Fünfte Verleihung des Preises des Historischen - Historisches Kolleg

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Begrüßung durch den Vorsitzenden der Stiftung Historisches Kolleg und Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Professor Dr. Horst Fuhrmann

Herr Bundespräsident, Herr Stellvertretender Ministerpräsident, geschätzte Freunde und Förderer des Historischen Kollegs, in welchen Kreis ich gern die zahlreich erschienenen hohen Vertreter uuserer staatlichen und kirchlichen Institutionen zählen möchte, meine Damen und Herren. Der Preise gibt es viele, und allein die Zahl prämierter Historiker ist hoch: der Preis der Stadt Münster, der Hegel-, der Reuchlin-, der Brüder Grimm-Preis, mit ihnen sind Historiker internationalen Zuschnitts ausgezeichnet worden. Dieses hier ist der Preis des Historischen Kollegs, nach 1983 alle drei Jahre verliehen, heute also zum fünften Male: nach dem Althistoriker Alfred Heuß, dem Mediävisten Arno Borst, dem Sozialhistoriker und Methodiker Reinhard Koselleck, dem Neuhistoriker Thomas Nipperdey, dieses Mal an den in Frankfurt am Main lehrenden Mittelalterhistoriker Johannes Fried. Dem Preis wird die Ehre zuteil, vom Herrn Bundespräsidenten als dem Schirmherrn des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft überreicht zu werden, der den von der Deutschen Bank ausgesetzten Preis treuhänderisch verwaltet, und wir sind dankbar, daß ein Grußwort auch Herr Staatsminister und stellvertretender Ministerpräsident Zehetmair an uns richtet, der einem Lande vorsteht, das der Geschichtswissenschaft seit je ein waches Interesse und eine besondere Förderung hat zuteil werden lassen. Die 1858 gegründete Historische Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften brachte seinerzeit - um das Licht des eigenen Hauses unter dem Scheffel hervorzuholen - die Neuerung, daß sie ihre Forschungsgegenstände (Deutsche Reichstagsakten, Städtechroniken) bewußt weit über Bayerns Grenze ausdehnte und beispielgebend auf andere gelehrte Einrichtungen wirkte.

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Horst Fuhrmann

Herr Bundespräsident, Herr Staatsminister, so recht kann ich nicht sicher sein, daß Sie wissen, worauf Sie sich eingelassen haben. Esgibt juristisch den Begriff des Eingehungsbetrugs: jemanden hereinlocken und dann anderes, Geringeres zu bieten als angekündigt war. Was ist der Preis des Historischen Kollegs? Er ist nicht nur unter seinesgleichen am höchsten dotiert, er ist auch aus Überlegungen hervorgegangen, die eng verbunden sind mit einer Tradition deutscher Geschichtswissenschaft. Als vor fast 20 Jahren über die Schaffung unserer Historikerauszeichnung beraten wurde, erörterte man die Möglichkeit, an einen Preis anzuknüpfen, der im vorigen Jahrhundert, wie es in der damaligen Stiftungsurkunde hieß, dem in deutscher Sprache erschienenen "besten Werk über deutsche Geschichte" galt, anzuknüpfen an den sogenannten Verdunpreis, den der preußische König Friedrich Wilhelm IV. zur Tausendjahrfeier des Vertrags von Verdun 1843 gestiftet hatte, denn vor Gründung des Deutschen Reiches wußte man bekanntlich, wann es ein Reich der Deutschen gegeben hat, dessen Herrlichkeit Kaiser Friedrich Barbarossa, wie wir von Rückert wissen, in den Kyffhäuser hinabgenommen hat. 843 ist das Jahr des Teilungsvertrags von Verdun, als Ost- und Westfrankenreich sich trennten, und man verband damit häufig, wie man sich ausdrückte, die "deutsche Selbständigkeit", den Anfang der deutschen Geschichte. Hochdotiert war dieser Preis, 1000 Taler in Gold, also 3000 Goldmark, was nach heutiger Währung etwa 60 bis 80.000 DM bedeutet. Klingende Namen waren unter den Ausgezeichneten: Wilhelm Giesebrecht, Sekretär dieser Akademie, 1859, Ernst Dümmler 1869, Johann Gustav Droysen 1874, Heinrich von Treitschke 1884, Albert Hauck 1899. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde dieser weithin sichtbare Preis verliehen, dann verband man mit dem Stichwort Verdun anderes als einen länger als 1000 Jahre zurückliegenden Teilungsvertrag. Bei den Beratlmgen mit Bundespräsident Karl Carstens zu Beginn der 80er Jahre war man sich bald einig, daß nicht nur des Namens wegen an die gleichsam staatstragende Funktion des Verdunpreises nicht angeschlossen werden konnte, angeschlossen werden durfte. Der Preis kommt aus privaten, nicht aus öffentlichen Mitteln, und ich bin Herrn Kopper sehr dankbar, in der Rolle des Stifters zu uns zu sprechen, damit die ungebundene und von einem freien Kuratorium gefällte Entscheidung sichtbar wird. Grundlage der Auszeichnung soll neben dem Gesamtschaffen des Premiato ein herausragendes, wissenschaftliches Neuland erschließendes Werk sein, das auch in seiner sprachlichen Gestaltung vorbildhaft ist; in den Kreis der Kandidaten eingeschlossen

Begrüßung

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sind auch ausländische Historiker, wenn ein die gleichen Qualitäten auf-

weisendes Werk in deutscher Sprache vorliegt. Es geht um die in die Gesellschaft wirkende Geschichtswissenschaft, nicht um Verdienste mit einem Werk über deutsche Geschichte, und im nachhinein ist es ein gutes Signal, daß unser erster Preisträger ein Althistoriker war. Bei uns hätte auch Theodor Mommsen ausgezeichnet werden können, den der Historiker Lord Acton (1834-1902) in seiner Cambridger Antrittsvorlesung 1895 als den größten Schriftsteller seiner Zeit feiern konnte, dessen "Römische Geschichte" aber nicht die ganz auf das Deutsche ausgerichteten Bedingungen des Verdun-Preises erfüllte. In nationalbewußter Konsequenz erhielt Mommsen den Verdun-Preis nicht, denn er hatte eben kein Werk "über deutsche Geschichte" geschrieben. Dafür wurde ihm 1902 der Nobelpreis für Literatur zuteil, "dem größten lebenden Meister der historischen Darstellung, besonders in Anerkennung seiner monumentalen ,Römischen Geschichte"', wie es

in der urkundlichen Begründung hieß, und der schwedische Verleihungsredner Af Wirsen hob einen Wesenszug in Mommsens Schaffen hervor, auf den auch der heutige Preisträger Wert legt: die Phantasie in der Wissenschaft. Es sei nicht verschwiegen, daß es Fachvertreter der mittelalterlichen Geschichtsforschung gibt, die sich als Quellenhüter fühlen und gerade in der mittelalterlichen Geschichte gibt es viel zu hüten - und die den Eindruck zu vermitteln suchen, daß wahre Geschichtsschreibung sei, die Überlieferung, die nackten Quellen sprechen zu lassen. Hier gilt das Donnerwort Jacob Burckhardts: "Alle echte Überlieferung ist auf den ersten Blick langweilig, weil und insofern sie fremdartig ist. Sie kündet die Anschauungen und Interessen ihrer Zeit für ihre Zeit und kömmt uns gar nicht entgegen." In welchen Quellen stehen die mitreißenden Sätze, mit denen Mommsen seinen Caesar charakterisiert: "Obgleich Gentleman, Genie und Monarch, hatte er dennoch ein Herz. Wie allen denen, die in der Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein Schimmer auf ihm ruhen ... (Auch blieb ihm) das erfreuliche Bewußtsein der eigenen männlichen Erscheinung. Sorgfältig deckte er mit dem Lorbeerkranz ... die schmerzlich empfundene Glatze und hätte ohne Zweifel manchen seiner Siege darum gegeben, wenn er damit die jugendlichen Locken hätte zurückkaufen können ... " Die Sätze sind so gut wie reine Phantasie; übersetzen Sie den gentleman ins Lateinische oder Griechische, und suchen Sie die zurückgewünschten Locken in den Quellen. Von Mommsen stammt der Satz: "Die Phantasie ist wie aller Poesie auch der Hi,torie Mutter"; und Mommsen zählt den Geschichtsschreiber, wie er als Rektor der Berliner

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Horst Fuhrmann

Universität den Studenten einbleute, "mehr zu den Künstlern als zu den

Gelehrten". Aber darüber wird uns der heutige Preisträger Auskunft geben, der das Thema "Wissenschaft und Phantasie" angekündigt hat. Mir obliegt die Pflicht, Sie als Stiftungsvorsitzender und als Hausherr zu begrüßen, und ich tue es, indem ich unseren Preis in die Vergangenheit einflechte: nicht Verdun, sondern Verdienst, nicht deutsche Geschichte allein, sondern allgemein Geschichte in sprachlicher Gestaltung, nicht vom preußischen König, später vom deutschen Kaiser ausgelobt, sondern verbunden mit einer im Freistaat Bayern angesiedelten privaten Stiftung, nicht vom Monarchen Wilhelrn Ir. überreicht, sondern vom gewählten Präsidenten Roman Herzog. Der Mensch neigt zu einer laudatio temporis acti; hier sollte man einen Grund sehen, auch einmal die Gegenwart zu loben, und ich schließe meine Begrüßung mit einem Dank an alle Beteiligten, die diese Situation herbeigeführt haben, zugleich an Sie, das teilhabende Publikum, ohne das alle unsere Anstrengungen ins Leere laufen würden,

Grußwort des Stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten und Bayerischen Staatsministers für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst Hans Zehetmair Sehr geehrter Herr Bundespräsident,verehrte Festversammlung! Dem Jupiter Cumulus wird das Wort zugeschrieben: "Die gute Rede hat einen Anfang und ein Ende und einen möglichst kleinen Abstand zwischen diesen beiden. " Ich möchte versuchen, dem gerecht zu werden, auch bezüglich der Redelänge, wenn ich mich natürlich auch sehr über die Gelegenheit freue, bei Ihnen sein zu können. Der Bayerische Ministerpräsident, den ich heute vertrete, hätte gerne zu ihnen gesprochen, ist jedoch wegen politisch wichtiger Termine in Bonn und Mainz leider verhindert. Ministerpräsident Dr. Stoiber hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, daß er sein Fernbleiben sehr bedauert, und er entbietet Ihnen auf diesem Weg seine herzlichen Grüße. Besonders läßt er den Träger des diesjährigen Preises des Historischen Kollegs, Herrn Professor Johannes Fried, grüßen und gratuliert ihm zu der ehrenvollen Auszeichnung. 15 Jahre ist es mittlerweile her, daß das Historische Kolleg aus Mitteln des Stiftungsfonds Deutsche Bank und des· Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ins Leben gerufen worden ist. Die Hoffnungen und Ziele, welche die Gründerväter des Historischen Kollegs damit verbanden, haben sich seither über die Maßen erfüllt. Das Historische Kolleg in München hat sich einen festen Platz und einen herausragenden Ruf in der Reihe namhafter historischer Einrichtungen in München erworben. Seine Publikationen und Veranstaltungen erfreuen sich großer Beachtung und außergewöhnlichen Zuspruchs nicht nur in Fachkreisen. Durch die Einrichtung des Historischen Kollegs kam es in München im Bereich der Geschichtswissenschaften zu Synergieeffekten, von denen letztlich alle in München angesiedelten historisch ausgerichteten Institutionen ganz erheblich profitiert haben. Auch der Freistaat Bayern unterstützt mit beachtlichen Mitteln und Hilfen das Historische Kolleg. Ministerpräsident Strauß hat 1984 nach-

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Grußwort des Stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten

drücklich darauf hinge wirkt, daß die Kaulbach-Villa saniert und für die Zwecke des Historischen Kollegs bereitgestellt werden konnte. Diese Investitionen sind in der Absicht erbracht worden, dem Historischen Kolleg in München eine auf dauerhafte Sicherung zielende Grundlage zu geben. Dem Historischen Kolleg kommt bei seinem Wirken die hervorragende und wohl auch einzigartige Wissenschaftsinfrastruktur in München zugute. Seit etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich bekanntlich München mit der Errichtung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu einem Zentrum der Geschichtswissenschaft entwickelt. Die hier vorhandenen vielfältigen Einrichtungen waren dann auch ein maßgeblicher Grund, das Historische Kolleg in München anzusiedeln. Mit der Errichtung des Kollegs wurden die vorhandenen Einrichtungen durch einen richtungsweisenden eigenständigen Förderansatz weiter ergänzt. Es tut dem Ansehen des Historischen Kollegs keinen Abbruch, wenn man darauf hinweist, daß ausländische "Institutes far Advanced Study", wie etwa Princeton/USA, das Vorbild abgegeben haben. Auf jeden Fall hat sich das Historische Kolleg mittlerweile den Ruf eines "center of excellence" erworben, das der Geschichtswissenschaft in ganz Deutschland zur Ehre gereicht. Das Historische Kolleg führt mit seinen Veranstaltungen immer wieder Historiker internationalen Ranges und aller Fachrichtungen aus dem In- und Ausland nach München. Dabei hat zweifelsohne der Leistungsgedanke, der seinem Konzept zugrundeliegt und der in der Förderung von in- und ausländischen Spitzenforschern zum Ausdruck kommt, diese sichtbaren Erfolge maßgeblich ermöglicht. Für den förderungspolitischen Ansatz des Historischen Kollegs war zugleich maßgebend, daß durch die besondere Förderung der Geschichtswissenschaft ein wirkungsvoller Beitrag zur Verbreitung historischen Wissens geleistet wird. Die 15jährige Tätigkeit des Kollegs hat sich auch in dieser Hinsicht als überaus erfolgreich erwiesen: Die öffentlichen Vorträge in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erfreuen sich anhaltenden Interesses und sind zu Anlässen der Begegnung in Fachkreisen wie auch bei Liebhabern der Geschichte geworden. Die Publikationen des Historischen Kollegs gelten als Standardwerke des Faches und erfreuen sich einer regen Nachfrage weit über den Kreis der Historiker hinaus. Das zunächst unscheinbare Pflänzchen trägt also inzwischen reiche Früchte. Darum richte ich heute die ganz herzliche Bitte an den Stif-

tungsfonds der Deutschen Bank und den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die dieses geschichtswissenschaftliehe Edelgewächs in die Welt gesetzt und nun seit 15 Jahren mit großem Engagement gehegt und gepflegt haben: Widmen Sie bitte dem Historischen Kolleg auch weiterhin die Aufmerksamkeit und geben Sie ihm die Unterstützung, welche Sie ihm in den vergangenen 15 Jahren haben zuteil werden lassen. Der Erfolg des Historischen Kollegs ist auch Ihr Erfolg. Ich sage das nicht nur, weil mir als bayerischem Kultusminister selbstverständlich daran liegt, eine so außergewöhnliche Institution, wie sie das Historische Kolleg darstellt, in München zu halten. Ich meine, es liegt in deutschem und europäischem Interesse, im Interesse aller, die an der Pflege und Fortentwicklung unserer Kultur mitarbeiten. Die Mission und die Fruchtbarkeit der Geschichte bestehen ja darin, uns eine Fülle von Ereignissen zu erschließen, die über die Erfahrung des täglichen Lebens hinausgeht. Dem Bewußtsein des fühlenden, denkenden, handelnden Menschen wird so im Überfluß Material geliefert, um daran sein Urteil und seinen Willen zu bilden. Die Fruchtbarkeit der Geschichte liegt in jener praktisch unendlichen Ausdehnung, die sie unserer Erfahrung und unserer Menschenkenntnis verleiht. Das ist die Größe der Geschichte, das ist ihr "Nutzen". Die historische Bewußtwerdung bewirkt dabei eine regelrechte Katharsis. Erst von dem Augenblick an, wo Vergangenheit zur Geschichte wird, wo ich mir des geschichtlichen Erbes bewußt werde, wo ich weiß, was ich bin, warum und wie ich so geworden bin, macht mich diese Erkenntnis frei im Hinblick auf dieses geschichtliche Erbe. Ich kann das Erbe annehmen, soweit es in meiner Macht steht. Soweit es mich übersteigt, kann ich wenigstens darüber urteilen. Und dieser Denkakt kann seinerseits auf Veränderung der Dinge gerichtete Aktion anregen und beleben. In diesem Sinne hat man oft, von Goethe bis Dilthey und Croce, wiederholt, daß die historische Erkenntnis in gewisser Hinsicht den Menschen von den Gewichten seiner Vergangenheit befreit. So erscheint die Geschichte als eine Pädagogik, als ein Übungsfeld und das Instrument zu unserer Freiheit. In diesem Sinne ist derjenige, der sich ernsthaft auf Geschichte einläßt, der zum Bewußtsein gekommene Mensch. Geschichte ist Erkenntnis. Aber der Historiker begegnet der Vergangenheit nicht als Einzelner. Er spricht sie immer als Vertreter seiner Gruppe an. Und weil seine Sarge sich auf ein allgemeines Bedürfnis aller Menschen richtet, drängt sie nach Mitteilung und Ausdruck. Schon

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Thukydides hat seinen Perikles sagen lassen: "Die Erkenntnis gewonnen haben ohne das Talent, sie mitzuteilen, ist genauso gut, als wenn man nie daran gedacht hätte." Der Historiker muß zum genauen Ausdruck seiner Erkenntnisse gelangen. Wer wollte bezweifeln, daß er dazu nicht auch in gewisser Weise ein Künstler des Wortes sein muß. In einem besonders herausragenden Fall führte dies sogar bis zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Theodor Mommsen im Jahre 1902. Das Historische Kolleg gibt alljährlich herausragenden Historikern die Möglichkeit, sich unbelastet von anderweitigen Verpflichtungen über ein Jahr lang einem "opus magnum" zu widmen. Die Reihe von Werken, die auf diese Weise mittlerweile entstanden ist, kann sich sehen lassen. Der Preis des Historischen Kollegs, der im dreijährigen Turnus vergeben wird und zu dessen diesjähriger Verleihung wir uns heute eingefunden haben, gilt aber nicht dem einzelnen Werk, sondern der Gesamtleistung eines Historikers. Heute ist es Professor Johannes Fried, der die Auszeichnung erhält und den ich auch namens des Bayerischen Ministerpräsidenten ganz herzlich dazu beglückwünsche. Auch Professor Fried war Stipendiat im Historischen Kolleg in den Jahren 1990/91. Während seines Aufenthalts in München hat er sich mit dem Problem der Entstehung der deutschen Nation befaßt. Seit einem Jahr liegt das großartige Ergebnis dieser Arbeit vor. Mit dem Titel "Der Weg in die Geschichte" bildet es den ersten und damit - für einen Historiker ist das vielleicht sogar logisch - zuletzt erschienenen Band der Reihe "Geschichte Deutschlands", die im Propyläen Verlag erschienen ist. Ich will dem Laudator nicht vorgreifen. Darum zitiere ich hier schlicht die Worte, die Jacques Le Gofffür Frieds Werk in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefunden hat: "Frieds Buch (stellt) eine so herausragende Lektion im Methodischen dar und zugleich einen so kundigen, klugen und mutigen Beitrag zur Beschwörung der alten Fehler und der alten Dämonen, daß ich der letzte wäre, ihm das uneingeschränkte Lob zu verweigern."

Professor Fried, ich beglückwünsche Sie zu der hohen Auszeichnung und das Auswahlgremium des Historischen Kollegs zu seinem weitsichtigen Urteil.

Ansprache des Stifters

Hilmar Kopper Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank AG und Mitglied des Vorstandes des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft

Herr Bundespräsident, Herr Minister, meine sehr geehrten Damen und Herren, im Namen des Vorstands der Deutschen Bank begrüße ich Sie auf das herzlichste. Wir kommen heute zum fünften Mal zusammen, um den Preis des Historischen Kollegs zu verleihen. Der Preis hatte die Einrichtung zieren sollen. Nun ist er selbst zu einer Einrichtung geworden. Niemand mehr kann sich das Kolleg und seinen Preis fortdenken aus dem öffentlichen Leben. Für einen Stifter gibt es keinen schöneren Lohn als die Feststellung, daß Früchte trägt, was er gesät hat. Als wir 1979 das Historische Kolleg ins Leben riefen, hätten wir vielleicht Wetten angenommen auf seinen Bestand. Aber auch auf sein Ansehen und die Selbstverständlichkeit, mit der es Gelehrte aus aller Welt anzieht? Wohl kaum. Die Welt war damals die westliche Welt. Daß sich der Austausch auf sie beschränkte, haben wir uns nicht ausgesucht. Der Preis ist eine Auszeichnung für einen Gelehrten, vielleicht auch einmal für eine Gelehrte. Spitzenforschung zu belohnen, hat seine Rechtfertigung in sich selbst. Warum begründen, was wir täglich lesen und hören und zum Allgemeingut geworden ist! Ohne Leistung, erst in der Forschung, dann in der Anwendung, werden wir uns im weltweiten Wettbewerb kaum behaupten können. Nun ist die Geschichtswissenschaft keine Wissenschaft wie jede andere. Ihr Ertrag läßt sich so ohne weiteres nicht messen. Der Übergang in die Literatur ist fließend, und der in die Politik ist es auch. Das schöne Wort von der Kunst der Geschichtsschreibung bezeichnet die eine Ambivalenz und der nicht so schöne Ausdruck von der Instrumentalisierung

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Hilmar Kopper

der Geschichte die andere. Als die deutsche Einheit Wirklichkeit wurde und es galt, das Selbstverständliche anzunehmen, widerfuhr der Geschichte Schreckliches. Für aktuelle Zwecke sollte sie aufhalten helfen, was gerade aus geschichtlichen Gründen nicht aufzuhalten war. "Was heißt deutsch?" und "Was ist deutsch?" fragen Sie, hoch verehrter Herr Professor Fried, am Anfang und am Ende Ihres Buches über "Die Ursprünge Deutschlands". Es ist ein großes Buch, weil es auf so wundervolle Weise die Gebote der Geschichtsschreibung erfüllt. Sie erzählen, scheinbar absichtslos, von einem Volk ohne Mythos und den Zufällen in einem Land, das deutsch erst noch werden sollte. "Die Deutsehen", so lautet Ihr unprätentiöses Resümee, "schlitterten in ihr nationales Dasein, ohne es zu merken und ohne es zu erstreben. Unvermutet erkannten sie ... sich als Nation." Von einem Zufall, einem glücklichen Zufall, möchte ich sprechen, daß dieses Buch durch diese Preisverleihung herausgestellt wird. Äußerlich hat die intellektuelle Verbiegung der Geschichte ihrem tatsächlichen Verlauf nichts anhaben können. Das Ereignis ist glücklich vollendet worden. Mit den inneren Folgen aber werden wir noch lange zu tun haben. Wahlergebnisse in der einst geteilten Hauptstadt sind ein Gradmesser. Öffentliche Reden und Rechtfertigungen sind es erst recht. Daß mit wachsendem Echo versucht wird, den Unrechtsstaat DDR und den Rechtsstaat Deutschland gleichzusetzen, stellt die Maßstäbe der Demokratie auf den Kopf. Die aber sind es, die wir an den Vereinigungsprozeß anlegen. Die Einheit von Demokratie und Nation kann nicht oft genug beschworen werden. Und jedenfalls lohnt es, ohne Scheuklappen in die Geschichte hineinzublicken. Ist Sache des Stifters, nachzudenken über solche und andere Zusammenhänge? Es ist nicht nur seine Sache, sondern seine Pflicht. Niemand stiftet für die Ewigkeit, auch die Deutsche Bank nicht. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Zwecke, die verfolgt werden. Die Gründerjahre des Kollegs waren nicht nur die Jahre, in denen die deutsche Teilung Tribut forderte. Das Historische Kolleg war auch eine Antwort auf die Abkehr von der Geschichte überhaupt. Gewiß, unsere Antwort war weder meinungs machend noch massenwirksam. Aber sie setzte ein Zeichen, das weithin wahrgenommen wurde und Symbolkraft entfaltete. Das Zeichen stand für die geleistete Forschung und die geschriebenen Werke, und eS stand für noch etwas. Etwas, das vom Historischen Kolleg nicht zu trennen ist. Kultur zu fördern, heißt immer auch, um Vertrauen zu werben und Freundschaft zu pflegen. In den achtziger Jahren wogen diese Anstrengungen schwer für

Ansprache des Stifters

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die Bundesrepublik. Die Historiker, die aus dem westlichen Ausland zu uns kamen, haben gerade in jenem Jahrzehnt den Blick nach Westen festigen helfen. Von der Westorientierung wissen auch Sie zu berichten, Herr Professor Fried. Zunächst mit Verblüffung, dann mit einer Art Aha-Gefühl habe ich bei Ihnen gelernt, wie sehr die Deutschen, die überhaupt erst dabei waren, welche zu werden, nach Westen ausgerichtet waren. Nahezu alles habe der barbariche Osten dem Westen zu verdanken gehabt - die Kirche und das Recht, die Herrschaftsordnung und die Besitzstruktur. Der barbarische Osten, der waren, damals, wir. Mit den geographischen Ortsbestimmungen ist das so eine Sache. Auch sie verschieben sich im Laufe der Zeiten, nehmen einen neuen Sinn an oder verlieren den alten. Die Relativität von Begriffen und ihren Inhalten, auch darüber lohnt es aus Anlaß des Fried'schen Buches nachzudenken. Fünf Jahre nach dem großen Epochenwechsel haben sich allerdings nicht nur Begriffe und Begriffsinhalte verschoben, sondern auch Aufgaben - wirtschaftlich, politisch, kulturpolitisch. Der Westen hat kein Monopol mehr auf Demokratie. Tn Deutschland ist sie zu Hause wie jenseits des Rheins. Im Osten schlägtsie Wurzeln. Der Systemgegensatz ist geschwunden, aber der kulturelle Bruch groß geblieben. Zu groß. Ihn zu beheben, muß uns wirklich jede Anstrengung wert sein. Auch im Hinblick auf das, was wir fördern. In unseren Beziehungen zu Amerika oder auch zu Frankreich mag es ein Auf und Ab immer wieder geben. Ernste Sorgen aber machen wir uns glücklicherweise nicht mehr. In unserem Verhältnis zu den Ländern Mitte1ost- und Südosteuropas, zur Ukraine, zu Weißrußland und zu Rußland aber muß Vertrauen erst aufgebaut und FreUndschaft erst begründet werden. Es kann nicht anders sein, als daß sich unser Blick weitet. Deutschland beläßt den einen Blick im Westen und richtet den anderen nach Osten. So ist es seiner Lage gemäß und seinem Interesse. Vor allem läßt uns der Osten selbst keine Wahl. Dieser Tage las ich einen Brief, der mich bewegt hat. Geschrieben ist er in einem wunderbar altertümlichen Deutsch und abgesandt in der Akademie der Wissenschaften zu Moskau. "Lange Zeit", so heißt es darin, "war Rußland als Teil der Sowjetunion diktatorisch von einer einzigen philosophischen Staatsdoktrin beherrscht: dem Marxismus. Es liegt daher in der wiedergewonnenen Freiheit ein dringendes Bedürfnis vor, sich mit jenen philosophischen Quellen vertraut zu machen, von denen Rußland so lange fast vollständig abgeschnitten war. Es besteht zugleich ein großes Verlangen nach einer geistig-theoretischen Erneuerung auf dem Gebiete der Philo-

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Hilmar Kopper

sophie. Traditionsgemäß sucht man dabei vornehmlich den Anschluß an die deutsche, die seit jeher die russische Philosophie stark befruchtet hat." Was für die Philosophen gilt. gilt auch für die Historiker. Geschichte kann nicht geschrieben werden. ohne daß philosophische Grundlagen gelegt sind. Wir ahnen alle, wie es um die materielle Lage von Moskauer Intellektuellen bestellt ist. Der Brief aber ist kein Bettelbrief. Er schließt mit dem Hinweis, daß über der wirtschaftlichen die geistige Unterstützung vernachlässigt werde. Die Unterstützung, die Rußland vielleicht auch in deutschem Interesse benötige. Eine friedvolle Zukunft wird Europa nur beschieden sein, wenn Rußland eine gedeihliche Entwicklung nimmt. Dabei ist klar: Wer nach Moskau will, fährt über Warschau. Der kulturelle Blick, der sich weiten möge, umfaßt alle Länder, die so lange abgeschnitten waren von geistiger Erneuerung. Die Deutsche Bank wird - mit Kopf, mit Herz und auch mit Geld - künftig den kulturellen Ost-West-Austausch fördern helfen. Der Preisträger, den wir heute ehren, hat mich zu Gedanken angeregt, die weit über den Anlaß hinausreichen. Auch dafür danke ich Ihnen, Herr Professor Fried. Das Historische Kolleg hat durch die Deutsche Bank viel Zuwendung erfahren. Möge es gedeihen und eine gute Zukunft haben.

Laudatio auf den Preisträger"

Professor Dr. Arnold Esch

Das Historische Kolleg zeichnet in diesem Jahre das Werk eines Mediävisten aus, das Werk von Johannes Fried. 1942 in Hamburg geboren, studierte Fried Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften in Heidelberg, wo er, der Schüler von Peter Classen, 1970 promovierte und sich 1977 habilitierte. Zunächst in Köln und seit 1982 in Frankfurt lehrend, fand er sich trüh mit verantwortungsvollen Ämtern und Aufgaben betraut, ohne die unsere Wissenschaft nicht sein könnte, Funktionen, die unser Fach sozusagen oben zusammenhalten, und denen man von außen mehr die Ehre als die Last ansieht: Konstanzer Arbeitskreis, Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, Verband der Historiker Deutschlands, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Vorsitzender des Fachgutachterausschusses der DFG, Mitherausgeber der beiden angesehensten Zeitschriften unseres Faches - und das alles im gefüllten Alltag eines Hochschullehrers, der sich gleichwohl die Zeit nimmt, seine Studenten anteilnehmend zu begleiten, und der den Kollegen Wesentliches über sie mitzuteilen hat. Aber der Preis des Historischen Kollegs- dessen Forschungsstipendiat Johannes Fried 1990/91 war - prämiiert nicht den Steigungsgrad von Karrieren und nicht die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, sondern (so das Preisstatut) "das wissenschaftliche Gesamtschaffen eines Historikers", wobei für die Anspruchshöhe drei Gradmesser vorgegeben werden: Originalität, Breitenwirkung, Sprache. Was die Zuversicht rechtfertigt, Frieds Werk werde auch über die Fachgrenzen hinaus in die Breite wirken, sei vorweg gesagt, weil von den drei Kriterien dieses am ehesten Mißverständnissen ausgesetzt ist. Fried bietet nicht flotte Aktualisierung, sondern im Gegenteil das Mittelalter in seiner Fremdheit - aber in Fragestellungen groß genug geschnitten, daß sie Großes sichtbar machen: Wo liegen die Ursprünge Deutschlands? War das 11. Jahrhundert eine Wende? Wie wirken sozialer Wan-

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Erstveröffentlichung: Historische Zeitschrift: 263, 1996,281-289.

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Amold Esch

Laudatio auf den Preisträger

deI und frühe Universität aufeinander? Wie kommt es zur Wiederaneignung des römischen Rechts? Was sagen uns Bildquellen über die politischen Vorstellungen einer Zeit? Er bietet nicht lässig entgegenkommende Sprache, sondern im Gegenteil begriffliche Prägnanz - aber mit Lust an pointierender Ausdrucksweise. Und eine suggestive Darstellungskraft, die eben nicht unvereinbar ist mit der Kompetenz des Fachhistorikers, wenn er es wie Fried versteht, sogar Methodenfragen so in Darstellung aufzulösen, daß sie nicht mehr nach Methode schmecken. Nicht falsche Vertraulichkeit mit den Menschen der Geschichte, sondern die Bereitschaft, vor dem Urteilsspruch zunächst die Perspektive des Menschen in seiner Zeit ins Auge zu fassen. Das aber heißt: immer auch die Begrifflichkeit einer Zeit zu reflektieren, ihre Vorstellungen zu erkunden, ihre Erwartungen und Stimmungen einzubeziehen. In welchen Begriffen kann sozialer Wandel denn überhaupt von Zeitgenossen wahrgenommen, mit welchen Begriffen Stammesbildung damals überhaupt beschrieben werden? Mit welchen Kategorien kann nie gesehener Ferner Osten von Missionaren wie Wilhelm von Rubruk denn überhaupt abendländischen Lesern vor Augen gestellt werden, da doch nicht das Phantastisch-Monströse, sondern die Wirklichkeit ihr Fassungsvermögen übersteigt, wie Fried treffend bemerkt. (Doch müssen es nicht ferne fremde Beispiele sein, denn Geschichte beginnt für Fried dort, wo seine Studenten leben und ihr begegnen: in Frankfurt, etwa bei der Geschichte der Messen.) Oder Vorstellungen: Was das 12. Jahrhundert - oder andere Renaissancen und renovationes - wiederbelebten, war Römisches "und was sie dafür hielten". Denn Antike, und datum Vorbild, war ihnen schließlich nicht das, was ein altphilologisches Oberseminar heute davon weiß, sondern das, was man damals dafür hielt: eben darum heißt es ja Nachleben der Antike, weil es sich lebend weiterentwickelte! Das sind nicht Kulissen, die man beiseiteräumen müßte, um dahinter auf "die Wirklichkeit" zu stoßen. Nein, diese damals gemalten Prospekte verstellen nicht Wirklichkeit, sondern sind Wirklichkeit. Und ebensowenig lassen sich, drittens, Erwartungen und Stimmungen von harten Fakten subtrahieren. als sei das eine hard und das andere saß. Denn auch Erwartungen sind historisch wirkungsmächtig, damals und heute. Man kann das nicht voneinander trennen, nur behutsatn voneinander abschichten - um es dann wieder zusammenzuführen, wie Fried es in seinen Darstellungen tut. Damit ist ein Punkt berührt, bei dem die eigentlichen Fähigkeiten, die eigentlichen Leistungen Frieds besonders deutlich hervortreten: Ge-

schichte im Zusammenhang ihrer Wirkungskräfte darzustellen, Geschichte als einen dynamischen Prozeß vorzuführen. Gewiß, wir Historiker können unsere Aufgabe nur bewältigen, indem wir - in Spezialuntersuchungen, in Dissertationsthemen - die Geschichte kreuz und quer zuschneiden. Oft belassen wir es dabei, und das erinnert leicht an Kinder, die ihr Spielzeugauto zwar auseinandernehmen, aber dann nicht wieder zusammensetzen können (Kinder sind darüber wenigstens betrübt, Spezialisten nicht unbedingt). Ohne Spezialuntersuchungen schreitet Wissenschaft nicht fort, auch bei Fried nicht. Aber wir müssen immer dahin gelangen, durch integrierende Perspektive (die mit Allwissen nichts zu tun hat) das Gesamthafte des historischen Prozesses sichtbar zu machen - nicht als Geschichtsphilosophen, nicht als Geschichtstheoretiker, nicht als kulturhistorische Generalisten, sondern als Fachhistoriker. Dieser Ansatz deutet sich bei Fried bereits in seiner Dissertation über die soziale Stellung und politische Bedeutung gelehrter Juristen in Bologna und Modena an, schon hier sind die Fragen so gestellt, daß sie die Dynamik des historischen Prozesses, den Wirkungs zusammenhang der verschiedenen Impulse sichtbar machen: Wo ist die Erneuerung der Rechtswissenschaft im 12. Jahrhundert "reiner Erkenntnisdrang"? Wo hingegen antwortet sie auf praktische Bedürfnisse des Alltags? Aber nun weiter: Wo schafft sie neue Bedürfnisse? Wo endlich wird sie von solchen neugeschaffenen Bedürfnissen dann wiederum selbst vorwärtsgerissen? Und ihre Menschen: aus was für Fatnilien kommen diese neuen Rechtsgelehrten? Was machen sie mit ihrer neuen Rechtsgelehrsamkeit, wie hoch kommen sie, unter Kaufleuten, sozial datnit hinauf, wie früh dringen sie damit in die Politik der Kommune ein? Diese Einsicht in die wechselseitige Durchdringung und Abhängigkeit der Faktoren (und somit in die Dynamik, auch die Eigendynamik) des historischen Prozesses läßt ihn immer weitere menschliche Aktivitäten (und somit Wissenschaften) einbeziehen und sozusagen in ein System bringen. Denn um die Dinge so zu sehen, dürfen Teildisziplinen nicht in verschiedenen Kapiteln nebeneinander abgehandelt werden, sondern müssen miteinander zu Fragestellungen verflochten werden, auch wenn sie scheinbar von unterschiedlicher Dignität sind: Kunst und Kommerz, Wissenschaft und Wirtschaft - denn auch der Kaufmann und der Gelehrte besuchen doch "denselben Jahrmarkt des Leistungsaustauschs". Es geht bei solchen Beobachtungen (bei denen man sich in schwierigem Gelände bewegt und über die man leicht aneinandergeraten kann) nicht darum, Kunst auf einem - angeblich uneingestandenen - ökonomischen Unterbau zu ertappen, untergründige Entsprechungen von schola-

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Arnuld Esch

Laudatio auf den Preisträger

stischer Methode und hochmittelalterlichem Klassenkampf auszumachen, oder ähnliche verführerische Kühnheiten, bei denen der Fachhistoriker nicht lange mithalten kann, Sondern viel einfacher und doch aussichtsreicher: um die "wechselseitige Angewiesenheit beider aufeinander und den dabei sich entfaltenden Beitrag des Kaufmanns zur Verwissenschaftlichung der europäischen Kultur". Oder andersherum: wie Wissenschaften sich den Bedürfnissen einer Gegenwart öffnen, wobei es ununterscheidbar sein kann, ob erst der praktische Gebrauch da war oder erst der wissenschaftliche Traktat. Denn der Kaufmann, der unerbittlichen Kontrolle der Realität stärker noch unterworfen als der Gelehrte, mußte Realität und Fiktion, ragione

seiner Arbeit aus dem Oberitalien des 12. Jahrhunderts, wo auf eine deutsche Königs- oder Kaiserurkunde für eine Stadt womöglich 100 oder mehr lokale Notarsurkunden kommen, die von der Wirklichkeit dieser Stadt ganz anders reden. Und nun dieser den Nachbarn damals so ferne fremde deutsche Raum, wo auch später noch italienische Kaufleute nicht hinein- und päpstliche Ablaßkollektoren nicht wieder hinausfanden, wie schon Quintilius Varus nicht. Wie dieser Raum in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters vom Rande der Ökumene allmählich in die Mitte Europas rückte und wie aus der Vielzahl der deutschsprechenden Menschen (denn "Volk" sind zunächst die Franken, die Sachsen, die Alemannen usw., noch nicht die Deutschen) eine Einheit, ein Volk wird, das ist das Thema dieses großen Buches, das mit der Frage "Was heißt deutsch?" beginnt und mit der - bedeutungsvoll modifizierten - gleichen Frage schließt: "Was ist deutsch?" Für uns Deutsche, die wir uns über jeden Zentimeter Folgerichtigkeit in unserer Geschichte wundern, ein wichtiger Beitrag zu unserer überspannten Identitätsdebatte, bei der wir (wie jeder weiß, der im Ausland lebt) von unseren Nachbarn argwöhnisch beobachtet werden. Ein Beitrag gut gerade in seiner Nüchternheit, der frühe Nachweise veritablen Nationalbewußtseins nicht erkennen kann und das Wachsen eines Kollektivbewußtseins gerade in seiner Ungewißheit, seiner Zögerlichkeit beschreibt, ohne gemeinsames Recht, ohne Vorstellung von einer gemeinsamen Herkunft, ohne Ursprungsmythos - ich zitiere (auch um Ihnen Frieds prägnante und lebhafte Diktion vorzuführen): "Ihnen [den Deutschen] fehlte, was die anderen auszeichnete. Sie tauchten aus keinem vorzeitlichen Dunkel auf, hatten kein brennendes Troja verlassen, waren an keine neuen Ufer verschlagen worden, eroberten kein Reich. Ihr Werden vollzog sich im ernüchternden Licht der Geschichte und ließ sich in keinen Mythos bannen. Sie waren das ungewollte Produkt und die unerwarteten Erben eines fremden Reiches, nämlich des ostfränkischen; und dieses war ein Spaltprodukt des großen Frankenrei-

und opinione, Begreifen und Meinen, klar auseinanderhalten, war auf eigenes Kalkül, auf Autopsie statt Autoritäten angewiesen, mußte in praktischer Vernunft Anschauung auf den Begriff bringen (man denke an den Realitätssinn auf höchstem intellektuellen Niveau, wie er sich in damaligen italienischen Kaufmannsbriefen, Kaufmannshandbüchern, ja Kaufmannsnovellen ausspricht!): mehr wissen, besser verstehen, als Voraussetzung für mehr Gewinn, für meßbaren Erfolg. Fried beschreibt den Sog, den diese Haltung auf die Wissenschaften ausübte, und wie sich bei des gegenseitig zu neuen Leistungen vorantrieb. Hier geht die Deutung einmal von den elementaren Einstellungen auf die Phänomene, und nicht umgekehrt. Ist schon diese Verknüpfung - der (so Fried:) "Systemverbund" von "Wirtschaft, Wissenschaft und Religion, Ethik und Recht, Geld und Moral" - nicht gewöhnlich, so erwarten neuere Tendenzen der Geschichtswissenschaft noch anderes. Die heute so stark propagierte Ausweitung des historischen Blicks auf Nachbarwissenschaften wie Anthropologie und Ethnologie ist gut und recht, und wir haben viel daran gewonnen. Aber oft tut diese Forderung groß und bleibt doch klein, bleibt hinter ihrem Anspruch zurück. Ja sie kann paradoxerweise zur Einengung statt zur Ausweitung des Blickfelds führen, weil die Versuchung groß ist, womöglich nur noch das Neuland zu beackern und das schon so große Altland der Mediävistik versteppen zu lassen. Denn Mediävistik, traditionelle Mediävistik, ist selbst schon ein hartes Geschäft. Bei Fried aber sieht man die Furchen Altland und Neuland durchziehen, ohne daß die einstigen Grenzen noch zu erkennen wären. All das, von erprobter Quellenkritik bis zum Verständnis archaischer Gesellschaften, befuhigte ihn zu der großen Darstellung, die im Mittelpunkt dieser Ehrung steht: Der Weg (der Deutschen) in die Geschichte. Von der Quellenlage her eine Aufgabe diametral entgegengesetzt zu

ches," Die Ethnogenese zieht sich über Jahrhunderte hin und wirft in ihrer Ungewißheit viele Fragen auf: waren sie "Deutsche" erst im Selbstver.ständnis oder erst in der Außenansicht? Wie faßten sie selbst ihr "Anderssein" auf? Welches sind, neben der Sprache, die Faktoren, die Identität stifteten? Wuchsen sie von unten oder von oben zu einem Volk zusammen? Wie kommt es in personalen Herrschaftsverbänden überhaupt zur Ausbildung von Institutionen? Hatten die Handelnden faßbare längerfristige Ziele, oder war der Weg so wenig zielgerichtet wie er wirkt?

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Selbst "die Namengebung der Deutschen, ihre ethnische Taufe, erstreckte sich über wenigstens dreihundert Jahre (",) Die Deutschen wurden Deutsche, ohne darauf zu achten. Ihr neuer Name schlich sich in ihren Sprachgebrauch ein; sie gewöhnten sich unmerklich an ihn, bis sie sich Jahrhunderte später zu ihm bekannten." Da bedurfte es einer mächtigen Legitimierung, wenn man über Franken und Sachsen und Bayern ein "deutsches" Volk errichten wollte: so ist "deutsche" Geschichte in ihren Anfängen vor allem Reichsgeschichte. Wir erfahren von der Rolle des Königtums, vom Wesen der Adelsherrschaft, von strukturellen Veränderungen wie der Entwicklung des Lehnswesens, der Ausbildung der Stammesherzogtümer, den Wirkungen erster kirchlicher Reformbewegungen, von neuen Städten, die sich neben alten römischen civitates an Zentren großer königlicher oder kirchlicher Grundherrschaften entwickelten. Wir erfahren, wie doch gewisse Kontinuitäten, gewisse Folgerichtigkeiten im Handeln der Herrscher, im Verhalten von Adelsgruppen, zu Bestand und Ausbau - und eben nicht zum Zerfall - dieses ostkarolingischen Herrschaftskerns führten, und wie sich allmählich Konturen eines die Stämme übergreifenden Konsenses abzeichnen. Mehr als um das Referieren von Ergebnissen muß es hier um die Feststellung von Verarbeitungs grad und Darstellungskunst gehen: wie Fried Schichten von Überlieferungs bildung vorsichtig voneinander abhebt und so den allmählichen Verschiebungen der Perspektive nachgeht; wie er aus schriftlichen Texten mündliche Gesellschaft zu rekonstruieren versucht, die Bedeutung von Gebärden und Ritualen herausarbeitet, und wie er aus der Einsicht in die Mündlichkeit vorliterater Gesellschaft wiederum Folgerungen für seine Lehre von den Qnellen zieht. Texte aufzufassen nicht als "mündliche Schriftlichkeit", sondern als "ein zufällig schriftlich fixiertes Durchgangsstadium mündlicher Tradition" - daß also die Grenzlinie zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit nicht am Rande der schriftlichen Texte verläuft, sondern durch sie hindurch. Das alles wird in klarer lebhafter Sprache erzählt, mit knapp und treffend interpretierten Episoden veranschaulicht, in prägnante Begriffe gefaßt ohne unnötige Abstraktionen, und bleibt immer auf den Menschen gerichtet - nicht auf "den" Menschen des frühen Mittelalters, sondern, im breiten Spektrum zwischen Idealtypus und Sonderling, auf leibhaftige Menschen, ihre Anliegen, ihre Bedrängnisse: der Leistungsdruck auf Adelssöhnen; die Nöte unfreiwilliger Mönche; das Balancieren am Rande des Existenzminimums; die kleinen Freuden sozialen Aufstiegs; die albernen Scherze von Gebildeten in illiteratem Milieu. Überhaupt:

das ist Geschichte, in der Butter und Milch, Wolle und Holz, Schafe und Fische vorkommen, ohne daß - eine deutsche Unart - immer gleich dazugesagt würde, daß Butter und Wolle eigentlich "unten" und Denken und Glauben eigentlich "oben" seien (oder aber, ebenso beflissen, ausdrücklich die Gleichrangigkeit beteuert wird) - statt das der Darstellung zu überlassen wie Fried es tut. Geschichte sozusagen unzerlegt in ihren Wirkungszusammenhängen belassen, in die die Fragen nur wie Sonden eingeführt werden: Geschichte in ihrer Fülle, in ihrem breiten Fortwälzen dargestellt. Das ist Geschichtsschreibung. Freilich: In einer Wissenschaft, die nicht zu den exakten Wissenschaften rechnet (manche Historiker tragen schwer an dieser Unterscheidung, statt fröhlich zuzugeben: so ist es - wir messen nicht in Hektopascal oder Kelvin und wissen doch auf unsere Art von Temperaturen und Druckverhältnissen, nur eben in anderen, in sozialen Körpern) - in einer solchen Wissenschaft liegen Meinungsverschiedenheiten darüber nahe, was bei fragmentarischer Überlieferung das Maß erlaubter Ergänzung sei: weiche von der Überlieferung leer gelassenen Flächen wir Historiker weiß lassen müssen, und welche wir - in den blasseren Farben der Vermutung, wie bei der Restaurierung eines Freskos - auffüllen dürfen, und: mit welcher Substanz auffüllen. Denn am Schluß sollte ein Ganzes dabei herauskommen - nicht ein Vollständiges, aber ein Ganzes. An dieser Frage hat sich in jüngster Zeit - eben an Frieds großer Darstellung - eine Kontroverse entzündet (die man nur bitte nicht, wie geschehen, wieder als "Historikerstreit" bezeichnen sollte: dieses große Wort wird bei uns etwas inflationär, und es ist auch nicht einzusehen, warum es in der deutschen Geschichtswissenschaft mehr Teilchen zum Aufeinanderprallen geben sollte als in anderen ebenso lebendigen Geschichtswissenschaften). Gewiß darf der Historiker nicht mehr aus seiner Quelle herausholen, als sie ihm sagen kann. Aber ebenso gewiß muß er mehr aus ihr herausholen, als sie ihm sagen will. Hier liegt der eigentlich kritische, also entscheidende Schritt, und nicht in der Darstellung als solcher, die dann ruhig romanhafte Züge tragen darf wie die Wirklichkeit selbst ja auch, dramatische Züge wie die Wirklichkeit selbst ja auch. Nein, die Grenze zwischen Sicherheiten und Vermutungen ist in diesen frühen quellenarmen "dark ages" schwer zu bestimmen (eben darum heißen sie ja so), und in der Darstellung nicht durchgängig zu ziehen wie die markierende Ziegellinie heutiger Restaurierung im aufgehenden Mauerwerk einer römischen Ruine: bis hierher erhalten, von hier an ergänzt. In einer Wissenschaft, die verstehend vorgeht und deren Darstellung ein schöpferischer Akt ist, geschieht nichts ohne Zutun des Histori-

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kers: die Bruchstücke, die uns Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall zugespielt haben, fügen sich nicht von selber zu "Geschichte" zusammen, und ohne Phantasie, ohne methodisch disziplinierte Phantasie wird der Historiker nichts ausrichten. Was für Quellenkenntnisse, Überlegungen, Nachprüfbelege im Fundament einer solchen Darstellung verbaut sind, zeigt Fried dort, wo ihm das Zufügen von Anmerkungen nicht verwehrt ist. Wie wohltuend, wenn gleichwohl Großes, Lesbares, Lebendiges dabei herauskommt. Denn Darstellung ist Zugriff, ist Entscheidung, ist Auswahl: aus dem diffusen Stimmengedröhn der Quellen Aussagen herauszufiltern, ihnen einen Stellenwert zu geben. Wer nicht nur forscht, sondern auch darstellt, muß diese Kühnheit haben, und Fried hat sie. Wo Fried sich nicht an ein breiteres Publikum wendet, sondern unter Fachkollegen spricht wie jüngst im Max Planck-Institut für Geschichte zum Thema "Mittelalterforschung heute", hat er seine theoretischen Grundlagen explizit ausgesprochen, seine Auffassungen dezidiert und selbstbewußt dargelegt. Sie gelten - und bei einem Historiker darf es nicht anders sein - in erster Linie den Quellen und ihrer rechten Interpretation: wie Quellen zustandekommen; daß erzählende Quellen nicht als Quellen für Fakten, sondern für Erinnerungsweisen und Erinnerungsbilder zu nehmen sind; wie die Vorherrschaft der erzählenden Quellen vernünftigerweise zu relativieren sei, um die unerhörte Ausweitung der Geschichte nun auch außerhalb des traditionellen Sockels historischer Hilfswissenschaften methodisch neu zu unterfangen. Diese Ausweitung, bei der Fried die Anregungen aus französischer und angelsächsischer Geschichtswissenschaft dankbar bekennt, diese Horizonterweiterung ins Unermeßliche trägt nicht von selbst schon die erforderliche integrierende, einheitliche Perspektive in sich, sondern kann, ich betone es noch einmal, im Gegenteil zu weiterem Zerfall führen, wenn sie nicht bewältigt wird: bewältigt nicht durch das Addieren mehrerer Spezialisten, sondern bewältigt in einem Kopfe. Fried hat die Unermeßlichkeit und die Einheit nicht erfunden. Aber er hat sich daran gewagt.

Vortrag des Preisträgers: Wissenschaft und Phantasie Das Beispiel der Geschichte* Professor Dr. Johannes Fried

General Cambronne, ein erfahrener Haudegen, deckte in der Schlacht von Waterloo mit den besten kaiserlichen Gardebataillonen den Rückzug der geschlageuen Franzosen. Von den vorstürmenden Engländern umzingelt und zur Kapitulation gedrängt, gab er - so wußte die Pariser Presse - die klassische Antwort: "Die Garde stirbt und ergibt sich nicht!" Alsbald warf ihn eine Kugel vom Pferd. In Nantes, seiner Vaterstadt, setzte man dem tapferen Manne ein Denkmal und feierte ihn mit seinen eigenen Worten: "La garde meurt et ne se rend pas!" - so, wie es in der Zeitung gestanden hatte. In Wahrheit freilich verhielt die Sache sich wohl ein wenig anders. Da brüllte der General, auch das scheint gut bezeugt, als er sich ergeben sollte, nur ein einziges Wort: "Merde!" und focht, bis ihn die Kugel traf. Er überlebte und bestritt noch ein Vierteljahrhundert danach die Autorschaft jenes heroischen Spruchs, was indessen nichts mehr änderte. Cambronne blieb der General der Garde, die eher stirbt als sich ergibt. t * Der folgende Beitrag ist in der einzigartigen Atmosphäre des Institute for Advanced Study in Princeton entstanden. Zumal den Kollegen Steven E. Aschheim (sonst Jerusalem) und Klaus Schreiner (sonst Bielefeld) bin ich für Diskussion und die Durchsicht einer frühen Fassung des Textes zu lebhaftem Dank verpflichtet. ~ Fern der eigenen Bibliothek war mir von großer Hilfe: Woifgang J. Mommsen, Die Sprache des Historikers, in: HZ 238, 1984, 57-81. - Erstveröffentlichung des Vortrages: HZ 263, H. 2, 1996, 291-316. 1 Vgl. zu Leben und Nachleben Cambronnes Herve Le Boterf, Le brave general Cambronne. Paris 1984, bes. 180-217,325-334 mit den Belegen. Zur Ausbreitung der Legende vgl. auch: Nouvelle Biographie Generale. Sous la direction de M. Le Dr f1oeler. Tom. 8. Paris 1855, 312 (dort wird der berühmte Ausspruch, dessen Urheberschaft C. bestritten habe, einem anonymen Major der Garde zugesprochen); weiter: Neues Konversations~Le­ xikon, ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. Hrsg. v. Hermann J. Meyer. Bd. 4. Hildburghausen 1876,330 (der Spruch stamme von dem Obristen Michael Maret); in der näch-

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Die Anekdote mag wenig über Napoleons Untergang verraten, als Gegenstand der Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung ist sie lehrreich genug, Der Held von Waterloo hat jene Worte, die ihn unsterblich machten, tatsächlich niemals gerufen, Die Wissenschaft hat es klar gezeigt, sein Selbstzeugnis ist unerschütterbar. Der berühmte Spruch wurde von Journalisten erfunden. Die Forschung aber, aufklärerisch, entmythologisierend, der Wahrheit auf den Fersen, mündete in ein einziges, unzitierbares, noch dazu vulgäres Wort. Sie machte aus dem Helden einen gewöhnlichen Soldaten, nahm dem Augenblick seine Einmaligkeit und dem Menschen seine Größe. Ist das die wahre Geschichte? Oder trifft die literarische Transformation das vergangene Geschehen bis in die Hintergründe militärischer Entscheidungen hinein genauer als alle kritische Forschung und Quellenanalyse? Vernehmbarer als Wissenschaft ist sie allemaJ.2 Sollte sie auch angemessener sein? Jener Schuß Phantasie, der aus dem Unaussprechlichen die Garde machte, die eher fällt als sich ergibt? Historiker (ich meine, wenn ich von ihnen spreche, grundsätzlich auch die Historikerinnen) beginnen eine Untersuchung üblicherweise bei ihren Quellen. 3 Das hat seine Berechtigung. Auch Cambronnes anrüchige Wendung darf nicht einfach beiseite gewischt werden. Denn Historiker

erhoffen dort, bei den Quellen, Wabrheit zu finden - zumindest in dem Sinne, daß ihre Aussagen tatsächlichem Geschehen entsprechen und weder pure Fiktion noch substanzlose Theorie sind. Wie aber dürfen sie das? Analytische Philosophen streiten über den Wahrheitsgehalt wahrer Aussagen; Einigkeit haben sie nicht erzielt, historische Quellen von ihren Zweifeln auch nicht ausgenommen.4 Mit ihnen ist zudem stets die Frage aufgeworfen, wie, woran, mit welcher Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit sich menschliche Individuen und Gemeinschaften (mithin unsere Quellen) erinnern. Die Vergangenheit gewiß zu erkennen, scheint jedenfalls nicht selbstverständlich zu sein, auch wenn beispielsweise der Umstand, daß Sie, meine Damen und Herren, aufgrund einer Einladung, eines zurückliegenden, aber schriftlich festgehaltenen Sprachaktes, der bei Ihnen allen dieselbe Wirkung hervorrief, nicht etwa aufgrund zwangsweiser Vorführung heute hier erschienen sind, mich vermuten läßt, daß die Quellen und Aussagen der Historiker soziale und andere Wirklichkeit repräsentieren können. 5 Doch wann trifft es zu? Wie kommen solche Aussagen zustande? Und wie sehen sie aus? Wie kann der Historiker sie also erkennen und von anderen Aussageu, etwa bloß fiktiven, unterscheiden? "Quelle" ist, darüber darf sich niemand einer Illusion hingeben, eine in die Irre führende Metapher. Sie assoziiert sprudelndes Leben, Unmittelbarkeit, Ursprung reinen Wissens, lautere Wahrheit. Die Texte, Gegenstände oder Sachverhalte aber, die mit diesem Namen belegt werden, fübren von sich aus keinerlei Erkenntnis mit sich, keine Wahrheit, kein Leben, so daß Geschichte aus ihnen quölle wie frisches Wasser aus dem Boden. Sie sind nichts weiter als beschriebener Schreibstoff, Tonscherbe, Sprachgebilde, Tradition, eine Sammlung von Fakten oder - als erzählender Text - isoliertes und statisch erscheinendes Erinnerungsbild. Hunderte von Historikern haben sich mit ihnen befaßt, jedes überlieferte Wort zumal der Antike oder des Mittelalters Hunderte von Malen gelesen, umgedreht, ausgepreßt. So traktiert, müßten diese "Quellen" längst erschöpft sein, ausgetrocknet, leer. Warum sind sie es nicht? Die Antwort ist einfach: Weil Historiker sie immer wieder mit ihren Fragen wie

sten Ausgabe dieser Enzyklopädie las es sich anders: C. habe die Worte "La garde" etc. ("ohne Zweifel patriotische Gesinnung") nicht gesprochen; "Ebenso wird die Zurückweisung der Übergabe durch das Wort ,Merde!' (Seh ... e) nicht C., sondern dem General Miehet zugeschrieben, der gleich darauf einer feindlichen Kugel erlag." (Meyers Großes Konversationslexikon. Bd. 3. 6. Auft. LeipzigfWien 1906,716.) Vgl. Georg Büchmann, Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes, bearbeitet und bis zur Gegenwart ergänzt von Walter Heichen. Berlin 1915, 476f. (mit weiterer Lit.). Daß die Legendenbildung noch immer nicht abgeschlossen ist, zeigt die Napoleon-Biographie von Al'ber! S. Manfred, Napoleon Bonaparte. Berlin 1981 (zuerst Moskau 1973),643; sie zieht die beiden oben im Text zitierten Antworten zu einem einzigen anonymen Satz zusammen. Zusammenfassend zur Person auch: Jacques Garnier, Cambronne, in: Dictionnaire Napoleon. Sous la direction de Jean Tulard. Paris 1987, 337; A(fred Fierro/Andre Paliuel-Guillard/Jean Tulard, Histoire et dictionnaire du cansulat et de l'Empire. Paris 1995, 582f.; vgl. auch Wolfram von den Steinen, Kitsch und Wahrheit in der Geschichte, in: Die Welt als Geschichte 12, 1952, 149~166. Cambronne starb 1842. 2 Zu erinnern ist hier nur an den Erfolg von Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit. 5 Bde. Leipzig 1866; oder an die historischen Romane Arnold Zweigs; aus neuerer Zeit ließe sich erinnern an Barbara W. Tuchman, A Distant Mirror. The Calamitous 14th Century. 2 Aufl. New York 1989; vgl. dies., Practicing History. Selected Essays. New York 1981. Ein wenig anders ging Lion Feuchtwanger vor, vgl. ders., Das Haus der Desdemona oder Größe und Grenzen der historischen Dichtung. MünchenIWien 1984 (nachgelassene, fragmentarische Reflexionen über den Geschichtsroman). 3 Noch immer lesenswert: Edward Hallet! earr; Was ist Geschichte? Stuttgart 1963 (zuerst eng!. 1961), 7~30: "Der Historiker und seine Fakten".

Die jüngste mir bekannte Erörterung: lohn R. Searle, The Construction of Soda1 Reality. New York 1995. Doch gerade Sear1es Korrespondenztheorie ist umstritten, worauf hier nicht einzugehen ist. 5 Ich sehe in Korrespondenz keine Abbildung oder Reproduktion von Wirklichkeit, sondern deren gedankliche oder sprachliche Vergegenwärtigung. Eine solche ist bestenfalls aspekthaft, nie umfassend und immer relativ zu dem Zeichen- und Aussagesystem, dessen ich mich bediene. 4

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mit Wasser füllen und auf diese Weise zum Sprudeln bringen. Oder genauer: Weil es keine Quellen, sondern bloße Artefakte (und damit handgreifliche Gegenwart), Hinterlassenschaften menschlicher Schöpferkraft, sind, tote Dinge, die Wert und erneuertes Leben erst gewinnen, wenn ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird, und in der Weise sowie dem Maße, in denen es geschieht. 6 Wenn etwas tatsächlich sprudelt, dann dieses fragende Interesse, das jene Hinterlassenschaften umspült, freilegt, zusammenführt, zu etwas macht, zum Sprechen bringt und ihnen Sinn verleiht; das mit ihnen ZU bauen beginnt wie Kinder mit Bauklötzen oder Ingenieure mit Werkstoffen. Nun denn, setzen Sie fünf Kinder vor die nämlichen Klötze, sie errichten Ihnen fünf verschiedene Türme. Welcher aber wäre der wahre? Die Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein. Sie korrespondieren mit der Unendlichkeit möglicher Perspektiven und dem Reichtum menschlicher Geschichte, der grundsätzlich alles vereint, was Menschen je erfahren, erlitten, erkannt, getan oder bewirkt haben, von den ältesten faßbaren Spuren aufrecht auf zwei Beinen schreitender Wesen bis zu den elektronischen Wundern heutiger Tage, von den sozialen Vorstellungen sibirischer Tundrajäger bis hin zur verkabelten Gesellschaft, das ganze Kontinuum des Geschehenen. Geschichte ist das gespeicherte Gedächtnis der gesamten Weltkultur; das Archiv jeglichen Wissens, Könnens und Verhaltens der Menschheit; das Lehrbuch aller Wirkungen. Auch modernste Chemie, Biologie, Astrophysik hängen, Marionetten gleich, an den Fäden überkommener Denktraditionen. Nur aus der Konfrontation dieser Geschichte mit seiner Gegenwart lernt der Mensch. Fürs erste freilich sieht er nur Artefakte, Splitter, eine strukturlose Menge isolierter, chaotisch anmutender Dinge. Allenfalls die eigene Erinnerung und Lebenserfahrung liefern ihm unmittelbar einige wenige Zusammenhänge, genügend, um sich durchzuwursteln, zu wenig, um auf Dauer zu bestehen. Zum Lernen aber bedarf es der Orientierung. Dieselbe muß sich auf Fixpunkte beziehen und Perspektiven einschlagen. Sie unterliegt damit notgedrungen hypothetischen Schlüssen, die bestenfalls Plausibilität, kaum Gewißheit vermitteln. Hier hat, wer immer für die Geschichte zuständig ist, seine Aufgabe. Er sichtet, gewichtet und strukturiert jene Splittermengen vergangenen Daseins für die Gegenwart und - nur für 6 Ich benutze den Artefakt-Begriff der Einfachheit und der zuspitzenden Verdeutlichung halber hier in einem weiteren Sinn, nicht nur zur Bezeichnung von Gegenständen wie Steinbeilen und dergleichen, sondern auch zur Bezeichnung sprachlicher Phänomene, sozialer Konstellationen oder von Vergangenheits bildern, die nicht unsere eigenen oder die unserer Zeitgenossen sind.

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sie; denn die Vergangenheit ist vergangen. Geschichte aber lebt; sie ist, so merkwürdig es klingt, als Auseinandersetzung mit ihren Hinterlassenschaften immer Gegenwart und kann nichts anderes sein. Jede Orientierung im Heute ist zugleich Einblick in sie, jede Hinwendung zu ihr erfolgt aus den Bedürfnissen der Gegenwart.? Der Zusammenhang wird deutlich, sobald der Historiker sich an die Arbeit begibt, sich über den Schreibtisch beugt, in den Sessel lehnt, den Blick in die Vergangenheit richtet und zu erzählen anhebt: "Es war einmal ... " Die Einleitung kann er variieren, doch das Medium, dem er sich anvertraut, bleibt sich gleich: Sprache,s Kein Historiker vermag historische Wahrheit pur zu schauen, auch nicht die kleinsten Teilchen derselben. Was ihm von der Vergangenheit zufließt, wie er mit ihr umgeht, die Urteile, die er fällt, die Folgerungen, die er zieht, die Konstrukte, die er präsentiert: alles ist nur als Sprachgebilde faßbar. Geschichte mag Totenbeschwörung, auf Wiederholung angelegtes Ritual, Memoria oder kritische Wissenschaft sein, sie ist zuallererst abstrahierende Sprache und existiert auf keine andere WeiseY Vergegenwärtigte Vergangenheit ist stets ein linguistisches Phänomen. Rituale oder Bildsymbole, soweit sie nicht "sprechend" sind, bedürfen der Explikation, um verstanden zu werden; auch die aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichenden Traditionen, Institutionen und Daten mtissen verbalisiert und erläutert, "textualisiert" werden lO , um als Vermittler von Geschichte dienen und begriffen werden zu können, andernfalls offenbaren sie ausschließlich Gegenwart 11; und selbst dingliche Überreste sind dem Historiker nur 7 Reinhart Kosefleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. 3. Auft. Frankfurt am Main 1992. 8 Karl-Georg Faber, Theorie der Geschichtswissenschaft. 2. Auft. München 1972, 147~ 164; VoLker Sellin, Einführung in die Geschichtswissenschaft. GöUingen 1995, 125~139. 9 Das wird selbst in Ausführungen zur Erkenntnistheorie der Geschichtswissenschaft nicht immer bedacht. Wie sonst könnte es dort wiederholt heißen, die Wissenschaft könne "Epo~ ehen, Ereignisse oder Gestalten" interpretieren? Interpretieren lassen sich nur Texte, und nur "textualisierte" Epochen, Ereignisse oder Gestalten erschließen sich Interpretationen. Als einschlägiges Beispiel aus jüngster Zeit zitiere ich: Huber! Kiesewetter, Geschichtswissenschaft und Erkenntnistheorie, in: ZfG 43, 1995, 581-613, hier z. B. 587 f. - Zur Metapher von der "Lesbarkeit der Welt" vgl. Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt. 3. Auft. Frankfurt am Main 1993. 10 Dietrich Harth, Die Geschichte ist ein Text. Versuch über die Metamorphosen des historischen Diskurses, in: Reinhart KosellecklHeinrich LutzJJörn Rüsen (Hrsg,), Formen der Geschichtsschreibung. (Beiträge zur Historik, 4.) München 1982,452-479. 11 Das ließ Kiesewetter, Geschichtswissenschaft (wie Anm. 9), 592f., unbeachtet. Selbst für einen Professor der Geschichte ist ein institutioneller "Überrest", beispielsweise seine Universität, pure Gegenwart, deren Vergangenheit vergangen und nur faßbar ist, weil ihre vergangene Zukunft ihr den vergegenwärtigenden Sprecher bescherte, den Geschichtspro~

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verbalisiert, als "Beschreibung", von Nutzen. Die unmittelbare Anschauung, so hilfreich sie zUr Kontrolle derartiger Verbalisierungen auch

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oder Gewordenes von reiner Fiktion; aber frei von solcher, so wurde er-

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kannt, ist auch die "Konstituierung historischer Tatsachen" nicht. 16 Und ohne eine wenigstens partielle Korrespondenz zwischen dem Zeichensystem Sprache und dem bezeichneten System Wirklichkeit gäbe es keine Geschichtswissenschaft. Historische Erfahrung selbst ist (weil stets von Subjekten erfahren, konzipiert und expliziert) durch außerempirische, fiktionale Elemente mit bedingt. Der notwendige Gebrauch der Sprache aber führt den Historiker - in die Gefilde der Phantasie, verlangt nämlich die Befahigung, Abwesendes sich gedanklich vor Augen zu führen, somit zu vergegenwärtigen, erinnernd mit Drittem zu verknüpfen, in ein Raum-Zeit-System, in ein soziales Beziehungsgeflecht und in ein Begriffs schema einzupassen, es zu versprachlichen und anderen mitzuteilen. 17 Das ist nicht unproblematisch. Nichts bleibt, zur ritualisierten, erinnerten, verbalisierten Historie geronnen, sich gleich. Alles wird wenigstens zweifach verfremdet und verformbar: durch die vor Augen stellende Phantasie und durch die sprachliche Existenz, die Geschichte führen muß. Vorstellung segmentiert und differenziert, isoliert einzelnes aus dem unendlichen Kontinuum des Geschehenen; Explikation setzt Anfang und Ende, konstruiert eine Verlaufskonsistenz und nötigt zu perspektivischem Sehen. Derartige Verfremdung wiederholt sich zudem bei jedem weiteren Erinnerungs- und Verbalisierungsvorgang, von Subjekt zu Subjekt. Alles Geschehen ist mehrdeutig, weil vielseitig und nicht nur einem Deutungssystem zugänglich, und die Sprache, die ihm entsprechen soll, ist es, weil benutzerbedingt, nicht minder. Reine Sachdarstellung, purer Tatsachenbericht sind schlechthin unmöglich. Wortwahl, Aussagemuster, Metaphern oder rhetorische Figuren, ohne die keine Aussage auskommt, die somit auch die historischen Quellen konstituieren, sorgen - phantasieabhängig, wie sie sind - für eine erhebliche Unschärfe. Schlimmer noch: Als phantasiebedingtes, vieldeutiges Sprach-

14 Eckhard Kessler, Das rhetorische Modell der Historiographie, in: KosellecklLutz/Rüsen (Hrsg.), Formen der Geschichtsschreibung (wie Anm. IO), 37-85. 15 Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Eurapa. Frankfurt am Main ] 994 (zuerst amerik. 1973); ders., Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. 2. Auf!. Stuttgart 1991 (zuerst amerik. 1978); ders., Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main 1990 (zuerst amerik. 1987). - Bei aller Kritik an White, auf die hier nicht einzugehen ist (vgl. dazu auch unten Anm. 29), und unabhängig von der Frage, ob White hat zeigen können, was er zeigen wollte, halte ich an der von ihm neuerlich ins Bewußtsein gerufenen Abhängigkeit des Vergangenheitswissens und der historischen Erkenntnis von den zum Einsatz gebrachten sprachlichen und literarischen Mitteln fest. Zur Kritik vgl. Dtto Gerhard Oexle, Sehnsucht nach Klio. Hayden Whites ,Metahistory' - und wie man darüber hinwegkommt, in: Rechtshistorisches Joum. 11, 1992, 1-18.

16 Hans Robert Jauss, Der Gebrauch der Fiktion in Formen der Anschauung und Darstellung der Geschichte, in: KosellecklLutz/Rüsen, Formen der Geschichtsschreibung (wie Anm. 10), 415--451, hier 416; vgL dazu U/rich Muhlack, Theorie oder Praxis der Geschichtsschreibung, in: ebd. 607-620, hier 619f.; Mommsen, Die Sprache des Historikers (wie Anm. *), 67 f. 17 Vgl. z. B. Alfred Heuss, Verlust der Geschichte. Göttingen 1959, 11: "Ohne Phantasie gibt es keine Geschichte. Wir sind immer auf die Hilfe plastischer Vorstellungskraft angewiesen, und auch die am wissenschaftlichsten betriebene Geschichte kann nicht bestreiten, daß in ihrer Nähe die Dichter stehen." Oder ebd. 12: "Geschichte ist phantasiegenährte Vorstellung, aber als Geschichte ist sie zugleich wahre Vorstellung." Jetzt auch in: ders., Gesammelte Schriften. Bd. 3. Stuttgart 1995, 2158-2223, zit. 2165 u. 2166.

sein mag, verrät nichts über die Vergangenheit. Sprache aber unterwirft die vergegenwärtigte Vergangenheit ihren eigenen Bedingungen und Strukturen, den ihr stets immanenten, doch stets auch fließenden Urteilen,12 Sie gliedert sie, paßt sie in ihre Aussagemuster ein, stiftet Ordnung durch Organisation des Textes 13 , zeichnet Perspektiven vor, ist Topik, Rhetorik 14 und Literatur I5, gleichgültig, ob sie Rituale, persönliche oder zur Institution geronnene Erinnerungen, Geschichtsschreibung oder Forschung expliziert, ob sie sich deskriptiv, analytisch, narrativ oder didaktisch gibt. Die Sprache offeriert im Falle der Geschichte ihre Mittel, um mit vergangener Realität zu korrespondieren. Allein diese Intention unterscheidet Aussagen über Geschehenes fessor von heute. So bleibt die "Antinomie der Geschichte" (R. Koselleck), die Kiesewetter zu entkräften gedachte. 12 Das weite Feld der Verschriftlichung mündlicher Erinnerung und Traditionen kann hier aus Zeit- und Raumgründen nicht betreten werden, obwohl auch von ihm erhebliche Veränderungsschübe ausgehen; vgl. die für den Mediävisten wegweisenden Studien von Brian Stock, The Implications of Literacy. Written Language and Models of Interpretation in the Eleventh and Twelfth Centuries. Princeton, NJ. 1983; M. T. Clanchy, From Memory to Written Record: England 1066-1307. 2. Auf!. Oxford 1993; von einer anderen Seite aus: Michael Richter, The Formation of the Medieval West. Studies in the Oral Culture of the Barbarians. New York 1994; wieder anders: Martin lrvine, The Making ofTextual Culture: ,Grammatica' and Literary Theory 350-1100. Cambridge 1994. Allgemein: Patrick H. Hutton, History as an Art ofMemory. Hannover/London 1993. 13 Etwa durch Benutzung von Tropen, d. h. "die verschiedenen Weisen, wie Beziehungen zwischen den Bewußtseinsinhalten hergestellt werden können, und zwar so, daß daraus ein Text entsteht". Vgl. - in Auseinandersetzung mit Hayden White -lrmgard Wagner, Geschichte als Text. Zur Tropologie Hayden Whites, in: Wolfgang Küttler/Jörn RüsenlErnst Schulin (Hrsg.), Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte. (Geschichtsdiskurs, 1.) Frankfurt am Main 1993,212-232, Zit. 214; Hans-Jürgen Lüsebrink, Tropologie, Narrativik, Diskurssemantik. Hayden White aus literaturwissenschaftlicher Sicht, in:

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Wissenschaji und Phantasie· Das Bei,')piel der Geschichte

Johannes Fried

gebilde ist Geschichte widersprüchlichem Verstehen ausgeliefert, diskursabhängig, interpretierbar, durch Scheinobjektivität manipulierbar, geradezu verfälschbar, auch als "Lüge" diffamierbar. So käme alles auf die Sprache an, Wie also ist, was geschah, was voll lebendigen, unendlich beziehungsreichen Lebens war und was, vergangen, nur Artefakte hinterläßt, in dieses stets abstrahierende, stets verformende und devitalisierende Medium zu überführen, so daß es der Intention des Historikers, Korrespondenz zu vergangener Wirklichkeit zu erzielen, entspricht und die Menschen von heute erreicht? Das ist ein altes Problem, Bereits der hl. Beda, um nur diesen mittelalterlichen Autor zu zitieren, hat es im Prolog seiner Prosa-Vita des hl. Cuthbert angesprochen: "Ich wollte", so schrieb der Verehrungswürdige, "alle Doppeldeutigkeit meiden und eine klare Untersuchung der Wahrheit in leicht faßlicher Sprache schreiben," Beda befragte Cuthberts Gefährten und sicherte durch seine eigene Heiligkeit den Erfolg. 18 Wie aber vermittelt der heutige Historiograph, aufgeklärt, glaubensschwach und unheilig, leicht faßliche, eindeutige Wahrheit? Die modernen Sozialwissenschaften peinigt diese Frage; ihre Sprache wird immer diffiziler. Worauf dürfte dieselbe sich auch verlassen? Sollte der Mediävist etwa in die Idiome seiner Quellen schlüpfen, reden wie ein alter Angelsachse, ein karolingischer Franke, ein im Latein geschulter Mönch? Der FrankreichHistoriker nur französisch, der China-Experte nur chinesisch schreiben? Sollte der Historiker der frühen Neuzeit sich in den schwülstigen Stil des Barock flüchten? Der Zeithistoriker das Wörterbuch des Unmenschen gebrauchen? Man würde ihn mißverstehen. Sollte er sich der Tradition ergeben, die Sprache der Meister imitieren, eines Thukydides oder Augustin, eines Jules Michelet oder Leopold von Ranke? Sie alle haben dazu beigetragen, Frage- und Aussagemuster zu entwerfen, welche die Alltagssprache des Erinnerns durchlässig für Geschichtsschreibung machten und denen dieselbe für immer verpflichtet ist. Doch auch als Traditionalist und bloßer Epigone käme unser Historiker allenfalls so weit wie seine Vorbilder und ins Straucheln, sobald er eigenständig zu forschen begänne. Vollends verkehrt wäre es, sich der faktizistischen Regestensprache zu befleißigen, der Sprache der Protokolle.! 9 Gerade sie trügt am meisten, weil sie Realität suggeriert, ohne die Fesseln artifiziel18 Beda, Liber de Vita et miraculis S. Cuthberti Lindisfarnensis episcopi, prol., ed.: Two Lives of Saint Cuthbert. A Life by an Anonymous Monk ofLindisfarne and Bede's Prase Life. Texts, Translations and Notes by Bertram Colgrave. Cambridge 1985, 142-146. 19 Um Mißverständnisse auszuschließen: Dies ist kein Plädoyer gegen Regesten. Sie haben an ihrem Platz ihre Berechtigung.

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ler Abstraktion zu sprengen und der Wirklichkeit näher zu kommen. So bliebe die Sprache des Publikums, der sich der Historiker bedienen müßte, um wenigstens verstanden zu werden? Die Sprache der Berufskollegen beispielsweise für die Karriere, die des Entertainments für den materiellen Erfolg? Aber derartige Zielgruppensprache trennt am tiefsten von jeder Vergangenheit. Dem aufgewiesenen Dilemma entkommt der Historiker nur, indem er sich seiner eigenen Sprache bedient. Er hat sie sich eigens zu schaffen. Vergegenwärtigte Vergangenheit also auch hier. Mag diese Sprache das Althochdeutsche ebenso spiegeln wie die klassischen Muster der Historiographie oder den Diskurskontext seiner eigenen Tage, sie geht stets neue und ungewohnte Wege und rückt dadurch dem Gegenstand am nächsten. Das ist wunderlich genug. Die Erforschung der Vergangenheit läßt den Historiker im Maße seines Erkennens nach Worten tasten, auf Satzstelzen durch den Morast des Unbekannten stapfen. Er wird sich dazu der Hilfe seiner Vorgänger vergewissern; doch jeder handhabt sein sprachliches Werkzeug anders als diese, und sei es nur ein wenig. Endlose Übersetzungsprozesse sind die unausweichliche Folge, keineswegs nur aus dem Lateinischen oder Englischen, vielmehr auch aus "deiner" Sprache in "meine" Sprache, aus dem Deutschen ins Deutsche. Jeder entwickelt seinen nur ihm eigenen Stil. Forscherinnen mögen eine andere Haltung einnehmen als ihre männlichen Koliegen 20, Chinesen eine andere als Europäer21 Die Talente sind ungleich verteilt; es gibt Historiker, die zu erzählen verstehen, andere, die vorwiegend Anmerkungen22 zu Papier bringen. Eine verbindliche Darstellungsweise kann es nicht geben, solange Geschichte an Sprache gebunden und immer neu zu erzählen, in Worte zu bringen ist, um Lehrmeisterin gegenwärtigen Lebens zu sein. Fiktion oder schamlose Lüge können durch eine sich ganz sachlich gebende Protokollsprache eingeschleust werden, der poetischste Zweizeiler vermag wirklicher Wirklichkeit zu entsprechen. Das ist das Paradox der Geschichte: Der Historiker, der forscht, wird zum sprachlichen Schöpfer der Welten, die er erforscht. Wo ist dann Wahrheit? Vgl. z.B. die Überlegungen von HertaNagl-Docekal, Für eine geschlechterspezifische Perspektivierung der I-listoriographiegeschichte, in: Küttler/Rüsen/Schulin (I-Irsg.), Grundlagen (wie Anm. 13),233-256. 21 Chang-tse Hu, Modernität der Historie in China und historische Identitätskrise, in: Kültler/Rüsen/Schulin (I-Irsg.), Grundlagen (wie Anm. 13),85-93. 22 Eine humorvolle Verteidigung der Anmerkung: Anthony Grafton, Die tragiSChen Ursprünge der deutschen Fußnote. Berlin 1995.

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Was aber von der Sprache gilt, gilt in noch weit höherem Maße von der gedanklichen Konzeption vergangenen Geschehens, den Gedächtniskünsten, Sozialtheorien, Erklärungsmodellen und ihrer Kritik, die alle zusammen historischer Erinnerung Gestalt verleihen und Geschichte hervortreten lassen. 23 Was diese zu bieten haben, schulden sie abermals, bevor irgendeine weitere Fähigkeit wirksam wird, jener Vorstellungskraft, die körperlich Abwesendes ins Bewußtsein ruft, vor Augen stellt, erinnern oder träumen läßt, und die seit Aristoteles Phantasie, seit dem Mittelalter auch Imagination heißt. 24 Arabische, jüdische und in ihrem Gefolge christlich-scholastische Exegeten des Stagiriten rechneten sie gemeinsam mit Zeitsinn, analytischem Denken und Gedächtnis zu den inneren Sinnen, die einander wechselseitig bedürfen und auf einander wirken. 25 Schon daraus erhellt, wie unmittelbar Phantasie mit jeglicher Orientierung in der Vergangenheit verbunden ist. Kein Einblick wird dem Sehen allein verdankt. Phantasie läßt die Gedanken und Blicke schweifen, hier und dort graben und stöbern, flieht auch Bereiche. Sie ruft Werte und Maßstäbe auf, gießt das Wissen in Sprache, so daß es abfragbar wird; sie entwirft Ordnungsmuster, läßt assoziieren, schlägt Urteile vor und baut Brücken, wo evidente Zusammenhänge fehlen. Phantasie weckt und nährt Zweifel, empfiehlt Kontrollverfahren oder konfrontiert das Eta-

blierte mit dem ganz Anderen, an dem es sich messen lassen muß.26 Sie erkennt darüber hinaus in jedem Werk, das Spuren hinterlassen hat, ihresgleichen: phantasiegenährte menschliche Schöpferkraft, die zu vergegenwärtigen dem Historiker obliegt. Die Weltgeschichte erscheint als ein endloses Netz phantasiediktierter Leistungen. Die Geschichte der Einbildungskraft freilich bleibt noch zu schreiben. 27 Ich kenne auch keine anthropologische Theorie der praktischen Phantasie. Gleichwohl haben wir es mit einer Konstanten von geschichtsbiIdender Mächtigkeit zu tun, der bereits antike Philosophen im wesentlichen zwei ambivalente Wirkweisen attestierten: Imagination und Illusion, konstruktiv die eine, destruktiv die andere. Geschlecht, Erziehung, Bildung, Religion, Weltanschauung, persönliche Erfahrung, politische oder soziale Stellung, der ganze Traditionszusammenhang, in dem sie wirksam werden, sind heider Nährboden. Wenden wir uns zunächst der konstruktiven Einbildungskraft zu. Sie gilt als Domäne der Künstler, der Dichter, Maler oder Komponisten. Dieselben erfinden, ersinnen, erschaffen, was sie produzieren. Vorn forschenden Wissenschaftler wird gewöhnlich anderes erwartet. Er soll be-

Vgl. Frances Amelia Yates, The Art of Memory. 2. Auft. Chicago 1991. - Zur Übersicht über postmoderne Geschichtskonzeption und zur Auseinandersetzung mit ihr vgL Buttun, History (wie Anm. 12), bes. 1-26; zur Situation in der deutschen Mediävistik vgl. Michael Borgolte, Mittelalterforschung und Postmoderne. Aspekte einer Herausforderung, in: ZfG 23

43,1995,615-627. 24 Vgl. z.B. Jean-Claude Foussard, Apparence et apparition. La notion de "phantasia" chez leaD Seat, in: leaD Seat Erigene et l'histoire de la philosophie. (Colloques internationaux du Centre national de Ia recherche scientifique, 561.) Paris 1977,337-348; Isaac de Stella, Epistola de anima, MPL 194. Paris 1855, Sp. 1880-1 oder bes. Sp. 1888 B; oder: Johannis Salisberiensis Metalogicon IV, 10ff. Ed. J. B. Hall. (Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis, 98.) Turnhout 1991, 148-150. Zur Übersicht vgl. G. Camassa/E. Evrard/L. Benakis/M. R. Pagnoni-Sturlese, Art. "Phantasia", in: Joachim Ritter/Karlfried Gründler (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 7. Darmstadt 1989, Sp. 516-535. Zu Aristoteles habe ich herangezogen: K. Lycos, Aristotle and Plato on "Appearing", in: Mind NS. 73, 1964,496-514; Charles H. Kahn, Sensation and Consciousness in Aristotle's Psycho10gy, in: Jonathan Barnes/Malcolm Schoffield/Richard Sorabji (Eds.), Articles on Aristotle. Vol. 4: Psychology and Aesthetics. London 1979, 1-31. Die umfassendste Bestandsaufnahme zur Begriffsgeschichte findet sich bislang in: M. Fattori/M. Bianchi (Eds.), Phantasia-Imaginatio. V Colloquio Internazionale dellessico intellettuale europeo. Rom 1986. 25 Harry Au~·tryn WOif:WIl, The Internal Senses in Latin, Arabic, and Hebrew Philosophie Texts, in: Harvard Theological Rev. 28, 1935,69-133.

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26 Während die bis J 977 maßgebliche Ausgabe der Historik von Droysen die Phantasie mehr oder weniger unberücksichtigt läßt (Johallil Gustav Droysen, Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. Hrsg. v. Rudolf Hübner. 7. Auft. München/Wien 1974), hat die Ausgabe von Peter Leyh diesen Eindruck korrigieren können. Hier wird deutlich, daß Droysen Phantasie mit freischöpferischer Phantasie, ja "Willkür" gleiChsetzt, damit negativ konnotiert und fragend meint, daß man sich mit ihr "aus dem Bereich der Forschung und der wissenschaftlichen Gewißheit entfernt" (Johann Gustav Droysen, Historik. Hrsg. v. Peter Leyh. Stuttgart-Bad Cannstatt 1977, 166f.) Auch wenn Droysen hier mit einem anderen als dem oben skizzierten Phantasiebegriff ganz ähnliche Fragen diskutiert, scheint mir doch die notwendige Beteiligung der schöpferischen Phantasie bei eben jeder Art von Wirklichkeitsauffassung unterschätzt zu werden. Natürlich ist es legitim, wenn man wie Droysen an einer Unterscheidung von mentalem Konzept und freier Phantasie festhält, wenn man nur die Verbindungen und Gemeinsamkeiten beider Begriffe nicht unterschlägt. - Einige Hinweise zur Phantasie bei: Ernst Bernheim, Lehrbuch der Historischen Methode und der Geschichtsphilosophie. Bd. 1. 5./6. Auft. Leipzig 1914,625-633 (626: "die reproduktive Tätigkeit des Forschers" unterscheide sich von der "undisziplinierten Reproduktion des Laien" durch die Maxime: "so rein wie möglich reproduzieren", durch "Genauigkeit der Reproduktion"); oder bei Geojfrey Rudolph Eltun, The Practice ofHistory. New York 1967, 83-87. 27 Vgl. oben Anm. 24. Ferner: Mlirray Wright Blindy, The Theory ofImagination in Classical and Mediaeval Thought. (University of Illinois Studies in Language and Literature, Val. 12.) Urbana, IIl. 1927 (ersch. 1928); Heuss, Verlust der Geschichte (wie Anm. 17); Peter Browll, Die Gesellschaft und das Übernatürliche. Vier Studien zum frühen Christentum. (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, 40.) Berlin 1993, 7-20 (Wissenschaft und PhantaSie) (zuerst eng!.: Society and thc Holy in Late Antiquity, 1982); Giorta M. Rispoli, L'artista sapiente. Per una storia dena fantasia. Neapel 1985.

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trachten, was ist, soll "die Dinge, die sind, so wie sie sind", erfassen, wie einer der großen Verhaltensforscher formulierte, Kaiser Friedrich II., der im Jahre 1250 starb. 2s Für Phantasie scheint kein Spielraum zu sein. Doch machen wir uns nichts vor! Keine Tatsache schiebt sich "so, wie sie ist", in unser Bewußtsein. Jede verlangt nach mehr oder weniger komplizierten Erkenntnisweisen, jedes Wahrnehmen und Wissen erfordert ein fortgesetztes gedankliches Vor-Augen-Stellen, eine Serie von Abstraktionsprozessen, Versprachlichungen und ideellen Verbindungslinien zwischen körperlich nicht gegenwärtigen Gegenständen. Die Dinge zu sehen, "wie die Dinge sind", setzt unendliche Phantasie voraus, soweit es überhaupt möglich ist, was, wie gesagt, umstritten ist. Nachdenklich kann das Eingeständnis eines großen Virtuosen stimmen (sein Name ist mir entfallen. Ma, se non e vero, eben' trovato), der gerne Mathematik studiert hätte, doch aus Mangel an Phantasie Künstler geworden sei. Die strengste aller Wissenschaften - ein Produkt der schöpferischsten aller menschlichen Fähigkeiten? Aber der Historiker? Wendet er sich nicht unverrückbarem, ein für alle Mal abgeschlossenem Geschehen, einer sich ewig gleichen Vergangenheit zu? Muß er nicht ganz in dieselbe eintauchen und Phantasie meiden wie die Pest? Wieder und wieder Quellen lesen und sich damit begnügen, dieselben allenfalls neu zu interpretieren, um zu entdecken, was und wie eS war? Der Historiker soll Finder, nicht Erfinder sein, Finderglück, nicht Erfindungsgabe besitzen; als seine besten Funde haben verschollene Handschriften zu gelten, die, hinter das Regal gefallen, verstaubt und schmutzig, jahrhundertelang ungelesen blieben, unbekannte Urkunden, sensationelle Tagebücher, nicht Ausgeburten privater Phantasie. Theoriediskussion dünkt vielen suspekt, ansonsten entbehrlich. Nur wer nichts zu sagen habe, so ist zu vernehmen, rede über die Methode. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt. Der Historiker, der etwas sagen will, hat sich, bevor es dazu kommt, durch einen Wust theoriegesättigter Hypothesen hindurchzuquälen. Er kann es, weil und indem er sich seiner Theorien und Hypothesen bedient. Jener Spruch läßt sich also wenden: Nur wer nichts zu sagen hat, kaut Quellen wieder, was immer er darunter

verstehen und welche Intention ihn dazu treiben mag. 29 Nichts illustriert die postulierte Phantasiefeindlichkeit der Geschichtswissenschaft besser als jene unverhohlene Verachtung, die Thomas Mann ihr entgegenbrachte und beibehielt, auch als sein eigener Sohn Historiker wurde.3 0 Die "Wirklichkeit" zu zeigen, bleibe, so schrieb er, dem Dichter vorbehalten, jenem zum Beispiel, der die "literarischen Kollegs an der Technischen Hochschule in München recht wohl mitgeschrieben hatte")l Wiederkäuende Historiker als Steigbügelhalter für Literaten? Der Mann hatte keine Ahnung. Lassen wir unseren Historiker nur einen einzigen Tag der Weltgeschichte betrachten, beispielsweise den 6. August 1945, den Tag, an dem die Atombombe fiel. Er könnte ihn im Flugzeughangar der B-29-Bomber, beim Auftanken der "Enola Gay", beim Installieren des "Dings", beim Start um 2.45 Uhr beginnen, ihn mit all der technischen Präzision ablaufen lassen, die um 8.15 Uhr den Tod brachte. Er könnte aber auch an den klaren, hellen Sommermorgen erinnern, an dem hoch oben, im Blau des Himmels, ein einzelnes, harmloses Flugzeug, kaum auszumachen, sich verirrt zu haben schien, den Menschen unten in der Stadt kein Grund, ihre eben begonnenen Geschäfte zu unterbrechen. Und dann - der Tod, plötzlich, tausendfach, unbegreiflich. Derselbe Termin also, doch zwei ganz verschiedene Tage. Schon der Einstieg des Historiographen in sein Thema ändert seinen Gegenstand. Er könnte zweifellos noch eine ganze Reihe weiterer Tage desselben Termins produzieren, ihn etwa mit dem Abend beginnen lassen, im Chaos des vernichteten Lebens, der Leichen, der schreienden, wimmernden, verkrüppelten Leiber; oder mit Harry Trumans entwaffnender Versicherung, der Einsatz der Bombe habe den Krieg verkürzt und Menschen-

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23 Ea que sunt sicut sunt: Friderici Romanorum Imperatoris Secundi De arte venandi cum avibus. Nune primum integrum edidit Carolus Arnoldus Willemsen. Bd. I. Leipzig 1942, 2. Dazu: August Nitschke, Friedrich 11. Ein Ritter des hohen Mittelalters, in: HZ 194, 1962, 1-36; wiederabgedr. in: Gunther Wolf (Hrsg.), Stupor Mundi. Zur Geschichte Friedrichs 11. von Hohenstaufen. (Wege der Forschung, 101.) Darmstadt 1966, 648-691 (danach zitiert), hier 662 ff.

29 V gl. dazu Gerhard RitteI; Geschichte als Bildungsmacht. Ein Beitrag zur historisch-politischen Neubesinnung. Stuttgart 1946, 9: "Wem es nicht als Gabe, als ,Einfall' geschenkt wird, der lernt nicht viel mehr, als im historischen Stoff herumzustochern und sich bestenfalls einige neue Einzelfakten herauszufischen." 30 Vgl. Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934. Hrsg. v. Peter de Mendelssohn. Frankfurt am Main 1977,448 (22. VI. 1934). - VgL weiter die "verwunderliche Wahrheit ... daß die Aufgabe, die ein Historiker sich stellte: zu zeigen, ,wie es in Wirklichkeit gewesen', was wenigstens das innerlichst Menschliche angeht, doch eben dem Dichter vorbehalten bleibt"; ders., Versuch über Schiller. Zum 150. Todestag des Dichters - seinem Andenken in Liebe gewidmet (1955), in: ders., Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie. Bd. 3. (= Werke. Das essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden.l-Irsg. v. Hans Bürgin.) Frankfurt am Main 1968,312-374, hier 339, zit. nach Gerrit Wa/ther, Fernes KampfgetümmeL Zur angeblichen Aktualität von I-Iayden White's ,Metahistory', in: Rechtshistorisches Joum. 11, 1992, 19-40, hier 19. 31 Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland. 3. AufL Frankfurt am Main 1986,210 über Thomas Mann.

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leben geschont. 32 Oder er, unser Historiker, könnte mit dem Lächeln anheben, das Stalins Gesicht überflog, als ihn der Präsident der Vereinigten Staaten über den erfolgreichen Abwurf der Bombe informierte33 : Stalin lächelte, lächelte über Hiroshima" , Geschichte ist Wachs in den Händen des Historikers. Er formt sie, wie er sie will - trotz der Rückkopplung an Quellen und des Einsatzes plausibler Methoden, doch gemäß der Unendlichkeit möglicher Perspektiven, seiner Verwendung der Sprache und seiner Einbindung in den Diskurszusammenhang seiner Gegenwart. Nicht die kleinste Geschichte schreibt sich selbst; kein allwissender und alldenkender Gott leiht ihr die Feder; keine Madame Wahrheit diktiert dem Historiker, was er zu schreiben hat. Es gibt so viele Geschichten wie Darstellungen von der Vergangenheit, und Phantasie heißt ihrer aller Architekt. Nein, die Geschichte ist kein Steigbügelhalter ftir Literaten. Sie verlangt deren Meisterschaft selbst und intendiert weit über diese hinaus die Korrespondenz ihrer Äußerungen mit vergangener Wirklichkeit. 34 Diese Beobachtungen weichen erheblich von der Rolle ab, die der bislang tiefsinnigste Theoretiker historischer Phantasie, Wilhelm von Humboldt, derselben zugewiesen hatte.3 5 Humboldt war ein durch und durch idealistischer Denker. Wirkte, so schrieb er, allein die Phantasie, es wäre "ein zu niedriger Standpunkt". Der Geschichtsschreiber müsse vielmehr nach dem Höchsten, der Wahrheit, trachten, die "alles Wirkliche, als eine nothwendige Kette, bedingt", "und die Ideen, welche ihre Gesetze sind, unverrückbar im Geiste behalten", Ideen, die "aus der Fülle der Begebenheiten selbst hervorgehen", die "im Geist entspringen" und das Wesen der Geschichte selbst ausmachen, "die außer dem Kreise der Endlichkeit liegen, aber die Weltgeschichte in allen ihren Teilen durchwalten

und beherrschen" und sich als Richtung und Krafterzeugung äußern. Phantasie wirkt, noch immer nach Humboldt, als "Verknüpfungsgabe" und zugleich als "Ahndungsvermögen" der ewigen "Pläne der Weltregierung"36, nicht als souveräner Baumeister der Geschichte, der sich der Artefakte der Vergangenheit bedient, um sie nach Plänen zu ordnen, die ihn plausibel dünken. Doch er, der Geschichtsarchitekt, konstruiert frei mit seinen Artefakten, was mehr ist als Ahnung, mehr aber auch als bloße Neuinterpretation des schon Bekannten. Er unterwirft, was er sieht, seinen Perspektiven; selektiert aus den unförmigen Hinterlassenschaften der Vergangenheit, was ihm wichtig erscheint, verleiht jedem Artefakt Sinn und baut es dort ein, wo es ihn recht dünkt; er problematisiert, strukturiert und formt den Stoff, indem er ihn sprachlich faßt. Alles, bis hin zur Kritik und Kontrolle seiner Tätigkeit, geschieht in Abhängigkeit von seiner Einbildungskraft, ahndungslos. Die unter Historikeru so beliebte, oft als entscheidender Einwand vorgebrachte Formel: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß ... " ist tatsächlich eine der aufrichtigsten und desillusionierendsten Wendungen, die einem Geschichtsforscher unterlaufen können. Sie offenbart das ganze Ausgeliefertsein historischer Erkenntnis an Phantasie. 37 Nicht philosophischer Idealismus bestimmt die Arbeit des Geschichtsschreibers und Forschers, sondern phantasiegeleiteter, gegenwartsbedingter, diskursverpflichteter Konstruktivismus, der Korrespondenz zur Wirklichkeit intendiert; wenn man so will: Erfindung. So sind denn viele Historikerschlachten bloße Kämpfe um Einbildungen, an Don Quichottes Seite und mit demselben Ernst ausgetragen, der auch den Ritter von der traurigen Gestalt erfüllt. Die Folgen für eine Wissenschaft; die sich zu ihrem Verfahren bekennt, sind noch kaum abzuschätzen. Sie wird die Geschichte anders lehren als bisher, den Menschen ein wenig näher, bewußter in Verantwortung für schöpferische Phantasie. Zuvor tabuisierte Möglichkeiten werden zulässig. Nehmen wir als Beispiel "das Gastmahl des Karolus Magnus". Sie, meine Damen und Herren, werden es nicht kennen; ich auch nicht. Kein Historiker, der Anspruch auf professionelle Seriosität erhebt, hat bislang gewagt, darüber ein Buch vorzulegen. Doch - warum

32 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Trumans Brief an James L. eute von 1953 in: Wesley Frank CraveniJames Leu eare (Eds.), The Army Air Fürees in Ward War II. Val. 5. Chicago 1953, nach 712 (Faksimile): ebd. 7J5ff. zum 6. August 1945; zum gesamten Komplex zuletzt: Gar Alperovitz, Hiroshima. Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe.

Hamburg 1995. Vgl. David Halloway, Stalin and the Bomb. The Soviet Union and Atomic Energy 1939-1956. New Haven/London 1994, 116f. 34 Ich unterscheide mich mit dieser Position von Heuss, Verlust der Geschichte (wie Anm. 17), 12, wo gesagt wird, daß Geschichte in der Dichtung "eher den feindlichen Bruder" sehe "als den Abkömmling eines gemeinsamen Ahnen". Ich würde, im Bilde bleibend, von "kooperierenden Brüdern" sprechen, die sich ihrer gemeinsamen Eltern sehr wohl bewußt sind. 35 Wilftelm von Humbold!, Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers, in: ders., Werke. I-Irsg. v. Andreas Flimer u. Klaus Giel. Bd. 1: Schriften zur Anthropologie und Geschichte. Dannstadt 1960, 585-606.

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36 Zum "Ahnden" in der Geschi(,;htsphilosophie Rankes und anderer Zeitgenossen, doch ohne Hinweis auf Humboldt, vgI. Michael-loachim Zemlin, Geschichte zwischen Theorie und Theoria. Untersuchungen zur Geschichtsphilosophie Rankes. (Epistemata. Würzburger Wissenschaftliche Schriften, Reihe Philosophie, 35.) Wlirzburg 1988, 355-360. 37 Eines der jüngsten Beispiele: Gerd Althojj; OUo TII. Darmstadt 1996, 142.

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eigentlich nicht? An den Quellen kann es nicht liegen. Einhard, sein Biograph, hielt fest, was Kar! zu speisen pflegte: Geselchtes, Gesottenes und Gebratenes, fetttriefend 38 ; ergrabene Abfallgruben verraten, was auf dem Speisezettel adeliger Herren stand, Fleisch, Fisch, Käse, Brot oder Brei, Bier und Wein. Der Mangel an Tischbesteck läßt rekonstruieren, wie der König aß, mit Löffel, doJchartigem Messer und nackten Fingern, direkt aus dem Topf, von der blanken Tafel ohne Tuch und Serviette. Und das ist nicht alles. Der Hof gefiel sich, wie Anekdoten verraten, in der Schaustellung der Körper, die Seide, Waffen und Gold oder programmatische Schlichtheit, Kutte, Schafspelz und Wolle, schmückten. 39 Gerüche und Töne füllten die Luft. Alle Sinne waren angesprochen. Man lärmte oder schwieg, zelebrierte Herren- und Dienertum. Karls Poeten nannten die Leute bei Namen, die an der Tafel Platz nehmen durften, und besangen in mancherlei Weise, was dort zur Sprache kam, die ernstesten Fragen nach Gott und Welt, klerikale Lehren, fromme Lesungen, derbe Zoten, Hohn- und Spottgedichte über die Großen des Reichs; die agonale Spannung der frühmittelalterlichen Adelsgeschichten konnte sich wie auf der Walstatt entladen. Doch in dem ganzen Getümmel nur eine einzige Frau, die Königin. Sie begrüßte die Gäste, wies ihnen Plätze an oder trank ihnen zu und scheint im übrigen geschwiegen zu haben. Was für ein Frauenbild! Was für eine Gesellschaft! Rituale ordneten ihr Handeln, erläuterten den Zeitgenossen den Zusammenhang des Ganzen und bieten, erkannt, dem Historiker die Chance, ins Zentrum der karolingischen Lebenswelt vorzudringen, dorthin, wo sich alles berührte: Herrschaftsordnung und Geisteswelt, Kirche und Statusgesellschaft, Befriedigung der Lebensbedürfnisse und Verfeinerung des Daseins, Sinne und Seele. Der große Karl wird dabei geschmatzt und geschlürft, gerülpst und gespuckt haben, so wie es die Tischlehren des späten Mittelalters annehmen lassen, die derartiges Benehmen zu kritisieren begannen. Andernfalls hätte es ihm und seinesgleichen nicht geschmeckt, und das wäre schlimm gewesen. Denn Essen war Herrschaft. Grunddaten und Fakten stehen also hinreichend zur Verfügung. Gleichwohl galten Perspektiven dieser Art die längste Zeit für ungehörig, der Wissenschaft nicht würdig, tauglich bestenfalls für seichten Journalismus oder Trivialroman. Indes, was höfischen Erziehungslehren wichtig, was einem Einhard recht war, sollte einem Historiker nur billig

sein. Wie lebte, dachte, handelte eine Gesellschaft, die solche Lehren noch nicht kannte? Die Antwort zielte auf mehr als ein Sittengemälde gemäß der jeweiligen Sittlichkeit des Geschichtsschreibers; sie hätte auf die mentale, soziale oder habituelle Dynamik der karolingischen GeselJschaft als eines Prägestadiums menschlicher Humanität zu verweisen, auf ihre Aggressivitäts- und Pazifikationsmuster und deren Fortwirken bis zu uns. Sie skizzierte die "Welt im Tropfen", um die Metapher zu gebrauchen, die angeblich im 12. Jahrhundert Bernard Silvestris, einer der großen Lehrer an der Schule von Chartres, prägte, so wie sie diesen Tropfen aufzufangen und weiterzureichen vermöchte. 40 Das Ganze aber wäre trotz Geschlürfe oder Schicklichkeit, trotz lauter oder leiser Töne pure Abstraktion, ein Produkt der konstruktiven Phantasie mit intendierter Korrespondenz zur Wirklichkeit. Es interpretierte nicht bloß in neuer Weise eine sich ewig gleiche Vergangenheit, die ja niemand zu erkennen vermag; es schüfe eine andere Geschichte. Skepsis, daß ein derartiges Gastmahl "authentisch" nicht zu rekonstruieren sei, daß Phantasie die Wirklichkeit verfehlen müsse, daß der Historiker also die Finger von ihr zu lassen habe, andernfalls er Utopien produziere und seine Grenzen überschreite, ist hier nicht mehr am Platze als bei jedem anderen Konstrukt. Auch die positivistische Karlsbiographie ist Utopie - trotz Artefaktverwertung und intendierter Wirklichkeit. Karl der Große würde sich in keiner wiedererkennen, seine Zeitgenossen ihn ebensowenig. Dies verkannt zu haben, ist einer der gravierendsten Fehlgriffe der "kritischen" Geschichtswissenschaft seit dem 18. und 19.Jahrhundert, der bis heute nachwirkt. Zudem sind längst Methoden in Gebrauch, um die stets klaffenden Lücken der Überlieferung perspektivisch zu schließen und Kontrollen zu ermöglichen. Da wird spekulativ mit Wahrscheinlichkeiten, Analogieschlüssen und Hypothesen operiert; da gibt es soziologisch und anthropologisch erprobte Sozialmodelle, Statistik und Verdichtungsforschung, Typen-Bildung und "kollektive Biographien", um nur einige dieser Methoden zu nennen, die im Einzelfall zwar unscharfe Ergebnisse erzielen, aber die Richtung des generellen Trends durchaus zu weisen vermögen. Genau das, einen Idealtypus, repräsentierte auch das intendierte "Gastmahl Karls des Großen". Ich setze jener Skepsis denn auch die Gewißheit entgegen, daß der Historiker gar keine andere Chance hat, seiner Intention zu genügen, als

Einhardi Vita Karoli Magni. Editio sexta. Curavit Oswald Holder-Egger. (MOH SS rer. Germ. [251.) Hannover/Leipzig 1911, c. 24, S. 28 f. 39 Zur Kleidung vgl. ebd. c. 23, S. 27f.

40 Das Bild geht auf die mündliche Lehre Wilhelm Berges' zurück, der es an Schüler und "Enkelschüler" weitergab: verifizieren konnte ich es bisher nicht. Bei der Suche halfen mir Andreas Speer, Notre Dame/Köln, und Hubertus Lutterbach, Institute for Advanced Study/ Münster, wofür ihnen auch an dieser Stelle Dank gebührt.

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durch phantasie geleitete Konstruktionen, will er nicht an der Oberfläche und Außenseite sozialer Artefakte kleben bleiben. Cambronnes Fluch, der Abfall, die bloßen Hinterlassenschaften und Tatsachen sind keine Geschichte und vermöchten sie, zu noch so großen Haufen aufgehäufelt, nicht zu schaffen. Erst die Garde, die eher stirbt, als sich ergibt, bietet eine Ahnung derselben. Auf der Sprachebene ist jene journalistische Invention so authentisch wie Cambronnes Gebrüll im Pulverdampf der Schlacht, das der Historiker entdeckte. Kurz und bündig, zur Sentenz verdichtet, gibt sie die Essenz ganzer Artikel oder Bücher wieder, eingängiger als diese und leichter zu rezipieren. Sie ist ein Erinnerungsbild, das Authentischeres mitzuteilen hat als das authentischste Protokoll. Sie läßt einen Hauch von Leben spüren, auch wenn sie das ganze niemals erreicht. Damit erst erfüllt Geschichte ihren Sinn; Geschichte, die offen sein muß für die Gegenwart, der sie erzählt werden muß, um dieselbe dessen zu vergewissern, was sie weiß. Manche Historiker ziehen die Konsequenz und erklären die Historie schlechthin für erfunden. 41 "Inventing the Middle Ages"42, "Inventing the French Revolution"43 oder "The Invention of the Americas"44 lauten dann die Titel der Veröffentlichungen. In der Tat, ausgedacht ist alles. Auch der wissenschaftlich abgesicherte Text ist von einem Fachmann ersonnen worden, nicht von den Ereignissen diktiert oder von der illiteraten Wirklichkeit kopiert. Er besitzt nur eine beschränkte Gültigkeit, die so lange währt, als Phantasie nnd Diskurs ihn nicht verwerfen. Die konstruktive Phantasie läßt sich in kein Korsett aus Zeitlosigkeit und in keinen archivalisch-musealen Schaukasten zwängen; sie sprengt jeden Rahmen, weil sie den Bedürfnissen immer anderer Menschen, immer neuer Gegenwarten genügen muß. Alltag, Verhaltenshistorie, Zivilisationsprozeß, der zitierbare Cambronne oder der spuckende Karl, selbst wenn ihr Verhalten nur hypothetisch ist, die Faktenklärung wie die Detailerörterung, der zum Symbol verdichtete Augenblick und die breitgefächerte Analyse: Sie alle haben ihre Berechtigung. Wo aber endete sie? Wäre Phantasie zulässig bis hin zum Traum? Gewiß nicht auf den Flügeln 41 Vgl. schon: Erie HobsbawmlTerence Ranger (Eds.), The Invention ofTradition. 2. Auft. Cambridge 1992; oder: Adam Kuper, The Invention of Primitive Society. Transformations of an Illusion. London/New York 1988. 42 Norman Cantor, Inventing the Middle Ages. The Lives, Works and Ideas of the Great Medievalists of the Twentieth Century. 2. Aufl. New York 1992. 43 Keith Michael Baker, Inventing the French Revolution: Essays on French Political Culture. Cambridge/New York 1990. 44 Enrique Dussel, The Invention of the Americas. Eclipse of "the Other" and the Myth 01' Modernity. New York 1995 (zuerst span. 1992).

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eines J. R. R. Tolkien 45 Aber beispielsweise auf denen der Psychologie? Wann verlöre sie ihre Plausibilität, würde unzumutbar? Wann destruierte sie die Intention des Historikers und vereitelte das Lernen aus der Geschichte? Und wie ließe sich ihre Unzulässigkeit erkennen? Ich wende mich der Schattenseite der Phantasie zu. Unlängst erschien ein eigentümliches Buch eines mir bis dahin unbekannten Autors. Es trug den provozierenden Titel "Hat Karl der Große je gelebt?"46 Provozierend, denn die Frage wurde verneint. Die mittelalterlichen Komputisten hätten sich um dreihundertfünfzig Jahre vertan, die sie der bekannten Geschichte hinzugefügt, mit Inhalt gefüllt und dort eingepaßt hätten, wo sonst nichts anzutreffen gewesen sei, an die Nahtstelle zwischen Antike und Frühmittelalter. Die These ist absurd, klingt aber plausibel: Das dunkle Mittelalter habe sich selbst erfunden; deswegen sei es dunkel. Erklärte das nicht den evidenten nachantiken Kulturverfall? Mehr als ein Vierteljahrtausend erfunden! Karl der Große, Ludwig der Fromme, die blutrünstigen Bruderkriege, der Vertrag von Verdun - nichts weiter als eine phantastische Erfindung, grandioser als alles, was Tolkien ersann! Die professionellen Historiker? Armselig im Geiste, unfähig, über den Tellerrand ihrer Quellen zu schauen und des Rechnens unkundig, gleich unmündigen Kindern, ohne es zu merken, mittelalterlichen Märchen verfallen, der "Karlslüge" aufgesessen, wie ich das Phänomen der Kürze halber nennen will! Fälschung zu sein, muß sich die Geschichte, seitdem sie das Wahrheitspostulat für sich entdeckte, immer wieder vorhalten lassen. Doch machten wir es uns zu einfach, begnügten wir uns mit dem Hinweis, der Erfinder dieser "Karlslüge" hätte von historischer Methode und Quellenkritik keine Ahnung (was zweifellos zutrifft), führe lediglich den Zeitsprung rückwärts vor, präsentiere also eine Variante florierender Science-fiction und entzöge sich folglich der Kompetenz des seriösen Historikers. Der Fall liegt verwickelter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Nicht modeme Erfindung wird postuliert, sondern mittelalterliche, keine bloße Fälschung, sondern ein Gespinst aus echten Elementen, plausiblen Ergänzungen, kaum erkennbaren Abstrichen von der Wahrheit und haltlosen Zusätzen, angesiedelt in einem Bereich, wo alles Horst Fuhrmann, Das Mittelalter des Umberto Eco, in: ders., Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. München 1996, 227-243 u. 300-30 l. 46 Heribert Illig, Hat Karl der Große je gelebt? Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit. (Fiktion dunkles Mittelalter, Bd. 1.) Gräfelfing 1994. Zu einem anderen, ähnlich, aber nicht ganz gleich gelagerten Fall vgl. Horst Fuhrmann, Der Fall Kammeier und kein Ende, in: ders., Überall ist Mittelalter (wie Anm. 45), 244-251 u. 301. 45

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tatsächlich nur Verabredung ist: in der Zählung der Jahre. Hier wird ein Produkt präsentiert, das sich auf Quellen beruft und ernst zu nehmende wissenschaftliche Literatur herangezogen hat, um eine plausibel klingende Behauptung zu unterbreiten, und das vor allem mit eben jener schöpferischen Phantasie kalkuliert, auf die kein Historiker verzichten kann. Die Erfindung von Wirklichkeit (wie quellenmäßig und methodenstreng abgesichert und kritikoffen sie auch sei), von Fiktion und Fälschung sind innerlich zu nahe verwandt, als daß sie sich ohne weiteres trennen ließen. Eine seriöse Karlsbiographie ist formal nicht anders erdacht als jene "Karlslüge" auch. Beide intendieren reales Geschehen, beide arbeiten mit lückenhaften Quellen, die nur hypothetisch verknüpft werden können, beide selektieren aus einer amorphen Datenmenge, was sie an Argumenten bedürfen. Alle Arbeitsgänge gleichen einander. Und doch soll das eine "Lüge", das andere "Wahrheit" sein? Wie könnte das stimmen? "Der Inhalt der Quellen" ließe sich zur Kontrolle einfordern. - "Der Quellen?", so würde dagegen gehalten, "dieser toten Artefakte, die Historiker hin und her schieben müssen, um bauen zu können?" - "Das Alter der Handschriften, die Paläographie!" - "Produkte einer anderen Zeit!" - "Aber die Urkunden! Die greifbaren Originale?" - "Pergament! Pergament!" - Und so tönte es fort. Die Übergänge zwischen den Phantasien zerfließen. Eine scharfe Scheidelinie zeichnet sich nirgends ab. Was unter dem einen Blickwinkel abstrus erscheint, birst unter einem anderen vor Sinn. Ich muß daran erinnern, daß gegenwärtig mit großem wissenschaftlichem Aufwand eine These diskutiert wird, die das Gros der bislang für original überliefert, also für unzweifelhaft echt gehaltenen karolingischen, ottonischen und salischen Königsurkunden zu Fälschungen der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts erklärt. 47 Unsinn? Irrtum? Oder der erste Schritt zu grundstürzendem Umdenken? Könnten nicht nur diese Urkunden, sondern überhaupt die fraglichen Chroniken und Artefakte Fäden im Gespinst von "Karlslügen" sein? Zumal die be-

rühmtesten aller Annalen, die karolingischen "Reichsannalen", die auch das eine aktuelle wissenschaftliche These48 - eine am Hofe Karls des Großen verfälschte Geschichte notierten und die Historiker bis heute in heftige Kathederkämpfe treiben? Die "Karlslüge" also doch ein plausibles Konstrukt? Was unterscheidet Phantasie von Phantasie? Wo endet konstruktive Vorstellungskraft und beginnt destruktive Illusion? Wie läßt sich, wenn vom Geschehenen nur Texte geblieben sind, fiktiv-realistische von intentional-realistischer Textualisierung scheiden? Wir erinnern uns des irritierenden Spiels, das Orson Welles mit Rundfunkhörern trieb. 49 Dieselbe, von mancherlei Faktoren, Methoden oder Kontrollmechanismen gelenkte Imaginationsfähigkeit, die den modernen Historiker Geschichte konstruieren läßt, führte jedem seiner Quellenautoren die Feder. Jeder hält Erinnerungen an Geschehenes fest, nicht das Geschehen selbst. 5o Vermag der geschulte Forscher sicher zu trennen? lllusionären Konstrukten sicher zu entgehen? Könnte er, ohne es zu bemerken, im Vertrauen auf seine Quellen selbst Fiktionen produzieren? Ich fürchte, daß dem tatsächlich so ist. Phantasie und Phantasie, vergangene und gegenwärtige, konstruktive und illusionäre, verschlingen sich zum Bund der Geschichte. Und zwar stets, ob wir wollen oder nicht. Nur in günstig gelagerten Fällen sind die einzelnen Fäden sicher zu entwirren. Darin aber lauert die Gefahr. Bleibt ein Quellentext isoliert, ist seine phantasiebe-

47 Hans Constantin Faussner, Wibald von Stablo. Der Trierer Dom- und Reliquienschatz und die Reichskrone. Innsbruck 1986; ders., Zu den Fälschungen Wibalds von Stablo aus rechtshistorischer Sicht, in: Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Mo~ numenta Germaniae Historica, München, 16.-19. September (986.6 Bde. (Schriften der Monumenta Germaniae Historica, 33/1-6.) Hannover 1980-1990, hier Bd. 3,143-200.Verwandte Thesen, wenn auch mit anderer Begründung, tauchen von Zeit zu Zeit immer wieder auf, vgl. Horst Fuhrmann, Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen. Von ihrem Auftauchen bis in die neuere Zeit. T. 1. (Schriften der Monumenta Germaniae Historica, 24/1.) Stuttgart 1972, 65-136; generell: Fälschungen im Mittelalter, Bd.I-6.

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Matthias Becher, Eid und Herrschaft. Untersuchungen zum Herrschen:;thos Karls des (VuF, Sonderbd. 39.) Sigmaringen 1993,21-77. 49 Die "realistische" Inszenierung des Hörspiels von H. G. Wells "War of the Worlds" am 30. Oktober 1938 durch Orson WeHes führte' zu panikartigen Reaktionen unter den Hörern, vgl. Hadley Cantril, The Invasion from Mars. A Study in Psychology of Panic. With the complete script of the famous Orson Welles Broadcast. Princeton 1940, ND New York 1966. 50 Als Beispiele erinnere ich an die unlösbaren Schwierigkeiten mit dem Leben des hl. Benedikt, wobei die Meinungen der Historiker zwischen den Extremen ,pure Erfindung' und ,sichere Quelle' schwanken. Erfindung: Francis Clark, The Pseudo-Gregorian Dialogues. 2 Vols. (Studies in the History of Christian Thought, Vol. 37.) Leiden 1987; zahlreiche Gegenstimmen zusammenfassend: Pius Engelbert, Neue Forschungen zu den "Dialogen" Gregors des Großen. AntwOlten auf Clarks Thesen, in: Erbe u. Auftrag 65, 1989,376-393. Erinnert werden kann auch an die von den Mönchen des Klosters Clteaux konstruierten und in unkontrollierbarem Ausmaß fiktiven Gründungsdokumente ihres Klosters und Ordens: vgl. Jean de la Croix/Jean BoutoniJean Baptiste Van Damme (Eds.), Les plus anciens textes de Cfteaux. (Cfteaux-Commel1tarii Cistercienses, Studia et documenta, Vol. 2.) Ache11974; dazu: Jean-Baptiste Auherger, L'unanimite Cistercienne primitive. Mythe ou realite? (Citeaux-Commentarii Cistercienses, Studia et documenta, Vol. 3.) Achel 1986; knapp auch: Jürgen Miethke, Die Anfange des Zisterzienserordens, in: Die Zisterzienser. Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit. Aachen 1980,41-46. 48

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dingte Subjektivität schlechthin nicht zu objektivieren. Der Historiker kann allenfalls einzelne Elemente solcher Texte untersuchen; aber er kann über die spezifische Qualität des gesamten Konstrukts, das ihm vorliegt, nichts Abschließendes wissen. Ein einschlägiges Beispiel bietet sich etwa mit den Quellen zur Kaiserkrönung Karls des Großen an, eines epochalen Ereignisses. Außer dem wiederholten Hinweis auf das nackte Faktum haben sie wenig gemein, wie nahe sie auch Kar1 selbst und dem Krönungstage standen. 51 Am berüchtigtsten ist Einhards einsamer Satz: Kar! sei der Name Kaiser und Augustus anfangs so zuwider gewesen, "daß er an jenem Tag, obwohl ein höchster Feiertag, keinesfalls die Kirche betreten hätte, hätte er des Papstes Plan vorherwissen können".s2 Das Statement wirkt auf Historiker wie die Fermatsche Vermutung auf Mathematiker, als Herausforderung, der sie sich stellen müssen. Der Appell an die Phantasie ist unüberhörbar. Was der Biograph Karls des Großen von sich gab, nutzt alle Möglichkeiten literarischen Versteckspiels. Es könnte schlicht erfunden, an falscher Stelle in das Karlsleben gerutscht oder, was am unwahrscheinlichsten ist, so, wie Einhard es niederschrieb, zutreffend sein. Plausibler als diese Alternativen dürfte eine Mischung aus allem sein, ein Produkt der konstruktiven Phantasie. Entsprechend schwer tun sich die Historiker, den tatsächlichen Ablauf des Geschehens am Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom zu fassen. Die Mauer aus phantasiedurchsetzten Konstrukten, die das Geschehen umgibt, die mittelalterliche und professionell historische Imaginationen und Illusionen fügten, scheint unüberwindbar zu sein. In anderen Fällen liegen die Dinge günstiger, vor allem, wenn die Subjektivität eines Textes durch andere Texte objektiviert werden kann. Denn kein imaginatives Konstrukt wird mehrfach unabhängig von einander, doch mit sich selbst identisch an mehreren Orten zugleich hervorgebracht. Ein einzelner Karl der Große hätte, und damit kehren wir wieder zur "Karlslüge" zurück, tatsächlich erfunden und aufgenötigt, in der Überlieferung vervielfältigt werden und in der Geschichtsschreibung ein Eigenleben führen können, ohne daß es die Historiker zu durchschauen vermöchten, aber keinesfalls zwanzig, oder zehn oder auch nur zwei

große Karle an weit verstreuten Orten zugleich. Kein Belegstück darf mißachtet werden. Die Informationen über den ältesten Sohn Pippins des Kurzen und seiner Gemahlin Berta begegnen nun tatsächlich gleichzeitig und unabhängig voneinander in eindeutiger Weise in solcher Dichte überall in der Mittelmeerwelt und im Abendland, in England, Konstantinopel, bei den Arabern im Vorderen Orient und in Spanien, in Rom und im Frankenreich selbst, daß seine Existenz zu der in den Geschichtsbüchern verzeichneten Zeit nicht zu bezweifeln ist. Kar! der Große hat gelebt. Die "Karlslüge " ist eine in die Irre führende, unzulässige l11usion. Das Ergebnis mag uns im vorliegenden oder in jedem gleichgelagerten Fall beruhigen. Alle derartigen "Lügen" wären in der gleichen Weise demontabel. Freilich, nur die Informationsdichte, die Statistik, entlarvt sie zweifelsfrei, nicht die einzelnen, phantasie getränkten Einzelnachrichten, die zur Verfügung stehen, die voneinander isolierten Artefakte. Das ist, epistemologisch betrachtet, ein höchst beunruhigender Umstand; auch die beschwichtigend gemeinte Versicherung, gewöhnlich erfinde man keine Vergangenheit, vermag den nicht zu beruhigen, der einmal an sich selbst oder anderen registrierte, wie erfinderisch Erinnerung ist, auch den nicht, der weiß, daß alle Wissenschaft sich auf Phantasie einlassen muß, um zur Wahrheit zu gelangen, und schon gar nicht den, den mit Michel Foucault die Rolle der Gewalt im wissenschaftlichen Diskurs erschreckt. 53 Kar! der Große hat zwar gelebt, er ist kein Produkt einiger, ihre Fehler kaschierender mittelalterlicher Komputisten. Aber seine Geschichte, wie sie Historiker konstruieren, ist damit, von einigen Fakten und Daten abgesehen, alles andere als gewiß. Partiell dürfte das Konstrukt mit Wirklichkeit korrespondieren, partiell noch episodenhafte Momentaufnahmen, gleichsam Ansichtskarten aus der Vergangenheit, vor Augen stellen, vielfach aber beides verfehlen, statt mit Realität oder ihren Aspekten mit Illusionen aufwarten, wobei keine noch so beflissene Regesten- oder Protokollsprache Realität herbeischreiben kann. Was hier am Beispiel der Geschichte und Geschichtswissenschaft aufgezeigt wurde, gilt - mutatis mutandis - für andere Diszipliuen und ihren Gegenstand, beispielsweise für das Recht, ebenso. Unser Wissen bleibt eingetaucht in das unendliche Meer vergangenen Lebens, aus dem es die vergegenwärtigende Phantasie herausheben muß. Denn nur aus der Ge-

51 Die Kaiserkrönung Karls des Große!l. EingeL u. zusammengest. v. Kurt ReindeI. (Historische Texte Mittelalter, 4.) 2. Auft. Göttingen 1970. Dazu Peter Classen, Kar! der Große, das Papsttum und Byzanz. Die Begründung des karolingischen Kaisertums. Nach dem Handexemplar des Verfassers hrsg. v. Horst Fuhrmann u. Claudia MärtL (Beiträge zur Ge~ schichte und Quellenkunde des Mittelalters, 9.) Sigmaringen 1985, 62ff. 52. Einhardi Vita Karoli Magni c. 28 (wie Anm. 38), 32, 23 tf.

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Ich begnüge mich hier mit einem einzigen Hinweis: Michel Foucault. Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main 1991, 13 tf. (zuerst frz. Paris 1972). Einige sich daraus ergebende Fragen erörtert: Michel De Certau, Das Schreiben der Geschichte. Frankfurt am Main/New York 1991 (zuerst frz. 1975).

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schichte lernen wir, und diese muß so otren sein wie nur je die Gegenwart. Wo Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik nicht weiter wissen, ist Phantasie aufgerufen, eben dieses Wissen, mithin die Leistungen und Erkenntnisse der Vergangenheit, abermals zu sichten und zu ordnen und ein weiteres Mal für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Sie löst aus überkommenen Verstrickungen, führt aber auch neue herbei. Ein Patentrezept der Wahrheit gibt es nicht. Phantasie bleibt ambivalent. Sie ist ein unabdingbares Erfordernis jeder Wissenschaft und unseres Daseins und, zur Illusion verkehrt, eine große Gefahr. Jede Epoche, jede Generation sei unmittelbar zu Gott. So etwa hat Ranke gelehrt. 54 Es mag gelten. Aber die Geschichte ist nur unmittelbar zu dem, der sich ihr zuwendet, und damit zur Gegenwart. 55 Hüten wir uns, beide Unmittelbarkeiten einander gleichzusetzen. Es führte, wie hier, in Deutschland, schon einmal geschehen, in die Katastrophe.

absagt, ist man keineswegs gezwungen, auch historische Erzählung für bloße Fiktion zu halten. Einige Überlegungen über mögliche methodische Grenzen der gleichwohl notwendigen Phantasie schließen daher den Beitrag ab.

* * * Ausgehend von einigen Beobachtungen über die flexible Anpassung dessen, was als historische Wahrheit gilt, an die Bedürfnisse der Gegenwart werden in dem Beitrag verbreitete Standardannahmen über das Verhältnis von Quellen, Fakten und historischer Forschung in der Absicht diskutiert, den Sinn für die Offenheit und Fallibilität gelehrter (Re-)Konstruktion (neu) zu wecken. Ein Blick auf die Theoriedebatte nach dem "linguistic turn" zeigt die Bedeutung der Sprache und die Wirksamkeit der in ihr aufgehobenen ,Theorie' für Forschung und Darstellung als, im Vergleich zur älteren Diskussion, zusätzlich zu berücksichtigender Ebene. Auch wenn man die Vorläufigkeit und Diskursivität der Geschichte als Wissenschaft sowie der Ergebnisse ihrer Forschung akzeptiert und jedem naiven, sich selbst täuschenden Umgang mit den Quellen

LeopoLd VOll Ranke. Aus Werk und NachlaH. Hrsg. v. Walther Peter Fuchs u. Theodor Schieder. Bd. 2: Über die Epochen der neueren Geschichte. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. v. Theodor Schieder u. Helmut Berding. MünchenfWien 1971, 59: ,jede Epoche ist unmittelbar zu Gott und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eigenen Selbst"; Bd. 4: Vorlesungseinleitungen. Hrsg. v. Volker Dotterweich u. Walter Peter Fuchs. MünchenlWien 1975, 260 (Einleitung zur Vorlesung Geschichte des Mittelalters, 1885/86): "Ich denke vielmehr: jede [Generation] steht zu Gott in einem unmittelbaren Verhältnis: ihr Wert liegt in ihrer eigenen Existenz." - Zu Rankes Epochenlehre: Zemlin, Geschichte zwischen Theorie und Theoria (wie Anm. 36), 83-99. 55 Ich erinnere daran, daß lauss, Gebrauch der Fiktion (wie Anm. 16), gerade an der wrachlichen Analyse von Ranke-Texten die Fiktionalität historischer Aussagen erhellte.

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