Einleitung (PDF 158 kB)

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Einleitung 1. Der Verfasser Drei Jahre nach Beendigung des Wiener Kongresses, auf dem die Großmächte nach dem Sieg über Napoleon versucht hatten, Europa eine neue territoriale Ordnung zu geben, wurde in Innsbruck am 1. Oktober 1818 der Schreiber der nachfolgend erstmals wiedergegebenen Briefe Theodor Ritter von Schwarzhuber geboren. Er ist der Sohn des Gubernalrates Anton Lorenz und seiner Frau Maria Anna, geb. von Kleinmayrn*. Wenig später übersiedelte die immer größer werdende Familie nach Wien. Alle Briefe sind aus Constantinopel beziehungsweise auf der Reise dorthin an seine vielköpfige Familie gerichtet. Heimweh und Anhänglichkeit sind seine Triebfeder, nahezu zehn Jahre hindurch – von 1841 bis1850 – jede Woche einen Brief zu schreiben1. Sie sind seine stete Versicherung, nicht von den Seinen vergessen zu sein. Die breiten Schilderungen zu Lebzeiten seiner Mutter sind Geschenke an sie. Nach ihrem Tod 1846 werden die Briefe an den Vater knapper, professioneller. Kurze Hinweise auf aktuelle Ereignisse – manchmal nur durch ein Wort oder einen Halbsatz – genügen, um sich mit dem Vater, dem in seiner hohen Stellung alle Informationen zugänglich sind, im Einklang zu wissen. Ausführliche Anmerkungen werden sie entschlüsseln. Ein Datum ist für die Briefe bedeutsam: Am 24. Mai 1841 war Theodor vor seinen Vater und an das Bett seiner erkrankten Mutter getreten, um ihnen seine Ernennung zum DolmetschGehilfen an der österreichischen Internuntiatur in Constantinopel zu berichten. In den folgenden Jahren wird er sich in den Briefen immer wieder dieses Ereignisses erinnern. Diese Ernennung, die zugleich den definitiven Eintritt in den Staatsdienst bedeutete, war das Ziel einer Ausbildung, die in einem nur als elitär zu bezeichnenden Ausbildungsinstitut vollzogen worden war: der Orientalischen Akademie.

2 1754 hatte Kaiserin Maria Theresia durch den Staatskanzler Fürst Wenzel Anton von Kaunitz in enger Anbindung an die eben eingerichtete k.k. Geheime Haus-Hof-Staatskanzlei die Orientalische Akademie ins Leben rufen lassen. Junge Männer sollten in den Sprachen des Orients und Okzidents und weiteren nötigen Wissenschaften so ausgebildet werden, dass sie in ihrem späteren Beruf die Interessen Österreichs im Orient erfolgreich vertreten könnten. Theodor durfte als „Stiftling“ in sie eintreten. Das Gesuch des Vaters darum war noch durch Kaiser Franz I. bewilligt worden. Diese Bewilligung beinhaltete, dass der Stiftling alles unentgeltlich erhielt auch sein Wohnen in der Jacobergasse, außer seiner Kleidung. Allerdings war der Eintritt nur durch den befriedigenden Abschluß des Gymnasiums möglich. Die meisten der Zöglinge waren übrigens Stiftlinge. Der jeweils leitende geistliche Direktor war seit 1832 Dr. Othmar Rauscher*, der spätere Kardinal und Erzbischof von Wien. Unter ihm fanden Reformen statt, die auch den Studienplan betrafen, und wohl die Unterweisung durch ältere Zöglinge in Tutorenmanier. Zugelassen waren pro Jahr acht Zöglinge; die sechs-jährige Ausbildung fand durch eine selbständige wissenschaftliche Arbeit ihren Abschluß. Zwei Präfekten waren für die disziplinarische Aufsicht vorgesehen, vier Professoren und drei Lehrer erteilten den Unterricht. Dieser war unterteilt in den sprachlichen und den juridisch-wissenschaftlichen Teil, wobei der praktischen Seite der Ausbildung Vorrang vor der streng wissenschaftlichen gegeben wurde. Victor Weiß, Edler von Starkenfels führt in seiner Schrift „Die k.k. Orientalische Akademie zu Wien...“ 1839 S. 38ff, die Studienfächer an: 1. Orientalische Sprachen (Persisch, Türkisch, Arabisch), dazu zählt aber auch die Geschichte Asiens und die der türkischen Reiche und Völker. 2. Juridisch-politische Studien. Hierzu zählt: Das römische Recht, das Handels- und Wechselrecht, das Seerecht, das

3 positive Völkerrecht, wie auch das Gesetzbuch über Verbrechen und schwere Polizeiübertretungen und das natürliche Privat-Staats-und Staatenrecht. 3. Italienische Sprache. 4. Französische Sprache und Literatur. 5. Neu-griechische Sprache. 6. Situations-und freie Handzeichnung. 7. Kalligraphie. Erwartungsgemäß nimmt die Sprachlehre einen breiten Raum ein; gleich im 1. Jahrgang: Türkische Sprachlehre mit Lesen und Übersetzen türkischer Geschäftsbriefe. Als größten Schatz der Akademie bezeichnet Weiß die Sammlung von 15.000 türkischen Geschäftsbriefen, die auch dem Unterricht dienen. Das Französische baut offensichtlich auf gymnasialen Kenntnissen auf. Im 2. Jahrgang wird Arabisch statt Türkisch gelehrt und das Italienische aufgenommen. Im 3. Jahrgang beginnen die Übersetzungen aus dem Arabischen, während im 4. Jahrgang das Erlernen des Neugriechischen einsetzt. Im 5. Jahrgang geht man zur persischen Sprachlehre und den Übersetzungen aus dem Persischen über. Im 6. Jahrgang schließlich übt man, was in den vorhergehenden Jahrgängen erlernt wurde und stockt die Kenntnisse auf. Zu der Ausbildung zum diplomatischen Beamten zählte auch der Reitunterricht, der in der k.k. Hofreitschule erteilt wurde. Unerwähnt bleibt der Musikunterricht. Dabei scheint Theodor selbst ein guter Klavierspieler gewesen zu sein, wenn er auch zu seinem eigenen Spiel nur bescheidene Worte fand. Nicht nur dass er in Constantinopel gebeten wurde, in anderen ausländischen Gesandtschaften auf musikalischen Soiréen zu spielen, sondern er betrieb auch Kammermusik mit verschiedenen Diplomaten, wie auch anderen Dolmetschgehilfen, ebenfalls „Akademisten“. Die Gattin des russischen ebenso wie die des englischen Gesandten baten Theodor mit ihnen zu musizieren. Ein Musikinstrument zu beherrschen, war im internationalen diplomatischen Dienst wohl wünschenswert.

4 „Kej=Kawus in Masenderan. Aus dem Schahname des Ebu’l Kasim Manßur el Firdewsi“ – so der Titel der Abschlußarbeit. Ihr Thema wurde von Direktor Dr. Rauscher an zwei Absolventen zugleich in Zusammenarbeit vergeben: Victor Weiß und Theodor von Schwarzhuber, welche ihm diese Arbeit auch gewidmet haben. Das Schahname ist das berühmte frühe Heldenepos Persiens, das Königsbuch. Sein Dichter Ebu’l Kasim Manßur el Firdewsi, um 329 (=940 n. Chr.) in Tus, Persien, geboren, hatte von dem damaligen Herrscher, Sultan Mahmud, dem Eroberer, der seit 997 herrschte, dazu den Auftrag erhalten. Um 1009 soll es vollendet worden sein und lebt seither „im Munde seines Volkes“. In der „Vorrede“ dieser Abschlußarbeit werden allein sechzehn Personen aufgezählt, die im Laufe von Jahrzehnten Teile des Schahname übersetzten, sei es in Vers oder Prosa, in Englisch, Französisch oder Deutsch. Die erste hier genannte Publikation stammt aus dem Jahre 1774. Die Versuche, das ganze Werk zu übersetzen, scheiterten oft auf tragische Weise. Der Orientalischen Akademie waren die Bemühungen um Übersetzung aus dem Schahname nicht unbekannt, denn J. v. Wallenburg und J. v. Hammer-Purgstall* - beides ehemalige Zöglinge – hatten daran gearbeitet. Nun wählte man für die hier vorgestellte Arbeit eine im Deutschen noch nicht bearbeitete, in sich abgeschlossene Erzählung. „Gerade dieser Abschnitt vereinigt ferner wie kein anderer die verschiedenartigsten Beschreibungen und Erzählungen; Feste wechseln mit Schlachten, das Wunderbare mit dem Einfachen, Staatsreden mit freundschaftlichen Gesprächen; ja selbst von Briefen finden sich zwei Formen vor,“ so begründet auf S. XXV. Die Erzählung beginnt mit dem Regentschaftsantritt des Kej=Kawus und schildert die ersten Begebenheiten seiner Regierung.

5 Für die Arbeit stand das Manuskript von 1756 aus der Bibliothek der Orientalischen Akademie zur Verfügung. Jedoch mußte es mit weiteren in der Hof-Bibliothek befindlichen verglichen werden. Von größter Hilfe war das von Lumsden 1811 in Calcutta herausgegebene Exemplar aus dem Besitz von J. v. Hammer-Purgstall*, das er für die ständige Benutzung zur Verfügung stellte. Schon J. G. Wahl, der große Orientalist in Halle und J. v. Hammer-Purgstall* meinten beide, dass sich der persische Versfuß nicht für eine deutsche Übersetzung eigne. Dazu die beiden jungen Bearbeiter (S.XXVIII): „Wir glaubten nun zu diesem Zwecke nicht unschicklich den fünffüßigen Jambus wählen zu dürfen; gleichmäßig ruhig fortschreitend, paßt er, unserer Ansicht nach, am besten zum Heldengedichte, eignet sich ebenso zur ruhigen Erzählung, zur lebhafteren Beschreibung, wie zum ernsten Dialoge, während wir ihn in dem lebhafteren mit dem vierfüßigen vertauschten. Um das stete Wiederkehren des Reimes, welches, wie wir glauben, der Würde der Erhabenheit Eintrag thun würde, zu vermeiden, theils auch, um uns freier bewegen zu können, reimten wir nur jeden zweiten Vers.“ Dem übersetzten Epos ist ein reicher Anmerkungsteil angeschlossen. Der heutige Zeitgenosse wird seine Bewunderung über die Erfolge nicht unterdrücken können, welche man damals durch eine gezielte, kenntnisreiche, sorgfältige Erziehung und Ausbildung hervorzubringen wußte. Alleine die Zahl der Sprachen! Englisch, Französisch, Italienisch zu sprechen war selbstverständlich. Zu dem diplomatischen Dienst in der Levante und im Orient gehörten, wie wir oben gesehen haben, Neugriechisch, Türkisch, Persisch und Arabisch. In den Anmerkungen der Arbeit zeigen die gezogenen Querverbindungen zu Homer, Herodot wie zu Ovid, Ariost und Vergil, dass die Kenntnisse in Latein und Griechisch schon aus dem Gymnasium mitgebracht worden waren. Dass nicht alle Sprachen bis ins letzte Detail ausgefeilt waren, kann die Bewunderung nicht mindern. Beide Elternpaare unserer Absolventen gaben 1841 gemeinsam die Arbeit ihrer Söhne als Privatdruck bei

6 Braumüller und Seidel, Wien, Graben, Sparkassengebäude, heraus. Gedruckt wurde sie bei A. Strauß’s selige Witwe. In einer Audienz durften die beiden jungen Leute Kaiser Ferdinand ein Exemplar ihres Buches überreichen. Eben dieses ist heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien unter der Signatur 67 B 18 zu bestellen und darf in dem schönen barocken Augustiner-Lesesaal gelesen werden. Das Buch hat Quartformat, ist mit braun-dunkelbraunem und beigem Marmorpapier eingebunden; der Rücken ist aus braunem Kalbsleder und mit vier Scheinbünden versehen, die wiederum mit Goldlinien gerahmt sind. An den Kanten des Lederrückens kleine Goldbordüren. Das Vorsatzpapier ist lilaweiß. Ob die übrigen Exemplare so gebunden wurden, ist fraglich. Für die dritte unnumerierte Seite nach dem Titelblatt hatten die beiden jungen Autoren als Motto Verse von Firdewsi gewählt. “ Ward mir kein Platz auch auf des Baumes Wipfel. Weil mir mein Geist zu wenig Kraft verleiht; Kann ich vielleicht auf nieder’m Zweig mich lagern, der doch noch weithin seine Schatten streut.“ Schon in den ersten Briefen aus Constantinopel wird über die Folge des bewegenden Ereignisses der Audienz berichtet werden, und die „Causa Braumüller und Seidel“ durchzieht die Briefsammlung. Dies ist auch der Grund, warum der Abschlußarbeit in solcher Breite Erwähnung getan wurde. Inzwischen werden in der Familie eifrig und voll Dringlichkeit Vorbereitungen für Theodors Übersiedlung getroffen worden sein, Vorbereitungen, die weit über die für eine Reise hinausgehen. Vorallem mußte die als nötig befundene Kleidung bestellt und angefertigt werden. Eines Tages wurden die Transportkisten geliefert, und die großen Schwestern Marie und Anna mit Unterstützung von Hedwig begannen unter Anleitung der Mutter die gelieferten Gegenstände einzupacken. Die beiden jüngsten Schwestern

7 Sophie und Ottilie, „die kleinen Schwesterleins“, wie Theodor sie nannte, mögen nur zugereicht haben. Einen großen Platz nahm die Kleidung ein. Zuunterst werden die Schwester wohl die dicken und schweren Kleidungsstücke gelegt haben: den Mantel mit dem Kragen zum Abknöpfen, den schwarzen Frack, den schwarz-blauen Gehrock, den Reitfrack, den Tifel-Überrock, die beiden Sommerröcke und den eleganten Spencer. Und dann alleine zehn verschiedenste Beinkleider, wobei eines in Grau mit „rothquadrillirt“ etwas extravagant gewesen sein dürfte. Dazu kommen die unterschiedlichsten Gilets=Westen: das schwarze Gilet aus Seide, das weiße aus Piquet – einem in sich gemusterten festeren Baumwollstoff – und ein warmes für den Winter. Alles dies sind neugefertigte Sachen, wobei die Uniform von besonderer Bedeutung ist, mit eigenem Frack, einem weißen und einem grünen Beinkleid, einem Diplomatenfrack und dem so diffizil zu verpackenden Hut mit Feder. Aber es kommen noch zwei weitere schwarze Hüte hinzu und ein Strohhut. Natürlich wurde auch noch gebrauchte Kleidung mitgenommen. Und erst das Schuhwerk – sieben bis acht Paar – darunter gleich zwei „Prunelle-Stiefletten“. Lackierte Schuhe scheinen damals Mode gewesen zu sein. Die sechzehn Paar Handschuhe nahmen nicht viel Platz ein, anders die dreißig Hemden (Rumburger und Holländer), zwölf Unterbeinkleider und eines gar aus Leder, das Theodor auf der Reise als sehr praktisch und warm empfunden hat. Sacktücher kamen hinzu in fein und grob, Cravatten, 54 Fußsocken in Zwirn und Baumwolle, sechs Chemisetten, für sich gefertigte gestärkte Hemdbrüste, unerläßlich, wenn Frack getragen wurde. Auch war ein ganzer Hausstand mitzunehmen mit Matratze, ungefülltem Strohsack, Bettstätte, mit Pölstern und Plumeau, einem kurzen Federbett. Dazu gehörte alle nötige Bettwäsche. Das Geschirr war sorgfältig einzupacken und das für den Waschtisch mit Lavoir und Kanne war von der Mutter eigens in der Hartmuth’schen Fabrik für Theodor bestellt worden. Schließlich waren noch die vielerlei Abschiedsgeschenke zu bewältigen, die Freunde und Verwandte gebracht hatten.

8 Selbst ein Klavier mußte mit auf die Reise. Die größte Kiste mit dem Querforte-Piano von Riess* wird wohl direkt an den Kai geliefert worden sein. Als alle Arbeit getan war, wurde der Inhalt aller Gepäckstücke von einer Schwester fein säuberlich, sorgfältig und genau schriftlich festgehalten mit der Überschrift „Equipirung des Theodor Ritter von Schwarzhuber, k.k. Dolmetsch Gehülfe in Konstantinopel 1841“ versehen. Es ist ein Glücksfall, dass sich die Rechnungsbücher des Vaters (von 1815-1863) erhalten haben. So kann man feststellen, dass er für die Ausstattung seines zweiten Sohnes über 1000 fl ausgegeben hat. Schon der frühe Morgen des 2. August 1841 versprach ein heißer Tag zu werden. Das Dampfschiff Galathea, das im Donauhafen bei Wien vor Anker lag, hatte die letzten Tage Fracht geladen und war für die Fahrt donauabwärts bereit. Theodor wurde von seinen beiden Brüdern, Franz, dem Älteren , und Otto, bis aufs Schiff begleitet. Es war weder eine Vergnügungs- noch eine Abenteuerreise, die er antrat, es war der sehr ernst zu nehmende Schritt ins Leben. Theodor würde die Seinen erst nach sechs Jahren wiedersehen, aber nicht mehr seine Mutter. An die Abschiedsszene zu Hause sollte man besser nicht denken. Noch am selben Tag wird er, an Deck sitzend, seinen ersten Brief schreiben. Er ist 23 Jahre alt und bemüht, darin mannhaft und lebenserfahren zu klingen. In Constantinopel werden seine Briefaufteilung und sein Stil alsbald straffer werden, wohl bedingt durch die vielerlei Übersetzungen, aus denen am Anfang vornehmlich seine Arbeit bestand. Später gewinnt seine Ausdrucksweise an Geschmeidigkeit. So spannt sich ein Entwicklungsbogen bis zum plötzlichen unerwarteten Ende. Die beiden am Schluß angeführten Briefe des Freundes Franz Graf Coudenhove* geben der Briefsammlung einen dramatischen Abschluß. Zwei Jahre nach Theodor wird der Dichter Franz Grillparzer die selbe Reiseroute nach Constantinopel wählen. Er führte bei sich eine Art Taschenreisebuch: Johann Hehl „Begleiter auf der Donaufahrt von Wien bis zum Schwarzen Meer. Mit

9 besonderer Rücksicht auf die bestehende Dampfschiff-Fahrt auf diesem Flusse“. Mit einer Stromkarte. Wien gedruckt und im Verlage bei Carl Gerold, 1836. Die Donau ist schon immer mit Schiffen befahren worden. Die historischen Quellen reichen bis in die Römerzeit zurück. Holz wurde als Flöße transportiert. Aber stromaufwärts mußten die Schiffe getreidelt werden. Auf dem Treidelweg neben dem Flusse zogen bis zu sechzig mehrfach hintereinander gespannte Pferde das Schiff wieder stromaufwärts. Deswegen hebt wohl Hehl das Datum 1823 hervor, an dem das erste Dampfboot von Pesth stromaufwärts nach Wien gefahren sei. Eine Donau-Dampfschiff-Fahrts-Gesellschaft wird gegründet, die 1828 das Privileg, die Donau mit Dampfschiffen zu befahren, an John Andrews und Joseph Pritchard übertrug. Den beiden englischen Ingenieuren war auf einer Reede in Venedig der Bau des Donaudampfschiffes „Franz I.“ gelungen, das am 4.September 1830 seine erste Fahrt von Ebersdorf bei Wien nach Pesth antrat. Andrews und Pritchard traten 1830 ihr Privileg an die neu gegründete“k.k.-priviligierte-DonauDampfschiff-Fahrts-Gesellschaft“ ab, die ein Aktienverein war. Ab 1831 begannen die regelmäßigen Fahrten von Wien nach Pesth, die bald bis Semlin resp. Moldova ausgedehnt wurden und ab 1834 bis Gallatz gingen. Noch behinderten Stromschnellen die durchgehende Fahrt. Der mit jedem neu eingestellten Schiff zunehmende enorme Kohleverbrauch wurde zum größtenteil durch den Kohleabbau in den Bergwerken der Umgebung von Fünfkirchen gedeckt. (noch Hehl, BE, 5, S.18; ML,5, S.573) Es war eine sehr abwechslungsreiche Reise, die Theodor zu schildern hatte. Bei den von ihm genannten Orten, wird man in den Anmerkungen nachlesen können, was Hehl in seinem kleinen Reisebuch geschrieben hat. Am 11. August schließlich sah Theodor das Meer, und zwei Tage später lief das Dampfschiff „Ferdinand I.“ das er in Küstendsche bestiegen hatte, in den Hafen von Constantinopel ein. Sieben Tage hatte die gesamte Reise

10 gedauert. Er war in der Fremde angekommen und doch wiederum nicht. Die österreichische Internuntiatur residierte zu dieser Zeit in dem ehemaligen Palazzo di Venezia, gelegen in dem Ortsteil Pera, dem heutigen Beyoğlu. 1799 war er zum ersten Mal kurz ihr Domizil gewesen, um nach dem Wiener Kongreß 1815 bis zum 1. Dezember 1918 von ihr bewohnt zu werden. Dort wo das Marmarmeer und der Bosporus – die Meerstraße zum Schwarzen Meer – ineinanderfließen, zweigt ein von Hügeln gesäumter Nebenarm, eine Art Fjord ab, der tief ins europäische Festland reicht – das Goldene Horn. An seinem Süd-Ufer die sieben Hügel des ehemaligen Byzanz, des späteren Constaninopel und heutigen Istanbul. Auf dem östlichsten Hügel seines Nord-Ufers, der auch zum Bosporus abfällt, liegt Pera, von jeher Sitz ausländischer Gesandtschaften. Oben auf dem Hügel verläuft auch heute noch die Grande rue de Pera, die Hauptstraße von Pera, heute die Istiklal Caddesi, die bei der englischen Gesandtschaft in ihren zweiten Teil übergeht und mit dem einstigen Pesthospital und dem achteckigen Wasserturm endet. Zu Theodors neuer Umgebung gehörte außer der Gesandtschaft in Constantinopel der Ort des Sommeraufenthaltes für den Internuntius und seine Beamten, das auf dem europäischen Festland in einer Stunde Fahrzeit mit dem Kaik erreichbare, nördlich von Constantinopel gelegene Büjükdere. Josef von Hammer nennt es in seinem Buch „Constantinopolis und der Bosporus“ aus dem Jahre 1822 „das berühmteste Dorf der westlichen Bosporusküste“ wegen der im Sommer dort residierenden christlichen Gesandten. Es liegt an einem großen, weiten Meerbusen. Ein liebliches Tal öffnet sich eine Stunde weit landeinwärts bis zu den waldbedeckten Höhen. Das Dorf besteht aus dem unteren, in dem damals Griechen, Armenier und einige Türken wohnten, und dem oberen Dorf. Dort liegen die Sommerwohnungen und Paläste der Gesandten mit ihren Gärten.

11

Unter den österreichischen Gesandtschaften im Ausland nahm die Internuntiatur eine Sonderstellung ein. Diese war durch die von Anfang an gegebene direkte Bindung an die k.k. geheime Hof- und Staatskanzlei gegeben, wie auch durch die Ausbildungspraxis an der Orientalischen Akademie. Ihre Absolventen durchliefen zwar in ihrer Karriere eine Rangleiter, blieben aber meistens in der Levante, entweder an der Internuntiatur in Constantinopel und den ihr unterstellten Agentien oder im Vorderen Orient. Sie wählten sich häufig Ehefrauen aus dem christlichen Milieu der ausländischen Vertretungen in Pera und besaßen Häuser, die als Eigentum der Ehefrauen galten. Ihre Kinder wiederum wuchsen zweisprachig auf und wurden auf Antrag wegen der von Anfang an gegebenen guten Türkisch-Kenntnisse gerne als Stiftlinge in die Orientalische Akademie aufgenommen. Ein Circulus entstand und mit ihm über Jahrzehnte hinweg eine Generationsfolge österreichischer Beamtenfamilien in Constantinopel, wie etwa die Testas und Klezls. An den Vornamen kann man häufig erkennen, wie sie sich untereinander verschwägerten. Die Liste der erwähnten Personen im Anhang bemüht sich, die einzelnen Personen auseinanderzuhalten. Es entstand so eine Art großer, lockerer Familienverband, in den alle jungen „Akademisten“, die in die Stadt versetzt wurden, auf das Freundlichste eingegliedert wurden. So war Theodor in der Fremde und doch nicht. Am 18. August ging sein erster Brief mit der Gesandtschaftspost nach Wien, dem dann zehn Jahre hindurch jede Woche der nächste folgen sollte. Außer den Eltern werden sich fünf Schwestern und zwei Brüder unterschiedlich an dem Briefwechsel beteiligen. Die in ihren Briefen geschilderten Vorkommnisse erscheinen dann in denen Theodors wie in einem Spiegel. Sie zeigen aber auch eine überraschende Natürlichkeit im Umgang miteinander. Der Vater freilich war der unangefochtene Patriarch der Familie, aber verehrt wegen seiner Güte; die Mutter geliebt und vom Vater in Ehren gehalten. Das gesamte Familienleben lag in ihrer Hand, auch die Finanzen. Graf Stürmer, der Internuntius,

12 wird einmal sagen, daß diese Familie es verdiente als Musterbild aufgestellt zu werden. Schon bald nennt Theodor einen Wunsch, den die Familie ihm in Wien erfüllen möge. Weil sie von großer Hilfsbereitschaft ist, ermuntert sie damit zu mehr Wünschen, und so entwickelt sie sich zu einer Art Versandhaus, das auch für Fernstehende bereitwillig Mühen auf sich nahm. Was wird nicht alles gewünscht! Zahnbürsten, Noten „à quatre mains“ und Kammermusik, eine Violinsaite, die neuesten Walzer zum Tanzen, schwarzer Stiefellack, eine zu reparierende Brille, Wischlappen, Lithographien von gerade verehrten Personen wie Radetzky, Köllnisch Wasser, ein englischer Duschapparat, Patengeschenke extra vom Goldschmied gefertigt, Häkelanweisung für ein Käppchen usw. Immer wieder werden Handschuhe gewünscht, seien es neue oder die zugesandten gebrauchten, von den Schwestern geputzt und genäht. Was die Kleidung anbelangt, so scheint englische Mode gerade en vogue gewesen zu sein, so wünscht sich Theodor beim Schneider einen Quarter, einen O’Conell und einen Quäker. Und natürlich neue Schuhe beim Schuster, Cravatten beim Cravattenmacher, Hemden beim Hemdenmacher. Auskünfte werden für die verschiedensten Personen in Pera freundlicherweise eingeholt und dabei weite Wege in Kauf genommen. Eilige Briefe, die mit Theodors Post mitgehen durften, werden – wenn nötig – in Wien per Boten zugestellt oder frankiert und zur Weiterbeförderung zur Post gegeben. Freud und Leid, hier wie dort, wird zwischen Wien und der Internuntiatur erzählt und ausgetauscht. Ein Stichwort sollte noch erklärt werden, weil es oft in den Briefen genannt wird: Schwarzer Ochse. Ein Briefblatt, zu einem Umschlag gefaltet, trägt folgende Adresse: A Madame Anne de Schwarzhuber neé de Kleinmayrn Schwarzer Ochse, Landstrasse, Ungargasse N° 384, Vienne. Die Familie Schwarzhuber wohnte in der Stadt hinter der Stephanskirche, Untere Bäckergasse 745², dort, wo auch heute noch die Gassen eng und die Häuser hoch sind. So kann man es sich vorstellen, dass das Ehepaar für sich und

13 seine vielen Kinder einen Ort außerhalb der Stadt suchte, um dort ab den ersten Anzeichen des kommenden Frühlings die gute Jahreszeit zu verbringen. Es ist die Zeit, in der die Stadt noch mit Stadtmauer und Basteien umklammert war. Davor breitete sich das freie Glacis aus, dahinter eine Landschaft bis zu den Hügeln mit Weinbergen, Wiesen und Feldern, dazwischen gestreut Ortschaften, herrschaftliche Sommersitze und Schlösser. Aus den Stadttoren traten Straßen, so auch die aus dem Stubentore nach Südosten führende „Landstraße“, die zugleich einen Bezirk bezeichnete. Zu einer Art Parallele zu ihr schwenkt bald die Ungargasse ein. 1444 wird sie zum ersten Mal erwähnt (Hungargasse), so genannt, weil die ungarischen Kaufleute mit ihren Wagen und Waren über Sopron und Szombathely hier in die Stadt einfuhren. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen zu den ungarischen Kaufleuten die griechischen hinzu, die einen Fernhandel mit dem Balkan trieben. Sie stiegen in der „Karawanserei“, Ungargasse 37, ab. Die Not an Wohnungen war schon lange groß und die Menschen in der eingeengten Stadt drängten in die Vororte. Die Häuser, die am Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, waren daher häufig Zinshäuser. Der Mietzins mußte an Georgi (23. April) und an St. Michaeli (29. September) im voraus bezahlt werden. Und wenn es gleich mehrere Aspiranten auf dieselbe Wohnung gab, wurde sie versteigert. Der alte Mieter mußte wieder einmal umziehen. 1762 hatte Kaiserin Maria Theresia einen Kommerzialrat zur Belebung von Handel und Wandel einrichten lassen. Zu diesem Zwecke wurde das Kommerzienhaus (heute Ungargasse 47) gebaut, ein einstöckiges Gebäude mit mehreren Trakten und Höfen. Es sollte als Warendepot und für Wohnungen von Kommerzialbeamten dienen. 1776 wird der Kommerzienhof wegen Unergiebigkeit aufgelassen. Ein Einkehrgasthof „Zum Schwarzen Ochsen“ wird erwähnt, in dem die ungarischen Frächter mit ihren Wagen Station machten. 1779 etablierte sich dort eine „Kommerzienfrabrique Schwarzer Ochse“, die ein aus England stammender Unternehmer, Rosthorn mit Namen, betrieb. Er

14 stellte Metall-und Seidenknöpfe her und erwarb 1800 das Anwesen “Schwarzer Ochse“. Er wurde damit erster Besitzer in einer wechselnden Reihe. In dem „Häuser Schema 1836“ von Ziegler wird dann der „Schwarze Ochse und sein großer Garten“ erwähnt. Aber erst der Plan von Wien 1857, in den dreizehn umliegende Ortschaften eingezeichnet sind, bringt endlich Klarheit. Hinter dem Kommerziengebäude erstreckte sich der große Garten, bis er an die an der Landstraße gelegenen Grundstücke stieß. Und in seinem oberen Drittel lag mitten darin, als quadratisches Gebäude eingezeichnet, die Sommerfrische der Schwarzhuber. Der Garten war seitlich zugänglich von dort, wo heute die Neulinggasse ist. Eine große Linde stand da und eine Quelle gab es. Auch das nebenan gelegene Haus (heute Ungargasse 43) spielt in den Briefen seine Rolle. Es war von ganz anderer Art als der „Schwarze Ochse“ und hieß zu Zeiten Theodors „das Schiffner’sche Haus“ (später Palais Sternberg). Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte dort eine hufeisenförmige Anlage gestanden. Nun erwarben 1818 der Arzt Dr. Schiffner und seine Ehefrau Grundstück und Haus und ließen dieses 1820/21 von dem Baumeister Ehmann nach den Plänen des französischen Architekten Charles de Moreau „im französischen Style“ auf das Geschmackvollste umbauen. Auch der Garten, der sich wie der des Schwarzen Ochsen weit gegen die Landstraße hinzog, erhielt eine andere Gestalt. Er erschien jetzt im englischen Stil mit Treibhaus und Orangerie und galt sogar als Sehenswürdigkeit. Von 1844-1873 residierte dort die türkische Gesandtschaft. Zu der Familie Schwarzhuber bestand eine lose nachbarschaftliche Beziehung, der man des öfteren hingegen in den Briefen begegnet, wenn es wieder einmal darum geht, die Familie Schwarzhuber um einen Gefallen zu bitten. Zurück zu Constantinopel – in den Berichten der Briefe legt sich um den Kreis derjenigen, die zur Internuntiatur in engerer Beziehung standen ein weiterer Kreis, bestehend aus den ausländischen Gesandtschaften, allen voran die russische und die englische. Dies ist um so erstaunlicher, als ihr Gesandter Sir Stratford Canning* als Gegenspieler Österreichs auf dem türkisch-

15 diplomatischen Parkett zu gelten hat. Beziehungen zu der französischen Gesandtschaft scheinen weniger intensiv gewesen zu sein, obwohl die Gattin des Internuntius* geborene Französin war. Zu der preußischen Gesandtschaft wurden sie gefestigt durch das gemeinsame Musizieren „bis in den Morgen“ mit dem Gesandten Graf Pourtalès*. Zu dem äußeren Kreis zählen in den Berichten natürlich die Vorkommnisse an der Hohen Pforte, Einladungen bei Türken, Ausritte mit Landschaftsschilderungen, Erkundungsgänge durch die Stadt, Fahrten zu Wasser. An den Briefen 1849/50 wird man keine Veränderungen bemerken, außer daß sie kürzer geworden sind. Jedoch scheint dies die Unterbesetzung der Internuntiatur, ausgerechnet in dieser diplomatisch schwierigen Zeit, zu erklären. Die wenigen Zeilen vom 6. November 1850 mit der völlig veränderten Schrift, melden nach Wien lediglich eine Erkältung, werden aber doch ernste Sorgen ausgelöst haben. Daß der nächstfolgende Brief mit beruhigenden Worten, nur drei Tage später geschrieben, Theodors letztes Lebenszeichen, sein letzter Brief sein würde, wie hätten seine Lieben es erahnen können. Am 14. November um 9.15 Uhr war sein Leben zu Ende gekommen. Plötzlich auftretender Typhus hatte Theodor gnädig langes Leiden an seiner eigentlichen Krankheit erspart. Franz Karl Graf Coudenhove* schrieb am 16. November 1850 an Theodors jüngeren Bruder Otto einen langen ausführlichen Brief, in dem er die letzten Lebensstunden seines Freundes in sehr persönlichen, ergreifenden Worten beschrieb. In einem weiteren Brief vom 23. Dezember 1850 an Theodors Vater – an „Eure Excellenz“ – beschrieb er die letzten Lebensmonate Theodors, die so anders verlaufen waren, als seine Briefe wiedergaben. Schon im Frühjahr hatte sich seine Krankheit zum Tode vorbereitet und die Zeit, die noch blieb, war erfüllt von Spannungen, menschlichen Enttäuschungen und klang doch aus in unbegreiflicher Heiterkeit. Beide Briefe sind ein bewegendes, achtbares Zeichen einer tiefen Freundschaft,

16 und bilden zugleich einen dramatischen Höhepunkt in der Wiedergabe jener Briefe, mit denen Theodor Ritter von Schwarzhuber durch zehn Jahre hindurch die Brücke von Constantinopel nach Wien geschlagen hatte.

2.

Die Briefe

Bisher wurden der Briefschreiber Theodor Ritter von Schwarzhuber mit seiner Familie vorgestellt und die Umstände geschildert, wie es dazu kam, daß er zehn Jahre Briefe aus Constantinopel nach Wien schrieb. Aber über die Briefe selbst ist noch nichts gesagt worden. Wo kommen sie her? Wieso tauchen sie auf einmal auf? Welches Format haben sie? In welcher Schrift sind sie geschrieben? Auf welchen Wegen sind sie befördert worden? Aber damit sind die Fragen noch nicht zu Ende gekommen. Karl Ritter von Catharin (1887-1971) hatte durch Jahrzehnte aus dem Umkreis seiner Familie Unterlagen zusammengetragen, die schließlich zu einem kleinen Familienarchiv wurden. Die meisten Funde mag er bei seiner Mutter Olga, geborene Baroness von Schwarzhuber, aber auch bei seinen Tanten Luise und Marianne von NeupaurBrandhausen in Innsbruck gemacht haben, die Nachfahren zweier Geschwister Theodors, Otto und Ottilie, waren. In diesem Familienarchiv fand sich – durch Zufall vereint – eine Art Sammelsurium von Gegenständen zusammen, welche Menschen längst vergangener Generationen des Erinnerns für Wert gehalten und von den Nachfahren darin respektiert worden waren. Die verflossene Zeit hat aus diesen Gegenständen z.T. kleine Kostbarkeiten gemacht, die im dritten Kapitel „Familienarchiv“ vorgestellt werden sollen. Unter allen diesen Dingen lagen auch als kleines unansehnliches Päckchen die Briefe Theodors. An manchen von ihnen findet man Bleistiftnotizen, aus denen man entnehmen kann, daß Personen darin gelesen haben, aber ihre Erschließung war nur möglich, wenn man sie in unsre heutige Schrift transkribierte.

17 Mit geringen Ausnahmen wurden die Briefe auf dünnem, zu einem Doppelblatt gefalteten Papier (zwischen 10 x 15,5 und 14 x 22cm) mit schwarzer Tinte geschrieben. Hat die Stahlfeder zuviel davon aufgenommen, schlägt die Schrift auf die Rückseite durch. Theodor schrieb natürlich kurrent (deutsch, Sütterlin). Die Eigennamen und Worte aus fremden Sprachen sind in lateinischer Schrift geschrieben. Die Bezeichnung von Textstellen mit ---- stammt aus den Originalbriefen. Am besten zu lesen sind die Briefe an die Eltern, bei denen er sich offensichtlich die größte Mühe gab; schlecht dagegen die Briefe an den Bruder Otto, in denen Worte zu Kürzeln und Wortendungen verschliffen wurden. Als Briefumschlag diente ein Bogen Briefpapier, der zu einem Viereck um den Brief gefaltet und durch roten Siegellack fixiert wurde. Auf der glatten Gegenseite steht die Adresse. In der ersten Zeit erhielten Theodors Briefe in Wien eine Banderole mit dem Datum ihres Eintreffens. Die Briefe sind genau so übertragen wie geschrieben. Rechtschreibung und Interpunktion weichen von der heutigen ab. Der zu unserer Zeit schon über ein Jahrzehnt dauernde Streit über eine deutsche Rechtschreibreform führt vor Augen, wie beliebig letztlich die Rechtschreibung zu handhaben ist. In den Briefen findet man keine starre Regel. Ein Wort, ein Eigenname kann innerhalb eines Briefes verschieden geschrieben werden. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die Frage nach der Schreibweise der türkischen Ausdrücke. Herr Detlef Finke, Beauftragter für osmanische Sprachen an der Universität Hamburg, hatte es übernommen, nähere Erklärungen bei jenen türkischen Ausdrücken zu geben, die ihrer bedürfen. Von ihm stammt auch die Ausführung über die türkische Schriftweise zu Zeiten Theodors, die sich von der heutigen unterscheidet. In seinem Brief vom 15. Juli 1998 gab er eine knappe Beschreibung der Problematik. Es ist am besten, sie wörtlich hierher zu setzen.

18 „Eine wesentliche Schwierigkeit ist die der Transskription der türkischen Wörter. Denn damals wurde das Türkische bzw. Osmanische, wie die Sprache korrekterweise genannt wird, mit arabischen Buchstaben geschrieben. Europäische Verfasser mußten also Begriffe und Namen türkischer bzw. osmanischer Herkunft in das Alphabet einer europäischen Sprache übertragen, wobei sie ihre Schreibweise der Orthographie ihrer Muttersprache anpaßten, d.h. ein Engländer, ein Franzose, ein Deutscher bzw. ein Österreicher hatten durchaus verschiedene Auffassungen, wie sie einen Laut oder Buchstaben in ihrem Alphabet wiedergeben sollten. Im 19. Jahrhundert entwickelte mehr oder weniger jeder Orientalist ein eigenes System zur Umschreibung osmanischtürkischer Wörter. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Anstrengungen unternommen, ein einheitliches System zur Transskription des Arabischen, dann des Persischen und schließlich des Osmanisch-Türkischen zu entwickeln. Doch leider war das Ergebnis, daß für den deutsch- englisch-, und französischsprachigen Bereich jeweils eigene Systeme entstanden (z.T. mit Varianten!). In der Türkei selbst wurde 1928 eine Schriftreform durchgeführt: das arabische Alphabet wurde durch eine eigenständige, auf dem lateinischen Alphabet basierende Schrift abgelöst. Auf dieser Grundlage wurde dann eine wissenschaftliche Umschrift für das Arabische, Persische und Osmanisch-Türkische (letzteres war ja mit Fremdwörtern arabischer und persischer Herkunft durchsetzt) entwickelt.“ Das in lateinischer Schrift in den Briefen wiedergegebene türkische Wort gibt somit sein Klangbild wieder und ist unverändert transskribiert worden. Verwirrungen können sich allerdings bei Eigennamen ergeben, z.B.: Hosrew Pascha als Chosref, als Mehmed Chosref Pascha und heute als Hüsrev (Finke). Es sollen noch einige Worte über den Inhalt der Briefe gesagt werden, als Stütze quasi, um sich schneller in sie hineinzufinden. Den ersten Brief schrieb ein 22-jähriger junger Mann, der eben sein Studium abgeschlossen, seine Studienfreunde, die

19 „Akademisten“, aufgegeben und als erster aus seiner Familie „in das Leben treten“ mußte. Seine Jugendlichkeit zeigt sich an der Sprache mit ihrer vielerlei Verwendung von französischen Ausdrücken, die wohl unter seinen Altersgenossen als „chic“ galt. Im Vordergrund der Briefe steht aber immer das Bemühen, sich nach wie vor in seine Familie eingebunden zu wissen, immer noch zu ihr zu gehören. Die Liebe zu der Mutter bestimmt auch letztlich den Inhalt der Briefe. Die bescheidene Besoldung von Theodor (800 flCM pro Jahr) machte es ihm nicht möglich, größere Geschenke nach Wien zu schicken, so gerne er es getan hätte. Ihm blieben nur die ausführlichen Briefe, von denen er wußte, daß er damit Freude bescheren konnte. Daher versteht es sich von selbst, daß er alles Ärgerliche, womöglich Düstere aus ihnen fernhielt. Eine Haltung, die er bis zu seinem letzten Brief beibehielt. Theodors Briefe waren nicht nur Berichte, sondern auch Antworten auf die seiner Familie, welche sie mit großem Fleiß und offensichtlicher Freude an ihn nach Constantinopel schrieben. Ein doppelter Blick entsteht: auf Constantinopel und auf Wien. Ein weiteres Charakteristikum ergibt sich aus dem annähernd gleichen zeitlichen Abstand, in dem sie durch all die Jahre regelmäßig geschrieben wurden und mit der wöchentlichen Gesandtschaftspost nach Wien gingen. So entstehen aus kurzen Erwähnungen im Laufe der verstreichenden Zeit Biographien, die u.a. einen Lebensbereich eröffnen, zu dem man sonst schwer Zugang hat: Gesundheit/Krankheit und dadurch zum Stand der Heilkunst, wie sie der Mensch damals hinnehmen mußte. Von daher erklärt sich auch die große Ängstlichkeit Theodors, die bei dem geringsten Unwohlsein in der Familie auftrat. Die Möglichkeiten zur Diagnose waren, gemessen an den heutigen, minimal. An das Schicksal ausgeliefert zu sein, mag zu dem Lebensgefühl gehört haben, in dem Frömmigkeit mehr war als Tradition, sie wird Stütze und Trost. An den Tragödien der Freunde Moritz Wickerhausen* und Robert Steiner* ist diese Empfindung abzulesen (s. 1849/56-58). Ein weiterer, vor allem Theodor zuzuordnender Lebensbereich ist die Musik. Das Klavier, das als einzelnes, vollklingendes

20 Instrument mehrstimmig-komplizierte, melodien- und abwechslungsreiche Musikstücke hervorzubringen vermag, stand verständlicherweise im Vordergrund. Seltener ergab sich die Kombination zu Kammermusik, wo man dann Trios oder Quartette von Mozart oder Beethoven spielte. Wird auf dem Klavier zum Tanz aufgespielt, so waren es Walzer, Polkas und Märsche von Strauß/Vater und Lanner. Auf dem Programm der Soirées musicales in den verschiedenen Gesandtschaften standen Klavierfassungen von Opern und Oratorien, von denen mehr als vierzig in den Briefen erwähnt werden. Und weil in den Anmerkungen das Datum ihrer Erstaufführungen notiert ist, wird ersichtlich, wie rasch die Klavierauszüge vorlagen. Auch wird häufig vierhändig gespielt, z.B. die Bearbeitungen aller Beethoven-Symphonien. Klavier dient immer wieder zur Begleitung des Gesanges. Eigenartigerweise wird Schubert nur als Liedkomponist genannt. Jedoch war bis Constantinopel die Begeisterung für die „Schwedische Nachtigall“ Jenny Lind und ihre Lieder vorgedrungen. Da die Familie in Wien Hausmusik betrieb und Bruder Otto ein guter Sänger war, so wurden musikalische Nachrichten ausgetauscht und ebensolche Ereignisse von Theodor, wie etwa das Spiel des Pianisten Leopold Meyer vor dem Sultan, in aller Breite geschildert. Besonders genußvoll war das Musizieren bis in die frühen Morgenstunden hinein mit dem preußischen Gesandten Graf Pourtalès. Gemeinsame Themen ergaben sich aus der Zeitungslektüre hier wie dort. In der Familie scheint die jüngste Schwester Ottilie eine interessierte Zeitungsleserin gewesen zu sein. Deswegen wendete sich Theodor mit der auch ihn bewegenden „Praslie’schen Mordgeschichte“ in Paris speziell an sie (1847/31/Anm.91). Ebenso ein Jahr später mit der Erwähnung der „skandalosen Geschichte“ in Bukarest (1848/11/ Anmk. 30A). Man sieht daran, daß die Familie in Wien die selben Zeitungen wie Theodor in Constantinopel las. Aber welche waren es?

21 Sicherlich die k.k. privilegierte „Wiener Zeitung“. Sie trägt den Charakter eines Amtsblattes und muß daher an der Internuntiatur wie auch in der Familie eines Hofbeamten gelesen werden. Fritz Czeike bezeichnete sie in seinem „Historischen Lexikon, Wien“ von 1997 als die auf der ganzen Welt älteste noch heute erscheinende Zeitung. Am 8. August 1703 erschien sie zum ersten Mal als privates Unternehmen mit dem Namen „Wienerisches Diarium“, seit 1780 als „Wiener Zeitung“. Ab 1810 galt sie als Amtsblatt, ab 1812 als offizielles Regierungsblatt. Seit 1857/58 wurde sie vom Staat herausgegeben und auch gedruckt. Aber die oben genannten, damals aktuellen Ereignisse stehen in der „Allgemeinen Zeitung“, die in den Informationen breiter gestreut ist. Am Anfang ein kurzes Verzeichnis der im Blatt behandelten Länder mit knapper Inhaltsangabe, enthält es noch Beilagen, Sonderbeilagen, Eisenbahnfahrpläne und eine Menge von Anzeigen. In Nr. 9, 9.Januar 1849 – zum Beispiel – „Wichtig für Ausländer in Nordamerika“. 175.000 Acres im Staate Pensylvenia werden zu „annehmbaren Preisen“ angeboten. Neben einer Firma, die empfehlenswerte Eisenbahnschienen anpreist, in der Nr. 18, 18.Januar 1849, eine „Eisen-Offerte“, in der zu billigen Preisen vorzügliche Produkte für die „Direktoren der deutschen Eisenbahnen, Eisenhandlungen und Fabriken“ angezeigt werden. Die Allgemeine Zeitung“ war 1798 in Stuttgart von J.-F. Cotta gegründet worden. Wohl weil sie gemäßigt liberale Tendenzen aufwies, wurde sie 1803 von der württembergischen Regierung verboten, siedelte nach Ulm über und 1810 nach Augsburg. Ab 1889 ist sie dann in München. Ein der Nr. 59, 28. Februar 1848 eingelegtes Blatt, als „Außerordentliche Beilage“ bezeichnet soll noch erwähnt werden. Offensichtlich war die Meldung in letzter Minute eingegangen. So lautet der Text folgendermaßen: „Wir erhalten eben (Nachmittags 4Uhr) Briefe und Zeitungen aus Paris von 24. Febr. Der Schleier, der über dem Motive der Abdankung, fast möchte man sagen der Absetzung von

22 Ludwig Philipp lag, ist dadurch gelüftet, in schrecklicher Weise. Der Kampf war am 23. nur kurze Zeit unterbrochen gewesen, er begann wieder in der Nacht, wo es viele Tote gegeben zu haben scheint. Am Morgen entspann er sich aufs Neue, heftiger als zuvor. Der König versprach Odillon-Barrot und Thiers* als Minister. Zu spät! Man schrie: das ist eine neue Täuschung! Das Volk stürmte die Tuillerien, das Palais Royal, das Finanzministerium. Wir lassen darüber die zwei folgenden Briefe sprechen: „Paris, 24. Febr., Ich schreibe Ihnen unter dem furchtbarsten Donner, den ich je gehört habe .......“ Der zweite Brief beginnt: „ Paris, 24. Febr. Die Tuillerien sind gefallen, das Hotel de Ville ist gefallen, der König hat abgedankt, die Abdankung ist nicht angenommen worden; schon seit heute Morgen ruft das Volk: à bas Louis Philippe, vive la république!“ Diese Zeitungsmeldung löste in den folgenden Wochen und Monaten an vielen Stellen Europas ähnliche revolutionäre Aufbrüche aus, so auch am 13. März in Wien, was hier ihr ausführliches Zitat rechtfertigt. Eine dritte Zeitung ist zu erwähnen, die sich Theodor privat nach Constantinopel bestellt hatte: „Die Presse“. In den Wirren des Jahres 1848, dem Sturz Metternichs, der Aufhebung der Zensur, erschien sie zum ersten Mal am 3. Juli 1848. So abenteuerlich dieses Jahr war, ebenso ihr Gründer August Zang (Wien 1807 bis 1888 Wien): „ Immobilienspekulant, Bäckereibesitzer, Zeitungseigentümer, Wiener Gemeinderat, Bankier, Bergwerksbesitzer – eine schillernde Persönlichkeit –„. Sein despotisches Verhalten den Redakteuren gegenüber ließ es 1864 zu einer geschlossenen kollegialen Kündigung kommen. Das Konkurrenzblatt „Die Neue Freie Presse“ entstand. In der Zeit des Neoabsolutismus unter dem Fürsten Felix von Schwarzenberg wurde „Die Presse“ mehrfach beschlagnahmt, Ende 1849 gar verboten. Sie wich nach Brünn aus. Vom 4. Dezember 1850 bis 25. September 1851 konnte sie überhaupt

23 nicht erscheinen. Trotz all dieser Behinderungen wurde sie das bedeutendste Blatt der Monarchie. Nach 1846, dem Todesjahr der Mutter, werden die Briefe an den Vater kürzer, knapper, und in ihnen klingen die großen europäischen Ereignisse an: Der Krieg in Italien und durch die Revolution im März 1848 in Paris die folgenden revolutionären Aufbrüche in Wien und in den anderen Ländern bis zu dem österreichisch-ungarischen Krieg, der schließlich auch die Türkei in die Wirren Europas mit hineingezogen hatte. Da es sich in den Briefen jeweils immer um die punktuelle Erwähnung eines aktuellen Ereignisses handelt, müssen ausführliche Anmerkungen sie in den geschichtlichen Ablauf stellen, den erst wir Nachgeborenen sehen können. Von daher erklärt sich auch die ausführliche Liste der erwähnten Personen, selbst wenn sie nur einmal in den Briefen genannt werden. Nimmt man noch die Alltagsbagatellen und – banalitäten hinzu, müßte sich eine Zeichnung mit dichten Schraffuren von dem Dezennium ergeben, das die Mitte des 19. Jahrhunderts bildet. Dafür war das große Meyer-Lexikon von 16 Bänden aus dem Jahre 1874 eine unverzichtbare Hilfe. Erstaunliche Ausführlichkeit und Detailreichtum findet man bei den gesuchten Stichworten, vielleicht weil sie wenig mehr als eine Generation später formuliert worden waren. Aus dem jungen Mann der ersten Briefe wird unter dem Lesen im Laufe der Jahre ein ernster Mensch. Ohne die beiden ergreifenden Freundesbriefe des Grafen Coudenhove nach Theodors Tod bliebe uns vieles von ihm verschlossen. Seine Empfindsamkeit, seine Frömmigkeit, seine immer wieder vorgetragenen Gefühlsbezeugungen zu den Seinen, zu seinem Kaiser und zu seinem Vaterland zeigen ihn uns als einen vormärzlichen Menschen, dessen Unruhe und Ängste nicht auf Veränderung gerichtet waren, sondern auf Bewahrung. Das Leiden an den sich abzeichnenden Umbrüchen mag mit zu seiner Krankheit zum Tode beigetragen haben.

24 Zum Schluß bleibt noch die Frage, auf welchem Wege die Briefe des Theodor Ritter von Schwarzhuber von Constantinopel nach Wien – und vice versa – die der Familie in Wien nach Constantinopel gelangt sind. Magister Andreas Patera hatte die Freundlichkeit mir eine Kopie seines Aufsatzes „Die Rolle der Habsburgermonarchie für den Postverkehr zwischen dem Balkan und dem übrigen Europa“ zur Verfügung zu stellen. Das Folgende ist, in Raffung seines Inhaltes, aber mit der ausführlich wiedergegebenen Beschreibung des Postwesens in den Jahren der Theodor-Briefe diesem Aufsatz entnommen. Überraschend ist, daß erst unter dem Sultan Mahmud II. (1809 – 1839) Pläne für die Einrichtung eines geordneten Postdienstes in der Türkei erwogen und nur im Ansatz verwirklicht wurden. Ernsthaft in Angriff genommen wurden sie erst unter seinem Nachfolger Abdül-mecid (1839 – 1861) im Rahmen der allgemeinen Reform. Anders unter den Habsburgern. Der erste Versuch einer regelmäßigen Versendung von Depeschen von Wien nach Constantinopel ist für das Jahr 1572 dokumentiert. Eine stetige Entwicklung wurde allerdings durch immer neu ausbrechende Kriege und beschränkte kriegerische Handlungen gestört. 1615 kam es aber zu einem Vertrag in Wien über den gegenseitigen Schutz der zwischen Wien und Constantinopel eingesetzten Kuriere. Als ab 1719 in Constantinopel ein ständiger Vertreter des Kaisers residierte, war die regelmäßige und verläßliche Postverbindung mit Wien unerläßlich. Dazu wurden kaiserliche Soldaten eingesetzt, später auf türkischem Gebiet Janitscharen. Die Kosten dieses aufwendigen Postweges waren beträchtlich, und so mag ihre Minderung mit ein Grund gewesen sein, daß ab 1720 außer den Depeschen aus dem Hofkriegsrat auch Privatpost angenommen wurde, woran die Kaufmannschaft größtes Interesse hatte. Einmal monatlich ging ab 1723 die Post von Wien ab, aber nur, wenn dringende diplomatische Sendungen auf den Weg gebracht werden mußten. Kaiserin Maria Theresia (1717 – 1780) veränderte es dahingehend, dass die Post strikt einmal im Monat nach Constantinopel ging,

25 unabhängig vom Bedarf der Staatskanzlei, der ab 1753 der diplomatische Verkehr übertragen worden war und somit auch der Postweg nach Constantinopel. Die Folge war, dass das Volumen der Korrespondenzen so anschwoll, dass zu ihrer Bewältigung neue Bedienstete eingestellt werden mußten. Es ist unschwer vorzustellen, daß dies zu einer Belebung von Handel und Wandel führte. Da die österreichische Postroute auch von westeuropäischen Staaten benutzt werden mußte, konnte Clemens Fürst Metternich, 1821 zum Staatskanzler ernannt, diese als Mittel seiner Machtpolitik ausbauen. Tag und Route wurden von ihm festgesetzt. Die Sendung erfolgte alle zwei Wochen. Gemäß den Vorschriften aus dem Jahren 1826, 1830 und 1831 mußten alle Briefschaften und Pakete, die aus der Türkei an der österreichischen Grenze anlangten, in einer der verschiedenen an der Grenze errichteten Quarantänestationen gesäubert, die Pakete geöffnet werden. Die Sendungen für die Staatskanzlei durften lediglich durchstochen und durchräuchert werden. An Theodors originalen Briefen sind heute noch die Einstichlöcher zu sehen. Die im osmanischen Reich immer wieder ausbrechenden gefährlichen Seuchen waren der Grund für die Errichtung jener Stationen. Für Metternich aber bot sich damit die Gelegenheit, den Inhalt politischer Sendungen zu kontrollieren. Interessante Schriftstücke wurden für die Staatskanzlei kopiert. Diejenigen Sendungen, die nicht über jene Quarantänestationen liefen, mußten heimlich in sogenannten „Postlogen“ kontrolliert werden. Die Depeschen und Pakete, die von den westeuropäischen Regierungen an ihre Botschafter in Constantinopel versendet wurden, wurden an dem Ausgangspunkt der „türkischen Post“ in Wien geöffnet und nach wichtigen Meldungen durchsucht. War ihr Inhalt verschlüsselt wurden sie in der „Geheimen Ziffernkanzlei“ bearbeitet. Da sich aber damit ihre Versendung verzögerte, wurden sie dann per Stafetten den termingerechten Sendungen nachgeschickt, die sie meist noch auf ungarischem Territorium einholten.

26 1834 forderten ausländische Regierungen, deren Sendungen geöffnet worden waren, dass die Desinfizierung nur in geschlossenem Zustand stattfinden dürfe. Man unterzog sie daraufhin einem Vorgang, der bei der Seebehörde in Triest üblich war. „Dort wurden alle einlangenden Briefe, Papiere und sonstigen Sendungen in Eisenblechzylindern den Dämpfen einer Mischung von ¼ Teil Schwefelblumen, ¼ Teil gestossenen Salpeters und 2/4 Teilen Weizenkleie ausgesetzt. Um sicherzustellen, dass die heißen Dämpfe auf alle Teile der Papiere gehörig einwirken konnten, wurden die Briefe und Pakete, wenn sie offensichtlich rein waren, mittels einer Maschine durchstochen. Waren die Poststücke aber offensichtlich unrein, oder über einen halben Zoll dick oder bestand Verdacht auf einen pestgefährlichen Inhalt, mußten sie nach wie vor geöffnet – die Stichmaschine diente zugleich als Schneidemaschine – und der Räucherung zugeführt werden.“ (Patera, S. 49) In den 30-iger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Dauer des Transportes auf 13 – 16 Tage gesenkt. „Die Post wurde zwischen Wien und Hermannstadt (Sibiu) durch Unteroffiziere eines Grenzregiments befördert, zwischen Hermannstadt und Bukarest einem der Agentie zugeteilten Unteroffizier zu Wagen, endlich zwischen Bukarest und Constantinopel durch einen berittenen Posttataren“, wobei unter Tatar keine ethnische Gruppierung zu verstehen ist, sondern die Bezeichnung für den Berufsstand eines Boten oder Reisebegleiters. Ihr Einsatz war nötig geworden, als Sultan Mahmud II. 1826 die ihm zu mächtig gewordenen Janitscharenverbände vernichten ließ. Durch Reformen beim Transport eben jener Posttataren konnte die Postexpedition in Constantinopel am 10. August 1849 bekanntgeben, „dass die jeden Freitag von London abgefertigten Briefe auf dem Wege über Ostende, Berlin und Wien in 13 ½ Tagen und zuweilen in noch kürzerer Frist nach Constantinopel gelangen“. Mit dem schon erwähnten Ausbau der Dampfschiffahrt auf der Donau war in der guten Jahreszeit eine weitere Form des Posttransportes gegeben. Mit der Gründung 1836 einer auf

27 privatrechtlicher Basis handelnden nationalen Dampfschiffahrtsgesellschaft – Österreichischer Lloyd genannt – eröffnete sich von Triest aus der Postweg in die Levante bis Constantinopel, den Theodor nur wegen besonderer Umstände benutzte.

3.

Das Familienarchiv

Natürlich finden sich in ihm Dokumente wie Geburtsurkunden, schön geschriebene Ernennungsurkunden, Partezettel und Visitekarten, Stammbücher mit reizenden Zeichnungen aus dem frühen 19. Jahrhundert und aus derselben Zeit kleine Kinderspiele. Später dann die Reiseskizzenbücher des Dr. Wilhelm Ritter von Catharin, darunter seine Reise 1888 nach Griechenland und in die Türkei. Auch finden sich eine Reihe von Photographien der Kaiserfamilie. Erwähnenswert sind auch die Rechnungsbücher des Anton Lorenz von Schwarzhuber*, dem Vater von Theodor, der sie von 1815 – 1863 geführt hatte. An den Anfang der einzeln zu benennenden Objekte sollen die beiden türkischen Geschenke Theodors an seine Familie stehen. Die Turkologin Frau Prof. Dr. Petra Kappert der Universität Hamburg, hat sie dankenswerterweise bestimmt. Ein gewachster Papierstreifen (15 x 103cm) mit osmanischen Schriftzeichen stellt den Kalender für das „Hahn“-Jahr mit astrologisch- astronomischem Hintergrund dar. Am rechten Rand sind die Monate verzeichnet, in der Mitte die Tage, dazu noch die Sonnenauf- und untergänge und die Festtage. Der Kalender bezieht sich auf das islamische Jahr 1092 = 1681/82 in der christlichen Zeitrechnung. Der Kalender gilt für ein Jahr. Das zweite Geschenk ist ebenfalls ein Papierstreifen (7,5 x 42,3cm) mit handschriftlich aufgezeichneter Gebetsanleitung in Türkisch und Arabisch: die Anrufung Gottes, religiöse Formeln, Gebete und Koransuren. Keine Datierung.

28 Gänzlich aus dem Rahmen des üblichen fällt das, in einer Werkstatt des Vatikan in feststehenden Formeln vorgeschriebene Ablaßformular des Papstes Clemens XII. (1730 – 1740), der eine Zeit lang Nuntius in Wien gewesen war. Es ist aus dickem, steifem Pergament, 53 x 37cm. Eine 2cm breite Bordüre aus einer Blätterranke in hellen Brauntönen umrandet es. Die Mitte, 2/4 des Pergamentes einnehmend, füllt das Brustbild des Papstes mit segnend erhobener Hand in einem ovalen Rahmen, der mit roten Rosenranken und goldgehöhten Ornamenten geschmückt ist. Darüber ein Thronhimmel mit gerafftem Vorhang in hellem Purpur, von zwei fliegenden Putten gehalten. Gekrönt wird er mit dem Wappen der florentinischen Papstfamilie Corsini. Rechts davon die stehende Figur des Paulus mit dem Schwert, durch das er gestorben ist, in grünem Gewand und rotem Mantel; links steht Petrus mit dem Schlüssel in blauem Gewand und gelb-rotem Mantel. Alle farbigen Darstellungen in Aquarellmalerei. Darunter die Ablaßworte in Goldschrift für Adamus (Anton) Joseph Catharin. Der rechte Teil des Pergamentes in der Breite eines weiteren Viertels ist unbeschrieben und lediglich zur Mitte hin abgegrenzt durch die Reihe der Zahlen 1 bis 25 in Goldschrift von oben nach unten. Der freie Raum ist vorgesehen für die Namen der Kinder des Joseph Catharin bis ins 2. Glied und für weitere Personen, die er noch hätte bezeichnen mögen, denn auch sie alle sind in den Ablaß einbezogen. Auf dem linken Viertelblatt in Goldschrift: NRO Papae Clementi XII.

Santissimo DNO

Darunter: drei unleserliche, handschriftliche Zeilen: Beglaubigung durch einen vatikanischen Beamten mit Unterschrift. Darunter in Goldschrift: Indulgentiae plenariae pro Adamo Josepho Catharin (vollständige Gnade für...).

29 Und das Papstsiegel in Papier, näher bestimmt durch Prof. Dr. Heinrich Appelt, Wien. Ein weiteres frühes Erinnerungsstück an die Familie Catharin ist das in rotem Leder mit Goldstempelung gebundene Buch „Fleiß und Sitten“ (1806) mit frommen Erzählungen und handschriftlichen Eintragungen des Hauslehrers über die Leistungen seines Schülers Ferdinand von Catharin. Nach Salzburg hingegen weist das kleine Erinnerungstäfelchen, das Konstanze Nissen, verwitwete Mozart, geborene Weber, dem Freunde Giambatista Casella „am 4. di Marzo 1829“ durch Unterschrift gewidmet hat. Es ist aus Fournierholz (6 x 11,7cm) und auf der einen Seite mit einem seitenverkehrten Kupferstichporträt Mozarts beklebt, das dem Buchsbaumrelief von Leonhard Posch, Mai 1789 ähnelt. Die Beziehung zu der Familie Mozart entstand durch Hieronymus Freiherr von Kleinmayrn, niederösterreichischer Merkantil- und Wechselgerichtspräsident, Stiefbruder der Mutter von Theodor, der Testamentsvollstrecker von Nannerl Mozart, verheiratete Sonnenburg, gewesen war. Dessen Ehevertrag war das Muster für den Ehevertrag der Eltern Theodors. Zudem fand sich im Familienarchiv eine Ansammlung von Papieren, die sich bei näherem Zusehen als Sonder- und Extrabeilagen, als Kriegsbulletins, Flugblätter, Aufrufen, Proclamationen, Manifeste und zwei kleinen Konvoluten von frühen Zeitungen entpuppten. Dass sie aufbewahrt wurden, verdanken sie dem Interesse und Gespür in der Familie für die Wichtigkeit eines eben eintretenden Geschehens, das sich erst nach vergangenen Jahren als Geschichtsereignis herausstellte. Die Familienbande nach Innsbruck erklären manches, das aus Tirol stammt. Als frühestes Beispiel soll die „Wiener Zeitung“ von Mittwoch, dem 31. Dezember 1797, genannt werden, in der auf S. 1557 die Meldung steht, dass „Seine Majestät (Kaiser Franz II.) dem Magistratsrathe und Stadtund Oberkämmerer

30 Schwarzhuber* allerhöchste Zufriedenheit durch eigenes Belobungs-Dekret... zu geben geruhte“. Dieser hatte sich bei der Verproviantierung der Stadt Wien während der Napoleonischen Kriege ausgezeichnet. Zudem erhielt er eine Ehrenmedaille an goldener Kette. Er ist Theodors Großvater. Aus Tirol stammt dann ein kleines, hauchdünnes Blatt, auf dem eine Ornamentleiste folgendes umrandet: „Anrede, die Andrä Hofer, Oberkommandant von Tirol, bei seiner Ankunft den 15. August 1809 um 12 Uhr Mittag aus dem Fenster seines Zimmers von dem Gasthofe Zum Goldenen Adler in Innsbruck, an eine große Menge Landesverteidiger und viele Stadtbewohner, nachstehenden Inhaltes gehalten hat: „Grüeß enck Gott meine lieb’n S’brucker, weil ös mi zum Oberkommedanten g’wöllt hobt, so bin i holt do............“. Auf der 20. außerordentlichen Beilage der „Wiener Zeitung“ vom 10. April 1814 wird der Sieg des Fürsten Schwarzenberg über Napoleon bei Paris gemeldet und der daraus folgende Einzug der alliierten Armee in die Hauptstadt. An ihrer Spitze Zar Alexander und der Preußische König Friedrich Wilhelm. Fassungslosigkeit dagegen spricht aus dem Extrablatt der „Wiener Sonntags-Zeitung“ vom Mittwoch, dem 4. Juli 1866, abends 7 Uhr, welche die Niederlage bei Königgrätz meldet: „Großes Unglück hat Österreich betroffen! Die Nordarmee, noch vor wenigen Tagen der Stolz unsres Vaterlandes ist im todesmuthigen Kampf der Übermacht des Feindes erlegen.........“ Auch finden sich mehrere Beilagen zu der Schlacht von Sedan: „Neuestes Telegramm der ‚Presse‘, Berlin 3. September (1870): Offizielle militärische Nachrichten an die Königin Augusta in Berlin: Vor Sedan, den 2. September halb 2 Uhr Nachmittags – Eine Kapitulation, wodurch die ganze Armee in Sedan kriegsgefangen ist, wurde soeben mit dem General Wimpffen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschalls Mac Mahon das Commando führte. Der Kaiser (Napoleon III.) hat nur sich selbst mir ergeben, da er das Commando nicht führt und Alles der Regentschaft in Paris überläßt; seinen Aufenthaltsort werde ich bestimmen,

31 nachdem ich ihn gesprochen habe in einem Rendez-vous, das sofort stattfindet. Welch eine Wendung durch Gottes Führung! Wilhelm“. In Verbindung mit den Theodor-Briefen ist das Konvolut mit den 18 Publikationen zu dem Jahr 1848 am Interessantesten. Sie nehmen sich z.T. wie nähere Illustrationen zu ihnen aus. Diese kleine Sammlung beginnt zeitlich mit der Proklamation Kaiser Ferdinands I. vom 15. März 1848. Vorangegangen war seit Anfang März eine Welle liberaler Forderungen an den Kaiser und die Regierung, ausgehend von Ungarn. Diese Bewegung setzte sich fort, und erreichte ihren tragischen Höhepunkt am 13. März mit ungefähr dreißig Toten. Beim Lesen der Briefe wird man in ihnen und den ausführlichen Anmerkungen die sich abspulenden Ereignisse verfolgen können. „Wir Ferdinand I. von Gottes Gnaden, Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen............. haben nunmehr solche Verfügung getroffen, die Wir als Erfüllung der Wünsche Unserer treuen Völker für erforderlich hielten“ (Pressefreiheit, Einrichtung einer Nationalgarde)... Für die „von Uns beschlossene Constitution des Vaterlandes ist das Nöthige verfügt............sonach erwarten Wir mit Zuversicht, dass die Gemüther sich beruhigen, die Studien wieder ihren geregelten Fortgang nehmen, die Gewerbe und der friedliche Verkehr sich wieder beleben werden............. Gegeben in Unserer kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien, den fünfzehnten März im Eintausendachthundert acht und vierzigsten, Unserer Reiche, im vierzehnten Jahre Ferdinand.“ Dabei handelt es sich um ein großes Papierblatt, zum Aushang bestimmt, herausgegeben in Innsbruck am 18. März 1848 vom k.k. Landespräsidium für Tirol und Vorarlberg, Clemens Graf und Herr zu Brandis, Gouverneur. Derselbe Text noch einmal auf einem Blatt in ca. DIN-Größe, auf der Rückseite: „Dank– Adresse überreicht von den Unterzeichneten. Hoch lebe unser konstitutioneller Kaiser! Hoch! Hoch! Hoch!................ Der Magistrat und Bürgerausschuß der Stadt Wien.“

32 Kleines gebundenes Heft.“ Gesetz-Artikel, des ungarischen Reichtages. Nach der ungarischen Original-Ausgabe übersetzt.“ Es ist der von Kaiser Ferdinand persönlich geleitete Reichstag in der Freistadt Preßburg vom 7. November 1847, auf dem Erzherzog Stephan* zum Palatin von Ungarn gewählt wurde. Auch als nicht juristisch gebildeter Leser wird man, in Kenntnis der weiteren Entwicklung, an Stellen kommen, wo man gewahr wird, daß sich hier in Bälde der Knoten schürzen wird. Schlußwort datiert vom 11. April 1848. Die „Preßfreiheit erzeugt in Kurzem eine Menge von Schandblättern“ – so das ML, 12, S. 259. Ob die beiden Hefte „Die Constitution“ Nr. 2 vom 22. März und Nr. 6 vom 28. März 1848 auch dazu gehören? Sie enthalten kritische und anklagende Artikel. Das Entgegenkommen des Kaisers gegenüber den Wünschen des aufgebrachten Volkes konnte nicht die Beruhigung hervorbringen, die so erwünscht war. Der Zusammenschluß verschiedener Ausschüsse zu einem „Centralcomité“ bündelte die liberalen Aktivitäten. Am 25. April hatte Pillersdorf, Innenminister, eine neue Verfassung nach dem Muster der vielgerühmten belgischen vorgelegt, aber nur Spott geerntet. Der Tagesbefehl des Grafen Hoyos, Befehlshaber der Nationalgarde, das „Centralcomité“ aufzulösen, führte am 15. Mai dazu, daß Menschenmassen in die Burg eindrangen und verlangten, daß der Tagesbefehl wie die Verfassung vom 25. April zurückgenommen werden müsse. Ein übergroßes Blatt, für die Öffentlichkeit bestimmt, bringt die Proklamation Kaiser Ferdinands vom 16. Mai 1848: „Zur Beruhigung der am 15. Mai 1848 in Unserer Residenzstadt Wien entstandenen Aufregung und zur Verhütung gewaltsamer Ruhestörungen... diesen (oben genannten, die Nationalgarde betreffenden) Beschlüssen fügen Wir noch, um alle übrigen Anlässe zu Mißvergnügen und Aufregung zu beseitigen nach dem Einrathen Unseres Minister-Rathes die weitere Bestimmung bei, daß die Verfassung vom 25. April

33 1848 vorläufig der Berathung des Reichstages unterzogen werden soll.........Wir hegen hernach die Zuversicht, daß alle Classen der Staatsbürger mit Ruhe und Vertrauen der baldigen Eröffnung des (ersten) Reichstages entgegen sehen werden. Ferdinand Mitunterzeichner: Pillersdorf, Sommaruga, Krauß, Latour, Doblhoff, Baumgartner Einen Tag später war in der österreichischen Abendzeitung Nr. 47 ein Artikel des Freiherrn Pillersdorf, erschienen, der nach dem 18. Mai geschrieben sein muß, weil in ihm die Abreise des Kaisers nach Innsbruck erwähnt wird. Der Abdruck trägt in Großbuchstaben die Überschrift: „Der 15. Mai, geschildert von Freiherr von Pillersdorf.“ Ein weiteres Blatt (über DIN-Größe, undatiert) „Tiroler! Höret! Höret! Tiroler, die große Kunde, Gestern, schon war es Nacht, es erschollen Rufe auf den Straßen; was gibt’s? – Da wirbelt die Trommel, Feuer? – Nein, nein; doch auch ja; ja Feuer gilt der Ruf, doch nicht verheerende Flammen, nein dem Feuer, das in dem Herzen jedes biederen Tirolers glüht, dem Feuer der Liebe für seinen Kaiser. – Der Kaiser kommt, er kommt nach einer Stunde! So schallt es wieder und es tönt von Mund zu Munde.... Hoch lebe unser Kaiser Ferdinand! Hoch lebe unser Vaterland Tirol!“ Kaiser Ferdinand hatte am 18. Mai Wien verlassen. Siehe dazu den Brief des Anton Lorenz Schwarzhuber, 1848/43/Anmerkung 107. „Wer ist Schuld, daß der Kaiser fort ist? Worte der Verständigung mit unseren Brüdern aus dem Volke über den 15. und 18. Mai“ (Großes Flugblatt, 2 Kreuzer Conv. Münze, beidseitig eng bedruckt, undatiert.) Zwei Abschnitte daraus: „Wir, die wir hier (in Wien) zusehen, was die wahre Ursache ist. Der Adel, weil er durch das Geschenk des Kaisers vom 15. Mai (an uns) seiner letzten Macht über das Volk beraubt war, wagte einen Verzweiflungsstreich und überredete den Kaiser, daß wir etwas gegen seine Person im Schilde hatten. Darauf haben sie ihn nach Innsbruck fortgeführt, dort werden sie den einfachen Tirolern dasselbe einreden und uns den Kaiser

34 solange vorzuenthalten suchen, bis sie wieder ihre Macht zurück haben... eines wollen wir uns schwören, Brüder! Sollte jene gefährliche Partei versuchen, uns die Errungenschaften vom 15. Mai zu rauben, so wollen wir wieder, wie an jenem Montag, Bürger und Nationalgarde, Studenten und Arbeiter, Einer für Alle, Alle für Einen stehen. Brühl, Nationalgardist des Stubenviertels für Hunderrttausende von Gleichgesinnten.“ „Wir wollen unsern Kaiser haben! Auf nach Innsbruck!... S.D. der akad. Legion; Eduard Leidesdorf, Garde der akad. Legion“ (Flugblatt, Wien, 20. Mai 1848). Ein dünner Zettel, ein Flugblatt, undatiert, aber unzweifelhaft von 1848. Die Überschrift in überdimensionalen Lettern: „ WAS WIR WOLLEN.“ Unterschrieben: „im Namen des Volkes“. In zehn Punkten wird in Kürze zusammengefasst, was Bürger und Stände, Arbeiter und Studenten im wahrsten Sinne des Wortes in Wien auf die Barrikaden getrieben hatte. Diese Gründe werden sich in ganz Europa ähneln und deshalb soll das Flugblatt hier im Wortlaut wiedergegeben werden. Punkt 8 allerdings ist ein österreichisches Anliegen, das schon am 11. März 1848 bei der Monatssitzung des österreichischen Gewerbevereins der Vorsitzende, der Fabrikant Arthaber, in einer Adresse an den Kaiser mit eben denselben Worten empfohlen hatte: Innigsten Anschluß an Deutschland. Darin zeigt sich wohl das Gefühl einer Art von „Familienbindung“, das in der gemeinsamen Geschichte unter dem Dach der Familie Habsburg im Laufe der Jahrhunderte entstanden war, selbst wenn sich die Wege seit 40 Jahren getrennt hatten. Wie tief nach innen und wie lange solche Gefühle absinken können! „Was wir wollen. Da wir erkannt haben, daß die reactionäre Partei den Sieg des souveränen Volkes zu schmälern beabsichtigt, so wollen wir: 1) Daß das gesamte Militär Wien verlasse, und die russische und italienische Grenze besetze. 2) Daß alle Errungenschaften des 15. Mai ungeschmälert aufrecht erhalten, die constituierende Versammlung nach Wien schleunigst einberufen werde. 3) Daß von ämtlicher Seite Abgeordnete in die Provinzen

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7) 8) 9) 10)

abgeschickt werden, welche unsern Brüdern daselbst bekannt geben, daß Alles, was wir gethan, nur im gemeinsamen Interesse der ganzen Monarchie geschehen sei. 4) Aufhebung der Klöster 5) Einführung einer Einkommenund Armensteuer 6) Beeidigung des Militärs auf die Verfassung Gleichstellung aller Nationalitäten Innigster Anschluß an Deutschland Baldigste Rückkehr des Kaisers unter Aufrechterhaltung der Errungenschaften des 15. Mai. Daß Alle Jene, welche den Kaiser zur Abreise durch falsche Vorspiegelungen bewogen haben, vor ein Volksgericht gestellt werden.“

Bis zu dem Datum des folgenden Schriftstückes waren wichtige Ereignisse in Wien, aber auch in Ungarn, eingetreten, die sich dann in der Hauptstadt bis zu dem Ausbruch einer Revolution mit allen Mitteln steigerten. Bulletin, herausgegeben vom k.k. Militärkommando in Innsbruck am 1. November 1848. „Auf offiziellem Wege sind über die Ereignisse in Wien vom 28. Oktober folgende Nachrichten hier eingelangt: Telegraphische Depesche des Feldmarschalls Windisch-Grätz an Se. Majestät den Kaiser „Gestern hat der allgemeine Angriff auf Wien statt gefunden“ „Meine tapferen Truppen sind nach einem neunstündigen Barrikadenkampfe der Disposition gemäß in die Vorstädte Landstraße, Rennweg, Leopoldstadt und Jägerzeile eingedrungen und haben dieselben bis an die Wälle der Stadt besetzt. Es wurden bereits Unterhandlungsanträge gemacht.“ Wien, den 29. Oktober 1848 Windisch-Grätz, F.M.“ Manifest vom 4. März 1849, Olmütz „Wir, Franz-Joseph der Erste von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich; König von Ungarn und Böhmen...... .... Wir verkündigen demnach unter heutigem Tage die Verfassungsurkunde für das einige und untheilbare

36 Kaiserthum Oesterreich, schließlich hiedurch die Versammlung des Reichstages zu Kremsier, lösen denselben auf und verordnen, daß dessen Mitglieder sofort nach Veröffentlichung dieses Beschlusses auseinander gehen...“ Franz-Joseph Mit unterzeichnet: Schwarzenberg, Stadion, Krauß, Bach, Cordon, Bruck, Thinfeld, Kulmer 4.

Anhang

Die folgenden Begebenheiten sind erst nach dem Tode von Theodor 1853 ans Tageslicht getreten, aber ihre Wurzeln reichen in seine Lebenszeit zurück. W. Heindl hat sie 1993 in ihrem Aufsatz in den Wiener Beiträgen (Literaturverzeichnis) zur Sprache gebracht und sie sollen hier in Kürze erwähnt werden. Das Verhältnis zwischen Österreich und der Türkei war zu diesem Zeitpunkt durch zwei zeitlich nahe beieinanderliegende Ereignisse in Spannung geraten. Die ungarischen Revolutionäre waren nach ihrer Niederlage gegen Österreich und das Haus Habsburg in die Türkei geflüchtet. Österreich verlangte ihre Auslieferung. Es schickte Agenten in das Land, um die Lage vor Ort beobachten zu lassen, und diese recherchierten dabei auch in der Internuntiatur. Das zweite belastende Vorkommnis war der Übertritt türkischer Truppen auf östereichisch-montenegrinisches Gebiet. Der Grund waren sich wiederholende Einfälle von Räuberbanden in das osmanische Reich. Der Chef der obersten österreichischen Polizeibehörde, Johann Kempen Freiherr von Fichtenstamm, hatte dem Außenminister Graf Carl Ferdinand Buol-Schauenstein den Bericht seiner Agenten auch über die Internuntiatur vorgelegt, der gravierende Vorwürfe gegen einzelne Beamte enthielt, und ein baldiges Eingreifen durch Versetzungen nahelegte. Feldmarschall Christian Franz Graf Leinigen wiederum war ausersehen, nach Constantinopel zu reisen, um bei der Pforte

37 den Abzug der türkischen Truppen aus Montenegro zu fordern. Er sollte zugleich an der Internuntiatur nach dem Rechten sehen. Der Bericht des Feldmarschalls an den Außenminister erwähnt keine Verfehlungen der Beamten, im Gegenteil, die Beamten wurden für ihren aufopfernden Eifer und ihre Umsicht gelobt, nennt aber Schwierigkeiten, die sich ergeben haben und die in der Struktur der Internuntiatur lägen. So seien die Kompetenzen zwischen der Kommerzkanzlei und dem Generalkonsulat, die beide 1846 eingerichtet worden waren, nicht strikt geregelt und führten deshalb zu vielerlei Mißstimmungen. Auch spiele die Versippung zwischen den Beamtenfamilien eine Rolle. Aber ein nicht zu übersehender Grund läge in der geradezu katastrophalen Bezahlung. Der Gesandte in London erhalte 110.000 fl jährlich, der Internuntius 40.000 fl, von denen er auch die, in der Internuntiatur wohnenden Beamten zu verköstigen sowie Repräsentationsessen für fremde Gäste zu geben habe. Diese Relation dehne sich auf die übrigen Beamtengehälter aus. Die in dem Polizeibericht belasteten Personen wurden an ihrem Platze belassen, und selbst bei späteren Versetzungen scheint ihre Laufbahn nicht gelitten zu haben³.