Flieg, Hitler, flieg!

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Ned Beauman

Flieg, Hitler, flieg!

Ned Beauman

Flieg, Hitler, flieg! Roman Aus dem Englischen von Sophie Kreutzfeldt

»… wir haben uns daran gewöhnt zu glauben, dass Karten zwangsläufig der Wirklichkeit entsprechen und dass man, wenn sie es nicht tun, den Widerspruch aufheben kann, indem man die Wirklichkeit ändert.« Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte

»Dissonanz ist die Wahrheit über Harmonie.« Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie

Die Originalausgabe erschien  unter dem Titel ›Boxer, Beetle‹ bei Sceptre, London ©  Ned Beauman Erste Auflage  © für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln Alle Rechte vorbehalten Übersetzung: Sophie Kreutzfeldt Lektorat: Stephan Kleiner Umschlag: Zero, München Satz: Angelika Kudella, Köln Gesetzt aus der Adobe Garamond Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Druck und Verarbeitung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN ---- www.dumont-buchverlag.de

ERSTES KAPITEL

Manchmal, wenn ich nichts zu tun habe, schließe ich die Augen und stelle mir die Feier zum dreiundvierzigsten Geburtstag von Joseph Goebbels vor. Mir gefällt der Gedanke, dass Hitler selbst im geschäftigen Herbst des Jahres  noch die Zeit fand, eine Überraschung für seinen lieben Freund vorzubereiten, nachdem er wochenlang so getan hatte, als sei ihm das Datum entfallen: Absichtlich hatte er die ungeschickten und immer verdrosseneren Hinweise des Propagandaministers ignoriert und gewartet, bis am Abend des . Oktober auch der letzte Befehl an seine U-BootKommandanten abgegangen war, bevor er Goebbels unter einem Vorwand in die Bar der Reichskanzlei führte. Laute Rufe: »Alles Gute zum Geburtstag!«, unzählige Fähnchen, ein erleichtertes Lachen, als Goebbels den Führer umarmte, vielleicht sogar mit Tränen der Rührung in den Augen. Die Feier konnte beginnen. Das sind natürlich Mutmaßungen. Sicher ist jedoch, dass Hitler Goebbels irgendwann an diesem Tag sein Geburtstagsgeschenk überreichte: eine erlesene fünfzehnbändige, illustrierte Gesamtausgabe von Goethes Werken, erschienen  im Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung in Stuttgart, gebunden in rotes Saffianleder mit goldgeprägtem Buchrücken und marmorierten Schnitten. Man kann die Soldaten der . US -Luftlandedivision nur bedauern, die beinahe fünf Jahre später in ein mit Brettern vernageltes Salzbergwerk bei Berchtesgaden eindrangen und die Schnapskisten aufbrachen, die sich dort stapelten. Denn sie fanden weder Goldbarren noch die Heilige Lanze, die Christus in die Seite gestoßen wurde, nicht einmal eine einzige tröstliche Schnapsflasche, sondern Goebbels’ private Bibliothek, die hastig dort versteckt 

worden war, als sich das Kriegsgeschick gegen die Nazis zu wenden begann. Dennoch besaß jemand genug Pflichtbewusstsein, um die Bücher vor dem Feuer zu retten, sodass sie in die Library of Congress in Washington gebracht werden konnten. (Die Mehrzahl von Hitlers sechzehntausend Büchern wurde unterdessen zusammen mit seinem Schädel und Eva Brauns Unterwäsche von der Roten Armee sichergestellt und verrottet bis zum heutigen Tag auf dem Gut Uskoje bei Moskau in einer verlassenen Barockkirche, die ich mir nur als das mit Abstand unheimlichste Bauwerk der ganzen Welt vorstellen kann.) Die Bücherkisten aus dem Salzbergwerk wurden erst  ausgepackt, als ein Student, der ein Praktikum machte und wahrscheinlich wünschte, er hätte in einem Ferienlager ausgeholfen, mit dieser Aufgabe betraut wurde. Inzwischen war die Goethe-Ausgabe mit Hitlers freundlicher Widmung und gelegentlichen Randbemerkungen von Goebbels auf dem freien Markt aufgetaucht. Und etwa fünfzig Jahre später gelangte sie in den Besitz von Horace Grublock, dem Bauunternehmer aus London, für den ich bis zu seinem gewaltsamen Tod vor einigen Monaten hin und wieder Aufträge erledigt habe. Zwischen  und  schenkte Grublock mir als Gegenleistung für meine Dienste drei Bände (von Prometheus bis Iphigenie auf Tauris) und versprach mir, dass ich eines Tages die gesamte Ausgabe bekommen würde, wenn ich mich loyal verhielt. Das war demütigend, aber Grublock sagte, er würde nie verkaufen. Und selbst wenn er es täte, würde die Art Händler, die Goebbels’ Goethe handhaben konnte, von jemandem wie mir, Kevin Broom, nicht einmal einen Telefonanruf entgegennehmen; und selbst wenn sie es täten, könnte ich mir die Bücher niemals leisten. Also hatte ich keine Wahl, als ihm zu gehorchen. Obwohl mir die Zahnpasta noch aus dem Mund tropfte, rannte ich daher eilig zum Telefon, als Grublock eines Donnerstags im September um zehn Uhr abends anrief, damals, als ich noch nie 

etwas von der Stadt Roachmorton gehört hatte. Ich wusste, dass er es war. »Fishy«, sagte er. »Ja, Horace?« »Erinnerst du dich an diesen Privatdetektiv, der den einen oder anderen Auftrag für mich erledigt? Zroszak?« »Ich denke schon.« »Er soll sich jeden Abend telefonisch melden. Aber jetzt hat er es zweimal versäumt, ohne Angabe von Gründen. Ich hab selbst versucht, ihn anzurufen, aber er geht nicht ran. Fahr mal rüber und vergewissere dich, dass alles in Ordnung ist.« »In sein Büro?« »Er hat kein Büro. Er arbeitet von zu Hause aus wie ein Handleser aus der Vorstadt. Es ist in Camden. Dauert nur zehn Minuten.« Er gab mir die Adresse. »Woran arbeitet er denn gerade für Sie?« »Du weißt ganz genau, dass ich dir das nicht sagen kann, Fishy. Auch wenn du dich gezwungenermaßen loyal verhältst, weiß ich, dass deine wahre Treue deinen Internetfreunden gilt. Es sei denn, du hast zufällig von einem Typ namens Seth Roach gehört?« »Hab ich nicht.« »Dann ist das erledigt. Mach dich auf den Weg.« Ich werde oft gefragt: Warum sollte man seltene Nazi-Memorabilien sammeln, wenn man kein heimlicher Nazi ist? Oder wenigstens vermute ich, dass man mich das oft fragen würde, wenn außer Grublock, meiner früheren Putzfrau Maria und meinen »Internetfreunden« (wie Grublock sie nennt) jemand von meinem Hobby wüsste. Ich bin kein heimlicher Nazi. Mir wird übel, wenn ich daran denke, was sie getan haben. Das geht Ihnen vermutlich genauso. Und wenn allein der Gedanke daran einen kleinen Schauer von falscher Überlebensschuld verursachen kann, dann stellen Sie sich vor, wie es erst ist, wenn man einen SS-Dolch in die Hand nimmt. 

Ich kenne keine vergleichbare Erfahrung: Man fühlt sich, als tue man etwas schrecklich Böses, und doch weiß man, dass es nicht böse sein kann, weil man niemandem Schaden zufügt. Es ist dumm und berauschend und aufschlussreich. Normalerweise können Sie Ihr eigenes Gewissen nicht betrachten, weil es immer nur zum Vorschein kommt, wenn es mit dem Schnabel auf Sie einhackt und Sie alles tun würden, um es abzuschütteln; aber sperren Sie Ihr Gewissen in den Käfig dieses Paradoxons, wo es kriechen oder bellen, aber Sie nicht verletzen kann, und Sie können es inspizieren, solange Sie wollen. Die meisten Menschen kennen ihre wahren Empfindungen gar nicht, denn sie haben Angst, dass die sechs Millionen Toten sie nicht traurig genug machen könnten, wenn sie wirklich über den Holocaust nachdenken. Ich aber bin ein Experte für meine eigene Seele. Ich sollte noch hinzufügen, dass die Preise für Nazi-Memorabilien um zehn oder zwanzig Prozent pro Jahr steigen können. Versuchen Sie mal, eine solche Rendite an der Börse zu erzielen! Ich mache meine Geschäfte bei Internetauktionen und nutze die Dummheit und Faulheit der Amateure aus, die zu gleichgültig sind oder nicht wissen, dass sie bei einem echten Händler einen besseren Preis bekommen würden. Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Wenn sie mit ihrer »unsichtbaren Hand« nach meinen Geschäften greift, gebe ich ihr einen Klaps. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mache auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das eine oder andere japanische Samurai-Schwert. (Ich würde niemals irgendwelchen Nazikram nur des Profits wegen kaufen und verkaufen.) Früher war ich Buchhalter, aber ich war es leid, mich von meinen Kunden herumkommandieren zu lassen, und vor allem erschien es mir günstig, meinen Beruf und meine Beru

fung zur Deckung zu bringen – auf diese Weise kann ich die Stunden rechtfertigen, die ich vor dem Computer verbringe, um Kataloge, Auktionsverzeichnisse und Internetforen zu durchstöbern. Das bringt mir das Geld für die Miete ein, aber ich bin nie flüssig genug, um irgendwelche großen Deals zu machen, und muss oft monatelang sparen, um mir auch nur ein Zigarettenetui von Ilse Koch leisten zu können. Als Sammler bin ich also ein Wurm – besonders im Vergleich zu Stuart, meinem besten Freund, der es sogar mit Grublock aufnehmen kann. Immer wieder vergeht eine ganze Woche, in der ich zu wütend bin, um mit Stuart zu sprechen, weil er sich geweigert hat, ein Gebot für irgendeinen unwiderstehlichen Gegenstand abzugeben, sodass der Schatz auf Nimmerwiedersehen nach Tokio verschwunden ist. Er kann sich fast alles leisten: Das einzige Kind eines Hedgefonds-Maestros, hat er sein Erbe mit einer erheblichen Entschädigungszahlung aufgestockt, nachdem er mit der Kaffeemaschine im Büro einen Unfall hatte, durch den er von der Taille abwärts gelähmt ist. Ich frage mich oft, ob ich auf den Gebrauch meiner eigenen Beine verzichten würde – sagen wir mal im Austausch für die Remington Portable, auf der Mein Kampf geschrieben wurde, und ich bin ziemlich sicher, dass ich es täte. Es ist ja nicht so, als ginge ich häufig aus dem Haus, und Stuart scheint trotz seiner Behinderung stets bester Laune zu sein (was meinen hartnäckigen Verdacht untermauert, dass seine Pflegerin es ihm gegen eine kleine Zulage mit der Hand macht). Umgekehrt frage ich mich auch häufig, ob ich auf eine Trophäe wie die Reiseschreibmaschine im Austausch für eine Heilung meiner Trimethylaminurie verzichten würde; und sosehr ich diese Krankheit hasse: Ehrlich gesagt wäre ich nicht nur willens, mit ihr zu leben, sondern ich würde ohne Skrupel auch Stuart anstecken, wenn ich dafür diese Schreibmaschine in die Finger bekäme. Ich erwähne das alles nur, damit Sie verstehen, dass ich nicht so bin wie Grublock. Nicht im Geringsten. Einmal hörte ich, wie 

mein früherer Arbeitgeber einem Investor aus Russland seine riesige Sammlung erklärte. »In gewissem Sinne bin ich vermutlich ein Nazi«, sagte er nachdenklich. »Ich bewundere ihre Zielstrebigkeit. Ihren Mut. Ihren Stil, im Sinne von Nietzsche. Sie haben kein Abweichen von ihrer Vision geduldet, und das ist eine Lektion, die wir alle lernen sollten. Und natürlich liebe ich die Architektur, obwohl das meiste leider nur als Entwurf existiert.« »Und hassen Sie auch die Juden?«, fragte der Russe. »Absolut nicht. Wie ich schon sagte, habe ich großen Respekt für bestimmte Aspekte des Nationalsozialismus, aber nicht für ihre merkwürdigen und peinlichen Phobien. All das ist irrational, und irrational bin ich nicht. Man kann Sammler mit solchen perversen Neigungen leicht erkennen. Sie haben die Bücher, die angeblich in Menschenhaut gebunden sind, und die Seifenstücke, die angeblich aus menschlichem Körperfett gemacht worden sind. Idiotisch. Gegerbte Menschenhaut ist kaum von gegerbter Schweinehaut zu unterscheiden, und das mit der Seife ist nur ein Mythos. Aber sie wollen es für wahr halten und verschwenden ihr Geld dafür. Das heißt, wenn sie keine Holocaust-Leugner sind – in diesem Fall findet man nichts von den üblen Sachen, sondern eher neuere dokumentarische ›Beweise‹, die belegen, dass Dachau nur ein experimenteller Gemüsegarten war, oder solchen Blödsinn.« Er trank seinen Gin Tonic aus. »Nein, ich hasse Juden gewiss nicht. Mir tun die Opfer der Nazis leid, sofern es möglich ist, dass einem eine Unmenge proletarischer Ausländer leidtun, die Jahrzehnte, bevor man geboren wurde, ums Leben gekommen sind. Und ich gebe zu, dass Hitler vermutlich verrückt oder böse oder ein elender Dreckskerl war, sofern es überhaupt einen Unterschied zwischen den dreien gibt und sofern es überhaupt sinnvoller ist, diese Begriffe auf einen toten Diktator anzuwenden als auf ein Erdbeben oder einen Wirbelsturm. Und ich halte es für einen Fehler, dass er versuchte, Europa zu unterjochen, sofern die politischen Ziele des einen legitimer oder weniger legitim sein können als die des anderen.« 

Das Absurde an Grublocks Sammlung, die das obere Stockwerk seines dreistöckigen Penthouse einnahm, war übrigens die Tatsache, dass sie die Nazis selbst übertraf: Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte des Dritten Reiches war so viel Pracht in einem einzigen Raum versammelt gewesen. Es wirkte vielmehr, als hätten ein paar Unternehmer aus Las Vegas ein Casino namens Hitler’s Palace gebaut. Das Prunkstück der Inszenierung war ein Glaskasten mit der Luftwaffenuniform des Generals Walther von Axthelm, komplett mit Ritterkreuz und einem smaragdbesetzten Jagddolch, dessen Klinge ursprünglich Napoleon gehört hatte. Daneben stand Grublocks wertvollster Schatz, ein hinreißendes Falknerkästchen aus Porzellan, das für den Reichsjägermeister Hermann Göring angefertigt worden war. Der Rest des Raums war vollgestopft mit weiteren Uniformen, Orden, Folterinstrumenten, Ziergegenständen und Gemälden, alles beleuchtet von schummrigen kleinen Spotlights. An den Wänden hingen lange rote Seidenfahnen mit schwarzen Hakenkreuzen auf weißen Kreisen. Ein echtes Nazi-Wunderland. Als Grublock mir nicht den kleinsten Hinweis darauf geben wollte, was Zroszak für ihn erledigen sollte, konnte ich deshalb sicher sein, dass der Detektiv auf der Spur von etwas wirklich Außergewöhnlichem war. Ich zog mich um und ging hinunter zu meinem Wagen. Wie üblich war das Happy Fried Chicken, über dem meine Wohnung liegt, randvoll mit versoffenen Gestalten – die Beliebtheit dieses Lokals hat mich immer verblüfft, bis ich herausfand, dass einer der Köche Cannabis verkauft. Die Nacht war kalt, und als ich zu Zroszaks Wohnblock in der Nähe des Kanals fuhr, hatte London etwas Unwirkliches wie eine geflüsterte Unterhaltung zwischen den Straßenlampen. Ich wollte Radio hören (es gibt da diesen Piratensender namens Myth FM , den ich mag), konnte aber auf der schrottreifen Musikanlage in meinem Auto nur abgehacktes weißes Rauschen finden. Die Londoner Luft muss mit statischer Elektrizität gesättigt sein, denke ich immer; die elektromagnetischen Wellen, die 

aus Autos, Mikrowellenherden und Telefonleitungen aufsteigen, sind ein ebensolcher urbaner Rückstand wie Rost und Staub und Ruß – ich zweifle nicht daran, dass die Ratten, Tauben und Kakerlaken inzwischen gelernt haben, mithilfe dieser Wellen ihren Weg durch die Stadt zu finden. Bei Zroszak angekommen, drückte ich auf die Klingel, aber aus der Sprechanlage kam keine Antwort, also wartete ich in der Kälte, und als eine junge Frau in einem grauen Kleid herauskam, grapschte ich nach der hinter ihr zufallenden Haustür. Die Frau rümpfte im Vorbeigehen die Nase. Oben stand die Tür der Wohnung B einen Spalt offen. Das Schloss war aufgebrochen. Ich klopfte, erhielt aber wieder keine Antwort, also sagte ich: »Mr Zroszak?« und drückte die Tür auf. In der kleinen, kärglichen Wohnung sah ich Zroszak hinter dem Schreibtisch knien, als würde er beten; sein Kopf war nach vorn gefallen, sodass sein Gesicht verborgen war. An der Schreibtischkante klebte getrocknetes Blut, und dort, wo es auf den Teppich getropft war, hatte es einen dunklen Fleck hinterlassen. Als ich näherkam, konnte ich die grünlich-schwarzen Venen erkennen, die auf seiner Stirn hervortraten, und ich konnte die Fäulnis riechen, die bereits einzusetzen begann, als würde eine alte stumpfe Klinge langsam geschärft. All das war mir vertraut aus den vielen Fernsehfilmen mit glamourösen Gerichtsmedizinerinnen, die ich immer sehe – solche, bei denen du fast wünschst, ermordet zu werden, nur damit eine dermaßen heiße Frau deine Lungen in ihren weichen Händen hält, und in denen sie den Tatort wie eine alternde Filmschauspielerin mit Puder und Pinzetten und respektvollem Gemurmel präparieren – aber ich war kein Detektiv und wollte mich einfach nur umdrehen und wegrennen. Zitternd wählte ich Grublocks Nummer. »Fishy?« »Er ist tot«, sagte ich. »Ach, verdammter Mist. Wie?« 

»Erschossen, glaube ich. Mit einer Knarre.« »Verdammter Mist. Die verfluchten Japaner, wette ich. Eines dieser grässlichen kleinen Konsortien. Ständig hecken sie solchen vulgären Unsinn aus. Na gut. Vielen Dank, Fishy. Geh nach Hause. Ich schicke jemanden rüber, der weiß, was zu tun ist.« Ich legte auf. Als ich mich umsah, wurde mir klar, dass die Wohnung geplündert worden war. Die Schubladen des Aktenschranks waren herausgezogen und geleert worden. In keinem der Regale standen Bücher. Auf dem Schreibtisch lagen neben dem Kopf des Ermordeten ein Zeichenblock, ein Bleistift, ein Radiergummi und ein Buch mit dem Titel Wie man Hunde und Katzen zeichnet. Wenn es abgesehen davon in dieser trostlosen Wohnung die leiseste Spur von Zroszaks Persönlichkeit gegeben hatte, so fehlte sie jetzt wie die Moral einer Geschichte, an die ein vergesslicher Erzähler sich nicht mehr erinnert. Wenn ich etwas Wichtiges herausfinden könnte, dachte ich, würde mir Grublock wahrscheinlich einen Tiger-Panzer zu Weihnachten schenken. Aber selbst wenn der Mörder oder die Mörder etwas übersehen hatten, schien es mir unmöglich, nach Spuren zu suchen, solange Zroszaks Leiche dort lag. Allein der Gedanke ließ mich in die winzige Küche flitzen, um einen Eiswürfel zum Lutschen zu holen – das bewährte Mittel meiner verstorbenen Mutter gegen Angstzustände. Das Licht in Zroszaks Gefrierschrank funktionierte nicht, und die Eiswürfelschale war auf der untersten Ablage festgefroren. Ich zog fest daran, und sie löste sich mit einem Geräusch, das wie ein frostiger Husten klang. Dabei fiel etwas auf den Boden. Ich bückte mich und hob es auf. Es war ein Päckchen aus verschweißter Folie und sah aus wie die Tomatensuppe eines Astronauten. Mit meinem Schweizer Armeemesser schnitt ich es auf. Darin steckte ein vergilbtes Blatt Papier, zweifach gefaltet. Ich strich es auf dem Küchentisch glatt und überflog den mit der Maschine geschriebenen Text. Der Briefkopf trug die Adresse des Führerbaus 

in der Münchner Arcisstraße, das Datum war der . Oktober , und das Schreiben war an einen gewissen Philip Erskine in London gerichtet. Als ich die Unterschrift des Absenders sah, griff ich hektisch nach einem Eiswürfel. Verehrter Doktor Erskine! Ich habe Geschenke von Päpsten, Magnaten und Staatsoberhäuptern erhalten, aber keines war so einzigartig und unerwartet wie Ihre freundliche Gabe. Sie ist eine Mahnung, daß die Siege des Wissenschaftlers keinen Deut weniger wichtig für unsere Zukunft sind als die Siege des Soldaten. Ich hoffe, Sie halten mich über den Fortgang Ihrer Arbeit auf dem laufenden – vielleicht wird das Dritte Reich eines Tages eine Position für Sie bereithalten. Wie gut sprechen Sie Deutsch? Mit vorzüglicher Hochachtung Adolf Hitler Reichskanzler Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, jeden Zoll in Zroszaks Wohnung abzusuchen. Seine Leiche störte mich nicht mehr. Aber ich fand nichts.