George Herbert Mead und die Theorie des symbolischen

George Herbert Mead und die Theorie des symbolischen

Prof. Dr. Wilfried Breyvogel Sommersemester 05 | Montag 12.00-14.00 Uhr | R11 T00 D05 Vorlesung vom 13.06.2005 George Herbert Mead und die Theorie de...

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Prof. Dr. Wilfried Breyvogel Sommersemester 05 | Montag 12.00-14.00 Uhr | R11 T00 D05 Vorlesung vom 13.06.2005

George Herbert Mead und die Theorie des symbolischen Interaktionismus

Erstes Zentrales Fazit Am Beispiel von Herman Nohl, Eduard Spranger und Paul Geheeb läßt sich die Veränderung der Konstruktion von Männlichkeit durch die Ersatzbeziehung zu älteren, selbständigen und gebildeten Frauen nachweisen. Der gegenwärtigen Forschung sind dazu die drei Beispiele bekannt. •Herman Nohl und die Beziehung zu Anna Rinneberg •Eduard Spranger und die Beziehung zu Käthe Hadlich •Paul Geheeb und die Beziehung zu Minna Cauer Es ist eine veränderte Konstruktion von Männlichkeit, die offen ist für die Ansprüche des Kindes, eine Männlichkeit, die auf neue Weise zu Empathie fähig ist, die Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz in verändertem Maße ausweist. 2

Erstes Zentrales Fazit Die Begriffe Empathie, Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz sind bereits zentrale Elemente der Subjekttheorie des symbolischen Interaktionismus und verweisen auf George Herbert Mead (1863 – 1931).

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George Herbert Mead Biografie George Herbert Mead *South Hadley, Massachusetts 27. Februar 1863 †Chicago, Illinois 26. April 1931 US-amerikanischer Soziologe, Sozialpsychologe und Philosoph Vater: Hiram Mead (1827-1881), protestantischer Pfarrer, später College-Professor of Homiletics beziehungsweise Professor of Sacred Rhetorical Pastoral Theology Mutter: Elizabeth Storrs Mead, geborene Billings (1832-1917), Lehrerin, später President des Mount Holyoke College Ehe: 1891 Helen Kingsbury Castle (1860-1929) Kind: Henry Castle Mead (1892-?), Arzt Religion: protestantisch (kongregationalistisch) 4

George Herbert Mead Biografie 27.2.1863 Geboren in South Hadley, Massachusetts. 1867-1869 Lebte in Nashua, New Hampshire. 1869-1883 Lebte in Oberlin, Ohio. Streng religiös erzogen; nach dem Tod des Vaters 1881 Distanzierung von religiösen Dogmen unter Beibehaltung eines sozial engagierten Christentums. 1879-1883 Studium am Oberlin College in Oberlin, Ohio; 1883 B.A. 1882-1883 Mit Henry N(orthrup) Castle (1862-1895) Herausgeber der "Oberlin Review" (Oberlin). 1883-1884 Vier Monate Lehrer (Teacher) in Berlin Hights, Ohio; Nach Schließung der Schule entlassen. Ab April 1884 Surveyor bei der Vermessungsgesellschaft Wisconsin Central Rail Road Company in NordMinnesota, seit September 1884 bei der Minneapolis and Pacific Rail Road Company.

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George Herbert Mead 1885-1887 Tutor für das Minneapolis College in Minneapolis, Minnesota. 1887-1888 Studium der Philosophy and Psychology an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. 1888 B.A. (Philosophy) bei George H(erbert) Palmer (1842-1933) mit der Arbeit: How large a share has the subject in the object world? 1888-1889 Im Wintersemester 1888/89 Studium der Philosophie und Psychologie an der Universität Leipzig. 1889-1891 Studium der Philosophie, Psychologie und Nationalökonomie an der Universität Berlin. 1891 vor Abschluss der Dissertation Abreise in die USA wegen eines Stellenangebots. Zur geplanten Dissertation kam es auch später nicht mehr. 1891-1894 1891-1893 Instructor in Philosophy and Psychology und 1893-1894 Assistant Professor of Philosophy an der University of Michigan in Ann Arbor, Michigan. Freundschaft mit dem Philosophen John Dewey (1859-1952). 1894-1931 Lebte in Chicago, Illinois.

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George Herbert Mead 1894-1931 Mitglied der neu gegründeten University of Chicago in Chicago, Illinois: 1894-1902 Assistant Professor am Department of Philosophy, 1902-1907 Associate Professor und 1907-1931 Full Professor of Philosophy. Seit 1895 lehrte an dieser Universität William I. Thomas (1863-1947) Soziologie. Daneben Schatzmeister des Hull House von Jane Addams (1860-1935), dem Vorbild der Settlement-Bewegung. Seit 1906 Mitglied, 1912-1922 Mitglied des Board of Directors und 1919 President des "City Club of Chicago", einer kommunalpolitisch aktiven Vereinigung von Reformern, seit 1908 Chairman dessen "Committee on Public Education", 1916-1918 Chairman dessen "Public Affairs Committee". 1908-1922 Mitglied des Board of Directors des "University Settlement", 1919-1922 dessen President. 1909-1919 Vice-President der "Immigrants Protective League". Mitarbeit an der Versuchsschule der University of Chicago. 1902-1914 Herausgeber der Zeitschrift "The Elementary School Teacher and Course of Study" (Chicago, Ill.). 26.4.1931 Gestorben in Chicago, Illinois. Eine von John Dewey veranlasste Professur für Philosophie an der Columbia University in New York, N.Y. für 1931/32 konnte Mead nicht mehr antreten. 7

George Herbert Mead Von Interesse ist die Tatsache, dass bei George Herbert Mead eine technische und philosophische Doppelqualifikation vorliegt. Den zweiten BA, den er zu der Arbeit mit dem Titel „How large a share has the subject in the object world?“ verweist bereits auf die zentrale Beziehung von Subjekt und Objekt im symbolischen Interaktionismus. Zwei Texte spielen in der deutschen Rezeption eine zentrale Rolle. Es ist zunächst: Geist, Identität und Gesellschaft (1934), Frankfurt am Main 1968 („Mind, Self and Society“) Und: Sozialpsychologie, Neuwied am Rhein und Berlin (Luchterhand Verlag, unveränderter Nachdruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) 1969 („On Social Psychology“, 1964)

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George Herbert Mead Der letzte Text ist von Anselm Strauss herausgegeben, die Beziehung von Anselm Strauss zum symbolischen Interaktionismus wird zugänglich über einen Interviewauszug:

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Anselm Strauss im Interview Ich „...war Schüler von Ezra PARK, dem charismatischen Soziologen der 20er Jahre in Chicago. So machte ich meine erste Bekanntschaft mit der Chicagoer Feldforschung, und ich las den Klassiker "The Polish Peasant in Europe and America" von THOMAS und ZANIECKI. So lernte ich, wie Forschung empirisch verankert sein kann. [15] Aus dieser Zeit stammt auch meine Bekanntschaft mit der Philosophie des Pragmatismus und mit John DEWEY, ohne dass ich ahnte, welchen Einfluss das auf mein Denken ausüben sollte. DEWEY hatte schon 1896 in einem einflussreichen Artikel über den Reflexbogen in der Psychologie die damalige Version der Reiz-Reaktions-Psychologie scharf attackiert. In seinem Buch "Human Nature and Conduct" (1922), das die Chicagoer Soziologen damals lasen, entwickelte er ein Schema des menschlichen Handelns: Handeln und Erfahrung sind kontinuierliche Prozesse und größtenteils Routine. Erst wenn die Routine durch Störungen unterbrochen wird, kommen mentale Prozesse wie Vorstellen, Planen und Entscheiden ins Spiel und führen zu einer Reorganisation des Handlungsflusses. Dabei spielt die Interaktion eine zentrale Rolle, sowohl für den Handlungsablauf wie für das Selbst und die Welt. Das Handlungsschema der Pragmatisten ging Hand in Hand mit ihrer entschieden antidualistischen Position: keine Trennung von Körper-Geist, real-ideal Wert-Fakt! Das Handlungsschema diente zugleich als Grundlage für soziale und politische Reformen, Erziehung, Kunst, Wissenschaft, Moral und Religion. [16] 10

Anselm Strauss im Interview Am Ende meiner College-Zeit konnte ich mich zunächst nicht für ein Studienfach entscheiden. Der Psychologe meinte, das Examen in Psychologie sei nicht viel wert; es sei schwer, einen Job zu finden. Der Soziologe sagte: "Wenn Sie Soziologe werden wollen, sollten Sie zu meiner alten Uni nach Chicago gehen. Ich muss Sie aber warnen, es gibt in der Soziologie keine Juden!" Er konnte nicht voraussehen, dass nach dem Krieg eine Menge Heimkehrer sich für die Natur von Mensch und Gesellschaft interessierten, darunter auch viele Juden, die Soziologie studierten und in den späten 50ern einflussreich wurden. [17] Mein wichtigster Lehrer in Chicago wurde Herbert BLUMER, der auch zu den Interaktionisten zählt. Er hat 1937, in einem Artikel mit dem Titel "Social Psychology", die Bezeichnung "symbolische Interaktion" geprägt, wobei nicht alle Soziologen in der Chicagoer Tradition diese Bezeichnung für sich selber akzeptieren. BLUMER war eine charismatische Persönlichkeit, ein stattlicher Mann – in seiner Jugend war er Footballspieler gewesen – mit einer gewaltigen Stimme. Ich arbeitete eng mit ihm zusammen, wurde gleich eine Art Assistent und geriet so unter seine Fittiche. [18] 11

Anselm Strauss im Interview BLUMER machte mich vertraut mit George Herbert MEADs "Mind, Self and Society" (1934). MEADs Beitrag zum Interaktionismus ist allgemein bekannt; er fügte wesentliche Elemente zum Handlungsschema hinzu: seine Unterscheidung von Handlungsphasen, seine radikale Konzeption der Komplexität und Flexibilität jeder Handlung, seine Ausarbeitung der sozialen Interaktion und der multiplen Perspektiven der Akteure, seine Konzeption des Selbst als Prozess einschließlich der Selbstreflexion und des Zusammenspiels von "I and Me", schließlich seine Betonung von Körper und Zeitlichkeit. [19]

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Anselm Strauss im Interview Die Chicagoer Soziologen haben das Handlungsschema der Pragmatisten und die Sozialpsychologie MEADs als weitgehend selbstverständliche Voraussetzung ihrer Arbeit übernommen und für ihre Zwecke erweitert. Mit den Pragmatisten teilten sie auch das Engagement für soziale Reformen, wobei sie sich von ideologisch bestimmten Reformern durch ihre Überzeugung unterschieden, dass Reformen nur auf wissenschaftlicher Basis sinnvoll realisiert werden können. In einer Stadt wie Chicago, die damals ein enormes Wachstum mit all den damit verbundenen sozialen und ethnischen Problemen erlebte, entstand in diesen Jahren eine riesengroße Zahl soziologischer Forschungsprojekte, die alle diesem Reformziel dienen sollten. BLUMER gab den Anstoß, dass ich kritisch über unser Fach nachzudenken begann. Ich schrieb bei ihm meine Master's Thesis über das damals sehr populäre wissenschaftliche Konzept der attitudes. Ich kritisierte in der Arbeit die amorphe und konfuse theoretische Literatur über Einstellungen und die sehr enge Sicht, die den gebräuchlichen Attitüde- Skalen zugrunde lag. [20] 13

Anselm Strauss im Interview Das war in den Jahren 1940-44, einer Zeit, in der die meisten in den Krieg eingezogen wurden. Ich selber wurde aber aufgrund meiner schlechten Gesundheit nie gemustert. So konnte ich im Krieg weiterarbeiten, erst unter BLUMER und dann unter Emest BURGESS, bei dem ich meine Doktorarbeit schrieb: über Partnerwahl, teils mit Tiefeninterviews, teils mit Fragebogen. So hatte ich einmal in meinem Leben die Gelegenheit, auch quantitativ zu forschen. Aber das hatte keine weiteren Auswirkungen auf meine spätere Arbeit. [21]

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Anselm Strauss im Interview - über Soziologie und Sozialpsychologie –

„1944 ging ich für drei Jahre als Dozent an ein kleines College in Wisconsin. Ich habe damals eine noch von BLUMER inspirierte Studie über Tagträume und Fantasie durchgeführt. Das war bedeutsam für meine Biografie: Ich hatte diese wunderbaren Daten von meinen Studenten, aber ich wusste nicht, was ich mit ihnen machen sollte. Die soziologischen Techniken, die ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, konnten mir ebenso wenig weiterhelfen wie die psychologischen Skalen“

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Der historische Rahmen der Theoriebildung Anselm Strauß beginnt seine Einleitung mit dem überraschenden Satz „Als George Herbert Mead 1931 im Alter von 68 Jahren starb, hatte er kein einziges Buch publiziert. Selbst was er an größeren Aufsätzen publiziert hatte war geringfügig in Anbetracht der Tatsache, dass ihm posthume Anerkennung als einen der brilliantesten und originellsten amerikanischen Pragmatisten gebührt.“ George Herbert Mead: Sozialpsychologie, eingeleitet und herausgegeben von Anselm Strauss, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1976, S.11 Im folgenden zitiert als: Mead 1976, S. 11

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Der historische Rahmen der Theoriebildung George Herbert Mead ist also ein Vertreter des angloamerikanischen Pragmatismus. Letzterer hatte in Europa sein Pendant im historischen Materialismus (Karl Marx, Schüler Hegels, 1818 – 1883). Dieser historische Materialismus wurde in der sich bildenden linken Bewegung (Gewerkschaftsbewegung, Arbeiterbewegung) als zentrale Grundlage bis ins 20. Jahrhundert rezipiert. Ausgangspunkt war z.B. das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels von 1848. Wo im historischen Materialismus die Kategorien Herrschaft, Soziale Klassen und Klassenkampf von Beherrschten und Herrschenden stehen, steht in der Philosophie der Pragmatisten der Evolutionsgedanke in Anhlehnung an Jean-Baptiste Lamarck (1744 – 1829) und Charles Darwin (1809 – 1882). 17

Der historische Rahmen der Theoriebildung Den Unterschied in der Evolutionstheorie zwischen Lamarck und Darwin beschreibt Joachim Klose, Professor für Humangenetik am Virchow-Klinikum der Charité in Berlin, folgendermaßen: „Nach Lamarck haben sich aus Einzellern Pflanzen, Tiere und schließlich der Mensch entwickelt, weil durch den laufenden Gebrauch oder Nichtgebrauch von Organen im Laufe des Lebens eines Organismus sich diese Organe nicht nur veränderten, sondern weil diese Veränderungen auch weitervererbt wurden. In der nächsten Generation setzen sich diese Veränderungen dann durch Gebrauch und Nichtgebrauch in gleicher Richtung weiter fort, und neue Arten entwickelten sich aus den alten. So entstand – das klassische Beispiel – die Giraffe mit dem langen Hals aus kurzhalsigen Vorfahren, die sich, durch Rückgang der Vegetation am Boden aufgrund von Klimaveränderungen, von den Blättern der Bäume ernähren und demnach ständig ihren Hals strecken mussten. 18

Der historische Rahmen der Theoriebildung Bei Darwin dagegen entwickelten sich die unterschiedlichen Arten aufgrund einer Auslese derjenigen Individuen, die an neue Umweltbedingungen zufällig am besten angepasst waren. Demnach überlebten in der kurzhalsigen Tierart diejenigen Individuen am ehesten, die von vornherein schon den längsten Hals hatten. Sie erzeugten die meisten Nachkommen, und unter diesen überlebten wiederum die mit den längsten Hälsen am besten. Auch dieser Ansatz konnte erklären, wie Giraffen entstanden sind. Die Theorie von Lamarck kam mit der Keimbahntheorie von Weismann (1883) zu Fall. Es wurde deutlich, dass nur die Keimzellen, die Ei- und Spermazellen, von Generation zu Generation weitergegeben werden und demnach nur das vererbt werden kann, was in den Keimzellen registriert wurde.“ Joachim Klose: Wo geht’s lang zum Paradies? Gedanken über „Das Buch Des 19 Lebens“, in: Literaturen, Heft 11/2000, S. 24-29, Zitat S. 28)

Die Rezeption der Theorien G.H. Meads in der Rezeption des Anselm Strauss „Dennoch wurde sein intellektueller Ansatz von der zeitgenössischen Wissenschaft nur bruchstückhaft aufgegriffen. Wenn seine Worte auch noch so exakt wiedergegeben werden, so wird ihr Sinn doch zumeist mißverstanden, da man sie von Gesichtspunkten aus interpretiert, die nicht die seinen waren. Meads Standpunkt unterschied sich radikal von dem der meisten Sozialpsychologen und Soziologen, die ihn zitiert oder seine Gedankengänge in ihr eigenes System eingebaut haben.“ (Strauss in der Einleitung von Mead 1976, S. 11)

Diese nicht angemessene Rezeption G.H. Meads ist aus der Perspektive von Strauss ein Problem bis in die Gegenwart. Strauss empfiehlt daher: „Man lese ihn ein wenig sorgfältiger – und beschränke die Lektüre nicht allein auf sein ‚Mind, Self and Society‘; er hat Direktiven zu bieten, die sich von vielen, die heutzutage auf dem soziologischen Markt feilgeboten werden, erheblich unterscheiden.“ (Strauss in Mead 1976, S. 12) 20

Die Rezeption der Theorien G.H. Meads in der Rezeption des Anselm Strauss Im Folgenden wendet sich Strauss der Frage zu, warum G.H. Mead so wenig publiziert hat. „Es erhebt sich somit die interessante biographische Frage, warum Mead vor der Veröffentlichung eines größeren Buches zurückschreckte?“ John Dewey habe dazu angemerkt, dass Mead „obwohl er ein origineller Denker war, keinen Sinn für seine Originalität besaß“. (Strauss in Mead 1976, S. 14)

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Die Rezeption der Theorien G.H. Meads in der Rezeption des Anselm Strauss Zusammenfassend bemerkt Strauss zur Rezeption: „Im großen und ganzen möchte ich behaupten, dass die Soziologen – einschließlich solch viel gelesener funktionalistischer Theoretiker wie Parsons, Davis und Merten – Meads Werk nur eine sehr beschränkte Auslese von Gedanken entnahmen; sie bezogen sich hauptsächlich auf die Art und Weise, wie Kultur und Normen in die Person ‚internalisiert‘ wurden, wie sich, mit anderen Worten, Ich-Kontrolle als Gegenstück zur sozialen Kontrolle erwies. Meads prozesshaftes Ich wurde dabei in Übereinstimmung mit der soziologischen Anschauung bezüglich internalisierter sozialer Kontrolle in etwas sehr viel statischeres umgewandelt. Aus dem ‚generalisierten Anderen‘ machte man einfach eine alternative Ausdrucksweise für die Zugehörigkeit zu einer Bezugsgruppe, und Meads Rollenbegriff deutete man mit Vorliebe zu einem Synonym für den strukturellen Statusbegriff und für das damit zusammenhängende Rollenspiel um. Man kann sogar behaupten, dass Soziologen, die prinzipiell zum sozialen Determinismus neigten, Mead ebenfalls als sozialen Deterministen auffassten, obwohl seine wiederholte Betonung der Möglichkeit, dass Individuen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, vor einer derartigen Interpretation hätte warnen sollen.“ (Strauss in Mead 1976, S. 17)

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Die Bedeutung des Evolutionsgedankens in Philosophie und Geschichte Die Anerkennung der Evolution als dem grundlegenden Prinzip der Entstehung von Weltgeschichte und Mensch bedeutet unter anderem die Aufhebung der Trennung von Leben und Tod, sowie von Subjekt und Objekt der Erfahrung. In dem ersten grundlegenden Text der Sozialpsychologie („Die Idee der Evolution wird zur herrschenden Vorstellung.“, Kapitel 1, S. 37 – 54) unterscheidet Mead die älteren Vorstellungen der Entwicklung und zwar:

1. Aristoteles Bei Aristoteles bedeutete „Entwicklung“ die Entwicklung der sogenannten Form, der Natur der Dinge, die von Anfang an in ihnen angelegt war. Seine Lehre setzte das Dasein der Form als eines je schon vorhandenens voraus. Diese Konzeption beruhte auf der Vorstellung eines metaphysischen Wesens, das in Gestalt der Form existierte und ihre Entwicklung dirigierte. (Mead 1976, S.45) 23

Die Bedeutung des Evolutionsgedankens in Philosophie und Geschichte 2. Das Christentum „Für die christliche Theologie existierte diese Form zuerst im Geist Gottes, trat dann in den Pflanzen, Tieren und verschiedenen anderen von ihm geschaffenen Objekten in Erscheinung und setzte sich schließlich im menschlichen Geist in Begriffe um.“ (Mead 1976, S. 45)

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Die Bedeutung des Evolutionsgedanken in Philosophie und Geschichte 3. Kant „Kant war der Auffassung, dass die grundlegenden Formen in der Natur des subjektiven Bewusstseins selbst gegeben seien. Die Formen von Raum und Zeit sind in der sinnlichen Anschauung gegeben, die Formen der Verstandeserkenntnis in den Kategorien; und die Formen der Vernunft existieren vor der Erfahrung. Wenn, nach Kantischer Lehre, das Objekt als solches in Erscheinung tritt, dann geschieht das nur, weil gewisse Inhalte der Sinnlichkeit in diese Formen eingehen. Erst dadurch werden sie überhaupt zum Objekt. Sie bilden für unsere kognitive Erfahrung kein Objekt bevor sie nicht in diese Formen gebracht sind, die ihnen ihre Realität überhaupt erst verleihen. Solange die sinnliche Erfahrung selbst nicht eine bestimmte Form angenommen hat, kommt ihr keine Bedeutung, keine Realität zu; sie gelangt nur insofern zur Kenntnis, als die Erfahrungen bereits eine bestimmte Form haben. In der Kantischen Lehre ist die Form a priori gegeben. Das ist es, was Kant in den Begriffen der ‚transzendentalen Logik‘ ausdrückt, wobei der Terminus ‚transzendental‘ eben die logische Präexistenz der Form dem Subjekt gegenüber bezeichnet.“ (Mead 1976, S. 37) 25

Die Evolutionstheorie Die zentrale These der Evolutionstheorie ist, dass die Form selbst Teil des sich ständig verändernden Evolutionsprozesses ist. Dass damit die Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt aufgehoben ist, weil sowohl das erkennende Subjekt, wie auch das erkannte Objekt einem Veränderunsprozeß unterliegen, in dem sie sich permanent aufeinander beziehen. „Der Kern des Problems der Evolution besteht in der Erkenntnis, dass der Prozess die Form determiniert, und zwar je nach den herrschenden Bedingungen. Wenn man den Lebensprozess als dasjenige betrachtet, was allen Formen wesentlich zugrundeliegt, wird man sehen, dass die äußere Struktur, die er jeweils annimmt, stets von den Bedingungen abhängt, unter denen er abläuft.“ (Mead 1976, S. 52) 26

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