Erinnern! - Landesportal Sachsen-Anhalt

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Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin Prettiner Landstraße 4| 06925 Annaburg, OT Prettin | Tel.: (035386) 609 975 | Fax: (035386) 609 977 mail: info-lic...

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Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin Prettiner Landstraße 4| 06925 Annaburg, OT Prettin | Tel.: (035386) 609 975 | Fax: (035386) 609 977 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 8–15.30 Uhr Freitag von 8–13 Uhr | jeder letzte Sonntag im Monat 13–17 Uhr

Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg c/o Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie | Olga-Benario-Straße 16/18 | 06406 Bernburg Tel.: (03471)31 98 16 | mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 9 –16 Uhr, Freitag 9 –12 Uhr | jeder 1. Sonntag im Monat 11–16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge Postanschrift: Vor den Zwiebergen 1 | 38895 Langenstein Tel./Fax: (03941)302 48 oder Tel.: (03941)567 324 | mail: [email protected] Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 –15.30 Uhr | Samstag und Sonntag: April bis Oktober 14–17 Uhr November/Januar bis März 14–16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) Postanschrift: Postfach 200 256 | 06003 Halle (Saale) | Hausanschrift: Am Kirchtor 20 b | 06108 Halle (Saale) Tel.: (0345)220 13-35 oder (0345)220 13-37 | Fax: (0345)220 13-39 mail: [email protected] Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 –16 Uhr | Samstag und Sonntag 13–17 Uhr

Erinnern!

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg Postanschrift: Postfach 180 249 | 39029 Magdeburg | Hausanschrift: Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg | Tel.: (0391)244 55 90 | Fax: (0391)244 55 99 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch 9 –16 Uhr | Donnerstag 9 –18 Uhr | Freitag 9 –15 Uhr | jeder 1. Samstag im Monat 10 –12 Uhr sowie nach Vereinbarung

Aufgabe, Chance, Herausforderung.

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

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An der Bundesautobahn A2 | 39365 Marienborn | Tel.: (039406)920 90 | Fax: (039406)920 99 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 –17 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gruppenführungen sind grundsätzlich vorher anzumelden.

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin

Geschäftsstelle

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

Erinnern  !

2 | 2011

Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt | Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg Tel.: (03 91) 244 55 930 | Fax: (03 91) 244 55 998 | mail: [email protected]

Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg

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Autoren Dr. Alfred Eisfeld ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nordost-Institut/Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. (IKGN e. V.) und Mitglied des Bundesvorstandes der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. | Dr. Ute Hoffmann ist Leiterin der Gedenkstätte für die Opfer der NS„Euthanasie“ Bernburg. | Wolfgang  Hasibether ist geschäftsführender Vorstand der Wilhelm-LeuschnerStiftung Bayreuth. | Helmuth Loth ist Vorsitzender des Vereins für Geschichte von Sangerhausen und Um-

Die Auswirkungen von Deportationen auf spätere Generationen der Deutschen in Russland Alfred Eisfeld

gebung e. V. | Dr. Kai Langer ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. | Daniel Bohse ist Leiter der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg | Michael Viebig ist stellvertretender Leiter der Gedenkstätte

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ROTER OCHSE Halle (Saale) | Gesine Daifi ist stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge. | Dr. Sascha Möbius ist Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

Der Lebensborn e. V. – (k)eine karitative Einrichtung Ute Hoffmann

Dr. André Gursky ist Leiter der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale). | Paul Kannmann ist Lehrbeauf-

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tragter am Institut für Geschichte der Universität Magdeburg. | Prof. Dr. Patrick Wagner ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Gefangen im Konzentrationslager Lichtenburg – Das Schachspiel von Ernst Reuter und Wilhelm Leuschner Wolfgang Hasibether

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„Erinnern und Gedenken“ – eine Sangerhäuser Initiative Helmut Loth

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Der 66. Jahrestag des Massakers von Gardelegen – Rede zur Übergabe des Besucherleitsystems an der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune Kai Langer Sowjetische Militärtribunale im „ROTEN OCHSEN“ 1945–1952 Daniel Bohse

Fotonachweis 3, 4, 5, 7: Alfred Eisfeld | 18, 21: Lebensborn e.V. Wernigerode | 24: Wilhelm-Leuschner-Stiftung Bayreuth 28, 30: Initiative Gedenken und Erinnern, Sangerhausen | 32: Volksstimme (Gardelegen) | 37, 39, 42, 67, 68, 69: Sammlungsbestand Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) | 43: privat | 49, 50, 51: Sammlungsbestand Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn 54: Sammlungsbestand Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin | 57, 59, 60: Sammlungsbestand Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge 64: Sammlungsbestand Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg

Impressum 32

Herausgeber:

Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt | Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg



Tel. (0391) 244 55 930 | Fax (0391 244 55 998



Mail: [email protected]

Redaktion:

Kai Langer (verantw.) | Daniel Bohse | Gesine Daifi | Ulrike Groß | André Gursky

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Aus der Arbeit der Gedenkstätten

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Rezensionen

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Ute Hoffmann, | Sascha Möbius | Johannes Schwartz | Frank Stucke | Michael Viebig Gestaltung:

behnelux gestaltung, Halle (Saale)

Druck:

Salzland Druck Staßfurt

Spendenkonto: Konto 8100 15 16 | BLZ 81 000 000 | Deutsche Bundesbank Bestellungen für den Rundbrief „Erinnern!“ richten Sie bitte an die Geschäftsstelle der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Herausgeber dar. Für die inhaltlichen Aussagen tragen die Autoren die Verantwortung.

Inhalt

Anhang

Die Auswirkungen von Deportationen auf spätere Generationen der Deutschen in Russland 1 Alfred Eisfeld

In diesem Jahr jähren sich zum 70. Mal der Jahrestag des Überfalls deutscher Truppen auf die Sowjetunion und damit auch der Jahrestag des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die „Umsiedlung“ der in den Wolga-Gebieten lebenden Deutschen. In der Öffentlichkeit, insbesondere in Russland, wird der Überfall Hitlerdeutschlands als Ursache für diese „Umsiedlung“ bezeichnet. In Veröffentlichungen und Vorträgen habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass in Teilen der russischen Öffentlichkeit bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine deutschfeindliche Stimmung vorhanden war. Es gab Veröffentlichungen mit so aus­ sagekräftigen Titeln wie: „Wie kann die friedliche Eroberung unserer Randgebiete aufgehalten werden?“ 2, „Die friedliche Eroberung Russlands durch die Deutschen“ 3, oder „Die deutsche Spionage“ 4. Während bereits vor dem Ersten Weltkrieg vor einer potentiellen Gefahr durch deutsche Siedler gewarnt wurde, schlug die Stimmung nach Kriegsausbruch endgültig um: „Mit Bestimmtheit lässt sich sagen, dass bisher keine Armee der Welt über eine derartige Masse an Spionen verfügte wie unsere Feinde dank der Spionagedienste der in Polen, Litauen und in Wolhynien siedelnden deutschen Kolonisten. Die deutschen Kolonisten nahmen sowohl die diplomatische als auch die materielle Hilfe ihres Vaterlandes in Anspruch. Deutschland sparte nicht an Mitteln, als es seine Vorposten in unserem Bereich aufbaute, und profitiert jetzt von den Früchten seiner langjährigen Mühen und finanziellen Opfer.“ 5 Diese Vorstellung führte während des Ersten Weltkrieges zu einer präventiven Deportation von ca. 500.000 deutschen Untertanen Russlands aus den polnischen Gouvernements, den Gouvernements Estland, Livland, Wilno, Kowno, Wolhynien, Podolien und Kiev. Für den betreffenden Zeitraum standen sie im Inneren Russlands unter Polizeiaufsicht, ihre bäuerlichen und handwerklichen Betriebe wurden staatlich verwaltet. Nach dem Ende des Krieges durften die Deportierten in ihre Heimatorte zurückkehren. 1

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Schon wenige Jahre später gerieten in der ersten Hälfte der 1920er Jahre nicht nur deutsche Vertretungen in der Sowjetunion unter Spionageverdacht. Aus dem gleichen Grund wurden auch die deutschen Sowjetbürger in ihrem beruflichen Wirken wie in ihrem privaten Leben vom Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKVD) überwacht. Die so zusammengetragenen Informationen nutzte das NKVD ab Mitte der 1930er Jahre zu einem breit angelegten Vorgehen. Auf der Grundlage des Befehls Nr. 00439 vom 25. Juli 1937 begann das Vorgehen gegen die deutsche Minderheit. Allein in der Zeit zwischen dem 15. September und dem 15. November 1937 wurden im Zuge dieser Aktion 55.005 Personen abgeurteilt, darunter 41.898 zum Tode.6 Die russischen Historiker N. Ochotin und A. Roginskij kamen in ihren Untersuchungen zum Ergebnis, dass in den Jahren 1937 und 1938 insgesamt zwischen 69.000 und 73.000 Deutsche betroffen waren.7 Dabei ist zu berücksichtigen, dass bereits Anfang der 1930er Jahre ca. 50.000 Deutsche als „Kulaken“ (Großbauern) aus ihren Siedlungen verbannt, 1932/33 1.200 deutsche Familien aus den grenznahen Rayons der Ukraine nach Karelien deportiert, 1934 ca. 4.000 Deutsche in der Ukraine verhaftet und 1936 ca. 15.000 aus dem Gebiet Žitomir nach Kasachstan deportiert wurden. Die Aufzählung erfasst bei weitem nicht alle Repressionen gegen Deutsche. Berücksichtigt man, dass die Angehörigen der kriminalisierten Deutschen als Familienmitglieder von „Feinden des Volkes“ galten, wird klar, dass sich schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über die Hälfte der deutschen Bevölkerung in der UdSSR in einem rechtlosen Zustand befand. Verantwortlich dafür war neben innenpolitischen Gründen auch die Reaktion der sowjetischen Führung auf die Politik des deutschen Nationalsozialismus, der deutsche Minderheiten in ostmitteleuropäischen Staaten für sich instrumentalisierte. 1. Kriegsbeginn, Verhaftungen und Deportation aufgrund der Volkszugehörigkeit Nach dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 verhängte diese über die grenznahen Gebiete den Kriegszustand. Die Militärbehörden hatten damit das Recht, „sozial gefährliche Elemente“ in ihrem Zuständigkeitsbereich zu verhaften und vor ein Militärtribunal zu stellen. Doch schon ab dem 2. Juli 1941 zogen die Volkskommissariate des Innern (NKVD) und für Staatssicherheit (NKGB) diese Befugnis per Befehl an sich. Am 14. August 1941 gab das Oberkommando der Roten Armee den Befehl zur unverzüglichen Räumung der Krim von den dort ansässigen Deutschen.8 Die Deportation wurde in der Zeit vom 15. bis 22. August 1941 durchgeführt.9 Bereits wenige Tage später, am 2

26. August 1941, fassten der Rat der Volkskommissare der UdSSR und das Zentralkomitee der kommunistischen Partei den Beschluss über die Umsiedlung der Deutschen aus der Wolga-Republik und aus den benachbarten Gebieten Saratov und Stalingrad. Am selben Tag verabschiedete der Kriegsrat der Leningrader Front den Beschluss Nr. 196 „Über die unbedingte Evakuierung der deutschen und finnischen Bevölkerung aus den Vororten der Stadt Leningrad“ und der Kriegsrat der Südfront befahl die „Evakuierung“ der deutschen Bevölkerung von der Halbinsel Krim und aus dem Gebiet Dnjepropetrowsk.10 Aus dem letztgenannten Gebiet umfasste die Deportation in die Region Altai wegen der vorrückenden Front nur 3.200 Personen.11 In den Altai wurden bis Anfang Oktober auch 6.000 Deutsche aus dem bereits von den deutschen Truppen besetzten Gebiet um Odessa gebracht.12

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Erlass vom 28. August 1941 über die Umsiedlung der Wolga-Deutschen

Die am 29. August 1941 beschlossene „Evakuierung“ von 96.000 Finnen und Deutschen aus dem Umland von Leningrad hatte zunächst die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) der Komi und in das Gebiet Archangelsk als Ziel, drei Tage später legten Bevollmächtigte des Staatlichen Verteidigungsrates dann Kasachstan und Sibirien fest. 13 Der stellvertretende Volkskommissar des Innern Merkulov wies in seinem Bericht vom 30. August darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine administrative Aussiedlung, sondern um eine zwangsweise Evakuierung handele.14 Dies gilt auch für die nachfolgenden „Umsiedlungen“. Die Deportation aus der ASSR der Wolgadeutschen, den Gebieten Saratov und Stalin­ grad umfasste alle Deutschen ohne Ausnahme, also auch Mitglieder der kommunis­ tischen Partei und des Jugendverbandes Komsomol sowie Familienangehörige von 4

Soldaten und Offizieren.15 Die letztendlich von fast 20.000 Angehörigen des NKVD, Miliz­ionären und Soldaten überwachte Maßnahme16 war zunächst für die Zeit vom 3. bis zum 20. September 1941 vorgesehen, begann aber bereits am 31. August. Aus der Wolga-Republik wurden über 365.000 sowie aus den Gebieten Saratov und Stalingrad weitere 72.951 Deutsche nach Sibirien und Kasachstan deportiert.17 Am 31. August 1941 fasste das Politbüro der kommunistischen Partei den Beschluss „Über die Deutschen, die auf dem Territorium der Ukrainischen SSR leben“ mit der Planung weiterer Deportationen aus den frontnahen Gebieten Zaporož’e (63.000 Personen), Stalino (41.000 Personen) und Vorošilovgrad (5.487 Personen).18 Wegen des raschen Vormarsches der Wehrmacht gelang dies nur zum Teil mit der Verbringung von 79.589 Menschen nach Kasachstan und in das Gebiet um Novosibirsk.19 Aus einem Bericht von Beria 20 ist bekannt, dass zwischen dem 2. und 5. September 1941 in diesen Gebieten 7.091 Deutsche unter dem Vorwurf „antisowjetischer Elemente“ verhaftet und 13.484 männliche Einwohner dieser Gebiete „mobilisiert und unter Bewachung auf Baustellen des GULAG des NKVD der UdSSR“ geleitet wurden.21 Eine erste Auswertung der Namenslisten von betroffenen und inzwischen rehabilitierten Einwohnern des Gebiets Stalino ergab folgendes Bild. Unter den Personen, deren Namen nach dem kyrillischen Alphabet mit A, B und W beginnen, konnten 225 Deutsche identifiziert werden. Mehrheitlich zwischen dem 3. und dem 6. September verhaftet, wurden sie zu langen Lagerstrafen, zur Verbannung oder zum Tode verurteilt. 82 von ihnen überlebten Transport bzw. Lager nicht, weitere 5 gelten als vermisst.22 Am 6. September 1941 wurde die Deportation von Deutschen aus der Stadt und dem Gebiet Moskau (8.617 Personen) und dem Gebiet Rostov (21.400 Personen) beschlossen. Am 20. September begannen in der Hauptstadt Moskau und im Moskauer Umland die Verhaftungen von 1.142 Deutschen und die Deportation von 8.449 weiteren nach Kasachstan. Ausgenommen blieben Frauen und Kinder in interethnischen Ehen, Alte und Invaliden, benötigte Fachleute auf Fürsprache ihrer Dienststellen und Familienangehörige von Militärs.23 Mitte September 1941 lehnte das Staatliche Verteidigungskomitee der UdSSR einen Beschluss ab über die Deportation aller Deutschen aus dem europäischen Teil Russ­ lands, aus den transkaukasischen Republiken und aus den an China bzw. die Mongolei grenzenden Regionen und Gebieten in Fernost nach Kasachstan.24 Die Aufmerksamkeit richtete sich stattdessen auf die Deutschen in den Regionen Krasnodar und 5

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Ordžonikidze, dem Gebiet Tula und den autonomen Republiken Kabardino-Balkarien und Nord-Osetien und ihre Verbringung nach Kasachstan.25 Im gleichen Monat erfolgte die Deportation der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten Kujbyšev und Kalinin, dann im Oktober aus den Republiken Georgien, Armenien und Azerbajdžan, den Gebieten Voronež und Gor’kij, aus den Autonomen Republiken Dagestan und Tschetschenien. Insgesamt wurden während des Krieges rund 890.000 Russlanddeutsche deportiert. Das besondere an diesen Deportationen war, dass sie, anders als die Deportationen während des Ersten Weltkrieges, unter massivem Einsatz von bewaffneten Kräften durchgeführt wurden. Bei der Deportation war das Verhältnis zwischen den Sicherheitskräften und den Deportierten in der Wolga-Region 1:30, in anderen Regionen 1:8 und 1:10; 26 die ukrainische, russische oder weißrussische Zivilbevölkerung der Besatzung durch den Feind überlassen wurde, die Deutschen aber nach Osten abtransportiert wurden; die Deutschen generell der Bereitschaft zur Kollaboration mit dem Feind verdächtigt wurden und den Wolgadeutschen vollzogener Vaterlandsverrat vorgeworfen wurde. Dazu hieß es in einem Dekret vom 28. August 1941: „Laut genauen Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Wolga-Rayons wohnenden deutschen Bevölkerung Tausende und aber Tausende Diversanten und Spione, die nach dem aus Deutschland gegebenen Signal Explosionen in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen. Über das Vorhandensein einer so großen Anzahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat keiner der Deutschen, die in den Wolga-Rayons wohnen, die Sowjetbehörden in Kenntnis gesetzt, folglich verheimlicht die deutsche Bevölkerung der Wolgarayons die Anwesenheit in ihrer Mitte der Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht“.27 Diese Anschuldigung führte zur Ausgrenzung der Deutschen in der Sowjetunion, zu ihrer Gleichsetzung mit den Truppen Hitlerdeutschlands und mit dem Faschismus schlechthin. Die Ausgrenzung fand ihren Niederschlag in Rechtsvorschriften, die Russlanddeutsche bis zum Ende der Existenz der Sowjetunion die gleichberechtigte Teilnahme am öffentlichen Leben verwehrte, z. B. der Zugang zu höherer Bildung, Auslandsreisen, Arbeit in sicherheitsrelevanten Forschungsinstituten, Konstruktionsbüros und Betrieben oder der Dienst in bestimmten Truppenteilen. 6

2. Verlust der Heimat Am 7. Oktober 1951 unterzeichnete Josef Stalin 28 den Beschluss des Ministerrates der UdSSR Nr. 3857–1763 ss. Punkt 1 a sah die Verlängerung sog. Sondersiedlungen für die Deutschen, Tschetschenen, Kalmücken, Inguschen, Balkaren, Karatschaer, Griechen und Krimtataren für ewige Zeiten vor. Jedem Sondersiedler aus diesen Gruppen sollte eine schriftliche Erklärung abverlangt werden über das Dekret vom 26. November 1948 und die darin enthaltene Strafandrohung von 20 Jahren Zwangsarbeit für unerlaubtes Entfernen aus der Sondersiedlung.29

Bestätigung über die Kenntnisnahme des Dekretes vom 26. 11. 1948

Bis zum Ende des Jahres 1951 wurden auch die Deutschen in Mittelasien, im Ural, in Sibirien und im Fernen Osten der UdSSR auf Beschluss des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) dem Regime der Sondersiedlung unterstellt.30 7

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Nach dem Tod Stalins berichtete der Leiter der Abteilung „Sondersiedlung“ dem Innen­ minister der UdSSR am 12. Mai 1953, dass die Deportation der Deutschen aus den europäischen Gebieten der UdSSR, deren Einweisung in Sondersiedlungen sowie die Unterstellung der im asiatischen Teil des Landes ansässigen deutschen Bevölkerung unter das Prinzip der so genannten Sondersiedlungen rein vorbeugender Natur war. Es handelte sich dabei um 967.145 Menschen, gegen die nichts Kompromittierendes vorlag.31 Die Abschwächung des Regimes der Sondersiedlung begann erst 1954 mit der Entlassung von deutschen Frauen von Frontkämpfern, von minderjährigen Kindern, von Kindern aus interethnischen Ehen (wenn diese die Volkszugehörigkeit des nichtdeutschen Elternteils wählten), von Ordensträgern, Kommunisten und Fachleuten ausgewählter Berufe. Am 13. Dezember 1955 beschloss der Oberste Sowjet der UdSSR schließlich die Aufhebung der Sondersiedlungen, verhängte jedoch gleichzeitig ein Verbot der Rückkehr in die Siedlungsgebiete der Vorkriegszeit. Jeder Deutscher musste vor seiner Entlassung aus der Sondersiedlung eine entsprechende Erklärung unterschreiben. Damit wurde aus der von bewaffneten Kräften durchgeführten Deportation eine von den Verwaltungsbehörden überwachte Vertreibung aus der Heimat.32 Das Dekret des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 bewertete die 1941 gegen die in der Wolga-Region siedelnden Deutschen erhobenen Anschuldigungen der Kollaboration mit dem Feind als pauschal und unbegründet. Die Wolgadeutschen und die anderen deportierten Deutschen sollten aber weiterhin in den Verbannungsorten bleiben.33 Diesem Ziel dienten mehrere Kampagnen der KPdSU zu einer freiwilligen Sesshaftigkeit in den Gebieten der Zwangsansiedlung, insbesondere nach der formellen Aufhebung des Rückkehrverbots 1972. In den Jahren 1989 und 1990 versuchten regionale Verwaltungen unter Einbeziehung der Gesellschaft „Wiedergeburt“ 34, Deutsche für die Rückkehr an die Wolga und in fünf Gebiete der Ukraine zu gewinnen, da die demographische Entwicklung zu einer fortschreitenden Überalterung und einem akuten Arbeitskräftemangel in ehemals deutschen Siedlungen zur Folge hatte. Sowohl die ukrainische als auch die russische Regierung haben diese Bemühungen zum Scheitern gebracht. Die Aussage des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin 35 vom 8. Januar 1992, wonach die Wolga­deutschen ihre Republik auf dem Gelände des verseuchten Truppenübungsplatzes „Kapustin Jar“ errichten könnten, sofern sie dort 90 Prozent der Bevölkerung stellen würden, bildete faktisch das Ende der Bemühungen um eine vollständige Rehabilitierung der Wolga­ 8

deutschen.36 Daran ändert nichts, dass einige hundert Familien mit Unterstützung der russischen, vor allem der deutschen Regierung im Wolga-Gebiet eine neue Existenz aufbauen konnten. Aus den Deportationen der Kriegsjahre wurde eine endgültige Vertreibung. 3. Verlust des Eigentums und Bevölkerungsaustausch Der 1941 erfolgte Beschluss des Rates der Volkskommissare (Sownarkom) und des ZK der Kommunistischen Partei über die Deportation der Deutschen aus der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) und den Gebieten Saratov und Stalingrad mündete umgehend in Beschlüsse über die Bewirtschaftung des zurückgelassenen Landes. In Ausführung der Verordnung des Sownarkom und des ZK der VKP(b) vom 26. August 1941 beschloss das Stalingrader Gebietspartei­ komitee bereits am folgenden Tag die Entsendung von 5.080 Kolchosbauern, Traktoristen und sonstiger Bevölkerung zur landwirtschaftlichen Arbeit im Gebiet der ASSRdWD. Sie sollten dort nicht später als am 2. September – also noch vor der Deportation der Wolga­deutschen – eintreffen.37 Auf Ersuchen des Gebietsparteikomitees Saratov beschloss die Regierung der UdSSR die Einweisung von 44.744 Familien aus einer Reihe von Gebieten Russlands und der Ukraine in 11 Rayons der Wolga-Republik. Dafür standen 1,2 Mio. Hektar Land, 33.103 Wohnhäuser mit Wirtschaftsgebäuden und rund 250.000 Stück Vieh zur Verfügung.38 Die deportierten Deutschen bekamen Bescheinigungen über das zurückgelassene Eigen­tum und deren Wert ausgehändigt.39 Das Gebiet der Wolga-Republik wurde per Beschluss des Rates der Volkskommissare und des ZK der Kommunistischen Partei vom 6. September 1941 auf die Gebiete Saratov und Stalingrad aufgeteilt, gestützt durch einen Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom folgenden Tag.40 Diese Gebietsaufteilung der Wolgarepublik war verfassungswidrig, da sie ohne Zustimmung des Obersten Sowjets der ASSRdWD und des Obersten Sowjets der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) erfolgte. Die als Kriegsflüchtlinge und Umsiedler aus benachbarten Gebieten in den Saratover Teil der Wolga-Republik eingewiesenen Siedler wollten dort wegen der unzureichenden Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoff nicht bleiben. So nutzten sie innerhalb von zwei Jahren etwa 30 Prozent der Häuser und Wirtschaftsgebäude als Brennholz, bis 1946 waren dann schon mehr als zwei Drittel der Häuser zerstört. Als die Kriegsflücht9

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linge aus westlichen Gebieten Russlands und aus der Ostukraine nach der Befreiung ihrer Dörfer und Städte wieder heimgekehrt waren, blieben verwüstete Dörfer zurück. Über den Verbleib des Eigentums der in der Ostukraine in den ersten Kriegsmonaten Verhafteten ist nur bekannt, dass viele von ihnen neben der Haftstrafe mit Verbüßung im Arbeitslager auch mit dem Entzug des persönlichen Eigentums bestraft wurden. Über den Verbleib des Eigentums der Mobilisierten und der Deportierten gibt es keine gesicherten Kenntnisse. 4. Verlust der Entscheidungsmöglichkeit Die Zeit nach 1955 bezeichnet man gemeinhin als Phase der Normalisierung. Mit „Normalisierung“ ist hier die Rückkehr zu einem zivilen Leben gemeint. Von einem selbst bestimmten Leben konnte aber keine Rede sein. Schon mit der Aufhebung der Sondersiedlung für die in Sibirien, Kasachstan und Mittelasien ortsansässigen Deutschen im Juli 1954 begannen die Gliederungen der KPdSU verschiedener Ebenen mit den Bemühungen um die Einbeziehung aller Russlanddeutschen in den Arbeitsprozess und mit der Gewinnung der Jugend für die Mitwirkung und die Mitgliedschaft in gesellschaftlichen und politischen Organisationen, darunter auch im kommunistischen Jugendverband. Die zweite Zielrichtung bestand in der Ausrichtung der politischen und Organisationsarbeit auf die Bindung der sog. Sondersiedler an ihre Aufenthaltsorte und die Stärkung der Arbeitsdisziplin.41 Noch vor der allgemeinen Aufhebung der Sondersiedlung verabschiedete das ZK der KPdSU am 29. Juni 1955 einen entsprechenden Beschluss „Über Maßnahmen zur Verstärkung der politischen Arbeit mit den Sondersiedlern“. Während die Parteikomitees angewiesen wurden, die Indoktrination der sogenannten Sondersiedler zu verstärken, kamen mit dem Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 8. Dezember 1955 über die Aufhebung der Sondersiedler zwei neue Komponenten hinzu: das Verbot der Rückkehr in ihre Heimatgebiete und die Rückgabe des bei der Deportation gegen Quittung zurückgelassenen Eigentums.42

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Rückkehrverbot in das Siedlungsgebiet der Vorkriegszeit (1956)

Der Erlass des Obersten Sowjets vom 29. August 1964 bekräftigte das Verbot auf Rückkehr in die Heimatgebiete in etwas abgewandelter Form mit dem Verweis darauf, dass die ehemaligen deutschen Ortschaften von anderen Menschen bewohnt würden. Inzwischen wären die Deutschen an ihren neuen Wohnorten heimisch geworden, weshalb alle Anstrengungen darauf gerichtet werden müssten, ihre Lage in den einstigen Verbannungsgebieten zu verbessern. Das Verbot auf Rückkehr in die Heimatgebiete wurde erst durch einen Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 9. Januar 1974 aufgehoben.43

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5. West-Ost-Verschiebung der Siedlungsgebiete Die Deportationen der Zwischenkriegs- und Kriegsjahre und die Binnenmigration in der UdSSR in den 25 Jahren nach der Aufhebung der Sondersiedlung hatte eine West-Ost-Verschiebung in der Siedlungsgeografie der Deutschen in der UdSSR zur Folge. Während 1926 im europäischen Teil des Landes (einschließlich Krim und Nord­ kaukasus) noch 54,6 Prozent, in Sibirien 6,6 Prozent, in Kasachstan 4,1 Prozent und in Mittelasien 0,8 Prozent der Population ihren Wohnsitz hatten, verblieben bis 1979 in der Ukraine (1926: 31,8 Prozent) einschließlich der Krim und der Karpato-Ukraine (die 1926 nicht zur UdSSR gehörte) nur noch 1,8 Prozent der deutschen Bevölkerung. Im europäischen Teil des Landes (ohne Ukraine) siedelten 18,6 Prozent, in Sibirien 23,8 Prozent, in Kasachstan 46,5 Prozent und in Mittelasien 9,3 Prozent der 1.936.214 ermittelten Deutschen.44 6. Schule und Bildung Mit dem Beschluss des ZK der KPdSU vom 5. Juli 1954 begann man sich verstärkt um die schulische und berufliche Bildung der Erwachsenen und der Jugendlichen zu kümmern. Es ging unter anderem darum, alle Schulpflichtigen für den Unterricht zu erfassen. In Berichten über die Lage der deutschen Bevölkerung in Kasachstan finden sich wiederholt Aussagen darüber, dass eine Unterrichtung der Kinder in deutscher Sprache nicht erforderlich sei.45 Dennoch erhielt die deutsche Sprache einen gewissen Raum in den Medien. Der Partei­ führung war bekannt, dass die ältere Generation der Russlanddeutschen kaum Russisch, geschweige denn Kasachisch sprach. Ihre politische Erziehung musste also in deutscher Sprache stattfinden. Dazu gehören die eigens für die Region Altai gegründete Zeitung „Die Arbeit“ (1957 von der Zeitung „Die Rote Fahne“ abgelöst) und die in Moskau vom Verlag der Parteizeitung „Pravda“ herausgegebene Wochenzeitung „Neues Leben“. Am 28. Mai 1957 strahlte Radio Alma-Ata die erste deutschsprachige Rundfunksendung aus. Für die Zuhörer war das Wunschkonzert mit den Volksliedern der wichtigste Teil, für die KPdSU die Ausstrahlung politischer Parolen in deutscher Sprache. Ähnliche Sendungen gab es auch von den Rundfunkredaktionen in Omsk und Barnaul. Wenige Wochen vorher, am 9. April 1957, erließ der Minister für das Bildungswesen der RSFSR eine Verordnung „Über die Organisierung des Unterrichts in der Muttersprache 12

der Kinder und erwachsenen Bevölkerung deutscher Nationalität“.46 Man kann diesen Unterricht damit charakterisieren, dass immer wieder und über das Ende der UdSSR hinaus das Fehlen von qualifizierten Lehrern, Lehrbüchern und Anschauungsmaterial beklagt wurde. Dementsprechend waren auch die Kenntnisse der Schüler. 7. Verlust der Muttersprache und Assimilation Mitte der 1920er Jahre lebten nur 15 Prozent der Russlanddeutschen in Städten, die weit überwiegende Mehrheit dagegen in ihrer ländlich-bäuerlichen Umgebung. Durch die Zwangsumsiedlungen zu Beginn der 1930er Jahre und die Flucht in die Städte, durch die Deportationen der Kriegsjahre und die Binnenmigration nach 1956 veränderte sich der Urbanisierungsgrad grundlegend. Bis 1979 stieg der Anteil der Stadtbevölkerung unter den Russlanddeutschen im Landesdurchschnitt auf etwa 50 Prozent, nur in Kasachstan und in Kirgisien lag er etwas niedriger.47 Das Leben in einer andersethnischen Umgebung zeitigte auch messbare Folgen für die Identität der Russlanddeutschen. Starke Veränderungen erfuhr das Verhalten bei der Wahl der Ehepartner. In den Jahren 1925 bis 1927 schlossen im europäischen Teil der RSFSR zwischen 10 Prozent und 15 Prozent der deutschen Männer und zwischen 7 Prozent und 11 Prozent der deutschen Frauen eine interethnische Ehe.48 Das Heiratsverhalten in den Nachkriegsjahren ist bislang nicht umfassend dokumentiert, zumindest gibt es dazu bisher keine zusammenfassenden Veröffentlichungen. Als Indikator mag jedoch eine 1970 in Nordkasachstan durchgeführte Untersuchung gelten. In zwei Landkreisen mit einem relativ hohen deutschen Bevölkerungsanteil schlossen etwa 20 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen eine binationale Ehe. In einem Landkreis mit einem geringen deutschen Bevölkerungsanteil lag der Anteil von solchen Ehen bei 28 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen.49 Eine weitere Untersuchung des Heiratsverhaltens in drei Landkreisen des Gebiets Pavlodar in Kasachstan in den Jahren 1966-1979 erbrachte noch höhere Werte. Der Anteil interethnischer Ehen lag hier bei den Deutschen zwischen 30 und 60 Prozent.50 Das veränderte Umfeld führte zu einem sich beschleunigenden Verlust der Muttersprache. Bei Volkszählungen gaben 1926 noch 95 Prozent der Deutschen die deutsche Sprache als ihre Muttersprache an, 1989 nicht einmal mehr 50 Prozent.

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8. Verlust des kulturellen Erbes Die Pflege des Kulturerbes in seinen mündlichen Überlieferungen sollte in Zirkeln und Gruppen für Laienkunst stattfinden. Für öffentliche Konzerte gab es staatlicherseits die Vorschrift, dass jeweils eine Strophe deutsch, die andere russisch oder kasachisch gesungen werde sollte. So sei es „internationaler“. Dazu kamen Übersetzungen patriotischer Lieder ins Deutsche. Irgendwie wollte sich niemand dafür begeistern, aber es musste dennoch sein. Berücksichtigt man, dass Noten und Liederbücher nur mit viel Mühe aufgetrieben werden konnten, wird klar, mit welchen Problemen Sänger und Chorleiter zu kämpfen hatten. Bei fehlendem Deutschunterricht und dem fast vollständigen Verdrängen der Muttersprache aus dem Alltag und deren Ersatz durch die russische Sprache wird klar, dass sich die Kenntnis der deutschen Volkslieder stark rückläufig entwickelte. So stellte der in Novosibirsk lebende Johann Klein 1974 fest: „Unser deutscher Gemeinschafts­ gesang (ist) zu einem Privat- oder Familienanliegen geworden – eine gesellschaftliche Rolle spielt er kaum noch. Die Jugendlichen – vom frühen Kindes- und Schulalter an – singen russisch, kennen im besten Fall nur noch ein paar deutsche Liedfetzen, die sie mal von den Älteren aufgeschnappt haben, und darauf beschränkt sich ihre Kenntnis des Volksliedes. Wo die sowjetdeutsche Bevölkerung noch kompakt zusammenlebt, in Dörfern und Siedlungen, kennen die Kinder noch Abzähl- und Spielverslein, wohl auch noch einige Kinderschnörkel“.51 Diese Sprachinseln haben sich aber inzwischen fast vollständig durch Auswanderung nach Deutschland aufgelöst. Die Deportationen während des Zweiten Weltkrieges, die jahrelange Trennung der Familien und die rechtlose Lage der Russlanddeutschen haben zu gravierenden Veränderungen ihres Alltags und Selbstbewusstseins geführt. Der Verlust von Merkmalen der Zugehörigkeit zur deutschen Kulturnation (Muttersprache, kulturelles Erbe, Assimilation) sind weit verbreitet. Aufgrund von soziologischen Untersuchungen kann man sagen: Je jünger die Russlanddeutschen sind, desto weniger verbindet sie mit ihren ursprünglichen Wurzeln. Die Integration von jugendlichen Aussiedlern in Deutschland hat jedoch gezeigt, dass dies keine unumkehrbare Entwicklung ist. Die zweite Schlussfolgerung lautet: je jünger die nach Deutschland kommenden Russlanddeutschen waren, umso schneller und besser konnten sie sich in der deutschsprachigen Umgebung ihrer neuen Heimat einleben, hier heimisch werden. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass russ­ 14

landdeutsche Kinder und Jugendliche auch in Russland und anderen Republiken der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) die Muttersprache ihrer Eltern erlernen könnten, sofern entsprechende Möglichkeiten geschaffen und Deutsch bzw. eine der bei der älteren Generation noch vorhandenen Mundarten die Funktion der Verkehrssprache bekäme.

Anmerkungen 1 Vortrag in der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) am 13. September 2011. 2 Liprandi, A. P. [Velicyn, A.]: Kak ostanovit’ mirnoe zavoevanie našich okrain? Nemeckij vopros, suščnost’ i značenie ego v jugo-zapadnoj Rossii Kiev 1890. 3 Sergeev, I. I.: Mirnoe zavoevanie Rossii nemcami Petrograd 1915. 4 Rezanov, A. S.: Nemeckoe špionstvo (kniga sostavlena po dannym sudebnoj praktiki i drugim istočnikam) Petrograd 1915 5 Rezanov 1915 227. 6 Ochotin, N. /Roginskij, A.: Iz istorii „nemeckoj operacii“ NKVD 1937–1938 gg. In: Repressii protiv rossijskich nemcev. Nakazannyj narod. Po materialam konferencii „Repressii protiv rossijskich nemcev v Sovetskom Sojuze v kontekste sovetskoj nacional’noj politiki“… Moskva 1999, S. 66. 7 Ochotin / Roginskij: Iz istorii „nemeckoj operacii“ NKVD 1937–1938 gg. In: Repressii protiv rossijskich nemcev 1999, S. 71. 8 Broševan, V. /Renpening, V.: Bol’ i pamjat’ krymskich nemcev (1941–2001 gg.): istoriko-dokumental’naja kniga, Simferopol’ 2002, S. 116; Reabilitovannye istoriej: Avtonomnaja respublika Krym. Red. kol.: Antipenko, V. P./ Omel’čuk, D. V./Akulov, M. P. u. a. Kn. 2, Simferopol’ 2006, S. 8. 9 Stalinskie deportacii. 1928–1953. Sost. Pobol’ N. L./Poljan P. M., Moskva 2005, S. 323. 10 Berdinskich, V. A.: Specposelency. Političeskaja ssylka narodov Sovetskoj Rossii, Moskva 2005, S. 151. 11 Staatsarchiv der Russischen Föderation (Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii, im folgenden GARF) F. R-9479, op. 1, d. 83, l. 221. 12 Deportacii narodov SSSR (1930-e–1950-e gody). Č. 2: Deportacija nemcev (sentjabr’ 1941–fevral’ 1942 gg.). sost.: Milova, O. L. Moskva 1995, S. 121. 13 „Po rešeniju pravitel’stva Sojuza SSR…“ Sost.: Bugaj, N. F./Gonov, A. M., Nal’čik 2003, S. 251; Stalinskie deportacii…, S. 327 14 Pobol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 328. 15 obol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 328.

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16 Vgl. Eisfeld, Alfred/Herdt, Victor (Hrsg.): Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 49. 17 German, A.: Nemeckaja avtonomija na Volge 1918–1941. Čast’ II. Avtonomnaja respublika 1924–1941, Saratov 1994, S. 302–303. 18 Eisfeld/Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee, S. 93. 19 Berdinskich 2005, S. 330. 20 Lawrenti Beria (1899–1953) war ein sowjetischer Politiker und ab 1938 der Chef der sowjetischen Geheimdienste. 21 Pobol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 348. 22 Berechnet nach: Reabilitovani istorieju: Donec’ka oblast’. Pred. redkol.: Grymčak, Ju. M., Doneck 2005, Kn. 2., S. 16–498. 23 Pobol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 333. 24 Pobol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 334–337. 25 Pobol’/Poljan: Stalinskie deportacii, S. 337. 26 Gul’binskij, Ju. V.: Projavlenie graždanskoj identičnosti nemcev Povolž’ja v period ich deportacii (po ocenkam sotrudnikov NKVD, provodivšich deportaciju). In: Načal’nyj period Velikoj Otečestvennoj vojny i deportacija rossijskich nemcev: vzgljady i ocenki čerez 70 let. Materialy 3-ej meždunarodnoj naučnoj konferencii. Saratov, 26–28 avgusta 2011 g., Moskva 2011, S. 467. 27 Josef Stalin (1878–1953), sowjetischer Politiker und Diktator. 28 Faximilé des Erlasses in: Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen. Mit Beiträgen von D. Brandes und W. Kahle, 2. Erweiterte und aktualisierte Auflage, München 1999, S. 122. 29 Sbornik zakonodatel’nych i normativnych aktov o repressijach i reabilitacii žertv političeskich repressij. Izd.: General’naja prokuratura RF. Pod obšč. red. G. F. Vesnovskoj. Čast’ II, Kursk 1999, S. 252–253 30 Istorija stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch – pervaja polovina 1950-ch godov: Sobranie dokumentov v 7-mi tomach / T. 5. Specpereselency v SSSR / otv. red. i sost. T. V. Carevskaja-Djakina, Moskva 2004, S. 685; ausführlicher siehe: Herdt, V.: Die Neuordnung des Sondersiedlungsregimes und das Dekret vom 26. November 1948. In: Eisfeld, Alfred (Hrsg.): Von der Autonomiebewegung zur Verbannung und Entrechtung. Die Jahre 1918 und 1941 bis 1948 in der Geschichte der Deutschen in Russland. Sonderband der Reihe „Heimatbücher der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V.“, Stuttgart 2008, S. 208. 31 GARF f. R-9479, op. 1, d. 725, l. 68. 32 Zur Definition der Vertreibung s. Zayas, Alfred de: 50 Thesen zur Vertreibung, London/München 2008, S. 11.

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33 Dekret vom 29. August 1964, veröffentlicht am 5. Januar 1965 in: Nachrichtenblatt des Obersten Sowjets der UdSSR (Vedomostì Verchovnogo Soveta SSSR), 1964, Nr. 52. 34 Die Gesellschaft Deutschen in der Ukraine „Wiedergeburt“ ist eine von drei Organisationen, die zum Rat der Deutschen in der Ukraine gehören. 35 Boris Nikolajewitsch Jelzin (geb. 1931), russischer Politiker und von 1991 bis 1999 erster Präsident Russlands. 36 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung, Nr. 267 (2. Quartal 2000): Aussiedler, online unter: http:// www.bpb.de/publikationen/09920097607434969424015569020083.0.0.Aussiedler .html 37 Eisfeld/Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee, S. 47. 38 Cherdt, V. [Herdt, Victor]: Ėtno-demografičeskie processy v Saratovskoj oblasti v 1940-e gody. In: Rossijskie nemcy na Donu, Kavkaze i Volge. Materialy Rossijsko-Germanskoj naučnoj konferencii. Anapa, 22–26 sentjabrja 1994 g., Moskva 1995, S. 215. 39 Eisfeld, 1999, S. 123. 40 Vedomosti Verchovnogo Soveta SSSR, 1941, Nr. 40. 41 Iz istorii nemcev Kazachstana (1921–1975 gg.). Sbornik dokumentov. Otv. red.: G. A. Karpykova, AlmatyMoskva 1997, S. 194–196. 42 Deutsch in: Eisfeld/Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee, S. 454–455. 43 Deutsch in: Eisfeld/Herdt: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee, S. 464. 44 Eisfeld, Alfred: Die Lage der deutschen Minderheit, in: Brunner, G./Kagedan, A.: Die Minderheiten in der Sowjetunion und das Völkerrecht, Köln 1988, S. 115. 45 Karpykova 1997, S. 203, 217. 46 Sbornik prikazov i instrukcij ministerstva prosveščenija RSFSR. Ijun’ 1957 goda. Nr. 26. 47 Filimonova, T. D.: Ob ėtnokul’turnom razvitii nemcev SSSR. In: Sovetskaja ėtnografija. H. 4/1986, S. 103. 48 Nacional’naja politika v cifrach, Moskva 1930, S. 41. 49 Evstigneeva, Ja. A.: Mežėtničeskie braki v sel’skich rajonach severnogo Kazachstana. In: Istoričeskij fakul’tet MGU (Hrsg.). Voprosy istorii SSSR, Moskva 1972, S. 464-475. 50 Kalyšev, A. B.: Mežnacional’nye braki v sel’skich rajonach (Po dannym Pavlodarskoj oblasti 1966–1979 gg.). In: Sovetskaja ėtnografija H. 2/1984, S. 73 51 Klein, V.: Unversiegbarer Born. Vom Wesen des Volksliedes der Sowjetdeutschen. Bd. 1 Alma-Ata 1974, S. 9.

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Heim „Harz“ in Wernigerode (1940er Jahre)

Der Lebensborn e. V. – (k)eine karitative Einrichtung Ute Hoffmann

Wernigerode im Juni 1937: Von zwei am Stadtrand gelegenen Villen befindet sich die eine im Besitz der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), die andere im Privat­ eigentum der Hebamme Ida Matthießen. Hinter den beiden Häusern erstreckt sich wei­ ter den Hang hinauf ein kleiner Park. Vor ihnen verläuft die Breite Straße inmitten eines ruhigen Stadtviertels. Es ist die richtige Umgebung für die so genannten Pensio­ närinnen, die von jetzt an hier wohnen. Das Heim „Harz“ des Lebensborn e. V. hat seine Pforten geöffnet. Ursprünglich hatte sich die ortsansässige Bevölkerung daran gewöhnt, dass hier nur Schwangere aus der näheren Umgebung ein- und ausgingen. Von nun an trafen sie aber nicht mehr auf ihnen bekannte Frauengesichter, sondern fremde. Ida Matthießen hatte ihr Haus dem Lebensborn e. V. zur Verfügung gestellt. Sie war zunächst noch selbst 18

als Oberschwester im Heim „Harz“ tätig. Obwohl als überzeugte Nationalsozialistin beschrieben, wehrte sie sich gegen den Ausschluss einer Mutter mit ihrem behinderten Kind aus dem Heim. Sie beendete schließlich ihr Arbeitsverhältnis im Heim „Harz“ und eröffnete mithilfe der für ihr Schweigen gezahlten Kaufsumme in der Nähe ein neues Entbindungsheim. Anfangs fanden im Heim „Harz“ 14 Frauen und fünf Kinder Platz, später stieg die Belegungszahl auf 41 Frauen und 48 Kinder. Obwohl die NSV zu deren Unterbringung ein weiteres Gebäude zur Verfügung stellte, wurden werdende Mütter auch weiterhin in Fremdenzimmern der Umgebung untergebracht. Zwischen Sommer 1937 und Mai 1945 kamen im Heim „Harz“ insgesamt 1.304 Kinder zur Welt.1 Träger des Heimes war der 1935 auf Veranlassung des Reichsführers-SS Heinrich Himmler gegründete Verein mit dem Namen „Lebensborn“, sprachlich anknüpfend an die historische Bezeichnung „Born“ für Brunnen. Nach der Satzung gab es vier wesentliche Ziele der Vereinsarbeit, nämlich „rassisch und erbbiologisch wertvolle, kinderreiche Familien zu unterstützen“, „rassisch und erbbiologisch wertvolle werdenden Mütter unterzubringen und zu betreuen“, „für diese Kinder zu sorgen“ und „für die Mütter dieser Kinder zu sorgen“.2 Die juristische Form eines eingetragenen Vereins ermöglichte zudem den Erwerb von Immobilien und Land. Organisatorisch gehörte der Lebensborn e. V. zunächst zum Sippenamt im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, ab 1938 zum Persönlichen Stab des Reichsführers-SS. Im Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie hatte sich jede Frau als Ehepartnerin und Mutter ganz den Aufgaben zu widmen, die ihr als Gefährtin des Mannes und als Erzieherin ihrer (natürlich „arischen“, gesunden) Kinder zugewiesen wurden. Keine Frau sollte sich zurückgesetzt oder nicht ausreichend anerkannt von Familie und Gesell­schaft fühlen, wenn es hieß: „eine Frau, die nicht kochen kann, ist ein Krüppel, auch wenn sie Gleichungen 4. Grades lösen kann.“ 3 Die sich aus der „natürlichen Bestimmung“ der Frau ergebenden Tätigkeiten wurden aber nicht mehr als freiwillige Leis­ tung angesehen, sondern als Pflicht gegenüber der Volksgemeinschaft: „Dann können wir aber auch von unseren Müttern verlangen, daß sie sich voll und ganz ihren Mutterpflichten und der Familie widmen.“ 4 Frauen, die mangels eines geeigneten Ehepartners ledig blieben, sollten ihre „mütterlichen Gefühle“ in „arteigenen“ Berufen im erzieherischen, sozialen oder pflegerischen Bereich ausleben können. Die Fixierung der Rolle der Frau als Hüterin von Heim und Herd zielte nicht primär auf eine enge Bindung an das 19

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Regime. Darüber hinaus ließ sich so mancherlei bewegen: eine Entspannung auf dem ökonomisch heiß umkämpften Arbeitsmarkt ebenso wie eine straffe gesellschaftliche Organisation im Hinterland in Vorbereitung auf die kommenden Eroberungsfeldzüge. Vor allem die Erwerbstätigkeit des Mannes hatte absolute Priorität für die Bestimmung des Geschlechterverhältnisses. Die Frauenpolitik der NSDAP zeitigte durchaus den gewünschten Erfolg. Viele Frauen fanden nach langen Jahren der Doppelbelastung durch Mutterschaft und Berufstätigkeit endlich die lang gesuchte Aufwertung ihrer häuslichen Tätigkeit. Das betraf immerhin Mitte der 1920er Jahre mehr als 30 % der weiblichen Bevölkerung.5 Angesichts weit verbreiteter Wohnungsnot und materiellem Elend blieb vielen Schwangeren aus Verzweifelung oft nur die illegale und gefährliche Abtreibung als Ausweg. Es kam deshalb vielen entgegen, als die nationalsozialistische Ideologie die Stellung der Frau als Hausfrau und Mutter bis hin zur Verklärung aufwertete. Ehestandsdarlehen, die ab 1938 verliehenen Mutterkreuze – die übrigens nicht zufällig die Form eines militärischen Ordens hatten – sowie die zum Kult erhobenen Muttertagsfeiern sollten vor allem dazu beitragen, die Anzahl der erwünschten Geburten zu steigern. Kinderbeihilfe, Steuererleichterungen, aber auch die Einschränkung der Beratung über Schwangerschaftsverhütung sowie die strenge Ahndung von Abtreibungen begleiteten die Propaganda als flankierende Maßnahmen. Parallel dazu bildete das staatliche Vorgehen gegen die „Minderwertigen“ und „Ballastexistenzen“ in Form von erzwungener Sterilisation bis hin zum unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch das negative Pendant zur geförderten Geburtenpolitik. Eines der ideologischen Ziele fand jedoch nicht die gewünschte Zustimmung in der Bevölkerung: die Akzeptanz lediger Mütter. Hier versuchte der Lebensborn e. V. Abhilfe zu schaffen. Die Mehrheit der Frauen, die sich an den Lebensborn wandten, erwartete tatsächlich ein uneheliches Kind und versuchte, der sonst zwangsläufig folgenden gesellschaftlichen Diskriminierung bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes und damit der materiellen Existenzgrundlage zu entgehen. Wurde ihre Bewerbung angenommen, so begaben sie sich in ein vom Wohnort weit entferntes Heim, sobald die Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war. Der Lebensborn e. V. ermöglichte ihnen dann die Geheimhaltung der Geburt, sorgte über eigene Standesämter für gefälschte Eintragungen bis hin zur Vortäuschung einer Ehe und verschaffte berufliche Anstellungen. Bei Bedarf konnte eine Mutter ihr Kind vorübergehend oder dauerhaft im Heim zurücklassen. Der Lebensborn e. V. vermittelte dann Pflegefamilien, in seltenen Fällen auch Adoptionen. Letztere 20

wurden vom Verein nicht gefördert, da eine „Mutter guten Blutes“ sich gemäß der nationalsozialistischen Ideologie nicht freiwillig von ihrem Kind trennen könne. Unter den so genannten Pensionärinnen befanden sich aber auch Frauen, die bereits verheiratet waren (in der Regel mit höheren SS-Führern) oder kurz vor der Eheschließung standen. Andere kamen auch aus der näheren Umgebung, denn für sie ging es nicht um Geheimhaltung, sondern um möglichst komfortable Bedingungen für die Geburt einschließlich der Versorgung bereits vorhandener Kinder. Auseinandersetzungen um den sozialen Status waren deshalb auch innerhalb dieser vorübergehenden Zweckgemeinschaft in einem Lebensborn-Heim an der Tagesordnung. Da halfen auch die Bemühungen um einheitliche Kleidung und gemeinsame Hausarbeit wenig. Mutter und Kind vor der „Lebensborn“-Taufe Gemeinsam war den Heiminsassinnen nur eines: Sie (ohne Jahr) alle durchliefen ebenso wie die jeweiligen Väter ihrer Kinder ein kompliziertes Auswahlverfahren. Im Zusammenhang mit dem Antrag auf Aufnahme in ein Heim hatten beide Elternteile vier Bedingungen zu erfüllen: Sie mussten sich sowohl einer rassischen Begutachtung als auch einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, einen Nachweis über die arische Abstammung sowie einen Erbgesundheitsbogen vorlegen – letztere mit Blick auf ihre familiäre Abstammung. Mehr als die Hälfte der Anträge wurden abschlägig beschieden. Unter diesen Voraussetzungen scheint es fast unvermeidlich, dass die Mehrzahl der Lebensborn-Kinder den gewünschten Kriterien – denen der nationalsozialistischen Ideologie – entsprach. Wurde jedoch trotz aller vorhergehenden Prüfungen ein Kind mit auffälligem äußerem Erscheinungsbild oder behindert geboren, so verweigerte der Lebensborn sofort jede weitere Unterstützung bzw. sorgte für den Kontakt zu jenen Organisationen, die unter dem verharmlosenden Begriff „Euthanasie“ für die Ermordung der Unerwünschten zuständig waren. Im Sinne einer Förderung des „guten Blutes“ erstreckte der Lebensborn e. V. seine Aktivitäten auch auf das Ausland. So galt Norwegen für die Nationalsozialisten als das 21

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„Stammland der germanischen Rasse“ und man sah es gern, wenn deutsche Soldaten Beziehungen zu Norwegerinnen eingingen. Wurde die Frau schwanger, half der Lebensborn. Nach und nach eröffnete er in Norwegen zehn Heime. Viel dramatischer gestaltete sich die Zwangsgermanisierung von Kindern in den besetzten Gebieten Polens, Sloweniens und der Tschechei. NS-Behörden prüften Kinder von verhafteten oder zur Zwangsarbeit verschickten Eltern auf „arisches“ Aussehen und brachten sie gegebenenfalls in regionalen Kinderheimen unter, wo sie deutsche Namen erhielten und nur noch deutsch sprechen durften. Dann sorgte der Lebensborn für die Überführung der Kinder in das Heim „Wienerwald“ (vorher „Heim Ostmark“) und versuchte sie von dort aus in deutsche Familien zu vermitteln. Der Lebensborn e. V. war keinesfalls eine karitative Einrichtung, auch wenn er später in den Nürnberger Prozessen der Jahre 1946/1947 so bewertet wurde. Bei der Arbeit des Lebensborn ging es nicht um Sozialpolitik oder um eine generelle Steigerung der Geburtenrate. Tatsächlich stieg ab 1933 die Zahl der Geburten absolut an, vor allem aber deshalb, weil geburtenstarke Jahrgänge in das Alter der Familiengründung kamen. Dagegen ließ sich die angestrebte und propagierte Vier-Kind-Familie im gesamtgesellschaftlichen Rahmen nicht realisieren, nicht einmal im Kreis der Familien von SS-Angehörigen. Aber die Unterstützung für werdende Mütter – ledige wie verheira­ tete – resultierte aus dem Interesse des nationalsozialistischen Staates an „rassisch und erbbiologisch wertvollen“ Kindern. Gesund sollten sie sein, keine jüdischen Vorfahren haben und von Anfang an im Sinne des Nationalsozialismus erzogen werden. Das entsprach dem gesundheitspolitischen Prinzip des Nationalsozialismus, Unterstützung nicht nach dem Kriterium der Bedürftigkeit, sondern nach dem der „Würdigkeit“ zu gewähren. Nach Hochrechnungen wurden über die Jahre 1935 bis 1945 in allen Lebensborn­ heimen in- und außerhalb des Deutschen Reiches weniger als 10.000 Kinder geboren – eine eher magere Bilanz für die hochgesteckten Ziele.6 Geblieben sind Menschen, die manchmal in den Heimen zurückgelassen wurden, denen häufig ihre Väter verschwiegen wurden und die nicht selten aufwuchsen in dem Gefühl, nirgendwo wirklich willkommen zu sein.

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Anmerkungen 1 Angabe nach Dorothee Schmitz-Köster, Begleittext zur Sonderausstellung „Der Lebensborn e. V.“ im Oktober/November 2011 in der Gedenkstätte Bernburg, unveröffentlichtes Material. 2 Zit. nach Lilienthal, Georg: Der „Lebensborn e. V.“. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Mainz 1985, S. 38 f. 3 Rundfunkansprachen zur Neugestaltung des Erziehungswesens vom März 1933, In: Wortdokumentationen im Deutschen Rundfunkarchiv Frankfurt/Main (folgend DRA), Archivnummer 25900220. 4 Rundfunkansprache von Reichsinnenminister Frick zum Muttertag 1934, In: Wortdokumentation im DRA, Archiv­nummer 2590262. 5 Vgl. Hagemann, Karen: Eine Frauensache. Alltagsleben und Geburtenpolitik 1919–1933, Pfaffenweiler 1990, S. 38. 6 Vgl. Schmitz-Köster, Dorothee: „Deutsche Mutter, bist Du bereit …“. Der Lebensborn und seine Kinder, Berlin 2010, S. 68.

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Die Schachfiguren von Ernst Reuter, hier noch in der Ausstellung der Wilhelm-Leuschner-Stiftung Bayreuth

Gefangen im Konzentrationslager Lichtenburg – Das Schachspiel von Ernst Reuter und Wilhelm Leuschner Wolfgang Hasibether

Ernst Reuter wurde am 29. Juli 1889 in Apenrade, Nordschleswig geboren, Wilhelm Leuschner am 15. Juni 1890 Bayreuth. Die Wege der beiden namhaften Sozialdemokraten hatten sich schon in den 1920er Jahren öfter gekreuzt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland standen beide auf der Seite der Gegner dieses Regimes – Ernst Reuter als Oberbürgermeister von Magdeburg und Wilhelm Leuschner als hessischer Innenminister. Am 11. August 1933 gehörte der gewaltsam aus seinem Amt enthobene Ernst Reuter mit zu den ersten Männern, die in das KZ Lichtenburg in dem kleinen Ort Prettin nahe 24

Torgau eingeliefert wurden. Die Lichtenburg diente ab Juni als eines der frühen Konzentrationslager, in dem bis 1937 Männer und dann bis 1939 Frauen inhaftiert waren. Wilhelm Leuschner ereilte dieses Schicksal am 6. Dezember 1933 gemeinsam mit dem Schauspieler Wolfgang Langhoff 1, dem ehemaligen Pressesprecher im hessischen Innenministerium Carlo Mierendorff 2 sowie dem Oberpräsidenten von Niederschlesien Hermann Lüdemann 3. Sie alle gehörten zu einem Transport aus dem Konzentrationslager Börgermoor 4 und waren dann in der Lichtenburg mit Ernst Reuter in einer Zelle untergebracht. Reuter hatte Schachfiguren mit in das Konzentrationslager gebracht, als Schachbrett dienten auf dem Holztisch in der Zelle aufgezeichnete Felder. Die geistige Anstrengung sollte gegen die Abstumpfung und Entmenschlichung durch die Haftbedingungen wirken. Am 15. Januar 1934 wurde Ernst Reuter auf Intervention verschiedener ausländischer Stellen und des katholischen Bischofs Legge in Meißen, der zuvor Probst in Magdeburg war, aus dem Konzentrationslager Lichtenburg entlassen. Das Schachspiel ließ er für Wilhelm Leuschner zurück. Dieser konnte die Lichtenburg am 10. Juni 1934 auf Druck der internationalen Gewerkschaftsbewegung und deren Führer Leon Jouhaux aus dem Konzentrationslager verlassen, blieb anschließend in Berlin und knüpfte ein reichsweites Netz von Vertrauensleuten im Widerstand, das die Voraussetzung für den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 war. Am 29. September 1944 wurde er in BerlinPlötzensee hingerichtet. Fünf Monate nach der ersten Entlassung verschleppten die Nationalsozialisten Ernst Reuter erneut in die Lichtenburg und entließen ihn am 19. September 1934 als schwer kranken Mann. Ende Januar 1935 emigrierte Reuter über England in die Türkei, um sein Leben zu retten. Er schrieb darüber später: „Ich wollte hierbleiben, und ich bin solange ich konnte geblieben. Ich bin nur weggegangen, als wir alle wussten, es ging nicht mehr, es hatte keinen Sinn, ich würde nicht mehr am Leben sein …“ 5 Ernst Reuter kehrte am 26. November 1946 nach Deutschland zurück und trat als Ber­liner Oberbürgermeister in der geteilten Stadt für die Ideale des deutschen Widerstands ein. Am 29. September 1953 starb Ernst Reuter – genau neun Jahre nach Wilhelm Leuschner in Berlin. Das Schachspiel blieb mit dem Vermerk ‚Eigentum von Ernst Reuter‘ im Besitz der Familie Leuschners und ging 2003 nach dem Tode von Leuschners Tochter Käthe an den Sohn Edzard Reuter zurück, der es 2007 für die Ausstellung in der Wilhelm-Leuschner25

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Gedenkstätte in Bayreuth zur Verfügung stellt. Auf Wunsch von Edzard Reuter hat die Geschäftsführung der Wilhelm-Leuschner-Stiftung am 25. Oktober 2011 das Schachspiel der im Aufbau befindlichen Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt übergeben als Exponat für die Dauerausstellung der Gedenkstätte, die am 1. Dezember 2011 eröffnet wird.

Anmerkungen 1 Wolfgang Langhoff (1901–1966) war ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Von 1946 bis 1963 leitete er das Deutsche Theater Berlin. 2 Carlo Mierendorff (1897–1943) war ein deutscher Politiker (SPD) und Schriftsteller. Er gehörte zu den Mitgliedern des sog. Kreisauer Kreises, einer Gruppe des bürgerlichen Widerstands gegen das NS-Regime. 3 Hermann Lüdemann (1880–1959) war ein deutscher Politiker (SPD). Er gehörte der Widerstandsgruppe des 20.  Juli 1944 an, wurde jedoch freigesprochen. 1947–1949 hatte er das Amts des Minister­ präsidenten in Schleswig-Holstein inne. 4 Im KZ Börgermoor als Teil der sog. Emslandlager waren von Juni 1933 bis Mai 1934 vor allem politische Gegner des NS-Regimes aus dem Ruhrgebiet inhaftiert. 5 Zit. nach Brandt, Willy/Löwenthal, Richard: Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit. München, Kindler 1957.

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„Erinnern und Gedenken“ – eine Sangerhäuser Initiative Helmut Loth

Im Jahr 2007 fanden sich in Sangerhausen erstmals Interessierte zusammen, denen die bisherige Art und Weise der Erinnerungskultur an die Verfolgten des Naziregimes nicht mehr genügte. Auslöser für alle weiteren Aktivitäten war im gleichen Jahr das Bemühen, an der unweit von Sangerhausen gelegenen und 1903 eingeweihten „Moltkewarte“ 1 eine Gedenktafel zur Erinnerung an den 1945 hingerichteten Helmuth James Graf von Moltke 2 anzubringen. Menschen wie er, aber auch die Aktivitäten des Kreisauer Kreises sollten ins Bewusstsein unserer Zeit gerückt werden. Allerdings musste im März 2007 eine Beschlussvorlage des Oberbürgermeisters zum Anbringen der Gedenktafel im Sangerhäuser Stadtrat zurückgezogen werden, da sich aus dem zu Sangerhausen gehörenden Ortsteil Lengefeld, in dessen Gemarkung die „Moltkewarte“ steht, vom Ortschaftsrat keine Unterstützung für das Vorhaben abzeichnete. Mehrere Versuche zur Umsetzung des Vorhabens, so auch breite Öffentlichkeitsarbeit, scheiterten. Einige Einwohner Sangerhausens unter Federführung von Dr. Peter Gerlinghoff gaben sich damit nicht zufrieden. Im Ergebnis wurde während einer Be­ ratung der Initiative im Februar 2009 der Vorschlag einer festeren und breiteren Zusammenarbeit unter dem Namen „Initiative Erinnern und Gedenken“ gebilligt. Die „Initiative Erinnern und Gedenken“ will auf die Zeit von Verfolgung und Widerstand zwischen 1933 und 1945 aufmerksam machen. Sie steht allen Menschen offen, die sich für die Geschichte der Stadt Sangerhausen während des Nationalsozialismus interessieren und Mitbürger und Mitbürgerinnen ehren wollen, die damals Widerstand leisteten und häufig selbst Opfer des Unrechtregimes wurden. Die Initiative ist überparteilich und arbeitet zusammen mit Partnern wie dem Verein für Geschichte von Sangerhausen und Umgebung e. V., dem Kulturverein Armer Kasten e. V., dem Bündnis für ein verantwortliches Miteinander und anderen. Akteure der Initiative sind Privatpersonen, die eigenständig forschen und einen persönlichen Beitrag zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte leisten 27

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Flugschrift 1 der Initiative „Erinnern und Gedenken“

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wollen. Sie sind der Auffassung, dass ein aufgeklärtes, aktives Verhältnis zur Vergangenheit der Stärkung der Demokratie dient. Beiträge werden nicht erhoben. Der Initiativkreis hat sich nicht als Verein organisiert. Ein solcher Zusammenschluss hat den Vorteil, dass man flexibel und je nach Arbeitsschwerpunkten handeln kann. Nachteilig ist allerdings, dass eingetragene Vereine für ihre Projekte ggf. leichter finanzielle Unterstützung aus verschiedenen Förderprogrammen erhalten. Bürgerschaftliches Engagement findet in unserer Gesellschaft über eingetragene Organisationen vielfach größere Beachtung. Die Teilnehmer an den Beratungen der Initiative diskutieren regelmäßig kurzfristige und längerfristige Vorhaben. Eine Gedenkveranstaltung für die Märzgefallenen, Veranstaltungen zum Tag der Befreiung und ein Sternmarsch gegen Rechts in Eisleben wurden besucht. Ein Vortrag von Prof. Dr. Günther Brakelmann (emer. Ruhr-Universität Bochum) am 3. Juli 2009 in der Sangerhäuser Marienkirche gab eindrucksvoll Einblicke in die Aktivitäten des Kreisauer Kreises und das Wirken von Helmuth James Graf von Moltke. Unter anderem erfolgten auch Recherchen zur „Geschichte des OdF-Tages“ 3 und Überlegungen einer geeigneten Öffentlichkeitsarbeit, um größere Kreise zu erreichen. Man entschied sich dazu, eine Flugblattserie zu konzipieren. Der Verein für Geschichte von Sangerhausen und Umgebung e. V. erhielt hierfür dankenswerter Weise aus dem Bundesprogramm „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ Fördermittel, so dass die Druckkosten bestritten werden konnten. Im Januar 2010 erschien unter der Überschrift „Erinnern und Gedenken“ die erste Ausgabe der Flugschriften. Bis November 2010 konnten insgesamt sechs Ausgaben vorgelegt werden. Die zweimonatlich erschienene Flugschrift (8 DIN A4 Druckseiten) lag an mindestens fünf öffentlichen Stellen aus, wurde gut nachgefragt und war zum Teil schnell vergriffen. Begünstigend wirkten der enge lokale Bezug und das breite Spektrum von Themen und Beiträgen. Hauptzweck war die Herausgabe von Informationsmaterial zum Thema „Verfolgung und Widerstand in Sangerhausen 1933–1945“. Alle Beiträge wurden ehrenamtlich erstellt, zum Teil in kleinen Gruppen diskutiert. Der Gruppenzusammenhalt wurde durch etwa zweimonatliche Sitzungen hergestellt. Aus der Arbeit entsprangen auch besondere Veranstaltungen, wie eine Lesung zum christlichen Widerstand, eine Fahrt nach 29

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Flugschrift 2 der Initiative „Erinnern und Gedenken“

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Buchenwald im Jahr 2010 mit 76 Teilnehmern, Besichtigung einer Synagoge und eines jüdischen Friedhofs und ein Projekttag mit Realschülern der Thomas-Müntzer-Schule. Die Redaktion wurde zu einem Projekttag in das Geschwister-Scholl-Gymnasium eingeladen. Der Synagogenverein Eisleben informierte über seine Arbeit und beteiligte sich mit einzelnen Beiträgen und Fotomaterial. Hauptgrund für den Erfolg war, dass das Thema in Sangerhausen lange Zeit nicht bearbeitet worden war und eine modernere mediale Aufbereitung bislang fehlte. Es konnten verschiedene Autorinnen für Einzelbeiträge gewonnen werden, die Redaktion war mehrheitlich mit Frauen besetzt. Inhaltlich wurde auch auf Frauenschicksale eingegangen. Das Projekt hat inzwischen eine organisatorische Eigenständigkeit bekommen, die Arbeitsformen werden wohl aber auch künftig flexibel sein müssen. An Stelle der Flugschriften ist inzwischen seit Mai 2011 ein Internetauftritt (www.erinnern-und-gedenken. de) getreten. Die Initiative „Erinnern und Gedenken“ strebt eine Individualisierung des Gedenkens im Sinne eines biographischen Zugangs an und beginnt 2011 mit der Verlegung von ersten „Stolpersteinen“ an den ehemaligen Wohnorten der verfolgten Jüdinnen und Juden aus Sangerhausen. Im Ergebnis ist festzustellen, dass es nach wie vor erhebliche Defizite auf dem Gebiet der regionalen Widerstandsforschung gibt und dass Archivalien immer noch nicht erschlossen sind. Aber auch Gespräche mit Zeitzeugen sind wichtig, um deren Zeugnisse festzuhalten. Aus den Biografien und den Bedingungen des Widerstandes lassen sich Erkenntnisse für ein sozial verantwortliches, politisch bewusstes und mutiges Handeln in unserer Zeit gewinnen.

Anmerkungen 1 Es handelt sich hier um einen 1903/04 gebauten Aussichtsturm, der nach dem preußischen Feldmarschall Helmuth von Moltke (1800–1891) benannt ist 2 Helmuth James von Moltke (1907–1945) war ein deutscher Jurist und Gründer des sog. Kreisauer Kreises, einer nach seinem Geburtsort benannten Gruppe des bürgerlich-zivilen Widerstandes. Moltke wurde nach einer Verurteilung durch den Volksgerichtshof am 24. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 3 Gemeint ist der in jeweils am zweiten Sonntag im September in der DDR offiziell begangene Tag der „Opfer des Faschismus“.

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Frigga Conrad und Kai Langer vor dem neuen Besucherleitsystem

Der 66. Jahrestag des Massakers von Gardelegen Kai Langer

Rede zur Übergabe des Besucherleitsystems an der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune am 13. April 2011 in Gardelegen Sehr geehrte Damen und Herren, wie jedes Jahr am 13. April haben wir uns auch heute vor der erhalten gebliebenen Südwand der Isenschnibber Feldscheune versammelt, um den mehr als 1.000 Menschen zu gedenken, die hier in der Nacht vom 13. auf den 14. April 1945 auf bestialische Weise ermordet wurden. Im vergangenen Jahr hielt mit Emil Lakatos ein Überlebender der Todesmärsche die Gedenk­rede. Anders als ich heute sprach er aus leidvoller persönlicher Erfahrung. Als 24jähriger Häftling des KZ-Außenlagers Schandelah befand er sich im Frühjahr 1945 inmitten einer jener Todeszüge, deren Insassen kurze Zeit später – unter anderem hier in der Feldscheune – ermordet wurden. Nur aufgrund besonderer Umstände war es ihm zusammen mit anderen Kameraden gelungen, unweit der Ortschaft Dolle am Rande der Colbitz-Letzlinger Heide vom Zug abzuspringen und sich bis zur Befreiung durch die 32

Amerikaner zu verstecken. Leider ist Emil Lakatos in der Zwischenzeit – wie vor ihm die meisten seiner früheren Leidensgefährten – verstorben. Mit ihm verstummte einer der letzten Zeitzeugen der Ereignisse in der Region um Gardelegen. Am heutigen Tag wollen wir auch seiner gedenken. Als Nachgeborene, die die Zeit des Nationalsozialismus nur noch aus Büchern und Filmen oder allenfalls vom Hörensagen unserer Großeltern kennen, tragen wir als Nachgeborene eine kollektive Verantwortung dafür, dass die Erinnerung an die im deutschen Namen begangenen Verbrechen wach gehalten wird, damit sich diese nicht wiederholen. Wegen der mit wachsendem zeitlichen Abstand verblassenden Erinnerung sind wir immer mehr auf konkrete Orte angewiesen, die vergangenes Leiden vergegenwärtigen. Die Reste der Isenschnibber Feldscheune und der vom US-Militär angelegte Friedhof mit den Gräbern der Opfer sind ein solcher Ort. Sie erinnern uns beständig an eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte: die so genannten Todesmärsche, denen zwischen Januar und Mai 1945 über 250.000 KZ-Häftlinge zum Opfer fielen. Die Gräber dieser Menschen säumen heute nicht nur die Straßen in und um Gardelegen, sondern auch in vielen Gegenden Bayerns, Mecklenburgs und Niedersachsens. Anders als in den ersten Kriegsjahren spielten sich die grausamen Ereignisse zuletzt nicht mehr im fernen Osteuropa ab, sondern mitten im Herzen Deutschlands. Und die Mörder stammten nicht mehr nur aus den Reihen der für grausame Untaten berüchtigten SS. Je mehr sich der Krieg seinem Ende zuneigte und je unübersehbarer die Präsenz der Häftlinge in der deutschen Bevölkerung wurde, desto mehr Zivilisten waren an den Verbrechen beteiligt. Zivilisten: das waren Bürgermeister und andere lokale Amtsträger, einfache NSDAP-Mitglieder, Wachmänner, Volkssturmleute, Hitlerjungen aber auch nur Anwohner, die man gemeinhin als „Leute wie Du und ich“ bezeichnet. Getrieben von der Angst, dass ausgerechnet vor ihrer Haustür geschundene KZ-Häftlinge die Befreiung erleben und sich für erlittenes Unrecht rächen könnten, weitete sich der Kreis der Täter immer weiter aus. Der Historiker Daniel Blatman, Autor des Buches „Die Todesmärsche 1944/45 – das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massen­ mords“, schätzt, dass auf diese Weise Tausende, womöglich gar Zehntausende zu späten Komplizen des mordenden Regimes wurden. Die Todesmärsche hatten vom besetzten Polen aus begonnen, wo die SS die großen Konzentrationslager in aller Eile hatte räumen lassen. Anfangs sollten die KZ-Häftlinge 33

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in andere Lager ins Reichsinnere verlegt werden. Angesichts des schnellen Vorrückens der Alliierten wurden jedoch auch diese Lager mitsamt ihren Außenlagern geräumt. Die Insassen wurden entweder in überfüllte Züge gepfercht oder auf Kräfte zehrende Fußmärschen quer durch Deutschland getrieben. Ein großer Teil der Beteiligten überlebte die mörderischen Strapazen nicht: Häufig nur in Lumpen gehüllt und mit Holzpantinen an den Füßen, erlagen sie entweder der Kälte oder dem Hunger. Diejenigen, die vor Entkräftung zusammenbrachen oder zu fliehen versuchten, wurden von hemmungslos mordenden Wachleuten auf der Stelle erschossen. An einigen Orten – wie hier in Gardelegen – veranstalteten die SS-Verbrecher zusammen mit lokalen Kräften regelrechte Massaker. Auf dem Gut Isenschnibbe halfen Volkssturm-Männer, Polizisten, Soldaten aus einer nahen Fallschirmjägerkaserne, Wachmänner und Zivilisten freiwillig mit, die aus diversen Außenlagern der Konzentra­ tionslager Neuengamme und Mittelbau-Dora hier gestrandeten männlichen Häftlinge in die Feldscheune zu treiben. Anschließend schlossen die Bewacher die Tore, entzündeten das mit Benzin getränkte Stroh auf dem Scheunenboden und warfen Handgranaten hinterher. Wer von den Eingeschlossenen den verzweifelten Versuch unternahm, dem sicheren Tod zu entkommen, lief ins offene Gewehrfeuer der um die Scheune herum postierten Täter. 1.016 Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft – die meisten stammten aus Polen, der damaligen Sowjetunion und Frankreich – erstickten, verbrannten oder wurden erschossen. Nur 25 Menschen überlebten wie durch ein Wunder das Inferno. Nur wenige Tage nach der Entdeckung des Tatortes durch amerikanische Soldaten erhielten die ermordeten Häftlinge ein Begräbnis mit militärischen Ehren: Die Einwohner Gardelegens wurden zur Teilnahme verpflichtet. Oberst Lynch, Stabschef der 102. US-Infanteriedivision, eröffnete ihnen bei dieser Gelegenheit: „Einige werden sagen, die Nazis seien für dieses Verbrechen verantwortlich. An­ dere werden auf die Gestapo verweisen. Aber die Verantwortung liegt bei keinem von beiden – es ist die Verantwortung des gesamten deutschen Volkes.“ 1

Sehr geehrte Damen und Herren, die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, hat sich verpflichtet, die Weiterentwicklung der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune beratend zu begleiten. 34

Zu diesem Zwecke wurde im Februar 2009 ein Fachbeirat einberufen, in dem die Hanse­stadt Gardelegen als Eigentümerin der Mahn- und Gedenkstätte beteiligt ist. Der Beirat hat einen Forschungsbedarf festgestellt, der sich sowohl auf die Geschichte des Massakers wie auch die der Mahn- und Gedenkstätte bezieht. Ersten Niederschlag fanden die Empfehlungen des Gremiums bereits bei der Gestaltung der von der Stadt und dem Förderverein gemeinsam ausgerichteten jährlichen Gedenkveranstaltung am 13. April. Vor zwei Jahren verlasen Gardelegener Schülerinnen und Schüler am Friedhof erstmals die Namen von Opfern. Im Zuge der Auswertung weiterer – u. a. bisher nicht zugänglicher Quellenbestände, z. B. des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen – konnten vorhandene Namenslisten korrigiert und vervollständigt werden. Somit können jetzt die namentlichen Angaben zu 279 Opfern als gesichert gelten. Da konkretes Erinnern nur möglich ist, wenn es sich mit konkreten Biografien verbindet, ist die Ermittlung der Namen der Opfer eine vordringliche Aufgabe der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten. Opfer sind niemals anonym, sondern eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Schicksalen. Indem ihre Namen genannt werden, erhalten sie ihre menschliche Würde zurück. Ein weiterer, ebenfalls nicht unwichtiger Grund sind die immer noch eintreffenden Anfragen von Privatpersonen aus allen Teilen Europas, die auch noch viele Jahrzehnte nach Kriegsende nach Angehörigen suchen. Mit der Übergabe des neuen Besucher-Informationssystems ist ein weiterer Schritt auf dem Wege zur weiteren Qualifizierung und Konkretisierung der lokalen Gedenk­ stättenarbeit getan. Individuell anreisende Gruppen und Einzelbesucher erhalten so auch ohne geführte Rundgänge die Gelegenheit, sich auf dem Gedenkstättengelände zu orientieren. Darüber hinaus bietet das System erstmals die Möglichkeit, sich auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes in komprimierter Form über die historischen Hintergründe des Ortes zu informieren. Vermittelt werden Fakten zum Massaker, zu Opfern und Tätern sowie zur Entstehung des Gedenkortes. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um im Namen der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, all jenen Dank zu sagen, die mit uns gemeinsam an der Entwicklung und Entstehung des Informationssystems mitgewirkt haben. Mein Dank gilt vor allem den Experten des ehrenamtlichen Fachbereites für die in den letzten Jahren geleistete kompetente und engagierte Mitarbeit. Gemeinsam haben 35

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wir um exakte Formulierungen gerungen – mitunter auch kontrovers –Tafel für Tafel, Satz für Satz. Dafür bedanke ich mich im Einzelnen bei – Frigga Conrad vom Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte, – Dr. Peter Fischer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, – Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, – Diana Gring, Kuratorin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, – Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora sowie bei – Prof. Dr. Rolf Wernstädt, Landtagspräsident a. D. von Niedersachsen. Dass die Experten genügend Stoff zum diskutieren hatten, ist Thomas Irmer zu verdanken, der im Auftrag der Gedenkstättenstiftung in verschiedenen Archiven zum Thema recherchierte, die bisherigen Namensangaben zu den Opfern überprüfte, Text- und Bildvorlagen für die 13 Tafeln zusammen trug und die Abbildungsrechte von den Eigentümern im In- und Ausland einholte. Schließlich danke ich der Firma behnelux gestaltung in Halle, die für die überzeugende Gestaltung der Tafeln verantwortlich zeichnet. Zuletzt danke ich der Hansestadt Gardelegen in Gestalt ihres Bürgermeisters sowie ihres mitbeteiligten Hauptamtsleiters Herr Richter für die gute und unkomplizierte Zusammenarbeit bei der Realisierung dieses für die Erinnerungsarbeit vor Ort so wichtigen gemeinsamen Projektes. In diesem Sinne möchte ich mit dem Zitat von Lucien Haberer, eines ehemaligen französischen Häftlings und Überlebenden der Todesmärsche nach Gardelegen, schließen: „Für uns ehemalige KZ’ler wäre es gut, wir könnten diese Vergangenheit aus unserem Geist bringen; hingegen sollte die Menschheit immer daran erinnert werden.“ 2

Anmerkungen 1 Zit. nach Friedmann, Jan: Jagd an der Heimatfront, in: Der Spiegel, Nr. 2/2011, S. 29. 2 Zit. nach Gring, Diana: Die Todesmärsche und das Massaker von Gardelegen – NS-Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges (Schriftenreihe des Stadtmuseums Gardelegen, Heft 1), hrsg. vom Stadtmuseum Gardelegen, Abt. Mahn- und Gedenkstätte, Hannover 1993, S. 5.

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So genanntes Torhaus, heute Sitz der Anstaltsverwaltung der JVA Halle I, Aufnahme um 1880E

Sowjetische Militärtribunale im „ROTEN OCHSEN“ 1945–1952 Daniel Bohse

Seit der erstmaligen Besetzung deutschen Territoriums durch die Rote Armee im Herbst 1944 kamen dort die gleichen Funktionsmechanismen der sowjetischen Militärjustiz zur Anwendung, wie auf dem Gebiet der Sowjetunion. Denn die Zuständigkeit Sowjetischer Militärtribunale (SMT) für die Ahndung von Kriegsverbrechen, den Staatsschutz und u. a. den „Schutz sozialistischen Eigentums“ betreffende Delikte bestand nach sowjetischer Rechtsauffassung ebenfalls in den von der Roten Armee besetzten ausländischen Gebieten. Auf Grund des formell bis 1955 andauernden Kriegszustandes betraf das auch die Sowjetische Besatzungszone in Deutschland (SBZ) bzw. die DDR.1 Hier konnten SMT bei Militäreinheiten bis hinunter zur Division, bei den Truppenverbänden des sowjetischen Volkskommissariats bzw. ab 1946 Ministeriums für Innere 37

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Angelegenheiten (NKWD bzw. MWD) und des sowjetischen Ministeriums für Staats­ sicherheit (MGB) sowie bei Transporteinheiten gebildet werden. Nachdem Halle seit Anfang Juli 1945 von den Amerikanern geräumt worden war und fortan zur SBZ gehörte, traten derartige Tribunale bis Sommer 1952 auch im vormaligen Zuchthaus „ROTER OCHSE“ zusammen. Von den geschätzten 35.000 Verurteilungen deutscher Zivilisten in der SBZ/DDR durch SMT betreffen über 1.600 Fälle Personen, die im „ROTEN OCHSEN“ in Untersuchungshaft gehalten und in der Regel vor Ort zu Freiheitsstrafen zwischen zwei Jahren und lebenslänglich, in über 100 Fällen auch zum Tode verurteilt wurden.2 Die Sowjetunion hatte bei Kriegsende für den von ihr besetzten Teil Deutschlands keine endgültigen Pläne und überließ die Durchführung der von Moskau vorgegebenen Richtlinien der im Juni 1945 in Berlin-Karlshorst eingerichteten Sowjetischen Militäradminis­ tration in Deutschland (SMAD). In der Praxis bedeutete das u. a. die Verfolgung aller als Gegner angesehenen Personen sowie die Unterstützung der die führende Rolle im Parteiensystem der SBZ erhebenden deutschen Kommunisten.3 In die Umsetzung deutschland- und besatzungspolitischer Zielvorgaben waren neben den Dienststellen der sowjetischen Militärverwaltung auch die Sicherheitsapparate und die Organe der Militärjustiz eingebunden. So inhaftierte die sowjetische Besatzungsmacht – ebenso wie Amerikaner, Briten und Franzosen in ihren Zonen – Kriegsverbrecher und NS-Aktivisten und richtete für deren Internierung Lager ein.4 Diese dem NKWD/MWD unterstehenden „Speziallager“ durchliefen bis zur Auflösung der letzten drei (Bautzen, Buchenwald und Sachsenhausen) Anfang 1950 etwa 120.000 deutsche Männer und Frauen: überwiegend Internierte, aber auch Tausende von SMT Abgeurteilte. 43.000 der Insassen überlebten die Internierung bzw. Haft infolge von Mangelernährung, katastrophaler hygienischer Bedingungen sowie der aus erzwungener Beschäftigungslosigkeit und totaler Isolierung von der Außenwelt erwachsenen psychischen Belastung nicht.5 Die im August 1945 in der SBZ einsetzenden Massenverhaftungen6 richteten sich vorwiegend gegen Funktionäre und Mitglieder von NS-Organisationen und angebliche Mitglieder antisowjetischer Untergrundorganisationen7. Ab Anfang 1946 rückten jedoch zunehmend Kritiker und Gegner der voranschreitenden Herrschaftssicherung der KPD/ SED in den Mittelpunkt von der Besatzungsmacht ausgehender Repressivmaßnahmen. Zu ihnen gehörten selbstbewusste Mitglieder der bürgerlichen Parteien CDU und LDP, gegen die im April 1946 vollzogene Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED und 38

den Herrschaftsanspruch der Kommunisten opponierende Sozialdemokraten sowie allgemein von der Besatzungsmacht als feindlich oder gefährlich erachtete Personen. Nach der Festnahme, die meist unter dem fingierten Vorwurf von antisowjetischer Propaganda, Untergrundtätigkeit oder Spionage erfolgte, wurden viele Betroffene von SMT zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.8 Teil des eng verzahnten Repressivsystems der sowjetischen Sicherheitsdienste und der Militärjustiz war seit Juli 1945 auch das vormalige Zuchthaus „ROTER OCHSE“ in Halle. Der „ROTE OCHSE“ fungierte von Juli 1945 9 bis September 1948 nicht nur als Sammelund Durchgangsgefängnis für weit über 4.000 10 unter die Internierungskriterien des NKWD fallende Deutsche.11 Zugleich war er die zentrale Untersuchungshaftanstalt des NKWD bzw. MGB für die Provinz Sachsen(-Anhalt)12, in der bis Ende 1946 auch noch zahlreiche deutsche Strafvollzugsbeamte Dienst taten. Bis dahin stellte das NKWD neben den Verhöroffizieren lediglich die Wachmannschaft.13

Vorlage an den sowjetischen Kommandanten des „ROTEN OCHSEN“ mit dessen handschriftlichen Geneh­ migungs­vermerk über die Neueinstellung eines Aufsichtsbediensteten

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Die Bedeutung des Tribunalstandortes Halle gründete darauf, dass Halle von Juli 1945 bis Juli 1952 Provinz- bzw. Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt und demzufolge auch Sitz der regionalen Verwaltungs- und Sicherheitsorgane der Besatzungsmacht war. Auch das im Januar 1946 errichtete SMT der Provinz Sachsen(-Anhalt) tagte hauptsächlich im „ROTEN OCHSEN“. Dort trat ab 1948/49 zudem das Garnisons-Militärtribunal der Stadt Halle zusammen. Der früheste bekannte Fall eines SMT-Verfahrens auf dem Gelände der Haftanstalt datiert vom 31. August 1945, der letzte vom Juli 1952 14: Denn im Sommer 1952 räumte das MGB die Haftanstalt, nachdem es bereits zwei Jahre zuvor zwei Hafthäuser an die DDR-Behörden abgetreten hatte.15 In diesen befand sich fortan die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Landesverwaltung Sachsen-Anhalt des im Februar 1950 gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, mit dem das MGB eng zusammenarbeitete.16 Im „ROTEN OCHSEn“ tagten die Militärtribunale nach übereinstimmenden Zeitzeugen­ berichteten vorwiegend im heute als Sitz der Anstaltsverwaltung genutzten sogenannten Torhaus. Wie zahlreiche Berichte ehemaliger Inhaftierter dokumentieren, waren während der Untersuchungshaft Schlafentzug durch grundsätzlich nachts stattfindende Verhöre, Nahrungsentzug, Dunkelhaft, Kältefolter sowie physische und psychische Gewalt auch während der Verhöre etablierte Methoden zur Erlangung von Geständnis­ bereitschaft. Die Untersuchungshäftlinge hatten vom Inhalt der die Grundlage der Verurteilung bildenden Verhörprotokolle oftmals ebenso wenig Kenntnis wie vom Inhalt der Anklageschrift. Denn Einblick in letztere erhielten sie oft erst unmittelbar vor der Hauptverhandlung. Diese wurde nur eröffnet, nachdem die Beweislage für „ausreichend“ erachtet wurde und die in der benachbarten Jentzsch-Straße (heute Ernst-König-Straße) ansässige Militärstaatsanwaltschaft Anklage erhoben hatte. Zudem wurde die Anklage in einer vorbereitenden Sitzung des Tribunals auf ihre „Zuverlässigkeit“ geprüft. Die Urteile standen daher in der Regel bereits vor der auf russisch und ohne Anwesenheit eines Verteidigers geführten Hauptverhandlung, deren Verlauf die wenigsten Angeklagten folgen konnten, fest.17 Die Tribunale setzten sich in Halle in der Regel aus einem Militärrichter und zwei Offizieren der hier stationierten Truppenverbände – bis Ende 1947 der 47. Armee, anschließend der 3. Stoßarmee – zusammen. Die Anklagen und Urteile bezogen sich zumeist 40

auf die in Artikel 58 des russischen Strafgesetzbuches abgefassten Vorschriften über „konterrevolutionäre Verbrechen“: Hierzu gehörte der mit der Todesstrafe – außer während ihrer vorübergehenden Abschaffung von Mai 1947 bis Anfang 1950 18 – belegte Tatbestand „bewaffneter Aufstand“, des weiteren u.a. Spionage, „Schädlingstätigkeit“ und antisowjetische Propaganda. Das in der Regel bei der Aburteilung tatsächlicher oder vermeintlicher NS- und Kriegsverbrecher angewandte Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 9. April 1943 (Ukaz 43)19 sah ebenfalls die Todesstrafe vor.20 Bis 1947 urteilten SMT in der SBZ auf Grundlage des Artikels 58, des Ukaz 43 und des Gesetzes des Alliierten Kontrollrates Nr. 10 21 bis 1947 mehrheitlich wegen tatsächlicher oder unterstellter Teilnahme an NS-Verbrechen und Kriegsverbrechen, der Misshandlung von sowjetischen Bürgern, z. B. von Fremd- und Zwangsarbeitern, oder – insbesondere bei Jugendlichen unter Wehrwolf-Verdacht – wegen illegalen Waffenbesitzes.22 Knapp 20 % der etwa 1.600 gegenwärtig für Halle bekannten Verfahren hatten unter der Klammer „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ subsummierte Delikte als Tathintergrund. Die Militärtribunale setzten sich u.a. in mehreren Verfahrenskomplexen mit früheren Bediensteten des Zuchthauses Halle, mit Angehörigen der Polizeibataillone 112 und 61, Angehörigen der Kommandantur des Kriegsgefangenlagers Altengrabow sowie mit in den Massenmord an KZ-Häftlingen bei Gardelegen involvierten Personen auseinander. Nicht gegen alle wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ abgeurteilte Personen lagen konkrete Tatvorwürfe vor. Selbst die Tribunale gingen in nicht wenigen Fällen mittelbarer Verantwortung oder von Kollektivschuld aus.23 Ab 1947 rückten Tatvorwürfe bzw. Deliktkategorien in den Fokus der sowjetischen Militärjustiz, die im Zusammenhang mit der Gewährleistung der Sicherheit der Besatzer und des Besatzungsregimes zu sehen sind. Denn aus sowjetischer Sicht war die SBZ/ DDR ihr Vorposten gegenüber dem Westen. Diesbezüglich bemühten SMT Tatbestände wie „antisowjetische Propaganda“, „illegale Gruppenbildung“, „Sabotage“ und „Spionage“. Deren Heranziehung diente der Kriminalisierung politischer Opposition, politisierte oftmals aber auch kriminelle Handlungen, einfache Ordnungswidrigkeiten oder naive Unbedarftheit. Sie bezog sich aber auch auf tatsächliche, z. T. im Kontakt mit westlichen Geheimdiensten und Organisationen (z. B. Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, Ost-Büro der SPD) entstandene Betätigung gegen die sowjetische Besatzungsmacht oder die SED. Allein in rund 40 % der o. g. etwa 1.600 Fälle von in Halle 41

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Johanna von Saal, Haftfoto 1950 | Quelle: Sammlung GS ROTER OCHSE

Abgeurteilten bemühten die Tribunale den Vorwurf der Spionage bzw. des Nichtan­ zeigens von Spionage.24 So auch im Falle der damals 25jährigen Stenotypistin Johanna von Saal aus Torgau, die eine Woche nach ihrer Festnahme am 6. Oktober 1950 in den „ROTEN OCHSEN“ eingeliefert wurde. Die Vernehmer des MGB warfen ihr antisowjetische Propaganda, illegalen Grenzübertritt und Spionage vor. Das SMT Halle verurteilte sie am 25. Dezember 1950 zu 25 Jahren Arbeitserziehungslager, die sie bis zu ihrer vorzeitigen Entlassung im Januar 1954 überwiegend im Zuchthaus Waldheim verbüßte.25 Bei Verurteilungen zu Freiheitsstrafen folgte zunächst die Deportation in die UdSSR, ab 1946 überwiegend die Inhaftierung in den Speziallagern und Gefängnissen auf dem Gebiet der SBZ – was jedoch eine spätere Deportation zur Zwangsarbeit nicht ausschloss.26 So wurden aus Halle von Ende Juli bis Ende Dezember 1945 27 von SMT abgeurteilte deutsche Zivilisten (darunter drei zum Tode Verurteilte) in das NKWDGefängnis Nr. 7 Frankfurt/Oder und von dort in die Sowjetunion verbracht.27 Von Mai bis September 1946 gelangten 365 deutsche28 SMT-Verurteilte, überwiegend mit bereits seit Monaten begonnener Strafverbüßung im „ROTEN OCHSEN“, in das Spezialla42

ger Nr. 10 Torgau 29. Für den Zeitraum von November 1946 bis Januar 1950 lässt sich zudem die Einweisung von 693 deutschen SMT-Verurteilten aus dem „ROTEN OCHSEN“ in das Speziallager Nr. 4 (ab 1948 Nr. 3) Bautzen nachweisen.30 Die Transporte mit den ab 1947 aus Halle ins Speziallager Sachsenhausen verbrachten SMT-Verurteilten müssen noch recherchiert werden,31 auch jene – im Jahre 1946 mindestens einer – ins Gefängnis Alt-Strelitz. Nach Auflösung der Speziallager in der SBZ/DDR Anfang 1950 fungierte der „ROTE OCHSE“ auch als Haftort für SMTverurteilte Deutsche. Denn einerseits übernahm die Deutsche Volkspolizei etwa 10.500 nicht zur Haftentlassung vorgesehene SMT-Verurteilte zur weiteren Strafverbüßung, Heinz und Siegfried Mingramm, um 1944 von denen u. a. in den Jahren 1953 und 1954 912 Männer im Strafvollzugsbereich des „ROTEN OCHSEN“ inhaftiert waren.32 Andererseits fungierte die damals noch komplett dem MGB unterstehende Haftanstalt zwischen Februar und September 1950 für 138 jener 649 SMT-Verurteilten, die nach Auflösung der Speziallager nicht den DDR-Behörden übergeben, sondern wegen „besonders schwerer Verbrechen gegen die Sowjetunion“ in die UdSSR verbracht wurden, als Durchgangsgefängnis.33 Bislang sind 123 Todesurteile bekannt, die SMT im „Roten Ochsen“ verhängten, allein 74 für die Jahre 1945 bis 1947. In 39 Fällen wurde das „höchste Strafmaß“ nachweislich vollstreckt. Unter den zumeist „an unbekanntem Ort“ oder „bei Halle“ Erschossenen finden sich u. a. neun der Mitgliedschaft zum „Werwolf“ oder sonstigen „antisowjetischen Untergrundorganisationen“ verdächtigte Jugendliche,34 so auch Heinz Mingramm (1926–1947) aus Stolberg (Harz). Die NKWD-Operativgruppe Sangerhausen warf ihm, seinem Bruder Siegfried (1930–1951) sowie einem weiteren im Oktober bzw. November 1946 festgenommenen Jugendlichen die Mitgliedschaft in einer antisowjetischen Untergrundgruppe, Heinz Mingramm darüber hinaus illegalen Waffenbesitz vor. Kurze Zeit später in den „ROTEN OCHSEN“ überstellt, wurde Heinz Mingramm am 27. Februar 1947 durch das SMT der Provinz Sachsen nach Artikel 58 („bewaffneter Aufstand“) zum Tode verurteilt, das Urteil vier Tage später vollstreckt. Das am 12. Mai 1947 gegen seinen Bruder Siegfried ergangene Todesurteil wurde am 10. Juni gleichen 43

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Jahres in 25 Jahre Arbeitsbesserungslager umgewandelt: Doch auch Siegfried Mingramm erlebte die Freiheit nicht mehr. Er verstarb, schwer an Tuberkulose erkrankt, im April 1951 im Zuchthaus Bautzen.35 Bei Verhängung der Todesstrafe – in der SBZ von 1945 bis 1954 in fast 3.000 Verfahren gegen deutsche Zivilisten36 – blieb den Verurteilten bis 1947 eine Frist von einigen Tagen oder Wochen der Ungewissheit, bis die Urteile durch die Kriegsräte der sowjetischen Truppenverbände bestätigt oder bei Nichtbestätigung in Freiheitsstrafen umgewandelt wurden. Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte bis 1947 fast ausschließlich geheim und auf dem Gebiet der SBZ.37 Nach Wiedereinführung der Todesstrafe 1950 oblag die Verhandlung von Fällen, in denen die Verhängung des höchsten Strafmaßes möglich erschien, dem in Berlin-Lichtenberg ansässigen Militärtribunal des Truppenteils Nr. 48240, dessen Militärrichter die zentralen Untersuchungshaftanstalten des MGB in Potsdam, Schwerin, Dresden, Halle, Weimar und Chemnitz bereis­ ten. Die zum Tode Verurteilten, deren Gnadengesuche das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR prüfte, verlegte das MGB zunächst in das Gefängnis Berlin-Lichten­ berg, von dort aus nach Moskau. 913 Nichtbegnadigte, unter ihnen 44 im „ROTEN OCHSEN“ zum Tode verurteilte, wurden dort im Butyrka-Gefängnis erschossen sowie auf dem Donskoje-Friedhofs eingeäschert und anonym vergraben.38 Insgesamt wurden in Halle von 1950 bis 1952 mindestens 49 Todesurteile, zu denen gesicherte Informationen vorliegen, gefällt.39 Die diesen Verurteilungen zu Grunde liegenden Vorwürfe betrafen in der Hälfte der Fälle die Bildung illegaler Gruppierungen in Verbindung mit Waffenbesitz oder Spionage, wobei letztere Anschuldigung dominierte.40 Vor allem auf Grund von Forschungslücken war es bislang nicht möglich, alle Aspekte des Wirkens der sowjetischen Organe im „ROTEN OCHSEN“ zu thematisieren. Es liegen nur in bescheidenem Umfang Quellen vor, die Aussagen z. B. zum hier tätigen sowjetischen und deutschen Personal erlauben. Weiteren Forschungen vorbehalten bleibt zudem der Strafvollzug an weit über 1.000 SMT- und Waldheim-Verurteilten im „ROTEN OCHSEN“ in den Jahren 1953/54. Unter ihnen befanden sich nicht wenige, die diesen Ort Jahre zuvor schon einmal durchleiden mußten, als Untersuchungshäftlinge und vor einem Sowjetischen Militärtribunal Angeklagte.

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Anmerkungen 1 Die Aburteilung deutscher Zivilisten durch SMT in der DDR erfolgte im Widerspruch zu dem in § 10 der DDRVerfassung von 1949 festgeschriebenen Auslieferungsverbot von DDR-Bürgern an fremde Mächte. 2 Ausführlicher zur Thematik vgl. Bohse, Daniel: SMT-Forschung und Gedenkstättenarbeit am regionalen Beispiel: Der „ROTE OCHSE“ Halle (Saale) als NKWD/MGB-Gefängnis und Sitz Sowjetischer Militärtribunale. In: Sowjetische Militärjustiz in der SBZ und frühen DDR. Tagungsband, im Auftrag des Landesverwaltungsamts Sachsen-Anhalt hrsg. von Daniel Bohse und Lutz Miehe, Halle 2007, S. 93–107; ders. Sowjetische Militärtribunale im „ROTEN OCHSEN“ 1945–1952, in: Bohse, Daniel/Sperk, Alexander (Bearb.): Der ROTE OCHSE Halle (Saale) – Politische Justiz 1933–1945/1945–1989. Katalog zu den Dauerausstellungen, hrsg. von Joachim Scherrieble, Berlin 2008, S. 281–293. 3 Allg. vgl. Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949, Berlin 1999; Bonwetsch, Bernd/Bordjugow, Gennadij/Naimark, Norman M. (Hrsg.): Sowjetische Politik in der SBZ 1945–1949. Dokumente zur Tätigkeit der Propagandaverwaltung (Informationsverwaltung) der SMAD unter Sergej Tjul’panov, Bonn 1997. 4 Vgl. Niethammer, Lutz: Alliierte Internierungslager in Deutschland nach 1945. Vergleich und offene Fragen. In: Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, hrsg. von Sergej Mironenko, Lutz Niethammer und Alexander von Plato, Bd. 1: Studien und Berichte, hrsg. von Alexander von Plato, Berlin 1998, S. 97–116; Petrov, Nikita: Die Apparate des NKVD/MVD und des MGB in Deutschland 1945-1953. Eine historische Skizze. In: ebenda, S. 143–157; Hilger, Andreas/Petrov, Nikita: „Erledigung der Schmutzarbeit“? Die sowjetischen Justiz- und Sicherheitsapparate in Deutschland. In: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2: Die Verurteilung deutscher Zivilisten 1945–1955, hrsg. von Andreas Hilger, Mike Schmeitzner, Ute Schmidt, Köln u. a. 2003, S. 59–152. 5 Allg. vgl. Sowjetische Speziallager in Deutschland, Bd. 1; zu den Speziallagertoten vgl. Jeske, Natalja: Versorgung, Krankheit, Tod in den Speziallagern. In: Hilger/Schmeitzner/Schmidt: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2, S. 189–223. 6 Mit der „Säuberung“ von Halle und Umgebung begann das NKWD ab dem 12. 8. 1945. Vgl. Russisches Staat­liches Militärarchiv (RGWA), 32925/1, Nr. 120, Bl. 3. 7 Zu den Festnahmen angeblicher Wehrwolf-Mitglieder durch das NKWD im Raum Halle, hier für Januar bis März 1946 vgl. RGWA, 32925/1, Nr. 102, Bl. 75–81. 8 Allg. vgl. Schmidt, Ute: „Vollständige Isolierung erforderlich …“. SMT-Verurteilungen im Kontext der Gleichschaltung der Blockparteien CDU und LDP 1946-1953. In: Hilger/Schmeitzner/Schmidt: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2 S. 345–394; zu Maßnahmen der SMA gegen CDU-Funktionäre in Sachsen-Anhalt vgl. Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) 7133/1/40, Bl. 110, 144 9 Vgl. RGWA, 32925/1, Nr. 110, Bl. 61 f.; Samml. GS ROTER OCHSE, Personenarchiv, Kluge, Kresse, Möbius, Naue.

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10 Zahlenangaben nach Berechnungen des Verfassers auf Basis der Tagesberichte des 92. NKWD-Grenzschutz­ regiments sowie der die Häftlingstransporte aus dem „Roten Ochsen“ betreffenden Übergabeprotokolle und Transportlisten des Speziallagers Nr. 1 von Oktober 1945 bis März 1946 sowie des Speziallagers Nr. 8 von September 1945. Vgl. RGWA 32925; GARF 9409/1, Nr. 4, Nr. 5; Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V./Sammlung GARF 9409/1, Nr. 345 und Nr. 346; Kilian, Achim: Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland, Köln u. a. 2001, S. 314 f. Für weitere Transporte liegen Hinweise, aber keine belastbaren Quellen vor. 11 Vgl. RGWA, 32925/1, Nr. 101, Nr. 102, Nr. 120; Bohse, Daniel: Quellen zu NS-Verbrechen und zum Wirken sowjetischer Militär- und Sicherheitsorgane in Sachsen-Anhalt in Moskauer Archiven – Grenzen, Aussagegehalt, Chancen, in: Erinnern. Rundbrief der landeseigenen Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Bd. 1–2/2008, Magdeburg 2008, S. 21–26. 12 Die im Juli 1945 durch SMAD-Befehle neu gebildete, das heutige Land Sachsen-Anhalt und einige jetzt sächsische, brandenburgische und thüringische Gebiete umfassende „Provinz Sachsen“ führte infolge eines Beschlusses des Provinziallandtages vom 3. 12. 1946 den Namen „Provinz Sachsen-Anhalt“. Nach der durch den Alliierten Kontrollrat verfügten Auflösung des Preußischen Staates genehmigte die Sowjetische Militäradminis­tration der Provinz Sachsen-Anhalt auf Grund des SMAD-Befehls Nr. 180 vom 21. 7. 1947 die vom Provinziallandtag beantragte Verleihung der Bezeichnung „Land Sachsen-Anhalt. 13 Vgl. Sammlung GS „ROTER OCHSE“, Bestand Personal. Zum russischen Personal liegen nur in Einzelfällen Informationen vor. Siehe z. B. die Biografie zu Kyrill I. Mitschura (1911–1978), der im Rang eines Oberleutnants des MGB von Oktober 1949 bis Januar 1951 als Kommandant der Untersuchungshaftanstalt des MGB-Operativ­sektors Sachsen-Anhalt im „ROTEN OCHSEN“ fungierte, in: Petrov, Nikita: Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland. Der leitende Personalbestand der Staatssicherheitsorgane der UdSSR in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der DDR von 1945–1954. Biografisches Nachschlagewerk, Berlin 2010, S. 468. 14 Vgl. Projektdatenbank SMT-Todesurteile 1945–47, lfd. Nr. 65; Projektdatenbank SMT-Verurteilte Halle, lfd. Nr. 1549; Sammlung GS ROTER OCHSE, Personenarchiv, Kahlert, Weltzel, Monien; „Erschossen in Moskau…“ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953, hg. von Arsenij Roginskij, Jörg Rudolph, Frank Drauschke und Anne Kaminsky, Berlin 2005, S. 269, S. 380. Zwar sind für Halle auch einige Verfahren gegen am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 Beteiligte bekannt, doch fanden diese nicht im „ROTEN OCHSEN“ statt. 15 Vgl. Sperk, Alexander: Die MfS-Untersuchungshaftanstalt „ROTER OCHSE“ Halle (Saale) von 1950 bis 1989. Eine Dokumentation, Magdeburg 1998, S. 25 ff. 16 Zur Zusammenarbeit der sowjetischen Sicherheitsdienste und der Militärjustiz mit deutschen Sicherheitsund Parteiapparaten vgl. Hilger Petrov: „Erledigung der Schmutzarbeit“, S. 141–152

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17 Allg. vgl. Hilger, Andreas/Petrov, Nikita: „Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ Sowjetische Militärjustiz in der SBZ/DDR von 1945 bis 1955. In: „Erschossen in Moskau …“, S. 19–35. 18 Nach Abschaffung der Todesstrafe im Mai 1947 ersetzte diese 25jähriger Freiheitsentzug, in den auch bereits verhängte, aber noch nicht vollstreckte Todesurteile umgewandelt wurden. Unter anderem für „Vaterlands­ verräter Spione, Schädlinge und Diversanten“ wurde die Todesstrafe im Januar 1950 wieder eingeführt. 19 Ukaz des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über Maßnahmen zur Bestrafung der deutschen faschistischen Übeltäter, schuldig an der Tötung und Misshandlung der sowjetischen Zivilbevölkerung und der gefangenen Rotarmisten, der Spione, der Vaterlandsverräter unter den sowjetischen Bürgern und deren Mithelfer“, erlassen im April 1943. Vgl. Hilger, Andreas/Petrov, Nikita/Wagenlehner, Günter: Der „Ukaz 43“. Ent­stehung und Problematik des Dekrets des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 19. April 1943. In: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 1: Die Verurteilung deutscher Kriegsgefangener 1941–1953, hrsg. von Andreas Hilger, Ute Schmidt, Günter Wagenlehner, Köln 2001, S. 177–200. 20 Allg. vgl. Schroeder, Friedrich Christian: Rechtsgrundlagen der Verfolgung deutscher Zivilisten durch Sowjetische Militärtribunale, in: Hilger/Schmeitzner/Schmidt: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2, S. 37–58. 21 Kontrollratsgesetz Nr. 10 „Bestrafung von Personen, die sich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben“ vom 20. Dezember 1945, für die DDR außer Wirkung gesetzt durch Beschluss des Ministerrats der UdSSR vom 20. September 1955, veröffentlicht in: Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland S. 50, S. 241. 22 Vgl. Jeske, Natalja/Schmidt, Ute: Zur Verfolgung von Kriegs- und NS-Verbrechen durch sowjetische Militär­ tribunale in der SBZ, in: Hilger / Schmeitzner / Schmidt: Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2, S. 155–192. 23 Vgl. Bundesarchiv (BArch), DO 1, Kartei SMT- und Waldheimverurteilte; Sammlung GS ROTER OCHSE, Per­sonen­archiv; Bohse, Daniel: Herrschaftssicherung durch Repression – Zur Tätigkeit der sowjetischen Sicherheitsorgane und Militärjustiz in Magdeburg 1945–1955, in: Puhle, Matthias: „Magdeburg lebt!“ Kriegsende und Neubeginn in Magdeburg 1945–1949 (= Magdeburger Museumsschriften 13), Magdeburg 2011, S. 85– 104, hier S. 98. 24 Vgl. GS ROTER OCHSE, Projektdatenbank SMT-Verurteilte. Für konkrete und belastbare Quantifizierungen sind noch weitere Forschungen von Nöten. 25 Vgl. Bohse/Sperk 2008, S. 309. 26 Es ist davon auszugehen, dass sich unter den bis 1955 schätzungsweise 7.000 aus der SBZ zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportierten und dort vielfach umgekommenen SMT-Verurteilten auch viele zwischenzeitlich im „ROTEN OCHSEN“ Inhaftierte befanden. Hierzu sind bislang nur Einzelfälle dokumentiert. Die Überlebenden der sowjetischen Arbeitslager kehrten mehrheitlich erst in den Jahren 1953 bis 1955 nach Deutschland zurück. 27 Vgl. DIZ Torgau, Sammlung GARF 9409/1, Nr. 705; GS ROTER OCHSE, Projektdatenbank SMT-Verurteilte.

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28 In denselben Transporten befanden sich ebenso von SMT verurteilte sowjetische Militärangehörige. 30 Diese waren entweder im „ROTEN OCHSEN“ von SMT abgeurteilt, oder nach anderenorts erfolgter Verurteilung zunächst in der halleschen Haftanstalt inhaftiert worden. Vgl. DIZ Torgau, Sammlung GARF 9409/1, Nr. 729, Nr. 730, Nr. 732, Nr. 735. 31 Zahlen nach Berechnungen des Verfassers auf der Basis der Gedenkstätte Bautzen vorliegenden Transport­ listen und Bestandsberichte über die Entwicklung des Spezialkontingents und der Zugänge im Speziallager Nr. 4 (ab 1948 Nr. 3). Vgl. Gedenkstätte Bautzen, Sammlung GARF 9409/1. 32 Zu den Transporten nach Sachsenhausen vgl. Wolfgang Fintzel unter Mitarbeit von Ulrich Koch: Fünf Jahre in der Hölle – mit 17 in Stalins Lagern. Ein Erlebnisbericht über die Jahre 1946 bis 1951, Eisleben (Eigenverlag) 1997, S. 37, der die Stärke eines am 17. März 1947 von Halle in Sachsenhausen eingetroffenen Transportes auf 480 Verurteilte schätzt. 33 Vgl. Gedenkstätte Bautzen, Sammlung GARF 9409/1, Nr. 572, unpag. Zweiwöchentlicher Bestandsbericht über die Entwicklung des Spezialkontingents und über Zugänge im Speziallager Nr. 3 des MWD der UdSSR in Deutschland vom 28. 1.–13. 2. 1950; Sammlung GS ROTER OCHSE, Personenarchiv, Damare, Drescher, Scheumann, F. Schwertfeger, W. Schwertfeger. 34 Vgl. GS ROTER OCHSE, Projektdatenbank SMT-Verurteilte. 35 Vgl. Sammlung GS ROTER OCHSE, Personenarchiv, Mingramm. 36 Vgl. Hilger, Andreas: Einleitung: Smert’ Špionam! – Tod den Spionen! Todesstrafe und sowjetischer Justizexport in die SBZ/DDR, 1945–1955. In: ders. (Hrsg.): „Tod den Spionen!“ Todesurteile sowjetischer Gerichte in der SBZ/DDR und in der Sowjetunion bis 1953 ( = Berichte und Studien Nr. 51, hrsg. vom Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V.), Göttingen 2006, S. 7–35, hier S. 22. 37 Vgl. Hilger: Tod den Spionen, S. 20f. Zu Halle vgl. den Bericht des Bevollmächtigten des MWD in Deutschland, Iwan A. Serow, an Stalin vom 8. September 1946, zitiert bei Petrov, Nikita: Die Todesstrafe in der UdSSR: Ideologie, Methoden, Praxis. 1917–1953. In: Hilger: Tod den Spionen, S. 37–77, hier S. 65. 38 Vgl. Hilger: Tod den Spionen, S. 20 f. Zu Halle vgl. den Bericht des Bevollmächtigten des MWD in Deutschland, Iwan A. Serow, an Stalin vom 8. September 1946, zitiert bei Petrov, Nikita: Die Todesstrafe in der UdSSR: Ideologie, Methoden, Praxis. 1917–1953. In: Hilger: Tod den Spionen, S. 37–77, hier S. 65. 39 Vgl. „Erschossen in Moskau…“, Biographien; Sammlung GS ROTER OCHSE. Im Gegensatz hierzu gehen Rudolph, Jörg/Drauschke, Frank/Sachse, Alexander: Verurteilt zum Tode durch Erschießen. Opfer des Stalinismus aus Sachsen-Anhalt, 1950–1953, Magdeburg 2006, S. 70 von 51 Todesurteilen aus, von denen fünf nicht vollstreckt wurden. 40 Vgl. die bei Rudolph/Drauschke/Sachse 2006, S. 86–113 dokumentierten Opferbiographien von in Halle Abgeurteilten.

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50 Jahre Mauerbau: Schüler-Projekttag in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn Sascha Möbius Am 30. Juni dieses Jahres trafen sich über 200 Schüler­ innen und Schüler aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen in der Gedenkstätte Marienborn um mit Zeitzeugen der politischen Verfolgung in der SBZ und DDR zu sprechen und sich über die innerdeutsche Grenze zu informieren. Unter dem Motto „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen“ fand dieser Projekttag bereits zum zweiten Die Eröffnung des Projekttages im Bereich Mal statt. Anlässlich des 50sten Jahrestags des Mauer­ der ehemaligen LKW-Kontrolle in der baus lag in diesem Jahr der Schwerpunkt auf der Verfol- Gedenkstätte. gung von Flüchtlingen, Ausreiseantragstellern und Menschen, die Kritik am Grenz­regime der DDR geäußert hatten. Vorbereitet hatten den Tag Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler sowie die Kultusministerien der beiden Bundesländer, die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Im Vorfeld hatten sich Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Gernrode und der Gymnasien Julianum und Bötschenberg aus Helmstedt gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte Deutsche Teilung darauf vorbereitet, an neun Stationen der Gedenkstätte ihre Mitschüler über die Grenzübergangsstelle und das Grenzregime der DDR zu informieren. Dazu hatten sie zu den einzelnen Stationen (z. B. Beobachtungsturm, Zoll, Passkontrolleinheiten) Kurzvorträge vorbereitet. Die Schüler stellten dabei nicht nur die Gebäude und ihre Funktion vor, sondern auch besondere Ereignisse oder Erlebnisse von Menschen an diesen Orten. An dieser Stelle möchten wir den beteiligten Schülern und Lehrern noch einmal ein großes Dankeschön für die hervorragenden Vorträge und die intensive Vorbereitung aussprechen! Der Projekttag begann nach einer Begrüßung durch Kai Langer (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt) mit Grußworten des Kultusministers des Landes Sachsen-Anhalt Stephan Dorgerloh und des niedersächsischen Kultusstaatssekretärs 49

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn Stefan Porwol. Während der Gruß­worte konnten die Anwesenden auf sechs Großbildschirmen Bilder der innerdeutschen Grenze sehen. Im Anschluss teilten sich die Schülerinnen und Schüler in neun Gruppen auf, die dann im Uhrzeigersinn die neun Stationen besuchten, an denen jeweils zwei bis drei ihrer Mitschüler Kurzvorträge hielten und Fragen beantworteten. Nach Der Zeitzeuge Gerhard Winter im Gespräch der verdienten Mittagspause konnten die Schüler mit Schülerinnen und Schülern. einen Film über Michael Gartenschläger sehen und danach mit neun Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ins Gespräch kommen. In den Zeitzeugengesprächen berichteten vor allem ehemalige politische Gefangene aus der SBZ und DDR über ihre Erfahrungen. Sie waren wegen Kritik am Mauerbau, Fluchtversuchen oder vor dem Hintergrund von Ausreiseanträgen verurteilt worden. Begleitet wurde das Projekt von fjp-media. Die jungen Journalistinnen und Journalisten filmten den Tag und interviewten Beteiligte. Einen Zusammenschnitt ihrer Aufnahmen zeigten sie am Ende des Tages. Die Dokumentation des Projekttages ist zu finden unter: https://politikorangemarienborn.wordpress.com

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Tagung Mauerbau, Grenze und Militarisierung in der DDR, 24.–26. 06.2011 in Magdeburg Paul Kannmann, Sascha Möbius Veranstalter: Institut für Geschichte der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg; Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn in der Stiftung Gedenkstätten SachsenAnhalt in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr und der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt. Auch wenn die Ereignisse des 13. August 1961 vor allem Berlin betrafen, stehen sie doch für die Abschottung der DDR im Ganzen und den stetigen Ausbau des Grenz­ regimes. Die in Magdeburg veranstaltete Tagung thematisierte das Grenzregime, 50

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn seine Opfer und die mit dem Ausbau der Grenze verbundene Militarisierung als wichtigen Teil der Alltagsgeschichte der DDR. Dabei sollten vor allem Alltagsund Repressionsgeschichte mit einander verbunden werden. Jochen Staadt (Berlin) eröffnete die einführende Podiumsdiskussion des ersten Panels mit Gedanken zur geschichtswissenschaftlichen Auseinanderset- Die Filmemacher Hans Sparschuh und Rainer Burmeister im Gespräch. zung mit jenen Menschen, die vor dem Hintergrund des Grenzregimes der politischen Repression in der SBZ und DDR zum Opfer fielen. Er stellte fest, dass es bis heute keine einschlägigen Forschungen zu dieser Thematik gibt und lediglich die Fluchthelfer genauer untersucht wurden. Danach wendete sich Staadt der Fluchtbewegung vor dem Mauerbau zu und unterstrich die treibende Rolle Ulbrichts beim Bau der Berliner Mauer. Dieser hatte gegenüber Chruschtschow immer wieder die Kontrolle über die Zufahrtswege nach Berlin gefordert und letztlich die Abriegelung der Grenze zwischen Ost- und Westberlin erreicht. Thomas Großbölting (Münster) griff die einführenden Gedanken Staadts auf und verknüpfte sie mit der Frage, wie die Themen der Tagung in „unser DDR-Bild zu integrieren“ seien und welche Rolle die Mauer in der gegenwärtigen Erinnerung spiele. Er übte deutliche Kritik an den der aktuellen medialen Darstellung der Mauer und des Grenzregimes. Diese stellten vor allem das Ende der Mauer dar. Die Entwicklung des Grenzregimes würde so als eine Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik gegenüber der DDR dargestellt und vereinfacht. Stattdessen müsse man sich eingestehen, dass die Mauer und die Abschottung der DDR einer Bankrotterklärung des „Arbeiter- und Bauernstaates“ gleichkamen. Anschließend widmete sich Peter Lautzas (Mainz) dem didaktischen Umgang mit dem Mauerbau, der Grenze und der Militarisierung der DDR. Die deutsch-deutsche Geschichte, so kritisierte er, würde heute nahezu als Parallelgeschichte zweier unabhängig von einander exis­tierender Systeme unterrichtet. Daher sei es wichtig, gerade die Verbindungen zwischen der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR hervorzuheben. Nach diesem einführenden Panel führten die Filmemacher Hans Sparschuh und Rainer Burmeister (beide Berlin) ihre Dokumentation „Es gab kein Niemandsland – Ein Dorf im 51

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn Sperrgebiet“ vor und kamen danach mit dem Teilnehmenden der Tagung ins Gespräch. Das Porträt über das Thüringische Großburschla überzeugte durch höchst sensible Zeitzeugeninterviews und eindrucksvolles historisches Filmmaterial. Der Film zeigt, wie die Einwohnerinnen und Einwohner die engen Handlungsspielräume der Bewohner des Sperrgebietes nutzten und innerhalb von ihnen ihr Leben gestalteten. Jeder einzelne Bürger im Sperrgebiet musste sich entscheiden, in welcher Weise er sich an den Repressions- und Bewachungsmaßnahmen des Staates beteiligte, Widerstand leistete oder versuchte, sich mit dem Sys­tem zu arrangieren. Diese Entscheidungen beeinflussen das Verhältnis der Menschen im ehemaligen Grenz­gebiet bis heute. Lutz Rathenow (Leipzig) bezog deutlich und mit zahlreichen autobiografischen Details Stellung zum Themen­geflecht „Mauerbau-Grenze-DDRismus“. Für den Neunjährigen war die Grenze zunächst eine Ostsee-Erfahrung, während des Wehrdienstes eine tägliche Begleiterin und bald auch Grund für die eigene Opposition. Rathenows Wortschöpfung „DDRismus“ meinte vor allem ein nach 1990 auf vielen Ebenen weiter wirkendes DDR-Bild, das bis heute die Denk- und Verhaltensweisen vieler ehemaliger DDR-Bürger beeinflusst – unabhängig davon, wie sie den „Arbeiter- und Bauernstaat“ erlebt haben. Silke Satjukow (Magdeburg) schilderte zu Beginn des zweiten Konferenztages die Grundzüge der Besatzungsgeschichte in der SBZ und betonte hierbei die Bedeutung der Nahbeziehungen zwischen Bevölkerung und Militär. Die Präsenz der Militärs vor Ort rief der Bevölkerung jederzeit in Erinnerung, dass das gesamte Alltagsleben stets militärisch in Frage gestellt, unterbrochen oder unterbunden werden konnte. Torsten Diedrich (Potsdam) nahm Silke Satjukows Gedanken auf und unterstrich, dass es sich bei der DDR um einen der militarisiertesten Staaten der Welt handelte. Sie war der Musterschüler Moskaus. Tiefere Ursache der allumfassenden Militarisierung war ihre exponierte Lage an der „heißesten“ Grenze, an der Nahtstelle zwischen den östlichen und westlichen Militärblöcken. Im Falle eines Krieges wäre das Territorium beider deutscher Staaten die Hauptkampfzone gewesen. Darauf wollte die SED vorbereitet sein und richtete daher faktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens militärisch aus. Rüdiger Wenzke (Potsdam) merkte an, dass bis heute zu wenige Studien vorlägen, in denen die Rolle der Nationalen Volksarmee im System der SED erschöpfend behandelt würde. Mauerbau, Grenze und Militarisierung seien jedoch ohne grundlegende Kenntnisse über die „Armee des Volkes“ und ihrer angegliederten Clemens Heitmann 52

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn (Chemnitz) arbeitete in seinem Beitrag heraus, dass es sich bei der DDR um eine von Regierung und Partei „durchherrschte Gesellschaft“ gehandelt habe. Um ihren Machtund Kontrollanspruch jederzeit durchsetzen zu können, organisierten sie einen umfangreichen Militär- und Polizeiapparat, der bis in die entferntesten Winkel der Gesellschaft reichte. Heitmann erläuterte seine These anhand der „Zivilverteidigung“. In zahlreichen Institutionen wurden die Bürger auf ihre „Verteidigungspflicht“ vorbereitet: in Schulen, Betriebskampfgruppen oder in der Gesellschaft für Sport und Technik. Wie nachhaltig dieses System wirkte, ist bisher nicht erforscht. Neuere Forschungen zu ereignisgeschichtlichen Aspekten des Mauerbaus wurden von Hans-Hermann Hertle (Potsdam) vorgestellt. Derzeit ließen sich im Zusammenhang mit dem Mauerbau drei zentrale Fragen ausmachen: Welche Ziele verfolgten die DDR und die Sowjetunion mit dem Mauerbau? Wann genau fiel die Entscheidung zum Mauerbau? Wusste der Westen im Vorhinein bescheid, und wenn ja, weshalb griff er nicht ein? Neben diesen Kernthemen diskutierten die Teilnehmer auch die Kommunikationsräume unmittelbar vor dem Mauerbau. Wie verhielten sich die Berliner, wie verhielt sich die Bevölkerung der DDR im Vorfeld. Welche Mittel ergriff sie, um das Undenkbare, das sich monatelang ankündigte, im letzten Moment zu verhindern? Oder blieb sie vor dem Hintergrund der sowjetischen Intervention am Daniel Bohse (Halle) erläuterte in seinem Beitrag die Absicherung der Grenze am Beispiel des Bezirkes Magdeburg. Die zumeist ortskundigen Einsatzkräfte machten „Unregelmäßigkeiten“ in der Sperrzone schnell aus und verhinderten auf diese Weise so manche „Republikflucht“. Ab 1961 dokumentierten und analysierten Volkspolizei und Ministerium für Staatssicherheit systematisch jeden versuchten oder geglückten Grenzübertritt. Immer ausgefeilter und perfider wurden die Überwachungs- und Repressionspraktiken an den Grenzübergangsstellen und im Hinterland, sie wurden zentraler Bestandteil des Überwachungsstaates DDR. Individuelle „Grenzgeschichten“ wurden von Kerstin Dietzel (Magdeburg) in den Blick genommen. Auf der Grundlage lebensgeschichtlicher Interviews mit ehemaligen politischen Häftlingen der Untersuchungshaftanstalt Magdeburg-Neustadt zeigte Dietzel, wie die Betroffenen mit der Repression umgingen. Wie nahmen die Opfer politische Gewalt wahr, wie gingen sie und ihre Angehörigen mit den äußerst harten Strafen um und was bedeuteten diese für ihr späteres Leben? Für die meisten Befragten stellte die Grenze einen grundlegenden und schmerzhaften Einschnitt in das eigene Leben dar, der noch bis in die Gegenwart fortwirkt. 53

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn Achim Walther (Hötensleben) berichtete vom Alltag im Sperrgebiet anhand des Gebietes um das Dorf Hötensleben. Mit der Grenzschließung 1952 wurde der Ort zur Gefahrenzone: Missliebige Bürger wurden gewaltsam ausgesiedelt. Wer hier leben blieb, war rigiden alltäglichen Kontrollmaßnahmen ausgeliefert. Wie bereits in Sparschuhs und Burmeisters Dokumentation wurde auch hier die Vielschichtigkeit des Alltags an der Grenze deutlich. Sascha Möbius (Magdeburg/Marienborn) widmete sich zum Abschluss der Konferenz nochmals der Frage nach der Rolle von Feindbildern bei Marx, Lenin und der SED. Seine Untersuchung zeigte eine deutliche Akzentverschiebung: Feindbilder spielten zwar auch bei Marx eine Rolle, jedoch habe hier eine ökonomische und vor allem soziologische Analyse der gesellschaftlichen Situation im Vordergrund gestanden. Die Beurteilung des Kronstädter Aufstandes habe bereits die Grundzüge stalinistischer Feindbildkonstruktionen aufgezeigt. Die SED-Analysen der Aufstände von 1953 und 1956 offenbarten dann ein geheimpolizeiliches Denken, bei dem Feindbilder in den Vorder- und gesellschaftliche Analysen in den Hintergrund traten. Die Abschlussdiskussion machte noch einmal deutlich, dass die Staatsgrenze der DDR nicht isoliert von der Gesellschaft betrachtet werden darf. Die mit der Tagung verfolgte ganzheitliche Sicht auf die DDR zeigte, dass das Grenzregime ein unverzichtbarer Bestandteil des Systems war und dass dieses unmenschliche Grenz-Bollwerk mit all seinen Schikanen die Verkörperung einer simplen und radikalen Ideologie und Propaganda darstellte, die nur Freund und Feind kannte.

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin

Zur Person des neuen Leiters der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin Kai Langer Am 19. Juli 2011 wählte der Stiftungsrat der Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Johannes Schwartz zum Leiter der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet Johannes Schwartz, der am 12. September 2011 seine Tätigkeit in der Gedenkstätte aufnahm, im Bereich der konzeptionellen Entwicklung von KZ-Gedenkstätten, vor allem im Ausstellungsbereich, sowie in der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte der Konzen­trationslager. 54

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin In Bremen geboren, studierte er von 1995 bis 2003 an Universitäten in Frankfurt am Main, Paris und Berlin französische Sprach- und Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaften. Von Juli bis September 2002 sowie von April 2003 bis November 2004 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahnund Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten an der Konzeption und Erarbeitung der 2004 eröffneten Dauerausstellung „Im Gefolge der SS. Aufseherinnen des Frauen-KZ Johannes Schwartz Ravensbrück“ beteiligt. In Vorbereitung dieser Ausstellung organisierte er 2003 zusammen anderen die Fachtagung „Präsentation von SS-Personal in KZ-Gedenkstätten. Quellen und Überlieferungen“. Nach der Fertigstellung der Ausstellung konzipierte und redigierte er gemeinsam mit den drei Kolleginnen des Ausstellungsprojektes den 2007 erschienenen Begleitband zur Ausstellung „Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück“. Seit Dezember 2004 arbeitete Johannes Schwartz als Doktorand im Fach Geschichte an der Universität Erfurt an seiner Dissertation zu dem Thema „KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg. Handlungsräume und Verhaltensweisen“. Ermöglicht wurde die Realisierung des Dissertationsprojekts durch diverse in- und ausländische Promotionsstipendien. Neben Recherchen in zahlreichen Archiven in den USA, Israel, Frankreich, England und Deutschland führte Schwartz für sein Dissertationsprojekt auch selbst Oral History Interviews mit Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück in Deutschland und in den USA durch. Zusammen mit drei Historikern aus Warschau und Berlin organisierte er zudem den 12. internationalen Workshop für Promovierende zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Ende Oktober 2004 in den KZ-Gedenkstätten Lublin und Bełżec (Polen). Im Anschluss an die Tagung gab er 2007 zusammen mit diesen Kollegen den Tagungsband „KZ-Verbrechen. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager und ihrer Erinnerung“ heraus. Nach Abschluss seiner Dissertation arbeitete Johannes Schwartz zwischen dem 1.  Februar und 30. August 2011 als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an der Erarbeitung der neuen Hauptausstel55

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin lung zur Geschichte des Konzentrationslagers mit. Dafür forschte er zur Geschichte der französischen und belgischen Haftgruppe des Konzentrationslagers Ravensbrück, entwickelte Vorschläge für deren museale Präsentation du recherchierte Ausstellungsobjekte. Mit der Geschichte der Konzentrationslager im Schloss Lichtenburg ist Johannes Schwartz sehr gut vertraut. In seiner Dissertation findet sich speziell ein Kapitel zu den Frauen, die sich zwischen Dezember 1937 und März 1938 freiwillig auf eine Stelle als SS-Aufseherin in dem Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg bewarben. Außerdem hat er in seiner Dissertation und in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen die Handlungsräume und die Verantwortung für Verbrechen von KZ-Aufseherinnen untersucht, die ihre KZ-Karriere in der Zeit zwischen Dezember 1937 und Mai 1939 im Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg begannen. Johannes Schwartz sieht in seiner Ernennung zum Leiter der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg eine Möglichkeit, seine Erfahrungen in der konzeptionellen Entwicklung von KZ-Gedenkstätten und in der wissenschaftlichen Erforschung der Konzentrations­ lager einzubringen, um aus dem Schloss Lichtenburg einen aktiven, lebendigen, modernen, professionell betreuten Lern- und Gedenkort sowie ein zeithistorisches Forschungs- und Dokumentationszentrum mit vielfältigen historisch-politischen Bildungsangeboten zu machen. In diesem Zusammenhang strebt er eine enge Vernetzung mit lokalen Schulen, Bildungsträgern und Jugendverbänden an, um vor allem Schülerinnen, Schüler, Jugendliche und Studierende für einen Besuch in der Gedenkstätte zu gewinnen.

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge

Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung, Vernichtung – was geht mich das heute noch an? Gesine Daifi Der in der Überschrift formulierten Frage geht ein Projekt nach, das die Gedenkstättefür die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge und deren Förderverein gemeinsam mit dem Gymnasium Martineum Halberstadt und dessen armenischer Partnerschule Nr. 5 in Aschtarak durchführen. Gefördert wird es im Rahmen des Programms „EUROPEANS 56

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge

Projektteilnehmer in Oschakan vor dem Denkmal für armenische Buchstaben in Form eines geöffneten Buches  

FOR PEACE – Looking Back – Moving Forward“ der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Berlin. Es geht bei diesem Projekt nicht allein darum, etwas über das Schicksal von Armeniern, die im KZ Langenstein-Zwieberge inhaftiert waren, in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus sollen auch Ausgrenzungs- und Vernichtungsmechanismen während der NS-Zeit dargestellt und in Bezug zu den Ereignissen des türkischen Völkermordes an den Armeniern 1915/16 gesetzt werden. Es geht dabei weniger um einen Vergleich his­ torischer Ereignisse. Vielmehr beabsichtigt ist ein Vergleich unterschiedlicher Erscheinungsformen von Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung sowie die Beantwortung der Frage, ob diese Mechanismen, diese damaligen Verletzungen von Menschenrechten, etwas mit unserer heutigen Lebenswelt zu tun haben. Am Ende des Projektes soll mit Hilfe professioneller Filmemacher ein zweisprachiger Film entstehen, der für die historisch-politische Bildungsarbeit in den Schulen und für die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte eingesetzt wird. Es folgt ein persönlich gefärbter Arbeitsbericht zum laufenden Projekt. „Wir holen euch dann alle vom Flughafen in Jerewan ab“ sagt Gohar Maghakyan am Telefon und wünscht uns eine gute Reise. Wir haben zwar keine Vorstellung davon, wer mit 57

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge „wir alle“ gemeint ist, doch wir haben die armenische Deutschlehrerin aus Aschtarak bereits im Mai 2011 in Berlin bei einem Vorbereitungsseminar für unser gemeinsames Vorhaben als äußerst verlässliche Projektpartnerin kennen gelernt und wissen uns in den besten Händen. Am 8. Oktober 2011 ist es soweit, wir – also elf 15–17jährige Gymnasiasten des Martineums Halberstadt, deren Lehrer, die Vertreterinnen der Gedenkstätte und des Fördervereins sowie die beiden Filmemacher von „blende 39“ aus Magdeburg – machen uns auf den Weg nach Armenien, um den ersten Teil des gemeinsamen Projektes in Angriff zu nehmen. Unmittelbar bei unserer Ankunft auf dem Flughafen von Jerewan wird uns dann klar, wer mit „alle“ gemeint ist – die vollzählig erschienenen armenischen Gastfamilien der Partnerschüler einschließlich aller Geschwister und sogar einiger Großeltern. Unsere armenischen Betreuer und die Dolmetscherin haben sich zur nächtlichen Stunde versammelt, um uns mit Blumen und kleinen Geschenken zu begrüßen. Wir bekommen eine Vorahnung von dem, was armenische Gastfreundschaft bedeutet. Nachdem die armenischen Schüler ihre deutschen Partner zunächst mit den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung vertraut gemacht haben, befasst sich unser erstes thematisches Seminar mit der allgemeinen Sinnlosigkeit von Kriegen. Mithilfe verschiedener Filmbeiträge, literarischer Texte und Lieder setzen sich die Projektteilnehmer mit Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Kriegen auseinander. Anschließend stellen sie Menschen vor, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzen. Sehr schnell wird ein Konsens darüber erzielt, dass Gewalt, Kriege und Aggressionen keine Mittel sind, um Konflikte zu lösen. Ein einfacher Einstieg in das Thema – vielleicht zu einfach? Zumindest für die deutschen Schüler scheint es mir, als ob kriegerische Auseinandersetzungen wenig, eigentlich nichts, mit ihrer heutigen Lebenswelt zu tun hätten. Doch dann thematisiert ein armenischer Schüler den heutigen Armeedienst junger Männer an der Grenze zu Aserbaidschan. Der Name der Region „Karabach“ fällt und auch wenn die deutschen Schüler (noch) nicht viel über diese Problematik wissen, lässt deren bloße Erwähnung uns ahnen, dass thematisch noch einiges auf uns zukommen wird. 58

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge Das nächste Seminar hat den Völkermord 1915/16, den Türken an Armeniern verübten, zum Inhalt. Die armenischen Schüler haben sich sehr fleißig vorbereitet und lange Texte auf Deutsch auswendig gelernt. So entlädt sich ein wahres Gewitter an Informationen und Fakten über den Köpfen der deutschen Schüler. Die Frage: „Darf ich noch etwas hinzufügen“? wird zur meistgestellten und nicht nur die deutschen Schüler, sondern auch wir Betreuer brauchen kurz Zeit, um uns auf diesen kulturellen Unterschied der Wissensvermitt- Projektteilnehmer bei der Arbeit an ihrem Film. lung einzustellen. Als das Wort „Entente“ fällt, ist für die deutschen Schüler die zeitliche Einordnung klar. Zu Bildern werden diese Informationen anschließend im Genozidmuseum von Jerewan, das Dokumente und Fotos über die Geschichte der Vorbereitung und Durchführung des Völkermordes zeigt. Wir sehen Fotos von Leichenbergen, von ausgezehrten und entkräfteten Menschen auf gewaltsamen Fußmärschen – wie sich doch Bilder immer wieder gleichen, geht mir durch den Kopf … Entsetzte Frage einer deutschen Projektteilnehmerin: „Ist das ein Stigma?“ Sie zeigt auf Ausstellungsfotos von armenischen Frauen, die in den türkisch besetzten Gebieten zum muslimischen Glauben übergetreten waren und zum Zeichen der Unterscheidung ein Kreuz auf die Stirn tätowiert bekamen. Ziemlich schweigsam gehen wir die wenigen Schritte zum Denkmal Zizernakaberd (armenisch: Schwalbenfestung) für die Opfer des Genozids. Es setzt sich aus zwölf Basaltstelen zusammen, die sich über ein ewiges Feuer neigen und die zwölf ehemals armenischen Provinzen symbolisieren, die heute zur Türkei gehören. Die deutschen Jugendlichen haben inzwischen ihre Sprache wieder gefunden und diskutieren mit ihren armenischen Partnern empört darüber, dass der Völkermord im Geschichtsunterricht der Schulen in Sachsen-Anhalt nicht thematisiert wird. Auch die kurz darauf gemachte Feststellung, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht zu den 21 Ländern und 60 Organisationen gehört, die diesen Völkermord offiziell anerkennen, wirft Fragen nach den Ursachen dafür auf. Viele kleine Gruppen bilden sich, in denen intensiv diskutiert wird. Die fehlende Sprachkenntnis erweist sich dabei zunehmend als 59

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge Hindernis. Auch wenn die armenischen Schüler sehr gut deutsch sprechen, reicht es doch nicht aus, um all das auszudrücken, was sie empfinden. Unsere Dolmetscherin ist stark gefordert und Kristina, die Schülerin vom Martineum, die sowohl Deutsch als auch Russisch als Muttersprache spricht, ist eindeutig im Vorteil. Wir behandeln das Thema „KZ Langenstein-Zwieberge“. Nach einer kurzen Einführung in die Lagergeschichte und des Zeigens eines Films über die Befreiung des Lagers durch amerikanische Streitkräfte sehen wir uns drei Filme zu Interviews mit Familienmitgliedern ehemaliger armenischer Häftlinge des KZ LangensteinZwieberge an. Es war unseren armenischen Projektteilnehmern im Vorfeld unseres Besuches gelungen, diese Angehörigen ausfindig zu machen und zu interviewen, Intensive Diskussionen am Denkmal für die auch wenn es eine ziemliche Herausforderung bedeuOpfer des Genozids. tet hatte, die Angehörigen und deren Wohnsitz nach so langer Zeit zu finden. Anschließend fahren wir in das kleine Dorf Kuchak. Wir alle, d. h. 30 Personen, sind von den beiden Söhnen von Ajkaz Geworgjan eingeladen worden, die noch heute im Hause ihres Vaters leben. Ajkaz Geworkjan war als sowjetischer Kriegsgefangener im Mai 1944 dem Konzentrationslager Buchenwald überstellt worden und kam am 20. Juni 1944 in das Lager LangensteinZwieberge. Dicht gedrängt sitzen wir im Wohnzimmer Zu Gast bei Familie Geworgjan, an der der Familie Geworgjan um den reich gedeckten Tisch Wand ein Bild von Ajkaz Geworgjan und und sind einmal mehr überwältigt von der armenischen seiner Ehefrau. Gastfreundschaft. Beide Söhne sind sehr dankbar und sichtlich bewegt, dass sich jemand für das Schicksal ihres Vaters interessiert. Deutsche und armenische Schüler haben viele Fragen: Was der Vater über seine KZ-Haft berichtet habe, wie die Angehörigen mit diesem Schicksal gelebt hätten und ob es deren eigenen Lebensweg 60

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge beeinflusst habe. Die Antwort ist für die Schüler über­raschend. Nein, der Vater habe nichts über seine KZ-Haft berichtet, sondern sein ganzes Leben lang geschwiegen. Erst in den letzten Tagen vor seinem Tod am 4. Juni 1988 habe er einem der Söhne von seiner Inhaftierung als Kriegsgefangener und seiner Überstellung in die Konzentrationslager Buchenwald und Langenstein-Zwieberge erzählt. Auf die Frage nach dem „warum“ antworten die Söhne, dass der Vater die Familie schützen wollte, denn entsprechend dem sowjetischen Soldatengesetz galten die sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland als Verräter und wurden als Kollabo­rateure angesehen. Überlebten sie und kamen sie zurück in die Sowjetunion, wurden sie in der Regel verhaftet und ihnen drohten bis zu zehn Jahre Zwangsarbeit in sowjetischen Lagern. Auch ihre Familien wurden terrorisiert, die Söhne berichten von stunden- bisweilen tagelangen Verhören ihres Vaters durch den sowjetischen Geheimdienst. Zugute sei dem Vater gekommen, dass er Lehrer war und nach Kriegsende in Armenien Lehrer gesucht wurden, deshalb habe er relativ früh, schon 1947, in seine Heimat zurückkehren können. Keiner der jungen Leute kann sich diesen Umstand vorstellen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die beiden Söhne sich nach dem Tod des Vaters vergeblich um eine behördliche Anerkennung des Schicksals des Vaters bemühten , gewinnen Ihre Begrüßungsworte mit dem Dank dafür, dass sich junge Leute für das Schicksal von Ajkaz Geworgjan interessieren, nachträglich eine Dimension, die sehr betroffen macht. Unser letztes Seminar schließt den Kreis und stellt auf bedrückende Weise den Bezug zur Gegenwart her. Vor uns sitzen vier Frauen, die heute in und um Aschtarak wohnen und bis 1988 in den aserbaidschanischen Städten Baku, Kirowabad und Sumgait lebten. Die Frauen berichten von ihrem Schicksal, sie alle sind von ihren Erlebnissen gezeichnet. Sie erzählen davon, dass 1988 armenische Menschen in Aserbaidschan verfolgt, vertrieben, ihres Besitzes beraubt und auch getötet worden sind, denn Aserbaidschan sollte „frei von Armeniern“ sein. Sie beschreiben den Augenblick, als sie von den Stadtverwaltungen den Brief mit der Aufforderung, das Haus umgehend zu verlassen, erhielten, schildern ihre Flucht mit all den Ängsten und vergessen doch nicht, darauf hinzuweisen, dass ihnen die Flucht in vielen Fällen nur geglückt sei, weil aserbaidschanische Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen, mit denen sie jahrzehntelang friedlich zusammengelebt hatten, geholfen hätten. Die Grenze zu Aserbaidschan und Karabachund der damit verbundene Armeedienst der armenischen jungen Männer ste61

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge hen wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Die Gegenwart hat uns eingeholt, denn es kommt immer wieder zu Zwischenfällen an dieser Grenze, die auch Todesopfer fordern. Die Frauen verlassen den Seminarraum so schnell, dass wir ihnen kaum dafür danken können, dass sie den Jugendlichen von ihrem Schicksal berichteten. Im Flur holen wir sie ein. Mit ihrer Fassung ist es vorbei, Tränen fließen. „Das sind doch alles noch Kinder! Wie können wir ihnen von dem erzählen, was wir wirklich mit ansehen mussten?“ sagen sie uns Erwachsenen. Eine der Frauen war dabei, als Kinder getötet worden sind. Der Enkelsohn einer anderen spricht seit dieser Zeit kein Wort mehr. Der Enkel einer dritten wurde kurz vor unserer Ankunft als Soldat an der Grenze zu Aserbaidschan getötet. An diesem Punkt ist für mich eine emotionale Grenze des Zumutbaren erreicht und ich brauche etwas Abstand; sind doch die theoretische Konzeption eines derartigen Projektes und dessen praktische Umsetzung zwei verschiedene Dinge. Die zunächst anonymen Fakten, Daten und Bilder von Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung, die sich erschreckend gleichen, haben nun für mich ein Gesicht bekommen. Wir deutschen Betreuer fragen uns, warum wir den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan 1988–91 kaum wahrgenommen haben, erinnern uns dunkel an das Wort „Bergkarabach“, das damals durch die Presse ging. Ja, irgendwie ist darüber berichtet worden, aber wir waren wohl zu dieser Zeit zu sehr mit uns selbst und unserer eigenen Geschichte beschäftigt. Nach unserer Rückkehr werden wir mit den deutschen Jugendlichen viel zu bereden haben und uns sicher auch bezüglich unserer eigenen Verantwortung ihren Fragen stellen müssen. Vorletztes gemeinsames Abendessen – kaum ist der überreich gedeckte Tisch zumindest ansatzweise geleert (den Zustand leerer Tische haben wir auch beim allerbesten Willen nie erreichen können) – erklingt armenische Musik und die Jugendlichen (inzwischen auch die deutschen) springen sofort auf und beginnen gemeinsam zu tanzen. „Das Tanzen liegt den Armeniern im Blut, sie müssen es tun, es geht nicht anders“ hatte uns Gohar bereits am ersten Tag erklärt. Nach einer Weile kommen zwei armenische Mädchen zu mir und wollen von mir wissen, ob ich es „merkwürdig“ finden würde, dass sie nach all dem Schrecklichen, das wir am Nachmittag gehört hatten, so ausgelassen tanzen. Sie hatten wohl gemerkt, dass ich etwas Zeit für mich gebraucht hatte. In dieser Hinsicht kann ich sie jedoch beruhigen, 62

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge ich erkläre ihnen, dass ich es im Gegenteil sehr schön finde, ihre Ausgelassenheit und Lebensfreude zu sehen. Betroffenheit allein bringt uns nicht weiter, brauchen wir doch einen wachen Verstand und all unsere Kraft, um die Vielschichtigkeit von Ereignissen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Am letzten Tag bin ich dennoch froh, dass wir die grandiose Landschaft Armeniens genießen können. Wir fahren nach Chor Virap (armenisch: tiefes Verlies) und besuchen das dortige Kloster, welches aus dem 17. Jahrhundert stammt. Der Legende nach soll Gregor der Erleuchtete 13 Jahre lang in einer Höhle an diesem Ort eingesperrt gewesen sein. Man wollte ihn so vom christlichen Glauben abbringen. Da er sich der Folter nicht beugte und den armenischen König von einer Hautkrankheit heilte, verfügte dieser, dass die Armenier – als erstes Volk in der Geschichte – im Jahre 301 das Christentum als Staatsreligion annahmen. Doch auch hier holt uns die Geschichte ein – uns gegenüber liegt der Berg Ararat, das Nationalsymbol der Armenier, die bis 1915 in den sechs armenischen Ostprovinzen des Osmanischen Reiches ihren Siedlungsraum rund um den Ararat hatten. Heute befindet sich der Berg auf dem Gebiet der Türkei – und deshalb schauen wir auf Grenzzäune. Am 15. Oktober heißt es für uns auf dem Flughafen Jerewan Abschied nehmen. Es ist fünf Uhr morgens und wieder sind sie alle gekommen – Mütter, Väter und Geschwisterkinder der armenischen Schüler, die Familie unserer Betreuerin und unsere Dolmetscherin. Keinem von uns fällt der Abschied leicht, sie sind uns ans Herz gewachsen, diese Armenier mit ihrer Herzlichkeit, ihrer nicht zu übertreffenden Gastfreundschaft und ihrer Fröhlichkeit – trotz oder vielleicht auch wegen ihrer leidvollen Geschichte. Allein der Gedanke, dass dies erst der erste Teil des gemeinsamen Projektes war – der zweite findet im Mai 2012 in Halberstadt statt – hat für diesen Moment etwas Tröstendes. Nun haben wir bis zum nächsten Mai Zeit, um gemeinsam mit den deutschen Projektteilnehmern unsere Reise zu reflektieren, Informationen aufzuarbeiten, weitere Fakten zu recherchieren, Fragen zu klären und schon eine erste Analyse vorzunehmen. Auch die Frage, wie ihr Film aussehen soll, wird dabei für die jungen Leute eine Rolle spielen. Wir werden die Zeit bis dahin gut nutzen. 63

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg

Zur Person des neuen Leiters der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg Kai Langer Seit dem 1. September 2011 leitet der Historiker Daniel Bohse die Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg. Im Juli wählte ihn der Stiftungsrat zum Nachfolger von Sascha Möbius, der mit Jahresbeginn die Leitung der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn übernommen hatte. Bohse (37), zuletzt freiberuflich als Historiker in Halle (Saale) tätig, stammt aus Sangerhausen. In den letzten Jahren war er in verschiedenen Projekten engagiert, überwiegend im Ausstellungs- und Gedenkstättenbereich. Von Oktober 1994 bis Februar 2001 studierte er an der Daniel Bohse Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Geschichte, Russisch und Englisch für das Lehramt an Gymnasien und schloss sein Studium in den Fächern Geschichte und Russisch mit dem Ersten Staatsexamen ab. Ab 1999 arbeitete er am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Rahmen eines Projektes zur Auswertung der Bestände des Staatsarchivs der Russischen Föderation zur Sowjetischen Militäradministration der Provinz Sachsen bzw. des Landes Sachsen-Anhalt. Zwischen März 2001 und August 2005 sowie erneut zwischen April und September 2007 war er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die universitäre Lehre sowie in diverse Forschungs- und Publikationsprojekte eingebunden. Neben der Redaktion der „Hallischen Beiträge zur Zeitgeschichte“ wirkte er dort u. a. mit an der Publikation eines aus Anlass des 50. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 erschienenen Sammelbandes und einem Rechercheprojekt zu Foto- und Filmdokumenten zum Kriegsende in Mittel- und Ostdeutschland 1944/45 im Russischen Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente in Krasnogorsk. Im Juni 2005 folgte er dem Angebot, an der Erarbeitung des Ausstellungsbereichs „Sowjetische Militärtribunale“ der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) mitzuwirken. Nach der Fertigstellung der Dauerausstellung 2006 blieb er – parallel zur Bearbeitung anderer Projekte auf freiberuflicher Grundlage – der Gedenkstätte ROTER OCHSE 64

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg weiter verbunden. Im Anschluss an Forschungen zur Einbindung der Haftanstalt „ROTER OCHSE“ in das Repressionssystem der sowjetischen Geheimdienste in der SBZ und frühen DDR arbeitete Bohse in den Jahren 2006 und 2007 u. a. an der Erstellung des Kataloges zu den Dauerausstellungen der Gedenkstätte mit. Darüber hinaus war er für den Bereich „Sowjetische Militärtribunale“ in die gedenkstättenpädagogische Arbeit des Hauses einbezogen, kümmerte sich um den Kontakt zu ehemaligen Häftlingen und deren Angehörigen, organisierte Veranstaltungen mit Zeitzeugen, wissenschaftliche Tagungen und Projekte mit Geschichtsstudenten. 2007 kooperierte er mit der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) bei der Mitwirkung an der Ausstellung des Kulturhistorischen Museums Magdeburg „UNERWÜNSCHT – VERFOLGT – ERMORDET. Ausgrenzung und Terror in Magdeburg während der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945“ zum Themenkomplex NS-Justiz. Seit 2008 beim Deutschen Historischen Institut Moskau in ein Editionsprojekt zu Wehrmachtsgenerälen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eingebunden, beteiligte er sich parallel dazu wiederum für die Gedenkstätte ROTER OCHSE konzeptionell und inhaltlich an der Adaption der aus Niedersachsen übernommenen Wanderausstellung „Über Verbrechen im Namen des Deutschen Volkes – Justiz im Nationalsozialismus“ für das Land Sachsen-Anhalt. Dem schloss sich die Mitarbeit in einer beim Ministerium des Innern des Landes Sachsen-Anhalt gebildeten Arbeitsgruppe zur Geschichte des seit 1913 als Polizeipräsidium (mit angeschlossenem Gefängnis) und seit 1952 als Dienstsitz der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Magdeburg fungierenden Gebäudekomplexes des Innenministeriums in der Halberstädter Straße 2 an (Die Rezension dazu erschien in der letzten Ausgabe von „Erinnern!“). Bei der dazu erarbeiteten Ausstellung Wanderausstellung sowie dem zur Eröffnung im Oktober 2010 erschienenen Begleitband zeichnete er für die auf die Jahre 1945 bis 1990 bezogenen Inhalte verantwortlich. Ebenfalls seit 2008 engagierte er sich bei der Vorbereitung der im September 2011 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg eröffneten Ausstellung „‚Magdeburg lebt!‘  – Kriegsende und Neubeginn 1945–1949“. Für die Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg erstellte er 2009 Inhalte der Sonderausstellung „Terror und Gewalt in der Sowjetunion und in den sowjetisch besetzten Gebieten“. In der Möglichkeit, an der Vorbereitung der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg mitzuwirken, erblickte er die Chance, seine bisherigen Forschungen zu regionalen Aspekten der politisch motivierten Verfolgung in ein um­ 65

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg fassendes Konzept zur Weiterentwicklung eines historischen Lernortes einzubringen. Seit Juni 2008 war er über drei Jahre an vorbereitenden und begleitenden Forschungen beteiligt, wirkte an der Verfeinerung der Ausstellungskonzeption, der Beschaffung und Auswahl von Abbildungen mit und verfasste einen Teil der Ausstellungstexte. Aufgrund seiner Wahl zum Gedenkstättenleiter kann Daniel Bohse unmittelbar an seine bisherigen Vorarbeiten anknüpfen und auf die in vielen Jahren gewachsene gute Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Gedenkstätte bauen. Besonders freut den Historiker aus Halle, dass er sich nach vielen Jahren des Forschens, Konzipierens und Publizierens - während derer ihm die Ausbildung von Geschichtsstudenten stets eine gern wahrgenommene Abwechslung war - nun stärker der Geschichtsvermittlung widmen kann.. Nach der Fertigstellung und der neuen Dauerausstellung, die am 18. Januar 2012 eröffnet werden wird, möchte Bohse gemeinsam mit den Mitarbeitern der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg und in Zusammenarbeit mit dem Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt den Schwerpunkt auf die Bildungsarbeit legen, insbesondere auf die Entwicklung neuer pädagogischer Angebote für Schülerinnen und Schüler.

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle

Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjet­ union am 5. und 6. Juni 2011 in der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) Andrè Gursky Im Rahmen ihres Jahrestreffens 2011 besuchten über 60 ehemalige politische Häftlinge und deren Angehörige die Gedenkstätte im „ROTEN OCHSEN“. Zudem ermöglichte der Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Halle ihnen, das Gefängnis zu besichtigen, in dem viele von ihnen gelitten hatten. Hinter den dicken roten Mauern des berüchtigten Zuchthauses urteilten Sowjetische Militärtribunale (SMT) und verhängten hohe Haftstrafen und Todesurteile. „Der frühe Widerstand in der SBZ/DDR“ lautete die Veranstaltungsthematik des diesjährigen Treffens vom 4. bis zum 7. Juni. Einige der Teilnehmer des Jahrestreffens waren zum ersten Mal nach Halle gekommen – zurück an jenen Schreckensort, mit dem sie leidvolle und schmerzliche Erinnerungen verbanden. 66

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) Am 5. Juni fanden sich die Veranstaltungsteilnehmer sich im Kirchsaal der heutigen JVA Halle zusammen. Hier wurde bereits 1995 das II. Halle-Forum zu Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt in der SBZ eröffnet  – mittler­weile fest verankert in der Arbeit der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle – und eine Sonderausstellung über das Straflager Workuta präsentiert. Nahezu fünfzehn Jahre später sprach nun der ehemalige Workuta-Häftling Horst Hennig zu den Teilnehmern des Treffens der Lagergemeinschaft am gleichen Ort und erinnerte an den länderübergreifenden Aufbruch in der Erinnerungskultur. Nach dem Informationsvortrag in der JVA erfolgte die Besichtigung des Gedenkstättengebäudes. André Gursky als Leiter der Einrichtung begleitete die Teil- Horst Hennig während seines Vortrags im ­Kirchsaal der JVA nehmer des Jahrestreffens beim Rundgang durch die Ausstellungsräume und informierte sowohl über den Gedenkstättenaufbau in den vergangenen 15 Jahren als auch über die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Am Montag, den 6. Juni 2011, fand im Seminar- und Tagungsraum der Gedenkstätte ein Zeitzeugengespräch statt. Neben Schulgruppen hatten sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung zahlreiche interessierte Bürger angemeldet. Die Kapazität des Seminarraums war vollends erschöpft, als sich weitere Besucher in den Tagungsraum drängten. Mit dem Sprecher der Lagergemeinschaft Horst Schüler, dem Schweizer Peter Eberle und dem in Köln ansässigen ehemaligen politischen Häftling Karl-Wilhelm Fricke wurde das Zeitzeugenpodium im Seminarraum im ersten Obergeschoss besetzt. Ein Teil der Besucher blieb hier, während ein anderer den Zeitzeugen Horst Hennig (Köln) und Heinrich Paul Fritsche (Bonn) in den Seminarraum im Dachgeschoss folgte. Beide Männer berichteten über ihr Haftschicksal und gaben einen genauen Einblick in das GULag-System – konkret am Beispiel der Region Workuta. Beide waren Teilnehmer am Workuta-Streik gewesen, der Ende Juli 1953 begann. Ihre Erinnerungen an Workuta und die blutige Niederschlagung der Streikbewegung am 1. August 1953 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD sind inzwischen publiziert 1. 67

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle Im Dialog mit den Besuchern beider Zeitzeugenpodien wurden politische Willkür, stalinistischer Terror und kommunistische Gewaltherrschaft persönlich und konkret erfahrbar. Der Bogen reichte bis in die 1950er Jahre hinein. Die Kontinuität der Repression durch deutsche Stellen in der SBZ/DDR konnte am Beispiel der politischen Verfolgung und Inhaftierung von Karl-Wilhelm Fricke aufgezeigt werden. Auf Grund seiner kritischen Berichterstattung über die DDR als junger Journalist in Kohle aus Workuta der Bundesrepublik sollte Fricke selbst im vermeintlich „sicheren Westen“ den langen Arm des DDR-Geheimdienstes zu spüren bekommen. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit betäubten und entführten ihn kurzerhand aus West-Berlin in die DDR. Man sperrte den Journalisten in Bautzen ein, wo er vier Jahre als politischer Gefangener im Zuchthaus verbringen musste. Mit dem Zeitzeugen Peter Eberle richtete sich der Blick nach Leipzig, wo Eberle zu Beginn der DDR der studentischen Widerstandsgruppe um Herbert Belter (von einem SMT zum Tode verurteilt und 1951 in der Sowjetunion hingerichtet) angehörte. Lothar Scholz (Berlin), einer der Teilnehmer des Treffens, schickte einige Zeit später ein exklusives Exponat in die Gedenkstätte als Dauerleihgabe, welche künftig in der Dauerausstellung zu sehen sein wird: Original-Kohle aus dem einstigen Häftlingskomplex Workuta, eingefasst und kunstvoll verarbeitet in Holz.

1 Foitzig/Jan und Hennig/Horst (Hrsg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente, Leipzig 2003.

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Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Lars Skowronski vor den Teilnehmern des Workshops

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle

Deutsche Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg Workshop in Dresden vom 20. bis zum 22. Oktober 2011 Michael Viebig, Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) unter Verwendung eines Tagungsberichtes von Christopher Theel, TU Dresden. Vom 20. bis zum 22. Oktober 2011 veranstaltete das Hannah-Arendt-Institut für Totali­ tarismusforschung (HAIT) in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) / Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und dem Dokumentationsund Informationszentrum (DIZ) Torgau / Stiftung Sächsische Gedenkstätten einen internationalen Workshop zum Thema Deutsche Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg. Die Veranstaltung fand im Rahmen des am DIZ Torgau und am HAIT angesiedelten und vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) geförderten Forschungsprojekts Lebensläufe und Spruchpraxis von Wehrmachtrichtern statt. Historiker­innen und Historiker aus Deutschland, Polen, Norwegen, Frankreich und Belgien stellten neue Projekte und Forschungsergebnisse zur Praxis der Wehrmachtjustiz in Deutschland und in den besetzten Gebieten sowie zum Strafvollzug der Wehrmacht vor und diskutierten neue Quellen und methodische Herangehensweisen. 69

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle Im Fokus der ersten Sektion stand das Wirken der Wehrmachtjustiz an der Heimatfront. Kerstin Theis (München) und Albrecht Kirschner (Marburg) stellten anhand zweier ausgewählter Beispiele von Gerichten des Ersatzheeres dar, welche Bedeutung sie für die Stabilisierung der inneren Front und welchen Einfluss sie in der militarisierten Gesellschaft des Dritten Reiches auf die Regelung der alltäglichen Lebensverhältnisse an der Heimatfront hatten. Kirschner wies zudem auf die juristischen, aber auch NS- und Wehrmachtspezifischen Handlungsspielräume der Militärgerichte hin, während ihre Zuständigkeit für ausländische Kriegsgefangene noch weitgehend unerforscht ist. Detlef Garbe (Hamburg) und Michael Viebig (Halle) sprachen über Geschichte und Tätig­keitsfeld des Reichskriegsgerichts in Berlin und ab 1943 in seinem Ausweichquartier in Torgau. Garbe schilderte, unter Rückgriff auf eigene umfangreiche Forschungen, anschaulich die komplexe psychologische Situation und die Gewissensnöte, in denen sich vor allem die Angeklagten, mitunter aber auch die Richter in Strafverfahren des Reichskriegsgerichts gegen Ernste Bibelforscher (Zeugen Jehovas) wegen Wehrdienstverweigerung befanden. In einem sehr persönlich gehaltenen Vortrag würdigte Viebig anschließend die gute Zusammenarbeit der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) mit dem Militärhistorischen Archiv der Tschechischen Republik in Prag und stellte den umfangreichen, aber fragmentarischen Bestand der erhalten gebliebenen Unterlagen des Reichskriegsgerichts in Prag vor, von dem die Forschung in Zukunft einige Antworten auf wichtige Fragen erwarten darf. Der öffentliche Abendvortrag von Christoph Rass (Osnabrück) im Stadtmuseum Dresden widmete sich vor allem den Wehrmachtrichtern, die nach dem Krieg als ehemalige Angehörige der vermeintlich unbelasteten Wehrmachtgerichtsbarkeit sehr rasch in der bundesdeutschen Justiz Fuß fassen konnten, in der sie in den 1950er und 1960er Jahren eine signifikante Gruppe bildeten. Dabei spielten auch effiziente Veteranennetzwerke eine bedeutsame Rolle. Vor dem Hintergrund des aktuellen Afghanistan-Krieges, so führte Rass aus, ist die Beschäftigung mit der Geschichte der Militärgerichtsbarkeit bis heute u. a. deshalb von Bedeutung, da auch das Grundgesetz unter bestimmten Umständen die Einführung einer solchen besonderen Strafgerichtsbarkeit erlauben würde. Die zweite Sektion der Tagung beschäftigte sich mit der Wehrmachtgerichtsbarkeit als Instrument der Besatzungspolitik. Kerstin von Lingen (Heidelberg) beschrieb die selektive Blockade der deutschen Militärgerichtsbarkeit in Italien, die die Massaker an der Zivilbevölkerung, denen während des blutigen Sommers 1944 mindestens 10.000 Men70

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) schen zum Opfer fielen, weder untersuchte, noch strafrechtlich verfolgte. Damit beugte sie sich dem Primat der sogenannten Bandenbekämpfung, deren Grausamkeit in Italien (und anderswo) keine Grenzen kannte. Claudia Bade (Torgau /Dresden), die das den Rahmen der Veranstaltung bildende Forschungsprojekt leitet, gewährte in ihrem Vortrag erstaunliche Innenansichten in die Organisation und Arbeitsweise, Personalstruktur und Spruchpraxis des größten und wichtigsten Wehrmachtgerichts im besetzten Frankreich, des Gerichts der Kommandantur von Groß-Paris. Nach diesem konkreten Beispiel gab Gaël Eismann (Caen) einen umfassenden Überblick über Organisation und Verlauf der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich, wobei sie vier Phasen bzw. Eskalationsstufen der Widerstandsbekämpfung, an der die Wehrmachtgerichtsbarkeit maßgeblichen Anteil hatte, bis zur Befreiung Frankreichs unterschied. Einen entsprechenden Überblick über die teilweise auffallend anders gearteten Verhältnisse im benachbarten Belgien-Nordfrankreich gab sodann Christoph Brüll (Liège /Lüttich), der bei seiner Betrachtung einen vor allem juristischen Blickwinkel einnahm. Mit der Darstellung einer von der Forschung bislang vernachlässigten Personengruppe, den von der Wehrmacht in der Regel zwangsrekrutierten Deutsch-Polen Oberschlesiens, rundete Ryszard Kaczmarek (Kattowitz) das Panel ab, und warf dabei ein Schlaglicht auf die in diesem Fall rassistisch begründete Zusammenarbeit von Wehrmachtjustiz und Gestapo. Die dritte Sektion war neuen Forschungen und Perspektiven zum Wehrmachtstrafvollzug gewidmet. Lars Skowronski (Landsberg /Halle) beleuchtete durch das Brennglas staatsanwaltschaftlicher Ermittlungsakten aus der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Geschichte und Organisation der 1942 in Torgau eingerichteten drei Feldstraflager der Wehrmacht. Diese waren vor allem für Wiederholungstäter und solche straffällig gewordenen Soldaten vorgesehen, von denen angeblich eine Gefahr für die Disziplin der Truppe ausging. Während des Einsatzes an der Eismeerfront verübte das Wachpersonal vielfach schwerste Körperverletzungen und sogar Tötungen von Häftlingen und geriet so nach dem Krieg in das Visier von Staatsanwaltschaften in Ost und West. Peter Steinkamp (Freiburg im Breisgau) rekonstruierte anhand von Obduktionsakten der Heeressanitätsinspektion in Berlin, die der Sammlung kriegsärztlicher Erfahrungen dienten, die katastrophalen Lebens- und Gesundheitsbedingungen der Häftlinge in den Feldstrafgefangenenabteilungen, die nicht ohne Grund als KZ der Wehrmacht berüchtigt waren. Hier verbüßten straffällig gewordene Soldaten – zumeist aufgrund von Bagatelldelikten verurteilt – Haftstrafen. Sie schwebten aber durch die geradezu kri71

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle minelle Verwahrlosung, in der sie gehalten wurden, beständig in akuter Lebensgefahr. Steinkamp analysierte u. a. nicht weniger als 75 Hungertodesfälle, die sich in nur drei Monaten des Sommers 1942 ereignet hatten. In der vierten und letzten Sektion der Tagung wurden verschiedene methodische Zugänge zur Erforschung der Wehrmachtjustiz vorgestellt. Eindrucksvoll konnte Maria Fritsche (Trondheim) durch einen gendertheoretischen d. h. das soziale Geschlecht eines Menschen in den Blick nehmenden Zugriff zeigen, wie sehr die Normen des militärischen Strafrechts Ausdruck dominanter gesellschaftlicher Männlichkeitsvorstellungen waren, die, da sie mit normativer Geltung ausgestattet waren, auch diejenigen banden und ggf. der Strafverfolgung aussetzten, die sich abweichend verhielten, wie z. B. Deserteure oder Wehrdienstverweigerer. Magnus Koch (Hamburg) stellte mit Nazi Military Justice in Norway – Court Martials against Soldiers and Civilians 1940 –1945 die Umrisse eines geplanten internationalen Forschungs- und Ausstellungsprojektes der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas vor, die sich die Erforschung der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus zum Ziel gesetzt hat. Überregionale Bekanntheit hat schließlich die Marburger Geschichtswerkstatt erlangt, deren Ursprünge und vielfältige gesellschaftliche Aktivitäten unter dem Motto Grabe, wo Du stehst! Albrecht Kirschner (Marburg) in seinem Schlussvortrag darstellte. Ihren Abschluss fand die Veranstaltung mit einem gemeinsamen Besuch des neueröffneten Militärgeschichtlichen Museums der Bundeswehr in Dresden und einer thematisch auf den Zweiten Weltkrieg bezogenen Führung durch die neue Dauerausstellung. Eines der wesentlichen Resultate der Tagung war neben der Information über den aktuellen Forschungsstand zu den genannten Themen besonders die im Rahmen von Diskussionsrunden und direkten Gesprächen vereinbarte Unterstützung in Forschungsfragen, bei pädagogischen und Ausstellungsprojekten. Selten zuvor stand die Absicht nach Vernetzung von ergebnisorientierter Forschung so sehr im Vordergrund, wie bei der Organisation dieser Tagung. Diesen Zweck hat sie mehr als erfüllt. Die Vorträge werden im Jahr 2012 in einem Tagungsband veröffentlicht. Die Mitveranstalter bedanken sich bei Professor Dr. Günther Heydemann, Direktor des HAIT für die großzügige Unterstützung der Tagung, bei Claudia Bade für die Hauptarbeit bei der Organisation der Tagung sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des HAIT Dresden für ihre viele Mühe. 72

Albrecht Kirschner/Geschichtswerkstatt Marburg (Hrsg.): Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter. Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945 Marburg | 2010 Rezensiert von Patrick Wagner Sollte einmal ein Historiker auf den Gedanken verfallen, die jahrzehntelange bundesdeutsche Debatte über die Wehrmachtsjustiz und ihre Opfer zu unter­suchen, so würde es sich anbieten, dies in Form einer Lokalstudie über die hessische Universitätsstadt Marburg zu tun. Hier finden sich in enormer Verdichtung all jene Elemente, welche diese Debatte prägten: An der Marburger Universität lehrten nach 1945 sowohl der Jurist Erich Schwinge (vor 1945 Kriegsrichter und offizieller Kommentator des Militärstrafgesetzbuches, nach 1945 eifrigster Apologet der Wehrmachtsjustiz), als auch der Politologe Wolfgang Abendroth (1943 mit einem Bewährungsbataillon in Griechenland eingesetzt und dann zu den Partisanen übergelaufen) – und sie gerieten aufgrund ihrer Biographien heftig aneinander. In einem Marburger Verbindungshaus trafen sich in den 1950er und 1960er Jahren mehrfach ehemalige Wehrmachtsrichter zu Kameradschaftstreffen und verständigten sich auf ihre Version der Geschichte. Die Marburger Geschichtswerkstatt schließlich schuf ab Ende der 1980er Jahre eine lokale kritische Öffentlichkeit für das Thema Militärjustiz; das von ihr aufgestellte Deserteursdenkmal wurde 1999 von der Stadt übernommen – nachdem mit der Auflösung der Marburger Garnison die einflussreichsten Gegner eines solchen Gedenkens nicht überzeugt worden, sondern schlicht verschwunden waren. Vor diesem Hintergrund und anlässlich der lokalen Präsentation der schon 2007 von der Berliner „Stiftung Denkmal der ermordeten Juden Europas“ erstellten Wanderausstellung zur NS-Militärjustiz fand im Herbst 2009 in Marburg eine Vortragsreihe statt, deren Beiträge nun unter dem Titel „Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter“ in der Schriftenreihe der Historischen Kommission für Hessen erschienen sind. Der prominente Publikationsort zeigt ebenso wie die (finanziellen) Unterstützer von Ausstellung und Vortragsreihe – unter anderem der Marburger Magistrat, diverse Fachbereiche der Universität (inklusive jenes Fachbereichs Rechtswissenschaften, dem Schwinge einst 73

Rezensionen

als Dekan vorgestanden hatte) und die hessische Landesregierung –, dass ein kritischer Blick auf die NS-Militärjustiz sowie Respekt vor den Wehrmachtsdeserteuren inzwischen in der berühmten „Mitte der Gesellschaft“ zum Konsens geworden sind. Insofern ist das Ereignis selbst die wichtigste Botschaft, ganz ungeachtet vom Inhalt des hier zu besprechenden Buches. Doch nun zu letzterem. Zu Recht weist der Untertitel den Sammelband als „Zwischenbilanz“ aus, man könnte auch im Plural von „Bilanzen“ sprechen. Denn als roter Faden durch die in Duktus und Qualität sehr unterschiedlichen Texte zieht sich zum einen das Bestreben, die politische Debatte über die Bewertung von Desertion und Wehrmachtsjustiz als nunmehr abgeschlossenen und retrospektiv zu deutenden Prozess zu betrachten. Zum anderen bemühen sich viele Beiträge um eine Bilanzierung des Forschungsstandes zum Thema Wehrmachtsjustiz. Eine entsprechende Auseinandersetzung mit dem Thema Desertion liefert leider und anders, als es der Titel erwarten ließe, nur der (allerdings ausgezeichnete) Text von Magnus Koch. Die politische Debatte in der Bundesrepublik beleuchtet der Band aus mehrfacher Pers­pektive, nämlich jener des Justizpolitikers (Hans-Jochen Vogel), jener des Aktivisten für die Rehabilitierung der Opfer der Wehrmachtsjustiz (Ludwig Baumann) und jener der Partei ergreifenden Historiker (Wolfram Wette, Ulrich Baumann und Detlef Garbe). In der Summe der Beiträge wird deutlich, dass erst mit der deutschen Vereinigung von 1990 die Bereitschaft in Politik, Justiz und Öffentlichkeit wuchs, die Desertion aus der Wehrmacht als ehrenhafte Handlung gegen den nationalsozialistischen Eroberungskrieg und die Wehrmachtsjustiz als kriminelles Repressionsinstrument zu deuten. Die strafrechtliche Ausein­andersetzung der bundesdeutschen Gerichte mit der politischen Justiz der SED-Diktatur zwang die Richter, neue Bewertungsmaßstäbe etwa für die Kategorie der Rechtsbeugung zu entwickeln. Sie taten dies vor dem Hinter­grund der bis dahin statt gefunden habenden Debatten um die ungesühnten Verbrechen der NS-Justiz und lieferten im Ergebnis die Grundlage für eine Neubewertung der NS-Justiz durch die Gerichte. Schließlich erklärte der Bundesgerichtshof in einem Urteil von 1995 die Verhängung von Todesstrafen durch die Wehrmachtsjustiz als „rechtsbeugerisch“ und versetzte der älteren bundesdeutschen Rechtssprechung eine symbolische Ohrfeige: Diese habe es versäumt, die „Richter und Staatsanwälte des nationalsozialistischen Gewaltregimes“ für die von ihnen qua Rechtsbeugung verübten Kapitalverbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Die Politik (in Gestalt des Bundes74

tages) näherte sich einer eindeutigen Verurteilung der NS-Militärjustiz und der vollen Rehabilitierung der Deserteure erst zwischen 1998 und 2009 in mehreren Schritten an. Hier spielten Rücksichtnahmen auf vermeintliche Interessen der Bundeswehr offensichtlich eine retardierende Rolle, während die hartnäckigen Impulse der im Oktober 1990 gegründeten „Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz“ die Entwicklung immer wieder voran trieben. All dies wird in den verschiedenen Beiträgen eindrucksvoll herausgearbeitet, wobei die Sprache mancher Aufsätze noch einmal das moralischemotionale Engagement ihrer Autoren erahnen lässt. Wenig überzeugend fallen allein die verstreuten Versuche aus, das Thema zu aktualisieren, sprich: gegenwärtige Debatten um die Normen, Formen und Institutionen der strafrechtlichen Behandlung von Delikten im Rahmen der in­z wischen zu einer Einsatzarmee gewandelten Bundeswehr „irgendwie“ – also vage – in Bezug zur historischen Erfahrung der Wehrmachtsjustiz zu stellen. Zweifelsohne handelt es sich hier um ein aktuelles politisches Thema, das man kontrovers diskutieren sollte, und der Verfasser dieser Rezension selbst lehnt die Schaffung einer separaten Militärjustiz ab. Aber ob die Verbrechen der Wehrmachtsjustiz hierfür plausible Argumente liefern, erscheint doch sehr fraglich. Nicht alles lässt sich sinnvoll aus historischen Erfahrungen heraus erklären bzw. bewerten; etwas Selbstbescheidung täte den Historikern und geschichtspolitisch Engagierten manchmal ganz gut – damit ihre Interventionen dann, wenn sie sachlich begründet sind, auch Gehör finden. Eine Gesamtdarstellung der NS-Militärjustiz wird der Leser in diesem Sammelband nicht finden, hierfür empfiehlt sich weiterhin der Griff zu den Standardwerken etwa von Manfred Messerschmidt und Wolfram Wette. Mehrere Beiträge des Sammelbandes widmen sich aber so gut strukturiert und prägnant einzelnen Aspekten, dass ihre Lektüre jenen Lesern, die ein entsprechend gezieltes Erkenntnisinteresse befriedigen wollen, unbedingt zu empfehlen ist – so z. B. Christoph Rass und Peter M. Quadflieg in ihrem Überblick zu „Strukturen, Handlungen, Akteure(n)“ der Wehrmachtsjustiz, Detlef Garbe in seiner biographischen Skizze Schwinges, Wolfgang Form mit seinem Aufsatz zur Rechtsprechung der zivilen NS-Justiz in Fällen „öffentlicher Wehrkraftzersetzung“ oder Lars Skowronski mit seinem Überblick zu den Vollstreckungsarten der von Wehrmachtsgerichten verhängten Todesstrafe. Andere Beiträge – etwa jener von Roland Müller zur Militärpsychiatrie oder jener Henning Radtkes über die SS- und Polizeigerichtsbarkeit – markieren eher interessante Themen, als dass sie ihnen (schon) gerecht würden. 75

Rezensionen

Zu einer „Zwischenbilanz“ gehören immer auch das Herausarbeiten offener Forschungsfragen und das Eröffnen künftiger Forschungsfelder. Auch in dieser Hinsicht enttäuscht der Sammelband nicht, explizit wie implizit. Explizit und exemplarisch machen zum Beispiel Michael Viebig und Lars Skowronski in ihren „biographischen Anmerkungen“ zu Werner Lueben, einem Richter am Reichskriegsgericht, deutlich, dass die systematische Erhebung und Analyse biographischer Daten zu Wehrmachtsjuristen einerseits und ihrer Spruchpraxis andererseits die Erforschung der NS-Militärjustiz auf ein ganz neues Niveau heben kann. Zusammen mit Detlef Garbe (in seinem Beitrag zu Schwinge) können sie zudem plausibel machen, dass es sich lohnt, nach dem Mischungsverhältnis von Dissens und Zustimmung gegenüber dem NS-Regime bei national­konservativen Militärjuristen zu fragen. Oder anders gesagt: Um „Blutrichter“ zu werden, musste man durchaus kein linientreuer Nationalsozialist sein, vielmehr scheinen entschiedener Nationalismus, eine Verabsolutierung der Funktionsfähigkeit „der Truppe“ sowie die Furcht vor einer Wiederholung der „Novemberrevolte“ hierfür völlig ausgereicht zu haben. Hier reihen sich die Beiträge ein in die voranschreitende Neuerkundung des Anteils von Nicht-Nationalsozialisten an den Verbrechen des NS-Regimes. Christoph Rass und Peter M. Quadflieg mahnen zu Recht an, dass man die signifikante Differenz zwischen der Zahl der verhängten und der Zahl der vollstreckten Todesurteile erklären müsste. Magnus Koch schließlich liefert auf wenigen Seiten eine anregende, weil differenzierende und die quellenkritischen Probleme ernst nehmende Analyse jener Faktoren, die Wehrmachtssoldaten zur Desertion veranlassten. Die früher politisch mehr als berechtigte Formel vom „Widerstand des kleinen Mannes“ lässt dieser Beitrag weit hinter sich. „Viele Soldaten“, so resümiert Koch seine Quellenbefunde, „wussten zum Zeitpunkt einer Flucht möglicherweise nicht, warum sie wirklich geflohen waren, oftmals gerieten sie in eine Situation, die sich später als Fahnenflucht manifestierte, ein bewusstes zielgerichtetes Handeln lag also nicht immer vor.“ Aber auch implizit – das heißt durch das, was in manchen Beiträgen als blinder Fleck aufscheint – werden neue Forschungsperspektiven erkennbar. Zu Recht erwähnen z. B. gleich mehrere Beiträge, dass die deutsche Militärjustiz im Ersten Weltkrieg nicht nur „milder“ war als jene des NS-Staates, sondern auch weniger mörderisch als ihre Pendants in den Armeen der Entente. Hier blitzen Chancen für eine vergleichende Forschung auf, die es künftig zu nutzen gilt. Ein noch wesentlich größeres Desiderat 76

wird dort erkennbar, wo es um das Agieren der Wehrmachtsjustiz gegenüber der Zivil­ bevölkerung im besetzten Europa geht. Schon die schiere Zahl der gegen nichtdeutsche Zivilisten von Wehrmachtsgerichten verhängten Todesurteile ist weiterhin unbekannt. Hier (wie bei der Präzisierung der bisherigen Schätzungen über die Zahl der zum Tode verurteilten Wehrmachtsangehörigen) wird hoffentlich ein derzeit laufendes Projekt der Gedenkstätte „ROTER OCHSE“, das die von Wehrmachtsgerichten verhängten Todesurteile möglichst umfassend in einer Datenbank erfassen soll, Abhilfe schaffen und damit die Basis für einen Neuansatz zur Erforschung der NS-Militärjustiz und ihrer Opfer liefern.

Richard Buchner: Todfeinde – Komplizen – Kriegsbrandstifter. Der Hitler-Stalin-Pakt und die Folgen Leipziger Universitätsverlag | 2009 Rezensiert von André Gursky Die Publikation erschien 70 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und beruht auf neuen Erkenntnissen insbesondere aus sowjetischen Geheimarchiven. Die dort befindlichen Akten wurden nach dem Ende der Sowjetunion zum Teil zugänglich. Ihre Deutung hat seit Jahren zu kontroversen Diskussionen in der Wissenschaft und historisch interessierten Öffentlichkeit geführt. Richard Buchner, Historiker und Politikwissenschaftler – engagiert in der Gedenkstätten- und Zeitzeugenarbeit in Potsdam (Gedenkstätte Leistikowstraße) und in Sachsenhausen (Lagergemeinschaft 1945–1950) – beginnt mit der Fragestellung, ob es legitim sei, Stalin eine Mitschuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges zuzuweisen. Mit Verweis auf den im Europa-Parlament zum Internationalen Gedenktag an die Verbrechen der Nazi-Diktatur und des Stalinismus ausgerufenen 23. August erscheint die für Buchner „alles entscheidende Frage“ legitim und nachvollziehbar: „War der Nicht77

Rezensionen

Angriffspakt“ mit Nazi-Deutschland ein Nicht-Angriffspakt? Oder war der Vertrag in Wirklichkeit ein Aggressionspakt […]?“ (S. 10) Laut Buchner kam es zu einem streng geheimen Komplott zweier Aggressoren, die in völliger Übereinstimmung und gleichsam in Hochachtung voreinander mit der 4. Teilung Polens die Lunte zum Weltbrand legten. Buchner ist davon überzeugt, dass von einem „Nichtangriffspakt“ zwischen Deutschland und der Sowjetunion nicht gesprochen werden könne. Vielmehr müsse von einem „Aggressionspakt zur gemeinschaftlichen Aggression“ (S. 10) gegen Polen ausgegangen werden. Diese Auffassung teilen inzwischen viele seiner Fachkollegen, insbesondere aus den osteuropäischen Staaten. Zudem fragt Buchner nach dem Wahrheitsgehalt der These, wonach Stalins Kalkül darin bestanden habe, dass sich die „kapitalistischen Staaten gegenseitig zerfleischen würden“ (S. 10). Auf der Grundlage fundierter Quellenkenntnisse spannt der Autor in drei großen Abschnitten den Bogen von der sowjetischen Geschichte der 1930er Jahre bis hin zur jüngsten Rezeptionsgeschichte von Kriegsursachen, Kriegsverlauf und Kriegsfolgen des Zweiten Weltkriegs. Seine Ausführungen beginnen mit den Verbrechen Stalins zur Zeit des „Großen Terrors“ am Vorabend des Krieges. Es folgt eine Analyse der Grundlinien der kommunistischen Außenpolitik unter Stalin, die auch für die Nachkriegsära prägend sein sollten. „Alle Instrumente stalinistischer Repression, deren sich das Gesellschaftssystem auch nach der „Befreiung“ von 1945 bis 1953 bedienen wird, sind bis zum Jahr 1936 voll entwickelt worden […].“ (S. 98) Der Begriff „Befreiung“ könne für die sowjetische Machtübernahme in den osteuropäischen Staaten „objektiv unmöglich“ gebraucht werden. Ein unter Wissenschaftlern umstrittenes Fazit, das neben Zeithistorikern aus Polen 1, Estland oder Lettland auch einige deutsche Historiker in Bezug auf die Entwicklung in der SBZ ziehen.2 Buchner plädiert für einen differenzierten Blick auf die sowjetische Besatzungspolitik. 1945, so der Autor, wurden die Konzentrationslager der Nationalsozialisten befreit. „Wer könnte bestreiten, dass die Zerschlagung der Nazi-Diktatur durch die Sowjetarmee im Bündnis mit den West-Alliierten in diesem Sinne eine Befreiung gewesen ist?“ (S. 175) Zugleich verweist er darauf, dass nach der Befreiung viele ehemalige Konzentrationslager von den Sowjets als Speziallager weiter betrieben wurden: Sachsenhausen, Buchenwald, aber auch viele Nebenlager des einstigen KZ-Systems. 78

Der Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus, der Holocaust und der deutsche Rassenwahn werden von Buchner ausführlich geschildert. Am Ende fragt der Autor nach Schuld und Sühne, nach individueller Schuld und gemeinsamer Verantwortung. Der abschließende Teil des Buches ist mit „Kriegsfolgen und Stalinismus – Ursachen des Kalten Krieges“ überschrieben. Buchner reflektiert sowohl über die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), namentlich und ausführlich über deren Chef Iwan Serow, als auch über die Nürnberger Prozesse sowie die Straftaten Stalins „im Namen des Antifaschismus“ (S. 190). „In der Ära Chruschtschow wurden diese Häftlinge zwar aus dem GULAG befreit – ihre gesellschaftliche Ächtung aber dauerte fort bis zur Ära Gorbatschow. Nur wenige der Überlebenden der Nazi-Zwangsarbeit haben den Tag ihrer Rehabilitierung in der Perestrojka erleben dürfen.“ (S. 178) Die „antifaschistischen“ Aktivitäten der sowjetischen Besatzungsmacht charakterisierte Buchner vor dem Hintergrund des massenhaften Todes deutscher Zivilisten in den Speziallagern der SBZ (1945–1950) und der zahlreichen Hinrichtungen deutscher Zivilisten in Moskau (1950–1953) folgender Maßen: „Ein Abgrund stalinistischer Verbrechen nach einem verbrecherischen Krieg.“ (S. 192) Buchner hat mit seinem Buch eine detaillierte Studie vorgelegt, die auf Grund einer differenzierten Analyse klare Thesen formuliert, die die Diskussion um die Entfesslung des Zweiten Weltkrieges sicher beeinflussen werden. 1 Vgl. Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin 2008. 2 Vgl. Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin 2008.

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Rezensionen

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Autoren Dr. Alfred Eisfeld ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nordost-Institut/Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. (IKGN e. V.) und Mitglied des Bundesvorstandes der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. | Dr. Ute Hoffmann ist Leiterin der Gedenkstätte für die Opfer der NS„Euthanasie“ Bernburg. | Wolfgang  Hasibether ist geschäftsführender Vorstand der Wilhelm-LeuschnerStiftung Bayreuth. | Helmuth Loth ist Vorsitzender des Vereins für Geschichte von Sangerhausen und Um-

Die Auswirkungen von Deportationen auf spätere Generationen der Deutschen in Russland Alfred Eisfeld

gebung e. V. | Dr. Kai Langer ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. | Daniel Bohse ist Leiter der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg | Michael Viebig ist stellvertretender Leiter der Gedenkstätte

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ROTER OCHSE Halle (Saale) | Gesine Daifi ist stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge. | Dr. Sascha Möbius ist Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

Der Lebensborn e. V. – (k)eine karitative Einrichtung Ute Hoffmann

Dr. André Gursky ist Leiter der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale). | Paul Kannmann ist Lehrbeauf-

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tragter am Institut für Geschichte der Universität Magdeburg. | Prof. Dr. Patrick Wagner ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Gefangen im Konzentrationslager Lichtenburg – Das Schachspiel von Ernst Reuter und Wilhelm Leuschner Wolfgang Hasibether

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„Erinnern und Gedenken“ – eine Sangerhäuser Initiative Helmut Loth

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Der 66. Jahrestag des Massakers von Gardelegen – Rede zur Übergabe des Besucherleitsystems an der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune Kai Langer Sowjetische Militärtribunale im „ROTEN OCHSEN“ 1945–1952 Daniel Bohse

Fotonachweis 3, 4, 5, 7: Alfred Eisfeld | 18, 21: Lebensborn e.V. Wernigerode | 24: Wilhelm-Leuschner-Stiftung Bayreuth 28, 30: Initiative Gedenken und Erinnern, Sangerhausen | 32: Volksstimme (Gardelegen) | 37, 39, 42, 67, 68, 69: Sammlungsbestand Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) | 43: privat | 49, 50, 51: Sammlungsbestand Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn 54: Sammlungsbestand Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin | 57, 59, 60: Sammlungsbestand Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge 64: Sammlungsbestand Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg

Impressum 32

Herausgeber:

Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt | Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg



Tel. (0391) 244 55 930 | Fax (0391 244 55 998



Mail: [email protected]

Redaktion:

Kai Langer (verantw.) | Daniel Bohse | Gesine Daifi | Ulrike Groß | André Gursky

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Aus der Arbeit der Gedenkstätten

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Ute Hoffmann, | Sascha Möbius | Johannes Schwartz | Frank Stucke | Michael Viebig Gestaltung:

behnelux gestaltung, Halle (Saale)

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Salzland Druck Staßfurt

Spendenkonto: Konto 8100 15 16 | BLZ 81 000 000 | Deutsche Bundesbank Bestellungen für den Rundbrief „Erinnern!“ richten Sie bitte an die Geschäftsstelle der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Herausgeber dar. Für die inhaltlichen Aussagen tragen die Autoren die Verantwortung.

Inhalt

Anhang

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin Prettiner Landstraße 4| 06925 Annaburg, OT Prettin | Tel.: (035386) 609 975 | Fax: (035386) 609 977 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 8–15.30 Uhr Freitag von 8–13 Uhr | jeder letzte Sonntag im Monat 13–17 Uhr

Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg c/o Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie | Olga-Benario-Straße 16/18 | 06406 Bernburg Tel.: (03471)31 98 16 | mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 9 –16 Uhr, Freitag 9 –12 Uhr | jeder 1. Sonntag im Monat 11–16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge Postanschrift: Vor den Zwiebergen 1 | 38895 Langenstein Tel./Fax: (03941)302 48 oder Tel.: (03941)567 324 | mail: [email protected] Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 –15.30 Uhr | Samstag und Sonntag: April bis Oktober 14–17 Uhr November/Januar bis März 14–16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) Postanschrift: Postfach 200 256 | 06003 Halle (Saale) | Hausanschrift: Am Kirchtor 20 b | 06108 Halle (Saale) Tel.: (0345)220 13-35 oder (0345)220 13-37 | Fax: (0345)220 13-39 mail: [email protected] Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 –16 Uhr | Samstag und Sonntag 13–17 Uhr

Erinnern!

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg Postanschrift: Postfach 180 249 | 39029 Magdeburg | Hausanschrift: Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg | Tel.: (0391)244 55 90 | Fax: (0391)244 55 99 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch 9 –16 Uhr | Donnerstag 9 –18 Uhr | Freitag 9 –15 Uhr | jeder 1. Samstag im Monat 10 –12 Uhr sowie nach Vereinbarung

Aufgabe, Chance, Herausforderung.

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

2 | 2011

An der Bundesautobahn A2 | 39365 Marienborn | Tel.: (039406)920 90 | Fax: (039406)920 99 mail: [email protected] | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 –17 Uhr sowie nach Vereinbarung

Gruppenführungen sind grundsätzlich vorher anzumelden.

Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin

Geschäftsstelle

Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge

Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

Erinnern  !

2 | 2011

Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt | Umfassungsstraße 76 | 39124 Magdeburg Tel.: (03 91) 244 55 930 | Fax: (03 91) 244 55 998 | mail: [email protected]

Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg

1933

1945

1989