Folge der Generationen

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riesa efau. Kultur Forum Dresden Adlergasse 14 01067 Dresden www.riesa-efau.de Folge der Generationen Vom WIR zum ICH zum WIR? Abstract Über das Jah...

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Folge der Generationen Vom WIR zum ICH zum WIR?

Abstract Über das Jahr 2011 werden in Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen verschiedene Konzepte der Definition von Generation, von Tradierungen, Brüchen und Neuanfängen behandelt. Zuerst werden zwei zeitlich 30 bis 40 Jahre auseinander liegende und ideell zwischen ehemaligem West- und Ostblock geschiedene Kulturen des Widerstandes gegen tradierte Normative beispielhaft in Beziehung gesetzt. Anschließend werden drei Orte auf ihre spezifische Zeitlichkeit hin untersucht und dies eingewoben in gesellschaftliche Kontexte. Haus Boden als rein privater, die scheune als öffentlicher und das Gebäude von riesa efau / Mehrgenerationenhaus als zeitlich teils privater, teils öffentlicher Ort. Die entsprechende Ausstellung in der Motorenhalle beginnt mit bereits vorhandenen künstlerischen Präsentationen, die andere Orte oder Konstellationen betreffen. Im Laufe der Ausstellung werden viele dieser Beiträge ersetzt durch solche, die aktuell orts- und situationsspezifisch für das Projekt mit Bezug das Thema und die drei Orte erarbeitet werden. Zudem werden potentiell die Orte und der städtische Raum ringsum bespielt. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm ergänzt die Ausstellungen. politischer Rahmen Parallel verlaufende Geschichte und Geschichten sowie individuell biografische Erfahrungen für einen Verstehensprozess zusammen zu bringen gelingt über den Begriff der „Generation“ - als zeitliche Ordnungskategorie. Gegenwärtig lässt sich mithin feststellen: „Noch nie ist öffentlich so intensiv über Generationenbildung gesprochen worden, noch nie wurden so viele generationelle Identifikationsangebote massenmedial verhandelt.“1 – von „Generation X“ über „Generation Golf“ hin zur „Generation Praktikum“. Letztere können sich vielleicht noch in die „Generation Probezeit“ hieven oder sich doch als „Krisenkinder“ wiederfinden2. Dabei ist es vor allem die Jugend, die eine zumeist massenmediale Zuweisung bekommt. Aber auch die Älteren haben mittlerweile Titulierungen bekommen - so als „Generation Gold“. Der inflationäre Gebrauch des Generationsbegriffs greift dabei jedwede Gefühls(„Generation Anti-Porno“3), Problem- (Jugendgewalt: „Die kaltblütige Generation“4), Wirtschafts-, Technik- („Generation upload“5) oder gar ökologische Dimension auf („Generation Busfahren“6). Aber was steht da eigentlich dahinter? Themen, Probleme, 1

Jureit, Ulrike (2006): Generationenforschung. Vandebhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG: Göttingen; S. 96

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SPIEGEL SPECIAL "Was wird aus mir? Wir Krisenkinder ? das Selbstporträt einer Generation" (7.7.2009)

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Der Stern, 15. Januar 2009

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Der Stern, 26. Juni 2009

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Der Stern, 28. Juni 2009

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Der Stern; 8. April 2010

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Perspektiven die vermeintlich alle, die einer Generation angehören betreffen? Aber wer gehört da einer Generation an? Wer ist da eigentlich betroffen? Warum werden generalisierend vermeintlich alle damit gekennzeichnet? Eine leichte Antwort wäre es, es mit einer inhärenten Massenmedienlogik zu erklären bei der Steigerungen und Superlatibe schlicht die Aufmerksamkeit erhöhen sollen. Damit generiert sich eine mediale Realität, bei der es im Grunde egal ist, wer nun wirklich dazu gehört und wer ausgeschlossen wird. Doch steht noch mehr hinter den verschiedenen Generationsbegriffen, die solcherart medial formiert werden? Historisch in die jüngste westdeutsche Geschichte zurückblickend ist die generative Bestimmung von bestimmten Gruppen nicht neu. Beispielsweise die „Skeptische Generation“ (Helmut Schelsky), der Generation die von Kriegserfahrungen geprägt waren. Weiterhin die Generation der 68er, die weit davon entfernt ist, nur eine analytische Kategorie zu sein. Die Selbstthematisierungsformel und damit die Imagination von einer eigenen Generation sind hier in besonderem Maße bedeutsam. Eine Generation die für Selbstverwirklichung, Individualität und Autonomie eintrat, um die noch sehr nahe Vergangenheit und die knöchernen Strukturen des Industriekapitalismus abzustreifen. Sind die beiden historisch genannten Generationen vor allem wissenschaftlich ausreichend betrachtet und sind insbesondere die 68er auch in den kulturellen Wissensvorrat aufgenommen, so ist die behauptete Intensivierung der Genertationenbildung zunächst eine Beobachtung. Folgt die Häufigkeit, mit der heute zusammenfassende Lagebeschreibungen mit einem Generationsbegriff verknüpft werden, einem wichtigen Bedürfnis, Gemeinsamkeiten stärker herauszustellen als individuelle Verschiedenheiten? Für die vergangenen Jahrzehnte im westlichen und seit den 90er Jahren auch im östlichen Teil Europas bildet die seit der Aufklärung bestehende philosophisch-kulturgeschichtlichen Idee vom Subjekt den geistigen Überbau. Gestärkt wird diese Idee durch die fortschreitende Arbeitsteilung, ausdifferenzierte gesellschaftliche Teilbereiche sowie sozialstaatliche Sicherungssysteme. In diesem Zusammenhang werden familiäre Zusammenhänge vielgestaltiger, von livingapart-together über Patchworkfamilien hin zu serieller Monogamie sowie die familiären Zusammenlebens gegenüberstehende „Generation Single“. Aber auch der Bezugspunkt Familie ändert sich. Hier ist der einzige Ort, an dem eine Person als die in verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche unterschiedlich eingewoben ist vollständig gesehen wird (Psychologisierung der familiären Kontakte). Dies zusammen gibt die praktische Basis für das Konzept des selbstbestimmten Individuums. Spülen nun die Resultate der „Krisen“ ein Bedürfnis nach einem stärkeren „Wir“ nach oben? Wird der Ruf nach Autonomie leiser, da dieser zu einer normativen Vorraussetzung des jetzigen Kapitalismus und einer damit verbundenen Lebenskultur geführt hat? In welcher Form wird die Idee vom Subjekt überdacht? Wobei zu fragen ist, wie signifikant die Idee vom selbstbestimmten Individuum (westlicher Prägung) war, wenn sie in Zeiten der Ost-West Konfrontation einem dem Osten zugesprochenen Kollektivbegriff ideologisch gegenübergestellt wurde? Zugespitzt gefragt, gab oder gibt es eine Generation Freies Individuum? „Wenn gesellschaftlich-geistige Umwälzungen ein Tempo einschlagen, das den Wandel der Einstellungen dermaßen beschleunigt, dass das latente kontinuierliche Abwandeln der hergebrachten Erlebnis-, Denk- und Gestaltungsformen nicht mehr möglich wird, dann kristallisieren sich irgendwo die neuen Ansatzpunkte zu einem als neu sich abhebenden Impuls und zu einer neuen gestaltgebenden Einheit.“7 Haben die gesellschaftlichen Umbrüche vor 20 Jahren, die gern als tiefgreifend beschrieben werden tatsächlich einen Impuls ausgelöst für eine spezifische Generation? Lässt sich die beobachtbare Häufung der Verwendung des Generationsbegriffs nun in einen tiefgreifenden Wandel übertragen 7

Mannheim, Karl (1964): Wissenssoziologie, Luchterhand: Berlin; S. 550

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oder werden die vorhandenen Krisen dafür nur als Kratzer an der Oberfläche wahrgenommen, da die Grundstruktur nicht wankt? Welchen weiteren Diskussionen, Begriffen oder Trends äußern sich die am Beispiel des Generationsbegriffes eine vermutete Veränderungen der mitteleuropäischen Gesellschaftsmodelle? Ohne Anspruch auf nur annähernde Vollständigkeit, mit einer Konzentration auf einige wichtige Ereignisse und im folgenden auf drei exemplarische Orte sollen für die öffentliche Diskussion einige Schlaglichter gesetzt werden. Geschichtlichkeit und Aktualität Das der Generationsbegriff als analytische Kategorie, Selbstthematisierungsformel und Deutungsmuster fungiert lässt nicht außen vor, dass er gleichwohl zur Geschichtsbeschreibung dient. Um die gegenwärtige Tragweite der Häufung des Generationsbegriffs zu beurteilen ist es zwingend notwendig zurück zu schauen. Damit soll die Geschichtlichkeit des Begriffs, tatsächlich dahinterstehende Geschichten und ebenso die jeweils prägenden Paradigmen betrachtet werden. Dies soll nicht nur aus Gründen der inneren Logik des Projekts erfolgen, sondern wird von der Erkenntnis gefordert, dass das Wissen um geschichtliche Determinierungen unserer gegenwärtigen individuellen und kollektiven Lebensformen allgemein eher eingeschränkt ist. Zwar gibt es nach unserer Überzeugung keine Möglichkeit, aus Vergangenem direkte Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen abzuleiten, doch handelt es sich einerseits bei vielen heute lokal und global relevanten Problemen um Erbschaften, die wir von früheren Generationen zu übernehmen hatten oder um solche, die wir gerade kommenden Generationen aufbürden, andererseits ist das Wissen um Vergangenheit natürlich implizite Voraussetzung, um heutige individuelle und gesellschaftliche Entscheidungen einer vorausschauenden, wenngleich keinesfalls auf absoluter Geltung bestehenden Rückkopplung zu unterziehen. Angesichts der seit längerer Zeit allfällig diskutierten demographischen Problematik, aber auch des Auseinanderdriftens von Generationen durch individualisierte Wohnformen, durch den Ausschluss wesentlicher Teile der jüngeren und der älteren Generation aus dem Berufs- und Arbeitslebens sind Fragen nach dem individualisierten und kollektiven Verhältnis von Generationen zu- und miteinander eminent wichtig. Symbolisch zusammengefasst ist es die Frage nach dem Verhältnis vom ICH und WIR. Damit ist nicht nur die Frage nach dem individuellen Verhalten, sondern ganz besonders auch die Fragen nach gesellschaftlicher Solidarität, nach Ein- und Ausschluss ganzer Gruppen oder Schichten, nach künftigen Modellen für Arbeit, Kreativität, Wanderung und das daraus resultierende materielle und geistige Eigentum ein. Somit liegt die Zielrichtung des Vorhabens im Hier und Jetzt, in der Genese eines Umfeldes mit Hilfe vor allem von künstlerischen, aber auch kulturwissenschaftlichen, soziologischen, geschichtlichen und philosophischen Aussagen zu den Wirkungen heutiger Entscheidungen und Handlungen für das Morgen bzw. die Zukunft. Verschiedene wichtige Sachverhalte und Sichtweisen werden in unterschiedlichen Projektteilen und dort aus differierenden Blickwinkeln immer wieder aufgeworfen. Diese sollen punktuell immer wieder aufeinander bezogen werden (Konferenz/Symposium/Katalog).

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Abfolge Erstes Halbjahr Die öffentlichen Projektaktivitäten beginnen im März 2010 mit der Ausstellung Goodbye London. Diese thematisiert die Entwicklung einer widerständigen Szene von Künstlern, Hippies, Schwulen, Lesben und frühen Punks, die spekulativ leer stehende Gebäude besetzten und belebten. Geradezu spiegelbildlich zu dieser Geschichte in einem westlichen, kapitalistischen Land der 70er Jahre findet im Mai / Juni die Ausstellung Stücke des Widerstehens statt, hier werden aktuelle Themen und Projekte des künstlerischen Widerstandes in den mittel- und osteuropäischen Staaten des früheren Ostblocks gezeigt. Diese beiden Schlaglichter auf die beiden sehr unterschiedliche Generationen werden ein Stück weit verbunden durch das Videoprojekt von Dalibor Martinis, einem Pionier der Video- und Medienkunst, das im Mai stattfinden wird. Er stammt aus dem früheren Jugoslawien und konnte aufgrund der Sonderstellung seines Heimatlandes vom Beginn seiner Karriere an auch im Westen ausstellen und arbeiten. Von der Generation her steht er den Protagonisten von Goodbye London nahe, von Herkunft und Methodik derjenigen bei Stücke des Widerstehens vorgestellten heute jüngeren Generation nahe. Das erste Halbjahr des Projekts wird sich also dem Vergleich zweier Generationen widmen. Die ältere Generation hatte das Wir- Gefühl gerade auch als antibürgerliches Statement für sich entdeckt. Die Jüngere, teils noch unter sozialistischen Bedingungen sozialisiert, ist mit einem Kunstmarkt konfrontiert, der de facto ausschließlich auf individuelle Karrieren setzt und distanziert sich mit ihrer WIR- Solidarisierung von diesem und bekämpft regelrecht kapitalistische Grundmythen. Weiterhin findet in der Galerie Adlergasse und in der Runden Ecke die Ausstellung Generation X Generation Y zum zweiten Male statt. Hier werden Arbeiten von zwei Künstler/innen der Generation ab 50 und von zweien aus der Generation bis 30 aus der Region gemeinsam ausgestellt, ohne dass diese Aktivität pekuniär Bestandteil des Projektes ist. Im Rahmen des Mehrgenerationenhauses laufen thematisch korrespondierend die ebenfalls finanziell unabhängigen Projekte Dresdner Familiengeschichten und das Generationenprojekt Friedrichstadt. Das Veranstaltungsprogramm besteht aus thematischen Video- und Filmabenden, Führungen, Künstlerdiskussionen, Vorträgen und Konzerten und wird in den kommenden Wochen konkretisiert. Zweites Halbjahr Während im ersten Halbjahr das Agieren in und aus dem Kunstsystem thematisiert wird, liegt der Schwerpunkt im zweiten Halbjahr auf Fragen, die heute in der Gesellschaft insgesamt mit Blick auf künftige Generationen gestellt und auch beantwortet werden müssen. Dazu werden Künstler/innen aus den beiden während der Zeit des Kalten Krieges bestimmenden europäischen Hemisphären und aus den während der Teilung und heute aktiven Generationen eingeladen bzw. deren Arbeiten gezeigt. Die Künstler/innen, die aktive Beiträge in Dresden entwickeln sollen, werden im Mai / Juni oder spätestens Anfang Juli für mindestens eine Woche zu einem nicht öffentlichen Workshop zur Vorbereitung eingeladen. Dabei werden mit ihnen die zu recherchierenden Orte, die Rahmenbedingungen in Stadt und Region und die Zielrichtung ihrer Beiträge zum Projekt diskutiert, analysiert und wohl auch justiert. Die Leitaktivität für das zweite Halbjahr stellen Programm und Ausstellung Bilder der Generationen dar. Diese finden in der Motorenhalle, im Haus Boden, der scheune, im

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Mehrgenerationenhaus Friedrichstadt sowie potentiell im jeweils umgebenden städtischen Raum statt. Eventuell wird ein weiterer externer Ort für die Ausstellung genutzt.8 Die Ausstellung in der Motorenhalle und potentiell an anderen Orten wird mit solchen Arbeiten der zu zeigenden oder eingeladenen Künstler/innen eröffnet, die innerhalb des Themenfeldes wichtig sind, die aber auf andere Orte oder Gegebenheiten als die hier in Dresden zu thematisierenden zielen. Im Verlauf der Ausstellung(en) werden Stück für Stück viele der anfangs gezeigten Arbeiten ersetzt durch neue Arbeiten, die spezifisch auf beispielhafte Situation in Dresden bezogen sind. Die Ausstellung wird sich wandeln. Sie wird selber zu einer Folge von Generationen. Die Formate der Veranstaltungen an den drei Orten sowie der Motorenhalle werden beispielsweise sein: In der Scheune wird es Konzerte und Diskussionen geben, im Haus Boden Geschichtswerkstätten und Führungen, im Mehrgenerationenhaus Projektentwicklungen und Diskussionen, in der Motorenhalle Videoabende und Workshops. Die Aufzählung ist natürlich nur beispielhaft. Weiterhin steht auch das deutsch- tschechische Symposion Strömungen/ Proud ní im thematischen Kontext und die teilnehmenden Künstler/innen werden ebenfalls in den vorbereitenden Workshop eingeladen. Das Institut für Soziologie wird ein Seminar zur Thematik abhalten und die Ergebnisse innerhalb des Projekts öffentlich präsentieren.

Überblick zum Ablauf Aktivitäten in der Motorenhalle 1. Goodbye London - Radical Art and Politics in the Seventies, Ausstellung und Begleitprogramm, Kurator/innen: Boris von Brauchitsch, Peter Cross, Astrid Proll und Jule Reuter, 16.3. bis 29.4.2011 2. Dalibor Martinis (HR) Ich wende mich an Sie von Mann zu Mann (2003) Videoprojekt und Begleitprogramm, Kuratorin: Susanne Altmann, 04. bis 21.5. 3. Stücke des Widerstehens (AT) Ausstellung und Begleitprogramm, Kurator/innen: Andrea Domesle, Michal Kolecek, Frank Eckhardt, 26.5. bis 16.7. 4. Bilder der Generationen (AT), Ausstellung und Begleitprogramm, Kurator: Frank Eckhardt, 12.10.2011 bis 14.1.2012 5. Vorstellung und Diskussion der Forschungsergebnisse des Instituts für Soziologie der TU Dresden 6. begleitende Veranstaltungen, Videoabende und Führungen in 1 bis 4 7. Konferenz im zweiten Halbjahr (evtl. auch in und mit DHMD) Aktivitäten in der Runden Ecke und Galerie Adlergasse 1. Generation X Generation Y (Mai / Juni 2011) 2. Strömungen 2011 (Symposium: 29.10. – 6.11.2011, Ausstellung: 08.11.- 24.11.10) 3. begleitende Veranstaltungen Aktivitäten in und um Haus Boden, scheune sowie Mehrgenerationenhaus 1. Geschichtswerkstätten 2. Stadtgesprächsführungen, Ausstellungsführungen, Ortsführungen 3. Workshop mit beteiligten Künstler/innen (nicht öffentlich) 4. Konzerte (scheune und live- Vertonungen in der Motorenhalle 5. Lesungen 6. Vorträge, Diskussionen 8

Dies wäre sinnvollerweise die Prager Spitze, in der bereits die Ausstellung OHNE UNS stattfand

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Die Ausstellungen Goodbye London Radical Art and Politics in the Seventies Kurator/innen: Boris von Brauchitsch, Peter Cross, Astrid Proll und Jule Reuter Die Ausstellung wurde bereits im Sommer 2010 - mit über 7000 Besuchern sehr erfolgreich - in der NGBK (Berlin) gezeigt. Die somit vorhandene Struktur eröffnet die Möglichkeit, diese Ausstellung in abgewandelter Form auch in Dresden innerhalb des geplanten Projekts zu zeigen. Da die Werke zwischenzeitlich wieder zu den Leihgebern zurück transportiert wurden, kann und wird die Zusammenstellung für Dresden einen besonderen Schwerpunkt auf die Möglichkeit einer vergleichenden Betrachtung der Kulturen des Widerstandes in einem westeuropäischen Land in den 70er Jahren mit der entsprechende aktuellen Kultur in den als MOE Staaten bezeichneten Ländern legen. Die Ausstellung veranschaulicht das Potential, das aus einer Krise erwachsen kann, beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen der Radikalisierung und macht mit den gezeigten künstlerischen Positionen auf eine politisch engagierte Kunstszene in London aufmerksam, die zumindest in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist. "Their crisis - our jobs" steht in fetten Lettern auf einem Plakat, das gegen Arbeitslosigkeit und für echte Arbeitsplätze wirbt. Doch dieses Plakat stammt nicht etwa von heute, sondern ist mehr als dreißig Jahre alt, als schon einmal eine einschneidende soziale Eruption die britische Gesellschaft erschütterte, an deren Ende Margaret Thatcher und die Geburt des Neoliberalismus standen. Wie aktuell manche Themen heute wieder oder noch immer sind, wird in der Ausstellung „Goodbye London“ gezeigt, die in einer vielschichtigen Präsentation zu Politik, Alltag und Kunst das Lebensgefühl in einer tief greifenden Krise widerspiegelt. Düstere Fotografien von John Savage oder Homer Sykes zeigen ganze Londoner Stadtteile, die durch spekulativen Leerstand zugrunde gingen, aber auch alle Formen des wachsenden Protests, der in seiner konstruktiven Form neuen Zusammenhalt erzeugte. Neben der Hausbesetzerszene thematisiert die Ausstellung die feministische und die Schwulenbewegung, den Arbeitskampf in den Fabriken und die Solidarität mit den internationalen Befreiungskämpfen. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs des Landes entwickelte sich in der Hauptstadt eine vitale Kunstszene, die die leer stehenden Fabriken und Warenhäuser kreativ nutzte. Am Tolmers Square etablierte sich die Druckerei eines Poster-Kollektivs, in dem Aktionsgruppen ihre Plakate für die politische Arbeit drucken lassen konnten. Künstler wie Peter Kennard, die sich auf die Bildästhetik von John Heartfield bezogen, reagierten mit Collagen und Fotos unmittelbar auf die internationale Tagespolitik. Margaret Harrison formulierte, wie auch Jo Spence mit dem Hackney Flashers Women's Photography Collective, feministische Positionen. Der Video-Künstler David Hall sezierte die Militanz der Medien, Victor Burgin nutzte Werbeästhetik, um die weitreichenden Folgen ungerechter Besitzverhältnisse zu analysieren. Derek Jarmans frühe 16-mm Filme schlagen einen anderen Ton an. Sie weisen mit ihren ästhetisch aufgeladenen Bildern auf seine späteren Verfilmungen hin, die homosexuelles Verlangen in eine gewaltsam-schöne Bildsprache übersetzen. Ein ästhetisches Gegenprogramm verkörperten in jener Zeit die Performances von Stuart Brisley. In ihnen setzt sich der Künstler existentiellen Grenzerfahrungen wie beispielsweise tagelanger völliger Isolation aus.

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Das geheime Motto der Ausstellung ist ein Graffiti, das die situationistische Gruppe King Mob in den frühen Siebzigern nahe der U-Bahnstation Ladbroke Grove angebracht hatte und mehr als zehn Jahre zu lesen war: "Tag für Tag das Gleiche: U-Bahn - Arbeit Mittagessen - Arbeit - U-Bahn - Sessel - TV - Schlafen - U-Bahn - Wie lang hältst du das noch aus - Einer von zehn dreht durch - Einer von fünf bricht zusammen".9 Künstler/innen u.a.: John Savage, Homer Sykes, Peter Kennard, Margaret Harrison, Jo Spence, David Hall, Derek Jarman, Stuart Brisley, Victor Burgin, Gruppe King Mob, Nick Wates u.a.

Ich wende mich an Sie von Mann zu Mann (1979 /2003) Künstler: Dalibor Martinis (HR) Kuratorin: Susanne Altmann Seit mehreren Jahren findet im Frühsommer in Kooperation mit der HfBK und dem Kunstfonds Sachsen/ SKD die kurze Präsentation einer Position aus dem Bereich Video statt. Dabei halten die eingeladenen Künstler auch immer einen Workshop in der HfBK. Dem thematischen Zusammenhang folgend ist für 2011 der kroatische Künstler Dalibor Martinis mit einer seiner politischen Arbeiten eingeladen. Er ist ein wichtiger Vertreter der ersten Generation multimedial arbeitender Künstler und steht insofern für nachfolgende Künstlergenerationen in seinem Arbeitsgebiet regelrecht im Begriff eines Klassikers. Seine Arbeiten hat er in vielen internationalen Ausstellungen wie der Biennale Sao Paolo, der Dokumenta, der Biennale Venedig, und auf zahlreichen Film- und Video- Festivals gezeigt, sie sind in Sammlungen vertreten wie der des Museum of Modern Art, des Stedelijk Museum oder beim ZKM. Die Arbeit 'Ich wende mich an Sie von Mann zu Mann' wurde im Jahre 2003 ausgeführt, im Vorfeld damals in Kroatien anstehender Wahlen mit grundlegender Bedeutung. Dalibor Martinis verstand sich als lokaler Kandidat dafür und verteilte in rund 100 Buswartehäuschen in Istrien Poster- Faltblätter mit seinem Foto und dem Aufruf 'Ich wende mich an Sie von Mann zu Mann'. Dazu legte er ab und an eine Schüssel süßer Bonbons auf die Bank. Allerdings zeigten die Fotos nicht den damals aktuellen Dalibor Martinis, sondern sein Bild aus der Zeit 25 Jahre zuvor. Mehr noch: auch das Konzept der Arbeit und die Gestaltung des Posters sind ebenso so alt, sie stammen alle aus den späten 70er Jahren, also aus einer Zeit, da freie Wahlen im damaligen Jugoslawien höchsten ein Traum gewesen wären. Dalibor Martinis schreibt zu seiner Arbeit: "... Diese seltsamen, die meiste Zeit leeren Orte, die manchmal aussehen, wie Kapellen am Straßenrand, manchmal wie dunkle Bunker, unheimliche Höhlen, Plätze einsamen Wartens, der Angst oder Langeweile werden zu potenziellen Orten menschlichen Kontakts. So wurde das Wahlgebiet, dass der Halbinsel Istrien, und 100 Wartehallen zu Orten der politischen Agitation. Genau wie das Bild des D.M. auf den Poster- Zetteln, gehören diese kleinen Häuser zu einer anderen, vergangenen Zeit, und das Dokument zur Entwicklung der Demokratie ist auch ein Dokument über die Existenz dieser kleinen einsamen Gebäude. Jede dieser Unterkünfte hat ihre eigene Idiosynkrasie, die sie anders aussehen lässt als alle anderen (...), und jede ist nun ein Obdach für das eine, heilige Prinzip der Demokratie."

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Für den Text zur Ausstellung wurde großenteils Material der NGBK verwendet.

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Stücke des Widerstehens Formen des Widerstands in der zeitgenössischen Kunst (AT) Kuratoren: Andrea Domesle, Michal Kolecek, Frank Eckhardt Seit einigen Jahren ist eine neue Generation von Kunstschaffenden zu beobachten, die sich in ihrem Werk mit Machtstrukturen im weitesten Sinne beschäftigt und die ihr Schaffen als eine Form von Widerstand gegen die Apparaturen von Macht versteht. Doch was bedeutet "Macht" für diese Generation? Was motiviert sie? Manche dieser Kunstschaffenden setzen sich inhaltlich dezidiert mit spezifischen politischen Konstruktionen auseinander und sie analysieren Kontrollmodelle oder Repräsentationen von Macht, während sich andere auf daraus resultierende übergeordnete Zusammenhänge konzentrieren. In der künstlerischen Formulierung von Kritik am Bestehenden, im Aufzeigen von Missständen oder Alternativen sind Sprache, Inhalt und Konzept häufig gekoppelt und die Grenzen zwischen künstlerischer Inszenierung und politischer Tat verschwinden. Die Kunst greift so direkt ins Leben ein und ihre Leistung ist es, ästhetisches Bewusstsein, Bürgersinn und Widerstandsgeist zu wecken. Mit Stücke des Widerstehens wird eine punktuelle Bestandesaufnahme der Formen des politischen Widerstands in der zeitgenössischen Kunst vor allem in den früheren Ostblockstaaten unternommen und es werden verschiedenste Arten der Annäherung an das Thema in unterschiedlichsten Medien gezeigt. Der im Kontext der Ausstellung Goodbye London auf die aktuelle Situation und eben die MOE Staaten gelegte Focus schließt auch die immer noch besondere Situation in diesen Ländern ein, in denen die gesellschaftliche Situation nach der politischen Öffnung noch immer eine Grundkonstellation für das heutige Kunstschaffen darstellt. Stücke des Widerstehens wird gemeinsam mit Andrea Domesle (A) und Michal Kole ek (CZ) und auf Grundlage von deren Ausstellung Why do you resist? Forms of resistance in comtemporary art and society entwickelt, die bereits in Graz (Forum Stadtpark) und in Ústí nad Labem (Center for Contemporary Central European Art) gezeigt wurde. Da wegen der spezifischen Ausrichtung innerhalb des hiesigen Gesamtprojekts für Dresden nur höchstens ein Drittel der vorherigen Exponate übernommen wird, kann mit Bezug auf die hier geplante Ausstellung de facto von einer Neuproduktion gesprochen werden. Auch der veränderte Titel trägt diesem Umstand Rechnung. Nach aktuellem Stand beteiligte Künstler/innen: Zbyn k Baladrán (CZ), Oskar Dawicki (PL), Marina Gržini & Aina Šmid (SLO), Jana Gunstheimer (D), Alexey Kallima (Ru), Šejla Kameri (BiH), Ji í Kovanda (CZ), Martin Krenn (A), Zbigniew Libera (PL), Rafani (CZ), Kristina Leko (HR), Gintaras Makarevicius (LT), Anatoly Osmolovsky (RU), Bettina Pousttchi (D), Oliver Ressler (A), Slaven Tolj (HR), Mona Vatamanu & Florin Tudor (RO), Martin Zet (CZ), Artur Zmijewski (PL), weitere Künstler/innen, insbesondere aus Ungarn, der Slowakei, den Baltischen Staaten sowie Mitteldeutschland und Berlin werden noch recherchiert.

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Bilder der Generationen (AT) Spuren, Blicke, Haltungen zwischen ICH und WIR Kurator: Frank Eckhardt In diesem Teil des Projekts werden Spuren, die Generationen von Bewohnern, von Nutzern oder auch von prägenden Stilen und Haltungen durch Künstler/innen an drei exemplarischen Orten untersucht. Die Essenzen werden zu künstlerischen Arbeiten destilliert, die nach und nach in einer Ausstellung in der Motorenhalle erscheinen und dort andere Artefakte, die den Eröffnungszustand der Ausstellung bilden, verdrängen werden. Nähere Erläuterungen zu diesem Verfahren sind weiter unten im Abschnitt zur Ausstellung zu finden. Um künstlerische Aussagen zum Verhältnis von Generationen, von ICH und WIR zu treffen, ist uns der partielle Rückblick in die Geschichte des letzten Centenniums ebenso wichtig, wie das Finden von Ausdrucksweisen für gegenwärtige oder antizipierte künftige Entwicklungen. Als beispielhaft zu untersuchende Orte fungieren das Haus Boden, die scheune sowie das Mehrgenerationenhaus Friedrichstadt (riesa efau). Die Auswahl der Orte folgt der Idee, als Basis für die künstlerische Recherche drei exemplarisch verschiedene Orte zur Verfügung zu stellen. Haus Boden war und ist ein rein privater Ort, an dem die außergewöhnlich gut dokumentierte Geschichte einer konkreten kleinbürgerlichen Familie und deren gesellschaftlicher Eingebundenheit über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren verfolgt werden kann. Die scheune ist demgegenüber der öffentliche Ort, ein seit 60 Jahren bestehendes Kulturzentrum, das zeitweise für die Selbstfindung und Selbstdefinition von Subkultur eine eminent wichtige Rolle für die Stadt spielte. Es liegt auf der Hand, dass über diesen langen Zeitraum sich die Strukturen im Haus, die Ansprüche der Nutzer, die Stile der Veranstaltungen und die Rolle eines Gemeinschaftsgefühls in Betrieb und Nutzung radikal verändert haben und weiter verändern. Das Mehrgenerationenhaus Friedrichstadt fokussiert Entwicklungen, die auch bereits in der Geschichte von riesa efau bedeutsam waren. Die Fragen einer sinnvollen Integration von Generationen, des Grades an möglicher Selbstverwirklichung und der notwendigen Integration in Gruppenstrukturen sind auch hier absolut aktuell. In seiner Geschichte war das Gebäude diskontinuierlich privat und öffentlich genutzt. Das Haus Boden ist ein Grundstück mit Gebäude und Interieur sowie seitens der derzeitigen Besitzer ein Museumsprojekt. Es hat seinen Namen aus zwei Gründen: „Boden“ ist der Familienname, der die meisten Bewohner des Hauses miteinander verbindet und das Haus erscheint wie ein großer (Dach-) Boden, auf dem Dinge gelagert werden. Es wurde 1890 erbaut und befindet sich in der Gottfried-Keller-Str. 30 am westlichen Stadtrand von Dresden. Das Haus, seine Schränke, Regale und Kisten sind angefüllt mit den unterschiedlichsten, an sich meist ganz unspektakulären Dingen. Die Besonderheit besteht darin, dass diese aus allen Zeiten seit der Erbauung stammen und sie zudem zueinander in einer netzwerkartigen Beziehung über die Generationen der das Haus bewohnenden Familie stehen. Teilweise haben auch Anordnungen die Zeit überdauert, eine Schublade soll glaubhaft im Jahre 1939 zum letzten Male eingeräumt worden sein.

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Eine weitere Besonderheit besteht in den Kunstwerken, die teils von Bewohnern geschaffen, teils durch diese erworben wurden.10 Zudem ist die Korrespondenz von Bewohnern mit Künstlern erhalten, am wichtigsten sicherlich einige Briefe von Otto Dix an Walter Flemming. Im Haus sind ungefähr 1500 Bücher aus der Zeit ab 1750 bis heute vorhanden, die aus dem Besitz aller dort wohnender Familienmitglieder stammen. Zudem sind alle möglichen Arten von Dokumenten erhalten wie Feldpostbriefe aus beiden Weltkriegen, originale Rechnungen aus allen Zeiten, Briefe und Postkarten, Haus- und Hausbesitzunterlagen, Personenstandsdokumente, Schulbücher und Zeugnisse, Unterrichtsunterlagen, Kalender, Zeitungsausschnitte, Programmhefte,. Ebenfalls zahlreich sind Fotografien aus der Zeit um 1900 bis heute erhalten. Auf ihnen sind alle Personen, die in einem Zusammenhang mit dem Haus stehen, zu sehen, aber auch zahlreiche nach wie vor vorhandene Gegenstände wie Möbel, Porzellan, Kleidung, Schmuck sowie das Haus und der Garten. Sie dokumentieren also zusätzlich den Zustand des Hauses in verschiedenen Zeiten. Dazu kommen Wäsche, Kleidung, Hausrat und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit zwischen 1890 und 2003, die meist jeweils einzelnen Personen zugeordnet werden können. Insgesamt ist an diesem Ort ein wichtiger alltagsgeschichtlicher Fundus vorhanden, der als Anregung und Basis für künstlerische Ansätze, die deutlich über den traditionellen Kontext der Spurensuche hinaus sich mit dem Verhältnis von Gruppen- bzw. Individualidentitäten im Wandel der Generationen befassen. Der von den jetzigen Besitzern und Kooperationspartnern unseres Projekts angestrebte Aufbau eines Museums im Gebäude ist nicht Bestandteil des Projekts, wenn allerdings einige jetzt gemeinsam zu unternehmende Aktivitäten diesen Prozess fördern sollten, wäre dies aus unserer Sicht ein guter Nebeneffekt. Die scheune wird am 21.12.2011 60 Jahre alt. Ein stattliches Alter für ein Kulturzentrum und für die scheune ein Anlass das Haus zu feiern und seine Geschichte sichtbar zu machen. Daraus entstand der Ansatz, die Generationen von Besuchern, Nutzern und Mitarbeitern, aber auch der Musikrichtungen und -stile deutlicher zu betrachten, als es in einer rein historischen Aufarbeitung möglich wäre. Das heute als die scheune bezeichnete Gebäude sowie das dazugehörige Außengelände wurde am 21.12.1951 im Rahmen einer feierlichen Eröffnungszeremonie der FDJ als „Jugendheim Martin Andersen Nexö“ übergeben und beherbergte zunächst diverse Übungszirkel. War das unter tatkräftiger Mithilfe von Neustädter Jugendlichen errichtete Gebäude also zunächst als Ort der Bildung und sinnvollen Freizeitbeschäftigung im Sinne der FDJ- Doktrin konzipiert, fanden mit Tanzabenden u.a. speziell für „junge Ehepaare und solche die es werden wollen“ seit dem Ende der 50er Jahre auch gelegentlich kulturelle Veranstaltungen statt. Zum stark frequentierten (Sub)Kulturzentrum entwickelte sich das Haus aber erst zu Beginn der 80er Jahre, als neben Lesungen oder Kabarettaufführungen auch Folk, HipHop und Punk eine Bühne geboten wurde. Der bald weit über die Stadtgrenzen hinauswachsende Bekanntheitsgrad verhalf der Scheune zu einer Sonderstellung in der staatssozialistischen Kulturlandschaft und den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu einer gewissen „Narrenfreiheit“. In einer bestimmten Generation ist es in Dresden kaum anders denkbar, als dass alle ihr erstes Rockkonzert des Lebens in der scheune besucht haben. In diese Jahre fiel auch die Umbenennung in "Scheune", wie das Gebäude 10

eine ausführliche Auflistung der Künstler befindet sich im Konzepttext von U. Müller im Anhang

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aufgrund seiner äußeren Erscheinung schon länger vom Volksmund bezeichnet worden war. Das die scheune umgebende Stadtviertel war in den 80er-Jahren durch den Staat dem Verfall preis gegeben und sollte nach und nach leergezogen werden, damit der Abriss und der Wiederaufbau in sozialistischer Architektur leichter vonstatten gehen konnte. Den Leerstand an Wohnungen nutzte eine Szene von Künstlern und Bohemians, die durch ihre Arbeit und die gestalteten Räume den Grundstein für die "Bunte Republik Neustadt" legten. Noch während der Wendezeit hatte die scheune durch ihre eingeführte Position und ihre zentrale Lage eine starke Aufmerksamkeit bei Künstlern und Publikum genossen. Obwohl sich nach 1989 zahlreiche neue Clubs in Dresden etablieren konnten, fand die scheune ihren Platz als anerkannter Ort für Musik und andere Künste. 2007 wurde die scheune privatisiert und wird seitdem durch den Scheune e.V. betrieben. Jährlich finden mehr als 300 Veranstaltungen statt. Dabei kommen ca. 60.000 Besucher. Dazu kommt die Mitwirkung und Coveranstaltung der scheune bei diversen Festivals, wie z.B. der Tanzwoche Dresden, des Stadtteilfestes Bunte Republik Neustadt, des Dresdner Drumfestivals, der Jiddischen Musik- und Theaterwoche, den MedialenBildwelten 21 oder dem Schaubudensommer. Unter der privaten Trägerschaft begann auch die Suche nach den Spuren der Kulturarbeit der scheune und der ihr zugrunde liegenden Kulturpolitik. Zur Geschichte der scheune wurde eine dokumentierende Ausstellung erarbeitet, die gegenwärtig erweitert und vertieft wird. Durch diese Aktivitäten ist viel historisches Material gesichtet und aufbereitet worden und steht so auch einer künstlerischen Sichtung zur Verfügung. Weiterhin sind die Adressen vieler wichtiger Zeitzeugen bekannt, teils sind Erzählungen bereits im Sinne der Oral History dokumentiert. Der gleichzeitig jüngste und älteste der zu betrachtenden Orte ist die Adlergasse 14, Stammhaus von riesa efau und Sitz für das Mehrgenerationenhaus Dresden Friedrichstadt. Im Unterschied zu den beiden vorgenannten Orten gibt es hier keine auch nur annähernd kontinuierliche Entwicklung. Zudem existieren keinerlei Gegenstände aus früheren Nutzungen, was sicherlich damit zusammenhängt, dass das Gebäude bei seiner Besetzung im Jahre 1989 nur noch von einem älteren Paar bewohnt gewesen war, das eigentlich unmittelbar vor der mehr oder weniger unfreiwilligen Umsiedlung in ein Altenheim gestanden hätte. Auch eine Erforschung von Dokumenten in Archiven hat es noch nicht gegeben. Allerdings gibt es viele Erinnerungen an das Haus, relativ häufig kommen meist ältere Menschen ins Haus und erzählen Geschichten. Daran und an seine gegenwärtige Nutzung als Sitz des Mehrgenerationenhauses bei riesa efau soll die künstlerische Recherche in Bezug auf dieses Objekt ansetzen. In den 1870er Jahren erbaut, diente das Gebäude zunächst als Hotel und Gaststätte, vor allem für die der nahe gelegenen Großmarkthalle zuliefernden Kutscher. Während der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude zum Wohnhaus umfunktioniert. Im Zuge der Flächenabrisse in der Friedrichstadt ab Sommer 1989 sollte es im Herbst abgerissen und wie viele andere Gebäude durch Plattenbauten ersetzt werden. Dem kamen die Verhältnisse und eine Gruppe zuvor, die sich als Neues Forum Friedrichstadt bezeichnete und nach der politischen die kulturelle und künstlerische Arbeit zentral stellte. Daraus entstand riesa efau. Die Kerngruppe der Besetzer/innen war damals um die 30, aber von Beginn an waren neben jüngeren auch Menschen aktiv, die das aktive Berufsleben bereits hinter sich gelassen hatten. Als Organisation, die zu Beginn nur aus Freiwilligen bestand und in der auch heute deutlich mehr Freiwillige als kontinuierlich eingestellte Mitarbeiter/innen engagiert sind, betrifft die Frage nach dem manchmal recht spannenden Verhältnis von individueller Verwirklichung und den Erfordernissen und

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Forderungen der Gruppe(n) natürlich auch den Träger des Projekts selbst. Durch die Etablierung des Mehrgenerationenhauses bei riesa efau aus dem künstlerisch - kulturellen und eben nicht aus dem vornehmlich sozial orientierten Ansatz, hat die Problematik der Verzahnung unterschiedlicher Generationen, quasi das WIR der Generationen, einen nochmals größeren Stellenwert erhalten. Die praktische Arbeit an diesem Projektteil wird mit einem Workshop eingeladener Künstler/innen in Dresden eingeleitet. Neben der oben erwähnten inhaltlichen Faktenvermittlung und Diskussion wird eine individuelle Betreuung und Begleitung der Künstler/innen an den von ihnen ausgewählten Projektorten geben. Es wird den Künstler/innen anheim gestellt, an und zu welchem Ort sie arbeiten möchten. So könnte es geschehen, dass es zu einem der vorgeschlagenen Orte letzten Endes keine Arbeit geben wird. Am Workshop sollen ca. zwölf bis sechzehn Künstler/innen teilnehmen. Dabei wird sowohl eine über die Generationen als auch über die internationale Bekanntheit relevante Beteiligung von Künstler/innen angestrebt. Spätestens mit dem Workshop wird die Entwicklung der Arbeiten beginnen, die speziell für die Ausstellung entwickelt werden. Sofern notwendig, wird den Künstler/innen auch ein lägerer Arbeitsaufenthalt in Dresden ermöglicht. Der räumliche Schwerpunkt der Ausstellung wird in der Motorenhalle liegen. Sofern sich die künstlerische Möglichkeit oder Notwendigkeit ergibt, Kunstwerke auch an den drei zu untersuchenden Orten oder im diese umgebenden städtischen Raum zu platzieren, kann dies zusätzlich geschehen. Sofern die Fülle der Positionen oder die Entstehung besonders raumgreifender Arbeiten dies notwendig machen sollte, können neben der Motorenhalle auch weitere Räumlichkeiten einbezogen werden. Zu Beginn der Ausstellung werden bereits vorhandene Arbeiten im thematischen Kontext gezeigt. Dabei wird angestrebt, dass die Künstler/innen, die sich an der Entwicklung ortsund situationsspezifischer Arbeiten im Rahmen dieses Projekts beteiligen, zu Beginn der Ausstellung mit Arbeiten vertreten sind, die sich auf vergleichbare Situationen an ihren Herkunftsorten beziehen. Nach ca. zwei Wochen soll ein langsamer Veränderungsprozess beginnen, denn diese Arbeiten werden nach und nach durch in und für Dresden geschaffene Werke ersetzt. Somit bildet auch die Ausstellung in sich selber einen generationellen Wandlungsprozess ab. Zu diesem Zeitpunkt können noch keine gültigen Aussagen zu den Arbeiten, die zu Beginn der Ausstellung zu sehen sein werden, getroffen werden. Doch sollen einige Beispiele für eine mögliche Auswahl gegeben sein. Es werden nicht für alle unten aufgelisteten Künstler/innen Werkbeispiele genannt, um den Text nicht noch länger werden zu lassen. Von Dennis Adams stammt die Arbeit Patricia Hearst von A bis Z (1981), in der ein individueller Ausbruch aus einem begüterten und behüteten Haus in eine terroristische Szene und zurück anhand von mit fortlaufenden Buchstaben bezeichneten Pressefotos, die die Protagonistin im Zeitraum von kurz vor ihrer Entführung bis zu ihrem Hochzeitstag nach Rückkehr in den Schoß der Familie zeigen. Christian Boltanski ist sicherlich der klassische Spurensucher. Im Kontext von Haus Boden wäre seine Arbeit Le petit Christian oder Le repos refusé denkbar. Ein besonderer Punkt wäre es, wenn es gelingen sollte, ihn persönlich zur Beteiligung einzuladen. Phil Collins interviewt in seinem Video marxism today (2010) drei ehemalige Lehrerinnen für Staatsbürgerkunde Marxismus/ Leninismus und ergänzt die Gespräche durch historische Aufnahmen. Es geht hier um die völlige und

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schlagartige Umwertung von Lebensentwürfen und die 20 Jahre, die seither für diese Menschen vergangen sind. Marcello Exposito behandelt in seinem Video The year in which the future ended (began) (2007) die schwierige Erinnerungsarbeit an die Gräuel des spanischen Bürgerkrieges, ein lange Zeit tabuisiertes Massengrab von Mordopfern nahe eines kleinen Dorfes wird geöffnet. Die niederländische Künstlerin Jeanne van Heeswijk unternahm in Kooperation mit der Moderna Galerija 2008 in Ljubljana das WorkshopProjekt You and the city - Diaries of a Future Avantgarde mit Schüler/innen, die gemeinsam Fragen nach sozialen Veränderungen und revolutionären Potentialen diskutierten und schließlich eine auch gesendete Fernsehshow zu solchen Fragen produzierten. Zdena Koleckova arbeitet zum historischen und gegenwärtigen Verhältnis von Tschechen und Deutschen im ehemaligen Sudetenland. Mit ihrer Arbeit Luftschutz (2006) verweist sie auf verdrängte, aber nicht gelöschte Spuren einstigen Miteinanders. Mit dem Video und der zugehörigen Installation Equality (2008) unternimmt Elena Kovylina eine Satire auf die Vorstellung, dass nach der kapitalistischen Umgestaltung des Landes nunmehr alle Menschen in Russland gleich seien. Ein Gruppe von zwölf Personen unterschiedlicher Herkunft, Profession, Alters, Geschlechts stehen nebeneinander und alle sind tatsächlich gleich groß - die Stelen unter ihren Füßen gleichen die Unterschiede aus. Ine Lamers findet Geschichten und begrabene Erinnerungen. Sie reist in Städte, in denen Ideologien in Architektur und Stadtraum eingeschrieben sind. Sozialistische StadtArchitektur mit den Spuren ihrer utopischen urbanen Visionen sind von zentraler Bedeutung in ihren neueren Arbeiten. Die Stadt und die städtischen Peripherien sind oft in der Dämmerung oder bei Nacht gefangen. Zbigniev Libera hat in seiner Serie inszenierter Fotografien Positive (2002-2003) historische Pressefotos, die ganze Generationen geprägt haben, in einer "positiven Version" neu inszeniert. Eine Wiederholung unter völliger Verkehrung des ursprünglichen Materials. Die nunmehr harmlosen Szenen lösen allerdings beim Betrachter sofort die innere Rückblende auf die brutalen Originale aus. Ein Beispiel: das Bild des toten Che Guevara ist neu inszeniert eine Szene, in der Offiziere dem auf der Bahre halb sitzenden Guevara Feuer für seine Zigarre geben. Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová haben in ihrer Arbeit Far from you Gedenkstätte für Lida Clementisova (2009/2010) das Schicksal der tschechischen Opernsängerin und Ehefrau von Vladimir Clementis, einem slowakischen Politiker und 1952 prominentem Opfer der Slánsky Prozesse bearbeitet. Obwohl ihr Mann politisch und kulturell in den 60er Jahren rehabilitiert wurde, ging Lida Clementisova nie in das kollektive Gedächtnis ein. Die Denkmäler für Lida und die große Liebe, die sie mit ihrem Mann verband werden als Anweisungen, Verfahren und ephemere Monumente konzipiert. Von Ulrich Riedel kann ein kleiner Kubus gezeigt werden der durch Drehung des Buchstabens M zu W und weiter aus einem ME ein WE und wieder ein ME usw. werden läßt, ME/WE (2009). Das Video Variations of Max (2010) ist eine Reise der norwegischen Künstlerin Helene Sommer in die Geschichte ihrer ursprünglich aus Deutschland kommenden Familie väterlicherseits über viele Generationen. Beate Passow zeigt in Fräulein B./ Frau P. (1994) zwei Frauen in je einer großen Fotografie. Fräulein B. ist jung, steht dem Betrachter abgewandt vor einer blechernen, gerippten Wand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Dagegen sitzt die wesentlich ältere Frau P. in einem viktorianisch anmutenden Lehnsessel, der in einer Zimmerecke vor entsprechender Seidentapete und auf einem reichen Teppich steht. Nur wenn man genauer hinsieht, kann man die Wundmale an den Pulsadern von Fräulein B. und die auf den Unterarm von Frau P. tätowierte Nummer erkennen. Von der im vergangenen Jahr verstorbenen Künstlerin Nany Spero sollen in einem Special einige kleine Werke ihrer zeitlos durch die Generationen und Jahrtausende der Geschichte tanzenden Frauen gezeigt werden.

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Die Ausstellung wird, wie die in der Motorenhalle vorangegangenen Vorhaben, nicht als Bebilderung der oben aufgeführten Thesen, sondern als visuelle und geistige Entdeckungsreise durch und um das thematische Feld konzipiert. Nach aktuellem Stand sind Positionen folgender Künstler/innen einbezogen bzw. werden eingeladen: Dennis Adams (USA), Christian Boltanski (F), Sophie Calle (F), Phil Collins (GB), Marcelo Exposito (E), Rainer Görß (D), Janet Grau (D), Jeanne van Heeswijk (NL), Teresa Hubbard (IRL) & Alexander Birchler (CH), Zdena Koleckova (CZ), Elena Kovylina (Ru), Susanne Kriemann (A), Ine Lamers & Rob de Vree (NL), Zbigniev Libera (PL), Rémy Markowitsch (CH), Anette Messager (F), Anetta Mona Chisa & Lucia Tkácová (CZ), Natalja LL (P), David ter Organian (RU), Radek community (UA), Ulrich Riedel (D), Helene Sommer (N), Gregor Schneider (D), Beate Passow (D), Nancy Spero (USA) Die Auswahl der Künstler/innen, vor allem im Bereich der mittleren und jüngeren Generation, sowie in einigen MOE Ländern ist nicht abgeschlossen.

Weitere Module des Projekts Modul Film- und Videoabend Die mittlerweile zur Tradition gewordenen Videoabende werden nach dem beruflich bedingten Ausscheiden des bisherigen Kurators André Eckardt wieder aufgenommen und um eine Reihe experimenteller Filme erweitert. Neben den für die Ausstellungen vorgesehenen Videos gibt es eine Vielzahl thematisch einschlägiger Filme und Videoarbeiten, die unbedingt einbezogen werden sollen, um die Tiefenschärfe der Auseinandersetzug zu erhöhen. Die konkrete Programmplanung wird ab Herbst erarbeitet. Modul Stadtgesprächsführungen Solche Führungen werden künstlerisch im Sinne der Spaziergangsforschung, mit inszenierten Situationen auf dem Weg (Bertram Weisshaar), assoziativ als Ausdeutung der Projektthematik als Zeitreisebüro (Felix Liebig) oder als historisch traditionell sich gebende Stadtteilführung angeboten (Una Giesecke). Modul Konzerte, Live- Vertonungen Neben den beiden Konzerten in der scheune mit den ältesten Bands der Welt werden in der Motorenhalle zwei bis drei Live- Vertonungen von Filmen stattfinden, beispielsweise mit der Leipziger Band LU:V oder ALP aus Berlin. Modul Lesungen Insbesondere im zweiten Halbjahr werden drei bis vier Lesungen mit anschließenden Diskussionen in das Begleitprogramm integriert. Modul Vorträge, Diskussionen, Workshops Themenspezifische Vorträge und Diskussionen finden ebenso statt wie bspw. die Vorstellung der Arbeitsergebnisse des TU Seminars (siehe Anhang). Workshops werden sicher vorrangig im Rahmen der Geschichtswerkstatt (siehe unten) angeboten. Doch auch die scheune plant zwei Diskussionsrunden (siehe Modul scheune) und das Mehrgenerationenhaus (MGH) wird die Bedeutung der Generationen- übergreifenden Arbeit sowie die Fragestellungen, die sich aus seiner prekären und für die Zukunft keinesfalls gesicherten Existenz in entsprechenden Formaten zur öffentlichen Debatte

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stellen. Wie langwierig und oft auch schwierig es ist, zu einem WIR über mehrere Generationen hinweg zu kommen, zählt zu den Erfahrungen, die riesa efau bereits im Beginn in das MGH Projekt einbringen konnte. Bei dieser Konstellation ein solches Vorhaben fördertechnisch zu befristen, mag den verwaltungsmäßigen Realitäten entsprechen, mit der Lebenswirklichkeit hat ein solches, ebenfalls in Veranstaltungen zu problematisierendes Vorgehen eher nichts zu tun. Modul Konferenz Die Frage nach der Rolle des Spannungsfeldes zwischen Individualität und Kollektiv bzw. Gruppe unter heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen soll im zweiten Halbjahr in einer Kreativkonferenz diskutiert werden. Deren Rahmen soll einen wissenschaftlichen Input ebenso umfassen wie künstlerische Erfahrungs- und Forschungsbeiträge. In einem erweiterten open Space Verfahren sollen schließlich nicht nur Diskussionen geführt, sondern auch kreative Verbildlichungen, spezifische Lösungsgestaltungen und Entwicklungszeichen generiert werden. Das genaue Konzept ist noch zu erarbeiten, einer der mit Sicherheit produktiven möglichen Referenten ist Wolfgang Ullrich, ein multithematisch arbeitender Kunsthistoriker. Modul Geschichtswerkstatt (Ulrich Müller) Arbeitsfeld Die Arbeit im „Haus Boden“ ist zunächst eine Spurensuche: Die im Haus vorhandenen Objekte sind Spuren einer konkreten Familie. In ihnen lassen sich persönliche Gewichtungen und biografische Details von Einzelpersonen finden. Damit verweisen sie auf den eigentlichen Ort des Geschehens: das Leben. Diese Spuren sind sowohl individuelle Spuren als auch allgemein gesellschaftliche und kulturelle Spuren. Das Haus, die Objekte, die Arrangements wecken einen visuellen Eindruck. Oder andersherum: wir finden in den Dingen Geschichten und Erinnerungen. Über den spontanen visuellen Eindruck hinaus bieten das „Haus Boden“ und seine Dinge viele Gelegenheiten, das Betrachten zu vertiefen und sowohl Fragen der Gestaltung von alltäglichen Lebensbereichen als auch der Entstehung und Bewertung von z.B. Kunstgegenständen nachzugehen. Das „Haus Boden“ ist „historisch“. Aber über den spontanen visuellen Eindruck hinaus bieten die Objekte im Haus die Möglichkeit, diese Historizität zu hinterfragen. Aus welchen Gegenständen und Arrangements wird sie gebildet? Was steht in den Briefen? Was ist auf den Fotografien zu sehen? Mit den Antworten auf solche Fragen wird deutlich, dass Geschichte nicht etwas ist, dass von der Wissenschaft verkündet wird, sondern auf der Grundlage vorhandener Quellen erarbeitet, weiterentwickelt, verändert und immer wieder neu erfunden wird. In der Geschichtswerkstatt wird im Rahmen des Projekts temporär eine alltägliche Museumsarbeit durchgeführt, also Führungen, thematische Veranstaltungen für freie Besucher und Gruppen (Schulklassen, Studentengruppen, Lokalhistoriker, sonstige Interessengruppen), Vorträge zu Themen, die sich auf Haus und Bewohner beziehen, aber auch zu den für das Projekt thematisch wichtigen zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen. Das „Haus Boden“ enthält viele verschiedene Geschichten. Diese zu erzählen ist eine zentrale Aufgabe des Projektes. Sie zu lesen ist die hauptsächliche Beschäftigung während des Besuches. Das Geschichten-Erzählen kann auch außerhalb des Hauses fortgesetzt werden, z. B. durch Buch- und Aufsatzpublikationen, Broschüren, Filme, Hörbücher und Vorträge. Eine wichtige Form ist das Geschichtenbuch. Ein Buch, dessen einzelne Seiten von Laien und Profis künstlerisch gestaltet werden und sich auf das Haus und seine

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Bewohner, oder andere, selbst eingebrachte Gegebenheiten innerhalb des thematischen Rahmens beziehen. Die Geschichten sind Anregung für weiteres Nachdenken. Das Geschichtenbuch wird am Ende des Besuches nicht einfach zugeklappt. Mit Diskussionen und Gesprächskreisen, Kursen, einem virtuellen Schwarzen Brett, Internetforum, einem Stammtisch u. ä. kann der Gedankenaustausch bei Bedarf gestaltet werden. Neben den Geschichten ist das Stöbern in alten Dingen für die Wahrnehmung des „Haus Boden“ wichtig. Durch das Anschauen und Lesen werden die Geschichten des Hauses entdeckt. Um diese Aktivität für die Besucher zu ermöglichen, müssen geeignete Formen entwickelt werden. Zu denken ist an Arbeiten in angeleiteten Gruppen, Bereitstellung von Kopien, Veröffentlichung von Quellen und Internetzugang zu Datenbanken. Modul Rockmusik und demographische Entwicklung (Magnus Hecht) Die scheune feiert 2011 ihr 60jähriges Jubiläum. Neben musikalischen und gesellschaftlichen Feierlichkeiten wird es ein Jahr lang auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses, eine Standortbestimmung sowie die Diskussion über zukünftige Entwicklungen geben. Die scheune wurde 1951 als Jugendheim Martin Andersen-Nexö eröffnet und hat seither eine wechselvolle Geschichte hinter sich gebracht. Als Zentraler Klub der Jugend und Sportler Martin Andersen-Nexö, später in scheune umbenannt, hat das Wirken des Hauses deutlichen Einfluss auf die Ausbildung von Jugendkulturen und Musikkultur genommen. Seit den 80er-Jahren konnten die Mitarbeiter der scheune auch eigene Wege, jenseits der direkten Vorgaben der FDJ-Bezirksleitung gehen. Die Bildungsarbeit in sogenannten Zirkeln rückte in den Hintergrund, dafür bekam die Alternativ- und sogar Subkultur ihren Platz. Erste Punk- oder Hiphopkonzerte fanden im Saal der scheune statt. In dieser Zeit und später dann rund um die politische Wende war die scheune ein Zentrum der Rock- und Popmusik und den entsprechenden Jugendkulturen. Nach der Wende wurde das Haus sogar als Musikbühne für elektronisch verstärkte Musik ausgebaut und hat sich dementsprechend profiliert. Erst 2007 führte die Landeshauptstadt Dresden den Privatisierungsprozess mit der Übergabe des Hauses an den scheune e.V. zu Ende. Dieser möchte seine Arbeit und den Mythos des Hauses, der eng mit der Entwicklung des Stadtviertels Äußere Neustadt verbunden ist, aus Anlass des Jubiläums reflektieren und einordnen. Neben zwei Diskussionsveranstaltungen ist ein Symposium zur Rolle von Kulturzentren, geförderten Musikclubs und soziokulturellen Einrichtungen unter dem Aspekt der Generationenverschiebung bei den Nutzer/innen geplant. Als zweiten Schwerpunkt wird sich die Beschäftigung mit dem eigenen Älterwerden und dem des Hauses durch das Programm des zweiten Halbjahres 2011 ziehen. Die Gesellschaft wird sich künftig multikultureller zusammen setzen und insgesamt älter werden. Dieses demographische Szenario wird auch Auswirkungen auf die Arbeit der scheune haben, sowie auf die Kultur der Rock- und Popmusik insgesamt. Da Rock- und Popmusik schon immer international angelegt war, wird mit der multikulturellen Tendenz weniger stark umgegangen werden müssen als mit dem Älterwerden des Publikums, der Künstler und der Mitarbeiter. Die scheune hat sich deswegen diesen Aspekt der demographischen Entwicklung vorgenommen. Rock- und Popmusik wird zwar immer mit jugendlichem Lebensgefühl einhergehen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur wird jedoch im Laufe eines Musikliebhaberlebens aufhören. Heutzutage ist die erste Generation in ihren 60ern, die mit Rock und Pop groß geworden sind. Und wahrscheinlich wird ein noch kleinerer Teil der heutigen Jugend, ihren Lebensabend bei volkstümlicher Musik oder den großen

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Klassikern verbringen, sondern nach wie vor einen Lieblingsstil oder gar eine Lieblingsband haben, die das Gefühlsleben auszudrücken vermag. Das Älterwerden der Gesellschaft wird also Auswirkungen auf den Stellenwert und die Anerkennung von Rock- und Popmusik haben. Zweitens ist eine deutlichere Trennung von Jugendkultur und Rock- und Popmusik zu erwarten. Drittens wird die Erweiterung des Jugendkulturbegriffes auch praktische Konsequenzen in der Veranstaltung von z.B. Life-Konzerten haben (Wie gestaltet sich Konzerte, die auch für ältere Musikliebhaber interessant sind? Wie müssen die Rahmenbedingungen wie Anfangszeiten, Lautstärke, Eintrittspreise, Sitzgelegenheit sein, damit älteres Publikum sich nicht ausgeschlossen fühlt? Wie lässt sich der Generationenkonflikt zwischen Jugend und Alter durch gemeinsame Wertschätzung der gleichen Musik punktuell aufheben?). Die kategorische Trennung zwischen Unterhaltungs- und ernster Musik ist auch eine Trennung zwischen den Generationen, so dass sich leider auch oft genug zeigt, dass Musik eben nicht verbindet. Diesen Thesen wird im Rahmen des Projektes nachgegangen. In Zusammenarbeit mit riesa efau werden zu diesem Thema zwei Diskussionsveranstaltungen und zwei Konzerte mit den weltweit ältesten Bands („The Zimmers“ und „One foot in the grave“) stattfinden. Diskussionsveranstaltung/Podiumsdiskussion Thema „Das Rebellische in der Rockmusik von heute – zwischen Attitüde und Karriere“ Gäste: M.I.A, Bernd-Maria Lade (Sänger der Punkband Ret Marut), Vertreter der Band Paranoia Moderation: N.N. Diskussionsveranstaltung/Podiumsdiskussion Thema „Der Generationenkonflikt als Musik – mit Papa bei den Rolling Stones“ Gäste: Bernd Aust, ein Mitglied der Band Polarkreis 18, N.N. Moderation: Andreas Körner

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Modul Generationenteppiche (Künstlersymposium Strömungen Proud ní 2011) Das Künstlersymposium ist eine Einladung zur Reflektion der eigenen Regionen- und Generationengeschichte anhand des Umganges mit Verbrechen während und nach dem 2. Weltkrieg, die das Verhältnis von Deutschen und Tschechen teils bis Heute belasten und deren Erinnerung quasi unter den Teppich gekehrt wurde.11 Die beteiligten Künstler/innen sind eingeladen, das Unter-den-Teppich-kehren, das Unterdem-Teppich-halten und das Unter-dem-Teppich-hervorholen anhand von Entwicklungen in der Region Dresden / Ústí nad Labem zu reflektieren. Die Verdrängung geschah beidseits der Grenze in unterschiedlicher Weise. Ohne das Thema an dieser Stelle würdigen zu können, kann man pauschalisierend sagen, das auf tschechischer Seite die eigene Rolle als Opfer und Leidtragender des Krieges auch dazu genutzt wurde, jegliche Verantwortung für Ereignisse zurück zu weisen, die in Folge von Besatzung und Krieg geschahen. In der DDR gab es zwar eine offizielle Akzeptanz der deutschen Schuld und Verantwortung, doch schuldig waren sowohl offiziell als auch individuell immer die Anderen.12 In der BRD spielt(e) der Bund der Vertrieben eine oftmals problematische Rolle, in beiden deutschen Staaten gab es bei Funktionsträgern eine zu oft ungebrochene und zu oft geleugnete personelle Kontinuität aus der NS Zeit heraus. Mit dem Ende der kommunistischen Diktaturen in der DDR und der Tschechoslowakei haben sich zwar prinzipiell die Türen für einen freieren und grenzüberschreitenden Dialog über Kriegsende, Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges geöffnet, doch bedurfte es offenbar noch einmal des Zeitraumes fast einer ganzen Generation, bis dieses Thema Schritt für Schritt diskutabel wird. So werden nun in der Tschechischen Republik auch Gräber von am Ende des Krieges ermordeten Deutschen geöffnet13 und es wird beiderseits der Grenze sensibler und mit mehr Verständnis füreinander über diese und die vorangegangenen Geschehnisse gesprochen. Ein Ausdruck dafür ist die aktuell in Ústi nad Labem vorangetriebene Eröffnung eines Museums, welches der Geschichte der deutsch Sprechenden auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik gewidmet ist. Zurück zum Symposion. Eingeladen werden über einen call for proposals insbesondere Künstler/innen aus Deutschland und Tschechien, die sich im Sommer 2011 an einem ähnlich gestalteten Vorhaben im Kulturzentrum ehlovice beteiligen. Die Auswahl der Beteiligten obliegt dem einem Vertreter des Projektträgers, der auf tschechischer Seite verantwortlichen Kuratorin und einem Vertreter der Brücke/Most-Stiftung in Dresden. Zur Unterstützung stehen den Künstlern vorab Zeitzeugenberichte und weitere Dokumente zur Verfügung, die eigene Recherchearbeit der Künstler können und sollen diese natürlich nicht ersetzen. Es wird angestrebt, dass sich schon beim ersten Symposion in ehlovice, das nicht Gegenstand des Antrages ist, bereits auch gemeinschaftliche Arbeitssituationen ergeben. Kooperationspartner sind das Kulturzentrum ehlovice in Tschechien, die Brücke/MostStiftung in Dresden, das Filmcentrum in Prag und die Galerie en Dvorce in Litomerice. Die bereits in der Vergangenheit sehr erfolgreiche grenzüberschreitende Kooperation soll durch dieses inhaltlich neue Konzept weiter entwickelt und ausgebaut werden. Fachlicher

11

Natürlich ist den Beteiligten sehr bewusst, das die Thematik weiterhin eine sehr sensible ist, dies zeigen ja aktuell leider die

Äußerungen durch Vertreter des Bundes der Vertriebenen (Tölg und Saenger) im Stiftungsrat der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung im deutsch - polnischen Verhältnis 12

in der DDR wurde jegliche Verbindung zum NS Regime abgestritten, von Deutschen begangene Verbrechen wurden als NS

Verbrechen oder Verbrechen der Wehrmacht bezeichnet und so aus dem Bereich der eigenen Verantwortlichkeit verbannt 13

so beispielsweise jüngst Mitte August bei Dobronín

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Rat wird auch beim Collegium Bohemicum gesucht, dem Träger des o.g. Museums im Aufbau. Beteiligte Künstler/innen: Lenka Holikova (Litomerice, CZ), Svatopluk Klimes (Prag, CZ), Vladimir Kovarik (Uherske Hradisti, CZ), Jan Korbelik (Wien, A) sowie weitere zehn Künstler/innen, die über den call for proposals eingeladen werden.

Dokumentation

Das Projekt soll sowohl im Web als auch in gedruckter Form dokumentiert werden. Für die Ausstellung Goodbye London liegt bereits eine gedruckte Dokumentation vor, so dass sich die Dokumentation der Dresdner Fassung auf das Web beschränken kann und wird. Für die Ausstellung Stücke des Widerstehens existiert bislang keine Dokumentation. Eine gedruckte Fassung soll in Kooperation mit anderen am Projekt beteiligten Institutionen erarbeitet werden. Dabei wird die besondere Fassung und der Projektrahmen in Dresden in dem Umfang gewürdigt, in dem anteilig im Verhältnis zu anderen Beteiligten Mittel in die Publikation fließen können. Vorgesehen ist also, für Dresden allein die nur hier gezeigten und die besonderen Aspekte der Ausstellung hervor zu heben. Eine Dokumentation im Web wird ohnehin erfolgen. Der absolute Schwerpunkt liegt auf der Dokumentation der Aktivitäten im zweiten Halbjahr. Dabei sollen natürlich diejenigen aus dem ersten Halbjahr so weit mit angerissen werden, dass eine Gesamtsicht auf das Vorhaben möglich wird. Ein Buch, dass nicht nur die bei Beginn der Ausstellung Bilder der Generationen - Spuren, Blicke, Haltungen zwischen ICH und WIR (AT) gezeigten Objekte, sondern möglichst auch diejenigen dokumentiert, die ortspezifisch entstehen. Ob es gelingt, auch wesentliche Veranstaltungen und die Konferenz in gedruckter Form zu dokumentieren, muss momentan noch offen bleiben.