Erinnern an Auschwitz - RotFuchs

Erinnern an Auschwitz - RotFuchs

16. Jahrgang, Nr. 188 September 2013 RotFuchs Tribüne für K om m u n i s t e n und S oz i a l i s t e n in Deutschland Erinnern an Auschwitz...

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16. Jahrgang, Nr. 188

September 2013

RotFuchs Tribüne

für

K om m u n i s t e n

und

S oz i a l i s t e n

in

Deutschland

Erinnern an Auschwitz

Z

wei schlimme Kindheitserlebnisse haben sich mir für immer eingeprägt. Das erste trug sich 1943 in der Riesengebirgsstadt Hirschberg – heute Jelenia Góra – zu. Ich hatte erst wenige Monate das Gymnasium besucht, als man mir eine von Erziehungsberechtigten zu unterschreibende „rassische Unbedenklichkeitsbescheinigung“ vorlegte. Dort wurde bereits nach „Mischlingen 2. Grades“ gefragt. Dieser faschistischen Kategorisierung zufolge galt ich als „Vierteljude“, da mein Großvater väterlicherseits einer jüdischen Familie in Böhmen entstammte. So mußte ich sofort die Schule verlassen. Das zweite Erlebnis war damit nicht zu vergleichen. Im Sommer 1945 erkundigte sich mein Vater bei einer Institution mit der Bezeichnung JOINT, die über sämtliche von der SS geführten Sterbelisten aus den Konzentrationslagern verfügte, nach dem Schicksal von 15 Verwandten. Diese hatten in Eger (Cheb) gelebt und waren zunächst nach Theresienstadt deportiert worden. Sie seien ohne Ausnahme in Auschwitz ums Leben gekommen, wurde unter Angabe der jeweiligen Todesdaten mitgeteilt. Die Opferlisten in Israels Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und in der Prager Synagoge vermerken ihre Namen. Leider ist all das nicht nur Geschichte: Die faschistische Wahnsinnsideologie, welche zur Ausrottung von Millionen Menschen aus politischen oder ethnischen Gründen geführt hat, ist nicht mit den Nazis untergegangen. Unter Bedingungen einer sich weiter zuspitzenden sozialen Konfrontation verzichten die Exekuteure der Macht des Kapitals, die sonst eine gefälligere Kosmetik bevorzugen, auf die demokratische Maske. Sie greifen immer öfter zu Instrumentarien der Faschisierung. Gebietet man dieser Entwicklung nicht Einhalt, dann mündet sie im offenen Faschismus. Jene, welche unablässig den Popanz einer imaginären „roten Gefahr“ bemühen, wollen nur von einer sehr realen Bedrohung ablenken: In Deutschland nennt man sie die braune Gefahr. Dabei fehlt es nicht an Versuchen, die Öffentlichkeit durch makabre Inszenierungen irrezuführen. So soll die sich qualvoll hinschleppende Münchener Justiz-Farce die Illusion angeblich entschlossener bundesdeutscher Verfolgungswut gegenüber Naziumtrieben nähren. Zugleich wird die Legalität der in mehreren Landtagen etablierten faschistischen NPD nicht angetastet. Und diese Formation stellt ja auch nur die Spitze des Eisbergs dar. Faschisten und Faschisierer besitzen längst in bürgerlichen Parteien und staatlichen Institutionen eine Heimstatt. Wie weit die rechtsradikale Unterwanderung geht, zeigt die jüngste Verquickung von BRD-Geheimdienstlern mit der bundesdeutschen Naziszene.

Als Gipfel der Heuchelei erweist sich der empörte Aufschrei von Merkel & Co über die „Ausspähung selbst intimster Sphären dieses Landes“ durch Dienste der USA. Haltet den Dieb! heißt die Parole. Wer im Glashaus sitzt, sollte aber nicht mit Steinen werfen. Wiegt sich denn irgend jemand in der naiven Vorstellung, das aus Pullach in den gigantischen Berliner BND-Komplex übersiedelnde Personal sei nicht mit genau dem befaßt, was den Verbündeten aus Washington und London zum Vorwurf gemacht wird? Die unkontrollierbare Allmacht der Recht und Gesetz mit Füßen tretenden NATO-Geheimdienste ist ein wesentlicher Faktor der fortschreitenden innenpolitischen Faschisierung. Europas Rechtsradikale reizen die ihnen gewährte Legalität im Übermaß aus. Unmaskierte Faschisten machen sich längst in den Parlamenten Frankreichs und Italiens breit. Marine Le Pens Front National kann sich nach jüngsten Umfragen auf nahezu ein Fünftel der französischen Wähler stützen. Zur Regierungskoalition des als Krimineller verurteilten italienischen Ex-Premiers Berlusconi gehörte bekanntlich auch die Nachfolgepartei der Faschisten Mussolinis – Finis aus Getreuen des Duce rekrutierte MSI. Diese Tatsache hat im Brüsseler EU-Hauptquartier keinen Anstoß erregt. Die in der Horthy-Tradition stehenden ungarischen Faschisierer Orbáns durften sogar ein halbes Jahr lang im Europa der Monopole den Taktstock schwingen. In Griechenland schreckte die Partei von Premier Samaras nicht einmal davor zurück, sämtliche hellenischen Staatssender auf einen Schlag mundtot zu machen. Man könnte den Blick auch auf Ankara richten, wo der islamistische Faschisierer Erdogan den türkischen Unterdrückungsapparat mit äußerster Brutalität gegen die mutig aufbegehrenden Frauen und Männer vom Taksimplatz losschlagen ließ. Der regierungsoffizielle Terror zielt ganz besonders auch auf die Genossen der mutigen TKP. Schließlich sollte man Israel bei dieser Betrachtung nicht aus dem Auge verlieren. Dessen zum Teil faschistoide Machthaber bestücken nicht nur die aus BRD-Waffenschmieden gelieferten U-Boote mit Atomraketen, sondern folgen in ihrem rassistischen Vorgehen gegen die Palästinenser Gazas und des Westjordanlandes auch der Spur jener Ideologie, welche einst den Holocaust hervorbrachte. Um den Kreis zu schließen: Was meiner väterlichen Verwandtschaft unter der Schreckensherrschaft der Nazis widerfuhr, wurzelt keineswegs im „deutschen Wesen“, sondern in dem mal mit, mal ohne Maske auftretenden kapitalistischen System. Der faschistischen Bedrohung überall den Kampf anzusagen und Barrikaden des Massenwiderstandes gegen sie zu errichten, ist das Gebot der Stunde. Klaus Steiniger

I n h a lt Seite Mein kostbarstes Souvenir aus Chile

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Berlin hält an München fest 

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Die prägnanteste Zusammenfassung des Marxismus … durch Marx

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Vom Antisowjetismus zur Russen-Phobie

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Revolutionen brauchen Köpfe 

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Kritisch-solidarische Wortmeldung einer Weggefährtin aus Frankreich

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Ein 100-Meter-Lauf der besonderen Art

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Als „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloß stand

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Warum die DDR-CDU einem Pastor zur politischen Heimat wurde

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West-CDU hält an „Rasse“-Forscher-Ehrung fest 10 Von Hitlers V I zu de Maizières Drohnen

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„RotFuchs“-Wegbereiter (4): Frank Mühlefeldt 11 Peter Hartz im „KAZ“-Porträt 

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Rentenbetrug ist strafbar

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Durchhalteparolen aus Hamburg

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Schloß und Garnisonkirche: Zwei preußische Triumphbögen

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Aus Eddas Blickwinkel: Der verschandelte Alex 16 n Gysi und Modrow: Aus dem Nähkästchen geplaudert n Gabriel Garcia Márquez: Warum Allende sterben mußte

RF-Extra

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RF-Extra III

Die Großtat der „Whistleblower“ 

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Wird Syrien zu Obamas Irak?

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Ein weiteres „Gleiwitz“ der USA

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Um was geht es in Brasilien?

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Kubas „Libreta“: Rationierung oder Existenzsicherung?

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Italien ohne IKP

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Französische Marxisten: Brüssel erdrosselt die nationale Souveränität der EU-Staaten

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Ukrainische Nazis und ihre Wurzeln

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Nachklänge der „Karpaten-Rhapsodie“ des ungarischen Autors Béla Illés

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Max von der Grün: „Flächenbrand“ im Ruhrgebiet

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Philatelistische Visitenkarte der DDR (4)

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Ziergiebels wissenschaftliche Phantastik

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Einst erfolgreiche DDR-Autoren dem Vergessen entreißen

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Archies bedrohtes Paradies

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Leserbriefe29 Grafik des Monats

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Vor 40 Jahren putschte Pinochet gegen das Chile der Unidad Popular

Mein kostbarstes Souvenir

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ach dem Militärputsch in Chile am 11. September 1973 machte die entfesselte Soldateska des Generals Pinochet Jagd auf bekannte Anhänger der gestürzten Regierung Salvador Allendes und des Linksbündnisses Unidad Popular. Ausnahmslos alle, derer man habhaft werden kon nt e, w u rden verha ftet. Es waren so viele, daß d ie großen Spor tarenen Santiagos in Gefängnisse umfunktionier t w urden. Festgenommene pferchte man in Räumen unter den Tribünen des Nationalstadions ein. Sie wurden an Ort und Stelle verhört, gefoltert und einige von ihnen ermordet. Bekanntestes Terroropfer war der populäre Sänger Victor Jara, dem zuvor die Hände, mit denen er seine Gitarre gespielt hatte, zerschlagen worden waren. Als nicht minder berüchtigt galt das Stadion de Chile, welches der damals neu gegründete Geheimdienst DINA für seine Untaten auserkoren hatte. Im ganzen Lande richteten die Putschisten behelfsmäßige Gefangenenlager ein, die als Folterzentren traurige Berühmtheit erlangten. Darunter befanden sich „Villa Grimaldi“ und „Tres Alamos“ in Santiago, „Tejas Verdes“ bei Concepcion, „Ritoque“ an der Küste bei Vina del Mar und auch die späteren Konzentrationslager Chacabuco in der nördlichen AtacamaWüste sowie das auf der Insel Dawson im unwirtlichen Süden des Landes. Die Gefangenen waren hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt. Sie erfuhren nichts über das weitere Geschehen im Lande und das Schicksal ihrer Familien. Chacabuco war eine um 1908 verlassene Salpetermine. Wie andere „Oficinas“ hatte man sie nach dem plötzlichen Verfall der Salpetergewinnung aufgegeben. Die Öfen, in denen die „Caliche“, der Rohsalpeter, gekocht wurde, die primitiven Wohngebäude, die Kirche, welche gleichzeitig als Theater und Veranstaltungsraum diente, der als Wahrzeichen weithin sichtbare große Schornstein sowie der Ver waltungstrakt blieben infolge des trockenen Wüstenklimas in ihrer Grundsubstanz erhalten. Die Militärs zogen um das ganze Areal lediglich einen Stacheldrahtzaun. Die Gefangenen, gebildete und politisch aktive Menschen, drohten in dieser Isoliertheit und nach den zuvor erfahrenen Foltern psychisch zugrunde zu gehen. So kamen einige auf den Gedanken kreativer Tätigkeit. Zuerst schuf man sich Werkzeuge zum Schleifen von Steinen, wozu auch Sand diente, Metallgegenstände wie Nägel, Beschläge und Schrott wurden

zu Sticheln, Schnitz- und Schneidwerk- abermals für das höchste Amt der Andenzeugen. Letztendlich zerteilte man alte republik kandidierende Ex-Präsidentin Holzbohlen in handliche Stücke. Hierauf Michelle Bachelet, die sich in der DDR zeichneten Begabte verschiedene Motive als Ärztin qualifizierte, gehörte dazu. des Lagers, die dann von den Schnitzern Bei ihrer Bewerbung kann die Sozialiso bearbeitet wurden, daß die Konturen stin diesmal mit der Unterstützung der KP Chiles rechnen. Die uneigennützige Hilfe der DDR ist bei den Chilenen nicht in Vergessenheit geraten. Die heutige BRDAu ßenpoliti k gegenü ber Chile – sie war auch damals auf die Stärkung der Reaktion im Andenland gerichtet – kommt vor allem einflußreichen Finanz- und Industriekonsortien zugute. Das Interesse der BRD an Chiles Rohstoffen, besonders Kupfer, sowie an Waffenlieferungen für die chilenischen Streitkräfte und militärischer Kooperation plastisch hervortraten. Angesichts des aber bestimmen aus Berliner Sicht die primitiven Geräts sowie ohne vorherige bilateralen Beziehungen. Ausbildung oder praktische Erfahrung Das Schicksal der Familie Honecker, war das eine mühselige und aufwendige die nach der Konterrevolution und dem Arbeit, die Geschick erforderte. Dabei Anschluß der DDR an die BRD als verkamen beachtliche Werke zustande. Als folgte deutsche Antifaschisten in Sannach einiger Zeit Familienangehörigen tiago Aufnahme und gute Freunde fand, Besuchserlaubnis erteilt wurde, schmug- zeugt davon, daß der Gedanke der Solidagelten sie einzelne Gegenstände aus dem rität zwischen Chilenen und dem guten Lager, um sie in Santiago zu verkaufen Deutschland die Zeiten überdauert hat. Rudolf Herz, Berlin und aus dem Erlös Lebensmittel zu bezahlen. Auch uns – der Restgruppe der DDR-Vertretung, die nun unter dem Schutz der Am 2. September begeht die herausrafinnischen Botschaft stand – wurden solgende Ärztin, erfolgreiche Buchautorin che kleinen Kunstwerke angeboten. Wir und mutige Streiterin für eine bessere erwarben sie für einen Solidaritätspreis. Welt Fast jeder unserer Mitarbeiter leistete dazu seinen Beitrag. Heute sind das ReliProf. Dr. quien von hohem Erinnerungswert. Ich Ingeborg Rapoport selbst kaufte eine Arbeit, die aus einer Tischplatte entstanden war. Sie zeigt aus Berlin ihren 101. Geburtstag. Motive des Lagers Chacabuco. Von dem Gemeinsam mit unserem unvergesseLaienkünstler weiß ich nur, daß er Roman nen Genossen Prof. Dr. Mitja Rapoport hieß. Sein Relief erinnert mich stets an hat sie Meilensteine der Humanität unser damaliges Wirken zur Unterstütgesetzt und sich dadurch die Zuneizung der drakonisch verfolgten chilenigung unzähliger Menschen erworben. schen Antifaschisten. Herzlichen Glückwunsch, liebe Inge! Wir konnten damals vielen untergetauchten Genossen helfen und sie dem Zugriff der Junta Pinochets entziehen. So gelang es, den Generalsekretär der Sozialistischen Partei Chiles, Carlos Altamirano, in einer wagemutigen Aktion illegal über die Grenze nach Argentinien zu schleusen. Viele zur Emigration Gezwungene fanden in der DDR politisches Asyl. Sie erlebten die Solidarität unseres sozialistischen Staates und seiner Menschen, wurden in den Alltag, vor allem in Arbeitsprozesse, voll integriert. Nicht wenige von ihnen studierten und konnten wissenschaftliche Kenntnisse oder praktische Erfahrungen erwerben. Auch die jetzt

Am 3. September wird unsere von all ihren Freunden und Kampfgefährten verehrte und geliebte Genossin

Antonie Satzger aus Zwickau 102 Jahre alt. Wir beglückwünschen die Arbeiterveteranin auf das allerherzlichste und sind stolz, eine so bewährte Genossin in den Reihen des RF-Fördervereins zu wissen.

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Im September 1938 wurde der ČSR das Genick gebrochen

Berlin hält an München fest

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m 29./30. September 1938 entschieden Hitler und Mussolini, Chamberlain und Daladier in der bayerischen Metropole über ein Diktat. Die betroffene Prager Regierung war nicht vertreten. Die Tschechoslowakei wurde zerschlagen. „Sudetendeutsche“ kehrten „heim ins Reich“. Das „Münchner Abkommen“ löste ein konträres Echo aus. Der Brite Chamberlain feierte es als „Frieden in unserer Zeit“, wobei er hoffte, Hitlers Expansionsdrang gen Osten gelenkt zu haben. Die UdSSR, die KPD und viele nichtfaschistische Politiker urteilten, die „Münchner Politik der Befriedung“ sei der entscheidende Schritt in den Krieg. Die Naziregierung ging davon aus, ihren Aggressionskurs nun ungehindert fortsetzen zu können. Die meisten Bürger der ČSR fühlten sich verraten und verkauft. Ein halbes Jahr später wehte auf dem Hradschin die Hakenkreuzfahne. Die Tschechoslowakei blieb bis 1945 das „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ des SS-Generals Heydrich und seiner Nachfolger. Die Stellung zum Münchner Diktat wurde zur entscheidenden Trennlinie aller politischen Kräfte Europas. Wie standen beide deutsche Staaten zu München? In der Gemeinsamen Erklärung der Deutschen Demokratischen Republik und der Tschechoslowakischen Republik über Freundschaft und Zusammenarbeit wurde bereits am 23. Juni 1950 die Ungültigkeit des Münchner Diktats von Anfang an (ex tunc) erklärt. Darin hieß es: „Unsere beiden Staaten haben keine Gebiets- und Grenzansprüche, und ihre Regierungen betonen ausdrücklich, daß die durchgeführte Umsiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakischen Republik unabänderlich, gerecht und endgültig gelöst ist.“ Hier muß auf den Begriff Umsiedlung aufmerksam gemacht werden. Die Alliierten verwendeten den Begriff Transfer, die Tschechen jahrzehntelang odsun (Abschiebung), in der DDR war von Umsiedlern die Rede, während man in der BRD gezielt die Worte Vertreibung und Vertriebene einbürgerte. „Vertreibung“ assoziiert von vornherein Unrecht, „Vertriebene“ sind „Opfer“. Eine Studie Tomas Staneks „Abschiebung oder Vertreibung“ untersucht die Entwicklung und Bedeutung der Begriffe, um die es hier geht. Wer „Vertriebener“ verwendet, muß beachten, welchen amtlichen Inhalt er durch ein Gesetz der BRD vom 3. September 1971 erhalten hat. Danach sind selbst die Urenkel einstiger Umsiedler „Vertriebene“. So konnte es geschehen, daß sich deren Zahl unablässig erhöhte. Die BRD hat das Münchner Diktat bis heute nicht ex tunc für ungültig erklärt. Am 27. Februar 2013 bat ich das Auswärtige Amt der Merkel-Regierung um Auskunft, ob der völkerrechtswidrige Gewaltakt noch in Kraft sei. Am 14. März 2013 antwortete der zuständige Mitarbeiter: „Die zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der

Tschechoslowakei geschlossenen Verträge (1973 und 1992) haben die unterschiedlichen Rechtsauffassungen stets ausgeklammert. Auch in der deutsch-tschechischen Erklärung vom 21. Januar 1997 wird festgehalten, daß jede Seite ihrer Rechtsauffassung verpflichtet bleibe und respektiere, daß die andere Seite eine andere Rechtsauffassung hat.“ In der Juristensprache heißt das: Nach „Maßgabe des Vertrages“ verlor die ČSR das Recht auf materielle Ansprüche ihrer natürlichen und rechtlichen Personen. Für die BRD-Seite gab es einen solchen Passus nicht. Außerdem ist da noch die deutsch-tschechische Erklärung vom 21. Januar 1997, die durch die Parlamente beider Staaten einmütig gebilligt wurde: „Beide Seiten erklären …, daß sie ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten werden.“ Auch die CDU-Fraktion, der die „Vertriebenen“-Chefin Steinbach angehört, votierte dafür. Helmut Kohl hatte in Prag ausdrücklich betont, daß Eigentumsfragen unberührt blieben. Bis 1990 pochte jede BRD-Regierung darauf, daß die „deutsche Frage“ – als territoriales Problem – nur in einem Friedensabkommen endgültig gelöst werden könne. Erst unter völlig neuen Rahmenbedingungen setzten die wichtigsten imperialistischen Staaten auf den Zwei-plus-vier-Vertrag – ein Münchner Diktat für die DDR! Die Tschechoslowakei war abermals nicht einbezogen. In der BRD machten sich die Sudetendeutsche Landsmannschaft, der Witiko-Bund und andere Revanchisten breit. Die DDR war innen- und außenpolitisch, ökonomisch und ideologisch im Bruderbund sozialistischer Staaten aufs engste mit der ČSSR verbunden. Der „Prager Frühling“ 1968 zeigte den Standort beider deutscher Staaten. 1989 sprachen die Konterrevolutionäre in Prag von der „samtenen Revolution“, bei der Liquidierung der DDR hieß das Schlüsselwort hingegen „friedliche Wiedervereinigung“. Was folgte? Da gab es das inszenierte Geschrei um die „Beneš-Dekrete“, übrigens auch im Sächsischen Landtag. Gewisse Politiker, Publizisten, Historiker und Amtsträger der Sudetendeutschen Landsmannschaft sprechen gern über die „Europäisierung der sudetendeutschen Frage“. Dabei geht es nach ihrer Satzung um „den Rechtsanspruch auf die Heimat, deren Wiedergewinnung und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht der Volksgruppe“ sowie „das Recht auf Rückgabe bzw. gleichwertigen Ersatz oder Entschädigung des konfisziertem Eigentums der Sudetendeutschen“. Voraussetzung für die Erfüllung solcher Ansprüche aber wäre die Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges, die

sowohl im Potsdamer Abkommen als auch – was die Tschechoslowakei betrifft – in speziellen Dokumenten der Staatsführung festgeschrieben wurden. Die Revanchistenforderung, die abwertend als „BenešDekrete“ bezeichneten Präsidentenerlasse für ungültig zu erklären, belastet das Verhältnis zwischen Berlin und Prag. Das zeigte sich z. B. bei der Wahl des tschechischen Präsidenten Anfang 2012, als sich der damalige Außenminister Fürst Schwarzenberg und der Sozialdemokrat Miloš Zeman als Kandidaten gegenüberstanden. Die offen „prodeutsche“ Haltung Schwarzenbergs führte zu dessen Niederlage. Vier Wochen nach der Wählerentscheidung besuchte der Prager Premier Petr Necaš die bayrische Landeshauptstadt München, die als Zentrum des antitschechischen Revanchismus in der BRD gilt. Dort gab er von sich: „Wir bedauern, daß durch die am Kriegsende erfolgte Vertreibung sowie die zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung diesen viel Leid und Unrecht zugefügt hat.“ Das widersprach dem Text der Prager Erklärung von 1997, die den Weg zur Versöhnung hatte freimachen sollen. Sachsens seinerzeitiger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der an der Arbeit der deutsch-tschechischen Kommission teilgenommen hatte, befand am 28. April 1995: „Objektive Wahrheiten, denen sich alle vorbehaltlos ein- und unterordnen können, gibt es in der menschlichen Erkenntnis nicht.“ Eine Begründung für die Weigerung der BRD-Regierung, das Münchner Diktat ex tunc für ungültig zu erklären, liefern solche nebulösen Reden nicht. Prof. Dr. Horst Schneider

Am 13. Juli erlag Genossin

Inge Lange aus Berlin im 84. Lebensjahr einem Schlaganfall. Als Kandidatin des Politbüros, Sekretär des ZK und Leiterin der Frauenabteilung des Zentralkomitees der SED gehörte sie zu den verantwortlichen Politikern der DDR. Im Unterschied zu Wankelmütigen und Verrätern aus Führungsetagen von Partei und Staat blieb sie ihrer marxistisch-leninistischen Weltanschauung auch nach dem Sieg der Konterrevolution treu. Folgerichtigerweise gehörte sie von Beginn an zu den besonders engagierten Lesern des RF. Wir werden ihrer als einer verläßlichen Mitstreiterin immer in Ehren gedenken.

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Die prägnanteste Zusammenfassung des Marxismus … durch Marx

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ll in a nutshell“ – Alles in einer Nußschale – pflegt man im anglo-amerikanischen Sprachraum zu sagen, wenn es um extrem komprimierte Aussagen geht. Der bald folgende Auszug aus Marxens „Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie“ ist die fundamentalste, verständlichste und zugleich kürzeste Zusammenfassung des Marxismus in seiner Einheit von Geschichte, Philosophie und Ökonomie. Jeder, der mit dem abstrakten Begriff „Marxismus“ nichts anzufangen vermag, oder gar völlig falsche Vorstellungen von ihm durch die bürgerliche Ideologie aufgenommen hat, sollte sich diese konzentrierte Darstellung Satz für Satz gründlich durchdenken und aneignen. Leser könnten die Aussagen des Vorworts mit ihren eigenen Geschichtskenntnissen vergleichen, um festzustellen, daß alle bisherige Historie nach den dort skizierten Gesetzmäßigkeiten verlaufen ist. Daher kann es auch keinen Grund für die Annahme geben, daß deren Verlauf nunmehr und fortan nach ganz anderen Kriterien erfolgt und – wie die Apologeten dieses Systems behaupten – der Kapitalismus das letzte Kapitel der Menschheitsgeschichte darstellt. Der Marxismus ist die einzige in sich geschlossene gesellschaftswissenschaftliche Konzeption, die der Menschheit den Weg in die Zukunft weist. Allein aus diesem Grunde wird er permanent auf den Index gesetzt und unterdrückt. Wer sägt schon gerne den Ast ab, auf dem er sitzt? Die heutigen Nutznießer der Ausbeutergesellschaft müßten ja zugeben, daß ihre Lebens- und Produktionsweise geschichtlich überholt ist und daher grundlegender Veränderungen bedarf, um ein Fortbestehen von Natur und Gesellschaft zu gestatten. Während heute die Bibel in fast jedem Hotelzimmer ausliegt, Okkultismus und Antikommunismus über TV in alle Wohnzimmer Einzug halten, muß die marxistische Wissenschaft durch mutige Verfechter in Wort und Bild außerhalb dieser alles durchdringenden Medienwelt verbreitet werden. Doch geben wir Marx zum Antagonismus – dem unüberbrückbaren Gegensatz der Klassengesellschaft – selbst das Wort: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die

Produktionsweise des materiellen Lebens Existenzbedingungen derselben im Schoß bedingt den sozialen, politischen und gei- der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet stigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. (…) Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der Grafik: N. N. Shukow menschlichen Gesellschaft ab.“ (MEW, Bd. 13, S. 8 f.) nicht das Bewußtsein der Menschen, das Freilich ist damit noch nicht gesagt, wie ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesell- die Umwälzung vonstatten geht, aber daß schaftliches Sein, das ihr Bewußtsein sie kommen muß, ist bewiesen. Ausgewählt und kommentiert von bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihDr. Werner Kulitzscher, Berlin rer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Am 14. September um 10 Uhr Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren spricht Prof. Dr. Götz Dieckmann, sie sich bisher bewegt hatten. Aus EntStellvertretender Vorsitzender des wicklungsformen der Produktivkräfte RF-Fördervereins, auf einer Veranstaltung schlagen diese Verhältnisse in Fesseln der RF-Regionalgruppe Schwerin im derselben um. Es tritt dann eine Epoche Bertha-Klinkberg-Haus, Max-Plancksozialer Revolution ein. Mit der VerändeStraße 9, über das Thema rung der ökonomischen Grundlage wälzt Die Aktualität der Schriften sich der ganze ungeheure Überbau langvon Karl Marx samer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatieBildweltbewußt…los renden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juri„Man ändert nichts“, so meinst du heut’, stischen, politischen, religiösen, künstUnd scheust, mal nachzudenken. lerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die MenWelch Lethargie, die eingebleut schen dieses Konflikts bewußt werden und Auch gelten läßt das Kriegsgeläut! ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Mag Marktwirtschaft dich lenken? Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann „Man ändert nichts“, drum halte still man eine solche Umwälzungsepoche aus Beim Lügennetzestricken; ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern Fürs Spekulieren, sei, wo will – muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Über das Menschenrechtsgebrüll – Widersprüchen des materiellen Lebens, Ein Menschenrechtsersticken. aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und „Man ändert nichts“, nie mit „Hörzu“. Produktionsverhältnissen erklären. Eine Und „Bild“ wie auch „Die Welt“ … Gesellschaftsformation geht nie unter, Beglücken bis zur letzten Ruh’, bevor alle Produktivkräfte entwickelt Gleich wo – für den Profit hast du sind, für die sie weit genug ist, und neue Dein Unrecht angestellt. höhere Produktionsverhältnisse treten E. Rasmus nie an die Stelle, bevor die materiellen

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Nahtloser Übergang vom Antisowjetismus zur Russen-Phobie

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chon wieder neue Nachrichten aus ist. Wir haben es hier mit einem massiven Putins Reich, bei denen allen Demo- Eingriff in die Hoheitsrechte eines souvekraten des Berliner Regierungsensembles ränen Staates zu tun. das Blut in den Adern gefriert. Ihren Wäh- Doch reden wir weiter ohne Umschweife: lern natürlich auch: Das Büro einer sich als Menschenrechtsorganisation darstellenden Vereinigung 1. Da baut sich der mächtigste Mann der wurde von Polizisten geräumt. Sofort Welt vor Berlins Brandenburger Tor auf, hieß es, in Rußland würden die Menum eine Abrüstungsinitiative zu verkünden. Doch auf Obamas heldisches Vorbringen erschallte aus dem Moskauer Kreml nicht sofort bedingungslose Zustimmung. 2. Die russische Polizei stürmt das Büro einer als Menschenrechtsorganisation firmierenden Gruppe. „Wir Europäer“ verurteilen dieses Vorgehen. 3. Rußland hält an der Unterstützung des syrischen „Assad-Regimes“ fest und liefert weiter Waffen an den Machthaber in Damaskus. 4. Bundeskanzlerin Merkel redet mit Putin „Klartext“ zum Thema „Beutekunst“. Das Verhältnis der beiden Regierungen scheint im argen zu liegen. Das mächtige Deutschland stellt die eigenen Ansichten klar, worauf aus Moskau offensichtlich immer nur Reaktionen – und zwar die falschen – gesendet werden. Verblüffend ist, daß die Regierung der BRD mit „deutlichen Worten“ auftritt. Vielleicht sollte darüber noch einmal nachgedacht werden, damit sich die Reaktionen aus Moskau besser einordnen lassen. Denn offensichtlich ist man in Berlin sehr schenrechte mit Füßen getreten. Wenn wohl dazu imstande, mit Israel einen man indes sein Ohr den wenigen Bekanntdurchaus gemäßigten Umgangston zu pfle- machungen in der deutschen Presse leiht, gen und jede Art von substantieller Kritik handelt es sich darum, daß aus dem westvollständig auszublenden – zum Beispiel lichen Ausland ohne alle Skrupel Geld in in bezug auf Tel Avivs Machtgelüste in den Vereine fließt, um deren oppositionelle seit 1967 widerrechtlich besetzten arabi- Politik zu finanzieren. Von den meisten schen Gebieten. Hier ist – angesichts der Staaten der Welt wird ein derartiges VorVerbrechen der Deutschen am jüdischen gehen als Einmischung in innere AngeleVolk – durchaus Zurückhaltung angesagt. genheiten betrachtet. Selbstverständlich Ich frage mich aber seit Jahrzehnten, ob hat in einem solchen Falle jeder Staat das dieses Maß der Scham nicht auch gegen- Recht, gegen derartige Einflußnahme vorüber den Völkern der früheren Sowjet- zugehen. union angebracht wäre. Doch mittlerweile Mit erheblicher Skepsis dürfte im Genegehört es wohl zum guten Ton, die 25 Mil- ralstab der russischen Streitkräfte auch lionen, vielleicht sogar weit mehr Opfer, der zweifellos publikumswirksame Vordie der vom deutschen Faschismus entfes- schlag Barack Obamas zur Reduzierung selte Zweite Weltkrieg dort gefordert hatte, der Atomwaffenbestände aufgenommen zu übergehen und die alten Feindbilder worden sein, enthält er doch nicht das wieder aufleben zu lassen. Mit und ohne Angebot, Hunderte von Stützpunkten rund Bolschewiki an der Macht! Inzwischen um Rußland schließen zu wollen. Es ist darf ungestraft über die „Putin-Dikta- ein Leichtes, Waffen gegeneinander aufzutur“ gesprochen und geschrieben werden. rechnen, dabei aber auf den strategischen Sogar der Begriff „Beutekunst“ ist in vie- Vorteil nicht zu verzichten. Zum Beispiel ler Munde, obwohl damit unterstellt wird, kam der US-Präsident auch nicht darauf daß die Sowjetarmee diese Schätze völker- zu sprechen, die Atom-U-Boot-Flotte seiner rechtswidrig in ihren Besitz gebracht hat. Navy zu reduzieren oder die Stützpunkte Eine Bemerkung dazu: Zu Recht wird von in Japan aufzugeben. Daher dürfte es für russischer Seite darauf verwiesen, daß Rußland äußerst riskant sein, sich auf die deutschen Eindringlinge unermeßli- ein solches „Abrüstungs“-Angebot einche Kunstschätze der UdSSR geraubt oder zulassen. vernichtet haben, so daß nach dem Sieg Ganz anders liegen die Dinge um Syrien. nur in geringem Maße ein Ausgleich für Zu Recht sympathisieren Menschen in die erlittenen Verluste geschaffen worden aller Welt mit der russischen Position in

diesem Konflikt: Das souveräne Syrien erwehrt sich einer Invasion von „Gotteskriegern“, unter denen viele durch Damaskus feindlich gesonnene Mächte finanziert und versorgt werden. Diese Tatsache ist unbestreitbar. Trotz aller Greuelpropaganda stehen nach Berichten politischer Beobachter immer noch drei Viertel des syrischen Volkes zur Regierung Assad. Dies wurde auch durch eine bisher nicht veröffentlichte NATO-Studie belegt. Daher, aber auch aus begreiflichen Gründen wie der Abneigung, in den von „Rebellen“ besetzten Gebieten nach den Regeln der Scharia leben zu müssen, ist die Forderung, tatenlos zuzusehen, wie Assads Gegner ohne jede Hemmschwelle mit Waffen versorgt werden, vollkommen unannehmbar. In diesem Zusammenhang wird oft geringschätzig vom „Assad-Regime“ gesprochen, obwohl dem syrischen Präsidenten keine Menschenrechtsverstöße vorgeworfen werden können. Behauptungen dieser Art sind konstruiert. Vielmehr sollten wir in dieser Frage Verständnis für die von Moskau eingenommene Position zeigen. Nicht ohne Grund befürchtet die russische Führung übrigens eine massive Einflußnahme militant-islamistischer Kräfte bis in den Süden ihres Landes. Ganz zu schweigen davon, daß mit den Waffen, die jetzt an die „Rebellen“ geliefert werden, ein neues Bedrohungspotential entsteht, das nicht nur regionaler Natur ist. Alles in allem zeigt sich, daß kein Weg daran vorbeiführt, gemeinsam mit der russischen Regierung die genannten Aspekte der angespannten Weltlage im Auge zu behalten. Der derzeitige Berliner Kurs einer arroganten Herabwürdigung russischer Positionen und Interessen bedarf einer Abfuhr seitens aller Friedenskräfte. Torsten Scharmann, Berlin

Einladung

Der „RotFuchs“-Förderverein e. V. lädt alle Genossinnen und Genossen für den 19. Oktober 2013 zu seiner 7. Mitgliederversammlung in den Münzenberg-Saal des ND-Gebäudes Berlin, Franz-Mehring-Platz 1, herzlich ein.

Nach den Berichten des Vorstandes, des Kassierers und der Revisionskommission sowie der dazu geführten Diskussion erfolgt die Neuwahl des Vorstandes und der Revisionskommission. Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr und dauert bis gegen 15 Uhr.

RotFuchs / September 2013

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Zur Rolle der Persönlichkeit im proletarischen Klassenkampf

Revolutionen brauchen Köpfe

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er Wechsel von Gesellschaftsformationen ist eine gigantische Aufgabe und erfordert geschichtliche Zeiträume, welche die Lebensdauer nur einer Generation bei weitem übersteigen. Dies ist seit den Tagen von Marx und Engels bekannt, allerdings wollen es manche so nicht wahrhaben. Es gab bekanntlich Staatsmänner und Parteiführer sozialistischer Länder, die offiziell verkündeten, selbst noch im Kommunismus leben zu wollen. Die Bourgeoisie benötigte Jahrhunderte zur Überwindung des Feudalismus, wobei noch heute Reste von ihm fortbestehen. Die Vorstellung, den Kapitalismus voluntaristisch „wegblasen“ zu können und den Sozialismus „auf die schnelle“ aus dem Boden zu stampfen, ist absolut unhistorisch. In einem Briefwechsel mit Klaus Steiniger stellte Nico Jühe, Student der Philosophie und Mathematik in Wuppertal, bezogen auf Gorbatschow und seinesgleichen die rhetorische Frage: Welche Stärke besitzt eigentlich ein System, bei dem ein kleines Quantum Abtrünniger und Verräter ausreicht, um es zu Fall zu bringen? Seit dem Untergang der sozialistischen Staaten Europas beschäftigt diese Frage nicht wenige Menschen. Von Beginn an galt die führende Rolle einer marxistischen Partei als Grundvoraussetzung für den Aufbau einer alternativen Gesellschaft zum Kapitalismus. Die Notwendigkeit einer fähigen eigenen Führung ergibt sich nicht zuletzt aus dem hohen Organisierungsgrad des sozialen Gegners und der Härte des Klassenkampfes, der letztlich auf Leben und Tod geführt wird. Wenn eine starke und zielklare Organisation mit einer entsprechenden Spitze fehlt, gelangen revolutionäre Bewegungen nicht über eine Rebellion hinaus. Der Erfolg bleibt aus. Darin besteht gegenwärtig die Tragik der grandiosen Volksbewegungen in Ägypten, der Türkei, Brasilien und anderen Regionen, wo sich objektiv revolutionäre Situationen herausgebildet haben, die sich aber derzeit subjektiv nicht für eine fundamentale Veränderung der Macht- und Eigentumsverhältnisse nutzen lassen. Siege und Niederlagen jener Staaten, welche sich auf dem Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft befanden, müssen daher stets auch unter dem Aspekt der Stärken und Schwächen ihrer marxistischen Parteien betrachtet werden. Dabei geht es weniger um einzelne Fehlentscheidungen auf ökonomischem Gebiet, sondern vor allem um deren Kapazität zur Motivierung, Mobilisierung und maximalen Einbeziehung aller in Betracht kommenden Teile der Bevölkerung. Nicht die Zahl ihrer Mitglieder bestimmt in erster Linie die Stärke einer marxistischen Partei, sondern deren Zielklarheit und Organisationsgrad sowie die Qualität ihrer Führung. 1917 folgten Millionen der zahlenmäßig kleinen bolschewistischen

Partei – sie zählte zum Zeitpunkt der Oktoberrevolution etwa 40 000 Mitglieder –, weil sie eine durchdachte Strategie zur Lösung der Widersprüche und Probleme besaß. 1990 scheiterten die staatstragenden Parteien aller sozialistischen Länder Europas, obwohl ihnen nominell Millionen Mitglieder angehörten. Am Beispiel Lenins wurde die bedeutende, ja geradezu entscheidende Rolle klar, die einer Führungspersönlichkeit zukommt oder einer Gruppe von Führern zukommen, welche den Kurs maßgeblich bestimmen und die strategische Generallinie taktisch klug umsetzen müssen. Das gilt besonders in Krisensituationen. Auch das seinerzeitige Überleben des plötzlich völlig isolierten Kuba und dessen heutige Ausstrahlung hängen entscheidend damit zusammen, daß Fidel Castro als prägender Teil eines Kollektivs über solche Fähigkeiten verfügte. Gleiches traf natürlich auch auf Mao Tse-tung und Ho Chi Minh zu. Erinnert sei hier an das Charisma des Venezolaners Hugo Chávez. Solche Persönlichkeiten an der Spitze revolutionärer Kräfte sind unverzichtbar, weil der Mensch ein soziales Wesen ist, das sich mit seiner Individualität in die Gesellschaft einbringen und sie bereichern kann, allein aber kaum existenzfähig ist. Wirkliche Führer zeichnen sich nicht zuletzt durch ein hohes Maß an Selbstlosigkeit und Bescheidenheit in persönlichen Dingen aus. Sie können eine starke Basis schaffen, die etwas bewegt. Mit ihrer Ausstrahlung hängt zweifellos auch die Schwierigkeit zusammen, jüngere Nachfolger oder ganze Kollektive zu entwickeln, die dazu imstande sind, die Arbeit nahtlos fortzusetzen. Nicht immer kann ein Verlust ausgeglichen und ein entstehendes Vakuum gefüllt werden. Die sozialistischen und kommunistischen Parteien haben viele führende Persönlichkeiten hervorgebracht, die Großartiges leisteten und leisten. Doch nicht alle vermochten den hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Etliche erlagen menschlichen Schwächen und der Verlockung, Einfluß oder Macht in einer der Sache abträglichen Weise zu mißbrauchen. Lenin hatte die Arbeiter und Bauern Rußlands gelehrt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Das bleibt sein größtes Vermächtnis. Es wurde auch für andere unterdrückte Völker zu Kompaß und Richtschnur. Immer dann, wenn es gelang, die Kreativität und Mitwirkung der Volkskräfte zu mobilisieren, haben Menschen Unglaubliches geleistet. Das faschistische Deutschland konnte nur besiegt werden – und ähnliches erfuhren die US-Aggressoren in Vietnam –, weil sie einem Volk gegenüberstanden, das seine ureigensten Interessen verteidigte. Nicht weniger zählen Leistungen im Alltag des friedlichen Lebens, beim Aufbau

einer menschenwürdigen Gesellschaft. Auch hier gab es Leiter, die es vermochten, die unterschiedlichen Potenzen der einzelnen Menschen für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren, und solche, die dabei versagten. Das Kaliber der Persönlichkeit fiel auf sämtlichen Leitungsebenen entscheidend ins Gewicht. Kultur und Bildung hatten in den sozialistischen Staaten einen besonders hohen Stellenwert. Einfache Menschen erwarben Wissen zum Nutzen der ganzen Gesellschaft. Lenins besonders an die Jugend gerichteter Appell: „Lernen, lernen und nochmals lernen!“ hat nicht nur in der UdSSR, sondern in sämtlichen sozialistischen Ländern reiche Früchte getragen. In der DDR sicherte die 10klassige polytechnische Oberschule eine allseitige Grundausbildung, zu der auch eine emotionelle Komponente gehörte. Ständige Weiterbildung und Qualifizierung wurden für Millionen zum Lebensprinzip. Nicht wenige von ihnen motivierte das dazu, sich, ohne nach persönlichen Vorteilen zu schielen, mit ganzer Kraft für die Entwicklung ihres sozialistischen Staates einzusetzen. Zu ihnen zählten auch viele Mitglieder der SED. Das widerspricht der heute durch Medien und Politiker der Bourgeoisie verbreiteten Unterstellung, die meisten Genossen seien allein aus Karrieregründen in die Partei eingetreten. Leider war deren Zahl angesichts der Verwandlung der Vorhutpartei in eine Massenorganisation ebenfalls nicht gering. Eine machtausübende, damit auch für die Besetzung der Posten und das Drucken des Geldes zuständige Partei ist von vornherein für viele attraktiv. Das nicht hinreichend beachtet zu haben, gehört zu den Hauptversäumnissen der SED, die in ihrer bewegten Geschichte wichtige Führer der Klasse und auch solche anderer Art hervorgebracht hat. Horst Neumann

Am 14. Juli verstarb im 74. Lebensjahr einer der Treuesten der Treuen: Unser in vielen Sätteln des Klassenkampfes bewährter Genosse

Hannes Peuker Der Dozent der Friedrich-SchillerUniversität hat mit seinem Engagement der RF-Regionalgruppe Jena neue, kraftvolle Impulse verliehen. Wir werden Hannes Peuker immer ein ehrendes Angedenken bewahren und sprechen seinen Angehörigen unser tiefempfundenes Mitgefühl aus.

RotFuchs / September 2013

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Kritisch-solidarische Wortmeldung einer Weggefährtin aus Frankreich

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eden Monat warte ich voller Ungeduld auf den „RotFuchs“ und lese die Zeitschrift mit großem Interesse. Der Beitrag Siegfried Schuberts in der Juli-Ausgabe zu den Ursachen des Untergangs der DDR löste bei mir besondere Zustimmung aus. Was er sagt, entspricht auch meiner Überzeugung, die ich bei zahlreichen Besuchen in der DDR als Gast der Akademie der Künste sowie bei Verlagen und Schriftstellern gewonnen habe. Zunehmend bewegt mich, daß den eigenen führenden Leuten der DDR immer mehr die Überzeugung abhanden gekommen war, zu den Siegern der Geschichte zu gehören – nicht an einem St.-Nimmerleins-Tag, sondern nach Maßgabe eigener Möglichkeiten und Anstrengungen noch zu Lebzeiten ihrer Enkel. Warum gelang es ihnen nicht mehr, diese Überzeugung ihrem Volk zu vermitteln? So kam es aus meiner Sicht dazu, daß sie vom Volk immer weniger ernst genommen wurden, obwohl sie doch selbst aus diesem hervorgegangen waren. Warum zogen sie keine Konsequenzen aus dem spürbar wachsenden Abstand zwischen Volk und Regierung, der eines sozialistischen Staates unwürdig ist? Und: Warum ging man an verantwortlicher Stelle zunehmend von einer Unterlegenheitsperspektive gegenüber dem Westen aus? Wieso wurde ich, bloß weil ich von dort kam, ohne besondere eigene Verdienste

um vieles respektvoller behandelt als die eigenen Leute? Wie sollten in der Bevölkerung Ehrlichkeit und furchtloses Hinterfragen entstehen, wenn das „da oben“ gar nicht mehr existierte? Warum gab es statt echter Bemühungen „von oben“ nun einen erhöhten propagandistischen Aufwand und zunehmende Überwachung, so daß „unten“ jegliches Bemühen um einen besseren Sozialismus erstarrte? Zunehmend bekam ich auf meine Fragen zu hören: Die da „oben“ interessiert das nicht. Die glauben doch selber kaum noch an ihre Sache. Warum war der so wichtige Unterricht in Marxismus-Leninismus in Schulen und an Universitäten in nicht geringem Maße so wenig überzeugend? Hätte man da nicht überall und auf allen Ebenen die besten Lehrer einsetzen müssen? Ich will an einem konkreten Beispiel schildern, um was es mir geht: Mein Bruder, ein in der BRD vom Berufsverbot betroffener Arzt, organisierte einst ein Treffen junger Kölner DKP-Genossen mit Genossen der SED in Magdeburg. Als er nach den obligatorischen Begrüßungszeremonien zu einer inhaltlichen Diskussion zwischen den Beteiligten kommen wollte, lag den SED-Gastgebern vor allem daran, von ihren jüngsten Jagderlebnissen zu berichten und mit der Schilderung ähnlicher Vergnügungen den jungen Wessis zu imponieren, so daß sich mein Bruder dafür vor seinen Kölner Genossen schämte.

Daß ich bei vielen Schriftstellern und in Büros von Kultureinrichtungen der DDR am Ende kaum noch Informationen erhielt, die mir wichtig erschienen, war recht erstaunlich. Der Grund lag weniger in Angst vor der „Stasi“ und wohl mehr in ihrem Bestreben, auf die Besucherin aus Frankreich Eindruck zu machen. Da fällt mir eine Ausnahme ein: Peter Hacks. Der hatte als überzeugter Sozialist keine Unterlegenheitsperspektive nötig. Zum eventuellen „Auftrumpfen“ besaß er ja sein Werk. Spätestens seit 1975 war ihm klar, wohin sein Land trieb. Dazu genügte ihm die tägliche Lektüre des ND und der Umgang mit gewissen Kulturfunktionären. Warum ist diese Ausnahme so wenig bekannt, sei es als Ärgernis in den bürgerlichen Medien, sei es in der dünngesäten linken Presse? Möge die Debatte über die Gründe des Untergangs der DDR und des sozialistischen Ostens Europas weitergeführt und vertieft werden. Wir, die wir von neuerlichen Kolonialkriegen betroffen sind, auf deren bourgeoise Begründung leider auch manche angeblich Linke hereinfallen, benötigen das sehr. Als einzige Erklärung für den Niedergang des Sozialismus in der DDR und anderswo ist mir das psychologistische „Macht verdirbt den Charakter“ zu wenig und zu unmarxistisch. Prof. Dr. Heidi Urbahn de Jauregui, Montpellier

Ein 100-Meter-Lauf der besonderen Art

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itglied der SPD in Niederbayern, Die UdSSR bezifferte damals ihren Repa- enges Trikot und startet auf einer Tartanhabe ich mich in den letzten Jah- rationsanspruch auf 10 Mrd. US-Dollar. In bahn. Der SBZ/DDR-Läufer trägt Turnren über die Geschichte der DDR genauer der SBZ begannen die Demontagen sofort, schuhe, ein weites Trikot und benutzt eine informiert. Sehr hilfreich waren dabei die im Westen erst ab Januar 1946. Die deut- Aschenbahn. „RotFuchs“-Ausgaben, die ich fast ausnah- sche Industriekapazität sollte auf 50 bis Unter diesen Voraussetzungen müßte der melos – überwiegend mit Hilfe von CDs – 55 % ihres Standes von 1938 herunter- Einlauf eigentlich folgender sein: Als der gelesen habe. Durch drei Berliner Freunde, gefahren werden, was in der SBZ auch BRD-Sprinter die Ziellinie erreicht, befindie ich über den „RotFuchs“ kennengelernt geschah. det sich sein DDR-Konkurrent erst bei der habe, erfahre ich immer wieder Wissens- In den Westzonen gingen nur 8 % der 1945 50-m-Marke. Doch tatsächlich verlief das wertes zur DDR-Geschichte. Beim Studium vorhandenen Kapazität verloren. Das ist Rennen anders. Als der BRD-Läufer die aller bisher gelesenen Bücher wie des RF etwa der Anstieg von 1938 bis 1945. Ergeb- Ziellinie überschreitet, befindet sich der kommt mir ein Aspekt zu kurz: die völ- nis: Im Westen erfolgte also kein Abschlag DDR-Läufer bereits bei der 75-m-Marke. lig unterschiedlichen Startbedingungen gegenüber der Industriekapazität von 1938. Eine hervorragende Leistung, wenn man nach dem 8. Mai 1945 für die sowjetische Bereits im August 1947 wurden die Demon- die Startbedingungen fair bewertet. Besatzungszone und die drei Westzonen, tagen im Westen gekürzt und 1950 ganz Wie aber ist die Reaktion auf den Rängen? eingestellt. Ihr Gesamtwert belief sich auf Siegestaumel bei den BRDlern. Für sie aus denen die BRD hervorging. Nun ist mir ein Büchlein der Deutschen ca. 2,5 Mrd. DM. zählt nur der Erfolg, egal, wie er zustande Verlagsanstalt Stuttgart-München in die Wenn man die hier geschilderte Ausgangs- gekommen ist. Hände gekommen. „Requiem auf eine Wäh- lage betrachtet, dann hatten die Menschen Bei den DDRlern ist ein Teil deprimiert. rung – die Mark“ lautet sein Titel. Dort in der SBZ vielfach schlechtere Startbe- Das Warum der Niederlage wird nicht fand ich manches, was ich anderswo noch dingungen als die Bürger der BRD. Alle hinterfragt. Andere resignieren: Da ist nie gelesen hatte. negativen Faktoren, die vom westlichen eben nichts zu machen. Der Rest aber Die drei Verfasser schildern die Situation Ausland mit der BRD als Vorreiter auf sie ist stolz auf die Leistung des Läufers, nach dem 8. Mai 1945: Bereits im Sommer einwirkten, sind dabei noch nicht einmal hat er doch unter ungleich schwierige1945 wurden in der SBZ sämtliche Altkon- berücksichtigt. Die Ausgangssituation ren Voraussetzungen mehr erreicht, als ten in Höhe von 37 Milliarden Reichsmark beider deutscher Staaten möchte ich mit ihm von der Sportfachwelt zugebilligt gesperrt. Alle bei Banken und Sparkassen einem 100-m-Lauf vergleichen. Der BRD- worden war. deponierten Guthaben wurden gelöscht. Läufer trägt Rennschuhe mit Spikes, ein Johann Weber, Ruhstorf (Niederbayern)

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„Gott mit uns“ stand auf dem Koppelschloß

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ie Freidenker, einig in der Verurteilung von Rassismus, religiösem Fanatismus und imperialistischem Krieg, klagen die Doppelmoral des Westens, den Mißbrauch der Religion und das Schüren religiöser Spannungen durch die Kriegstreiber an.“ So steht es in einem Beschluß der Weltunion der Freidenker, die vom 24. bis 26. Mai auf ihrem Kongreß über die künftige Strategie berieten. Diese Mahnung, auch ins Stammbuch christlicher Kirchen geschrieben, ist einmal mehr notwendig geworden, weil sich unter dem Einfluß evangelikaler Haßprediger und Kreuzfahrer wie George W. Bush eine zynische Rechtfertigungstheologie zur Absegnung imperialistischer Angriffskriege auch hierzulande breitgemacht hat. 2009 bekannte der einstige Jugendpfarrer der nicht mit dem Friedensrat zu verwechselnden „DDR-Friedensbewegung“, Joachim Gauck, er sei kein Pazifist. Gewalt erscheine ihm notwendig und sinnvoll, um Frieden, Freiheit und Leben anderer Menschen mit der Waffe zu verteidigen. Deshalb mahnte er auch auf Kirchentagen mehr Aufgeschlossenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr an, die genau das täte. Er bezeichnete sie als „meine Armee“, Teil des „Demokratiewunders nach der Wende“, „Stütze der Freiheit“, „Armee des Volkes“ und „Friedensmotor“. Etwa zeitgleich zum Hamburger Evangelischen Kirchentag

Wir wissen Noch bevor der Sheriff den Rauch vom Lauf geblasen hatte, fragte sein Begleiter, warum der dritte Mann sterben mußte. Die Antwort des Schützen: Er wußte zuviel. Er wußte, daß drei mal drei neun ist – er wußte entschieden zuviel. Auch wir wissen viel. Wir wissen von Hochstaplern, die Politiker darstellen; von Nazi-Morden, die vertuscht werden. Wir wissen von Geldverschwendern, die straffrei davonkommen; von Ausbeutung, die legalisiert wurde; von Waffenexporten in brennende Krisengebiete. Wir wissen Namen und Anschriften. Liegt Aufruhr in der Luft? Ist der Sheriff schon unterwegs? Horst Buder

veranstaltete die BRD-Marine in Wilhel mshaven ei ne „ Schulwoche“ zur Werbung neuen Kanonenfutters. Bei Tr uppen besuchen in Ha m burg u nd Mazar-i-Sharif pries Gauck überdies die „Bereitschaft zum Dienen und zur Hingabe“. Er zeigte sich wegen des mangelnden Interesses der Bevölkerung „am Militärischen insgesamt“ besorgt. Natürlich vergaß er auch diesmal nicht, die Nationale Volksarmee der DDR der „Unterdrückung des eigenen Volkes, der Erziehung zum Haß in den Schulen und der Militarisierung der DDR-Gesellschaft“ zu bezichtigen. Er attackierte damit eine Armee, die im Unterschied zur Bundeswehr niemals an Kriegseinsätzen beteiligt war. Seit der byzantinische Kaiser Konstantin das Christentum auf die Schilde seiner Soldaten hob – das war um 313 n. u. Z. –, gibt es „gottgefällige“ Kriege gegen das „Reich des Bösen“. Das vermeintliche Recht, als Christ und Soldat Gebote mißachten zu dürfen, begründet eine sich windende und wandelnde Rechtfertigungstheologie der Militärkaste. Diese basiert auf der immer gleichen Unterstellung. Während der erklärte politische Gegner stets das „Böse“ verkörpert, vertritt man allzeit selbst das „Gute und Edle“, wobei man nicht darauf verzichtet, bei aller „Feindesliebe“ und „Achtung vor dem Geschöpf Gottes“ zu foltern und zu töten. Stand nicht einst auch auf Koppelschlössern „Gott mit uns“? Derzeit drängt es die NATO-Missionare in die Kirchen. Bei speziellen Gottesdiensten mit Kantoreibegleitung und anschließender Aussprache bei Kaffee und Kuchen verkünden „Bürger in Uniform aus der Mitte der Gesellschaft“ makabre pseudoreligiöse Standpunkte. Im Juni gab beispielsweise Oberstleutnant Freuding, Standortältester, ehemals Kompaniechef der NATO-Schutztruppe in Bosnien-Herzegowina und dann Stabschef am Hindukusch, in geselliger Atmosphäre folgendes zum Besten: „An der Friedensordnung in der erlösungsbedürftigen Welt, an einer gerechten Ordnung mitzuwirken, ist uns Christen als zur Freiheit berufenen Geschöpfen fortwährende Aufgabe.“ Selig sind die Friedensstifter! Auch Bonhoeffer (!) habe den Beruf als Ort der Verantwortung definiert, will man einen der Großen der Christenheit vor den eigenen Karren spannen. Dem Christen, der sein Handeln an der Verheißung der messianischen Friedensordnung ausrichte, werde die Forderung nach Feindesliebe handlungsbegleitend: „Liebt Eure Feinde und bittet für sie!“ Diese Maxime soll auch Oberst – jetzt General – Klein beim Vernichtungsbefehl gegen die einen im Flußbett steckengebliebenen Tankwagen bei Kundus umringenden Zivilisten im September 2009 beherzigt haben. Freuding und andere

„Gotteskrieger“ können dabei auf eine „Fatwa“ namens „Gaudium et spes“ des 2. Vatikanischen Konzils bauen: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit des Volkes. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei.“ Freidenker allerdings messen solche religiös verbrämten Spitzfindigkeiten mit der Elle auf Erfahrung beruhender Weisheit: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“ Jobst-Heinrich Müller, Lüneburg

Von ganzem Herzen grüßen wir unsere liebe Genossin

Roswitha Thiele aus Berlin zu ihrem 70. Geburtstag am 6. September. Gemeinsam mit ihrem Mann – unserem Genossen Jürgen – bewältigt die erfahrene Bankkauffrau seit vielen Jahren Monat für Monat eine enorme Arbeitsfülle zur finanziellen Sicherung der Zeitschrift und ihres Fördervereins. Eine herzliche Umarmung, liebe Roswitha!

Am 6. September begeht unser treuer und verläßlicher Genosse

Erwin Mitzkat aus Teterow seinen 85. Geburtstag. Bereits seit 1946 kommunistisch organisiert, hat sich Erwin vor allem auf dem Gebiet der DDR-Landwirtschaftspolitik in wichtigen Funktionen der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) große Verdienste erworben. Gegenwärtig engagiert sich der aktive DKP-Genosse für die Revitalisierung der Teterower RF-Regionalgruppe. Laß Dir herzlich gratulieren, lieber Erwin!

Am 29. September wird unser langjähriger und verdienter Autor

Dr. Rudolf Dix aus Zeuthen 85 Jahre alt. Der frühere Lehrer an der SED-Parteihochschule „Karl Marx“ hat den RF aufgrund seiner soliden Sachkunde – insbesondere zu Leben und Werk Lenins – durch etliche Beiträge sehr bereichert. Herzlichen Glückwunsch, lieber Rudi!

RotFuchs / September 2013

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Warum die DDR-CDU einem Pastor zur politischen Heimat wurde

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i n Theologiestudent kurz vor dem Abschluß seines Studiums sitzt im großen Hörsaal der Greifswalder Fakultät und hört aufmerksam einem Vortrag zu. Redner ist der drei Jahre zuvor gewählte Präsident der DDR-Volkskammer Dr. Johannes Dieckmann. Sein Thema lautet: „Die Nationale Front des demokratischen Deutschland und ihr Ruf an uns alle“. Der Politiker, der zu den etwa 80 Anwesenden spricht, ist praktizierender Christ und hat sich als Liberaler der LDP für den Sozialismus entschieden. Zwei deutsche Staaten stehen sich in sehr unterschiedlichen Machtpositionen und im Ergebnis eines von seinen Verursachern total verlorenen Weltkrieges antagonistisch gegenüber. Im Westen haben die drei Siegermächte – USA, Großbritannien und Frankreich – für die Bildung der BRD gesorgt. Aus der sowjetischen Besatzungszone im Osten ist die DDR hervorgegangen. Für wen wird sich der zuhörende Student entscheiden, wenn er das Examen abgelegt hat? In welcher Landeskirche wird er seinen Dienst aufnehmen? Die Grenzen sind offen, das Hin und Her der Bürger von West nach Ost oder in umgekehrter Richtung erfolgt reibungslos, aber der Antagonismus besteht weiter. Der suchende, für gesellschaftliche Aufgaben offene Absolvent beginnt seinen Dienst in der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche und übernimmt zwei Jahre nach dem 17. Juni 1953 eine Pfarrstelle mit vier Gemeinden im Havelland. Er erlebt die komplizierte politische Situation in der DDR und fragt sich nach der eingeleiteten Reform, ob die gesellschaftliche Mitarbeit beim Aufbau des Sozialismus für ihn und die ihm anbefohlenen Christen seiner Gemeinden ebenfalls Auftrag und Ziel sein kann. Es kommt zu einer zweiten entscheidenden Begegnung, diesmal mit einem stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR: dem CDU-Vorsitzenden Otto Nuschke. Zur Einweihung eines Dorf-Warenhauses erscheint der ranghohe Politiker in einer Gemeinde, deren Bürgermeisterin ebenfalls der CDU angehört. Wer Otto Nuschke erlebt hat, weiß um die Überzeugungskraft, Klarheit, Logik und Wirkung seiner Worte. Was ihn besonders ausgezeichnet hat, war seine entschiedene christliche Glaubenshaltung. In den Wirren des 17. Juni von Westberliner Provokateuren an der Oberbaumbrücke in seinem PKW in den Westen geschoben, bekennt sich Otto Nuschke zum Sozialismus, wird nicht zum Kollaborateur und kehrt an seinen Arbeitsplatz in der DDR zurück. Das Ergebnis des längeren Gesprächs zwischen dem jungen Pfarrer und dem hohen Staatsmann war der Entschluß des Erstgenannten, Mitglied der CDU zu werden

und in der Nationalen Front als der Plattform einer demokratischen Entwicklung, die der formellen Demokratie des Westens diametral entgegengesetzt war, mitzuarbeiten. Der dann folgende Weg über Jahrzehnte des Lebens war für mich nicht immer einfach. Ich wollte Pfarrer und Seelsorger bleiben. Jegliche Ambition, kirchlich oder politisch Karriere zu machen, war mir fremd, obgleich ich manche Möglichkeiten dazu gehabt hätte. Die Gedanken – Folgerungen aus der Geschichte wie der jüngsten Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg –, die Dieckmann und Nuschke motivierten, haben meine Entscheidungen stark beeinflußt. Die politische Überzeugung stimmte allerdings auch mit meiner Arbeit als Geistlicher, die von der theologischen Erkenntnis Karl Barths und Dietrich Bonhoeffers innerlich getragen war, ganz wesentlich überein. Als 1964 die Dietrich-Bonhoeffer-Kapelle in meiner Gemeinde Kienberg durch Generalsuperintendent Dr. Lahr aus Potsdam geweiht wurde, kam dies in besonderer Weise zum Klingen. Die Arbeit in der Nationalen Front wurde immer vom Miteinander aller politischen Parteien und bereitwilligen Menschen getragen, denen der sozialistische Weg als der richtige erschien. Das Gegeneinander der verschiedenen Parteien im demokratischen Formalismus des Westens, entscheidend gelenkt vom Kapital und dessen Einflußnahme auf die gesamte wirtschaftliche Kraft, halte ich ethisch für nicht verantwortbar. Im Sinne eines Tätigwerdens für das angestrebte Wohl der Menschen kann nur der Sozialismus zur Maxime politischen Handelns werden. War dies der Weg der DDR bis 1989/90? Aus meiner Sicht können sich die Erfolge einer 40jährigen Aufbauarbeit, wenn man die Elle des Weltmaßstabs anlegt, durchaus sehen lassen. Das Wirtschaftspotential der BRD, die sich seit dem Marshallplan auf die kompakte Kraft des westlichen Kapitalismus stützen konnte, war dreimal größer als das der DDR. Mit ihm war in vier Jahrzehnten nicht gleichzuziehen. In dieser Frage haben sich die Genossen oft geirrt, aus Euphorie politisch falsch argumentiert und gehandelt. Manche von ihnen schossen über das Ziel hinaus und blieben nicht auf dem Boden der Tatsachen. Doch die führende politische Kraft im Block der fünf Parteien mußte die SED sein. Wir haben auf Kreis- und Bezirksebene in der Nationalen Front gute, bisweilen aber auch bedrückende Erfahrungen gemacht. Für ein Volk ist es besser oder vernünftiger, Politik und Zusammenleben so zu gestalten, daß man sich in den Parlamenten nicht im Gegeneinander der Meinungen bis aufs Messer streitet. Ist angesichts

des Parteienhaders und intrigengeladenen Gerangels einerseits oder des Duckmäusertums andererseits nicht eine vernünftige Blockpolitik zum Wohle aller der bessere Weg? Hier spielt ein Freiheitsbegriff hinein, der politisch, ja auch weltanschaulich höchst fragwürdig ist. Das habe ich bei Karl Barth und im Handeln Dietrich Bonhoeffers mit Blick auf dessen Widerstand im Dritten Reich gelernt. Die Kirchen in der DDR hatten es im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung erkannt. Die Gespräche, die während der 40jährigen Existenz der DDR zwischen dem Staat und den Vertretern der Religionsgemeinschaften stattfanden, erfuhren durch die Begegnung der Leitung des Kirchenbundes unter Bischof Schönherr mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker am 6. März 1978 ihren Höhepunkt. Eine wesentliche Vorarbeit dazu leistete übrigens auch der spätere Ministerpräsident des Landes Brandenburg Manfred Stolpe. Unsere Arbeit an der Basis hat sich gelohnt. Wir haben nie taktiert oder manövriert, sondern stets riskiert, gehandelt und – nach einem alten prophetischen Wort der Bibel – „der Stadt Bestes“ gesucht. Dabei war die CDU der DDR unsere politische Heimat. Mit 32 000 Unterschriften praktizierender christlicher Bürger und Amtsträger, die 1961 dem Staatsrat übergeben wurden, bekundeten diese ihre Bereitschaft, am Aufbau des Sozialismus aktiv mitzuwirken. Im 88. Lebensjahr stehend, werde ich den Wechsel der Systeme in der vor uns aufblitzenden Zukunft nicht mehr erleben. Doch das, was wir derzeit wahrnehmen, deutet auf politische und wirtschaftliche Krisen ohne Ende hin. Die heute in vielen Ländern Mächtigen besitzen kein Rezept, nach dem sinnvoll zu handeln wäre. Menschen, welche eine Politik durchdringend sozialen Tätigwerdens zum Wohle aller verfolgen, werden jene Erkenntnisse neu zu gestalten haben, die einst in der DDR geprägt worden sind. Pastor em. Hans-Joachim Brühe, Falkensee

Am 19. September wird unser Genosse

Dr. sc. Dieter Götze – er war Leiter der Leipziger RFRegionalgruppe und gehörte dem Vorstand des RF-Fördervereins an – 70 Jahre alt. Eine schwere Erkrankung und deren Folgen zwangen den verdienstvollen Mitstreiter zur Einschränkung seiner Aktivitäten. Um so enger fühlen wir uns mit Dieter verbunden und übermitteln ihm herzliche Grüße unverbrüchlicher Freundschaft.

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RotFuchs / September 2013

Wo ein Nazi-„Rassenforscher“ Namensgeber bleiben darf

West-CDU hält an Willy-Klenck-Weg fest

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ei uns in Lamstedt heißt seit den 60er Reihe gewissenloser ‚Schreibtischtäter‘, 1945 wurde der berüchtigte RassenfanaJahren eine Straße nach dem für seine die dem NS-Regime aus Überzeugung und tiker nur kurz interniert, bevor er in den „heimatkundlichen Forschungen“ 1956 mit mit großem Eifer zugearbeitet haben.“ Schuldienst zurückkehren durfte. dem Bundesverdienstkreuz Es versteht sich, daß alle ausgezeichneten Erzfaschiantifaschistisch-demokrasten Willy Klenck. Nachdem tisch gesinnten Bürger – die niemals verhehlte, doch nicht zuletzt unter Berückla nge Zeit verhar m loste sichtigung der aufschlußgebenden Forschungsarbeit Vergangenheit des einstigen Dorfschullehrers nicht der „Zebras“ und ihres Lehlänger bagatellisiert werrers – die Forderung nach den konnte, entzündete sich sofortiger Entfernung des an der Haltung zu diesem Lamstedt diskreditierenideologischen Exponenten den Straßenschildes erhodes NS-Regimes eine hefben. Auch die SPD-Fraktion tige Auseinandersetzung. im Gemeinderat setzte sich für eine Umbenennung des Sie blieb keineswegs nur Willy-Klenck-Weges ein. Ihr ein kommunaler Konflikt, sondern sorgte in der ganInformationsblatt „Bördezen Region für Aufsehen und Bote“ hatte schon im August Proteste. 2011 auf die braune VerVier Schülerinnen, die sich gangenheit dieses Namens„Gruppe Zebra“ nennen, und gebers nachdrücklich hinihr engagierter Geschichtsgewiesen. lehrer Thomas Doege erDoch a m Ende ka m – i n gründeten in zweijährigen Anbetracht der CDU-MehrNachforschungen wichtige heit im Gemeinderat und Details zur üblen Rolle Willy Karikatur: Klaus Stuttmann gegen die Stimmen der SPDKlencks. Dabei stellte sich Vertreter eine „Lösung“ herheraus, daß dieser während aus, bei der der Wolf satt des „1000jährigen Reiches“ keinesfalls Der von interessierter Seite als „schlichter und das Schaf nicht gefressen werden ein bloßer Mitläufer, sondern ein Ein- Heimatforscher“ Ausgegebene wird in der sollte. Während es beim Namen des NSpeitscher ersten Ranges gewesen ist. Die Schülerdokumentation total demaskiert. Verbrechers blieb, wurde das Schild engagierten „Zebras“ stellten sich mit 1943 war Klenck das „Rassenpolitische durch eine die bisherigen „Informatiodieser Arbeit in die Tradition ihrer Bil- Amt Ost-Hannover“ anvertraut worden. nen ergänzende Zusatztafel erweitert“. dungsstätte „Am Hohen Rade“, die 2004 Ein Jahr später trat er an die Spitze der So ist unsere Forderung nach wie vor mit dem Titel „Schule ohne Rassismus – Lüneburger Forschungsstelle „Rasse und aktuell: Der Name Willy Klenck muß endSchule mit Courage“ ausgezeichnet wor- Raum“. In seinen Publikationen sprach lich aus unserem Ort verschwinden! den war. der den Weg nach Auschwitz ideologisch Günter Waldeck, Lamstedt Die „Cuxhavener Nachrichten“ schilder- vorbereitende Ultra-Rassist schon 1934 ten das Resümee der „Zebra“-Recherche: von „minderwertigen Menschen, die man „Auf jeden Fall gehört Willy Klenck zur unfruchtbar machen“ müsse. Für „Juden, Neger, Zigeuner, asoziale Elemente und Am 19. September um 18 Uhr spricht Gauner“ sollten spezielle Karten angeOberst a. D. Bernd Fischer auf einer legt und deren Duplikate „übergeordneNachholbedarf ten Dienststellen“ zugänglich gemacht Veranstaltung der RF-Regionalgruppe werden, forderte das NSDAP-Mitglied Bitterfeld-Wolfen im Kulturhaus, PuschAuf den Trümmern hockend Klenck in seinem Machwerk „Deutsche kinplatz 3, über das Thema in unseren zerstörten Städten Volkssippenkunde“. nach diesem zweiten ungeheuerlichen Auf einem dem Lamstedter Straßenschild Zur aktuellen Lage im Nahen Osten Betriebsunfall des Kapitals samt Konterfei des Faschisten zugeordzogen wir eindeutig Bilanz neten Erläuterungstext zur Person wird und schworen: Nie wieder Krieg dieser als „verdienstvoller Pädagoge“ darvon deutschem Boden aus! Oberst a. D. Karl Rehbaum spricht zu gestellt, wobei man aus Klencks krimidem Buch von Rainer Rupp „Ein Leben neller Vergangenheit kein Hehl macht. Der Krieg als „Fortsetzung für die Aufklärung“ sowie zu aktuellen der Politik mit anderen Mitteln“ „Mitglieder Tausender Familien“ seien Fragen der NATO-Strategie am hatte sich als tödlich erwiesen. aufgrund einer von ihm initiierten „rasseDas galt damals wie für alle Zeiten. kundlichen Erhebung“ fotografisch erfaßt • 14. September, um 14 Uhr, als worden, wobei man auch ihre SchädelforGast der RF-Regionalgruppe Gera Aber wenn ich mich umsehe men vermessen habe, erfährt man dort. in der Gaststätte „Kühler Grund“, in unserer heutigen Welt, Und weiter: Klencks „Ergebnisse über Gagarinstraße 115 wo überall deutsche Soldaten Sippenforschung“ seien „vom NS-Lehrererneut „im Einsatz stehen“, und am bund übernommen worden“. Als „Beauffrage ich mich verzweifelt: tragter für Sippenforschung“ habe dieser Wann wollen wir endlich • 28. September, um 10 Uhr, bei der „Reisen durch das gesamte Reichsgebiet aus der Geschichte lernen?! RF-Regionalgruppe Neubrandenunternommen“, um die „sippenkundliche burg im Seniorenbüro e. V., FriedlänGünter Waldeck Bestandsaufnahme der deutschen Bevölder Straße 14–16 kerung in allen Gauen zu organisieren“.

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Welcher Traditionslinie folgt Drohnen-Minister de Maizière?

Hitlers „Wunderwaffen“-Debakel

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er militärische Einsatz unbemannter Marschflugkörper wurde 1944/45 durch Hitler-Deutschland initiiert und wird heute mit sogenannten Drohnen von den USA massiv betrieben. Zahlreiche Tote – 3300 Opfer, überwiegend Zivilisten, darunter 76 Kinder allein in Pakistan – zeugen davon. Aber auch in Afghanistan, Jemen und weiteren Staaten sind diese Mordinstrumente durch das Pentagon eingesetzt worden. Beim NATO-Krieg gegen Libyen wurden 176 Bombenangriffe mit „Drohnen“ geflogen. US-Präsident Obama läßt Todesurteile an „internationalen Terroristen“ vollstrecken. „Krieg gegen den Terror“ heißt es summarisch. Es handelt sich um einen Bruch des Völkerrechts und eine Mißachtung der Menschenrechte in höchster Potenz. Unter Negierung internationaler Abkommen werden „Drohnen“ weltweit eingesetzt – gibt es dann noch eine Steigerungsform für Terrorismus? Der Topterrorist sitzt im Weißen Haus! Auch BRD-Militärs trachten seit Jahren danach, ihre Streitmacht mit Drohnen auszustatten. Nicht einmal das jüngste Desaster hat de Maizière davon abzubringen vermocht, obwohl Hunderte Millionen Euro in den Sand gesetzt wurden. Die Vorgänge auf diesem Gebiet veranlassen mich, über meine negative Bekanntschaft mit unbemannten Marschflugkörpern des Typs V I, wie das Einsatzmodell 1944 von den deutschen Faschisten getauft wurde, zu berichten. Damals war ich Soldat der Wehrmacht. Im November 1944 mußte meine Infanteriekompanie in der Eifel unweit von Bitburg auf einer großen Waldlichtung antreten. Offiziere bleuten uns ein: „Wenn es losgeht, dann mit allerbester Moral vorwärts gegen den Feind. Denn das Ende des Krieges naht.

Wir werden siegreich sein. Deutschlands neue Flugraketen helfen uns, dem Gegner eine Niederlage zu bereiten.“ Etliche Infanteristen – so auch ich – hegten Zweifel an dieser ultraoptimistischen Parole, die unsere Vorgesetzten da ausgaben. Doch das auch nur andeutungsweise zu sagen, führte vor das Kriegsgericht. Wir kannten die V I ja schon aus der Zeit vor der Ardennen-Offensive, und zwar durch Blindgänger am Boden. Die Raketen waren von einer Startrampe in der Eifel abgeschossen worden, gingen nur kurz hoch und kamen schon bald wieder zur Erde zurück. Von der Bevölkerung wurden sie „Eifelschreck“ genannt. Es hieß, dieses Versagen wäre auf Sabotage durch ausländische Zwangsarbeiter zurückzuführen. Einige Wehrmachtsangehörige hatten überhaupt keinen Respekt vor solchen Blindgängern. Sie lehnten sich an diese sogar an und ließen sich vor ihnen fotografieren. Ein Obergefreiter montierte an einer Nietstelle ein Stück Leichtmetall ab. Von Beruf Graveur, fertigte er aus dem Material einen Bilderrahmen mit Blumenmustern. Als Mitte Dezember 1944 die ArdennenOffensive losging, „marschierten“ die Flugkörper mit uns – die meisten waren auf England gerichtet. Doch einige explodierten auch in Brüssel sowie in anderen Industrie- und Wohngebieten Belgiens. Als ich am 3. Januar 1945 dort mit noch anderen Soldaten in US-Kriegsgefangenschaft geriet, befanden auch wir uns automatisch im Fadenkreuz der V I. Ein solcher Marschflugkörper traf unser Kriegsgefangenenlager im Hafen von Antwerpen. Es gab 96 Tote, darunter auch amerikanische und kanadische Wachposten. Wir überlebenden deutschen Gefangenen hatten

danach allerhand auszustehen, da die nachfolgenden Wachposten rabiat mit uns umsprangen. Auch außerhalb des Lagers wurden wir beim Auf- und Abladen von Materialien der US-Transportdivision 6966 durch Einwohner verbal attackiert. Natürlich waren abfällige Bemerkungen an die Adresse Hitler-Deutschland mehr als berechtigt. Doch nicht die Naziführung, sondern wir bekamen sie ab. Zweimal wurden wir von älteren belgischen Frauen mit Knüppeln verprügelt. Solche Erlebnisse waren für uns damals 20jährige Anlaß, noch sehnsüchtiger das Ende des Krieges herbeizuwünschen. Heute sind Menschen in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten die Betroffenen. Am Konflikt völlig unbeteiligte Familien mit Kindern verlieren bei „Vergeltungsschlägen“ der USA mit „Drohnen“ ihr Leben. 2004 nahmen meine Frau und ich an einer von der PDS des Saale-Orla-Kreises arrangierten Busreise teil. Zu den angesteuerten Zielen gehörte auch die einstige V I-Produktionsstätte in Peenemünde. Vor dem dortigen Museum ist eine V I aufgestellt. Im Begleittext erläutert man: „Eine neue Waffe sollte Überlegenheit bringen. Produktion, auch unterirdisch, im Harz, zumeist von KZ-Häftlingen. 20 000 Menschen kamen dabei ums Leben. Propagandaminister Goebbels nannte diese Flugkörper ,Vergeltungswaffen‘. Die sogenannte Wunderwaffe konnte den Verlauf des Krieges aber nicht beeinflussen.“ Was die Drohnen des Pentagons, nach denen Merkels de Maizière giert, betrifft, ist davon auszugehen, daß sie zwar eine grausige Spur von Tod und Vernichtung ziehen werden, den Niedergang des Kapitalismus aber kaum aufhalten dürften. Herbert Klinger, Nimritz (Thüringen)

„RotFuchs“-Wegbereiter (4): Frank Mühlefeldt

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m Mai 2008 haben wir im RF-Leitartikel über die herausragende Rolle von Annemarie und Frank Mühlefeldt beim Entstehen unseres-Fördervereins berichtet. Auf die Idee, ein stabiles parteiunabhängiges „Dach“ für die bereits seit Februar 1989 erscheinende Zeitschrift zu suchen, war Frank als einer der ersten gekommen. Der heute 82jährige – das Rentnerpaar lebt abwechselnd in Berlin und auf dem Darß – brachte dabei seine große berufliche und politische Erfahrung ein. Übrigens war es nicht leicht, dem für seine sprichwörtliche Bescheidenheit bekannten Genossen einige Details über die eigene Entwicklung zu entlocken. Noch in der Weimarer Republik geboren, verbrachte Frank seine Kindheitsund Jugendjahre unter dem Faschismus. 1948 konnte er an der Berliner

Humboldt-Universität ein vierjähriges Ökonomiestudium aufnehmen. Mit dem Diplom ausgerüstet, war er zunächst in hauptstädtischen Industriebetrieben und dann in dem durch Heinrich Rau geleiteten Ministerium für Maschinenbau tätig. Nach dessen Teilung kam er in das Erich Apel unterstehende Ministerium für Schwermaschinenbau. Er war eine Zeitlang Berater und gehörte bis 1958 dem Sekretariat dieses Hauses an. Zum Rat des Bezirkes Halle versetzt, lernte Frank dessen Vorsitzenden Otto Leopold kennen und schätzen, der ihn 1965 in den Militärbereich der Staatlichen Plankommission delegierte. Dort war er viele Jahre als Militärökonom mit dem letzten Dienstgrad Oberst der NVA tätig. Nach der Niederlage des Sozialismus in der DDR und Europa wechselte der gestandene Kommunist nicht seine Farbe. Als

wir erste Kontakte mit ihm aufnahmen, steckte Frank bereits i n ver sch iedenen bürger nahen Projekten. Seine solide Sachkenntnis, seine kameradschaftliche Art des Umgangs mit anderen, vor allem aber sein reifes politisch-ideologisches Urteilsvermögen waren für das gerade erst entstehende „RotFuchs“-Kollektiv von besonderem Wert. So ergab es sich, daß der heute 1660 Mitglieder zählende RF-Förderverein im Sommer 2001 durch eine Handvoll Ungebeugter in Mühlefeldts damaligem Karower Garten gegründet wurde.  RF

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Die Welt der „Raffkes“, auch Kapitalismus genannt

Peter Hartz im „KAZ“-Porträt

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er als Rettungsanker ausgegebene 2002: Die nach Hartz benannte Regie- Beschäftigten wurden trotz SchlichterGeneralangr if f auf den Lebens- rungskommission stellt im August die spruch nicht wieder eingestellt. Diese standard der ärmsten Bevölkerungs- Vorschläge zur „Radikal-Kur gegen Ar- Entlassungen hatte Hartz in Südafrika schichten der BRD wurde vom deutschen beitslosigkeit“ vor. m it Unt er st üt z u ng de s d a m a l ige n Großkapital mit Hilfe der Schröder- Hartz erhält das Bundesverdienstkreuz V W-Betriebsratsmitglieds und GeneFischer-Regierung aus SPD und ralsekretärs des Welt-KonzernGrünen vor Jahren eingeleitet. Er betriebsrates Hans-Jürgen Uhl ist mit dem Namen eines Vorbegnadenlos durchgesetzt. straften verbunden: Peter Hartz. Nicht nur mit der Peitsche, auch Nach ihm heißen die Instrumente mit Zuckerbrot führte er seine Polizur sozialen Demontage Hartz I tik „verantwortungsvoll für seibis IV. nen Konzern“ durch: Probleme wie Die in Nürnberg erscheinende in Südafrika sollten an der Hei„Kommunistische Arbeiterzeitung“ matfront nicht passieren. „Sein“ – eine anspruchs- und niveauKonzern-Betriebsratsvorsitzender, volle Publikation – stellte ihren Klaus Volkert, auch ein altgedienLesern jetzt Peter Hartz, das Idol ter Sozialpartner und Parteifreund, der einen und den Schrecken der erhielt von ihm zwischen 1995 und anderen, anhand seiner lückenlo2005 nicht nur legal Gehalt und sen Biographie maßstabsgerecht Privilegien eines Mitglieds der vor. Hier der Wortlaut: Konzer ngeschä ftsleitu ng, sondern, wie im Korruptionsprozeß 19 41: ge bor e n i n St . I ng ber t , nachgewiesen, außerdem illegale Zuwendungen, persönlich und für Saarland. Vater Hüttenarbeiter, seine Geliebte, von insgesamt ca. Realschule, Mittlere Reife 1959 zwei Millionen Euro. Das LandgeAusbildung zum Industriekaufmann in einer Maschinenbaufirma, richt Braunschweig verhängte am 2. Bildungsweg, Bundeswehr 25. Januar 2007 wegen Untreue und 1965: Studium der Betriebswirt- Grafik: Gertrud Zucker Begünstigung des V W-Betriebsschaft in Saarbrücken. 1969 Leiratschefs eine Freiheitsstrafe von tende Funktion bei der französischen 1. Klasse. 2002/5 Vier Gesetze (Hartz zwei Jahren, die zur Bewährung ausFirmengruppe Pont-a-Mousson S. A. 1976 I–IV) werden nach ihm benannt. gesetzt wurde, sowie eine Geldstrafe Arbeitsdirektor der Röchling-Burbach Im Oktober billigt der Bundestag die von 360 Tagessätzen à 1600 € (insgesamt Weiterverarbeitung GmbH, Völklingen. Zusammenlegung der Arbeitslosen- und also 576 000 €). Peter Hartz gilt damit 1979 Arbeitsdirektor der Dillinger Hüt- Sozialhilfe (Hartz IV) sowie den Umbau als vorbestraft. Gegen seinen Vorgesetztenwerke AG. 1986 Arbeitsdirektor der der Bundesanstalt für Arbeit (Hartz III). ten, den V W-Chef, Großaktionär und Saarstahl AG. 1989 Arbeitsdirektor der Ehrenprofessorwürde Porsche-Erben Ferdinand Piech, wurde Hartz gerät in die Schlagzeilen im Zu- keine Anklage erhoben. Gegen den bestoDHS-Dillinger Hütte Saarstahl AG Personalvorstand Volkswagen AG, wird sammenhang mit einer Korruptionsaf- chenen Betriebsratschef Klaus Volkert bekannt für unkonventionelle Lösungen färe bei VW. erging Haftbefehl. Er wurde zu zwei Jahim Personalmanagement in Kooperation 2005: Im August Rücktritt als Personal- ren und neun Monaten Gefängnis verurmit dem Betriebsrat. teilt, nicht zur Bewährung ausgesetzt. vorstand der VW AG Einführung der 4-Tage-Woche bei VW, Einleitung eines ErmittlungsverfahEhrendoktorwürde rens im Oktober wegen Bestechung des 2002: Im März Berufung an die Spitze der Betriebsrats Kommission zur Reform der Bundesan- Im Juli Gründung des Consulting-Büros Am 1. Oktober um 15 Uhr spricht Prof. stalt für Arbeit und des Arbeitsmarktes „Professor Dr. h. c. Peter Hartz GmbH Dr. Götz Dieckmann auf einer Veranstaldurch Bundeskanzler Schröder & Co“ tung der RF-Regionalgruppe Nördliches Im Januar Verurteilung wegen BesteVorpommern in Stralsund, Begegnungschu ng von Betr iebsratsm itglieder n stätte des Kreisverbandes der Partei Die („V W-Schmiergeldaffäre“) Darauf hin Linke, Heinrich-Heine-Ring 123 (Zugang Am 19. September um 17 Uhr spricht Rückgabe des Bundesverdienstkreuzes. vom Parkplatz), über das Thema Konstantin Brandt auf einer VeranstalPeter Hartz ist heute noch Mitglied der tung der RF-Regionalgruppe Suhl in SPD und der IG Metall. Zur Strategie der Linkskräfte nach der Gaststätte „Weiberwirtschaft“, BahnMit der Einführung der 28-Stundenden Bundestagswahlen hofstraße 1, über Woche ohne Lohnausgleich 1994 bei V W hat er Erpressung und Opfer der Das kleine Schwarzbuch der Belegschaften für den Profit salonfädeutschen Sozialdemokratie Am 21. September um 10 Uhr hig gemacht. Auch in Südafrika wurspricht Dr. Hans-Peter Slodowski, den Arbeiter Opfer eines Hartz- Projekts: Dresden, auf einer Veranstaltung der Im größten Autowerk Afrikas, dem VWRF-Regionalgruppe ChemnitzAm 20. September um 17 Uhr spricht Werk im südafrikanischen Uitenhage, Zwickau-Plauen im Chemnitzer Rothaus, Werner Kropf auf einer Veranstaltung wurden im Februar 2000 wegen eines Lohstraße 2 (Getreidemarkt), über das der RF-Regionalgruppe Saale-Orla in Massenstreiks 1287 Beschäftigte entSaalfeld. Landhotel „Zum Bowlenblick“, Thema lassen. Peter Hartz begründete in seiner Geschwister-Scholl-Straße 7, zum Thema Hauptverantwortung für die KonzernFolgen und Wirkungen der psychoPersonalpolitik diese Maßnahme damit, Umbrüche in arabischen Ländern logischen Massenbeeinflussung daß der Streik illegal gewesen sei. Die

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Die Zusagen der Bundeskanzlerin platzten wie Seifenblasen

Rentenbetrug ist strafbar

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m 9. Juni 2009 erklärte Bundeskanzlerin Merkel bei der Eröffnung des 9. Deutschen Seniorentages in Leipzig: „... Ich stehe dazu, daß wir eine solche Angleichung von Ost und West brauchen. Ich würde, wenn Sie mich nach dem Zeitrahmen fragen, sagen, daß das Thema in den ersten beiden Jahren der nächsten Legislaturperiode erledigt sein wird.“ Übrigens beruhte dieses bis heute nicht eingelöste Versprechen auf dem Einheitsvertrag von 1990, wurde also erstmals vor 23 Jahren abgegeben. Nach den Wahlen vom 18. März 1990 änderte sich in der Noch-DDR die Rechtslage. Der Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR vom 18. Mai 1990 sah u. a. vor, das Sozialversicherungsrecht der DDR an das Recht der BRD anzugleichen. Es sollte eine beitragsfinanzierte Rentenversicherung mit lohnorientierten, dynamischen Leistungen geschaffen werden. Für die bei Abschluß des Staatsvertrages bereits laufenden Rentenzahlungen waren eine Umstellung auf D-Mark im Verhältnis 1:1 und eine Angleichung an das bundesdeutsche Rentenniveau vorgesehen Außerdem sollten die Bestandsrenten künftig an die Entwicklung der Nettolöhne und -gehälter angepaßt werden. Dies ist jedoch nicht erfolgt, was eine Verletzung der Artikel 3, 14 und 20 des Grundgesetzes bedeutet. Danach hätte die Rente schon mit der 1. und 2. Rentenanpassungsverordnung dynamisiert werden müssen. Die „A bschmelzung“ und endgültige Außerkraftsetzung von Ansprüchen aus der Zusatzversorgung führte dazu, daß nur noch eine Grundversorgung gewährt wird. Nach dem „Beitritt“ der DDR zur BRD bestand die Verpflichtung zur Fortführung der Versorgungsleistungen, die keinem geringeren Grundrechtsschutz unterliegen als das Eigentum. Wie das Bundesverfassungsgericht bereits im Zusammenhang mit westdeutschen sozialversicherungsrechtlichen Positionen hervorgehoben hat, beruht der Eigentumsschutz in diesem Bereich ganz wesentlich darauf, daß die in Betracht kommende Rechtsposition durch die persönliche Arbeitsleistung der Versicherten mitbestimmt ist, die in den einkommensbezogenen Leistungen lediglich einen Ausdruck findet. Die Ungleichbehandlung ist verfassungsrechtlich bedenklich, da die Menschen mit Ansprüchen aus Versorgungssystemen der DDR für lange Zeit oder dauerhaft auf den garantierten Zahlbetrag des Einigungsvertrages verwiesen werden, ohne daß dieser dynamisiert wird. Es besteht kein Grund, Rentner aus der DDR im Hinblick auf die Anpassung ihrer Bezüge unterschiedlich zu behandeln.

Diese verfassungsrechtlichen Bedenken können nach über 20 Jahren nicht mehr durch eine noch so „verfassungskonforme Auslegung der Vorschriften zur Rentenangleichung Ost“ ausgeräumt werden. Gemäß Art. 3, 1 GG ist es nicht mehr hinzunehmen und vertretbar, die Berechtigten und Rentner der DDR darauf zu verweisen, daß „der an ihre berufliche Stellung anknüpfende Lebensstandard, den sie im Zeitpunkt der Wiedervereinigung hatten, aufrechterhalten“ sei ... Berücksichtigt man zusätzlich noch, daß in den neuen Bundesländern neben der Rente zumeist weitere Einkünfte fehlen, führt dies bei einem Großteil – jedenfalls den Alleinstehenden – zur Altersarmut. Nach einem lebenslangen Arbeitsleben ist dies für die Betroffenen – wie auch für das Ansehen eines der führenden Industriestaaten der Welt – ein katastrophaler Zustand. Die „deutsche Einheit“ ist bei den Renten nicht vollendet. Nach dem im BGB verankerten Rechtsgrundsatz von „Treu und Glauben“ dürfte die Bundeskanzlerin nicht ein öffentliches Wahlversprechen abgeben, um es dann nicht einzuhalten. Das ist Wahlbetrug. Das im Einigungsvertrag vom 31. August 1990 fixierte und später auch im Grundgesetz niedergelegte Versprechen der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Ost und West ist nach wie vor nicht eingelöst. Betroffen sind über 4 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Ostdeutschland. Auf die Herstellung der Rentengerechtigkeit und die Gewährleistung der Gleichstellung vor dem Gesetz im Sinne des Artikel 3 des GG warten die Rentner des Ostens nun schon mehr als 23 Jahre und nehmen dabei ein sehr hohes Rentenminus zwangsläufig in Kauf. Der Bericht der Bundesregierung beschränkt sich zum Thema Alterssicherung auf die Renten. Das aber verzerrt das Bild erheblich. Zu den Alterseinkommen gehören nämlich neben den Renten auch die Beamtenpensionen, Betriebsrenten und Kapitaleinkünfte. Bezieht man diese ein, so ist der Rückstand der ostdeutschen Alten noch beträchtlich größer. Seit mehr als 10 Jahren verharrt das Niveau der ostdeutschen Alterseinkommen bei 75 Prozent der Westeinkommen. Eben falls uner wäh nt bleibt in dem gerade er wä h nten Ber icht d ie Entwertung der Alterseinkommen durch Inf lation. Sie betrug im vergangenen Jahrzehnt mehr als 10 Prozent. Die gesetzliche Rente (GRV) bildet in Deutschland die Grundlage des Rentensystems. Dieses durch eine Umlage finanzierte System der Alterssicherung stellt den überwiegenden Teil der dafür erforderlichen Mittel bereit. 92 Prozent der Rentenleistungen im Osten und 59

Prozent im Westen – hier ergänzt durch Beamtenpensionen, betriebliche oder private Versorgungssysteme – werden von der GRV erbracht. Besonders bemerkenswert ist die Aufhebung des bis dato geltenden wertneutralen Rentenrechts mittels politisch und sozial motivierter Rentenkürzungen für ehemalige DDR-Bürger. Seit 1992 erhalten sie weniger Rente als Bürger im Westen. Aktuell sind das 11,2 Prozent. Trotz des eingangs erwähnten Versprechens der Bundeskanzlerin vor vier Jahren liegt der Rentenwert Ost immer noch etwa drei Euro unter dem Rentenwert West. Frau Dr. Merkel hat 2009 vor den Senioren in Leipzig also vorsätzlich die Unwahrheit gesagt. Nach Presseberichten sieht das Kanzleramt derzeit keinen juristischen oder sachlichen Zwang, das Rentensystem noch in dieser Legislaturperiode zu vereinfachen. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Angleichung der Renten in Ost- und Westdeutschland findet demnach nicht statt. Folgt man aktuellen Berechnungen, dann würden beim derzeitigen Tempo der Rentenanpassung noch etwa 160 Jahre vergehen, bis eine Einheitlichkeit hergestellt worden ist. Generationen nach uns würden dafür bestraft, daß ihre Vorfahren ehrliche DDR-Bürger waren. Diesen Betrug darf man der CDU bei der Bundestagswahl 2013 nicht durchgehen lassen! Die Bundeskanzlerin sei an ihre eigenen Worte in Leipzig erinnert: „Die Rente ist kein Almosen, sondern eine Gegenleistung ... Wer ein Leben lang hart gearbeitet hat, der hat auch Anspruch auf eine gute Rente. Gleich, ob in West- oder in Ostdeutschland. Sozialleistungen sind keine milde Gabe. In den Versorgungssystemen liegt einiges im argen. Die Renten müssen gleich wie die Pensionen zum Leben reichen.“ Die Rentenfrage ist zu einem wichtigen Wahlkampfthema geworden. Die soziale Spaltung zerreißt das Land. Jeder dritte Rentner erhält weniger als 600 Euro und lebt in Altersarmut. Dr. Horst Schulz

Unser Autor gehört dem Bundesverband Freier Sachverständiger an.

Michels Geschmack Heino hören Pilcher lesen Merkel wählen Jürgen Riedel, Minden

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Zweckoptimistisches aus Hamburg

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ur Wochen vor dem Urnengang zum sie ihn garantiert nicht, weil ihr monatDeutschen Bundestag nimmt das liches Budget niemals ausreicht, sich tägmediale Geschwätz von einer erneuten lich hochwertige Lebensmittel, obendrein Schicksalswahl für die BRD wieder deut- auch noch biologisch erzeugt, leisten zu lich zu. Doch vor welchen Alternativen können. steht der bundesdeutsche Wähler? Monopolherrschaft pur oder Kapitalismus mit rosa-grünen Farbsprenkeln – mehr ist nicht zu haben. Ständige Meinungsumfragen nehmen dem Wahlakt überdies die Spannung, steht das Ergebnis im Grunde genommen doch schon lange zuvor fest. Doch ganz geschickt kann man mit derlei Zahlenspielereien unentschlossenen Wähler n oktroy ieren, hinter welcher Partei sie auf dem Stimmzettel ihr Kreuzchen zu machen haben. Denn wer möchte nicht wenigstens einmal im Leben zu den Siegern gehören! Problematisch wird es erst, wenn große Teile des vom Kabarettisten Georg Schram m ausgemachten „Urnenpöbels“ ihre Unlust kundtun, eine Wahlkabine überhaupt noch betreten zu wollen. Dann muß zeitnah gute Laune verbreitet werden. Hierfür steht in der BRD eine ganze Armada bourgeoiser Medien bereit. Den Vogel bei solcher positiven Stimmungsmache hat in diesem Jahr vermutlich die in Hamburg erscheinende Wochenschrift „Die Zeit“ abgeschossen, die im Rahmen Collage: Heinrich Ruynat einer Artikelserie in großen Lettern titelte: „Wir haben schlechte Nachrichten: Es geht uns gut.“ Dazu gesellte „Aber sicher! – Von wenigen Delikten abgesich folgende Unterzeile: „Ob Bildung, sehen, sinkt die Zahl der Verbrechen jährFamilie, Umwelt oder Gesundheit – nie lich.“ Es ist das Pech des „Zeit“-Autors, war die Lage besser. Diese und andere daß die polizeiliche Kriminalstatistik in Erfolgsmeldungen will nur keiner richtig dieser Hinsicht etwas ganz anderes auswahrhaben.“ sagt. So stieg z. B. die Zahl der WohnungsWochen- und seitenlang wurde dann einbrüche in der BRD im Jahr 2012 auf schöngefärbt, was die aktuelle Lage in 144 117 – ein beschämender Rekord! Und der BRD so alles hergibt. Zum Glück habe weil man hierzulande so sicher leben kann, die Psyche schuld, daß die Deutschen die muß derzeit vor dem Oberlandesgericht Welt düsterer sähen als sie wirklich sei in München auch die NSU-Mordserie ver– so die Meinungsmacher von der Alster. handelt werden. Es wäre aber auch fatal gewesen, wenn „Alles so sauber – Der Himmel über dem der Verstand von deutschen Frauen und Ruhrgebiet ist wieder blau. Ein Besuch Männern hier schon ins Spiel gekommen in der einst dreckigsten Region Deutschwäre. Die „Zeit“-Redakteure hätten sich lands.“ Ganz bestimmt ein schöner Aspekt. ihre Arbeit dann nämlich glatt sparen Doch findet sich in dem Beitrag kein deutkönnen. Immerhin wurde in einem Halb- liches Wort zur Kehrseite der Medaille. satz erwähnt, daß „nicht alle in gleichem Denn der wirtschaftliche Kahlschlag Maße von diesem Mehr an Lebensqua- im Ruhrgebiet, der letztlich die Vorauslität und Wohlstand profitieren“. Damit setzung für die Gesundung der ökologisollte es an kritischen Äußerungen aber schen Umwelt war, wird hier lieber nur auch genug sein. am Rande erwähnt. Doch die offiziell „Schrecklich gesund – Trotz vieler Lebens- 14,3 Prozent Arbeitslosen in Gelsenkirmittelskandale: Jeder kann sich heute chen oder die Erwerbslosen von Dortgut ernähren“, war weiter zu erfahren. mund, Duisburg und Essen bleiben außer Wobei die Betonung auf dem Wort jeder Betracht. Die von der „Freisetzung“ Betrofliegen sollte. Diesen Satz müßte man einer fenen haben jetzt wenigstens genügend alleinerziehenden Mutter mit zwei Kin- Zeit, sich bei ausgedehnten Spaziergändern, einem Hartz-IV-Empfänger oder gen am frischen Grün der Wiesen und an einer Rentnerin mit Nettobezügen von 550 der Klarheit sauberer Flüsse zu erfreuen. Euro vorlegen. Unterschreiben würden Ob das allein ausreicht, um ein erfülltes

und materiell abgesichertes Leben führen zu können? – „Verdammt alt – Unsere Lebenserwartung steigt, dank des medizinischen Fortschritts.“ Sicherlich eine begrüßenswerte Entwicklung. Doch die entscheidende Frage ist dabei wohl eher, unter welchen Bedingungen Menschen altern. Wer irgendwann auf stationäre Pflege angewiesen ist und beispielsweise im Winterhalbjahr ab 16 Uhr im Dunkeln liegt, weil keiner der völlig überlasteten Betreuer die Zeit hat, außerhalb der regulären Zimmerdurchgänge mal schnell das Licht anzuschalten, der wird es wohl verfluchen, „verdammt alt“ zu werden. Und gleiches gilt für den Sommer, wenn die so „Umsorgten“ zwei oder drei Stunden lang nichts zu trinken gereicht bekommen. Ganz groß wurde außerdem ein Beitrag unter dem Titel „Der Siegeszug der Demokratie“ ins Bild gesetzt. Doch wo Sieger sind, gibt es auch Verlierer. Und es fragt wohl kaum jemand das afghanische Volk, wie glücklich es nach etwa zwölf Jahren Kriegszustand über diesen „Siegeszug der westlichen Demokratie“ ist. Die aktuelle Lage in Ägypten mit dem sicher von den Massen gewollten Sturz Staatspräsident Mursis, der erst im Juni vergangenen Jahres „frei“ gewählt und dabei von den westlichen Mächten als ihnen genehmer neuer Heilsbringer hofiert wurde, zeigt zweierlei: einerseits die Kraft des Volkes, andererseits aber auch das Vermögen der Imperialisten, die einen Figuren durch andere ähnlicher Art beliebig auszutauschen. Ein „Siegeszug der Demokratie“ ist das wohl kaum. Der „Zeit“-Titel „Die Bildungsexpansion“ dürfte nicht nur beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung für ein müdes Lächeln gesorgt haben. Dieses kritisierte nämlich erst jüngst, daß die BRD lediglich 5,3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für die Bildung der Kinder ausgibt. Damit liegt der angebliche europäische Vorreiterstaat hinter den meisten OECD-Ländern deutlich zurück. Das Hamburger Wochenblatt hat somit sein möglichstes getan, um die BRD vor der Bundestagswahl ins rechte Licht zu rücken. Nun kommt es auf die Wähler an. Nämlich darauf, ob sie sich von derartigen Schlagzeilen beeindrucken lassen oder nicht. Rico Jalowietzki Am 26. September um 14 Uhr spricht Berndt Großer auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Magdeburg im Kulturraum, Kühleweinstraße 1, über das Thema Terrorismus – das Geschäft mit der Angst

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Prestigebauten der BRD symbolisieren deren Erblast

Zwei preußische Triumphbögen

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m Herzen Roms steht der größte der drei noch erhaltenen Triumphbögen im Gebiet um das Forum Romanum: der Konstantinsbogen. Kaiser Konstantin ließ ihn anläßlich seines Sieges in der Schlacht an der Milvischen Brücke (312 u. Z.) errichten. An diesen Bogen muß ich denken, wenn ich mir die Bauwerke und Monumente anschaue, mit denen sich heutige „Imperatoren“ der BRD für die Ewigkeit in das Antlitz unserer Städte brennen wollen. Ich denke dabei vor allem an zwei große Projekte bundesdeutscher „Staatsbaukunst“, die uns in Zukunft beim Spaziergang durch Berlin und Potsdam erfreuen sollen: das 1950 nach schweren Kriegszerstörungen abgetragene Schloß und die Garnisonkirche. Beide Vorhaben sagen viel über die geistige und kulturelle Beschaffenheit dieses Landes aus. Das Berliner Schloß war das Herz preußischen Großmachtgetues. Schon seine Entstehung ab 1443 kam gegen den Willen der Bürger zustande und führte zum „Berliner Unwillen“. Von hier wurden Kriege ausgelöst, wurde die Märzrevolution 1848 niedergeschlagen und der 1. Weltkrieg durch zwei Reden Wilhelms II. eingeläutet. Allerdings rief von seinem Balkon auch Karl Liebknecht 1918 – verfrüht – die sozialistische Republik aus. Zweifellos war das Schloß von künstlerischer und städtebaulicher Bedeutung, doch die Zerstörungen des 2. Weltkrieges hinterließen nur eine Ruine, und die junge DDR hatte wohl weitaus andere Sorgen als den Wiederauf bau dieses ausgebrannten Kolosses im Herzen Berlins. Auch die Potsdamer Garnisonkirche ist ein Symbol des preußisch-deutschen Imperialismus. An kaum einem anderen Ort wurde der Tod auf dem Schlachtfeld und der Krieg, den Hindenburg als „Badekur“ empfand, so verherrlicht wie dort. Sie bekam ihm so gut, daß er 1933 einen neuen „Bademeister“ ernannte. In der Garnisonkirche reichte er dem Garanten für millionenfaches Morden die Hand, und Hitler hielt, was er versprach – nur nicht mit dem prophezeiten Ausgang. Der Krieg kehrte zur Garnisonkirche zurück, und alle in ihr ausgestellten Fahnen und Siegestrophäen verbrannten mit ihr. 1968 wurde die Ruine gesprengt. Nun soll hier wieder „Treu und Redlichkeit“ verkündet werden, womit wohl gemeint ist, ohne nachzudenken in neue Schlachten zu ziehen. Peinlicherweise wollen sich aber Siegestrophäen aus Afghanistan und von anderswo nicht einstellen. Um es deutlich zu sagen: Ich bin gegen das Schleifen von Bauwerken, nur weil sie durch Handlungen von Personen belastet sind. Das Kolosseum nahe dem

Konstantinsbogen sah Ströme von Blut – doch wird es wohl kaum jemand missen wollen. Die Sprengung des Berliner Schlosses und der Garnisonkirche war aus meiner persönlichen Sicht kunsthistorisch falsch. Bauwerke sind Zeugnisse der Geschichte, und diese besteht nicht nur aus glanzvollen Augenblicken. Stätten dieser Art zeigen uns Höhen und Tiefen. Sie sind steingewordenes Gedächtnis. Denen allerdings, die heute die DDR wegen des Abrisses des Berliner Schlosses verurteilen, sei gesagt, daß das erst recht für jene gilt, welche Paläste des Volkes abreißen lassen. Doch das nur am Rande. Wenn die in der BR D Herrschenden gerade die beiden genannten Projekte verwirklichen wollen, dann ist das nicht nur ein umstrittenes Thema bei Denkmalpflegern und Stadtplanern. Es sagt viel über den alten Ungeist dieser neuen Bauherren aus, die wieder den Tod fürs Vaterland glorifizieren. Abermals werden wir von selbstgefälligen Potentaten regiert, die wohl meinen, man könne nur in barocker Kulisse wirklichen Glanz ausstrahlen. Dabei stört es sie nicht, daß man in der Bevölkerung mehrheitlich kein Verständnis für solche kostspieligen Prestigeobjekte aufbringt. 61 Prozent der Berliner sind nach einer Forsa-Umfrage gegen den Schloßbau, doch wie schon 14 43 wird deren Wille ignoriert. Leider aber gibt es keinen neuen Berliner Unwillen! In Potsdam sieht es ähnlich aus. Die wieder an den Futtertrögen der Macht sitzenden kirchlichen Würdenträger, die für den Wiederaufbau optieren, kommen nicht auf die Idee, sich die aus meiner Sicht für einen Christen naheliegendste Frage zu stellen: Würde sich der Jesus Christus der Bergpredigt in einer solchen Kirche wohl fühlen? Megalomanie nimmt fundamentale Tatsachen und Fragen aus luftiger Höhe nur noch als Bodensatz wahr. Kunsthistoriker meinen mit Blick auf den Konstantinsbogen in der Stadt am Tiber, daß sich hier künstlerisch der Niedergang des alten Römischen Reiches manifestiert habe. Es war einfach nicht mehr dazu imstande, große Monumente der Kunst zu erschaffen. Die Zeit siegreicher Schlachten und Triumphzüge war vorbei. Die Tatsache, daß man diesen Triumphbogen aus Bruchstücken anderer Bauten erschuf, ist symbolhaft: Das alte Gesellschaftssystem mit seiner Religion und Staatsordnung befand sich im Absturz, und etwas Neues, das später als Byzantinisches Reich in die Geschichte eingehen sollte, war noch nicht vollendet. Auch hierzulande scheint es an eigener schöpferischer Kraft zu fehlen. So flüchtet man sich in Vergangenes. Es wird zur

Krücke, um auf ausgetretenen Wegen scheinbaren Ruhmes anderer Epochen humpelnd ans Ziel zu gelangen. Man möchte so gern im alten Glanz erstrahlen, hat aber selbst keine Strahlkraft mehr! Die Parallele zum Konstantinsbogen ist augenfällig. In allen Epochen waren die Herrschenden Auftraggeber großer Bauten. Die alte Ordnung der BRD aber ist zu eigener, überzeugender Schöpferkraft nicht mehr fähig. Der Schloßwiederauf bau und der Ruf nach der Garnisonkirche verdeutlicht mir: Diese Gesellschaftsordnung ist im Niedergang begriffen! Selbst bei der Fülle eigener Bauten oder neuer Kunstwerke beschleicht einen das Gefühl seltsamer Leere. Das Regierungsviertel strahlt die Vorstellungen eines „großen Oggersheimers“ von Repräsentation aus. Und an Flughäfen und Philharmonien sollten sich unsere „Eliten“ doch lieber gar nicht erst heranwagen! Selbst ein Ort der Mahnung wie das HolocaustDenkmal wirkt da nicht überzeugend. Es fehlt an der Aufrichtigkeit des Beweggrundes. Und plötzlich wird mir klar, warum so viele Monumente unserer Republik der Arbeiter und Bauern vernichtet worden sind: Sie zeugten von Wahrhaftigkeit! Der Palast der Republik wäre immer ein Stachel im Fleisch der temporären Sieger geblieben! Kapitalisten bauen keine Paläste für das Volk! Unsere Bücher mußten millionenfach vernichtet werden, denn der Bourgeois hätte deren Inhalt ohnehin nicht begriffen und fürchtete sich vor ihnen wie der Teufel vor dem Weihwasser. Denkmäler, die den Frieden priesen, mußten zerstört werden, war doch die Friedensliebe der DDR ernst gemeint! Und auc h d ie Monu me nt e der von Nazis m itgeg r ü ndeten BR D fü r d ie Opfer faschistischer Verbrechen zeugen von Heuchelei. Sie können neben den Buchenwalder Fig urengr uppen Fritz Cremers nicht bestehen, weil die DDR w irk lich a ntifaschistisch war. Was der BRD bleibt, ist die Flucht in betonierte Häßlichkeit und pseudobedeutungsschweren, künstlerisch aber bedeutungslosen Sy mbolkitsch, wie die Entwürfe für das „Einheitsdenkmal“ beweisen. Oder eben in symbolbelastete Schlösser und Kirchen. Ulrich Guhl  Am 19. September um 16.30 Uhr spricht Gustav-Adolf Schur auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Güstrow im „Bürgerhaus“, Sonnenplatz 1, über Aktuelle Aspekte des Sports

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Aus Eddas Blickwinkel: Der verschandelte Alex

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u kannst dir nicht vorstellen, wie sich der Berliner Alexanderplatz in fünfzig Jahren verändert hat! Aufgeregt und frierend warteten wir kurz nach Mitternacht auf dem Rostocker Hauptbahnhof, um nach Berlin zu fahren. Wir – das waren die Schüler einer elften Klasse. Nach stundenlanger Fahrt kamen wir in Lichtenberg an und quetschten uns dort in die volle S-Bahn. Vom Berliner Tempo wußten wir nichts. So war es kein Wunder, daß einige Schüler auf dem Bahnsteig stehenblieben. Der Alexanderplatz war eine öde Fläche, die Trümmerfrauen hatten ihn gerade erst vom Kriegsschutt befreit, nur an das beschädigte Alexander- und das Berolinahaus erinnere ich mich, auch an endlose Wege, die zu bewältigen waren. Wir sahen uns die Neubauten der Stalinallee an, besuchten das Museum für Deutsche Geschichte und den Berliner Weihnachtsmarkt. Ich staunte über die erste Leuchtreklame meines Lebens, verdrückte gierig eine lebensmittelmarkenfreie Riesendampfwurst und fuhr mit dem Kettenkarussell. Zuletzt wurde ich, inzwischen waren wir fast vierundzwanzig Stunden unterwegs, von zwei Klassenkameraden untergehakt und vorwärtsgeschleift, weil ich im Gehen vor Erschöpfung fast einschlief. Meine zweite Begegnung mit Berlin hatte ich im August 1961. Wegen der gerade erfolgten Grenzschließung durften wir auf der Fahrt nach Polen den Ostbahnhof nicht verlassen und sahen den Alex nur vom fahrenden Zug aus. Keine wesentlichen Veränderungen! Als ich vier Jahre später nach Berlin zog, war der erste Neubau am Alexanderplatz, das Haus des Lehrers, gerade fertig geworden und strahlte mit seiner Womacka„Bauchbinde“ in die Runde. Ich aber schlug mich mit der etwas schnoddrigen Art der Berliner herum. Ein halbes Jahr lang dachte ich, hier bleibst du nicht! Besonders einige kesse Schüler waren mir eine Plage. Dann aber gewöhnte ich mich an ihre vorwitzige Art und hatte gewonnen, als es mir gelang, allzu dreiste Redner mit frechen Sprüchen zu verblüffen. Der Alex aber entwickelte sich zum zentralen Platz der Stadt, kreuzungsfrei und mit Anbindungen an die wichtigsten Straßenachsen in alle Himmelsrichtungen, gesäumt vom Kuppelbau der Kongreßhalle, dem Haus des Reisens und dem Fernsehturm. Wie eine riesige Schnecke mutete von dort oben der freie Platz mit seinen Gehplatten, der Rundbank und dem Brunnen der Völkerfreundschaft an. Wie die Weltzeituhr war er ein beliebter Treffpunkt für Berliner und Auswärtige. Einmal wartete ich dort allerdings vergebens auf meinen Mann, während der wütend auf der anderen Seite des S-Bahnhofs am Neptunbrunnen stand. Wer hatte bei der Verabredung nicht richtig zugehört?

Während der Weltfestspiele 1973 schob ich Auf dem heutigen Alex mästet sich das den neugeborenen Sohn im Kinderwagen Geld in häßlichen Konsumpalästen. Mühüber den Alex. Der Platz war ein blaues, sam suchen die Touristen nach bekannwogendes, singendes Meer. FDJler über- ten Motiven, doch immer wieder versperrt ihnen ein anderer Betonklotz gieriger Investoren die Sicht. Den weiten schönen Platz von einst gibt es nicht mehr. Straßenbahnen schieben sich langsam über das Areal, Menschen hasten achtlos aneinander vorüber, gehen ihren Geschäften nach, Bettler belagern die Ecken, Drogen wechseln den Besitzer, Obdachlose bevölkern mit ihren Hunden die Unterführungen, Taschendiebe und Hütchenspieler ergaunern sich ihr Stück vom Kuchen. Trübe Aussichten! Ein trauriger Anblick! Indes: Die Kongreßhalle existiert immer noch. Sie steht sogar unter Denkmalschutz. Den Betreibern ist es gelungen, sie zu modernisieren, ohne daß sie dabei ihren Charakter verloren hat. Die bunten Mosaikfenster der Lichthöfe in dem zu Konferenzräumen umgebauten Kellergeschoß erinnern mich nicht mehr an jenen Lagerraum, in dem unsere Chorkleidung einst aufbewahrt wurde, aber an zahlreiche erfolgreiche Auftritte des Lehrerensembles jener Tage. Wir sind noch da und unser schönes vertrautes Haus am Alex auch! Edda Winkel

Grafik: Gertrud Zucker

all und dazwischen lachende Menschen aus aller Welt, viele in Nationaltracht. Die Chilenen beeindruckten mich besonders. Sie erfüllte Hoffnung, weil in ihrem Land Allendes Sozialisten durch Wahlen ans Ruder gekommen waren. Victor Jaras Siegeslied „Venceremos“ hing über dem Platz, erklang immer wieder! Vier Wochen dauerte die Rückreise der Chilenen mit dem Schiff. Doch am 11. September fand in Santiago ein faschistischer Militärputsch statt. Die Heimkehrenden wurden sofort abgefangen, in Stadien zusammengetrieben, gefoltert und viele von ihnen getötet. Wir weinten, als wir die Kunde vom schrecklichen Ende Victor Jaras erhielten. Am 4. November 1989 war ich mit mehr als einer halben Million Menschen wieder auf dem Alex. Ostberliner Kulturschaffende hatten zu einer Kundgebung „für Reformen und Demokratie, für unser Land“ aufgerufen. Unter den vielen Rednern sah man Christa Wolf, Stefan Heym, Markus Wolf, Friedrich Schorlemmer, Gregor Gysi. Was wir indes nicht ahnten: Wir bekamen nichts für unser, wir bekamen ein anderes Land, nicht Reformen, sondern „Begrüßungsgeld“. Wir erlebten nicht Demokratie, sondern wurden einfach abgewickelt. Im „Rechtsstaat“ gelandet, kannst du dein Recht einklagen, allerdings mußt du gut bei Kasse sein.

Wir Deutschen Wir Deutschen haben viel Verschleiß mit Präsidenten, wie man weiß. Die Maulwurfpresse gräbt ein Grab, wir Deutschen brechen gern den Stab. Wir Deutschen lesen Spiegel, Bild, wir bilden uns damit extrem. Wir plappern nach, was gerade gilt, wir leben damit angenehm. Wir kriegen Vorgekautes nur, in Scheibchen, jeden Tag ein Stück. Verdummung hin zur Denkzensur, wir merken’s nicht, was für ein Glück! Wir Deutschen denken positiv, damit nach außen alles stimmt. Wir atmen bürgerlichen Mief, der uns den Blick fürs Ganze nimmt. Wir Deutschen legen großen Wert auf Anstand, Ehrlichkeit, Moral. Grundlegend ist das nicht verkehrt, doch, was dann kommt, ist zweite Wahl. Wir lassen uns vergauckeln jetzt, und vorgegaukelt wird uns viel, die Politik ist eng vernetzt mit Wirtschaft. Lobbyistenspiel! Brunhild Hauschild

RotFuchs / September 2013

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Wie die Geheimnisse der Imperialisten verpfiffen wurden

Die Großtat der „Whistleblower“

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ber die Motive und die ideologische Position der „Whistleblower“, wie man inzwischen nicht mehr nur im englischsprachigen Raum Leute bezeichnet, die besonders streng gehütete Geheimnisse „verpfeifen“, wissen wir so gut wie nichts. Doch das ist eigentlich auch nebensächlich. Vermutlich dürfte keiner aus dem Trio der auf solche Weise zu weltweiter Prominenz Gelangten – es handelt sich um den Australier Julian Assange und die beiden US-Bürger Bradley Manning und Edward Snowden – in die politische oder weltanschauliche Nähe von Kommunisten oder Sozialisten zu rücken sein, auch wenn sie von ihren Anklägern des „Geheimnisverrats gegenüber dem Feind“ bezichtigt werden. Dieser imaginäre Gegner sind ganz offensichtlich die internationale demokratische Öffentlichkeit und die friedliebenden Menschen in aller Welt. Die „Whistleblower“ haben deren Feinde auf bisher einmalige Weise bloßgestellt. Das aber ist objektiv als eine antiimperialistische Großtat zu werten. Deshalb handelt es sich bei jenen, welche die Karten der Kriegstreiber und Kriegsverursacher aufdecken, in der Tat um Friedenshelden, die unsere uneingeschränkte Sympathie und Solidarität verdienen. Der in Sydney erscheinende „Guardian“ – die sehr informative Wochenzeitung der KP Australiens, auf deren außenpolitische Berichte wir uns so manches Mal gestützt haben –, schilderte unlängst Einzelheiten zum Wirken der I nternet-Enthüllungsplattform WikiLeaks Julian Assanges, der inzwischen eine eigene Partei gegründet hat und für den Senat seines Landes kandidiert. Er hat bekanntlich schon vor mehr als einem Jahr in der Londoner Botschaft Ekuadors Zuflucht vor den Häschern der USAGeheimdienste suchen müssen. Seit i h r er Gr ü ndu ng i m Ja h r 20 07 beschä ftig t sich d ie I nter net-Plattfor m vor allem damit, die Wahrheit über K r iege, Morde, Folter und Verschleppung sowie dubiose Konzernaktivitäten, Korruption, Machtmißbrauch, Unterdrückung der Meinungsfreiheit und bestimmte Kulthandlungen oder Verschleierungsmanöver zu verbreiten. Als dann aber 2011 plötzlich Hunderttausende streng geheime Depeschen, Dossiers und Berichte des US-Außenministeriums, der Geheimdienste und des Pentagons weltweit publik gemacht wurden, löste das in Washington begreiflicherweise Schockwellen aus. Die Lügen der Lügner und die Wahrheit über von den Imperialisten bereits verübte oder geplante Verbrechen kamen schlagartig ans Tageslicht. US-General Michael Hayden, der nacheinander Direktor der NSA und der CIA war, erklärte in einem vom „Guardian“

auszugsweise nachgedruckten Inter- der massive Regierungskriminalität v iew für den Doku mentar fil m „ Die aufklären half, wird zum Kriminellen Geschichte von WikiLeaks“ unumwun- gestempelt. den: „Wir stehlen Geheimnisse. Wir steh- „Wie können wir nur derart durch Inforlen die Geheimnisse anderer Nationen. mationen darüber, was unsere GeheimMan kann das tun und dabei sehr lange dienste erkundet haben, bloßgestellt Erfolg haben.“ werden, daß man ganz offiziell davon Doch während man den „WikiLeaks“- sprechen muß, unsere nationale SicherGründer wegen der Preisgabe der Intim- heit sei ernsthaft beschädigt worden“, sphäre imperialistischer Staaten zum k lag te Na ncy Pelosi, d ie Fra ktionsFreiwild erklärt hat, sind die von Hayden führerin der Demokratischen Partei eingestandenen Verbrechen der Geheim- Obamas im US-Repräsentantenhaus. dienste Washingtons tabu. Und die Abgeordnete Loreta Sanchez „WikiLeaks“ erhält nicht wie diese eine bemerkte, man müsse davon ausgehen, vielstellige Milliardensumme, sondern daß die durch Snowden preisgegebenen bezeichnet sich als nichtprofitorientierte Geheimnisse „nur die Spitze eines EisMedienorganisation. „Unser Ziel ist es, bergs“ seien. wichtige Neuigkeiten und Informationen So ist „Whistleblower“ (von „to blow an den Mann zu bringen“, erklärte dessen the whistle“, in die Pfeife blasen) zu Mitarbeiter Nick Davis in dem erwähnten einer Vokabel geworden, die in WindesFilm. „Eine unserer wichtigsten Aktivi- eile auch den letzten Winkel der Erde täten besteht darin, Original-Quellen- erreicht hat und für die Blamage jener material einem breiten Publikum, aber steht, deren finstere Pläne „verpfiffen“ zugleich auch Historikern zugänglich zu worden sind. machen. Wir sind eine junge, sehr schnell RF, gestützt auf „The Guardian“, Sydney, und „Global Research“, Kanada gewachsene Einrichtung, die sich auf ein Netz dieser Sache ergebener Freiwilliger in der ganzen Welt stützen kann … Wir wollen, daß die Wahrheit herauskommt und Verbreitung findet.“ Robert Mannes sagte in dem Streifen über Assange: „Dieser ,Whistleblower‘ ist weder ein Freiheitsverfechter rechter Tendenz noch ein Standard-Linker. Ich halte ihn für einen humanitär eingestellten Anarchisten, einen Revolutionär vom Schlage John Lennons, der von einer besseren Welt träumt.“ Übrigens sind Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine wie die „New York Times“, „Der Spiegel“, der britische „Guardian Weekly“ und Australiens Fairfax-Medienimperium für ihren maßgeblichen Anteil an der Verbreitung von Geheimnissen, die „WikiLeaks“ preisgegeben hat, nie belangt worden, während die „Whistleblower“ als Frontsoldaten solider Information lebenslang hinter Gitter gebracht oder sogar physisch ausgeschaltet werden sollen. Der jetzt in Fort Meade (Maryland) abgeurteilte hochqualifizierte Computerspezialist Bradley Manning wurde von der US-Army an deren „Innereien“ herangelassen, ohne daß sie ahnen konnte, daß er sein Wissen auf spektakuläre Weise in die Kanäle von „WikiLeaks“ einspeisen würde. Eine couragierte Aktion im Dienste der Menschheit! Edward Snowden vervollständigt das Dreigespann derer, die Washington nicht grundlos als seine Todfeinde betrachtet. Auch der frühere NSA-Mitarbeiter deckte strategisch bedeutsame Karten im Spiel der Aggressoren auf. Obamas Generalstaatsanwalt sprach von „extremem Schaden“. Für wen? Auch hier gibt Denkzettel: Dieter Eckhardt es Verlierer und Gewinner. Ein Mann,

RotFuchs / September 2013

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Wird Syrien zu Obamas Irak?

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arack Obama – zweifellos ein kluger Mann – ist dennoch bei seinem dümmlich-bornierten Vorgänger George W. Bush in die Schule gegangen. Anders ausgedrückt: Erfand der eine Saddam Husseins dann niemals entdeckte „Massenvernichtungswaffen“, die als Vorwand für den Überfall der USA auf Irak dienten, dann will der andere plötzlich „Chemiewaffen“ bei der Armee des syrischen Präsidenten Assad entdeckt haben, was ein direktes Eingreifen der Vereinigten Staaten gegen Damaskus „moralisch“ rechtfertige. Obamas imaginäre „rote Linie“, die angeblich überschritten worden sei, ist in Wahrheit nichts anderes als eine Neuauflage der Lügenstory des schon jetzt als „Mr. Smallbrain“ in die Geschichte eingegangenen Präsidenten Bush. Vieles deutet darauf hin, daß Washington ein zweites Libyen ins Kalkül ziehen könnte, das sich ohne russisches Stoppschild wohl längst ereignet haben dürfte. Seit 2011 hat Obamas Pentagon den auf die Liquidierung eines unabhängigen und funktionsfähigen syrischen Staates hinwirkenden „Freiheitskämpfern“ Tausende Tonnen Handfeuerwaffen und Munition aller Typen geliefert. Die „New York Times“ lüftete jetzt ein bisher streng gehütetes Geheimnis: Sie gab preis, daß die CIA mit Hilfe Saudi-Arabiens und Katars eine ständige Nachschublinie für die syrischen „Regimegegner“ eingerichtet habe. Im Klartext heißt das: Zehntausende Menschen auf beiden Seiten – vor allem aber ins Kreuzfeuer geratene Zivilisten – hätten ohne Obamas Einmischung in einen vom Imperialismus angeheizten Bürgerkrieg nicht sterben müssen. Ihre massive Intervention bezeichnen die USA bis heute als „non-lethal aid (nicht tödliche Hilfe – RF) für oppositionelle Kräfte“. Wie einst bei der Auslösung des Überfalls auf Irak tragen die bürgerlichen Medien auch durch Verbreitung von Horrorgeschichten über Syrien, die in jeden Winkel der Erde gelangen, schamlos zur Verschärfung der Lage bei. So kolportierten sie Obamas Behauptung über Assads Chemiewaffeneinsatz, obwohl sich unabhängige Experten längst gegen die „Vermutungen“ des US-Präsidenten ausgesprochen hatten. Übrigens ist es Sache der UNO, einem solchen Verdacht gegen ein Mitgliedsland nachzugehen. Die nicht gerade als antiamerikanisch geltende UN-Topjuristin Carla del Ponte erklärte: „Den Beweisen zufolge, die wir gesammelt haben, setzen die Rebellen diese Waffen ein, wobei sie von Sarin Gebrauch machen.“ Auch der seit Jahren als UN-Generalsekretär amtierende ehemalige südkoreanische Außenminister Ban Ki Moon, der ebenfalls kaum unter den Gegnern der USA angesiedelt sein dürfte, nannte Obamas Option für direkte Waffenlieferungen an die vom Imperialismus erfundene

und installierte „Freie Syrische Armee“ eine „schlechte Idee“, die „wenig hilfreich“ sei. Doch wie George W. Bush brüskiert auch „Friedensnobelpreisträger“ Barack Obama weiterhin die Gremien der Vereinten Nationen. In Washington wurde schon sehr früh die Entscheidung getroffen, eine Handvoll reicher Emigranten in einer durch die USA offiziell anerkannten „Regierung Syriens“ zu versammeln und zugleich Druck auf die „NATO-Partner“ auszuüben, diese sinistre Kreation ebenfalls als „legitimes Kabinett“ zu betrachten. Zugleich sorgten die USA dafür, daß Syriens Nachbarstaaten Jordanien, Libanon und Türkei, welche mit Damaskus zuvor keinerlei ernste Differenzen gehabt hatten, ihre diplomatischen Beziehungen zum „Assad-Regime“ abbrachen. Sie taten das unter massivem Druck aus Übersee. Dieser Schritt trug zur weiteren Destabilisierung einer Region bei, die sich noch nicht von den schrecklichen Folgen des Irak-Krieges zu erholen vermocht hat. Obama gab die Parole „Assad muß fallen!“ – verbunden mit der Ankündigung unverhüllter eigener US-Nachschublieferungen an die „Rebellen“ – zu einem Zeitpunkt aus, in dem die syrische Armee die Lage in weiten Teilen des Landes militärisch unter Kontrolle zu bringen begann. Der frühere US-General Wesley Clark erläuterte in der „New York Times“ einige Gründe für Obamas „Brinkmanship“, wie man in den Vereinigten Staaten seit den Tagen des ber üchtigten Außenministers John Foster Dulles einen Kurs des Balancierens am Rande des Abgrunds bezeichnet. „Präsident Obamas Entscheidung, den Rebellen Handfeuerwaffen und

Munition zu liefern, ist möglicherweise nur der erste Schritt zu einer direkten amerikanischen Intervention … Wir bedienten uns einer ähnlichen Strategie 1999 gegen den serbischen Führer Slobodan Milosevic in Kosovo, wo ich damals die US-Streitkräfte befehligte, und zeigten, daß die NATO die Fähigkeit zur Eskalation besitzt.“ Obamas Vorschlag zur Einr ichtung einer längst angedachten Flugverbotszone über Syrien sei nur ein euphemistischer Ausdruck für einen Krieg ohne Einschränkungen, da solche Zonen erfahrungsgemäß die totale Vernichtung der gegnerischen Luftstreitkräfte, sämtlicher Boden-Luft-Raketen und anderer Teile der Infrastruktur des betroffenen Landes zur Voraussetzung hätten. In Libyen hatten die USA und andere NATO-Mächte die unter Bruch des Völkerrechts gegen Tripolis verhängte Flugverbotszone in kürzester Frist zu einem großen Krieg ausgeweitet, der im Sturz der Regierung Gaddafi mündete. Dieses „Modell“ scheint dem US-Präsidenten auch im Hinblick auf Syrien vor Augen zu schweben. Übrigens ist der arabische Staat wie die USA einer der 51 Gründer, welche am 26. Juni 1945 in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet haben. Deren Artikel 2 besagt: „Alle Mitglieder sollen sich in ihren internationalen Beziehungen der Drohung mit oder des Gebrauchs von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit irgendeines Staates … enthalten.“ RF, gestützt auf „The Guardian“, Sydney, und „Global Research“, Kanada

Ein weiteres Gleiwitz der USA

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ekanntlich ging dem am 1. September 1939 den 2. Weltkrieg auslösenden Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen eine ungeheuerliche Provokation unmittelbar voraus: der fingierte SS-Überfall unter Mißbrauch in polnische Uniformen gesteckter KZ-Häftlinge auf den „Reichssender Gleiwitz“. Nach dem zur „Rechtfertigung“ ihres Angriffs auf Nordvietnam inszenierten Zwischenfall im Golf von Tongking gab es ein weiteres „Gleiwitz“ der imperalistischen Hauptmacht: Am „Gleiwitz“ – USA, Foto des früheren US5. Februar 2003 präsentierte Bushs Außenministers Colin Powell Außenminister Colin Powell im UNSicherheitsrat einen „Beweis“ für Bagdads angeblich in großem Umfang betriebene Produktion bakteriologischer Massenvernichtungswaffen. Tatsächlich enthielt die von ihm vorgezeigte Ampulle nicht Sarin, sondern eine harmlose Milchlösung.

RF, gestützt auf „Initiative Communiste“, Paris

RotFuchs / September 2013

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Um was geht es in Brasilien?

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eh r als eine Million Brasilianer haben mit einem anfangs eher spontanen Protest gegen neue willkürliche Tariferhöhungen bei städtischen Verkehrsmitteln binnen Stunden eine Solidaritätswelle ohnegleichen ausgelöst. Diese geballte Kraft zeigte den das größte Land Lateinamerikas Regierenden ihre Grenzen auf. Was am 11. Juni in São Paulo begann, griff fast sofort auch auf Rio de Janeiro und nahezu alle anderen brasilianischen Großstädte über. Dazu hatte nicht zuletzt der äußerst brutale Polizeieinsatz gegen Demonstranten in São Paulo beigetragen. Deren Empörung besaß viele Facetten: Zunächst spielte auch die Verausgabung astronomischer Summen im Vorfeld der 2014 in Brasilien stattfindenden FußballWeltmeisterschaften bei anhaltender Drosselung der völlig unzureichenden Mittel für das Gesundheits- und Bildungswesen eine wichtige Rolle. Bald ging es jedoch um Themen aus dem Alltag des brasilianischen Kapitalismus, der sich nicht weniger rabiat als anderswo gebärdet. Zu den ins Zentrum rückenden Aspekten gehörte die grassierende Korruption, von der auch die regierende Partei der Arbeit (PT) nicht verschont ist. Zunächst bildeten Weiße mit Durchschnittseinkommen das Gros der Demonstranten – also Sektoren der Gesellschaft, welche nicht zu den eigentlichen Stützen der eher auf das Votum der Arbeiter und Menschen anderer Hautfarben orientierten

Regierung der Präsidentin Dilma Rousseff gehören. Es dauerte nur Stunden, bis sich die gesamte brasilianische Linke, darunter ihre beiden kommunistischen Parteien, PCB und PC do B, bei den Demonstranten einreihte. Am 21. Juni fand dann in São Paulo ein Treffen von 76 wichtigen, im weitetesten Sinne linksgerichteten Organisationen und Gewerkschaften statt, an dem sich außer den Kommunisten auch Rousseffs sozialdemokratische, aber sehr heterogene PT, die Zentrale Union der Werktätigen Brasiliens (CUT), der Nationale Studentenverband und die Brasilianische Sozialistische Partei beteiligten. Dort standen Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur Brasiliens – darunter auch Kernforderungen der Demonstranten – auf der Tagesordnung. Von der PCB wurde außer dem Verlangen, endlich eine Bodenreform in die Wege zu leiten und den Landhunger der Besitzlosen zu stillen, auch die Forderung geltend gemacht, ab sofort 10 % des brasilianischen BIP für Zwecke der Volksbildung einzusetzen. An dieser Stelle erscheint eine Charakterisierung Dilma Rousseffs angebracht. Bei der Präsidentin handelt es sich um eine frühere Guerillakämpferin gegen die im Frühjahr 1964 in Brasilien nach dem Sturz João Goularts von der CIA installierte faschistische Militärdiktatur. Sie war selbst längere Zeit inhaftiert und wurde gefoltert. 2010 zog Dilma als Nachfolgerin des

PT-Präsidenten Lula da Silva mit gesteigerter Stimmenzahl für die PT in das höchste Staatsamt Brasiliens ein. Vieles von dem, was sie sich vermutlich vorgenommen hatte, konnte indes nicht umgesetzt werden, zumal die in einander befehdende Flügel zerfallene PT weder in der 513 Sitze zählenden Abgeordnetenkammer noch im 81köpfigen Senat Brasiliens über eine eigene Stimmenmehrheit verfügt, so daß sie äußerst fragwürdige, einen konträren Kurs verfolgende Partner wie die antisozialistische PMDB mit ins Regierungsboot nehmen mußte. Auch der Oberbürgermeister von Rio de Janeiro zählt zu den politischen Gegnern der PT. Trotz dieser Machtverhältnisse sind in der Amtszeit Lulas und Dilmas mehr als 36 Millionen von 200 Millionen Brasilianern im Rahmen des Programms „Bolsa“ (Familienetat) aus extremster Armut herausgeholt worden. Bis zu den jüngsten Protesten bescheinigten Meinungsumfragen der Präsidentin, daß sie gute Aussichten besitze, 2014 in ihrem Amt bestätigt zu werden. Nach wie vor verfügt sie über eine große Anhängerschaft. Nicht verschwiegen werden soll, daß auf den fahrenden Zug der gewaltigen Protestdemonstrationen sofort auch Brasiliens Rechte einschließlich faschistischer Organisationen aufgesprungen sind, was die Linkskräfte zu einem taktisch differenzierten Vorgehen veranlaßte. RF, gestützt auf „People’s World“, New York

Kubas „Libreta“: Rationierung oder Existenzsicherung?

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eit vielen Jahren spielt in Kuba die während der extrem harten Sonderperiode nach dem plötzlichen Wegbrechen der UdSSR und der sozialistischen Staatengemeinschaft Europas eingeführte „Libreta“ keine ger inge Rolle. Dabei handelt es sich nicht, wie im Westen behauptet wird, um eine staatliche Rationierungsmaßnahme, sondern um eine landesspezifische Form elementarer Existenzsicherung. Jede Familie erhält am Beginn eines Monats ein als Libreta bezeichnetes Heft zum extrem verbilligten Bezug einer bestimmten Menge von Grundnahrungsmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs. Dabei können auf Diät angewiesene Personen während der Gesamtdauer ihrer Erkrankung spezielle Lebensmittel per Libreta erhalten. Während eine Reihe von Artikeln im Laufe der Zeit aus dem Angebotsfächer herausgenommen wurde, blieb anderes

davon unberührt: So ist z. B. das kleine Rundbrot, welches zur täglichen Kost aller Kubaner gehört, weiterhin auf Libreta erhältlich – ein Stück pro Tag und Person für nur 0,05 Peso. Im Handel kostet es das Zwanzigfache davon – 1 Peso. Für den monatlichen Wasserverbrauch zahlt jeder Libreta-Inhaber ebenfalls

einen Peso. Auf das zum kubanischen Alltag gehörende Heftchen werden für einen symbolischen P reis pro Person a bgegeben: 6 P fu nd Reis, 3 P fu nd Wei ßzucker, 2 Pfund Rohzucker, ein Viertelliter Öl, ein halbes Pfund schwarze Bohnen, ein Liter Milch für Kinder bis zu sieben Jahren, 1 Liter Sojagetränk für 7- bis 13jährige. Jede Familie erhält alle zwei Monate ein 500-Gramm-Paket Salz. Hinzu kommen bestimmte M e n ge n Hü h n e r f le i sc h u nd Hackfleisch für Kinder zwischen 7 und 13 sowie 10 Eier. Sämtliche erwähnten Nahrungsgüter sind auch zum vielfach höheren Normalpreis erhältlich. Zu den Errungenschaften der letzten Jahre gehört ein reichhaltiges Obst- und Gemüse-Angebot auf überall eingerichteten Produzentenmärkten. RF, gestützt auf „Initiative Communiste“, Paris

RotFuchs / September 2013

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Politisches Vakuum im Lande Gramscis, Togliattis und Berlinguers

Italien ohne IKP

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weifellos gibt es in Italien nach wie Neues zu konstruieren“, sagte Luciana USA. Sie sei niemals eine wirkliche Partei vor dem Klassenkampf und der kom- Castellina. „Uns ging es um einen Natio- gewesen, besitze keine eigene Identität, munistischen Sache Treugebliebene, die nalstaat, an dem das Volk tatsächlich von Einheit der Reihen ganz zu schwiedas Vermächtnis solcher Pioniere der revo- teilhaben konnte.“ In jenen ersten Jahr- gen. Auch in der Rifundazione habe es lutionären Arbeiterbewegung wie Anto- zehnten nach der Mussolini-Diktatur sei Spaltungen gegeben. nio Gramsci und Palmiro Togliatti, aber die Politisierung der Italiener äußerst Auf die Frage, warum sich die IKP in der auch Berlinguers in Ehren halten. Nur ein stark gewesen. Als die Partei dann am italienischen Gesellschaft nicht dauerkleiner Teil von ihnen ist organisiert. haft habe etablieren können, erwiDoch die einst international Maßstäbe derte Luciana Castellina: „In unserem setzende IKP wurde seit den 70er JahLand wurde das historische Gedächtren immer stärker von reformistischen nis geradezu ausgelöscht. Es wird Kräften, die sich unter dem Banner des alles getan, um die großen Heraus„Eurokommunismus“ versammelt hatforderungen des 20. Jahrhunderts in ten, zum Verlassen ihres ursprüngliVergessenheit geraten zu lassen.“ chen Kurses gedrängt. Die Übertragung der reichen ErfahNach dem Zusammenbruch der UdSSR rungen früherer Generationen auf und der sozialistischen Staaten EuroJüngere und Heranwachsende sei bispas zunächst noch existent und angebher nicht von Erfolg gekrönt worden. lich nur neu etikettiert, verschwand So hätten Meinungsumfragen ergedie IKP schon wenig später gänzlich ben, daß viele junge Italiener glaubvon der politischen Bildfläche Italiens. ten, die IKP habe das Land 40 Jahre Die ihr folgende Demokratische Partei lang regiert und dann abtreten müsoperierte bereits auf der Basis einer sen. Sie sei von ihrem Enkel gefragt offen zur Sozialdemokratie tendierenworden, ob sie wirklich der IKP angeden Ideologie, um später gänzlich die hört habe. Als sie bejahte, habe er fast Seiten zu wechseln und sich der Poliangenommen, sie sei Teil einer Mörtik des NATO- und EU-Staates Italien derbande gewesen. anzupassen. Dessen oberster RepräTatsächlich habe sich die IKP zwar sentant gehört zu jenen, welche schon immer als eine führende Kraft der längst „alles vergessen“ haben: Staatsitalienischen Gesellschaft erwiesen, präsident Giorgio Napolitano war einst sich aber niemals am Ruder des StaaMitglied des IKP-Politbüros und galt tes befunden. Italiens heutige linke „politische als Symbolgestalt der Parteirechten. Unlängst brachte „L’Humanité DimanKultur“ werde von Auffassungen des che“ ein Interview mit einer historiNeo-Anarchismus beherrscht, sagte schen Gestalt der alten IKP: Luciana Warten auf Silvio Berlusconi Luciana Castellina. Wirkliche ParKarikatur: Gerhard Haderer Castellina war Mitbegründerin der  teien des linken Spektrums hätten es Zeitung „Il Manifesto“. Zwei Jahrschwer, dagegen anzukämpfen. Als zehnte lang gehörte sie Italiens Parlament Beginn der 90er Jahre plötzlich nicht großer Gewinner habe sich groteskerund zeitweilig auch dem Europaparlament mehr existierte, habe das ein enormes weise ein Mann wie Beppo Grillo erwiean. Jetzt ist die 84jährige als Literatin Vakuum entstehen lassen. In dieses seien sen. Dieser verkörpere den sogenannten hervorgetreten. dann auch die Kräfte um Berlusconi hin- antipolitischen Protest, der sich pau„Die Auflösung der IKP ließ eine große eingestoßen. schal gegen Parteien, Gewerkschaften Leere entstehen. Das bescherte meiner Die Linke existiere natürlich in Italien und Institutionen richte. In dieser zutiefst Generation eine bittere Erfahrung, war auch weiterhin, doch der Untergang der politischen „Entpolitisierung“ liege derdoch die IKP für uns weit mehr als eine IKP mit ihren rund zwei Millionen Mit- zeit eine der größten Gefahren. Durch Partei. Übrigens wurde von mir unlängst gliedern und einem Wähleranteil von bis sie werde jenes Klima geschaffen, in dem ein Buch unter dem Titel ,Die Entdeckung zu 30 Prozent sei ein Vorgang von enor- Berlusconi und die Rechtsextremen freie der Welt’ veröffentlicht. Das Instrument mer Tragweite gewesen. „Dieses wich- Bahn erhielten. tige nationale Netz der Linkskräfte brach Glücklicherweise gebe es in Italien aber dazu war für mich die IKP. Meine Nostalgie ist indes nicht nur poli- über Nacht weg. In den ersten Jahren auch immer mehr erfolgreich verlaufende tischer, sondern auch kultureller Natur“, nach diesem Debakel seien 800 000 Par- Kämpfe und Kampagnen. Zu erwähnen sei erklärte Luciana Castellina. Ihr erstes teimitglieder im Nirwana verschwunden. hier der Widerstand gegen die PrivatisieEngagement für die Partei sei übrigens Viele hätten sich einfach verlassen und rung des Wassers, wobei leider festgedie Teilnahme an einer von Kommunisten verraten gefühlt. Die Partei der Kommu- stellt werden müsse, daß die politischen ausgerichteten Konferenz zum Kubismus nistischen Neugründung (Rifundazione) Parteien in dieser Frage einmal mehr völgewesen. Sie habe sich über die Beschäf- habe nur einen Bruchteil der Genossen lige Abstinenz an den Tag gelegt hätten. tigung mit Themen der Kultur dem Kom- auffangen können. Ihre ersten Erfolge „In Italien finden Streiks und heftige munismus genähert. Durch Gemälde wie seien wohl eher begrenzter Natur gewe- soziale Auseinandersetzungen statt, was Pablo Picassos „Guernica“ sei sie tiefer in sen. zuletzt die grandiose Aktion der Metalldie Problematik des Krieges eingedrungen Der den Kommunisten Italiens mit der arbeiter am 18. Mai bewiesen hat“, sagte und habe auf diese Weise den Heroismus Liquidierung der IKP versetzte Schlag Luciana Castellina. Dennoch lasse sich des Widerstandes und dessen grandiose wirke bis heute nach. eine in den Massen verwurzelte Partei Schlachten stärker verinnerlicht. Was die überwiegend von abtrünnig wie die IKP dadurch nicht ersetzen. Die „Nach dem Sieg über den Faschismus gewordenen und angepaßten einstigen Aktionen seien aber ein Grund zur Hoffhatte die IKP als Motor des Partisanen- IK P-Mitgliedern ins Leben gerufene nung. kampfes und des Neubeginns in Italien Demokratische Partei betreffe, so folge sie RF, gestützt auf „L’Humanité Dimanche“, Paris nichts zu rekonstruieren, aber sehr viel dem Modell der Democratic Party in den

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Französische Marxisten: Brüssel erdrosselt die nationale Souveränität der EU-Staaten

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n ihrer Ausgabe Nr. 24 veröffentlichte der Völker Europas ein für allemal aus- revolutionären Arbeiterbewegung – als „ÉtincelleS“ (auf deutsch: Die Funken) – zulöschen. auch Frankreichs nationale Quellen Rousdas theoretische Organ des Pols der Kom- Die derzeitige FKP-Führung und die Euro- seau, Babeuf, die Pariser Commune und munistischen Wiedergeburt in Frankreich päische Linkspartei verhielten sich in das Programm des Nationalrats der Rési(PCRF) – bemerkenswerte Beiträge zu stance wieder zu entdecken. Niemand einem wichtigen Thema. Jean-Pierre könne Vaillant-Couturier des NationaHemmen, dem politischen Direktor lismus bezichtigen, weil er einst die dieser Publikation, geht es um die Parole „Wir bleiben Frankreich!“ ausFrage, wie es sich im Europa der Monogegeben habe. Nicht anders verhalte pole mit der Volkssouveränität und der es sich mit der berühmten Äußerung nationalen Souveränität verhält. Beide des langjährigen FKP-Generalsekrebilden nach Auffassung des marxistitärs Maurice Thorez, daß der Kampf schen Autors die Grundlage sozialer unter dem roten Banner der Partei Demokratie und sind „historisch nicht und der Tricolore ausgefochten wervoneinander zu trennen“. den müsse. Auch Frankreichs kom„Was versteht man eigentlich unter munistischer Dichter Louis Aragon Souveränität?“, fragt Hemmen. Eine habe mit Fug und Recht geschrieben, wirkliche Demokratie gehe von dem die Internationale sei die Fortsetzung Prinzip aus, daß sie ausschließlich der Marseillaise. auf dem Willen des Volkes beruhen In derselben Ausgabe von „ÉtincelleS“ müsse. Jean-Jacques Rousseau habe stellte ihr Autor Bidault fest: „Wenn diesen Begriff als absolute Gleichheit sich die Demokratie mit der EU und den aller Menschen definiert. Die Gesamtihr dienenden Regierungen schlecht heit der Bürger bilde das Volk, das verträgt – und es zeigen sich gewisse Anzeichen einer Faschisierung unseseine Souveränität konkret bestimmen müsse. Sie könne nicht an irgenrer Gesellschaften –, dann wäre die deine nationale oder internationale Behauptung dennoch übertrieben, wir Autorität, einzelne Menschen oder eine lebten bereits unter einem faschistiGruppe von Personen delegiert oder schen Regime. Die derzeitige EU sei diesen gegenüber aufgegeben werden. nicht der Faschismus, sondern ein NeoVerfassung und Gesetze seien demliberalismus mit immer ausgeprägtenach Ausdruck des Willens der Bürger. ren autoritären Zügen. Es handle sich Das allgemeine, direkte und geheime dabei vielleicht um keinen Unterschied Wahlrecht diene als ein Instrument, Plakat des PRCF: Das kapitalistische Europa zerfundamentaler Art, sondern eher um um diesem Willen Geltung zu verschaf- stört Frankreich und seine sozialen Errungenschaf- eine Differenz im Maß der Gewaltfen. Gewählte Repräsentanten hätten ten. Nein zu jeder europäischen Verfassung! anwendung, also um eine wichtige dem Rechnung zu tragen. Nuance. Die Risiken, daß es in der Hemmen stützt sich auf Rousseau und dieser Frage wie alle anderen. Die FKP EU tatsächlich zum Faschismus komme, stellt fest: „Aus dieser Theorie ergeben weigere sich, ihren Part im Kampf gegen erhöhten sich allerdings in dem Maße, in sich bestimmte praktische Konsequen- Brüssel zu übernehmen. Diese Entwick- dem extrem rechte und rassistische Kräfte zen. Jeder einzelne soll die reale Möglich- lung habe sich in der einst glorreichen Par- innerhalb einzelner Mitgliedsstaaten und keit erhalten, seinen Teil der Souveränität tei bereits seit ihrer ideologischen Wende dadurch in den Brüsseler Institutionen wahrzunehmen. Gewählte Abgeordnete in den 90er Jahren angedeutet. weiter an Boden gewännen. Dabei spiele müssen jederzeit abberufen werden der Antikommunismus wie eh und je können.“ Seit über einem Jahrhundert eine zentrale Rolle. sind diese Prinzipien in der Präambel Die Faschisierung im Europa der jeder Verfassung der Grande Nation Monopole zeichne sich seit Jahren ab, formell verankert. In Frankreichs bemerkt Bidault. Sie habe sich nicht 5. Republik – so Hemmen – seien sie zuletzt auch in der wiederholten Mißallerdings durch persönliche Macht achtung des Bevölkerungswillens – und autoritäres Gehabe mehr und der Volkssouveränität – gezeigt. Das mehr ausgehebelt worden. Man habe mehrheitlich ablehnende Votum bei die direkte durch eine sogenannte parden 2005 in Frankreich und den Nietizipative Demokratie ersetzt. Das Volk derlanden erfolgten Referenden über könne von seinen Souveränitätsrecheinen europäischen Verfassungsverten nur noch formell Gebrauch machen, trag sei einfach ignoriert worden. Statt sie aber nicht wirklich ausüben. dessen habe man den EU-Staaten den All das zeige sich am krassesten in der Lissabonner Vertrag aufgezwungen. sukzessiven Preisgabe der nationalen Nicht anders sei es zugegangen, als die Souveränität durch die Regierenden Iren im Juni 2008 nein sagten, worauf der EU-Länder. Die sogenannten euro- Kollaboration: Ob Sarkozy oder Hollande – Merkel sie im Oktober 2009 noch einmal zu päischen Institutionen seien erklär- kann’s mit jedem! den Urnen gerufen wurden, um nuntermaßen „supranational“. Zwischen mehr ihr Ja zu bekunden. ihnen und der nationalen Souveränität Um so mehr, liest man bei Hemmen, sei es Das Fazit Bidaults lautet: „Der Absolutisbestehe ein als Antagonismus bezeich- die Aufgabe standhaft gebliebener Kom- mus der EU zerstört jede Form nationaler neter unüberbrückbarer Gegensatz. Ihre munisten, sowohl den Marxismus-Leni- Souveränität.“ Aufgabe sei es, die nationale Souveränität nismus – die übergreifende Theorie der K. S., gestützt auf „ÉtincelleS“, Paris

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Ukrainische Nazis und ihre Wurzeln

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ach seinen erfolgreichen Publikatio- Weltkriegen Polen, Juden und Russen, aber Galizischen Waffen-Grenadier-Division nen „Schöne Grüße aus Pullach. Ope- auch Kommunisten in großer Zahl zum der SS und anderer Hiwi-Verbände dar, rationen des BND gegen die DDR“ (2000) Opfer. Dies wird in Wagners Buch anhand die an der Seite der Okkupanten gegen die und „Der Krieg deutscher Geheimdien- konkreter Beispiele belegt. Er stellt fest, Rote Armee und sowjetische Partisanen ste gegen den Osten seit 1917“ (2011), hat daß die OUN „nichts anderes als eine typi- kämpften sowie das Wüten der die ZivilOberstleutnant a.  D. bevölkerung terrorisierenden OUN-Milizen. Helmut Wagner, Spezialist der SpionageabAusführlich werwehr des MfS der DDR, den die Legenden um nun ein neues Buch vordie OUN (B) und die gelegt. „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA) Ausgangspunkt ist der Einzug von 37 Abgeenthüllt, die nach der ord neten der u lt ra„O r a ngenen Re volunationalistischen, tion“ in der Ukraine profaschistischen Parzur „Nationalen Befreitei „Swoboda“ in das ungsorganisation“ und „Befreiungsarmee“ hochzent ra le Pa rla ment der Ukraine Ende 2012. stilisiert wurden. DeI m Westen des Lanren Führer Bandera des mit Lwiw (Lwow) und Schuschewitsch dekorierte der seinerals Zentr um erhielt zeitige Kiewer Präsid ie se Gr uppie r u n g dent Juschtschenko sogar mehr Stimmen als jede andere Partei. sogar mit dem Titel B e s on d e r s s k a n d a„ Held der Uk r a i ne“. lös ist dabei, daß ihre Heute werden OUN und Erfolge nicht zuletzt Neonazis feiern im ukrainischen Lwiw die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS. UPA, „Politiker“ wie das Ergebnis von WahlBandera und Schuscheabsprachen der durch witsch oder die GaliPolitiker wie Medien der BRD und ande- sche Vertreterin der in den 20er Jahren in zische SS-Division von „Swoboda“ und rer westlicher Mächte als „demokratische Europa entstandenen nationalistischen ihrer Jugendorganisation als Vorbilder Opposition“ gefeierten Parteien Batkiw- Bewegungen mit faschistischer Grundaus- gefeiert. schtschina“ (Vaterland) der Ex-Mini- richtung“ gewesen sei. Hauptfeinde der UPA waren die Rote sterpräsidentin Julia Timoschenko und Noch vor dem 2. Weltkrieg kam es bereits A r mee u nd sow jetische Par tisanen. „Udar“ (Schlag) des Box-Champions Vitali zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Gegen die faschistische Wehrmacht und Klitschko mit den Ultrarechten sind. Nach militärischen Geheimdienst der Nazis und andere Einheiten der Nazis führte sie den Wahlen handeln diese Parteien nun der OUN, die im Vorfeld des Überfalls auf unter Beibehaltung dieser Orientierung im Parlament und auf der Straße in der Polen und in dessen Verlauf intensiviert erst dann begrenzte Kampfhandlungen Manier einer Oppositionskoalition. Über- wurde. Im Frühjahr 1938 schlossen der durch, als sich die Niederlage der deutdies haben sie mit Blick auf die nächsten Apparat von Admiral Canaris und die OUN schen Aggressoren abzeichnete und sich Präsidentenwahlen bereits einen von den einen schriftlich fixierten und von den auch jene Bevölkerungsteile in der WestParteivorsitzenden unterzeichneten Wahl- Vertretern beider Seiten unterzeichneten ukraine, die das Umfeld der UPA gebilPakt vereinbart. Pakt. Er sah u. a. die geheimdienstliche det hatten, gegen die Hitler-Faschisten Der Erfolg von „Swoboda“ wirft die Frage und militärische Ausbildung von Ange- wandten. Zugleich gab es aber auch weinach den Wurzeln des starken Einflusses hörigen der OUN sowie den Aufbau von terhin Absprachen mit diesen. So fanultranationalistischer, profaschistischer Diversionsgruppen aus deren Mitgliedern den seit Januar 1944 Verhandlungen der Kräfte in der Ukraine und besonders in vor. Diese wurden dann als Killerkomman- Führung von OUN (B) und UPA mit der deren westlichen Regionen auf. Diese rei- dos zu Massakern unter Intellektuellen Nazi-Abwehr, der Sicherheitspolizei und chen weit in die Geschichte zurück, vor und Juden eingesetzt. dem SD statt, die durch den Reichsführer allem aber in die Zeit nach dem 1. Welt- Im Ergebnis eines langandauernden Kon- SS Heinrich Himmler genehmigt worden krieg. Damals nahm der ukrainische flikts zwischen der Exil-OUN und der Lan- waren. Der UPA wurde u. a. die Lieferung Nationalismus einen steilen Aufschwung. desexekutive kam es 1940 zur Spaltung von Waffen, Munition und VerbandsmaDementsprechende Formationen bildeten dieser Organisation. Die Anhänger Ban- terial in Aussicht gestellt. sich heraus. Deren bedeutendste war die deras erklärten sich zur einzig legitimen Im Schlußteil seines auch andere Felder Organisation Ukrainischer Nationalisten Organisation Ukrainischer Nationalisten der Kollaboration mit den Hitlerfaschi(OUN). Sie konstituierte sich Anfang 1929 und nannten sich fortan OUN-B, wobei das sten in Europa berührenden Buches führt und strebte die Errichtung eines unab- B für Bandera stand. Die andere Grup- Helmut Wagner erschütternde Beispiele hängigen ukrainischen Staates an. Ein pierung bezeichnete sich nun als OUN-M dafür an, welche giftigen Blüten die in der absoluter Herrschaftsanspruch bildete (M für Melnyk). Die hitlerfaschistische Regierungszeit von „Orange“ ausgebrachte den Kern ihrer Ideologie. Alle anderen Abwehr nutzte beide Gruppen für ihre faschistische Saat und deren Pflege durch politischen Vorstellungen und Ziele soll- Ziele. „Swoboda“ hervorgebracht haben. ten als feindlich bekämpft werden. Indivi- Mit dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Willi Gerns, Bremen dueller Terror galt dabei als legitim. Das die Sowjetunion begann der blutigste Credo lautete: „Die Idee von Expansion, Abschnitt in der Geschichte des ukrai- Helmut Wagner, unter Mitarbeit von Frank Gewalt, Härte und fanatischem Kampf nischen Nationalismus. An zahlreichen Schumann: Rechte in der Rada – Über führt zur Nation. Dieses Interesse steht Beispielen stellt der Autor die Rolle der „Swoboda“, Nationalismus und KollaboOUN bei der Aufstellung der „Legion ration mit den Faschisten in der Ukraine über allem.“ Dem individuellen Terror der OUN fielen Ukrainischer Nationalisten“, der Mord- und in Europa, Verlag am Park in der edibereits in der Zeit zwischen den beiden banden „Nachtigall“ und „Roland“, der tion ost, Berlin 2013, 216 Seiten, 14,99 Euro

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Nachklänge der „Karpaten-Rhapsodie“ des ungarischen Autors Béla Illés

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er heiße Atem der Weltgeschichte war in den 30er Jahren besonders stark in der Karpato-Ukraine zu spüren, die nach dem Ersten Weltkrieg an die neu gegründete Tschechoslowakei angegliedert wurde. In diesem ärmsten Winkel Europas, der viele Jahrhunderte lang zu Ungarn gehörte und etwa eine Million Einwohner zählte, lebten zahlreiche Nationalitäten: Ruthenen (später in der Sowjetunion als KarpatoUkrainer bezeichnet), Magyaren, nahezu zwanzig Prozent Juden, Slowaken, Tschechen, Polen, Rumänen, „Zigeuner“ und auch Deutsche. Sie befehdeten sich auf Geheiß von Berlin, Budapest, Prag und Moskau. Die internationalen Konflikte spiegelten sich in diesem brodelnden Kessel wie das Meer in einem Tropfen. Aber nicht nur die nationalen Zwistigkeiten schürten die Feindschaft. Die soziale Ungerechtigkeit schrie geradezu zum Himmel. Darüber berichteten nicht nur Iwan Olbracht und F. C. Weiskopf, sondern auch Anna Seghers und Ludwig Renn. Als Repräsentant der Internationalen Arbeiterhilfe besuchte Renn 1932 die „Hungergebiete“ und berichtete darüber in erschütternden Zeugnissen. Da ich wie Béla Illés aus dieser Gegend stamme und mehrfach über meine alte Heimat in der Presse berichtet hatte, faßte ich den Plan, Ludwig Renn auf einer Reise durch die Karpato-Ukraine zu begleiten, damit er den vollzogenen Wandel bescheinigen möge. Er willigte ein und freute sich schon auf die geplante Reise. Leider vereitelte sein Tod dieses schöne Vorhaben. Natürlich habe ich das Wirken von Béla Illés aufmerksam verfolgt. Besonders lieb war mir die „Karpaten-Rhapsodie“ – sie erschien 1951 im Dietz-Verlag auf deutsch –, seine von revolutionärer Romantik durchdrungene Autobiographie. Darin spielen auch einige Verwandte von mir eine Rolle. Zum Beispiel Mihály Finczicky, der bis zu seinem Tode 1914 Bürgermeister von Ungvár, der Hauptstadt der KarpatoUkraine, war und in seiner Freizeit die großen Romane der russischen Literatur ins Ungarische übertrug. Er stammte aus Ruthenien und editierte eine Sammlung dortiger Volkslieder. Doch im wesentlichen geht es in diesem Roman um den Freiheitskampf der Magyaren 1848 unter der Führung des legendären Lajos Kossuth und um die Ungarische Räterepublik von 1919, die sich immerhin 133 Tage lang tapfer behauptet hat. Und es geht um die Unterdrückung der Minderheiten. Illés lebte und wirkte später in der Sowjetunion, wo er leitende Funktionen – unter anderem auch im Schriftstellerverband – bekleidete. Als Major der Roten Armee nahm er an der Befreiung Ungarns teil. Seine Liebe zum ungarischen Volk bekannte er in der ergreifenden Erzählung „Denn es ist ein gutes Volk“, in der

seine Mutter ihn mahnt, mit seinen vielgeprüften Landsleuten human umzugehen. An einem schönen Sommertag – es mag Mitte der 60er Jahre gewesen sein – wandelte ich Arm in Arm mit ihm auf Berlins historischer „Flaniermeile“ Unter den Linden. Er hatte gerade die Stelle in meiner „Geschichte der ungarischen Literatur“ gelesen, die sein Werk betrifft, und sparte nicht mit Lob. „Mein lieber Landsmann, Freund und Genosse“, sprach er zu mir, „so eine einfühlsame und verständnisvolle Würdigung meines Schaffens habe ich selten gelesen.“ Vielleicht war es folgende Passage, die ihn so beeindruckt hatte. „Alles, was er schreibt, hat er miterlebt und mitgestaltet. Daher der Zauber der Unmittelbarkeit, den seine Bücher ausstrahlen. Er vermag das Wesen unseres durchaus politischen Zeitalters so ins Allgemein-Menschliche zu übertragen, daß man die Sache, für die er mit der Feder und der Waffe streitet, als die beste in der Welt ansehen muß.“ Und es mochte ihm auch gefallen haben, daß ich ihn als Fortsetzer und würdigen Nachfolger der heiter-humorvollen Erzählweise von Kálmán Mikszáth hinstellte, dessen Romane, so „Sankt Peters Regenschirm“ (Rütten & Loening, 1959) auch in der DDR sehr beliebt waren. Natürlich unterhielten wir uns ausgiebig über unsere gemeinsame alte Heimat. Seit dieser Begegnung reifte bei mir allmählich der Gedanke heran, die „Rhapsodie“ fortzusetzen. Zehn Jahre lang schrieb ich an meiner romanhaften Autobiographie „Mit tausend Zungen – Beichte eines wechselvollen Lebens“, bis sie 1984 endlich erscheinen konnte. 2006 kam meine erweiterte Autobiographie „Wie die Jungfrau zum Stier wurde – Fluch und Segen eines Jahrhunderts“ heraus. Als „Jungfrau“ geboren, wurde ich später zum „Stier“, der die morsch gewordene Welt aufspießen und ändern will. Die Präsentation des Buches moderierte György Dalos, der Träger des Leipziger Buchpreises 2010. Er sprach u. a. davon, der Autor setze die besagte Traditionslinie von Mikszáth und Illés in der ungarischen Literatur fort, und empfahl, das Buch ins Ungarische zu übertragen. Als meine Vaterstadt Ungvár durch den Wiener Schiedsspruch 1938 zu Ungarn zurückkehrte, bekam ich mit dem halbfeudalen Ständestaat Horthys erhebliche Schwierigkeiten. Nach und nach geriet ich als Student, später als Gymnasiallehrer und Rekrut in Konflikt mit dem Unterrichtswesen und dem Militär, ja sogar mit der Kirche. Das Duell, das ich mit einem arroganten Adelssproß zu führen genötigt war, fand eigentlich symbolisch zwischen mir und dem Horthy-System statt. Nach der Befreiung fühlte ich mich wie einer, der aus der Wüste kam, um eine

Botschaft zu verkünden und eine Schicksalswende einzuleiten. Meinen Vortrag über „Dostojewski und die Russen“, den ich wenige Monate nach Kriegsende an einem bitterkalten Sonntagvormittag im Kulturbund hielt, nannte Dr. Heinz Reinherz, der die Veranstaltung leitete und als Jude das „tausendjährige Reich“ überlebt hatte, eine „Sonntagsandacht neuer Art“. Ich redete und redete, und es knurrten schon die hungrigen Mägen, aber keiner wollte gehen. Ich schloß mit den Worten: „Jetzt, da wir tief gefallen sind und am Boden liegen, jetzt, da wir schlimme Not an Leib und Seele erleiden, jetzt wissen wir es besser denn je, daß der Mensch nicht allein vom Brot lebt, gerade in einer Zeit, in der Brot am knappsten ist. Die Sieger gebärden sich durchaus im Geiste ihrer großen humanistischen Romanciers Dostojewski, Tolstoi und Gorki. Sie betrachten uns nicht als unterworfene und gedemütigte Verlierer, sondern als Befreite, die es zu erheben und aufzurichten gilt.“ Anfang der 50er Jahre, als die alte Welt, gegen die ich rebelliert hatte, allmählich zurückkehrte und sich etablierte, übersiedelte ich mit meiner Familie vom Gesundbrunnen in den Demokratischen Sektor, die Hauptstadt der DDR. Als notorischer Einzelgänger hatte ich später nicht wenige Konflikte mit Behörden auszutragen. Dennoch fühlte ich mich in der DDR zu Hause, wie das Bruni Steiniger in ihrer RF-Rezension einfühlsam erkannt hat. In vier Kulturen, der ungarischen, der tschechischen, der deutschen und der russischen groß geworden, bin ich bemüht, die Völker einander näherzubringen und den Humanismus mit neuen Inhalten zu füllen. Der Kapitalismus hat abgewirtschaftet, ist am Ende. Aber die „Rhapsodie“ von Béla Illés ist nicht verstummt, sie tönt fort und macht hoffen.  Almos Csóngar, Berlin

Unser in Berlin lebender ungarischer Autor – der namhafte Literat und Philosoph

Almos Csóngar begeht am 6. September seinen 93. Geburtstag. Ein kühner, eigenwilliger und ruheloser Geist, hat er an seiner Verbundenheit mit der revolutionären Arbeiterbewegung wie an seiner Nähe zu Marx nie zweifeln lassen. Wir sind froh und glücklich darüber, einen solchen Freund und Partner unserer Zeitschrift und des Fördervereins zu besitzen. Sei herzlich umarmt, lieber Almos!

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Max von der Grün über den Arbeiter-Alltag im Westen und eine Nazi-Provokation

„Flächenbrand“ im Ruhrgebiet

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n den 60er Jahren des vergangenen Stelle als Totengräber auf dem städtischen Nordsiedlung lassen. Doch der Deal mißJahrhunderts mischte Max von der Grün Friedhof. Sorgen macht ihm sein einziges lingt, weil Bahlke den Trumpf der von mit seinem Roman „Irrlicht und Feuer“ die Kind, die begabte Abiturientin Claudia. ihm korrumpierten SPD- Stadtverordneetablierte bürgerliche Literaturszene auf. Nach Ablehnung an der Musikhochschule ten ausspielt. Der schreibende Bergarbeiter hatte darin verschwindet das Mädchen angeblich ins So endet das Buch nicht mit einem Sieg die realen Lebensbedingungen der Kum- Ausland. Doch Lothars Frau Helen, Clau- über die neu erstarkende rechte Szene, aus pel ausgeleuchtet – und bekam es prompt dias Mutter, ahnt, daß etwas daran nicht deren Fängen Lothars Tochter Claudia mit wütenden Protesten und seiner frist- stimmt. Helen ist es auch, die als beamtete gerade noch mit knapper Not entkommen losen Entlassung aus der Zeche zu tun. Bibliothekarin in der Familie Steingruber ist, sondern mit einem Bild von ZerstöZugleich begründete dieses Buch rung. Wie Panzer im Krieg brechen die Räumfahrzeuge im frühen Morseinen internationalen Ruhm als Arbeiterschriftsteller. Auch die dragengrauen über die traditionsreiche matische Handlung seines Romans Nordsiedlung herein: „... sie knick„Flächenbrand“ aus dem Jahre 1979 ten Gartenzäune nieder wie Streichspielt im Arbeitermilieu des Stahlhölzer, entwurzelten Obstbäume, es und Kohlereviers. Höchste Aktualität dröhnte, knirschte und splitterte gewinnt „Flächenbrand“ jedoch vor vor uns. Und die Häuser stürzten allem durch die Dramatik um eine unter den schwingenden Eisenkusich bewaffnende neofaschistische geln zusammen. (...) Der Pfarrer hatte Organisation. Der Ich-Erzähler und recht: Das war Krieg. (...) Das war generalstabsmäßig geplant. Und es Romanheld Lothar und sein Freund Frank decken die Machenschaften ist ihnen auch gelungen, diese Aktion auf. Aber sie verlieren dabei: Der eine bis zur letzten Sekunde geheimzuhaldas Vertrauen in den Rechtsstaat und ten. (...) Warum? (...) Die Nordbau-AG beinahe seine Tochter, der andere hat wahrscheinlich befürchtet, daß den Kampf um den Erhalt der Nordim letzten Moment von irgendeiner Der Schriftsteller Max von der Grün im Dortmunder siedlung und seine Funktion als SPD- Arbeiterquartier Seite Widerstand kommen könnte.“ Foto: Jürgen Seidel Ortsvereinsvorsitzender. Widerstand leisten bildet den Kern Lothar Steingruber denkt nach, grüin Max von der Grüns Botschaft. belt über seine Entlassung bei einem Widerstand ist nötig, ob gegen NaziBauunternehmen sieben Monate zuvor für wirtschaftliche Sicherheit sorgt – und terrorzellen und deren Netzwerker in den und über seinen Rausschmiß aus der SPD. außerdem für ein waches Bildungsinter- Behörden oder in den etablierten, von LobDie zuständigen Parteiführer hatten ihm esse ihres Mannes durch solide Belesen- byisten durchdrungenen Verwaltungen sein Zusammengehen mit Kommunisten heit. Lothar leidet also weder unter Hunger und Gremien der „marktkonformen Demobei einer gewerkschaftlichen Protestak- noch an mangelndem Wohnraum oder am kratie“. Nicht allein deshalb ist der Roman tion verübelt. Fehlen geistiger Nahrung. Dennoch fühlt über die Dortmunder Lebenswirklichkeit An Lothars Wohnviertel, in dem Fachar- er sich zunehmend bedrückt: Arbeitslo- der 70er Jahre eine Empfehlung. Wie die beiter mit ihren Familien im bescheide- sigkeit ist ein hartes Los. Entwicklung der rechten Szene gerade nen Eigenheim leben und wo auch er sein Eindringlich schildert von der Grün die dort zeigt, hatte Max von der Grün mit Häuschen gebaut hat, grenzt die Nordsied- Gefühle eines Menschen, den die schein- „Flächenbrand“ schon vor über 35 Jahren lung. Sie soll abgerissen werden. Deren bar anonyme Macht des Arbeitsmarktes zu Recht eindringlich gewarnt. Bewohner sind sozial schlechter gestellt, unter die Überflüssigen aussondert. Marianne Walz  doch auch sie hängen an ihrem Zuhause. Lothars neuer Job an den letzten RuhestätGenerationen von Arbeiterfamilien waren ten der Verstorbenen bringt ihm Beschaudort verwurzelt. Frank stellt sich kraft lichkeit und melancholischen Rückzug. Bis Die RF-Initiativgruppe Falkensee und seiner örtlichen SPD-Führungsposition er eines Friedhofsarbeitstages im Inneren die KPF in der Partei Die Linke (Havelland) an die Spitze der Abrißgegner. Doch der einer steinernen Familiengruft ein Wafladen für den 19. September um 19 Uhr Bauunternehmer Bahlke verfügt über fenlager entdeckt. Er zieht Schlüsse aus alle Leser und Interessenten des RF in das weitreichende Verbindungen bis hinein verdächtigen Beobachtungen und inforBegegnungszentrum der Linken, Bahnhofin die Reihen der SPD-Stadtverordneten miert seinen älteren Kollegen Bühler, spästraße 74, zu einer Veranstaltung mit Dr. – und nutzt sie. Denn das hochprofitable ter auch den jungen Pfarrer, seinen Freund Klaus Blessing herzlich ein. Sein Thema Geschäft auf dem frei werdenden Bauge- Frank und andere Mitstreiter. Gemeinlände will sich Bahlke keinesfalls entge- sam planen sie eine gewagte, spektakuläre Die kapitalistische Systemkrise – hen lassen. Aktion. Ein aufsehenerregender DemonUrsachen, Widersprüche, PerspekVor diesem Handlungshintergrund entwic- strationszug durch die Dortmunder Innentiven kelt von der Grün einen zweiten Erzähl- stadt zwingt die Behörden zum Handeln strang: Lothar Steingruber, der arbeitslose und die Polizei zur Festnahme der führenMaurer, hat bei der Suche nach einer qua- den Terrorzellen-Mitglieder. lifikationsgerechten Stelle resigniert. Er Am Ende führt von der Grün die Erzählnimmt zunächst Bahlkes zweifelhafte linien zusammen. Der dubiose, krimiJob-Offerte an: Kraftfahrer-Dienstlei- neller Umtriebe überführte Neu- und stungen, über die er nicht sprechen und Altnazi-„Verein zur moralischen Erneuenichts dokumentieren darf. Als er jedoch rung Deutschlands“ brauchte die Waffen, entdeckt, daß die Kisten, die er transpor- die Bahlke beschaffte. Mit diesem Wistiert, illegale Waffenlieferungen sind, kün- sen will Frank den Unternehmer unter digt er bei Bahlke und übernimmt eine Druck setzen. Er soll die Finger von der

Am 28. September um 10 Uhr spricht Botschafter a. D. Heinz Langer auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Erfurt-Weimar in der Gaststätte „Dahlie“, Erfurt, Roßlauer Straße 2, über das Thema Hat der Sozialismus in Kuba eine Zukunft?

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Briefmarken offenbaren den Charakter eines Staates

Philatelistische Visitenkarte der DDR (4)

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ährend man sich im Staat des deutschen Monopolkapitals – neben gelegentlicher Herausgabe professionell gemachter Postwertzeichen auch zu verdienstvollen Persönlichkeiten und feiernswerten Anlässen – in philatelistischer Hinsicht während der gesamten Existenzdauer der „Alt“-BRD begreiflicherweise auf der eigenen Klasse Liebes und Vertrautes konzentrierte, ging die DDR völlig andere Wege. Ohne die Bürde einer staatlich tolerierten, aus öffentlichen Geldern finanzierten NPD und der ganzen Palette ähnlichen Gelichters stand die historisch orientierte und zugleich in der Gegenwart angesiedelte Editionsarbeit der DDR und ihres Postministeriums ohne Abstriche im Zeichen des proletarischen Internationalismus und des antifaschistischen Kampfes. Zu den schönsten Serien, die der sozialistische deutsche Staat herausbrachte, gehörten zweifellos die dem 50. Jahrestag der Matrosenbewegung und den Helden des Kieler Aufstandes der Blaujacken

wie der spartakistischen Volksmarinedivision gewidmeten Marken. Die 1967 erschienenen Postwertzeichen zeigen zwei von der kaiserlich-weißen Soldateska erschossene Märtyrer – Max Reichpietsch vor „seinem“ Großlinienschiff „Friedrich der Große“ und Albin Köbis vor der Silhouette des Großlinienschiffs „Prinzregent Leopold“ sowie einen Demonstrationszug roter Matrosen unter der Arbeiterfahne. Eine zweite Serie, die nicht nur bei DDRPh ilatelisten lebha fte Zust i m mu ng auslöste, war 1966 den Kämpfern der Inter nationalen Brigaden gewidmet, die nach dem durch Hitler und Mussolini inspirierten Putsch des Faschistengenerals Franco gegen die Spanische Republik ab 1936 in das überfallene Land jenseits der Pyrenäen strömten. Unter denen, die sich den durch Berlin und Rom personell wie materiell „großzügig unterstützten“ Franco-Horden mutig entgegenstellten und tausendfach ihr Leben opferten, befanden sich

ungezählte deutsche A ntifaschisten. Die Marken der Serie heben sechs von ihnen hervor: den Kommandeur der XI. Internationalen Brigade Hans Kahle, den Politkommissar und späteren Präsidenten des DDR-Schr iftsteller verbandes Willi Bredel, das vor Madrid gefallene bayerische Mitglied des Thälmannschen Politbüros der KPD Hans Beimler, den späteren Minister der DDR Heinrich Rau, den Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza und den durch die Faschisten ermordeten führenden KJVD-Funktionär Artur Becker, nach dem der sozialistische Jugendverband der DDR seine höchste Auszeichnung benannte. Mit der Ehrung dieser Widerstandshelden durch graphisch hervorragend gestaltete Postwertzeichen hat die Deutsche Demokratische Republik – der Staat des Antifaschismus auf deutschem Boden – zugleich auch allen anderen Kämpfern der Interbrigaden ein bleibendes Denkmal gesetzt. Rainer Albert, Zwickau

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Herbert Ziergiebel – ein Autor der wissenschaftlichen Phantastik

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m 25. September vor 25 Jahren verstarb in Berlin der Schriftsteller Herbert Ziergiebel nach kurzem schwerem Krebsleiden im Alter von 66 Jahren. Er wurde am 27. Juni 1922 im niedersächsischen Textilarbeiterzentrum Nordhorn geboren und war nach einer Schlosserlehre als technischer Zeichner tätig. Seinen Wunsch, Ingenieur zu werden, konnte er sich seinerzeit nicht erfüllen. Bereits in jungen Jahren beteiligte sich Ziergiebel aktiv am antifaschistischen Widerstandskampf, vor allem durch Verbreitung von Flugblättern. Einer drohenden Verhaftung im Jahre 1942 wegen des Auffindens illegaler Druckschriften in seiner Wohnung konnte er sich durch die Flucht entziehen. Er tauchte zunächst in Tirol unter, wurde aber im selben Jahr in Innsbruck von der Gestapo aufgespürt und ins KZ Dachau eingeliefert. Von dort flüchtete er unter abenteuerlichen Umständen kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner. In Dachau wurde Herbert Ziergiebel von deutschen und luxemburgischen Mithäftlingen in die Kommunistische Partei aufgenommen. Sein weiterer Weg führte ihn nicht zurück in die angestammte Heimat, sondern in die sowjetische Besatzungszone. An der Berliner Humboldt-Universität studierte er Philosophie und Geschichte. Anschließend war er für einige Jahre als Journalist, u. a. in Budapest, tätig. Ende 1956 wurde er von dort zurückgerufen. Neben seiner journalistischen Arbeit hatte Ziergiebel bereits Anfang der 50er Jahre erste literarische Werke – so die Hörspiele „Auf Wiedersehen, Gustav“ und „Kapitän Brown verliert seine Wette“ – verfaßt. 1956 erschien als Ergebnis einer Reportagereise in die Volksrepublik Albanien „Der letzte Schleier – Albanische Reisebilder“. Es war der erste und wohl auch letzte Reisebericht über das Land der Skipetaren, der in der DDR herauskam. Ziergiebels erster Roman „Rebellen“ um Ferdinand von Schill wurde bereits 1953 veröffentlicht. Eine ins Auge gefaßte Fortsetzung des historischen Stoffes konnte allerdings im Zusammenhang mit der damaligen Formalismus-Debatte nicht erscheinen. Man warf Herbert Ziergiebel vor, adlige Offiziere hätten ihm statt der Volksmassen als Helden gedient. Es folgten zeitgeschichtliche Romane und Erzählungen, wie „Das Gesicht mit der Narbe“ (1959 erschienen, dann 1962 von der DEFA unter dem Titel „Die letzte Chance“ mit Armin-Mueller-Stahl in der Hauptrolle verfilmt) und im selben Jahr „Satan hieß mich schweigen“, in denen er sich mit seiner Haftzeit im KZ, seiner Flucht und den Wirren danach

auseinandersetzte. Eine erste Skizze zu Jahren in Babylon mitgenommen hatten, „Das Gesicht mit der Narbe“ war bereits nun einen Partner benötigen könnte. Groß1955 als autobiographische Kurzgeschichte zügig setzen sie ihn und den Dackel aber unter dem Titel „Die Flucht aus der Hölle“ doch noch einmal zu Hause ab, damit er veröffentlicht worden. Sein fast vergesse- sich zwischen seiner Heimat einerseits ner Roman „Wenn es Tag wird“ (1963) ist und einer Existenz zwischen den Sternen andererseits entscheiden kann. Er optiert gegen das Abenteuer. Ab Mitte der 70er Jahre wurde es ruhiger um Herbert Ziergiebel. Im Schriftstellerverband hatte er sich gegen d ie Aussch lüsse von M itgliedern wegen deren Haltung zur Biermann-Ausbürgerung gewandt. Zugleich machten ihm aber auch ge su nd he it l ic he Folge n se i ne r KZ-Haft immer mehr zu schaffen. So veröffentlichte er nur noch die Science-Fiction-Erzählung „Die Experimente des Professors von Pulex“. Sie erschienen im Sammelband „Der Mann vom Anti“ und 1975 unter dem Titel „Vizedusa“, einer Zusammenstellung humoristischer Anekdoten. Allerdings erlebten seine beiden SF-Hauptwerke in der DDR und in Osteuropa etliche Nachauflagen. Ziergiebel zog sich seit dieser Zeit immer mehr auf sein Grundstück „Manik Maya“ in Spreeau bei Berlin zurück, das seinen Lesern als Startund Landeplatz von Raumschiffen aus den Romanen gut bekannt ist. Dort beschäftigte er sich viel mit Astronomie und verlegte sich mehr und mehr auch auf die Malerei. Dennoch sollten Probleme der Umwelt und der Zukunft der Menschheit Thema eines weiteren Romans werden. Dieser blieb aber, bereits auf mehrere hundert Seiten angewachsen, unter dem A rbeitstitel „ A m Tag, als der Laleb kam“ unvollendet. ein familienbiographisches Werk, das in Der antifaschistische Widerstandskämpder Zeit der Weimarer Republik handelt. fer Herbert Ziergiebel hat, bei aller von Ab Mitte der 60er Jahre wandte sich Zier- ihm offen geäußerten Kritik an manchen giebel der wissenschaftlich-phantasti- Vorgängen in seiner Wahlheimat DDR, den schen Literatur zu. 1966 erschien sein kommunistischen Idealen bis zum Lebensvielbeachteter Science-Fiction-Roman „Die ende die Treue gewahrt. Vielbeachtete andere Welt“, der – seiner Zeit weit vor- wissenschaftlich-phantastische Romane aus – die inneren Konflikte einer Raum- und Erzählungen aus seiner Feder zeugen schiffbesatzung schildert, welche durch davon. Siegfried R. Krebs, Weimar einen Unfall ins Weltall hinauskatapultiert wurde und mit der Tatsache ihres nahenden Todes zurechtkommen muß. Das Am 26. September um 19 Uhr Buch erlebte zahlreiche Nachauflagen und ist Dr. Klaus Blessing bei der wurde auch ins Tschechische und UngaRF-Regionalgruppe Bernau u. U. im rische übersetzt. Treffpunkt 23, Breitscheidstraße 43 a, zu 1972 folgte der Roman „Zeit der SternGast. In einer von Prof. Dr. Achim Seifert schnuppen“, worin Ziergiebel auf origimoderierten Veranstaltung spricht er über nelle und humorvolle Weise die Frage das Thema: nach Leben im Weltraum beantwortet. Der Held wird aus dem seinerzeitigen Hier Krisen, Lasten, Lügen – und Heute samt Dackel Waldi von Außerwelches Anpassungs- und Verändeirdischen aufgelesen, weil ihnen aufgefalrungspotential besitzt der heutige len ist, daß das kaum gealterte irdische Kapitalismus? Mädchen, das sie vor ein paar tausend

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Griff in die literarische Schatztruhe (11. Teil)

Einst erfolgreiche DDR-Autoren dem Vergessen entreißen

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udolf Leonhard kam am 27. Oktober 1889 in einem „gutbürgerlichen Hause“ zur Welt. Später studierte er Philologie und Jurisprudenz in Berlin und Göttingen. 1914 meldete er sich freiwillig an die Front. Leonhard verfaßte früh expressionistische Lyrik, die zum Teil in der Sammlung „Menschheitsdämmerung“ (1919) zu finden ist, so sein Gedicht „Der tote Liebknecht“. Das Grauen des Krieges öffnete ihm die Augen: „Es hat für mich wenigstens eines Weltkrieges bedurft, daß ich erkennen konnte, daß unsere Dichterträume gründlich falsch, gefährlich waren.“ Er protestierte öffentlich gegen das Morden, so daß man ihn vor das Kriegsgericht stellte. 1918 wurde Leonhards Schauspiel „Die Vorhölle“ als erstes deutsches Antikriegsstück aufgeführt. 1921 veröffentlichte er den Gedichtband „Spartakus-Sonette“. Sie stellten einen rhetorischen Appell an die Teilnehmer der Novemberrevolution dar. Sein zweites Schauspiel „Segel am Horizont“

(1925) hatte an der Berliner Volksbühne Erfolg und rückte ihn in die erste Reihe junger Dramatiker. 1927 übersiedelte Leonhard nach Paris, wo er sich leidenschaftlich gegen den aufkommenden deutschen Faschismus wandte. Er wurde Mitbegründer des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller im Exil“. Im Pyrenäenlager Le Vernet interniert, wo er zwischen 1939 und 1941 über 600 Gedichte schrieb, entfloh er von dort auf abenteuerliche Weise und lebte fortan im französischen Untergrund. 1944 kehrte Leonhard nach Paris zurück. Er verfaßte sein Schauspiel „Geiseln“ (1945), in dem zehn unschuldig zum Tode Verurteilte zehn Minuten Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. 1947 nahm der Autor am I. deutschen Schriftstellerkongreß in Berlin teil, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen erst 1950 endgültig in die DDR übersiedeln. Er veröffentlichte die Bände „Deutsche Gedichte“, Hörspiele „Die Stimmen gegen den Krieg“

Herzliche Glückwünsche unseren Jubilaren des Monats September! Genosse Hellmut Friedrich aus Finowfurt wurde am 14. September 1920 geboren. Der RF würdigt den 93. Geburtstag dieses hochverdienten Veteranen. Ganz besonders herzliche Grüße gehen an den standhaften Kommunisten und namhaften Pädagogen Konrad Friedrich in Altdorf zu seinem 92. Geburtstag am 14. September. Wir gratulieren Heinz Müller aus Chemnitz zu seinem 90. Geburtstag am 15. 9. auf das herzlichste. Zu ihren 85. Geburtstagen beglückwünschen wir Erika Vetter (5. 9.) aus Dresden und Herbert Gittner (17. 9.) aus Berlin. Zum 80. Geburtstag gehen unsere Grüße fester Verbundenheit an zwei bewährte Mitstreiter: Dr. Horst Franz (21. 9.) aus Eichwalde und Hans Milde (26. 9.) aus Dresden. Auch die 75jährigen erhalten wiederum Verstärkung durch verdienstvolle Genossen: Wir grüßen Günter Süptitz (8. 9.) aus Strausberg und den Aufklärer faschistischer Verbrechen Dieter Skiba (28. 9.) aus Berlin. Zum 70. Geburtstag beglückwünschen wir tatkräftige Kampfgefährten: Elke Pudszuhn aus Zella-Mehlis (22. 9.), Rainer Grützner aus Markkleeberg (25. 9.) und den engagierten linken Buchhändler Dieter Rosenberg aus Freiberg (30. 9.). Herzliche Glückwünsche gehen an die fortan 65jährigen Weggefährten Karl Fröhlich aus Gera (9. 9.), Dieter Linz aus Coswig (24.9.) und Werner Orzschig aus Wilkau-Haßlau (29. 9.).

Wie immer gilt unsere Gratulation auch allen anderen Geburtstagskindern des Monats.

und ein Buch über Hölderlin. In seinem Werk „Unsere Republik“ bekannte er sich zum Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung in der DDR. Zwischen 1950 und 1953 schrieb er noch fünf Hörspiele, in denen er bedeutsame zeitgeschichtliche Vorgänge künstlerisch zu erschließen versuchte. Seine Aufgabe sah Leonhard darin, junge Autoren in einem Arbeitskreis zu fördern. Zugleich rechnete er in der Schrift „Unsere Republik“ (1950) mit Tendenzen einer Verharmlosung des sich im Westen abermals formierenden Faschismus ab. Eine Woche vor seinem Tod am 19. Dezember 1953 nahm der Schriftsteller noch am Deutschen Friedenskongreß in Weimar teil. Maximilian Scheer legte 1958 den Band „Freunde über Rudolf Leonhard“ vor. Steffen Mensching gab 2001 Rudolf Leonhards umfangreiches Traumbuch des Exils „In derselben Nacht“ heraus. Es enthält über 3000 Träume von 1941 bis 1944, die unter Haftbedingungen Dieter Fechner aufgeschrieben wurden. 

Kurz nach dem 9. Mai forderte Unionsfraktionschef Kauder, „noch einmal über ein strafrechtliches Verbot des Tragens von Symbolen des DDRStaates nachzudenken“. Damit würden „die Opfer der unmenschlichen SED-Diktatur“ verhöhnt. 2011 hatte übrigens schon die Junge Union beim Bundesparteitag der CDU den Vorschlag gemacht „die Verbreitung und Verwendung von Symbolen aus der Zeit der DDR – analog zu rechtsradikalen Symbolen (!) – strafbar zu machen. Nun muß ich persönlich vorbeugen, denn ich fand beim Schränkesortieren mein Abzeichen „Brigade der sozialistischen Arbeit“. Ich habe Angst vor strafrechtlicher Verfolgung und möchte mich deshalb sofort selbst anzeigen. Ich bekenne mich schuldig. Verschont mich! Niemand hat mich gefragt, ob ich in die DDR hineingeboren werden möchte. Dennoch bekenne ich mich schuldig, daß ich in diesem Staat gern gearbeitet und trotz dreier Kinder keine Herdprämie eingefordert habe. Statt dessen wurden meine Kleinen im Kindergarten (für 15 DDR-Mark Essensgeld im Monat) gezwungen, Volkspolizisten zu achten und ein Bild von der 1.-Mai-Demonstration zu malen. Ich bekenne mich schuldig, daß sich meine Kinder auch heute noch mehr für ihre Mitmenschen interessieren als für die neue Kollektion von Herrn Glööckler und das tragische Leben der Daniela Katzenberger. Ich bekenne mich schuldig, daß mich das Drohnendebakel und die Verschwendung einer halben Milliarde Euro an Steuergeldern nicht mehr aufregen als die Kürzung eines Lebensunterhaltsexistenzminimums minderbegüterter Individuen wegen Ablehnung einer Leibeigenschaft durch eine Leiharbeitsfirma. Ich bekenne mich schuldig! Ich werde mich immer wieder gern selbst anzeigen. Ich fordere euch alle auf: Werdet zu Mittätern! Denkt mit! PS.: Zur Erleichterung der Beweisaufnahme habe ich das vom Verbot bedrohte „Symbol“ aussagekräftig unserem Plüschhaustier verliehen. Birgit Gläser-Weise, Hohenstein-Ernstthal Gekürzt aus „Linker Blick“, Zwickau

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Archies bedrohtes Paradies

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s gab eine Zeit – die 50er Jahre – da war Archie viel in der DDR unterwegs. 1952 hatte er im sächsischen Bischofswerda auf einem humanistischen Gymnasium, an dem auch Altsprachen unterrichtet wurden, das Abitur gemacht. Als Student wohnte er am Berliner Zionskirchplatz. In seiner kleinen Stube fiel ihm gelegentlich die Decke auf den Kopf. Des öfteren sauste er mit seinem tschechischen Rennrad zur Uni oder zu Bibliotheken. Später kam ein gebrauchtes Motorrad der Marke Horex hinzu – ein älteres Knattermobil mit reichlich PS, das sich auf den holprigen Landstraßen als robust erwies. Zwischen Berlin, der Lausitz und der Ostsee ratterte er hin und her, um die DDR zu erkunden, Land und Leute kennenzulernen. Er besuchte auch Tanten und Cousinen, die früher wie er selbst in Schlesien gelebt hatten und jetzt über Thüringen verstreut waren. Fast jedes Mal, wenn er in Bad Langensalza oder Mühlhausen eintraf, besaß er eine Cousine weniger. Der Sog des „Goldenen Westens“ hatte sie erfaßt und mitgerissen. Archies Tanten waren darüber untröstlich, verloren sie doch die erhoffte Stütze ihres Alters. Bei den Fahrten durchs schöne Thüringer Land rund um den Kyffhäuser stieß Archie häufig auf Gegner der DDR, ja regelrechte Sozialismus-Hasser. Übrigens mehr als anderswo. Bei späteren Aufenthalten in der Region, so in Ferienheimen der Gewerkschaft FDGB, sollte sich sein Eindruck zum Positiven hin verändern. Vielleicht waren auch die Menschen inzwischen zu neuen Einsichten gelangt. Abstecher, die ihn nach Mecklenburg und an die Ostsee, nach Prerow und auf den Darß führten, ließen Archie keine so negativen Erfahrungen sammeln. Im Norden der Republik trugen die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) bereits erste Früchte, und die nun gemeinsam wirtschaftenden Bauern gelangten Schritt für Schritt zu bescheidenem Wohlstand. Wenn sich aber die halbe DDR in den Sommerferien an der Ostsee tummelte – dazu noch etliche Urlauber aus der ČSSR und Ungarn – waren die küstennahen Kleinstädte und Dörfer derart überlaufen, daß sich vor den Gaststätten Schlangen bildeten, zumal die Preise auf den Speisekarten äußerst niedrig waren. Trotz der Drängelei wurden auf den Campingplätzen, so am Pepelower Salzhaff und anderswo, rauschende Sommerfeste gefeiert. Bier und Wein flossen dabei in Strömen, Bratwurst vom Grill und Fisch gab es jede Menge. Die Parkplätze waren überfüllt. Natürlich fehlte es auch hier nicht an Unzufriedenen, von denen einige sogar mit dem Paddelboot über die Ostsee abhauen wollten. Auch zwackte manchen das Fernweh, wenn er bei Kap Arkona am Leuchtturm stand und einen weißen Luxus-Liner am Horizont vorübergleiten sah. Selbst dieser oder jener mit der DDR verbundene Genosse mag da in seinem Innersten

gedacht haben: Auf immer und ewig sollte sich eine solche Grenze nicht durch Deutschland ziehen. Allerdings dürften sich die meisten, die solche Erwägungen anstellten, eine Einheit unter völlig anderen Vorzeichen als jenen, welche sie dann wahrnehmen mußten, ausgemalt haben. Archie erschien die DDR wie ein bedrohtes Paradies, das sich inneren und äußeren Feinden gegenübersah. Keineswegs alle waren da seiner Meinung, wie er bekümmert feststellen mußte. Er hatte sich schon als Halbwüchsiger für dieses Land entschieden – nach den schlimmen Erfahrungen des 2. Weltkrieges, der ihn selbst betroffen hatten. Die DDR war zu seinem Biotop geworden, das er verbessern, aber niemals loswerden wollte, wobei in seinem Denken gewiß auch ein Schuß Naivität gesteckt haben mag. Als er am zurückliegenden 17. Juni die heuchlerischen Reden in Radio und TV vernahm, wurde ihm bei so viel Lüge und Verdrehung speiübel. 60 Jahre zuvor war Archie Unter den Linden entlang zur Humboldt-Universität geradelt und hatte dort mit Erschrecken eine große Zahl politischer Trittbrettfahrer beobachtet, die mit ideologischen Brandbeschleunigern unterwegs waren, um die Situation anzuheizen und zu zündeln. Wenn Archie im Autoradio vernahm, wie der einstige RIAS-Chefredakteur und damalige Haupteinpeitscher Egon Bahr in einer Gesprächsrunde vollmundig behauptete, man habe damals die als Zone bezeichnete DDR durchaus zu schonen versucht, kann er nur lachen. Bloß kein Öl ins Feuer gießen, sei die Devise gewesen, tönte Bahr. Schließlich habe es ja noch den Viermächtestatus gegeben, und überdies hätte die Gefahr eines dritten Weltkriegs in der Luft gelegen. Leider war das Denken und Handeln der Feinde der DDR dieser geschönten Situationsschilderung gegenüber völlig konträr.

Als er an jenem „Jubiläumstag“ die Zeitungen aufschlug, las er zu seiner Verblüffung, am 17. Juni 1953 habe sich eine Million Menschen der „Ostzone“ wie ein Mann erhoben, um mit dem „Regime“ Schluß zu machen. Die Schlagzeilen strotzten vor Lügen. Multiplikation ist alles. Je länger ein Ereignis zurückliegt und je weniger Zeitzeugen es gibt, um so brutaler entstellt man die Wahrheit. Der vielgedruckte, schon immer auf zwei Schultern tragende Bücherschreiber Rolf Schneider, der zu den Standardgästen der US-Botschaft zählte, verkündete im Beisein Bahrs, ohne Einsatz der sowjetischen Panzer wäre die DDR wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Wenn Archie demgegenüber seine eigenen Wahrnehmungen mit der heutigen Entstellung des Geschehens vor 60 Jahren vergleicht, fragt er sich, welches Bild sich wohl ein jetzt 18jähriger von den Vorgängen machen soll. Mit der Realität dürfte es nichts mehr zu tun haben. In den 50er Jahren steckte noch unendlich viel Braunes in etlichen Köpfen. Auch ein Gutteil der protestierenden Bauarbeiter hatte der Nazi-Partei und deren Gliederungen angehört. 1945 waren nämlich fast sämtliche früheren NSDAP-Mitglieder von ihren lukrativen Posten entfernt und nicht gerade freiwillig zum Mittun beim Wiederaufbau des von ihrem „Führer“ Zerstörten gezwungen worden. Natürlich gab es auch nicht wenige, die einen starken Willen zur Errichtung einer neuen, besseren Gesellschaftsordnung entwickelten, darunter auch ehemalige Nazis. Handelt es sich bei all dem nur um Schnee von gestern, oder ist nicht vieles, was heute als demokratisch verkauft wird, in Wirklichkeit immer noch mit Brauntönen durchsetzt? Walter Ulbricht würde sagen: „Eine gute Frage.“ Manfred Hocke

Glückwunsch nach Niedersachsen! Grund zur Freude hat unser langjähriger und treuer Leser Siegfried Mikuth aus Georgsmarienhütte. Seine kurz hintereinander geborenen Urenkel Lucas-Maximilian und Finja entwickeln sich prächtig.

RotFuchs / September 2013

Leserbriefe an

RotFuchs

Der Juli-Leitartikel „Das Heulen der Wölfe“ trifft wieder ins Schwarze: Tatsächlich geht es darum, möglichst viele wirklich linksorientierte Kandidaten der Partei Die Linke ins Parlament zu bringen. Ich kenne mich leider zu wenig in deutschen Wahlgepflogenheiten aus, aber die Mahnung im Leitartikel, das tatsächlich Erreichbare anzustreben, sollte auch aus meiner Sicht konsequent befolgt werden. Das in der BRD bestehende Vielparteiensystem bietet hinreichend Spielraum für Manipulationen und verleitet aufrechte, suchende Menschen dazu, den geübten Flötenspielern aus Hameln zu folgen – zum eigenen Schaden. Noch ein Wort zur außenpolitischen Berichterstattung des RF. Mir gefallen die vielschichtigen Informationen, die in den großen Blättern der Bourgeoisie entweder trivialisiert werden oder überhaupt wegfallen. An deren Stelle treten dort Profisport, Mode-Chic, Histörchen aus Königshäusern in England, Schweden, den Niederlanden, Belgien oder gar Monaco. Dr. Vera Butler, Melbourne Erst seit kurzem weiß ich von Eurer Existenz! Manchmal geht auch an politisch interessierten und links stehenden Menschen etwas vorbei. Ich schreibe Euch als Mitarbeiter der „Ubbo-EmmiusGesellschaft“ in Emden, die sich besonders der Aufklärung des antifaschistischen Widerstandes in Ostfriesland widmet. Mir ist unklar, ob man an die Leser des RF Fragen stellen darf. Ich denke aber, daß sie aufgrund ihrer politischen Herkunft und – wie ich in diesem Falle hoffe – ihres Alters dazu in der Lage sind, Auskünfte zu erteilen, die sonst nirgends mehr zu erhalten sind. Uns geht es z. B. um den Emder Seebäderdampfer „Rheinland“, der in den letzten Tagen der Naziherrschaft in Kiel lag. Er sollte KZ-Häftlinge aus Neuengamme an Bord nehmen und mit dem Schiff versenken. Es kam nicht dazu, weil die Mannschaft dies verhinderte. Hier habe ich die Aussage einer einzigen Person, die selbst nur mittelbar davon erfahren hatte. Vielleicht gibt es aber unter alten RF-Lesern jemanden, der diese Geschichte bestätigen könnte. Ich freue mich, zu Euch Kontakt hergestellt zu haben und hoffe auf weitere gute Zusammenarbeit. Hans-Gerd Wendt, Emden Die Beachtung und Bewertung politischer und gesellschaftlicher Vorgänge erfolgt heute oftmals aus einer ganz anderen Sicht, als sie von Menschen der alten und älteren Generation wahrgenommen werden. Ich selbst bin 91. Der unterschiedliche Blick auf das Geschehen ist völlig verständlich. Wer den Terror der Faschisten bis 1945 nicht miterlebt hat, nicht Hunderte Nächte mit furchtbaren Ängsten in den „Luftschutzkellern“ von Berlin, Hamburg, Köln oder Magdeburg zugebracht oder in den Schützengräben zwischen Tobruk und Stalingrad gelegen hat, vermag mit Sicherheit nicht nachzuvollziehen, was Menschen in jener Zeit durchgemacht haben. In diesem Zusammenhang noch ein Wort zur Wiederherstellung der Schloßfassade und zum „Umgang“ der BRD-Justiz wie anderer staatlicher Organe mit NPD und NSU: Wie würden die Toten des Ersten Weltkrieges, die „für Gott, Kaiser und Reich“ millionenfach ihr Leben lassen mußten, darüber entscheiden, ob die Fassade der HohenzollernZwingburg wieder aufgebaut werden soll? Und: Wie würden die in den faschistischen Konzentrationslagern gemarterten Antifaschisten und die Millionen in Hitlers Gaskammern Umgebrachten über die Münchener NSU-Farce denken? Helmuth Hellge, Berlin

Seite 29 Prof. Dr. Schneider erwähnt in seinem Israel sein, die besonders von seinen Leitartikeln geprägt betreffenden Beitrag Tel Avivs „Frontstellung für wird. Ich wünsche Euch auch weiterhin viel Erfolg. Dr. Rudi Dix, Zeuthen Europa und die westliche Zivilisation“. In der Tat erinnert das an „allzu bekannte Töne aus brauner deutscher Vergangenheit“. Noch unheimlicher wird In der Regierung wußte natürlich niemand etwas von es allerdings, wenn man sich vor Augen führt, daß der Schnüffelei der US-Geheimdienste – weder die es sich nicht bloß um das übliche Gerede eines Kanzlerin noch der Innenminister … Selbst die mit Rechtsaußen, sondern um einen Bestandteil der NSA und CIA eng kooperierenden bundesdeutschen staatstragenden Doktrin Israels handelt. Deren Dienste hatten anfangs „absolut keine Ahnung“. geistiger Vater Theodor Herzl schrieb 1895 in Nach der – galant ausgedrückt – „feindlichen seinem Buch „Der Judenstaat“, in Palästina Übernahme“ der DDR durch die BRD wurde immer werde dieser „ein Stück des Walles gegen Asien wieder behauptet, die West-Dienste spielten, im bilden“. Die Juden müßten dort „Vorpostendienst Gegensatz zum MfS der DDR, nicht „Staat im der Kultur gegen die Barbarei leisten“. Insofern Staate“, sondern unterlägen „parlamentarischer ist es bedauerlich, daß die Vereinten Nationen Kontrolle“. Ein Bluff! ihre 1975 getroffene Einschätzung des Zionismus Die NSA hat seelenruhig mit Wissen des BND die als einer Form des Rassismus verworfen haben. E-Mail-Adressen von Absendern und Empfängern Bekanntlich wird Israel oftmals mit dem Apartheid- mit der entsprechenden Betreff-Spalte gespeiRegime Südafrikas verglichen. In diesem Kontext chert. Da ich in E-Mails wiederholt den Begriff sei daran erinnert, daß Pretorias Rassistenregime „Terrorismus“ verwendet habe, stehe ich längst in erst 1988 ernsthaft in politische Bedrängnis geriet den Dateien der NSA. und einzulenken gezwungen wurde, nachdem die Das kann indes für User (Nutzer) auch von Vorteil Befreiungsbewegungen des südlichen Afrika – vor sein: Man stelle sich vor, der private Rechner stürzt allem Angolas MPLA und Namibias SWAPO – an ab, Festplatte kaputt, Daten weg. Doch das ist seinen Grenzen standen. Von der heutigen israe- jetzt kein Problem mehr. Man wendet sich einfach lischen Regierung sind solange keine Schritte zu an seine „amerikanischen Freunde“ von der NSA mit der Bitte um Übermittlung einer Kopie dort einem ernsthaften Dialog mit den Palästinensern gespeicherter Daten. Ist das etwa nichts? zu erwarten, bis der „Arabische Frühling“ endlich eine antiimperialistische Komponente hinzugewinnt. Wilfried Steinfath, Berlin Cihad Rehbehn, Essen Ein Klassentreffen der Oberschulabgänger des Eine Bemerkung zum Artikel „Der Leuna-Deal“ im Jahrgangs 1959 (OS 7 in Potsdam) war der ImpulsJuli-RF: Es ist dankenswert, wenn die Machenschaf- geber für einige Frauen mit DDR-Vergangenheit, ten der „Treuhandanstalt“ bei der Verschleuderung den „RotFuchs“ zu abonnieren. Ich bitte Euch also des DDR-Volkseigentums faktenbelegt aufgedeckt um dessen Zustellung an folgende vier Adressen werden. Leider vermisse ich hier und dort die erfor- … Euer „RotFuchs“-Leser derliche Sorgfalt bei der Behandlung des Themas. Gerhard Konrad, Potsdam Leuna liegt im Kreis Merseburg. Halle und Bitterfeld haben mit den Leuna-Werken außer der Wenn wir heutzutage die Massenmedien ertradamaligen Zugehörigkeit zur IG Farben nichts zu gen müssen, dann wird uns nur selten bewußt, tun. Die 1925 aus drei großen Chemie-Kartellen in welchem Maße Informationen mit einem ganz entstandene IG Farben besaß 1930 nicht weniger bestimmten Zweck an unser Auge und Ohr herals 170 inländische und 300 ausländische Firmen. angetragen werden, handelt es sich dabei doch 1943 waren die Betriebe im Inland auf 380 und im um den Bereich mit den größten Möglichkeiten zur Meinungsmanipulation. Diese erfolgt überAusland auf etwa 500 angewachsen. wiegend durch die Information selbst, in der die Der ehemalige Leiter der Leuna-Werke Bütefisch erklärte vor dem US-Militärtribunal wörtlich: „Ohne vorbestimmte Bewertung bereits versteckt ist. IG Farben, insbesondere ohne die IG-Produktion Zugleich gilt es zu beachten, wer Eigentümer einer auf den Gebieten des synthetischen Gummis, Information ist. Der bestimmt nämlich darüber, was der Treibstoffe und des Magnesiums wäre es für andere erfahren sollen oder nicht. Informationen Deutschland ausgeschlossen gewesen, einen Krieg werden heutzutage generell abgespeichert, die zu führen.“ Am 3. Juli 1944 schrieb SS-Reichsführer Einsicht oder Kopie sind nur einen Mausklick und Heinrich Himmler an Rüstungsminister Speer: ein Paßwort entfernt. „Heute sind wir im chemischen Fortschritt einzig Angst vor einem imaginären Terrorismus, deren und allein auf die Arbeit von IG Farben angewiesen.“ Ursache eigene Untaten sind, mit einer gigantischen Die Leuna-Werke überdauerten nicht – wie es im digitalen Datenschnüffelei begründen zu wollen, Jochen Singer, Leipzig RF-Beitrag heißt – „nur leicht zerstört“ den Krieg. ist paranoid. Tatsächlich erfolgten viele Bombardements, die schlimmsten vom 11. bis 13. Januar 1945. Ich weiß In beiden Leserzuschriften zu meinem Artikel „Zur das aus persönlichem Erleben, da mein Heimatort, Dialektik von Verstand und Gefühl“ im Juli-RF muß in dem ich die Kriegszeit verbrachte, nur wenige ich leider ein Mißverstehen des Textes feststellen. Mit Dr. Vera Butlers auf mich bezogenem Begriff Kilometer von Leuna entfernt liegt Übrigens findet sich in meinen sämtlichen Unterlagen „Pietismus“ fühle ich mich in eine Schublade über die IG Farben kein Hinweis darauf, daß die gesteckt, obwohl ich solche überhaupt nicht mag! Thyssen-Gruppe jemals IG-Farben-Teilhaber war. Daß sie als Kind die unterschiedliche Zeitmessung Helga Plache, Berlin der verschiedenen Kirchen als Glaubenszweifel erlebt hat, nehme ich staunend zur Kenntnis, weil Wenn ich am 29. September meinen 85. Geburtstag es mit Glauben doch überhaupt nichts zu tun hat, begehen kann – leider ist mein Gesundheitszustand wenn jemand eine andere Zeitrechnung verwendet. sehr fragil –, blicke ich auf eine gute Entwicklung Zu Wolfgang Schröder: Er hat leider meinen Text in der DDR zurück. Ich bin sehr froh, nach 1945 nicht gründlich genug gelesen. Das „gedankenmeinen politischen Weg stets aufrecht gegangen lose Nachbeten von Psalmen und Suren“ ist eine von mir kritisierte Äußerung Frau Butlers, doch zu sein. Er führte mich auch in den Autorenkreis des „RotFuchs“, aus dem ich mich jetzt leider natürlich nicht meine. zurückziehen muß. Mir hat das gründliche KlassikerPeter Franz, ev.-luth. Theologe Weimar Studium, vor allem der Werke Lenins, stets Kraft Daß die heiligen Schriften der drei monotheistiund Optimismus verliehen. Zu meinen Erfahrungen gehört: In der Politik sollten schen Religionen „keine Quellen wissenschaftlicher wir Überheblichkeit und Besserwisserei sowie Erkenntnis“ seien, sondern „von den Gläubigen alles Aufgesetzte vermeiden und immer bei den Unterwerfung und gedankenloses Nachbeten von marxistischen Ursprüngen bleiben. In diesem Sinne Psalmen und Suren verlangen“, betrachte ich als bin ich sehr froh, mit Götz Dieckmann an der SED- persönliche Meinung der Autorin, nicht aber als Parteihochschule „Karl Marx“ gearbeitet zu haben Bestätigung durch einen Theologen. Das wäre und an der „Linie“ des RF beteiligt gewesen zu auch absurd. Zumindest die Bibel als heilige Schrift

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Seite 30 der Juden und Christen enthält Botschaften der Befreiung und verlangt keineswegs Unterwerfung und gedankenloses Nachbeten. Sie entstand unter den Armen. Natürlich wurde die Bibel seit Kaiser Konstantin immer wieder von den jeweiligen Machthabern in deren eigenem Interesse interpretiert. So wie das auch heute noch der Fall ist. Fritz Klinger, Neubrandenburg Der Beitrag „CIA-Anschlag vor der Küste von Barbados“ ist gut und kämpferisch geschrieben. Einige Details bedürfen jedoch der Korrektur. Leider mußten die Rädelsführer des Anschlags vom Oktober 1976 (nicht 1972) Bosch und Carriles ihre Strafen nicht absitzen. Gegen Bosch wurde gar nicht erst Anklage erhoben, Carriles konnte mit entsprechender Hilfe nach rund acht Jahren aus der U-Haft fliehen. Verurteilt wurden lediglich die Kriminellen Lugo und Lozano. Die CIA bezahlte sie, ohne daß sie direkt auf ihrer „Gehaltsliste“ standen. Sie handelten nicht aus politischen Motiven. Für ein paar tausend Dollar waren sie zu diesem grausigen Verbrechen bereit. „Natürlich“ hat die CIA den Anschlag „nur“ empfohlen, wobei sie stets im Bilde war, was ihre Schützlinge von der CORU gerade planten. Die USA haben nichts getan, um dieses Attentat ihrer Kreaturen, das zu den schwersten Terroranschlägen in der Geschichte der Zivilluftfahrt zählt, zu verhindern. Volker Wirth, Berlin Wenn in Rostock 1,8 Mio. Euro für die Rekonstruktion eines „Stasi-Knasts mit Museumscharakter“ locker verfügbar sind, dann ist mir absolut unverständlich, warum dem Museumssterben in unserem Land nicht Einhalt geboten werden kann. So stand vor geraumer Zeit auch das SchliemannMuseum in Ankershagen auf dem Prüfstand der Rotstift-Jongleure. Geldmangel kann ebensowenig der Grund dafür gewesen sein, daß ein Schweriner Museumsdirektor 8000 Jahre alte Einbäume – ein Stück Menschheitserbe aus den Zeiten unserer Vorfahren – einfach verkommen ließ. Hier war es wohl eher Fahrlässigkeit, die zur Vernichtung von Kulturgütern mit unschätzbarem Wert führte. Kann es aber bei der Vergeudung von Mitteln für Zwecke wie den obengenannten nicht bald zur Häufung solcher Vorfälle kommen? Übrigens hätte man mit 1,8 Mio. Euro allen bedürftigen Kindern unseres Bundeslandes für die Dauer eines Jahres ein kostenloses Mittagessen spendieren können. Dr. med. Gerd Machalett, Siedenbollentin Mit Freude habe ich die Veröffentlichung meiner Auffassungen im Juli-„RotFuchs“ zur Kenntnis genommen. Die redaktionelle Bearbeitung findet meine volle Zustimmung und Unterstützung. Mir schwebt vor, dem Thema „Ursachen des Niedergangs und der Zerstörung der DDR“ als jemand weiter nachzugehen, der diesem Staat bis zum letzten Tag seiner Existenz gedient hat. Bestärkt wurde ich durch drei Bücher, die ich im Urlaub las: Gerd Königs „Fiasko eines Bruderbundes“, Irina Liebmanns „Wäre es schön? Es wäre schön!“ und Klaus Blessings „Die Schulden des Westens“. Vieles von dem, was ich dort erfuhr, war mir zwar nicht neu, bestätigte mich aber in meinen Vermutungen hinsichtlich einiger Ursachen des Untergangs der DDR, deren führender Partei ich 1968 aus Überzeugung beitrat. Ihr Dokument habe ich auch 1989 nicht abgegeben. Auf jeden Fall stimme ich Klaus Blessing zu: „Geistig tragen wir den Bazillus des Sozialismus noch in uns. Wir müssen den ganzen Körper Bundesrepublik damit infizieren.“ Und: „Inzwischen sind 57 % der Ostdeutschen der Meinung, daß die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte. Dieses Protestpotential gilt es zu erschließen.“ Der „RotFuchs“ ist dabei auf einem guten Weg! Siegfried Schubert, Plauen

Siegfried Schuberts Beitrag „Eigene Defizite nicht bagatellisieren!“ habe ich mit besonderem Interesse gelesen. Die durch ihn aufgeworfenen Fragen beschäftigen auch mich seit einer Reihe von Jahren. Ich habe mich in der „RotFuchs“-Gruppe und auch an anderer Stelle mehrfach dazu geäußert. Allerdings möchte ich bezweifeln, daß man bereits von einer „Debatte“ über die Ursachen des Untergangs der DDR sprechen kann. Sofern diese das Ziel verfolgt, Erfahrungen und Erkenntnisse an nachfolgende Generationen zu vermitteln – und ein anderes Anliegen kann es ja eigentlich gar nicht geben –, ist Detailwissen einer Vielzahl von Zeitzeugen und am sozialistischen Aufbau Beteiligter gefragt. Schlußfolgerungen aus Fehlern und Ungereimtheiten, die es zweifellos gegeben hat, dürfen nicht fehlen. Dabei sollte nicht gezögert werden, denn mit der Entfernung vom Zeitpunkt des Geschehens geht viel Wissen verloren. Eindrücke und Wahrnehmungen verblassen. Die Zahl der in Betracht Kommenden reduziert sich ständig. Bereits in 20 Jahren wird man die notwendigen Informationen nur noch aus Büchern – mit den jeweiligen Interpretationen – entnehmen können. Helmut Müller, Berlin

es beispielsweise eine erstaunliche „Arte“-Dokumentation, die mit schonungsloser Offenheit darlegt, welcher Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus besteht. Genau dieses Vorgehen der Medien aber ist Strategie. Das – sagen sie – sei Pressefreiheit. Niemand könne ja behaupten, es gäbe keine kritischen Beiträge. Stimmt. Eigene Propaganda bringen die großen Stationen zur Hauptsendezeit, Teile der Wahrheit die kleineren gegen Mitternacht. Andreas Steike, Berlin

Man kann es einfach nicht verstehen, daß eine Europa-Abgeordnete der „Linken“ der antikubanischen Hetze in sturer Kontinuität Schützenhilfe leistet. Brüssel ist weit und kann den Blick auf politische Realitäten erheblich verstellen, was bereits Lothar Bisky mit seiner Zustimmung zur Flugverbotszone in Libyen gezeigt hat. Gabi Zimmer unterstützt mit ihrem Verhalten keineswegs unverzichtbare Reformen beim Aufbau eines sozialistischen Kuba, sondern fördert Aktivitäten, die auf einen Sturz der Regierung in Havanna hinauslaufen. Konsequent links wäre es, sich dafür einzusetzen, daß die Embargopolitik und andere diskriminierende Maßnahmen der USA wie Wenn ich anderen sage, daß ich in einem kom- ihrer Verbündeten endlich aufgehoben werden. munistischen Elternhaus erzogen wurde und stolz Die politischen und ökonomischen Maßnahmen zur darauf bin, erfahre ich selten Zuspruch. Doch der Erdrosselung Kubas – auch jene des EU-Parlaments Kommunismus stellt nicht mehr und nicht weniger – stellen eine eklatante Verletzung des Völkerrechts als die gesellschaftliche Alternative zur kapitalisti- wie der Menschenrechte dar. Ich frage mich, ob schen Ausbeuterordnung dar. Da ist es doch kein jemand durch Sitzenbleiben im Saal bei der ÜberWunder, wenn deren Verteidiger und Nutznießer, gabe des sogenannten Sacharow-Preises, die von sobald auch nur die Worte Sozialismus oder Kom- den meisten Abgeordneten der eigenen Fraktion munismus fallen, Gefahr wittern. durch Abwesenheit boykottiert wurde, das Image Länder, die sich auf einen sozialistischen Weg antiimperialistischer Solidarität loswerden möchte. orientieren – Kuba sowieso, aber auch Venezuela, Hoffentlich gibt es bis zur nächsten Europawahl Bolivien oder Ekuador, um nur einige Beispiele zu auch personell wirklich linke Alternativen. nennen –, werden auf jede nur denkbare Weise in Raimon Brete, Chemnitz Mißkredit gebracht und bedroht. Angeblich „ganz unpolitische“ Menschen finden das sogar in Ordnung. Es wäre schon viel erreicht, wenn „Die Linke“ auch Die bürgerliche Medienübermacht bleibt nicht ohne künftig eine starke Oppositionsfraktion im Bundestag Wirkung. Wie lange noch wird die Verteufelung des stellen würde. Alles liegt jetzt an den Wählern: Wer Kommunismus die Besitzlosen vom Kampf für ihre seine Stimme nicht für die Partei Die Linke abgibt ureigensten Interessen abhalten? oder der Wahl fernbleibt, sollte sich nicht im nachhinein beschweren, wenn alles beim alten bleibt. Elisabeth Monsig, Gartz Siegfried Tietz, Altenberg/Sa Angeregt durch die RF-Serie „Griff in die literarische Schatztruhe“ habe ich einen Blick in meinen Im Juli-„RotFuchs“ las ich den Satz: „Dabei sind wir Bücherschrank geworfen und festgestellt, daß uns durchaus im klaren, daß die Partei Die Linke da so einiges schlummert, was erweckt werden weder den Kapitalismus als Gesellschaftsformation sollte. Deshalb habe ich mich entschlossen, Teile hinterfragt noch eine systemverändernde politische meiner Bibliothek interessierten „RotFüchsen“ bei Formation sein will.“ Damit werden die AnstrenÜbernahme der Versandkosten unentgeltlich zu gungen der „Linken“ heruntergeredet. überlassen. Persönliche Abholung ist bei Vereinba- Bei allem Respekt vor den großartigen journalirung eines Termins möglich. Meine Telefonnummer: stischen Leistungen und dem Bemühen vor allem 037360 / 693270. der Leitartikel um politische Aufklärung wird da etwas in den Raum gestellt, was aus den offiziellen Siegfried Schlenker, Olbernhau Dokumenten der „Linken“ so nicht hervorgeht. Botschafter Seidel und die „Mütter gegen den Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das Krieg Berlin-Brandenburg“, deren Vorsitzende Erfurter Programm der Partei vom Oktober 2011. Es ich bin, waren in den 90er Jahren die einzigen, die schmerzt mich, wenn ich auf RF-Veranstaltungen Prof. Dr. Günther, dem Entdecker des Golfkriegs- oder in der Publikation selbst immer wieder mal Syndroms, ideell wie finanziell geholfen haben. Daß höre oder lese, daß den „Linken“ der Wille zur der verdienstvolle Wissenschaftler überhaupt noch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse am Leben ist, hat er dem Wirken der „Mütter“ zu in der BRD fehle. verdanken. Brigitte Queck, Potsdam In der Partei war wohl noch nie alles paletti, und manches dringt dann auch nach unten durch, wo Liebe Redaktion, hallo Herr Steiniger, liebe NSA- es in Teilen der Mitgliedschaft für Verstimmung Mitlesende! Zum Brief Gerda Hubertys (RF 186), der sorgt. Vieles davon ist jedoch auch den mißlichen gegenüber ich keinesfalls unsolidarisch erscheinen oder außerordentlich schwierigen Bedingungen will, möchte ich bemerken: Daß das BRD-Fernsehen geschuldet, unter denen die organisierte Linke ihre nicht über den Jahrestag des Sieges der Roten politische Alltagsarbeit verrichten muß. Armee berichtet hätte, trifft so nicht zu. TatsächWilfried Baldauf, Schlanstedt lich wurde die große Militärparade auf dem Roten Platz bei „Phoenix“ in voller Länge live übertragen. Den Artikel „Eastern Germany“ aus britischer Sicht Auch die Anwesenheit von Veteranen blieb dabei im RF 186 finde ich sehr interessant. Ich wünschte mir, daß er auch Lesern über den „RotFuchs“ hinnicht ausgespart. Frau Huberty hat indes auf einen wichtigen Aspekt aus bekannt würde. Den Aspekt, daß die NATOhingewiesen. Die Medien zeigen zwar durchaus Staaten den sozialistischen Ländern mit äußerster bemerkenswerte Dokumentationen und bringen Feindschaft begegneten, kann man heute nicht sogar bisweilen knallharte Wahrheiten auf den oft genug hervorheben. Neben wirtschaftlicher Tisch … allerdings nur in ihren Spartensendern Diskriminierung war es vor allem auch politische und vorzugsweise zu sehr später Stunde. So gibt und ideologische Einmischung des Westens, wie

RotFuchs / September 2013 sie noch heute gegenüber Kuba praktiziert wird. Erinnert sei daran, daß die BRD von Anbeginn ihren anmaßenden Alleinvertretungsanspruch international durchzusetzen bemüht war, was zur Folge hatte, daß Reisedokumente der DDR oftmals nicht anerkannt wurden. Gernot Bandur, Berlin Als RF-Leser stelle ich immer wieder fest, daß bei Bemerkungen zu den Gründen des Untergangs der DDR und anderer im Aufbau befindlicher sozialistischer Gesellschaften Europas von den Verfassern hinzugefügt wird, sie hätten das heraufziehende Desaster „schon frühzeitig bemerkt“. Mir scheint: Es hat viel zu viele bei uns gegeben, die bereits lange vor dem Ende „erkannt“ hatten, daß etwas schieflief, dennoch nach der Devise „andere werden’s schon richten“ weitergemacht haben. Sie täten das auch heute noch, wäre da nicht die als Wende verkaufte Konterrevolution „dazwischengekommen“, die ihnen „erst richtig die Augen geöffnet“ hat. Siegfried Wunderlich, Plauen Ich bin einer der durch Eberhard Aurich im Juni-RF als „einfache Parteimitglieder“ Bezeichneten – kleine Funktionen auf unterer Ebene. Allerdings versuche ich nicht, „aus Gründen des Selbstschutzes“ anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wir haben eine gute Sache, „eine großartige Idee (Rudi Krause im April-RF) an den Baum gefahren. Das müssen wir ehrlich so benennen, jeder von dem Platz aus, auf dem er einst gewirkt hat. Ich halte nichts von einer „Blödheit des Personals“ oder dessen „vermeintlicher“ Amnesie. Denn das wäre dann ja eine Krankheit, die Mitleid verdiente. Diskutieren wir lieber sachlich über die Ursachen unserer Niederlage weiter, damit es die Enkel besser ausfechten können. Harry Pursche, Leipzig Nein, Amnesie kann ich Dir, Eberhard Aurich, nicht bescheinigen. Allerdings stellt Deine Aussage einen Quantensprung in der Negation von Realitäten dar. Du, der Du in einem großen Haus Unter den Linden in Berlin wie ein pseudosozialistischer Fürst regiertest, hattest immerhin Sitz und Stimme im ZK der Partei, also hinreichend Gelegenheit, von Dir entdeckte „Systemfehler“ kritisch zur Sprache zu bringen. Ich selbst habe im Bereich Wissenschaft und Technik des Zentralrats der FDJ mit Zuständigkeit für Jugendobjekte gearbeitet. Damals erfreutest Du Dich am Beifall der „einfachen“ Partei- und FDJ-Mitglieder, die Dich nach Treu und Glauben als ehrlichen Sozialisten betrachteten. Doch weder in Karl-Marx-Stadt noch in Berlin hast Du die Gabe eines Egon Krenz besessen, einfühlsam und verständlich mit jungen Menschen zu sprechen, sie von der sozialistischen Idee zu begeistern. Leider muß ich annehmen, daß Du weder Marx noch Lenin verstanden hast, sondern einfach nur „nach oben“ wolltest. Thomas Kuhlbrodt, Zeitz-Zangenberg Danke, daß es Euch, uns und unsere wunderbare Zeitung gibt, die von Mitgliedern wie Lesern, allen aufrichtigen Kommunisten und Sozialisten lebt. Und weil das so ist, konnte ich eine neue Leserin hinzugewinnen. Sie heißt …. Renate Weinbrecht, Chemnitz Besonders freue ich mich immer über die vielen Leserbriefe, weil sie mir bestätigen, daß es nach wie vor nicht wenige Menschen gibt, die sich mit der DDR verbunden fühlen. Vor kurzem stattete Kanzlerin Merkel der Stadt St. Petersburg – dem einstigen Leningrad – einen Besuch ab und besichtigte dort auch die Ermitage. Die Visite hätte ja keinen so üblen Nachgeschmack hinterlassen, wenn von Frau Merkel nicht erneut „Beutekunst“ zurückgefordert worden wäre. Es befremdet mich immer wieder, wenn ausgerechnet solche Vertreter der BRD, die zuvor in der

Seite 31 DDR gelebt haben und dort sogar zu akademischen Ehren gelangten, Fragen aufwerfen, die von der Geschichte längst entschieden sind. In diesem Zusammenhang muß an gleichartige Forderungen der Vertriebenenverbände erinnert werden. Allzu viele haben vergessen, daß das faschistische Deutschland den Krieg begonnen und unendlich viel Leid über Europa gebracht hat. Josef Schurich, Berlin Ein bemerkenswertes Detail von meiner Urlaubsreise nach Bosnien und Kroatien: Bei einer durch mich begangenen Geschwindigkeitsüberschreitung (14 km/h) ließ uns ein netter Polizist ohne Abmahnung die Reise fortsetzen, nachdem er meine alte Fahrerlaubnis gesehen hatte. „Du kommen aus DDR, guter Junge!“ meinte er nur … Carsten Hanke, Lambrechtshagen Im Berliner Ortsteil Johannisthal fand eine Premiere statt: Auf Initiative Armin Lufers kamen erstmals dortige „RotFuchs“-Leser aus verschiedenen linken Parteien sowie Parteilose zusammen. Sie wollen, daß das junge linke Pflänzchen kräftig wächst. und sind bestrebt, neue Interessenten zu gewinnen. Die ersten beiden Diskussionsrunden verliefen ermutigend.  Helmut Holfert, Berlin Man sollte das Recht auf Akteneinsicht zur Ermittlung der Zahl von Anträgen wegen Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit im kapitalistischen Europa einfordern. Allein im Osten der BRD sind im ersten Halbjahr 2013 wiederum 1 137 000 ErwerbslosigkeitsMeldungen eingegangen. Mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen ist von diesem Übel bereits vier Jahre und mehr betroffen – auch bei uns in Leipzig. In der bürgerlich-antisozialistischen LVZ gelang es mir, in ein und derselben Ausgabe gleich zwei kritische Leserbriefe zu dieser Thematik unterzubringen. Das hatte ich nicht erwartet. Themenwechsel: Gegen die Spionage der Amis und der Briten sei die „Stasi“ der reinste Rot-KreuzVerein gewesen, meinte gerade mein Nachbar. Und noch eine Idee: Man sollte aus der Tarnsprache des politisch-medialen Komplexes – der Hauptsäule organisierter Volksverdummung in der BRD – eine Vokabelsammlung ins Auge fassen. Sie wäre Victor Klemperers berühmter Schrift „LTI“ (Die Sprache des Dritten Reiches) an die Seite zu stellen. Joachim Spitzner, Leipzig Eure Zeitung lese ich seit fünf Jahren mit großem Interesse. Das Mitglied Eures Autorenkreises Wolfgang Clausner hat mich auf die Spur des RF gebracht. Als ehemaliger Volkspolizist bin ich übrigens der Meinung, auch meine Genossen hätten es verdient, wie die Angehörigen der anderen bewaffneten Organe der DDR öfter mal gewürdigt zu werden. Es war ja kein Zufall, daß man uns damals „Freund und Helfer“ nannte. Nicht wenige der Unseren ließen ihr Leben für den Schutz des sozialistischen Vaterlandes. Dafür steht beispielhaft der Name Helmut Just. Vielleicht sollte auch daran gedacht werden, daß die Genossen der VP Tag und Nacht unterwegs waren, um überall für die notwendige Sicherheit der DDR-Bürger zu sorgen. Manfred Liepe, Berlin Jeder Mensch muß essen, trinken, sich kleiden, wohnen – er braucht Bildung, Kultur und Erholung. Darin unterscheidet er sich, obwohl selbst Teil der Natur, von allen anderen Wesen. Im Kommunistischen Manifest schreibt Marx, die Bourgeoisie habe die Menschheit um Jahrhunderte vorangebracht. Das betrifft vor allem Wissenschaft und Technik, längere Lebensdauer, Bekämpfung von Krankheiten und Arbeitserleichterungen. Was inzwischen auf vielen Gebieten erkannt worden ist, davon konnten frühere Generationen nicht einmal träumen. Wie aber sieht es auf sozialem Gebiet aus? Ohne Zweifel sind Sklavenhaltung und Leibeigenschaft zumindest in entwickelten Ländern passé. Voll-

kommen? Sprechen wir denn nicht auch heute noch von „Arbeitssklaven“ und „Lohnsklaverei“? Die Menschheit braucht weder Millionäre noch Milliardäre. Sie bedarf auch keiner „Überproduktion“ – einer Warenfülle, die gar nicht absetzbar ist. Müssen sich Menschen bis an die Zähne bewaffnen, um leben zu können? Brauchen sie Drohnen, Kanonen und Maschinengewehre? Und: Wer bestimmt eigentlich, was Menschen benötigen und was nicht? Gerda Huberty, Neundorf Thomas de Maizière ist wirklich ein würdiger Sohn seines Vaters. Der war im Frühjahr 1945 Erster Generalstabsoffizier in der Operationsabteilung des Oberkommandos des faschistischen Heeres. In der BRD avancierte er zum Generalinspekteur der Bundeswehr. Mit der Ernennung zum Bundesverteidigungsminister im März 2011 hat der Sohn seinen Vater auf der Karriereleiter nicht nur überholt, sondern sich – im Zusammenhang mit der Neuausrichtung der Bundeswehr zu einer weltweit einsetzbaren Interventionsarmee – sogar zu einem „Global Player“ entwickelt. Welch ein Aufstieg für einen peniblen Beamten preußischer Prägung und treuen Parteisoldaten der CDU! Jetzt ist er sogar als künftiger NATO-Generalsekretär im Gespräch. Neuerdings betätigt sich de Maizière auch als „Militär-Theoretiker“: Bei einer Veranstaltung in der Berliner Französischen Friedrichstadtkirche vertrat er die Auffassung, gerechte Kriege gäbe es nicht. Eine absurde These, welche die tausendfach bestätigte marxistische Konzeption vom gerechten Krieg widerlegen soll. Dafür aber vertrat der Drohnen-Minister die Meinung, einen „gerechtfertigten Krieg“ könne es durchaus geben. Die benötigte Rechtfertigung dafür wird sich doch wohl finden lassen! Oberstleutnant a.   D. Roland Potstawa, Potsdam Als überzeugter Marxist verfolge ich seit Jahrzehnten die internationale Politik. Unverändert bin ich Anhänger der sozialistischen Idee, wenn sie sich zielgerichtet und durchdacht, nicht aber engstirnig, machtbesessen und schönfärberisch auf der Basis des gesellschaftlichen Eigentums entwickeln kann. Persönlich habe ich zu Zeiten der DDR Höhen und Tiefen erlebt. Seit zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich kritisch mit der Aufarbeitung ihrer 40jährigen Geschichte, ohne dabei meine Identität – es waren ja 40 Jahre aktiven Arbeitslebens – aufzugeben oder ad acta zu legen. Ein jüdischer Schulkamerad, der seit 1955 in Brasilien lebt, sagte mir auf die Frage, wie er das derzeitige Weltgeschehen beurteile, sinngemäß: Weder Obama noch Merkel bestimmen dessen Verlauf. Die Entscheidung darüber, wann und wo Kriege geführt werden, trifft allein jene Handvoll privater Kapitalbesitzer, die alle Fäden der Macht in Händen hält. Drei internationale Säulen sind dabei vor allem maßgeblich: der militärisch-industrielle Komplex, der allein in den USA für über 50 % des Bruttoinlandsproduktes steht; das internationale Finanzsystem mit IWF und Weltbank an der Spitze, das alle diesbezüglichen Entwicklungsprozesse steuert, lenkt oder beeinflußt; die eng miteinander verflochtenen Spionage- und Abwehrsysteme, deren Erkenntnisse maßgeblich auf Entscheidungen der jeweiligen Regierungen einwirken. Der Imperialismus verstrickt sich immer mehr in seine inneren Widersprüche, wie es Lenin treffend formulierte, wobei das Privateigentum an Geld und Produktionsmitteln die Grundlage des herrschenden Machtsystems ist und bleibt. Horst Winter, Ilmenau

RotFuchs / September 2013

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Wählt das Original und nicht die Kopierer! 

Am 13. September um 16.30 Uhr spricht Genosse Uwe Hiksch, Marxistisches Forum der Partei Die Linke, auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Berlin im ND-Gebäude, Franz-Mehring-Platz 1 (Nähe Ostbahnhof), über das Thema Marxistische Theorie und Umweltschutz

Grafik: Klaus Parche

Am 14. September um 10 Uhr spricht Prof. Dr. Horst Schneider auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Dresden in der „Drogenmühle“ Heidenau, Dresdner Straße 26, über das Thema

Am 26. September um 15 Uhr präsentiert Genosse Egon Krenz auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Rostock im Mehrgenerationenhaus Evershagen, Maxim-GorkiStr. 52, das von ihm herausgegebene Buch

Die Charta der Vereinten Nationen und deren Umsetzung

Walter Ulbricht (Zum 120. Geburtstag und 40. Todestag)

IMPRESSUM Der im Februar 1998 gegründete „RotFuchs“ ist eine von Parteien unabhängige kommunistisch-sozialistische Zeitschrift. Herausgeber: „RotFuchs“-Förderverein e.V. Chefredakteur: Dr. Klaus Steiniger (V.i.S.d.P.) Rheinsteinstraße 10, 10318 Berlin Tel. 030/561 34 04 Mail: [email protected]  (Redaktionsadresse) Sekretärin: Karin Großmann Layout: Rüdiger Metzler

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Autorenkreis: Dr. Matin Baraki Thomas Behlert Rolf Berthold Konstantin Brandt Dr. Vera Butler (Melbourne) Wolfgang Clausner Prof. Dr. Götz Dieckmann Ralph Dobrawa Dieter Fechner Bernd Fischer Peter Franz Günter Freyer Prof. Dr. Georg Grasnick Ulrich Guhl Bernd Gutte Dr. Ernst Heinz Helmuth Hellge Eberhard Herr Manfred Hocke Erik Höhne

Rico Jalowietzki Rudi Kurz Wolfgang Mäder Bruno Mahlow Dr. Bernhard Majorow Prof. Dr. Herbert Meißner Wolfgang Metzger Jobst-Heinrich Müller Horst Neumann Cornelia Noack Erhard Richter Prof. Dr. Horst Schneider Prof. Dr. Rolf Sieber Joachim Spitzner Bruni Steiniger Dr.-Ing. Peter Tichauer Marianne Walz Johann Weber Prof. Dr. Zbigniew Wiktor (Wrocław) Edda Winkel

Künstlerische Mitarbeit: Dieter Eckhardt, Heinz Herresbach, Klaus Parche, Heinrich Ruynat, Renatus Schulz, Gertrud Zucker Versand und Vertrieb: Karin Dockhorn Postfach 02 12 19, 10123 Berlin Tel. 030/2 41 26 73 [email protected] oder Sonja Brendel Tel. 030/5 12 93 18 Heiner Brendel, Gerald Umlauf, Hans Ludwig, Peter Barth u. v. a. m. Finanzen: Jürgen Thiele Prerower Platz 6, 13051 Berlin Tel. 030/981 56 74 Unser Konto: „RotFuchs“-Förderverein Kto.-Nr.: 2 143 031 400 Berliner Sparkasse BLZ: 100 500 00 Für Einzahler im Ausland IBAN: DE 27 1005 0000 0220 1607 59 BIC: BELADEBEXXX

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