ Archer sah sich dazu genötigt, sofort eines klarzustellen: „Wir wollen keine vorschnellen Schlüsse ziehen. In Kürze werden wir handfeste Informationen haben. Erst dann sollten wir es wagen, Schlussfolgerungen zu ziehen. Es kann nicht mehr lange dauern, ehe wir Informationen erhalten.“ „Ich dachte, es würde noch mehrere Stunden dauern?“, fragte Reed. „Konnte der Datenschreiber der Kelvin bereits geborgen werden?“ „Das nicht“, gab Archer zu. „Aber eines der Shuttles, das von der Kelvin aus gestartet war, ist wegen eines medizinischen Notfalls bereits nach Tarsus IV vorausgeflogen. Es handelt sich dabei um ein spezialisiertes medizinisches Shuttle. Solche Shuttles sind mit einem zusätzlichen Speicherkern ausgestattet, um die letzten

Sensoraufzeichnungen

und

Logbucheinträge

des

Trägerschiffs

abzuspeichern.“ Wie aufs Stichwort meldete sich einer der Analysten zu Wort: „Admiral, wir haben nun einen offenen Subraumkanal zum medizinischen Shuttle 37 auf Tarsus IV.“ „Sehr gut. Auf den Schirm.“ Die bereits bedrückend wirkende Schwärze verschwand vom Bildschirm und wurde ersetzt durch ein Bild, mit dem Archer nicht gerechnet hatte. Eine blonde Frau in Zivilkleidung saß auf dem Pilotensessel und hielt ein Baby im Arm. Archer erkannte die Frau sofort. Es handelte sich um Winona Kirk. Die Ehefrau des heldenhaften Ersten Offiziers der Kelvin. Und in ihrer Armbeuge lag friedlich schlummernd ein Kind, das ohne Vater aufwachsen würde. Kein anderes Bild könnte besser aufzeigen, wie nahe Leben und Tod sowie Freude und Leid beieinander liegen konnten. Es fiel Archer daher schwer, ihr sein Beileid auszudrücken. Wie konnte er Winona nur auf ihren Verlust ansprechen, wenn sie gleichzeitig ihr Neugeborenes hielt? Er tat es dennoch, rein aus Anstand. Winona nahm es dankbar nickend zur Kenntnis. Auch Hoshi, die eine Nachbarin von Winonas Eltern auf Tarsus IV war, stimmte in die Beileidsbekundung ein: „Wie geht es dir, Win?“

„Ich komme schon zurecht. Wir kommen zurecht“, versicherte sie mit einem halbherzigen Lächeln auf den Lippen. 16

„Es tut mir sehr leid, Sie stören zu müssen, Misses Kirk“, versicherte Archer. „Aber …“

„Keine Entschuldigung nötig, Admiral“, versicherte Winona. „Sie benötigen natürlich die Daten aus dem Speicherkern und ich bin derzeit die einzige Kommunikationsoffizierin in der Nähe.“ Auf einen Datenschreiber zuzugreifen war eine heikle Prozedur, in die nur wenige Offiziere eingeweiht waren. Denn natürlich sollten so wenige Personen wie mögliche Zugriff auf diese Daten haben um damit die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass diese – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – verändert wurden. Daher war Winonas Hilfe unerlässlich, wenn sie nicht auf das Eintreffen eines anderen geschulten Kommunikationsoffiziers warten wollten. „Danke für Ihr Verständnis. Ich übermittle nun den Freigabecode des Sternenflottenkommandos.“ Archer drehte sich zu den Analysten um und gab ihnen zu verstehen, den Abrufcode zu senden. Es dauerte eine Weile, aber schließlich errichte das Signal das Shuttle auf Tarsus IV.

„Ich habe jetzt Zugriff auf die Daten“, bestätigte Winona und gab sofort mit der freien Hand die nötigen Befehle in den Bordcomputer ein, damit die Daten auf einem sicheren Kanal an das Planungszentrum der Sternenflotte übermittelt werden konnten. Es verging eine volle Minute, aber schließlich gab die CockpitKonsole des Shuttles ein bestätigendes Tonsignal von sich. „Erledigt.“ Archer brauchte keine weiteren Bestätigungen von seinen Leuten. Er hörte bereits, wie an den Analysekonsolen hektisch Tasten gedrückt wurden und miteinander getuschelt wurde. Die Antworten auf so viele offene Fragen wurden darauf vorbereitet, dem Admiral präsentiert zu werden. „Danke für Ihre Hilfe, Misses Kirk. Wenn ich noch irgendetwas für Sie tun kann, lassen Sie es mich bitte wissen.“ Sie nickte lediglich und schloss den Kanal. Und eigentlich war Archer erleichtert, dass das Gespräch zu Ende war. Reed traf es auf den Punkt: „Meine Güte. Wie kann sie mit so einer Tragödie nur fertig werden?“ „Sie ist eine tapfere Frau“, erklärte Hoshi. „Ich kenne sie schon seit sie ein kleines Kind war. Also lange genug. Und deshalb weiß ich mit Sicherheit, dass sie es schaffen wird. Sie ist hart im Nehmen.“ Archer drehte sich um zu den Analysten. Sie arbeiteten schnell, die Darstellungen

auf

den

Bildschirmen

ihrer

Arbeitspulte

wechselten

im

Sekundentakt. „Haben wir schon etwas?“ „Ich kann Ihnen schon mal ein Bild vom angreifenden Schiff zeigen“, schlug Elias Eklund, einer von Archers besten Analysten vor. „Bei Sternzeit 2233,04 um 16 17

Uhr 44 ließ sich die Kelvin den Empfang ihrer Sensordaten von Starbase VIII bestätigen. Da die Gravitationssensoren völlig verrücktspielten, beschloss der Erste Offizier, den seltsamen Messungen nachzugehen. Sie fanden dies.“ Der Bildschirm, der zuvor noch Winona Kirk gezeigt hatte, zeigte für einen Moment einen undurchschaubaren Datenstrom, ehe sich daraus ein deutliches Bild formte. Das schwarze Auge eines gewaltigen Sturms starrte zurück. Umgeben von bedrohlich blitzenden Wolkenformationen hing ein kreisrundes, dunkles Gebilde im All, völlig unbeeindruckt vom Licht einer nahen Sonne. „Eine solche Raumanomalie habe ich noch nie gesehen“, stammelte Reed. „Was zum …“ Er verstummte, als sich aus dem Inneren der schwarzen Scheibe etwas herausschälte. Etwas Hässliches. Und etwas Gewaltiges. Stählerne Tentakel schoben sich aus der Anomalie, wurden länger und länger und trafen sich schließlich im hinteren Bereich des … Raumschiffs? Was immer gerade erschienen war, war natürlich eindeutig künstlich, ein Koloss aus Metall, dessen Tentakel in feinen Spitzen endeten, die problemlos ein ganzes Raumschiff aufspießen könnten. Die eingeblendeten Datenkolonnen am linken Bildrand zeigten die Messwerte an, die die Sensoren der Kelvin über das Schiff gesammelt hatten. Das eingetroffene Schiff war über neun Kilometer lang. Archer hatte ähnlich große künstliche Gebilde während seiner Reisen durchaus schon gesehen. Aber dabei hatte es sich stets um unbewegliche Objekte gehandelt. Nicht um flugfähige Raumschiffe. „Unglaublich“, kommentierte Hoshi den Anblick und schluckte schwer, als das Schiff ohne Provokation seine Waffen einsetzte. Es handelte sich um vergleichsweise langsame, aber höchst effiziente Waffen. Das aufgezeichnete Bild flackerte und wurde von Störungen durchzogen. „Wer baut denn so ein monströses Schiff?“, fragte Reed. Seine Frage war zweifellos rhetorisch gemeint, doch überraschenderweise hatte Eklund eine Antwort parat: „Ich kenne einige unserer eigenen Entwürfe, die vage Ähnlichkeit haben. Allerdings betreffen diese Entwürfe Bergbauschiffe und keine Kriegsschiffe. Vorausgesetzt diese … Tentakel wären beweglich, könnte sich ein solches Schiff an große, unregelmäßig geformte Asteroiden anhängen, im deren Bodenschätze zu gewinnen. Aber das ist lediglich ein Funktionskonzept, das weit davon entfernt ist, verwirklicht zu werden.“ „Aber ein Bergbauschiff, das es mit einem unserer besten Schiffe aufnehmen kann?“, fragte Reed. „Also ich will lieber nicht wissen, was die Kriegsschiffe dieser Spezies draufhaben, wenn schon ihre Bergbauschiffe so stark bewaffnet sind.“ 18

Der Bildschirm zeigte weiterhin keine nennenswerten Informationen. Ziemliches Chaos herrschte im All, Phaserstrahlen, Torpedos und Raketen flitzten hin und her und bei jedem Treffer, den die Kelvin einstecken musste, löste sich das Bild in Rauschen auf. Eklund nutzte die Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass noch weitere Sensormessungen über das feindliche Schiff vorlagen: „Etwas später flog bekanntlich Captain Robau mit einem Shuttle hinüber. Die Sensoren des Shuttles haben detaillierte Aufzeichnungen über den Aufbau des fremden Schiffes gemacht. Die Daten wurden kontinuierlich an die Kelvin weitergeleitet und liegen uns vollständig vor.“ „Zeigen Sie mal her“, forderte Archer. Dunkelheit. Zuerst hatte es den Anschein, der Bildschirm wäre deaktiviert worden, doch dann erkannte Archer einen schwachen, grünlichen Lichtschimmer und Bewegung. Jemand trat an der aufzeichnenden Kamera vorbei und Archer erkannte die blau-schwarze Uniform und den kahlen Hinterkopf von Richard Robau, der sich vom Shuttle entfernte. Er war unterwegs zu seiner Hinrichtung. „Sehen Sie da hinten?“, fragte Hoshi und zeigte auf zwei hellere Flecken die weiter im Hintergrund standen und auf die Robau zuging. „Da steht jemand.“ Archer war erstaunt, dass Hoshis Augen noch immer so gut funktionierten. Dabei war sie doch einst eher für ihr außergewöhnliches Gehört berühmt gewesen. Aber jetzt, wo sie darauf hingewiesen hatte, erkannte auch Archer etwas: „Zwei Humanoide. Sie halten etwas in den Händen, wahrscheinlich Waffen.“ „Keine Waffen, die mir vertraut wären“, ergänzte Reed. „Und auch nicht die Kleidung. Sieht nicht nach Uniformen aus.“ Archer stimmte der Einschätzung zu. Die zwei Gestalten nahmen Robau in ihre Mitte und führten ihn um eine Ecke. Recht deutlich erkennbar war, dass der kleinere der beiden einen Mantel trug, der hinter ihm her wehte. Die größere Gestalt trug eine graue Jacke, die nicht besonders militärisch wirkte. „Elias, haben die Sensoren auch eine Bioabtastung der Fremden vorgenommen?“ „Negativ. Die Biosensoren des Shuttles waren die ganze Zeit über auf Captain Robau gerichtet. So wussten man auf der Kelvin später sofort, dass Robau getötet worden war.“ Archer schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt. Ich hätte mir diese beiden Typen gerne genauer angesehen.“ „Können Sie, Admiral“, sagte ein anderer Analyst. „Ich habe gerade die Schiff-zuSchiff-Kommunikation entschlüsselt. Bevor Captain Robau zum fremden Schiff hinüberflog, wurden sie von einem der Angreifer kontaktiert. Es gab Sichtkontakt.“ 19

„Dann nur her damit“, forderte Reed. „Sehen wir uns den Burschen mal an.“ Die Dunkelheit des Hangars, in dem das Kelvin-Shuttle aufgesetzt hatte, wurde ersetzt durch die Nahaufnahme eines Gesichts. Auf den ersten Blick sah der Mann aus wie ein Mensch, wenngleich es zwei besondere Auffälligkeiten gab. Einerseits waren da seltsame dunkle Muster auf der Stirn eines kahlen Schädels und an den Wangen. Symmetrische Muster, die den Faltbildern eines Rorschachtests ähnelten. Und dann waren da noch die Ohren. Sie liefen nach oben hin spitz zu. Exakt so, wie man es bei einem Vulkanier erwarten würde.

„Hallo“, begann der Mann in der Aufzeichnung zu sprechen. Archer fühlte sich auf unangenehme Weise direkt angesprochen, wenngleich die Worte natürlich an die Brückenbesatzung der Kelvin gerichtet gewesen waren. „Mein Commander

ersucht um die Anwesenheit Ihres Captains um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Sie werden sich per Shuttle auf unserem Schiff einfinden. Sich zu weigern … wäre töricht.“ „Eine unangenehme Stimme“, merkte Phlox an. „Und sie klingt ungewöhnlich Emotional für einen Vulkanier.“ „Dass es ungewöhnliche Vulkanier sind, haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits klargemacht. Sie haben immerhin sofort das Feuer auf die Kelvin eröffnet“, warf Reed ein. „Aber hinterfragen wir doch erst einmal, ob es überhaupt Vulkanier sind. Diese Pigmentierung auf seinem Gesicht …“ „Künstlich“, stellte Phlox sofort fest. „Auf Denobula ist Dermalkunst sehr beliebt, ich habe selbst einige Erfahrung damit und bin mir daher sicher, dass diese Muster nicht natürlich sind. Sie sind viel zu deutlich abgegrenzt, zu präzise und farblich einheitlich. Anders als zum Beispiel die Muster am Kinn eines Torothaners. Dieser Herr hingegen trägt eindeutig eine Tätowierung im Gesicht.“ Archer atmete tief durch. Er hatte gehofft, dass diese Muster einer anderen Spezies zuzuordnen wäre. Aber ignoriert man diese, blieb nur noch ein Humanoider mit spitzen Ohren übrig. „Also doch ein Vulkanier?“ Reed antwortete nur mit einem Schulterzucken und Phlox blickte unwohl auf seine gefalteten Hände. Archer verstand seine beiden Freunde gut, denn die Schlussfolgerung, dass Zugehörige eines Gründungsmitglieds ein Schiff der Föderation angriffen, war ein politisches Pulverfass. Natürlich durfte man aufgrund der Handlungsweisen einzelner Individuen nicht auf eine ganze Spezies schließen. Aber handelte es sich wirklich um Individuen? Wie viele Leute waren wohl nötig, um ein solch gigantisches Raumschiff zu bauen und mit tödlichen Waffen zu bestücken? 20

„Welche Sprache hat der Typ gesprochen?“, fragte Hoshi plötzlich. „Wie bitte?“, fragte Archer verwirrt. Er hatte jedes Wort des Fremden verstanden. „Hat der Mann wirklich in unserer Sprache gesprochen?“, fragte Hoshi skeptisch. „Das glaube ich nicht. Ich traue mich wetten, dass er in seiner Muttersprache gesprochen hat und lediglich der Universalübersetzer dafür gesorgt hat, dass wir – und zuvor die Crew der Kelvin – ihn verstehen konnten.“

Ein guter Hinweis, darauf hätte ich selbst kommen müssen. „Stimmt

das?“,

fragte

Archer

den

Analysten,

der

die

Schiff-zu-Schiff-

Kommunikation entschlüsselt hatte. „Sie hat recht“, bestätigte dieser. „Ich spiele die Aufzeichnung noch einmal ab. Diesmal mit Originalton.“ Abermals erschien das tätowierte Gesicht auf dem Bildschirm und aus seinem Mund drangen Laute einer seltsamen Sprache. Im Gegensatz zu Hoshi war Archer kein Sprachexperte, aber er glaubte dennoch, einige Töne wiederzuerkennen, auch wenn er sie nicht zuordnen konnte. Er dreht sich zu Hoshi, die sich die Aufzeichnung konzentriert anhörte und währenddessen wissend nickte. Sie hatte die Sprache erkannt. „Das klang nicht vulkanisch, oder?“, fragte Archer, als die Wiedergabe endete. „Nein, aber mir ist die Sprache bekannt. Das wird dir nicht gefallen, Jonathan.“ „Ich werd’s riskieren. Welche Sprache war das?“ Hoshi atmete tief durch. „Es war Romulanisch.“ ********************************* Archer trat von der Transporterplattform im 22. Stockwerk jenes Gebäudes, in dem er viele Jahre lang gearbeitet hatte. Acht Jahre als Mitglied des Föderationsrats und weitere acht Jahre als dessen Präsident. Allerdings war das noch im letzten Jahrhundert gewesen. Seit damals hatte sich das Maison-étoiles de la Fédération – das Sternenhaus der Föderation – ein wenig verändert. Den Transporter im selben Stockwerk wie das Büro des Präsidenten hatte es zu Archers Zeit noch nicht gegeben. Auch nicht den langen Flur, der von der Plattform weg führte und auf der linken Seite die Portraits der bisherigen Föderationspräsidenten und auf der rechten Seite eine lange Glasfront präsentierte, die einen beeindruckenden Blick auf den Norden der Stadt Paris bot. Während er zum Präsidentenbüro ging ignorierte Archer die Bilder zu seiner Linken. Seines war das fünfte in der Reihe und er hatte es nie sonderlich gemocht. 21

Eigentlich sollte er darauf ja wie vor 50 Jahren aussehen, aber er fand, dass er stattdessen Älter aussah als heute. Hätte er im Sternenhaus noch etwas zu sagen, er hätte das Bild schon längst ausgetauscht. Daher blickte Archer ausschließlich nach rechts und betrachtete die wunderschöne Hauptstadt von Frankreich, die 2164 auch zur offiziellen Hauptstadt der Vereinigten Föderation der Planeten erklärt worden war. Im Gegensatz zu San Francisco hatte sich die Stadt auf dem sogenannten „alten Kontinent“ in den letzten Jahrhunderten kaum verändert. Natürlich ragten auch hier neue, modernere Gebäude in schwindelerregende Höhen. Aber sie standen nicht so gedrängt nebeneinander und traten nicht in Konkurrenz

mit

den

traditionellen

Sehenswürdigkeiten

der

Stadt.

Und

selbstverständlich durfte in dieser Stadt bis heute kein einziges Gebäude erbaut werden, das den berühmten Eiffelturm überragte. Diesen konnte Archer von hier aus nicht sehen, aber vom Büro des Präsidenten aus hatte man einen beeindruckenden Blick auf den über 300 Meter hohen Koloss. Was Archer von hier aus hingegen sehr gut erkennen konnte, war der Verlauf der Seine. Das Maison-étoiles de la Fédération stand in unmittelbarer Nähe des Flussufers, nicht weit entfernt vom südlichen Ende der Pont Notre-Dame Nouveau. Am nördlichen Ende der Brücke erkannte Archer jedoch etwas, das ziemlich ungewöhnlich war, ihn aber auch nicht überraschte. Eine große Personenzahl – sicher mehrere Tausend Individuen – stand versammelt am gegenüberliegenden Kai. Selbst aus dieser Entfernung erkannte Archer die Unruhe in der Gruppe, die zweifellos über die Brücke stürmen würde, wenn nicht eine große Zahl an Sicherheitsoffizieren die Brücke bewachen würde. Archer musste kein Hellseher sein um zu wissen, wer diese Personen dort unten waren. Es handelte sich um Demonstranten. Und zwar um dieselbe Art von Menschen, die auch seit zwei Tagen vor dem Sternenflottenhauptquartier protestierten und lautstark sowie mittels Transparenten und Schildern ihre Forderungen stellten. Auf den Punkt gebracht: Weg mit den Vulkaniern! Archer konnte nur ungläubig den Kopf schütteln. Einerseits darüber, wie die Information, dass Romulaner – vielleicht – physisch identisch mit Vulkaniern waren, nach außen dringen konnte. Und anderseits darüber, wie schnell die Menschen in alte Verhaltensmuster fielen. Einen so spontanen Ausbruch der Fremdenfeindlichkeit auf der Erde hatte Archer seit der Terra Prime-Krise nicht mehr erlebt. Spätestens nachdem die Andorianer, Tellariten und Vulkanier kurze Zeit später den Menschen während des Krieges gegen die Romulaner beigestanden hatten und die breite Bevölkerung der Erde deren Hilfe zu schätzen

22

gelernt hatte, hätte Archer solche Demonstrationen auf seiner Heimatwelt für unmöglich gehalten. Während des Krieges hatten offiziell weder die Menschen noch ihre Verbündeten jemals Sichtkontakt mit einem Romulaner gehabt. Ein Umstand, der nun bei allen Verschwörungstheoretikern die Alarmglocken schrillen ließ und für Misstrauen gegenüber den Vulkaniern sorgte. Viele der Demonstranten schienen sogar fest davon überzeugt zu sein, dass die Romulaner damals nur deshalb mit der Beendigung des Krieges einverstanden gewesen waren, weil sie inzwischen die vulkanische Regierung vollständig unterwandert hatte und nun Einfluss auf die Politik der Föderation nehmen konnte. Eine völlig irrationale Behauptung, doch Archer hatte keine Ahnung, wie er jemanden vom Gegenteil überzeugen konnte. Sahen Romulaner tatsächlich wie Vulkanier aus, könnte diese Theorie sogar der Wahrheit entsprechen. „Admiral?“ Archer bemerkte in der Spiegelung des Fensters, dass jemand hinter ihn getreten war. Als er sich umdrehte, erkannte er Jabir Okafor, den persönlichen Assistenten des Präsidenten, der zweifellos von Archers Eintreffen informiert worden war und sich gewundert hatte, dass der Admiral noch nicht beim Präsidentenbüro eingetroffen war. „Tut mir leid, Jabir. Ich habe mich wohl ablenken lassen.“ „Schon in Ordnung, Sir. Der Präsident und der Vertreter der vulkanischen Regierung erwarten Sie bereits.“ Archer folgte dem großgewachsenen Mann zu der breiten Doppeltür, die er förmlich für den Admiral offenhielt. Im Inneren warteten bereits die beiden zuvor von Jabir erwähnten Personen. Anders als erwartet saßen sie nicht am Schreibtisch oder auf der gemütlichen Sofagarnitur, sondern standen mitten im Raum und debattierten miteinander. Präsident Zhetas wirkte erleichtert, als er Archer erblickte. So waren zumindest die aufrechten und leicht nach hinten geneigten Antennen auf dessen haarlosen Kopf zu deuten. Der Andorianer winkte Archer mit einer blauen Hand näher. Nun bemerkte auch der vulkanische Repräsentant die Ankunft des Admirals. Archer erstarrte kurz, als er bemerkte, um wen es sich handelte. Er hatte damit gerechnet, den vulkanischen Botschafter zu treffen oder bestenfalls den Außenminister, der – wie Archer wusste – gerade auf dem Mars weilte und eine kurze Anreise gehabt hätte. Doch

keinesfalls

hätte

er

damit

gerechnet,

Administrator

T’Pau

gegenüberzustehen. Das vulkanische Regierungsoberhaupt nahm die letzten Erkenntnisse und Entwicklungen ernst genug, um von Vulkan anzureisen. Nun, 23

dies erklärte zumindest, warum Präsident Zhetas so lange gezögert hatte, einen Termin für dieses Treffen festzusetzen. „Jonathan!“ grüßte Zhetas den Admiral mit hörbarer Erleichterung. Die Debatte mit T’Pau war wohl nicht nach seinem Wunsch verlaufen. Der Andorianer ergriff Archers ausgestreckte Hand und schüttelte sie wie gewohnt sehr heftig. „Sie hätten sich wohl auch nicht träumen lassen, in Ihrer letzten Arbeitswoche noch an einer Krisensitzung in diesem Büro teilzunehmen.“ „Es stand nicht auf meiner To-Do-Liste“, antwortete Archer trocken. „Ebenso wenig, wie meine Abschiedsparty abzusagen und in eine offizielle Trauerfeier umzufunktionieren.“ „Eine Tragödie. Ich weiß, dass Sie immer sehr stolz auf die Kelvin und die Leistungen ihrer Crew waren.“ „Ich trauere mit Ihnen, Admiral“, schloss sich T’Pau an. „Die ganze Föderation schuldet der Besatzung der Kelvin ihren Dank.“ Starke Worte. Vor allem da sie aus dem Munde einer der größten Kritikerinnen der Sternenflotte stammten, die stets die Meinung vertreten hatte, dass die Flotte zu stark militärisch und zu wenig wissenschaftlich ausgelegt war. Um ihre Haltung zu unterstreichen hatte sie sogar in aller Öffentlichkeit den Vorschlag des Präsidenten abgelehnt, Vulkan künftig persönlich im Föderationsrat zu vertreten. In der Bevölkerung ein ziemlicher Skandal und für Archer bis heute ein nur schwer nachvollziehbarer Standpunkt. In seiner Zeit als Stabschef hatte er sich immer um Ausgewogenheit der beiden primären Aufgabenbereiche der Sternenflotte bemüht. Aber anderseits kannte T’Pau auch aus eigener Erfahrung die Schattenseiten einer zu mächtigen Raumfahrtorganisation aus eigener Erfahrung. Vor Jahrzehnten war Vulkan mehr oder weniger eine getarnte Militärdiktatur gewesen, was sich erst geändert hatte, als T’Pau Ministerin geworden war und im vulkanischen Oberkommando ordentlich aufgeräumt hatte. „Vielen Dank, Administrator.“ Da nun alle Gesprächsteilnehmer anwesend waren, führte Zhetas seine beiden Gäste zu den dunkelblauen Sofas, die an den Seiten eines dreieckigen Tisches aus Alvera-Holz standen. Archer fragte sich, was Zhetas wohl vollbracht hatte, um an ein solch edles Stück zu gelangen. Und ob er den Tisch mit einem Tuch tarnte, wenn er kreetassanische Gäste empfing. Die Alvera-Bäume galten auf deren Heimatwelt als heilig, was Archer auf die harte Tour in Erfahrung gebracht hatte. „Ich hätte es vorgezogen, wenn wir in aller Ruhe auf die Suche nach Antworten gehen könnten“, begann der Präsident. „Aber leider sind Informationen an die Öffentlichkeit gelangt.“ 24

„Ich versichere Ihnen, Herr Präsident, dass ich bereits eine interne Ermittlung eingeleitet habe“, sagte Archer. „Es beunruhigt mich zutiefst, dass es gerade in meiner Dienststelle ein Informationsleck zu geben scheint.“ „Ich bin sicher, Sie können den Verantwortlichen ausforschen“, ermutigte Zhetas den Admiral. „Aber der Schaden ist nun einmal angerichtet. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und der Öffentlichkeit möglichst schnell Antworten präsentieren, ehe die Gruppe der Demonstranten weiter wächst.“ „Das wäre wünschenswert“, hielt T’Pau fest. „Denn jene Gruppen, die vor diesem Gebäude und dem Sternenflottenhauptquartier demonstrieren, wirken nahezu unbedeutend verglichen mit jenen Menschenansammlungen, die seit zwei Tagen die vulkanischen Konsulate auf der Erde belagern.“ „Zum Glück können die Vulkanier selbst etwas dazu beisteuern, die offenen Fragen zu beantworten. Sie könnten ein paar Pluspunkte sammeln“, meinte Archer. „Wenn ich Sie richtig verstehe“, begann T’Pau zögerlich, „dann sind Sie der Meinung, das vulkanische Oberkommando verfüge über Informationen zu den Romulanern, die es der Sternenflotte oder den anderen Föderationsmitgliedern vorenthalten hat.“ „Jeder hat seine Geheimnisse“, stellte Archer sofort klar. Er wollte keinesfalls vorwurfsvoll klingen. „Aber wenn dem Oberkommando Informationen vorliegen …“ „Ich kann Ihnen bestätigen, dass es sich bei jenem Schiff, das die Kelvin angriff, um kein vulkanisches Raumschiff handelte“, unterbrach T’Pau den Admiral harsch. „Deshalb können wir Ihnen auch keine weiteren Informationen über dessen Besatzung liefern.“ „Und dennoch sahen die Angreifer wie Vulkanier aus. Und sprachen Romulanisch. Wir haben inzwischen weitere Aufnahmen aus dem Inneren des fremden Schiffes analysiert und wissen, dass es weit mehr Besatzungsmitglieder gab, die wie Vulkanier aussahen und Romulanisch gesprochen haben. Haben Sie dafür eine Erklärung?“ „Nein“, sagte T’Pau schlicht, doch Archer sah ihr an, dass sie etwas verschwieg. Die Unfähigkeit, ihrem Gesprächspartner in die Augen zu sehen, gepaart mit einer unnatürlich geraden Körperhaltung, war ein eindeutiger Hinweis darauf. „Aber Sie haben garantiert eine Theorie“, warf Zhetas ein. „Wir haben dem Oberkommando sämtliche Daten zukommen lassen. Es würde mich erstaunen, wenn Ihre Logiker nicht zu der einen oder anderen nachvollziehbaren Schlussfolgerung gekommen wären.“ 25

„Vulkanier spekulieren ungern“, antwortete T’Pau, fügte jedoch hinzu: „Jedoch besteht die Möglichkeit, dass es in der Vergangenheit tatsächlich externe Einflussnahmen auf die vulkanische Politik gegeben haben könnte.“ Sowohl Archer als auch Zhetas fehlten die Worte. Mit einer solchen Offenbarung hatte keiner von ihnen gerechnet. Auch weil es ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte. „Sie verstehen, dass eine solche … Theorie … für weiteren Aufruhr sorgen würde, wenn sie publik wird“, fügte T’Pau hinzu. „Von welcher Art „externer Einflussnahme“ sprechen wir hier?“, wollte Zhetas wissen. „Es gab in der Vergangenheit Ermittlungen gegen ehemalige Mitglieder des Oberkommandos, die nie zufriedenstellend abgeschlossen werden konnten. Die vorliegenden Ergebnisse legen nahe, dass ihre früheren Handlungen von außen diktiert wurden, wenngleich unsere Geheimdienste nie in der Lage waren herauszufinden, welche externe Macht ihre Finger im Spiel hatte.“ Sie richtete ihren Blick auf den Präsidenten. „Da diese Ermittlungen noch vor der Gründung der Föderation stattfanden, wurden lange Zeit sogar die Andorianer als Drahtzieher vermutet.“ Glücklicherweise beschränkte sich Zhetas Reaktion auf ein empörtes Schnauben. Archer musste nicht daran erinnert werden, dass die Beziehungen zwischen den Vulkaniern und den Andorianern vor der Föderationsgründung mehr als angespannt gewesen waren. Er selbst hatte viel dazu beigetragen, diese Spannungen zu beseitigen. „Aber nun ziehen Sie in Betracht, dass vielleicht die Romulaner dahinterstecken könnten?“, fragte Archer nach. „Eine Möglichkeit“, räumte T’Pau ein, „die gewisse Vorzüge hat. Immerhin waren die Personen, gegen die ermittelt wurde, eindeutig keine Andorianer. Zudem begann nur kurze Zeit später der Krieg gegen die Romulaner, wohingegen wir uns damals mit den Andorianern – wie auch mit den Menschen und Tellariten – verbündeten. Eine Einflussnahme auf die vulkanische Politik wäre für die Romulaner damals weit naheliegender gewesen als für die Andorianer. Und wenn Romulaner und Vulkanier tatsächlich physisch nicht zu unterscheiden wären …“ „… dann könnte es gut sein, dass die vulkanischen Geheimdienste damals gegen romulanische Spione ermittelt haben“, beendete Archer den Satz. „Die Wahrheit macht dich frei“, zitierte Zhetas. „Ich weiß nicht, ob diese irdische Redewendung allgemein gültig ist.“ „Manchmal ist die Wahrheit auch ein Schlag ins Gesicht“, widersprach Archer. 26

„Es ist nur eine Theorie“, betonte T’Pau abermals. „Und definitiv ist dies eine Theorie, die wir der Öffentlichkeit nicht bekanntgeben werden.“ „Nicht nötig. Die Meute vor den Toren hat sich eine solche Theorie schon längst selbst zusammengereimt.“ „Falls es eine Hilfe ist: Ich kann Ihnen versichern, dass wir alle fragwürdigen Individuen noch vor Ausbruch des Romulanischen Krieges aus ihren Ämtern enthoben haben.“ „Das wird keinen großen Eindruck schinden.“ Archer atmete tief durch, lehnte sich zurück und sammelte seine Gedanken. „Viel größer ist das Risiko, dass uns die Fanatiker die Worte im Mund umdrehen. Nein, besser wir äußern uns gar nicht dazu.“ „Sollen wir die Sache also einfach auf sich beruhen lassen?“, fragte Zhetas überrascht. „Darauf hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt?“ „Das können wir nicht“, sagte Archer sofort. „Eines unserer Schiffe wurde zerstört. Und nicht nur irgendein Schiff, sondern die Kelvin. Die Sternenflotte hat die Pflicht, diesen Vorfall aufzuklären. Oder es zumindest so lange zu versuchen, bis wir an unsere Grenzen stoßen.“ „Die Grenze scheint erreicht“, stellte T’Pau fest. „Es sei denn, Ihnen gelingt die Lokalisierung des romulanischen Schiffes.“ Die Vulkaniern wusste natürlich genau, dass dies bislang nicht gelungen war. Das monströse Schiff war wie vom Erdboden verschluckt. Seitdem es nach der Kollision mit der Kelvin im All treibend zurückgelassen worden war, hatte es niemand mehr gesehen. Aber es bestand auch die Möglichkeit, dass es auf dieselbe mysteriöse Art verschwunden war, wie es zuvor aufgetaucht war. „Das ist vielleicht nicht notwendig“, sagte Archer vorsichtig. Sein Vorschlag würde von Zhetas und T’Pau sicher nur sehr widerwillig angenommen werden. „Es würde vielleicht reichen, mit der romulanischen Regierung Kontakt aufzunehmen und eine Erklärung zu fordern.“ „Wir versuchen seit Jahrzehnten mit den Romulanern in einen friedlichen Dialog zu treten. Vergebens!“, entgegnete Zhetas. „Die diplomatischen Kanäle zu den Romulanern sind seit dem Abschluss des Vertrages über die Neutrale Zone geschlossen. „Ich erinnere mich an die Verhandlungen“, sagte Archer. „Und wenn ich mich nicht irre, haben die Romulaner vor drei Tagen gegen den damals ausgehandelten Vertrag verstoßen. Allein die Anwesenheit eines romulanischen Raumschiffs im Gebiet der Föderation ist bereits ein Verstoß und der Angriff auf eines unserer Schiffe ein ausreichender Grund für eine Kriegserklärung.“ 27

„Ein solches Vorgehen wäre unlogisch.“ Darauf hinzuweisen, oblag natürlich T’Pau. „Wenn die Romulaner noch mehr solcher Schiffe besitzen, würde die Föderation einen Krieg gegen sie verlieren.“ „Ein Grund mehr, vorab mit den Romulanern zu sprechen, ehe wir diesen Schritt wagen.“ Archer war sehr zufrieden mit sich. Es war ihm gerade gelungen, T’Pau auf seine Seite zu ziehen, indem er das Schreckgespenst Krieg an die Wand gemalt hatte. Die Vulkanierin neigte nun leicht den Kopf. Eine Geste vorsichtiger Zustimmung. Wenngleich das Zupfen an ihrer weinroten Robe ein Hinweis darauf war, dass sie sich unwohl fühlte. Aber nicht in ihrem Gewand, sondern in der Position, in die Archer sie hineinmanövriert hatte. Archer wunderte sich über sich selbst, wie leicht es ihm fiel, die Vulkaniern zu durchschauen. Fast zwei Jahrhunderte nach dem Ersten Kontakt mit den Vulkaniern war dieses logische und oberflächlich emotionslos wirkende Volk den meisten Menschen immer noch ein Rätsel. „Aber die Romulaner hören nicht zu“, erinnerte Zhetas den Admiral. „Oder wenn sie zuhören sollten, dann halten sie es nicht für notwendig zu antworten.“ „Vielleicht haben wir ihnen bisher noch nichts von Interesse gesagt. Ich bin bereit, ihnen eine Botschaft zu übermitteln, die sie garantiert nicht ignorieren werden.“ „Solange es keine Kriegserklärung ist … fühlen Sie sich frei, die diplomatischen Frequenzen zu verwenden“, bot Zhetas an. Allerdings war es ein Angebot ohne Wert. Als Stabschef der Sternenflotte hatte Archer ohnehin Zugriff auf diese Frequenzen. Dennoch bedankte sich Archer höflich für das Angebot, schlug es jedoch sofort aus: „Sehr großzügig, aber ich habe an einen etwas persönlicheren Kontakt gedacht. Mit Ihrer Erlaubnis, werde ich mich zum Erdaußenposten 3 begeben und von dort aus versuchen, einen Kontakt herzustellen. Wenn wir auch nur eine Erfahrung mit den Romulanern gemacht haben, dann jene, dass sie eher zu Gesprächen bereit sind, wenn man ihnen entgegenkommt.“ Archer sah zu T’Pau hinüber. „Erinnern Sie sich an Botschafter Soval? Er flog mit einem kleinen Schiff in das romulanische Territorium und es gelang ihm sogar, das Vertrauen des Praetors zu gewinnen. Er wurde vom romulanischen Staatsoberhaupt sogar auserwählt, im Namen der Romulaner die Friedensverhandlungen zu führen.“ „Botschafter Soval kehrte nie von Romulus zurück“, erinnerte T’Pau ihn. „Und auch Captain Robau kehrte von den „Verhandlungen“ an Bord des fremden Schiffes nicht mehr zurück.“ „Aber es bestätigt meine Hypothese. Die Romulaner haben mit Robau nicht per Funk verhandelt, obwohl diese Möglichkeit gegeben war. Sie wollten ihn von 28

Angesicht zu Angesicht sehen. Und ich selbst bin erpicht darauf, die Romulaner ebenfalls von Angesicht zu Angesicht zu sehen.“ „Und das Risiko einzugehen, genau wie Soval und Robau nicht mehr zurückzukehren?“, fragte Zhetas skeptisch. „Was haben wir schon zu verlieren, Herr Präsident? Einen alten Mann, der kurz davor steht, in den Ruhestand zu treten? Klingt nach einem geringen Preis, wenn der Lohn aus dauerhaftem diplomatischen Kontakt mit einem unserer ältesten Feinde bestehen könnte.“ „Eine erstaunlich optimistische Einstellung.“ Diese Bemerkung ließ Archer beinahe so breit grinsen wie einen Denobulaner. „Diesen Optimismus muss ich mir von meinem Leibarzt abgeschaut haben.“ Zhetas kratze sich nachdenklich hinter seiner linken Antenne. „Nun, es ist Ihre Entscheidung, Jonathan. Ich kann Ihnen kaum Vorschriften machen, wohin Sie mit einem Ihrer Sternenflottenschiffe fliegen. Aber vielleicht nehmen Sie nicht gerade ihr schlagkräftigstes Schiff.“ „Machen Sie sich darum keine Sorgen“, erwiderte Archer augenzwinkernd. „Ich habe da schon das richtige Schiff im Sinn. Und sein Captain würde sicher nichts lieber tun, als mich durch die Gegend zu chauffieren.“ ********************************* „Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir die landschaftlich schöne Route nehmen, Ensign?“, fragte Archer und lehnte sich in das Cockpit des kleinen Shuttles. „Wie wäre es mit einem Abstecher in den Orbitalquadranten E?“ Der Pilot nickte verständnisvoll. „Natürlich, Admiral. Ich bin mir sicher, Captain Gautami wird sich gedulden.“ „Das glaube ich auch.“ Der irdische Mond, das eigentliche Ziel der Raumfähre, geriet außer Sicht, als der Ensign die Steuerkontrollen zur Seite bewegte. Stattdessen kam wieder die blaue Wölbung der Erde in Sicht und kurz darauf eine seltsame, kugelförmige Konstruktion, die in einem hohen Orbit über der südlichen Hemisphäre schwebte. Die blauen Meere der Erde spiegelten sich in der glänzenden Hülle aus transparentem Aluminium. Das reflektierte Licht war mehr als ausreichend, um zu erkennen, was sich im Inneren der ungefähr einen Kilometer durchmessenden Kugel befand: Raumschiffe. Diese sonderbare Station, die in ihrem Inneren eine Auswahl der berühmtesten Raumschiffe der Föderation beherbergte, war eine wahre Touristenattraktion. 29

Denn innerhalb der Kugel gab es zwar eine atembare Klasse-M-Atmosphäre, aber keine Schwerkraft. Besucher des Museums konnten die Raumschiffe mehr oder weniger in ihrer natürlichen Umgebung besuchen. Archer erkannte gelegentlich das kurze Aufflammen kleiner Lichter: Schubdüsen von Raketenrucksäcken, die es ihren Trägern ermöglichten, schnell und dennoch sicher von einem Schiff zum anderen zu gelangen. Die älteren Schiffe konnten nur von außen betrachtet werden. So wie das irdische Apollo-11-Kommandomodul, die Gemini-7-Raumkapsel oder der andorianische T2-Sonnenwindgleiter. Andere Schiffe waren hingegen weit größer und konnten auch betreten werden. Dazu zählten unter anderem das vulkanische Raumschiff T’Plana-Hath, dessen Besatzung den Erstkontakt mit den Menschen hergestellt hatte, das deltanische Schläferschiff Katyvo und einige Schiffe namens Enterprise. Insgesamt drei Schiffe, die diesen traditionsreichen Namen trugen, schwebten im Inneren der Kugel. Als erstes erblickte Archer die schlanke Form eines irdischen SpaceShuttles. Dieser Prototyp hatte lediglich Testflüge innerhalb der irdischen Lufthülle absolviert, war aber nie ins All vorgestoßen. Erst jetzt im Museum war es endlich dort, wo es hingehört hätte. Direkt neben dem SpaceShuttle schwebte ein Schiff mit einem großen, ringförmigen Heck von dessen Zentrum ein schmaler Hals wegführte, der in einem zylinderförmigen Model endete. Diese Enterprise mit der Bezeichnung XCV 330 ähnelte nicht zufällig den alten vulkanischen Schiffen. Die Menschen hatten mit diesem Schiff den Versuch unternommen, das vulkanische Antriebskonzept zu kopieren. Doch als wesentlich effizienter und zukunftsträchtiger als der Ringantrieb hatte sich schließlich der von Zefram Cochrane entwickelten Warpgondel-Antrieb herausgestellt. Ein Antrieb, auf dessen Basis Henry Archer einen noch leistungsfähigeren gebaut hatte, der schließlich in jenem Schiff Verwendung gefunden hatte, das sein Sohn Jonathan befehligen sollte. „NX-01 Enterprise“ stand auf der glänzenden Hülle des nächsten Schiffes, das Archer hinter der transparenten Hülle des Museums erblickte. Der Pilot des Shuttles drosselte die Geschwindigkeit und flog näher heran, so dass Archer sein altes Schiff besser sehen konnte. Ihm fielen sofort die etwas helleren Hüllenplatten dort auf, wo Ausbesserungen vorgenommen worden waren. In seiner zehnjährigen Dienstzeit hatte das Schiff viel durchgemacht. Vor allem in der Entscheidungsschlacht bei Cheron, deren Ausgang den romulanischen Krieg beendet hatte. Während dieses Kampfes hätte Archer nicht viel Geld darauf gesetzt, dass die Enterprise noch zu einem Museumsschiff würde.

30

Es erschien Archer nur angemessen, dass er gerade heute hierher kam. Er stand kurz davor, sich auf eine Mission zu begeben, die den Ausbruch eines neuen Krieges mit den Romulanern verhindern sollte. Der perfekte Anlass noch einmal einen Blick auf jenes Schiff zu werfen, mit dem er den letzten Krieg beendet hatte. Am liebsten wäre er an Bord gegangen und hätte die Enterprise für diese Mission wieder in Dienst gestellt. Doch das alte Mädchen wieder raumflugtauglich zu machen, hätte wahrscheinlich ein Jahr gedauert. Und danach wäre wahrscheinlich kein Originalteil mehr an ihr dran gewesen. Nein, diese Enterprise hatte ihren Platz gefunden, da war sich Archer sicher. Es wurde Zeit, dass sich auch andere Raumschiffe in die Geschichtsbücher eintrugen. Vielleicht auch jenes Schiff, zu dem Archer eigentlich unterwegs war. „Vielen Dank, Ensign. Bringen Sie mich jetzt zur Carolina.“ ********************************* Captain Jessica Gautami betrachtete ihr Spiegelbild in der Trennscheibe, die den Überwachungsraum vom Hangardeck trennte. Es kam nicht jeden Tag vor, dass der Stabschef an Bord kam und sie wollte einen perfekten Eindruck machen. Mit ihrer Frisur war sie durchaus zufrieden, ihr glattes, blondes Haar hatte sie straff zu einem ordentlichen Dutt zusammengesteckt. Doch ihre Uniform sträubte sich vehement dagegen, den Vorschriften zu entsprechen. So sehr sie auch am blauen Stoff zupfte, die Falte, die von der Achsel aus über den oberen Teil des rechten Ärmels verlief, bekam sie einfach nicht raus. „Shuttle im Landeanflug“, verkündete der Operator und öffnete die Hangartore am Heck der U.S.S. Carolina. Die kleine keilförmige Transportfähre wurde vor dem Sternenhintergrund erkennbar, passierte die offenen Tore und setzte sanft auf dem metallenen Deck auf. Ein Routinemanöver, das jedes Besatzungsmitglied an Bord der Carolina problemlos durchgeführt hätte. Und doch hatte es sich Gautami nicht nehmen lassen, ihren besten Piloten zu schicken, um den Admiral abzuholen. Die Hangartore schlossen sich und innerhalb von Sekunden wurde der normale Luftdruck im großen Gewölbe wiederhergestellt. Es dauerte jedoch ein wenig länger, ehe im Hangar wieder eine angenehme Temperatur herrschte. Das merkte Gautami als sie den Kontrollraum verließ und auf dem Weg zum Shuttle von einem leichten Frösteln ergriffen wurde. Anderseits konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen, ob dies an der niedrigen Temperatur oder an der Aufregung lag. 31

Hinter dem Cockpitfenster erkannte sie, dass der Pilot vorschriftsmäßig die Landeprozeduren

abschloss,

während

sich

die

Schleuse

des

kleinen

Passagierabteils bereits öffnete und Admiral Archer das Hangardeck betrat. Überraschenderweise trug er nicht seine übliche nachtschwarze Admiralsuniform, sondern eine normale Dienstuniform, die jedoch mit den breiten, bronzenen Rangabzeichen eines Flottenadmirals an den Ärmeln versehen war. Der Admiral blieb ein paar Schritte entfernt vor Gautami stehen und bat förmlich um Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen. Ihr entging dabei nicht, dass er darum kämpfen musste, eine ernste Miene zur Schau zu stellen. „Erlaubnis gewährt“, erwiderte sie mit gespielter Ernsthaftigkeit, ehe sich ihre Mundwinkel nach oben zogen und sie den Admiral fest umarmte. „Willkommen an Bord, Großvater.“ „Hallo, Jessy.“ Archer erwiderte die Umarmung und überraschte Gautami damit, wie fest diese ausfiel. Natürlich freute er sich, sein einziges Enkelkind nach Jahren wiederzusehen. Aber die Umarmung war die eines kräftigen Mannes und nicht die eines gebrechlichen Greises. Gautami hatte sich vorgestellt, ihren Großvater in einem weniger guten körperlichen Zustand anzutreffen. Aber Jonathan Archer war immer noch der große, starke Mann, zu dem sie schon als kleines Mädchen aufgesehen und dem sie nachgeeifert hatte.

Warum will er nur in den Ruhestand treten?, fragte sie sich stumm, während sie sich aus der Umarmung löste. Laut sagte sie: „Du siehst toll aus, Jonathan.“ „Nicht so gut wie du, Captain. Diese Art von Uniform steht dir bedeutend besser als mir. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich. Und Erika wäre es ebenfalls.“ „Danke, Jonathan. Das bedeutet mir sehr viel. Du weißt ja, du und Oma, ihr wart immer meine Inspiration.“ „Ich bin sicher, du hättest deinen Weg auch ohne uns gemacht. Und der größte Teil deines Weges liegt noch vor dir. Im Gegensatz zu mir.“ „Ach, bitte rede doch nicht so.“ „Es ist doch nichts Schlimmes dabei, festzustellen, dass der größte Teil des Lebens bereits hinter einem und nicht mehr vor einem liegt“, verwarf er ihren Einwand. „Außerdem gehe ich nur in den Ruhestand. Ich habe aber nicht vor, mich bereits ins Grab zu legen.“ „Das will ich stark hoffen. Du siehst nämlich nicht gerade wie der typische Rentner aus. Und deinem Outfit nach willst du dir mein Schiff auch nicht für einen kurzen Wochenendausflug ausliehen, nicht wahr?“ „Es wäre ein schönerer Anlass gewesen, dich wiederzusehen. Hast du was dagegen, mir dein Schiff zu zeigen, während wir reden?“ 32

„Natürlich nicht. Aber dir wird einiges vertraut vorkommen.“ Archer nickte wissend. Selbstverständlich kannte er als Oberbefehlshaber die Schiffe seiner Flotte. Und doch war er wahrscheinlich mit kaum einem Schiff besser vertraut als mit der Carolina. Die Ähnlichkeiten zur NX-Klasse, zu der Archers Enterprise gehört hatte, waren kaum zu übersehen und die Carolina war zudem auch nur ein Deck höher. Doch während die NX-01 damals die Crème de la crème der Sternenflotte gewesen

war,

waren

Schiffe

dieser

Größe

heutzutage

nur

noch

Unterstützungsschiffe, die den größeren Sternenkreuzern der Iowa- oder SaladinKlasse bei allen möglichen Missionen assistierten. „Es ist ein gutes Schiff für ein erstes Kommando“, merkte Gautami an, während sie Archer vom Hangardeck zur angrenzenden Maschinensektion führte. „Für die geringe Größe der Carolina sind wir ziemlich gut ausgerüstet, wenngleich unsere Sensorphalanx nicht die bestmögliche Auflösung erreicht und unsere Waffen es vielleicht mit zwei Birds of Prey aber keinesfalls mit einem Schlachtkreuzer aufnehmen könnten. Aber wir können eine große Bandbreite an Aufgaben übernehmen.“ „Es wird euch also nicht langweilig“, kommentierte Archer. Sie gingen am röhrenförmigen Warp-Kern vorbei. Durch kleine Sichtöffnungen in der dicken Metallhülle schimmerte die pulsierende Energie, die es der Carolina ermöglichte, ein Vielfaches der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. „Und dank eures Warp 7-Antriebs kommt ihr schnell von einem Ort zum anderen.“ „Es ist ein guter Antrieb“, bestätigte Gautami. „Wir können Warp 7 bedenkenlos zwei Tage lang halten. Meine Chefingenieurin hat uns aber auch schon auf Warp 7,2 gebracht.“ „Nicht schlecht. Je schneller wir unsere Ziel erreichen, desto besser.“ „Wenn ich fragen darf, Jonathan: Wohin geht die Reise eigentlich? Seit ein paar Tagen beschränkt sich die Kommunikation mit dem Hauptquartier auf ein Minimum. Jeder scheint darauf bedacht zu sein, nicht aus Versehen etwas auszuplaudern. Es ist etwas vorgefallen, nicht wahr?“ Archer nickte und ein Schatten legte sich über seine Augen, als er die Stirn runzelte. „Es wird wahrscheinlich bald ein offizielles Kommuniqué geben, also kann ich es dir ruhig schon sagen. Du hast sicher schon von der Vernichtung der Kelvin gehört?“ „Ja, ein großer Verlust“, erwiderte sie knapp. Sie war richtig perplex gewesen, als sie vor ein paar Tagen davon hörte. Zuvor hatte sie noch gedacht, Schiffe der Iowa33

Klasse wären nahezu unverwüstlich. Und ganz besonders die Kelvin. Aber die Zerstörung dieses Schiffes hatte sie daran erinnert, wie beschränkt im Vergleich die Möglichkeiten ihres eigenen Schiffes waren und wie hilflos sie in einer ähnlichen Situation wäre. „Hat man schon herausgefunden, wer dafür verantwortlich war?“ „Vielleicht waren es die Romulaner.“ Keine andere Antwort hätte sie mehr schockieren können. Generationen von Offizieren waren in den Dienst der Sternenflotte getreten und hatten diese wieder verlassen, ohne jemals mit den Romulanern zu tun zu haben. Gautami hätte darauf gewettet, dass auch sie zu diesen Offizieren gehören würde. „Meine Güte. Die haben sich ja mit einem ordentlichen Knalleffekt zurückgemeldet.“ „Kannst du laut sagen. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass die Regierung des Romulanischen Sternenimperiums gar nichts damit zu tun hat. Ich will deshalb versuchen, mit ihnen in Kontakt zu treten und ihre Absichten in Erfahrung zu bringen.“ „Romulaner sind nicht gerade dafür bekannt, sonderlich gesprächig zu sein.“ „Ich habe nicht vor, ihnen eine Wahl zu lassen. Unser Ziel ist Erdaußenposten 3. Er überwacht jenen Teil der romulanischen Neutralen Zone, der Romulus am nächsten ist. Von dort aus werde ich kaum zu überhören sein.“ Gautami war erleichtert, dass ihr Großvater nicht plante, auf direkten Weg zur romulanischen Heimatwelt zu fliegen. Es gab zweifellos eine Million anderer Missionen, für die ein Schiff wie die Carolina besser geeignet war. „Okay. Dann werde ich zusehen, dass wir so schnell wie möglich losfliegen können. Wir beamen momentan noch Versorgungsgüter von der Lunar 1-Kolonie rauf, aber sind sicher in einer Stunde fertig.“ „Zeit genug um den Rundgang abzuschließen.“ ********************************* Viele Admirale, die es seit Jahren oder Jahrzehnten gewohnt waren, nur noch am Schreibtisch zu sitzen, beklagten gerne wie unkomfortabel Reisen an Bord von Raumschiffen waren. Archer konnte diese Beschwerden nicht nachvollziehen. Er ließ keine Möglichkeit aus, an Bord eines Schiffs zu gehen und sich so lange wie möglich darauf aufzuhalten. Für ihn galt zweifellos das Motto „Einmal Raumfahrer, immer Raumfahrer“. Und wenn er auf einem Schiff sein konnte, dass seiner Enterprise so ähnlich war, wurde der Aufenthalt gleich noch eine Spur angenehmer. 34

Natürlich gab es an Bord der Carolina fast kein Element, das exakt gleich aussah wie auf dem Museumsschiff. Die Formen und Farben ähnelten mehr den Einrichtungen an Bord von Schiffen der Iowa-Klasse, die ungefähr zur selben Zeit entwickelt worden waren wie die Carolina. Und doch wusste Archer genau, was er hinter der nächsten Ecke vorfinden würde. Besprechungsraum, Frachtabteilung, Krankenstation, Deflektorkontrolle – alles war genau dort, wo er es erwartet hätte. Die einzigen Unterschiede betrafen jene Abteilungen, die im Heckbereich angesiedelt waren. Ein Bereich, der doch deutlich anders gestaltet und größer war, als auf der NX-Klasse und wo sich Hangar und Hauptmaschinenraum befanden. Beide Sektionen hatten auf der Enterprise noch im Inneren der Untertassensektion Platz gefunden. Was Archer ebenfalls an seine Zeit an Bord der Enterprise erinnerte, war die bedrückte Stimmung unter der Crew. Natürlich hatte es während der zehnjährigen Mission der Enterprise auch beschwingte Momente gegeben. Aufbruchsstimmung und Freude am Forschen hatten lange Zeit die Atmosphäre an Bord geprägt. Doch unterm Strich hatte die Enterprise die Hälfte ihrer Einsatzzeit in Kriegszeiten absolviert. Und selbst in ausgewiesenen Friedenszeiten hatte es immer wieder Ärger mit der einen oder anderen feindseligen Spezies gegeben und man hatte jederzeit damit rechnen müssen, von den Bordwaffen Gebrauch zu machen. Ungefähr so wirkte auch die Crew der Carolina. Seit sich die Nachricht von der Zerstörung der U.S.S. Kelvin verbreitet hatte, gingen die Leute ihrer Arbeit mit ernsten Gesichtern nach. Und dass die Carolina nun auf dem Weg zur Neutralen Zone war, hatte die Laune verständlicherweise auch nicht verbessert.

Jeder Tag voll Sonnenschein wird mit dunkelster Nacht bezahlt. Diese kosmische Konstante wird sich wohl nie ändern. „Brücke“ Die Turboliftkabine, die Archer eben betreten hatte, setzte sich sofort in Bewegung. Die Fahrt dauerte nicht lange, die Wege an Bord der Carolina waren relativ

kurz.

Nach

wenigen

Sekunden

traf

Archer

bereits

auf

der

Kommandobrücke ein und fand dort eine ebenfalls vertraut wirkende Konsolenanordnung vor. Zwei Meter hinter der Steuerkonsole im vorderen Bereich des kreisrunden Raums und flankiert von der taktischen und wissenschaftlichen Station an Backbord und Steuerbord, thronte Jessy Gautami auf ihrem Kommandosessel. Ein surrealer Anblick, wenn er daran dachte, dass er diese Frau einen Tag nach ihrer Geburt bereits in den Armen gehalten und ihren Eltern gratuliert hatte. 35

„Admiral auf der Brücke!“, verkündete sie stolz, als sie seine Ankunft bemerkte. Sie salutierte förmlich vor ihm, ehe sie näher trat und in einem entspannten Tonfall sagte: „Wir sind gerade unter Warp gegangen und nähern uns dem Erdaußenposten.“ Auf dem Sichtschirm wurden die grauen Umrisse eines unförmigen Asteroiden erkennbar. Wie die meisten Erdaußenposten war auch Nummer 3 im ausgehöhlten Inneren eines rohstoffreichen Asteroiden errichtet worden, der aus einem nahen Asteroidengürtel zum Rand der Neutralen Zone geschleppt worden war. Lediglich große Steuerdüsen an der felsigen Oberfläche wiesen darauf hin, dass es sich bei diesem Felsen um eine selbstversorgende und gut geschützte Überwachungsstation handelte. Während Archer in die Mitte der Brücke trat, bemerkte er, wie Jessy einen weiten Bogen um ihren Kommandosessel machte. Archer verstand und wusste die Geste sehr zu schätzen. Doch er hatte nicht vor, den Platz in der Mitte für sich zu beanspruchen. „Es ist dein Sessel.“ „Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass du das sagst“, erwiderte sie erleichtert und nahm den Posten ein, den sie sich verdient hatte. Archer trat hingegen an die Kommunikationsstation heran, wo ein Mann mit den Rangabzeichen eines Lieutenants saß. „Bitte öffnen Sie einen Kanal zum Außenposten.“ „Verbindung wird hergestellt, Admiral“, bestätigte der Lieutenant mit einem sehr stark ausgeprägten russischen Akzent. „Commander Barstow für Sie.“ Ein ernstes, wettergegerbtes Gesicht eines Mannes mittleren Alters wurde über die Außenansicht des Asteroiden geblendet. „Admiral Archer“, grüßte der Commander vom Sichtschirm aus knapp. „Wie sieht’s aus an der Grenze?“

„Unverändert. Seitdem das Hauptquartier mehr Schiffe für die Patrouille der Neutralen Zone abgestellt hat, haben auch die Romulaner mehr Schiffe geschickt. Sie folgen dem Verlauf der Neutralen Zone auf ihrer Seite und halten den üblichen Abstand.“ Es war ein schwacher Trost, dass die Lage an der Zone in den letzten Tagen stabil geblieben war. Denn Archer musste auch berücksichtigen, dass jenes Schiff, auf das die Kelvin getroffen war, aus dem Nichts und weit entfernt vom romulanischen

Territorium

erschienen

war.

Wenn

die

Romulaner

ein

Antriebsverfahren entwickelt hatten, dass sie ohne Vorwarnung überall hin teleportieren konnte, hatten sie es vielleicht gar nicht notwendig, ihre Grenzen mehr als nötig abzusichern. Verstärkung konnte jederzeit eintreffen. Falls die 36

Romulaner über eine solche Technologie verfügten, würde sie den Verlust der holografischen Tarnfähigkeit nach dem Vorkado-Zwischenfall mehr als nur ausgleichen. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, uns die Frequenz Ihres Subraum-Senders zu leihen, Commander. Ich möchte den Romulanern gerne eine Botschaft schicken.“

„Versuchen Sie Ihr Glück, Admiral“, sagte Barstow beiläufig. Der Commander des Außenpostens gab einem seiner Offiziere, der nicht im Erfassungsbereich der Kamera war, ein Handsignal. Kurz darauf gab die Kommunikationskonsole der Carolina ein bestätigendes Piepen von sich. „Wir haben nun Zugriff auf den Sender“, bestätigter der russische Lieutenant. „Vielen Dank, Commander.“

„Gern geschehen. Hoffen Sie aber nicht darauf, dass Ihnen geantwortet wird“ Mit diesen Worten beendete Barstow das Gespräch und verschwand vom Sichtschirm. „Warum ist es so wichtig, die Romulaner über den Sender dieses Außenpostens zu rufen?“, fragte Jessy neugierig. „Die Romulaner erinnern sich vielleicht an den Identifikationscode dieses Senders“, erklärte Archer. „Es ist der gleiche Sender, über den damals die Details des Friedensvertrags ausgehandelt wurden. Vielleicht verleiht die Verwendung dieses Senders meiner Botschaft mehr Gewicht.“ Er griff in seine Tasche und holte ein rotes Datenmodul hervor. Er gab es dem Kommunikationsoffizier. „Rufen Sie die Romulaner auf dem damals verwendeten diplomatischen Kanal. Wenn ich Ihnen dann ein Zeichen geben, senden Sie auf derselben Frequenz die auf dem Modul gespeicherten Daten.“ „Aye.“ Archer trat näher an den Sichtschirm heran. Seine Aufmerksam galt aber nicht dem Außenposten, sondern den Sternen im Hintergrund. Um einen von ihnen kreiste eine Welt namens Romulus, auf der hoffentlich jemand bereit war, ihn anzuhören. „Kanal ist offen. Sie können sprechen.“ Archer straffte seine Gestalt. Auch wenn es die Romulaner nie für nötig gehalten hatte, ein Bild von sich zu übermitteln, übertrug die Sternenflotte stets Bild und Ton. Das war auch vor 70 Jahren der Fall gewesen, weshalb Archer hoffte, dass sich die Romulaner an sein Gesicht – wenngleich es heute etwas anders aussah – erinnerten. „Hier spricht Admiral Jonathan Archer von der Sternenflotte der Vereinigten Föderation der Planeten. Ich wende mich an die Vertreter des Romulanischen Sternenimperiums, den Praetor und den Senat.“ 37

Archer ließ ein paar Sekunden vergehen. Er stellte sich vor, wie seine Nachricht eben auf Romulus empfangen wurde – vielleicht in einem Raum, der seinem Missionsplanungszentrum ähnelte – und nun an ein Regierungsmitglied weitergeleitet wurde. „Unser letzter Kontakt mit dem Sternenimperium war gleichbedeutend mit dem Ende eines langen und blutigen Krieges. Ich habe die Hoffnung, dass wir mit der Wiederaufnahme dieses Kontakts einen ähnlich verheerenden Krieg verhindern können.“ Archer gab dem russischen Lieutenant mit einer unmissverständlichen Geste zu verstehen, den Inhalt des Datenmoduls zu übermitteln. „Sie erhalten nun Aufzeichnungen einer Konfrontation, die vor wenigen Tagen zwischen einem Sternenflottenschiff und einem bis jetzt nicht eindeutig identifizierten Raumschiff stattgefunden hat.“ Das übermittelte Datenmaterial beinhaltete lediglich visuelle Aufzeichnungen und somit nichts, woraus die Romulaner irgendwelche Rückschlüsse auf die verwendete

Technologie

des

Angreifers

ziehen

konnten.

Weitaus

aufschlussreicher als die Bilder der eingesetzten Waffen sollten zudem auch die Kommunikationsaufzeichnungen sein. „Sie werden sehen, dass ein begründeter Verdacht besteht, dass es sich bei den Angreifern um Romulaner handelte. Sollte sich dieser Verdacht bewahrheiten, würde dies einen gravierenden Bruch des Friedensvertrags bedeuten und eine Kriegserklärung von Seiten des Sternenimperiums darstellen.“ Archer ließ diese Worte etwas wirken und wechselte einen verstohlenen Blick mit dem Kommunikationsoffizier, der weiterhin regungslos an seiner Station saß. Kein Hinweis darauf, dass die Romulaner beabsichtigten, zu antworten. Archer sah kurz über seine Schulter zu Jessy, die auf der Kante ihres Sessels saß und die Hände

flach

auf

die

Armlehnen

gelegt

hatte,

jederzeit

dazu

bereit

hochzuschnellen. Und wahrscheinlich würde sie das gleich, wenn sie die nächsten Worte ihres Großvaters hörte „Ich biete Ihnen an, diesen Konflikt auf diplomatischem Wege aus der Welt zu schaffen, ehe er sich entwickelt“, setzte Archer fort und verwendete eine ähnliche Formulierung wie damals kurz vor Ende des Krieges. „Nehmen Sie sich Zeit, die übermittelten Daten zu sichten und zu bewerten. In eineinhalb Tagen werde ich bei Romulus eintreffen, um diese Daten mit Vertretern Ihrer Regierung persönlich zu besprechen. Archer Ende.“

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Mit einer Kill-Geste befahl Archer, den Kanal zu schließen. Als er sich umdrehte überraschte es ihn nicht, Jessy auf den Beinen zu sehen. „Wenn ich fragen darf, Admiral: Was genau passiert jetzt?“ „Wir warten zehn Minuten. Wenn uns die Romulaner bis dann nicht kontaktieren und es uns verbieten, durchqueren wir die Neutrale Zone und fliegen direkt nach Romulus.“ „Kann ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern hielt direkt auf den hinteren Bereich der Brücke zu, wo es einen gesonderten Lagebesprechungsraum gab. Die an den nahen Stationen arbeitenden Offiziere verscheuchte sie mit einem eisigen Blick und Archer machte sich auf ein Gespräch gefasst, dass er gerade mit seiner Enkelin nicht führen wollte. „Du willst tatsächlich, dass die Carolina nach Romulus fliegt?“, fragte sie entsetzt und für Archers Geschmack etwas zu laut. „In der Nähe patrouillieren zwei Schiffe der Iowa-Klasse. Wechsle auf eines von denen.“ „Willst du mich etwa von deinem Schiff werfen?“, fragte Archer scherzhaft. Doch Jessy war nicht in der passenden Stimmung. „Das meine ich nicht. Aber diese Schiffe sind viel besser ausgerüstet. Du hast keine Ahnung, wie die Romulaner reagieren werden, wenn du die Neutrale Zone durchquerst.“ „Und genau deshalb muss es die Carolina sein“, stellte Archer klar. „Ich habe den Romulanern eine diplomatische Lösung versprochen und ich würde ziemlich unglaubwürdig wirken, wenn ich mit einem waffenstrotzenden Raumschiff in deren Heimatsystem aufkreuze. Die Carolina ist perfekt für diesen Job geeignet. Und falls es doch Ärger gibt, ist dein Schiff schnell genug, um sich aus dem Staub zu machen.“ „Ich hätte nicht gedacht, dass du mir das antust.“ Die Enttäuschung in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Sie schmerzte Archer. „Du setzt dieses Schiff – und mich – einer unnötigen Gefahr aus.“ „Das ist nicht wahr.“ „Vielleicht erkennst du es gar nicht“, schlug sie vor. „Du hast eine lange Karriere hinter dir, die bald zu Ende gehen wird. Verzeih‘ mir, wenn ich es so direkt sage, aber vielleicht hast einfach nichts mehr zu verlieren.“ Archer rieb sich die Schläfe. Dass ausgerechnet Jessy ihm eine Todessehnsucht vorwarf, überforderte ihn. Aber anderseits konnte er ihr einfach nicht böse sein, denn sie war immerhin seine Enkelin. Und wenn ihr Vorwurf daraus resultierte, dass sie in den letzten Jahren zu wenig Zeit miteinander verbracht hatten, dann 39

schürte dieser Streit nur seinen Wunsch, dieses Manko zu beheben und es ihr zu ermöglichen, Jonathan Archer besser kennenzulernen. Bis es soweit war, konnte er aber nur eines sagen: „Ich kann dir nur nochmals versichern, Jessy: Ich habe noch nicht vor, mich ins Grab zu legen. Es würde mich freuen, wenn du mir das glaubst und mir vertraust. Wenn nicht, dann erwarte ich von dir zumindest, meine Befehle zu befolgen. Ich bin immer noch dein Vorgesetzter.“ Jessy mied seinen Blick, als sie nur mit einem knappen „Aye, Sir“ antwortete und wieder zu ihrem Kommandosessel zurückkehrte. „Rühren sich die Romulaner?“, fragte Archer, als er ihr folgte. Weder der Kommunikations- noch der Wissenschaftsoffizier, der die romulanischen Schiffe auf der anderen Seite der Neutralen Zone beobachtete, gab eine positive Antwort. Keine Reaktion auf Archers Botschaft. Weder eine Ablehnung noch eine Einladung. „Na schön. Dann wollen wir mal.“ Er trat an die Steuerfrau heran. „Wir durchfliegen die Neutrale Zone. Warp 3 reicht aus. Sie sollen Zeit genug haben, uns kommen zu sehen.“ „Kurs gesetzt.“ „Los geht’s!“ ********************************* Die Nerven aller Brückenoffiziere waren bis zum Zerreißen gespannt, als die Carolina die Pufferzone, die Föderation und Sternenimperium trennte, vollständig durchquert hatte und in jenes Raumgebiet eindrang, das offiziell von den Romulanern beansprucht wurde. Beinahe ohne Zeitverlust tauchten am Rande der Sichtweite zwei romulanische Warbirds auf, die Alarmstufe Rot wurde ausgerufen und jeder rechnete damit, gleich das grüne Leuchten von Disruptorfeuer zu sehen. Doch vor allem zu Captain Gautamis Überraschung hielten die Warbirds den Abstand und passten die Geschwindigkeit an jene der Carolina an. „Sieht aus wie eine Eskorte“, kommentierte Archer. Gautami war noch immer ein wenig wütend darüber, in welche Lage er ihr Schiff gebracht hatte, aber sie konnte ihm kaum widersprechen. „Erhöhen wir langsam die Geschwindigkeit, damit wir pünktlich bei Romulus ankommen.“ Während die Steuerfrau die Berechnungen vornahm, wandte sich Gautami an ihren Wissenschaftsoffizier: „Versuchen Sie ein gutes Bild von einem der Warbirds zu bekommen. Seit einer halben Ewigkeit war niemand mehr so nahe dran wie wir. Ein genauerer Blick kann nicht schaden.“

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„Gute Idee“, stimmte Archer zu. Falls dies ein Versuch war, seine Enkelin zu besänftigen, blieb er wirkungslos. Gautamis Blick blieb auf den Sichtschirm gerichtet, wo sich ein kleiner Punkt in der Ferne in ein Raumschiff verwandelte mit einer ovalen Hauptsektion und röhrenförmigen Warpgondeln an zwei langen, trapezförmigen Pylonen. „Nicht viel anders als zu meiner Zeit“, kommentierte Archer. „Wenn auch nicht mehr ganz so aerodynamisch. Ich frage mich, ob diese Warbirds auch in einer planetaren Atmosphäre flugtauglich sind.“ „Es sieht ganz anders aus als das Schiff, das von der Kelvin entdeckt worden ist“, meinte Gautami. Archer hatte ihr – natürlich noch vor ihrer Auseinandersetzung – die Aufzeichnungen von der Kelvin gezeigt. „Es gibt auch in der Föderation verschiedenste Schiffstypen“, gab der Wissenschaftsoffizier – ein dreiarmiger und dreibeiniger Edosianer – zu bedenken. „Eine Möglichkeit“, murmelte Archer. Er klang aber nicht überzeugt. „Können wir unseren Kurs unauffällig ändern, so dass wir einen Blick auf die Unterseite des Warbirds werfen können?“ „Das wird kein Problem sein“, bestätigte die Steuerfrau. Beinahe sofort kam das Bild in Bewegung, der Betrachtungswinkel änderte sich wie gewünscht. „Kein Raubvogel.“ „Wie bitte?“, fragte Gautami nach. „Kein Raubvogel“, wiederholte Archer und zeigte mit dem Finger auf den metallic-grünen Rumpf des Warbirds. „Vor dem Krieg trugen romulanische Warbirds keine Markierungen an der Unterseite. Doch schon in der ersten größeren Schlacht trugen diese Schiffe einen großen, roten Raubvogel auf ihren Hüllen. Oder silberne auf ihren Kommandoschiffen.“ „Und das bedeutet …?“ „Wir glauben, dass die Romulaner ihre Schiffe mit diesem Symbol nur zieren, wenn sie im Kriegszustand sind“, erinnerte sich Archer an einen Bericht seiner Analysten. „Wenn der Angriff auf die Kelvin einer Invasion vorangehen sollte, hätten die Romulaner sicher schon entsprechende Vorbereitungen getroffen und ihre Schiffe in den Kriegszustand versetzt.“ „Oder sie haben inzwischen gelernt, ihre Absichten besser zu verbergen“, schlug Gautami alternativ vor. Archer nickte: „Vielleicht sind auch die Preise für Raumschifflackierungen auf Romulus exorbitant gestiegen.“ *********************************

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Romulus. Genau wie Archer ihn in Erinnerung hatte, schwebte der azurblau-grüne Globus im All und war der Erde erstaunlich ähnlich, mit Ausnahme der Kontinente. Es gab wesentlich mehr Landmassen aber dafür waren die durchschnittlich kleiner als die irdischen Kontinente. Der braune, karge Schwesterplanet Remus schwebte im Hintergrund und war weiter von Romulus entfernt als beim letzten Mal, als Archer in diesem Sonnensystem gewesen war.

Als ob es gestern gewesen wäre. „Ich scanne eine große Anzahl an Verteidigungsplattformen in verschiedenen orbitalen Höhen über dem Planeten“, las der edosianische Sensoroffizier von seinem Bildschirm ab. „Keine Schiffe im Orbit, aber die beide Warbirds, die uns bisher begleitet haben entfernen sich und schließen sich fünf weiteren Schiffen an, die in der Nähe von Remus eine Warteposition bezogen haben.“ Die Heimatwelt der Romulaner wurde immer noch gut verteidigt, stellte Archer fest.

Damals,

am

letzten

Tag

des

Krieges,

hatten

die

orbitalen

Verteidigungsplattformen die letzte Bastion des Sternenimperiums dargestellt. Die alliierte Flotte, die Archer angeführt hatte, war damals bis hierher gelangt und hatte davor zurückgeschreckt, einen Angriff auf die Verteidigungsanlagen des Planeten zu starten. Anstatt sich auf einen Kampf mit hohen Verlusten einzulassen, war Archers Flotte abgezogen ohne einen Schuss abzugeben. Dafür mit einem Vertrag in der Tasche, der das Ende des Krieges besiegelt hatte. „Ich war mal mit einer ganzen Kriegsflotte hier und musste an dieser Stelle zurückweichen“, sagte Archer mehr zu sich selbst, als zu den anwesenden Offizieren. „Und nun hoffe ich mit einem einzigen Raumschiff weiter zu kommen.“ „Wir nähern uns dem äußeren Perimeter der Verteidigungsplattformen“, gab die Steuerfrau mit einem warnenden Unterton zu bedenken. „Wir sollten die Position halten“, schlug Jessy vor. Archer wusste es zu schätzen, dass sie nicht direkt den Befehl gab, den er wiederum hätte aufheben müssen. „Ich möchte näher ran.“ „Zwischen den Waffenplattformen sitzen wir in der Falle. Die könnten uns dort jederzeit wegpusten.“ „Das hätten sie auch den ganzen letzten Tag tun können. Zwei Warbirds gegen die Carolina? Die Romulaner hätten nicht mit großen Verlusten rechnen müssen. Mein Gefühl sagt mir, dass wir willkommen sind.“ Archer bemerkte Jessys

42

Verärgerung. „Aber wir müssen zum Glück nichts riskieren“, sagte er schnell. „Voller Stopp!“ Die Steuerfrau erlaubte sich ein erleichtertes Durchatmen als sie die Impulstriebwerke auf Umkehrschub stellte. Archer wandte sich an den Kommunikationsoffizier, dessen Namen er inzwischen herausgefunden hatte: „Mister Chekov, öffnen Sie wieder den diplomatischen Subraumkanal.“ Andrei Chekovs Finger huschten über die Konsole und riefen die Frequenz auf. Die Carolina war inzwischen natürlich weit entfernt vom Erdaußenposten und sendete nun über die eigene Subraumanlage. „Kanal offen.“ „Hier spricht Admiral Archer an Bord des Föderationsraumschiffs Carolina. Sie hatten Zeit genug, die übermittelten Daten zu sichten. Ich erwarte Ihre Antwort.“ Eine Minute verging. Dann noch eine. „Und wenn sie nicht antworten wollen?“, fragte Jessy. „Wie lange warten wir?“ „Wir wären nicht hier, wenn sie nicht bereit wären, uns zu antworten. Aber notfalls beschwöre ich nochmals das Kriegsschreckgespenst. Darin habe ich inzwischen Übung.“ „Das wird nicht nötig sein“, unterbrach Chekov. „Es kommt gerade ein Satz Zahlen

herein.

Sieht

für

mich

aus

wie

eine

Ortsangabe

in

einem

Koordinatensystem.“ „Mister Chekov hat recht“, bestätigte der Edosianer, der sich über die Schulter des Kommunikationsoffiziers lehnte. Mit einer seiner drei Hände übertrug er die Koordinaten zu seiner Station und lokalisierte den angegebenen Ort auf einer topographischen Karte des Planeten. „Die Koordinaten beziehen sich auf einen Ort wenige Kilometer außerhalb eines Ballungszentrums am Ufer des größten Binnenmeeres von Romulus.“ „Also das sieht mir wie eine Einladung aus“, kommentierte Archer. Er war sich nun sicher, dass sich die Carolina gefahrlos dem Planeten nähern konnte. „Schwenken Sie

in einen hohen

Orbit, so

dass

wir gerade

noch

in

Transporterreichweite sind.“ „Warum soll ich nicht gleich in einen Standardorbit gehen?“ „Für den Fall, dass was schief läuft …“ Archer ließ den Satz offen, aber jeder verstand, dass er wollte, dass das Schiff einen möglichst kurzen Weg hatte, um die Reichweite der Orbitalwaffenplattformen zu verlassen. „Ich gehe in den Transporterraum.“ Kurz vor dem Turbolift verharrte Archer, als er Jessy ins Intercom sprechen hörte: „Sicherheitsteam in den Transporterraum.“ 43

„Ich gehe allein“, stellte Archer sofort klar und hoffte, dass er laut genug gesprochen hatte, so dass man ihn auch über das Intercom gehört hatte. Das Letzte was er brauchen konnte, war ein Trupp Sicherheitsoffiziere bei eventuell heiklen Verhandlungen mit Staatsoberhäuptern eines ganzen Sternenimperiums. Jessy

drückte

den

Knopf

an

ihrer

Sessellehne

um

den

Kanal

zur

Sicherheitsabteilung zu schließen. „Ich kann keinesfalls zulassen, dass du dich allein auf feindliches Territorium begibst.“ „Ich lass‘ dir keine Wahl.“ Er trat dicht an sie heran und sprach so leise, dass nur sie ihn verstehen konnte. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir gegenüber den Vorgesetzten raushängen lassen muss. Aber ich kann dir zumindest eines versichern. Nämlich dass ich sehr motiviert

bin von Romulus heil

zurückzukehren um die Wogen wieder zu glätten, die in letzter Zeit zwischen uns hochgegangen sind.“ Seufzend legte sie ihre Hand auf seine Schulter. „Ich mach‘ mir nur Sorgen um meinen Großvater. Kann ich dir die Sache wirklich nicht mehr ausreden?“ „Keine Chance.“ „Dann wünsche ich dir viel Glück.“ „Das ist die einzige Unterstützung die ich brauche. Wir sehen uns zum Abendessen in der Kapitänsmesse. Versprochen.“ ********************************* Der Duft des Frühlings begrüßte Jonathan Archer, als der Transporterstrahl um ihn herum verblasste und seine Sinne die Umgebung wahrnahmen. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen, blauen Himmel und sorgte für angenehme Wärme, während eine erfrischende Brise vom nahen Binnenmeer herüberzog und den Düften der ihn umgebenden Natur ein etwas salziges Odeur hinzufügte. Der Ort, an dem er materialisiert war, entsprach nicht ganz Archers Vorstellungen, bot aber zweifelsohne ein angenehmes Ambiente für alles, was nun vor ihm liegen würde. Was auch immer das war. Denn als sich Archer umblickte bemerkte er, dass er allein war. Er stand auf einer Stufe einer recht flach verlaufenden Außentreppe, die den Hügel hinauf führte zu einem riesigen Gebäude. Der Baustil erinnerte an eine mediterrane Villa, doch einen Kontrast zu der rotbraunen Fassade bildeten dicke, weiße Säulen an allen möglichen Stellen. Trotz vertrauter Elemente wirkte diese Villa fremdartig. Das galt auch für den Rest des Gartens. Links und rechts von der Treppe, die aus Naturstein gehauen war, breiteten sich weite Rasenflächen aus, die beinahe unnatürlich grün strahlten. 44

Büsche waren in fantasievolle Formen zurechtgestutzt worden, die Archer kaum interpretieren konnte. Das fremdartigste Element der Szenerie war jedoch die Stadt, auf die er von hier blicken konnte. Er ging ein paar Stufen hinunter, bis er an ein abgrenzendes Geländer kam. Von hier aus hatte er einen wunderschönen Blick auf das Meer und das Ballungszentrum, wie der edosianische Wissenschaftsoffizier es genannt hatte. Zweifellos lebten Millionen Romulaner in dieser Stadt, doch die Bezeichnung „Ballungszentrum“ schien ungeeignet, um sie zu beschreiben. Der größte Teil der Stadt war ein gewaltiger, mehrstöckiger und kreisrunder Komplex. Keine Stadt, die mit der Zeit gewachsen war, sondern die vom Spatenstich weg konzipiert worden war, genauso auszusehen, wie sie es heute tat. Und auch außerhalb des zentralen Komplexes waren sämtliche Gebäude in konzentrischen Kreisen angeordnet. Erst jenseits eines breiten Wasserkanals – der vielleicht einst die Funktion eines Burggrabens erfüllt hatte – waren einzelne Häuser weniger strikt angeordnet, wenngleich auch sie noch dem Verlauf des Kanalufers folgten. Archer verarbeitete all diese Eindrücke, die er in dieser einen Minute seit seiner Ankunft aufgenommen hatte, so schnell wie möglich und versuchte einen Sinn darin zu finden. Was er bisher gesehen hatte – ein gepflegter Garten, ein beeindruckendes Landhaus und diese Stadt, die keiner anderen glich, die Archer je besucht hatte. All dies ließ darauf schließen, dass die Romulaner viel Wert auf Ästhetik legten. Wenn diese Ecke von Romulus beispielhaft war, dann lebten die Bewohner dieses Planeten in einer der idyllischsten Umgebungen, die man sich vorstellen konnte. Kaum zu glauben, dass diese Welt harte und erbarmungslose Krieger hervorbringen konnte. Archers Blick war noch auf das Panorama gerichtet, als er näherkommende Schritte vernahm. Er wandte sich noch nicht um, sammelte sich und bereitete sich innerlich darauf vor, einem leibhaftigen Romulaner gegenüberzustehen. Gleich würde er wissen, wie spitz die Ohren von Romulanern tatsächlich waren. Innerlich gefestigt wollte er sich gerade umdrehen, als der Neuankömmling plötzlich sagte: „Admiral Jonny Archer.“ Er verharrte abrupt, sein Herzschlag setzte kurz aus und Erinnerungen an längst vergangene – und vergessen geglaubte – Erlebnisse kamen hoch. Vor seinem inneren Auge sah er seinen Bereitschaftsraum an Bord der Enterprise im ersten Jahr ihrer Forschungsmission. Er war aufgeregt, da die Enterprise in Kürze den Arachnid-Nebel kartographieren sollte. Ein Raumphänomen, das den Umschlag von Archers erstem Astronomiebuch geziert hatte. Ein Buch, das er mit auf seine Reise genommen hatte und das er jemandem zeigen wollte. Er sah die 45

Person vor sich, wie sie das Buch in Händen hielt, durch die Seiten blätterte und schließlich auf die scherzhaft gemeinte handschriftliche Notiz stieß, die den Besitzer des Buches identifizierte. Admiral Jonny Archer. Die gleichen Worte, die gleiche Stimme. Es schien unmöglich und doch … Er konnte nur Gewissheit erlangen, indem er sich umdrehte. Er fasst sich ein Herz und sah seinen Verdacht bestätigt. „T’Pol.“ Sie war es tatsächlich. Die Vulkanierin, die ihn während den zehn Jahren an Bord der Enterprise trotz anfänglicher Differenzen als Erster Offizier gedient hatte und zu einer vertrauenswürdigen Freundin und Ansprechperson geworden war. Und die vor über 70 Jahren zusammen mit einem seiner besten Freunde – Chefingenieur Trip Tucker – mit unbekannten Ziel aufgebrochen war. „Hallo, Jonathan“, begrüßte T’Pol ihn freundlich mit einem angedeuteten Lächeln auf spröden Lippen. Archer war bereits von diesem leichten Lächeln überrascht, aber regelrecht in Erstaunen geriet er, als er die Lachfältchen neben ihrem Mund entdeckte. T’Pol war in Sachen emotionaler Unterdrückung nie eine Vorzeige-Vulkanierin gewesen, aber dieses Gesicht zeigte eindeutige Hinweise darauf, dass sie ein Leben geführt hatte, in dem das Zurückhalten von Gefühlsäußerungen kein Thema gewesen war. Diese Hinweise gesellten sich zu einigen Zeichen des Alters, die jedoch verschwindend gering waren, bedachte man, dass Archer T’Pol seit so langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Aber natürlich hatten Vulkanier eine sehr hohe Lebenserwartung, vergleichbar mit jener der Denobulaner. Vorsichtig legte Archer seine Hände auf T’Pols Schultern. Er musste sie fühlen, um sich wirklich klar zu machen, dass er nicht halluzinierte oder vor einem Hologramm stand. Aber sie war echt. Der Stoff ihrer himmelblauen Bluse fühlte sich richtig an genauso wie die Konturen ihrer Schultern und Oberarme darunter. Die Meeresbrise verfing sich in ihrem braunen, von grauen Strähnen durchzogenen Haar genauso wie in ihrem sandfarbenen Hosenrock. Es gab keinen Zweifel mehr für Archer. Vor ihm stand eine echte Person, die echte T’Pol. „Aber wie ist das nur möglich?“, hauchte er fassungslos und zog seine Arme wieder zurück. „Eine lange Geschichte, die ich Ihnen gerne erzählen möchte.“ Sie musterte Archers Erscheinungsbild genauso eingehend wie er das ihre studiert hatte. Schließlich fällte sie ein Urteil: „Sie sehen gut aus, Jonathan. Diese Uniform kleidet Sie sehr gut. Und diese Rangabzeichen … Ihre Träume sind wohl in Erfüllung gegangen. Admiral.“ 46

Archer lachte. Als er die Zeile in sein Astronomiebuch geschrieben hatte, war er natürlich noch ein Kind gewesen, weit davon entfernt überhaupt einmal Offizier der Sternenflotte zu sein. Dass sich seine kindliche Fantasie schließlich doch erfüllt hatte, war schon ironisch. „Ich würde gerne behaupten, dass ich einen langen Weg in kurzer Zeit zurückgelegt habe. Aber so kurz war die Zeit gar nicht. Und Ihr Weg, T’Pol, war auch ziemlich lang. Er brachte Sie nach Romulus. Wie sind Sie hier gelandet?“ T’Pol seufzte und völlig überraschend hakte sie sich bei Archer ein und begann, mit ihm durch den Garten zu schlendern. Sie folgten einigen ausgelegten Steinplaten, die zu einem etwas abgelegenen, dichter bewachsenen Bereich führten. Archer fragte sich, ob sie beide beobachtet wurden. Er war sich ziemlich sicher, dass dies der Fall war und begrüßte T’Pols Versuch, ihnen etwas Privatsphäre zu verschaffen. Sie hatten viel zu bereden. „Sie erinnern sich natürlich noch an meine Abreise, nicht wahr?“ „Wie könnte ich das jemals vergessen“, erwiderte er. Zusammen mit Reed und Phlox war er am Rande des Forest Lawn Friedhofs in Panama City gestanden um sich mit ihnen zusammen von zwei Freunden zu verabschieden. T’Pol und Charles „Trip“ Tucker III, dessen Begräbnis sie gerade miterlebt hatten und der doch am Leben war. „Nachdem Trip seinen Tod vorgetäuscht hatte, haben Sie sich entschlossen, mit ihm zusammen die Erde zu verlassen.“ Sie nickte. „Ich habe mich aus Liebe zu ihm auf eine Reise eingelassen, deren Ziel ich damals noch nicht kannte. Auch nicht den Grund für diese Reise und weshalb Trip seinen Tod vorgetäuscht hatte.“ Sie gingen an einem weidenartigen Baum vorbei und betraten einen eingezäunten Garten, in dem es nach Rosen duftete, wenngleich Archer keine Pflanze ausmachen konnte, die einer Rose auch nur entfernt ähnlich sah. „Ich habe es mir auch nie erklären können“, sagte Archer. „Aber ich habe Trip vertraut. Er sagte mit, es sei nötig, die Erde zu verlassen. Und seine Familie im Glauben zu lassen, er wäre gestorben. Die Hintergründe habe ich nie erfahren.“ „Dann will ich sie Ihnen nennen. Wenige Tage vor dem Ende des romulanischen Krieges – während der Schlacht von Cheron – wurde die Enterprise geentert.“ „Remaner“, erinnerte sich Archer an die fledermausartigen Humanoiden. „Auch Romulaner“ ergänzte T’Pol. „Während die Remaner für Ablenkung sorgten, versuchten zwei romulanische Agenten Zugriff auf den Hauptcomputer der Enterprise zu erlangen. Trip verhinderte dies. Und lüftete ein Geheimnis, das die Romulaner gerne für sich behalten hätten.“ „Dass sie aussehen wie Vulkanier“, schloss Archer. 47

„Korrekt.“ Archer ließ sich auf einer nahen Sitzbank nieder, T’Pol nahm neben ihm Platz und erzählte weiter. „Erinnern Sie sich noch, als wir in der vulkanischen Wüste vor einem Sandfeuer Zuflucht in einer Höhle gesucht haben? Wir trafen auf einen Vulkanier namens Syrran.“ Unbewusst betastete Archer seine linke Gesichtshälfte, wo Syrran ihn kurz vor seinem Tod berührt hatte, um eine Gedankenverschmelzung einzugehen. Wie sich später herausgestellt hatte, war es keine normale Gedankenverschmelzung gewesen. Syrran hatte den lebenden, atmenden Geist von Surak – die Katra – in Archers Kopf gepflanzt. Einen Bewusstseinsschatten eines Mannes, der die Vulkanier in einem von Krieg erfüllten Zeitalter auf den Weg der Logik, der Rationalität und der Friedfertigkeit geführt hatte. Und das schon vor mehr als 1.800 Jahren. Suraks Katra befand sich nicht mehr in Archers Geist. Wie in den Jahrhunderten zuvor wurde sie heute an würdigere Träger weitergegeben. Und doch waren Erinnerungen von Surak zurückgeblieben. Dieser Vulkanier hätte sich kaum eine schwerere Aufgabe setzten können, denn seine Philosophie war damals auf starken Widerstand gestoßen. Vor allem … „Diejenige, die unter den Schwingen der Raptoren marschieren“, hauchte Archer und warf T’Pol einen fragenden Blick zu. Er hatte soeben aus dem Wenigen, das sie

ihm

gesagt

hatte

und

fremden

Erinnerungen

eine

wagemutige

Schlussfolgerung gezogen. Sie erwies sich als wahr. „Das sind die Romulaner“, bestätigte T’Pol. „Diese widerspenstigen Vulkanier, die sich nicht Suraks Lehren beugen und ihr kriegerisches Naturell nicht ablegen wollten, flohen vor über 1.800 Jahren von Vulkan und siedelten sich auf Romulus neu an. Es hat also einen guten Grund, warum Romulaner mit Vulkaniern physisch identisch sind. Es ist ein Umstand, den die Romulaner geneigt waren einzusetzen.“ „Ja, ich habe gehört, dass die Vulkanier nun dazu tendieren, den Romulanern die Schuld für die Einmischung in ihre Innenpolitik in die Schuhe zu schieben.“ „So war es auch.“ „Kein Wunder, dass die Romulaner dieses Geheimnis wahren wollten.“ „Es war sogar ihre Bedingung für die Beendigung des Krieges“, erklärte T’Pol. „Hätte sich Trip – wie auch Botschafter Soval und General Shran, die ebenfalls über das wahre Erscheinungsbild der Romulaner informiert waren – nicht dazu entschlossen, das Geheimnis zu bewahren und zur Absicherung dessen nach Romulus zu gehen, hätten die Romulaner dem Friedensvertrag nicht zugestimmt.“ 48

„Aber damit haben sie den Romulanern Tür und Tor geöffnet, auch künftig ihre Spione als Vulkanier zu tarnen“, entgegnete Archer entsetzt. Trip, Soval und – mit Abstrichen – auch Shran waren vernünftige Leute, denen diese Möglichkeit sicher nicht entgangen wäre. „Wie gesagt, es war die Bedingung der Romulaner für den Friedensvertrag“, wiederholte T’Pol. „Sie wollten damit auch testen, wie ernst es den Menschen war, den Krieg auf friedlichem Wege zu beenden. Und Botschafter Soval, der im Auftrag der romulanischen Regierung den Friedensvertrag aushandelte, hatte Vorsorge getroffen, um es den Romulanern so schwer wie möglich zu machen, ihre Spione ins Gebiet der Föderation zu schicken.“ „Die Neutrale Zone“, begriff Archer. Ein Gebiet, das so gut wie frei von Schiffsverkehr war und sich leicht überwachen ließ. Und zugleich war die Zone ein territoriales Zugeständnis der Romulaner nach einem Krieg, der für sie noch viel schlimmer hätte enden können. „T’Pol, Sie haben einen verdammt hohen Preis dafür bezahlt. Lebenslange Gefangenschaft.“ „Sehe ich etwa aus wie eine Gefangene?“, fragte T’Pol ironisch. „Ich trage keine Sträflingskleidung.“ „Ist mir aufgefallen.“ „Ich kann Ihnen versichern, Jonathan, dass unser Aufenthalt auf Romulus sehr angenehm war. Bevor wir unser eigenes Haus in Dartha beziehen konnten, lebten Trip und ich lange Zeit in jenem Gebäude, das Sie bei Ihrer Ankunft gesehen haben. Es handelt sich dabei um die praetoriale Residenz.“ „Praetoriale Residenz?“, wiederholte Archer. „Praetorial wie Praetor? Das Oberhaupt der romulanischen Regierung?“ „Allerdings. Wir waren Gäste des

Praetors und wurden entsprechend

zuvorkommend behandelt. Praetor Nuvus traf diese Vereinbarung und alle seine Nachfolger – auch der derzeitige Praetor namens Telon – haben diese stets geachtet.“ „Ein goldener Käfig“, entgegnete Archer. Doch T’Pol hielt entgegen: „Nein, ein geringer Preis für den Frieden.“ Da konnte er ihr nicht widersprechen. Für einen Moment kam ihm die Idee, dass dies vielleicht doch eine Scharade war und T’Pol ihm etwas vorspielte. Zeit genug für eine eingehende Gehirnwäsche wäre den Romulanern zur Verfügung gestanden. Doch sofort verwarf Archer diesen Gedanken wieder. Er hätte gar nicht wissen können, dass T’Pol auf Romulus weilte. Warum also sie – deren reine Anwesenheit schon Erklärungsbedarf hatte – vorschicken um ihn zu begrüßen und zu versichern wie wichtig den Romulanern der Friedensvertrag war, wenn ein 49

Dutzend romulanische Politiker dies mit ihren universellgültigen Floskeln auch könnten? „Wo ist Trip?“, fragte er schließlich. „Nicht weit entfernt“, sagte T’Pol mit trauriger Stimme. Mit tränenerfüllten Augen sah sie zur Seite. Archer folgte ihrem Blick und erkannte ein paar Meter entfernt eine in den Boden eingelassene Steinplatte. Goldene Buchstaben unterschiedlicher Sprachen waren darauf und formten jeweils die Zeile „Charles „Trip“ Tucker III“. „Es tut mir leid, dass ihr euch nicht ein letztes Mal begegnen konnten. Trip starb vor acht Jahren.“ Archer schluckte schwer und bemerkte erst jetzt weitere Steintafeln, die in regelmäßigen Abständen nebeneinander gereiht waren. Weitere Gräber. „Wer?“ T’Pol nickte in Richtung des nächstgelegenen Grabes: „Soval. Neben ihm General Shran. Und schließlich Shrans Tochter Talla.“ Archer atmete tief durch. Vor allem um die kleine Talla tat es ihm leid. Er hatte sie nur einmal getroffen, nämlich als er Shran dabei geholfen hatte unterzutauchen. Das Mädchen war damals erst fünf oder sechs Jahre alt gewesen. „Für Shran und Talla war das Leben auf Romulus schwierig“, gab T’Pol zu. „Im Gegensatz zu mir und Soval – und auch Trip – konnten sie aufgrund ihres Äußeren nicht Teil der romulanischen Gesellschaft werden. In dieser Hinsicht sind Romulaner leider nur wenig tolerant.“ Archer schwieg eine Minute und betrachtete die schlichten Gräber. Erst jetzt wurde ihm klar, dass dieser getrennte Bereich des Gartens ein kleiner Friedhof war, reserviert für die Gäste des Praetors. Er spürte, wie T’Pol seine Hand ergriff, als auch ihm die Tränen kamen. Treue Weggefährten lagen hier begraben. Was hätte er nur darum gegeben, noch einmal mit ihnen zu reden. Vor allem mit Trip. Er hatte nie wieder einen so guten Freund gehabt wie ihn. Aber der frühere Chefingenieur der Enterprise war auch vielen anderen ein guter Freund gewesen. „Hätte ich das gewusst, wäre ich zusammen mit Malcolm hergekommen. Und mit Hoshi und Phlox natürlich auch.“ „Ich habe viel an sie gedacht“, sagte T’Pol. „Möchten Sie mir erzählen, wie es meinen Kameraden von früher ergangen ist?“ Archer atmete tief durch und begann zu erzählen. Zuerst von Malcolm Reed, der das Versprechen, das er kurz nach Außerdienststellung der Enterprise gegeben hatte, gehalten hatte und in Archers Nähe geblieben war. Sie hatten stets Kontakt gehalten und schließlich wieder eng zusammengearbeitet, als Archers politische Karriere geendet hatte und er wieder in den Dienst der Sternenflotte getreten war. 50

Dann war da die Geschichte von Hoshi Sato, deren Leistungen am linguistischen Wissenschaftsinstitut dazu beigetragen hatten, den Universalübersetzer zu perfektionieren. Die Liebe zum Farmer Takashi Kimura hatte sie schließlich dazu bewogen, diese Arbeit hinter sich zu lassen und auf der Agrarkolonie Tarsus IV ein neues Leben zu beginnen. Das Leben von Phlox hingegen hatte sich nicht besonders verändert. Archer fand es amüsant herauszustreichen, dass der gute Doktor noch immer dieselbe selbstbewusste und optimistische Persönlichkeit von früher war. Wenn auch mit dem einen oder anderen Doktortitel mehr ausgestattet und noch immer dankbar für jeden Vorwand, um den familiären Reibereien auf Denobula entfliehen zu können. Archer wartete bis zum Schluss, um von Travis Mayweather und dessen viel zu frühen Tod zu erzählen. Die Schilderung der Umstände, die ihn dazu bewogen hatten, sich zum Wohle seines Schiffes zu opfern, fiel Archer besonders schwer. Auch weil sie ihn wieder daran erinnerte, warum er eigentlich nach Romulus gekommen war. Er gab T‘Pol Zeit, um alles, was er ihr eben erzählt hatte, zu verarbeiten und Archer musste sich zurückhalten, nicht noch weiter zu erzählen. Aus seiner Sicht hatte er die letzten sieben Jahrzehnte gerademal angerissen. Während sich T’Pol zurücklehnte und ins Leere blickte, sah Archer nochmals zum Grab hinüber und fragte sich, wie Trip wohl auf diese Informationen reagiert hätte. „Ich danke Ihnen, Jonathan“, sagte T’Pol schließlich mit zitternder Stimme. In ihrem Gesicht erkannte Archer Dutzende und teils widersprüchliche Gefühle, die darum kämpften, an die Oberfläche zu treten. Doch statt der Freude, der Trauer, der Erleichterung oder den Tränen zu gestatten in Erscheinung zu treten, besann sie sich auf ihre vulkanische Disziplin. Zum ersten Mal seit langer Zeit, vermutete Archer. Als sie sich wieder gefangen hatte, zog sie ein kleines PADD aus ihrer Hosentasche. „Es wird Zeit, mich zu revanchieren.“ Sie aktivierte das Anzeigegerät und auf dem Bildschirm erschien das Bild jenes Mannes – jenes Romulaners – der die U.S.S. Kelvin gerufen hatte. „Der Praetor hat mich ermächtigt, diese Angelegenheit in seinem Namen mit Ihnen zu besprechen.“ „Ich werden den Praetor nicht treffen?“, fragte Archer. Er war jedoch nicht wirklich überrascht, wenn er daran zurückdachte, dass die Romulaner mit Botschafter Soval schon einmal einen Vulkanier damit betraut hatten, ihre Angelegenheiten zu regeln. „Nicht heute“, bestätige T’Pol seine Vermutung entschuldigend. Sie reichte ihm das PADD. „Das sind die Daten, die Sie uns vorab übermittelt haben. Praetor Telon 51

hat sie von den besten Experten auf Romulus überprüfen lassen und nach Feststellung deren Echtheit eine Sondersitzung des Senats einberufen. Man kam zu dem Schluss, dass den Interessen des Sternenimperiums am besten durch Kooperation gedient ist, um Missverständnisse aus der Welt zu schaffen.“ „Erstaunlich“, spottete Archer. „Romulaner kooperieren mit der Föderation.“ „Es besteht einfach kein Interesse an einem bewaffneten Konflikt mit der Föderation. Der Senat sieht ein, dass die Aufzeichnungen der U.S.S. Kelvin den Verdacht nahelegen, das Sternenimperium könnte hinter dem Angriff stecken und möchte diesen Verdacht aus der Welt schaffen.“ „Sie bestreiten es also?“ „Dieses Gesicht.“ T’Pol zeigte auf das Display des PADDs. „Anhand dieses Bildes wurde eine Gesichtserkennung vorgenommen und mit den biometrischen Merkmalen

aller

Offiziere

der

Reichsflotte

verglichen.

Es

gibt

keine

Übereinstimmung.“ „Glauben Sie wirklich, man würde es zugeben, wenn es eine Übereinstimmung gäbe?“ „In diesem Fall schon. Denn der Kodex des romulanischen Militärs verbietet die Zurschaustellung des Trukatha’tsu-leviat.“ „Truka…. Was?“ „Die Symbole auf der Stirn. Es ist Brauch auf Romulus, den Tod einer geliebten Person in aller Öffentlichkeit zu betrauern, indem man sich die traditionellen Symbole der Liebe und des Verlusts auf die Stirn malt.“ Sie betastete ihre eigene Stirn. „Ich weiß, wovon ich spreche. Nach Trips Tod trug ich fünf Monate lang vergleichbare Symbole. Es ist vorgesehen, dass die Farbe nach dieser Zeitspanne verblasst und die Trauerzeit endet.“ „Aber diese Symbole … das ist nicht nur einfache Farbe. Laut Phlox sind das Tätowierungen.“ „Ich weiß“, bestätigte T’Pol. „Das ist sehr ungewöhnlich, denn das Trukatha’tsuleviat wird nur auf die Haut gemalt, aber niemals dauerhaft tätowiert. Ich kann nur vermuten, dass dieser Romulaner einen so schweren Verlust erlitten hat, dass er die Symbole länger als fünf Monate tragen möchte. Vielleicht für immer.“ „Ob er Rache nehmen wollte?“, fragte sich Archer. „Wenn dieser Kerl schon bereit war, sich für den Rest seines Lebens zu brandmarken, dann könnte dies das Motiv für den Angriff auf die Kelvin gewesen sein.“ „Eine Möglichkeit“, gab T’Pol zögernd zu. Archer unterdrückte ein Lachen. Auch nach so vielen Jahren auf Romulus war sie immer noch Vulkanierin genug, um wie die meisten ihrer Artgenossen ungern zu spekulieren. 52

„Was ist mit diesem Schiff?“, fragte Archer. T’Pol drückte einen Taste am Rand des Bildschirms und dieser zeigte daraufhin das Bild des merkwürdigen, monströsen Raumschiffs. „Natürlich

bin

ich

nicht

eingeweiht

in

die

romulanischen

Raumschiffentwicklungsprojekte. Aber ein Schiff mit einer solchen Konfiguration ist völlig untypisch. Ich habe nie etwas Derartiges gesehen und der Senat beteuert dies ebenfalls. Mit diesen vielen Exponierten Hüllenteilen ist es zweifellos kein ideales Kriegsschiff. Trotz der beeindruckenden Waffenkapazität scheint sein Verwendungszweck auf einem anderen Gebiet zu liegen.“ Archer überlegte, ob er die Bergbauschiff-Theorie ansprechen sollte, entschied sich aber schließlich dagegen. Warum die Romulaner auf irgendwelche Ideen

bringen? „Sie wirken nicht überzeugt“, stellte T’Pol treffenderweise fest. „Verstehen Sie mich nicht falsch, T’Pol. Aber es sind nicht gerade die eindeutigen Antworten, auf die ich gehofft hatte.“ „Hätten Sie es bevorzugt, wenn sich das Sternenimperium zu diesem Angriff bekannt hätte?“ „Nein, natürlich nicht. Aber unterm Strich habe ich nur erfahren, dass die Romulaner genauso ratlos sind wie wir. Mein Ausflug hat nicht gerade viel gebracht.“ „Das würde ich nicht sagen“, widersprach T’Pol. „Wir bekamen die Gelegenheit, uns wiederzusehen. Dafür bin ich sehr dankbar.“ „Ich ebenfalls. Schon seltsam. Wenn die Kelvin eine Woche später vernichtet worden wäre, würde vielleicht mein Nachfolger hier sitzen und nicht ich.“ „Ihr Nachfolger? Wie darf ich das verstehen?“ Archer erhob sich und ging vor den Gräbern auf und ab. „Ich trete in den Ruhestand, T’Pol.“ „Ich war immer der Ansicht, dass sich Personen erst in den Ruhestand zurückziehen, wenn sie nicht mehr fähig sind, die ihnen überantworteten Aufgaben zu erfüllen“, erwiderte T’Pol verwirrt. „Tja, das trifft wohl auf mich zu“, sagte Archer verbittert. „Ich bin hierhergekommen um die Hintergründe des Angriffs auf die Kelvin aufzudecken. Das ist mir nicht gelungen. Stattdessen komme ich mit Informationen nach Hause, die weiteres Öl ins Feuer gießen werden.“ „Aber das bedeutet nicht, dass Sie bei dieser Aufgabe gescheitert sind. Lediglich, dass diese Aufgabe noch nicht beendet ist.“ „Ich bin 120 Jahre alt.“ 53

„Na und? Die Leistungsfähigkeit eines Menschen sollte nicht danach gemessen werden, wie viele Jahre seit seiner Geburt vergangen sind. Wenn ich Sie so ansehe, hege ich keinen Zweifel daran, dass Sie der Föderation und der Sternenflotte noch lange Zeit dienen können. Welcher Admiral hätte die Reise nach Romulus gewagt, wenn nicht Sie?“ T’Pol stand auf und trat an seine Seite. „Der Jonathan Archer, an den ich mich erinnere, hätte nicht eher geruht, ehe er alles in Erfahrung gebracht hat, was es zu erfahren gibt. Lassen Sie es nicht zu, dass Sie in ihrem Ruhestand von offenen Fragen gequält werde, deren Antworten Sie hätten finden können.“ Archer konnte T’Pols Worte nicht ignorieren. Noch immer schaffte sie es, das Beste in ihm hervorzubringen, ihn auf den richtigen Weg zu führen. Manchmal hatte sie es geschafft, indem sie ihm sogar das krasse Gegenteil der richtigen Vorgehensweise vorgeschlagen hatte. Aber nicht heute. Denn heute sprach sie genau das an, was er in seinem Inneren schon gewusst hatte, als er seinen Fuß auf das Deck der Carolina gesetzt hatte. Er war noch nicht bereit, diesen Teil seines Lebens zu den Akten zu legen, archivieren und verstauben zu lassen. Es gab noch etwas für ihn zu erledigen. Sogar sehr viel, wenn er darüber nachdachte. Und er könnte Hilfe dabei benötigen. „Begleiten Sie mich“, schlug er vor. „Da nun das Aussehen der Romulaner bekannt ist, gibt es keinen Grund mehr für die Geheimniskrämerei.“ Er sah ihr tief in die Augen und erkannte Unentschlossenheit. Mit einer Geste, die den Gräbern galt, ergänzte er: „Es wird schwer, sie zurückzulassen, das verstehe ich. Aber sie können Ihnen auch keine Gesellschaft mehr leisten. Sie wären auf Romulus ganz allein, T’Pol, während jenseits der Neutralen Zone Ihre Freunde warten und sich wahnsinnig freuen würden, Sie wiederzusehen. Kommen Sie nach Hause, T’Pol. Bitte.“ Sie schluckte schwer, bevor sie zu einer Antwort ansetzte. „Jonathan, ich kann nicht. Ich bin nun auf Romulus zu Hause. Und machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich bin nicht so allein, wie Sie vielleicht denken.“ „Wie meinen Sie das?“ „Meine Kinder sind zwar inzwischen erwachsen, aber meine Enkel könnten noch etwas Führung benötigen.“ „Sie sind Mutter? Und Großmutter?“ T’Pol nickte lächelnd. „Ich habe zusammen mit Trip einen Sohn namens Lorien und eine Tochter namens Melis. Meine Tochter hat einen Romulaner geheiratet und ich bin Großmutter zweier erwachsener Enkelsöhne und einer Enkeltochter, die noch zur Schule geht.“

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„Ich habe ebenfalls eine Enkelin.“ Er erzählte von sich und Erika, ihren Kindern und seiner einzigen Enkelin Jessica. „Sie ist schon ein großes Mädchen“, fügte er lachend hinzu. „Kommandiert ihr eigenes Raumschiff.“ „Jessica kommt ganz nach ihren Großeltern“, kommentierte T’Pol. „Vielleicht komme ich Ihrer Bitte nach, sobald meine Enkelin ebenfalls „ein großes Mädchen“ ist und ich der Meinung bin, dass sie von meiner Anwesenheit nicht mehr profitieren kann.“ „Ich kann gut verstehen, dass Sie hier bleiben wollen“, bekräftige Archer. Er wollte T’Pol keinesfalls mit einem schlechten Gewissen zurücklassen. „Lassen Sie nichts zwischen sich und ihre Enkelin kommen. Das sorgt nur für Ärger.“ „Vielleicht lasse ich öfter von mir hören“, schlug T’Pol als Kompromiss vor. „Der Praetor zieht ernsthaft in Erwägung, der Föderation eine Reaktivierung der diplomatischen Kanäle vorzuschlagen. In diesem Fall wird es mir in Zukunft sicher möglich sein, per Subraumfunk mit Ihnen in Kontakt zu treten.“ „Wer weiß, vielleicht entsendet der Praetor sogar einmal eine Abordnung zur Föderation.“ „Vielleicht.“ „Versprechen Sie mir etwas, T’Pol: Falls es einmal soweit sein sollte, bewerben Sie sich bitte um den Job.“ „Werde ich Sie dann im Sternenflottenhauptquartier vorfinden?“ Diesmal zögerte Archer mit seiner Antwort. Die beste, die er ihr geben konnte, lautete: „Vielleicht. Aber lassen Sie sich besser nicht zu viel Zeit.“ Sie nickte verständnisvoll und steckte das PADD wieder in die Hosentasche. Stattdessen holte sie etwas anderes hervor und legte es in Archers Hand. Es handelte sich um zwei Glasampullen, die eine blaue Flüssigkeit beinhalteten. „Shrans und Tallas Blut“, erklärte T’Pol. Archer verstand sofort. Starb ein Andorianer fern der Heimat, war es Tradition etwas von seinem Blut zu sammeln und es zurück zum ewigen Eis von Andoria zu bringen. „Shran hatte Zweifel, ob sein Blut jemals den Weg in die Heimat finden würde“, meinte T’Pol. „Es würde ihm sicher gefallen, dass ausgerechnet Sie es sind, der diese Aufgabe erfüllt.“ Archer steckte die Ampullen ein. „Ich sorge dafür. Außerdem schulde ich Shran noch einen Gefallen. Hätte nicht gedacht, dass ich noch die Gelegenheit erhalten würde, ihn zu erwidern.“ Die Bäume rund um den privaten Friedhof warfen bereits lange Schatten. Archer hatte gar nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. In der Abendsonne war dies ein wunderschöner Ort. Eine würdige letzte Ruhestätte, die Archer vielleicht irgendwann wieder besuchen würde. 55

„Müssen Sie schon zurück auf Ihr Schiff?“, fragte T’Pol. „Noch nicht“, sagte er sofort. „Ich muss erst zum Abendessen wieder zurück sein. Und es gibt noch so viel, was ich Ihnen sagen will. Eines aber vorweg: Danke.“ „Für was?“ „Für alles.“ ********************************* An der Tür des Transporterraums wartete Jessy bereits auf ihn. „Wo warst du nur so lange? Ich habe mir Sorgen gemacht“, platzte es sofort aus ihr heraus, worauf Archer ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Sie hatte wohl mit einem früheren Abendessen gerechnet und tatsächlich war es schon knapp vor Mitternacht Bordzeit.

Aber ich bin zumindest noch am selben Tag zurückgekehrt. Allein das zählt. „Alles in Ordnung. Ich habe dort unten unerwartet eine Bekannte getroffen. Wir haben beim Reden wohl die Zeit vergessen.“ Jessy quittierte diese Erklärung mit einem konsternierten Blick, fragte aber nicht nach Details, die er ihr trotzdem bei ihrem nächsten Gespräch nachliefern würde. „Ich bedaure, dass ich euch an Bord so lange habe zittern lassen“, sagte Archer. „Aber es ist alles glatt gelaufen. Mission erfüllt, ab nach Hause.“ „Wirklich? Und wie ist der Stand der Dinge?“ Archer schlug vor, sich in einer halben Stunde mit ihr in der Kapitänsmesse zu treffen und ihr alles zu erzählen. Für ein Abendessen war es zwar schon recht spät, aber die Messe bot zumindest eine angenehmere Gesprächsatmosphäre als ein Konferenzraum. „Ich bin bis dann in meiner Kabine. Könntest du Mister Chekov bitten, einen Kanal zu meinem Büro herzustellen?“ „Geht klar.“ „Und vielleicht könnte es dein Steuermann einrichten, dass wir auf dem Weg zur Erde einen kleinen Umweg nach Andoria machen.“ Mit einem Warp 7-Antrieb war dieser kleine Umweg ein Katzensprung, weshalb Jessy nichts dagegen hatte. Archer befühlte die Ampullen in seiner Tasche.

Jetzt sind wir bald quitt, Shran. Die Erklärung für diesen Umweg behielt sich Archer für das Gespräch in der Kapitänsmesse auf. Als Archer seine Kabine betrat, erkannte er, dass sich die Sterne hinter dem Bullauge veränderten. Die Carolina drehte ab und Romulus geriet außer Sicht. 56

„Auf Wiedersehen, T’Pol“, schickte er letzte Abschiedsgrüße. Der Gedanke, dass die Vulkanierin in diesem Moment zum Sternenhimmel hochsah und dieselben Worten in seine Richtung sprach, gefiel ihm. Archer

wartete

mehrere

Minuten

darauf,

dass

der

Bildschirm

seiner

Computerkonsole zum Leben erwachte und er mit Larisa sprechen konnte. Immer wieder sah er ungeduldig zur Uhr und befürchtete schon, seine Enkelin wieder enttäuschen zu müssen. Kein guter Start für meine Wiedergutmachungstournee. Als er schließlich endgültig die Hoffnung aufgab, wurde die Verbindung mit Larisa doch noch hergestellt. „Na endlich. Was hat denn so lange gedauert?“

„Entschuldigen Sie, Admiral. Dieser Russe hat ewig mit mir geflirtet, ehe er mich endlich durchgestellt hat.“ Archer konnte nicht behaupten, dass Mister Chekov einen schlechten Geschmack hätte. Er behielt diesen Kommentar jedoch für sich und kam direkt zur Sache. „Ich brauche einen neuen Termin beim Präsidenten. Am besten gleich nachdem die Carolina wieder zurück ist. Heute in fünf Tagen.“

„Ein Termin beim Präsidenten. Wird gemacht. Welches Thema darf ich melden?“ „Meinen Ruhestand“, begann Archer. „Besser gesagt meinen Rückzug aus dem Ruhestand.“

„Sie bleiben uns noch erhalten, Sir?“ Larisa klang bei der Frage aufgeregt und Archer bemerkte, dass es erfreute Aufregung war. Es stellte sich nur die Frage, wie erfreut Zhetas sein würde. „Wenn mich der Präsident noch duldet“, schränkte Archer ein. „Ich will aber vorher noch mit jemanden per Subraum sprechen. Mister Marvick von der Inferna-Station.“

„Den habe ich sogar in der Leitung. Redet gerade mit einem unserer Leute wegen des Erlasses betreffend der Namensgebung für das erste Schiff der Constitution-Klasse.“ Archer blickte nervös auf die Uhr. Ein paar Minuten blieben ihm noch. „Okay, stellen Sie ihn schnell durch.“ Ich kann ihn zumindest schon vorwarnen. Diesmal dauerte die Wartezeit nur wenige Sekunden. Der Bildschirm zeigte einen Mann, der viel zu jung aussah, um an einem so ambitionierten Projekt zu arbeiten. Aber natürlich waren der Entwurf und die Konstruktion eines Raumschiffs keine Arbeiten für einen Mann allein. Dutzende Ingenieure zerbrachen sich seit über einem Jahrzehnt die Köpfe, wie die neusten Raumschiffe der Sternenflotte aussehen und was sie alles können sollten. Leider wurde es notwendig, sie alle so kurz vor dem Ziel zurückzupfeifen. 57

„Admiral Archer.“ „Mister Marvick! Ich habe jetzt leider nur wenig Zeit, aber ich bin es Ihnen schuldig, Sie so früh wie möglich zu informieren.“

„Über was informieren?“ „Dass Sie und ihre Leute zurück an die Zeichentische müssen.“ Wenn pure Enttäuschung ein Gesicht hatte, sah es sicher aus wie jenes von Larry Marvick gerade in diesem Moment. Alle Beteiligten hatten viel Herzblut in das Constitution-Projekt gesteckt. Auch Archer selbst und es brach ihm selbst das Herz, dass es noch ein wenig länger als gedacht dauern würde, bis eine neue Enterprise aufbrechen würde. Aber er redete sich erfolgreich ein, dass dies ein notwendiger Schritt war. Die Sternenflotte in Form der Kelvin war auf eine Bedrohung unbekannter Art gestoßen, auf die sie reagieren mussten. Wenn er mehr Zeit hatte, würde er auch Marvick von dieser Notwendigkeit überzeugen. Da er nicht so schnell in den Ruhestand treten würde, gab es in Zukunft sicher genug Gelegenheiten, mit dem jungen Mann zu reden.

„Wie Sie meinen, Admiral“, stammelte Marvick vor sich hin. „Vielleicht können wir dann auch gleich Änderungen durchführen, die erst für die Umrüstungsphasen geplant gewesen wäre.“ Auch wenn der Ingenieur traurig klang bewunderte Archer dessen Versuch, der Situation etwas Positives abzugewinnen. „Welche Änderungen schweben Ihnen

sonst noch vor? Sollen wir das Schiff wirklich komplett neu planen?“ „Nehmen Sie die Erfahrungen mit, die Sie beim ersten Entwurf des Schiffes gemacht haben“, munterte Archer ihn auf. „Sie können sicher sehr viel davon in den neuen Entwurf einfließen lassen. Ich möchte, dass Sie mit einem meiner Mitarbeiter reden. Elias Eklund. Er kann Ihnen Sensoraufzeichnungen von einem unserer Shuttles zuschicken, die ein fremdes Raumschiff betreffen, dessen Technologie der unseren überlegen scheint. Ich will, dass Sie sich hinsetzen und versuchen, diese Technologie zu entschlüsseln. Versuchen Sie, sie zu kopieren, oder andere Technologien zu finden, um die Constitution-Klasse vor einem Angriff durch dieses fremde Schiff zu schützen.“

„Sind die Sensoraufzeichnungen denn so detailliert?“ „Das Shuttle, das sie gemacht hat, stand im Hangar dieses Schiffes. Wir haben wohl ein ziemlich gutes Bild von den Energiesystemen und den internen Strukturen. Wir können uns sicher einiges abschauen.“ Archers sah wieder auf die Uhr. Wahrscheinlich traf Jessy gerade in der Kapitänsmesse ein und stellte fest, dass ihr Großvater noch nicht anwesend war.

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„Ich muss jetzt Schluss machen. Aber bevor Elias Ihnen die Daten zuschickt, sollten Sie sich auf etwas gefasst machen: Damit diese neuen Technologien im Schiff Platz haben, wird die neue Enterprise wohl größer werden als der erste Entwurf.“

„Größer? Wie viel größer?“ Archer dachte kurz darüber nach und als ihm keine brauchbare Antwort einfiel, schmunzelte er nur und sagte: „Machen Sie sie so groß wie nötig.“ Damit beendete Archer das Gespräch mit dem Ingenieur und verspürte bereits Vorfreude auf das Gespräch mit seiner Enkelin. Auf Jessy warteten einige interessante Neuigkeiten. Und auf Archer wartete eine neue Zukunft. Einmal mehr bewahrheitete sich der Spruch: Die Zukunft stand nicht in Stein gemeißelt. Wer könnte das besser beurteilen als Jonathan Archer?

ENDE

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