Finale der Vernichtung: Die Einsatzgruppe H in der - Die Onleihe

Finale der Vernichtung: Die Einsatzgruppe H in der - Die Onleihe

Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit Forschungsstand . . . . . . . . . . . ...

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Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . Quellenlage . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Vorgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD . . . . . . . 1.2. Entwicklung in der Slowakei bis zum Nationalaufstand 1944 . .

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2. Tätigkeit der Einsatzgruppe H . . . . . . . . . . . . . . 2.1. Struktur der Einsatzgruppe H . . . . . . . . . . . . . 2.1.1. Der Chef und sein Stab . . . . . . . . . . . . . 2.1.2. Die Kommandos . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2. Aufstandsbekämpfung . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1. Aufständische und Partisanen . . . . . . . . . . 2.2.2. Deutsche Truppen . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3. Niederschlagung des Aufstands . . . . . . . . . 2.2.4. Festnahmen im Rahmen der Aufstandsbekämpfung 2.3. Judenverfolgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3.1. „Judenfrage muss radikal gelöst werden“ . . . . . 2.3.2. Razzien und Festnahmen . . . . . . . . . . . . 2.3.3. Konzentrationslager Sered . . . . . . . . . . . . 2.3.4. Deportationen aus der Slowakei . . . . . . . . . 2.4. Exekutionen auf slowakischem Boden . . . . . . . . 2.4.1. Erschießungen und Hinrichtungen in Zahlen . . . 2.4.2. Einzelne ausgewählte Exekutionen . . . . . . . . 2.4.3. Orte der größten Massenerschießungen . . . . . . 2.5. Berichterstattung und Propaganda . . . . . . . . . . 2.5.1. Richtlinien und Themen der Berichterstattung . . 2.5.2. Stimmung der Bevölkerung in den SD-Berichten . 2.5.3. Propaganda . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.6. Slowaken als Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . 2.6.1. Staatsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.6.2. Slowakische Armee und Polizei . . . . . . . . . 2.6.3. Hlinkagarde und POHG . . . . . . . . . . . . 2.6.4. Helfershelfer der Einsatzgruppe H . . . . . . . .

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Inhaltsverzeichnis

2.7. Volksdeutsche . . . . . . . . . . . . . . . 2.7.1. Deutsche in der Slowakei – ein Überblick 2.7.2. Deutscher Heimatschutz . . . . . . . . 2.7.3. Verbrechen an Volksdeutschen . . . . .

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4. Strafverfolgung nach 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1. Strafverfolgung in der Tschechoslowakei 1945–1948 . . . . . . 4.1.1. Normen, Verlauf und Ergebnisse – Tschechien . . . . . . 4.1.2. Verurteilte Angehörige der Einsatzgruppe H in Tschechien 4.1.3. Normen, Verlauf und Ergebnisse – die Slowakei . . . . . 4.1.4. Gefällte Urteile in der Slowakei . . . . . . . . . . . . . 4.2. Strafverfolgung in der Bundesrepublik . . . . . . . . . . . . 4.2.1. Normen, Verlauf und Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . 4.2.2. Einsatzgruppenprozesse im Überblick . . . . . . . . . . 4.2.3. Silvester Weiß – das einzige Urteil zur Einsatzgruppe H . . 4.2.4. Eingestellte Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.5. Anderweitig verurteilte Angehörige der Einsatzgruppe H . 4.3. Strafverfolgung in anderen Ländern . . . . . . . . . . . . . . 4.3.1. Österreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.2. Polen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.3. Jugoslawien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.4. Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Angehörige der Einsatzgruppe H . . . . . . . . . . . . . . . . . Ortsnamen (slowakisch – deutsch) . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Personal der Einsatzgruppe H . . . . . 3.1. Täter der NS-Zeit . . . . . . . . 3.2. Biographien des Führungspersonals 3.3. Profil der SS-Führer . . . . . . . 3.4. Unterführer und Mannschaften . .

Schlussbetrachtungen

Abkürzungen Karte

Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Vorgeschichte Die Einsatzgruppe H wurde unmittelbar nach dem Ausbruch des Slowakischen Nationalaufstands Ende August 1944 aufgestellt. Um ihre Tätigkeit in der Slowakei bewerten zu können, ist es notwendig, den Kontext, in dem sie entstand und wirkte, bzw. die Vorgeschichte ihrer Gründung kurz zu beschreiben. Im folgenden Kapitel wird deshalb erstens ein Überblick über die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD geboten und zweitens die Entwicklung im slowakischen Staat bis zum Spätsommer 1944 in ihren Grundzügen geschildert.

1.1. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD waren spezielle mobile Einheiten, die in den annektierten oder okkupierten Gebieten für die „Gegnerbekämpfung“ zuständig waren. Sie gingen gegen alle Personen vor, die zu Feinden des Nationalsozialismus erklärt worden waren.1 Sie waren ein neues Instrument staatspolizeilichen Vorgehens, dessen Aufgabe in der „Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente in Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe“ bestand. 2 Sie agierten parallel zum militärischen Vormarsch, indem sie möglichst dicht hinter der Wehrmacht nachrückten. Sie wurden mit der Überwachung des politischen Lebens und der Sicherstellung von staatlichen Akten beauftragt; ihr vorrangiges Ziel war jedoch die Ermittlung und Ermordung von tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern des NS-Regimes. Angehörige der Einsatzgruppen waren direkt an der massenhaften Ermordung von Zivilisten (insbesondere von Juden) beteiligt, und viele von ihnen wirkten eigenhändig an Massenerschießungen mit. Nach Mallmann waren die Einsatzgruppen „im Koordinatensystem von Vernichtungskrieg und Holocaust die effektivste Mordwaffe vor der Erfindung der Todeslager mit ihrer Kulmination in Auschwitz.“ 3 Die Einsatzgruppen setzten sich aus Einsatz-, Sonder- oder z.b.V.-Kommandos zusammen, die sich weiter in Teilkommandos (sogenannte Stützpunkte) untergliederten. Sie unterstanden dem RSHA, dem sie zu berichten hatten und von dem sie Befehle und Anordnungen bekamen. Das Amt I des RSHA war für die personelle Zusammenstellung dieser speziellen Einheiten verant1

Kwiet 1998, S. 71. Richtlinien für den auswärtigen Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD (o. D.). BArch R 58/241. 3 Mallmann 2008, S. 11. 2

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Vorgeschichte

wortlich. Für die höheren Posten wurden für Heydrich bzw. Himmler besondere Listen erstellt, anhand derer sie dann die Einsatzgruppenführer und die Führer der einzelnen Kommandos auswählten. Für die übrigen Angehörigen gab es in der Regel keine förmlichen Richtlinien. Aus den regionalen Gestapo-, Kripound SD-Dienststellen wurden geeignete Männer herausgesucht und zum Einsatz abgeordnet. 4 Hinzu kamen zumeist Angehörige der Ordnungspolizei und der Waffen-SS sowie eine beachtliche Gruppe an Hilfspersonal (Kraftfahrer, Dolmetscher, Funker etc.). Unterstützung gewährte im Notfall die Wehrmacht, häufiger die im Einsatzgebiet lebenden Volksdeutschen und einheimischen Kollaborateure. Beim Führungspersonal der Einsatzgruppen handelte es sich keineswegs um eine Negativauslese. Der Einsatzbefehl ist nicht – wie Wildt in seiner Studie richtig herausstellt – als eine Strafmaßnahme zu verstehen: „In Bezug auf die geforderten Fähigkeiten wie Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick gegenüber den Wehrmachtsstellen, Selbständigkeit in der Entscheidung, wie die zentralen Richtlinien vor Ort umgesetzt werden konnten, und Improvisationsvermögen angesichts nicht zu übersehender Schwierigkeiten und Probleme waren Himmler, Heydrich und die RSHA-Führung mit Sicherheit bemüht, erfahrene und in ihren Augen ausgezeichnete Männer für diese Aufgaben zusammenzustellen.“ 5 Die Befehle aus Berlin enthielten ein hohes Maß an Auslegungsspielraum. Wer als „Partisan“, „Funktionär“, „Kommissar“ oder „Plünderer“ zu bezeichnen war, mussten die Männer vor Ort entscheiden. 6 Nach der Besetzung eines Gebietes wurden die mobilen Einheiten meistens in stationäre Dienststellen des BdS und des KdS umgewandelt. Das Personal der Einsatzgruppen verblieb in der Regel am Ort und wurde diesen neu geschaffenen Stellen zugeteilt. Die tatsächliche Auflösung der Kommandos bzw. der aus ihnen entstandenen Dienststellen kam oft erst mit dem kriegsbedingten Rückzug der deutschen Truppen aus dem besetzten Gebiet. Die Männer wurden entweder zu ihren Heimatdienststellen zurückbeordnet oder blieben weiter im Einsatz und wurden zu anderen Kommandos oder Dienststellen im deutschen Herrschaftsbereich abkommandiert. Zurück blieben ihre Opfer. Die Tätigkeit der Einsatzgruppen ist folglich am besten an deren Zahl zu dokumentieren; die Angaben variieren zwischen 850 000 und 1 300 000 Ermordeten.7 Den überwiegenden Teil der Getöteten bildeten die durch die Angehörigen der Einsatzgruppen und ihre Helfer erschossenen Juden in der Sowjetunion. Doch nicht nur in der Sowjetunion wirkten die Einsatzgruppen der Sicher4

Wildt 2008, S. 548. Ebd., S. 553. 6 Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt/Main 2006, S. 45. 7 MacLean 1999, S. 11. 5

Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD

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heitspolizei und des SD. Sie bzw. einzelne Kommandos kamen überall in Europa zum Einsatz. Das erste Einsatzkommando wurde bereits im März 1938 aufgestellt und nach Österreich geschickt, um dort im Zuge des „Anschlusses“ einen schnellen Zugriff auf alle „reichsfeindlichen Elemente“ zu gewinnen. Die Sicherheitspolizei (Gestapo und Kriminalpolizei) und der SD agierten noch institutionell weitgehend getrennt, wobei die Aufgabe der Sipo in systematischen Verhaftungen von Emigranten, politischen und kirchlichen Gegnern sowie Juden bestand, während dem SD die Erfassung und Auswertung des staatspolizeilich relevanten Informationsmaterials des Gegners oblag. 8 Mit den gleichen Aufgaben wurden auch die Einsatzgruppen betraut, die bei der Besetzung des tschechoslowakischen Grenzgebietes Anfang Oktober 1938 (Einsatzgruppe Dresden und Einsatzgruppe Wien) bzw. bei der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren Mitte März 1939 (Einsatzgruppe I mit Sitz in Prag und Einsatzgruppe II mit Sitz in Brünn) eingesetzt wurden. Nach Abschluss der militärischen Operationen verwandelten sich die mobilen Einheiten auf dem besetzten Gebiet in stationäre Dienststellen. Mit den späteren Einsatzgruppen hatten diese Formationen allerdings fast nur den Namen gemein; zur späteren Radikalisierung kam es erst bei Kriegsausbruch. 9 Kurz nach dem militärischen Angriff auf Polen überschritten im Rücken der Wehrmacht auch sicherheitspolizeiliche Einheiten die Grenze. Es waren dies die hierzu speziell aufgestellten Einsatzgruppen I bis V, die jeweils aus zwei bis vier Einsatzkommandos mit bis zu je 150 Mann bestanden. Am 3. September 1939 wurde eine zusätzliche Einsatzgruppe z.b.V. mit vier Polizeibataillonen und einem sicherheitspolizeilichen Sonderkommando in Stärke von 350 Mann gebildet sowie in der zweiten Septemberwoche die Einsatzgruppe VI und das Einsatzkommando 16. Diese Einheiten, die offiziell dem Heer unterstellt waren, aber dennoch direkte Befehle von Himmler bekamen, spannten ein breites Netz über das gesamte besetzte Gebiet, sodass fast jede größere polnische Ortschaft in den Operationsgebieten der Einsatzgruppen lag. Dort ermordeten sie Intellektuelle, Angehörige des katholischen Klerus und Juden, organisierten die systematische Vertreibung der Juden aus den an das Reich angegliederten polnischen Westgebieten und brachten sie in die Ghettos im Generalgouvernement. Es kam zu willkürlichen Erschießungen, Plünderungen und Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung, wobei die Zahl der Opfer nicht genau festzustellen ist, auf jeden Fall aber „deutlich im fünfstelligen Bereich“ liegen dürfte.10 Nach ungefähr einem Monat im Einsatz erreichten die einzelnen Kom8 Klein, Peter (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Berlin 1997, S. 11 f. 9 Mallmann 2000, S. 293. 10 Mallmann 2008, S. 18 f., 53 u. 88.

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Vorgeschichte

mandos ihre Zielorte und wurden zu stationären Dienststellen umgewandelt. Die offizielle Auflösung der Einsatzgruppen erfolgte am 20. November 1939. Ihre Bedeutung fasst Wildt wie folgt zusammen: „Der ‚Einsatz‘ in Polen markierte ohne Zweifel eine Zäsur. Die Praxis der Einsatzgruppen […] überstieg bei weitem den Terror, den diese Männer zuvor als Stapostellenleiter oder SDFührer praktiziert hatten. Im Herbst 1939 führten die Einsatzkommandos Exekutionen in einem Umfang und in einer Weise durch, die bereits an die späteren Massenerschießungen in den besetzten sowjetischen Gebieten erinnern. In Polen lernten etliche SS-Führer […] in ‚großen Räumen‘ zu denken und zivilisatorische Schranken zu überschreiten.“ 11 Sie waren laut Mallmann „die Weichensteller auf dem Weg in den Rassen- und Vernichtungskrieg“. 12 Dieser Vernichtungskrieg erreichte seinen Höhepunkt in der Sowjetunion. Als am 22. Juni 1941 der Angriff deutscher Truppen begann, folgten diesen vier Einsatzgruppen mit etwa 3000 Mann, die seit Mai in der Grenzpolizeischule Pretzsch und den umliegenden Orten Bad Düben und Bad Schmiedeberg ausgebildet und anschließend auf die vier Gruppen aufgeteilt worden waren. Die Einsatzgruppe A (Sonderkommando 1a, Sonderkommando 1b, Einsatzkommando 2 und Einsatzkommando 3) unter Walter Stahlecker schloss sich der Heeresgruppe Nord an und war für das Gebiet des Baltikums zuständig, die Einsatzgruppe B (Sonderkommando 7a, Sonderkommando 7b, Einsatzkommando 8, Einsatzkommando 9 und Vorkommando Moskau) mit Arthur Nebe an der Spitze folgte der Heeresgruppe Mitte nach Weißrussland, der Heeresgruppe Süd wurde für die nördliche und mittlere Ukraine die Einsatzgruppe C (Sonderkommando 4a, Sonderkommando 4b, Einsatzkommando 5 und Einsatzkommando 6) mit Otto Rasch zugeteilt, und in das Gebiet südliche Ukraine, Bessarabien, Halbinsel Krim und Kaukasien rückte mit der 11. Armee die Einsatzgruppe D (Sonderkommando 10a, Sonderkommando 10b, Sonderkommando 11a, Sonderkommando 11b und Einsatzkommando 12) unter Otto Ohlendorf ein. 13 Im Laufe der Zeit wurden auch hier die mobilen Einheiten in stationäre Dienststellen umgewandelt, je nachdem wie schnell das Gebiet besetzt und die Lage aus deutscher Sicht stabilisiert werden konnte. Das Personal der Einsatzgruppen war äußerst heterogen. Für die Einsatzgruppe A gibt es eine genaue Aufstellung; die insgesamt 990 Mann starke Gruppe (464 Mann im Stab, der Rest auf die vier Kommandos verteilt) setzte sich wie folgt zusammen: 340 Waffen-SS-Angehörige, 172 Kraftfahrer, 133 Ordnungspolizisten,

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Wildt 2008, S. 862 f. Mallmann 2008, S. 99. 13 Klein 1997, S. 23. Außer diesen Kommandos kamen in der Sowjetunion auch zum Beispiel folgende spezielle Formationen zum Einsatz: Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD Tilsit, Einsatzgruppe z.b.V. unter Eberhard Schöngarth und für die Spurenvernichtung das SK 1005 unter Paul Blobel. 12

Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD

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93 Dolmetscher, Verwaltungsfachleute, Sekretärinnen, Funker und Fernschreiber, 89 Gestapo-Angehörige, 87 Hilfspolizisten, 41 Kriminalpolizisten und 35 SD-Angehörige. 14 Angehörige der Sicherheitspolizei und des SD waren hiernach nicht einmal 17 Prozent des gesamten Personals. Die Aufgabe, mit der die Einsatzgruppen in die Sowjetunion einmarschierten, bestand in der Ermordung der politischen, sozialen und kulturellen Führungsschicht der Sowjetunion, insbesondere aller Juden in höheren Partei- und Staatspositionen. Kurz darauf wurde diese Vorgabe auf alle wehrfähigen jüdischen Männer ausgeweitet und im Juli 1941, spätestens im August gingen die Einsatzgruppen dazu über, systematisch auch Frauen und Kinder zu erschießen. 15 Ogorreck zufolge wurde den Einsatzgruppen der „Judentötungsbefehl“, also der Befehl zur Ermordung aller jüdischen Bewohner in der Sowjetunion, im August 1941 erteilt. 16 Auch Mallmann geht davon aus, dass der „Endlösungsbefehl“ vor dem Abmarsch aus Pretzsch „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ noch nicht erteilt worden war.17 Die Erschießungen hatten in der Regel ein ähnliches Ablaufschema. Nach der Festnahme wurden die Opfer außerhalb der Ortschaften zu einem abgesperrten Erschießungsort gebracht, wo sie sich nackt ausziehen, ihre Wertsachen abgeben und manchmal sich selbst ein Grab ausheben mussten. Dann hatten sie sich nacheinander vor dem Grab aufzustellen oder hineinzulegen und wurden erschossen. Meistens fanden die Erschießungen in Panzergräben, Steinbrüchen, Schluchten oder an ähnlichen Plätzen statt, die dann leicht mit Erde zugedeckt werden konnten. Danach wurde Schnaps und Essen gereicht, und es musste Meldung erstattet werden. Unterstützung bei diesen Aktionen kam einerseits von Einheimischen, andererseits von anderen bewaffneten Formationen aus dem Reich, meistens von den Polizeibataillonen, nicht selten von der Wehrmacht. Deutsche Militärangehörige hatten sich seit dem Angriff auf Polen zu „Komplizen und aktiven Teilnehmern an Hitlers Neuordnung Europas entwickelt“.18 Nicht Konfrontation zwischen dem Heer und den Einsatzgruppen, sondern Arbeitsteilung untereinander bestimmte das gegenseitige Verhältnis. Auch wenn die Zahl der Opfer in der Sowjetunion nicht genau zu ermitteln ist, wird deutlich, dass das Jahr 1941 für die Einsatzgruppen „den endgültigen Übergang von der Menschenjagd zum Massenmord, vom Eroberungs- zum Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg“ bedeutete. 19 Neben den Einsatzgruppen in der Sowjetunion, die zweifellos für die meisten

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Wilhelm 1996, S. 11. Wildt 2008, S. 604. Ogorreck 1996, S. 220. Mallmann 2000, S. 303. Mallmann 2008, S. 91. Mallmann 2000, S. 301.