Faszination Ostkirche - Abtei Niederaltaich

Faszination Ostkirche - Abtei Niederaltaich

ARCHIMANDRIT DR. GREGOR HOHMANN OSA FASZINATION OSTKIRCHE Von der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ zum „Ostkirchlichen Institut der Au...

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ARCHIMANDRIT DR. GREGOR HOHMANN OSA

FASZINATION OSTKIRCHE Von der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ zum „Ostkirchlichen Institut der Augustiner an der Universität Würzburg“

Wer nach einer geeigneten Übersetzung der lateinischen Wörter „fascinare“ und „fascinatio“ sucht, dem bietet das Lexikon mehrere Varianten an. Die Begriffe „behexen, verzaubern, verführen“ scheinen im Zusammenhang mit dem Begriff „Ostkirche“ denn doch etwas irreführend zu sein. Dagegen die Ausdrücke „anziehende, fesselnde Wirkung, bezaubernde Ausstrahlung“ kommen dem hier Gemeinten schon ziemlich nahe. Ich darf wohl davon ausgehen, dass alle hier Anwesenden aus eigener Erfahrung bestätigen können, dass von dem, was wir unter Ostkirche verstehen, eine anziehende, fesselnde Wirkung und eine bezaubernde Ausstrahlung ausgehen. Besonders die Abtei Niederalteich ist ja seit vielen Jahrzehnten ein solches Ausstrahlungszentrum. Wenn man hier unter Ihnen eine Umfrage veranstalten würde: Auf welchem Weg sind Sie zur Ostkirche gekommen, dann würden sicher die meisten antworten: Über die byzantinische Liturgie. Auch bei mir war das so. Es begann als ich noch Schüler war. Auf meinem täglichen Schulweg zum Gymnasium in Berlin-Tegel sah ich jedes Mal von der Straßenbahn aus 104

zwischen hohen Bäumen eine kleine Kirche mit einem blauen Zeltdach, von der ich nur wusste, dass es weder eine evangelische noch eine katholische Kirche war. Was war es dann? Meine Mutter wusste zu erzählen, dass es sich wohl um eine russische Kirche handele, denn der kleine Friedhof auf dem sie steht, sei ein russischer Friedhof. Ich war nun neugierig geworden und konnte meine Mutter überreden, mit mir einmal zu dieser Kirche zu gehen. Eines Tages machten wir uns auf, um dieses Gebäude aus der Nähe zu betrachten. Es war tatsächlich offen, und es fand sogar gerade ein Gottesdienst statt. Für mich war das ein Eintritt in eine fremde Welt. Ich wusste nur vom Religionsunterricht, dass man in einer nichtkatholischen Kirche auf keinen Fall irgendetwas mitmachen dürfe, was als Zustimmung ausgelegt werden könnte. Also setzten wir uns scheinbar uninteressiert auf die beiden einzigen Stühle im Hintergrund, die merkwürdigerweise von niemand belegt wurden, obwohl genügend ältere Leute anwesend waren. Aber sofort war eine alte Frau zur Stelle, die uns aufforderte zu stehen, denn zum Sitzen seien wir noch viel zu jung. Trotz dieses RüfDIE BEIDEN TÜRME

fels fand ich alles sehr interessant: die vergoldeten Säulen der Bilderwand, die vielen Ikonen an den Wänden, den Duft des Weihrauchs und vor allem den mehrstimmigen Gesang in einer mir völlig unbekannten Sprache. Ich war f a s z i n i e r t. Wer hätte gedacht, dass es nur zwei Kilometer von unserer Wohnung entfernt eine ganz andere religiöse Welt gab. Zwei Jahre später tauchte ich noch tiefer in diese Welt ein und zwar bei der Feier der Osternacht in der russisch-orthodoxen Kathedrale in Berlin-Hohenzollerndamm. Diesmal gab ich von Anfang an den inneren Widerstand auf und ließ mich von der überschäumenden Freude der feiernden Gemeinde mitreißen. Als ich mit sechzehn Jahren in das Klosterseminar der Augustiner in Münnerstadt eintrat, da nahm die „Faszination Ostkirche“ für mich eine sehr persönliche Form an. Ich stellte fest, dass sich die Augustiner ja schon sehr lange mit der Ostkirche befassten. Als eines Tages der spätere Archimandrit P. Alfons Maria Mitnacht aus Würzburg für die Schüler des Gymnasiums Münnerstadt eine byzantinische Liturgie feiern sollte, mussten einige von uns älteren Schülern in wochenlangen Chorproben die Gesänge der Liturgie in kirchenslawischer Sprache einüben, was wir auch gern taten. Dieser Gottesdienst versprach nämlich eine willkommene Abwechslung zum damals noch üblichen römischen Ritus in der tridentinischen Form. Als wir Schüler dann anlässlich Nr. 102 – Jg. 48 – 2/2012

dieser Liturgie von Pater Alfons in cumulo als Mitglieder in das Päpstliche Ostkirchenwerk Catholica Unio aufgenommen wurden, hatte ich nichts dagegen, zumal die Mitgliedschaft für uns keinen Geldbeitrag, sondern nur ein tägliches Gebet für die Wiedervereinigung von Ost- und Westkirche kostete. Als ich nach dem Noviziat in Münnerstadt zum Studium der Philosophie und Theologie nach Würzburg kam, begegneten mir dort mehrere ältere Patres, die erstaunliche Kenntnisse über die Ostkirchen und die byzantinische Liturgie besaßen. Ich fragte mich, wo sie die herhatten. Auch fand ich eine lebendige Praxis in der Feier der Liturgie vor, denn einmal im Monat hielt Pater Alfons einen solchen Gottesdienst, streng in kirchenslawischer Sprache. Wir Klerikerstudenten bildeten den vierstimmigen Männerchor. Da wir damals sage und schreibe 33 Augustiner-Studenten waren, blieb nach Aussortierung der hoffnungslos Unmusikalischen ein Chor übrig, der sich sehen und hören lassen konnte. Zuweilen reisten wir mit Pater Alfons sogar zu Liturgiefeiern quer durch die Bundesrepublik. Die schon erwähnten älteren Patres mit den erstaunlichen Kenntnissen über die Ostkirche waren sozusagen die Letzten von dem, was der Untertitel meiner heutigen Ausführungen andeutet, vom „privaten Arbeitskreis Ostkirche“. Auf die Idee, von diesem „privaten Arbeitskreis Ostkirche“ hier zu sprechen, hat mich dieses handgeschriebene Büchlein 105

gebracht, das auf der Titelseite die Beschriftung trägt „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche – Chronik“. Gleich auf der ersten Seite erfährt man, was es mit dieser Arbeitsgemeinschaft auf sich hat. Da heißt es: „Am 2. Februar 1936, dem Feste Mariä Lichtmeß, wurde im Klerikat die „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ gegründet. Damit waren die für die Wiedervereinigung der Ostkirche Interessierten auch nach außen zusammengeschlossen. Der Unionsgedanke war nämlich für sie nicht etwas ganz Neues; schon in der Klosterschule waren sie mit ihm vertraut geworden. Besonders wurde damals ihr Interesse durch einen Vortrag des h. H. P. Alfons M. Mitnacht geweckt. Mehrere besuchten auch schon den russischen Wahlunterricht am Gymnasium. Doch wusste man nicht, ob sich auch einmal der Orden oder die Provinz der Unionsaufgabe näher zuwendet; so blieb das Studium der Ostkirche eine stille Beschäftigung einzelner. Da kam plötzlich durch die Priorenversammlung im Januar 1936 neue Begeisterung und freudiger Ansporn“. Diese Priorenkonferenz hatte es also fertig gebracht mit Mut ein neues Arbeitsfeld in der Augustinerprovinz in Angriff zu nehmen. Schon Jahre vorher hatten die Augustiner den Blick auf die Protestanten gerichtet, weil sie sich ein wenig mitverantwortlich fühlten für die Spaltung der abendländischen Kirche, denn Martin Luther war bekanntlich 106

ein deutscher Augustiner gewesen. Das Ergebnis dieser Hinwendung zum Protestantismus war 1929 die Gründung der Pfarrei und des Klosters in BerlinReinickendorf. Da ich selber aus dieser Pfarrei stamme, die immerhin im Laufe der Jahre sechs Augustinerpatres und zwei Weltpriester hervorgebracht hat, empfinde ich es umso schmerzlicher, dass der Nachwuchsmangel die Provinz gezwungen hat, diese Pfarrei im August dieses Jahres 2012 an die Erzdiözese Berlin zurückzugeben. Wie bereits gezeigt war durch die Gründung des Arbeitskreises Ostkirche ein weiterer Schwerpunkt im Verhältnis zu anderen christlichen Konfessionen hinzugekommen. Typisch für die damalige Tätigkeit war, dass die Begriffe Ökumene – Ökumenismus noch völlig außerhalb des Denkens lagen. Sowohl die Beschäftigung mit dem Protestantismus als auch mit den Ostkirchen zielte nur auf eines: Die Wiedervereinigung der getrennten Kirchen mit der römisch-katholischen Kirche, die sich getreu der Inschrift an der Fassade der Laterankirche in Rom – der eigentlichen Kathedrale des Papstes – als Mater et Caput omnium ecclesiarum urbis et orbis verstand. Damit war klar, wer bei einer Wiedervereinigung zu wem zurückzukommen hatte. Die Ostkirche betreffend gibt die Chronik Ziel und Zweck der Bemühungen an: „Damit recht bald des Heilandes Wunsch in Erfüllung gehe, dass endlich werde: ein Hirt und eine HerDIE BEIDEN TÜRME

de“. Dass der alleinige Stellvertreter des einen Hirten Jesus Christus nur der Bischof von Rom sein konnte, daran hatte auf katholischer Seite niemand Zweifel. Diese Art von Wiedervereinigung pflegt man heute in ökumenischen Kreisen etwas abschätzig als „Rückkehrökumene“ zu bezeichnen. Die neugegründete Arbeitsgemeinschaft nahm also am 2. Februar 1936 ihre Arbeit auf. Wenn ich hier die Namen der ersten sechs Mitglieder aufzähle, dann deshalb, weil ich sie bis auf einen noch persönlich gekannt und sehr geschätzt habe. Es waren: Fr. Heribert Messing, Fr. Hugolin Landvogt, Fr. Eduard Schmitt, Fr. Willibald Popp, Fr. Methodius Mürling und Fr. Leonhard Lochner. Zum Sprecher der Gruppe wurde Fr. Hugolin Landvogt gewählt. Er steckte die Themen ab, mit denen sich die sechs Mitglieder vor allem beschäftigen sollten: Russische Sprache, Liturgie, Volkspsychologie, Literatur, Geschichte, Geographie und Dogmatik. Der Klerikermagister Ferdinand Lang wies seine begeisterten jungen Leute darauf hin, dass es mit dem Studium der genannten Gebiete allein noch nicht getan sei, sondern es müsse vertieft werden durch Gebet und innere Einstellung. Als echter „Römer“ (P. Ferdinand hatte im Rom am Angelicum studiert) betonte er natürlich auch die Wichtigkeit der westlichen Dogmatik, vor allem des Thomismus, denn er (der Pater Klerikermagister) könne keinem der jungen Leute die Nr. 102 – Jg. 48 – 2/2012

Garantie geben, dass er später einmal tatsächlich als „Missionar“ in den Osten geschickt werde. Die Mahnung von P. Ferdinand, der nach meiner Einschätzung weder eine dogmatische noch erst recht eine liturgische Nähe zur Ostkirche hatte, lässt schon ahnen, dass nicht alle augustinischen Mitbrüder den Enthusiasmus der Sechs von der Arbeitsgruppe teilten. Bei vielen galt damals jeder katholische Priester, der sich mit den orthodoxen Kirchen beschäftigte, sich womöglich noch ein silbernes Brustkreuz umhängte und den byzantinischen Ritus zelebrierte, als ein Sonderling, als ein exotischer Vogel. Im gewissen Sinn ist das ja bis heute so geblieben. Zurück zu unserem Tagebuch. Es verzeichnet den Beginn des russischen Sprachunterrichts mit einem Russen namens Aslanov. Von Pater Eugen Prucker, dem offiziellen Begleiter der Gruppe, wird unter dem Datum vom 2. April 1936 berichtet, dass er an einer Unionstagung in Niederalteich teilgenommen habe. Wörtlich schreibt der Chronist: „Wenn er auch gegen manches, was er dort sah und hörte, Bedenken erhob, so konnte er doch sagen, er habe auf dieser Tagung viele Anregungen erhalten.“ Im Eintrag der Chronik vom 25. April 1936 taucht zum ersten Mal der neue wissenschaftliche Leiter im Arbeitskreis auf: Professor Dr. Georg Wunderle. Über ihn, den großen Pionier der ostkirchlichen Studien wird im letzten 107

Teil meiner Ausführungen noch speziell die Rede sein. Wunderle legte den jungen Leuten seinen Arbeitsplan vor. Im 1. Semester sollte als Grundlage das Buch von Stefan Zankov dienen „Das orthodoxe Christentum des Ostens“. Das 2. Semester gehörte der Mystik, den Hymnen und Simeon dem Neuen Theologen. Das 3. Semester stellte die Chrysostomusliturgie in den Mittelpunkt. Das 4. Semester sollte der christlichen Kunst des Ostens gewidmet werden. Auf jeden Teilnehmer entfiel pro Semester je ein Referat mit anschließender Diskussion. Zugleich kündigte Wunderle die Herausgabe einer wissenschaftlichen Schriftenreihe an mit dem Titel „Das östliche Christentum“. Für den 17. Mai 1936 vermerkt die Chronik eine Premiere. Zum ersten Mal wurde in der Michaelskirche (Priesterseminar) unter Assistenz des Würzburger Bischofs eine byzantinische Liturgie gefeiert. Professor Wunderle hatte am Vorabend eine Einführung gegeben. Der Zelebrant war ein Franzose, der Diakon ein Georgier, auch P. Chrysostomus Baur OSB vom Andreaskolleg München (dem damaligen Sitz der Catholica Unio) war anwesend. Neben dem vollzählig versammelten Klerikat der Augustiner waren auch einige Klosterschüler aus Münnerstadt gekommen. Zum Echo dieses Gottesdienstes bei den Leuten bemerkt der Chronist: „So groß die Begeisterung auch war, hörte man doch bei aller Anerkennung der Schön108

heit des griechischen Ritus Stimmen, die meinten, ein lateinisches Amt könne durch ein griechisches nie ganz ersetzt werden“. Am 13. Juni 1936 wurde die Arbeit von Professor Wunderle durch seine schwere Erkrankung jäh unterbrochen. Erst im November konnte er sie wieder aufnehmen. Die Augustinerstudenten hatten ihre Forschungsarbeiten aber auch während der Abwesenheit von Wunderle weiterbetrieben. Es ist beachtlich, was sie neben ihrem regulären Studium an der Fakultät noch alles leisteten. Einen solchen Eifer und eine solche Begeisterung hat es später nie mehr gegeben. Ihre Aktivitäten blieben aber nicht nur auf den kleinen Arbeitskreis beschränkt, sondern sie wollten auch durch andere Veranstaltungen das Interesse der übrigen Mitbrüder und der Öffentlichkeit wecken. Deshalb wurden bekannte Fachleute zu Vorträgen und zur Feier byzantinischer Liturgien eingeladen. Darunter waren so berühmte Namen wie Igor Smolitsch, Julius Tyciak, P. Chrysostomus Baur OSB, Michael Tarchnisvili. Dass diese Aktivitäten unter dem Titel Ostkirche allmählich die Aufmerksamkeit und das Misstrauen der Nazibehörden erregten, lässt sich leicht denken. Deshalb verboten sie im Herbst 1937 durch Ministerialbeschluss Professor Wunderle die Leitung der Arbeitsgemeinschaft als „unerlaubte Nebenbeschäftigung von Staatsbeamten“. Der findige Professor Wunderle verlegte DIE BEIDEN TÜRME

daraufhin die Seminarübungen in die Räume der Universität, so dass der Arbeitskreis zunächst weiterbestehen konnte. Von vielen Seiten kam mit der Zeit Lob und Anerkennung für Wunderle und seine jungen Augustiner. Sogar aus Rom gab es höchstes Lob für die Arbeit des Ostkirchenzirkels, unter anderen von Kardinal Eugen Tisserant und im Auftrag von Papst Pius XI. vom Nuntius Eugen Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. Zu diesem Zeitpunkt zählte die „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ zehn Mitglieder: vier junge Patres und sechs Klerikerstudenten, die bereit waren, im Osten als Seelsorger zu wirken und zum byzantinischen Ritus überzutreten. Es wurden auch schon diesbezügliche Verhandlungen geführt mit dem unierten Bischof von Munkacz in Karpathorussland. Dann brach im September 1939 der Zweite Weltkrieg aus und stoppte jäh alle Tätigkeit des Arbeitskreises, denn alle Klerikerstudenten (57) und 34 jüngere Patres wurden zur Wehrmacht eingezogen. Die übrigen wurden in der Pfarrseelsorge eingesetzt. Geblieben waren als bleibendes Denkmal der begeisterten Arbeit für die Union in der Reihe „Das östliche Christentum“ zehn Bändchen. Wie es nach dem Kriege weiterging, kann hier nur kurz angedeutet werden. 1947 wurde die Tradition der „dies orientales“ wieder aufgenommen. Sie bestanden aus einem achtägigen PreNr. 102 – Jg. 48 – 2/2012

digtzyklus und einer von P. Alfons Mitnacht zelebrierten Liturgie in kirchenslawischer Sprache. Diese Liturgie wurde dann später monatlich gefeiert. Bis heute hat sich dieser gute Brauch erhalten. Seit neun Jahren existiert dafür eine von der Catholica Unio eingerichtete byzantinische Kapelle, die auch von den Würzburger rumänischen orthodoxen Christen als ihr Gemeindezentrum benutzt wird. Unser verehrter Metropolit Serafim aus Nürnberg hat schon öfter in ihr zelebriert und sogar die heiligen Weihen gespendet. Es ist eine wahrhaft ökumenische Kapelle. Auch die Tätigkeit der „Arbeitgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ wurde reaktiviert, und 1946 übernahm Professor Wunderle erneut die Leitung. 1947 gelang es Wunderle vom Bayerischen Kultusministerium die Erlaubnis zur Errichtung eines außerordentlichen Lehrstuhls für Ostkirchenkunde zu erreichen. Das war der erste derartige Lehrstuhl an einer deutschen theologischen Fakultät. Aus Liebe zur Sache gab Wunderle dafür seinen ordentlichen Lehrstuhl für Apologetik auf. Auch für seine Nachfolge sorgte er, indem er bei der Ordensleitung um Benennung eines geeigneten jungen Augustiners bat. Für diese Aufgabe wurde der soeben im Fach neutestamentliche Exegese promovierte P. Hermenegild M. Biedermann freigestellt. Das war eine kluge Maßnahme gewesen, denn am 7. April 1950 starb Professor Wunderle plötzlich und unerwartet in Bad Wörishofen. Nun war 109

die Stunde für Biedermann gekommen. Mit seiner Lehrtätigkeit an der Universität und mit der offiziellen Gründung des „Ostkirchlichen Instituts der deutschen Augustiner“ wurde die Ostkirchliche Arbeit auf eine rein wissenschaftliche Ausrichtung beschränkt. Die Feiern von Liturgien, Vorträge in Pfarreien und Kommunitäten, sowie die Pflege von Kontakten zu unierten und orthodoxen Kirchen wurden vom neuen Leiter der Catholica Unio, dem schon mehrmals erwähnten Augustinerpater Alfons M. Mitnacht, wahrgenommen, der seinen Sitz ebenfalls im Würzburger Augustinkloster hatte. Als ein Seelsorgerteam von Augustinern im Herbst 1959 in das neue Gebäude der Pfarrei St. Bruno im Steinbachtal übersiedelte, erhielt auch das Ostkirchliche Institut eine neue, ansehnliche Heimstatt, in der es bis heute existiert. Seine Bibliothek dürfte inzwischen die beste Fachbibliothek in Deutschland sein. Nach außen wurde die Tätigkeit des Instituts bekannt durch die 1959 begonnene Zeitschrift „Ostkirchliche Studien“. Daneben wurde auch die noch von Wunderle begonnene Reihe „Das östliche Christentum“ fortgesetzt. Diese Reihe wollte hauptsächlich jungen Wissenschaftlern aus Ost und West die Möglichkeit zur Veröffentlichung ihrer Dissertationen bieten. Manche von ihnen haben später wichtige Lehrstühle besetzt, so etwa Professor Ernst Christoph Suttner in Wien, der 13 Jahre lang engster Mitar110

beiter und Berater von Professor Biedermann war und der zusammen mit Professor Dr. Walter Eykmann MDL den Verein der Freunde des Ostkirchlichen Instituts gründete. Suttner war es auch, der die rein wissenschaftliche Arbeit des Instituts wieder etwas näher an die Praxis heranführte, indem er begann, in der byzantinischen Kapelle, die von Biedermann eigentlich als reiner Schau-Raum gedacht war, regelmäßig byzantinische Liturgien zu feiern. P. Coelestin Patock OSA, ein enger Mitarbeiter des Instituts, gründete zu diesem Zweck einen Chor. Nach dem Tod von P. Biedermann am 26. Oktober 1994 begann die Neuorganisation des Instituts. Die wissenschaftliche Leitung übernahm Professor Jakob Speigl vom patristischen Lehrstuhl. Administrativer Direktor wurde Pater Gregor Hohmann OSA. Ein Leitungsgremium aus fünf Professoren kümmerte sich um die Publikationen und um die Vorbereitung von Studientagen für die Öffentlichkeit. Sozusagen die höheren akademischen Weihen erhielt das Institut, als ihm am 29. Januar 1999 durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Rechtsstellung eines An-Instituts an der Universität Würzburg verliehen wurde. Ein ganz großes Verdienst an dieser akademischen Krönung hat der damalige Landtagsabgeordnete Prof. Dr. Walter Eykmann. Seit 1. Januar 2010 haben die Augustiner die personelle Beteiligung am InstiDIE BEIDEN TÜRME

tut aus Nachwuchsmangel aufgeben müssen und sind nur noch Mitglied bei einer neuen Trägerschaft. Damit endete also der Weg der Augustiner von der privaten „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Ostkirche“ bis hin zum „Ostkirchlichen Institut an der Universität Würzburg“. Ob von der „Faszinaton Ostkirche“ bei den heutigen Augustinern (die Mehrzahl sind über 70 Jahre alt) noch etwas übrig geblieben ist, kann ich ehrlichen Gewissens eigentlich nur für mich persönlich bejahen. Unter der neuen Trägerschaft namens „Gesellschaft für Ostkirchenforschung GmbH“ arbeitet seit zwei Jahren als wissenschaftlicher Direktor des Instituts Dr. Dr. Thomas Nemeth aus Wien. Die Geschäftsführung besorgt Frau Caroline Lutzka. Zum Schluss noch einige Sätze zum dem Mann, ohne den die „Faszination Ostkirche“ bei den Augustinern schon in ihren Anfängen vertrocknet wäre wie eine Pflanze ohne Wasser: Professor Dr. Georg Wunderle. Er wurde geboren am 23.9.1881 in Weißenburg in Bayern. Die Priesterweihe für das Bistum Eichstätt erhielt er am 18.6.1905. von 1913 bis 1916 lehrte er an der bischöflichen Hochschule in Eichstätt. 1916 erhielt er den Lehrstuhl für Apologetik an der Universität Würzburg. Als Rektor und Senator hat er während langer Jahre an der Leitung der Universität mitgewirkt und sich insbesondere um deren Wiederaufbau nach dem Krieg bedeutende Verdienste erworben. Er ist durch zahlNr. 102 – Jg. 48 – 2/2012

reiche Arbeiten über Religionsphilosophie, Religionsgeschichte, Pädagogik und Religionspsychologie weit über die Grenzen seiner Wirkungsstätte bekannt geworden. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich, wie wir im Vorhergehenden gesehen haben, durch seine wissenschaftliche Arbeit über die ostkirchliche Frömmigkeit und Mystik. In seiner Schrift „Über die religiöse Bedeutung der ostkirchlichen Studien“ macht er folgende Aussage: „Der Weg zum Urchristentum führt nun einmal zunächst über die griechischen Väter und nicht über die späteren theologischen Systeme des Westens … Das frühe Christentum ist unser gemeinsamer Besitz, den wir um so höher schätzen müssen, als wir in ihm den einen Quellgrund allen christlichen Lebens erblicken“. Wunderles Schriften verraten, dass er die wesentlichen Anliegen der Ostkirche treffend in kurze, prägnante Sätze zu fassen wusste. Östliche Spiritualität formuliert er so: „Das ostkirchliche Lebensideal ist die paradiesische, übernatürliche Verklärung der irdischen Existenz, die Vergöttlichung des Menschen. Das strahlende Ostergeheimnis ist der überwältigende Ausdruck dafür“. Solche Sätze lassen erahnen, wie sehr Professor Wunderle selbst von der „Faszination Ostkirche“ ergriffen war, und sie erklären, warum er diese Faszination an ganze Generationen von jungen Priesterkandidaten weitergeben konnte.

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