Franz Josef Strauß - H-Net

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Franz Josef Strauß (6.9.1915 bis 3.10.1988). Eine politische Biographie. Wissenschaftliches Symposium anlässlich des 20. Todestages. München: Historis...

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Franz Josef Strauß (6.9.1915 bis 3.10.1988). Eine politische Biographie. Wissenschaftliches Symposium anlässlich des 20. Todestages. München: Historisches Kolleg; Hanns-Seidel-Stiftung, 06.10.2008. Reviewed by Andreas Zellhuber Published on H-Soz-u-Kult (February, 2009)

Franz Josef Strauß (6.9.1915 bis 3.10.1988). Eine politische Biographie. Wissenschaftliches Symposium anlässlich des 20. Todestages den Quellen gearbeiteten Biographie über Franz Josef Strauß nicht zuletzt an diesem mehrdimensionalen Facettenreichtum gescheitert. Einige journalistische Arbeiten der letzten Jahre können das Desiderat einer modernen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Darstellung nur unzureichend befriedigen. Daher nahmen das Historische Kolleg und die Hanns-Seidel-Stiftung den Gedenktag zum Anlass, am 6. Oktober 2008 in den Räumen der Münchner Kaulbach-Villa ein Symposium mit Zeitzeugen und Zeithistorikern abzuhalten, das entsprechend mit dem programmatischen Untertitel eine po” litische Biographie“ versehen wurde. Neben einer am 2. Oktober 2008 in der Bayerischen Staatskanzlei eröffneten Ausstellung gehörte die Tagung sicherlich zu den wissenschaftlich herausragenden Veranstaltungen im Gedenkjahr.

Am 3. Oktober 2008 jährte sich der Todestag von Franz Josef Strauß zum zwanzigsten Mal. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen gedachten die Christlich-Soziale Union, die CSU-nahe Hanns-SeidelStiftung und die Bayerische Staatsregierung eines Politikers, der wie kaum ein Zweiter die deutsche NachkriegsÖffentlichkeit polarisierte. Parteifreunde und Anhänger verehrten Strauß als bajuwarisches Urgestein und Sprachrohr des intellektuellen Konservatismus, politische Gegner kritisierten und fürchteten die harte Polemik des talentierten Rhetors und Wahlkämpfers, Karikaturisten fühlten sich durch seine unverwechselbare Physiognomie und Vitalität inspiriert, Teile der Medien zeichneten das Zerrbild eines korrupten, skandalumwitterten Politikers, vielen Bürgern war sein bisweilen machiavellistisches Verhältnis zur politischen Macht suspekt.

Nach einführenden Grußworten durch den Vorsitzenden des Kuratoriums des Historischen Kollegs, Lothar Gall, und dem Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Hans Zehetmeier, befasste sich am Vormittag eine erste Sektion unter der Moderation von Hans Günter Hockerts mit den wesentlichen Stationen im Werdegang des Politikers, bevor sich die zweite Sektion am Nachmittag, moderiert von Helmut Altrichter, mit einigen zentralen Politikfeldern im Wirken von Strauß und mit dessen weltanschaulicher Grundausrichtung auseinandersetzte.

Ähnlich vielfältig wie die Wahrnehmung waren die Ämter und Funktionen, die der langjährige CSUParteivorsitzende, Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, mehrfache Bundesminister und Bayerische Ministerpräsident in seiner mehr als vier Jahrzehnte umspannenden politischen Karriere bekleidete. Als wahrer homo politicus erwies sich Strauß auch in seinen mannigfaltigen Interessen und Positionen. Der Generalist setzte in der Außen- und Deutschlandpolitik ebenso Akzente wie in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, bei der Reform der Finanzverfassung oder als Förderer von Wissenschaft und Technologie.

Den Auftakt machte ein Referat von HANSCHRISTOF KRAUS (Passau), der zunächst grundlegende theoretische Überlegungen zu einer modernen wissenschaftlichen Biographik anstellte. Kraus verwies dabei

Bisher sind alle Versuche einer umfassenden, aus 1

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auf die methodischen Voraussetzungen einer solchen Biographik, die neben dem stets kritischen Umgang mit Quellen und Ego-Dokumenten sowie einer prozessoffenen, teleologische Verengungen vermeidenden Perspektive eine Einbettung von Persönlichkeit, Überzeugungen und Werdegang in sozialgeschichtliche Handlungszusammenhänge im Sinne Wilhelm Diltheys verlange. Auf Nachfrage zeigte sich Kraus schließlich optimistisch, dass ein solches Vorhaben auch bei dem Politiker Strauß gelingen könne, wenn auch dessen außerordentlich lange und komplexe Karriere eine besondere Herausforderung darstelle.

sung“ 1987. Erfolgreicher sei da der abwartende, teilweise als behäbig empfundene, moderierende Politikstil des Bundeskanzlers Helmut Kohl gewesen.

Die Berichte über die außenpolitischen Alleingänge von Strauß und seine Kontakte zu Diktatoren der zweiten und dritten Welt veranlassten Hans Günter Hockerts zu der Frage, ob es ein geheimes Blaubartzimmer“ des ” bayerischen Politikers gebe – Stichwort Waffengeschäfte. Hier widersprachen die anwesenden Weggenossen entschieden. Franz Priller warf ein, dass Strauß als el” der statesman“ überall auf der Welt gern gesehener Gast war und um politischen Rat gefragt wurde. Dabei habe HORST MÖLLER, Direktor des Instituts für Zeitge- Strauß stets seiner demokratischen Grundüberzeugung schichte in München, stellte anschließend einige Überle- Ausdruck verliehen und Missstände angeprangert. Peter gungen zur Rolle von Franz Josef Strauß als Vorsitzen- Gauweiler betonte, dass sich der technikbegeisterte eheder der CSU und – für den Berichterstatter von besonde- malige Verteidigungsminister Strauß natürlich auch in rem Interesse – als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe den 1980er-Jahren noch mit der Entwicklung der Wehrim Deutschen Bundestag an. Strauß habe Einfluss und technik befasst habe, ohne dass dies in Zusammenhang Bedeutung seiner Partei virtuos zu steigern vermocht, mit seinen außenpolitischen Aktivitäten gestanden habe. indem er je nach Situation entweder die bundes- oder Am Nachmittag referierte BERNHARD LÖFFlandespolitische Karte gezogen habe. Diese Strategie haLER (Erlangen/München) über Franz Josef Strauß als be sich in einer zunehmenden Emanzipation von der Wirtschaftsund Finanzpolitiker. Löffler würdigte die Schwesterpartei manifestiert, die 1955 mit einer eigenen Bemühungen des Politikers, die bundesrepublikanische Geschäftsordnung für die CSU-Landesgruppe ihren AnFinanzverfassung unter Berücksichtigung neuartiger fang genommen und mit dem (freilich später zurück gePlanungsverfahren zu reformieren, damit das Erfolgsmonommenen) Trennungsbeschluss von Kreuth 1976 ihren dell der Sozialen Marktwirtschaft weiter zu entwickeln Höhepunkt gefunden habe. Dieser Beschluss habe zugleich aber auch die Grenzen einer solchen Strategie auf- und an die ökonomischen Herausforderungen der spägezeigt. Strauß selbst, so möchte der Berichterstatter an- ten 1960er-Jahre anzupassen. Strauß habe damit wesentfügen, erschien dabei als Verkörperung dieser fruchtba- lichen Anteil am Modernisierungsschub der deutschen ren Wechselbeziehung zwischen bundespolitischer Ver- Nachkriegsgesellschaft gehabt. Die Hypothese des Zeithistorikers aber, der enge, freundschaftliche Umgang mit antwortung und landespolitischer GestaltungsmöglichUnternehmern, etwa dem Bäderkönig“ Eduard Zwick, keit, die für die CSU nach Überwindung der parteiinter” nen Flügelkämpfe Mitte der 1950er-Jahre geradezu iden- habe die Grenzen zwischen Politik und Privatleben verwischt und Strauß für die Interessen von Lobbyisten titätsstiftenden Charakter annahm. empfänglich gemacht, rief erneut den dezidierten WiFür die 1980er-Jahre stellte ANDREAS WIRSCHING derspruch der Zeitzeugen hervor. Franz Georg Strauß (Augsburg) fest, dass sich der erfolgreiche Ministerpräsi- etwa bemängelte, dass diese auch in der Presse kolpordent und Nebenaußenpolitiker“ Strauß zwar weiterhin tierten Behauptungen durch keinerlei Beweise gestützt ” einigen nationalen und internationalen Einflusses erfreu- würden. Zusammen mit seiner Schwester Monika Hohlte, der ihn zu einem gewichtigen bundespolitischen Ve- meier lud Strauß dazu ein, den Nachlass seines Vaters tospieler werden ließ. Allerdings habe eine zunehmen- diesbezüglich einer gründlichen Autopsie zu unterziede Systemkomplexität einen neuen Politikstil erfordert. hen. Beide wiesen außerdem darauf hin, dass das enge Der impulsive, spontane Habitus, der Strauß zueigen ge- Verhältnis ihres Vaters zu Unternehmern vor allem der wesen sei, die Widersprüchlichkeit mancher seiner Posi- Förderung des Wirtschaftsstandorts Bayern gedient und tionen und auch seine Polemik seien in der außerbaye- zur Sicherung von Arbeitsplätzen beigetragen habe. rischen Öffentlichkeit zunehmend auf Unverständnis geIm Anschluss an die Diskussion behandelte HELstoßen. Als Beispiele nannte Wirsching etwa die VermittMUTH TRISCHLER vom Deutschen Museum in Münlung eines Milliardenkredits an die DDR 1982/83, die pochen die Rolle von Franz Josef Strauß bei der staatlitische Gegner überrascht und so manche Parteifreunde lichen Förderung von Schlüsseltechnologien. Trischler düpiert hatte, oder den Konflikt um die doppelte Nulllö” 2

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zeichnete dabei ein jahrzehntelanges Engagement für eine wirtschafts-, gesellschafts- und verteidigungspolitisch integrierte Förderung der Schlüsseltechnologien in den Bereichen Energiegewinnung, Wehrtechnik sowie Luft- und Raumfahrt. Dieses von rationalen Überlegungen, nämlich Stärkung der transatlantischen Sicherheitsarchitektur im Ost-West-Konflikt, und genuinem technologischen Interesse geleitete Engagement des HobbyFliegers habe sich von den bundespolitischen Ämtern in den 1950er- und 1960er-Jahren bis in die Regierungszeit als Bayerischer Ministerpräsident in den 1970er- und 1980er-Jahren gespannt. Stets habe Strauß dabei auch die europäische Dimension einer solchen Innovationspolitik im Auge gehabt.

fried Scharnagl, der im September 2008 mit autobiographischen Betrachtungen über den Freund“ Strauß an die ” Öffentlichkeit getreten war.

Resümierend betrachtet lag der eigentliche wissenschaftliche Verdienst des Symposiums möglicherweise weniger in einer erschöpfenden fachlichen Diskussion verschiedener Aspekte des Lebens und Wirkens von Franz Josef Strauß, als vielmehr in der Aufschließung“ ” des Themas selbst für die Geschichtsschreibung. Wesentlicher Schlüssel hierzu war die von den Veranstaltern bewusst herbeigeführte Begegnung von Zeitzeugen und Zeithistorikern und deren wechselseitiger Austausch ungeachtet ihres naturgemäß verschieden gearteten Zugangs zum Gegenstand der Betrachtung. So bot die fachDen Schlusspunkt der Vortragsreihe setzte ANDRE- wissenschaftliche Öffentlichkeit der Tagung denn auch AS RÖDDER (Mainz), der nach der normativen Grundla- den geeigneten Rahmen für die Ankündigung der Straußge, nach dem Geschichts- und Gesellschaftsbild des Poli- Erben, der Nachlass ihres Vaters stünde den interessiertikers Strauß fragte. Dabei kam Rödder zu einem ambi- ten Historikern nun für eine kritische Auseinandersetvalenten Befund: einerseits habe Strauß ohne Zweifel als zung zur Verfügung. Darüber hinaus trug der in dieWertkonservativer zu gelten, dessen Denken und Han- ser Form und für diese Themenstellung erstmalige Ausdeln auf christlich-liberaler Grundlage von einem anti- tausch dazu bei, jene nicht nur zeitliche Distanz zu schafutopischen Pragmatismus geprägt gewesen sei. Anderer- fen, die einer zukünftigen historisch-biographischen Anseits sei der technikbegeisterte Strauß auch Exponent ei- näherung noch vorauszugehen hat. nes fortschritts- und planungsoptimistischen Zeitgeistes Konferenzübersicht: gewesen. Allerdings sei es Strauß zunehmend schwergefallen, sein Politikmodell eines modern-innovativen Wissenschaftlicher Teil Konservatismus dem in den späten 1960er- und frühen Moderation: Prof. Dr. Hans Günter Hockerts/Prof. 1970er-Jahren vollzogenen gesellschaftlichen Wertewandel anzupassen, der im Zuge einer zunehmenden In- Dr. Helmut Altrichter Prof. Dr. Hans-Christof Kraus (Passau): Probleme eidividualisierung und Pluralisierung in der Postmoderne eine Verschiebung der Pflicht- und Akzeptanzorien- ner modernen politischen Biographie am Beispiel von tierung hin zur Konsum- und Selbstentfaltungsorientie- Franz Josef Strauß Prof. Dr. Horst Möller (München): Franz Josef rung mit sich gebracht habe. Tatsächlich, so kann der Berichterstatter mit Blick auf die Protokolle der CSU- Strauß als CSU-Vorsitzender und Vorsitzender der CSULandesgruppe bestätigen, reagierte insbesondere Strauß Landesgruppe im Deutschen Bundestag Prof. Dr. Andreas Wirsching (Augsburg): Münchner seit Ende der 1960er-Jahre zunehmend mit Unverständnis auf die poltischen Positionen einer als undankbar Perspektiven: Franz Josef Strauß und die Bundespolitik in den 1980er Jahren empfundenen Jugend“. ” Prof. Dr. Bernhard Löffler (Erlangen/München): Nachdem der wissenschaftliche Teil des Symposi- Heute müssen die Dinge geplanter sein.“ Franz Josef ums die Schwierigkeiten einer historisch-biographischen ”Strauß als Wirtschafts- und Finanzpolitiker Annäherung an das Phänomen Strauß“ aufgezeigt, zuProf. Dr. Helmuth Trischler (München): Modernisie” gleich aber auch mögliche Zugriffe skizziert und in ei- rung durch staatliche Förderung von Schlüsseltechnolonigen Bereichen den Boden für eine kritische Betrach- gien: Franz Josef Strauß als Forschungspolitiker tung bereitet hatte, ergänzte ein von Hans Zehetmeier Prof. Dr. Andreas Rödder (Mainz): Franz Josef Strauß geleitetes abendliches Kamingespräch die Veranstaltung – ein Konservativer im Wertewandel mit persönlich gefärbten Erinnerungen an den Politiker Kamingespräch mit Zeitzeugen und Menschen Franz Josef Strauß. Zu den Gesprächsteilnehmern gehörten die langjährigen Weggefährten und Moderation: Dr. h.c. mult Hans Zehetmair, Staatsmipolitischen Ziehsöhne Edmund Stoiber und Theo Wai- nister a.D. gel, der ehemalige Büroleiter Wilhelm Knittel sowie Wil3

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Dr. Wilhelm Knittel, Staatssekretär a.D. Wilfried Scharnagl, langjähriger Chefredakteur des Bayernkurier“ ” Dr. Edmund Stoiber, Ministerpräsident a.D. Dr. Theo Waigel, Bundesfinanzminister a.D.

Die Gesprächsrunde wurde vom Bayerischen Fernsehen aufgezeichnet und am 25. Oktober 2008 von 22.30 bis 23.45 Uhr in BRalpha in der Sendung Denkzeit“ gesen” det.

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