FRUHMITTELALTERLICHE STUDIEN

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Sonderdruck aus FRUHMITTELALTERLICHE STUDIEN Jahrbuch des Instituts für Frührnittelalterforschung der Universität Münster in Zusammarbeir mit Hans ...

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Sonderdruck aus

FRUHMITTELALTERLICHE STUDIEN Jahrbuch des Instituts für Frührnittelalterforschung der Universität Münster

in Zusammarbeir mit

Hans Belting, Hugo Borger, Dietrich Hofmann, Kar1 Josef Narr, Friedrich Ohly, Kar1 Schmid, Ruth Schrnidt-Wiegand und Joachim Wollasch

hen&gegeben von

KARL HAUCK

18. Band

WALTER D E GRUYTER

. BERLIN . NEW YORK

Das Mönchsgelübde als Opfer:: Ein hochmittelalterlicher Tractatus de professione monachorum lehrt: Tria sunt quae homo potest Deo dare, sua, et seipsum ex parte, et insuper seipsum tottrm'.

Drei Dinge sind es, die der Mensch Gott geben kann: sein Eigentum, einen Teil seiner selbst, darüber hinaus sich selbst ganz und gar. Im Text wird dann erläutert, da8 das erste - jetzt wird es als eleemosyna und misericordia bezeichnet" von jedem Menschen gefordert sei. Die teilweise Selhsthingabe zweitens bestünde im Verzicht auf Erlaubtes. Ausdrücklicli nennt der Traktat die Ehe, den Genuß von Fleisch und Wein, weiche Kleider, Besitzungen, Ämter und die Familienbande. Aber auch wer darauf verzichte, sei noch kein Mönch". Mönch sei nur, wer iiiic Jesu Worten der folge mir nach' Ernst machte und sich selbst ganz und gar hingäbe'. Wer dies freilich täte, der könne danach nie wieder in die Welt zurückkehren, es sei denn zu seinem endgültigen Verderben? Die Kapuze des Mönchskleides bezeichne die Abtötung der Liebe zur Welt und ihrer Taten gemäß dem Wort aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser: Mortui estis, et vita vestva alscondita esi cum Christo in Deo6.

Dementsprechend wird uns aus dem Mittelalter über die Mönchsweihe in willkommener Deutlichkeit und Sicherheit überliefert, daß der zum Mönchtum angenommene Professe die drei Tage nach der Mönchsweihe mit der Kapuze verhüllt in1 Schweigen zubrächte: ql~aedamimago dominicae mortis et resi~rrectionis' - oder, wie an anderer Stelle vom neuaufgenommenen Professen steht: in +so sauae religionis habitu monachlcs per triduum quodammodo consepeliturn. Diese Auffassung, der in der Profeß sich Gott selbst Hingebende werde mit Christus begraben und würde damit auch zum Bild des Auferstandenen, führt unmittelbar zurück in die Tradition des Mönchtums in Ost und West, die Mönchsgelübde stellten eine zweite Taufe dar, da ja der Täufling mit Christus der Welt sterbe, um mir Christus aufzuerstehen9.

:' Die im folgenden i.orgcsiel1re Skizze gilc unrei allcn inögliclien Blickpunkren, unier dcnen piofcssio iiionasiica und Mönclisweihe angcsproclien werden können, niiein demjenigen des Opfers. Dic Vorrragsfassun~wird unverändeii, ledigiicli mii dcn eriordcrliclien Belegcn verselien, wiedergegeben. ' Tractatus de profcssionc monachoium e s ms. codicc Bigotiino anre annos 500 eaararo, hg. von Eoxouo Mnn?-ixr, De anriquis Ecclesiac Ritibus IV, D e monncliorum ritibus 1-5, Antweipcn 1738, Sp. 474 D . Ebd. Sp. 475 A, B. Ebd. "bd. Sp. 473 C. ' Ebd.: . . . deincepr ndineci O DCASI:I., ~ I>ic Mönchsm~ihc(laliibuch für 1.iiiirgiewissenschaii 5, 1925, S. 1-47).

Eine dem hl. Macarius zugeschriebene Predigt eines Benediktiners aus dem 12. Jahrhundert für die Mönche sagt dies anschaulich aus: Vos enim Aeg3iptum reliquistis, id est mundum. uos rzbrum mare transütis, id est baptisma, Christi sanguine rubricatum . . .'O Ihr habt Ägypten hinter euch gelassen, das heiDt die Welt. Ihr habt das Rote Meer durchschritten, das heißt die mit Christi Blut gerötete Taufe. Daß sich der Mönch mit seinem Gelübde Christus in einer zweiten Taufe angleiche, wie es im Römerbrief des Paulus vom Taufling geschrieben steht, dieser Gedanke begegnet schon bei Pacliomius". Er kehrte in der Erklärung der Benediktsregel Hildemars ebenso wieder" wie bei Theodoros Studites, der das Mönchsgewand Ev y ? x ~r6 apj$a, so „reinigend und weihend" (Odo Casel) wie die Taufe ( i j n n ~~~a LOi finrrtiöya) ansah'? ~ a t yipqa~v & ZOG OELOU r ) a ~ t i u p o . ~und o j G E ~ T E Q O Vßanxi
Lrci.enc~(wie Arim. 7) S. 18-27, C. 22. V51. dazu M m ~ i i i u sRo~iiiixri;iusr.irn, Dic Anfänge der klösicrlichen Piofeß (ßenedikcinische Monarsschiifr 4,1922, S. 21-28)bes. 5.22-26. Ikpositio ilegiilac ab Hiidciiiaio tiadirn, Ihg. uoii KUPERTM i r ~ ~ n ~ l ü r . ~Kegensbuig i:n, 1880, bcs. S. 539 zu cap. I.VlIl, auch C. 29f. und 72 zum Prolog I' Vgl. C : t s e ~(wie Anm. 9 ) s . 6. '" Ioannis Anriocheni, De rnonasieriis laicis non riadendis (MTGSEPL 132) Sp. 1124 A. 'V:\UL WILLBMFIXSTTRW,\IDER, Die Canones Theodori Canruariensis und ihre Cberlieferungsformen, Weimar 1929, U 11,111 3 , s . 315. '"bd. Daran, daß diese Auffassung irn Anscl~lußan Paulus, 1. Röm. 6, 3-5 besonders P. I.co d. Gr. schon weiierenrwickelt hai, erinnerte FRIEDR~CH WILHEL.M D l i i c ~ ~ h x iEinführung i, in dic christliche Archäologie2 Darrnstadc 1983, S. 98, im Zusammenhang seinci Ausführungen über die Archirekiui als Bedeurungsrrägei, insbcsondeic irn Zusarnrnenharig seiner Darsicllung dci frühchristlichen Baptisterien. Mönchwerden als sündenrilgcnde zweire Taufe, also als zweicc Geburr, als Wiedergeburt aus dem HI. Gcist, zälilrc irn Hochrnirtelalrer zu dcn geläufigen rnonaztischcn Denkmusrcrn. Dics har aucli P. Urban II., der ehcrnalige Mönch und Prior aus Cluny, ausgesprochen, wenn er urkundlich niedcrlegre, er verdanke dcrn Klorcei scincs Abrcs Hugo von CIuny die Wicdei~eburraus dem H 1 Geisr: . . . in ;i
"

"

Seimo S. Macarii ad rnonaclios, hg. von

Das M6nclisgeliibdc als Opfci

53 1

reeov p a ~ r 6 ~ i oheißt v ) das Mönchsein bei Diadochos von Photike". Bedenkt man, daß die U r s p r ü n ~ edes christlichen Mönchtums am Endc der Märtyrerzeit sichtbar wurden, verwundert dies nicht. Aber ob nun Profeß und Mönchsweihe als zweite Taufe oder als die Bluttaufe der Märtyrer - in jedem Fall sollte das Ausschlaggebende für den, der sein Mönchsgelübde ablegte, die Angleichung des eigenen Lebens an dasjenige des gekreuzigten, begrabenen und auferstandenen Christus werden. Worte und Zeichen in der Geschichte des christlichen Mönchtums bezeugen dies überreich. Zitiert sei die fälschlich Fructuosus zugeschriebene Regula monastica communis: Proinde Christi servus, qui cupit esse verlrs discipulus, nudam crucem ascendat nudus, irr mortuus sil saeculo, Christo vivat cruc$ixozO. Der wahre Mönch solle zum nackten Kreuz nackt aufsteigen, auf daß er tot sei für die Welt, dem gekreuzigten Christus lebe. Et postquam deposuerit corporis sarcinam, et hostem viderit trucidatum, tuncseputer devicisse milndum . . . z l . Und nach seinem Tod, nachdem er die Last des Leibes abgeworfen und den Feind - d. h. die Versuchung des Teufels in der Welt - zermalmt gesehen habe, dann mag er für gültig halten, da8 er die Welt besiegt hat. In Columbans Regula monachorum wird das Wort aus dem Brief des Paulus an die Galater VI, 4 von der gekreuzigten Welt aufgenommen und den Mönchen klargemacht, sie seien für die Welt gekreuzigt2?. Mönchtum als ß i o ~ o r u u ~ 6 r p o ~ oals g , Leben eines Kreuzträgers, war schon Pachomius, Basilius, Cassian und anderen Mönchsvätern vertraut'3. Und wurde in der alten Kirche der Täufling in der Submersionstaufe, der Taufe durch Untertauchen, zeichenhaft mit Christus begraben, wie es Paulus erklärt, so gab es im Mittelalter bei der Mönchsweihe die Geste symbolischer Grablegungz4. O d o Casel hat in seiner - man darf sagen klassisch gewordenen Abhandlung über die Mönchsweihe auf irische, koptische und syrische Gewohnheiten der Mönchsweihe in der Frühzeit hingewiesen, die das Ausziehen der alten, weltlichen Kleidung und das Anlegen des o;fipa, des Mönchshabits, der seiner Kreuzform nach selbst schon Zeichen war, als Opfer und Teilnahme am Kreuzesleiden Cliristi darstellten'j. Noch als Graf Wilhelm von Gellone 806 ins Kloster eintrat, - vom Ablegen seiner golddurchwirkten Gewänder und seines Bartes und Haupthaares wird geschrieben - wurde er mit dem Apostelgewand (Skapulier) nach Art des Kreuzes bekleidet (ueste Apostolica instar Crircis ~nduitur)~"Und in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts bezeichnete O d o von Cluny das Mönchsleben als conditioportandae mi~cis". Neben zahlreichen Zeugnis'O

"'

K E ~ X ~ EyLoU) m ~ ~Q-i x94, iig. von GDOUARDi>i;s P~~cirs, Diadoquc de Pliotice, CCurres spiiiiiicllcs (Sources chii-riennes 5"') Paris 1966, S. 156. Cap. I, lig. von Lucns Hoisrisius, Codcx Kegulii.um Mo~asiicarunic t Canonicai-tim ioiui V1. I, Augsburg 1759, ND Giaz 1957, C. 209.

" Ebd.

" Cap. IV, lig. von G. S. M. Wii.iien,

Sancii Coliirnbnni operi (Scripioies L.atirii Hibeiniac 11) Dublin 1957, S. 126: Monachii, q i ~ i l > u r ~Cijristo m rni~ndzicri
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532

Joachim \Woliascli

sen bot im 11. Jahrhundert Bernold von St. Blasien in seiner Chronik und in dem dieser vorgegebenen Kalender als Bezeichnung für einen, der seiner Meinung nach wahrhaft als Mönch gestorben sei, das iam dudum mundo crucifixus*~Im 12. Jahrhundert nahmen die Belegstellen dafür, daß die Mönche ihr Leben als Kreuztragen verstanden, an Zahl und Ausführlichkeit zu". Wenn es also möglich war, das Mönchsgelübde als Versprechen, der Welt zu sterben, in einer zweiten Taufe mit Christus zu sterben, begraben zu werden und aufzuerstehen, zu begreifen, und wenn die mönchische Christusnachfolge als zweites Martyrium und Kreuzesnachfolge verstanden werden konnte, dann ergibt sich bereits daraus, daß mit dem Mönchsgelübde der Akt der Selbsthingabe an Gott als Opfer gemeint war. Suscipe me dornine secundum eloquium tuum et vivam betet bis heute der Novize bei der Mönchsn.eihe dreimal nacheinander und schließt damit unmittelbar an den Text der Profeßformel: Ego Ar. promitto . . . an. Daß die Profeßurkunde auf den Altar gelegt wurdein, veranschaulicht den Opfercharakter des Mönchsgelübdes. In die gleiche Richtung weist es, wenn als Offertoriumstext der Messe, während der die Mönchsweihe vorgenommen wurde, der Psalmvers Siczt in holocausto gewählt wurde3' oder wenn anderswo Profeß und Mönchsweihe vor der Opferung in der Meßfeier stattfanden'z. Die Feststellung eines liber ordinarius aus Jumieges (12. Jh.?) Consuetum est ut feria sexta (Freitag) fiat professio monachorum" ist im selben Zusammenhang zu sehen. Aber noch bevor man sich in Texten des Opfercharakters der Mönchsgelübde versichert, ist daran zu erinnern, da8 im Mittelalter neben der conversio, der vollen Hinwendung eines erwachsenen Laien vom weltlichen zum mönchischen Leben, die oblatio - schon dieses Wort heißt Opfer - eines minderjährigen Sohnes durch die "% 'B ..

zum 6 . XI]. im Kalender ( M G H SC 5 , S. 393), in der Clironik ad a. 1077 ( M G H SS 5 , S. 435), Chion. ad a. 1072 ( M G H SC 5, S. 429) u.ö. Die Neuedirion dcr Chronik bereitet I. S. Robinson f ü r die M G H vor. Die Nciiedition dcs Kalenders: R0i.r K u i - r i i n s - J o i c ~ i i WOLLASCH, ~ Der Kalender des Clxonisren Bernold (Deutsches Archiv 40, 1984. iiii Druck). Als iepiäseniarivcr Bcispiel dnfiir sei hier der anschaulich eindrucksvolle Tesr dcr prefatio 12. ß e tonrzra monachorirrn ei i/erirori!m ziir Clironik des Klosreis Pcrershniisen genaniir, i i i den> dic klerikale und rnonasiische Tonsur als Zeichen der Doincnkronc Cliiisri aufgefaßt wird, die Christus zu seiner Selbsropfcrung auf dcm Altar des Kreu,cs in ara niecii getragen ihnbc, Die Chro~ Clironiken d c i Sraufcizeir 3 ) nik des Klosrcii Percisliauscn, hg. von Orio F E < ; E(Schw;lbische I.indau-Konsranz 1956, N D Sigmaringrn 1978. S. 28; vgl. dazu Idung, Dialogus duorum monachorum 111, hg. von R o n i n ~B. C . HOYG~-XS (Scudi Medicrali 13, 1972, S. 375-470) S. 465£., in dem der Cisteiciensei darlegt, dic Mönche trügen Chriszi K r c u i im lnnein, im Äußeren cnrspriche dem die Kukuile in ilircr Kreuzform als Zcichen; zum Kloster als Ort der Kreuzigung des Mönchs ugl. JE.%%I.ICL~~RCC), La vie p r f a i r e , Turnhoui:l'aris 1948, bes. S. 131 f . übci Pierie de Ccllc. "<'Vgi. erma Bcncdicri Regula, lig. von RUDOLFH.~NSI.IX(CSEL 7 5 )\Wien l1977, S . 149: LVII, 20. $' Vgi. dazu erma das Pontificale romanum des Engelbeigei C o d c r 54 aus den, 12. Jh. miigcteilr von ODOC ~ s a i (wie . Anm. 9) C. 37; zu den älteren Vorlagen dieses Meßfoimulais für die Mönchsprofeß rgl. ]EAX Liici.r:ncq, Messer pour la profession e t i'oblarion monasiiques (Archiv für Liiurgienrissenscliafr 4 , 1955, C. 93-96), dazu aber die Einordnting des EngellicrgerTcrrzeugcn als späte Variante des Ordo ad >no,iaciiirm Jnciendicrn des Pontificale iornano-geimanicum duicli H i r n o r u r ~ u s FRAXK,Unreisuchungcn zur Gerchiclirc der bcncdikrinischen Profcßliturgie irn frühen Miirclalier (Srudieii und Mitrcilungen zur Geschichte des Benedikrineioidens 63, 1951, S. 93-139) bes. S. 118-I2Ound zur „ältesten Profeßinesse" S. 123f. "'M A R T ~ S(mic E Anm. 1 ) 11, Anriverpcn 1736, Sp. 4621. ;. M r i. .~ . ~(wie l ~ Anm. i . 1 ) 11, Animerpcn 1736, Sp. 457 D.

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Das Mönclisgeiübde als Opfer

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Eltern für das Mönchsleben stand. In der Benediktsregel, nach der zwischen etwa 800 und 1100 das Leben der Mönche in den Klöstern Europas ausgerichtet war, handelt das 58. Kapitel vom Verfahren bei der Aufnahme neuer Brüder, das 59. von den Söhnen Adeliger oder Armer, die dargebracht werden (qui 0fferwntur)3~.Dort steht, daß die Eltern des Minderjährigen cum oblatione ipsam petitionem, die Oblationsurkunde, et manum pueri, und die Hand des dargebrachten Knaben, inuolbant in palla altaris, in das AItartuch einwickeln, et sic eum ofierant und ihn so darbringen sollen3'. Es ist hier nicht der Ort, auszubreiten, wie, von wem und aus welchen Gründen vom 9. bis zum 11. Jahrhundert die Entwicklung der pi~erioblati oder nutriti angegriffen, in Frage gestellt oder verteidigt worden ist. Aber als es zum Streit zwischen dem Sachsen Gottscbalk und Abt Hraban Maurus von Fulda über die Rechtsverbindiichkeit der Oblation kam, hat Hraban im Liber de oblatione puerorum, als er aus dem Alten und Neuen Testament die Rechtmäßigkeit, ja Notwendigkeit der Oblation zu beweisen unternahm, dabei Abrahams Opfer Isaaks und die Darstellung Jesu im Tempel durch seine Eltern hervorhebend, das Mönchwerden durch die Oblation als Abbildung des Kreuzesopfers Christi dargestellt3% Von Isaak schrieb er, dieser sei typus illius, de quo dicit Apostolus: Factus obediens Patri rdsque ad mortem, mortem autem crucis: idcirco povtabit ligna ad conficiendum de semet ipso holocaustum, ut Christum exprimei-et portanteiiz mi*cem ad peragcndum passionis suae sanamcntum3'. Isaak sei Typ desjenigen, von dem der Apostel sagt: Er wurde dem Vater gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Deshalb trug er das Holz, um das Brandopfer von sich selbst zustande zu bringen, auf daß er Christus abbilde, der sein Kreuz zur Vollendung des Sakraments seines Leidens trug. Das von Isaak im Gehorsam gegenüber Abraham angebotene Brandopfer als Präfiguration des Kreuzesopfers Christi, das dieser im Gehorsam Gottvater gegenüber auf sich nahm, hat Hraban als theologischen Hintergrund der Oblation eindrucksvoll dargestellt. Doch selbst ohne die im Mittelalter gesehenen zwei Wege der oblazio und der conversio zum Mönchtum zu berücksichtigen, folgte aus der Christusnachfolge, die der Mönch in seinem Gelübde als Opfer seines Lebens versprach, daß er seinen Willen aufgab, um Gottes Willen zu erfüllen, daß er auch den Gehorsam des leidenden Christus nachahmen wollte. Hatte Hraban Maurus das Opfer Isaaks als Präfiguration des Kreuzesopfers und als Vorbild für die Darbringung des Opfers einespuer oblatus gesehen, so betonte er doch in derselben Schrift den Unterschied zwischen Tieroder Menschenopfern im Alten Testament und dem neutestamentlichen Opfer Christi, das er in dessen Gehorsam zum Vater erkannte: Melior est cnim obedientia quam victimae, er auscultare magis quam offerve adipem rietu um"^. Das zum Gehorsam gehörende auscultare, das Gott wohlgefälliger als das Darbringen eines Widderopfers sei, spielt wohl auf die Anfangsworte der Benediktsregel mit ihren Gehor-

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Benedicri Rcgula (wie A n m . 30) 5. 151 S . 152. M ~ i c \ i iPI. i 107,Sp. 419ff Ebd. Sp. 423. ;"bd. Sp. 439.

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samsforderungen an: A~scultabzw. obsculta, o fili, praecepta magistri, et inclina airrem cordis tui, et admonitionempiipati-k iibenter excipe et efficaciter comple, ut ad eidm yer oboedientiae 1abori.m redeas, a qiro per inoboedientiae desidiam recesseras"', damit D u durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurückkehrst, von dem D u Dich durch die Nachlässigkeit des Ungehorsams entfernt hattest. Sowohl die Magister- als auch die Benediktsregel enthalten im Kapitel über die hirmilitas die Forderung, der Mönch ahme den Herrn nach, von dem im Philipperbrief 2, 8 steht, er wurde gehorsam bis zum Tod (imitans Dominum, de quo dicit Apostolus: Factus oboediens msqi~e ad m o ~ t e m )Die ~ ~ mönchische . Nachahmung des Gehorsams Christi im Ganzen der Christusnachfolge besaß auch vor dem Magister und Benedikt von Nursia schon zentrale Bedeutung für das Mönchsleben. So fornlulierte Cassian in seinen Conlationes mithilfe des Johannes- und des Matthäusevangeliun~s:Unser Herr und Erlöser sagte, damit er uns eine Form für die Amputation unserer Willensregungen übergäbe (ur nobis amputandarum voluntatum nostrarum formam traderet): ich bin nicht gekommen, ineinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hati'. Inden1 der Professe in seinem Gelübde sich selbst opferte, um den Gekreuzigten in Entsagung der Welt und unter Verzicht auf den Eigenwillen gehorsam nachzuahmen, verpflichtete er sich zum lebenslangen Ausharren in der Christusnachfolge, zum tägliclien, von Tag zu Tag zu wiederholenden Gekreuzigtsein der Welt. Daher konnte das Wort vom Mönch als Martyr vivus, das zu zitieren war, geprägt werden3'. Das Mönchsgelübde und das darin versprochene Opfer des Professen war nicht einfach ein Vertrag zwischen Menschen und Gott, losgelöst von Zeit und Raum. Es war auf Lebensdauer angelegt. Es fand an einem klar bezeichneten O r t statt und wurde grundsätzlich an ihn gebunden. Seit der für die professio monastica sozusagen klassisch gewordenen Studie Matthäus Rothenhäuslers wissen wir, daß rechtliche Empfänger der Profeflurkunde ein bestimmter Abt und die heiligen Patrone seines Klosters gewesen sind4? Und was etwa in der Benediktsregel über die instrirmenta bonori~mopei-um vor dem Kapitel über den Gehorsam gesagt ist, was die vielen einzelnen Akte zum Ganzen der Christusnachfolge zusammenbindet, soll verwirklicht werden in einer Werkstätte, nämlich in der Abgeschlossenheit eines Klosters. Alle die Akte der Nachfolge Christi, der für die Menschen gestorben ist, seien in einer menschlichen Gemeinschaft auf Lebenszeit, in der Beständigkeit der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, zu '"Uenedicri Ilegula (ivic Anm. 30) Prolog, S. 1

"

Hier sei Ilie ilcnedikrus-Regel, 1.arcinisch-Dcurscii, hs. von UASII.IUS S i r i ~ r r Ueuion , '1978, S. 54, 54 zitiert, wcil diese Aussabe im Text die Sreilai durch Fcrrdiuck ihcrvorhcbr, die mir den cnispreciienden der Magisierregcl idcniiscli sind. "' Conlarioiier XlIil 26 (wie Anm. 1s) S. 709f. " S . O . Anm. 18. " M.ii-r+i;ius I l o i ~ r x i i ; i u s r e n ,Zur Aufnaiimcordiiung der R~guinC. Bcncdicri (Ueiiriige z u r Gescliichre der alten Möncliriiiiis und des Benedikrineiordens 5 I) Münsiei 1912, b e ~ S. . 11 1. Sielie aucli den durch Paiilus diaconus iltesibekanncen Tex? der bcncdikrinisclien Piofeßformei Iig. von Enss-i Dti~~.z~ (MGH . i i ~ Epp. 4 ) Episcolae variorum Nr. 13, S. 514 und hg. von K ~ s s r u sH:>i.i.is<:inMARI.* \Vii<;ix~n(Corpus Consucrudinurn ivionariiorum I) Sicgbuig 1963, S. 1741. Vgl. dazu Ii.i>iii:oxs Hi:it\vr<:rs, Geschiclirc dcr benediktinisclien ProfeRforniei (Bcirizge zur Gcschichie dcs alrcn Mönciirums und des Benedikrineiordens 3 Ii) Münster 1912. S. 9.

I h r Mönchsgelübde als Opfer

535

leisten. (Officina uero ubi haec omnla diligenter operemur claustva sunt monasteuii er stauilitas in cong~-egationejbd. Der denkbare Einwand, worin denn bei solclier Sichrweise Mönchsgelübde und Opfer mönchischen Lebens bestanden hätten, als die ersten Mönche in die Einsamkeit der Wüste auf der Halbinsel Sinai und in Ägypten flüchteten, und man noch nichts von Profeß oder Regel hört, scheint vorwegcenommen und beantwortet bei dem Bernard von Clairvaux vertrauten Gottfried von Auxerre, wenn dieser, als er das Mönchsleben als ein anderes Martyrium nach der Zeit der Christenverfolgungen darstellte, schrieb: 'Wie nämlich die Verfolgung der Gläubigen durch die Bekehrung der Herrscher ruhte, hat init einer wunderbaren Eingebung seiner Kunst der Heilige Geist eine neue Art des Martyriums gefunden, bei welcher der Folterknecht und der Martyrer derselbe ist, wie Christus Opfer und opfernder Priester zu~leichgevorden ist' (ubi idem tortor et m a ~ t y r quemadmodum , Christus hostia f a c t ~ sest et sacerdosj"? Gemeint ist also der sich zum Opfer darbringende, sich selbst zum Martyrium zwingende Möncli. 'Und weil', so fahrt der Autor fort, 'sich das Menschengeschlecht so vermehrt hat, daß in nahezu keiner bewohnbaren Gegend Einöden gefunden werden können, sondern die, welche sich zurückziehen wollen, offensichtlich die Menge durch liäufigen Besuch wollen, sie pflegen oder in größerem Ausmaß anziehen, ist die Einsamkeit des Klosters ganz und gar kunstvoll und durch höchsten Ratschluß gefunden. Gibt es denn eine Einöde, in der jedes Bemühen um menschliche Bedürfnisse fehlt (Numqirid non solitudo, ubi nulla sollicitudo culi~slibetetiam necessitatis h u m a n a e j ? j W d e r ist etwa einst ein Anachoret so fremd der Welt und von allem weltlichen Treiben so unberührt gesehen worden wie heute der wahre Mönch im Kloster? Gar kostbare Geschmeide sind die heiligen Mönchsgelübde, in unvergleichlicher Kunstfertigkeit entstanden und in einzigartigem Plan ausgedacht.'4' Mit den Geschmeiden meinte Gottfried den Ring, mit dein die Scclc dem Wort Gottes verlobt wird58. In der Profeß für das klösterliche Leben sah Gottfried das mönchische Lebensopfer eher als bei den in der Einöde auf Hilfe anderer angewiesenen Eremiten der Frühzeit gewährleistet. Klösterliches Mönchtum vermochte nach der Märtyrerzeit dennoch Martyrium in Christusnachfolge anzubieten, nachdem durch die Geschichte der Menschheit aus Einsamkeit Anziehungspunkt für viele und geschäftiges Treiben geworden war. Anders gesagt: im Mittelalter, spätestens, seit von der Karolingerzeit bis zum 12. Jahrhundert in den europäischen Klöstern die Benediktsregel Alleingeltung erhielt, sollten die alten Anschauungen vom Mönchtum als zweiter Taufe, als Sterben dcr Welt mit Christus, als Martyrium der Nachfolge des Gekreuzigten im Leben der klösterlichen Gemeinschaft vernrirklicht werden. Wirkten sie in die geschichtliche Praxis des mittelalterlichen Mönchtums hinein? Man könnte daran zweifeln, beachtete man allein die theologischen Abhandlungen oder Briefe des frühen und Iiohen Mittelalters, die über die Profeß aussagen.

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Benedicri Rcguia (xvie Anm. 30) 1111, 78, S. 37. tfii,oiaiiage dc G6offroY d'huserrc siir la vie cisrercienne (I>EKs., A o ~ I I c c ~ ~ MonasricaI1 /SiodiaAnselmiana31j Rom 1953, S. 174-201) bcs. S. 180, I j f . '"Ebd. S. 180, 201. "'E.bd. S. 180. 21 -21. ""bd. C. 180,4f.

" J ~ i - i xL i c i . ~ x c g , 1.c

Doch war bereits darauf hinzuweisen, daß die Anschauungen von der Profeß als zweiter Taufe, als Martyrium, als Opfer zur Angleichung des eigenen Lebens an dasjenige des gekreuzigten Christus und der Apostel gleichzeitig in Texte der Liturgie eingegangen und damit in die alltägliche Praxis klösterlichen Lebens aufgenommen worden sind. Es ließe sich eine stattliche Reihe von Urkunden nennen, die anläßlich von Klostereintritten ausgestellt wurden und die Motive der conversi, welche die Urkunden ausstellten, in der Arenga so wiederceben, wie es die bisher zitierten Texte nahelegten. In einer original erhaltenen Urkunde des Jahres 1081 für Cluny, die ein Bermundus für sich und seinen Bruder Petrus ausstellte, wird u.a. in der Arenga die Matthäusstelle 16, 24 angeführt: Qui vult post me venire abneget semetipsum, et tollat nircem suam, et sequatur m.e49.Der Converse und Urkundenaussteller ließ weiter feststellen: quia nisi quis renunciaverit, inquit, omnibus que possidet, adhuc autem er anime sug, non potest esse meus dis~ipulus5~. Da ich, Bermundus, diese beiden Aufträge des Herrn fromm zu erfüllen wünsche, weil ich erkenne, daß dies nur vollkommen geschehen kann, wenn ich zum Mönch werde (nuliatenusperfecte passe fieri nisi monachus efficiar)S', schenke, tausche und gebe ich mich selbst hin mit allem, was ich habe' (dono et commuto sive transfundo memet ipsum cum omnibu,s r e b ~ ~ets possessionibus . . .)". Die Selbsthingabe und Schenkung erfolgte mit Zustimmung des Bruders Bermunds, Petrus, damit auch er 'mit unsern Eltern und Verwandten, allen Lebenden und Verstorbenen Anteil an dieser Wohltat und helemosina erhalte'si. Darauf folgen in der Urkunde die ausführlichen Angaben zu der reichen Schenkung, die Bermund und Petrus zu ihrem, ihrer Eltern und Verwandten Seelenheil an Cluny gaben. Und um 1093 urkundete gelegentlich seines Eintritts in die Abtei Cluny Hugo von Lurcy mit seiner Frau, während als erster Zeuge nach ihm Heinrich, einst Bischof von Soissons, jetzt Mönch von Cluny, die Urkunde unterzeichnete"4. Bald nach der beurkundeten Schenkung, so steht von Hugo in der Urkunde, 'habe ich mich unwürdigen Knecht Gottes, getrieben von seiner Güte, damit ich mein Kreuz ihm nachtrage (ur m c e m meamposr ipsum bajularem), selbst verleugnet (memet ipsum abnegavi) und vom frommen Vater Hugo, dem Abt von Cluny, das Mönchsgewand empfangen. Wahrend ich also auf diese Weise aus der Welt schied (Hoc itaque modo me a saeculo decedente), und nach dem baldigen Tod meiner Tochter hat jene Herrin, die einst in der Welt meine Frau war (domina illa quondam in seculo uxor), jetzt meine Schwester in Christus (nuncin Christo soror mea), in meiner Gegenwart die bereits vollzogene Schenkung in die Hände des Priors Ivo von Cluny bei der Kirche der heiligen Märtyrer Gervasius und Prothasius (neben der alten Burg) wiederholt und bestätigt'5" Die Worte dieser Urkunde wiegen schwerer, wenn man weiß, daß Hugo von Lurcy, bevor er Mönch wurde, die 'Y

AUGUST[$ BERXARD-ALEXASDRE BRULL(Hgg.), Recueil der chaites dc l'abbaye de Cluny 4, Paris 1888, Nr. 3583, S. 732.

" "d. " 'bd. " Ebd. " Ebd. S. 733.

" A t i c u s ~ i ;B i ; n ~ . n x ~ - A i . ~Bnuri x ~ x (Hgg.), Rccueil dcs chaires de i'abhayc 1894, Nr. 3672, S. 26.

ss Ebd. S. 25f.

de Cluny 5, Paris

Das Mönchsgelübde als Opfer

537

Mühen einer Jerusalemfahrt auf sich genommen hatte. Seine Frau Adelaisa trat als Nonne in Marcigny ein". So leicht es fiele, derartige urkundliche Bezeugungen dafür auszubreiten, daß sich die Mönche während des Mittelalters des Opfers ihrer Gelübde bewußt blieben und die Auffassung von der Profeß als der dem Martyrium angeglichenen Christusnachfolge auch unter den Laien immer wieder wirksam verbreiteten, so bedenklich mag es stimmen, daß das solcherart ernstgenommene Mönchsgelübde, das die perseverantia des worum, des propositum, der professio und die stabilitas in congregationeS7 bis zum Tod einschloß, im Mittelalter wiederholt werden konnte. Immer wieder kam es vor, daß ein Mönch an einem anderen Ort als dem seiner ursprünglichen Profeß seine Gelübde erneuertesR. Die Mehrfachprofeß, eine gerade den mit~~, in der Zeit der allein telalterlichen Jahrhunderten eigene E r ~ c h e i n u n g verwandelte geltenden Benediktsregel die von einem Mönch gelobte stabilitas immer wieder in mobilitas. Erinnern wir uns überdies daran, daß mit dem in die Hände eines bestimmten Abtes, der nach der Benediktsregel an Christi statt den Brüdern vorsteht, geschworenen Gelübde des Novizen Gehorsam, Gehorsam nach Christi Vorbild bis in den Tod, gelobt wurde, so widerspricht dem doch der Weggang eines Mönchs von einem in ein anderes Kloster und die dort nochmals geleistete Profeß in nicht zu überbietender Härte. Man wird daher nach den Gründen für den transitus eines Mönchs von einem in ein anderes Kloster zu fragen haben. Gab es etwa, neben der zweifellos bezeugten ~~, die einen Mönch nach Ablegen seiner Verletzung von M ö n ~ h s g e l ü b d e n Gründe, Gelübde zwingen konnten, sein Profeßkloster zu verlassen? Ware diese Frage positiv zu beantworten, so bedeutete dies, daß trotz der in der Benediktsregel überragenden Stellung des Abtes als Stellvertreters Christi im Kloster, der durch Willen und Wahl der Brüder diese überragende Stellung empfing, dem Gehorsam eines Mönchs gegenüber seinem Abt bestimmte, unübersteigbare Grenzen gesetzt waren. Tatsächlich bestehen nicht wenige Zeugnisse aus dem Mittelalter, die Aussagen darüber bereithalten. Bevor davon die Rede ist, sei auf zwei Stellen der Benediktsregel hingewiesen, die zur Frage einer Begrenzung des Gehorsamsversprechens eines Mönchs vor seinem Abt und zur Frage des Obergangs eines Mönchs von einem zu einem anderen Kloster antworten. Im 64. Kapitel über die Einsetzung des Abtes schloß Benedikt die Möglichkeit nicht aus, die ganze Mönchsgemeinschaft könnte so verderbt sein, daß sie einhellig eine Person zum Abt wählt, die ihren Fehlern zustimmt. Einer solchen irreligiösen Situation und dem unwürdigen Abt hätten dann der zuständige Ortsbischof, Äbte und Christen der Nachbarschaft abzuhelfen, indem sie dem Kloster zu einem würdigen Abt verhülfen, immer vorausgesetzt, sie erhielten Kenntnis der schlimmen Vor5"ie

Zeugnisse darüber sind sorgsam zusrmmengestellr und kommentiert bei ELSEMARIAWiscwrnMaicigny-sur-Loire. Gründungs- und Frühgeschichte des ersren Cluniacenscrinnenpriorn~es (1055-1150) (phil. Diss., masch.) Münstci 1983. Benedicci Regula (wie Anm. 30) I111 78, C. 37 U. ö. C. U. nach Anm. 66ff. Eine geschichtliche Gesamidarsrellung der ProfcR und MehrfachpiofeX im Mittelalter, die besonders im Zusammenhang mit den monastischen Reformen des Mitrclaliers begegner, fchli bis hcure. Je.is L r c ~ ~ n cDocumenis g, sur les „fugiiifs" (Srudia Anselmiana 54, Rom 1965,s. 87-145). M:ini,

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ginge". Im Zusammenhang unserer Frage Iäßt diese berühmte Textstelle der Benediktsregel erkennen, daß in einem Kloster Zustände eintreten konnten, die es einem Mönch verwehrten, seinen Gelübden entsprechend sein Lebensopfer dort darzubringen. Die zweite hier zu zitierende Stelle der Benediktsregel steht im 61. Kapitel über die Aufnahme fremder Mönche. Dabei geht es nicht allein um Gastmönche, sondern Benedikt sprach auch die Möglichkeit an, ein zu Gast weilender fremder Mönch wolle auf Dauer im Gastkloster bleiben (Si uero postea uolwerit siauilitatem sltam firmare . . .)". Hätte man das Lehen des Gastmönchs als vorbildlich gefunden, so solle dieser zum Bleiben aufgefordert und in die Gemeinschaft aufgenommen werden (suscipiatur congregationi sociandus)". Doch fügten die beiden letzten Sätze des 61. Kapitels dieser Bestimmung eine bezeichnende Einschränkung hinzu; der Abt solle sich hüten, je einen Mönch aus einem anderen bekannten Kloster (de alio noto monasterio) ohne Einwilligung seines Abtes oder ohne Vorlage eines Empfehlungsschreibens des Abtes aufzunehmen. Denn, was Du nicht willst, daß Dir geschehe, das füg' auch keinem anderen zu". Dennoch war der Ubergang eines Mönches von einem zu einem anderen Kloster mit Erneuerung der Profeß nach dem Wortlaut der Benediktsregel dann willkommen, wenn es sich um einen vorbildhaften Mönch handelte, der im Einvernehmen und auf Empfehlung seines Abtes hin das Kloster wechselte. Diese Feststellung, aus der Sicht des aufnehmenden Klosters, nicht aus der Sicht des betroffenen Professen getroffen, vermag darauf aufmerksam zu machen, daß legitimer oder illegitimer Wettbewerb zwischen bekannten, als angesehen eingestuften Klöstern stattfand"" und daß ein Mönch, der aus einem unbekannten Kloster kam, im Gastkloster nach Maßgabe seiner monastischen Tugenden und Absichten die Gelegenheit erhalten sollte, seinem Gelübde gemäß auf Dauer zu leben. Was aus dieser Ausgangslage der Benediktsregel in der Praxis der Regelausleguug und der Mehrfachprofeß in den mittelalterlichen Jahrhunderten geworden ist, bleibt noch zu beobachten, wenn nicht die Auffassung vom Mönchsgelübde als zweiter Taufe, als Martyrium, als Lehensopfer in Angleichung an den gekreuzigten Christus als reines Anspruchsdenken alter Mönchsväter und ihrer Epigonen abgetan werden soll. Jean Leclercq hat beizeiten auf Texte aufmerksam gemacht, die für die 6' 6:

Bcnedicii Reguia (wie Anm. 30) L.XIIII 3-6, S. 163f. Ebd. LXI 5, S. 156. Ebd. 1.XI 8.S. 156. Ebd. [.XI 13f..S. 157. 1096 liarrc d e r Papst L . 15. einen Srreir z~visclicriKloster ~ \ i l c r l ~ e i l i g c n / S c l ~ a f f l ~uiid a ~ ~dciii s ~ ~ iClioilici-rensrift Ko~reiiboclii i i scliliclircii, der ciirsran
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Das Mönclisgelübdc als Q f c r

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Spiritualität und Praxis mönchischen Lebens im Kloster zentrale Bedeutung erlangten". In aller Klarheit bat Bernard von Clairvanx in einer Zeit, in der sich die einzelnen Mönchsorden voneinander abgrenzten und gleichzeitig der Ubergang eines Mönchs von einem zu einem anderen Orden besonders ernst genommen wurde, das Kriterium genannt, wonach ein Mönch als Flüchtiger, Fahnenflüchtiger seines Gelübdes für die militia Ci3rtiti anzusehen sei oder aber als Mönch, der aus Liehe zu seinem Gelübde das Kloster wechselte. Den einen leiteten Angst und Abi aidt odio scheu vor dem Mönchsleben, sodaß er aus dem Kloster flüchtete ( q i ~timore religionls de monasterio fugit), der andere wechselte sein Kloster, weil er das Mönchsleben liebte ( q i i eiusdem amore et desiderio transit ad aliud)6'. Dementsprechend erwähnte ein anglo-normannisches Textbruchstück aus dem 12. Jahrhundert allzu große Armut eines Klosters (nimia paupertas) und allzu starke Bedrängnis und Irreligiosität in einem Kloster (persecutio nimia et irreligiosltas) als Gründe, derentwegen es erlaubt sei, den O r t des Stabilitätsgelübdes zu wechseln (mutare licet loca in quiiius se stabiles esse promiserunt religioni)'.% Allzu große Armut des Klosters hatte dem Mönch nicht erlaubt, in persönlicher Armut sein Mönchsleben, das er versprochen hatte, zu führen, ohne einem Erwerb nachzugehen. Persec~i.tiound irreligiositas, jedenfalls wenn sie als nimia zu bezeichnen waren, verhinderten aus sich heraus die Verwirklichung des Mönchsgelühdes, gleich, ob es sich um äußere Verfolgung, etwa in der Zeit der Normanneneinf'alle, oder um Ereignisse in der Zeit des sogenannten lnvestiturstreites oder um Verfolgung durch einen irregulären oder irreligiösen Abt und den von ihm hervorgerufenen Mißstand in einem Kloster handelte. In einem Text des 12. Jahrhunderts, der - berechtigt oder nicht - Ivo von Chartres in den Mund gelegt wurde und der das Mönchsgelühde über die Entscheidung für das Lehen als Kanoniker stellte, wurde klar die arctior uita gegenüber der minus meta uita als Ziel des uotum, des Gelübdes bezeichnet". Und noch im 13. Jahrhundert formulierte die littera dimissoria, der Entlassungsbrief eines Abtes für einen seiner Mönche, die Begründung für den Ubergang von einem zum anderen ordo so: weil doch unser Bruder und Mönch, mit Bescheidenheit und Reinheit des Herzens, von uns den Ubergang zu Euerm Orden erbeten hat: ut apud uos uitam duceret arctiorem70. Es war also im Mittelalter legitim, arctioris vitae causa das Kloster zu verlassen und in einem anderen die Profeß zu crneuern, wenn im ursprünglichen Profeßkloster die Bedingungen für die Erfüllung des Möuchsgelühdes und damit zur Erlangung

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Hici scien ivenigsiens seine Aniiecra Monaslica I (Srudia Anselmiana 20) Roni 1948, I1 (Studia Aiisclmiana 31) Rom 1953, I11 (Siiidia Anseiniiana 37) Rom 1955, IV (Sriidia Anselmians 41) Rom 1957, V (Siudia Ansclmiana 43) Roin 195s und V1 (Srudia Anselmiann 50) Rom 1962 genannt. Bricf Bcrnards V. Clain-aux an Abi Sirnon V. S. Nicolns, Opera S. Bcinardi VIl, Iig. von J I A N L ~ c i . i n c y - H r x x i Roc~inis.Rom 1974, cp. Nr. 84, S. 218; rgl. dazu 1 . i c r . a ~(wie ~ ~ A n m . 60) S. 97. monasriquc (Dms., Annlccia Monasrica JEAX LIiins., Analecta Monastica i l /wic Anm. 661 S. 136-140) S. 140. I.I:<:I.IIKCQ ( w i e Anni. 68) S. 168.

des ewigen Heils nicht mehr gegeben waren. Die ersten Reformlizenzen des Papstes für die Cluniacenser hatten die Aufnahme eines Mönchs bei den Cluniacensern um der Reform mönchischen Lehens willen bereits so gefaßt: 'Wenn ein Mönch aus irgendeinem Kloster zu Eurem Lebenswandel, allein freilich, um sein Leben zu hessern, hinüberkommen will, weil ihm nämlich sein Abt den regelmäßigen Unterhalt, der zur Abwendung persönlichen Besitzes gebraucht wird, zu gewähren unterließ, dann dürft Ihr ihn solange aufnehmen, bis der Lebenswandel seines Klosters gebessert wird' (si quis monachus ex quolibet monasterio ad vestram conversationem solo duntaxat meliorandae vitae studio transmigrare voluerit, cui videlicet suus abbas regularem sumptum ad depellendam proprietatem habendi ministrare neglexerit, suscipere vobis liceat, quousque monasterii sui conversatio e m e n d e t ~ r ) ' ~Gleichzeitig . besagt dieser urkundliche Text, daß ein Abt seinen Mönchen die Voraussetzungen dafür, daß sic das Opfer ihres Gelübdes von Tag zu Tag, lebenslang darzubringen vermochten, zu gewährleisten verpflichtet war. Deshalb ist auch der Gehorsam des Mönchs nicht grenzenlos. Was der Mönch an Gehorsam zu leisten gehalten ist, so Bernard von Clairvaux, kommt nur durch das Gesetz seines Gelübdes (ntsiper legem uoti), betrifft allein, was er freiwillig mit der professio geschworen hat (nisi ad ea, quae uouit spontanea uoluntate)72.Was er aber gelobte, ist nicht alles, was ihm aufgetragen worden wäre, sondern Bestimmtes und Begrenztes, d. h. Regel-gemäßes ( N o n enim u o ~ ~omnia it que ei fuerint mandata, sed certa et determinata, id est secundum regulam . . .)'L Vom Abt schrieb in diesem Zusammenhang Bernard in einem Brief: Et in praesentia eius tamquam testic, non ad eius nutum tamquam dictatoris 'in seiner als eines Zeugen Gegenwart, nicht auf seinen Wink wie den eines Diktators hin - haben die Mönche vor Gott und seinen Heiligen ihre Gelübde abgelegt' @rofessi sunt coram Deo et Sanctis eius)'". Auch in dem den Cluniacensern einzigartig erteilten päpstlichen Privileg, ein ganzes Kloster zur Reform anzunehmen, steht als Voraussetzung neben derjenigen, daß der betreffende Klosterherr zustirnmt (ex voluntate eorum, ad quorum dispositionempertinere videtur), das Ziel: ad meliorand u m ~usciperc'~. Man darf aufgrund solcher Zeugnisse sagen: dic Reform des Mönchtums, welche die Bedingungen für die Erfüllung des im Mönchsgelühde Gott angebotenen Lebensopfers wieder herstellen wollte, wo sie nicht mehr gegeben waren - sei es im Blick auf einen einzelnen Mönch, sei es im Blick auf eine ganze Mönchsgemeinschaft -, galt als einziger zulässiger Grund, das Profeßkloster aufzugehen und in einem anderen erneut die Profeß abzulegen. Dementsprechend wurde die Zeit des sogenannten Reformmönchtums vom 10. bis zum 12. Jahrhundert zu der Epoche, in der immer öfter einzelne Mönche und ganze Mönchsgemeinschaften die Venvirklichung der monastischen Profeß in berühmten Reformklöstern suchten. Dafür böte allein schon die Geschichte der cluniacensischen Reformbewegung genügend zahl-

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Urkunde P. Jolianncs' XI. vom März 931: JL 3584, BÖFIMIR-ZIMMERMANN RI I1 5, Papsiregcsten, Wien-Köln-Giaz 1969, Ni. 105; Bullarium Sacii Ordinir Cluniacensis (wie Anm. 16) S. 91. Bcrnard, Ue praecepro er dispensarione 10 (Opera S. Bernnrdi [wie Anm. 671 111, Rom 1963) S. 260. Ebd. '"pcre S. Bernardi (wie Anm. 67) VII, ep. Ni. 7, S. 43. '"uilariurn Sacri Ordinis Cluniacensis (wie Anm. 16) S. 1.

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Das Mönchsgeiübde als Opfer

54 1

~ , seit mit dem Aufkommen der Cistercienser das 12. Jahrreiche B e i ~ p i e l e ~und hundert die Entstehung der Mönchsorden brachte, spitzte sich der Streit darüber, ob ein Mönch ein fugitivus war oder ob er tatsächlich arctioris vitae causa sein Profeßkloster und seinen Mönchsorden mit einem anderen tauschte, ZU". Gleichzeitig mehrten sich die Zeugnisse, die dafür sprechen, daß man die Entscheidung für das Leben als Kanoniker als Verrat am Mönchsgelühde angesehen hat. An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert schrieb Arduin von Chartres, der Mönch in S. Benigne de Dijon geworden war, seinem Freund Gaufridus von Bayeux: 'Ich glaubte, Ihr würdet der Welt entsagen, ja die Welt wäre Euch bereits gekreuzigt und Ihr der Welt. Doch gerade eben habe ich cerüchtweise erfahren, Ihr hättet in Reims Euch in eine Kanonikerstelle und mit weltlichen Verlockungen verstrickt' (Credebam uos abrenuntiaturum saeculo, immo mundum iam uobis esse nuc$xum et uos mundo. Modo nuperrime fama praeconante comperi uos Remis ~ ~die . gleiche Richtung weist canonicatum illecebrisque saecularibus esse i r r e t i t ~ m )In ein Text aus dem Umkreis Anselms von Canterbury zur Frage, was davon zu halten sei, wenn einer vor seinem Tod das Mönchsgewand erbitte und die professio in extremis oder die professio ad succurrendum, zur Hilfe für sein Seelenheil ablege. 'Niemand jedoch', so steht dort, 'bittet, während er sich dem Tod nähert: Macht mich zum Bischof, macht mich zum Kleriker oder zum Regularkanoniker oder irgend etwas dieser Art. Sondern: Macht mich zum Mönch (nemo tarnen, cum ad mortem appropinquat, rogat: Facite m e episcopum, facite me clericum uel regularem canonicum, uel aliquid huiusmodi, sed: Facite m e r n ~ n a c h u m ) ' ~Es. glaubt also der Kranke und recht glaubt er' - so fahrt der Text fort -, 'der in der Todesnot Mönch zu werden erbittet, daß er keine andere Sache unternehmen kann, durch die er so schnell das Erbarmen Gottes findet" . . . Jeder Stand in der Welt kann sich lohenswert aufgeben und den Stand der Mönche übernehmen (omnis ordo in saecu,lo, siue clericorum. siue laicorum. hotest suwm ordinem laudabiliter relinauere et laudabiliter monachorum ordinem suscipere), aber der Mönch kann auf keine Weise seinen ordo verlassen' (sed monachus nullo modo potest suu,m ordinem. relinquere . . Versteht man Reformmönchtum als den Versuch, das Opfer des Mönchsgelühdes so ernst zu nehmen, daß man den Mönchen, in welchem Kloster sie immer lebten, beste Voraussetzungen für die Verwirklichung ihres propositum wiederherstellen und allen Laien die Möglichkeit schaffen wollte, sich im Mönchsgelübde als ,L

Vgl. die ganz und gar unvollsiändigc Beispielreihc bei J O A C H ~WOLIASCH, M Die Wahl des Papstcs Nikolaus' 11. (Adel und Kirche. Gerd Tellenbach zum 65. Geburistag, hg. von Joser 1 : ~ e c i ; r ~ s ~ ~ i i . i und KAR,. SCHMID,Frciburg-Basel-Wien 1968, 5. 205-220) S. 2166. " Lec~encq(wie Anm. 60). '"EAN LECLERCQ, Leiires de vocarion ä la rie monastique (DERs.,Analecta Monastica 111 (wieAnm. 66) S. 169-179) S. 172. ni j e m Lec~i;ncg,La veiurc 'ad succurrendum' d'npres le moine Raoul (Di:ns., Analecra Monastica 111 [wie Anm. 661 S. 358-168) S. 1631. Ebd. S. 164. Ebd.; bis auf die frühen Okumenischen Konzilien und auf P. Leo d. Gi. zurückgehend erläurerre schon 1051 Petius Daminni in seinem Brief an Biscliof Gislcr von Osinio die ganze kircliliche Tradition, die ein Zurückireien von der Profcß auch nicht unter bcriimmren Bedingungen zulicl3: Die Bricfe des Pctius Damiani, hg. von Kunr Ri-iiiori. (MGM, Die Briefc dcr deuischen Kaiseizeir IVI1) München 1983, N r . 35.

"

542

Joachirn \Vollarcli

Opfer aus Liebe zu Christus darzubringen, und wäre es, wie es die Vita des hl. Gerald von Aurillac durch O d o von Cluny darstellt, heimlichH*, so wundert man sich nicht, wenn der schon im 61. Kapitel der Benediktsregel angesprochene Wettbewerb von Klöstern um die vorbildlichste Verwirklichung des Mönchsgelübdes" in den mittelalterlichen Jahrhunderten nicht abriß, und wir immer wieder von Mehrfachprofeß hören. Dennoch erschien es manchem Zeitgenossen im Mittelalter trotz der stets möglichen Berufung auf das 61. Kapitel der Benediktsregel höchst fragwürdig, schien es die Frage nach salus oder dampnatio zu sein, wenn ein Mönch sein Profeßkloster verließ. Hier stellt der 21. Sermo des Mönchs Julian von Vezelay aus der Zeit der Auseinandersetzungen mit Cluny um das Kloster im 12. Jahrhundert ein Kronzeugnis darfi". Victima optima rst eucharistiae oblatjo, lesen wir dorts% Aber dem Opfer der Eucharistie wird sogleich nachgestellt: 'Aber (sed) während Du etwas tun willst, wenn Dir etwas anderes befohlen wird, dann lese Deinen Willen ab und gehorche dem Geheiß des Magisters, denn eine Hostie, die der Ungehorsam, des Meineids schuldig, konsekrierte, fände kein Gefallen' (nam non placeret hostia quam inobedientia rea periurii consecraret)"". Klarer Iaßt sich der Opfercharakter des Mönchsgelübdes kaum aussprechen. Der mit den mönchischen Zeitgenossen äul3erst kritisch umgehende Sermo führt fort: 'Wir haben unter Eid die Beständigkeit am O r t versprochen' (Promisimus sub iuramento stabilitatem in locoH7- Julian formuliert bezeichnenderweise so, wie schon manche vor ihm, aber nicht mit den Worten der Benediktsregel stauilitas in congrrgationess): 'aber wir nehmen Ärgernis vielleicht am schlechten Lebenswandel des Abtes und der Mitbrüder. Und da zerreißen wir das Band der Profeß @rofessionis uinctcltcm rumpimus), und wir wandern aus zu anderen Klöstern, sozusagen unter dem Mäntelchen der Verbesserung des Lebenswandels (qitasi sub meliorandi specie), und nehmen aus der Regel als Argument und Deckung für unsere Unbeständigkeit jenes Wort, daß überall e i n e m Könis gedient, für e i n e n Herrn ge-

" 'Jazu

jüngsc I : ~ i r D ~ i C l.o.nrn, ii Das ldcalbild adligcr Laienfrömmigkeir iii den Anfängen Clunys: Odos Viia des Grafen Gerald von Aurillac (Benedicrine Culiuic 750-1050, cd. by W ~ L L E M Lounonun and DANIEL T'ERHEI.SI, I.euven 1953, S. 76-95) bcs. S. 84, der freilicli wie J o s r ~ n CLAUDE P o a r m , l.'ideal dc sainicte dans I'Aquiiaine caiolingienne, Quebcc 1975, die spezifisch monistisch-cluniaccnsiscliePrägung des Wunschbildes eines adeligen Laien nichi anrpriclir. Vgl. darüber J ~ C H I M WOLL.%SCH, Reform und Adcl in Riirgcind (Invcsiitiiisireit und R c i c h s ~ e r f ~ s r i i n ~ . Iig. von J o s a i F ~ ~ c n r u s r r i(Vorträgt x und Forschungen, hg. vom Konsranzei Aibeirskieis für rnitrclnlrerliclie Gescliichre 171 Sigmaringen 1973,s. 277-293) bes. C. 284. IJcr Text der cbd. ziiieiten Predigt Odos ~ o Cluny n am I:est Cailiedra rancci Perri isr wönlicli aus cinci Prcdigc P. Lcos I. unrer Veiivendung ron 1. Pcri. 2, 5 u. 9 übernommen, I.eon Ic Grand, Scirnons 4, hg. von [email protected] (Souices chretienncs 200) I k i r 1973, Nr. 95 (IV) De Narali ipsius Sermo IV in nnnivcrsario die cjusdcrn assumptionis, S. 266. Bencdicii Kegula (wie Anm. 30) S . 155-157, bes. S. 157. Mnniii-Mni,~~.iiisiLEBKEIOS, Les sernions de Julicn moinc dc Vi.zelay (I.~cr.enc~,Analecra Monastica III /wie Anm. 661 C. 118-137) bcr. S. 132-136. S"bd. S. 133. Ebd.: . . . ieA ci:m iiizd i~iingere ii ti6i aiiad iiiiaiem ti
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" IEbd S. 134. S"~ncdicti

R e ~ u l a(wie Anm. 30) IV 75, C. 37.

Das Mönchsgelübde als Opfer

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kämpft wird' (assumimus illud de regula in argumentwn et tegumentum mobilitatic nostrae)". Das zitierte Wort aus der Regel steht dort im 61. Kapitel'o. Dem setzte Julian von Vezelay dagegen, daß dieser König, dem allein gedient wird, den Bruch des Gelübdes überall verschmäht und haßt (ubique periurium detestatur er odit)". Für Julian galt auch der legitime Grund für den Weggang vom Profeßkloster nicht. Wenn diese Bindungen der Gelübde nicht so sind, daß sie einen Mönch halten können, wenn es nicht Christi Kette ist (si non est catlwna Cl~risti- eine Formulierung aus dem 3. Buch der Dialoge Gregors d. Gr.)'2, dann hat sie der Vater Benedikt vergeblich in seine Regel eingefügt9j. Julian ließ das Argument fehlender Bedingungen im Kloster für die Erfüllung des Gelübdes als Selbsthingabe nicht gelten. 'Wenn Dir die Brüder Deines Klosters ein schlechtes Beispiel geben, dann gib Du ihnen ein gutes. Sicher bist Du, der Du über Flucht nachdenkst (qui fugam meditaris), gut oder schlecht. Wenn gut, dann brauchen Dich die anderen, wenn schlecht, dann brauchst Du die anderen. Ich habe oft in Klöstern mit aufgelöster Ordnung sehr gute Brüder, in gut geordneten Klöstern ganz schlechte gesehen. Also wechsle nicht den Ort sondern Deinen Lebenswandel' (Noli ergo locum mulare, sed mores . . .)". Die Predigt des Mönchs von Vezelay kann nahelegen, wie schwer es sein mochte, den einzig legitimen Grund, das Profeßkloster zu verlassen und in einem anderen nochmals die Profeß abzulegen, als objektive Gegebenheit nachzuweisen, und wie leicht es subjektiv fallen mochte, die Voraussetzungen für die beständige Verwirklichung des im Gelübde angebotenen Lebensopfers als nicht gegeben anzusehen. Julian von Vezelay traute der Gewissensentscheidung eines Mönchs, wo er an die Grenzen seines geschworenen Gehorsams dem Abt gegenüber käme, offenbar nicht und verlangte daher von den Mönchen unter Berufung auf den 1. Petrusbrief 2, 18, sie sollten ihren Äbten, auch wenn diese nicht gut und bescheiden wären, dienen9s. Demgegenüber hat Abt Petrus Venerabilis von Cluny, aus dessen Statuten man weiß, daß er strenge Maßstäbe an die Aufnahme von Professen legte"",n seinem berühmtesten Brief an Bernard von Clairvaux die Mehrfachprofeß dort, wo die Berufung auf das 61. Kapitel der Regel gegeben war, verteidigt". Er bezog sich dabei auf einen Vorwurf Bernards, die Cluniacenser nähmen gegen die brüderliche Liebe auch solche Mönche eines bekannten Klosters auf, die ohne Erlaubnis und Empfehlungsschreiben ihres Abtes kämen's. Die Antwort des Abtes von Cluny lautete: Wie A n m . 87.

Benedicri Rcguia (wie A n m . 30) LXI 10, S. 156.

" W i e A n m . 87.

Siierui~iei Dei, non t e reneat caienafemi, iedcniena Chririi: Grigoirc le Grand, Dialogues 11, iib. 111, cap. XVI, hg. von A ~ & i . s e n VocüY ~ i > ~ (Sources chreiiennes260) Paris 1979, S. 334,95. Y V i e Anm. 84: .Si talia non iimi haec rdincula X I tenere zaleanr monachnm, iinon ert cnthcna Chri
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Joachim Wollasch

wenn etwas von dem fehle, was der Abt seinem Mönch an Notwendigem für Leib und Seele zu geben habe, dann dürfe der Bruder auch ohne Zustimmung des Abtes einen für ihn so unnützen, ja geradezu so schädlichen undwerderben bringenden Ort verlassen und den Untergang seiner Seele auf alle Weise abbiegen und einen anderen Ort suchen, an dem er das, was er vorher nicht hatte erfüllen können, erfüllte99. Wenn man nämlich, so berief sich Petrus Venerabilis auf die Schrift, das Auge ausreißen, Hand oder Fuß abhauen, Vater, Mutter, Gattin, Kinder, Brüder und Schwestern ablehnen müßte, um Christus nicht zu verlieren, dann bliebe überhaupt nichts übrig, dem nicht das Heil der Seelen vorgezogen werden müsse. Und es dürfe nicht ein Mönch als Verletzer seines Gelübdes bezeichnet werden, wenn er nach Aufgabe des Ortes, an dem er sein Gelübde nicht hätte erfüllen können, zu dem Ort wandere, an dem er sein uotum einlösen könne. Vielmehr sei der zu tadeln und des Todes würdig zu verurteilen, der den Verlust einer so großen Sache - der Profeßerfüllung - gering einschätze und in stumpfsinniger Ergebenheit seinen Tod - gemeint ist der zweite Tod, der Verlust des Seelenheils - auf sich nähme'o". Abschließend erinnerte Petrus Venerabilis an die päpstliche Reformlizenz für Cluny, die dieses jedoch nicht wie ein Privateigentum oder ein einzigartiges Privileg erhalten hätte. Vielmehr müßte nicht allein die aecclesia Cluniacensh solcherart zu ihr kommende Mönche aufnehmen, bei sich behalten und lebendig erhalten, sondern dies hätten auch alle Klöster Christi (uniuersa Christi coenobia) zu tunIo'. Der Aufwand und die Leidenschaftlichkeit, mit welcher der Streit um die Mehrfachprofeß im Zeitalter des Reformmöncht~ms und der Entstehung der Mönchsorden geführt wurde, ließe sich mit mönchischem Gezänk und klösterlicher Rivalität allein kaum erklären. Er konnte aber gar nicht existentiell genug sein, wenn es um die Gefahr ging, das Gelübde des eigenen Lebensopfers zu verletzen oder dessen Verwirklichung unmögiich werden zu lassen, wie es Petrus Venerabilis in seinem zitierten Brief an Bernard von Clairvaux dargestellt hat. Weil sich der Mönch mit der Profeß aus Liebe zu Christus und sich ihm angleichend selbst aufopferte, das Taufversprechen zur Bereitschaft erneuernd, sich der Welt kreuzigen zu lassen und den Tod des Blutzeugen in lebenslangem, täglichem Kampf der Selbstverleugnung gehorsam bis zum Tod zu erleiden, war es für ihn von entscheidender Bedeutung, alles zu meiden, was die Erfüllung seines Mönchsgelübdes gefährden konnte, sogar gegebenenfalls sein eigenes Kloster. Andernfalls wäre für ihn eingetreten, was schon Hieronymus in seinem Traktat De persecutione christianorum - bezeichnenderweise gerade da - geschrieben hatte: 'Ich, der ich heute ein Mönch zu sein scheine, habe, wenn ich mein Gelübde dahingebe, Christus verleugnet. Und wenn ich Christus in Friedenszeiten verleugne, was werde ich dann in der Zeit der Verfolgung tun?""' Ohne diesen Hintergrund müßte es schwer fallen, das sogenannte Reformmönchtum des 10./11. Jahrhunderts bis hin zur Gründung der Mönchsorden ver% .

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Ebd. Ebd. S. 78f. Ebd. S. 79. S. Hieionymi Presbyreri Opera 11, Opera Homiletica, h ~von . G~n~.% Moniu i u (Corpus Chistianorum, Seiies larina 7812) Tuinhoui 1958,s. 556-559, her. S. 556: Egohhodie qiziwideor eire monachiri, ii rcliqilero propoiirirm mearn, XpiirXm ncgaoi. Si enim in pace Xpirtum n q o : in pcrrccutione qirid faceremlVyl. auch den Tnciarus de Psalmo CXV des Hieionyrnus, ebd. S. 245.

Das Mönclisyelübdc als Opfer

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stehen zu lernen. Denn die so umstrittene und gewiß immer wieder mißbräuchlich geübte Mehrfachprofeß und die dazu überlieferten Stellungnahmen stammen, wenn nicht alles trügt, wie die zitierten Texte kundmachen, zum überwiegendsten Teil nicht aus der Zeit der peregrznatio missionierender Mönche der Merowinger- und Karolingerzeit, sondern eben erst aus den Jahrhunderten des sogenannten Keformmönchtums. Offenbar hat dieses die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen mit neuer Intensität auf den ursprünglichen Opfercharakrer des Mönchsgelübdes hingelenkt.

Inhaltsverzeichnis Aufsätze 'Opfer'-Kolloquium in Münster vom 3 . bis 6. Oktober 1983: R. SWMIDT.WIEG~D. Begrüßung der Teilnehmer des Opfer-Kolloquiums in Münster . beim Empfang des Rektors der Universität am 3. 10. 1983 . . . . . . . . . . . . . 1 B. KÖT~ING. Fnnz Joseph Dölger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 K. HAUCK. Einleitende Bemerkungen zum 'Opfer'-Kolloquiumin Münster/ W. . . . . 14 B.GLADIGOW.Die Teilung des Opfers. Zur Interpretation von Opfern in vor- und frühgeschichtlichen Epochen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 B. K ö m ~ Opfer . in religionsvergleichender Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 K..H. WILLROTH. Die Opferhom der älteren Bronzezeit in Südskandiiavien . . . . . . 48 U . E . HAGBERG, Opferhone der Kaiser- und Völkerwandemngszeit in Schweden (Taf . I-IV) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 J .ILKJER.The weaponfind from Illemp and its implications for the explanation of similar fmds from Nonhern Europe (Taf . V) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 J . L~NSTRUP, Older and newer theories. The find from Thorsbjerg in the light of new diswvenes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 0. HARCK.Gefä50pfer der Eisenzeitim nördlichen Mitteleuropa . . . . . . . . . . . . 102 J . OEXLE. MerowingeneitlichePferdebestmngen - Opfer oder Beigaben? . . . . . . . 122 J . OWENSTEIN.Opferplatze auf provinzialrömischemGebiet (Taf . VI-VII) . . . . . . . 173 M. MULLER.WILLE.Opferpläae der Wikinge& . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 M. SCHULZE. Ei Diskussionsbeimg zur Interpretation früh- und hochmittelalterlicher Fldfunde (Taf. VIII-X) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 A . GIEYSZTOR. Opfer und Kult in der slawischen Uberliefemng . . . . . . . . . . . . . . 249 K . HAUCK. Varianten des göttlichen Erscheinungsbildes im kultischen Vollzug erhellt mit einer ikonographischen Formenkunde des heidnischen Airares (Zur Ikonologie der Goldbraktearen. XXX) (Taf . XI-XXVIII) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 D .HOFMANN.Die Bezeichnung Odins in Hbdrhpa 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314

K . DÜWEL. Zu den thenophoren Runenmeisternamen. insbesondere in Brakteateninschriften. Diikussionsbeitrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 E. H . ANTONSEN.Die Darstellung des heidnischen Altars auf godändischen Bildsteinen und der Runenstein von Elgesem. Diskussionsbeitrag . . . . . . . . . . . . . . . 334 J . ENGEMANN. Die religiöse Herrscherfunktion im Fünfsäulenmonument Diocletians in Rom und in den Herrschermosaiken Justinians in Ravenna (Taf . XXIX-XXXVI) 336 W.POMKAMP.Kaiser Konstantin. der heidnische und der chnsdicbe Kult in den Acnis Silvesui . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 0. G . OEXLE.Mahl und Spende im mittelalterlichen Totenkult . . . . . . . . . . . . . 401 K. HOHEISEL,Die Auslegung alttestamentlicher Opfeneugnisse im Neuen Testament und in der frühen Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421

A. ANGENENDT, Sühne durch Blut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . R. SUNTRUP,Präfigurationen des Meßopfers in Text und Bild (Taf. XXXVII-XLIV) J. WOLLASCH, Das Mönchsgelübde als Opfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . N. STAUBACH, 'Culms divinus' und karolingische Reform . . . . . . . . . . . . .

. . . 437 . . . 468 . . . 529 . . . 546

PH. RACINET,Relations internes et environment social de deux prieures dunisiens d'llede France au Moyen Age: les obituaires de Saint-Nicolas d'Acy er de Beaumont . . . . 582 D. H~PPER-DRÖGE, Der gerichtliche Zweikampf im Spiegel der Bezeichnungen für 'Kampf', 'Kämpfer', 'Waffen' . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 M. BAMBECK, ZUeinermißdeuteten StellebeiJulianvon Vkelay oder der Hahn als Symbol für den Prediger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 662

< . Bericht . Der Münsterer ~onderforschun~sbereich 'Miaelalterforschung (Bild, Bedeutung, ' ' I

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7:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 Personen-, Ons- und Sachregister, bearbeitet von CH.BEHRund U. LOOK. . . . . . . 717 Sachen, Wörter und Personen)'. 17. Bericht