Fundstück: «Alexander Franckes Spaziergang mit Robert Walser

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Fundstück 58 BEZG N° 02 / 14 Alexander Franckes Spaziergang mit Robert Walser Peter Stocker Als Robert Walser (1878  – 1956) im Jahr 1913 in die S...

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Alexander Franckes Spaziergang mit Robert Walser Peter Stocker Als Robert Walser (1878  – 1956) im Jahr 1913 in die Schweiz zurückkehrte, bemühten sich, ohne dass Walser viel dafür hätte tun müssen, zwei «Schweizerverleger» um ihn – Walther Lohmeyer für den Huber-Verlag in Frauenfeld und Max Rascher in Zürich – dies lässt sich durch die reichhaltig überlieferte Korrespondenz mit diesen Verlagen belegen. Es erschienen vier Bücher: 1916 Prosastücke bei Rascher, 1917 Der Spaziergang und Poetenleben bei Huber, 1920 Seeland bei Rascher. Die Umstände, unter denen es auch zur Zusammenarbeit mit Alexander Francke (1853 – 1925) – Walsers drittem Schwei­zer Verleger – gekommen ist, liegen dagegen mangels einschlägiger Briefzeugnisse im Dunkeln. Jedenfalls erschien bei Francke 1917 Kleine Prosa. Vielleicht war es Roberts Bruder Hermann, der Robert bei Francke einführte. Denn Hermann (1870 – 1919), das zweit­ älteste der Geschwister Walser und seit 1911 ordentlicher Professor für Anthropo­geografie an der Universität Bern, war es gewohnt, seine Angehörigen zu unterstützen, und er hätte dafür auch über die «nötigen Kontakte» verfügt – immerhin war er selbst mit dem damals schon in der vierten Auflage stehenden Begleitwort zur eidgenössischen Schulwanderkarte seit Jahren Autor des Verlags. Dass Alexander Francke, der 1885 durch Heirat Teilhaber der Berner Verlagsbuchhandlung Schmid (nun Schmid & Francke) geworden war, eine breites Programm pflegte, zeigt sich schon daran, dass zwei Brüder, die sehr verschiedenartigen Berufungen folgten, sich unter dem Dach seines Verlags begegnen konnten. Zweifellos war Hermann Walser der für den Verlag «typischere» Autor. Die Belletristik hatte gegenüber den Bereichen Schulbuch und Sachbuch für Francke eine eher untergeordnete Bedeutung, abgesehen von der Berndeutschliteratur um Otto von Greyerz, die dank Francke eine beträchtliche Verbreitung gewann. Carl Emil Lang, der 1925 Franckes Nachfolge als Verlagsleiter antrat, lockerte später die Bindung zur Dialektliteratur und öffnete das Programm auch erfolgreich für geisteswissenschaftliche Literatur. Aus der Korrespondenz zwischen Francke und Walser sind sechs Briefe überliefert, die Walser von Februar bis März 1916 an Alexander Francke richtete, sowie ein einziger Gegenbrief. Dieser findet sich in einem jener dicken Kopierbücher, wie sie damals verwendet wurden, um mittels Schnellpressen die ausgehenden Briefe der Geschäftskorrespondenz dokumentieren zu können, ohne zeitraubende Abschriften anfertigen zu müssen. Auf dem linken Teil von Blatt 425 des Kopierbuchs findet sich die Kopie der an Walser gerichteten Schreibkarte:

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23.6.17 Herzlichen Dank, verehrter Herr Walser, für die freundliche Zusendung Ihres «Spazierganges»! In Erwartung von etwas Erfreulichem hatte ich heute vor 8 Tagen ein Ex. des Bändchens mit heimgenommen & spazierte in der Frühe des Sonntags mit Ihnen hinaus auf die belebte Straße, in die Bank mit der beglückenden Kunde von der Frauenzuwendung, & weiter durch die ländlicher werdenden Gassen der Vorstadt mit ihren fröhlichen Kinderszenen. Nun freue ich mich, morgen mit dem vom Dichter gewidmeten Buch diese anmutige Promenade mit ihren von allen Seiten zuströmenden Eindrücken & prickelnden Erlebnissen fortzusetzen. Tritt man nachher dann wirklich hinaus, so ist man durch die von Ihnen erzeugte Grundstimmung gegen allerlei widrige Kreuzungen gefeit. Daher besten Dank! Mit herzlichem Gruß A. Francke Dies ist zunächst einmal ein schöner Beweis verlegerischen Grossmutes. Denn Francke erfreute sich an einem Bändchen, das nicht bei ihm, sondern in einem Konkurrenzverlag herausgekommen war. Dann aber ist der Brief ein beachtenswertes kleines Dokument zur Kulturgeschichte des literarischen Lesens. Und schliesslich: ein Stück Literatur. Wie liest ein Leser um 1917 einen literarischen Text aus dem Jahr 1917 ? – Francke liest am Sonntag, in der Freizeit. «Die Frühe des Sonntags» lässt an die Pflicht des Kirchgangs denken. Und tatsächlich scheint Francke gleichermassen Unterhaltung («etwas Erfreuliches») und moralische Erbauung zu suchen. – Aus der Walser-Lektüre geht er vor «Kreuzungen» gefeit, also buchstäblich christologisch gerettet, hervor. Was macht diesen schlichten Brief zu einem literarischen? Natürlich ist es nicht die Diktion. Man erkennt auf Anhieb, dass hier ein geübter Briefschreiber am Werk ist, der klar, knapp und auf mittlerer Stilhöhe zu formulieren weiss, wie es die Schreibanleitungen der Zeit verlangen: «Jeder Überschwang des Ausdrucks ist zu vermeiden.» (Georg von Gaals Kleiner Muster-Briefsteller. 20. Aufl. Wien und Leipzig 1920, S. 16.) Die Literarizität liegt hier vielmehr in den subtilen Übergängen zwischen realem Hintergrund und fiktionalisierender Gestaltung einer kleinen Genreszene. Diese beginnt an der Schwelle der Buchhandlung Francke, wo der Briefschreiber, wie bereits beschrieben, die Verlegerrolle ablegend, sich ins Wochenende begibt. Nächste Schwelle, nächste Verwandlung: Francke liest Walser. Indem der Briefschreiber für das Lesen die Metapher des Spazierens verwendet, lässt er sich selbst einerseits (als Begleitfigur

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des Walserschen Spaziergängers) in die fiktive Welt des Spaziergangs eintreten. Und anderseits setzt er (in der Erzählung vom Spaziergang des Spaziergangs) Walsers litera­ risches Schreiben in höherer Potenz fort. Am Schluss der Szene kommt das Hinaustreten in die Wirklichkeit. Und davor steht der Übergang vom austauschbaren Buchhandelsexemplar zu dem vom Autor persönlich gewidmeten und auratisierten Exemplar. Alexander Franckes Brief an Robert Walser allegorisiert Lesen und Schreiben als Spaziergang zu zweit.

Anmerkungen Brief von Alexander Francke an Robert Walser, 23. Juni 1917. Staatsarchiv des Kantons Bern: FI Francke 79. Foto: Fridolin Stuber.

Info Im Robert Walser-Zentrum Bern ist zur Zeit, als Teil der Berner Ausgabe von Robert Walsers Werken und Briefen, eine dreibändige kommentierte Edition der Briefe von und an Robert Walser in Vorbereitung. Diese erscheint 2015 im Suhrkamp Verlag. www.robertwalser.ch.

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