Franz Josef Knape

Franz Josef Knape

—1— Franz Josef Knape PRIMÄR / SEKUNDÄR / DAS LEBEN —2— (...) Doch uns ist gegeben Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidend...

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Franz Josef Knape

PRIMÄR / SEKUNDÄR / DAS LEBEN

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(...) Doch uns ist gegeben Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen Jahr lang ins Ungewisse hinab. Friedrich Hölderlin, Hyperions Schiksaalslied, 1798

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N ACKT

BIS AUF DIE

S EELE

Titel/BILD einer ‘Spiegel’-Titel/GESCHICHTE zum Thema DIE EXHIBITIONISTISCHE GESELLSCHAFT - 17. 7. 1997

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L EBEN

AUS ZWEITER

H AND

aus dem »Kolonialwarenladen« holte man sich ( — früher — ) die LebensMittel von fernher, weit im Süden arbeiteten wirkliche Menschen preiswert für unseren LebensUnterhalt ich verstand´s nicht als Kind so far away — so exotic manchmal, heute erscheint mir das Wort durch den sparsamen Verputz alter Häuser . . . und nichts weiter nur Nostalgie, nur flüchtiges Erinnern . . . die Mittel

(— nicht das Leben —)

haben sich geändert heute sagen Alf und der Terminator: „No Problem“ und ich bin erleichtert „Alles klar“ sagt der Ober auf Gran Canaria heute steht der „Kolonialwarenladen“ in meinem Wohnzimmer und eine Exotin ( — sehr sichtbar — ) klärt mich auf über meine sexuellen Bedürfnisse heute gibt´s vielfältigere Produktionsstätten RTL — Edeka — Sat1 — Tengelmann — WDR — Marktkauf . . . LebensMittel & GeistesNahrung die Norm bestimmt Kopf & Körper heute herrscht der sekundäre Primat heute kommt die EuroBanane nicht mehr aus dem Urwald heute kommen meine Bilder nicht mehr aus kindlicher Phantasie heute lebe ich aus zweiter Hand . . .

(April/Mai 1998)

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F ILM

ODER

L EBEN . ein Rätsel John Ford zum Gedächtnis

Ich bin kein Theatermann. Ich bin Filmemacher. Was bleibt ohne Film? Der Mundgeruch des Theaters? Im Film gibt es keinen Mundgeruch. Das ist sehr angenehm. (Herbert Achternbusch)   

ja — was ist denn das:

und wo lernen wir das:

FAMILIE TREUE FREUNDSCHAFT LIEBE AUSDAUER ARBEIT RESPEKT EINFACHHEIT EINSAMKEIT TOD

im Kino vor unvordenklichen Zeiten als das Träumen noch geholfen hat da machten wir Jagd auf den „Schwarzen Falken“ ... und als Ethan´s Familie begraben wurde weinten wir mehr als bei wirklichen Todesfällen . . . you know ?! ... und die Farben waren schöner und die Liebe tiefer und alles viel viel intensiver . . . ich will kein Geld, Ethan, kein Geld, Martin, nur über meinem alten Kopf ein Dach und einen Schaukelstuhl hinter dem Ofen, einen eigenen Schaukelstuhl hinter dem Ofen . . . und wir wollten das Kino hinüberbringen in unsere Wirklichkeit und wir mußten erkennen:

aber wir wußten auch:

Kino und Leben gehn nicht zusammen . . .

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Der Tag wird kommen da können auch wir auf der Veranda sitzen in unserem eigenen Schaukelstuhl und die Welt endlich so sehen wir sie für uns sein soll dann wird sie sich fügen dann wird sie g e r e c h t sein Der Tag wird kommen aber wir wußten auch: daß er nicht kommt und uns wurde ganz schlecht und wir verachteten die Welt und liebten das Kino um so mehr ... später, ja später als wir v e r n ü n f t i g wurden fingen wir an die Welten zu trennen und der liebe Mose war nur noch Hank Worden und Ethan Edwards der traurige John Wayne ... und keine schöne Frau war da die wir befreien konnten aus den Händen der bösen Indianer Manchmal — heute — wenn wir ganz sicher sind entspannt und alle Sinne beieinander haben dann dämmert es uns manchmal und es erscheint — fürchterlich kitschig — die rote Sonne am Horizont ... Der Tag wird kommen ... und dann sah ich im Schlafraum eines Freundes ein großes Foto an der Wand mit einer Signatur: finally I´ve got my rockin´ chair, Old Mose . . .

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... und wenn ich mir dann sicher bin dann danke ich dir: für das, was du uns jetzt bescheren wirst, (...) o Herr! ... Herbst, Winter — Jahreszeiten vergehen: Der Indianer jagt einer Sache nach, bis er glaubt, daß er genug gejagt hat, dann hört er auf, genau so macht er es auf der Flucht . . . Aber er wird es nie begreifen, daß es Menschen mit Ausdauer gibt . . . — Menschen: ganz nah Landschaft: so fern — Sagt sie: Es ist nun mal so - wir sind in Texas. Hier hängt jedes Menschen Leben an einem Faden. So ist es dieses Jahr und so wird es vielleicht noch in hundert Jahren sein. Aber ich glaube nicht, daß es immer so sein wird, es wird eines Tages ein schönes, friedliches Land sein, vielleicht braucht es unsere Opfer, um sich selbst zu finden. Sagt er: Sie war nämlich früher Schullehrerin. ... aber wir standen nur rum irgendwann früher genau wie Ethan in der Tür und durften am Ende auch nicht ins Zimmer blieben ausgesperrt aus der Welt der Erwachsenen und wir schworen uns: wenn wir mal so weit sind dann bleibt keiner ausgeschlossen und wir wurden genauso oder nicht wesentlich anders als unsere Eltern und draußen vor der Tür (haha!) da waren die auf die´s ankommt aber: Der Tag wird kommen ... und das ist nun wirklich meine Sehnsucht und das ist nun wirklich mein Gedicht: das es so ist wie es ist im Kino — Und was nützt das? — Nach unserem Glauben zu nichts, nach dem Glauben der Komantschen muß er nun ewig zwischen den Winden wandern, —

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... . . . bin ich Ethan — bin ich Martin ??? . . . gibt es ein g r ö ß e r e s KunstWerk ??? . . . habe ich noch etwas zu s a g e n ??? ... Sind wir nicht alle auf der Suche nach und fürchten wir uns nicht alle vor und erhoffen wir uns nicht alle das, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. Und einige fanden und finden es im Kino . . .

   1956 THE SEACHERS (C. V. Whitney Pictures-Warner Bros.). Director: John Ford. Producers: Merian C. Cooper, C. V. Whitney. Associate producer: Patrick Ford. Photography (in colors and Vista Vision): Winton C. Hoch, Alfred Gilks (secont-unit). Art directors: Frank Hotaling, James Basevi. Set decorator: Victor Gangelin. Music: Max Steiner. Title song by Stan Jones. Editor: Jack Murray. Production supervisor: Lowell Farrell. Assistant director: Wingate Smith. Filmed in Colorado and in Monument Valley. 119 minutes. Released: May 26. With John Wayne (Ethan Edwards), Jeffrey Hunter (Martin Pawley), Vera Miles (Laurie Jorgensen), Ward Bond (Capt. Rev. Samuel Clayton), Natalie Wood (Debbie Edwards), John Qualen (Lars Jorgensen)), Olive Carey (Mrs. Jorgensen), Hary Brandon (Chief Scar), Ken Curtis (Charlie McCorry), Harry Careym, Jr. (Brad Jorgensen), Antonio Moreno (Emilio Figueroa), Hank Worden (Mose Harper), Lana Wood (Debbie as a child), Walter Coy (Aaron Edwards), Dorothy Jordan (Martha Edwards), Pippa Scott (Lucy Edwards), Pat Wayne (Lt. Greenhill), Beulah Archuletta (Look), Jack Pennick (private), Peter Makamos (Futterman), Cliff Lyons, Billy Cartledge, Chack Hayward Slim Hightower, Fred Kennedy, Frank McGrath, Chuck Robertson, Dale van Sickle, Henry Wills, Terry Wilson (stunt men), Away Luna, Billy Yellow, Bob Many Mules, Exactly Sonnie Betsuie, Feather Hat Jr., Harry Black Horse, Jack Tin Horn, Many Mules Son, Percy Shooting Star, Pete Grey Eyes, Pipe Line Begishe, Smile White Sheep (Comanches), Mae Marsh, Dan Borzage.

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Es kam mein letzter Tag in Wien, mein letzter Film »The Searchers« von John Ford, der beste Film und meine persönlichste Schwäche. John Ford: Die Tragödie eines Einzelgängers. Der Mann, der aus dem Bürgerkrieg zurückkam, wahrscheinlich rüberging nach Mexiko, Bandit wurde, wahrscheinlich für Juarez oder Maximilian kämpfte — eher für Maximilian, wegen der Medallie. — Ja, die Medallie, die man von all dem nur sieht, hat eine Krone. Da ich weiß, was ohnedies passiert, nämlich daß die Wilden die Männer dieser Farm durch einen Rinderdiebstahl weglocken werden, damit sie die Farm und ihre Bewohner vernichten können, und das Mädchen Debbie rauben, schließe ich aus der Art, wie die Schwägerin, bevor sie umkommt, den Mantel des Heimkehrers Wayne nimmt und aus Ward Bonds Ausdruck und daraus — als ob er nichts bemerkt hätte, daß diese Debbie, seine Nichte, die er jahrelang bei den Wilden sucht, seine Tochter ist. Als er endlich mit ihrem Bruder Martin Pawley sie im Zelt des Häuptlings findet und sie am nächsten Morgen verstohlen zum Lager der beiden kommt, ruft Martin: Debbie, Debbie! I´m Martin! I´m Martin your Brother, erinnere dich. — Ich erinnere mich. Immer. First I prayed you come and get me, take me home du bist nicht gekommen. — Aber jetzt bin ich da. Das ist mein Volk, sagt sie und etwas auf indianisch. Go! Go Martin! Bitte. Da sagt Wayne unerbittlich: Stand aside Martin! Er will Debbie erschießen. Martin: Ethan no you don´t! Und jetzt messerscharf Wayne: Stand aside! Auf die Seite! Muß ich sagen, da es letzten Endes keinen Unterschied macht, ob man die Geliebte, die Tochter oder die Schwester sucht, daß ich endlich nach Jahren in der Karosserieabteilung des Auto-Ford zurück in Deutschland selbständig geworden war, weil ich eine neues Verfahren nahtlosen Schweißens erfunden hatte, mich auf den Weg nach Paris machte, wo ich diese Französin fand und sie mir so fremd war, daß

ich sie umbringen hätte wollen? Ich will nicht vertuschen, daß eine Wilde geworden zu sein und sich dazu zu bekennen, für einen Amerikaner unerträglich ist. Wayne von einem Pfeil verwundet, läßt Pawley sein Testament vorlesen, worin er nach der Feststellung, daß er gesund ist, bei Vernunft ist, und ohne Blutsverwandte, seinen ganzen Besitz Martin Pawley vermacht. Doch die Suche geht noch drei Jahre weiter. What makes a man to wander? Am Ende bringt Wayne Debbie heim, die vor ihm wegrennt und furchtsam auf seinen Armen getragen wird. Als die Musik, die die Zuschauer immer buhen läßt, einsetzt, sieht man sie nicht ins Haus gehen, sondern mit dieser Musik kommt der verwirrte Mose Harper ins Bild, der halbnackt endlich in seinem Schaukelstuhl sitzt, was die Zuschauer leider nicht zu deuten wissen. Er ist zufrieden. Wayne ist sofort wieder im Freien und sucht weiter, denkend: I just sell sincerity. And I´ve been selling the hell out of it ever since I got going. Es ist gleichgültig, was das heißt. Aber vielleicht kann er einmal vergessen. Alles vergessen. Wenn

dieser Film von mir wäre, hätte ich nichts mehr zu sagen. Aber das Flugzeug

erhob sich und trug mich zu einem anderen Ort. (Herbert Achternbusch: Happy oder Der Tag wird kommen, Frankfurt/Main, Suhrkamp Verlag, 1975, Seite 166-168.)

(September 1997)

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O FFENE F RAGEN Es bleiben immer wieder offene Fragen, und ich werde immer wieder versuchen, sie zu beantworten. Stefan Derrick nicht Sabbat, nicht Sonntag — nein Freitag überschreiten wir unsere Grenzen falten die Hände öffnen Augen und Ohren und empfangen IHN O du — meine wahre und wirkliche Welt O du — mein freitägliches Hinüberdämmern in künstliche Künstlichkeiten in phantastische Phantasien Geben wir´s doch ruhig zu: das Leben als solches ist doch nu´ wirklich banal und das, was wir nennen unsere ÄNGSTE — unsere HOFFNUNGEN — unsere ZIELE ein mehr als feuchter Kehrricht . . . und dann . . . aus den Tiefen unserer Alltagsdepressionen steigt herauf Stefan Hero — das Porträt des Bullen als philosophierender Mitschmensch und wenn du die Frage nach dem SINN DES LEBENS schon längst als pubertäres Gewäsch verabschiedet hast wirst du hier vor die einzige Alternative gestellt: wirkliche GRÖSSE oder wirkliche SCHEISSE du wirst gläubig weil du erkennst: hier ist es: das ABSOLUTE auch wenn es nur das MITTELMASS ist alles ist fein alles ist teuer schöne Häuser und schöne Menschen (und wo wohnst du?)

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aber es gibt auch den Abschaum das WaschKüchenFeeling die Welt wie sie wirklich nicht ist und manchmal darf er auch frech werden darf scharfe Worte schleudern wie Blitze — donnernder Zeus — Über-Ich der Republik und aller angeschlossenen TV-Kolonien die Gemeinde ist versammelt und erwartet die Absolution programmiert von Erzengel Harry und dann — 21 15Uhr — lassen wir uns (erschöpft) zurückfallen in unsere BetStühle und erwarten das ITE MISSA EST . . .

(Winter 1998)

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S TEFAN D ERRICKS ( VOR ) LETZTE W ORTE

*)

Mein Name ist Derrick. Ich leite die Ermittlungen. Mein herzlichstes Beileid. Harry, bin ich wahnsinnig? Ich bin doch nicht wahnsinnig! Harry, bitte kommen! Harry, hol schon mal den Wagen! Harry, laß dir was einfallen! Harry, du kochst den schlechtesten Kaffe von ganz München. Inspektor Klein und ich gehören seit Jahren zur Mordkommission. — Wir haben sehr viele Tote gesehen. Wir haben zwar `ne Menge Theorien, aber bis zu den Beweisen ist es noch ein weiter Weg. Wir sind Bullen für sie. Da sträuben sich ihr alle Haare. Hast du alles vorbereitet, Harry? — Ja, ich kann ganz München absperren. Die Frage ist doch: wie geht´s weiter? (Harry Klein) Ich möchte mich gern mit ihnen unterhalten. Kommen Sie! Tun Sie´s nicht! Tun Sie´s nicht! (Harry Klein) Der Kommissar muß die Geschichte hinter der Mordtat sehen. Das Geld ist nicht zu finden. — Da bietet sich vielleicht ein völlig neues Mordmotiv an. (Harry Klein) Der Mörder will ran an seine Beute. Den Rest der Erbengemeinschaft haben wir auch schon. Der Mord ist die intimste Beziehung zwischen zwei Menschen. Manche Menschen haben überhaupt keine Bedenken, Mördern die Hand zu geben. Mord ist leider etwas Alltägliches geworden. *)

Einige Sätze wurden gefunden in: »Roter Kalender 1997. Schöne Morde. Gegen den grauen Alltag«, Rotbuch Verlag, Hamburg 1996.

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Zerstörte Menschen zu sehen, ist für mich nichts Neues. Gegen Verzweifelte hat man immer eine Chance. Sie müssen mir helfen den Mörder zu finden. Sie müssen mir nur einige Fragen beantworten. Mörder, viele von ihnen, hatten kein Zuhause. Dieses Wort dürfen Sie nicht gebrauchen. — Mörder dürfen Sie nicht sagen, nicht solange nicht bewiesen ist, daß er einer ist. Wir kennen den Täter und müssen ihn ziehen lassen. Einen schönen Tag noch, Mörder! Harry, der Mann ist eiskalt! — Stefan, löst du deine Fälle jetzt mit dem Thermometer? Etwas ist jedenfalls richtig: Es wird kein schöner Abend! Guten Abend! Mein Name ist Derrick. Ich ermittle in einem Mordfall. Guten Morgen, Doktor! Können Sie schon was sagen? Also, der Täter ist verletzt. Wir haben hier Blutspuren, fordern Sie bitte einen Hundeführer an. Stefan, es ist die Tatwaffe. (Harry Klein) Den Mörder haben wir. Wer ist der Auftraggeber? Die Gefahr ist geblieben. Der Täter, wer immer das ist, hat alles genau vorbedacht. Er soll´s mir sagen. Und er wird´s mir sagen. Wer redet, verliert seinen Schrecken. Jeder Fall hat eine Tür - manchmal ist sie auf, manchmal ist sie zu die Tür. (Harry Klein) Erste Gedanken sind immer gewalttätig. Der Angeklagte hat einen festen Platz. Gangster haben andere Spielregeln. Der Mann nervt mich. Die ganze Familie nervt mich.

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Sie sind erschüttert. Ich kann das verstehen. Sie waren eine gute Freundin der Toten. Sie suchen den Trost, wo immer er ist, denn sie haben zwei Menschen erschossen. Wir gehen davon aus, daß das Opfer den Toten gekannt hat. Sie werden es wieder versuchen, todsicher. Heute wurde die Liebe ermordet. Der Herr steh euch bei - bei der Suche nach Wegweisern. Harry, der Pfarrer, der Pfarrer hat einen beneidenswerten Beruf. Sie sind vorläufig festgenommen. Ab! (Harry Klein) Hier herrscht das Gesetz. Das Gesetz hat einen Sinn. Das sind halt Buchstaben, natürlich, und manchmal passt beides nicht zusammen. Warten wir nicht alle auf einen Anruf? Bitte rufen sie mich heute Nacht noch an. Jeder Mord ist das Ende einer Geschichte. Er schließt ein Kapitel ab. Ja

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Wir leben in einer Welt, in der sich die Lebensgesetze verändert haben — und mit ihnen auch die Wertvorstellungen. Wertvorstellungen, die wie ein Gehäuse waren, in dem sich der Mensch verhältnismäßig schneller bewegen konnte. Aber inzwischen leben wir auf einem Schauplatz, auf dem sich Kämpfe abspielen, in denen es nur eine Regel zu geben scheint: du mußt gewinnen. Wie auch immer, der Nutzen zählt, dein Nutzen zählt. Und es soll dich nicht kümmern, wenn rechts und links neben deiner Lebensbahn die bisherigen Wertvorstellungen zurückbleiben. Der Nutzen, der persönliche Nutzen steht an erster Stelle! Was für eine Einladung an die kriminelle Welt. Gewalttaten sind Massenware geworden auf den Nachrichtenmärkten dieser Welt, und sie haben einen merkwürdigen Nebeneffekt: Man beginnt sich an sie zu gewöhnen, und die Gewöhnung normalisiert sie. Sie verlieren den Charakter des Besonderen, sie bekommen Unterhaltungswert. Mord und Totschlag bekommen Unterhaltungswert. So werden Menschen zu Zuschauern, die akzeptieren, daß Zuschauen zu nichts verpflichtet, fast so, als genieße der Zuschauer seine Ohnmacht. Der Zuschauer spricht sich selber frei von jeder Art von Mitschuld. Er hat damit nichts zu tun. Die Welt wird als Spektakel betrachtet, in dem die Zuschauer in Atemlosigkeit gehalten werden, aber nicht im geringsten das Gefühl haben, aufstehen zu müssen, um endlich zu begreifen, daß es ihr eigenes Schicksal ist, dem zu zuschauen. (»Das Abschiedsgeschenk«, Folge 281)

Aufnahme: Niko Schmid-Burgk / Photoselection

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K ULTUR S CHOCK

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Mein TrübSinn schlägt Blasen — verwirft sich zu einer unüberwindlichen Mauer Es gibt keine Grenzen (mehr) keinen Weg, keine Orientierung SPLENDID ISOLATION alles vereinnahmt alles unter Kontrolle alles ein Brei multi/kulturell black´n´cola

rubbelt die Seelen flach so weit — bis jeder SchwachSinn drüberrubbeln kann Tod auf der Straße des Fortschritts was bleibt übrig: ein Haufen undefinierbarer Scheiße in der sich niemand mehr zurechtfindet gewaltsam angepaßt Schnittbogenmuster was ist eigentlich mit Identität gemeint?

Kuh(l)Tour?

vor welchem Hintergrund stehe ich?

wer spricht, wenn ich spreche?

was ist das »FREMDE« in mir?

Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier . . . Keine klaren Verhältnisse — und das ist gut so Es lebe die Differenz! Wie rollen wir drüber über uns, unseren Geist, unsere Körper machen platt, was uns unterscheidet machen platt, was uns anzieht am anderen, was ihn begehrenswert macht ALLES NUR COCA COLA ALLES NUR NATO ALLES UNGLAUBLICH ZIVILISIERT

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Es gibt Stimmen, die eine andere Sprache sprechen :

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Es gibt aber auch: den Philosophen, den Politiker:

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Die Neger sind als eine aus ihrer uninteressierten und interesselosen Unbefangenheit nicht heraustretende Kindernation zu fassen. Sie werden verkauft und lassen sich verkaufen, ohne alle Reflexion darüber, ob dies recht ist oder nicht. Ihre Religion hat etwas Kinderhaftes. Das Höhere, welches sie empfinden, halten sie nicht fest; dasselbe geht ihnen nur flüchtig durch den Kopf. Sie übertragen dies Höhere auf den ersten besten Stein, machen diesen dadurch zu ihrem Fetisch und verwerfen diesen Fetisch, wenn er ihnen nicht geholfen hat. In ruhigem Zustande ganz gutmütig und harmlos, begehen sie in der plötzlich entstehenden Aufregung die fürchterlichsten Grausamkeiten. Die Fähigkeit zur Bildung ist ihnen nicht abzusprechen; sie haben nicht nur hier und da das Christentum mit der größten Dankbarkeit angenommen und mit Rührung von ihrer durch dasselbe nach langer Geistesknechtschaft erlangten Freiheit gesprochen, sondern auch in Haiti einen Staat nach christlichen Prinzipien gebildet. Aber einen inneren Trieb zur Kultur zeigen sie nicht.

Der schwarzhaarigen Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt. Mit allen Mitteln versucht er die rassischen Grundlagen des zu unterjochenden Volkes zu verderben. So wie er selber planmäßig Frauen und Mädchen verdirbt, so schreckt er auch nicht davor zurück, selbst in größerem Umfange die Blutschranken für andere einzureißen. Juden waren und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Ziele, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardisierung die ihnen verhaßte weiße Rasse zu zerstören, von ihrer kulturellen und politischen Höhe zu stürzen und selber zu ihren Herren aufzusteigen. Denn ein rasssereines Volk, das sich seines Blutes bewußt ist, wird vom Juden niemals unterjocht werden können. Er wird auf dieser Welt ewig nur der Herr von Bastarden sein.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften

(1997/98)

Adolf Hitler, Mein Kampf

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P ROJEKT : Z U K U N F T Ein WissenschaftsReport

im anfang war das wort. im anfang schuf gott himmel und erde. — und dann kam peter sloterdijk und klärte mich auf: auch in der gegenwartskultur vollzieht sich der titanenkampf zwischen den zähmenden und den bestialisierenden impulsen und ihren jeweiligen medien. schon größere zähmungserfolge wären überraschungen angesichts eines zivilisationsprozesses, in dem eine beispiellose enthemmungswelle anscheinend unaufhaltsam rollt. ob aber die langfristige entwicklung auch zu einer genetischen reform der gattungseigenschaften führen wird - ob eine künftige anthropotechnologie bis zu einer expliziten merkmalsplanung vordringt; ob die menschheit gattungsweit eine umstellung vom geburtenfatalismus zur optionalen geburt und zur pränatalen selektion wird vollziehen können - dies sind fragen, in denen sich, wie auch immer verschwommen und nicht geheuer, der evolutionäre horizont vor uns zu lichten beginnt . . . unsere gattung kann jede (...) katastrophe überleben, solange ihre hoffnungen heil bleiben. — dein hintern ist viel zu fett. — unsere spezies wird freilich nicht viel darstellen, wenn wir keine tanzenden sterne mehr gebären. — du bist so fett und faul geworden. — wir können den kindern mit der begabung zum gebären tanzender sterne den nötigen freiraum schaffen, während wir dafür sorgen, daß die interessen der kinder ohne anlagen zu derartigen leistungen nicht den interessen der begabten geopfert werden. — du siehst aus wie der letzte dreck. — das vokabular ist gruselig inhuman. — sophistischer taschenspielertrick. — ihr behandelt mich als wär ich anders. — ihr weiber seid doch alle hysterisch. — ich bereue - ich greif´ nie wieder zur flasche. — besoffene frauen find´ ich fürchterlich. — seit es die philosophie als literarisches genre gibt, rekrutiert sie ihre anhänger dadurch, daß sie auf infektiöse weise über liebe und freundschaft schreibt. — du bist doch sexsüchtig ich kann nicht mehr. — was findet ihr nur alle so schön am sex? — je öfter, desto besser. — du bist der schlechteste liebhaber, den ich je hatte. — für die wenigen, die sich noch in den archiven umsehen, drängt sich die ansicht auf, unser leben sei die verworrene antwort auf fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden. — der

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einzige punkt, auf den es wirklich ankommt, spielen die auf technologie versessenen futurologen genausowenig eine rolle wie die neonitzscheaner, denn bei diesem projekt geht es darum, daß alle menschen-kinder früher oder später die gleichen lebenschancen erhalten. — mann, du läßt dich doch gehen. — selbst schuld, wenn du am hungertuch nagst. — erörterungen der zukunft bestehen heute vielfach aus projektionen derzeit gegebener technischer trends. wird die kunst langweilig, stirbt sie; um zu überleben, bedarf sie sowohl der neuheut als auch gelegentlicher größe. philosoph sloterdijk: platzende fruchtblase . . . die menschheit hat jahrhunderte gegen den widerstand der natur angekämpft, diesem widerstand sein leben abgerungen. nachdem der widerstand der natur in wichtigen teilen weggefallen ist, droht der mensch nach vorne zu fallen und zu stolpern. nicht mehr die natur setzt ihm grenzen, er muss sich selbst grenzen setzen. ihr homos geht mir auf die nerven. vier lieben dich — der countdown läuft weiter — ein allzuklarer fall — der prinz ist zurück — aktuell — regional — vega$ — geh aufs ganze! — die uhr ist abgelaufen — total verrückt — einmal noch, bevor ich sterbe — heißkalte liebe — tapfere enten — zwei männer am herd — die todesgrippe von köln — forever young — der bär — wer rettet den tiger? — der leihopa — ...und der himmel steht still — stargate — jedes leben zählt — die uhr ist abgelaufen. ich gehe ins bordell - na und? — ratten, schimmel? miete runter! — ich lebe mit einem putzteufel. — du arbeitest dich zu tode. — meine traumfrau will mich nicht. — liebe hinter gittern: warum dürfen wir nicht zusammen sein? — mein job ist sex, na und? — ich steh auf pelze! laßt mir meinen luxus. — kind, bitte versöhne dich mit mir. — heute sag´ ich dir, was ich über dich denke. — bei vollmond drehst du völlig durch. — ihr vereinsmeier geht mir auf den keks. — nette männer sind nieten. — ich wär so gern wie harald schmidt . . . zweieinhalb tausend jahre nach platos wirken scheint es nun, als hätten sich nicht nur die götter, sondern auch die weisen zurückgezogen, und uns mit unserer unweisheit und unseren halben kenntnissen in allem alleingelassen. was uns an stelle der weisen blieb, sind ihre schriften in ihrem

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rauen glanz und ihrer wachsenden dunkelheit; noch immer liegen sie in mehr oder weniger zugänglichen editionen vor, noch immer können sie gelesen werden, wenn man nur wüßte, warum man sie noch lesen sollte. time out.

Quellen:

Die Bibel — Richard Rortry: Keine Zukunft ohne Träume, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 24 vom 30./31.01.1999 — Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus (+ Diskussionsbeiträge, Leserbriefe, etc. in der Zeit und im Spiegel, etc.) — Talkshow-Themen (RTL und SAT1) vom 26.01 bis 5.02. 1999 — Das Fernsehprogramm vom 2. 10. 1999 bis 8. 10. 1999 (ausgewählte Titel) — Karl Valentin: Werke — Varia & Couriosa.