Elisabeth Tschumi 1859–1949 die Frau des letzten Grosswesirs

Elisabeth Tschumi 1859–1949 die Frau des letzten Grosswesirs

Jahrbuch des Oberaargaus, Bd. 41 (1998) Elisabeth Tschumi 1859–1949 die Frau des letzten Grosswesirs Eine Liebesgeschichte aus Wolfisberg auf türkisc...

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Jahrbuch des Oberaargaus, Bd. 41 (1998)

Elisabeth Tschumi 1859–1949 die Frau des letzten Grosswesirs Eine Liebesgeschichte aus Wolfisberg auf türkisch Andrea Fiedler

Afife ist blond und blauäugig. Eigentlich heisst sie Elisabeth und kommt aus einem kleinen Dorf in der Schweiz. Ihr Nachname war einmal ­Tschumi gewesen. Aber den hat sie abgelegt, denn im Osmanischen Reich gibt es keine Nachnamen. Das ist so, seit sie Tewik geheiratet hat und Osmanin geworden ist. Die Geschichte klingt wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Sie handelt von einer starken Frau, einem ebenso starken Mann und beider eigentüm­ licher Liebe. Sie handelt davon, wie eine Frau gesellschaftliche Barrieren überspringt, vom einfachen Landmädchen bis zur Frau eines osmanischen Würdenträgers. Und sie handelt davon, wie das Paar eine Verbindung schafft über die Grenzen zwischen protestantischem Abendland und muslimischem Morgenland hinweg.

Das Leben ist hart im Wolfisberg des 19. Jahrhunderts Die Geschichte beginnt am 24. Juni 1859 in Wolfisberg. An jenem Tag nämlich hält der Landjäger Jacob Tschumi seine neugeborene Tochter zum ersten Mal auf dem Arm. Elisabeth ist sein neuntes Kind. Und eigentlich hätten er und seine Frau lieber einen Sohn gehabt, der schnell mitarbeiten und zum Unterhalt der Familie beitragen kann. Nicht im entferntesten ahnt Jacob Tschumi, dass aus diesem kleinen Persönchen später «Ihre Exzellenz» werden soll. Im kleinen Wolfisberg am Südhang der ersten Jurakette ist das Leben ­Mitte des 19. Jahrhunderts hart. 250 Menschen kämpfen hier oberhalb von Niederbipp und Wiedlisbach um ihr tägliches Brot. Schon zwei Jahr­ hunderte zuvor haben sich die Wolfisberger bei ihren Nachbarn einen ­wenig schmeichelhaften Namen gemacht, als Holzfrevler. Ein Stück Land 73

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Elisabeths Vater Jacob Tschumi, der Landjäger von Wolfisberg, der «sich wohl nie erträumt hatte, dass sein Nesthäkchen einmal ‹Ihre Excellenz›, die Frau des osmanischen Grosswesirs, und später die Schwägerin des Sultans werden würde». (Sefik Okday, Elisabeths Enkel, 1991)

und etwas Vieh hat zwar fast jeder. Zum Reichwerden ist das aber zu­ wenig. Kinder und Frauen gehen im Sommer und Herbst Beeren sam­ meln. Schon früh morgens machen sie sich zu Fuss auf den weiten Weg nach Niederbipp oder Herzogenbuchsee, um auf dem Markt oder bei wohlhabenderen Leuten ein Zubrot zu verdienen. Auf der sogenannten Duftmatt werden Tuffsteine abgebaut. Und dann gibt es in der Klus noch einen wichtigen Brotgeber, die Von-Roll-Fabrik. Die Wolfisberger nennen das Stahl-Werk «Schmelzi». Sommers wie Winters, sechs Tage die ­Woche, nehmen die Arbeiterinnen und Arbeiter den Weg unter die Füsse von Wolfisberg über Walden auf die Waldenalp. Die Erlinsburg lassen sie rechts liegen und marschieren der linken Seite des Leuentälis entlang durch den Wald. So gelangen sie auf das Älpli oberhalb der Klus. Von dort steigen sie hinunter zur Fabrik, wo sie einen langen arbeitsreichen Tag in der Hitze des Feuers verbringen. Verschwitzt, mit geschwärzten Gesich­ tern und schwieligen Händen, machen sie sich abends auf den selben Weg zurück nach Hause. Abwechslung bietet sich im Gesangsverein und bei so manchem überschäumendem Dorffest. In dieser Umgebung lernt das Nesthäkchen der Familie Tschumi bald, was 74

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Hochstudhaus an der Bergstrasse Nr. 10 in Wolfisberg. Hier lebte die Familie des Landjägers Jacob Tschumi. Bleistiftzeichnung von Peter Graber, Wolfisberg.

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Arbeit heisst. Zusammen mit ihrem Hund treibt Elisabeth bereits mit fünf Jahren die Kühe aus dem Stall. Sie sammelt Brennholz, schaufelt Schnee und hilft im Haus und auf dem Hof. Zusammen mit achtzig Schulkolleginnen und -kollegen drückt Elisabeth daneben die Schulbank. Wolfisberg besitzt ein eigenes Schulhaus. Dort werden im Frühling und im Herbst morgens von sieben bis neun Uhr die Grossen unterrichtet, und abends von halb sechs bis sieben Uhr kommen die jüngeren Schüler an die Reihe. Insgesamt sieben Jahre dauert die Schulzeit. Allerdings nehmen es viele Eltern mit der Schule nicht so genau. Immer wieder muss die Schulkommission die Väter ermahnen, weil die Kinder kaum während der Hälfte ihrer Schulzeit im Klassenzimmer er­ scheinen. Die Kinder sollten lieber zu Hause helfen; zuviel Schule er­zeuge nur Faulenzer und Bettler, lautet die einhellige Meinung. So mancher Vater muss eine Busse bezahlen, weil er deshalb beim Gerichtspräsidenten in Wangen angezeigt wurde. In der Schule fehlen dürfen die Kinder nur, wenn sie krank sind – Johann Tschumi vom «Einschlägli» etwa wird di­ spensiert, weil er ausgezehrt ist und ihm die Kraft fehlt – oder wenn das Wetter schlecht ist. Gegen die klirrende Kälte können sich nämlich viele Kinder nicht schützen, weil sie zu wenig warme Kleidung besitzen.

Eine Reise mit Folgen So wird Elisabeth siebzehn Jahre alt. Sie hat sich zum quicklebendigen, gertenschlanken Backfisch gemausert. Statt sich aber wie ihre Freundin­ nen auf erste Liebesabenteuer einzulassen, sitzt sie häufig auf der Bank vor ihrem Elternhaus und träumt in die Ferne. Bei klarem Wetter sieht sie über die Ostschweizer-, die Innerschweizer-, die Berner- und die West­ schweizeralpen bis zum französischen Mont Blanc. Ihre Gedanken und Träume fliegen aber noch viel weiter. Eines Tages kommt eine alte Bekannte in die Ferien nach Wolfisberg. Als Kindermädchen ist sie in Athen in Stellung. Wie ein ausgetrockneter Acker den langersehnten Sommerregen aufsaugt, so begierig hört Elisabeth den Erzählungen der Bekannten von einem besseren Leben zu. Grossstadt, glitzernde Lichter, herrschaftliche Equipagen, wunderbares Essen – Elisa­ beth ist beeindruckt: kein Brennholz schleppen, keine Kühe melken. Für die schmutzige Wäsche und das gebrauchte Geschirr ist anderes Personal 76

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da. Stattdessen mit den Kindern spielen und spazierengehen – Elisabeth glaubt es kaum. Richtig schwindlig wird ihr, als die Bekannte von ihrem Lohn erzählt. Künftig sitzt Elisabeth noch viel länger vor dem Haus und träumt: «Ich will hier weg – weit, weit weg», darum dreht sich ihr ganzes Sinnen. Zum Glück hat ihr Vater Jacob das Herz auf dem rechten Fleck, als er merkt, was in seiner Tochter vorgeht. Er bittet die Bekannte, in Athen auch für Elisabeth nach einer Stelle Ausschau zu halten. Nicht lange darauf kommt der ersehnte Brief: Der englische Gesandte suche ein Kinder­ fräulein. Ein Scheck und damit das Geld für die Vorbereitungen und die Reise liegt dem Brief schon bei. Die Würfel sind gefallen. Im Dirndlkleid, mit dem Strohhut, dem Regen­ schirm und einem kleinen Koffer steigt Elisabeth in Bern in den Zug. Als dieser in Athen hält, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Siebzehn Jahre ist sie alt. Bisher kennt sie nur die kleine Welt von Wolfisberg. Und jetzt hier, auf diesem Bahnhof: ein unbeschreibliches Treiben, fremde Menschen, eine fremde Sprache und eine völlig ungewisse Zukunft. Damit sie selbst zu finden ist, schwenkt sie ihren Strohhut durch die Luft – so ist es im Brief abgemacht. Ein sehr feiner Herr tritt auf sie zu: «Sind Sie Fräulein ­ Tschumi?» Das muss mein neuer Arbeitgeber sein, denkt sie und macht einen tiefen Knicks. Es ist der Kutscher. Das Herz rutscht ihr in die Rock­ tasche: «Wie fein muss dann erst der Gesandte sein?» Auf der breiten Marmortreppe der Gesandtschaft stürmen ihr ein zehnund ein zwölfjähriges Mädchen entgegen. Das Eis, auch gegenüber den Eltern, ist schnell gebrochen: Elisabeth hat ein neues Zuhause gefunden. Sie schläft im grossen Schlafzimmer, zusammen mit den beiden Mädchen, und isst mit der Herrschaft an einem Tisch. Auch wenn Freunde des Hau­ ses zu Gast sind, ist sie dabei.

Der Gast ist osmanischer Botschafter Eines Abends sitzt ein Gast mit am Tisch, der sie in tiefste Verwirrung stürzt. Sie kann hinschauen, wo sie will, andauernd schaut er sie an. An­ dauernd wird sie rot. Aber geschmeichelt fühlt sie sich doch. Kurz bevor sie ins Schlafzimmer zu den Kindern geht, in einer unbeobachteten Se­ kunde, flüstert er ihr zu: «Morgen um vier Uhr im Café. Sie müssen kom­ men, ich warte auf Sie.» 77

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Elisabeth Tschumi in jungen Jahren.

Er heisst Tewik und ist osmanischer Chargé d’Affaires. Geboren wurde er am 11. Februar 1843 in Istanbul. Sein Vater ist Kavalleriegeneral und Kommandant des Donaubeckens. Seine Mutter stirbt kurz nach seiner Geburt. Deshalb erzieht ihn seine Tante, die Schwester des Vaters, eine sehr modern denkende Frau. Nicht nur arabisch und persisch soll der ­kleine Tewik lernen; die Tante schickt ihn zudem zu einer französischen Lehrerin. Tewik ist auch nicht in den Schalwar gekleidet – jener Art Pump­ hosen, wie ihn die anderen gesitteten Osmanen tragen. Nein, wie west­ europäische Jungen geht er in kurzen Hosen zum Unterricht. Später absolviert er die Kadettenschule bis zum Oberleutnant der Kaval­ lerie. Als Chef der Schreibkammer des Aussenministeriums tritt Tewik mit 22 Jahren in den Dienst der Regierung. In nur wenigen Jahren erklimmt er die Karriereleiter. Er arbeitet als Zweiter Sekretär in den osmanischen Botschaften in Rom, Wien und Berlin und wird dann Erster Sekretär in Athen. Bereits mit 32 Jahren wird er als Chargé d’Affaires nach Petersburg versetzt. Vier Jahre später wird Tewik nach Athen versetzt. Trotz dieser Karriere macht sich seine Tante Sorgen um ihren Schützling: Er ist immer noch nicht verheiratet. Als Mann, der zwar seine Wurzeln in 78

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Tewik Pascha als Botschafter, in Galauniform, 1888.

der türkischen Kultur hat, gleichzeitig aber geprägt ist von der europäi­ schen Gedankenwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hat Tewik seine festen Vorstellungen von seiner zukünftigen Frau: Lebenslustig soll sie sein und blond und blauäugig. Wie eine Traumgestalt muss ihm da das Kinderfräulein aus der Schweiz am Tisch des englischen Gesandten vor­ gekommen sein. Pünktlich um vier Uhr des nächsten Tages geht Elisabeth ins Café. Ist es Abenteuerlust, Neugierde oder das Gefühl, geschmeichelt zu sein? Tewik wartet schon. Er ist 36 Jahre alt und Elisabeth 20. Er ist der gewandte Os­ mane von Welt, sie das lebenslustige Landmädchen aus der Schweiz. Ein ungleicheres Paar hätte kaum beieinander sitzen können. Dennoch bleibt dieser Nachmittag im Café nicht der letzte. Immer öfter gehen sie zu­ sammen spazieren. Elisabeth besucht Tewik in der osmanischen Gesandt­ schaft. Ende des Jahres 1879 eröffnet Tewik Elisabeth, er wolle sie heira­ ten. An den Altersunterschied hat sich Elisabeth gewöhnt, und eigentlich hat sie mit dem Antrag auch gerechnet. Schwer nimmt sie es allerdings mit der Vorstellung, dass Tewik als Muslime bis zu vier Frauen gleichzeitig nebeneinander haben darf. Hoch und heilig muss Tewik Elisabeth ver­ 79

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sprechen, dass sie die Einzige bleiben wird. Das Versprechen gibt er ihr und er wird sich ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod daran halten. Auch Tewik hat einen Wunsch an Elisabeth: Als höherer osmanischer Be­ amte möchte er, dass Elisabeth zum Islam übertritt. Elisabeth reagiert bit­ terböse: «Wenn Du mich liebst und heiraten möchtest, dann musst Du mich nehmen, wie ich bin.» Bei dieser Einstellung bleibt sie. Obwohl sie nie besonders fromm war und selten in die Kirche gegangen ist, lehnt sie es doch kategorisch ab, ihren protestantischen Glauben aufzugeben. – ­Elisabeth und Tewik heiraten in Athen und feiern in kleinstem Kreis.

Die Angst um das Seelenheil der Söhne Einem Wunsch Tewiks kommt Elisabeth aber doch nach: Sie legt ihren Na­ men Elisabeth ab und heisst fortan Afife. Das ist ein türkischer Name ara­ bischen Ursprungs und bedeutet die Saubere, die Ehrbare. Noch eine wei­ tere Konzession macht Afife. Wie andere Osmaninnen in der Türkei trägt sie auf der Strasse den türkischen Tscharschaf. Ihr Kopf ist damit bedeckt, aber ihr Gesicht verschleiert sie nicht. In der Wohnung jedoch trägt sie ihren Kopf unbedeckt und kleidet sich europäisch. Mit ihrem Mann, Tewik, spricht sie französisch. Wenn sie allerdings wütend ist, schimpft sie auf griechisch. Am 2. Oktober 1881 bringt Afife ihren zweiten Sohn zur Welt, Ismail ­Hakki. Ihr erster Sohn war kurz nach der Geburt gestorben. Am 28. März 1883 kommt Sohn Ali Nuri zur Welt. Als die Söhne zwei und drei Jahre alt werden, fragt Afife ihren Mann, wann denn die beiden getauft wür­ den. Tewik – mittlerweile ist er zum Gesandten ernannt worden und trägt den Titel Pascha – lacht. Bei den Muslimen gebe es keine Taufe, dafür die Beschneidung, klärt er seine Frau auf. Afife aber macht sich Sorgen um das Seelenheil ihrer beiden Kinder. «Wie sollen sie in den Himmel kom­ men, wenn sie nicht getauft sind?», fragt sie sich und beschliesst selbst zu handeln. Der deutsche Geistliche in Athen will ihr ohne das Einver­ ständnis des Vaters nicht weiter helfen. Afife hat nichts dagegen einzu­ wenden, dass ihre Söhne gute Muslime werden sollen. Aber trotzdem müssen sie getauft werden, sagt sie sich. Ihr Kindermädchen Victoria hilft ihr schliess­lich weiter. Sie ist Griechin und gehört der griechisch-orthodo­ xen Kirche an. Für 25 Goldpfund erklärt sich der Pope zur Taufe bereit. 80

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Auf ihr Hauswappen war Elisabeth Tschumi stolz. Ihr Stammbaum lässt sich bis 1398 zu­ rückverfolgen.

1884 vermerkt Afife heimlich in ihrer Bibel: «Isidor (alias Ismail) und Alex­ ander (alias Ali) heute getauft.» Der Pope hat es nämlich abgelehnt, Kin­ der mit islamischen Namen zu taufen. Afifes Stolz ist ihr Familienwappen der Tschumis. In einem Holzrahmen hat sie es in ihrem Boudoir hängen. Es zeigt drei Tannen, die auf einem Hügel stehen und zwei Sterne am Himmel fast erreichen. Die Tschumis gehören zu den ältesten Familien Wolfisbergs und sind seit 1398 schrift­ lich belegt. Zu jener Zeit beginnt mit Osman I. auch der Aufstieg des Osmanischen Reichs vom Kleinstaat zur Grossmacht. Das Ende dieses glanzvollen Welt­ reichs sollen Afife und Tewik Pascha – er als Grosswesir – selbst mit­erleben und mitgestalten. 81

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Afife, geb. Tschumi, in türkischer Kleidung, mit Tochter Naile.

Das Osmanische Reich – eine Weltmacht Mitte des 16. Jahrhunderts unter Süleyman dem Prächtigen steht das Os­ manische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Hauptstadt ist Konstantinopel, das heutige Istanbul. Süleymans Truppen stehen vor Wien; die osmanische Flotte beherrscht das Mittelmeer; der Balkan, Al­ banien, Griechenland, Südrussland, die Krim und Teile des Kaukasus ­gehören zum Reich, sowie nach heutigen Namen: Libanon, Syrien, Israel, Saudiarabien, Jordanien, Ägypten, der Irak und Iran. In den folgenden Jahrzehnten werden die heiligen Städte Mekka und Medina, der Jemen, Bagdad und die Staaten Nordafrikas dem Osmanischen Reich in lockerer Form angegliedert. Süleyman legt eine grosse Gesetzessammlung an, die Kanunname, die bis zum Ende des Reichs in Kraft bleibt. Der osmanische 82

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Sultan ist als Kalif gleichzeitig Oberhaupt aller Muslime. Das Reich ist ein einheitlich sunnitischer Staat, der vom Grosswesir zentralistisch verwaltet wird. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts gerät das Osmanische Reich zu­ nehmend unter den Einfluss Europas. Insofern ist Tewiks prowestliche Er­ ziehung durchaus typisch für die allgemeine Entwicklung innerhalb des Reichs. Russland ist zum Hauptgegner der Osmanen geworden, auf dem Balkan, weil sie dort den orthodoxen Christen gegen die Muslime zu Hilfe ge­ kommen sind und am Mittel- sowie am Schwarzen Meer, weil die Russen Zugang zu diesen Gewässern suchen. Gegenüber den russischen Absich­ ten bietet Westeuropa den Osmanen zunehmend Schutz. Trotzdem ver­ lieren die Osmanen mit dem russisch-türkischen Krieg 1877–78 die mei­ sten europäischen Gebiete. Die Kriegserklärung hat übrigens Tewik von Zar Alexander II. entgegengenommen. Das war während seiner Zeit als Charge d’Affaires in Petersburg, noch bevor er Afife kennengelernt ­hatte. Auch wegen der aussenpolitischen Schwierigkeiten kriselt es im Osmani­ schen Reich. Bereits seit 1860 sammelt sich eine Opposition aus Studen­ ten und Offizieren, die sogenannten Jungtürken, gegen die Autokratie und ausländische Bevormundung. Sultan Abdül-Hamid II reagiert mit der Unterdrückung der liberalen Kräfte und hebt die Verfassung auf. Ein Jahr nach der heimlichen Taufe ihrer beiden Söhne, im Jahr 1885, zieht die Familie von Afife nach Berlin um. Tewik Pascha wird dort Bot­ schafter. ­Afife freut sich, in ein Land zu kommen, wo ihre Muttersprache gesprochen wird. Anfangs nimmt sie an der Seite von Tewik freudig an allen offiziellen Anlässen teil. Aber schnell merkt sie, dass hier zwar deutsch gesprochen wird, es aber dennoch eine andere Sprache ist: Von der hohen ­Schule der Diplomatie hat sie keine Ahnung, von militärischen Fragen noch weniger, und die gehobene Salonsprache liegt ihr nicht. Vom öffentlichen Leben zieht sie sich zurück. Tewik hat offiziell zwar die Aus­ rede, bei den Muslimen habe die Frau zuhause zu bleiben, aber Afife fühlt sich einsam – trotz Glanz, Equipagen und Dienerschaft. Afife konzentriert sich jetzt voll und ganz auf ihre hausfraulichen und ­mütterlichen Pflichten. Zwei Töchter bringt sie zur Welt: Zehra und Naile. Über die männlichen Mitglieder ihrer Familie ärgert sie sich, weil keiner von ihnen «etwas Produktives» tut. Tewik palavere nur mit Kollegen, meint sie. Und ihre Söhne gehen in den Kindergarten und hecken an­ sonsten nichts als dumme Streiche aus. Sie, die gelernt hat, jeden Rappen 83

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dreimal umzudrehen, bevor sie ihn ausgibt, nimmt jetzt auch ihre Söhne ins Gebet – mit Erfolg. Jeden Tag sehen Ismail und Ali bunte Bilder, aus­ gestellt in einer Buchhandlung. Aus Vaters gebundenen Illustriertenbän­ den kennen sie ähnliche Bilder. Nichts liegt also näher, als diese Bilder aus­ zuschneiden und damit einen Handel zu beginnen. Dieser Handel floriert ganze zwei Tage, dann wird ihm von einem Botschaftssekretär ein jähes Ende gesetzt. Die Standpauke von Tewik Pascha kommt umgehend: «Kein Botschaftersohn, vor allem nicht der eines Kaiserlich Ottomanischen, kann sich so etwas erlauben.» Seinen Zorn zu spüren bekommt auch Afife. Sie erwidert, diese langweiligen Bände nehme sowieso nie­ mand in die Hand. Die Buben hätten also gut getan, daraus Kapital zu schlagen. Ja, Osmanen der Ober- und Mittelschicht ist es zu dieser Zeit unmöglich, einem Gewerbe nachzugehen. Das ist einzig den Minoritäten vorbehalten, den Armeniern, Griechen und Juden.

Hoher Besuch in Wolfisberg Nach Wolfisberg zieht es sie in all den Jahren kaum. Nie hat sie dort enge Freundschaften geschlossen. Trotzdem fährt sie 1889 hin. Als Frau Exzel­ lenz mit ihren beiden Söhnen und einem livrierten Diener zieht das ­Nesthäkchen der Familie Tschumi im Triumph in Wolfisberg ein. Die Dorf­ kapelle spielt zum Empfang auf und Hunderte von Menschen, auch aus den Nachbargemeinden, kommen zur Begrüssung. Als Geschenk bringt Afife einen Phonographen mit, Vorläufer des späteren Grammophons. Anstelle von Schallplatten dient eine drehende Wachswalze als Ton­ speicher. Die Wolfisberger haben so etwas noch nicht gehört. Ehrfurchts­ volles Schweigen herrscht ob dieses technischen Wunderwerks. Eigentlich ­wollte Afife eine Woche bleiben. Aber sie merkt schnell, dass sie nicht mehr nach Wolfisberg gehört. Mit den Menschen ihrer Heimat hat sie nichts mehr gemein. Schon am dritten Tag reist sie wieder ab, zurück zu ihrem Pascha. Insgesamt zehn Jahre ist Tewik Botschafter in Berlin. Er engagiert sich in der Kommission, die für den Bau des Suez-Kanals verantwortlich ist und setzt sich für den Bau einer Eisenbahn bis Bagdad ein. Mit diesen Tätig­ keiten hat Tewik den Sultan Abdül-Hamid auf sich aufmerksam gemacht: 1885 bekommt er eine Eilbotschaft, er solle sofort in Istanbul beim Sul84

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Istanbul. Blaue oder Sultan Ahmed Moschee. Foto V. Binggeli 1958.

tan vorsprechen. Abdül-Hamid ernennt Tewik Pascha zum Aussen­minister. Die Familie zieht also wieder um nach Istanbul. Neuer Wohnsitz wird das Palais in Ayazpascha. Afife wird zur glücklichen Hausherrin über 60 Zimmer und einen riesigen Garten. Was es allerdings heisst, Frau des Aussenministers zu sein, muss sie erst noch lernen. Nach wie vor ist sie gewohnt, jeden Rappen umzudrehen, bevor sie ihn ausgibt. Deshalb macht es sie ganz wild, als sie ­eines Tages in die Küche kommt und dort 15 Freunde und Verwandte des Kochs vor­ findet, die sich an ihrem Tisch durchfüttern. «Geld verdienen ist schwer. Ich kann nicht mitansehen, wie der Koch seine ganze Sippschaft auf unsere Kosten ernährt», wettert sie gegenüber Tewik. Für ihn allerdings spielt Geld überhaupt keine Rolle. Ja, für ihn als besseren Osmanen ist es eine Schande, über Geld auch nur zu sprechen. Er erklärt Afife, dass in einer Woche Ramadan, Fastenmonat, sei und er seinem Amt entsprechend vor dem Palais Tische aufstellen lassen werde. Vier Wochen lang wird er jeden Abend vierhundert Menschen beköstigen. Die 15 Männer in der Küche hat der Koch geholt, weil sie ihm bei dieser Arbeit helfen werden. 85

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Bald merkt Afife, dass unter diesen vierhundert Menschen viele Arme sind, die sich ohne diese Speisung nie hätten satt essen können. Die soziale Einstellung des Islam imponiert ihr, und sie hilft jeden Abend mit, diese vielen Esser zu verköstigen. Überhaupt ist es Afife schnell sehr wohl in Istanbul. Unter den Frauen anderer Würdenträger hat sie viele Freun­ dinnen. 1898 bringt sie ihre dritte Tochter, Gülschinass, zur Welt. Mit den Kindern, dem Haus, dem Garten und ihren Freundinnen ist sie mehr als ausgefüllt.

Tewik bekommt eine zweite Frau geschenkt Während dieser Zeit baut Tewik weiter an seiner Karriere. Nach dem für das Osmanische Reich siegreichen griechisch-türkischen Krieg von 1897 führt er die Friedensverhandlungen. Bei Sultan Abdül-Hamid steht er hoch in der Gunst. Deshalb denkt sich dieser ein ganz besonderes Ge­ schenk für seinen Aussenminister aus: Weil der in seinen Augen arme Te­ wik Pascha nur eine Frau hat, diese nicht mehr die Jüngste sein kann und Tewik als Muslim legal vier Frauen ehelichen könnte, schickt der Sultan Tewik eine Frau aus seinem Serail – dies just an einem Tag, als Tewik nicht zu Hause ist. Die Eskorte mit der neuen Frau, zwei Eunuchen und zwei Pferdewagen mit ihrer Aussteuer wartet bereits im Garten und Afife ist zutiefst getroffen. «Der Pascha hat den mir feierlich gegebenen Eid ge­ brochen», deutet Afife die Situation. In ihrer Verzweiflung beginnt sie für sich und ihre Töchter sofort die Koffer zu packen. Dieses Wirrwarr findet der völlig ahnungslose Tewik vor, als er nach Hause kommt. Sofort eilt Te­ wik ins Serail. Zwar dankt er dem Sultan für die erwiesene Gunst, betont aber, er habe bei seiner Hochzeit einen Eid geleistet und müsse das Ge­ schenk deshalb zurückweisen. Dieses Argument zieht beim Sultan und ein Adjudant holt die Kolonne und die Zweitfrau wieder zurück. Jetzt rich­ tet sich Afifes Zorn gegen den Sultan. Sie versteht nicht, wie der es wagen kann, ihr so etwas anzutun. Kurz darauf tritt Sultan Abdül-Hamid bei Afife in ein ähnliches Fettnäpf­ chen. Er ist derart überzeugt von seinem Aussenminister, dass er ihn zum Grosswesir ernennen will. Einem Ministerpräsidenten ähnlich waren die Grosswesire die eigentlichen Machthaber des Reiches und Stellvertreter des Sultans. Jedoch gibt es für dieses Ansinnen ein Hindernis: Tewik 86

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Hochzeit des Sohnes Ali Nuri in Istanbul. Vorne Mutter Afife und Vater Tewik Pascha.

P­ ascha ist mit einer Christin verheiratet. Deshalb die Forderung des Sul­ tans, Tewik müsse sich von seiner Frau trennen. Tewik lehnt das Amt ab. Grosswesir wird er trotzdem, allerdings Jahre später. Unter seiner Amts­ zeit wird Abdül-Hamid abdanken. Dreissig Jahre lang ist Sultan Abdül-Hamid osmanischer Herrscher, und Te­ wik Pascha vierzehn Jahre sein Aussenminister, als Tewik von seinem auf­ reibenden Posten versetzt werden soll – nach England als Botschafter. ­ Afife und er packen schon die Koffer, als sich die Ereignisse im Reich über­ stürzen. Bereits 1905 hat ein gewisser Mustafa Kemal in Damaskus einen Geheimbund gegründet, und zusammen mit verschiedenen Offiziers­ gruppen war daraus die Jungtürkische Partei entstanden. 1908 kommt es zur Jungtürkischen Revolution. Gleichzeitig erheben sich die Völker in Ar­ menien und Arabien. Der amtierende Grosswesir Hüseyin Hilmi Pascha demissioniert und taucht unter. Am 14. April 1909 beruft der Sultan Tewik Pascha an die Stelle, dieses Mal ohne zu fragen, ob er eine Christin 87

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Am 25. Mai 1996 besuchen Ahmet Sefik Okday (vorne 4. von links) und Hümeyra Oezbas (vorne 5. von links) und ihre Familien Wolfisberg, den Geburtsort ihrer Grossmutter Elisabeth Tschumi.

zur Frau habe. Ganze 21 Tage bleibt Tewik im Amt. Während dieser Zeit wird die Revolution niedergeschlagen und das Parlament beschliesst die Absetzung von Sultan Abdül-Hamid. Sein Nachfolger wird Mehmet-Re­ schat V. Nach drei Wochen Amtszeit, am 5. Mai 1909, reicht Tewik Pascha seinen Abschied ein und fährt mit Afife nach London. Dort bleibt er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aus Angst vor einer völligen Auflösung des Reichs reformieren die Os­ manen 1913 mit Hilfe des Deutschen Reichs ihr Heer. Im August 1914 schliesst das Osmanische Reich mit dem Deutschen Reich ein Defensiv­ bündnis. Die türkischen Herzen schlagen Deutschland entgegen. Im No­ vember folgt die Alliierte Kriegserklärung. Afife und Tewik haben in London bis 1913 eine ruhige Zeit verlebt. Ein freundschaftliches Verhältnis verbindet sie mit König Georg V. Das Bünd­ nis mit Deutschland kann Tewik nicht nachvollziehen. Einen Krieg an der Seite der Deutschen gegen Frankreich und England, die die Weltmeere 88

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beherrschen, hält er für aussichtslos. Mit dieser Ansicht stösst er in Istan­ bul jedoch auf taube Ohren. Tewik muss sich dem beugen. Zu Kriegs­ beginn kehren er und Afife zurück nach Istanbul. Tewik Pascha über­ nimmt das Amt eines Senators und wird später Senatspräsident. Als die Familie jedoch in ihr altes Palais einziehen will, erleben sie eine böse Überraschung: Das hölzerne Haupthaus war 1911 abgebrannt. Sie müssen sich mit einem Seitenflügel des Hauses begnügen. Tewik ist trau­ rig und Afife zeigt sich von ihrer praktischen Seite. Weil man von der Brandstelle aus eine wunderbare Aussicht auf das Marmarameer hat, schlägt sie vor, Zimmer mit Balkons zu bauen und diese zu vermieten. Weil aber Handel und Wandel zu jener Zeit jedem Türken fremd sind, wird Afife bei ihren Vorträgen über Zimmer mit Balkons nur mitleidig belächelt. Einen interessierten Zuhörer hat sie einzig in ihrem Sohn Nuri. Von seinem ersten selbstverdienten Geld wird er das Steinhaus, das jetzt noch Woh­ nung seiner Eltern ist, zum Park Hotel ausbauen. Erst 1979 wird das Hotel geschlossen, weil es veraltet ist und sich keine Investoren finden für eine Sanierung. In der Zwischenzeit hat es aber prominente Gäste beher­ bergt, wie etwa Atatürk oder den britischen König Edward VIII.

Dreimal wird Tewik Grosswesir Der Erste Weltkrieg endet für die Türkei mit der bedingungslosen Kapitu­ lation. Die führenden Köpfe flüchten ins Ausland. Die Staatskassen sind leer und es gibt kein Brotgetreide. Erneut bekniet der Sultan Tewik ­ Pascha, das Amt des Grosswesirs zu übernehmen. Wieder fragt niemand nach seiner christlichen Frau. Am 11. November 1918 wird Tewik Pascha zum zweiten Mal Grosswesir des Osmanischen Reichs. Weil er sich in der Armenierfrage nicht durchsetzen kann, reicht er aber bereits vier Monate später seinen Abschied ein. Sein Nachfolger, Ferid Pascha, fährt denn auch nach Paris zu den Friedensverhandlungen nach dem Weltkrieg. Doch die Verhandlungen enden ergebnislos. Während der gleichen Zeit hat die nationale Bewegung unter Mustafa Kemal Pascha, später Kemal Atatürk, immer grössere Erfolge aufzuweisen. Weil mit den Türken nach dem Ersten Weltkrieg immer noch kein gültiger Friedensvertrag zustande gekommen ist, laden die Alliierten eine türkische Delegation am 23. Fe­ bruar 1921 nach London ein. Bereits ein Jahr zuvor hat Tewik Pascha er­ 89

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Aus der Tageszeitung «Tercümani Hakikat» vom 1. März 1921. Atatürk und Tewik Pascha.

neut das Amt des Grosswesirs übernommen – zum dritten Mal; und er soll der letzte Grosswesir des Osmanischen Reichs werden. Nach London reisen also der 78jährige Tewik und auf Verlangen der Alliierten eine De­ legation der Freiheitsbewegung unter Mustafa Kemal Pascha. Obwohl Te­ wik seinem Sultan fast 60 Jahre gedient hat, erkennt er gegenüber den Alliierten Kemal Pascha als den wahren Führer des türkischen Volks an. In der von Kemal geplanten Republik sieht er als Monarchist die einzige zu­ kunftsträchtige Staatsform für die Türkei. Erneut überstürzen sich in Istan­ bul die Ereignisse: Am 17. November 1922 flieht der Sultan ins Ausland. Am 22. November beginnen die offiziellen Friedensverhandlungen zwi­ schen Kemal Pascha und den Alliierten in Lausanne; am 24. Juli 1923 kommen sie zum Abschluss. Und am 24. Oktober proklamiert Kemal 90

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P­ ascha in Ankara die Republik. 1925 leitet er weitreichende Reformen ein. Die lateinische Schrift wird eingeführt, das Frauenstimmrecht, die Einehe, der gregorianische Kalender, und der Sonntag wird zum Ruhetag. 1934 werden Familiennamen obligatorisch. Fortan heisst Kemal Pascha Kemal Atatürk. Die Familie von Afife und Tewik legt sich den Nachnamen Okday zu. Während der ganzen Zeit bleibt Tewik Pascha Grosswesir, und bis zu seinem Tod, 13 Jahre später, soll er es auch bleiben – allerdings ohne jeg­ liche Funktion.

Afifes Heimat heisst Tewik Für Afife und Tewik beginnt jetzt eine Zeit, in der Schmalhans bei ihnen einzieht. Vorbei sind die Zeiten von Glanz und Glamour. Das Personal muss entlassen werden. Der Portier bleibt, weil er im grossen Garten fortan Gemüse pflanzt, das Haus damit versorgt und so auch selbst ein Auskommen findet. Eine ähnliche Regelung findet Tewik mit dem Gärt­ ner: Von seinen eigenen Ersparnissen kauft dieser drei Kühe, deckt damit den Milchbedarf des Hauses und dafür bleibt er mit seiner Familie in sei­ ner alten Wohnung. Die Schuhe der Familie werden mit dem Leder der Schrankkoffer aus Londoner Zeiten besohlt und Kleider werden aus den Vorhängen des Esszimmers genäht. Um zu dem notwendigen Kleingeld zu kommen, verkauft Tewik erst die Edelsteine aus seinen kostbaren Or­ den aus den Zeiten der Monarchie, dann das Tafelsilber und zuletzt den Schmuck der Damen. Zum ersten Mal in seinem Leben muss sich Tewik um ein Auskommen für seine Familie bemühen. Und zum ersten Mal in seinem Leben lernt er Afifes Sinn für das Praktische schätzen. Jetzt kommt es der Familie sehr gelegen, dass Afife schon in ihren Kindertagen in Wol­ fisberg gelernt hat, jeden Rappen umzudrehen, bevor sie ihn ausgibt – nachdem sie ein halbes Leben lang dafür belächelt worden war. 94 Jahre ist Tewik alt, als er am 8. Oktober 1936 stirbt. Das letzte Zucken vor dem endgültigen Tod des «Kranken Mannes am Bosporus» (so wurde das Osmanische Reich im europäischen Volksmund des ausgehenden 19. Jahrhunderts genannt) hat er hautnah miterlebt und mitgestaltet. Te­ wik wird im Familiengrab in Istanbul beigesetzt. Afife zieht ins Sommer­ haus ihres Sohnes Ali Nuri. Während der letzten Jahre ihres Lebens züchtet sie Rosen und pflanzt Blumen. Kurz bevor sie stirbt, wünscht sie sich, 91

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neben ihrem Tewik beerdigt zu werden. Das ist allerdings nicht so einfach. Denn die Protestantin Afife ist nie zum Islam übergetreten. Der zustän­dige Imam antwortet jedoch lapidar: «Wenn sie diesen Wunsch geäussert hat, betrachten wir sie auch als eine der Unsrigen.» Afife stirbt am 17. Fe­ bruar 1949, 13 Jahre nach Tewik. Als Christin aus der Schweiz wird sie auf dem moslemischen Friedhof Edirnekapi in Istanbul beigesetzt. Dort ruht sie neben dem Mann, dem sie über ein halbes Jahrhundert die Einzige blieb und der ihre Heimat war. Dort, wo sie herkommt, wo Afife einst Elisabeth geheissen hat, steht ­heute noch das Haus mit einer Bank davor. Rechts und links davon haben andere Tschumis neu gebaut. Bei schönem Wetter sieht man weit in die Ferne. Und über der Bank hängt eine Tafel, die auf eine Verbindung verweist zwischen der protestantischen Schweiz und der moslemischen Türkei.

Quellen –  Archiv der Gemeinde Wolfisberg. – Buch des Enkels von Elisabeth Tschumi: Sefik Okday, Der letzte Grosswesir und seine Söhne. Verlag Muster-Schmidt, Göttingen/Zürich 1991.

Illustrationen Die nicht speziell bezeichneten Bilder dieses Artikels sind dem obgenannten Buch entnommen.

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