George Washington - Die Onleihe

George Washington - Die Onleihe

für die Reise zum Mond gab es damals noch nicht, als ich auf dem Garagendach an der Washington Street lag – ebensowenig die kommentierte Ausgabe der ...

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für die Reise zum Mond gab es damals noch nicht, als ich auf dem Garagendach an der Washington Street lag – ebensowenig die kommentierte Ausgabe der Korrespondenz Washingtons, die jeden seiner Briefe erschließt und darüber hinaus Anmerkungen der Herausgeber zu allen wichtigen Akteuren, Ereignissen und Konflikten bietet. Heute gibt es diese Edition. Eine brauchbare Ausgabe steht zwar schon seit den 1930er Jahren zur Verfügung, und niemandem, der sich mit Washingtons Leben und seiner Zeit beschäftigen wollte, hat es je an historischen Quellen gefehlt. Doch die moderne Ausgabe der Washington Papers

ist die Hauptquelle, denn sie bietet alle verstreuten Zettel und Materialien – zusammengetragen, katalogisiert und klassifiziert. Dieses gewaltige Projekt ist – abgesehen von den letzten drei Jahren des Unabhängigkeitskrieges und der zweiten Amtszeit Washingtons als Präsident – abgeschlossen, doch vermutlich wird der ereignisreiche Charakter jener Jahre die Herausgeber noch eine Weile in Atem halten. Man kann jedoch guten Gewissens sagen, daß uns jetzt jede irgend erhaltene Urkunde zur Verfügung steht, mit deren Auftauchen der Biograph und der Historiker überhaupt noch rechnen kann. Der große Patriarch Amerikas sitzt uns

nun gegenüber: verwundbar, ungeschützt, ja sogar gesprächig. Können wir ihm zuhören? Das ist durchaus keine rhetorische Frage. Aus Gründen, die uns Shakespeare und Freud am besten erklärt haben, bereitet es allen Kindern erhebliche Schwierigkeiten, ihren Vätern unbefangen zu begegnen. Und bei Washington zeigt sich das Patriarchenproblem überaus eindringlich: wir sehen ihn auf dem Mount Rushmore, auf der Mall, auf den Dollarnoten und dem 25-Cent-Stück, aber immer als Ikone – fern, kühl, einschüchternd. Wir tragen ihn, wie Richard Brookhiser so schön gesagt hat, in der Brieftasche, aber nicht im Herzen.

Und da wir gerade beim Thema Herz sind: in jeder Kinderseele brodelt doch ein unausgegorenes Gemisch aus Abhängigkeit und Rebellion, aus Liebe und Furcht, aus Intimität und Distanz. Im Verlauf der amerikanischen Geschichte blieb unsere Reaktion auf Washington im besonderen und auf die Gründerväter im allgemeinen in eben dieses emotionale Muster verstrickt, ohnmächtig oszillierend zwischen Vergötterung und Verdammung. Im Falle Washingtons reicht die Skala von den Märchen, die Pastor Weems von einem frommen jungen Mann erzählte, der keine Lüge über die Lippen brachte, bis zu verächtlichen Urteilen über den

totesten, weißesten Mann in der amerikanischen Geschichte. Dieses Bild eines Helden/Schurken ist in Wirklichkeit die Vorderund die Rückseite derselben Medaille: eine Karikatur, die uns mehr über uns selbst sagt als über Washington. Die in der akademischen Welt gegenwärtig vorherrschende Meinung sieht Washington als Mitschuldigen an der Schaffung einer Nation, die imperialistisch, rassistisch, elitär und patriarchalisch gewesen ist. Zwar gibt es einige wichtige Ausnahmen von der Regel, aber für die orthodoxe Fachwelt ist Washington entweder tabu oder kaum der Rede wert, und jeder ehrgeizige