Gebetsmantel und ein Laptop

Gebetsmantel und ein Laptop

Gebetsmantel und ein Laptop LEBENSÜBERGÄNGE Ydan Ripphausen aus Zug hat Grund zur Freude: Morgen feiert er Bar-Mizwa, das jüdische Fest zur religiösen...

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Gebetsmantel und ein Laptop LEBENSÜBERGÄNGE Ydan Ripphausen aus Zug hat Grund zur Freude: Morgen feiert er Bar-Mizwa, das jüdische Fest zur religiösen Mündigkeit. Das bedeutet eine grosse Premiere.

Das heute übliche religiöse Zeremoniell war aber nicht schon immer Bestandteil der jüdischen Tradition, sondern ist für die Jungen erst im 14. und für die Mädchen im 20. Jahrhundert entstanden. Das Fest ist vergleichbar mit der christlichen Firmung oder Konfirmation, wobei im Judentum die einzelne Person im Zentrum steht, denn das Fest wird jeweils unmittelbar nach dem Geburtstag am darauf folgenden Sabbat gefeiert.

BENNO BÜHLMANN [email protected]

248 Gebote und 365 Verbote

Mittwochnachmittag, 16.15 Uhr: Der 13-jährige Ydan Ripphausen sitzt in der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich und betrachtet konzentriert die fremdartigen Schriftzeichen eines Textes aus der Thora, dem heiligen Buch der Juden. Es handelt sich um die fünf Bücher Mose, die auch für die Christen von Bedeutung sind. Allerdings wären die mehrheitlich christlichen Schulkollegen von Ydan kaum in der Lage, den entsprechenden Wochenabschnitt aus der Bibel zu entziffern: schön verzierte hebräische Buchstaben, von rechts nach links geschrieben und nur aus Konsonanten bestehend, sodass die dazugehörigen Vokale aus dem Gedächtnis «abgerufen» werden müssen.

Natürlich bringt die Religionsmündigkeit Verpflichtungen, etwa die Einhaltung der 248 Gebote und der 365 Verbote, die von der Thora gelehrt werden. Zudem sollten die Knaben künftig beim Morgengebet den Gebetsmantel (Tallit) und die Gebetsriemen (Tefillin) anziehen. Ein Mädchen lernt bei seiner Vorbereitung auf die Religionsmündigkeit insbesondere die Reinheitsgebote für Haus, Nahrung und seinen Körper, weil es nach jüdischer Auffassung später für die Zubereitung koscheren Essens und die Erziehung der Kinder verantwortlich sein wird. Für Ydan Ripphausen sind die strengen Vorschriften des Judentums

Grosser Auftritt in der Synagoge Das Vortragen des schwierigen Textes stellt für einen Sechstklässler eine echte Herausforderung dar. Doch Ydan scheint keinerlei Probleme damit zu haben: Mit beachtlicher Souveränität trägt er singend eine längere Passage aus der hebräischen Bibel vor. Sein Religionslehrer Daniel Spitzer hört aufmerksam zu und meint dann mit sichtlichem Stolz, dass ihm der grosse Lerneifer seines Schülers viel Freude bereite. «Wir haben ein halbes Jahr fleissig geübt und sehen nun, dass Ydan für seinen grossen Auftritt in der Synagoge gut vorbereitet ist.» Es sei wichtig, dass sich die Jugendlichen sicher fühlten und das bevorstehende Fest ohne Stress erleben und geniessen könnten. Ydan Ripphausen gesteht zwar, dass «ein wenig Aufregung» dazugehört, doch die Vorfreude sei gross: «Es ist ein besonderes Erlebnis, zum ersten Mal vor über 200 Leuten aus der Thora vorlesen zu können.»

nur zum Teil von Bedeutung, da er sich nicht als orthodoxer Jude versteht. Seine Eltern leben in einer interreligiösen Ehe, wie sie bei jüdischen Gläubigen in der Schweiz relativ häufig vorkommt. Sein Vater hat christliche, seine Mutter jüdische Wurzeln, und sie gestalten als Familie ihre Glaubenspraxis gemäss einem liberalen Judentum: «Wir feiern zu Hause zwar die grösseren jüdischen Feste, halten uns aber nicht an die Sabbat-Gebote oder die strengen Essensvorschriften, die für einen koscheren Haushalt gelten.» Eine Kippa, wie die Kopfbedeckung jüdischer Männer heisst, trägt Ydan nur beim Besuch des Gottesdienstes in der Synagoge. Auch in der Schule gibt seine jüdische Religionszugehörigkeit kaum zu Diskussionen Anlass. Er fühlt sich dort gut integriert und hat seine ganze nichtjüdische Klasse zu seiner Geburtstagsparty eingeladen, die am gleichen Tag wie die Bar-Mizwa-Feier stattfindet.

Grosses Familienfest Natürlich werden an diesem grossen Fest auch zahlreiche Verwandte teilnehmen. Die Grosseltern und die Geschwister der Mut-

Himmel und Blume

ter werden eigens aus Israel anreisen. Zudem wird im Anschluss an den Gottesdienst in der Synagoge ein besonderer Imbiss, Kiddusch genannt, für alle Anwesenden serviert. Selbstverständlich dürfen bei diesem freudigen Ereignis auch die Geschenke nicht fehlen – so beispielsweise ein Laptop, den sich Ydan sehnlichst gewünscht hat. Es gibt bei der Bar-Mizwa-Feier zwar keine Paten, aber es entspricht der Tradition, dass Ydan zu seinem Fest etliche Glückwunschkarten oder Bücher und von seinen Grosseltern einen schönen Tallit (Gebetsmantel) erhält. «Die Geschenke sind zwar nicht das Wichtigste an diesem Tag, aber sicher eine angenehme Nebenerscheinung», meint Ydan mit einem Lächeln. HINWEIS 왘 In allen Religionen existieren an den wichtigen Übergängen des Lebens – Geburt, Initiation, Erwachsenwerden, Heirat, Tod – Rituale mit reichem Brauchtum. Bisher in unserer Serie erschienen: 1. Namensgebung bei Hindus; 2. Jüdische Trauerrituale; 3. Muslimische Hochzeit; 4. Buddhistisches Initiationsritual; 5. Christliche Krankensalbung; 6. Buddhistische Hochzeit; 7. Muslimische Bestattung; 8. Christliche Konfirmation. 왗

Antje GehrigHofius über das Unendliche im Kleinen

U

m die Welt in einem Sandkorn zu sehn und den Himmel in einer wilden Blume, halte die Unendlichkeit auf deiner flachen Hand, und die Stunde rückt in die Ewigkeit.» Dies sind Verse des englischen Dichters und Malers William Blake, der 1827 starb. Er machte sich viele Gedanken über die Stellung des Menschen im Kosmos und die Zusammenhänge alles Lebendigen.

MEIN THEMA Die meisten Zeitgenossen hielten Blake einfach nur für einen Spinner. Seine angeblichen Visionen von Engeln und Propheten trugen nicht eben dazu bei, dieses Urteil zu revidieren. Seine Überzeugung, dass alle Nationen und Geschlechter gleich und die Sklaverei abzulehnen sei, machten ihn zusätzlich unbeliebt. Heute sind Blakes Ansichten jedoch wieder aktuell. Wer genau hinsieht, wird gewahr, dass auch das kleinste Wesen seinen Sinn hat und alles, Klein und Gross, miteinander zusammenhängt. Wer dagegen nationalistisch argumentiert, hat nicht begriffen, dass allein das globale Zusammenspiel aller Völker noch helfen wird, Umwelt und Klima zu bewahren. Für uns selbst und für unsere Kinder. Denn auch in jedem Menschenkind ist schon alle Unendlichkeit angelegt.

Religiös mündig mit 12 oder 13 Als Bar-Mizwa (Sohn der Pflicht) wird im Judentum bei den Knaben die religiöse Mündigkeit bezeichnet, während bei Mädchen von «BatMizwa» (Tochter der Pflicht) die Rede ist. Knaben erreichen sie im Alter von dreizehn Jahren, Mädchen im Alter von zwölf Jahren.

Der Zuger Ydan Ripphausen (13) bereitet sich auf seine morgige Bar-Mizwa vor.

William Blake steht auch in der Tradition der biblischen Psalmen. Diese nämlich sehen den Menschen als Gottes wertvolles, in die Welt gerufenes Geschöpf, gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit, und auf Erden zum Schutze seiner Mitgeschöpfe (Psalm 8). So verstanden, ist die Ewigkeit tatsächlich im Menschen und der Himmel in der wilden Blume. Antje Gehrig-Hofius, Oberwil

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NACHRICHTEN Deutliche Worte zu Missbrauch VATIKANSTADT sda. In deutlichem Ton hat Papst Benedikt XVI. die zahlreichen Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche in Irland angeprangert. Pädophile Geistliche hätten «die Menschen missbraucht und die Botschaft der Kirche unglaubwürdig gemacht», erklärte der Papst zum Abschluss des Eucharistischen Weltkongresses in Dublin.

Bistum Chur verliert Gläubige ZÜRICH sda. Im Bistum Chur sind in den letzten fünf Jahren 24 Prozent mehr Katholiken aus der Kirche ausgetreten als in der restlichen Schweiz. Zu diesem Schluss kommt eine Befragung des Forschungsinstituts GfS Zürich. Dieses führte die gehäuften Austritte auf die Diözese zurück. Wie das Bundesamt für Statistik bereits am Dienstag mitgeteilt hatte, hat sich der Anteil der Konfessionslosen in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Betroffen von Kirchenaustritten sind beide Landeskirchen.

Auszeichnung für karitatives Engagement CARITAS Der «Prix Caritas» geht an José Maria Romero. Der Kleinbauer aus Guatemala weiss schon genau, wofür er das Preisgeld einsetzen will.

Der Kleinbauer, der zusammen mit seiner Familie in der Region Petén lebt, spielte damit auf die politische Situation in Guatemala an. «Unser Land ist im Griff der Drogenbarone, die Machthaber schikanieren und misshandeln die eige-

ne Bevölkerung seit Jahrzehnten. Einige meiner Weggefährten sind im Kampf um eigenes Land ums Leben gekommen.» Auch wenn es gefährlich sei, so wolle er – insbesondere jetzt nach der Würdigung seiner Arbeit – umso mehr

weitermachen. «Der Preis bedeutet mir sehr viel, und ich bedanke mich dafür bei der Caritas.» Romero arbeitet seit 15 Jahren mit dem privaten Hilfswerk zusammen. Als Preissumme erhält er 10 000 Franken.

Arbeitet mit der Caritas zusammen: Kleinbauer José Maria Romero.

Von der Moderatorin und ehemaligen «10 vor 10»-Sprecherin Alenka Ambroz gefragt, wofür er das Geld einsetzen wolle, antwortete Romero: «Wir möchten eine Reisschälmaschine kaufen. Diese erlaubt uns, das Nahrungsmittel entweder selber zu konsumieren oder dieses zu einem besseren Preis auf dem Markt verkaufen zu können.» Das Geld würde zudem in weitere Projekte, beispielsweise im Umweltschutzbereich, investiert. Nicht nur Bundesrat Berset richtete das Wort an Romero. Auch Abt Martin Werlen aus Einsiedeln und Hugo Fasel von der Caritas rühmten ihn für sein Engagement. Stefan Gribi, Mediensprecher der Caritas, meint im Hinblick auf die Preisverleihung: «Die Caritas vergibt die Auszeichnung an Persönlichkeiten, die einer breiteren Öffentlichkeit eher unbekannt sind.» Es gehe darum, jene in den Fokus zu rücken, die sich mit ihrer Arbeit über lange Zeiträume für karitative Zwecke einsetzen würden. «José Maria Romero ist einer von ihnen, deshalb gebührt ihm dieser Preis.»

Bild Nadia Schärli

NOÉMIE SCHAFROTH

Karitative Zwecke

Zur zehnten Vergabe des «Prix Caritas» erschien kürzlich auch Innenminister Alain Berset. Im KKL Luzern sagte er, es sei ihm «eine Ehre, diese Auszeichnung an José Maria Romero aus Guatemala zu übergeben und seinen jahrzehntelangen Einsatz zu würdigen.» Dieser wisse, was es bedeute, eine Existenz als Kleinbauer in diesem Land zu führen.

«Im Griff der Drogenbarone» Romero, der den Preis aus den Händen des Bundesrates und von CaritasDirektor Hugo Fasel entgegennahm, kämpft mit seiner Kleinbauern-Vereinigung «Instancia Tierra Norte» für die Landrechte der indigenen Bevölkerung. In den vergangenen Jahren ist es der Organisation gelungen, mehr als 2000 Familien – vertraglich abgesichert – zu einem Stück Land zu verhelfen. «Erst wenn wir eigenes Land besitzen, können wir verhindern, dass wir von den Machthabern vertrieben werden», erklärte er vor der rund 900-köpfigen Gästeschar.