Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757

Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757

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Geschichte Krieges in

Hannover, Heffen und Westfalen von 1'757 bis 1763.

Nach bisher unbenutzten handschriftlichen Originalien und anderen Quellen

politisch-militairisch bearbeitet VON

C. Renouard, vormals Hauptmann im kurfürstlich heffischen Generalstabe.

Zweiter Band.

Die feldzüge von 1759 und 1760 Mit sechs Beilagen.

Caffel, 1864 Bei Theodor fischer.

Der Feldzug von 1759.

Renouard Gesch. II. Bd.

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Der Feldzug von 1759. Sechster Wlbfchnitt. Allgemeines über die politischen Verhältniffe sowie über die Feldzüge des Jahres 1759–1760.

Zu den Feinden Friedrichs II. gesellte sich im Mai 1758 der Pabst Clemens XIII. Derselbe, Venetianer von Geburt und früher den Namen Rezzonico führend, hatte nach dem Tode Benedikts XIV. (2. Mai 1758) durch Spaniens und Oesterreichs Einfluß den Stuhl Petri bestiegen, stand aber in Bezug aufAuf klärung und Politik seinem Vorgänger weit nach. Wenn Benedikt den mittelalterlichen Ideen anhing und natürlich auch eifriger Katholik war, so fand doch König Friedrich II. bezüglich der Ver hältniffe zu seinen katholischen Unterthanen eine gebührende Aner kennung bei diesem Pabste. Nicht so bei Clemens, welcher als entschiedener Gegner Friedrich's auftrat und namentlich durch die Verleihung eines geweihten Hutes und Degens an Marschall Daun für den Sieg bei Hochkirch sich in ein feindseliges Verhältniß zu Preußen stellte. Friedrich selbst, der als König vom Pabste noch nicht anerkannt worden war, legte indeß dem Verhalten desselben einen sehr untergeordneten Werth bei und fand darin bekanntlich nur Veranlassung zu Scherzgedichten und Witzworten). 1) Das Volk in Italien, namentlich in Rom und Venedig, hegte eine

bedeutende Sympathie für die Sache des Königs; es bildeten sich sogar 1•

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Jene Gesinnungen von Clemens blieben jedoch nicht ohne Folgen betreffs der geistlichen Fürsten Deutschlands, da diese nunmehr ihre Contingente vollzählig machten und außerdem einen seltsamen Eifer gegen Friedrich bethätigten. So war es namentlch der Kurfürst von Cöln, Clemens, August, Herzog von Baiern und Bruder Kaiser Carl's VII, welcher laut Edictes seinen pro testantischen Unterthanen bei schwerer Strafe verbot, über die Vortheile Freude zu bezeigen, die von dem Könige und dessen Verbündeten errungen wurden, – eine Abgeschmacktheit, welche

leider nicht nur das Land Cöln sondern auch die Pfalz, deren Kurfürst sich ebenwohl in lächerlichem Eifer gegen Friedrich erging, büßen mußten, indem Ferdinand beiGelegenheit preußische Detache ments dahin endete.

Der Pabst machte seine Politik gegen Friedrich zu einer An gelegenheit derKirche. Hierdurch erregte er schon Anstoß bei allen Borurtheilsfreien; dieser aber, verbunden mit dem Unwillen, den man selbst auf katholischer Seite empfand, als der Pabst den Jesuiten einen besonderen Schutz angedeihen ließ, – schaffte dem Könige neue Anhänger. Die Jesuiten hatten in dem der spanischen Hoheit unter worfenen Paraguay sich eine unabhängige Macht gebildet; dieses Verhältniß wurde aber erst bekannt und gab namentlich Veran laffung zu bewaffneter Widersetzlichkeit Spanien und Portugal gegenüber, als im Jahre 1750 ein Tauschvertrag dieser Staaten über einige Districte jenes Jesuiten-Staates abgeschloffen wurde. War so schon ein höchst feindseliges Verhältniß zwischen Portugal und dem Orden entstanden, so lastete auf diesem auch noch die Beschuldigung der Theilnahme an einer von den Großen ausge gangenen angeblichen Verschwörung gegen das Leben des Königs von Portugal. Der auf diesen im Jahre 1758 ftattgefundene besondere Partheien für denselben, die mit Andersdenkenden nicht selten in hätlichen Conflict geriethen. Das Nähere hierüber f. Archenholz c. 1. B, S. 367,

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Mordversuch hatte zur Folge, daß nicht nur der als Urheber dieser That beschuldigte Herzog von Aveiro und das Haus von Tavora martervoll büßen mußten, sondern auch die Jesuiten als muthmaßlich Mitwifende oder Mitschuldige der Rache verfielen. Vor Allen war es der Pater Malagrida, welcher dies erfuhr; über den Orden aber erging, nachdem Portugal die Aufhebung desselben von dem Pabste Clemens XIII. vergeblich verlangt hatte, ein allgemeines Verbannungsurtheil, worauf die portugiesischen Jesuiten in den Jahren 1759 und 1760 Schutz bei dem Pabste fanden.

Von dem Abtreten des Cardinals Bernis von seinen Posten als Minister der auswärtigen Angelegenheiten haben wir bereits früher) gesprochen; ebenso, daß Stainville, der frühere Gesandte in Wien, nunmehr Herzog von Choiseul, an die Stelle des in Ungnade gefallenen Bernistrat unddiesenEintritt indas Ministerium durch die Abschließung des Vertrages mit Oesterreich am 30. Dezember 1758 bezeichnete. Dieser Vertrag enthüllt mehr wie irgend ein anderes Ereigniß den bedeutenden Einfluß, welchen das österreichische Cabinet auf den Versailler Hof und den König aus übte,– ein Einfluß, der noch augenfälliger hervortrat, als Choieul den König zu bestimmen wußte, zum Gedächtniffe des Vertrages eine Medaille prägen zu lassen. Das enge Bündniß zwischen Frankreich und Oesterreich blieb natürlich nicht ohne Einfluß auf die anderen zeither mit ihnen verbundenen kriegführenden Mächte. Hauptsächlich war es Ruß land, wo man bei der Kaiserin Elisabeth mit Hülfe ihres Günst lings Schuwaloff. Alles aufbot, damit der Krieg gegen Preußen mit der größten Energie und wo möglich mit zahlreicheren Streit kräftenfortgesetzt werde. Diese Bemühungen fanden bei der Kaiserin ein günstiges Gehör, zumal da man ihr den Besitz des König reichs Preußen garantierte. 1) Anfang des 3. Abschnittes.



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Auch der König von Polen August III. nahm an dem Streben Frankreichs und Oesterreichs bei dem russischenHofe einen sehr leb haften Antheil, undzwar deshalb, um seinem dritten Sohne, dem Prinzen Carl, mit Unterstützung der Kaiserin das Herzogthum Curland zu verschaffen. Der König sah einen Wunsch erfüllt; der Prinz aber, seinem Character entsprechend, mischte sich späterhin in die Intriguen des russischen Hofes, zog sich dadurch die Feind schaft des Großfürsten Peter und dessen Gemahlin zu nnd wurde ein Opfer des Hasses beider. Das mit Frankreich und Oesterreich wiederholt befestigte Bündniß war wohl ganz dazu geeignet, die Befürchtungen zu ver

größern, welche die Kaiserin Elisabeth betreffs einer Invasion der Engländer in die Ostsee, namentlich wegen des Hafens Kronschlot, hegte. Um indeß einer solchen Unternehmung vorzubeugen, schloß die Kaiserin mit Schweden einen Vertrag ab, nach welchem sich diese Mächte verpflichteten, den fremden Flotten den Sund zu verschließen.

Dieses Bündniß konnte indeß nur in geringem Grade die

Intereffen Englands beeinträchtigen, denn das Glück sprach sich sonst überall zu Gunsten dieser meerbeherrschenden Macht aus. Wenn im Jahre 1758 wichtige Städte und Länder in Ostindien, Amerika und Afrika in die Hände der Briten fielen, namentlich Calcutta und ein großer Theil von Bengalen durch Lord Clive und Admiral Watson, dann Surate und die französischen Besitzungen

mit Pondichery, ferner Ticonderago und Crownpoint durch Amherst das Fort Niagara durch Johnson, weiter Louisburg in Canada und endlich die französischen Besitzungen am Senegal und an der Insel Gorée erobert wurden – so war das Jahr 1759 nicht minder glücklich für die englischen Waffen. So eroberten in diesem Jahre Admiral Saunders und General Wolfe – dieser freilich mit Aufopferung seines Lebens – das wichtige Quebeck, dem im folgenden Jahre die Eroberung von ganz Canada folgte; auch Guadeloupe in Westindien, neben dem mißglückten Angriffe auf



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Martinique, wurde durchGeneral Hopson und Eommodore Moore eine Beute der Briten.

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Am wichtigsten waren die Erfolge derselben in den europäi fchen Gewässern, weil sie in der Zerstörung c. der Flotten Frank reichs erschienen. So erlitt diese Macht die empfindlichsten Schläge dadurch, daß die mit bedeutenden Kosten ausgeführten Rüstungen zu einer Landung in Irland vergeblich wurden. Admiral Bos

cawen nahm oder zerstörte an der algarbischen Küste die französi fche Flotte unter de la Clue; die Brester Flotte aber, unter Con

flans, deren Bestimmung nach Irland gerichtet war und die von der Flotte de la Clue's verstärkt werden sollte, erfuhr dasselbe

Schicksal durch AdmiralHawke in der Bai von Quiberon. Thurot, welcher bereits in Irland gelandet war, wurde dadurch zur Heim kehr bewogen, doch auch er unterlag im irischen Canale einem englischen Geschwader unter Elliot.

Alle diese Eroberungen und glänzenden Siege, so sehr sie auch zur Macht und zum Ansehen Englands beitrugen, vermochten doch nicht die Regierung desselben zu besonderen Anstrengungen zu be wegen, durch welche die Stellung Friedrichs II. zu einer minder

drückenden hätte gemacht werden können. Zwar wird von einem englischen Schriftsteller der damaligen Zeit dieses Verfahren Eng lands indirect nicht anerkannt ), doch spricht sich König Friedrich selbst in unzweideutiger Weise hierüber aus, so daß alle Zweifel 1) Horaz Walpole äußert sich in feinen Denkwürdigkeiten, 1. B, S. 301, dahin, daß „vom Könige vou Preußen und dem Prinzen Ferdinand

bis zum letzten Proviantmeister im Lager sich Alles die englische Sorglosig keit und Freigebigkeit zu Nutzen mache.“ Den Zahlmeister For trifft hierbei ein sehr ernster Tadel wegen feiner Raubgier, da er „jeden Anlaß zur Bereicherung benutzte, den ihm feines Nebenbuhlers (Pitt) Mangel an Sparsamkeit darbot.“ Man darf indeß hierbei nicht vergessen, daß Walpole, welcher von Pitt die beste Meinung hatte, dennoch dem Regierungssysteme dieses Ministers nicht hold war; auch glaubte er, daß die durch Pitt errungenen Resultate mit vielen Millionen weniger hätten erreicht werden können.



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verschwinden *). So beklagt sich der König, daß ihm England, „deffen glückliche und stolze Nation ihre Alliierten verachte und

diese als Kostgänger (Pensionnaires) betrachte, die einzig nur zum Vortheile ihres Handels dienten“ – ein Geschwader zum Schutze der durch die russischen und schwedischen Rüstungen bedrohten Kü ften verweigert habe. Aber nicht allein in dieser Richtung erfuhr Friedrich die Ungunst der englischen Regierung und ihrer egoisti fchen Politik; auch auf dem Felde der Diplomatie sah der König seine Pläne von jener durchkreuzt.

Dies war namentlich

in Constantinopel der Fall, wo des Königs Gesandte Rexin Unterhandlungen, betreffs eines Bündnisses mit der Pforte gegen Oesterreich, angeknüpft hatte, hierbei aber Porter, den Ge fandten Englands, als Gegner fand,– obgleich aus einem solchen Bündniffe nicht unwesentliche Vortheile, eben für England, hervor gehen mußten. Indes ließen es sich Frankreich und Oesterreich ebenwohl angelegen sein, durch die Verwendung bedeutender Geld fummen den gleichen Mitteln Friedrichs bei dem schwachen Sul tan zu begegnen, welcher von einem Kriege mit Oesterreich Alles für sich und seinen Thron befürchtete. Aber auch noch nach anderen Seiten hin mußte Friedrich die Erfüllung seiner Hoffnungen vereitelt sehen. Der König von Spanien, Ferdinand VI., starb am 10. August 1759 in Geistes zerrüttung ohne Nachkommenschaft. Dem Rechte nach fiel das Königreich an den Bruder des Königs, Don Carlos, König von Neapel; die Nachfolge in Neapel jedoch war in dem Aachener Frieden, ohne das Gutachten der Könige von Spanien und Neapel einzuholen, dahin geregelt worden, daß für den Fall der Besitz nahme des spanischen Thrones durch Don Carlos –der jüngste der Brüder, Don Philipp, Herzog von Parma, Piacenza und Guastalla, König beider Sicilien werden und Parma nebst Gua falla an Oesterreich, Piacenza dagegen an Sardinien heimfallen 1) Histoire de la Guerre de Sept ans, T. I, Chapitre IX., p. 227.

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sollten. Don Carlos nahm, neben seiner Protestation gegen diese Bestimmungen, natürlich keine Rücksicht auf jene zwischen Frank reich, Oesterreich und England getroffene Vereinbarung, erklärte feinen ältesten Sohn wegen dessen Wahnsinnes für unfähig zur Regierung, dagegen den nachgeborenen zum Prinzen von Asturien und den dritten Sohn zum König beider Sicilien. Auf diese Weise blieb Don Philipp Herzog von Parma, und Oesterreich ging mit feinen Ansprüchen auf dieses Land leer aus ). Unter solchen Umständen, bei denen auch der König von Sardinien vorerst einige Vortheile einbüßte 2), konnte Friedrich immerhin voraussetzen, daß sich ein Krieg in Italien entzünden würde, in dessen Folge ein Theil der österreichischen Macht von dem Kriegsschauplatze in Deutschland abgelenkt worden wäre. Der König sah sich jedoch in seiner Annahme getäuscht, denn das Streben der Kaiserin Maria Theresia war bei weitem mehr nach der Wiedereroberung Schlesiens gerichtet, als nach der Besitznahme Parma's. Frankreich unterstützte natürlich den Willen Oester

reichs, machte den Vermittler betreffs einer Heirath des Erzher zogs Joseph mit der Tochter Don Philipp's und faßte mit Oesterreich den Beschluß, die Ausgleichung der italienischen Ange legenheiten bis nach dem Frieden in Deutschland aufzuschieben. Friedrich hatte es übrigens an Mitteln nicht fehlen lassen, um in Italien selbst sich Kunde von den dortigen Zuständen zu verschaffen unddie jardinische Regierung resp.denKönig aufzufordern, „Truppen in die ihr durchden Aachener Frieden zugefallenen Länder einziehen zu lassen, des Mailändischen, Mantuanischen und Bolog nesischen sich zu bemächtigen und zum Könige der Lombardei sich

1) Nach Artikel XV. des am 30. December 1758 zwischen Frankreich und Oesterreich abgeschloffenen Vertrages entsagte Maria Theresia ihrem Rechte bezüglich des Heimfalles von Parma c. zu Gunsten der männlichen Nachkommen des Infanten Don Philipp.

2) S. 1. Bd. die betreffende Note in der Einleitung.

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zu erklären.“ ) Der Flügeladjutant Friedrichs, Herr v.Cocceji, war der Ueberbringer des Schreibens von Sir Mitchell an den englischen Gesandten Mr. Mackenzie in Turin, in welchem jener Antrag seine Stelle fand; sowie denn auch, neben der Sendung des Lords Marihal nach Spanien zur Einigung des Madrider Hofes mit Preußen, Neapel aufgefordert wurde, Toskana und den Kirchenstaat zu besetzen, während König Friedrich Oesterreich und Frankreich genügend in Deutschland und Flandern beschäftigen würde, um Sardinien und Neapel freie Hand zu verschaffen. Cocceji scheiterte indeß mit seinen Bemühungen bei dem hochbe jahrten Könige von Sardinien, welcher aber auch, abgesehen davon, keine Neigung zum Kriege hatte, da er, namentlich in Folge der Eifersucht zwischen den Savoyarden und den Neapolitanern, ohne Verbündete war und bei dem Ausbruche des Krieges nicht nur

Oesterreich und Frankreich, sondern auch Spanien, Neapel und Parma zu seinen Gegnern gehabt haben würde. Nach dem Fehlschlagen dieser Versuche glaubte König Fried rich auf einem anderen Wege zu seinem Ziele zu gelangen, näm

lich durch die Entzweiung oder doch Theilung der gegen ihn ver bündeten Mächte. Zu dem Ende wurden Friedens-Unterhandlun gen in Frankreich und Rußland angeknüpft, während Prinz Lud wig von Braunschweig, in Folge einer Einigung Preußens mit

England, den Gesandten der kriegführenden Mächte im Haag den Wunsch beider Staaten ausdrückte, Wege zur Vereinbarung be züglich des allgemeinen Friedens aufzufinden, England aber zu gleicher Zeit dieselben Wünsche gegen den französischen Hof äußern ließ 2). 1) Friedrich der Große, eine Lebensgeschichte von Preuß, 2.B, S.232. 2) König Friedrich schickte auch einen Herrn v. Edelsheim als Emiffair nach Frankreich, um die Gesinnungen des Hofes zu erforschen. Man machte ihm bemerklich, daß seine Unterhandlung von der Ausgleichung der Diffe renzen mit England abhänge; daß aber der König von Frankreich nie seine Zustimmung zu dem Vorhaben Friedrichs geben könne: – den König von Polen auf Kosten der Güter der geistlichen Fürsten Deutschlands zu ent

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Die Unterhandlungen zerschlugen sich, endigten aber damit, daß Frankreich und Oesterreich nach längerer Zeit sich für die Annahme der Friedensvorschläge erklärten, – vorausgesetzt, daß man die Zustimmung zu einem in Augsburg abzuhaltenden Con

greffe gäbe, auf welchem die Interessen sämmtlicher Mächte zum Gegenstande, der weiteren Unterhandlungen gemacht werden sollten. Ein solcher Ausgang, bei dem voraussichtlich eine sehr lange Zeit bis zur Ausgleichung vorüber gehen würde, lag indes um so

weniger in den Wünschen Friedrich's, als dieser bedacht sein mußte, schnell den Krieg beendigt zu sehen, eben weil seine Feinde zahl reich waren und Oesterreich, bedeutend verstärkt durch die ihm Ver bündeten, eine Verlängerung des Krieges zur Wiedereroberung des Verlorenen wünschen mußte. -

Die Antwort Englands ), welche durch den im Haag resi direnden englischen Minister Yorke an den französischen Minister d'Affry abgegeben wurde, war bezüglich des Congresses mit den genannten Mächten einverstanden; doch machte England zur Be dingung, daß Frankreich die vollständige Machtstellung des Königs schädigen. Edelsheim ging späterhin nach London, um hier das Ergebnis seiner Bemühungen den englischen Ministern mitzutheilen. Bei seiner Rück kehr nach Paris wurde er arretiert und in die Bastille gebracht. Choiful, der Urheber dieser Arrestation, bemächtigte sich in deren Folge der Papiere Edelsbeims, um in ihnen Aufschluß der Absichten Friedrichs zu finden, während man Edelsheim gegenüber die Absicht aussprach:– nur unter jener Vorsicht (der Arrestation) mit ihm eine geheime Unterhandlung anknüpfen zu können, um keinen Verdacht bei dem oesterreichischen Minister zu erregen. In den Papieren Edelsheims fand sich indeß nichts Wichtiges vor; man entließ nun den Gefangenen, aber mit dem Befehl, das Land zu verlaffen. Histoire de la Guerre de Sept ans T. l I., Chap. XI., p. 39. 1) Mit dem v. Edelsheim traf ein Graf v. Saint-Germain gleich zeitig in London ein. Er stand früher im Dienste Frankreichs, besaß im bohen Grade die Gunst Ludwigs XV., erging sich aber in Schmähreden auf die Pompadour und den Herzog v. Choicul. St. Germain spielte die Rolle eines Ministers und gab sich damit ab, zu unterbandeln ohne eine Sendung dazu zu haben. Man behandelte ihn indeß als Abenteurer und schickte ihn zurück.



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von Preußen zum Fundamental-Artikel der Preliminarien annähme. Die hierauf erfolgende Erklärung Frankreichs, daß es sich mit Preußen nicht im Kriege befände und daher auch nicht die In tereffen desselben mit denen Englands vermengen könne, – ließ indeß auf dieser Seite jede Aussicht zum Frieden verschwinden.

Auch an dem russischen Hofe waren die Bemühungen des Königs vergeblich, indem der dahin gesendete holsteinische Edel mann v. Pechlin weder bei der Kaiserin noch bei ihren Umge

bungen geneigtes Gehör fand. Wenn die erstere, neben ihren Vorurtheilen und feindseligen Gesinnungen gegen Friedrich, ihre neue Erwerbung des Königreichs Preußen zu verlieren befürchtete, so waren die Umgebungen Frankreich und Oesterreich zugethan.

Obgleich Dänemark den für Preußen nachtheiligen Vertrag bezüglich der Schließung des Sundes abgeschlossen hatte, so war dies wohl mehr aus Furcht vor dem großen Nachbar als aus feindseliger Gesinnung gegen Preußen geschehen. Diese Gesinnung scheint überhaupt bei dem dänischen Cabinet nicht vorhanden ge wesen zu sein, denn Dänemark mußte seiner Lage nach die wach sende Macht Rußlands fürchten, zumal da schon in diesem Jahre (1759) die von letzterer Macht betriebenen Rüstungen zur Bela gerung von Colberg die Herrschaft Rußlands im baltischen Meere in Aussicht stellten. Waren schon diese Umstände ganz dazu ge

eignet, den König von Dänemark zu Gunsten Preußens willfäh riger zu machen, so traten für die Folge höchstwahrscheinlich noch größere Gefahren von Seiten Rußlands an den kleinen Inselstaat heran, wenn des ersteren Beherrscher – damals noch Großfürst – eine Ansprüche aufSchleswig erheben würde. Preußen, und zwar das in einer vollen Machtstellung erhaltene Preußen, konnte namentlich in einem solchen Falle einen sehr bedeutenden Gegen druck auf Rußlands Pläne ausüben, und diese Voraussetzung machte auch das dänische Cabinet. Demzufolge bot es dem Könige FriedrichHülfeleistungbeider VertheidigungPommerns an, bereuete

aber sehr bald einen Schritt und zeigte insbesondere dadurch die



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dem Schwachen eigene Furchtsamkeit und Unentschlossenheit, daß es, behufs des Abbruches der Unterhandlungen, für seine Hilflei ftung einen unannehmbaren Preis verlangte.

Was die Verhältniffe und Stimmungen in Deutschland be treffs der kriegführenden Mächte, namentlich Oesterreichs und Preußens, anbelangt, so besaß die österreichische Partei im Jahre

1759 durchaus das Uebergewicht im fränkischen Kreise, während das nach dem gleichen Ziele gerichtete Streben Frankreichs aus Mangel an Stützpunkten resultatlos geblieben war. Wenn früher

hin eine Einigung zwischen dem Markgrafen von Ansbach, einem eifrigen Verfechter der preußischen Interessen, und feinem Vetter,

dem Markgrafen von Bayreuth, bezüglich eben dieser Intereffen bestand, so löste sich doch nach dem Tode der Gemahlin des letz teren jene Einigung auf und verwandelte sich um so mehr in eine feindselige Stellung, als die Kräfte Friedrichs in Folge des lang dauernden Krieges zu schwinden begannen ). Diese Wandlung der Stimmung machte sich auch in Süddeutschland bemerkbar, wenn gleich hier sowohl wie in Franken der preußische Name immer noch Furcht einzuflößen vermochte.

Die Reichsarmee befand sich in dem früheren traurigen Zu stande; dabei herrschten Zwist und Parteigeist unter den Generalen und beide erschienen noch gefördert durch die Stellung des öfter

reichischen Generals Serbelloni, welcher dem Herzog von Zweibrück gleichsam als Wächter der kriegerischen Hand lungen desselben zur Seite gestellt worden war. Serbelloni war übrigens dem Bündniffe mit Frankreich abgeneigt; er vermochte aber durch einen Einfluß um so weniger vielen Mängeln abzuhelfen, als die Stände des Reiches sich nicht nur 1) Auch der Privatfeinde hatte der König fich zu erwehren; namentlich befanden sich in den preußischen Provinzen sowie in Sachsen viele Spione, und Namen, wie der des fächsischen Ministers Grafen Wakerbart, des Mar, quis Fraigne und des Feldmarschalls Seckendorf find mit ihnen auf das Engste verflochten.



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durch ihre Ausgaben erschöpft hatten, sondern auch des Krieges überdrüssig waren. Hierzu kam noch eine große Unzufriedenheit des Volkes, namentlich in Franken, wegen der im Winter von 1758 auf 1759 erlittenen Bedrückungen. Unter solchen Einflüffen, denen sich das häufige Desertieren von dem der Reichsarmee zugetheilten unvollzähligen österreichischen

Armeetheilehinzugesellte, konnte es nicht auffallen, wenn der Herzog von Zweibrück sich genöthigt sah, Rundschreiben im Namen des Kaisers und des Reichs an dessen Fürsten und Stände zu erlassen, um den Armeebedürfniffen zu genügen. Nur allein die Kurfürsten von Mainz und Cöln, sowie der Bischof von Würzburg zeigten sich hierzu bereitwillig; letzterer vermochte jedoch nicht einen guten Willen thatsächlich zu beweisen, da seine Mittel erschöpft waren. Bei den weltlichen Fürsten und Ständen fand man dagegen keinen

besonderen Eifer, – eine Erscheinung, die sich namentlich bei Bayern durch dessen schwankende Politik, und bei Würtemberg durch den lebhaften Streit erklären ließe, in welchem der Herzog mit den Ständen seines Landes über die Stärke der von ihm zu haltenden Truppen lag. In Bezug auf diese Truppen wurde von Frankreich im September 1759 mit dem Herzog ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem dieselben, als wieder im Solde Frank reichs stehend, sich dessen Armee anschließen sollten, wobei sie jedoch ein unter den Vefehlen des Herzogs stehendes abgesondertes Corps bilden würden). Dies eigenthümliche Verhältniß wurde, wie wir späterhin sehen werden, Veranlassung zu einer nicht unbedeu tenden Spannung zwischen dem Herzoge und dem französischen Feldherrn Broglio; welche durch das Streben Frankreichs, am Main festen Fuß zu gewinnen, noch erhöht wurde, bei dem Referate über die kriegerischen Ereigniffe des Jahres 1759 aber an ge höriger Stelle ebenwohl eine weitere Erwähnung finden wird. So unwillfährig die Mehrheit der Reichsstände sich zur 1) Die würtembergischen Truppen standen jedoch thatsächlich unter den

Befehlen Broglio's.



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Herbeischaffung der Kriegsmittel zeigte, ebenso schroff erschien, rücksichtlich der Verhältnisse zum Reiche, die Politik des deutschen Kaisers in Vergleich zu der des französischen Königes; und es war dies eine Erscheinung, zu der übrigens schon früher der Grund gelegt worden war, und an welcher der Mangel an Ausdauer der gegen Preußen verbündeten Reichsfürsten einen großen Theil der Schuld trug. –

Wir verließen am Schluffe des Feldzuges von 1758 die französischen Armeen in den Winterquartieren jenseits des Nieder

rheins (Contades) und in den Maingegenden (Soubie), während die Alliierten in Westfalen (Herzog Ferdinand) und Heffen (Prinz Isenburg) überwinterten. Ferner standen Prinz Heinrich in Sachsen, die Reichsarmee in Franken und die Armee Friedrich's

an den Grenzen von Böhmen und Mähren sowie in Pommern und Mecklenburg. Um sich in den Besitz eines Waffenplatzes zu setzen, ließ Prinz Soubie am 2. Januar 1759 mit Hülfe eines listigen Betruges die freie Reichsstadt Frankfurt a. M. überrumpeln. Die Verbindungen Soubie's mit der Reichsarmee und der Armee am Niederrhein waren nun gesichert, sowie denn auch auf dem

Main und dem Rhein alle Armeebedürfnisse den Winterquartieren zugeführt werden konnten. Schon jetzt würde Herzog Ferdinand feinen Entschluß ausgeführt haben, den Franzosen diese Vortheile zu entreißen, wenn er sich hierzu starkgenuggefühlt und ein Ueberfall, den Sicherheitsmaßregeln der Franzosen gegenüber, einen günstigen Erfolgversprochen hätte. Nächstdem legte ein aus österreichischen und Reichstruppen bestehendes Corps unter General Arberg, welches in Thüringen und in die benachbarten Länder eingedrungen war, nicht geringe Hindernisse der Ausführung jenes Entschlusses in den Weg,

zog aber auch zugleich die besondere Aufmerksamkeit des Herzogs und des Prinzen Heinrich auf sich. Um diese Zeit, d. h. in der ersten Hälfte des Monates

Februar, war Prinz Soubie von dem Versailler Hofe zurückge



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rufen und das Commando der Armee am Main dem General Lieutenant Herzog von Broglio übertragen worden. Diese Ver änderung im Oberbefehle, die geringe Stärke des Isenburgischen Corps sowie die Heffen bedrohende Stellung des in Thüringen c. eingedrungenen Feindes ließen indeß Herzog Ferdinand den Ent schluß faffen, eine Unternehmung gegen denselben zu richten. Prinz Heinrich, welcher ebenwohl die Absicht hatte, dem weiteren Vor dringen des Feindes entgegen zu treten, detachirte, zufälligerweise gleichzeitig mit dieser Unternehmung, den General v. Knobloch gegen Erfurt, wo General Guasco befehligte, während von Seiten des Isenburgischen Corps der General v. Urff seinen Marsch gegen Vacha richtete. General Knobloch vereinigte sich mit der kleinen Albtheilung des Generals Aschersleben, welcher bereits früher nach Thüringen zur Eintreibung von Contributionen gegangen

war, nahm am 28. Februar Erfurt, das der Reichsarmee zum Waffenplatze dienen sollte, mit Capitulation und detachirte nach Ilmenau, dann nach Gotha, Fulda und Vacha. General Urff jagte dagegen den Feind über die Werra, machte bei Friedewald und bei Philippsthal etwa 100 M. zu Gefan genen, besetzte am 3. MärzHersfeld und schloß sich dann bis zum 11. März dem Isenburgischen Corps wieder an; während General Knobloch an demselben Tage den Rückmarsch nach Naumburg in die dortigen Quartiere antrat.

Die durch Knobloch und Urff zurückgedrängten feindlichen Truppen hatten sich kaum von dem Rückmarsche dieser Generale überzeugt, als sie von Neuem in die verlaffenen Stellungen vor drangen. Nächstdem hatte auch Broglio eine beträchtliche Ab theilung gegen Fulda vorgehen lassen, während ein 10.000 M. starkes Corps unter St. Germain von der Armee des Nieder

rheins zur Verstärkung Broglio"s sich auf dem Marsche befinden sollte. Alle diese Anzeichen mußten Ferdinand für das Isen burgische Corps fürchten lassen; er entschloß sich daher, diesem zu Hülfe zu eilen, soviele Schwierigkeiten sich ihm auch in den Weg



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stellen mußten. Das mit dem Prinzen Heinrichgetroffene Ueberein kommen bezüglich einer gegenseitigen Unterstützung ließjedoch durch ein gemeinsames Handeln mit demselben die entworfene Diversion Ferdinand's zu Gunsten Heffens um etwas leichter erscheinen.

Es war am 22. März, als Herzog Ferdinand für eine Person Münster verließ, nachdem er den Befehl der in Westfalen zurückbleibenden Truppen (etwa 25.000 M.) den Generalen Spörken und Sackville übertragen hatte; die zur Expedition nach

Heffen bestimmtenTruppen aber (jammt denen des Prinzen Isen burg = 25 Bat. und 39Esc. nebst 3500M. leichter Truppen) wurden von dem Erbprinzen, dem Prinzen Holstein und dem Prinzen Isenburg befehligt, während HerzogFerdinand den Ober befehl über dieselben führte. Am 24. März traf Ferdinand in Caffel ein und es erfolgte nun der Abmarsch der gedachten Truppen in zwei Colonnen, von

denen diezur Rechten unter PrinzHolstein die Straße nachMarburg und die zur Linken unter Herzog Ferdinand die Straße über Rotenburg nachFulda einschlugen, während der Erbprinz auf dieser Straße die Avantgarde bildete.

Am 27. März erfolgte die Entwaffnung der Garnison von Fulda; am 30. März stand der Erbprinz in Bischofsheim; am 1. April nahm derselbe Meiningen, drang bis Wasungen vor, machte hier eine nicht unbedeutende Menge von Gefangenen, bestand einige kleine Gefechte mit dem etwa 6000 M. starken Corps des Generals Arberg und zwangdenselbenzum Rückzuge nach Bamberg. Die Colonne zur Rechten vertrieb am 2. April den Feind aus Freiensteinau, nahm am 7. April das Bergschloß Ulrichstein,

während der Erbprinz sich wieder mit Ferdinand vereinigte – jämmtliche Truppen desselben aber am 12. April bei Windecken versammelt standen. Am folgenden Tage fand gegen Broglio, welcher den Bewegungen seines Gegners aufmerksam gefolgt war, die Schlacht bei Bergen statt, nach deren unglücklichen Ausgange

sich Ferdinand unverfolgt nach Heffen zurückzog. Renouard Gesch. 1. Bd.

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Prinz Heinrich war während jener Vorgänge nicht müssig geblieben. Er hatte die Generale Knobloch und Lindstädt in der Richtung nach Saalfeld und Hof detachirt; beide Generale zogen sich aber, nachdem sich die ihnen gegenüberstehenden Generale Brown und Campitelli bedeutend verstärkt hatten, die Diversion indes schon ausgeführt worden war – am 31. März resp. 1. April wieder in das sächsische Gebiet zurück.

Verweilen wir noch einige Zeit bei dem Prinzen Heinrich, so sehen wir ihn bald darauf zu einer neuen Unternehmung wieder holt ausziehen. Es lag in dem besonderen Interesse des Prinzen, die feindlichen Magazine in Böhmen zu zerstören. um dadurch den Feind von einem Angriffe auf Sachsen abzuhalten, dann aber auch abermals gegen die Reichsarmee einen Schlag zu führen.

Zu dem ersteren Zwecke drangen am 15. April zweiColonnen bei Peterswalde und Basberg (Sebastiansberg) in Böhmen ein und drängten überall die Truppen des österreichischen Generals Gemmingen zurück. Das Vorgehen des Generals Hülsen, welcher die Colonne über Basberg führte, wurde rasch mit dem besten Erfolge gekrönt, indem er hier 2500 M. unter General Renard) in ihren Schanzen gefangen nahm, dann aber nach Saatz vor drang und hier das beträchtlichste der Magazine des Feindes zer störte. Dasselbe geschah bezüglich des großen Magazines in Budin durch die Colonne des Prinzen, nachdem schon früher die Magazine von Teplitz, Aufig, Leitmeritz u. a. zerstört worden waren. Schon am 20. April hatte Heinrich einen Zweck voll ständig erreicht und kehrte deshalb nach Sachsen zurück. Bei Feldmarschall Daun wurden durch diesen raschen, erfolgreichen Zug nicht unbedeutende Besorgniffe hervorgerufen, denn General Beck mußte zur Deckung Prags aus der Gegend von Vraunau nach Jung-Bunzlau marschieren – jedoch nur auf kurze Zeit.

In den ersten Tagen des Mais versammelte PrinzHeinrich 1) Nach der Histoire de la Guerre de Sept Ans; nach Tempelhof aber: – Reinhard.



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fein Corps bei Zwickau, um nunmehr sich gegen die Reichsarmee zu wenden. Er sah sich hierbei durch ein 6 Bat. und 8 Esc. ftarkes Corps unter General Urff, dem auch leichte Truppen bei gegeben waren, unterstützt, welches Herzog Ferdinand, der sich

damals (7. Mai) noch zu Ziegenhain befand, von Hersfeld aus über Meiningen aufRömhild detachirte. GeneralFink wurde zur Bedrohung Egers nach Adorf detachirt, während Prinz Heinrich nach Hof marschierte und den General Knobloch über Saalburg gegen Cronach vorgehen ließ; durch den Weitermarsch des Prinzen

nach Münchberg aber sah sich General Haddick genöthigt, das feste Lager daselbst zu verlassen.

-

General Fink setzte seinen Marsch von Adorf gegen Weißen stadt fort, bedrohte dadurch den bei Asch ohnweit Eger stehenden General Macquire in dessen Verbindung mit der Reichsarmee und nöthigte denselben, sich unter nicht unbedeutendem Verluste nach der Oberpfalz zurückzuziehen, von wo er sich dieser Armee bei Nürnberg anschloß. Fink stieß am 13. Maiwieder zu den Truppen Heinrichs, von welchen Oberflieutenant Kleist den österreichischen General Riedesel nebst 500 M. bei Himmelskron zu Gefangenen machte, – ein Erfolg, welcher den Rückzug der Reichstruppen

unter dem Herzog von Zweibrück beschleunigte und dem die Deta chirung des Generals Knobloch nach Bamberg folgte, um die dortigen Magazine zu zerstören). Auch GeneralUrffhatte einen Zweck erreicht, indem er die Oesterreicher, welche zwischen Fulda, Coburg und Bamberg standen, über den Mainzurückjagte. Prinz Heinrich beschloß nun, seine Armee wieder nach Sachsen zu führen, und der Aufbruch dahin begann am 22. Mai in der Richtung von Hof; die Reichsarmee folgte dem Prinzen am 27. Mai, ohne daß es jedoch zu wichtigen Gefechten kam. General Gemmingen in Böhmen hatte sich inzwischen, je nach dem Vorschreiten des Prinzen in Franken, der sächsischen 1) Der Feind hatte diese Mühe bereits felbst übernommen. 2

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Grenze genähert, doch das umsichtige Verhalten des Generals

Horn, welchen Heinrich bei Hof, zur Gemeinschaft mit Sachsen, aufgestellt hatte, sowie einige von GeneralFink ausgesendete Deta chements bewogen den Feind zum Rückzuge.

Am 3. Juni stand Heinrich mit seiner Armee bei Zwickau, während die Reichsarmee bei Forchheim ein Lager bezog und die österreichischen Truppen sich, bis auf einige Husaren-Regimenter, von derselben trennten und unter Haddick nach Böhmen abgingen. Am 5. Juni marschierte General Hülsen mit 10 Bat. und 4Cav.-Regtr. zur Armee unter Graf Dohna ab; während General Fink mit einigen Regimentern in die Gegend von Dresden, zur

Beobachtung der Oesterreicher in der Oberlausitz, detachirt wurde. Kehren wir zur Armee Ferdinand’s resp. nachHessen zurück. Derselbe sah sich bereits schon seit dem 23. April in dem Besitze werthvoller Nachrichten iu Bezug auf die Absichten seinesGegners

Contades. Diese gingen nämlich dahin, über Münster herzufallen

und die Armee Ferdinands von der Weser abzuschneiden; so wie sich denn auch dieser Plan durch einen Befehl des Marschalls

vom 4. Mai ankündigte, nach welchem dessen Armee incl. der Broglio"schen Truppen sich bei Neuwied, Deutz, Düsseldorf, Büderich, Calcar, Aarßen und in der Wetterau zusammen ziehen follte. Herzog Ferdinand hatte dagegen bereits den General Hardenberg nach Westfalen abgehen lassen; der Erbprinz aber traf am 23. April mit 7 Bat. und 7 Csc. bei Caffel ein, während Prinz Holstein mit 7 Bat. 16 Esc. bei Fritzlar stand und Herzog Ferdinand die nach Heffen führenden Defileen mit dem Isenburgischen Corps besetzt hielt.

Beinahe zu derselben Zeit, d. h. in der zweiten Hälfte des Monates Mai, wo Ferdinand sich nach der Aufnahme des von seiner Expedition gegen Römhild c. zurückkehrenden Generals Urff dem Rhein näherte, begann Contades, mit Hinterlassung von 15.000 M. unter d'Armentières in den Umgebungen von Wesel, feine Streitkräfte allmälig gegen die Lahn vorzuschieben. Am 24.



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Mai hatte Ferdinand sein Hauptquartier in Hamm; seine Truppen konnten in zwei kleinen Tagemärschen sich bei Dortmund ver einigen. In Heffen war General Imhof mit 16.000 M. an der Stelle des bei Bergen gebliebenen Prinzen von Isenburg zurückgelaffen worden undzwar beiFritzlar. Die Franzosen standen

dagegen am 29. Mai bei Marburg und Gießen nebst der Reserve in Friedberg.

General Imhof hatte sich, von so übermächtigen Streitkräften bedroht, aufLippstadtzurückgezogen, 3–4000 M. aber bei Caffel mit dem Befehle stehen laffen, sich auf Münden c. zurückzuziehen

und im Nothfalle in die Festung Hameln zu werfen. In Westfalen standen am 11. Juni die Armee Ferdinand's

bei Soest und Büren, Imhof beiLichtenau und 9000M. waren zur Deckung Münster's zurückgeblieben; auch hatte schon früher,

vom 3.Juni an, der Erbprinz eine Expedition in dasHerzogthum Berg ausgeführt, vielleicht um die Aufmerksamkeit des Feindes

dahin zu lenken bezw. die Detachirung eines Theiles der feind lichen Truppen zu bewirken.

Während dieser Vorgänge war Contades in Heffen vorge drungen, hatte am 14. Juni die Engpässe bei Stadtberge durch schritten und erschien am 18. Juni in Paderborn. Herzog Ferdinand verließ am 19. Juni, in Folge der Be drohung seiner linken Flanke durch eine gegen Alfeln vorgehende

10–12000 M. starke feindliche Abtheilung, – das Lager bei Büren und marschierte bis zum 20. Juni über Lippstadt nach Rietberg, um dadurch dem Abschneiden der der Armee von Biele feld zukommenden Transporte zu begegnen und bei Rietberg selbst eine bessere Stellung hinter der Ems zu nehmen.

Marschall Contades setzte sich am 29. Juni rechts gegen Detmold hin in Bewegung und bezog ein Lager zwischen Lipp springe und Schlangen, wodurch Bielefeld bedroht erschien und

Ferdinand sich deshalb hinter Marienfeld aufstellte. Nach den vorliegenden Verhältnissen war eine Schlacht (nach

der Ansicht Friedrichs II) dem Verluste der Magazine vorzu ziehen; daher wurde General Wangenheim, welcher zeither bei Dülmen zur Deckung Münster's gestanden, am 30.Juni befehligt, sich der Armee anzuschließen. Marquis d'Armentières gewann hierdurch freie Hand, berannte diesen Platz am 9.Juli und nahm ihn am 25. desselben Monates ein. Die Armee Contades" stand dagegen am 8.Juli beiHerford und Engern; Ferdinand aber nahm am 7. Juli bei Osnabrück

Stellung und zog Wangenheim an sich. Am Nachmittage des 9. Juli bemächtigte sich Broglio der

Festung Minden. Die nächste Folge dieser für die Franzosen so wichtigen Eroberung war der Marsch Ferdinand’s nach Stolzenau

an die Weser, während dessen er eine Abtheilung nach Bremen detachirte. Am 14. Juli traf Ferdinand bei Stolzenau ein; bis dahin aber detachirte Contades das Corps Chevreuse"s nach Lipp

stadt zur Berennung dieses Platzes, ferner eine Abtheilung gegen Nienburg, endlich das Corps Broglio"s in der Richtung gegen Hameln, welcher bis Hannover streifen ließ. Marschall Contades selbst marschierte am 14. Juli nach Minden und schickte eine Abtheilung gegen Petershagen vor, während er den übrigen Theil der Armee hinter dem Mindener Moose zurückließ.

Wir übergehen nun die weiteren Bewegungen. Ferdinand's, welche denFeind zur Schlacht zwingen sollten und sparen dieselben

der ausführlichen Relation auf. Nur soviel sei hier erwähnt, daß Ferdinand am 29. Juli in die Ebene von Minden debouchierte und den Erbprinzen in den Rücken der Franzosen sendete. Am

1. August fand die denkwürdige Schlacht bei Minden statt; gleich zeitig mit ihr die bei Gohfeld. In der ersteren blieb Ferdinand

gegen Contades, in der letzteren der Erbprinz gegen den Herzog von Briffac Sieger. Nach diesen entscheidenden Ereignissen ergab sich Minden; die französische Armee aber ging auf das rechte Ufer der Weser



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und nahm ihren Rückzug nach Caffel, während Chevreue und

d'Armentières, welcher zwischen Lippstadt und Paderborn stand und sofort ansehnliche Verstärkungen nach Münster und Wesel gesendet hatte, nach Warburg aufbrachen, um hier die Ankunft des Marschalls zu erwarten. Herzog Ferdinand marschierte da gegen am 5. August aus dem nach der Schlacht bezogenen Lager

bei Gohfeld in der Richtung über Paderborn nach Stadtberge ab, während der Erbprinz bei Hameln über die Weser ging, den Feind lebhaft und mit Erfolg über Münden hinaus verfolgte, dann bei Herstelle oberhalb Beverungen wieder auf das linke Weserufer trat und sich am 14. August bei Warburg der Armee Ferdinand’s anschloß.

Bei der Annäherung des letzteren hatten sich Chevreue und d'Armentières ebenwohl nach Caffel über Wolfhagen zurückgezogen; als aber der MarschHerzog Ferdinands sichdurch das Waldeckische fortsetzte und dadurch die Rückzugslinie der Franzosen nach dem Main bedroht erschien, brach Contades von Caffel auf, ließ da selbst eine schwache Garnison zurück, und stand bereits am 18. August hinter der Edder und am 23. hinter der Ohm. In dieser Stellung traf bei der französischen Armee der Marschall d'Estrées ein, um als Rathgeber dem Marschall Contades zur Seite zu stehen.

Am 20. August hatte Ferdinand den General Imhof nach Münster detachirt, um diesen Platz zu belagern; doch war zugleich von französischer Seite d'Armentières beauftragt worden, sich an die Spitze einiger aus Frankreich kommenden Truppenabtheilungen zu setzen und dem General Imhof entgegen zu treten.

Auch hinter der Ohm war noch keine Rast für die Franzosen eingetreten, denn der Erbprinz überfiel am 28. August das Fischer'sche Corps in und bei Wetter; am 23. August aber hatte bereits die Festung Ziehenhain kapituliert, auch war Ferdinand den Bewegungen feiner Vortruppen gefolgt. Weitere Bewegungen des Erbprinzen nach Nieder- und Ober-Weimar,

wo am

2. September

abermals ein feindlicher Posten überrumpelt wurde, entschieden

den fortgesetzten Rückzug der Franzosen nach Gießen, nachdem sie zuvor eine Besatzung nach Marburg geworfen hatten, die sich jedoch am 12. September kriegsgefangen ergab.

Nach diesen glücklichen Erfolgen drang auchFerdinand weiter vor und stand am 19. September in dem Lager bei Crofdorf, während General Wangenheim und Prinz Holstein bei Wetzlar den ihnen gegenüberstehenden General Broglio beobachteten, die französische Armee aber, zwischen Gießen und Wetzlar postiert, nur durch die Lahn von den Alliierten getrennt war.

Am 3. September hatte die Belagerung Münster's durch General Imhof begonnen; dochvon Armentières am 8. September zurückgedrängt, sah sich Imhof nach dem Abzuge desselben ge nöthigt, bis Anfangs November den Platz nur zu blockieren, dann

aber, nachdem ihm Verstärkungen und Belagerungsgeschütze, sowie namentlich der Graf von Bückeburg, als Leiter der Belagerung, zugegangen, solche zu beginnen, worauf dann die Uebergabe

Münster's am 21. November erfolgte. General Broglio übernahm am 2. November 1759 an der Stelle des Marschalls Contades den Oberbefehl über die gesammte französische Armee, dieser aber ging nach Frankreich zurück. Das Bestreben Broglio"s ging nun dahin, die Verbindungen der alliierten Armee mit Caffel abzuschneiden. Zu dieser Aufgabe schien ihm das abgesonderte, 10.000 M. starke Corps des Herzogs von Würtemberg geeignet, welches im Oktober in Franken angekommen war, und nun, jenem Zwecke gewäß, am 21. November in Fulda c. erschien, von wo die Alliierten einen Theil ihrer Lebens mittel bezogen. Herzog Ferdinand jäumte nicht, dem Vordringen der Würtemberger entgegen zu treten und detachirte zu dem Ende den Erbprinzen mit 9 Bat. und 12 Esc. über Alsfeld und

Lauterbach nach Fulda. Derselbe traf am 30. November da selbst ein, griff die Besatzung der Stadt an, und nahm sie zum Theil gefangen; der Herzog von Würtemberg aber, welcher bereits

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nach Hersfeld und Vacha Truppenabtheilungen detachirt hatte, zog fich, nach dem Erfolge des Erbprinzen, schleunigst über Brückenau zurück und näherte sich der französischen Armee. Durch das Scheitern dieser Expedition so wie auch die inzwischen einge troffene Nachricht von der Niederlage der Breiter Flotte sah sich Broglio nun bewogen, am 5. December das Lager an der Lahn

aufzugeben und den Rückzug nach Frankfurt anzutreten, dabei aber den General du Blaizel mit einer Garnison in Gießen zu rückzulaffen.

Herzog Ferdinand vermochte indeß diese günstige Wendung der Verhältnisse nicht zu benutzen, indem das Mißgeschick des Königs Friedrich bei Kunnersdorf und die Gefangennahme des Fink'schen Corps bei Maxen dringend Hülfe von Seiten des Herzogs erheischten. Derselbe gewährte daher schnell die Bitten des Königs und detachirte am 9. Dezember den Erbprinzen, wel cher aus dem Fuldaischen über Herbstein zur Armee zurückgekehrt war, mit 13 Bat. und 19 Esc. nach Sachsen, woselbst dieser bis gegen Ende Februars 1760 verblieb.

Hatte auch unmittelbar nach dem Rückzuge Broglio"s gegen Frankfurt Herzog Ferdinand Gießen blockieren lassen, so wurde dieser doch nunmehr genöthigt, die Blockade aufzuheben, dann aber

im Anfang Januar sich aus dem Lager bei Crofdorf nach Mar burg zurückzuziehen. Broglio, dessen Plan es nun war, die beiden Flügel der Alliierten zu umgehen, sah jedoch denselben durch das Gefecht bei

Dillenburg vereitelt und brach nach den früheren Winterquartieren auf. Dagegen bezog Ferdinand im Januar die einigen in West falen, legte aber Besatzungen in die Schlösser Marburg, Dillen burg und Homburg. – Die zuwartende Stellung, welche Friedrich II., im Jahre 1759 bis Ende Juli einnahm, wurde zunächst durch die in dem vorigen Feldzuge erlittenen Verluste und Anstrengungen geboten. Die Sorge des Königs wendete sich daher vorzugsweise der Aus

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füllung resp. Ausgleichung der Lücken und Mängel zu, was in deß bei den bedeutenden Störungen, welche die innere Verwaltung seines Landes durch die feindlichen Einfälle erfahren hatte, von unsäglichen Mühen begleitet war. Diese Lage des Königs mußte dabei um so mehr die gewichtigsten Bedenken erregen, wenn man einen Blick auf die Streitkräfte warf, die ihm bereits gegenüber standen oder auf dem Marsche zu dem Kriegsschauplatze begriffen waren. Nach des Königs eigenem Geständniffe würde seine Armee im günstigsten Falle nur eine Stärke von 110.000M. erreichen, während er voraussichtlich an 120.000Oesterreicher,70.000 Ruffen, 18.000 Schweden und 15.000M. Reichstruppen, also im Ganzen 223.000 M, zu bekämpfen hatte. Von diesen Truppen standen 20000M. in dem Fürstenthume Teichen und Mähren,10000M. gegen Braunau, 10.000 M. gegen die Lausitz, 6000 M. gegen Chemnitz und Commotau, während in Böhmen auf beiden Seiten der Elbe der Rest der österreichischen Armee Winterquartiere be zogen hatte. Die türkische Regierung, obgleich einem Kriege mit Oesterreich abgeneigt, war dennoch, in Folge der diplomatischen Bemühungen Friedrichs, zu Demonstrationen vermocht worden, welche ein Eorps von 12.000 M. Oesterreicher in Ungarn fest hielten. Von den russischen Streitkräften standen bereits im Januar

25000 M. an der Weichsel, 24.000 M. befanden sich auf dem Marsche zu dieser, während die irregulären Truppen der Ruffen sich wohl auf 20.000 M. beliefen.

Solchen Maffen gegenüber sah Friedrich sein Heil in dem Vereinigthalten der disponiblen Streitkräfte; er stützte aber dabei feine Erwartungen auch auf etwaige Wendungen der politischen Verhältniffe und insbesondere auf günstige Ereigniffe, die sich vielleicht aus dem erwarteten Tode des Königs von Spanien ent wickeln konnten.

Das Bestreben Oesterreichs ging vor wie nach dahin, Schlesien wieder zu erobern, während Frankreich feiner zeither



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beobachteten Politik treu blieb und Alles aufbot, Oesterreichs

Plan entgegen zu treten. Bei dem zwischen den beiden Höfen stattfindenden Verhandlungen bezüglich des Feldzugsplanes für das Jahr 1759 waren Choiseul, Montazet und Kaunitz besonders thätig; und es gelang ihnen endlich durch die Vermittelung Ruß lands, einen solchen Plan für das Verhalten der Armeen auf

dem östlichen Kriegsschauplatze zu Stande zu bringen. Hiernach durfte sich Oesterreich Hoffnung auf eine Unterstützung Rußlands durch den eventuellen Marsch Fermor's in der Richtung gegen Schlesien machen; auchversprach Rußland, je nach den Umständen

6000 M. mit den Schweden sich vereinigen zu lassen, um Stettin zu belageren. Diese Zusicherungen ließen Oesterreich die ursprüng liche Absicht, zwei große Armeen an der Elbe und gegen Schlesien

hin zu versammeln, aufgeben; dagegen wurde die Uebereinkunft getroffen: den Marschall Daun in die Lausitz eindringen zu lassen, sobald die russische Armee bis Posen vorgerückt wäre. Es ge

hörte ferner zu den Bestimmungen dieses Feldzugsplanes, daß die bei der Reichsarmee ) befindlichen österreichischen Truppen zurück gezogen *), dagegen aber eine neue österreichische Armee in der Stärke von 30–35.000 M. unter General Haddick gebildet werden sollte. Dieselbe sollte Böhmen decken, Sachsen beobachten

und den Prinzen Heinrich im Schach halten, – um so dem Marschall Daun freie Hand, namentlich in Vereinbarung mit den Bewegungen der Russen, zu verschaffen. So sehr es auch König Friedrich in Folge der Stellung der Ruffen in Polen und der der Oesterreicher in Böhmen an den

Grenzen Schlesiens vermeiden mußte, sich von seiner Vertheidigungs linie zu entfernen, so nahm er doch im Februar die Gelegenheit wahr, eine Waffen in dem benachbarten Polen gefürchtet zu 1) Die Reichsarmee bekam in Folge ihrer Unbrauchbarkeit gar keine Bestimmung in dem Feldzugsplane. 2) S. oben das Ende der Relation über den Zug des Prinzen Heinrich nach Böhmen.



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machen. Hier hatte in der Stadt Reifen der polnische Graf und deutsche Reichsfürst Sulkowsky es gewagt, Truppen zum Dienste gegen Friedrich, trotz der von der Republik Polen beobachteten Neutralität, zu werben und bedeutende Magazine für die Ruffen

anzulegen. König Friedrich machte diesem Treiben schnell ein Ende, indem General Wobersnow, welcher mit 4000 M. aus Schlesien nach Reifen zur ZüchtigungSulkowsky's detachirt worden war, diesen Ort ohne Schwertschlag nahm, die Soldaten ent waffnete und in die preußischen Regimenter einreihte, die Magazine zerstörte und schließlich den Grafen als Gefangenen hinwegführte. Ein anderer heftiger Gegner Friedrichs war der Herzog von Mecklenburg, dessen Land zugleich eine der Hülfsquellen der preußischen Armee bildete. Die feindseligen Gesinnungen, welche der Herzog auf dem Reichstage zu Regensburg gegen den König bethätigte und in deren Folge er namentlich die Achtserklärung

gegen denselben eifrigst betrieben hatte, sowie frühere starke Be leidigungen, – gaben Veranlassung zu dem Einfalle eines preußischen Corps in das unglückliche Land. Leider mißbrauchte man aber hierbei das Recht des Stärkeren auf die grausamste

Weise, vernichtete den Wohlstand der unschuldigen Bewohner und erging sich in dem Werke der Zerstörung mit einer Rücksichtslosig keit, wie solche kaum unter dem Franzosen Foulon geübt wurde). Die Stellung, welche die österreichische Armee zu Anfang des Monates März bei Königgrätz zu nehmen begann, hatte den Zweck, Böhmen und Mähren zu decken und die Verbindung mit der Lausitz zu erhalten; der scheinbare Zweck beruhte aber in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Königs auf sich zu ziehen

und ihm den Glauben beizubringen, als wolle man den Feldzug früh beginnen. Neben dem war es Bestimmung, noch vor dem 15. März die Armee zu versammeln; dabei blieb aber Prag ohne Deckung, eine Versäumniß, die bei dem Einfalle des Prinzen Heinrich in Böhmen – wie wir gesehen – sehr fühlbar wurde. 1) S. das Nähere in Archenholz c, 1. B, S. 373 u. f. w.

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Gegen die Mitte März verließen die Truppen des Königs

ihre Winterquartiere und bezogen Cantonierungen am Fuße des Gebirges von Schweidnitz bis Jauer und Löwenberg, während Fouqué mit seinem Corps bei Neustadt in Oberschlesien blieb. Ebenso bezogen auch die österreichischen Truppen Cantonierungs auartiere und die leichten Truppen begannen auf beiden Seiten

ihr Spiel. Es war gegen das Ende des März, als der österreichische General Beck eine glückliche Unternehmung gegen das Bataillon

Diringshofen bei Greiffenberg ausführte; ebenso drang General de Ville mit überlegenen Streitkräften in Oberschlesien ein und

zwang Fouqué zum Verlaffen seiner Stellung, worauf sich der selbe bei Oppersdorf aufstellte. Friedrich hoffte bei dieser Gelegen heit dem Feinde ernste Verluste zuzufügen, doch wurde das Herbei ziehen von Truppen nach Neiße verrathen, so daß sich de Ville zeitig nach Ziegenhals c., doch mit einigem Verluste, zurückziehen konnte. Bis zum 28. Juni blieben die sichgegenüberstehenden Armeen in Ruhe; dann bezogen die Oesterreicher das Lager beiJaromirez,

marschierten von da in die Lausitz und stellten sich bei Markliffa auf. Der König befand sich dagegen in der festen Stellung zwischen Landshut und Liebau. Außer einem Streifzuge, der am 30. Juni von Seiten der

Preußen nach Böhmen unternommen wurde, sowie der Beobach tung des Marschalls Daun durch Seydlitz fiel vorerst nichts Bedeutsames vor, weil der erstere die weiteren Bewegungen der Ruffen abwartete.

Der König, schon am 1. Juli von dem erwähnten Marsche der österreichischen Armee sowie von der Absicht Daun's, die

Operationen der Russen zu unterstützen, unterrichtet, gab Fouqué den Befehl, am 7. Juli das Lager bei Landshut zu beziehen; Friedrich aber verließ daffelbe am 5. Juli mit der Armee und

rückte am 10. Juli in das feste Lager von Schmotseifen oder Dürings-Vorwerk ein.

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Um den Oesterreichern einen Vorsprung über die Preußen zu sichern, wenn es sich um die Vereinigung mit den Ruffen handeln würde, war General Loudon, der schon früher einige Einbuße durch Seydlitz erlitten hatte, von Daun nach den Höhen von Lauban detachirt worden; zu seiner Beobachtung stand ein Cavalerie-Corps unter Lentulus bei Löwenberg, und ein zweites unter dem Prinzen von Würtemberg bei Bunzlau.

Die Truppen des Grafen Dohna in Pommern errangen in sehr kurzer Zeit und ohne besondere Anstrengung nicht unbedeutende

Erfolge. Damgarten, Wolgast wurden den Schweden wieder entrissen, ebenso die Städte Anclam und Demmin belagert und erobert und Stralsund berannt.

Während dieser Vorgänge hatten den ganzen Winter hindurch die Generale Schlabrendorff nnd Hordt von Stolpe aus längs der Grenze Polens die Russen beobachtet, welche gegen Ende April sich bei Marienwerder sammelten und ihren Marsch gegen Polen

richteten. GrafDohna bezogdagegen Anfangs Mai Cantonierungs quartiere in der Gegend von Greifswalde, rückte aber hierauf auf Befehl des Königs mit einem nicht 18.000 M. starken Corps über Stargard nach Landsberg den Ruffen entgegen. General Manteuffel blieb zur Beschäftigung der Schweden in Pommern zurück; dagegen schloß sich GeneralHülsen, von Heinrich detachirt,

am 24. Juni dem Corps Dohna's an, nachdem derselbe vom 12. bis zum 23.Juni im Lager bei Landsbergverweilt und erst dann,

mit Ueberschreitung der Warte, seinen Marsch nach Schwerin fortgesetzt hatte.

Der Hauptzweck, welcher den Grafen Dohna bei diesen Be wegungen leitete, war ein den Russen zu lieferndes Treffen; dieser Zweck wurde aber nicht nur durch die verspätete Vereinigung mit Hülsen sondern auch durch den langsamen Marsch resp. den Aufenthalt Dohna’s bei Landsberg und seiner Generale vereitelt, da diesen eben dadurch die Gelegenheit entging: – das eine oder

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das andere der ziemlich weit von einander getrennten Corps der

Ruffen zu schlagen. Dohna verfolgte indes am 26. Juni die bekannte Marsch richtung über Birnbaum, traf am 12. Juli in Obornik an der Warte ein und unterbrach so die Verbindung des Feindes mit Thorn und der Weichsel, während esgelang, die russischen Magazine in Bromberg, Rogosno und Zmin zu vernichten. Die Russen, deren Oberbefehl bereits am 29. Juni von Fermor auf Soltikof übergegangen war, hatten sich inzwischen in beträchtlichen Maffen bei Posen gesammelt; Graf Dohna aber, welcher seine Absicht, den Feind zum Schlagen zu bringen, auf geben mußte, wendete jetzt einen Blick gegen diesen Ort, wo sich das Hauptmagazin der Russen befand, gingdeshalb über die Warte zurück, sah sich indeß veranlaßt, der Ausführung des auf Posen gerichteten Planes zu entsagen, da die dortigen mit zahlreichen Streitkräften besetzten Verschanzungen dies geboten. Dohna wählte dagegen den Rückzug über Polnisch-Neustadt, Meseritz, dann über Kloster-Paradies gegen die Oder in der Richtungvon Züllichau,wohinGeneralv.Wedell,vonKönigFriedrich mit dictatorischer Gewalt bekleidet, gesendet wurde, um aus den Händen des Grafen den Oberbefehl über dessen Armee zu nehmen. General Wedell war am 22. Juli bei der Armee Dohna's eingetroffen; die Ruffen aber hatten ihren Marsch fortgesetzt und fanden zur Zeit der Ankunft Wedell's bei Züllichau in dem

Lager beiSchmöllen. Die von Friedrich erhaltene Weisung, ohne Zögern die Russen anzugreifen, wenn anders deren Vereinigung mit den Oesterreichern nicht zu verhindern wäre, ließ Wedell nicht äumen, sich von der Stellung der ersteren nähere Kenntniß zu verschaffen). Gegen alle Erwartung, und ohne daß man in 1) In der Ordre des Königs vom 24. Juli heißt es in Bezug auf die an Wedell ergangene Weisung: „Sollten die Ruffen so stehen, daß man fie nicht attaquiren kann, fo thut Ihr ganz recht, fiel dastehen zu laffen.“ S. den „Siebenjährigen Krieg“ c. von v. Schöning, 2. B, S. 118.

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dem preußischen Lager etwas davon gewahrte, hatte aber Soltikof am frühen Morgen des 23. Juli mit einem Theile seiner Armee den Weg nach Kroffen eingeschlagen, um sich mit dem heran ziehenden 12.000 M. starken Corps des Generals Loudon zu

vereinigen. Bei jener Bewegung des russischen Feldherrn stand ein Theil von dessen Armee bereits bei Kay im Rücken der Preußen, und es erfolgte nun die Schlacht bei Kay, in deren Folge sich Wedell mit einem Verluste von 4- bis 5000 M. bei Tschicherzig über die Oder zurückzog und bei Sawade lagerte, Soltikof aber nachKroffen marschierte und dadurchFrankfurt a. O. und Cüstrin sowie insbesondere auch Berlin bedroht erschienen.

Die Lage des Königs gestattete ihm nicht, einen Theil der an den Grenzen Schlesiens stehenden Armee zur Hülfeleistung Wedell's gegen die Russen zu verwenden, denn die 10.000 M. Fouqués bei Landshut, sowie die 40.000 M. unter Friedrich bei Schmotseifen wurden durch die 20.000 M. des Generals de Ville und die 70.000 M. des Marschalls Daun festgehalten. Von der Ansicht Daun's unterrichtet, daß Loudon über Sagan und Kroffen zur russischen Armee stoßen sollte, beschloß dagegen der König, sich persönlich an die Spitze eines bei dem ersteren

Orte sich zu versammelnden Corps zu stellen. Prinz Heinrich hatte zu dem Ende eine beträchtliche Abtheilung aus Sachsen

herbeizuführen, dann aber an des Königs Stelle den Oberbefehl in Schlesien zu übernehmen, während der Prinz von Würtemberg

die Weisung erhielt, jene Abtheilung mit einem bei Bürau stehenden Detachement zu verstärken, – so daß das Ganze eine Stärke von 22.000 M. bekam. In der Nacht vom 29–30.Juli kam der König in Sagan

an, Prinz Heinrich aber, dessen Abtheilung, mit Hinterlassung des Generals Fink (12 Bat., 7 Esc) in Sachsen, am 29. Juli in Sagan eingetroffen war, hatte Tags vorher den Oberbefehl in dem Lager bei Schmotseifen übernommen.

General Loudon hatte sich bereits über Rothenburg den

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Russen genähert; General Haddick war dagegen mit etwa 24.000 M., von denen jedoch einige Abtheilungen zurückblieben, der Ab theilung des Prinzen Heinrich über Bautzen gefolgt und am 29. Juli bei Priebus zu London gestoßen; – so daß nun etwa 30.000 M. die vereinigte Macht beider Generale betrug.

Die russische Armee hatte am 26. Juli durch ein Detache ment Kroffen besetzt, war aber dann unter Vorgebung von Ver pflegungs-Rücksichten nach Frankfurt a. O. gezogen, überschritt

somit nicht die Oder und handelte diesem gemäß nicht nach dem ursprünglichen Plane, sich in der Niederlausitz mit den Oester reichern zu vereinigen. Geschickt ausgeführte Märsche, wodurch die Preußen getäuscht

wurden, brachten bis zum 1. August die Generale Loudon und Haddick bis Guben, von wo der erstere, nach kurzer Rast, mit 18.000 M., größtentheils Cavalerie, nach Frankfurt a. O. auf

brach und sich hier am Morgen des 3. August mit den Russen vereinigte. Die Armee des Königs marschierte an diesem Tage nach

Naumburg resp. Christianstadt, erfuhr hier die eigentliche Marsch richtung des Feindes und brach deshalb noch am Abende desselben

Tages nach Sommerfeld auf, wo sie bei dem Dorfe Altwaffer auf die Cavalerie Haddick's stieß, welche derselbe zur Aufhaltung des Marsches des Königs detachirt hatte. Haddick hatte die Ab ficht, bei Fürstenberg über die Oder zu gehen, um sich dadurch dem Könige zu entziehen und sich um so früher mit Soltikof zu

vereinigen; Friedrichs Vorrücken jedoch in der Richtung von Beeskow und Müllrose, wohin auch Wedell dirigiert worden war, zwang den General Haddick, von seinem Vorhaben abzustehen und nach der Spree hin auszuweichen. Am 9. August, nachdem am 4. die Vereinigung mit Wedell stattgefunden hatte, stand der König im Lager zwischen Lebus und Wulkow, woselbst auch General Fink an dem ersteren Tage aus Sachsen eintraf. Dieser General, dessen Bestimmung es gewesen Renouard Gesch. 11. Bd.

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war, den Unternehmungen der Reichsarmee entgegen zu treten,

war dem General Haddick beobachtend gefolgt, als er die Nach richt von dem Vordringen dieser Armee durch Thüringen bekam. Fink eilte jetzt nach Torgau, welches wie Dresden, Leipzig und

Wittenberg von den Preußen besetzt war, während die Reichs armee bereits am 25. Juli Stellung zwischen Erfurt und Weimar genommen hatte, nach der Entfernung des Prinzen Heinrich aber Halle, Merseburg u. a. O. besetzte. General Fink traf am 3. August in Torgau ein und hier erhielt er den Befehl, zum König zu stoßen, wodurch der Reichs armee freie Hand in Sachsen gegeben wurde, nachdem dieselbe durch ihren Vormarsch so wesentlich zum Gelingen der Vereinigung Loudon's mit Soltikof beigetragen hatte.

Am 11. August ging die Armee des Königs zwischen Reit wein und Oetscher über die Oder und es erfolgte nun am 12.

August die denkwürdige Schlacht bei Kunnersdorf, in welcher die Ruffen als Sieger, bei einer Stärke von etwa 60.000 M. über 16.000 M., der König aber, bei einer Stärke von beiläufig 47.000 M, über 19.000 M. verlor "). Die Armee des Königs, von der man am Abende des Schlachttages nur etwa 5000 M. zu sammeln vermochte, ging

am 13.August über die Oder zurück, vereinigte sich mitder kleinen Abtheilung des Generals Wunsch, welche gegen Ende der Schlacht Frankfurt genommen hatte, und lagerte bei Reitwein. Die in Pommern stehenden Truppen, 5000 M. unter Kleist, wurden zurückgerufen und sonst alle Anstalten getroffen, um die Mark und namentltch Berlin zu decken.

Soltikof, welcher mit den beiden von ihm erfochtenen Siegen U) Nach dem „Siebenjährigen Krieg“ von v. Schöning betrugen die Stärke des Königs in der Schlacht nur 44,700 M., und der Verlust 172

Geschütze, ferner außer Gefecht 534 Offiziere und 17,961 M., worunter 11 Generale. Der Totalverlust der Russisch-Oesterreichischen Armee bestand in 554 Offizieren und 13,293 Gemeinen.

genug gethan zu haben glaubte, blieb dagegen unthätig, und uur

mit Mühe konnten die Oesterreicher von ihm erlangen, daß er über die Oder ging. Der König hatte am 16. das Lager bei Madlitz bezogen, war dann am 18. nachFürstenwalde marschiert; Soltikof und die Oesterreicher standen aber nunmehr in dem Lager zwischen Tzschetzschnowo und Loffow links der Oder, sowie

General Haddick bei Müllrose. In diesen Stellungen verblieben

die Armeen, von denen die des Königs in wenigen Tagen eine Stärke von 28.000 M. gewonnen hatte, bis gegen Ende August. Während der Abwesenheit Friedrichs von Schlesien hatte der österreichische General Harsch es versucht, über Friedland in diese Provinz einzudringen. Fouqué gestattete dem starken Corps des Generals den Eingang in die Ebene von Schweidnitz c., besetzte aber dagegen Friedland und Conradswaldau, wodurch die Zu fuhren aus Böhmen dem General de Ville – welcher an die

Stelle des erkrankten Harschgetreten – abgeschnitten und derselbe genöthigt wurde, sich dorthin mit einem nicht unerheblichen Ver luste zurückzuziehen.

Auch Marschall Daun war von Markliffa aufgebrochen und fand mit 30.000 M. am 18. August bei Triebel, während er längs dem Queiß gegen Frankfurt hin dnrch kleine Corps die Verbindung mit Böhmen unterhielt, von wo er seine Verpflegungs mittel bezog. Am 22. August fand zwischen dem österreichischen Feldherrn und Soltikof eine Berathung zu Guben statt, in welcher dieser erklärte, nicht nach Berlin gehen zu wollen, sich aber erbot, links der Oder zu bleiben, wenn Daun die russische Armee mit Brod und Fourrage versehen würde. Eine Ruhe der Armeen von 10 bis 12 Tagen sollte dazu dienen, den König bei Berlin sowie den Prinzen Heinrich in Schlesien zu halten, während der Prinz von Zweibrück, durch General Brentano verstärkt, Dresden ein zunehmen hatte. Nach dieser Einnahme war es weiterhin Absicht beiderFeldherrn,nachSchlesienzumarschierenunddort Winterquartiere zunehmen, wenn dieprojectirte Belagerungvon Neiffegelingen würde. 3s

Prinz Heinrich, inzwischen von der Niederlage des Königs unterrichtet, war am 27. August nach Sagan aufgebrochen, nach dem schon vorher von ihm alle Anordnungen zur Beobachtung der

feindlichen Bewegungen getroffen worden waren. Es handelte sich jetztinsbesondere darum, die Verbindung mit der Armee des Königs aufzusuchen; dann aber auchzu verhüten, daßder Feind in Schlesien

festen Fuß faßte, wobei zugleich Marschall Daun möglichst von den Russen und der Mark Brandenburg abgehalten werden mußte.

Den letzteren Zweck namentlich erreichte der inzwischen am 29. August in Sagan eingetroffene Prinz durch die Zerstörung der in Lauban, Görlitz, Böhmisch-Friedland und Gabel befindlichen Magazine, aus welchen Daun seine nächsten Zufuhren bezog. Eine rückgängige Bewegung desselben war die unmittelbare Folge dieser Unternehmung, während auch die Ruffen, deren Verpflegung

schon an und für sich dem Marschall Daun ungeheure Schwierig keiten verursachte, sehr bald dem Mangel bloßgestellt wurden. Eben dieser Mangel sowie auch die rückgängige Bewegung Daun's

nöthigten Soltikof, eine Stellung zu verlassen und zu dem Ende am 28. August nach Lieberose aufzubrechen, wobei Haddick den Marsch deckte. Aber auch der König setzte sich am 30. August in Marsch und gelangte über Beeskow am 31. in das Lager bei Waldow, nachdem Tags vorher die russische Armee bei Lieberose angekommen war.

Um diese Zeit schwebte Dresden in der größten Gefahr. General Schmettau, ein entschlossener, muthiger und thätiger Mann, auf den König Friedrich ein großes Vertrauen setzte, be

fehligte dort nur eine schwache Besatzung den 30.000M. starken Belagerern (Oesterreicher und Reichstruppen) gegenüber. Die Kunde von der Schlacht bei Kunnersdorf hatte bei dem General eine moralische Erschütterung hervorgerufen, welche wo möglich

noch durch die trostlose Mittheilung des Königs gesteigert wurde: – daß für den Fall, wo Dresden nicht ferner zu behaupten. wäre,

ein freier Abzug der Garnison mit den bedeutenden



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Kaffen c.) wünschenswerth sei. Des Königs rasche Erholung nach der genannten Schlacht war jedoch, in Folge der Berennung Dresden's, ebenso unbekannt dem Generalgeblieben, als die Maß regeln, welche man zu feinem Entsatze ergriffen hatte. Diese Maßregeln bestanden in der Detachirung der Generale Wunsch und Fink nach Sachsen. Der erstere nahm bei seinem

Marsche am 27. Wittenberg und am 31. August Torgau wieder in Besitz, welches nach tapferer Gegenwehr in die Hände der Reichstruppen gefallen war, – erschien aber erst am 4. September vor Dresden, wo dasselbe bereits kapituliert hatte. Nach einem tapferen Versuche in der Richtung auf die Neustadt Dresdens zog sich nun General Wunsch nachTorgau zurück und schlug hier die Reichstruppen, welche sichdieses Platzes wieder bemächtigenwollten

Auf die Kunde von den ersten Erfolgen Wunschs, bei welcher von der Capitulation Dresden's natürlich noch nicht die Rede sein konnte, ging General Fink erst am 5. resp. 6. September mit 10 Bat. und 20 Esc. aus dem Lager bei Waldow nach Sachsen

ab, um gemeinschaftlich mit Wunsch Dresden zu entsetzen. Bei Marschall Daun war indes die Nachricht von der Capitulation Dresden's bereits eingetroffen und hatte die Folge, daß General Haddick sich am 6. September mit einem starken Corps von den Ruffen trennte, um die Reichsarmee zu verstärken und die gemachten Eroberungen zu sichern. Am 10. September fand die Vereinigung mit derselben statt, Fink aber, der auf dem Marsche Haddick

beobachtend zur Seite geblieben war, empfing am 9. September bei Groffenhain die Nachricht von dem Falle Dresdens, gab demgemäß die resp. Unternehmung auf, vereinigte sich dagegen mit Wunsch bei Torgau und beide Generale drangen bis Meißen vor.

Hier wurden sie von Haddick bei Siebeneichen angegriffen; doch 1) Enthielten einen Schatz von 5,600.000 Thlr. Ferner waren in Dresden vorhanden: – 50 Pontons, Montierungen für 35.000 Mann c. S. Schöning’s „Siebenjährigen Krieg“ e. 2. B, S. 148.

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fah sich dieser genöthigt, mit Verlust nach Dresden den Rückzug anzutreten.

Wir verließen Soltikof in dem Lager bei Lieberose; seine Absicht war zunächst auf die Belagerung von Glogau gerichtet, weßhalb ihm auch Daun, welcher bei Bautzen stand, eine Ver stärkung von 10.000 M. sowie die nöthigen Lebensmittel ver sprochen hatte. Am 15. September brach die russische Armee in der Richtung von Guben auf und gelangte am 21. nach Christian stadt; Loudon aber, welcher vorausmarschierte und sich am 19. September mit jenen 10.000 M. unter General Campitelli ver einigte, erreichte Freistadt. Der König, dem Marschall Daun die Wege nach Schlesien offen gelassen hatte, folgte, mit Hinterlaffung einiger Abtheilungen

zur Beobachtung der Oesterreicher, am 16.September den Ruffen und traf über Lübben, Cottbus und Forste am 21. September in Sagan ein. Dadurch kam Friedrich den Ruffen zuvor, bewirkte

die Deckung von Glogau und gewann die Gemeinschaft mit dem Prinzen Heinrich, welcher sowie Fouqué am 27.September einige Verstärkungen zu der etwa 24000 M. starken Armee des Königs stießen ließen. Derselbe verlegte am 23. September den Russen durch seine bei Neustädtel und Beuthen genommenen Stellungen den Weg nachGlogau; Soltikof aber, nichts sehnlicher wünschend als die Beziehung der Winterquartiere hinter der Weichsel, ging in der Nacht vom 30. September bis zum 1. Oktober beiCaro lath über die Oder und wurde nur durch die Vorstellungen des militärischen Abgesandten Frankreichs, Montalembert, bewogen,

noch einige Zeit in Schlesien zu bleiben. Am 2. Oktober marschierte Friedrich mit der Armee nach

Glogau; die russische Armee stand dagegen am 4. Oktober bei Schlichtingsheim. Die Absicht Soltikofs, nach Breslau zu marschieren, veranlaßte den König, am 8. Oktober beiKöben über die Oder zu gehen und bei Sophienthal Stellung zu nehmen. Mit diesem Uebergange verband Friedrich zugleich den Zweck, das

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Land möglichst vor den furchtbaren Verwüstungen der Ruffen zu sichern. Soltikof hatte am 7. Oktober bei Rützen hinter der Bartsch Stellung genommen; und im Verlaufe der weiteren Be wegungen fanden die Ruffen am 22. Oktober bei Herrnstadt, wo ihnen indeß General Hülsen, der an des erkrankten Königs Stelle den Oberbefehl übernommen, ebenwohl zuvorkam, die Stadt aber auch durch die Ruffen in Flammen aufging. Am 26. Oktober ging Soltikof endlich nach Polen zurück; auch die Preußen gingen wieder über die Oder und GeneralHülsen trat mit ihnen den Marsch nach Sachsen an. Loudon trennte sich von den Ruffen, wurde indeß auf einem Marsche von Trachenberg bis Ratibor von GeneralFouquécotoyirt und dadurch genöthigt, über Krakau und Teschen Mähren zu erreichen.

Die Operationen des Königs gegen die Ruffen in Schlesien waren durch Prinz Heinrich trefflich unterstützt worden, indem es demselben gelang, die österreichische Hauptmacht unter Daun von Schlesien entfernt zu halten und dagegen Sachen resp. Dresden zu bedrohen, zumal da Daun's Streben offenbar dahin ging, Sachsen von den preußischen Waffen befreit zu sehen. Zunächst handelte es sich aber darum, den bei Bautzen in vorheilhafter Stellung stehenden Marschall zum Verlassen derselben zu nöthigen. Zu dem Ende brach Prinz Heinrich am 23. September, also zu derselben Zeit, wo Friedrich beiNeustädtel stand, mit seiner Armee von Görlitz auf, marschierte bis zum 25. über Rothenburg nach Hoyerswerda, überfiel hier den keinen Angriff ahnenden General Vehla, ging am 3. Oktober bei Torgau über die Elbe und nahm das Lager bei Belgern. Auf die Nachricht von der Ankunft des Prinzen bei Hoyerswerda zog sich die Reichsarmee aus dem Lager bei Wilsdruf hinter den Plauenschen Grund bei Nednitz zurück; Marschall Daun aber, am 24. September von dem Abmarsche des Prinzen unterrichtet, ohne indeß die Richtung zu kennen, in welcherderselbe abgezogen war,– nahm, in Folge der eingegangenen

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Nachrichten, an, daß Heinrich sich nach Schlesien gewendet habe, marschierte deshalb am 25. September nach Görlitz nnd bezog das Lager bei Moys. Hier indeß erfuhr Daum die Marschrichtung des Feindes, führte daher am 26. die Armee nach Bautzen zurück, erreichte über Bischofswerda c. bis zum 29. September die Elbe, überschritt dieselbe, veranlaßte die Generale Fink und Wunsch zum Aufgeben ihrer Stellung bei Meißen und stand am 4. Oktober zwischen Riesa und Oschatz, während PrinzHeinrich sich an dem selben Tage mit General Fink bei Strehlen vereinigte. Daun versuchte nun, die Verbindung Heinrichs mit Torgau, von wo derselbe seine Subsistenzmittel bezog, zu bedrohen, um ihn dann späterhin vielleicht von Wittenberg und Magdeburg abzuschneiden. Das Zurückdrängen der Abtheilung bei Schilda in der

Richtung gegen Torgau machte den Prinzen zuerst um seinen Rücken besorgt, und der Rückmarsch der Armee dahin war die unmittelbare Folge, während Daun bis Belgern vorrückte. General

Rebentisch wurde von Heinrich nach Düben detachirt und erhielt, als von Seiten Daun's der Herzog von Ahremberg mit 26 Bat. und 6 Regtr. Eavalerie in der Richtung von Dommitzsch abge sendet worden war, eine Verstärkung in einer Abtheilung unter General Wunsch. Dieselbe nahm ihren Weg über Torgau rechts der Elbe nach Wittenberg und stieß, nach abermaliger Ueber schreitung dieses Flusses, bei Kemberg zu Rebentisch, wohin sich dieser General zurückgezogen hatte. Am 29. Oktober stand Prinz Heinrich bei Pretzsch, während sich der Feind gegen Düben im Anmarsch befand. Der Prinz und General Rebentisch griffen nun den Herzog Ahremberg gleichzeitig an, machten den General Gemmingen nebst einigen hundert Mann zu Gefangenen und nöthigten Marschall Daun zum Rückzuge in die Stellung zwischen Zehren und Lommatzsch

hinter der Ketzerbach, wo die Oesterreicher am 5. November eintrafen.

Zu diesem Rückzuge hatte übrigens die Nachricht von dem

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Marsche der Ruffen nach Polen, sowie von dem Abmarsche Hülsen's nach Sachsen viel beigetragen. Derselbe war am 29. Oktober mit 19. Bat. und 20 Esc. von Köben in Schlesien aufgebrochen und ging bereits am 8. November, nachdem er General Diericke mit einer Abtheilung beiGroßenhainzurückgelassen, zwischen Hirsch stein und Merschwitz über die Elbe, woselbst er sich mit der Armee des Prinzen vereinigte, von welcher General Fink bei Mutzschen fand.

Diese Vereinigung des Generals Hülsen mit dem Prinzen Heinrich, wobei zugleich der König wieder bei den Truppen ein traf,befähigte denselben, aus der Defensive zur Offensive überzugehen. Die Absicht, Dresden wieder zu nehmen, konnte indeß nur

verwirklicht werden, wenn es gelang, dem Marschall Daun durch Bedrohung seiner linken Flanke ac. ernstliche Besorgnisse wegen Böhmens zu bereiten, von wo er seinen Unterhalt bezog.

Zunächst handelte es sich darum, den Marschall zum Ver laffen des Lagers hinter der Ketzerbach zu nöthigen. Zu diesem Zwecke erreichten die Generale Fink und Wunsch bis zum 12. November über Döbeln – Noffen unddrängten hier den General Brentano zurück, während Oberst Kleist die Reichstruppen aus Freiberg in der Richtung von Dippoldiswalde vertrieb. Ebenso war Wedell, da Daun in der Nacht vom 13. zum 14. November den Rückzug nach Wilsdruf angetreten hatte, nach Meißen vor gegangen, sowie denn auch General Diericke bis Zscheila marschiert war.

Der König traf nach diesen Bewegungen mit der Armee bei Krögis ein; Wedell aber bestand zuvor bei Meißen ein hitziges Gefecht mit der Arrièregarde Daun's.

In Ausführung des oben gedachten Planes rückte General Fink am 16. November auf Befehl des Königs mit 11,000 M.

überFreiberg bis Dippoldiswalde vor, und General Wunsch wurde mit der Avantgarde dieses Corps bis Maxen resp. Dohna vor geschoben; worauf am 17. November die Vereinigung beider

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Generale, welche nunmehr im Rücken der österreichischen Armee standen, bei Maxen stattfand, während General Lindstädt mit einigen tausend Mann vom Fink'schen Corps den Paß von Dip poldiswalde, behufs der Verbindung mit Freiberg, besetzt hielt. Gleichzeitig mit diesem Vorgehen. Fink's war Oberst Kleist mit feinen Husaren über Dux in Böhmen eingefallen, streifte ver heerend bis Auffig und Teplitz und machte Gefangene. Durch die StellungFink's sah sich Daun am 17. November genöthigt, das Lager bei Wilsdruf zu verlassen und sich hinter den Plauenschen Grundzurückzuziehen; ebenso war auch die Reichs armee aus ihrem Lager bei Dresden in die Stellung zwischen Cotta und Gieshübel gezogen, während General Sincere auf der Straße nach Dippoldiswalde, und General Brentano auf dem Wege nach Pirna Stellung nahmen. Der König stand dagegen mit der Armee am 18. November

bei Wilsdruf, und auf dessen besonderen Befehl mußte Fink die Abtheilung in Dippoldiswalde an sich ziehen, um dadurch den Feind mit um so größerem Nachdrucke empfangen zu können.

Die Anordnungen zur Einschließung Fink's gelangen dem Marschall vollkommen; denn am 20. November durch40000M. von allen Seiten angegriffen unterlagFink, und am 21. November ergab sich derselbe mit einem gesammten Corps zu Gefangenen ). General Hülsen, welcher am 20. November vom Könige mit 8000 M. nach Dippoldiswalde zur UnterstützungFink's detachirt worden war, vernahm. Tags darauf die Nachricht von der Capi tulation des Generals und kehrte daher nach Freiberg zurück, wo Oberst Kleist von einem glücklichen Zuge nach Böhmen zu ihm stieß. 1) Nach v. Schöning’s-Siebenjährigen Krieg“ c, 2. B, S. 199 resp. 195, geriethen in Gefangenschaft: 13.500 M, und es wurden erbeutet 4 Pr. Pauken, 24 Standarten, 96 Fahnen, 71 Geschütze nnd 44 Munitionswagen. General Fink will indeß nach feiner im Verhöre gemachten Aussage nur noch 6871 M. unter dem Gewehre gehabt haben.

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Am 23. November rückten Abtheilungen Daun's gegen Kesselsdorf vor und es entspann sich eine Canonade, die indeß weiter keine Folgen hatte. Der Marschall bezog dagegen am

24. November Cantonierungsquartiere in Dresden und hinter dem Plauenschen Grunde. Damit endigten indes noch nicht die Feind seligkeiten in diesem Feldzuge, denn das Corps des Generals Beck,

welches zeither bei Zittau gestanden, wurde herangezogen, griff mit überlegener Macht den rechts der Elbe stehenden General Diericke an und machte nach heftiger Gegenwehr denselben sammt drei Bataillonen zu Gefangenen. Auch gegen Freiberg wurde von General Maquire, der mit

16.000 M. bei Dippoldiswalde stand, ein Versuch, doch ohne Erfolg, gemacht, weil der König mit einer ansehnlichen Abtheilung

den dort stehenden General Hülsen verstärkte. Trotz den zahlreichen Verlusten des Königs in dem nun beendigten Feldzuge sahen sich die Preußen dennoch, außer dem um Dresden gelegenen Bezirke, im Besitzer von ganz Sachsen. Die Armee zählte nicht viel über 20.000 M., wurde aber gegen Ende Dezember durch 12000 M. alliierter Truppen unter dem

Erbprinzen von Braunschweig verstärkt ), welche bei Freiberg anlangten und hinter der Mulde zur Deckung des Rückens der

preußischen Armee Stellung nahmen. Die Ankunft dieser Truppen gab übrigens dem Könige Ver anlassung, ein Nachspiel zu dem Feldzuge zu liefern, indem er trotz der rauhen Jahreszeit gegen die feste Stellung Maquire's

bei Dippoldiswalde vordrang, dabei die feindlichen Vortruppen zurückjagte und alle Lebensmittel hinwegnahm, doch von dem eigentlichen Angriffe abstehen mußte und demgemäß am 10. Januar 1760 nach Freiberg zurückkehrte.

Die Preußen ac. bezogen nun ebenwohl Winterquartiere, welche bei der ungewöhnlichen Strenge des Winters, bei dem 1) S. das früher hierüber Referierte.

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Zusammengedrängtsein der Truppen, dem Mangel an Lebens mitteln und dem aufreibenden starken Dienste eine Menge Opfer

verlangten). Die Winterquartiere dehnten sich übrigens von Wilsdruf bis Freiberg aus; ein Cavalerie-Corps zu Coßdorf

deckte Torgau und erhielt die Gemeinschaft mit der Mark Branden burg; General Fouqué stand, nach der Cotoyirung Londons, wieder bei Landshut und in der Umgegend; eine Postenkette von Elster werda bis zur Schlesischen Grenze sollte die feindlichen Streif

züge in die Niederlausitz hindern; General Schmettau stand in Görlitz zur Deckung der Mark. Die Quartiere der Oesterreicher waren dichter gedrängt, wie die der Preußen; sie reichten von Dresden hinter dem Plauenschen Grunde bis Dippoldiswalde. Von dem Feldzuge gegen die Schweden wäre schließlich nur noch wenig zu berichten. General Manteuffel war, beidem Abzuge Dohna's gegen die Russen, zur Beschäftigung der Schweden in

Pommern zurückgeblieben. Die Schlacht bei Kunnersdorf rief ihn zur Armee des Königs und nun gewannen die Schweden freie Hand und besetzten Anclam, Demmin und Uckermünde; auch die Inseln Usedom und Wollin wurden von dem Commandierenden,

General Lantingshausen, genommen, ebenso Prenzlow, während General Horn starke Brandschatzungen in der Uckermark und in der Grafschaft Ruppin eintrieb.

Nach der genannten Schlacht änderten sich jedoch diese Ver hältnisse, indem der König am 11. September den General Belling nach Berlin detachirte, woselbst derselbe unter die Befehle Man teuffel's trat, dieser aber nebst der Abtheilung Bellings und einigen neu gebildeten Bataillonen am 20. September über Anger

münde vorrückte. Die Schweden zogen sich hierauf über die Peene bei Anclam zurück und nahmen in der ersten Hälfte Novembers ihre Winterquartiere in Schwedisch-Pommern; ein Gleiches geschah durch die Preußen längs der Peene. 1) S. hierüber Archenholz c. 2. Bd., S. 11 u. w.

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Auchwährend des Winters herrschte beidengegenüberstehenden Armeen nicht vollkommene Ruhe und häufige kleinere Gefechte fanden statt, die aber von bedeutsameren Folgen nicht begleitet waren. Von diesen Gefechten nehmen der versuchte Ueberfall des Generals Czettritz bei Coßdorf durch General Beck, ein Ueber

fall des Generals Golz in Schlesien durch GeneralLoudon, endlich der Handstreich des Generals Luzinsky auf den Obersten Arnstädt in Zeitz – die erste Stelle ein. Feldzugsplan für die alliierte Armee.

Neben den Anordnungen,welche HerzogFerdinand im November des Jahres 1758 betreffs der Winterquartiere seiner Armee be fchäftigten, hatte derselbe keineswegs die Absicht aufgegeben, Soubie

aus den Gegenden hinter der Lahn zu vertreiben, sobald Contades nicht mehr im Stande sein würde, zu des ersteren Unterstützung herbeizueilen. Die Truppenstärke, welche der Herzog hierzu zu verwenden gedachte, betrug 23 Bat. und 30–40 Esc. Aber nicht auf die genannten Gegenden allein lenkte sich die Aufmerk jamkeit Ferdinand's, denn die Verhältnisse am Niederrhein hatten bei ihm die Ueberzeugung hervorgerufen, daß hier die Franzosen demnächst mit der bedeutendsten Kraftentfaltung wahrscheinlich

auftreten würden, und daß somit, neben der Deckung von Heffen, nicht geringe Streitkräfte nothwendig erschienen, um mit Aussicht auf Erfolg dem Feinde entgegentreten zu können.

König Friedrich II. billigte den Plan des Herzogs bezüglich der Vertreibung Soubie's und äußerte dabei die Ansicht, daß es vortheilhaft sein möchte, diesen im Rücken zu fassen, um dadurch bei ihm den Glauben zu erwecken, als wolle man ihn vom Main und vom Rhein abschneiden. Dagegen erklärte sich der König hinsichtlich des Feldzugsplanes für 1759 dahin, daß ein etwaiger

Rheinübergang unthunlich sei, weil der Nichtbesitz von Wesel ein längeres Verbleiben auf dem linken Rheinufer unmöglich mache, sowie denn auch Holland zu einer Vermehrung einer Streitkräfte

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nicht geneigt sein möchte. Auch einen Angriffsplan auf Düffel dorf hielt Friedrich für unausführbar, weil an eine Behauptung

dieses Punktes nicht zu denken sei, da die Franzosen von Wesel aus stets mit Leichtigkeit über die Magazine herfallen könnten; sowie denn auch diese nur in dem Bisthum Münster anzulegen wären"). Große Anstrengungen der Franzosen für den nächsten Feldzug hielt Friedrich wegen der Zerrüttung ihrer Finanzen für

unwahrscheinlich; ebenso schien ihm auch das zeither zwischen Frankreich und Qesterreich bestehende Einverständniß in der Ab nahme begriffen zu sein, so daß die Vorbereitungen zum Feldzuge wohl nur schwach ausfallen dürften. Dagegen glaubte der König, daß, um denFranzosen „tüchtige Schläge beizubringen“,

es zweckmäßig sei: – den Kriegsschauplatz in eine für die Partei gänger der Alliierten geeignete Gegend zu verlegen. Uebrigens sprach sich Friedrich für die im Feldzuge 1758 beobachteten Grundsätze aus, d. h. in der Offensive zu verbleiben und nur so

lange auf der Defensive zu beharren, als die eigenen Kräfte im Verhältnisse zu den feindlichen es geböten und diese nicht durch Diversionen geschwächt würden. Herzog Ferdinand, obgleich er im Allgemeinen mit den An fichten des Königs einverstanden war, betrachtete als eine Haupt aufgabe: – Heffen zu decken und den Rhein nicht aufzugeben, um dadurch alle in dem Feldzuge von 1758 errungenen Vortheile zu sichern). Diese Aufgabe erheischte jedoch eine entsprechende

1) S. v. Westphalen c. 2. B, S. 508. 2) Bezeichnend sind die Worte, mit welchen der Herzog in einem Briefe an Friedrich II. sein Vorhaben speziell andeutet. Ferdinand fagt: „Je pourrai tout disposer de facon d'arriver le 20. de Fevrier avec un corps d'armée sur la Lahn; je me hâterois de frapper mes coups à fin de

révenir sur mes pas, et d'être à portée, pour dégager mon aile droite en cas que le Marechal de Contades vouloit l'entamer, comme il est probable, pendant que je m'en serois éloigné avec la gauche. Je tire de cela la consequence, que la nature de cette expedition est telle,

Truppenvermehrung, gleichwie denn auch die Ansicht desHerzogs, den Kriegsschauplatz auch auf das linke Rheinufer zu verlegen,

eine Vermehrung der Landmacht Hollands voraussetzen ließ, um eben durch diese Diversion Frankreich zur Aufstellung einer be

sonderen Armee jener Macht gegenüber zu veranlassen. Ferdinand sah als Folgen der Ausführung dieses Planes eine völlige Um änderung des Systems der Kriegführung in Deutschland und

demgemäß eine schnellere Herbeiführung des Friedens. Als vorläufige Maßnahmen und Vorsätze, mit und nach welchen nun der Herzog sein Verhalten zu regeln gedachte, erschien die Verlegung der Truppen in das Paderbornsche und in das

Herzogthum Westfalen, um mit diesen, zu der zur Eröffnung der Feindseligkeiten geeigneten Zeit, die oben genannte Expedition gegen Soubie auszuführen. In Folge der von dem wachsamen Mar

schall Contades getroffenen Vorkehrungen sah übrigens der Herzog ein Vorgehen seines rechten Flügels voraus, um den Bewegungen

des Marschalls zu begegnen; ein Umstand, welcher den Beginn der Operationen Ferdinand’s später erscheinen ließ, als es in dessen Wunsche lag.

In der Voraussetzung, daß es ihm vergönnt sei, bis Wetzlar vorzudringen, war es Entschluß des Herzogs, in die Quartiere des Feindes einzubrechen; und hierdurch glaubte Ferdinand mit

Recht, der Ansicht des Königs zu genügen: – so zu operieren, als wolle man die Franzosen vom Main abschneiden. In der Correspondenz mit dem Könige macht übrigens der Herzog diesen auf den Nutzen aufmerksam, den, bei der mehr erwähnten Expedition gegen Soubie, ein von Friedrich an den oberen Main zu detachi rendes Truppencorps bringen würde, zumal, da er (Ferdinand) mit Einschluß des Isenburgischen Corps nur 23 Bat. und 36 Esc.

gegen 57 Bat. und 51 Esc. (nach Abzug der württembergischen que pour sein promëttre un avantage réel, il faut jetter une telle consternation parmi les ennemis, qui put les engager à réculer plus loin, que la necessité ne l'exigeroitpas. (v. Westphalen 2.2. Bd., S. 525)

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Truppen) zu verwenden habe; auch Contades voraussichtlich inner halb sechs Tagen zwei Drittheile seiner 105 Bat. und 95 Esc. starken Armee bei Wesel zu vereinigen vermöchte. Die Erhaltung Münster's erforderte deshalb die zeitige Concentrierung eines ange messenen Corps bei Dülmen oder Coesfeld), und jene Erhaltung sowie die Sicherstellung der Nieder-Weser und die in Hessen mangelnden Subsistenzmittel für eine größere Armee als die oben

bezeichnete waren auch die Gründe, daß Ferdinand nur 23 Bat. und 36 Esc. gegen Soubie verwenden wollte). Die Lage des Königs war bekanntltch eine so schwierige, daß an die Erfüllung jenes Wunsches Ferdinand’s nicht gedacht

werden konnte; doch haben wir bereits gesehen, daßPrinz Heinrich den Alliierten mehrfach Luft machte. Ergänzungen betreffs der Verstärkung der alliierten Armee.

Der Etat der alliierten Armee im Jahre 1759 2c. ist aus den Anlagen zu ersehen; es mögen hier daher nur einige Erläu terungen resp. Ergänzungen ihren Platz finden. Die genannte Armee besaß neben ihrer Regiments-Artillerie nur 50 zwölf- und sechspfündige Geschütze, welche überdies nicht vereinigt gehalten werden konnten, weil schon die Verhältnisse in

Heffen eine Entsendung von Geschützen dahin nothwendig machten. Herzog Ferdinand unterließ es nicht, das englische Cabinet, durch die Correspondenz mit Lord Holderneffe, auf jenes Mißverhältniß zu der zahlreichen Artillerie des Feindes aufmerksam zu machen und sprach sich demgemäß dahin aus: – daß es nothwendig sei, den Artilleriepark wenigstens um 20Geschütze zu verstärken. Der Herzog gab hierbei dem preußischen Systeme den Vorzug, da 1) Nach v. Westphalen 2c., 2. B., S. 525: – 13 Bataillone.

2) Die Correspondenz Ferdinands mit Friedrich II. in v. d. Knesebecks: – „Ferdinand Herzog zu Braunschweig und Lüneburg während des sieben

jährigen Krieges,“ 1. B. 3) S. v. Westphalen c, 2. B, S. 525.

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dasselbe, bei aller Vortrefflichkeit der hannoverschen Artillerie, sich dennoch durch bedeutende Schnelligkeit und Leichtigkeit auszeichnete und viel weniger Bedienungsmannschaft und Zugpferde bedurfte. Uebrigens glaubte der Herzog, falls man von diesem Systeme

absehen und nur die Vermehrung der Artillerie an sich beschließen würde, – mit Sechspfündern ausreichen zu können.

Auch die Bedienungsmannschaft bedurfte – und zwar schon jetzt – eine Vermehrung, weil man nur etwa 40 Geschütze mit jener versehen konnte. Zu dem Ende machte Ferdinand beiKönig Georg II. den Antrag, die hannoversche Artillerie um 2 Com pagnien zu verstärken; auch an den Landgrafen von Heffen und den Grafen von Bückeburg wurden ähnliche Anträge gerichtet und fanden Gewährung. Die von dem Landgrafen im Jahre 1759 neu errichteten 3Compagnien schwerer Artillerie, jede zu 100M., traten ebenwohl, wie die übrigen Truppen, in den Sold Englands

und Ferdinand schlug vor, die Unterhaltung des neu errichteten Corps dem Contributions-Fond zuzuweisen ); während schon früher England sich verpflichtete, die Kosten der resp. neuen Aus hebung zu tragen. Durch die Genehmigung jenes Vorschlages 1) Oberstlieutenant Huth wurde mit der Organisation dieses Artillerie Corps beauftragt. Die Art und Weise, wie der überwiegend größere Theil der resp. Mannschaft zusammengebracht wurde, erinnert an russische Recru tierungsweise, fand aber damals keinen besonderen Anstoß. So rückte am frühen Morgen des 19. März 1759 ein Infanterie-Detachement in Caffel ein. Hierauf wurden alle Thore der Stadtgeschloffen, und man begann nun die jungen Leute, welche für abkömmlich gehalten wurden, anzuwerben. Bauhandwerker und andere schicklichen Artisten – so heißt es in den Tagebüchern – fanden hierbei den Vorzug. Uebrigens muß die Ueberraschung bei dem ganzen Geschäfte größer gewesen sein als der Widerwille gegen daffelbe, denn schon gegen Mittag verließ das Detachement wieder die Stadt und deren Verbindungen nach Außen wurden wieder frei Im Uebrigen betheiligten sich auch die hessischen Truppen selbst an dem Zusammenbringen eines Theiles der nöthigen Mannschaft, indem ein jedes Regiment 2 Mann, die Artillerie eines jeden Regiments aber 1 Mann dazu stellen mußten. Renouard Gesch. II. Bd.

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wurde der Herzog in den Stand gesetzt, die inHeffen gestandenen hannoverschen Artilleristen in dem Münsterschen zu fammeln und hiermit sich die zu einer größeren Anzahl Geschütze nöthige Be

dienungsmannschaft zu verschaffen. Gegen Ende April gingen der Armee Ferdinand's 28 Geschütze, theils Zwölf- und Sechspfünder,

worunter 6 Haubitzen, zu, welche aber, wie es scheint, zur Aus rüstung der festen Plätze Hameln und Stade verwendet wurden. Außerdem ließ Ferdinand eine gewisse Zahl Leute aus jedem Infanterie-Regiment zum Artilleriedienst bestimmen, welche Vor

kehrung jammt den Erfolgen der anderen Maßregeln den Herzog hoffen ließen, bald über 80 Stück groben Calibers zu verfügen. In der ersten Hälfte Mai hatte Ferdinand bereits eine gleiche Zahl Geschütze – 21 Stück in Heffen und 60 Stück in West falen – zu einer Verfügung.

Der Graf von Bückeburg brachte ein Artillerie-Corps auf den Stand von 150 M.) und ergänzte die fehlende Mannschaft aus seinen Grenadieren.

Betreffs der Auswechselung der Kriegsgefangenen wurden zu Aachen und Emmerich Unterhandlungen gepflogen, nach welchen Frankreich, da es weit weniger Kriegsgefangene hatte, außer der

persönlichen Auswechselung noch 1% Millionen Livres bezahlen mußte ). 1) In der Beilage I. ist für das Jahr 1759 keine Artillerie aufgeführt; es müffendaher die 150M. in der resp.Stärke dergenannten Waffengattung für 1760 zu suchen fein.

Die hannoversche Artillerie erfuhr dagegen, nach derselben Beilage, für 1759 einen Zuwachs von 56 Mann.

2) Nach v. Reden 2c., 2. B, S. 3 war einer der Hauptpunkte bei der Auswechselung, daß die Franzosen nur die Hälfte der Ranzion für ihre Mannschaft entrichteten, dagegen fich aber verpflichten mußten, diese weder gegen den König von England noch gegen einen feiner Alliierten wieder dienen zu laffen. Die Offiziere erhielten unter ähnlichen Bedingungen die Erlaubniß zur Rückkehr nach Frankreich.



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Feldzugsplan für die französische Armee.

Das Ergebniß der Berathungen, welche am Versailler Hofe in Bezug auf den im Feldzuge 1759 zu befolgenden Plan statt

gefunden hatten, war: – festen Fuß am Main zu fassen, um so eine Stellung einzunehmen, die voraussichtlich einen bedeutenden Einfluß auf künftige Friedensunterhandlungen ausüben würde. Es war am 18.Februar als der betreffende Operationsplan festgestellt wurde. Nach demselben sollten in den ersten Tagen des Juni die französischen Truppen nebst den Sachsen, in der Stärke von 100.000 resp. 9000 M, im Felde erscheinen; wäh rend 15 Bat. Milizen die festen Plätze am Main, dem Nieder rhein und der Maas besetzten. Bei der angenommenen Wahrscheinlichkeit, daß Herzog Fer dinand, in Betracht einer günstigen Stellung in Westfalen, da selbst mit 50- oder 58.000 M. stehen bleiben, auch ein Corps von 12- oder 15.000 M. zur DeckungHeffens verwenden würde: – sollten 80.000 M. unter Contades gleich die Offensive er greifen, während 20.000 M. unter Broglio in der Wetterau vorläufig die Defensive beobachten würden. Die specielle Aufgabe des Marschalls lautete, bezüglich jener Offensive, nun dahin: – die Alliierten zur Schlacht aufzusuchen oder sie zum Verlaffen von Westfalen zu zwingen. Davon hing natürlich auch die Einnahme von Münster und Lippstadt ab; – Unternehmungen, welche, bei sonstiger Gunst der Umstände, keine wohl erheblichen Schwierigkeiten finden dürften, da es der fran zösischen Armee an schweren Geschützen nicht gebrach, auch zeitig die zur Verpflegung der Belagerer nöthigen Anordnungen getroffen werden sollten.

Von den Fortschritten der Hauptarmee unter Contades, dem man am 20. Februar den Oberbefehl auch über die am Main stehenden Truppen übertrug, wurde das Verhalten Broglio"s ab hängig gemacht, so daß derselbe eventuell angriffsweise nachHeffen vorgehen sollte, um jener Armee den Weg an die Weser zu eröffnen. 4

Eine andere Voraussetzung, die sich auf Bewegungen Fer

dinands gegen den Niederrhein oder gegen Hessen bezog, noch bevor die französische Armee ihre Winterquartiere verlassen haben würde, – rief die Weisung an Contades hervor: für diesen Fall die entsprechenden Anordnungen zum Widerstande zu treffen und namentlich die Lagerplätze der Truppen zu bestimmen.

Die Nachrichten, welche in dem französischen Hauptquartiere während des Winters über die Absichten des Herzogs Ferdinand einliefen und insbesondere von einem Einfalle desselben in die

Winterquartiere der Franzosen sprachen, – veranlaßten die Ent würfe einer Menge von Plänen, die aber nichts Bestimmtes bieten konnten, da es ungewiß blieb, ob Ferdinand sichgegen den Nieder

rhein oder gegen Hessen wenden würde. Das Unsichere solcher Annahmen wechselte von Monat zu Monat und verband sich mit Berichten aus London, nach welchen eine eventuelle Landung der

Engländer an der flandrischen Küste sowie die angeblich zu wieder holende Ausschiffung neuer Truppen an Ostfrießlands Küsten zu gleich den Glauben erweckten, daß Ferdinand gegen den Nieder rhein vordringen werde; wobei man auch einen Anschluß Hollands an England und an die alliierte Armee befürchtete "). Die Einnahme resp. Ueberrumpelung von Frankfurt a. M. durch die Franzosen unter Soubife am 2. Januar 1759.

Schon im November 1758 war der Versailler Hof von der Absicht Ferdinand’s unterrichtet, den Feldzug früh zu beginnen und die Franzosen in den Winterquartieren zu überfallen. Im

December desselben Jahres wurde es aber Ueberzeugung, daß Herzog Ferdinand, vereint mit den Preußen, die Quartiere Sou bie's überfallen würde). Demzufolge hatte auch Contades wie 1) Stuhr's Forschungen c, 2. B, S. 198 u. w. 2) Marschall Contades sagte in einem Briefe an den Sieur Champeaux: que le duc Ferdinand meditoit une expedition contre le Prince de Soubise, de concert avec un Corps de Troupes Prussiennes: mais que



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derholte Befehle bekommen, dem Prinzen Soubie nöthigenfalls Hülfe zu leisten; dieser selbst aber fand in jener Ueberzeugung einen willkommenen Vorwand, sich am 2. Januar 1759 der freien Reichsstadt Frankfurt a. M. zu bemächtigen ) und dadurch den ersten Schritt zur Ausführung des oben erwähnten Feldzugs planes zu thun.

Zunächst mußte es sich hierbei darum handeln, den Magistrat Frankfurt's zu dem Glauben zu bewegen, daß man französischer Seits nur einen Durchmarsch beabsichtige. Zu dem Ende endete Foulon, der bekannte Intendant der Soubieschen Armee, folgende

Marschroute an den Magistrat, wobei er zugleich in einem Schreiben um freien Paß nachsuchte: Für das Regiment Beau voisis, 2. Bat., Abmarsch von Offenbach 1. Januar durch Frankfurt nach Rödelheim, 2. Januar Abends in Königstein; 1. Bat. Abmarsch von Offenbach 2. Januar durch Frankfurt, Abends nach Kronberg. Regiment Nassau-Saarbrücken, ein Bat., Abmarsch von Arheiligen 2. Januar durch Frankfurt nach Seck bach, 3. Januar Abends nach Ober- und Niedererlenbach, um

dort aus dem Vilbeler Magazin verpflegt zu werden, wohin die Stadt Frankfurt am 31. December 1600 Rationen gesandt hatte.

Regiment Zweibrücken: Abmarsch von Sprendlingen 2. Januar durch Frankfurt nach Ober- und Niedererlenbach. Regiment Bent heim: 2. Januar von Oberrad durch Frankfurt nachHanau, am 3. Abends nach Windecken. Hundert Dragoner vom Regiment d'Apchon: 1. Januar von Höchst nach Langen, um einen Trans port gefangener Heffen, die von Landau kamen, dort zu erwarten

celui-ci se préparoit à recevoir la visite. Der Brief fiel in die Hände Ferdinands; gleichwie denn auch derselbe gegen Ende December 1758 auf geheimen Wege in den Besitz der Abschrift eines Briefes des Generals Castella, Gouverneur von Wefel, kam, worin dieser bemerkte, daß die fran zösischen Regimenter mit dem 15. Februar marschbereit seien und daß man in Wesel mit aller Macht Lebensmittelanhäufe. (v. Westphalen, 2.B. S.524) 1) S. das „Allgemeine“ in diesem Abschnitte.

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und dieselben am 2. Januar nach Hanau zu begleiten, wobei sie

den Main in Frankfurt passieren sollten. Es war um 12Uhr Morgens des genannten Tages, als das RegimentNaffau (3 Bat) vor dem Affenthor erschien. Der Durch marsch sollte nun, nach der Antwort des Magistrates, gemäßden mit Frankreich abgeschlossenen Verträgen, den Reichsgesetzen und den Privilegien der Stadt nur Bataillons- resp. Schwadrons

weise stattfinden, wenn, wie es hier der Fall, stärkere Corps etwa bei der Stadt zusammenträfen oder sich kreuzten. Anders aber war die Absicht der Franzosen, denn das genannte Regiment, von

dem freilich nur ein Bataillon angekündigt war, sollte bei seinem Einmarsche in die Stadt sich sogleich der Hauptwache und der auf den Wällen befindlichen Artillerie bemächtigen, dann aber auch alle Thore besetzen. Diese Befehle des Prinzen wurden, ohne irgend einen Widerstand zu finden, schnell ausgeführt; auch folg ten, bald nach dem Einrücken des Regimentes, noch 11 Bat. und

640 Reiter unter dem Brigadier v. Wurmser, General-Inspektor der deutschen Truppen im französischen Dienste, welche die öffent lichen Plätze 2c. besetzten ). Die Erklärung, welche hierauf von Seiten Wurmser's und zwar gemäß des (in Note 1 berichteten) Befehles an den Magistrat erfolgte, lautete: „Da der König es für paffend erachtet, die Stadt Frankfurt noch wirksamer als bis her zu beschützen (de plus près encore) hat Ihre Majestät den Herrn Marschall angewiesen, seine Truppen einziehen zu laffen und dieser hat Herrn v. Wurmser mit der Ausführung beauftragt. Derselbe bittet den Senat, die Truppen einzuquartieren (loger) 1) In dem am 1. Januar an Wurmfer gerichteten Schreiben Soubie’s, worin jener befehligt wurde, mit den unter seinem Commando stehenden Truppen feinen geheimen Instructionen gemäß in Frankfurt einzurücken und dieselben dortzufolge den Absichten desKönigs einzulegen, worin ferner man ihm Mannszucht und Wachsamkeit anbefahl, diese aber sich nicht nur auf die Sicherheit der Soldaten, sondern auch auf die der Stadt erstrecken sollte,– war die Zahl des Fußvolks nicht auf 14 sondern nur auf 12 Bat. in der Gesammtstärke von etwa 7000 M. angegeben.

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und überzeugt zu sein, daß er von den Soldaten nur Zeichen des Wohlwollens für Frankfurt und den Senat empfangen wird.“ Diese glatten Worte sollten indeß sehr bald sich als Lügen erweisen, denn der Stadt wurden nun beträchtliche Lasten in Bezug auf Lieferungen ac. gegen nur mäßige Geld-Entschädigung aufgebürdet,

so daß man bis zum Ende Februar die Lasten des Aerari bereits auf 105,007 F. 24 Kr. anschlug. Dazu kommen noch die Summen, welche der Staatskasse an Zins für Böden, Scheuern und Kellern entgingen, die den Franzosen zur Lagerung ihrer Vor räthe eingeräumt werden mußten, sowie für Lieferung von Holz vorräthen 2c. an die Einquartierung. Die Gesammtsumme der Ausgaben für ein Vierteljahr, ohne den Betrag der noch nicht eingereichten Rechnungen, belief sich auf 323.000 Fl. Die Regierung von Frankfurt reichte übrigens am 4. Januar, 10. März und 28. April Beschwerdeschriften an den Kaiser ein, denen sich eine in größter Unterwürfigkeit abgefaßte Bittschrift an den König von Frankreich anreihte; dabei schloß man aber schon am 6. Januar eine Convention in 17 Punkten mit den Franzosen ab, worin das gegenseitige Verhältniß geordnet wurde. Nach diesem allgemeinen Berichte über die Einnahme der Stadt möge es vergönnt sein, den interessanten speziellen Hergang davon zu erwähnen, wie derselbe in einer neuerdings erschienenen

Schrift, der wir das Vorstehende entnommen haben, erzählt wird. Der Stadtkommandant von Frankfurt, Oberst v. Pappen heim, war bei dem Einzuge der Franzosen zugegen. Als das

Regiment Nassau bereits zur Hälfte in der Stadt war, bemerkte derselbe, daß, dicht an dieses Regiment angeschlossen, ein zweites Corps ohne Fahne folgte, und rief deshalb der Thorwacht zu, den Schlagbaum und das Gatter zu schließen. Es entstand nun ein Gedränge, in welchem die Franzosen, die Offiziere mit Degen,

die Musketiers, welche den Hahn gespannt hatten, mit Bajoneten auf die städtische Mannschaft lostachen und sie umringten;

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plötzlichsahder Oberstauch die Mittelwacht angegriffen und umringt, und rief nun, die Brücke aufzuwinden. Dazu aber war man nicht

im Stande, da das Gewölbe verschloffen war; Fahnenflüchtige, des Ortes kundig, bemerkte man unter den feindlichen Truppen. Jetzt drangen auch Abtheilungen in das Hornwerk ein und von allen Seiten näherten sich Truppen, Fußvolk und Reiter. Der

Oberst protestierte gegen diese Feindseligkeit und wurde verhindert, über die Brücke zu reiten, worauf er sein Pferd im Stich ließ und auf einem Nachen über den Main fuhr. Major Textor, welcher dem Regimente Naffau mit seinem Geleite vorangezogen war, wurde am Bornheimer Thore von einem Hauptmann der französischen Grenadiere zum Strecken des Gewehres aufgefordert. Auf Textors Weigerung entwaffnete man nun mit Gewalt die

Stadtsoldaten und hielt den Major fest. Hierauf traf die Ab theilung Franzosen unter dem Grenadierhauptmann vor der Haupt wache ein, marschierte hier aufundforderte den Oberstlieutenant von Klettenberg auf, das Gewehr zu strecken, und die Wache über geben zu lassen. Stattdessen zog sich die Wachtmannschaft in das Gebäude zurück, während die Franzosen dasselbe umstellten. Textor

war indeß schon vorher, indem er entwischte, an der Hauptwache angelangt, war aber nicht im Stande gewesen, den Ueberfall nach dem Römer melden zu lassen, da ein ihm entgegenkommender Unteroffizier durch den gedachten Hauptmann daran verhindert wurde. Dagegen erstattete Klettenberg, welcher inzwischen erfah ren, daß die Franzosen bereits Herren der Stadt seien, Bericht in der Rathsstube des Römers, worauf die Hauptwache über geben wurde ). Das ganze Reich fühlte sich bei jener offenbaren Verletzung 1) Wörtlich nach der Frankfurter Secularschrift: „Der Ueberfall der Reichsstadt Frankfurt durch die Franzosen am 2. Januar 1759 und die vier ersten Monate der französischen Besetzung“ c. Frankfurt a. M., Verlag von Fr. Benj. Auffarth. 1859.

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der Freiheiten desselben empört. Auch die österreichischen Staats männer, namentlich Kaunitz, mißbilligten das Verfahren der

Franzosen,

doch ließ sich derselbe durch Montazet, dem mehrge

nannten militärischen Abgesandten am österreichischen Hofe resp. bei der Armee, beschwichtigen, indem von ihm auf den strategi

schen Vortheil hingewiesen wurde, der mit der Besetzung der preußenfreundlichen und den katholischen Mächten feindselig ge finnten Stadt verbunden war. In der That war dieser strate gische Vortheil, neben den bereits früher erwähnten Vortheilen, von besonderem Belange, wenn man bedenkt, daß mit dem Be

fize Frankfurts die Operationen vom Oberrheine her einen be deutenden Schutz bekamen, dann die nun befestigte Operations

bafis am Main nicht nur das Vordringen in Hessen erleichterte sondern auch eine ständige Gelegenheit bot, zu Gunsten der Ope rationen in Westfalen Diversionen auszuführen, bei denen man selbst im Falle des Mißlingens dennoch einen etwaigen Rhein

übergang gesichert sah. Die Befehligning der französischen Armee.

Prinz Soubie wurde einige Wochen nach der Einnahme von

Frankfurt von einem Hofe zurückgerufen und statt einer erhielt nun General Broglio am 7.Februarden Befehl über die Armee am Main, während man dem Marschall Contades in demselben Monate den Oberbefehl über die beiden französischen Armeen am Nieder rhein und Main übertrug. Der General-Lieutenant, Herzog vou Broglio, gehörte damals zu den besten französischen Generalen. Er war uneigennützig, thätig und tapfer, besaßKenntniffe, doch nicht einen durchdringenden Verstand. Daher füllte er auch nicht ganz den Posten eines Ober generals im strengeren Sinne des Wortes aus, so sehr er auch sonst, bezüglich seiner Befähigung überhaupt, auf militärische Be fehlshaberstellen gerechten Anspruch erheben konnte.

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Vorfälle bei dem Isenburgischen Corps in Heffen während eines Theiles des Winters.

Bevor wir zur Relation der UnternehmungFerdinand’s gegen

die französische Armee am Main übergehen, möge ein kurzer Blick auf die Vorfälle 2c. in Hessen geworfen werden, welche hier bei dem Isenburgischen Corps während eines Theiles des Winters stattfanden; sowie denn auch die im Januar und Februar in Thüringen stattgefundenen Ereigniffe und die Expedition des

Generals v. Urff eine weitere Ausführung finden sollen. Es war im Monat Januar 1759 als der hessische General Prinz von Anhalt, welcher zeither in Bocholt gestanden, mit den hessischen Bat. Hanau, Toll, dem hessischen Landmilizbat. Wurmb und den 4 hannoverschen Esc. Dachenhausen Dragoner aus dem Paderbornschen in die Gegend von Münden marschierte, um einen Cordon an der Weser zu ziehen. Diese Maßregel war durch die Absicht des Herzogs hervorgerufen worden: – nicht nur das hessische Gebiet von dieser Seite gegen die Streifzüge der Oester reicher c. von Thüringen her zu schützen sondern auch das Isen burgische Corps gegen eine Umgehung zu sichern. Jene Truppen trafen am 26. Januar an dem Orte ihrer Bestimmung ein; General Prinz Anhalt aber ging, nachdem er dem General v. Gilsa in den ersten Tagen des Februars den Befehl über dieselben übergeben hatte, wieder nach Westfalen zurück. Obgleich im Ganzen während der Winterquartiere die Ruhe des schwachen Isenburgischen Corps nicht gestört wurde, so fanden doch hier und da Patrouillengefechte statt. So wurde am 9.

Februar eine hessische Reiterpatrouille (6 Pferde) in der Gegend von Mühlbach zwischen Hersfeld und Homberg von einer 16 Pferde starken Patrouille (Husaren von Czerzen)") auseinander gesprengt und 2 Reiter gefangen genommen.

Am 13. Februar überfiel dagegen ein Commando hefischer 1) S. die bei der Expedition Urffs betreffende Stelle.

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und hannoverscher Jäger in Almershausen ohnweit Hersfeld eine feindliche Patrouille, tödtete 2Mann und brachte 3 Gefangene ein. Am 17. Februar erhielt das Isenburgische Corps eine Verstärkung in zwei preußischen Esc. Husaren (Ruesch). Diese wurden in der Richtung von Hersfeld verlegt und eine 40 Pferde starke Abtheilung derselben stieß, nachdem sie am 18., nach dem Abzuge des Feindes aus Hersfeld), diesen Ort besetzt hatten, am 20. bei Bingartes jenseits desselben auf ein Commando feindlicher Husaren. Der die preußischen Husaren befehligende Lieutenant Lachner griff den Feind, noch ehe dieser sich gesammelt, an und brachte ihm einenVerlust an 3 Todten, 3 Verwundeten und 2 M. Gefangenen nebst 7 Pferden bei. Lachner wiederholte indes den

Angriff, wurde aber jetzt mit 5 seiner Husaren gefangen, während 2 auf dem Platz blieben. An diesem Recontre nahm auch eine

10 Pferde starke hessische Hnsarenpatrouille zufällig Theil. Die durch die Wachsamkeit des Isenburgischen Corps zu nehmende Sicherheit in Hessen hatte auch den Landgrafen ver mocht, am 16. Februar von Bremen nach Rinteln zurückzukehren,

ohne sich aber eines längeren Aufenthaltes, wie wir sehen werden, erfreuen zu können. Die in den Monaten Januar und Februar in Thüringen stattfindenden Ereigniffe.

Nach der Einnahme von Frankfurt nahm die Thätigkeit der in dem benachbarten Franken resp. Thüringen stehenden Reichs truppen c. in einer für Heffen bedrohlichen Weise zu. Zunächst waren es die Generale Arberg und Blouquet, welche mit 4 Inf

und 4 Cav-Regtr. österreichischer Truppen in den ersten Tagen des Januars aus Böhmen zur Verstärkung der Reichsarmee und zur Deckung der in den Bisthümern Würzburg und Bamberg befindlichen Magazine heranzogen. Die weitere Absicht beider 1) Waren Truppen von der Abtheilung des Generals Arnberg. (S. die Verhältniffe in Thüringen.)



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Generale ging aber dahin, späterhin zwischen Werra und Fulda Stellung zu nehmen, um bei der Eröffnung des Feldzuges ge meinsam mit der französischen Armee am Main gegen Heffen vorzudringen.

Wie wir schon früher erwähnten), so stand um dieselbe Zeit der General Aschersleben mit einer 430 Pferde starken Ab theilung von der Armee desPrinzen Heinrich bereits in Thüringen. Das Vorgehen dieses Detachements bis Langensalza, dessen Stärke absichtlich vielbedeutender ausgegeben worden war, erregte bei dem Feinde eine nicht geringe Besorgniß und man befürchtete schon fogar eine Unternehmung auf die Quartiere der Reichsarmee, wenn Aschersleben sich mit den alliierten Truppen in Hessen ver binden würde. Um dem vorzubeugen, rückte am 8. Januar eine starke Cavalerie-Abtheilung, worunter das österreichische Cav. Regt. Bretlach und einige Reichstruppen, über Meiningen nach Wernshausen und bildete so das Repli für 3 österreichische Cav. Rgtr., 1 Husaren- und 1 Inf-Regt., welche eine Posten kette von Fulda bis Eisenach ausstellten. Zur Unterbrechung der Verbindung der Alliierten mit der Armee des Prinzen Heinrich in Sachsen wurde die Besatzung von Erfurt mit einigen Bataillonen von der Reichsarmee verstärkt, während ein österreichisches Regt.

(Thierheim) in Ilmenau, eine andere Abtheilung in Georgenthal und Apfelstädt, und endlich die in Eiterfeld, Fürsteneck und Schenklengsfeld stehenden Truppen des Generals Arberg – zur weiteren Unterstützung, namentlich aber zur Verbindung mit den Quartieren der Reichsarmee und zu deren Schutz dienten. Eine

Abtheilung von den Husaren von Czerzeni ging zu ihrem in der

Gegend von Eisenach stehenden Regimente ab. Auch General Guasco, der Commandant in Erfurt, blieb

hinter der Thätigkeit der vorgenannten Truppen nichtzurück, indem er alle Anordnungen zur Vertheidigung dieser Stadt traf, um fie 1) S. Allgemeines über die Feldzüge des Jahres 1759.

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zum Waffenplatze der Reichsarmee für den bevorstehenden Feldzug gegen Sachsen zu machen.

General Arberg war inzwischen am 9. Februar in das hes fische Gebiet vorgedrungen und hatte in den Aemtern Friedewald und Landeck, sowie auch in Hersfeld es versucht, Contributionen einzutreiben, welche weit über die Kräfte der armen Bewohner gingen"). An diesem Zuge Arberg's nahmen auch Detachements von den Husaren CzerzeniTheil und bestanden, wie oben bemerkt, mehrere Patrouillengefechte mit Abtheilungen vom Isenburgischen Corps.

General Aschersleben hatte sich zeitig auf die Nachricht von den gegen Eisenach gerichteten feindlichen Bewegungen auf das linke Ufer der Unstrut zurückgezogen, verband sich aber nachmals, d. h. am 27. Februar, mit dem General Knobloch bei Erfurt.

Auch bei der französischen Armee unter Broglio hatte die Uebernahme des Oberbefehles aus den Händen Soubie's einige Thätigkeit hervorgerufen; namentlich führte das Fischer'sche Corps Bewegungen gegen Marburg hin aus. So war die Lage der Dinge, als HerzogFerdinand, in Be tracht der bedrohten Stellung des Isenburgischen Corps in Hessen, eine Unternehmung gegen den in Thüringen eingedrungenenFeind

beschloß, während auch Prinz Heinrich, ohne Verabredung mit dem Herzoge, eine gleiche Expedition durch den General Knobloch, und zwar zu gleicher Zeit mit jener Unternehmung, ausführen ließ. Das nächste Object für die aus 7 Bat. Infanterie, 5Esc.

Husaren, einem Commando Kuirassiere und Dragoner, sowie einiger Artillerie bestehende Abtheilung Knobloch's war Erfurt. Schon am 27. Februar erschien die Avantgarde des Generals vor dieser Stadt und jagte die feindlichen Vorposten in dieselbe zurück, während das Gros der Abtheilung Knobloch's auf der Straße 1) Auch der gemeine Soldat richtete sein Verhalten gegen die Einwohner danach ein. Neben freier Zehrung mußte demselben jedesmal ein Kopftück (Conv. = 20 Kr-Stück) unter den Teller gelegt werden.



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von Neumark vordrang. General Aschersleben, den wir oben links der Unstrut verließen, hatte vom Prinzen Heinrich dagegen den Befehl bekommen, sich am 28. Februar bei Erfurt mit Ge neral Knobloch zu vereinigen. Zu dem Ende schlugAschersleben,

zur Ablenkungder Aufmerksamkeit des Feindes von der nach Naum burg führenden Straße – auf welcher Knobloch sich befand – den Weg nach Hochheim, nördlich von Gotha ein, suchte dadurch Besorgniffe für die zwischen Erfurt und Gotha gelegenen Quar tiere rege zu machen, wendete sich aber hierauf plötzlich gegen Er furt und erschien daselbst gleichzeitig mit der Avantgarde Knob loch's.

Der mit sehr viel Vorsicht durch den Prinzen Heinrich ein geleitete Marsch dieses Generals, sowie dessen plötzliches und un erwartetes Erscheinen vor den Thoren der genannten Festung führten schon am 28. Februar die Capitulation derselben herbei. General Guasco ging mit der Garnison Erfurt's über Frauenwalde zurück und besetzte mit einigen Compagnien vom Re

gimente Thierheim den dortigen Verhau. General Aschersleben war dagegen mit dem Frei-Bat. Wunsch und einigen 100Mann Cavalerie nach Ilmenau detachirt worden, und hier, von jener

Aufstellung benachrichtigt, beschloß er, dieselbe anzugreifen. Eine Abtheilung von 200 Freiwilligen von Wunsch und 30 Husaren griffen demzufolge (am 5. März) den Verhau an und trieben den Feind unter dem Verluste von 89 M., die gefangen wurden, zurück.

Außer General Aschersleben war auchOberstlieutenant Kleist, und zwar mit 4Esc, nach Gotha am 2. März detachirt worden;

ihm folgte am nächsten Tage ein Bat. Fink zur Unterstützung. Kleist marschierte über Eisenach in der Richtung gegen Fulda und detachirte von Hünfeld aus den Rittmeister Röhl mit 80Husaren nach jener Stadt, wo von demselven die bischöfliche Garde zum Niederlegen ihrer Waffen gezwungen und 12.000Gulden Brand schatzung erhoben wurden.

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Ein zweites Detachement Kleist's, welches nach Vacha vor

gegangen war, stieß hier am 7. März auf leichte Truppenabthei lungen des Corps vom hessischen General v. Urff. Dieses Zu sammentreffen war jedoch beinahe von Feindseligkeiten begleitet ge wesen, denn man erkannte sich nicht als Bundesgenossen und erst

die Gefangennahme eines hessischen Husaren klärte den Irrthum auf ). Die Expedition des hessischen Generals v. Urff nach Vacha, vom 27. Februar bis zum 11. März.

Dieser kleine Zufall führt uns zu der Expedition des hessi

schen Generals v. Urff, zu deren Berathung sich, auf Veranlassung des Herzogs Ferdinand, der Erbprinz von Braunschweig, der Prinz Isenburg, der genannte General und der die General Quartiermeisterstelle bei dem Isenburgischen Corps einnehmende Artillerie-Oberstlieutenant Huth in Wilhelmsthal bei Caffel zu sammenfanden. In Folge dieser Berathung wurden dem General Urff die vier Bataillone Post, Linstow, Zastrow und Canitz nebst 200 hessischen Jägern, an Cavalerie aber 600 Pferde von den Regimentern Dachenhausen, Prinz Friedrich Dragoner, Leib regiment und Prüschenk nebst 1 Esc. preußischer (Ruesch) und 1 Esc. hessischer Husaren, sämmtlich Truppen vom Isenburgischen Corps, zugewiesen.

Diese Truppen sollten am Abende des 27. Februars in der Gegend von Rotenburg und Bebra sich einfinden; mit deren ferneren Bewegungen verknüpfte sich aber noch das Vorgehen folgender Truppentheile.

General von Dachenhausen hatte mit 2Esc. seines Regimentes 1) Nach der Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland e. von v. Tempelhof, 3. B, S. 15. Der Zeitpunkt, wo das genannte Zu sammentreffen stattfand, sowie die Thatsache dieses Vorfalles selbst wider sprechen übrigens den hier folgenden bezüglichen Angaben in der Expedition des Generals v. Urff, welche aus den Tagebüchern entnommen wurden und fich auf offizielle Rapporte gründen.

so wie mit 400 Scharfschützen die Straße nach Treffurt einzu schlagen, seine Patrouillen bis Kreuzburg vorzuschieben, an beiden Orten bis zum 3. März stehen zu bleiben, dann aber in die früheren Quartiere zurückzukehren ). Oberstlieutenant v. Freytag wurde dagegen befehligt, die Orte Nieder- und Ober-Beisheim so wie Remsfeld, welche von der bei der Abtheilung Urffs stehenden preußischen Esc. Husaren verlassen worden waren, zu besetzen; mit den zu dieser Postierung nicht höchst nöthigen Jägern jedoch, gleichwie mit der zweiten

preußischen Esc. (Ruesch) Husaren und 100M. anderer Cavalerie zwischen dem 1. und 2. März einen Angriff auf Hersfeld zu machen.

Am 28. Februar in der Frühe ging General Urff von Fritzlar, dem Hauptquartiere des Prinzen von Isenburg, nach Bebra ab, traf aber Abends daselbst die dahin kommandierten Truppen noch nicht an, indem der aus der Edder- und Fulda

gegend führende weite Marsch und die schlechten Wege die Ankunft in Bebra bis spät in die Nacht vorzögerten. Auch am nächsten Tage (1. März) hatten die zwischen diesem Orte und Rotenburg kantonierenden Truppen Urffs mit jenen Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die sämmtlichen Grenadier-Compagnien nebst 2 Regiments Geschützen von Canitz und 200 Pferden, welche als Vortruppen um 10 Uhr Vormittags südlich des Solzbachs bei Bebra ein treffen sollten, kamen daselbst erst um 1 Uhr Nachmittags an und stießen dann bei Weiterode zu den preußischen und hessischen Husaren so wie zu den hessischen Jägern, welche daselbst Tags vorher ihre Quartiere genommen hatten.

Das Dorf Weiterode liegt etwa 20 Minuten rechts der Fulda im Thale des Ulfebaches und ist im Süden und Norden von bewaldeten Höhen eingeschlossen. Die südlich und südöstlich 1) Die genannten Abtheilungen lagen in Hundelshausen füdlich von Witzenhausen und in Allendorf; sie bildeten einen Theil des Cordons an der Werra.



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dieses Dorfes ansteigenden Höhen des Seulings-Waldes, welche hier gegen die Eisenacher Straße resp. gegen Weiterode hin durch die tief eingeschnittenen Bette einiger von Süden gegen Norden strömender Waldbäche getrennt erscheinen, fallen ziemlich steil nach jener Straße hin ab, während der dichte Wald sich bis in die Nähe von Friedewald erstreckt, im Westen aber durch die Fulda und im Osten durch die Werra begrenzt wird. Dieser District war damals sehr unwegsam, und es führten nur zwei schlechte

Wege aus dem Ulfethale resp. von dem 1/4 Meile von Weiterode gelegenen Dorfe Hönebach nach Friedewald: – der eine westlich jener Wildbäche, der andere östlich derselben.

Den ersten dieser Wege schlug die Abtheilung Urf's ein, nachdem sich die Avantgarde formiert und die aus den hessischen Jägern gebildeten Seitendeckungen ihre Stellen im Walde ge

funden hatten. In Weiterode selbst blieb eine aus Infanterie und Cavalerie bestehende Feldwache zurück; ein gleiches Commando besetzte die Fuldabrücke bei Breitenbach, Bebra gegenüber, und

beobachtete die Straße nach Hersfeld; und endlich geleitete 1 Ca pitän nebst 100 M. die der Colonne Urffs folgenden Brod- und Fourragewagen.

Es handelte sich nun zunächst um den Ueberfall der in Friedewald stehenden kleinen Abtheilung vom Corps des Generals Arberg). Zu diesem Zwecke bildete die Avantgarde, als sie sich bis auf eine halbe Meile von Friedewald genähert hatte, drei Detachements, von denen das erste und zweite die von Schenk lengsfeld und Vacha nach jenem Orte führenden Wege besetzten, das dritte Detachement aber sich zum Angriff auf Friedewald an fchickte. Die Durchschnittenheit der Gegend und die vielenHecken, welche hier das Gelände in den genannten Richtungen durchziehen, begünstigten sehr die Aufstellung der Vortruppen, welche nächstdem

auch die Weisung hatten: – für den Fall, wo der Feind sich in 1) S. oben „die in Thüringen stattfindenden Ereigniffe.“ Renouard Gesch. II. Bd.

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das in Friedewald befindliche Schloß werfen sollte, die Eingänge desselben bis zur Ankunft der Colonne zu besetzen, mit dem Gros der Avantgarde aber ungesäumt gegen Schenklengsfeld vorzudringen, um die dort liegende feindliche Mannschaft wo möglich aufzuheben. Weder zu Friedewald noch zu Hersfeld hatte der Feind bis dahin die geringste Nachrichtvon der AnnäherungUrffs empfangen; daher war auch der Angriff des dritten Detachements, welches zunächst im vollen Galopp auf eine am Walde ausgestellte feind liche Schildwache stieß und mit derselben fast gleichzeitig in Friede wald anlangte, so erfolgreich, daß von der 27. M. starken feind lichen Abtheilung, von der nicht sämmtliche Leute ihre Pferde zu be steigen vermochten,1 Rittmeister,1 Corporal, 1 Trompeter und21 M. zu Gefangenen gemacht und 21 Pferde erbeutet wurden. Nur

diejenigen von dieser Mannschaft, welche sich auf dem Schloßhofe befanden, leisteten einigen Widerstand und einige von ihnen wurden dabei schwer verwundet. Der Rittmeister suchte auf dem Wege nach Schenklengsfeld zu entkommen, fiel aber hier den Husaren

in die Hände; ebenso vergeblich waren die Versuche derer, die sich durch den Schloßgarten retten wollten.

Das auf dem Wege nachSchenklengsfeld stehende Detachement war inzwischen bis Motzfeld vorgegangen und hatte daselbst 27 Pferde erbeutet, während die Mannschaft die Flucht ergriffen (Motzfeld etw. üb. % M. n-ö. Schenklengsfeld). General Urff vermuthete, daß der Feind sich bei Schenk lengsfeld zusammenziehen würde; weßhalb die sämmtlichen Vor truppen in der Gegend von Motzfeld Stellung nahmen, doch bei einbrechender Nacht sich in die Nähe von Friedewald zurückzogen und hier jammt den übrigen Truppen bei sehr übler Witterung die Nacht unter dem Gewehre zubrachten. Am 2. März mit anbrechendem Tage verblieb die Colonne Urffs vorerst in der Stellung auf der nördlich von Friedewald

gelegenen Höhe, vor sich diesen Ort und das von Westen nach Osten streichende Thal des Herfabaches nebst der Straße nach



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Hersfeld, hinter sich den Seulingswald und den Weg nach Weite rode. Zwei Detachements, jedes in der Stärke von 100Jägern, 100 Husaren und 60 M. Cavalerie, gingen, das eine unter dem Oberflieutenant v. Schlotheim nach Schenklengsfeld, das andere unter dem Major v. Buttlar nach Vacha, ab. Inzwischen hatte auchOberstlieutenantFreytag seinen Marsch nach Hersfeld begonnen und fortgesetzt. Seine Patrouillen waren in der Nacht vom 1. zum 2. März bis Hersfeld vorgegangen

und hatten diesen Ort vom Feinde verlaffen gefunden, worauf Freytag selbst sich anschickte, auf der Straße nach Schenklengsfeld denselben zu verfolgen. General Urff bekam am 2. März um 7 Uhr Morgens den auf diese Vorfälle bezüglichen Rapport und und brach nun mit seiner Abtheilung gegen den letzteren Ort auf und zwar in der Hoffnung, den aus Hersfeld entwichenen Feind entweder auf der dahin oder auf der nach Vacha führenden

Straße zu treffen. Derselbe war indeß bereits, nach einer unter wegs dem General zugekommenen zweiten Meldung, durch die Oberflieutenante Schlotheim und Freytag mit einem Verluste von 1 M. und 3 Pferden zurückgetrieben worden, nachdem er schon in der vorausgegangenen Nacht eine Bagage über Vacha zurückgeschickt hatte. Oberstlieutenant Freytag mußte nun den Rückmarsch nach Hersfeld antreten, die Truppen des Generals aber bezogen in folgenden Ortschaften Quartiere: Der Generalstab, die Bataillone Post und Canitz in . . . . . . Schenklengsfeld,

Das Bataillon Zastrow . . . . Ober-Weisenborn, Linstow . . . . Conrode, 200 Pferde von Dachenhausen . . Wüstefeld, 200 Pferde von Prinz Friedrich Dragoner in Hilmes, 100 Pferde von LeibregimentHeffen . Unter-Weisenborn, 100 Pferde von Prüschenk . . . Ober-Lengsfeld, r

n

Jäger und Husaren in Wehrshausen und Landershausen; jämmtliche Orte in der Nähe von Schenklengsfeld gelegen. 5

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Ueber die Stärke des Feindes erhielt man ebensowenig Nach richt als über den Ort, wo derselbe abermals Stellung zu neh men gedachte; dahingegen lief in der Nacht vom 2. auf den 3. März der Rapport des Majors von Buttlar ein, worin dieser meldete,daß er ein in Philippsthalgestandenesfeindliches Commando,

in der Stärke von 1 Capit, 1 Lieut, 1 Fähnr. und 100 M. theils gefangen theils niedergemacht habe, hierauf aber nach Vacha vorgerückt wäre. Die dortige aus einem Bat. Kleist (Reichs truppen) bestehende Garnison zog sich, bei dem Andringen des Majors und von demselben verfolgt, nach Nieder-Breitzbach zurück und vereinigte sich hier mit 2 österreichischen Bat.Hildburghausen, 1 Bat. Botta und 1 Bat. Harrach – ein Corps von über 3000 M.Stärke (Nieder-Breitzbach, bein. 1% M. . w. Vacha). Buttlar nahm nun einen Rückzug nach Heimboldshausen, nach dem bereits unmittelbar nach dem Ueberfalle von Philippsthal die daselbst gefangenen 3 Offiz. und 72 M. nach Friedewald resp. Hersfeld geschickt worden waren. General Urff hielt hiermit eine Aufgabe für beendigt und richtete demnach mitdem größten Theil der Truppen seinen Marsch nach Hersfeld, wo dieselben am 3. März gegen 1 Uhr Nach mittags eintrafen und dort so wie in der Umgegend Quartiere bezogen. Eine Grenad. Comp. nebst 100 M. Infanterie und

Husaren blieben in Friedewald stehen; die Jäger und die übrigen Husaren aber kamen nach Conrode und Wüstefeld. Am 5. März bezogen die Bat. Post, Linstow und Canitz ihre alten Quartiere in der Gegend von Fritzlar; das Bat. Zastrow ging dagegen in ein Cantonnement in der Gegend von Melsungen.

GeneralUrffblieb mitder sämmtlichenCavalerie in der Gegend von Hersfeld, um am 6. März in das Fuldaische Gebiet zu zu streifen und an demselben Tage wieder nach Hersfeld zurück zukehren. Am 11. März endlich rückten auch diese Truppen wieder in



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die Cantonnements in der Gegend von Fritzlar; in Vacha und

Hersfeld blieben dagegen Detachements leichter Truppen stehen. Wir erwähnten oben der am 2. März stattfindenden Deta chirung des Oberstlieutenants Kleist nach Gotha. Das ihm zur Unterstützung gefolgte Bat. Fink wurde von General Knobloch zurückgerufen, und statt dessen das Bat. Wunsch am 7. März nach Gotha und Eisenach detachirt. Ein anderes Bat. (Bülow) ging nach Kranichfeld und detachirte nach Saalfeld, um sich hier von der Anwesenheit des Feindes zu überzeugen, welcher daselbst mit einer Abtheilung eingetroffen sein sollte. Dies Gerücht erwies sich als ein falsches. Die Abtheilung des Oberstlieutenans Kleist, so wie die Bat. Wunsch und Bülow marschierten hierauf nach

Erfurt, General Knobloch aber trat nunmehr, am 11. März, den Rückmarsch nach Naumburg an, nachdem das in Erfurt befind

liche Magazin zum größten Theile nach jenem Orte gebracht worden war.

Uebereinkommen zwischen dem Herzoge Ferdinand und dem Prinzen Heinrich betreffs gegenseitiger Hülfeleistung

Die gemeinsamen Interessen, welche zwischen den Armeen des Prinzen Heinrich und des Herzogs Ferdinand bestanden, hatten nicht nur die Aufmerksamkeit und die Würdigung dieser Feld herren auf sich gezogen, sondern kamen auch zur besonderen

Beachtung der Könige Georg II. und Friedrich II. Wenn von dem letzteren und dem Prinzen Heinrich bereits schon früher dem Herzoge Ferdinand empfohlen wurde, seine Operationen mit denen des Prinzen in Einklang zu bringen, um nöthigen Falles das Isenburgische Corps in Heffen auch anderwärts verwenden zu können, so bekam jene Empfehlung noch einen besonderen Nach druck durch eine gleichlautende Aufforderung von Seiten des eng lischen Cabinets und durch den längst ausgesprochenen Wunsch König Georg's: – mit dem Könige von Preußen beständig im

Einvernehmen zu handeln.

Herzog Ferdinand und Prinz Heinrich entsprachen jenen Wünschen nnd trafen das Uebereinkommen, „daß dieser, falls die französische Armee in Verbindung mit den Reichstruppen und

denen Oesterreichs in ihrer ganzen Stärke über Heffen herfallen sollte, alsdann zur Unterstützung herbeizueilen habe, wenn anders

die preußische Armee in Sachsen selbst nicht zu sehr gedrängt werde; würde jedoch Sachsen durch die französische Armee ange griffen, so hätte das Corps des Fürsten von Isenburg durch eine Operationen die preußische Armee in Sachsen zu unterstützen, sei es nun durch eine Diversion, sei es durch Detachirung von 8 bis 9000 Mann, welche genannter Armee zu Hülfe eilen würden, dies jedoch gleichfalls nur unter der Bedingung, daß Fürst von

Isenburg selbst in Hessen freie Hand behielte“). Gründe für die Expedition des Herzogs Ferdinand aus West falen nach Heffen c. zur Hülfeleistung des Ifenburgischen Corps; sowie der Plan zu jener Expedition.

Thüringen und ein Theil des östlichen Heffen blieben nach den erfolgreichen Expeditionen der Generale Knobloch und Urff nicht lange von den feindlichen Waffen befreit, denn dieselben kehrten, da sie sich durch die Verbündeten nicht mehr gedrängt sahen, in bedeutenderer Stärke als zuvor, in ihre früheren Stel lungen, namentlich nach Vacha und Hersfeld, zurück. Diese für das Isenburgische Corps in Heffen bedrohlichen Anzeichen gewannen indeß noch eine weitere Bedeutungdurchdie Bewegungen der zeither in den Ouartieren zwischen Bamberg und Nürnberg gestandenen Truppen der Oesterreicher und der Reichsarmee; ferner durch die Detachirung einer aus mehreren Inf- und Cav.-Regtr. be stehenden Abtheilung der Broglio"schen Armee nach Fulda; dann durch den Abmarsch eines angeblich aus 10.000M.*) bestehenden 1) S. v. d. Knesebeck c., 1. Bd. S. 298: – Brief an Lord Holder neffe, datiert ans Münster vom 7. März 1759. 2) Nach französischen Quellen bestand das Corps nur aus 3000 M.

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Corps von der Armee des Niederrheins von Cöln über Dillen

burg nach Marburg, und endlich durch die Nachricht, daß Herzog Broglio eine Artillerie von Hanau und Frankfurt a. M. nach Friedberg verlegt habe. Die Gefahren, welche sich aus diesen Ereigniffen für das Isenburgische Corps ergaben, ließen Ferdinand namentlich einen Angriff auf defeu Front und Flanken voraussehen, dem, nach Abdrängung des Corps von der Edder, die Wegnahme oder Ver nichtung der in Caffel und Münden befindlichen Magazine wahr scheinlich folgen würden.

Unter solchen Umständen beschloß Herzog Ferdinand, dem Isenburgischen Corps Hülfe zu leisten; und wenn er sich auch den sehr zweifelhaften Erfolg einer solchen Unternehmung und die damit verbundenen bedeutenden Schwierigkeiten nicht verhehlte, so fah er doch in dem ruhigen Verhalten der französischen Armee am Niederrhein wenn nicht eine Garantie so doch eine schwache Hoffnung zum Gelingen seines Planes. Demselbenzufolge gedachte Ferdinand, die zur Unternehmung bestimmten Truppen zwischen Caffel und Fritzlarzu versammeln, dann, neben Sicherung der von

Caffel zu beziehenden Zufuhren an Lebensmitteln, gegen Hersfeld und Fulda vorzurücken und hier den Feind zu vertreiben. Ein weiteres Vordringen sollte hierauf gegen Franken hin stattfinden, um die Oesterreicher c. wo möglich zum Rückzuge nach Bamberg

zu zwingen. Würde dieser Zug, durch welchen er sich den Rücken und namentlich die Verbindung mit Caffel, von wo der Unterhalt bezogen wurde, sicherte, von gutem Erfolge begleitet sein, so war es Absicht des Herzoges, sich von Fulda über Büdingen gegen und war daffelbe durch den Marquis d'Armentières abgesandt worden, wel cher einstweilen die Stelle des nach Paris abgereisten Marschalls Contades einnahm. Die obige Angabe ist indes die wahrscheinlichere, denn nach einem Schreiben Monteynard's an Belle-Isle vom 10. Mai 1759 betrug jenes detachirte Corps unter dem Grafen St. Germain 31 Bat. und 26 Schwad. S. Stuhr's Forschungen c, 2. B, S. 200.

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die Franzosen bei Frankfurt a. M. zu wenden, um diese dadurch zum Aufgeben ihrer bei Friedberg errichteten großen Magazine zu zwingen, – ein Erfolg, der auch eine bedeutende Störung in dem französischen Feldzugsplane zur Folge haben müffe.

Mit der Zurückwerfung des Feindes bis Bamberg verband Ferdinand die Hoffnung, daß Prinz Heinrich hiernach im Stande sein würde, denselben wenigstens 14 Tage oder 3 Wochen im

Schach zu halten, um so dessen Wiederkehr an die Werra für längere Zeit zu verhindern. König Friedrich billigte den Plan Ferdinand's vollkommen und versprach sich von demselben den größten Nutzen für die Ver hältniffe auf dem östlichen Kriegsschauplatze; – doch machte er auch dem Herzoge bemerklich, daß, neben dem Angriffe auf die Reichsarmee und die Franzosen, die Vertreibung des bei Eger

stehenden bedeutenden Truppenkorps ihm (dem Könige) nicht nur Luft machen sondern auch Zeit gewinnen lassen würde. Vordringen österreichischer und Reichstruppen in Thüringen und gegen die hessische Grenze; Bedrängniffe der Einwohner. Bei dem abermaligen Vorgehen der österreichischen und

Reichstruppen in Thüringen wurde. Erfurt von den letzteren wiederholt besetzt; General Arberg aber drang über Schleusingen und Meiningen gegen die hessische Grenze vor und vertrieb am 12. März das in Vacha stehende Detachement hessischer leichter Truppen, während General Kolb über Ilmenau marschierte und am 15. März Schmalkalden mit 4Infi-Regtr. und einigen Esc. besetzte. Wenn schon hier im Januar die Reichstruppen von dem armen Lande, neben freier Verpflegung, 10.000 Thaler Contri bution, die Auslieferung aller Einkünfte in Geld sowie auch die Beschaffung der für 4000M. nöthigen Kriebsbedürfnisse bezüglich

des bevorstehenden Feldzuges gefordert und erhalten hatten, – so steigerten sich doch diese Erpressungen bei jener Wiederkehr des Feindes. Es war namentlich ein Oberst v. Seckendorf, welcher

– 73 –

nnter einem Patente des kommandierenden Generals, Prinzen

Friedrich von Zweibrück, 50.000 Thlr. zum „Abbruch der Em pörung“ – wie es hieß – nebst allem vorräthigen Stahle,

Salz sowie allen Gewehren aus der Gewehrfabrik, ferner allen vorräthigen und rückständigen Steuergeldern verlangte.

Nicht besser erging es den Bewohnern von Hersfeld, welches Oberst Vecsey mit einem starken Detachement überfiel, wobei indeß die dort stehende Abtheilung hessischer Jäger mit dem Verluste einiger Mann, die gefangen wurden, entkam. Der genannte Ort sowie das Fürstenthum Hersfeld erduldete nun die größten Exceffe und Plünderungen), neben und mit welchen unerschwingliche Summen an Contribution und Lebensmitteln gefordert wurden.

Hierher gehört auch das Wegschaffen des in der Stadt befindlichen Magazines nach Salzungen, wo General Arberg sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Außer den genannten Orten wurde im Hessischen Friedewald besetzt und aus dem dortigen alten Schloffe acht eiserne Geschütze henweggeführt. Im Uebrigen besetzte der Feind das ganze Bisthum Fulda und stand so mit der französischen Armee am Main in Verbindung. Weitere Bestimmungsgründe für die Expedition Ferdinands aus Westfalen nach Heffen; sowie Anordnungen bei dem Ifenburgischen Corps. Marsch der zur Expedition bestimmten Truppen aus Westfalen bis Fulda resp. Stockhaufen, vom

20. bis zum 30. März, fowie Eintheilung jener Truppen.

Die Nachrichten, welche Ferdinand betreffs der eventuellen Verstärkung der am Niederrhein stehenden französischen Armee zu gegangen waren und die es unwahrscheinlich machten, daß die aus 1) Diese Plünderungen trafen namentlich auch die Beamten. So wurde der Oberforstmeister v. Ditfurth rein ausgeplündert und bedeutend miß handelt (Kurzgefaßte Nachrichten der Kriegsbegebenheiten in den Jahren 1757–1762 incl. von J. Fülling, Prediger der Gemeinden Istha und Wenigenhasungen, im Manuscript).

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dem Innern Frankreichs zu dieser Armee kommandierten Truppen am Rhein eintreffen würden; sowie endlich die Ueberzeugung, daß

der Einklang zwischen der französischen und der Reichsarmee nicht bedeutend sein möchte, – mußten den Herzog in dem oben ent wickelten Plane bestärken.

HerzogFerdinand legte dabeiüberhaupt kein besonderes Gewicht auf ein gemeinsames Vorgehen der beiden französischen Armeen gegen Heffen, indem sie, wegen der Besetzung von Münster nnd Lippstadtdurch die Alliierten, ansehnliche Abtheilungen zur Sicherung der Verbindung mit Main und Rheinzurücklaffen müßten, wodurch ihre Ueberlegenheit an Streitkräften offenbar aus der Hand gegeben würde). Im Uebrigen diente die Absendungfranzösischer Truppen nach den Niederlanden, um in Flandern eine französische Armee

aufzustellen, zur Beruhigung des Herzogs) bei dessen zunächst gegen die Reichsarmee 2c. gerichteten Unternehmen, welches nebenbei noch durch die zeitweilige Abwesenheit des Marschalls Contades von der Armee am Niederrhein insofern wohl eine Begünstigung erfuhr, als von dem stellvertretenden Generale schwerlich entschei dende Entschlüsse 2c. zu erwarten waren.

Bei dem Isenburgischen Corps hatte die Nachricht von dem Vordringen des Feindes gegen die hessische Grenze einen Quartier wechsel veranlaßt, so daß ein Theil der Truppen näher nach der Fulda und Werra hin verlegt wurde, wobei man indeß Fritzlar und die weitere Umgegend fortwährend besetzt hielt. Der gleich zeitig neugebildete Cordon, zu welchem ausschließlich die leichten Truppen verwendet wurden, umfaßte die Orte Frankenau, Geismar Jesberg, Ziegenhain, Schwarzenborn, Neukirchen, Ropperhausen, Lenderscheid, Neuenstein, Mühlbach, Raboldshausen, Rotenburg, Breitenbach, Bebra, Sontra, Waldcappel und Eschwege. Der 1) Nach der Abschätzung Ferdinands betrug die französische Armee am Niederrhein kaum 130.000 M, selbst wenn alle Regimenter ergänzt würden

2) S. den „Feldzugsplan für die französische Armee.“

– 75



Train, aus 126 Wagen bestehend, wurde in die Gegend von Caffel verlegt. Nach diesen Vorbereitungen traten die in Paderborn unter dem Erbprinzen und die in Westfalen unter dem Prinzen von Holstein und dem General Wutginau stehenden Truppen am 20. März auf Befehl des Herzogs ihren Marsch nachHessen an, um sich zunächst mit dem Isenburgischen Corps zu vereinigen. Bei diesem Marsche ging der Erbprinz über Warburg nachCaffel und traf hier bereits am 23. März mit seinen Truppen ein; während Prinz Holstein und Wutginau den Weg über Brilon und Corbach nach Fritzlar einschlugen.

Herzog Ferdinand selbst erschien am 24. März in Caffel, nachdem er zuvor den Generalen Spörken und Sackville den

Befehl über die in den Bisthümern Münster und Osnabrück c. stehenden Truppen übertragen hatte. Gleichzeitig mit dem Herzoge fanden sich der Erbprinz, die Prinzen Holstein und Isenburg per fönlich in Caffel ein und empfingen hier die dem Operations plane entsprechenden Befehle. Die nun zum Abmarsche bereit stehenden Truppentheile hatten folgende Eintheilung resp. Befehligung. Oberbefehlshaber: Der Herzog Ferdinand. A. Die Avantgarde unter dem Erbprinzen.

4 Escadr. Dachenhausen, 2 „ Hammerstein,

s

(NNNOVeraner,

4 2

„ „

PrinzFriedrich Drag, Leibregiment,

2



Prinz Wilhelm,

2



Prüschenk,

1 Bat. Post,

( Heffen.

. 1 Bat. Prinz Carl,

1 „ Linstow, | F 1 „ Prinz Isenburg, -

1 , Füsilier, ) # 1 , Canitz,

H

1 , Marschall) # 1 , Toll,

Q

1 „

Vreden,

l - 1 „ 1 „

Hanau, Zastrow, Braunschweig.

– 76 – 2 Esc.

1 1

„ ,

preußischer Husaren von Ruesch, hessischer Husaren, hannoverscher Jäger zu Pferd, hannoverscher Jäger zu Fuß.

Die 1. Colonne oder die zur Rechten unter dem Prinzen

von Holstein und dem hessischen General v. Wutginau. 5 Escadr.

5 2

„ „

1. Bataill.

1 1 1 1

„ „ , ,

Holstein, Finkenstein, Miltitz, Garde, Grenadier, Leibregiment, Erbprinz, Gilsa 1),

Preußen.

Heffen.

Ein Detachement preußischer Jäger. Ein Detachement hessischer Jäger.

Eine Escadron preußischer Husaren (Ruesch). Die 2. Colonne oder die zur Linken unter dem Prinzen von Isenburg. 3 Escadr.

Blue Guard,

Gray Horses,

Engländer.

Inneskilling,

Heffen Leibdragoner. Leibregiment,

Imhof,

Braunschweiger.

Behr, Mansbach,

Heffen. Prinz Anhalt, 1

r

Bückeburg.

Ein Detachement hessischer Husaren. Ein Detachement helfischer Jäger. Das neue Schützenkorps des Majors Stockhausen. T) Früher Fürstenberg

– 77 –

Noch am 24. März brach die Avantgarde gegen Melsungen auf und setzte bis zum 28. März ihren Marsch über Rotenburg, Hersfeld, Schlitz nach Fulda fort, wo ein Rasttag für sie eintrat. Um diese Zeit war bereits durch die Entsendung des Generals Hardenberg mit den Bat. Block, Hardenbergund dem Trümbachischen Freikorps nach Ziegenhain für die Verbindung über Fritzlar mit Caffel gesorgt worden, wobei diesem General die weitere Aufgabe wurde, die der Armee zugehenden Provianttransporte zu decken und

je nach Umständen einen Handstreich gegen Marburg auszuführen. Caffel blieb mit 2 hessischen Landmilizbat. besetzt. Am 25. März trat die Colonne Isenburg's, bei welcher sich Herzog Ferdinand befand, ihren Marsch nach Fulda an, woselbst durch den Erbprinzen die Garnison entwaffnet und die an die hessische Grenze vorgedrungenen französischen Detachements zurück gedrängt worden waren.

Verpflegungsrücksichten, welche namentlich das Herbeischaffen von Mehl und Fourrage geboten, sowie die weiteren Bewegungen des Erbprinzen in der Richtung gegen Thüringen nöthigten den Herzog um so mehr zu einem längeren Aufenthalte (10 Tage) der Isenburgischen Colonne zu Fulda, als jene Lebensmittel aus dem Magazine in Caffel herbeigeschafft werden mußten. Bis zum 30. März, dem Tage wo Isenburg bereits in

Fulda stand, hatte auch Prinz Holstein einen Marsch, und zwar von Fritzlar – wo die 2 Esc. Miltitz zum Schutze des Fourrage magazines zurückblieben – über Homberg, Schwarzenborn und Weisenborn bis indie Gegend von Stockhausen (Stockhausen 2M. n-w. Fulda) fortgesetzt. Die Diversionen des Prinzen Heinrich von Preußen zu

Gunsten der Expedition Herzog Ferdinand’s nach Heffen resp. Thüringen.

Auch in dem benachbarten Thüringen hatte Prinz Heinrich, welchem Herzog Ferdinand den Entwurf zu einem Unternehmen



78 –

mitgetheilt hatte, Anordnungen getroffen, die, entsprechend dem

Wunsche des letzteren, nicht wenig zur Unterstützung desselben von Sachsen her beitrugen – und zwar zu einer Zeit, wo die Colonnen der Alliierten sich noch auf dem Marsche in der oben angedeuteten

Richtung befanden. Eine Abtheilung von 250 Cürassieren vom Regt. Horn und 100 M. vom Freibataillon Wunsch marschierten am 24. März von Naumburg bis Dornburg, vereinigte sich am nächsten Tage mit den von Eisenberg und Camburg kommenden Bataillonen

Schenkendorf und Wunsch und gingen bis Orlamünde vor. Eine zweite Colonne, aus 4 Bat. und 2 Esc. Husaren be stehend, brach, zur Vereinigung mit der ersten Colonne jenseits der Saale, unter General Knobloch von Gera und Weida nach Neustadt an der Orla auf; – beide Colonnen aber hatten die Weisung, der Besatzung in Saalfeld den Rückzug nach Gräfen thal c. abzuschneiden.

General Brown, durch einen Deserteur von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet, hatte indes bereits am 26. März, zu welcher

Zeit jene Vereinigung der beiden Colonnen bei Rudolstadt statt finden sollte, zum Empfange derselben bei Saalfeld mit seinem 2 österreichische Regimenter, 1 Bat. Mainzer, 4 Grenad.-Comp. und etwa 600 M. Cuirassiere und Husaren starken Corps Stel lung genommen. Es entspann sich nun zwischen beiden Gegnern ein Gefecht, in dessen Folge sich Brown nach Gräfenthal zurückzog, worauf dessen weiterer Rückzug am 28. März nach Coburg erfolgte. Hier jedoch verstärkt, drang Brown von Neuem wieder vor; General Knobloch aber, welcher die ihm anbefohlene Diversion als beendigt betrachten konnte, auch zu schwach war, um dem

immer mehr sich verstärkenden Feinde entgegen zu treten, verließ am 31. März Saalfeld und kehrte, ohne verfolgt zu werden, nach den früheren Quartieren zurück. Er nahm 3 Offiz, 5Unteroffiz. und 67 Gem. als Gefangene mit, während sein eigener Verlust in 11 M. an Todten und Verwundeten betrug.

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- Eine andere Bewegung einiger Truppentheile von der Armee des Prinzen Heinrich hatte ebenwohl den Charakter einer Diversion zu Gunsten Ferdinand’s, obgleich sie mit der des Generals Knob loch gerade nicht in nnmittelbare Verbindung trat. "

General Lindstädt verließ mit 4 Bat. und einer Abtheilung Husaren am 26.März Plauen und rückte gegen Hof vor, welches der General Campitelli mit 3 österreichischen Regtr. und einigen hundert Husaren und Croaten besetzt hatte. Lindstädt zwang Cam pitelli zum Rückzuge nach Münchberg, gab aber die Verfolgung auf, da er die Nachricht von dem Rückzuge des Generals Knob loch bekam und er demzufolge befürchten mußte, die ganze feind

liche Uebermacht sich gegenüber zu sehen. Lindstädt befand sich bereits am 1. April auf dem Rückmarsche nach Plauen. Der Zug der Avantgarde Ferdinand’s unter dem Erbprinzen nach Thüringen, vom 30. März bis zum 7. April.

So standen die Dinge im östlichen Thüringen und in einem Theile von Franken, als der Erbprinz am 30. März mit der Avantgarde, nach der Ankunft der Truppen Ferdinand’s in Fulda,

– welche ein österreichisches Detachement aus Hünfeld vertrieben hatten – nach Gersfeld rückte. Am 31. März setzte sich der Marsch bis Ostheim fort, woselbst 2 Esc. Husaren (Preußen) nebst einem Detachement Cavalerie von der Avantgarde des

Prinzen auf 2 Esc. kaiserlicher Cuirassiere von Hohenzollern, welche durch ein Bataillon würzburgischer Truppen unterstützt wurden, stießen. Diese Cavalerie wurde von der alliierten rasch in die Flucht geschlagen und verlor dabei 67 M. an Gefangenen; während die von ihrer Cavalerie verlaffene Infanterie in Ver wirrung gerieth und ebenwohl dem Angriffe erlag, so zwar, daß der größte Theil derselben niedergehauen ein anderer aber gefangen genommenwurde. Die Zahlder Gefangenenbetrugim Ganzen 165M. Der Marsch der unter dem General Schulenburg und dem Oberstlieutenant Freytag stehenden Avantgardedes Erbprinzen richtete



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sich nun am 1. April nach Meiningen. Hier errang man indeß noch schnellere Erfolge wie Tags zuvor, indem sich die aus 2

Bat. von den Cölnischen Regtr.Leibregiment und Elberfeld, sowie aus einer Abtheilung Cavalerie bestehende Besatzung dem Oberst lieutenant Freytag kriegsgefangen ergab'), ohne daß der geringste Widerstand stattgefunden. Im Uebrigen erbeutete man hier ein bedeutendes Magazin, welches indeß vernichtet werden mußte, da die Vorräthe wegen Mangel an Transportmitteln nicht nach Fulda geschafft werden konnten.

An demselben Tage führte auch der Oberstlieutenant von Schlotheim mit 40 hessischen Husaren und einer kleinen Abtheilung hannoverscher Jäger zu Fuß, die als Seitenpatrouille eines nach Kalten-Nordheim vorgegangenen Detachements unter General Urff in der Richtung gegen Tann durch das Rhöngebirg streiften, einen Handstreich aus. Schlotheim überfiel in diesem Orte eine österreichische Cavalerie-Patrouille und erfuhr von derselben, daß

die beiden Cavalerie-Regimenter Savoyen und Bretlach in einem 19 Stunde davon liegenden Dorfe aufmarschiert und abgeseffen seien. Des Oberstlieutenants Entschluß ward schnell gefaßt, indem er von verschiedenen Seiten plötzlich in das Dorf eindrang, das

zunächst stehende Regt. Savoyen in die größte Verwirrung brachte, eine nicht unbeträchtliche Zahl von Soldaten niederhieb, andere zu Gefangenen machte und 4Standarten erbeutete. Inzwischen war das Rgt. Bretlach aufgesessen; Schlotheim aber sah sich nun ge nöthigt, eiligst den Rückzug anzutreten, wobei er nur 2 Stand arten und 8 Gefangene mitzunehmen vermochte. Auf feindlicher Seite sollte jedoch General Vouquère todt geblieben und ein anderer verwundet worden sein, während der Verlust Schlotheim's

in 10 Jägern und 3 Husaren bestand). 1) Bezüglich der abgeschliffenen Capitulation erbat sich der Commandant,

der Oberst vom Regimente Elberfeld, bei dem Erbprinzen die Gunst: – die Capitulation nicht am 1. April unterzeichnen zu dürfen.

2) Nach v. d. Knesebeck e. 1. B., S. 312, wurde der Feind gerade

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Da am 1. April schon gegen Mittag die Ueberrumpelung der in Meiningen gestandenen Abtheilung so glücklich von Statten gegangen war, so marschierte Oberstlieutenant Freytag noch an demselben Tage

nach Wasungen und nöthigte hier das Cölnische Bat. Nagel, nach we nigen auf die Abtheilungdes ersterengerichteten Gewehrschüssen, eben falls zum Strecken des Gewehrs. Freytag marschierte nun durch den Ort, stellte sich jenseits desselben, in der Richtung von Schmal kalden, auf und blieb hier während der Nacht unter dem Gewehr, indem nach jener Seite hin eine Abtheilung der Jäger und Grenadiere

der Avantgarde mit einer feindlichen leichten Truppenabtheilung engagiert worden war. Dieselbe gehörte zum Corps des Generals Arberg, welches, aus den Regt. Harrach, Botta und Hildburg hausen bestehend, bisher die Werra besetzt, dann sich zwischen Frauen- und Herrenbreitungen zusammengezogen und endlich sich bei Wasungen mit den Reichstruppen unter General Kolb ver einigt hatte. Derselbe stand zeither – wie wir wissen – in Schmalkalden und Umgegend; dessen 4 Inf-Rgtr. 1c. bildeten aber nunmehr mit den Truppen Arberg’s eine Macht von 6000 M., mit welcher der letztere die Besatzungen in Meiningen und Wasungen zu unterstützen gedachte. Die uns bekannten Fortschritte des Erb prinzen nöthigten indes Arberg zum Antritt des Rückzuges nach Schmalkalden, wobei derselbe jedoch durch 4 Bat. und einige Esc.

des Erbprinzen am 2.April gegen 4 Uhr Nachmittags angegriffen wurde. Es erfolgte von Seiten Arberg's die heftigste Gegenwehr, bei der sich aus alliierter Seite das hessische Regt. Toll besonders

auszeichnete und, neben der Gefangennahme einer beträchtlichen Zahl von Soldaten, auch einige Geschütze erbeutet wurden. Der Verlust des Erbprinzen belief sich übrigens an Todten und Ver wundeten auf 20 M.; unter den Verwundeten der Major von

Pappenheim vom Regt. Toll; der Feind verlor dagegeu 41 M., theils todt, theils verwundet. während der Messe überrumpelt, welche auf diese Weise ein blutiges Ende nahm. Auch v. Reden stimmt damit überein. Renouard Gesch. 11. B-

6

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Am 2. April. Abends hatte das Corps des Erbprinzen Quartiere in der Gegend von Wasungen bezogen, während der Feind feinen weiteren Rückzug über Suhlund Eisfeld nachBamberg nahm. Am 3.April folgte ihm der Erbprinz mitden Grenadieren und Jägern über Suhlund Schleusingen, trat aber dann (4.April), mit Zurücklaffung einesDetachements leichter Truppen in Meiningen, mit dem gesammten Corps den Rückmarsch über Dermbach, Geysa und Hünfeld nach Fulda an, wo selbst er sich am 7.April wieder mit der Colonne Isenburg's vereinigte). Vorkehrungen Broglio"s c. gegen Angriffe Ferdinand’s.

Die Vorkehrungen, welche von dem die Bewegungen. Ferdi nand's aufmerksam beobachtenden HerzogBroglio getroffen worden waren, förderten nicht wenig die Fechtbereitschaft der französischen Armee und trugen namentlich dazu bei, daß dieselbe nicht über fallen werden konnte. Die in Frankfurt a. M.zeither gestandenen Truppen bezogen allmälig Quartiere in den umliegenden Dörfern sowie in Friedberg und Umgegend, – letztere Truppen insbesondere zur Deckung des in diesem Orte befindlichen bedeutenden Magazines. Friedberg zunächst fand bei Usingen das fächsische Corps marsch bereit, während Detachements leichter Truppen c. nord- und ost wärts jener Orte eine Kette von Posten bildeten, welche namentlich Gedern, Westerburg, Ulrichstein, Lauterbach, Herbstein, Birstein, "Gelnhausen, Langenselbold u. a. O. besetzten. Außerdem wurden die Besatzungen von Hanau und Gießen verstärkt und derFlecken Bergen zum Sammelplatz für den Fall einer Zusammenziehung der Truppen bestimmt. Die jämmtlichen leichten Truppen, mit Ausnahme des in Friedbergzur Vertheidigungdesdortigen Magazines stehenden Fischer'schen Corps, hatten sich bei dem Vordringen der 1) Nach v. d. Knefebeck c. brachte der Erbprinz von feinem Zuge gegen 2000 Gefangene ein nnd hatte 6 Kanonen, 6 Fahnen und 2 Standarten erbeutet. Die österreichischen Regimenter verloren den größten Theil ihres Gepäckes.

Allirten znrückzuziehen und zwischen Hanau und Gelnhausen Stellung zu nehmen, um so die rechte Flanke der Quartiere zu decken.

-

Auch entfernter stehende Abtheilungen der französischen Armee mußten dazu beitragen, die von Broglio eingenommenen Stellungen zu sichern oder Besorgniffe für den Rücken Ferdinand's zu erregen. So zog sich der mit mehreren Cav-Regtr. und einem Inf-Regt. bei Hachenburg im Westerwalde stehende Marquis d'Auvet am 4. April nach Herborn; General Blaizel dagegen, welcher mit einem Theile der Volontaires von Clermont-Prince, den von Flandern und den Turpin’schen Husaren von der Armee des Niederrheins nach Siegen detachirt worden war, brach am 30. März auf und drang über Biedenkopf und Frankenberg gegen Fritzlar vor.

Blaizel ließ während dieses Marsches überall Lebensmittel c. für ein Corps von 25.000 M. ausschreiben; er verlangte brieflich unter Drohungen sogar 100.000 Thtr. rückständige Contributions gelder von dem kaffeler Magistrate, – Vorgänge, die bei den Einwohnern die größte Bestürzung hervorriefen und in Kaffel ein Sperren der Thore undAusstellungvon Piquets sowie das Wegführen des in Fritzlar befindlichenFourragemagazines zurFolge hatten. Das Letztere geschah am 8. April und an demselben Tage wurde das hessische Regt. Miltitz von einer aus Infanterie und Eavalerie bestehenden Abtheilung des Corps von Blaizel bei Treysa ange griffen, trieb jedoch dieselbe nach tapferer Gegenwehr zurück. Es war am 6. April, als Marquis d'Armentières das mehrerwähnte 10.000 M. starke Corps unter St. Germain von der Armee des Niederrheins aufbrechen nnd dessen Marsch nach Frankfurt a.M. richten ließ. Dieses Corps hatte d’Armentiéres aus Mannschaften aller Regimenter bilden lassen, so zwar, daß eine

jede Compagnie ein Contingent von 24 M. liefern mußte). 1) Nach Tempelhof 1., 3. Bd., S. 26, befand das Corps aus Con tingenten, je 450 M. der besten Leute per Bat., der Regtr. Champagne, Navarra, Belzunce und Bouillon, die in Cöln und Düffeldorf im Quartier 6

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Während des Marsches erhielten diese Truppen indeß den Befehl, längs der Lahn bis aufWeiteresCantonierungsquartierezu beziehen“). Bewegungen einiger Truppentheile in Westfalen zur Sicher stellungHeffens oder des Rückens der Armee unter Ferdinand dafelbst, vom 6. bis zum 13. April. In Folge der genannten feindlichen Bewegungen aus dem

Bergenschen und Siegenschen befürchtete Herzog Ferdinand eine ernstliche Beunruhigung Caffels; auch war es nicht unwahrschein

lich, daß General Hardenberg in Ziegenhain umgangen werden konnte. Um nun beiden Nachtheilen vorzubeugen, fanden auf

Befehl des Herzogs folgende Anordnungen in Westfalen statt. Oberst Wurmb, welcher in Lippstadt das Bat. Sachsen-Gotha, die beiden Milizbat. Grenadier und Gundelach sowie 2 Comp. hessicher Invaliden befehligte, marschierte am 7. April mit dem Bat. Sachsen-Gotha nach Brilon und vereinigte sich hier mit den beiden Esc. Buch, welche aus dem Cordon bei Werne undHamm herbeigezogen und am 10. April durch 2 Esc. Grothaus aus den Winterquartieren im Osnabrück'schen ersetzt wurden, während der frühere Commandant in Lippstadt, Oberst Laffert, daselbst wieder den Befehl übernahm.

Nächstdem detachirte General Spörken die Bat. Bock, Behr, Scheele, Stolzenberg und Wangenheim sowie 4 Esc. Breitenbach

Dragoner, 2 Esc. Breitenbach Cav., 2 Esc. Bremer, 2 Zwölf und 2 Sechspfünder unter dem von Münster kommenden General

Imhof am 8. April nach Lippstadt und Umgegend, während diese Truppen durch 3 englische längs der Ems bei Meppen stehende Drag-Regtr. sowie durch hannoversche Truppen aus dem Os agen, fowie den Brig. des Vicomte von Belzunce und des Marquis von Caraman.

1) Stimmt so ziemlich mit v. d. Knesebeck 1. 1. B. S. 314 überein,

wonach ein Theil der von der Armee des Niederrheins herbeigezogenen Truppen in Marburg anlangte; – eine Angabe, welche übrigens auch an die Abtheilung des Generals Blaizel denken läßt.

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nabrückchen ersetzt wurden. General Imhof befehligte hiernach 6000 M. und war damit in den Stand gesetzt, Caffel nöthigen falls gegen die französischen Streifzüge zu Hülfe zu eilen und auch Hardenberg gegen eine etwaige Umgehung sicher zu stellen. Imhof, zu welchem am 12. April zu Erwitte nnd Anröchte

in der Gegend von Lippstadt eine neu formierte Esc. hannoverscher Husaren gestoßen war, sollte diesen Zweck zunächst durch Demon strationen zu erreichen suchen, weßhalb das Bat. Behr und 100 Pferde von Busch Dragonern am 13. April auf Mülheim vor gingen und von hier eine 200 M. starke Infanterie-Abtheilung nach Meschede detachirten, – wodurch die auf Dillenburg ge nommene Marschrichtung es zweifelhaft für den Feind machte, ob es räthlich sei, über Siegen Verstärkungen zur Broglio’schen Armee abgehen zu laffen. Das Gefecht bei Freiensteinau am 2. April zwischen einer Abtheilung des Prinzen von Holstein und einem französischen Detachement. Angriff auf das Bergschloß Ulrichstein und Capitulation desselben, am 7. April.

Kehren wir nun zu Herzog Ferdinand's Armee in Heffen, insbesondere aber zunächst zu der Colonne des Prinzen von Holstein zurück, welche am 30. März, nach derVertreibung der Franzosen aus Lauterbach, in und bei Stockhausen Quartiere bezogen hatte,

während ein Gleiches um dieselbe Zeit bei der Colonne Isenburg's in Fulda c. stattfand, der Erbprinz indeß bereits sich auf seinem

Zuge nach Thüringen befand. Bei der uns bekannten Stellung des französischen Cordons war es vorauszusehen, daß, behufs der Sicherstellung des rechten Flügels der Quartiere der Alliierten, die Truppen des Prinzen Holstein in der Kürze mit französischen Detachements zusammentreffen würden, die sich etwa in benach

barten Dörfern festgesetzt hatten. Dies war der Fall in Freien steinau, wo, zufolge einer am 31. März bei dem Prinzen Holstein eingegangenen Nachricht, ein französisches Commando, die Volon taires von Elsaß, sich aufhalten sollte; über dessen Stärke man

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aber in Unkenntniß geblieben war. PrinzHolstein beschloß, dieses Detachement womöglich aufzuheben, ließ zu dem Ende 400 M. Infanterie und 40Pferde am 1.April nach Schlechtenwegen mar schieren, mit welchen Truppen sich am nächsten Tage das hessische Bat. Leibregiment nebst 500 Pferden von Holstein, Finkenstein und Miltitz) unter dem Prinzen selbst vereinigten, dannzusammen nach Altenschlirf zogen und hier die Esc.preußischerHusaren auf nahmen. Der weitere Marsch der kleinen Colonne, bei welchem ein Husaren-Detachementdie Avantgarde bildete, die übrige Cavalerie aber wegen der mit Steinaufwürfen eingeschloffenen Felder hinter der Infanterie folgen mußte, – richtete sich nun über Weidmoos, Bannerod und Nieder-Moos nach Freiensteinau. Eine vorwärts streifende Patrouille Holsteins traf schon zwischen Bannerod und Nieder-Moos auf eine starke feindliche Cav.-Patrouille, wich aber bis Crainfeld zurück, während diese selbst, von der Avantgarde des Prinzen verfolgt, ihre Richtung nach Freiensteinau nahm und das dortige Detachement alarmierte. Dasselbe verließ jetzt in aller

Eile das Dorf und gewann eine diesem nahe Höhe; die Avant garde Holstein's aber, welche inzwischen durch eine Caval- und Inf-Abtheilung verstärkt worden war, drang, das Dorf zur Linken lassend, gegen den Feind vor. Dieser hatte indes feinen eiligen Rückzug fortzusetzen gesucht; namentlich aber war es eine etwa 100 Pferde starke Cavalerie, die in vollem Galopp in der Richtung von Birstein davonjagte und die Infanterie ihrem Schick fale überließ, von welcher 1 Cap, 1 Lieut. und 80 Sold. den Rückzug decken sollteu. Lieutenant Usedom, der die Avantgarde kommandierende Offizier, erreichte bald mit seinen Husaren diese fliehende Abtheilung, umringte sie, hieb gegen 20 M. davon nieder und machte die Offiz. und 60 Sold. zu Gefangenen. Auch

die Husaren hatten hierbei einigen Verlust, indem 2 Unteroffiz. schwer verwundet wurden. 1) Der größte Theil von Miltitz war in Fritzlar zurückgeblieben.

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Aus gleichem Grunde, welcher das Unternehmen auf Freien steinau veranlaßte, dann aber auch in der Absicht, alle Hinder niffe zu entfernen, welche der Ausführung des uns bekannten Pla mes des Herzogs Ferdinand entgegentreten könnten, befahl derselbe den Angriff des auf sehr steilem Berge gelegenen Schlosses Ull richstein. Oberstlieutenant v. Ried befehligte daselbst 150 M. nebst 30 Pferden vom Fischer'schen Corps, war wachsam und hatte zeitig dem an sich durch seine Mauern starken Posten durch das Aufrichten von Steinhaufen hinter allen Zugängen desselben

eine erhöhte Widerstandskraft gegeben. Nach einer am 6. April vorausgegangenen Recognoscierung

des Schlosses und der Gegend von Ulrichstein durch den Prinzen von Holstein wurden die hessischen Bat. Garde, Grenadier, Erb prinz und Gilsa, ferner die Dragoner von Finkenstein, sowie die Detachements der hessischen und preußischen Jäger und endlich die Esc. preußischer Husaren (Ruesch) zum Angriffe befehligt. Es war um 2 Uhr in der Nacht vom 6. bis zum 7.April, als sich diese Truppen, befehligt von dem Obersten v. Ditfurth, aber geführt von dem Major v. Bülow, Adjutanten des Herzogs Ferdinand, bei dem Dorfe Eichelhain versammelten, hierauf unter

dem Schutze eines dichten Nebels so gegen Ulrichstein vordrangen, daß die Infanterie das am Fuße des Schloßberges gelegene Dorf erreichte, die Cavalerie dagegen etwa 800 Schritte von diesem entfernt aufmarschierte, und die Jäger sowie die Husaren sich jen seits des Berges aufstellten, um hier der Besatzung den Rückzug zu verlegen.

Als das die Spitze der Infanterie bildende Bat. Grenadier in dem Dorfe eintraf, wurden die jämmtlichen Zimmerleute vor gezogen und sie sowohl als das Bataillon nebst zwei Kanonen begannen nun den Berg auf dem zu dem Thore der Schloßmauer führenden steilen Wege zu ersteigen. Die den Zimmerleuten zufallende Aufgabe, das Thor mit den Alexten zu öffnen, sowie die Deckung

dieser Arbeit durch das Bat. waren in ihrer Ausführung mit vielen Schwierigkeiten und Gefahren begleitet, indem die hinter dem Thore befindliche Steinauffüllung den Axthieben widerstand und die Vertheidiger, welche zuvor durch ihre Schildwachen Nach richt von der Annäherung der Alliierten bekommen hatten, nicht nur von den Dächern herab und durch die Schießscharten der Mauer ihr Feuer abgaben, sondern auch mit Steinen die An greifer überschütteten.

So wenig Erfolg die Zimmerleute c. hatten, so nutzlos er wiesen sich auch die gegen das Thor und auf die Dächer gerich teten Schüsse der inzwischen noch um 2 dreipfündige Kanonen vermehrten Artillerie sowie der Jäger, während sich dagegen die Verluste der tapferen hessischen Grenadiere, welche wiederholt den Angriff begannen, um ein Beträchtliches mehrten, so daß man nach Ablauf zweier Stunden von weiteren Versuchen abstand. Das Feuer schwieg noch nicht auf beiden Seiten, als Capitain Weitershausen den Befehl erhielt, die Garnison des Schlosses zur Uebergabe aufzufordern. Der Capitän wurde hierbei getödtet, kurze Zeit darauf aber fand die Capitulation der Besatzung statt. Diese erlangte freien Abzug unter den üblichen militairischen Eh ren, behielt ihre Waffen und ihr Gepäck, machte sich jedoch auch verbindlich, innerhalb eines Jahres nicht gegen die Alliierten und deren Verbündeten zu dienen. Der Verlust des verbündeten De tachements betrug 2Offiz. und 20Sold. an Todten und 100M. an Verwundeten. Unter den Todten befanden sich Capitain von

Weitershausen, durch einen Steinwurf getödtet, und der Fähnrich v. Schäller; unter den Verwundeten waren dagegen Oberst von Ditfurth und Capitain v. Maffenbach. Dem Feinde wurden 1 Offiz. und 7 M. getödtet. Für die hessischen Waffen hatte dieses Gefecht noch die be sondere Bedeutung, daß Herzog Ferdinand in seiner Correspondenz mit Friedrich das hessische Bat. (Regt.) Grenadier mit außer

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ordentlichem Lobe erwähnte, indem daffelbe „Wunder der Tapfer keit verrichtet habe.“ ). Die Truppen des verbündeten Detachements bezogen ihre

früheren Quartiere, ließen aber 200 M. als Besatzung in dem Schloffe zurück. Marsch der Armee unter Herzog Ferdinand von Fulda nach Windecken, vom 10. biszum 12. April, sowie das Verhalten des Generals Broglio bis dahin.

Nach Beendigung der Expedition des Erbprinzen nach Thü ringen, nach den Vorkehrungen, welche durch die Anlage von

Magazinen gefordert wurden, und endlich nach der Sicherstellung der Verbindung mit Caffel, – beschloß Ferdinand, nunmehr sei nen Marsch direct gegen die französische Armee unter Broglio zu richten.

Es war indeß hohe Zeit, daß dies geschah, da St.Germain mit dem 10.000 M. starken Corps im Begriffe stand, sich mit Broglio zu vereinigen, um so demselben eine entschiedene Ueberle

genheit zuzusichern. Um indeß diesem nachtheiligen Verhältnisse zu begegnen. nnd überhaupt durch Schnelligkeit des Marsches sich das Gelingen der Expedition zu fichern, brach die Armee Ferdi nand’s, mit Zurücklaffung des Bat. Toll inFulda, am 10.April aus den bisherigen Cantonierungen beiFulda und Stockhausen auf und erreichte über Freiensteinau und Büdingen nach einem drei

tägigen höchst beschwerlichen Marsche, also bis zum 12. April, Windecken.

Der in Birstein stehende Graf d'Eparbes hatte sich mit seinem 600 M. Inf. und 300 Pferden starken Detachement bei der Annäherung des Herzogs nach Gelnhausen zurückgezogen, wo selbst er sich, zur Besetzung des dafigen Postens, mit einem De tachement unter dem Marquis von Castries vereinigte, welches dahin von Broglio – bei der am 11. April einlaufenden Nach 1) S. v. d. Knesebeck 1. 1. V. S. 314. Brief des Herzogs Ferdinand an Friedrich II., datiert aus Fulda, 9. April 1759.

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richt von dem Rückzuge d'Eparbes" – mit der Weisung geschickt worden war: nur der feindlichen Uebermacht zu weichen, dann sich aber nach der Gegend zwischen Hanau und Frankfurt zurückzu ziehen.

-

In Windecken selbst gelang es den leichten Truppen der

Avantgarde des Herzogs, das sämmtliche Gepäck des Regt. Rous fillon zu erbeuten und in der Stadt so wie während der Ver folgung an 60 M. zu Gefangenen zu machen. Mit dem Er scheinen der Alliierten in Windecken hatten sich die bis Gelnhausen und Langenselbold vorgeschobenen feindlichen Abtheilungen gegen

Hanau tc. zurückgezogen; doch schon früher erließGeneral Broglio an die nordwärts stehenden Abtheilungen die entsprechenden Befehle, welche auf eine Concentrierung der jämmtlichen französischen Streit kräfte deuteten. So sollte das Fischer'sche Corps den Posten Friedberg, woselbst sich das große Fourragemagazin befand, möglichst lange behaupten; bei dem Verlassen des Postens aber zuvor die Vorräthe verbrennen. General Blaizel, dem wir bereits bei Fritzlar c. begegneten, hatte dagegen sich Marburgzu näheren; so wie denn auch die jämmtlichen kantonierenden Truppen den Befehl erhielten, sofort ihren Marsch nach dem allgemeinen Sammelplatze zwischen Bergen und Vilbel anzutreten. Auch in Frankfurt traf man die zur Vertheidigung nöthigen Anstalten; gleichwie denn ebenwohl ein etwaiger Rückzug durch

das Schlagen einer Brücke über den Main bedacht wurde. Betrachtungen über die vom 27. Februar bis zum 12. April incl. stattgefundenen Operationen der alliierten Armee unter Herzog Ferdinand.

An den Zug des Herzogs Ferdinand aus Westfalen nach Heffen c. knüpfen sich Betrachtungen, die hier, behufs der allge meinen Auffassung der resp. Verhältniffe, der Relation der Schlacht bei Bergen, als der entscheidenden Handlung während jenes Zuges, vorausgehen mögen.

-

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Wenn Herzog Ferdinand zu Anfang des Jahres 1759 An stand nahm, in Folge der Besetzung Frankfurt's durch die Fran

zosen sofort gegen Broglio mit einem Theile seiner Armee aufzu brechen, so waren daran hauptsächtlich die eigenen Rüstungen und die Stärke der am Niederrheine stehenden französischen Armee Schuld, wenn auch dieselbe sich in ihren Quartieren ruhig verhielt. Ferdinand hatte überhaupt, bezüglich seiner geringeren Streitkräfte und des sich gesteckten Zieles: Hessen zu decken und den Rhein nicht aufzugeben, eine sehr schwierige Aufgabe übernommen, zu deren Lösung ihm lediglich und allein nur seine eigenen Streit kräfte zu Gebote standen – wenn wir dabei von der späteren

Cooperation resp. Diversion des Prinzen Heinrich absehen, welche von demselben durch die Generale Knobloch und Lindstädt im öst

lichen Thüringen bis gegen Ende März ausgeführt wurde. So unzweideutig sich auch schon mit der Besetzung Frank furt's die Pläne der Franzosen enthüllt hatten, so mußte doch namentlich die Detachirung eines beträchtlichen Corps, wie das St. Germain's zur Verstärkung Broglio"s – bei dem Herzoge die Ueberzeugung hervorrufen, daß ein Hauptschlag von dieser Seite, und zwar gegen Hessen, stattfinden würde. Hiermit erschien zugleich das Isenburgische Corps daselbst ernstlich bedroht, zumal da auch von Thüringen her, durch das abermalige Vordringen der österreichischen und Reichstruppen, gleiche Gefahren gegen dieses Corps heranzogen.

Die Expedition des Generals Urff, wenn es ihr auch gelang, den Feind auf kurze Zeit von den Grenzen Hessens zurückzudrängen, – steht doch ziemlich isoliert und würde voraussichtlich von größerem Erfolge begleitet gewesen sein, wenn eine Vereinbarung mit dem Prinzen Heinrich betreffs gemeinsam auszuführender Operationen vorausgegangen wäre; gleichwie dies gegen Ende März in Bezug auf die Expedition des Erbprinzen – wenn auch nur auf dem

Wege einer Diversion – von Seiten Heinrichs geschah. Immer hin diente die Expedition Urffs dazu, die Verhältnisse in Thüringen

und den dortigen Feind näher kennen und würdigen zu lernen, und es war dies ein Ergebniß, welches auch wohl den Entschluß Ferdinand's zu dessen Zug in der Richtung gegen Fulda resp.

Frankfurt mitbestimmen half, um wo möglich noch vor dem Ein treffen St. Germain’s bei Broglio einen Schlag gegen diesen auszuführen. Zu jenem Entschluffe trug indeß auch jedenfalls die zeitweilige Abwesenheit des Marschalls Contades von der Armee bei, dessen Ansichten betreffs der Wahl des Kriegsschau platzes insofern mit denen Broglio"s in Widerspruch standen, als dieser den Oberrhein und Franken für weit wichtiger hielt als den

Niederrhein und Westfalen. Mit dieser Ansicht Broglio"s gingen späterhin, d. h. bevor Prinz Heinrich im Monat Mai seinen Angriff gegen die Reichsarmee begonnen, – die Klagen deutscher Reichsfürsten, welche einen Einfall Ferdinand’s in Franken be

fürchteten, so wie desfallsige Vorstellungen des Versailler Hofes bei dem Marschall Contades Hand in Hand, nach dessen Urtheile die unter seinem Commando befindlichen Streitkräfte zusammen gehalten werden müßten. Herzog Ferdinand durchkreuzte mit seinem Marsche gegen Heffen jedenfalls den an sich schon durchdie Detachirung St. Ger main's verschobenen Feldzugsplan der Franzosen, und zwar zu einer Zeit, wo die Rüstungen derselben am Niederrhein noch nicht

beendigt waren und somit die prompte Ausführung von Gegen bewegungen um so schwieriger werden mußte. Der Aufenthalt in Fulda entsprach dabei allerdings nicht dem Unternehmen des

Herzogs; man darf jedoch nicht außer Acht lassen, daß die Anlage von Magazinen unddie volle Sicherstellung seines Rückens und seiner Flanken eine Zeit in Anspruch nahmen, die sich bei dem späteren Vorgehen gegen Frankfurt und bei einer etwaigen Niederlage ver werthen mußte.

General Broglio hatte zu seiner Sicherstellung die ihm ge

boteneZeit nicht minder wohl benutzt, würde aber jedenfalls schon früher nicht geringe Erfolge erzielt haben, wenn er die ihm ver

bündeten Truppen in Franken unterstützt und dadurch ernstere

Bedenken bei dem Herzog Ferdinand betreffs dessen linker Flanke bei einem Vormarsche erregt hätte. Derselbe wäre in diesem Falle vielleicht sehr in Frage gestellt worden, und es lag dann für

Broglio die Aussicht nicht fern, sich, vor einem Zusammentreffen mit Ferdinand, mit St. Germain zu vereinigen und in bedeuten derer Stärke jenem entgegen zu treten.

Am Allgemeinen huldigte auch Ferdinand dem Grundsatze Friedrichs II.: – in der Offensive zu verbleiben, und nur so

lange auf der Defensive zu beharren, als die eigenen Kräfte im Verhältnisse zu den feindlichen es gebieten und diese nicht durch Diversionen geschwächt wurden. Die Expedition des Erbprinzen

nach Thüringen zwang schon aus diesem Grunde den Herzog Ferdinand zu jenem Stillstande in und bei Fulda; dessen ganze

Unternehmung aber fand ihre ersten Keime in der schon früher erklärten Absicht des Herzogs: Soubie aus den Gegenden hinter der Lahn zu vertreiben. Diese Absicht, die auch von KönigFriedrich gebilligt wurde ), mußte deshalb wohl auch um so bestimmender auf den Entschluß Ferdinand's einwirken, zumal da PrinzHeinrich

die im März ausgeführte Diversion zusagte. Das uns bekannte Uebereinkommen zwischen diesem Prinzen und dem Herzoge Ferdi nand betreffs gegenseitiger Hülfeleistung trug überhaupt zu einer gewiffen moralischen Sicherheit des letzteren viel bei, denn wenn auch größere Räume die Armeen beider trennten, so darf doch nicht verkannt werden, daß das Bewußtsein: für den äußersten Fall eine geeignete Auskunft sofort zu finden, – manche Bedenken

in den Hintergrund bei den beiden Feldherren drängen mußte. Hirrnach ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß eben dieses Ver trauen auf die mitdem Prinzen Heinrich getroffene Vereinbarung) vielleicht zu dem verlängerten Aufenthalte Ferdinand’s beigetragen 1) S. oben den „Feldzugsplan für die alliierte Armee.“ 2) S. oben das „Uebereinkommen zwischen dem Herzog Ferdinand und dem Prinzen Heinrich betreffs gegenseitiger Hülfeleistung.“

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habe; dieses Vertrauen aber hätte jedoch zum Unheile für die verbündeten Waffen ausschlagen können, wenn Broglio, in Ab wesenheit des Erbprinzen, zu einer energischen Offensive überge gangen wäre. Statt dessen bezog Herzog Broglio die vortheilhafte Defensivstellung bei Bergen, woselbst er bereits am Abende des 12. April seine sämmtlichen Streitkräfte gesammelt und einen Bivouac aufgeschlagen hatte. Die Schlacht bei Bergen am 13. April; nächste Folgen derselben.

Das Plateau bei Bergen, auf welchem die alliierte und die französische Armee ihre Kräfte wiederholt messen sollten, ist ein Theil jenes Höhenzuges, welcher sich zwischen der Nidder und der

Bracht von dem Massengebirge des Vogelsberges ablöst"), hierauf südlich dann südwestlich in der Richtung von Frankfurt a. M.

streicht und bis dahin dem Gelände nördlich der Mainebene bis zur Nidda resp. Nidder den Eharakter einer flachen Berglandschaft verleiht. Die sogenannte Hohe Straße, welche bei Fulda beginnt und über Freiensteinau, Büdingen und Marköbel, zwischen Win decken und Roßdorf an Kilianstädten vorüber nach Bergen und

Frankfurt führt, bezeichnet in einer beträchtlichen Strecke ihrer Länge die höchsten Punkte jenes Höhenzuges und durchschneidet namentlich den südlichen Theil des Plateaus bei Bergen. Daffelbe, auch das Wartfeld genannt, fällt in dem Bereiche von Bergen sowohl nach Norden als nach Süden in einer Böschung von 25–30%, an manchen Stellen sogar bis 359 ab, bildet eine sehr flach gewölbte Oberfläche und hat seine höchsten Punkte in der etwa 1700 Schritte nordwestlich von Bergen gelegenen Berger Warte so wie in dem Hohen Stein im Nordosten, beinahe in gleicher Entfernungwie die Warte von dem gen.Flecken. Das Plateau ist waldlos und trocken, wird von dem Höhenpunkte der Warte 1) S. den „Kriegsschauplatz“ im ersten Abschnitte.



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aus weithin beherrscht und findet sich, nordwestlich von Bergen, in feiner hier etwa 1600 Schritte betragenden ganzen Breite von einem nicht tiefen, doch den Bewegungen der Cavalerie immerhin hinderlichen, Hohlwege durchschnitten. Derselbe geht an dem nörd

lichen Rande des Plateaus zu einer Schlucht über, welche jäh den Abhang hinab zu den damals sumpfigen Ufern der Nidda, wo jetzt der Vilbeler Eisenbahnhof, führt und dabei den diesen Abhang bedeckenden Vilbeler Wald in zwei Hälften theilt. Dort, wo die Schlucht an dem Rande des Plateaus beginnt, stoßen diese beiden Hälften, in Folge der auch nach Nordwesten gerichteten Ausdehnung desselben, rechtwinklicht zusammen und gewähren auf der von Bergen nach Vilbel, zum Theil längs des Randes des

Abhanges führenden, dann in das Thal der Nidda hinabsteigenden Straße – eine zur Beherrschung dieses Thales und der Gegend bei Vilbel günstige Aufstellung. Der südliche Abhang des Plateaus, welcher bis zu dem von Bischofsheim über Enkheim nach Seckbach führenden Wege reicht und längs desselben zur Mainebene übergeht, auch bei dem letzte ren Orte sowie östlich von Bornheim in einem Bruch von ge ringer Ausdehnung endigt – ist zwischen Enkheim und Bergen am steilsten, überall von Weinpflanzungen und Gärten bedeckt und wird von den nach Enkheim, der Mainkur und Seckbach führen den Wegeu durchschnitten. (Bischofsheim / M. ö., Enkheim 8 Min. f., Seckbach / M. und Bornheim / M. f-w. und Mainkur 1, M. f. von Bergen). Der westliche Abfall des Plateaus, also die etwaige Rück zugslinie Broglio's, ist ein sehr allmäliger und gegen die Marburg Frankfurter Straße gewendet. Der Flecken Bergen liegt am südlichen Abhange des Plateau's, stößt namentlich an die steilste Stelle desselben, hat eine länglich runde Gestalt, wird von Westen nach Osten von einer Haupt straße unddenmeistim rechten Winkelabgehenden Nebenstraßendurch schnitten und ist mit einer Mauer umgeben, welche zwei Haupt



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ausgänge, nach Bischofsheim und Seckbach resp.Frankfurt und Vilbel, bietet. Die nächsten Umgebungen desFleckens bilden zahlreiche mit

Hecken eingeschlossene Obst- und Gemüsegärten, die im Osten durch einen von Süden nach Norden laufenden Hohlweg unter brochen werden, sowie Weinpflanzungen, welche in östlicher und

westlicher Richtung den ganzen südlichen Abhang des Plateaus bedecken und namentlich ostwärts bis an den von Bischofsheim

nach Bergen führenden Weg reichen, der, parallel mit einem glei chen Wege in der Ebene, diesen Abhang nordwärts begrenzt. Herzog Ferdinand erhielt zu Windecken, wo selbst dessen Armee

am 12. April eingetroffen war, die Nachricht, daß sich die fran zösische Armee zwischen Frankfurt und Bergen concentriere und namentlich der Flecken Bergen mit 2- bis 3000 M. besetzt sei. Um sich nun dieses Punktes, dessen Besitz so sehr zur Vertheid gungFrankfurt's beitragen mußte, zu bemächtigen, dann aber auch um durch die Besetzung der bei Vilbel über die Nidda führenden Brücke die Verbindung zwischen Frankfurt und Friedberg abzu

schneiden, – ließ Ferdinand, ungeachtet der durch den dreitägigen höchst beschwerlichen Marsch verursachten außerordentlichen Ermü dung der Truppen, am 13. April, am Charfreitag, Morgens 6 Uhr die Armee aus den Cantonierungsquartieren aufbrechen und nach den Anhöhen zwischen Kilianstädten und Roßdorf, dem Rendez-vous, marschieren. Der Herzog bildete hier aus seinen jämmtlichen Streitkräften, denen 21. Geschütze groben Kalibers leider aus weiterer Ferne nachfolgten, eine Avantgarde und zwei nachrückende Colonnen,

welche Truppentheile folgendermaßen zusammengesetzt waren. A. Die Avantgarde unter dem Erbprinzen von Braunschweig. Das ganze hannoversche Jägerkorps, 2 Esc. preußischer Husaren von Ruesch, 1 Bat. Grenadiere, befehligt von dem braunschweigischen Oberstlieutenant v. Dehne,



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1 Bat. Grenadiere, befehligt von dem braunschweigischen Major v. Gramm, ") 2 Esc. Gray Horses, 2 Bat. Leibregiment, 2 chweiger. 3 „ Blue Guards, Imhof, 2 „ „ Behr,

--

Fraun. 2 , Innisfilling, "

1 1

„ Zastrow, „ Mansbach,

ET,

4 „ Leibdragoner, Heffen. -

1 , Prinz Anhalt, " Diesen Truppentheilen folgten, außer ihren resp. Regiments geschützen, 7 Geschütze groben Calibers.

B. Die Colonne zur Rechten unter dem Prinzen von Holstein und den Generalen Prinz Anhalt, von Wutginau und Lord Granby. 5 Esc. Prinz Holstein Dragoner, Preußen. 5 „ Finkenstein r

1 Bat. Grenadiere, befehligt durch den hessischen Oberflieutenant Faust.

1 Esc. Husaren von Ruesch nebst einem Detachement preußischer und hessischer Jäger, 1 Bat. Garde, 1 „ Grenadier, 1 „ Erbprinz, 1 „ Leibregiment, 1 „ Gilla,

Heffen.

C. Die Colonne zur Linken unter dem Prinzen von Isenburg.

1 Bat.Grenadiere, befehligtdurchden hessischen Major v. Mirbach,*) 1) Diese Gren-Bat. waren aus braunschweigischen und helfischen Gre nadieren zusammen gesetzt worden. 2) Diefes Bat. war aus hannoverschen und hefischen Grenadieren zu fammengesetzt. Renouard Gesch. II. Bd.

7



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4 Esc. 4 „ 2 „ 2 „

Prinz Friedrich Dragoner, Heffen. Dachenhausen Hannoveraner. Prüschenk, Heffen. Hammerstein, Hannoveraner.

2 „

Leibregiment, Heffen.

2 „

Prinz Wilhelm, Heffen.

pp

1 Bat. Post, 1 „ Linstow, 1 „ Marschall, 1.



1

„ Fersen,(Füsiliere),

1 1 1

„ Prinz Carl, „ Prinz Isenburg, „ Canitz,

Hannoveraner.

Vreden,

Heffen.

1 „ Hanau, Es erfolgte nun der Abmarsch dieser 28.000 M.) starken Armee zwischen Kilianstädten und Hochstadt auf und längs der oben genannten Hohen Straße in der Richtung von Bergen, wäh rend der Feind in dieser Stellung bereits alle Anordnungen zum Empfange der Alliierten getroffen hatte.

Die französische Armee war nebst den sächsischen Truppen etwa 35.000 M. stark ) und hatte, wie folgt, die verschiedenen Punkte der vortrefflichen Defensivstellung besetzt.

1) Tempelhof giebt der alliierten Armee nach der Schlacht eine Stärke von 30.000 M.; Archenholz dagegen 30.000 M. vor der Schlacht; die Be treffniffe und Erlebungen Martin Ernst's v. Schlieffen 1. Bd. nur wenig mehr als 16.000 M.– eine Angabe, die indeß eben so irrig ist, als die an gleicher Stelle (S. 24) befindliche Bemerkung, daß die mehr genannte Verstärkung aus Westfalen schon vor der Schlacht zu der Armee Broglios gestoßen sei. 2) Nach Tempelhof wuchs die französische Armee durch die nach der Schlacht stattfindende Verstärkung aus Westfalen bis auf 35.000 M. an; die

die erstere hätte also, da diese Verstärkung 10.000M. betrug, inder Schlacht

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In dem Flecken Bergen sowie dicht um denselben, als dem Stützpunkte des rechten Flügels, fanden die Regtr. Royal-Sué

dois, Royal-deux-Ponts, Waldner und Planta, im Ganzen 8 Bat, welche in den Gärten, hinter dem östlich des Fleckens aus Obstbäumen gebildeten Verhau sowie hinter der zum Theil abgetragenen und zur Vertheidigung eingerichteten Mauer Deckung fanden. Zur nächsten Unterstützung dieser Truppen dienten die

hinter dem Flecken d. h. an der Westseite in Colonne stehenden Regtr. Piemont, Royal-Roussillon und Alsace, denen sich zu weiterer Unterstützung und ebenwohl in Colonnen formiert die

Regtr. Castella, Diesbach, Rohan und Beauvoisis anschlossen. Diese jämmtlichen Unterstützungstruppen, welche, gleich wie die zur unmittelbaren Vertheidigung Bergens aufgestellten Truppen, durch

den Prinzen Camille von Lothringen, den Grafen d'Orlick, und den Marquis von St. Chamant befehligt wurden, – zählten 15Bat. und hatten, neben der genannten Unterstützung, auch noch die Bestimmung: nöthigenfalls durch oder um den Flecken vorzu dringen, wenn dies durch die Fortschritte des Feindesgeboten wer den sollte.

Die in drei Treffen hinter der Berger-Warte mit der Fronte nach Osten hin aufmarschierte Cavalerie zählte in den beiden ersten Treffen 24 Esc. Cavalerie (Kuirafiere), hatten zum Rückhalte im dritten Treffen 8 Esc. Dragoner und wurden durchdie Generale von Beauprau und von Castries befehligt. Das Regt. St. Germain besetzte dabei den die Warte umgebenden Graben.

Diesen Truppen des Centrums standen zunächst und zwar links oder nördlich der Warte 11 Bat. als Reservecorps, nämlich die Regtr. Dauphin, Enghien, Royal-Bavière, Nassau-Usingen, Bentheim und Berg, – in Colonne; ihnen schloßen sich weiter eine Stärke von 25.000 M, abgesehen von den Verlusten, gehabt. Preuß c. gibt der französischenArmee 35.000 M. Wiffel dagegen spricht von 40.000M. nimmt aber dabei an, daß die 10.000 M. starke Verstärkung fich vor der Schlacht mit Broglio's Armee vereinigt habe. 7-



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nordwärts die Sachsen an, vor sich den nach Vilbel hinweisenden bewaldeten Abhangdes Plateaus. Den linken Flügel des sächsischen Corps deckte zunächst das Drag-Regt. d'Apchon; hinter diesem aber standen 8 Esc. in Linie, um für den Fall, wo die Alliierten eine Umgehung des linken Flügels durch das Thal der Nidda versuchen würden, dieser Bewegung entgegen zu treten.

Die Freiwilligen der Armee hatten sichin einzelnen Schwärmen zu beiden Seiten der nach Vilbel hinabführenden Schlucht ver theilt, vertheidigten so den Vilbeler Wald und deckten zugleich die

linke Flanke der Cavalerietreffen sowie der etwa auf dem Plateau vorrückenden Truppentheile. Die in acht Batterien aufgestellte und von dem Chevalier Pelletier befehligte Artillerie vertheidigte die Front der Armee und

flankierte den Flecken Bergen, während eine von jenen Batterien am linken Flügel der Sachsen, oder dem äußersten linken Flügel der Armee, das südwärts von Vilbel gelegene waldige Terrain

sowie den Thalgrund der Nidda und Vilbel selbst bestrich. Der Artilleriepark nahm seine Stellung hinter den Cavalerie treffen.

Die dem bevorstehenden Kampfe zu Grunde liegenden Absichten Broglio"s gingen nun dahin, die Stellungen auf beiden Flügeln auf das Aeußerte zu vertheidigen; und für den Fall, wo der eine oder der andere derselben zum Verlaffen seiner Stellunggezwungen

werden würde, durch die Cavalerie das Gefecht aufnehmen und herstellen zu lassen. Wäre man, trotz den energisch auszuführenden Angriffen der Cavalerie, zum Rückzuge genöthigt, so sollte der selbe von den Truppen des rechten Flügels hinter dem in ihrem Rücken gelegenen Abhange bis zur Frankfurter Landwehr, und der Rückzug des linken Flügels längs der Nidda stattfinden, um dann ebenwohl die Landwehr zu erreichen und hier mit dem rechten

Flügel Stellung zu nehmen). Bei diesem Rückzuge hatten sich 1) Die Landwehr begann 1%, Stunde östl. v.Frankfurt, dicht am Main, zog sich von hier nördlich, an Seckbach vorbei bis zur Friedberger Warte,



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beide Waffen möglichst zu unterstützen, während die Cavalerie die Richtung auf die Friedberger-Warte einhalten sollte, um die dort für fiel vorbereiteten Communicationen zu passieren, dann aber jammt der Infanterie von Neuem das Gefecht aufzunehmen. Damit wollte man wenigstens bis zum Einbruch der Nacht sich zu halten suchen, um sich hierauf nöthigenfalls, unter dem Schutze der auf den Wällen Frankfurt's aufgefahrenen Geschütze, über den Main zurückzuziehen.

Neben dieser Disposition richtete Broglio seine Aufmerksam keit auch auf die sich nähernde Verstärkung unter St. Germain, indem er diesem die Beschleunigung des Marsches seiner ersten Division anempfahl, den Marsch der zweiten Division über Castel beiMainz dirigierte, St. Germain selbst aber sofort zu sich beschied. Es war 9 Uhr Morgens, als die Armee Herzog Ferdinands hinter den östlichen Abfällen des Hohen Steins eintraf; die Grenadiere und Jäger aber die Weisung erhielten, den Feind vor erst durch vorgeschickte Pelotons zu beschäftigen, um dadurch den Colonnen die Zeit zum näheren Herankommen resp. Aufmarsch zu verschaffen. Bei demselben folgten sich die einzelnen Truppen theile vom linken Flügel an in folgender Weise. Das Bat. Linstow lehnte sich an die Weinberge, hinter ihm die Grenad-Bat. Dehne und Gramm en potence nebst einem Theile der Husaren und Jäger; ferner rechts von Linstow: das Gren-Bat. Mirbach, die Bat. Heff. Garde, Prinz Carl, Canitz, Prinz von Isenburg,

Hanau; hierauf rechts oder nördlich des Weges von Windecken (Hohe Straße): die Bat. Marschall, Vreden, Fersen, Post, Zastrow, Mansbach, Prinz von Anhalt, Gila, Gren-Bat. Faust,

Hessisches Grenadier-Regiment, und, nach einem Zwischenraume wendete sich dann südwestl. gegen Bockenheim und berührte füdl. am Gut leuthofe, d. h. eine halbe Stunde westl. v. Frankfurt, wieder das rechte Ufer

des Mains. In gleicher Weise war auch südl. des Mains das Frankfurter Gebiet durch die Landwehr eingeschloffen und hier hatte dieselbe ihren süd lichsten Punkt bei der Sachsenhäuser Warte.



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von einigen Bataillonslängen, die Bat. Imhof, Behr und hessisches Leibregiment. Hinter diesen fünf letzteren Bat. standen: Erbprinz und das braunschw. Leibregiment, welche an den Wald stießen, den die Jäger und Husaren besetzt hielten. Vom Bat. Anhalt an neigte sich der rechte Flügel etwas vorwärts. Hinter der In fanterie stand die Cavalerie und zwar hinter dem linken Flügel:

die heff. Cav.-Regtr. Leibregiment, Prinz Wilhelm und Prüschenk; weiter rückwärts, hinter der Höhe und ebenfalls südlich des Windecker Weges das hannov. Cav-Regt. Hammerstein und das Drag-Regt. Dachenhausen; mit diesen aligniert, rechts des Weges und hinter der Mitte der Infanterie und der Anhöhe: die Regt. Prinz Friedrich und Leibdragoner Heffen; weiter rechts in gleicher Linie, hinter dem rechten Flügel der Infanterie: die 7 englischen und die 10 preußischen Esc. HerzogFerdinand, welcher inzwischen sich weitere Kenntniß über die Gestaltung und Beschaffenheit des Bodens sowie über die resp. Stellung des Feindes verschaffte, überzeugte sich, daß vor Allem Bergen genommen werden mußte, um den Höhenpunkt der Berger-Warte zu erreichen, auf welchem Ferdinand eine etwa nur 4000 M. starke Abtheilung erblickte. Auch gegen Vilbel waren eine Abtheilung Jäger und ein

kleines Cav.-Detachement vorgegangen, hatten hier ohne große Anstrengung den Feind vertrieben und denselben zum Verlassen des östlich der mehrgenannten Schlucht gelegenen Theiles des Vilbeler-Waldes genöthigt; so daß hierdurch die rechte Flanke der etwa auf dem Plateau vordringenden alliierten Truppen sicher ge stellt werden mußte.

Ernster gestalteten sich um dieselbe Zeit, d. h. gegen 9% Uhr, die Verhältniffe auf dem Plateau, indem sich hier, während die feindliche Artillerie ein langsames Feuer begann und die vorge sendeten Pelotons einigen Verlust den Franzosen zufügten, – der Angriff der Avantgarde auf Bergen vorbereitete, welcher durch die Colonne des Prinzen Isenburg unterstützt werden sollte. Auch die Artillerie der Alliierten, von welcher, außer den



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Regimentsgeschützen, vorerst nur 2 zwölfpfündige Kanonen und 1

Haubitze in das Gefecht gebracht werden konnten, – hatte ihr Feuer und zwar gegen den Flecken begonnen. Der Erfolg dieses Feuers stand indes dem des Feindes weit nach, indem Broglio durch den Chevalier Pelletier den größten Theil der Parkgeschütze an geeignete Punkte in den Umgebungen Bergen's vorgehen ließ,

um das Terrain östlich desselben zu bestreichen. Die Wichtigkeit jenes Punktes für den Besitz der ganzen Defensivstellung, sowie die untrüglichen Anzeichen eines bedeutenderen Angriffes auf den

selben, – hatten Broglio ebenso vermocht, schon jetzt die Regtr. Piemont und Royal-Roussillon durch die Hauptstraße des Fleckens vorgehen und jenseits desselben hinter den Gartenzäunen ac. sich aufstellen zu lassen. Gleichzeitig mit dieser Bewegung wurden die Regtr. Alsace, Castella und Diesbach ebenwohl nach der Ostseite Bergen's detachirt und stellten sich hier hinter dem Hohlwege auf, welcher diese Seite der Länge nach schützt.

Während dieser Vorgänge, die bei dem mehrfach durchschnit tenen und bedeckten Boden ein unbestrittenes Uebergewicht den

französischen Waffen sichern mußten, waren den oben erwähnten Pelotons der Avantgarde der Alliierten die Grenad.-Bat. Dehne und Gramm sowie das braunschweigische Bat. Zastrow unter dem

General v. Gilsa gefolgt, hatten trotz des heftigen Geschützfeuers die nächsten Umgebungen des Fleckens erreicht und den Feind aus den Gärten vertrieben. Die Durchschnittenheit des Bodens ac., welche dem weiteren Vordringen dieser Tapferen so schwer zu

überwältigende Hindernisse in den Weg legte, das feindliche Ge wehr- und Kartätschenfeuer, durch welches von der Mauer und dem Hohlwege her ihre Reihen gelichtet wurden, endlich die zähe und hingebende Standhaftigkeit und Tapferkeit der zahlreichen Ver theidiger – hinderten jene Bataillone nicht, die errungenen Vor theile möglichst lange zu behaupten. Das hierbei sich entspinnende Feuergefecht, in welchem die drei Bat. ihre sämmtliche Munition (60 Patronen pr. Mann) verschossen, brachte ein gewisses Gleich



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gewicht zwischen den Kämpfenden hervor, welches jedoch nur von kurzer Dauer war, da einestheils die Unterstützung durch Isen burg verspätet eintraf und anderentheils der Aufmarsch der zur Rechten, behufs des Angriffes der linken Flanke des Feindes, sich ziehenden Avantgarde, – eine Zeit in Anspruch nahm, die von Broglio trefflich benutzt wurde. Die ganze Wichtigkeit dieses kritischen Augenblickes auffaffend, führte jetzt der französische Feld

herr das Rgt. Rohan in nördlicher Richtung des Fleckens durch die dafigen Gärten, um des Erbprinzen rechte Flanke abzugewinnen.

Gleichzeitig drang das Regt. Beauvoisis durch die Hauptstraße Bergens in östlicher Richtung vor, um den drei alliierten Bat. in die linke Flanke zu fallen und die bereits hinter den Mauern fechtenden eigenen Truppen zu unterstützen, wobeidie Regt. Dauphin und Enghien ebenfalls nach dem Kampfplatze befohlen wurden, um den Regtr. Rohan und Beauvoisis zum Rückhalt zu dienen. Außer diesen rasch ausgeführten Bewegungen, bemühte sich auch Pelletier, durch das Eingreifen der Artillerie dem Gefechte den entsprechenden Nachdruck zu geben, indem er einige Batterien vor rücken und deren Feuer auf die rechte Flanke des Erbprinzen richten ließ.

So standen die Dinge, als es erst jetzt, trotz der beschleunigten Bewegung der beiden, der Avantgarde folgenden, Colonnen, – gelang, in der des Prinzen Isenburg eine Unterstützung den mehr genannten Grenad. Bat. c. zukommen zu laffen. Doch zu spät! denn in demselben Augenblicke, wo Prinz Isenburg herbeieilte, um rasche und sichere Hülfe zu bringen, wandten sich diese Bat, an Munition erschöpft aber nicht aus Mangel an Kampfeslust, zum Rückzuge, trafen hierbei auf die vordringenden Truppen Isenburg's und verursachten dadurch eine Verwirrung, die um so allgemeiner wurde, als das feindliche Feuer unablässig und heftig fortdauerte

Prinz Isenburg fiel, mitten im Getümmel, von einer Fal conetkugel in die Brust getroffen; sämmtliche Bat. aber wälzten

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sich in völliger Auflösung zurück, so daß Herzog Ferdinand sie nur mit unendlicher Mühe wieder zu sammeln vermochte ). Ungeachtet des ausdrücklichen Befehles Broglio's, nicht über

die Gärten und das vor denselben gelegene durchschnittene Terrain bei der Verfolgung hinauszurücken, – drang der Feind, in dessen Hände fünf Geschütze gefallen waren, unter großem Geschrei aus den Flecken hervor und verfolgte hitzig die Infanterie der Alliierten. Broglio, welcher daher wiederholte Befehle doch ohne Erfolg an die vorgedrungenen Regtr. Rohan, Beauvoisis, Dauphin und Enghien zur Wiedergewinnung des Fleckens endete, sah sich end lich gezwungen, 10 Esc. von der hinter der Berger-Warte aufge stellten Cavalerie nebst einiger Artillerie über den das Plateau

der Breite nach durchschneidenden Hohlweg vorgehen zu lassen, um den Rückzug der genannten Truppentheile zu decken. Bevor jedoch diese Unterstützung an dem Punkte ihrer Wirksamkeit an langte, hatte der hessische General Urff den günstigen Augenblick zum Angriffe des am weitesten vorgedrungenen Regts. Beauvoisis ersehen. -

Ohne Säumen stürzte er sich mit dem hessischen Cav.-Regt. Leibregiment, dem nachmaligen Regt. Gensdarmes, auf die isolierte Infanterie, hieb einen nicht unbeträchtlichen Theil davon nieder, machte 150 Gefangene, worunter der Oberstlieutenant de la Greze sich befand, und trieb die Uebrigen in den Flecken zurück. Gleich zeitig mit diesem glücklichen Cavalerie-Angriff war Prinz Anhalt mit dem Grenad. Bat. Faust und den hessischen Bat. Grenadier 1) S. v. d. Knesebeck, 1. B, S. 324. Bemerkenswerth bleibt hier der v. Archenholz angeführte Befehl des Prinzen Isenburg, nach welchem bei der Abtheilung desselben die Wundärzte

in die Glieder treten mußten. So sonderbar auch diese Maßregel erscheint, fo wird sie doch durch den Mangel an Offizieren vielleicht erklärlich. Die Tagebücher erwähnen übrigens nichts von dem höchst eigenwilligen Befehle des Prinzen, dem sich indeß die Betroffenen, auf die Vorstellungen eines ihrer Collegen, Namens Eckermann, fügten und ihren Gehorsam mit Wunden und Tod bezahlten.



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und Garde von der Colonne zur Rechten zur Unterstützung des linken Flügels detachirtworden. Unter dem Schutze dieser Truppen

gelang es, die Infanterie wieder zu ordnen und sie auf der Höhe des Hohen Steins eine neue Stellung nehmen zu lassen. Auch die übrigen Truppen Ferdinand’s zogen sich zurück und stellten sich hinter der genannten Höhe wieder auf, während das Artillerie feuer auf beiden Seiten fast gänzlich schwieg. Wenn früherhin dieses Feuer von Seiten der Alliierten, aus

Mangel an schwerer Artillerie, nur schwach erwiedert werden konnte, und namentlich bei dem Anwachsen der feindlichen Artillerie in

der Nähe des Fleckens alle Versuche zu einem erfolgreichen Flan kenangriffe auf denselben scheitern mußten– so wurde doch gegen 11 Uhr Vormittags, nachdem ein Theil der schweren Geschütze eingetroffen war, das Feuer der in 6 Batterien aufgefahrenen und hauptsächlich auf die beiden Flügel der französischen Stellung gerichteten Artillerie der Alliierten etwas lebhafter, ohne jedoch in dem Grundverhältniffe der ganzen Situation etwas zu ändern: Um dieselbe Zeit war es, wo Herzog Ferdinand wiederholt einige Bat. vom linken Flügel gegen Bergen, den rechten Flügel aber gegen Vilbel vorrücken ließ, wobei die hannoverschen und hessischen Jäger abermals in das Gefecht mit den in dem Vilbeler Walde postierten französischen Freiwilligen traten, um diese vollends aus demselben zu vertreiben. Beide Bewegungen, mit denen zugleich

ein Vorrücken der übrigen Truppen der alliierten Armee aufdie Höhe desHohen Steins verbunden war, ließen Broglio voraussetzen, daß Ferdinandeinen AngriffaufbeideFlügelbeabsichtige, weßhalbdienoch in Reserve stehenden Regtr. Royal-Bavière, Nassau-Usingen, Bent

heim, St. Germain und Bergzur Verstärkung des rechten Flügelsin die Nähe von Bergen gezogen wurden, um nöthigenfalls auch die

Sachsen

von der neuen Stellung aus unterstützen zu können.

Diezeitherige härtnäckige Vertheidigungder Stellung Broglio's, die Unbeweglichkeit desselben an den für ihn vortheilhaft gelegenen Punkten, so wie der Mangel an schwerer Artillerie riefen indes



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bei dem Herzog Ferdinand nunmehr die Ueberzeugung hervor, daß bei der Unzugänglichkeit der feindlichen Stellung ein abermaliger Angriff um so weniger von einem vollständigen Erfolge begleitet sein würde, da, selbst nach der Eroberung des Fleckens Bergen,

noch die Anhöhe der Berger-Warte hätte erstürmt werden müssen. Nach dem eigenen Geständnisse des Herzogs wäre jedoch der letztere Versuch ungemein gewagt gewesen, da die Franzosen elf

volle Stunden Zeit gehabt hatten, um einem solchen Angriffe mit aller Entschiedenheit, in Folge der genommenen Vorsichts maßregeln, begegnen zu können.

Erst um 6 Uhr Abends langten 11 Geschütze, als der Rest der schweren Artillerie, bei der alliierten Armee an; die schlechten Wege, dann aber auch der Mangel an genügendem Eifer bei dem kommandierenden Offizier hatten diese Verzögerung verursacht,

welche durch die nun wieder beginnende heftigere Kanonade freilich nicht eingebracht werden konnte. Immerhin diente diese dazu, die nun zweimal von dem Feinde versuchten Angriffsbewegungen umsomehr zurückzuweisen, als, neben der bis in die Nacht fort dauernden Kanonade, ebenwohl die alliierten Streitkräfte bei jenen Bewegungen vorrückten und den Feind leicht zur Umkehr bewogen. Dieses Vorrücken geschah aber namentlich in der Absicht, um dem Feinde einen wiederholten Angriff auf den Flecken Bergen glauben zu machen, und wodurch sich Ferdinand einen wohlgeordneten Rückzug im Angesichte eines überlegenen Feindes zu sichern hoffte. Abends nach 7 Uhr hörte das Feuer auf; die alliierte Armee, in zwei Colonnen formiert und von der Arrièregarde unter dem

Herzog von Holstein gefolgt, brach aber um 10 Uhr, nachdem die Verwundeten c. vorausgesendet worden waren, auf und mar schierte, ohne verfolgt zu werden, in das Lager von Kilianstädten und Roßdorf, von wo sich Herzog Ferdinand am 14. April um 2 Uhr Morgens nach Windecken begab. Ihm folgte die Armee an demselben Tage bis zu diesem Orte, wo die Nachmittags

1 Uhr eintraf, am 15.April aber in das Lager bei Marienborn



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abrückte, woselbst auch das Hauptquartier Ferdinand’s genommen wurde. PrinzHolstein stand dagegen mitder Arrièregarde (6 Bat., die preußischen Dragoner, Jäger und Husaren) bei Marköbel. General Hardenberg, welcher bekanntlich mit den Bat. Block und Hardenberg in Ziegenhain stand ") erschien am 15. April vor Marburg, wo Oberstlieutenant Duplesfis vom Regt. Piemont die 1800 M. starke Besatzung des dortigen Schlosses befehligte.

Die Einschließung dieses Postens durch Hardenberg dauerte jedoch nur bis zum 17. April, worauf er sich am 18.April wieder mit der Armee Ferdinand’s in Verbindung setzte resp. bei Ziegenhain späterhin vereinigte. Im Verhältniß zur Stärke der alliierten Truppen, welche

bei Bergen fochten, war deren Verlust sehr bedeutend *) und ins besondere hatten die Heffen viele Leute verloren. Der Tod des Prinzen von Isenburg war der Armee sehr schmerzlich, denn man verlor in dem Prinzen einen der tüchtigten, energischesten und um

sichtigsten Generale, obgleich er sich in einer militairischen Lauf bahn gerade nicht des Glückes vor dem Feinde zu erfreuen hatte Herzog Ferdinand beklagte überhaupt den Tod und die Ver wundung vieler tüchtigen, ja ausgezeichneten Offiziere und er fühlte sich, nach seinem eigenen Geständniffe, durch den Mangel an guten Offizieren außerordentlich beunruhigt, da von diesen nur noch einige in der Infanterie vorhanden waren, in der Cavalerie aber fie gänzlich fehlten. Betreffs der Completierung der Regimenter bekam der Her zog übrigens die besten Zusicherungen von seinem Bruder, dem

Herzoge von Braunschweig, dem Landgrafen von Heffen und dem

hannoverschen Ministerium, wobeiFerdinand zugleich die Hoffnung hegte, daß England die dadurch entstehenden Ausgaben übernehmen würde.

1) S. „Marsch der zur Expedition bestimmten Truppen aus Westfalen bis Fulda resp. Stockhausen vom 20. bis zum 30. März“ e. 2) S. die Beilage lil.



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Die moralischen Elemente der Armee hatten indeß durch die

erfahrene Niederlage, die bei der berechnenden Vorsicht des Herzogs doch keine allgemeine geworden war, keineswegs gelitten; und na mentlich war es der geordnete Rückzug, welcher den guten und

thatkräftigen Geist der Alliierten unter der besonnenen und ruhigen Führung ihres Feldherrn fortwährend zur Wirksamkeit kommen ließ; wenn auch jene Besonnenheit und berechnende Vorsicht gerade in der Schlacht selbst sich nicht überall, und zwar in einigen entscheiden den Momenten, geltend gemacht hatten. Berichte der Alliierten geben den Verlust der Franzosen auf 2225 Todte und 4000 Verwundete an, während französische Be

richte von einem Verluste von 3- bis 4000 M. reden. Unter den höheren Offizieren, welche an ihren Wunden starben, befand sich der General Dyhern, Commandeur der Sachsen; ferner todt: der Oberst de Closen, der Artillerie-Brigadier de Chabrier, der

Graf v. Sparr; verwundet: der Prinz Camille von Lothringen und der Oberstlieutenant v. Wurmser der jüngere. Die 4 Bat.

des Regts. Piemont hatten allein 43 todte und verwundete Offi ziere, das Regt. Alsace dagegen 18 todte und verwundete Offiziere. An Geschützen erbeuteten die Franzosen nur 6 Sechs- und Drei pfünder, welche aber hauptsächlich wegen Mangel der Pferde ver loren gingen; wogegen sich 4 französische Geschütze in den Händen der Alliierten befanden.

Die Hauptfrucht des von den Franzosen erfochtenen Sieges blieb der fortwährende Besitz von Frankfurt und der damit ver

bundenen, uns früher bekannt gewordenen, Vortheile. Im Uebri gen beseelten neue und frische Hoffnungen zu ferneren Erfolgen die französische Armee, zumal da Herzog Ferdinand selbst durch einen französischen Feldherrn überwunden worden war und man daher das Kriegsglück an dessen Fahnen für die Folge gefesselt glaubte. Die ganze französische Nationtheilteübrigens,beiihrerEmpfäng lichkeit undihrem beweglichen Character,den Freudenrauschder Armee.



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Broglio, der von dem Kaiser mit der Würde eines Reichs

fürsten belohnt wurde, war der Held des Tages, an welchem man mit Bewunderung und Begeisterung hinaufblickte, während Neid und Parteisucht an dem französischen Hofe auf neue Ränke gegen den glücklichen Feldherrn fannen. Betrachtungen über die Schlacht bei Bergen.

Die Stellung der französischen Armee entsprach so ziemlich allen Anforderungen einer Defensivstellung, welche Broglio zur Deckung des ihm so wichtigen Frankfurt's gesucht und bei Ber gen gefunden hatte. Vier Eigenschaften dieser Stellung sind es indeß, welche unseren Blick näher auf sich ziehen, weil sie dem französischen General die meiste Bürgschaft für das Gelingen eines Kampfes boten, wenn derselbe durch Herzog Ferdinand auf genommen werden sollte. Es waren dies: – die trefflichen Stützpunkte der beiden Flügel, von denen der rechte ganz beson

ders durch das ummauerte Bergen und die Gunst des Bodens geschützt erschien; ferner die verborgene Aufstellung auf einem dem Verhältniffe der Truppenzahl noch entsprechenden Raume, welcher zugleich eine gegenseitige Unterstützung leicht gestattete; dann Be herrschung und freie Einsicht des nach dem Feinde hin gelegenen Terrains und endlich die freie Rückzugslinie, auf welcher auf dem kürzesten Wege die bekannte Verstärkung im Anmarsche war. Rechnen wir nun noch die Lage der Stellung zu den von Norden und Osten nach Frankfurt führenden Straßen hinzu, so war es für Ferdinand, vorausgesetzt, daß er überhaupt schlagen wollte,– eine Nothwendigkeit,daß er gerade hier die Franzosen angreifen mußte, weil er, bei einem etwaigen Vordringen aufdervon Friedberg oder auf

der von Hanau nachFrankfurtführenden Straße,durchdie Stellung der Franzosen völlig beherrscht worden wäre, und ein Kampf zur Forcierung der Uebergänge der Nidda und Nidder resp. mit dem Rücken der Armee mehr oder weniger an das rechte Mainufer gelehnt sehr mißlich werden konnte.



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Wenn nun auchdiese Nachtheile vermieden wurden, so war es doch für Ferdinand ein besonderes Wagniß, sich aufdem Plateau mitdem

ihm überlegenen Gegnerzu messen, weil derselbe Zeit vollauf gehabt hatte, die an sich schon starke Stellung vollständig kennen zu lernen und darauf in bestimmter Weise eine Vertheidigungsmaßregeln

zu gründen. Diese Vortheile mußten sich daher um so geltender bei dem Unternehmen des alliierten Feldherrn machen, als diesem verhältnißmäßig eine nur kurze Zeit geboten wurde, mit eigenen

Augen die Gestaltung des Geländes genügend wahrzunehmen, wobei natürlich eine nur dürftige Einsicht in die Anordnungen des Gegners, in Folge der diesem zu Gebote stehenden Deckungsmittel, stattfinden konnte.

Der Angriff auf den Flecken Bergen mußte, da die genü gende Zahl schwerer Geschütze fehlte, völlig erfolglos sein; es fehlte damit alle Einleitung eines ernsten Kampfes, bei dem es sich doch um die schnelle Vertreibung des Feindes besonders han deln mußte. So aber übernahmen nur einzelne Pelotons der Grenadiere, gefolgt von ihren Bataillonen und unterstützt von den leichten Regimentsgeschützen der Infanterie, diese Einleitung, bei welcher, in Betracht der noch ziemlich entfernten Maffen der übrigen Streitkräfte sowie der damaligen Langsamkeit des resp. Aufmarsches, weder an eine nachdrückliche Unterstützung noch viel weniger an einen nur einigermaßen günstigen Ausgang gedacht

werden konnte. Der HerzogFerdinand mußte, bei der Wichtigkeit des Fleckens Bergen für die ganze Stellung Broglio's, immerhin

voraussetzen, daß dieser hier einen großen Theil seiner Streitkräfte vereinigt haben würde. In dieser Voraussetzung konnten vielleicht nur die Ueberlegenheit einer concentrierten Kraft sowie Schnellig keit in der Ausführung des Angriffes auf Seiten des Herzogs von dem Glücke begleitet sein; doch zu beiden mangelten die Mit tel: – und deshalb hätte der Angriff auf Bergen unterbleiben müffen.

Jedenfalls war der bloße Versuch, den HerzogFerdinand nur



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einen coup manqué nannte und bei dem nur dessen linker Flügel und der rechte Flügel der Franzosen in das Gewehrfeuer kamen, dennoch zu kostspielig und gewann nichts für die Einbuße an Blut der Tapferen, die, ebenso Tapferen gegenüber, hier eine wahre Sisyphus-Arbeit verrichteten, doch immerhin ernste Besorgniffe

bei dem französischen Feldherrn erregen mußten, da Bataillone auf Bataillone zur Unterstützung der Angreifer abgesendet wurden.

Die ganze Haltung Broglio"s trug übrigens nicht minder, wie die Ferdinand's, das Gepräge der Ruhe; jedoch im Gegen fatze zu diesem nur mit dem Unterschiede, daß Broglio gleichsam mit apodiktischer Gewißheit auf die Stärke seiner Stellung und auf die Untrüglichkeit einer übrigens trefflichen Anordnungen während des Gefechtes baute, – während Herzog Frrdinand immer mehr einsehen mochte, daß er sich in einen bösen Handel eingelaffen habe, vor den ihn seine Eigenschaften als ausgezeichneter Feldherr hätten bewahren sollen. Lag es dennoch in der Absicht Ferdinand’s, trotz den für ihn ungünstigen Verhältniffen zu schlagen, so blieb ihm wohl, nament lich nach der Ankunft des größten Theiles seiner schweren Artillerie, kein anderer Angriffspunkt übrig, als der linke Flügel der Fran zosen, während die Vertheidiger des Fleckens Bergen so wie die seitwärts auf dem Plateau den Alliierten gegenüber stehenden feindlichen Streitkräfte angemessen beschäftigt werden mußten. Aber auch dieses Auskunftsmittel konnte unter Umständen ein sehr gefährliches werden, zumal, wenn es Broglio"s Absicht wurde, sich mit Uebermacht auf den auf dem Plateau befindlichen Armeetheil Ferdinands zu werfen, während ein anderer Theil der Alliierten im Thalgrunde der Nidda, behufs der Forcierung des linken französischen Flügels, angekommen sein würde. In diesem Falle war es nicht unwahrscheinlich, daß die alliierte Armee an die Nidda gedrängt oder doch von dem Truppentheile in dem

Thale derselben abgeschnitten worden wäre. Beharrte dagegen Broglio in dem Festhalten seiner Stellung, und endete Herzog



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Ferdinand, – wie es das Gefährliche eines solchen Wagniffes wollte – eine nur mäßig starke Abtheilung in das in der Nähe der Nidda gelegene intrikate Terrain, um den linken Flügel

Broglio"s anzugreifen, so nahm diese Bewegung nur den Charakter einer Demonstration an, mit welcher die Verhältnisse auf dem Plateau um so weniger zu Gunsten der Alliierten geändert worden wären, als Broglio an jenem Flügel Mittel genug besaß, selbst einen ernsteren und mächtigeren Angriff mit aller Entschiedenheit abzuweisen.

Ein nur flüchtiger Blick auf diese Gesammtverhältniffe der beiden Gegner dringt die Ueberzeugung auf, daß die Schlacht überhaupt nur unter der Ungunst der obwaltenden Zustände des Bodens und der Stellung der Franzosen vonFerdinand geschlagen

werden konnte. Hätte dagegen derselbe die Schlacht meiden und fich auf einen Manöverkrieg gegen Broglio einlassen wollen, so war voraussichtlich der Erfolg um so zweifelhafter, als Broglio

beinahe stündlich die Verstärkung unter St. Germain erwartete, dann aber so überwiegend an Streitkräften das Feld zu halten vermochte, daß Ferdinand’s Unternehmen mit jedem Tage mehr

an Chancen verlieren mußte. Herzog Ferdinand erkannte indes recht gut diese ihm drohende Gefahr; und gerade die am 14. April stattfindende Ankunft St. Germain’s bei Broglio, ferner der be deutende Verlust an Offizieren und endlich die Nachrichten, welche

dem Herzoge aus Münster und Fulda von den Bewegungen des Feindes zukamen, ließen ihn seine Expedition als mißlungen an fehen.

Ferdinand trat seinen Rückzug, unmittelbar nachder Schlacht, mit vieler Geschicklichkeit an und beendete ebenso denselben. Die letzte Angriffsbewegungwar, nach dem Erntedes vorausgegangenen

Kampfes, wo man mit mäßigen Mitteln sich in ein bedenkliches Gefecht eingelassen hatte, – ganz dazu geeignet, selbst einen ge übten und geschickten Gegner, wie es Broglio war, über die eigentliche Absicht der Alliierten zu täuschen. Eine solche Täuschung Renouard Gesch. 11. Bd.

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schien Broglio in der That von einer ernsten Verfolgung abge halten zu haben, wenn auch von Haus aus er es sich zum Gesetze gemacht haben mochte: – eine Stellungen nicht zu verlaffen und damit sich Vortheile zu sichern, deren Mehrung bei der trefflichen Haltung der Alliierten und der ihnen gegen den Schluß der Schlacht zugekommenen Angriffsmittel gerade nicht in Aussicht stand. Jene Enthaltsamkeit Broglio's, nicht mit seiner Hauptmacht fich in die Verfolgung einzulaffen, entsprach indes nur einem früheren Verhalten und war für ihn wohl auch die beste Wahl, da, wie bereits oben gesagt wurde, die moralischen Elemente der

Alliierten keineswegs eine Einbuße erlitten hatten und das lang fame Zurückgehen. Ferdinand’s nicht nur auf diesen Zustand fchließen ließ, sondern den Feind sogar auch zur Verfolgung ein zuladen schien.

Der Rückzug der Alliierten unter Herzog Ferdinand, vom 14. bis zum 23. April, von Windecken nach Ziegenhain; fo wie Anordnungen, den künftigen Abmarsch nach Westfalen betreffend.

Nach allen Anordnungen, welche Broglio unmittelbar nach der Schlacht traf, darf man annehmen, daß derselbe nichts wagen dennoch aber seinem Gegner möglichst Abbruch während dessen Rückzuges thun wollte. So erhielt General Blaizel, dessen Corps bei Marburg stand, den Befehl, zur Unterstützung des mit der Behauptung Friedberg's beauftragten Fischer'schen Corps abzu marschieren und die Alliierten möglichst zu beunruhigen. Mit gleichem Auftrage verließ noch in der Nacht vom 13. zum 14. April General d'Apchon mit 2 Drag-Regtr. die Armee und marschierte nachFriedberg; als Unterstützung folgten ihm am 14. April 1. Bat. und 8 Esc., die sich zwischen Vilbel und Friedberg aufstellten. Am Morgen desselben Tages traf auch die

erste Division des Corps von St.Germain bei Broglios Armee ein, trat aber nicht mitdieser zusammen sondern lagerte besonders.



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Während man sichfo aufder linken Flanke der alliierten Armee

zur Verfolgung derselben vorbereitete, begannen auch die in dem

Fränkischen ohnweit der Grenzen des Fuldaichen Gebietes stehenden Truppentheile der Reichsarmee sich zu rühren. Zu diesen Truppen gehörte namentlich der Oberst Veczey, welcher mit einigen hundert Croaten und dem österreichischen Husaren-Regt. Czerzeni zwischen Hammelburg und Bischofsheim zum Schutze des Bisthumes

Würzburg stand und mit der französischen Armee unter Broglio Verbindung erhielt.

Wir werden später den Truppen des genannten Obersten wieder begegnen; bis dahin aber mögen wir dem weiteren Rück zuge der alliierten Armee folgen.

Ferdinand hatte bereits alle Verwundete nach Caffel voraus geschickt, als er mit der Armee, nachdem in und beiMarienborn c.

abgehaltenen Rasttage, am 17. aufbrach und nach Bingenheim (Bingenheim und Blofeld, 1%. M. n. v. Windecken) marschierte, während die Arrièregarde unter dem Prinzen Holstein ihr Lager bei Leidhecken aufschlug. Heftiges und anhaltendes Regenwetter hatte sich eingestellt, als die Armee am 18. April aus ihrem Lager zwischen Blofeld und dem Forsthause bei Bingenheim ab marschierte und die frühere Richtung nach Hungen resp. Grünberg verfolgte. Auf diesem Marsche war es, wo der Feind (Truppen des Generals Blaizel und des Fischer'schen Corps) zum ersten male nach der Schlacht sich wieder zeigte, indem er bei Biffes

(Biffes, etwas über 1 M. f. v. Hungen), etwa 2- bis 3000M. stark, auf die Arrièregarde stieß, doch mit bedeutendem Verluste zurückgejagt wurde, wobei die Finkensteinschen Dragoner einige Mann verwundet bekamen und die preußischen Jäger einen Theil ihrer Bagage einbüßten.

Der Feind folgte übrigens der Arrièregarde noch bis Hungen, wo dieselbe, wie die Armee bei Grünberg, des schlechten Wetters

wegen, kantonierte und dabei folgende Stellungen inne hatte. Der rechte Flügel oder 3 Esc. Finkenstein Dragoner und 1. Bat. 8*



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braunschweigischer Grenadiere unter dem General-Major, Graf v. Finkenstein, stand in Lich; der linke Flügel mit dem Stabs quartiere des Prinzen von Holstein kantonierte dagegen in Rup pertsburg; und die Mitte, aus 2 Esc. der genannten Dragoner und 1 Bat. braunschweigischer Infanterie unter Major v. Thun

bestehend, hatte Langsdorf besetzt, während die Husaren und Jäger bis Hungen vorgeschoben waren. Am 19. April erreichte die Armee die Gegend bei Nieder Ohmen und Burggemünden (Nieder-Ohmen, 1 M.; Burggemünden,

11, M. n.-ö. v. Grünberg); der Feind aber war diesmal glück licher bei seinen Angriffen auf die Arrièregarde. General Finken

stein empfing um 8 Uhr Morgens von dem Prinzen von Holstein den Befehl, unmittelbar nach dem Empfange der Marschdisposition für den 19. April und der Bezeichnung der am Abende zu be ziehenden Quartiere aufzubrechen. Bis Mittag wartete man in

Lich vergebens auf die Ankunft der Marschdisposition, deren Ueberbringer, ein Offizier, von dem Feinde aufgefangen worden war. Dagegen erschien daselbst ein Offizier von der Abtheilung in Langsdorf, welcher das Ausrücken derselben, wegen des in der

Gegend von Grünberg gehörten Kanonenfeuers, meldete und um weitere Verhaltungsbefehle den General Finkenstein ersuchte. Bevor jedoch jener Offizier mit dem Befehle desselben: – bei entstehendem Alarm die Abtheilung in Langsdorf nach Lich zurückzuziehen, an dem ersteren Orte ankam, war die genannte Abtheilung bereits ausmarschiert und Niemand vermochte über deren Marsch nähere Auskunft zu geben. Inzwischen hatte man auch in Lich Kanonen schüsse in der Gegend von Grünberg gehört; überdies war auch Nachricht von dem Aufbruche der Armee eingegangen und dabei hatte sich das Gerücht verbreitet, daß eine feindliche Abtheilung in der Nähe stände, um den Truppen unter Finkenstein den Rück zug zur Armee abzuschneiden. Unter solchen Umständen setzte sich nun auch die Abtheilung in Lich in Marsch und schlug dabei den Weg über Haarbach (Haarbach, über 2, M. sw. v. Grünberg)



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und Hattenrod nach Grünberg ein. Die hier befindlichen zahl reichen Waldungen machten es sehr schwierig, durch ausgesendete Patrouillen Nachrichten von den Bewegungen des Feindes einzu ziehen, und so kam es, daß in dem Walde zwischen Lich und

Hattenrod eine feindliche Abtheilung, meist leichte Truppen, das Detachement unter Finkenstein plötzlich im Rücken und in den beiden Flanken anfiel. Das waldige Terrain gebot den Dragonern nur in kleinen Trupps zu fechten; glücklicherweise erreichte man aber kurze Zeit nach dem Anfall lichtere und ebene Stellen des

Bodens, so daß es nun möglich wurde, dem Feinde einen kräf tigeren Widerstand zu leisten.

Unter der Verfolgung desselben

erreichte Finkenstein um 9 Uhr Abends Grünberg und vereinigte sich hier mit den Jägern und den Husaren der Arrièregarde, welche von Hungen aus bis hierher ebenwohl, während des Tag marsches der Armee, gedrängt worden waren. Am unglücklichsten war das Schicksal der in Langsdorf

unter Major Thun gestandenen Abtheilung ausgefallen.

Wir

wissen aus dem Obigem, daß dieselbe betreffs der einzuschlagenden

Marschrichtung keinerlei genaue Kenntniß besaß. Trotzdem hatte sie sich in Marsch gesetzt, stieß jedoch zwischen Münster und Queck born, ohnweit Grünberg und Laubach, auf eine überlegene feind liche Abtheilung. Die Marschordnung des Majors wurde Ursache, daß ein beträchtlicher Theil der beiden Ese. Dragoner, d. h. bis auf 50 Mann, gefangen genommen wurde. Hinter der Bagage einherziehend, fanden sich die Dragoner von dem Bataillon braun

schweigischer Infanterie getrennt, welches gerade auf dem Marsche durch das DorfQueckborn begriffen war, als der Feind von allen Seiten sich auf die Dragoner stürzte. Dieselben sahen hierdurch den Weg zu ihrer Infanterie versperrt, suchten in der Richtung gegen Lich auszuweichen, fielen aber dabei anderen feindlichen Ab

theilungen in die Hände und erlitten obigen Verlust, unter welchem sich Major Thun mit 8 Offizieren befand. Dem Infanterie Bataillon gelang es dagegen, den Feind von sich abzuhalten und



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zur Armee zu gelangen, ohne irgend einen anderen Verlust als den feines Gepäckes erlitten zu haben.

Bis zum 23. April setzte sich der Rückzug der alliierten Armee über Alsfeld und Neukirchen bis Ziegenhain fort, wo die selbe in der Umgegend Cantonirungsquartiere bezog, der Herzog aber in diesem Orte sein Hauptquartier nahm. Eine Ausnahme hiervon machten die unter dem Commando des Prinzen Holstein und des Generals Wutginau stehenden Truppen, welche, 6 Bat.

(Leibregiment, Garde, Grenadier, Erbprinz, Gilsa und Mansbach) und 16 Esc., worunter Leibdragoner und Miltitz, stark, die Rich tung über Jesberg nachFritzlar einschlugen, während der Erbprinz

mit 7 braunschweigischen Bat. und 7 Esc. (der englischen Cav. Brig), am 23. April in der Umgegend von Caffel eintraf. Die Nachrichten, welche Ferdinand in Ziegenhain aus guter Quelle über die Verhältniffe in Westfalen bekommen hatte, waren die Veranlassung zu den beiden letzteren Bewegungen geworden. Hiernach sollte es Absicht der Franzosen sein, über den Rhein zu setzen, Münster anzugreifen und die Hannoveraner über die Weser zurückzujagen. Den Bewegungen der beiden genannten Corps schloß sich aus gleichem Grunde der Abmarsch des Generals Hardenberg mit 3 Bat. und 2 Esc. nach Westfalen an. Derselbe sollte am 27. April zu dem in Erwitte und Anrüchte kantonierenden Corps des

Generals Imhof stoßen; dieser aber hatte dort das Commando abzugeben, um in Heffen an die Stelle des gebliebenen Prinzen von Isenburg zu treten, dessen Corps die nach Hessen führenden Defileen besetzen würde. Herzog Ferdinand empfahl übrigens dem General Spörken, bei der drohenden Gefahr die besten Maßregeln zu ergreifen; wes halb derselbe die Osnabrückche Division in der Stärke von 3 Bat. und 6 Esc, sowie 2 Bat. und 7 Esc. englischer Truppen bis zum 27. April näher an Münster heranzog. Zur Zeit des Marsches der alliierten Armee nach Alsfeld,



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also am 20. April, kam eine 100 M. starke Abtheilung der Czerzenischen Husaren unter Rittmeister v. Kainrath nach Fulda, alarmierte das dortige aus preußischen Husaren, hessischen Drago nern, hessischer und braunschweigischer Infanterie zusammenge fetzte Detachement, verwundete 4 Husaren und machte einige Ge fangene. Am 22. April wiederholte sich der Angriff des Ritt meisters, wobei 2 hessische Dragoner und der braunschweigische Lieutenant Thomä gefangen genommen wurden. Kainrath verfolgte das abziehende Detachement bis Schlitz, dieses verließ indes diesen Ort in der Nacht vom 23. bis zum 24. April, mit Ausnahme eines Commandos von 60 M. und Pferden. Erst am 24. April

versuchte es diese Abtheilung, durch die nahe liegenden Berge und Waldungen zu entkommen; doch verlegte ihr Rittmeister Kainrath den Weg, tödtete 2 M. und machte 20M. nebst 18 Pferden zu Gefangenen.

Plan Ferdinand’s betreffs der Behauptung Westfalens und

Hannovers; die Expedition des Generals Urff nach Königs hofen, vom 6. bis zum 18. Mai.

Die oben erwähnte Nachricht von den Absichten der Fran zosen in Westfalen bestärkten den Herzog Ferdinand in seinem Entschluß: – nachMünster zurück zu kehren und dort mit größt möglichster Stärke das rechte Rheinufer zu behaupten. Ferdinand nahm indeß hierbei zugleich Bedacht auf ein etwaiges gleichzeitiges Eindringen der Reichsarmee und der französischen Armee unter

Broglio in Hessen. Für diesen Fall sollte ein großer Theil der leichten Truppen in den Sollinger Wald und in den Harz ge worfen werden, um dort den Franzosen bedeutende Hindernisse in den Weg zu legen, – ein Auskunftsmittel, welches um so er

giebiger zu werden versprach, als gerade der Raum zwischen jenen beiden Waldgebirgen von dem Feinde passiert werden mußte, wenn

dieser in Hannover eindringen wollte. Ferner sollte Hameln mit einer genügenden Besatzung versehen werden, sowie denn auch der



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Rest des Isenburg'schen Corps seinen Marsch bis in die unmit telbare Nähe von Lippstadt zu richten hatte, da von hier aus der

Herzog den Feind in Flanken und Rücken zu faffen vermochte. Dieser Plan des Herzogs erhielt die volle Billigung des Königs Friedrich, welcher jedoch bei dieser Gelegenheit Ferdinand darauf aufmerksam machte, daß Contades, sobald man sich gegen

ihn wenden würde, den Herzog im Schach zu halten suchen dürfte. Detachire dagegen Ferdinand gegen Broglio, so wäre es eben so wahrscheinlich, daß Contades sich wieder in Bewegung setzen würde.

Zu derselben Zeit (3. Mai) wo Friedrich dem Herzoge diese Mittheilungen machte, deutete der erstere auf den demnächst – d. h. nach der Operation gegen die Magazine der Oesterreicher auf der Grenze. Böhmens, – stattfindenden Angriff des Prinzen Heinrich auf die Reichsarmee. So günstig auch dieses Unter nehmen anf die Verhältniffe Ferdinand's einwirken mußte, so

wäre der letztere doch durch einen Marsch des Prinzen Heinrich nach Heffen – wenn solcher überhaupt statthaft war – noch mehr unterstützt worden. Statt dessen fah fich aber Ferdinand, in Folge einer Bitte des Prinzen, veranlaßt, am 6. Mai den

General Urff mit 6 Bat., 3. Cav-Regtr., 500 Dragonern und Husaren sowie 600 hannoverschen Jägern und Schützen über Meiningen nach Römhild resp. Königshofen zur Unterstützung jenes Unternehmens des Prinzen zu detachiren. Dieses Corps traf am 9. Mai in der Nähe von Königshofen ein, schob von hier Abtheilungen gegen Bamberg und Schweinfurt vor, machte einige Gefangene, kehrte dann nach Meiningen zurück und traf

am 18. Mai wieder in Heffen bei der Armee ein. In der That war dieser Zug Urffs, bei welchem die zwischen Fulda, Coburg und Bamberg stehenden österreichischen Abtheilungen über den

Main zurückgejagt wurden, die Veranlassung zu ernsten Vefürch tungen Broglio's, die, nach dem Urtheile des Königs, auchMar

schall Daun zu theilen schien, und der erstere schloß daraus, daß



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Daun sich deshalb zu vielen falschen Dispositionen verleiten laffen würde.

Anfichten, Pläne und Vorkehrungen Broglio"s und Contades" betreffs der Fortfetzung des Feldzuges.

Während die alliierte Armee sich in den Cantonierungsquar tieren von den Strapazen erholte und Herzog Ferdinand die Vor kehrungen zu seinem Abmarsche nach Westfalen traf, hatte die Nachricht von dem Siege bei Bergen neue Thätigkeit, betreffs der Fortsetzung des Feldzuges, in die maßgebenden Kreise der franzö schen Regierung c. gebracht. Mit dem Rückzuge Ferdinand's nach Ziegenhain waren aber bei Broglio keineswegs die Befürch tungen bezüglich eines wiederholten Angriffes von Seiten des er fteren verschwunden, zumal da das Eindringen der Armee des Prinzen Heinrich in Franken und die im Gerüchte sich bedeutend ver größernde Detachirung Urff's nach Königshofen höchstwahrschein lich bei Broglio den Glauben hervorriefen, daß es in der Absicht

des Prinzen Heinrich und des Herzogs Ferdinand liege: – nach der Zersprengung der Reichsarmee die der Franzosen bei Frank furt und Hanau anzugreifen. Diese Annahme mußte durch die zahlreichen Verschanzungen, welche die Franzosen seit Anfang Mai längs des Mains aufwarfen, sowie auch durch das Zurückbehal ten des Corps von St. Germain gerechtfertigt erscheinen, dessen

Weisung dahin ging: – bis zum Beginn der Operationen in der Wetterau zu bleiben, dann aber sich wieder der Hauptarmee anzuschließen.

Marschall Contades, welcher am 25. April in Frankfurt er schien und die dortigen Stellungen in Augenschein nahm, setzte schon am 29. April eine Weiterreise durch die Quartiere der Armee fort und traf am 4. Mai in Crefeld ein. Seine An fichten in Bezug auf das Zusammenhalten seiner Streitkräfte und das Festhalten Westfalens waren, auch nach dem von dem Prinzen Heinrich auf die Reichsarmee ausgeführten Angriffe, die



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selben geblieben ); und die Erklärung des Marschalls, Franken und Westfalen nicht zugleich decken zu können, eben weil beide

Länder zu weit von einander lägen und auch der König den Besitz von Westfalen vorzöge, – ließ die Vorstellungen des Versailler

Hofes betreffs des Schutzes des Oberrheins und Frankens vor erst als nutzlos erscheinen, wenn auch dieselben durch die Klagen der resp. Reichsfürsten veranlaßt worden waren. Mit dem Beziehen seines Hauptquartiers in Düsseldorf am 5. Mai begann die Ausführung der Maßregeln, welche Marschall Contades zum Zusammenziehen seiner Armee zwischen dem 7. und

10. Mai in folgenden Lagern genommen hatte. Das 1. Lager in der Wetterau unter Broglio zählte . . . . . . 32 Bat. und 28 Esc das 2. zu Neuwied unter Beaufremont . 20 „

„ 33

das 3. zu Deutz unter Noailles . . . 18 „

„ –

das 4. zu Düsseldorf unter Contades

„ 10

. 25 „

das 5. zu Büderich unter Chevreuse . . 24 „ das 6. zu Calcar unter St. Pern . . 12 „ das 7. zu Aarsen unter Briffac . . . – „ Summa

„ 12 „ 8 „ 45 „

T3TBatu 136E)

Gleichzeitig mit dem Concentrieren dieser Truppentheile wur den Brücken zwischen Wesel und Rees über den Rhein geschlagen. Marschall Contades hatte indes bei diesen Lagerstellungen doch den früheren Vorstellungen seines Hofes sowie den inzwischen mit dem Mai eintretenden Thatsachen in Franken, – insoweit Einfluß gestattet, daß es ihm möglich wurde, den Feldzug sowohl über Gießen als auch an der Lippe eröffnen zu können; und in

unmittelbarem Zusammenhange stand damit die Erklärung: die Richtung seines Angriffes von der Stellung abhängig machen zu 1) S. Betrachtungen über die vom 27. Februar bis zum 12. April incl. stattgefundenen Operationen der alliierten Armee“ c. 2) Feldzüge der alliierten Armee 1c. von v. Reden, 2. Bd., S. 16.

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wollen, welche Herzog Ferdinand in den Tagen zwischen dem 20. und 25. Mai einnehmen würde. Die Erklärung Belle-Isle's, worin derselbe seines und des Königs Ludwig XV. Wunsch aussprach, stand mit den Maßnah men des Marschalls nicht im Einklang und mußte jedenfalls dazu beitragen, die Anschauungen und Urtheile sowie natürlich auch die Entschlüsse des Letzteren zu einer Zeit zu durchkreuzen, wo es

eines bestimmten, dem eigentlichen Zwecke entsprechenden Vorge hens bedurfte. Belle-Isle erklärte sich für ein Beginnen der Operationen vom linken Flügel aus; er legte kein die resp. Ent schlüsse bestimmendes Gewicht auf den Wunsch der mit Frankreich verbündeten Reichsfürsten, eben weil die Bestimmung der franzö fischen Armee nach der Besiegung der Alliierten unter Ferdinand

sowie nach der Einnahme von Hannover ziele. Mit dieser Aufgabe seien zugleich die Verbindung im Rücken

der französischen Armee mit dem Niederrhein, sowie das Festhalten der nach Holland und in die österreichischen Niederlande führenden Hauptstraßen verbunden; – Begehren, die sich freilich nicht mit der Forderung der Reichsfürsten, den Schauplatz des Krieges nach Franken zu verlegen, vertrugen, während die Aufgabe der Reichs armee in der Deckung von Franken bestand. Die traurigen Berichte, welche inzwischen aus Franken, nach

dem Einfalle des Prinzen Heinrich, bei Broglio eingetroffen waren, forderten diesen zur Hülfleistung auf, ohne daß jedoch weder Broglio noch Contades es für angemessen fanden, jener Aufforderung Folge

zu leisten; – und zwar der erstere: weil er im Falle der Hülf leistung dem Haupttheile der alliierten Armee einen offenen Raum gegen Frankfurt darbieten würde; der letztere dagegen: weil er ganz andere Zwecke, als die Deckung Frankens, zu verfolgen habe. Wie wir bereits oben erwähnten, so waren die Vorkehrungen des Marschalls Contades von der Art, daß er den Feldzug sowohl über Gießen als auch an der Lippe zu eröffnen vermochte. Zu der ersteren Auskunft sah sich nun Contades durch wiederholte und



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dringendere Vorstellungen der Stände des fränkischen Kreises ge nöthigt; gleichwie denn auch diese Vorstellungen ein bedeutendes Gewicht durch die Kunde von der Vereinigung des dem Gerüchte nach 15- bis 16.000 M. starken Urffschen Corps mit der Ar mee des Prinzen Heinrich bekommen hatten. Nach diesen Vorgängen entwickelte sich der Feldzugsplan der Franzosen dahin: – aus Westfalen an die Lahn zu marschieren,

um durch diese Bewegung zunächst den Herzog Ferdinand zu ver anlaffen, den General Urff zurückzurufen. Nächstdem sollte die

Hauptmacht der französischen Armee durchHeffen gegen die Weser und längs dieses Stromes vordringen und hierdurch die alliierte Armee zum Aufgeben von Westfalen und zum Rückzuge über die Weser nöthigen. Der Marquis d'Armentières hatte inzwischen mit einem Corps von 15.000 M. von Wesel aus das Bisthum Münster in Besitz zu nehmen.

Mit der Wahl der Operationslinie über Heffen sicherte sich Contades, im Vergleiche zu der in Westfalen, ungleich bessere Communicationen, da sowohl die Straßen in dem ersteren Lande geeigneter zur Kriegführung waren, dann aber auch die Weser eine sehr erwünschte Verbindung zwischen Süd und Nord bot.– Bevor wir den beiderseitigen großen Operationen und na

mentlich dem Herzog Ferdinand nach Westfalen folgen, müssen wir die Stellungen der Broglio"schen Armee, welche dieselbe vom

19. April an inne hatte, näher in das Auge fassen, um dann diejenigen speciellen Anordnungen im Bereiche jener Armee kennen zu lernen, unter deren Deckung der Marsch der vom Rhein gegen

Marburg und Gießen heranziehenden französischen Truppentheile stattfinden sollte.

Im Allgemeinen hielt die Broglio"sche Armee das Flüßchen Sieg von dessen Mündung in den Rhein an, dann den Raum von

Laasphe bis Dillenburg und dasThal der Dill resp. dasderLahn bis Gießendurch Infanterie- undCavalerie-Abtheilungen besetzt,während die übrigen Truppen der Armee in und beiFrankfurt vom 19.April

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an kantonierten. Zu diesen Truppen zählte vorerst auch das Corps St. Germain's, welches in der Gegend von Ginnheim resp. Bocken heim seine Quartiere hatte. Von den zu den obigen Abtheilungen gehörigen Truppentheilen standen:

Der Marquis Deffalles mit einem beträchtlichen Detachement in Gießen;

Der Marquis d'Auvet, welcher überhaupt in der Wetterau befehligte, hatte seinen Stützpunkt in Hachenburg; ferner standen Abtheilungen in Neukirchen, Herborn und Hagen: der Marquis Noé in Altenkirchen; weiter Abtheilungen in Siegen, deren Patrouillen bis Berleburg gingen, in Oberlaasphe mit Patrouillen bis jenseits Frankenberg und bis Marburg; endlich in Driedorf. Mit dem Monate Mai begannen zur Zeit, wo von den am Rhein stehenden französischen Truppen die oben genannten Läger bezogen wurden, einige wesentliche Veränderungen in den Verhält

niffen der vorerwähnten einzelnen Abtheilungen. So mußten von Herborn aus 400 Turpin'sche Husaren und 500 Freiwillige die nach Marburgführenden Wege ausbessern und zugleich die Deckung der bei Siegen und Hachenburg liegenden Quartiere übernehmen. Marquis d'Auvet, dessen Hauptquartier sich inHachenburg befand, wurde hier am 15. Mai durch 8 Bat. unter dem Marquis von Ségur verstärkt, und detachirte hierauf den Marquis Noé mit 1200 M. zur Besitznahme des Schlosses Dillenburg. Inzwischen marschierte d'Auvet selbst mit sämmtlichen leichten Truppen nach Oberlaasphe, um die Gegenden bei Frankenberg und Berleburg zu recognoscieren, während die Patrouillen der in Siegen stehenden Abtheilung bis Olpe und Altendorn streiften. Ein in Frankenau stehender Posten der Alliierten zog sich zeitig vor den leichten Truppen d'Auvet's zurück; diese aber nahmen hierauf mit ihrem größten Theile unter dem Grafen Melfort Stellung bei Biedenkopf. Noè besetzte dagegen mit seinem De tachement den Engpaß bei Eibelshausen, um die Verbindung zwi



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fchen Oberlaasphe und Dillenburg zu sichern; die Abtheilung Sé gur's aber wurde hierher und nach Herborn verlegt. Im Uebri gen verstärkte d'Auvet die Garnison von Siegen und detachirte mehrere Compagnien Freiwillige nach Altendorn.

Nach dem Vorstehenden dehnte sich die Stellung der fran zösischen Vorposten, hinter welchen späterhin der Marsch der vom Rhein kommenden Armee des Marschalls Contades stattfand, von

der Mündung der Sieg in den Rhein bis Frankenberg in Heffen aus; und von hier setzte sich die Postenkette über Gemünden nach Homberg an der Ohm fort. Alle diese Verhältniffe, mitAusnahme derjenigen Bewegungen, die unmittelbar auf den Abmarsch der Contade'schen Armee nach Heffen deuteten, waren dem Herzog Ferdinand der Hauptsache nach bekannt geworden; ebenso auch, daß Broglio 5000 Wagen bei Friedberg hatte zusammenbringen lassen, um das dortige Magazin weiter transportieren zu können. Aus dieser Anordnung schloß

indeß Ferdinand auf die Absicht des französischen Generals, irgend einen Handstreich auszuführen, der jenen aber wohl nicht früher von den Ufern des Mains hinwegführen mochte, bis er von der Wendung der Dinge in Franken Nachricht bekommen.

So hatten sich die Verhältnisse in Heffen gestaltet, als Ferdinand den Entschluß faßte, in aller Kürze nach Westfalen ab zugehen. Er erfüllte damit auch einen dringenden WunschFriedrichs, welcher es für höchst nothwendig erachtete, daß der Herzog die von dem Marschall Contades beabsichtigten Unternehmungen per sönlich beobachtete.

Siebenter Wlbfchnitt. Abgang des Herzogs Ferdinand aus Heffen nach Westfalen; veränderter Plan desselben betreffs des hier zu beobachtenden Verhaltens.

Es war am 16. Mai, als Herzog Ferdinand Ziegenhain verließ und bis zum 24. Mai über Wabern, Stadtberge und Lippstadt – Hamm erreichte, von wo er schon am nächsten Tage fein Hauptquartier nach dem Schloffe Recke (Recke 1% M. ö.

v. Hamm) verlegte. Nach den Befehlen, welche Ferdinand am 21. Mai an Spörken und andere Generale erließ und die weiter unten hier ihre Erwähnung finden werden, müssen mindestens schon am 20. nähere Nachrichten über die Bewegungen Contades" bei dem Herzoge eingegangen sein. Diese Nachrichten bezogen sich namentlich auf einen von dem französischen Hofe an den Marschall abgesendeten Befehl, nach welchem derselbe dem Herzog Broglio zu Hülfe eilen solle, – ein Befehl, dem auch die eben wohl eingegangenen Nachrichten von dem allmäligen Abmarsche der zeither in den Lägern von Büderich und Deutz stehenden Truppen, von der Ansammlung derselben bei Düsseldorf und dem unablässigen Abmarsche von Truppentheilen von Cöln aus gegen den Westerwald entsprachen. Der ursprüngliche Plan, nach welchem Herzog Ferdinand zur Deckung Münster's die nämliche Stellung einzunehmen gedachte, welche im verfloffenen Jahre von seiner Armee eingenommen wurde, änderte sich jetzt dahin, daß die sämmtlichen in Westfalen



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stehenden Truppen der Alliierten so nahe zusammengezogen werden sollten, daß sie nach zwei kleinen Tagemärschen bei Dortmund vereinigt werden konnten. Zur Förderung der Ausführung dieses Planes legte man in Hamm, Lippstadt, Bielefeld und Rietberg Magazine an; ebenso begannen eifrige Arbeiten an den Befesti

gungen von Lippstadt und Münster; auch erhielt der Graf von Bückeburg den Befehl, in der letzteren Festung einen Train schwerer Artillerie von Mortieren, Vierundzwanzigpfündern und Haubitzen in Bereitschaft zu setzen ). Im Uebrigen wurde das von dem

Landgrafen von Hessen neu errichtete Artillerie-Corps mit dem 20. Mai dienstfähig. Abmarsch der Corps des Erbprinzen von Braunschweig und des Prinzen von Holstein aus Heffen nach Westfalen, am 15. und 17. Mai; die Vertheilung der alliierten Truppen dafelbst.

Wir verließen oben) das Corps des Prinzen von Holstein c. auf dem Marsche nach Fritzlar und das des Erbprinzen in der Umgegend von Caffel, ferner den General Hardenberg auf dem Marsche nach Westfalen und endlich das früherhin Isenburgische, demnächst durch den General Imhof zu befehligende, Corps, als den in Hessen zurückbleibenden Armeetheil. Die beiden ersteren Corps brachen am 15. und 17. Mai aus ihren Cantonierungsquartieren auf und marschierten über Cor bach und Brilon gegen Lippstadt. Das Corps des Erbprinzen rückte am 23. Mai in das Lager bei Unna; das Corps unter Hardenberg aber, welches am 27. April bekanntlich zu dem bei Erwitte und Anrüchte kantonierenden Corps des Generals Imhof gestoßen war und nunmehr die Stärke von 8 Bat.10 Esc. hatte, vereinigte sich am 24. Mai mit dem Crbprinzen, während die 1) S. im 6. Abschnitt: – „Ergänzungen betreffs der Verstärkung der alliierten Armee.“

2) S. im 6. Abschnitt: – „Der Rückzug der Alliierten, vom 14. bis zum 23. April, von Windecken nach Ziegenhain“ c.



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dem ersteren Corps (Hardenberg) beigegebeneLucknersche Huf-Esc. nach Lembeck zu der dort stehenden 1. Esc. abging. PrinzHolstein hatte dagegen feinen Weitermarsch auf Kamen gerichtet und hier und in der Umgegend Quartiere bezogen, während die Husaren von Ruesch mit den preußischen Freiwilligen zwischen Unna und Schwerte als Reserve standen. Nach der Vereinigung mit Hardenberg bezogen die braun schweigischen Bataillone vom Corps des Erbprinzen Cantonnements

zwischen Lünen und Unna, so wie die englische Cav.-Brig. zwischen Werne und Hamm; Hardenberg aber blieb mit 8 Bat. und 12 Esc. im Lager bei Unna.

Was die Vertheilung der Uebrigen in Westfalen stehenden alliierten Truppen betrifft, so bezog General Wangenheim mit 6 Cav. und 8 Esc. ein Lager beiHaltern, ließ aber am 24.Mai

2. Esc. (Busch-Dragoner) nach Unna zu Hardenberg abgehen. Ferner verließen 4 Bat. Engländer (die frühere Besatzung) Münster am 22. Mai und marschierten nach Olfen und Nord kirchen; das Generalquartier Spörken’s jammt den beiden Garde bataillonen kamen nach Dülmen, in dessen Nähe aber die Leib garde und die Grenadiere zu Pferd, die schwere Artillerie nach Buldern.

Lord Sackville's Hauptquartier war zu Lüdinghausen, die 7 Esc. starke Brigade Lord Elliot's aber kantonierte in der Nähe der ebengenannten englischen Infanterie, wo auch die 3 Bat. Alt-Zastrow, Diepenbroick und vac. Dreves unter Oberst Dreves zwischen Dülmen und Olfen ihre Quartiere bekamen, während die Cav.-Regtr. Bock und Reden solche in Lette und Umgegend nahmen.

Die Besatzung in Münster wurde durch ein aus Leuten der Regtr. Brunck, Scheither, Schulenburg und Reden zusammen gesetztes und 4 Comp. starkes Bataillon, so wie aus dem Bat. Invaliden gebildet, welches zeither in Telgte gestanden hatte. Renouard Gesch. II. Bd.

9



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Uebrigens marschierten die 3 ersteren Regtr. nach Coesfeld; Reden aber blieb zu Dülmen stehen.

Das Scheither'sche Corps stand in Dorsten; mit diesem kommunizierten ein zu Hornberg stehender Vorposten der bückeburg schen Carabiniers, ferner der Oberstlieutenant Freytag, welcher

mit der Hälfte seiner Jäger und 1 Escadron Malakowsky Husaren in Dortmund, Lütgen-Dortmund und Kastrop Stellung genommen hatte, während die andere Hälfte der Freytag'schen Jäger und die 2. Esc. der genannten Husaren ihren Posten in Schwerte nebst den Vorposten in Kortlingen und Herdecke hatten. Die Besatzung von Lippstadt bestand aus dem hessischen

Bat. Prinz Anhalt, den hessischen Milizbat. Gundelach und Grenadier und 800 Kommandierten von den Hannoveranern unter dem Oberstlieutenant Monroy. General Hardenberg übernahm indeß die Leitung der durch den preußischen Ingenieur-Kapitän Giese begonnenen Befestigung dieses Ortes, und der Erbprinz trat an die Stelle des Generals bei Unna.

Am 28. Mai stießen die in der Nähe bei Dülmen kantoni renden Grenadiere zu Pferd zu den bei Dortmund stehenden Truppen; die Besatzung von Münster bekam in dem von Waren dorf kommenden hannoverschen Invalid. Bat. eine Verstärkung; dagegen marschierten 2 Comp. von den beiden in Lippstadt stehen den hessischen Milizbat. wieder nach Warendorf. Von demselben Tage an begann man die Communicationen auf den beiden Ufern

der Lippe in Stand zu setzen, ebenso Brücken über diesen Fluß und über die Stever und Werte zu bauen. Stellung des Imhof'schen Corps in Heffen; sein Rückzug vom 7. bis zum 12. Juni, von Fritzlar bis Büren in West falen; die Bewegungen der französischen Armeen unter Con tades und Broglio durch Westfalen, Hessen und Waldeck, vom 20. Mai bis zum 11. Juni, oder bis zur Besitznahme von Caffel.

Das in Heffen zurückgebliebene Observations-Eorps des Ge nerals Imhof bestand aus 11 Bat, worunter PrinzCarl, Canitz,



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Bischhausen ), Hanau, Toll, und aus 16 Esc., unter welchen Leibregiment, Prinz Wilhelm, Prinz Friedrich Dragoner und Prüschenk. Am 19. Mai brachen diese Truppen, welche von den Generalen Graf Schulenburg, v. Gila, v. Urff und v. Post befehligt wurden, aus ihren Quartieren bei und in Ziegenhain auf und bezogen neue Quartiere in der Gegend von Fritzlar, so zwar, daß das ganze Corps binnen 6 Stunden sich auf der An höhe ohnweit Zennern –dem Alarm- und Hauptsammelplatze– zu sammeln vermochte.

Am 28. Mai, wo man höchstwahrscheinlich schon einige Nachricht von den Bewegungen des Feindes in der Gegend von

Marburg bekommen hatte 2), rückte Graf Schulenburg mit den Bat. Fersen, Marschall, Bischhausen und den Prinz Friedrich Dragonern in ein Lager bei Borken. Ein Gleiches geschah am 3. Juni von Seiten der übrigen Truppen, welche ihr Lager

zwischen Cappel (1), M. n-w. Nieder-Möllrich) und Nieder Möllrich aufschlugen und das Gros des ganzen Truppencorps bildeten.

Schon am 5. Juni wurden indeß die bei Borken

stehenden Truppen an das Gros wieder herangezogen; ebenso mußten sich sämmtliche leichte Truppen, welche in der Richtung von Ziegenhain und Marburg gestreift hatten, näher an dasselbe heranziehen.

Die am Niederrhein unter Contades stehenden Truppen wa ren, mit Ausnahme des Corps von d’Armentières in der Gegend von Wesel und der 20 Esc. starken Abtheilung des Marquis Poyanne bei Cöln, welche letztere indeß der Armee nachfolgten, am 20. Mai aus ihren Quartieren aufgebrochen und hatten in 7 Divisionen die Richtung durch den Westerwald nach Gießen und Marburg eingeschlagen. Die in der Wetterau und beiFrank

furt kantonierenden Truppen "Broglio"s blieben dagegen noch bis zum 29. Mai in ihren Quartieren und rückten dann theils nach 1) Früher Isenburg. 2) S. weiter unten. 9•



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Gießen, theils nach Marburg, während Frankfurt, Hanau und Gießen starke Besatzungen erhielten. Im Anfang Juni standen sämmtliche französische Truppen in den Lägern bei Marburg, Gießen und Friedberg – wo die Reserve unter Broglio – vereinigt und deren Unterhalt wurde

aus den Magazinen in Frankfurt, Hanau, Friedberg, Gießen und Marburg bestritten. In Wieseck befand sich das Hauptquartier des Marschalls Contades.

Die in dem Lager bei Gießen stehenden 57 Bat. und 40 Esc. marschierten am 3. Juni nach Nieder-Walgern (1% M.f-w. Marburg) und vereinigten sich mit den bei Marburg lagernden 25 Bat. und 14 Esc.; die 18Bat. und 31 Esc. starke Reserve,welche in Abwesenheit Broglio's") von dem RitterduMuybefehligt wurde, ver ließ dagegen Friedberg und nahm am 4. Juni die Stellung zwischen

Gontershausen und Homberg an der Ohm(Gontershausen,"/. M. n-w. Homberg an der Ohm). Schon am nächsten Tage bra chen die aus 10 Bat. Grenadieren und der Brigade Aquitanien bestehende Avantgarde unter dem General St. Pern sowie der beiFrankenberg mit 4 Bat., 1. Regt.Cavalerie und einen jämmt

lichen leichten Truppen stehende Marquis d'Auvet gegen die Die mel auf; während die Reserve unter Ritter Muy den Marsch über Neustadt gegen Ziegenhain antrat.

Am 6. Juni folgte die Hauptarmee ihrer Avantgarde über Wetter und Frankenberg und lagerte am 8. bei Sachsenberg;

diese aber erreichte am 9. Imminghausen, während d'Auvet sich bei Nieder-Schleidern als Vorposten aufstellte. Am 10. nahm

die Hauptarmee das Lager bei Corbach (Imminghausen 1M. f. und Nieder-Schleidern 1 M. w. v. Corbach); Marquis d'Auvet ging gegen die Defileen von Stadtberge vor und die Turpin’schen Husaren besetzten diesen Ort. Am 7. Juni traf die Reserve in Ziegenhain ein und hielt 1) Befand sich in dem Bade Ober-Ingelheim.

-

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daselbst am 8. einen Rasttag, an welchem der inzwischen zurück

gekehrte Herzog Broglio deren Befehl wieder übernahm. Die Veränderungen, welche, veranlaßt durch diese Märsche, in der ursprünglichen Stellung der französischen Vorposten statt gefunden, machten es dem General Imhof möglich, von der An näherung des Feindes zeitige wenn auch nur unbestimmte Nach

richten zu bekommen. So kam es, daß man schon am 6. Juni, von der Bewegung des Broglio"schen Corps gegen Ziegenhain hörte und sich dadurch veranlaßt sah: – am7. Juni die schwere

Artillerie, die Pontons und das Gepäck unter der Bedeckung des Bat. Bückeburg von Gudensberg nach Caffel zu schicken und mit dem Leeren der hier und in Münden befindlichen Magazine den

Anfang machen zu lassen. General Imhof erachtete es zufolge jener feindlichen Bewe gung für nöthig, sich nähere Kenntniß von derselben zu verschaffen.

Zu dem Ende brach am 7. Juni Morgens 3 Uhr der General lieutenant von Gilsa mit seiner, auf dem Felde zwischen Großen und Klein-Englis versammelten, Division gegen Kerstenhausen auf.

Die in Niedermurf einlaufende Nachricht von dem Marsche eines feindlichen Corps über Frielendorf nach Borken nöthigte indes den General, nach dem früheren Sammelplatze sich zurückzuziehen; der Feind aber erschien kurze Zeit darauf mit 6–8 Esc. auf der

Höhe bei Borken, während General Gilsa dagegen sich beeilte, die bei Gombet über die Schwalm führende Brücke mit 1 Capit. und 200 M. zu besetzen, und die inzwischen aus dem Lager bei

Nieder-Möllrich mit 2 Bat. und 6 Esc. verstärkte Division in der Richtung gegen den genannten Fluß vorrücken zu lassen. –

(Großen- und Klein-Englis , M. f., Niedern-Urf 1, M. -w, Frielendorf 2, M. f., Gombet 1 M. f. v. Fritzlar) – Die feindliche Abtheilung nahm hierauf ihre Marschrichtung gegen

Homberg; Gilsa blieb jedoch bis gegen 10 Uhr Abends in seiner Stellung und marschierte hieraufnach Nieder-Möllrich zurück, wo man bereits die Anordnungen zum Rückzuge nach Caffel traf. Der



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jelbe begann um Mitternacht, und Gilsa befehligte dabei die aus den Bat.Linstow, Prinz Carl und Canitz, den Cav-Regtr. Prinz

Friedrich Dragoner, Prinz Wilhelm und Prüschenk, so wie aus den leichten Truppen des Majors Friedrichs, den hannoverschen Jägern, den hessischen Husaren und Jägern und endlich aus dem Scharfschützen-Corps des Majors von Stockhausen bestehende Arrièregarde.

-

Am 8. Juni gegen 9 Uhr Morgens stand das ganze Imhof'sche Corps bei Caffel, von wo bereits in der vorausge gangenen Nacht die aus den Landbataillonen Freywald und Wurmb

bestehende Besatzung nach dem Paderbornschen abgezogen war. Schon am Abende des 8. Juni setzte das Corps Imhof's den Rückzug bis Ober-Vellmar fort, ließ aber unter dem Befehle des Generals Post die hannoverschen Bat.Post, Fersen und Marschall so wie das Dragoner-Regt.von Dachenhausen) und das Schützen korps des Majors von Stockhausen bei Caffel mit der Weisung zurück: – sich auf Münden und Göttingen zurückzuziehen und sich nöthigenfalls in die Festung Hameln zu werfen. Diese Abtheilung, bei welcher sich auch der zeitherige Gouverneur von Caffel, der braunschweigische General v. Zastrow, befand, bezog zwischen dieser Stadt und dem nahe gelegenen Dorfe Wehlheiden, auf dem Kratzenberge, ein Lager, während die Schützen Stock haufen's sich bei Ober- und Nieder-Zwehren aufstellten. Am 9. Juni hatte Imhof um 2 Uhr Morgens seinen Rückzug fortgesetzt und über Ober-Meier das Städtchen Warburg und zwar um 6 Uhr Abends erreicht, nachdem ein längerer Auf enthalt bei dem ersteren Orte, woselbst das Rendezvous, stattge funden,

-

Am 10. Juni Vormittags erschienen die ersten französischen leichten Truppen vor den bei Nieder-Zwehren c. aufgestellten Scharfschützen und es entspann sich demzufolge ein kleines Gefecht, 1) Der General-Major Georg Carl v. Breitenbach erhielt nach der Penfionierung Dachenhaufen's deffen Regiment.

-



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während dessen kurzen Verlaufes von den auf dem Kratzenberge lagernden Truppen einige Abtheilungen auf das rechte Fuldaufer gesendet wurden, um den sich allmälich zurückziehenden Feind

weiter zu beobachten. Um 8 Uhr Abends erneuerte sich der An griff der inzwischen verstärkten französischen leichten Truppen; die

Schützen Stockhausens behaupteten jedoch das Dorf Nieder Zwehren, da indeß die Nachricht von der Annäherung Broglio's einlief, so brach General Post mit seiner Abtheilung um Mitter nacht auf und richtete einen Marsch über Münden nach Eimbeck. Am 11. Juni Vormittags erschien Broglio mit dem Reserve

Corps, späterhin auch die kleine Armee genannt, vor Caffel, besetzte mit einem Schweizer-Regiment die Stadt, ließ aber eine Avant garde sofort nach Münden marschieren, wo, gleichwie in Caffel,

noch beträchtliche Vorräthe in den dortigen Magazinen erbeutet wurden. Bei dieser dritten Besitznahme von Caffel durch die

Franzosen sah sich auch der zu Rinteln residierende Landgraf von Heffen genöthigt, wiederholt sein Land zu verlaffen und am 13. Juni nach Bremen abzureisen, von wo er sich am 19. zum

zweitenmal nach Hamburg begab. Bevor wir der Armee unter Contades und Broglio bei ihrem Vordringen gegen Westfalen folgen, erscheint es nothwendig, die

Anordnungen kennen zu lernen, welche Herzog Ferdinand zum Empfange seiner Gegner getroffen hatte. Die Nachrichten von dem Marsche Contades" durch das Waldeck’sche, wobei Batterie

geschütze die Hauptarmee begleiteten, riefen bei Ferdinand die Ueberzeugung hervor, daß des Marschalls Absicht auf eine Belage rung Lippstadt's gerichtet sei, wodurch zugleich die Gemeinschaft mit der Weser bedroht erschien, an welcher Minden und Hameln sowie Nienburg und Bremen als Stützpunkte der Alliierten dienten. Jene Ueberzeugung desHerzogs gab indes den Grundzum Zurück ziehen des größten Theiles des an sich zu schwachen Imhof'schen CorpsnachWestfalen, sowie derAbtheilungPost'snachMünden c.ab.



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Die Verstärkung Imhofs durch das Corps Wutginau's am 12. Juni; die Instructionen des letzteren.

Schon am 4. Juni, also zur Zeit wo Imhof's Corps noch in dem Lager zwischen Cappel und Nieder-Möllrich stand, war General Wutginau aus den Cantonirungsquartieren bei Kamen

mit den hessischen Bat. Erbprinz, Gila, Garde, Grenadier, Leib regiment, Mansbach und den hessischen Cav.-Regtr. Leibdragoner

und Miltitz sowie mit dem Artillerietrain aufBefehl des Herzogs nach Büren aufgebrochen, um Imhof beidessen Rückzuge zu unter stützen. Ueber Werl und Erwitte traf Wutginau am 9. Juni in dem Lager bei Büren ein, in dessen Nähe, bei Brenken, sich am 12. Juni das Imhof'sche Corps mit ihm vereinigte, welches

vom 10. Juni an von Warburg aus über Lichtenau einen Rück zug fortgesetzt und bis zu jener Zeit auch einen Nachtmarsch, vom 11. bis zum 12. Juni Morgens 6 Uhr, zurückgelegt hatte. Die Instruction Wutginau's lautete dahin, Stadtberge und die dortigen Defileen mit den Grenadieren und 200 Pferden zu besetzen, den Unterhalt eines Corps aus Lippstadt, dem Bis

thume Paderborn und dem Herzogthume Westfalen zu beziehen, dann aber auch Vorräthe zu Geseke und Büren aufzuhäufen. Der

General sollte ferner mit Imhof in enge Verbindung treten und zu verhindern suchen, daß er weder von Frankenberg noch von Winterberg her durch die das Fürstenthum Waldeck durchziehenden feindlichen Truppen in der Flanke angegriffen werden könne. Weiterhin hatten die dem Corps Wutginau's beigegebenen 50 schwarze Husaren unter dem Oberstlieutenant v. Gohr namentlich den Patrouillendienst zu versehen, während dieser Abtheilung die

Dragoner zur Unterstützung dienen sollten, um die Husaren auch in größere Ferne vorschieben zu können. Der Herzog empfahl, diese beiden Truppentheile öfters ihre Stellung wechseln, nie drei Tage an ein und demselben Orte verweilen, und endlich die Stärke der Truppen in den Augen des Feindes größer erscheinen zu lassen. Auch General Wutginau hatte betreffs seines Corps nach dem

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selben Grundsatze zu verfahren, d. h. sich das Ansehen einer dop pelten Stärke zu geben, sei es, daß er doppelte Portionen und Rationen verlange, oder daß er eine größere Aufstellung nähme oder endlich falsche Gerüchte ausstreue. Als Herzog Ferdinand diese Instructionen an Wutginau erließ ), hatte sich bei dem ersteren höchstwahrscheinlich noch keine feste Ansicht bezüglich eines eventuellen Zusammentreffens dieses Generals mit dem Feinde gebildet; denn drei Tage später, am

7. Juni, wo er (der Herzog) von Werlaus der Ansicht Schlieffen's: – mit der Armee auf den Höhen links der Alm zu lagern, – beipflichtete, äußerte er sich dahin, dem General Wutginau schreiben zu wollen, daß es demzufolge keineswegs eine Absicht sei, diesen ein Gefecht bei Büren annehmen zu lassen. Der Zweck der Auf stellung Wutginaus bestehe in der FlankendeckungImhofs, wenn dieser zum Rückzuge nach der Diemel genöthigt werden sollte; im Uebrigen entspräche es des Herzogs Absicht, sich eher nach Lipp stadt zurückzuziehen, als sich in einen Kampf einzulaffen, selbst wenn beidemselben die Streitkräfte aufbeiden Seiten wenig ungleich fein würden.

Diese Ansichten oder vielmehr Instructionen Ferdinand’s be kamen in einem Schreiben desselben vom 9. Juni, datiert aus Werl), um 6 Uhr Abends, eine neue Bekräftigung, indem der selbe sich gegen das Erwarten des Angriffes von Seiten der Grenadiere bei Stadtberge aussprach, dagegen aber einen zeitigen Rückzug derselben für das Beste hielt, zumal, da Imhof bereits an der Diemel eingetroffen sei. 1) Von dem Hauptquartiere Recke aus, am 4. Juni, und zwar zunächst an den Capitain v. Schlieffen, welcher dem General v. Wutginau als Adjutant resp. als Generalstabs-Offizier beigegeben worden war. S. Be treffniffe und Erlebungen Martin Ernst's v. Schlieffen, 1. B, S. 26 u. 71. 2) Ebenwohl an v. Schlieffen.



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Die Expedition des Grbprinzen in das Herzogthum Berg, vom 3. bis zum 9. Juni.

Am 24. Mai, als Herzog Ferdinand sich zu Hamm befand und hier Vorräthe an Fourrage anhäufen ließ, hatte er, für den Fall, wo dieses Geschäft einen nicht zu großen Zeitverlust verur fachen und die sonstigen Umstände sich günstig zeigen würden, – die Absicht, über die Ruhr zu gehen und das französische Lager bei Düsseldorf anzugreifen. Die Gelegenheit hierzu bot sich ins

besondere dar durch die Entfernung des MarschallsContades vom Rhein, konnte aber nicht benutzt werden, da es dem Herzoge an Belagerungs-Artillerie und Munition mangelte. Demzufolge ent schloß sich Ferdinand, statt der Unternehmung auf Düsseldorf

eine

Diversion von dem Erbprinzen in das Herzogthum Berg ausführen zu lassen, um dadurch den Marschall vielleicht zu nöthigen, wieder mit einem Theile seiner Truppen an den Rhein zurückzukehren. Zu diesem Zwecke brach am Abende des 3. Juni der Erbprinz mit 4 hannoverschen Bat., 6 Esc. und einer Abtheilung leichter Truppen aus dem Lager beiUnna auf und richtete in aller Stille

seinen Marsch über Schwerte, Hagen und Schwelm nach Elber feld. Die hier liegende Besatzung, welche unter dem Chevalier von Montfort aus einem Bat. des Regt. Provence und einem

Bat. der Königlichen Legion sowie aus einigen Abtheilungen anderer Regimenter bestand, hatte von der Annäherung des Erbprinzen

nichts erfahren und wurde demnach völlig überrascht. Namentlich waren es die hannoverschen Jäger, die schwarzen Husaren und eine Abtheilung Grenadiere, welche die Besatzung überfielen und sie in der Richtung von Mettmann verfolgten, wobei den Franzosen 28 M. getödtet und der Oberflieut. Montfort, 2 Capit., 2 Lieut., einige Unteroffiz. und 75 Soldaten zu Gefangenen ge macht wurden. Unter der geschickten Führung des Brigadiers

Chevalier v. Chabo und des Grafen v. Grave, Commandeur des Regts. Provence, zog sich indeß die Besatzung von Elberfeld über Mettmann, woselbst ebenfalls ein Detachement stand, nach Düffel



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dorf zurück, büßte aber an dem ersteren Orte abermals Leute (22 Gefangene) ein, während die übrigen französischen Posten, die an der Ruhr einen Cordon gebildet hatten, ebenwohl den Rückzug antraten.

Der Erbprinz setzte dagegen seine Bewegung vorwärts bis Gerresheim fort, verbreitete dadurch weithin den Alarm, so daß die Königliche Legion sogar über den Rhein bis Neuß zurückging,

die Brücke bei Cöln abgebrochen und hier Geschütze auf die Wälle gebracht wurden. Marquis d'Armentières detachirte sofort den Chevalier von Groslier mit zwei Regtr. von Düsseldorf nach Cöln und das Schweizerregt. von Wesel nach Düsseldorf; er selbst aber sammelte schnell einen Theil seiner Streitkräfte bei

Uerdingen, um den etwaigen Fortschritten der Alliierten entgegen zu treten. Die leichten Truppen des Erbprinzen trieben inzwischen an vielen Orten Brandschatzungen ein, dieser aber trat, kurze

Zeit nach seiner Ankunft in Gerresheim, verfolgt von einer Ab theilung von 400 M. Infanterie und 400 Pferden unter dem Marquis Conflans, den Rückzug über Ratingen, Bochum nach Dortmund an, traf am 9. Juniwieder bei Unna ein und marschierte am nächsten Tage mit sämmtlichen 8 Bat. und 12 Esc. nach

Werl, wo die englischen, braunschweigischen und preußischen Truppen bereits im Lager standen.

Marquis d'Armentières besetzte hierauf von Neuem die an der Ruhr und der unteren Lippe befindlichen Posten, versammelte den Rest seiner Truppen bei Wesel, erwartete hier die Befehle des Marschalls Contades zum Rheinübergange und ließ seine leichten Truppen jenseits dieses Stromes streifen. Die Veränderungen in den Stellungen der Alliierten, vom 4. bis zum 11. Juni incl.

Der Abmarsch des Wutginau'schen Corps nach Büren, die Expedition des Erbprinzen in das Herzogthum Berg sowie die Rücksichtnahme auf die Beobachtung des Corps unter d'Armentières

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hatten bis zum 11. Juni folgende Veränderungen in der Stel luug einzelner Truppentheile veranlaßt; wobei zugleich, nach dem Geständniffe des Herzogs, die Absicht vorlag: – demnächst dem Feinde entgegen zu gehen und ihm eine Schlacht zu liefern. Sackville verließ am 4. Juni mit 6 Bat. und 7 Esc. eng

lischer Truppen nebst der englischen schweren Artillerie und einem Brückenzuge die Quartiere zwischen Olfen und Lüdinghausen, bezog für diesen Tag ein Lager bei Lünen und ging am nächsten Tage

in das hessische Cantonnement in und bei Kamen. Ferner brach General Spörken am 6. Juni, nachdem er die Bat. Scheither, und Schulenburg so wie das Cav-Regt. Reden dem General Wangenheim in Haltern zugewiesen hatte, mit 7 Bat. nach Lünen auf; während die 7 braunschweigischen Bat. in das Lager bei Werl rückten. Schon am nächsten Tage rückte Spörken nach Hamm, worauf am 11. Juni der Marsch des selben sowie sämmtlicher Truppen in dem Lager bei Werl nach

Soest erfolgte. Es standen nun hier, wo der Herzog auch ein Hauptquartier aufschlug, 29 Bat. und 41 Esc. ohne die leichten Truppen. Neben diesen Anordnungen ließ man die in Hamm befindlichen 15 hannoverschen Pontons nach Lippstadt schaffen. Die Gegend bei Stadtberge und Büren.

Wir verließen oben Wutginau und Imhof bei Büren resp. Brenken, die französische Hauptarmee jammt der Abtheilung d'Auvets und den Turpinschen Husaren bei Corbach resp. auf dem Marsche gegen die Defileen von Stadtberge und an diesem Orte selbst, endlich Broglio in Caffel und Münden. Franzosen und Alliirte hatten in und bei Stadtberge Stel

lungen inne, welche aufbeiden Seiten die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen mußten. Dort, wo nördlich der Diemel die Egge

an den Westerwald sich anschließt und ein reichbewaldetes Flach gebirgsland nach allen Richtungen hin tief durchschnittene Thäler zeigt, während damals die Wegeverbindung nur aufwenige Straßen



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fich beschränkte: – liegt der für militärische Operationen fo wichtige Punkt Stadtberge oder Marsberg, richtiger Mersberg). Auf schroffer Höhe rechts der Diemel gelegen, im Osten durch die Glinge, einem Zufluß rechts der Diemel, von einem durch viele Schluchtenzerrissenen und plateauartig sich erhebenden Gelände getrennt – beherrscht der genannte Ort die nördlich und südlich deffelben gelegenen Uebergänge über die Diemel sowie jenes Gelände. Der nördliche Uebergang findet einen besonderen Schutz durch die Niederstadt (von Stadtberge) im Thale der Diemel und Glinge; der südliche dagegen durch die entlang der Diemel sich ausbreitenden Waldungen, welche hier nach allen Richtungen hin die, das enge Thal dieses nicht sehr tiefen und nicht sehr breiten Fluffes bildenden, Höhen bedecken. Von dem nordostwärts streichenden, etwa 600–1000Schritt

breiten, Thale der Diemel steigt man durchSchluchten und Wäl der aufwärts nach dem Dorfe Essentho, in dessen Nähe der, na mentlich im Westen, stark bewaldete District der Wafferscheide zwischen Diemel und Lippe, resp. zwischen Weser und Rhein, sich in nordöstlicher und südwestlicher Richtung ausdehnt, hier aber einen genügenden und angemessenen Raum zur Ausbreitung bedeu

tender Truppenmaffen gewährt. Nach Hinterlegung des nördlich von Stadtberge befindlichen Ueberganges über die Diemel ist Effentho derjenige Punkt, von welchem nach folgenden Orten Wege auslaufen: – nach Brilon im Südwesten; nach Büren im Westen und zwar über Fürstenberg (1%, M. ö. v. Büren), Wün nenberg und längs des nördlichen Ufers der Alster, eines Zufluffes rechts der Alme (Nebenflüßchen links der Lippe); ferner nach Haaren, im Nordwesten, über das sogenannte Sinfeld); endlich

nach Mehrhof, Attelen im Norden über dasselbe Feld. 1) Ist das alte Eresburg oder Heresburg, die Grenzfeste der Sachsen gegen die Einfälle der Franken. Mit ihrer Eroberung und der Zerstörung der in der Nähe gestandenen Irmenfäule begann Carl der Große 772 die Sachsenkriege. 2) Carl der Große fehlug hier im Jahre 794 die Sachsen.



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Die Stellung bei Büren ist durch die ziemlich tief ein geschnittenen Thäler der Alme und Alster bezeichnet, welche sich nördlich und dicht bei Büren vereinigen. Das Terrain links der Alme, auf welchem nachmals sich die alliierte Armee unter Ferdi

nand aufstellte, wo aber bekanntlich die Generale Wutginau und Imhof bereits Stellung genommen hatten – ist in der Richtung nach Lippstadt, Rüthen und Salzkoten auf ziemlich weite Strecken hin offen, wird aber in ersterer Richtung durch einen, etwa 1% " Meilen von dem linken Ufer der Alme entfernten, Wald von

der freien Umgegend von Geseke und Erwitte geschieden. Das Dorf Steinhaus, im Rücken der Position und an einem von Süden nach Norden streichenden Ravin gelegen, bietet sowie die südwestlich in der Richtung nach Rüthen befindlichen Dörfer Eickhof, Longstraten, Honckhausen und Hemmern ange messene Stützpunkte für das Centrum und den rechten Flügel der Stellung. Rüthen vor Allem sichert gegen gegen eine Umgehung dieses Flügels, welche man etwa von Brilon aus versuchen würde. (Steinhaus , M. n-w, Eickhof 1, M. und Honckhausen, M. w. und Hemmern 7% M. f-w. von Büren). Rechts der Alme, also der Position gegenüber, dehnen sich, namentlich östlich von Büren und Brenken, weite Waldstrecken bis Haaren aus; das diesen südlich gelegene Terrain bis zur After wird nach deren Thal hin von vielen unter sich parallel laufenden Schluchten durchschnitten und bietet in Wünnenberg und Fürstenberg geeignete Punkte zu der Aufstellung von Posten, welche die von Essentho nach Büren führende Straße sowie das Sinfeld nach Mehrhof, Dalheim (Mehrhof , M. und Dalheim 11% M. n. von Stadtberge) zu beobachten vermögen. Der flache Höhenzug zwischen Alme und Alster hat denselben Character wie das Gelände nordwärts des letzteren Baches, indem zu beiden Seiten der Höhen Schluchten und Wege zu den zahlreichen Ueber gängen der genannten Bäche abwärts führen.



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Der Marsch der französischen Hauptarmee von Corbach durch die Defileen bei Stadtberge, vom 13. bis 11. Juni incl. Gefecht der französischen Vortruppen mit denen der Alliierten bei Wünnenberg und Fürstenberg am 14. Juni.

In dem Lager bei Corbach stand dem Marschall Contades die schwierige Aufgabe bevor, die vorgenannten Defileen bei Stadt berge zu passieren, durch welche man den Eintritt in das Bisthum Paderborn erlangt. Die Ausführung jener Absicht war bezüglich der Beschaffenheit der auf das Plateau jenseits Stadtberge füh renden Wege an und für sich eine sehr beschwerliche 1); konnte aber auch sehr mißliche, ja höchst gefährliche Situationen mit sich führen, wenn es in der Aufgabe Wutginaus und Imhofs gelegen hätte, die Defileen zu vertheidigen. Von der Stellung Wutginaus bei Büren war Contades

unterrichtet; ebenso erhielt er Nachricht von dem Rückzuge Imhofs und von der Besitznahme Caffel's durch Broglio. Die beiden letzteren Nachrichten bestimmten nun den Marschall, die Defileen zu hinterlegen und Broglio den Befehl zum Vormarsche gegen Paderborn zu ertheilen. Am 13. Juni setzte sich die Hauptarmee gegen Stadtberge in Marsch, blieb aber vorerst am südlichen Ufer der Diemel stehen, während Marquis d'Auvet mit der Inf-Brig. Orleans,

dem Cuiraff-Regt. Noé, den Freiwilligen von Dauphiné und den Turpinschen Husaren über den Fluß ging und Effentho 1) Unter den aufwärts führenden Wegen, welche jetzt durch eine bequeme Kunststraße ersetzt werden, hat der damalige Hauptweg oder die Fahrstraße nur eine Breite von 5–6 Fuß. Diese Straße wird zu beiden Seiten von Felsen und den schroffen Hängen des bewaldeten Gebirges eingeschloffen und mündet einige Hundert Schritte vor dem Dorfe Effentho ohnweit derselben Stelle, wo jene Kunststraße den Wald verläst. Die alte Fahrstraße bildet übrigens, neben ihrer eigentlichen Bestimmung, zugleich einen Abzugsweg des Waffers bei heftigen Regengüssen und ihr Boden ist an vielen Stellen mit Geröll bedeckt, – Umstände, welche nament

lich den Waarentransport sehr beschwerlich machen mußten, der nur mittelst zweirädriger Karren stattfinden konnte.



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und die dortige Höhe besetzte. Zur Unterstützung dieser Truppen dienten die Inf-Brig. Condé und Auvergne, welche ebenwohl die Diemel überschritten und sich auf den Höhen des linken Ufers derselben aufstellten. Aus dem Lager der Alliierten waren an demselben Tage Abends um 7 Uhr 7 Grenad.- Eomp. nebst Abtheilungen von

Jägern und Husaren zur Besetzung der Dörfer Wünnenberg und Fürstenberg detachirt worden; hatten aber den letzteren Ort, in welchem die Jäger sich festgesetzt hatten, nicht gegen die französi fchen leichten Truppen behaupten können. Am 14. Juni trat die Hauptarmee unter Contades in sechs Colonnen den Marsch durch die Defileen an und stellte sich gegen 9 Uhr Vormittags jenseits derselben mit dem linken Flügel bei Effentho und mit dem rechten bei Mehrhof auf; vor dem linken Flügel der Armee standen in der Richtung gegen Fürstenberg in Echelons die Truppen d'Auvet's und die Dragoner unter dem BefehledesHerzogs v. Chevreue; undzu deren Unterstützung dienten die Grenadiere der Armee nebst der Brig. Aquitanien. Das Fischer'sche Corps stand um dieselbe Zeit in der Gegend von Brilon. Während jenes Marsches machten die französischen Vor truppen eine Vorwärtsbewegung gegen Wünnenberg, durch welche namentlich bei diesem Orte die Jäger und Husaren der Alliierten von ihrer Rückzugslinie durch die französischen leichten Truppen abge schnitten wurden und einigen Verlust erlitten. Die zufällige Da

zwischenkunft des Generals v. Gilja, welcher um 2UhrMorgens mit 50 Prinz Friedrich Dragonern eine Recognoscierung in jener

Gegend unternahm, änderte indes balddas weitere Gefahr drohende Verhältniß. Der General fand die 7 Gren-Comp. auf der be waldeten Höhe nordwestlich von Fürstenberg aufgestellt, wohin sie von Wünnenberg aus sich zurückgezogen hatten. Um diese Abthei lung nun stärker erscheinen zu lassen, als sie war, verheilte Gilla dieselbe auf mehrere Punkte, drang dann unter Trommelschlag, der an ebensovielen Orten ertönte, aus dem Walde hervor und

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ließ gleichzeitig seine Dragoner in der Richtung, wo der Feind die leichten Truppen umzingelte, einen Angriff ausführen. Dieser,

in Verbindung mit dem energischen Vorgehen der Grenadiere, gelang vollkommen: – der Feind wich zurück, die Grenadiere aber sowie die Dragoner nahmen, eine Stunde von Büren ent fernt, ohnweit des von Wünnenberg nach jenem Orte führenden Weges, in dem Walde oder vielmehr hinter dem Saume desselben Stellung, während die leichten Truppen sich nach dem Lager zu rückzogen. Der Verlust der Alliierten belief sich auf 20 M. an Todten, Verwundeten und Gefangenen.

Concentration der alliierten Armee unter Herzog Ferdinand zwischen Eickhof und Brenken, vom 12. bis zum 15. Juni; die Stellung der kleinen Armee unter Broglio am 16. Juni.

Wenden wir uns nun zu Herzog Ferdinand, welchen wir in dem Lager bei Soest verließen. Die Nachrichten, welche hier von den feindlichen Bewegungen eingelaufen waren, lauteten höchst un bestimmt und hatten am 12. Juni vorerst nur die Detachirung des Erbprinzen mit sämmtlichen braunschweigischen Truppen so wie des Generals Bock mit den Regtr. Bock Dragoner und

Veltheim nach Anrüchte zur Folge. Ebenso marschierte der Prinz Carl von Bevern ) mit 3 Grenad.-Bat, die aus englischen und hannoverschen Grenadieren zusammengesetzt und von dem Oberst lieutenant Pritzelwitz und den Majoren Maxwell und Sidow be fehligt wurden, nach Alten-Geseke (Geseke 11, M. ö. v. Soest). Am 13. erhielt Ferdinand die Nachricht von dem Marsche der französischen Avantgarde auf Stadtberge; die Nachrichten von den Verhältnissen bei Caffel mangelten aber gänzlich, namentlich 1) Prinz Carl Ferdinand von Bevern trat 1757 als Generalmajor in preußische Dienste, befand sich 1759 bei der alliierten Armee, nahm aber 1760

als Generallieutenant dänische Dienste. Sein Verwandter, August, Wilhelm, Herzog von Vraunschweig-Bevern wurde bekanntlich nach der Schlacht bei Breslau bei einer Recognos.cirung gefangen. Renouard Gesch. 11. Bd.

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von Allem, was seit dem 10. Juni dort stattgefunden hatte. Prinz Bevern marschierte indeß an jenem Tage nach Alten- und

Neuen-Mellrich, während der Erbprinz auf Rüthen vorging (Neuen-Mellrich 11% M. ö. v. Soest). Noch am 14. Juni befand sich der Herzog keineswegs in dem Besitze von umfaffenden Nachrichten über die Stellung des Feindes und dessen Bewegungen. So waren ihm namentlich die Orte, wo sich um diese Zeit die Hauptarmee und die kleine Armee der Franzosen befanden, wo deren Magazine und Bäckereien er richtet worden waren, völlig unbekannt; und ebenso mangelte noch immer alle Kenntniß von den Vorgängen bei Caffel seit dem

10. Juni. Dagegen verbreitete gegen Mittag, in Folge des Gefechtes der alliierten Vortruppen mit denen der Franzosen, sich die Nachricht, daß der Feind bei Stadtberge durchbrechen zu wollen schien; daß ferner eine Avantgarde über Fürstenberg und Wünnen

berg heranziehe ). Meldungen bestätigten diese Nachricht und nunmehr beschloß Herzog Ferdinand, mit der inzwischen bis An rüchte vorgerückten Armee am 14.JuniNachmittags 3 Uhr nach Büren zu marschieren. Der Weg dahin war ein höchst beschwer licher, denn heftige Regengüsse hatten die jämmtlichen Communi cationen beinahe ungangbar gemacht und dauerten während des ganzen Marsches, welcher durch tief ausgewaschene Schluchten und über zahlreiche Höhen führte. Erst am 15. Juni gegen Mittag

erreichte man das zwischen dem Dorfe Eickhof und dem Schloffe Brenken (Erdbeerenberg genannt) sich ausdehnende Lager (Schloß Brenken etwa 600 Schritte n. v. Brenken). Herzog Broglio, dessen Truppen am 11. Juni Caffel und Münden besetzt hatten, war, bei einem Vormarsche gegen Pader

born, am 16. Juni über Warburg bei Lichtenau eingetroffen und

befand sich demnach etwa 2 deutsche Meilen von der Hauptarmee unter Contades entfernt. 1) S. v. Reden 1.,2. Bd., S.28.



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Das Lager der alliierten Armee bei Büren; Vorkommniffe dafelbft, vom 15. bis zum 19. Juni.

Die Stellung der alliierten Armee war im Ganzen eine vor theilhafte. In der Fronte durch das tief eingeschnittene Thal der Alme, durch Schluchten und Gebüsche gedeckt, im Rücken sich an die zwischen Geseke und Steinhaus gelegene wegsame Waldung anlehnend, hatte die Stellung jenseits der Alme zwei Vorposten in den mit starken Detachements besetzten Orten Brenken und Büren. Der linke Flügel bei Brenken oder vielmehr hinter dem

Schloffe Brenken, wo selbst sich das Hauptquartier befand, stand ziemlich in der Luft, krümmte sich aber, mit der Front gegen

Ober-Tudorf, wo ein Hauptübergang über die Alme, nach der oben genannten Waldung hin und wurde durch zahlreiche Fleschen und Verhaue gedeckt. Vorwärts oder östlich von Brenken bekam

dieser Flügel eine Deckung durch ein Grenadier-Bataillon auf dem Wege nach Haaren, welches zugleich einer Abtheilung von 400 Jägern und 100 Husaren zur Unterstützung diente, die auf dem vorliegenden Plateau die Vorposten bildeten. Gleiche Erd werke breiteten sich vor der Fronte der ganzen Stellung aus,

deren Mitte das Dorf Steinhaus im Rücken hatte, während der rechte Flügel sich an das nach Steinhaus von Süden nach Norden streichende Ravin ) in der Nähe des Dorfes Eickhof stützte. In weiterer Entfernung war dieser Flügel durch Waldungen und Gründe, insbesondere aber durch das Corps des Erbprinzen in Rüthen gedeckt.

In strategischer Beziehung deckte die Stellung Ferdinand's die Gemeinschaft mitLippstadt, diesem Hauptstützpunkte der Alliierten. Ebenso stand die Verbindung mit dem 9000 M. starken Corps

des Generals Wangenheim bei Haltern und Dülmen, welches be kanntlich zur Deckung Münster's diente, offen. Unvortheilhaft zeigten sich dagegen die Verhältniffe der Stel

lung in Bezug auf die Lage derselben zur Weser. Hier konnten 1) S. oben „die Gegend bei Stadtberge und Büren.“ 10



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auf der linken Flanke der Alliierten deren Verbindung mit der linken Ufergegend dieses Stromes, zunächst aber die von Biele feld kommenden Convois abgeschnitten werden; sodann kamen aber auch die in Osnabrück und zwischen Lippstadt und Münster ge legenen Magazine in Gefahr, wenn es den Franzosen gelang, ein entsprechendes Corps in der Richtung von Paderborn und Riet

berg vorzuschieben. Eine solche Detachirung konnte, bezüglich der Stärke der französischen Armeen, unbeschadet des gegen die Armee Ferdinands zu leistenden Widerstandes, stattfinden. An demselben Tage, an welchem die Concentration der Armee

bei Büren beendigt wurde, ging General Gilsa mit 4 Bat. und 4 Esc. sowie mit den sämmtlichen vor Büren stehenden preußischen Husaren in der Richtung von Wünnenberg zur Recognoseirung des Feindes vor. Es entspann sich dabei ein kleines Gefecht mit den vor diesem Orte stehenden feindlichen Vorposten, während dessen

sich der General nähere Kenntniß von der Stellung bei Mehrhof verschaffte.

Am 16. Juni fand Gilsa, unter dessen Befehl sämmtliche leichte Truppen der Armee und die Vorposten des linken Flügels gestellt worden waren, – die bei Fürstenberg lagernde Abtheilung des Feindes bedeutend verstärkt. Ein Gleiches war der Fall bei dem in Wünnenberg stehenden Posten und ebenso zeigten sich, mehr als gewöhnlich, starke Patrouillen. Im Uebrigen wurde an diesem Tage ein Grenadier-Bataillon

nach dem alten Schloffe Wewelsburg in der Verlängerung der linken Flanke der Armee vorgeschoben, um die Gegend zwischen Lichtenau und Paderborn zu beobachten. Betrachtungen über die Operationen der französischen Armeen sowie der der Alliierten, von Anfang Mai bis zum 16. Juni,

Wenn es auch immerhin den beiden französischen Feldherren gelang, den eigentlichen Angriffspunkt ihrer Armeen eine Zeit N l ang dem Auge des Herzogs Ferdinand zu verbergen, so hatte -

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derselbe doch dagegen Vorkehrungen in Hessen und Westfalen ge troffen, welche ihn befähigten, nach beiden Seiten hin dem Feinde mit entsprechenden Streitkräften entgegen zu treten. Die Art

und Weise der Vertheilung der Armee in Westfalen und das in Heffen zurückbleibende Imhof'sche Corps deuteten hierbei die Rich tungen an, in denen diese oder jene Armeetheile zur Thätigkeit berufen werden konnten.

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Die Stellung der alliierten Armee in Westfalen entsprach zunächst der Forderung: in verhältnißmäßig kurzer Zeit einer Offensive vom Rhein her begegnen zu können, dann aber auch die wichtigen Punkte Münster, Lippstadt, Osnabrück, Bielefeld e. zu decken, endlich die Wahl der Operationslinien längs der Ems, Lippe und Ruhr zu sichern.

Das Imhofsche Corps, wenn es auch schließlich der feind lichen Uebermacht weichen mußte und als Observations-Corps nur einen sehr bedingten Widerstand zu leisten vermochte, sicherte

doch, bei der Ungewißheit über die eigentliche Angriffsrichtung der Franzosen, einstweilen Hessen gegen feindliche Streifereien,

klärte die Absichten der beiden vorrückenden Armeen unter Contades und Broglio auf und hätte in der letzteren Beziehung sehr er sprießliche Dienste leisten können, wenn es nicht zu einem schleu nigen Rückzuge vor der Uebermacht gezwungen worden wäre. Die Detachirung Wutginaus zu einer Zeit (4. Juni), wo Herzog Ferdinand von dem Aufbruche der französischen Armeen in Hessen noch keine Nachricht haben konnte, wohl aber von den in dem Westerwald getroffenen Anordnungen unterrichtet war, – spricht sehr zu Gunsten der Divinationsgabe des Herzogs und

läßt schon zum Voraus ein Bedürfniß (dieUnterstützungImhof's) befriedigt sehen, welches bei der Handhabung einer energischen Offensive von Seiten Ferdinand’s, namentlich bei einer eventuellen Vertheidigung der Stadtberger Päffe durch Wutginau und Imhof,

die bedeutendsten

Erfolge nach sich zu ziehen vermochte.

Man muß hierbeifreilich voraussetzen, daß der Herzog zeitig



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von den feindlichen Bewegungen und Stellungen Kenntniß bekam; daß es ihm in der That um eine hartnäckige Vertheidigung der genannten Pässe zu thun war und daß er schon jetzt eine Ent scheidung suchte. Daß nun Ferdinand den Kampf an den im Ganzen so vortheilhaft gelegenen Punkten bei Stadtberge und westlich desselben mied und eben eine Entscheidung in dieser Be ziehung hinausschob, dazu mögen vielleicht auch die noch auszu führenden Arbeiten an den Befestigungen von Lippstadt beigetragen haben. Lippstadt, sowie Münster, wo man in gleicher Weise ac.

beschäftigt war, gaben dem Herzoge die Stützpunkte für das innere Westfalen ab; sie bildeten gleichsam die Achse seiner Operationen, und eine Abdrängung von denselben, nach verlorener Schlacht und

noch bevor jene Punkte Widerstandskraft genug besaßen, hieß Vortheile aus der Hand geben, die den Besitz von Westfalen am meisten garantierten.

Das Beziehen der Stellung bei Büren durch Wutginau und Imhof war deshalb nur eine reine Defensivmaßregel, welcher aber das offensive Element gänzlich mangeln sollte und deshalb

auch nur auf kurze Zeit dem Feinde Bedenken einflößen konnte. Selbst als Herzog Ferdinand mit der Armee bei Büren eintraf, wurde dieses Bedenken nicht sichtbar, indem die Hauptarmee der Franzosen bereits die Pässe durchschritten und mit dem Rücken gegen dieselben gewendet stand, und die kleine Armee unter Broglio

erst am 16. Juni bei Lichtenau eintraf. Unter solchen Umständen war ein Kampf gegen die getrennte französische Macht wohl denk bar, aber nicht in der Stellung von Büren sondern auf dem Sin felde, – vorausgesetzt, daß zahlreiche Uebergänge über die Alme vorbereitet gewesen wären und man am frühen Morgen des 16. Juni, also am Tage nach dem Eintreffen der Truppen unter Ferdinand, das Gefecht begonnen hätte. Zu diesen Voraussetzungen stimmen nun freilich nicht die mangelnden Nachrichten, welche noch am 14. Juni bei Ferdinand über des Feindes Stellung c.

vorlagen, denn diese machten manche zeitraubende Vorbereitungen



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unmöglich und ließen am wenigsten einen Entschluß faffen, an deffen Ausführung sich der Ausgang des ganzen Feldzuges knüpfen konnte.

Was die Märsche der französischen Hauptarmee durch West falen resp. durch den Westerwald, sowie die kombinierten Märsche

beider französischer Armeen durch Hessen und Waldeck betrifft, so waren sie sämmtlich gut eingeleitet und ausgeführt. Das Im hofsche Corps, dessen Rückzugslinie übrigens bei einer größeren

Marschgeschwindigkeit der Hauptarmee bedroht, wo nicht abge schnitten werden konnte, würde höchstwahrscheinlich diesem Schick fale nicht entgangen sein, wenn die französischen Vorposten noch einige Zeit in ihren Stellungen belaffen worden wären, bis die Hauptarmee einen angemessenen Vorsprunggewonnen hätte. Wurde wirklich Imhof abgeschnitten, was, neben jener Maßnahme, um fo mehr bei einer rechtzeitigen Beschäftigung durch Broglio nicht ausbleiben konnte, so sah sich Ferdinand vorerst gänzlich in die Defensive versetzt, und ein Zurückgehen über die Weser und damit ein Aufgeben Westfalens gehörten zu den wahrscheinlichsten weiteren Folgen. Das den Umständen völlig angemessene Verhalten Im hofs verhütete indeß solche Eventualitäten; und dessen Rückzug und rechtzeitige Verbindung mit Wutginau hätten ein Lorbeerblatt an den Pässen bei Stadtberge verdient, wenn nicht höchstwahr

scheinlich die oben genannten Rücksichten ihren Einfluß geltend ge macht hätten. –

Abzug der Alliierten aus der Stellung bei Büren in das Lager bei Rietberg, vom 19. bis zum 21. Juni. Muth maßungen und Erwägungen. Ferdinand’s in Bezug auf even tuelle feindliche Bewegungen 2c.

Die Abdrängung der alliierten Armee von Paderborn resp. Lippstadt lag zu sehr im Interesse des französischen Feldherrn, als daß ein längeres Gegenüberstehen der beiderseitigen Armeen

vorauszusehen war. Daher erfolgte auch schon am 18. Juni an



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den bei Lichtenau stehenden Herzog Broglio der Befehl, mit einer Armee nach dem Dorfe Ober-Elten zu marschieren und zu gleicher Zeit eine leichten Truppen jenseits der Alme gegen die linke Flanke Ferdinand's zu detachiren. Das in Brilon stehende Fischer jche Corps sollte dagegen über Kaltenhart und Belicke bis Effeln vorrücken und von hier aus die Verbindung der Alliierten mit Lippstadt unsicher machen.

Ferdinand vermuthete, daß der Feind ihm die von Bielefeld kommenden Convois abzuschneiden und eine Schlacht zu liefern beabsichtige; da indeß das Terrain, auf welchem die Alliierten Stellung genommen, zur Linken eine große Ebene dem Feinde

bot, so hielt der Herzog es für angemeffen, sich hier in keinen Kampf einzulaffen und dagegen am 19. Juni nach Lippstadt c. abzumarschieren, während schon Tags vorher das Gepäck nach diesem Orte abgesendet worden war.

Der Aufbruch der Alliierten geschah um 2 Uhr Morgens in drei Colonnen, so zwar, daß die beiden Treffen der Armee, d. h. die Colonne zur Rechten und Linken, die schwere Artillerie und

sonstiges Fuhrwerk als dritte Colonne in die Mitte nahmen. Die Arrièregarde, gebildet aus den jämmtlichen Grenadieren der Armee und den preußischen Husaren, wurde von dem Erbprinzen befehligt; unter ihm kommandierten die Generale Gilla, Urff und der Prinz von Bevern.

Am Nachmittage, gegen 4Uhr, rückte die Armee in das Lager bei Overhagen (etwas über 4 M. f-w. von Lippstadt) ein, und es schloß sich ihr gegen 5 Uhr die Arrièregarde wieder an, ohne von dem Feinde behelligt worden zu sein. Am 20. Juni setzte sich der Marsch Ferdinand’s bis Riet

berg fort. Zu dem Ende überschritt die Armee nach 4Uhr Mor gens die Lippe an drei verschiedenen Stellen, d. h. in der Stadt Lippstadt selbst und mittelst zweier Pontonbrücken, und der Prinz von Bevern übernahm die Führung der Arrièregarde. Lippstadt behielt seine frühere Garnison unter Hardenberg, erhielt aber am



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21. Juni in dem Bat. Vreden eine Verstärkung, so daß nunmehr

die Garnison eine Stärke von 3400 M. hatte. - In der Stellung bei Rietberg lehnte sich der rechte Flügel der Armee an diesen Ort, der linke dagegen zog sich gegen Verl

hin, während die hannoverschen Jäger sich in Neukaunitz, die hessischen Jäger und Husaren aber sowie sämmtliche preußische Husaren sich in Nienbrügge aufstellten, von wo starke Detachements nach Delbrück und dem Paffe beiNeuenkrugabgingen (Nienbrügge 1 M. und Neuenkrug / M. ö. von Rietberg). Am 22. Juni formierte die ganze Infanterie in der genann ten Stellung nur ein Treffen, während die Cavalerie der beiden Flügel das zweite Treffen bildete, – so daßVerl von der Trup penstellung erreicht wurde. Der Weg von Bielefeld lag vor der Front derselben, und die 7 Gren-Bat. verheilten sich so, daß 5 mit der Front gegen Paderborn nebst 2 auf deren linke Flanke vor der Mitte der Armee ihre Stellung nahmen.

Die Muthmaßungen, welche Herzog Ferdinand in Bezug auf des Feindes Thun und Laffen hegte, waren keineswegs geeignet, eine gewisse Zuversicht betreffs demnächstiger Erfolge der alliierten

Waffen hervorzurufen, zumalda die beiweitem bedeutendere Stärke

der Franzosen der des Herzogs gegenüber ) die Umstände und Verhältnisse zu beherrschen schien. Nach der Voraussicht des Her zogs war es nicht unwahrscheinlich, daß der Feind die Belagerung von Lippstadt und Münster gleichzeitig beginnen würde; dann aber sah Ferdinand, in Folge des Mangels an Mitteln, ebenso voraus, daß er weder den Feind daran hindern, noch diese Plätze sich erhalten könne.

Die Ergebnisse der resp. feindlichen Bewegungen waren für den Herzog nicht zweifelhaft, denn nach dessen Ansicht erschienen dann das Aufgeben des größten Theiles seiner Magazine sowie 1) Ferdinand giebt die Stärke der Franzosen zu wenigstens 90 Bat. und ebensovielen Schwad.; die feinige aber zu 43 Bat. und 58 Schwad. an



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der Rückzug über die Weser so ziemlich unausbleiblich. Mit dem Gedanken, die Entscheidung in einer Schlacht zu suchen, um den nachtheiligen Folgen jenes Rückzuges vorzubeugen, hatte sich Fer dinand am 21. Juni noch nicht vertraut gemacht, weil er den Verlust der Schlacht noch für unheilvoller hielt, als den Rückzug. Inzwischen bot die Stellung des Herzogs bei Rietberg wesentliche Vortheile, welche sich namentlich in der Deckung der Grafschaft Ravensberg, des Bisthumes Osnabrück und der rückwärts be ziehungsweise seitwärts gelegenen Magazine aussprachen. Eine beträchtliche Detachirung des Feindes, etwa gegen Hamm oder über die Lippe gegen Münster c, war nicht leicht zu befürchten,

weil dadurch dem Herzog eine sehr willkommene Gelegenheit ge boten worden wäre: zum Angriff auf den nunmehr an Stärke vielleicht nachstehenden Gegner überzugehen. Ein Ausbreiten der feindlichen Streitkräfte nordwärts, vielleicht zur Umgehung der

linken Flanke der Alliiten war dagegen immerhin zu besorgen, allein die Berpflegungs-Rücksichten sowie die von dem Terrain

gebotenen Schwierigkeiten legten einem schnellen Operieren des Mar schalls Contades Fesseln an, die er bei dem besten Willen nicht abzustreifen vermochte.

Aufforderungen und Weisungen Belle-Jsle’s an Contades.

Abmarsch der beiden französischen Armeen aus den Stellun gen bei Ober-Elten und Mehrhof in die Gegend von Pader born, am 23. und 24. Juni.

Unter den vorbemerkten Umständen blieben die Aufforderun

gen zur Schlacht, welche schon vom 10. Juni an durch Belle-Isle wiederholt und dringend an Contades erlassen wurden, vorerst ohne Gehör. Jene Aufforderungen stützten sich übrigens auf die Un zufriedenheit, welche, nach den dem Versailler Hofe zugekommenen Nachrichten, in der Armee Ferdinand’s herrschen sollte, ferner auf den geglaubten und dem französischen Cabinete auch bestätig

ten schlechten Zustand dieser Armee und endlich auf die Wider



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sprüche, welche zwischen den von dem Könige von England erhal tenen Befehlen und Anweisungen und denen des Königs von Preu ßen bestehen sollten. Die von Belle-Isle erhaltenen Weisungen mußten übrigens

den Marschall Contades bestimmen, seine Kräfte zusammen zu halten, um sich zur geeigneten Zeit auf die Alliierten zu werfen. Auch war demselben aufgegeben worden: – nach Zurückdrängung

der Alliierten über die Weser zeitig Contributionen auszuschreiben und Geißeln auszuheben, welche für die Bezahlung der noch vom Jahre 1758 her rückständigen Summen sowie der neu einzutrei benden haften sollten. Bis zum 23. Juni blieben beide französische Armeen, um

ihre Zufuhren zu erwarten, ruhig in den Stellungen beiMehrhof und Ober-Elten, während die leichten Truppen dagegen bis Geseke

und rechts der Alme streiften. Am 23. endlich marschierte Broglio bis Neuhaus nahe bei Paderborn und ließ einige Punkte rechts der Lippe besetzen; das Fischer'sche Corps ging aber bis Lipp springe und Schlangen vor. Am 24. Juni brach die französische Hauptarmee ebenwohl in der Richtung von Paderborn auf und lagerte südwestlich dieser Stadt, mit dem rechten Flügel hinter derselben und mit dem linken Flügel gegen das Dorf Wewer,

einen Theil der Une") vor der Front. Das Corps des Herzogs von Chevreute, welches aus allen Dragonern, der Inf-Brig. Or leans und dem Cav.-Regt. Noé zusammengesetzt war und zeither

in Fürstenberg stand, deckte jenen Marsch der Hauptarmee und rückte gegen Büren vor, wo es Stellung nahm. Die leichten Truppen streiften bis Salzkoten und in die Umgebungen von Lipp stadt. Der Marsch der Franzosen war übrigens wegen des be schwerlichen Terrains und der starken und anhaltenden Regen güsse ein höchst ermüdender; namentlich langte die Arrièregarde 1) Zufluß links der Lippe, welcher aus der Alme und der Alenaa entsteht und dann jenen Namen annimmt.



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der Hauptarmee erst gegen Abend in der neuen Stellung an, und die Artillerie sowie die Bagage trafen am 25. Juni daselbst ein. Wandlung der Ansichten Ferdinand's; die Anordnungen des selben in dem Lager bei Rietberg. Vorpostengefechte beiBocke und Delbrück, am 26. Juni.

Die Lage der Alliierten bei Rietberg hatte sich bis dahin nicht wesentlich verändert; nur bei Herzog Ferdinand war eine Wandlung der früheren Ansicht eingetreten, insofern er, im Falle der Feind zur Belagerung von Lippstadt schreiten oder ein Ab

schneiden der Alliierten von Bielefeld versuchen würde– entschlossen war, der einen oder der anderen dieser feindlichen Absichten, selbst

wenn eine Hauptschlacht herbeigeführt werden sollte, mit aller Kraft entgegen zu treten. Inzwischen traf Ferdinand verschiedene Anordnungen, theils um die Verbindung mit Münster offen zu erhalten und die Emsgegend in der Richtung von Osnabrück im

Auge zu behalten, theils um in den Richtungen von Paderborn, Bielefeld und Lippstadt sich gegen etwaige Angriffe sicher zu stellen. In Verfolgung des ersteren Zweckes wurde die 2 Compag.

hessischer Invaliden starke Besatzung von Warendorf noch durch das hessische Landbat. Wurmb verstärkt und am 24. Juni dem

Oberstlieutenant Pritzelwitz der Befehl über beide Truppentheile übertragen. Den oben genannten letzteren Zweck erreichte man aber an demselben Tage durch folgende Detachirungen. General

Lieutenant v. Gilsa marschierte mit dem Bat. Linstow und den hessischen Bat. Prinz Carl und Gilla, sowie mit 4 Esc. (Busch, Max Breitenbach, Bremer und Bock) nach Mastholt und schlug ohnweit der Mastholter Mühle sein Lager auf. Die specielle Auf gabe Gilsa's ging zunächst dahin, die Verbindung mit Lippstadt

zu unterhalten; und ebenso mit General v.Urffzu communiciren, welcher am 25. Juni mit 5Gren.-Bat. und dem hessischen Cav. Regt. Leibregiment in der Stellung hinter Delbrück Poito faßte und den Vorposten zum Repli diente.



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In Voraussicht der bevorstehenden Bewegungen der alliierten Armee wurde schon am 24. Juni die entbehrliche Bagage nach Bielefeld abgeschickt; auch rückten um diese Zeit von Hameln her das Bat. Post, das Schützenkorps des Majors v. Stockhausen und das Drag-Regt. Breitenbach wieder zur Armee, während die Bat. Fersen und Marschall in Hameln zurückgeblieben waren und einen Theil der Besatzung bildeten ). Die ungemeine Thätigkeit der alliierten leichten Truppen be

unruhigte nicht wenig die feindlichen Posten; es lag daher nahe, von dieser Seite Gegenschläge zu erwarten, welche denn auch mit dem 26. Juni eintraten und sogar eine Zeit lang den Glauben

an einen stärkeren Angriff bei den Alliierten aufkommen ließen. In Bocke stand das Trümbach'sche Freibataillon, welches bereits am 20. Juni von diesem Posten eine französische Ab

theilung verjagt hatte, nachdem von derselben hier ein von der Besatzung Lippstadt's ausgestelltes Detachement vertrieben worden war; in Delbrück standen dagegen Husaren und hessische Jäger. Am 26. Juni richteten zwei Detachements der Franzosen ihren Angriff auf beide Orte, während ein drittes Detachement unter dem Ritter Muy in der Richtung von Hövelhof und Stucken brock vorging, um namentlich die linke Flanke der Stellung der Alliierten zu recognosciren.

Das erste jener Detachements unter dem Grafen Berchiny, ein Regiment, 200 Freiwillige und 150 Grenadiere stark, griff Bocke an, schlug das Freibataillou nach tapferem Widerstande aus diesem Orte und besetzte denselben. Das zweite Detachement

dagegen, welches aus zwei Gren.-Comp., den Freiwilligen von Clermont, 300 Dragonern und 100 Turpin’schen Husaren be fand und von dem Grafen d'Apchon befehligt wurde, richtete feinen Angriff auf Delbrück, vermochte aber erst nach dem hart 1) S. oben: „– Rückzug des Imhoffchen Corps vom 7. bis zum 12. Juni von Fritzlar bis Büren“ c.



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näckigsten Gefechte die Besatzung zu vertreiben. Doch nicht lange blieben die Franzosen in dem Besitze des Orts, denn noch an dem Abende desselben Tages ließGeneral Urffdnrch seine Grenadiere die französische Abtheilung vertreiben. Bei diesen Gefechten ver

loren die Alliierten nur 6–7 M. an Verwundeten, während der Feind 7 Todte auf dem Platze zurückließ, die Verwundeten aber auf drei Wagen hinweggeführt wurden.

Bocke blieb im Besitze der Franzosen; mit ihm aber auch die dortige über die Lippe führende Brücke. Die Bewegungen der französischen und der alliierten Armee nach Schlangen resp. Marienfeld, am 29. und 30. Juni.

Die Einnahme des Schloffes von Rietberg durchdie Franzosen am 30. Juni, und das Reitergefecht bei Güterslohe am 1.

Juli. General Wangenheim bei Dülmen; dessen Rückzug nach Münster am 2. Juli.

Die genannten Angriffe waren nur die Vorläufer zu dem

Weitermarsche der französischen Armeen am 29. Juni in der Richtung von Schlangen. Dieser Marsch wurde indeß durch eine von den leichten Truppen gebildete und sich von Geseke über Bocke, Lippspringe und Schlangen ziehende Postenkette vorbereitet; wozu nicht minder die Detachirung des Fischer'schen Corps nach Detmold beitrug. Fischer sollte dabeidie Verbindungen der Alliierten

mit Hameln und Minden abschneiden, und Detachements seines Corps streiften in die Gegend von Bielefeld und Herford c. Dem Marsche beider Armeen am 29. Juni ging der Ueber gang einer Infanterie-Brigade unter dem Grafen Melfort über die Lippe bei Bocke voraus. Die Husaren Berchiny's wurden dabei in diesem Orte abgelöst und ein beträchtliches Detachement ging zum Angriffe auf die Vorposten der Alliierten, zunächst nach Delbrück, vor, welchem Angriffe der aller übrigen folgte. Die

Hauptarmee der Franzosen marschierte nun am 29. bis Schlangen, die kleine Armee rückte dagegen noch bis Osterholz vor und Herzog Chevreue verließ die Stellung bei Büren, marschierte nach Neu



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haus und deckte die in Paderborn befindlichen Verpflegungsanstalten sowie das große Gepäck der Armee.

Dem Gerüchte nach, welches sich betreffs dieser Bewegungen des Feindes verbreitet hatte, würde derselbe gegen Hameln vor rücken. Ferdinand schenktejedochdiesem Gerüchte keinen Glauben und war dagegen der Meinung, daß Contades sich eher nach Biele

feld wenden werde. Diese Ansicht bestimmte den Herzog zum Abmarsch nach Marienfeld, und zwar am 29. Juni Abends 11 Uhr, nachdem man bereits schon am Morgen desselben Tages um 3 Uhr die nöthigen Weisungen zu diesem Marsche an die Armee hatte gelangen lassen. Zu der genannten späten Abend stunde brach man noch nach dem Schloffe Rietberg auf, ließ hier 1 Offiz. und 60 M. Infanterie sowie 7 bückeburgische Carabiniers zurück und trat am 30. Juni um 9 Uhr Vormittags den Weiter

marsch nach Marienfeld an. Gegen 6 Uhr stand die Armee im Lager daselbst, welches sich mit dem rechten Flügel an die Lutter, einem Zufluffe rechts der Ems, stützte, und mit dem linken gegen

den von Brockhagen nach Warendorf führenden Weg sich aus dehnte. General Urff nahm mit 7 Gren-Bat., dem hessischen Cav.-Regt. Leibregiment und 5 preußischen Husaren-Esc. Stellung bei Iffelhorst(Iffelhorst, / M. n.-ö. v. Güterslohe), deckte somit die rechte Flanke der Armee und beobachtete den von

Rietberg über Güterslohe nach Bielefeld führenden Weg. Im Uebrigen wurde die Front des rechten Flügels durch das Trüm bach'sche Freibataillon gedeckt, welches, sowie Abtheilungen in Brockhagen und Steinhagen, die Vorposten bildeten, denen eine

Abtheilung von 200 M. und 150 Pferden unter Major Cron helm in Bielefeld vorgeschoben war. In Rheda standen die heff. Husaren und Jäger; ebenso erhielten Stromberg und die Ems brücke bei der Hüttingshauser Mühle Detachements. Am ent ferntesten stand Oberstlieutenant Freytag mit einer beträchtlicheren

Jägerabtheilung in der Nähe von Detmold, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten.



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Der Abmarsch Ferdinands war dem Feinde bald bekannt geworden, denn nur kurze Zeit darauf erschien eine französische Abtheilung von 380 Freiwilligen unter dem Capitän de la Noue de Vair vor dem Schloffe von Rietberg, forderte dessen Besatzung, 1 Offiz. und 47 M., zur Uebergabe auf und machte dieselben zu Gefangenen, ohne daß ein genügender Widerstand geleistet worden wäre. Dem Feinde fielen dabei ein kleines Lazareth und einige Vorräthe jammt Proviant-Wagen und Bagage in die Hände. Für die alliierten Waffen um so ehrenvoller war dagegen das am 1. Juli stattfindende kurze Reitergefecht bei Güterslohe. Bis hierher waren vom General Urff die 5 preußischen Huf-Esc. unter dem Oberstlieutenant Narzinsky vorgeschoben worden. Die beiden französischen Hus.-Regt. Turpin und Berchiny versuchten diesen Posten zu überfallen; Narzinsky kam ihnen indeß zuvor, erreichte sie vor der Ausführung ihres Angriffes, hieb 60 M. nieder, nahm 1. Offiz. und 73. M. gefangen und zerstreute die übrigen, indem er sie bis Rietbergverfolgte ). Viele, namentlich von denen, welche gefangen genommen wurden, geriethen dabei in den in jener Gegend befindlichen Morast. Der Verlust der Preußen belief sich nur auf 2 Todte und einige Verwundete.

Außer diesem Gefechte wurde der 1. Juli noch durch die Aufforderung bemerkenswerth, welche der Graf von Broglio, der Bruder des Herzogs, an den Commandanten General Harden berg in Lippstadt zur Uebergabe dieser Festung erließ und eine abschlägige Antwort zur Folge hatte.

Die Verhältniffe der bei Dülmen unter General v. Wangen heim zur Deckung Münster's und zur Beobachtung des Corps unter d'Armentières stehenden Abtheilung hatten sich inzwischen 1) Zur Belohnung empfingen Narzinsky 1000, die beiden Majore Jean neret und Stentzsch jeder 500 Reichsthaler, 2 Lieutenants, die sich besonders

hervorgethan, jeder 100 Dukaten, jeder andere Offizier 100Reichsthaler, jeder Unteroffizier 2 Dukaten und jeder Gemeine 1 Dukaten von dem Herzog Ferdinand zum Geschenk.



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ebenwohl geändert. Schon am 15. Juni war dieser General über den Rhein bei Wesel gegangen, hatte den bei Calcar mit einigen Bataillonen zur Beobachtung des Rheins stehenden Prinzen Beaufremont an sich gezogen und war bis Schermbeck vorgerückt; Wangenheim verblieb dagegen in seiner vortheilhaften Stellung zwischeu Dülmen und Haltern, ohne daß es, außer den Reibungen und Neckereien der beiderseitigen leichten Truppen, während des Monates Juni, zu Berührungen mit dem Feinde kam. Die uns bekannte Lage Ferdinand’s machte jenem Zuwarten der beiden gegenüberstehenden Generale ein Ende, indem am 30. Juni der Befehl an Wangenheim ausgefertigt wurde, mit seinem Corps sich auf Münster zurückzuziehen und hier die weiteren Be fehle zu erwarten. Die Ausführung dieser Bewegung wurde am

2. Juli begonnen, während auch im Osten Westfalens Bewegungen der gegenüberstehenden Armeen stattfanden, die immer mehr zur Entscheidung drängen mußten. Ansichten und Mathschläge Friedrich's II. in Bezug auf das Verhalten Herzog Ferdinand’s.

Herzog Ferdinand, welcher nach seinem eigenen Geständniffe dem mit großer Vorsicht marschierenden und beständig concentriert

bleibenden Feinde keinen weiteren Schaden zuzufügen vermochte, als ihm möglichst viele Schwierigkeiten in Bezug auf die Ver pflegung zu bereiten, konnte somit dem Wunsche Friedrich's nicht entsprechen: – über eine der detachirten feindlichen Abtheilungen

herzufallen und dieselbe zu Grunde zu richten. Der König sah in diesem Auskunftsmittel mit Recht die Vermeidung einer Schlacht und die Ausgleichung der aus dem Gleichgewichte gekommenen beiderseitigen Verhältnisse, während er mit aller Bestimmtheit in einem Rückzuge über die Weser die Rettungslosigkeit der Armee

voraussah. Die Folgen eines weiteren Zurückweichens des Herzogs schilderte Friedrich demselben als höchst gefährlich und jener fah dabei voraus, daß, wenn Contades in der angegebenen Weise noch Renouard Gesch. II. Bd.

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einige Monate fort operieren würde, ein Zurücktreiben der Alliierten

bis an das Meer, gleichwie dies dem Herzoge von Cumberland geschah, stattfinden dürfte. Der König hielt die Chancen zu einer damals oder nach einem Monate zu liefernden Schlacht für die Alliierten günstiger, als wenn man sich dazu in zwei oder drei

Monaten entschlöße; und sein Rath ging zugleich dahin, „den Feind in eine Ebene zu locken, um fo leichteres Spiel

zu haben.“ Friedrich verhehlte bei diesen Mahnungen und Rath schlägen nicht, daß weder er noch sein Bruder Heinrich dem Herzog

Hülfe zu leisten vermöchten"); doch sagte er vielleicht mögliche Unterstützung von 10.000M. zum Angriffe des feindlichen Rückens zu, wenn PrinzHeinrich in sechs Wochen seine jämmtlichen Truppen wieder vereinigt haben würde, – eine Hülfe, die, nach des Königs Ansicht, freilich nur im günstigsten Falle eintreten könnte. Die Bemerkungen, welche bei diesen Mittheilungen König Friedrich dem Herzoge machte, bilden wesentliche Bestandtheile der Erfahrungen eines reich bewegten Lebens und mögen ihren morali fchen Einfluß auf den so sehr begabten Feldherrn der Alliierten nicht verfehlt haben. So sagte der König, mit Hinweisung auf

die zeitherigen Operationen und mit der dringenden Aufforderung, sich nicht außer Fassung bringen zu lassen: – daß der erste Schritt, den man nach rückwärts thue, einen schlimmen Eindruck auf die Armee mache, der zweite schon gefährlich sei, der dritte aber immer Verderben bringe. Alles dies macht Friedrich indes vom Terrain abhängig und ist der Ueberzeugung, daß der Feind geschlagen werde, sobald sich derselbe unvortheilhaftpostiere. Uebri gens verwies hierbei der König auf die resp. Mittheilungen des Königs von England und bekannte seine Meinung, daß eine Armee ohne Magazine nicht bestehen könne, und daß, wenn sie einmal geschlagen, sich nie mehr zu erholen im Stande sei. Der König kannte, nach einem Bekenntniffe, von dem frag 1) S. die Gründe im 6. Abschnitt: – „Allgemeines über die Feldzüge des Jahres 1759.“



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lichen Kriegsschauplatze nur die von Berlin nach Wesel führende große Heerstraße und beschied sich in seinem Schreiben an Fer dinand gern ), die angeführten Mittel nicht als unfehlbar zu be trachten, zu denen auch noch das gehört: – „den Feind sich vor

irgend einem festen Platze verbeißen zu lassen, um dann über ihn herzufallen.“ Wir haben es nicht unterlaffen mögen, in dem Vorstehenden

des Königs ganze Ansicht betreffs der Lage Ferdinand’s mitzu theilen, weil eben dieselbe nicht nur auf die Motive dieses Feld herrn bei dessen nächsten Handlungen in klarer Weise deutet jon dern auch die Kriegführung des großen Königs sich hier in großen Zügen ausspricht. Späterhin werden wir nicht minder Gelegen heit nehmen, an jene Ansicht Friedrichs diejenigen Bemerkungen deffelben zu reihen, welche sich in der Correspondenz anFerdinand, in Bezug auf dessen zu beobachtendes Verhalten den Franzosen gegenüber, vorfinden. Aussichten Ferdinand's aufVerstärkung der alliierten Armee.

Wenn die Bedrängniffe des Herzogs Ferdinand sich durch wiederholte Nachrichten von dem Vordringen der Reichsarmee gegen die Grenzen Hessens zu steigern schienen und der Herzog den König ersuchte, deshalb eine Diversion zu seinen Gunsten ausführen zu lassen, – so wurden dagegen dem alliierten Feldherrn

von dem Königvon England Hoffnungen erweckt, daß dieser geneigt wäre, ein Corps von 10.000 M. in Sold zu nehmen, um mit demselben die alliierte Armee zu verstärken. Man wollte sich

englischer Seits deßhalb an die Höfe von Stuttgart und Mann heim wenden; auch glaubte man, daß der erstere Hof auf die Vorschläge eingehen würde. Ferdinand, welchem Georg II. die Herbeischaffung jenes Corps übertragen hatte, zweifelte indes an der Bereitwilligkeit der genannten Höfe, weil dieselben die Rache 1) Datiert vom 26. Juni 1759 aus Reich-Heinersdorf, f. v. d. Knese beck c, 1. B, S. 362. 11



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des Versailler-Cabinetes zu befürchten hätten; glaubte aber dagegen Bayern vielleicht geneigter zur Uebernahme der Stellung des Corps. Im Uebrigen hielt Ferdinand es am wünschenswertheiten, Däne mark als Alliierten gewinnen zu können, eben weil er von diesem die meiste Zuverlässigkeit erwartete. Mit dieser letzteren Ansicht war König Friedrich immerhin einverstanden; er bezeichnete aber den Gedanken Georg's II. als einen verspäteten, indem, bevor der

Subsidienvertrag seinen Abschlußfände und die resp. Truppen den Marsch nach dem Kriegsschauplatze anzutreten vermöchten, man

schon die Winterquartiere bezogen haben würde. Dann glaubte der König auch nicht an eine Einigung mit Bayern, dem Nachbar Oesterreichs, und zwar ebensowenig als an die mit den Würtem bergern und den Pfälzern wegen der zu großen Nähe Frankreichs. Weitermarschderfranzösischen Armeen nach Stuckenbrock und Oerlinghausen, am 2. Juli, fo wie der Marsch der alliierten Armee nach Diffen, am 3. Juli.

Kehren wir zu den Operationen der Armeen zurück. Es war

am 2. Juli, als beide französische Armeen ihre Bewegungen längs des Teutoburger Waldes fortsetzten, und die Hauptarmee am Schluß des Tages beiStuckenbrock, die kleine Armee dagegen bei Oerling

haufen lagerten. Gleichzeitig mit diesem Vorgehen gegen den linken Flügel der Alliierten wurden durch die feindlichen leichten

Truppen die in Stromberg und Rheda stehenden Detachements verdrängt; HerzogFerdinand aber sah sich veranlaßt, am 3.Juli mit der Armee nach Diffen abzumarschieren (Diffen 2% M. n. v. Marienfeld), wobei der Erbprinz die aus 7Gren.-Bat, den hannoverschen Garde-Regtr., der alten Feldwache der Armee und aus einem 400 M. starken Commando bestehende Arrièregarde befehligte.

Das Lager bei Diffen stützte sich links an die Höhen bei diesem Orte, rechts dehnte es sich gegen Bockhorst aus. Nach Versmold kamen die hessischen Husaren undJäger als Vorposten; zu gleichem Zwecke standen die 5 preußischenHuf-Esc. nebst dem



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Freibataillon in Halle, 3 hannoversche Jäger-Comp. sowie 2 des gleichen zu Pferde in Borgholzhausen zur Festhaltung des daselbst über den Teutoburger Wald führenden Passes, der auch bei Ra

vensberg (Ravensberg ", M. f. v. Borgholzhausen), am südlichen Eingange, durch eine Compagnie Fußjäger nebst 30 Pferden be jetzt wurde. Außerdem gingen kleinere Detachements, theils aus Grenadieren theils aus Dragonern bestehend, nach Halstenbeck und der Faartmühle vor (Halstenbeck, , M. f. v. Dissen). Das Lager selbst bekam seinen unmittelbaren Schutz durch 5 Gren.-

Bat. bei Bockhorst und 2 solcher Bat. in der Nähe von Diffen. Warendorf, wo das hessische Landbat-Wurmb. und 2. Garnison Comp. als Besatzung gestanden, wurde geräumt.

Marsch der Franzosen nach Bielefeld 2c.; Vorpostengefechte

bei Halle und Melle, am 4. und 5. Juli.

Marschall Contades, treu seinem Plane: die Alliierten von Minden und der Weser abzuschneiden, verfolgte am 3. nnd4. Juli die Richtung nach Bielefeld resp. Herford. Namentlich war es Broglio, welcher am 3. nach Heepen marschierte; ihm folgte die Hauptarmee am 4. nach Bielefeld, und die Regtr. Apchon und Schomberg besetzten Herford, während die leichten Truppen bis Engern und Neuenkirchen streiften (Neuenkirchen 2%, M. n.w. Bielefeld). Broglio detachirte am 4. Juli die beträchtliche Abtheilung der Freiwilligen von Clermont und la Noue unter dem Befehle des Generals v. Commeyras gegen den in feiner linken Flanke gelegenen Ort Halle, um Erkundigungen über die Stellung der Alliierten einzuziehen und sich dieses Dorfes zu bemächtigen. Die Besatzung desselben vertheidigte längere Zeit mit Unerschrockenheit ihren Posten, mußte aber endlich der Uebermacht weichen und sich nach Ravensberg, fortwährend verfolgt, zurückziehen, wo sie von den Jägern aufgenommen wurde. Das Feuer derselben und



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einige Kanonenschüffe trieben hier den Feind rasch zurück und nun trat dessen Vorfolgung bis jenseits Halle ein. Der Verlust desselben betrug 6 Offiz, 80 Freiwillige und 26 Pferde). Um den bedrohten wichtigen Posten von Ravensberg sicher zu stellen, bezog der Prinz Bevern mit 5 Gren.-Bat. und 4 Esc. ein Lager bei Borgholzhausen, wohin bekanntlich schon Tags vor

her ein Detachement abgegangen war. Der Feind hatte übrigens Halle wieder geräumt; an seine Stelle trat eine AbtheilungJäger unter Capitain Hattorf. Der Ort Melle, welcher bezüglich der Zufuhren von Osna brück Bedeutung für die alliierte Armee hatte und woselbst sich

noch 50.000 Rationen befanden, wurde am 5. Juli durch ein feindliches Detachement überfallen, wobei 8 M. von der dort stehenden Abtheilung in Gefangenschaft geriethen. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli gelangte die Nachricht davon in das

Hauptquartier Ferdinands und sofort brach General Imhof mit 7 Bat. und 10 Esc. nach Melle auf, fand hier nur ein Detachement leichter Truppen und besetzte den Ort, dessen Vorräthe indeß von dem Feinde nicht berührt worden waren.

Der Ueberfall der leichten Truppen des Oberstlieutenants

Freytag aufHemeln und Bursfelde, sowie aufWitzenhausen, am 5. und 8. Juli.

Die zeitherigen Thatsachen hatten genügend den Beweis ge liefert, daß die leichten Truppen der Alliierten eine Ueberlegenheit über die der Franzosen behaupteten, sei es, daß eine bedeutendere 1) Nach Tempelhof 3. Bd., S. 118. Nach französischen Berichten,

namentlich den damaligen Zeitungsberichten, wurde der Erfolg derfranzösischen Waffen außerordentlich übertrieben. So sollten die Alliierten in dem oben referierten Gefechte an 300M, abgesehen von 13 Gefangenen, verloren haben, während man sich, bezüglich des französischen Verlustes, mit der Bemerkung

begnügt, daß derselbe demder Alliierten nichtgleichgekommen sei. S. Nouvelles extraordinaires de divers endroits 17. Juillet 1759.



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Umsicht und Unermüdlichkeit oder ein zähes Verfolgen dieses oder jenes Zieles auf der ersteren Seite zu finden waren. Neue und glänzende Beweise gab hierzu der Oberstlieutenant Freytag, den wir noch am 30. Juni mit einer beträchtlichen Jäger-Abtheilung bei Detmold wußten, um die Bewegungen des Feindes zu beobach

ten. Freytag hatte mit seiner Truppe jene Gegend verlassen und den Solinger Wald besetzt, um die rechts der Weser resp. Werra gelegenen feindlichen Cantonierungen zu beunruhigen. Sein nächstes

Ziel war das DorfHemeln (1’s M. n. v. Münden), in welchem eine Abtheilung der Freiwilligen von Elsaß stand. Freytag trat

in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli den Marsch nach Münden an und umging das genannte Dorf. Auf der Höhe von Hemeln heilte er sein Detachement, von welchem eine Abtheilung sich zwischen

diesem Dorfe und Bursfelde (1), M. n. Münden), wo ebenwohl Freiwillige von Elsaß sich befanden, aufstellte, während die andere Abtheilung sich von Münden her dem ersteren Dorfe näherte.

Der Feind hatte keine Ahnung von der Nähe der Jäger, da die vorwärts in den Solinger Wald abgeschickten Patrouillen nichts von denselben wahrgenommen hatten, auch das Aussenden von Patrouillen in der Richtung von Münden unterblieben war, weil man bis dahin sich durch die dortige Garnison vollkommen sicher glaubte. Diese Umstände sowohl als wie auch der Mangel an genügenden und aufmerksamen Posten machten nun den in den

ersten Morgenstunden des 5. Juli von zwei Seiten her auf He meln gerichteten Ueberfall vollkommen gelingen. Die Besatzung, welche auch nach der dritten Seite hin den Ausweg durch die Jäger versperrt sah, drängte sich, von denselben zurückgetrieben, im Dorfe zusammen oder versuchte schwimmend oder auf Kähnen über die Weser zu entkommen. Viele von den Flüchtlingen fan den ihren Tod in den Wellen; diejenigen, welche Widerstand leisteten, wurden nieder gemacht und die übrigen gefangen genom

men. Nun wendete sich Oberstlieutenant Freytag mit seinen Jägern sofort nach Bursfelde, wo das stärkere der beiden Deta



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chements der Freiwilligen stand. Auch hier muß die Nachläfig keit der Posten, wenn solche überhaupt ausgestellt waren, eine sehr bedeutende gewesen sein): indem es den Jägern gelang, am hellen Tage das Dorf zu umstellen, ohne daß der Feind es be merkte. Nach Beendigung der resp. Anordnungen endete Freytag den Capitain Bülow in dasselbe, um das Detachement zur Er

gebung aufzufordern; doch die Jäger, gedrängt durch die Unge duld der Kampfeslust, waren bereits in den Ort eingedrungen und hatten den Feind zum Strecken des Gewehrs gezwungen.

Damit war beinahe das ganze Corps der Freiwilligen von Elsaß in die Hände der gewandten Jäger gefallen. Daffelbe bestand aus dem kommandierenden Obersten Beyerle, 28 Offiz, 30Unter offiz. und 186 Gem. Auch bei dem benachbarten Uslar, wo Lieutenant Scheither

mit 24 Jägern postiert war, wurde ein französisches Detachement, in der Stärke von 3 Offiz. und 40 M., welches daselbst Wägen requirieren wollte, zu Gefangenen von dem genannten Offizier ge macht. Die Absichten Freytags auf die feindlichen Cantonierungen

hatten mit der glücklichen Unternehmung auf die beiden Dörfer noch nicht ihren Abschluß gefunden, denn er beschloß nun, auch Münden zu überfallen, zumal da seine Anwesenheit in der dorti gen Gegend der Garnison dieser Stadt unbekannt geblieben war. Eine Verstärkung, welche dieselbe erhielt, änderte indeß seinen Ent schluß, und der Marsch der Jäger richtete sich statt dessen über Dransfeld und Jühnde nach Witzenhausen, in dessen Nähe er am 8. Juli eintraf, ohne vom Feinde bemerkt worden zu sein. Auch hier theilte Freytag seine Truppe in zweiAbtheilungen, von denen die eine unter dem Capitän v. Bennigsen nahe bei Hedemünden 1) Vielleicht fröhnten die französischen Offiziere allzusehr dem Vergnügen der Jagd, wie dies bereits früherhin, d. h. vor 2 Jahren, in derselben Gegend geschehen war – um dem Dienste die strengere Aufmerksamkeit nicht zuwenden zu können



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die Werra überschritt, um die Besatzuug von Münden zu beobach ten, die andere aber unter dem Capitän Campen diesen Fluß bei

Bischhausen (18. Min. n. Witzenhausen) passierte, um von Süden und Osten her den Angriffzu beginnen. Capitain v. Bülow forderte hieraufden Commandanten von Witzenhausen zurUebergabe auf,und da er keine Antwort erhielt, sodrangen die Jäger raschvor, sprengten die Thore und überraschtendie Garnison, noch bevor es ihr möglich wurde, sichzum genügenden Widerstande vorzubereiten. Ein Theil der Besatzung, welche dem Schweizerregt. Courten und dem Cuiraff

Regt. Enrichemont angehörte, wurde indeß niedergemacht, während man4Offiz. und 82.M. gefangen nahm. Alle diese Handstreiche

des kühnen und thätigen Freytag hatten übrigens zur Folge, daß eine Brigade (Castella) unter General Baron v. Beusenval in die resp. Gegenden gesendet wurde.

Voraussicht Ferdinand’s betreffs eines etwaigen Rückzuges über die Weser. Bedingungen zu den nächsten Operationen Ferdinand’s.

Herzog Ferdinand scheint sich, während er zu Diffen lagerte, mit dem Gedanken vertraut gemacht zu haben, daß er vielleicht zum Rückzuge über die Weser gezwungen werden könne, wenn auch, wie wir gesehen, der RathFriedrich’s sich entschieden dagegen aus gesprochen. In jener Voraussicht knüpfte er, in seiner Correspon

denz mit Lord Holderneffe, an das Verlangen des in Emden kom mandierenden Obersten Parker: ihm einiges Geschütz mit der ent sprechenden Bedienungsmannschaft zur Vertheidigung gegen einen etwaigen Angriff zu schicken – den Vorschlag, einige Kriegsschiffe von der Ems nach der Mündung der Weser segeln zu lassen, wo sie für jenen Fall eines Rückzuges über diesen Strom von Nutzen sein würden. Die Nachrichten, welche Ferdinand durch König Friedrich betreffs einer eventuellen Landung der Franzosen an der Mündung der Elbe bekommen hatte, mußten immerhin den Vor

fchlag des Herzogs unterstützen; gleichwie denn auch jene Kriegs



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schiffe die Transportschiffe schützen konnten,deren SendungnachEmden

Ferdinand beiLord Holderneffe befürwortete.Die Veranlassunghierzu

lag eben in der etwaigen Entfernung der Alliierten aus Westfalen, für welchen Fall es nicht unwahrscheinlich war, daß ein französi sches Corps längs der Ems gegen Emden vorrückte. Eine Ver theidigung Parker's konnte dann um so weniger stattfinden, da Ferdinand nicht im Stande war, dessen Bitte zu gewähren; wohl

aber vermochte Parker sich dann mit seinem Bataillon auf den Transportschiffen einzuschiffen. – General Wangenheim hatte, in Folge des Befehles, zur Armee Ferdinand's zu stoßen, am 6. Juli das Lager beiMünster verlaffen und war nachLadbergen marschiert, während jene Festung mit einer starken Besatzung versehen blieb. Von dem nun weiter

zu erwartenden Verfahren des Marquis d'Armentières machte Ferdinand seine nächsten Operationen gegen Contades abhängig. So war es für den Fall, wo d'Armentières zum Angriffe auf

Münster schreiten würde, Absichtdes Herzogs, dem Marschall Con tades bei günstiger Gelegenheit eine Schlacht zu liefern, wobei ihm die Verstärkung durch Wangenheim natürlich sehr zu Statten kommen mußte. Ferdinand verhehlte sich indeß nicht die ihm dro

henden Verlegenheiten, wenn d’Armentières längs der Ems vor rücken oder sich mit Contades vereinigen sollte; er erblickte aber auch in diesen etwaigen Bewegungen der beiden Generale die sich

ihm darbietende Gelegenheit: einen von beiden zu schlagen. Mar schall Contades bot vorerst hierzu durch eine festen Stellungen

und das Zusammenhalten seiner Streitkräfte noch keine Gelegen heit; dennoch hoffte Ferdinand auf ein gutes Glück und sah für sich keine andere Wahl, als eine Schlacht zu liefern.

Marsch der Franzosen nach Engern und Herford sowie Blo kade von Lippstadt, am 7. und 8. Juli; Marsch der Alliierten nach Osnabrück, am 8. Juli

Der Abmarsch Imhofs nach Melle hatte am 7. Juli den



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Aufbruch Broglio"s mit 15 Gren-Comp., 1400 M. Infanterie, den feinem Corps zugehörigen Carabiniers, den Regtr. Schom berg und Nassau, dem Fischer'schen Corps und 12 schweren Ge schützen nach Engern zur Folge. Diesen Truppen folgten unter dem Befehle des Herzogs d'Havré die Inf-Brig. Navarra, An halt, Löwendahl und die Cav-Brig. Bourgogne von der Haupt armee bei Bielefeld – zur Unterstützung. Diese marschierte da gegen am 8. Juli nach Herford, ließ aber den Grafen Andlau mit 2 Inf- und 1 Cav.-Brig. in Bielefeld zurück, um den dor tigen Paß über den Teutoburger Wald zu decken.

Herzog Chevreute, den wir oben bei Neuhaus verließen, war bereits am 7. Juli bis Rietberg vorgegangen, hatte aber den Marquis d'Auvet behufs der Blokade von Lippstadt mit einer Inf-Brig, 3 Regtr. Dragoner und ebensoviel leichten Truppen zurückgelassen. Das Turpin'sche Huf-Regt, zum Chevreuse'schen Corps gehörig, rückte bis Warendorf vor und streifte bis Münster. Die Bewegung Broglio"s gegen Engern blieb dem bei Melle stehenden General Imhof nicht verborgen und die deshalb am

7. Juli Abends in das Hauptquartier Ferdinands erstattete Mel dung sowie die oben erwähnten Erwägungen des Herzogs hatten am nächsten Tage den Abmarsch der Alliierten in 4 Colonnen nach Osnabrück zur Folge. Bis dahin fanden indeß abermalige Rei bungen zwischen den beiderseitigen leichten Truppen, und zwarzwi schen Engern und Neuenkirchen, statt. Major Friederichs griff dort mit einer 100Jäger zu Fuß und 36Jäger zu Pferd starken Abtheilung ein bedeutendes feindliches Detachement mit soviel Er folg an, daß er demselben 1 Capit. und 12 M. tödtete, und 2 Capit., 1. Offiz. und 43 M. zu Gefangenen machte sowie 20 Pferde tödtete. Die Jäger Friederichs" erlitten dagegen keinen Verlust. Jene Mannschaften gehörten zu den Freiwilligen von

Clermont und hatten in Wallenbrück (1 M. w. von Engern) sich festgesetzt.

Erst in der Nacht vom 8. zum 9. Juli erreichte der größere



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Theil der Armee Ferdinands, in Folge der Hitze und des beträcht lichen Marsches von Diffen nach Osnabrück, 5 bis 6 Stunden, – den letzteren Ort; und einige Regimenter trafen daselbst erst am 9. Juli mit Tagesanbruch ein.

Der Erbprinz hatte mit 7Gren-Bat, den beiden Bat.Im hof und 4 Esc. die Arrièregarde gebildet; General Imhof deckte dagegen von Melle aus, dessen kleines Magazin vor dem Ab marsche verbrannt wurde, die rechte Flanke der Armee, ward wie derholt von dem Feinde angegriffen, erwehrte sich aber stets des selben, indem die hannoverschen Jäger und das Feuer der Regi mentsgeschütze ihn zurückwiesen. Imhofverlor bei diesem Arrière gardengefechte 15. M. an Todten und Verwundeten.

In der Stellung bei Osnabrück, wo General Wangenheim sich mit seinem Corps der Armee anschloß, übernahmen die Gre nadierbataillone die unmittelbare Deckung derselben, während leichte Truppenabtheilungen nach Bissendorf, Hagen, Westerhof, Ost Cappeln und Sandfort abgingen. Nach dem letzteren Orte kamen die hessischen Jäger und Husaren. – Marsch der Alliierten nach Bohmte am 11. Juli; Erstürmung von Minden am 9. Juli durch Herzog Broglio.

Die Märsche, welche die französische Armee seit dem 7. Juli ausführte, gaben dem HerzogFerdinand allmälig die Ueberzeugung,

daß die Absicht des Marschalls Eontades zunächst gegen Minden gerichtet sei. Bei dieser Ueberzeugung nährte indeß Ferdinand die Hoffnung, zur Unterstützung dieser Festung noch herbeieilen zu können; und jene Hoffnung erhielt sich selbst da noch, als am 9. Juli die Nachricht von dem Tags vorher am Abende stattge

fundenen Abmarsche Broglio"s von Engern in der Richtung nach Minden, – in dem Hauptquartiere Ferdinands einlief.

Um nun die gegen die Mindener Ebene hin sich öffnenden Ausgänge bei Hille und Lübbecke besetzen zu laffen und dadurch dem Feinde das Debouschiren daselbst zu erschweren resp. zu ver



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wehren, so wurde am 10. Juli der Erbprinz mit den 7. Gren. Bat. und den hessischen Regtr. Leibdragoner und Prinz Friedrich

Dragoner zunächst nach Witlage (3 M. n.-ö. v. Osnabrück) detachirt, von wo derselbe seinen Marsch möglichst bald nach den bezeichneten Punkten fortsetzen sollte. Zur weiteren Unterstützung diente dem Erbprinzen das Corps Wangenheim's, welches drei Stunden später ihm folgte.

Herzog Ferdinand selbst brach indeß am 11. Juli mit der Armee von Osnabrück, woselbst 3 Bat. und 2 Esc. unter General

Kielmansegge zurückblieben, nach Bohmte auf, erhielt aber auf dem Marsche dahin die Meldung des Erbprinzen, daß Minden am Abende des 9. Juli mit Sturm genommen worden sei.

In der That war, wie oben berichtet, Broglio mit einem etwa 4000 M. starken Corps am 8. Juli Abends von Engern nach Minden aufgebrochen, um diese Festung zu überrumpeln, in dem eine förmliche Belagerung unzulässig erschien, da sowohl die

Zeit hierzu fehlte als auch das nöthige Geschütz jammt Munition nicht sobald herbeigeschafft werden konnte. Dem Broglio’schen Corps folgte indes zur Unterstützung eine Abtheilung von der

Hauptarmee, unter dem Befehle des Prinzen von Condé. Die Besatzung in Minden bestand aus dem hessischen Land bat. Freywald, 200M.vom Regimente Fersen ) und 30Pferden von Breitenbach, – zusammen etwa 800 M. unter dem Befehle des braunschweigischen Generals Zastrow. Broglio traf am Vormittage des 9. Juli in einiger Ent

fernung vor Minden ein und ließ General Zastrow zur Uebergabe aufforderen, erhielt aber von demselbenzur Antwort, daß er Gewehr, Pulver und Blei habe; und ehe er an eine Capitulation dächte,

müßten diese erst alle drauf gegangen sein. Broglio hatte bis jetzt, da Zastrow alle auf der Weser liegenden Schiffe entfernt, keine Mittel gefunden, um über diesen Fluß eine Abtheilung setzen 1) Das Regiment Fersen stand in Hameln.



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zu lassen, welche den schwächsten Theil der Festung, das auf dem

rechten Ufer gelegene Hornwerk, hätte angreifen können. Verrath kam jedoch dem Herzog zu Hülfe, indem ihm ein Bauer nicht nur eine für Cavalerie brauchbare Furt zeigte, sondern auch die Mit theilungmachte, daß sich beiHausberge am rechten Ufer eine große Barke befände. Einige Grenadiere, fertige Schwimmer, führten nun dieselbe herbei, mit deren Hülfe beim Einbruche der Nacht

die Freiwilligen von La Noue so wie das Fischer'sche Corps unter dem Befehle des Grafen v. Broglio das rechte Ufer betraten und ihren Angriff gegen das Hornwerk richteten. Herzog Broglio hatte bereits unmittelbar nach seiner Ankunft vor der Festung, um 8 Uhr, seine Geschütze fleißig auf dieselbe

spielen lassen und dadurch Schrecken unter den Einwohnern ver breitet; Zastrow sammelte dagegen den größten Theil der Be satzung in dem Stadttheile links der Weser und besetzte hier die

Wälle, weil er von dieser Seite her den Hauptangriff erwartete. Gegen Mittag schwieg das Feuer der feindlichen Geschütze; am Abend begann es jedoch von Neuem, als die genannten Truppen das rechte Ufer des Flusses gewannen, am linken Ufer

aber Herzog Broglio, und zwar gleichzeitig mit dem Angriffe auf das Hornwerk, den einigen gegen die Festung richtete. Ein Theil der französischen Artillerie bestrich dabei die Weserbrücke so wie

das Hornwerk im Rücken mit ihrem Feuer; die Besatzung aber da selbst, in der Besorgniß, von der Festung abgeschnitten zu werden, zog sich, nach geleistetem Widerstande, über die Brücke zurück und verrammelte das am Ende derselben befindliche Thor. Der

Feind folgte indeß auf dem Fuße nach, sprengte dasselbe und drang in die Stadt. Während dieser Vorgänge war von den Truppen unter Broglio das dem Brückenthore gegenüber gelegene

Thor,trotzdesheftigen Gewehrfeuersder Besatzung,ebenwohlgesprengt worden. Auch hier vermochte man sofort in die Stadt einzudringen,

wenn auchGeneral Zastrow sich noch bemühte, mit einigen hundert Mann möglichst Widerstand zu leisten. Von allen Seiten nun



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mehr angegriffen, erlag indeß dieser General bald der Uebermacht und ergab sich dem Sieger.

So sehr sich auch Broglio und sein Bruder so wie Marquis Boufflers bemühten, die Stadt vor der Plünderung zm behüten, so war es doch nicht möglich, den Ausschweifungen der zuerst in die Stadt eingedrungenen leichten Truppen zu begegnen. Erst nach dem Einrücken einer genügenden Zahl anderer Truppen ge lang es, der Plünderung Einhalt zu thun, indem die leichten Truppen von jenen mit Gewalt aus der Stadt entferntwurden). Zastrow sammt der ganzen Besatzung wurde kriegsgefangen. Im Uebrigen fielen dem Feinde 22 schwere Geschütze und einige

Vorräthe an Lebensmitteln in die Hände, nachdem bereits lange vorher der größte Theil des Magazines nach Verden geschafft worden war. Der Verlustder Franzosen soll nur in2Getödteten und

5 Verwundeten bestanden haben, – eine Angabe, die sich mit dem Widerstande Zastrow's nicht vereinbaren läst und dessen Verlust ein nicht unbedeutender gewesen sein muß.

Broglio besetzte Minden mit 1400 M. und sorgte für seine Flankendeckung durch Abtheilungen, welche er nach Petershagen

und Lübbecke detachirte. Nach dem ersteren Orte marschierte das Regt.-Nassau, unterstützt von 200 Freiwilligen von La Noue; nach dem letzteren das Fischer'sche Corps, während die übrigen Truppen nach den dazwischen liegenden Orten verlegt wurden, und wobei namentlich 400 Carabiniers unter dem Grafen von Salles das Dorf Holzhausen besetzten (Holzhausen ", M. n.w. v. Minden). Außer dieser TruppenvertheilungtrafBrogliodurchdas Aussenden von Detachements in der Richtung von Diepenau und Nienburg die so nothwendige Anordnung, sichvon den Bewegungen der Alliierten Kenntniß zu verschaffen. 1) Tempelhof c, 3. Bd., S. 123.



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Detachirungen Ferdinand’s zur Gewinnung des linken Weser ufers am 11. Juli. Ueberfall französischer Detachements in

Diepenau und Holzhaufen am 12. Juli resp. in der Nacht vom 11. zum 12. Juli.

Die Lage Herzog Ferdinands war mit dem Falle von Minden eine noch schwierigere geworden, indem den Alliierten in dieser Festung ein Hauptstützpunkt an der Weser genommen wurde, welcher auch in Bezug auf Verpflegung von großer Bedeutung war und dem Feinde namentlich den Eintritt in das Kurfürsten thum Hannover verschaffte. Diesen Verhältnissen gegenüber mußte sich Ferdinand zur endlichen Entscheidung durch eine Schlacht ge

drängt fühlen, da nichts Anderes übrig blieb, den feindlichen Fort schritten Einhalt zu gebieten. Zunächst handelte es sich darum, möglichst bald das linke Weserufer zu gewinnen; daher bekamen

sofort der Erbprinz und General Wangenheim den Befehl, nach

Rahden zu marschieren. Gleichzeitig wurden den beiden Generalen die sämmtlichen leichten Truppen überwiesen, um diese gegen die Weser hin streifen zu lassen. Generaladjutant Estorf brachdagegen noch am Abende des 11. Juli mit 400M.Inf. und 400Pferden aus dem Lager bei Bohmte nachNienburg auf, wo nur 2 Comp.Invaliden die Besatzung bildeten. Oberstlieutenant Luckner, welcher mit

feinen Husaren, so scheint es, der Abtheilung Estorf’s vorausging, überfiel am 12. Juli einen Theil des nach Diepenau geschickten französischen Detachements in den Betten und machte 5 Offiz.

und eine beträchtliche Zahl der Mannschaften zu Gefangenen, während ein anderer Theil, der ebenwohl alle Vorkehrungen

zu seiner Sicherheit unterlassen hatte, niedergehauen wurde. Damit endigte jedoch noch nicht das feindliche Zusammentreffen, denn nachdem sich die Reste des aus 600 Cuirassieren, Elitentruppen und Abtheilungen der Cav.-Regtr. Broglio"s bestehenden Detache ments während dieser Vorgänge gesammelt hatten und sich zum Angriffe auf Luckner anschickten, stießen sie auf die Abtheilung Estorfs und erlitten hier eine vollständige Niederlage, bei welcher



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182 Gefangene gemacht wurden. Unter diesen befanden sich der kommandierende Offizier, ein GrafSalm, und mehrere Offiziere. Die Husaren hatten 8 Todte und 13 Verwundete. Die Nacht vom 11. bis zum 12. Juli war für die fran zösischen Vortruppen überhaupt eine verhängnißvolle, denn in der

felben wurde auch das in Holzhausen stehende Detachement von den hannoverschen Husaren mit Erfolg überfallen. Geführt durch Bauern des genannten Ortes erschienen die Husaren um Mitternacht vor den Wohnungen des Commandanten und einiger anderer Offiziere. Aufgeschreckt durch das Feuer der Schildwache, gelang es dem ersteren, nach der Wache zu ent kommen und dort sich einige Zeit zu vertheidigen, bis er ver wundet und endlich gefangen den Husaren zu folgen gezwungen

wurde, welche mit einigen erbeuteten Pferden und Gefangenen abzogen und 2 französische Offiz. todt auf dem Platze zurückließen. Auf den durch diese Vorgänge entstandenen Alarm detachirte Graf d'Apchon, der Commandierende der Cantonnements, 100 Pferde

nachHolzhausen. Diese, vereint mit den Carabiniers unter Oberst lieutenant Decepeaux, begannen sofort die Verfolgung der Husaren in der Richtung von Diepenau, fließen aber hier auf die Avant garde des nach Rahden marschierenden Erbprinzen und verloren auf dem dadurch veranlaßten Rückzuge 120 M. und eben so viele

Pferde; – ein Verlust, der indeß sich noch gesteigert haben würde, wenn nicht d'Apchon mit 100 Dragonern und 100 Frei willigen zur Unterstützung der Verfolgung nachgerückt wäre. Auch nach Minden hin hatte sich der Alarm in Folge dieser Vorgänge verbreitet, und der Herzog sowie der Graf Broglio sahen sich ver anlaßt, selbst nach Holzhausen zu eilen, wo indeß die Ruhe be reits wiederhergestellt war. Die verlorenen Pferde wurden ihrem Werthe nach reichlich, doch über alle Gebühr, durch die 53.000 Livres ersetzt, welche Broglio, mit Erlaubniß des Marschalls Contades, von der Stadt Minden erhob. Renouard Gesch. 11. Bd.

12



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Einnahme von Bremen durch General v. Dreves am

15. Juli. Die Forderung, sich neue Stützpunkte an der Weser zu

sichern, dann aber auch die Voraussicht, daß Marquis d'Armen tières, welcher seit einigen Tagen Münster angriff, nach etwaiger Wegnahme dieser Festung und ihrer Citadelle den rechten Flügel der Alliierten umgehen und gegen Bremen vorrücken konnte, –

bestimmten Herzog Ferdinand, noch in der Nacht vom 12. Juli den General Dreves mit 4 Bat, worunter das hessische Bataillon Canitz, dorthin zu detachiren, um entweder auf friedlichem Wege oder auf dem der Gewalt sich dieser Stadt zu bemächtigen. Der Marsch des Generals war ein überaus schneller, denn schon in der Nacht vom 14. zum 15. Juli erreichte derselbe über Vechta, wo 200 M. zurückblieben, die

näheren

Umgebungen Bremen's,

besetzte mit Tagesanbruch alle Zugänge zur Stadt und ließ eines der Außenwerke, den sogenannten Katzenthurm, dessen Besatzung aus einer Abtheilung Stadtsoldaten bestand, durch ein hessisches Detachement in Besitz nehmen. Ein zweites hessisches Detache ment, in der Stärke von 100 M. und befehligt durch einen Capitain, erschien vor dem Bunten Thore und bat um die Er laubniß zum Durchzuge durch die Stadt. Der wachthabende Offizier, anfänglich das Gesuch abschlagend, trat indeß auf wei

teres Verlangen des Capitains vor das Thor, ohne jedoch die Zugbrücke aufziehen zu lassen. Diesen Umstand benutzte nun

rasch der hessische Offizier, drang mit seinem Detachement auf der Brücke indie Stadtvorundihmfolgtendie übrigen Truppen nach. Um 6 Uhr Abends befanden sich dieselben im vollen Besitze der Stadt, aus deren Arsenal c. man 100 metallene Ka

nonen nebst einigen Mörsern sowie 600 Tonnen Pulver, gegen das Versprechen der Zurückgabe, entnahm und nach Stade endete, um dadurch eines Theils die Stadt vor einer Belagerung zu bewahren und anderen Theils sich einer Vertheidigungderselben zu entheben.



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Märfche der Alliierten nach Rahden und Stolzenau, vom 12. bis zum 14. Juli. Uebergang Broglio"s über die Weser am 14. Juli; Marsch und Vertheilung einiger Abtheilungen der französischen Hauptarmee. Marsch der Hauptarmee unter Contades in die Gegend von Minden, vom 14. bis zum 15. Juli; Aufstellung dafelbst; weitere Vorkommniffe bei der alliierten Armee, bei Lippstadt und Münster.

Herzog Ferdinand hatte, nachdem das schwere Gepäck nach Nienburg und Verden abgegangen war, mit der Armee in der Nacht vom 12. zum 13. Juli den Marsch nach Rahden fortge fetzt und war am 13. um 7 Uhr Morgens hier eingetroffen, während der Erbprinz und Wangenheim auf Diepenau vorgingen. In der darauf folgenden Nacht, um 1 Uhr, brach die Armee

abermals auf und zwar nach Stolzenau. Der Herzog von Hol stein befehligte bei diesem Marsche die Avant- und General Im

hof die Arrièregarde; die Armee aber traf um 8Uhr Abends im Lager ein, dessen linker Flügel sich an Stolzenau stützte, der rechte sich gegen Nenndorf ausdehnte.

Als Vortruppen waren

300 M. und 50 Pferde nach Schlüffelburg, die Luckner'schen Hu faren nach Rehburg, die hannoverschen Jäger nach Loccum, die preußischen Husaren nebst einem Gren.-Bat. nach Hüddesdorf (1 M. f-w. Stolzenau) und endlich die hessischen Husaren und Jäger nach Bahrenburg detachirt, während schon früher dasFrei Bat. Trümbach in Uchte zurückgeblieben war. Die Avantgarde unter dem Erbprinzen war mit ihren leich ten Truppen bis Petershagen vorgerückt, welcher Ort vom Feinde sofort geräumt wurde. Derselbe zog sich auf Minden zurück, wo bereits an demselben Tage, am 14. Juli, die am 12. Juli von

Engern herangekommene Reserve (kleine Armee) Broglio"s die Weser überschritten hatte und nunmehr bei Bückeburg lagerte. Das der Reserve beigegebene Fischer'sche Corps streifte bis Han nover c., während die Freiwilligen von Dauphiné rechts der Weser bis Nienburg vorgingen. Bei Minden selbst stand seit dem 12. Juli der Marquis v. Beauprau mit 2 Brig. Infan 12 •



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terie und 1 Brig. Cavalerie nebst 20 Geschützen und war dahin gleichzeitig (11. Juli) mit der Reserve Broglio's, und zwar von der Armee des Marschalls Contades, aufgebrochen. Ebenso stand nunmehr (seit dem 11. Juli) in Engern der Marquis Dumesnil

mit 4 Brig. Infanterie und einer Brig. Cavalerie, ebenwohl von Contades dahin detachirt; während dieser selbst, auf die Nachricht von dem Marsche Herzog Ferdinands in der Richtung gegen die Weser, am 14. Juli mit der Hauptarmee gegen Minden auf brach und hier am 15. Juli seine sämmtlichen Streitkräfte ver einigte. Die von denselben eingenommene Stellung stützte sich mit dem rechten Flügel an Minden und die Weser, die Front war durch die Bastau, einem durch Moorgründe strömenden Zufluffe links der Weser, gedeckt, und der linke Flügel fand eine Deckung in diesen Moorgründen und lehnte sich an das Dorf Hadden hausen (1, M. w. Minden). Im Rücken befand sich das ziem lich gangbare dabei aber bewaldete Wiehengebirg, sowie hinter dem rechten Flügel der Paß der Westfälischen Pforte in die südwärts gelegene Thalebene der Weser führte.

Graf St. Germain, welcher zur Hauptarmee gehörig doch in Bielefeld früherhin stehen geblieben war, hatte sichdem Marsche derselben nach Herford resp. Minden nicht angeschloffen, sondern

den Befehl bekommen, mit einer Brigade Auvergne und einem Cavalerie-Regimente in die Gegend von Hameln zu rücken, um hier die Zufuhren aus Heffen gegen etwaige Angriffe der dortigen Besatzung sicher zu stellen. Am 16. Juli stand St. Germain bereits in der Gegend bei Hameln.

Die zur weiteren Sicherung der Stellung der französischen Hauptarmee vorwärts und rückwärts ausgesendeten Vortruppen befanden sich in Lübbecke, wo die Husaren von Berchiny und Tur pin, in Hille, wo die Freiwilligen vonHennegau und Hallet; fer ner waren in Eichhorst (1), M. n-w. Minden) ein kleines

Corps unter dem General Andlau, bei Gohfeld (13), M. fw Minden) ein beträchtliches Corps unter dem Herzog von Briffac



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zur Unterstützung dieser Posten und zur Sicherung der Verbindung mit Herford, sowie endlich ein starkes Corps unter dem General Grafen Rougrave nördlich von Minden auf dem halben Wege nach Kuttenhausen (1), M. n. Minden) ). Zur Verbindung mit Broglio wurden mehrere Brücken über die Weser geschlagen. Die Absichten, welche Marschall Contades mit dem Beziehen dieser Stellungen, namentlich der der Hauptarmee bei Minden, verband, waren auf die Deckung der Belagerung von Münster und die Vorbereitung zu der von Lippstadt gerichtet. Außerdem glaubte der Marschall, daß ein ruhiges Verhalten injener Stellung dem Stärkeverhältnisse seiner Armee zu der des Herzogs Ferdi nand entspräche, da die erstere nicht unbedeutende Truppenabthei lungen in ihrem Rücken zeither zurücklaffen mußte, dadurch aber die Ueberlegenheit sich gemindert hatte, mit welcher der Feldzug begonnen wurde. Unter solchen Umständen war es dem Marschall sehr erwünscht, wenn Ferdinand seine Stellung bei Stolzenau resp.Petershagen beibehalten würde; doch fand dieser Wunsch, wie wir später sehen werden, keineswegs Erfüllung. Am 15. Juli traf General Kielmansegge von Osnabrück bei der Armee Ferdinand’s wieder ein und brachte viele Mehl und Brodwagen mit sich, so daß das feindliche Detachement, wel ches in der Stärke von 125 M. daselbst am 13. Juli erschien, nur nochdas Fourragemagazin zu erbeuten vermochte; sowie denn

auch einige kranke Soldaten dem Feinde in die Hände fielen. Am 15. Juli ließ Herzog Ferdinand unterhalb Stolzenau zwei Pontonbrücken und eine dritte Brücke aus anderen Fahrzeu

gen neben dem Lager der Armee über die Weser schlagen. Im Uebrigen gingen eine Abtheilungvon 400 M. unter dem Major von Geyo nach Neustadt am Rübenberge, zur Beobachtungder Straße nach Hannover, sowie zweiGren.-Bat. unter dem Obersten Laffert 1) Tempelhof c., 3. Th., S. 181.



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nach Kl. Leese (1 M. fw. Stolzenau), zur näheren Verbindung mit der bei Petershagen stehenden Avantgarde. Während man sich so auf beiden Seiten für die kommenden

Ereigniffe vorbereitete, war man an entfernteren Punkten nicht minder thätig. So versuchte Herzog Chevreuse resp. Marquis d'Auvet, welcher bekanntlich Lippstadt blokirte, diese Festung durch einen Handstreich zu gewinnen. Die Wachsamkeit und Umsicht des Commandanten, Generals Hardenberg, vereitelten jedoch das Unternehmen, indem er die Schleußen öffnete und hierdurch im Süden und Südosten der Stadt eine Inondation bildete, welche nunmehr, in Verbindung mit der Lippe im Norden, sowie mit den nord- und westwärts derselben gelegenen Mooren – ringsum die Festung mit Waffer umgab. Diese wurde dagegen möglichst enger eingeschlossen und Armentières traf bereits die zur Bela gerung nöthigen Anordnungen "). – Betrachtungen über die Operationen der französischen Armee fowie die der Alliierten, vom 18. Juni bis zum 15. Juli.

Als Marschall Contades, nach der vorsichtigen aber gerecht

fertigten Hinterlegung der Päffe beiStadtberge, den Herzog Broglio am 18. Juni nach Ober-Elten detachirte, so war dies die ent scheidende Handlung, an welche sich nicht nur der Abzug Ferdi nand’s aus der Stellung bei Büren, sondern auch in weiterer

Beziehung dessen Rückzug nach Osnabrück knüpften. Das Vorgehen Broglio"s blieb indeß ein Schachzug, dem die nachfolgenden Ergebnisse einer zögernden Offensive auf Seiten der Franzosen nicht entsprechen konnten, weil namentlich Verpfle gungsrücksichten die Schritte des Marschalls hemmten, aber durch das Zusammenhalten der französischen Streitkräfte eine nochgrößere Bedeutung bekamen und in ihrer Erledigung eine bedeutendere Erschwerung fanden. 1) S. das Spätere.



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So gegründete Besorgnise Herzog Ferdinand, in Folge der Bewegung Broglios nach Ober-Elten, für seine von Bielefeld kommenden Convois haben mochte, so läßt sich doch nicht läugnen,

daß die deshalb am 19. und 20. Juni stattfindenden Märsche der Alliierten über Lippstadt in die Stellung von Rietberg nur allzu

bald die Fühlung an der Klinge des Gegners aufgeben ließen. Jene von der Marschrichtung Broglio"s nach Neuhaus bei Pader born divergierende Bewegung nach Lippstadt machte bei ihrer Fort jetzung nach Rietberg es immer unwahrscheinlicher, eine etwaige Trennung der französischen Streitkräfte zum Schlagen zu benutzen.

Eine solche Trennung trat aber am 23. Juni mit dem isolierten Marsche Broglios nach Neuhaus ein und mußte für die Alliierten um so mehr Chancen bei einem Angriffe bieten, als die Haupt armee der Franzosen noch am Morgen des 24. Juni, rücksichtlich des rechts der Alme so sehr beschwerlichen Terrains, noch einen

vollen Tagemarsch von der kleinen Armee Broglio"s entfernt, diese aber der Armee der Alliierten keineswegs überlegen war. Dürfen wir nun annehmen, daß Ferdinand mit Hülfe seiner leichten Truppen und einiger Demonstrationen rechts der Alme des Feindes Aufmerksamkeit von der eigentlichen Marschrichtung der alliierten Armee abzuziehen vermochte: so würde die Stellung hinter der Une südwestlich von Paderborn den zur weiteren Be

obachtung des Feindes geeigneten Punkt geboten haben. Von hier aus hätte man sowohl Neuhaus als auch die über die Lippe bei

Auf dem Sande (1), M. w. Neuhaus) und Bocke führenden Brücken besetzen, sowie noch andere Uebergänge vorbereiten können,

um, je nach den Umständen, entweder dem Feinde (Broglio) ent gegen zu gehen oder die Stellung bei Delbrück und Rietberg zu gewinnen.

Das Corps des Erbprinzen bei Rüthen, welches früherhin die rechte Flanke der Armee in der Stellung bei Büren deckte,

konnte bei dem Marsche derselben hinter der Une zur einstweiligen Deckung von Lippstadt verwendet werden, und seiner nachherigen



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Wiedervereinigung mit der Armee rechts der Lippe stand nichts im Wege. Die damalige Kriegführung indeß, namentlich aber die von vielen Seiten her drückende Verantwortlichkeit des Herzogs Ferdinand, welcher wohl vor Allem bedacht sein mußte, das ihm Anvertraute an Menschen und Material zu erhalten, mußten wohl ein jedes Auskunftsmittel, wenn es mit einem Wagniß verbunden

war, verwerfen, insofern es nicht auf dem gewohnten Wege zum Ziele führte. Die Stellung der Alliierten bei Rietberg war, wie oben aus geführt wurde, eine vortheilhafte; doch auch sie mußte aufgegeben werden, als nach den Vorpostengefechten bei Bocke und Delbrück der Herzog Ferdinand abermals die Ueberzeugung gewann, daß es in der Absicht des Feindes lag, ihn von der Weser resp. von Bielefeld abzuschneiden, – wenn gleich auch eine Belagerung Lippstadt's vorausgesetzt wurde.

Es läßt sich nicht verkennen, daß bei den nun beginnenden Bewegungen der beiderseitigen Armeen sich eine gewisse Un entschiedenheit, ein gewisses Zuwarten, ein Abhängigein, – dieses mehr auf Seiten Ferdinand’s – von dem Handeln des Gegners aussprechen. Das parallele Nebeneinandergehen der Armeen, welches französischerseits von Schlangen bis Bielefeld

und alliierterseits von Rietberg bis in die Gegend von Diffen stattfand, gab ebensoviele Hauptakte der gegenseitigen Beobachtung, als Läger bezogen wurden. Beide Gegner waren hierbei darauf

bedacht, ihre Kräfte möglichst beisammen zu halten und mit großer Vorsicht zu marschieren. Marschall Contades manoeuvrirte wäh rend dieser Zeit so, daß er stets ein Corps auf einer rechten Flanke vorschob, um damit die linke Flanke der Alliierten zu über flügeln, so zwar, daß sich dieses Corps nur in einer Cntfernung

vom Gros hielt, welche eine rechtzeitige Unterstützung im Falle eines Angriffes zuließ. Mit dem Marsche nach Osnabrück hatte Ferdinand bereits

den Entschluß gefaßt: – Minden zu retten und eine Stellung



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zu nehmen, mittelst welcher er im Stande gewesen wäre, eine etwaige Belagerung Hameln's zu verhindern oder doch möglichst zu erschweren. Dieser Entschluß erlitt indeß eine wesentliche Ab änderung durch die Nachricht von der Erstürmung Mindens,

welche dem Herzoge bekanntlich auf dem Marsche nach Bohmte zukam. Da , nun auch um dieselbe Zeit bereits Münster von Armentières gedrängt wurde und der Fall dieser Festung durch eine demnächstige Belagerung vorauszusehen war, so standen dem

Herzoge zwei Wege – nach seinem eigenen Geständniffe ) – bei den nächsten Operationen offen: entweder augenblicklich zum Ent

fatze von Münster herbeizueilen oder sich wieder der Weser zu nähern, um Nienburg mit seinen Magazinen zu retten und hiermit einem Abschneiden von der Weser vorzubeugen. Ferdinand ent schied sich bekanntlich für das Letztere, weil er wohl nicht mit Unrecht glaubte, zur Rettung Münster's zu spät zu kommen, dann aber keinen Stützpunkt in Westfalen mehr zu haben und dabei auch diejenigen Punkte zu verlieren, welche die Weser darbieten konnte.

Hätte Ferdinand dagegen den Marsch nach Münster vorge zogen, so konnte er von dem Punkte aus, wo er auf dem Marsche nach Bohmte die Nachricht von dem Falle Minden's bekam, in

etwa zwei Tagen den mehr als 7 Meilen in gerader Linie be tragenden Marsch nach Münster zurücklegen. Weiterhin nun an genommen, daß, mit Einschluß der Ruhezeit der Truppen, der dortige Aufenthalt derselben mindestens zwei Tage in Anspruch genommen hätte; daß fernerder Rückmarsch, undzwar bis Bohmte,

9 Meilen, mindestens 3 Tage erforderte, so wäre die alliierte Armee in 7 Tagen noch nicht an Ort und Stelle gewesen, um den Fortschritten des Feindes an der Weser entgegen zu treten.

Der Marsch nach Stolzenau – welcher so wie der Rückzug Ferdinand's überhaupt von König Friedrich stark gerügt wurde, 1) S. v. d. Knesebeck c. 1. B., S. 390: Schreiben des Herzogs an Lord Holderneffe aus Petershagen, den 21. Juli 1759.



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eben weil durch das Vermeiden einer Schlacht auf dem linken Weserufer die Magazine aufgegeben erschienen) – erforderte abermals zwei Tage –: bis dahin aber hätte Contades sich in

den vollen Besitz der an der Weser gelegenen Stützpunkte gesetzt; und es blieb dann nicht mehr zweifelhaft, daß vielleicht unter den

ungünstigsten Verhältniffen der Herzog die Schlacht, und zwar mit ermüdeten und Mangel leidenden Truppen, suchen mußte, wenn gleich Contades in einer Stellung hinter der Baftau nur die Deckung der Vorbereitung zur Belagerung von Lippstadt und zu der von Münster beabsichtigte. Die Art und Weise, wie Contades bis dahin seine Truppen

verwendet hatte, war nicht frei von erheblichen Fehlern gewesen. Der Marschall benutzte keineswegs den ihm in der Einnahme von Minden gebotenen Vortheil so, wie es eine energische Offensive vorschrieb, – nämlich dem Feinde entgegen zu gehen. Statt deffen zersplitterte Contades seine Kräfte, ließ namentlich Broglio in einer Richtung vorgehen, wo kein Feind stand, wohin man aber Herzog Ferdinand’s Streitkräfte vielleicht zu locken suchte, weil deffen Interesse sich insbesondere an das des Kurfürstenthumes Hannover knüpfte. Nächstdem war die Stellung derHauptarmee, wenn auch unangreifbar, dennoch in Bezug auf eine mit der Defensive verbundene Offensive, eine sehr übel gewählt. Vor sich ein ungangbares Moor, hinter sich ein Gebirg resp. ein Defilé, blieb derselben eine freie Bewegung verboten, und nur die unmit

telbar zwischen Minden und dem Moor gelegene schmale Land strecke gestattete einen verhältnißmäßig schmalen Zutritt zu der nordwärts dieses Moores sich allmälig erhebenden Ebene. Eine andere nachtheilige Folge, die sich an die Wahl dieser Stellung knüpfte, war die Aufstellung des Corps unter Briffac bei Gohfeld, weil dasselbe eben nur durch das Defilé der Westfälischen Pforte und die Defileen des Wiehengebirges mit der Hauptarmee in Ver 1) v. d. Knesebeck c. 1. B, S. 387.



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bindung stand und so ziemlich isoliert einem Angriffe Preis gegeben wurde. Beide Corps, sowohl das von Broglio als das von

Briffac, konnten somit im Falle der Noth nur mittelt der Weser brücken so wie der genannten Defileen unterstützt werden; die

Unterlassung solcher Unterstützungen aber mußte insbesondere bei Briffac um so gefahrdrohender werden, da gerade auf der Straße von Caffel über Herford die Sufistenzmittel aus Heffen u. f. w. von der französischen Armee bezogen wurden. Eontades durfte ferner in seiner Lage, wo es sich doch nach

den ihm durch Belle-Isle gegebenen Weisungen um das Liefern einer Schlacht handelte, weder vor Lippstadt noch vor Hameln, schon rücksichtlich deren schwachen Besatzungen, soviele Streitkräfte

verwenden, als wie wir solche in den Corps von Chevreue und St. Germain sahen. Der Ausfall dieser Corps versetzte die Hauptarmee in eine Defensive, welche insbesondere nachtheilig sein mußte, als es sich darum handelte, im strengsten Sinne des Wortes offensiv zu verfahren,– zumal nach der Erstürmung von Minden, mit welcher Contades einen so bedeutenden Stützpunkt für eine weiteren Operationen gewonnen hatte. – Die Bewegungen, welche vom 16. Juli an auf Seiten der Allirten und der Franzosen in der Gegend von Minden statt fanden und die Vorbereitnngen zur Schlacht bei Minden bildeten, machen es nöthig, einen Blick auf das dortige Gelände zu werfen.

Das Gelände links der Wefer bei Minden.

Der für uns in Betracht kommende Raum, den dasselbe, abgesehen von der südwärts des Wiehengebirges bis zur Weser und deren linken Zufluß, der Werre, sich ausdehnenden Gegend, einnimmt, – bildet ein Quadrat, welches östlich von der Weser, südlich von dem genannten Gebirge begrenzt, westlich und nördlich aber von Linien eingeschlossen wird, die man sich von dem Paffe

südöstlich von Eichhorst über Hille bis in die Höhe von Peters



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hagen und von hier nach diesem Orte selbst gezogen denken kann. Die südöstliche Winkelspitze jenes Quadrates liegt an der West fälischen Pforte, und von hier bis Petershagen beträgt die Ent fernung 2 deutsche Meilen, welcher die Länge der anderen Seiten entspricht.

Die Gestaltung des Bodens ac. spricht sich auf dem bezeich neten Raume sehr verschieden aus und wir können hierbei zwei Abschnitte unterscheiden, deren Beschaffenheit wesentlich von ein ander abweicht. Der südliche Abschnitt, etwa ein Drittheil des gesammten Raumes, besteht aus den nördlichen anfangs steilen

dann sich allmälig verflachenden Abfällen des Wiehengebirges, deren Fuß durch eine Moorstrecke begrenzt wurde, die, in der Breite von 2500 bis 3400 Schritten, von Westen nach Osten sich aus dehnte und von der Bastau, einem Zufluffe links der Weser, durchströmt wurde. Das damals überall umgangbare Moor, welches ostwärts etwa 4000 Schritt von der Weser entfernt

endigte und somit hier ein Hinaustreten auf die Mindener Ebene gestattete, erstreckte sichwestwärts bis nördlich über Lübbecke hinaus

und hatte damals nur beider Haumühle (Haumühle,5000Schritte n. v. Lübbecke) und bei Eichhorst südlich von Hille Uebergänge, die durch Dammwege gebildet wurden und mit den resp. Päffen des Wiehengebirges in Verbindung standen. Der Raum zwischen dem Rücken dieses Gebirges und dem südlichen Rande des Moores betrug durchschnittlich in der Breite 3000 bis 3200 Schritte; rechnen wir indeß den bewaldeten Rücken sowie den ebenwohl bewaldeten steilen Theil des Gebirgsabfalles von jenem Raume ab, so bleiben 1200–1500 Schritte Raumbreite übrig, auf welcher die französische Hauptarmee ihre Massen in der bereits oben erwähnten Stellung zu vertheilen hatte.

Diese Stellung war indeß keine zusammenhängende, indem eine Menge kleiner Wildbäche, zum Theil eingeengt in tief ein geschnittenen Schluchten, von dem Gebirge der Bastau zuströmen und in theilweise parallelen Richtungen den Boden in ebensoviele



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gesonderte Gebirgsausläufer scheiden. Minder durchschnitten er scheint das Gelände östlichdes Dorfes Dützen (Dützen, * M.j.-w. v. Minden) und in den nächsten Umgebungen von Minden, wo nur das flache Wiesenthal der Bastan dem nordwärts Vordrin genden einige Schwierigkeiten in den Weg legen. Nördlich dieses Baches betritt man, nur unbedeutend an

steigend, den nördlichen Abschnitt des oben bezeichneten Raumes oder das eigentliche Schlachtfeld. In einer nur geringen Höhe über dem Wafferspiegel der Weser bildet dasselbe eine Ebene, welche füdlich nach der Bastau und nördlich nach dem Esper

bache, einem Zufluffe der Weser, flach; östlich dagegen etwas steiler gegen diesen Strom hin abfällt. Auch in westlicher Rich tung ist die Böschung der erhöhten Ebene nach dem letzteren Bache sowie nach einem leichten Zufluffe der Bastau hin unbedeutend; jenseits jener beiden ersteren Fließe aber geht die Ebene in eine Niederung über, in welcher damals einzelne Walddistricte mit Ackerland abwechselten und Wege nach allen Richtungen hin das Gelände durchschneiden. Auf dem nördlichen Theile der Ebene, und zwar nördlich des

Dorfes Todtenhausen (Tonhausen), erheben sich die höchsten Punkte derselben. Einzelne Waldgruppen, namentlichzwischen Petershagen und Todtenhausen, bedeckten zum Theile jene Anschwellungen des Bodens, die hier uud da durch Wiesen, Heide und bebautes Land getrennt erschienen, und nach allen Seiten hin eine freie Ver bindung gestatteten.

Daffelbe ist der Fall in dem südlichen Theile der Ebene. Von dem nördlichen durch die Landwehr, einem von Todtenhausen (Todtenhausen, 1% M. n. v. Minden) über Kuttenhausen gegen Nordhämmern streichenden Walle, geschieden, zeigte dieser Theil der

Ebene in der Mitte offenes Land (die MindenerHeide), während die Grenzen desselben nach dem Zufluffe der Bastau und dem Moore hin, mehrentheils in der Nähe der hier gelegenen Dörfer Stemmern,

Friedenwalde, Holzhausen, Hartum (Stemmern, / M. n-w.;



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Hartum, 7% M. w.; Holzhausen, über 7% M. n-w. v.Minden) und Hahlen mit Unterbrechung bewaldet waren. Die südlich des Wiehengebirges, also außerhalb der ange deuteten Grenzen des bekannten Quadrates, gelegene Gegend, in welcher der Erbprinz den Herzog von Briffac schlug, beschränkt sich nur auf den Raum zwischen Quernheim und Kirchleningen (Quernheim, 1 M. w.; Kirchleningen, 1 M. w.; Meninghuffen, 1% M. n.-w. v. Gohfeld) einer- und Gohfeld andererseits. Der Charakter dieser Gegend spricht sich links der Werre in einer Ebene aus, welche, aus Heide und bebautem Lande bestehend, hier und da auch mit Buschwerk bedeckt, nur von einem Fließe mit

jumpfigen Ufern durchschnitten ward, dessen Mündung in die Werre sich westlich von Gohfeld befindet, dessen Uebergänge aber

in der Nähe von Meninghuffen und dem Hofe Hausbeck liegen. Bei Gohfeld gelangt man mittelstder dortigen Brücke aufdas rechte Ufer

der Werre. Hier verändertdie Gegend ganz den früheren Charakter, indemzwischen diesem Fluffe undder Weser sich nach allen Seiten hin zum TheilbewaldetesFlachgebirgslandansbreitet,welches überallweg jam ist und in der Nähe von Gohfeldzu einer kleinen Ebene übergeht. Die Ereigniffe vor Minden c., vom 16. bis zum 22. Juli.

Noch bevor von Seiten König Friedrichs wiederholt Mah nungen an HerzogFerdinand ergingen, dem Feinde eine Schlacht, und zwar auf dem linken Weserufer zu liefern, hatte man in dem alliierten Hauptquartier bereits den Entschluß gefaßt, auf dem Wege des Manoeuvirens den Gegner zum Verlaffen seiner unan greifbaren Stellung zu nöthigen. Die Wahl des linken Weser ufers zur Schlacht begründete der König mit der Möglichkeit: im Falle der Feind Sieger sein sollte, den Weg nach dem rechten Ufer noch immer frei zu behalten und dasselbe streitigzu machen; während eine Niederlage auf diesem Ufer alle weiteren Hülfs mittel der Armee entziehen würde. In diesem Sinne handelte Herzog Ferdinand, als er, benach



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richtigt von den am 15. Juli stattgefundenen feindlichen Bewegun gen, in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli von Stolzenau nach Ovenstädt (Ovenstädt, 1. M. n.; Brüninghorstedt, “, M. n-w. v. Petershagen) in 3 Colonnen aufbrach und bei Peters hagen hinter dem Esperbache jo Stellung nahm, daß der linke Flügel sich an die Weser, der rechte dagegen sich an das Dorf Brüninghorstedt stützte. Die zeither bei Petershagen gestandene Avantgarde nebst dem Corps des Generals Wangenheim unter dem Befehle des Erbprinzen gingen gegen die Höhen von Todten hausen vor und nahmen, eine halbe Stunde von der Armee ent

fernt, Stellung. Da es Absicht des Herzogs war, am Morgen des 17. Juli, wenn sonst die Umstände hierzu günstig erschienen, über den Feind herzufallen, so hatte man alles Fuhrwerk nebst

Bagage, mit Ausnahme der Wagen für die Regimentsfeldscherer, in Stolzenau zurückgelassen; während am Abende des 16. Juli die Chaisen der Generale sowie die Marketenderwagen der Armee folgten.

Wenn Contades den Glauben vielleicht hegte: – durch die Entsendung Broglio"s in der Richtung von Bückeburg seinen

Gegner ebenwohl zur Detachirung beträchtlicher Truppentheile auf das rechte Weserufer zu veranlassen, so mußte er sich in diesem Glauben bestärkt fühlen, wenn ihm Kunde von den Maßregeln wurde, welche Ferdinand bei Stolzenau zu einem Uebergange über den Fluß getroffen hatte. Eine am Abende des 16. Juli durch den Grafen Rougrave mit einer Abtheilung von 1000 M. vor genommene Recognoscirung in der Richtung von Petershagen mußte jedoch zu einer etwaigen Enttäuschung des Marschalls viel beitragen und demselben die Gewißheit geben, daß die ganze alliierte Armee im Anmarsche sich befand. Eine Folge davon war, daß die Reserve unter Broglio bis zu den Weserbrücken herangezogen wurde, am Morgen des 17. Juli aber sich mit der Armee des

Marschalls vereinigte, als die Nachricht von der Annäherung der Alliierten einging. Bei der Bewegungslosigkeit des Feindes in



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seinem Lager, von welcher sich Ferdinand durch eine längere Recog

noscirung überzeugte, war vorerst keine Hoffnung vorhanden, den selben zur Annahme einer Schlacht zu bewegen; dennoch erfolgte

am 17. Juli um 3 Uhr Morgens der Aufbruch der alliierten Armee in 9 Colonnen gegen Minden, um abermals eine Nöthi

gung des Feindes zum Gefechte, sei es auch auf dem Wege der Gewalt, zu versuchen. Von jenen Colonnen formierten sämmtliche Cavalerie und Infanterie 6, die schwere Artillerie aber 3 Colonnen, während die Avantgarde und das Eorps Wangenheim's, unterstützt von den Piquets der Armee, bis jenseits Todtenhausen vordrangen und sich vor diesem Orte sowie vor Kuttenhausen und Stemmern

aufstellten. Der noch auf dem Rückmarsche befindlichen feindlichen Arrièregarde unter Rougrave, welche späterhin unter den Kanonen

Minden's Stellung nahm, wurden hierbei einige Kanonenschüsse nachgesendet. Es geschah dies um 11 Uhr Vormittags, nachdem

bereits früher eine feindliche Abtheilung von einigen hundert Mann Infanterie und Cavalerie aus den kleinen Gehölzen bei Stemmern und Kuttenhausen durch eine schwache Cavalerie-Abtheilung unter dem Adjutanten des Herzogs, v. Bülow, vertrieben worden war. Nach einem etwa einstündigen Marsche hatten die Colonnen der Armee Halt gemacht und nach vollendetem Aufmarsche ihren rechten Flügel an Südfelde (Südfelde, 1, M. w. v. Petershagen) und ihren linken Flügel an ein Gehölz ohnweit Tonhausen in der Nähe der Weser gestützt; der Herzog aber überzeugte sich bei seinem Vorritte auf die freie Ebene von dem mächtigen Eindruck, welchen der Vormarsch der Alliierten in dem französischen Lager hervorgerufen hatte, wo augenscheinlich Verwirrung herrschte und sogar Bewegungen in der Richtung vom linken Flügel gegen Minden, nämlich die Zurückbiegung desselben gegen Opphausen (Opphausen, fast 1, M. f-w. v. Minden), sichtbar wurden. Die Stellung des Feindes, welcher nach dem Obigen das

Corps Rougraves nicht unterstützt und damit die Hoffnung Ferdinands bezüglich eines passend einzuleitenden Angriffes ver



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eitelt hatte, verbot auf Seiten Ferdinand's jeden Angriff, weß halb noch am Abende des 17. Juli die alliierte Armee in ihre frühere Stellung hinter dem Esperbache bei Petershagen zurück marschierte; das Wangenheim'sche Corps südlich dieses Ortes Stellung nahm; der Prinz von Bevern aber Todtenhausen mit einem Grenadierbataillon besetzte und seine Vorposten jenseits des Dorfes ausstellte, namentlich aber zwischen Kuttenhausen und Stemmern vorschob. Während dies auf Seiten der Alliierten ge schah, bereiteten die Franzosen eine Menge von Uebergangspunkten über die Bastau bei Minden vor; die Reserve unter Broglio ging aber schon am 18. Juli um 4 Uhr Nachmittags wieder auf das rechte Ufer der Weser und nahm hier zwischen Meißen (Meißen %, M. f-ö. v. Minden) und der Weser, also in der Nähe der Brücken, Stellung. Im Uebrigen waren schon früher, d. h. bei dem Abmarsche Broglio"s von Bückeburg, ein 300 M. starkes

Detachement an diesem Orte sowie einige andere Posten in der Umgegend desselben zurückgeblieben, welche mit jenen, die längs des rechten Ufers der Weser bis zwei Stunden unterhalb Minden

ausgestellt worden, das Land beobachteten resp. durchstreiften. Herzog Ferdinand verlegte am 18. Juli sein Hauptquartier von Ovenstädt nach Petershagen (Schamerloh, 1/4 M. n-w.; Bonhorst, 11% M. n.-w. v. Petershagen), ließ Friedenwalde mit 500 M. Infanterie und 50 Pferden unter einem Stabsoffizier,

sowie auch Schamerloh mit 300 M. Infanterie und 50 Pferden ebenwohl unter einem Stabsoffizier besetzen. Das erstere Detache ment diente zur Beobachtung der feindlichen Bewegungen in der

Richtung von Hille; das letztere sollte dagegendem Freibat. Trüm bach in Bonhorst, welches früher in Uchte gestanden, zur Unter stützung dienen. Die jämmtlichen Truppen hielten sich übrigens während des ganzen Tages zum Ausrücken bereit, wurden aber auch damit beschäftigt, breite Oeffnungen in die Landwehr bei Todtenhausen c. einzuschneiden, um durch dieselbe in Divisions und Escadronsbreite bequem in die Ebene vorgehen zu können. Renouard Gesch. II. Bd.

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Am Morgen des 19. Juli wurden diese Durchgänge von den jämmtlichen Infanterie- und Cavaleriepiquets vorerst besetzt; als man aber gewahrte, daß im feindlichen Lager. Alles ruhig blieb, so gingen diese Piquets, vereinigt mit 4 Bat. vom Wan genheim'schen Corps, denen 10Amüsetten beigegeben waren, unter dem Erbprinzen gegen Hille vor, um aus diesem Orte den Feind zu vertreiben. Die preußischen Husaren, welche sich dem Erbprinz zen angeschlossen hatten, machten bei dieser Gelegenheit 34 Mann von den Turpin’schen Husaren zu Gefangenen und erbeuteten 39 Pferde; das feindliche Detachement aber gab schon nach einigen Kanonenschüssen den genannten Posten auf. Beider Armee selbst zog man an demselben Morgen die am linken Flügel des zweiten Treffens stehende hessische Artillerie vor das erste Treffen enordre de bataille, – doch nur auf kurze Zeit, worauf die frühere Stellung wieder eingenommen, dagegen aber mit dem Aufwerfen einer Schanze in der Nähe der am linken Flügel des Wangen heim'schen Corps befindlichen Windmühle begonnen wurde. Erst in der Nacht schloß sich der Erbprinz den Vortruppen der Armee wieder an; bis dahin hatte jedoch auch auf dem rech ten Ufer der Weser bei dem Dorfe Lahde ein Scharmützel statt gefunden, in welchem sich Oberst Luckner mit seiner bekannten

Thätigkeit wieder hervorthat. Schon seit mehreren Tagen drang eines von jenen Detachements, welche entlang des rechten Weser ufers streiften, in der Stärke von einigen hundert Mann Infan terie und Cavalerie in das genannte Dorf, von wo aus es bereits

mehrere Pferde den alliierten Truppen verwundete. Oberst Laffert, bekanntlich in Leese stehend, wurde deshalb beordert, mit seinen beiden Grenadierbat. Lahde zu besetzen; ebenso schickte sich Oberst Luckner mit seinen Husaren und einer Abtheilung hannoverscher Jäger an, den Feind bei einer etwaigen Wiederkehr zu empfan gen. Es war 8 Uhr Morgens, als dieselbe stattfand; doch bevor noch die feindliche Abtheilung das Dorf erreichte, wurde sie von



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dem Obersten auseinander gesprengt, ein Theil niedergehauen und an 34 M. zu Gefangenen gemacht. Das schon früher von uns angedeutete Uebergewicht der leichten Truppen der Alliierten denen der Franzosen gegenüber

machte sich übrigens um diese Zeit auch an entfernteren Punkten geltend. So gewann Oberstlieutenant Freytag, welcher, nach seinen glücklichen Handstreichen bei Münden und Witzenhausen, in der

Gegend von Hameln streifte, einige Vortheile über ein Detache ment vom Corps St. Germain's, das bekanntlich bei Hameln fand, um die Zufuhren aus Heffen gegen etwaige Angriffe von Seiten der dortigen Besatzung sicher zu stellen. St. Germain

hatte bei Alverdissen Stellung genommen, von wo er häufig gegen Aerzen resp. Hameln detachirte. Eine dieser Abtheilungen war es nun, welche Freytag am 16. Juli bei dem ersteren Orte in dem Augenblicke überfiel, wo sie nach Alverdissen zurückkehren wollte Die kleine Avantgarde Freytag's, 24 Jäger zu Pferd, warf sich, ohne weitere Unterstützung abzuwarten, mit Ungestüm auf die feindliche Jufanterie, tödtete mehrere Soldaten, führte einen Capit, einen Lieut. und etwa 50 M. als Gefangene hinweg, während sie selbst nur 4 M. todt auf dem Platze zurückließ. Kehren wir zu den Armeen auf dem linken Weserufer zurück. Am 20. Juli erhielt das Piquet der alliierten Armee die Eigen schaft eines stehenden Postens, welcher von den Generalen dujour

befehligt wurde und von dem die Infanterie die Dörfer Holzhausen, Stemmern und Nordhämmern besetzte, die Cavalerie aber als Re

serve diente und sich zwischen den beiden ersteren Dörfern aufstellte. Die Schanze an der Windmühle wurde vollendet. Die Grenadiere unter dem Prinzen v. Bevern bei Todten

hausen hatten gegen Minden hin den am weitesten vorgeschobenen Posten; deshalb vereinigte sich mit ihnen am 22. Juli das Wan genheim'sche Corps. Der Feind beharrte dagegen bewegungslos in seiner Stellung; doch eine sehr bedeutende Menge von Deser teuren desselben, die sich in dem Lager der Vortruppen einstellten, 13



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berichteten von dem Mangel an Lebensmitteln, welchem die fran zösische Armee unterworfen sei, und der diese nöthige, namentlich die Fourrage aus weiteren Entfernungen herbeizuschaffen. Die Einschließung resp. Belagerung und Einnahme der Festung Münster durch den Marquis d'Armentières, vom 9. bis zum 25. Juli. Um auch an anderen Punkten des Kriegsschauplatzes den

Faden unseres Referates der Ereigniffe nicht zu verlieren und dadurch zugleich die Beziehungen aufzuklären, in welche die bei Minden sich gegenüberstehenden Armeen zu ihren bedeutsameren detachirten Abtheilungen traten, – erscheint es nothwendig, uns zunächst nach Münster zu wenden, wo es sich um den Kampf

betreffs eines der Hauptstützpunkte Ferdinands handelte. Von den Verhältnissen zwischen dem Marquisd'Armentières

und dem General Wangenheim wurde bereits früher und zwar bis zu dem Zeitpunkte berichtet, wo der letztere General sich am 9. Juli mit der Armee der Alliierten bei Osnabrück vereinigte 1). Die Entfernung Wangenheim's von Münster, wo ein 4 Comp. starkes, aus Leuten der Regtr. Brunck, Scheither, Schu lenburg und Reden gebildetes, Bataillon, ferner 2Inf-Bat. nebst einer Abtheilung berittener Jäger undHusaren unter dem Befehle des Generallieutenants v. Zastrow die Besatzung bildeten, – hatte die Annäherung der Truppen unter d'Armentières zunächst zur Folge.

Die Vortruppen desselben, in der Stärke von 300 M. In fanterie und 500 Pferden, befehligt von dem Marquis v. Conflans, denen Detachements von der Königlichen Legion sowie diese selbst zur Rechten in gleicher Höhe marschierten, –gingen, nachdem am 7. Juli das Gros des Corps von Borken aus in Coesfeld ein 1) S. „General Wangenheim bei Dülmen; dessen Rückzug nach Münster am 2. Juli,“ ferner unter den „Bedingungen zu den nächsten Operationen Ferdinand’s“, endlich unter „Marsch der Alliierten nach Osnabrückam 8.Juli.“



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getroffen war, gegen Münster vor. Graf Chabo, der Comman dirende der Königlichen Legion, welcher auf dem Glacis der Festung zuerst eintraf, überraschte zwar daselbst einen kleinen Posten, doch gelang es demselben, noch rechtzeitig fich zurückzuziehen, während die Besatzung bereits unter das Gewehr getreten war und ihre fämmtlichen Patrouillen in den bedeckten Weg zurückgenommen hatte. Glücklicher war indeß die Abtheilung Conflans", in deren

Hände 40 Infanteristen fielen, welche nebst einigen Husaren die Festung verlaffen hatten, um Faschinen anzufertigen. Chabo forderte den Commandanten zur Uebergabe auf. Der abschläglichen Antwort desselben folgte am 9. Juli die Ein

schließung des ganzen Platzes durch das gesammte Corps des Marquis d'Armentières, nachdem dieser am 8. die Nachricht von dem Eintreffen Wangenheims in Ladbergen bekommen hatte. Die Werke von Münster, mit Ausnahme der Citadelle, be fanden sich keineswegs in einem haltbaren Zustande, obgleich man seit geraumer Zeit Mühen und Kosten nicht gescheut hatte, um eine genügende Vertheidigungsfähigkeit zu bewirken. Die Werke im bedeckten Wege der mit einem bastionierten Walle, naffen Grä ben und an den resp. Punkten gelegenen Ravelins umgebenen

Festung waren bei Weitem noch nicht vollendet; an dem Haupt walle selbst befanden sich, nach dem Urtheile eines damaligen In genieurs, keine gesenkten Flanken und es hörte somit die Vertheidi gung auf, sobald die erhöhten Batterien demontiert waren. Die Thore erschienen nicht genügend geschützt; auch fehlten hier Vor kehrungen zur Vertheidigung des Stadtgrabens. Ferner konnten die detachirten Werke bei dem St. Moritzthore im Osten der Stadt von der dortigen Kirche aus eingesehen werden, sowie denn auch diese Werke im Rücken nicht hinlänglich gedeckt waren, so daß eine Einschließung auf dieser Seite um so leichter erschien. Zu all diesen Mängeln gehörte nun noch die an einigen Stellen ver fallene Stadtmauer.

Die Hülfsmittel, welche sich der Stadt außerhalb boten, be



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standen namentlich im Südwesten in einer Inondation des Flüß chens Aa, die jedoch einen verhältnißmäßig nur geringen Raum einnahm. Die Citadelle im Westen der Stadt und hier durch einen

freien Raum zum Theil von derselben getrennt, doch südlich und nördlich mit deren Werken in Verbindung tretend, bestand aus einem bastionierten Fünfeck, hatte Contregarden und Ravelins und ebenwohl naffe durch die Aa gespeiste Gräben. HundertGeschütze standen auf ihren Wällen, die wie die anderen Werke wohlerhal ten waren. Außerdem besaß die Citadelle alles Nöthige zu einer dauernden Vertheidigung.

Um sich von dem Zustande der Festung weiter zu unterrichten, auch wohl um dieselbe schnell in seine Gewalt zu bekommen, ordnete d’Armentières in der Nacht vom 11. zum 12. Juli einen allgemeinen Sturm an, welcher an fünf verschiedenen Punkten

stattfinden sollte. Drei dieser Angriffe, befehligt durch den General von Travers, den Marquis de la Tour-du-Pin und den Grafen Thianges, hatten als Scheinangriffe den Zweck:–den Ingenieuren den Weg zur Untersuchung der nassen Gräben zu bahnen; während die beiden anderen Angriffe unter den Befehlen des Marquis

Meaupeou und des Chevalier Groslier zum Eindringen in den Platz resp. zum Festsetzen auf dem Walle bestimmt und deshalb mit Flößen, Faschinen, Erdsäcken u. f. w. versehen wurden.

Um 11 Uhr begann der Angriff. Die Abtheilung Travers" warf die Posten der Festung zurück, bemächtigte sich, unter einem heftigen Feuer von Seiten der Besatzung, einer vorgelegenen Redoute und vernagelte daselbst die Geschütze. Auch die Abthei lungen unter La Tour-du-Pin und Thianges wurden mit einem gleichen Feuer empfangen, machten es aber, wie die erstere Ab theilung, den Ingenieuren möglich, ihre Untersuchungen gründlich zu beendigen. Inzwischen nahm das Feuer der Besatzung so zu, daß man umsomehr an den Rückzug dachte, da man bereits 450 M. an Todten und Verwundeten zählte.



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Die Hindernisse, auf welche Meaupeou und Groslier bei ihrem Marsche stießen, verzögerten so bedeutend deren Ankunft an den ihnen bezeichneten Punkten, daß ein ernstlicher Versuch, den Graben zu überschreiten, unterbleiben mußte.

Gelang dem Marquis d'Armentières diese Unternehmung nicht ganz nachWunsch, so waren dagegen seine Streifkommandos

um so glücklicher. Eins derselben nahm den hannoverschen Oberst la Chevalleriesammt dessen Escorte gefangen, welcher vom Herzog Ferdinand zum zweiten Commandanten von Münster ernannt

worden war und dahin sich auf dem Wege befand. Nur ein Husar von der Escorte entkam, obgleich verwundet. Eine andere Streifpartei erbeutete in Meppen 80 mit Hafer beladene Wagen und zerstörte daselbst ein 100.000 Rationen

haltendes Heumagazin. Auch in Lingen und Elten machte man ähnliche Beute oder verbrannte werthvolle Magazine. Erst am 17. Juli erhielt Armentières einen größeren Theil seines Belagerungsgeschützes von Wesel, dem am folgenden Tage der Rest folgte. Nunmehr schritt man zur BelagerungMünster's, und zwar ordnete Armentières die Eröffnung der Laufgräben in der Nacht vom 19. zum 20. Juli zwischen dem Neubrücker- und dem Neuen Thore gegen die nördlichen Stadttheile an. Zugleich begann man mit dem Aufwerfen von zwei Batterien zu 6 und 4 Geschützen; drei Bataillone aber, so wie zwei Grenadier-Comp. und die Dragoner von Orleans und Thianges deckten sämmtliche unter der Leitung d'Ayean's stehende Arbeiten.

In der Nacht vom 20.zum 21. Juli erfolgte im Südwesten der Citadelle die Eröffnung der Laufgräben. Dieselben stützten sich zur Rechten an die Inondation der Aa und zur Linken an den dichten Wald ohnweit des Jägerhauses; so wie denn auch in diesenLaufgräben zwei Batterien, zu 4 Kanonen und 4Mortieren, aufgeworfen wurden.

Unter dem wohlunterhaltenen Feuer der Belagerten hatte man bis zum 22. Juli Morgens 4 Uhr die Arbeiten nördlich



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der Stadt beendigt. Um dieselbe Zeit begann auch das Feuer der dortigen Batterien auf den Zwenger, die Neubrücker- und Höchster Ravelins und Batterien, wodurch die Besatzung um 11 Uhr bewogen wurde, sich in die Citadelle zurückzuziehen, nachdem vorher

ein Ausfall einer Jägerabtheilung, gefolgt von einiger Infanterie, gegen die Mitte der Laufgräben gemacht worden war. Französische Truppen drangen nun bis an das Höchster-Thor vor, hieben die Zugbrücke nieder und schwammen durch den Graben, um von Innen - das Thor zu öffnen, da von der Besatzung die

Schlüffel mitgenommen worden waren. Marquis Conflans rückte hierauf sofort mit seiner Abtheilung in die Stadt ein und besetzte die nächst gelegenen Thore; Marquis d'Armentières aber ernannte den General Gayon zum Commandanten. Inzwischen waren die Arbeiten in den Laufgräben c. vor der Citadelle eifrig fortgesetzt worden, wobei man noch zwei andere

Batterien südlich der Stadt in der Nähe der Friedrichsburg auf warf. Bis zum 25. Juli Morgens 3 Uhr hatte Rozières diese sämmtlichen Arbeiten vollendet; und um dieselbe Zeit begann auch das heftigste Geschützfeuer gegen die von den beiden Bastionen der Angriffsfront flankierten Winkel sowie gegen den vorspringenden Winkel des dortigen Halbmondes. Dies Feuer war von dem besten Erfolge, denn schon um 9 Uhr Morgens kapitulierte die Besatzung. Demgemäß verließ dieselbe am Morgen des27.Juli

die Citadelle, streckte vor dem Neuenthore das Gewehr und ward kriegsgefangen.

Marquis d'Armentières ließ dagegen 4000M. als Besatzung in der Festung zurück und trat den Marsch nach Lippstadt an, wo wir ihm wieder begegnen werden. Der Gntsatz der Festung Vechta am 21. Juli; die Detachirung

des Erbprinzen nach Lübbecke am 27.Juli; die Erstürmung von Osnabrück am 28. Juli.

Der früher von uns berichtete Marsch der alliierten Armee von Osnabrück an die Weser so wie die Fortschritte d’Armentières"



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verschafften den Streifparteien der Franzosen ein freies Feld zu ihren Handstreichen. So kam es auch, daß eine Abtheilung von 150 Freiwilligen unter dem Capitän Dorigny bei der Festung Vechta ein Detachement angriff, dieses zum Rückzuge dahin nöthigte, einige 20 M. zu Gefangenen machte und den Platz einschloß oder vielmehr beobachtete. Die Kunde von diesen durch das Gerücht vergrößerten Vorgängen traf am 19. Juli in dem Hauptquartiere Ferdinand's ein und lautete dahin, daß Vechta von etwa 400 bis 600 M. blokiert und ein feindliches Lager in der Nähe dieses Ortes aufgeschlagen sei, dessen Stärke Ferdinand selbst – wenn sich diese Nachricht bestätigen würde – nur auf etwa 2000 bis 3000 M. schätzte.

Die Vorkehrungen, welche nun der Herzog, bezüglich dieser Nachrichten, traf, finden wir in der dem Capitän v.Schlieffen ) am 20. Juli übersendeten Instruction, in welcher demselben der

Entsatz von Vechta aufgetragen wurde. Zu dem Ende sollten die beiden Bat. Canitz und Zastrow von der Bremer Besatzung,

welche am 21. Juli Vormittags in Wildeshausen eintrafen, sowie 200Pferde vom Breitenbach'schen Drag-Regt, die sich bereits auf dem Marsche von Stolzenau nach Diepholzbefanden, und endlich die hessischen Jäger undHusaren, letztere unter dem Major Grafen Görz, – an irgend einem, von Schlieffen zu bestimmenden, Punkte sich

vereinigen, um vonda aus den Entsatz zu bewirken. Diepholz scheint indeß der Ortgewesenzu sein, wo Schlieffen, dem die umfassendsten Befugnisse bezüglichder Befehlsführung ertheilt worden waren, einen 1) Martin Ernst v. Schlieffen, einer der ausgezeichnetesten Offiziere der damaligen Zeit, war aus Pommern gebürtig und begann seine Laufbahn als Fähnrich in der Leibgarde Friedrichs des Großen. Nach einer längeren Krankheit von diesem übel behandelt, trat Schlieffen, mit Empfehlungen des Prinzen Heinrich, in hessische Dienste und stieg während des siebenjährigen Krieges bis zum Obersten. Nach dem Friedensschluffe zog ihn Landgraf Friedrich II. in seine Umgebung und ernannte ihn zum Generalmajor. In Jahre 1772 war Schlieffen. Staatsminister und Generallieutenant. Nach dem Tode des Landgrafen (1785) trat S. in preußische Dienste. S. sein viel bewegtes Leben in feinen „Betreffniffen und Erlebungen.“



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beträchtlichen Theil der vorgenannten Truppen sammelte; zumal da des Herzogs Rath dahin ging, zunächst von diesem Orte aus die nöthigen Erkundigungen über den Feind einzuziehen und den Bat. Canitz und Zastrow die weitere Richtung ihres Marsches an zugeben. Die Befehle Ferdinand’s zur früheren Erkundigung der Verhältniffe bei Vechta mußten übrigens das Unternehmen Schlief

fen's in seiner Dauer abkürzen, indem die Husaren unter Görz schon am 19. Juli gegen Vechta aufgebrochen, die Jäger aber am

20. Juli von Bahrenburg nach Diepholz abmarschiert waren, um den Feind zu recognosciren und sonstige Nachrichten einzuziehen. Der Stiftmünstersche Ort Vechta bildete damals ein regel mäßig befestigtes Fünfeck auf vortheilhaften Terrain gelegen.

Seine Besatzung, die durch eine schwache münstersche Abtheilung gebildet wurde, hatte früher bekanntlich eine Verstärkung von 200 M. durch General Dreves erhalten, als derselbe über jenen Ort seinen Marsch nach Bremen nahm. Schlieffen hatte, mit Ausnahme der mehrgenannten Bataillone, seine Truppen an sich gezogen und war damit ohne Säumen, nach den vorausgegangenen Erkundigungen, gegen Vechta vorge

drungen. Der Feind wartete dagegen den Angriff nicht ab, da das Gerücht die Stärke. Schlieffen"s bedeutender gemacht hatte, als wie sie wirklich war. Der Platz fand sich daher rasch ent setzt, und zwar in dem Augenblicke, wo die Besatzung im Begriffe

stand, sich zu ergeben. Kurze Zeit nach dem am 21. Juli stattgefundenen Entsatze erhielt Schlieffen die Weisung, aus seinen Truppen die Garnison von Vechta bis zu 600 M. zu verstärken, im Uebrigen aber die hessischen Husaren undJäger nach ihrem früheren Posten Bahren burg, so wie die beiden Bat. Canitz und Zastrow nach Bremen wieder abmarschieren zu lassen. Was die münstersche Besatzung be traf, so sollte dieselbe entlassen werden; auch sollte ein Offizier desGe neralstabes von Seiten Schlieffen's zum Commandanten der Festung

bestimmt werden; gleichwieder erstere angewiesen wurde,den General

– 203 – DreveszurAusstattung derselben mit Vorräthen aufzufordern. Die dahin zielenden Befehle wurden von HerzogFerdinand gleichzeitigan General Dreves erlassen; so wie denn auch derselbe 300 Tonnen Pulver, 14 Kanonen und einige Mörfer nach Vechta senden mußte, während Schlieffen sich zunächst mit der Anlage einer großen Bäckerei daselbst beschäftigte, um seine Truppen, auf Geheiß des Herzogs, bis zum 30. Juli mit Brod versehen zu können.

Der freilich erst am 23. Juli erlaffene Befehl desselben: – sämmtliche Truppen Schlieffen's, also auch die beiden mehrge nannten Bataillone, bei Vechta bis auf weitere Bestimmung ver

sammelt zu lassen, – hatte jedoch den früher befohlenen Rück marsch derselben nach Bremen nicht verhüten können; und so kam es, daß von diesen Truppen der Marsch nach Vechta wieder an getreten werden mußte, nachdem ihnen auf besonderen Befehl Ferdinand's die nöthige Ruhe c. gewährt worden war. Die Absichten Ferdinand’s waren bei dieser Truppenbewegung, wel cher bereits der Abzug der Bat. Block und Dreves unter dem

General Dreves von Bremen in der Richtung von Nienburg vorausging, während das Bat. Freywald ) daselbst zurückblieb, – auf die Ueberrumpelung von Osnabrück gerichtet.

General

Dreves erhielt zu diesem Zwecke die vorgenannten 4Bat, mit Ausnahme der in Vechta stehenden 200 Mann, so wie die Truppen Schlieffen"s zugewiesen; er sollte dabei aber auch be achten, am 29. Juli unfehlbar in Rimslohe zu sein, in welcher Richtung Ferdinand die weiteren Bewegungen einer Diversion er wartete, die mit der am 27. Juli stattgefundenen Detachirung der Bat.Alt-Zastrow, vac. Diepenbroick, Behr, Bock, des braun schweigischen Leibregiments und der zweiDrag-Regtr. Busch und

Bock unter dem Befehle des Erbprinzen nach Lübbecke begonnen hatte. 1) War ausgewechselt und in Hannover neu bewaffnet worden.



204 –

Der Beschluß zu dieser Diversion ging aus dem Bestreben

des Herzogs hervor, den Feind zum Schlagen zu bringen, weßhalb bei demselben durch die Besitznahme Lübbecke's Besorgniß nicht nur wegen der über Herford gehenden Verpflegungslinie sondern auch wegen eines etwaigen Entsatzes von Münster erregt werden

sollte. Eine Vereinigung mit der Abtheilung des Generals Dreves mußte natürlich jene Besorgniß steigern, eine in ihrem Calcul gewiß sichere Annahme, die indeß nicht ganz zutreffen konnte, da, wie wir wissen, Münster bereits gefallen war.

Am 28. Juli erschien übrigens der Erbprinz vor Lübbecke, vertrieb hier einen 200 Mann starken Posten und schlug sein Lager vor dem Orte auf, während sich jener Posten nach dem Corps Briffac's in der Gegend von Herford zurückzog. An demselben Tage traf auch General Dreves mit seinen Trup

pen nach vier forcierten Märschen vor Osnabrück ein, welches 600 Freiwillige von Clermont, wovon die Hälfte Cavalerie, nebst einigen Geschützen unter dem Grafen von Commeyras besetzt hatten. Die Stadt war nach alter Art befestigt, d. h. mit Mauer, Wall und Graben umgeben; die Thore konnten gesperrt werden und in den mit ihnen verbundenen

Gewölben, welche den Eingang in die Stadt bildeten, be fanden sich an dem oberen Theile Schießscharten. Dreves hatte bei der Annäherung an die Stadt seine Truppen in zwei Abtheilungen getheilt, von denen eine unter Schlieffen auf das linke Ufer der Hase überging, und die andere unter Dreves selbst in der seitherigen Richtung, zunächst gegen die Haltermühle (Hastermühle, / M. n.-w. v. Osnabrück), vordrang: – beide, um die nach dieser Seite hin weisenden Thore Osnabrück's an

greifen. Major Graf Görz durchstreifte inzwischen mit seinen Jägern und Husaren in nördlicher und östlicher Richtung die Umgebungen der Stadt, theils um die Aufmerksamkeit des Feindes nach verschiedene Punkte zu lenken, theils auch, um die Bewegungen

desselben von den dortigen Höhen aus wahrnehmen zu können.

– 205 –

Gegen 8 Uhr Morgens stieß Dreves auf das bei der Haster mühle aufgestellte Piquet des Feindes und wurde von demselben mit Gewehrschüffen empfangen. Zurückgeworfen verbreitete diese Abtheilung rasch den Alarm in der Stadt, so daß deren Besatzung noch Zeit genug fand, wenigstens das nach der Haftermühle füh rende Thor völlig zu sperren, während von dem Eingange links der Hafe, auf welchen Schlieffen einen Angriff richtete, nur das innere Thor noch gesperrt werden konnte, als dieser Offizier be reits durch die äußeren Schlagbäume gedrungen war. Gleich zeitig mit diesen Anordnungen verließ die Cavalerie der Besatzung die Stadt, besetzte mit einerAbtheilung das beim Gertruden-Thore befindliche Magazin, wurde aber durch die Jäger des Grafen Görz genöthigt, sich theils in die Stadt wieder zu werfen, theils ihr Heil in weiterer Flucht zu suchen. Während dieser Vorgänge hatten die Abtheilungen Schlieffen's und Dreves" ihre Angriffspunkte erreicht und wurden daselbst von einem heftigen Geschütz- und Gewehrfeuer empfangen. General Dreves erwiederte aus seinen Regimentsgeschützen dieses Feuer; doch da sich ihm die bekannten Schwierigkeiten entgegenstellten und er mit seinem Gewehrfeuer ebenwohl wenig oder gar nichts aus zurichten vermochte, auch die Verluste an Mannschaft und Offi zieren sich vermehrten: – so zog er sich zurück und ließ dies den Capitain Schlieffen wissen. Diese Nachricht von dem übelen Er folge des Generals, welche Schlieffen dem Ueberbringer zu ver schweigen befahl, schreckte jenen indeß keineswegs von der Verfol gung seines Angriffes ab, obgleich auch eine Abtheilung heftig vom Walle und vom Thore aus beschossen wurde. Bis an das innere Thor vorgedrungen hatte Schlieffen es versucht, durch eine Zimmerleute dasselbe aufhauen zu lassen; doch vergebens! Denn das Gewehrfeuer aus den in dem oberen Theile des gewölbten Thorweges befindlichen Schießscharten streckte diese Tapferen nieder. Damit gab der Capitain jedoch sein Vorhaben nicht auf, indem er es nun versuchte, mitdem Feuer der ihm beigegebenen Regiments

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geschütze das Thor zu zertrümmern. Dies gelang, obwohl erst nach einiger Zeit, aber auch mit nicht geringem Verluste an Mann schaft. Schlieffen stürzte nun auf seinem leicht verwundeten Pferde

durch die geöffneten Thorflügel voran, ihm nach seine Truppen. Doch in demselben Augenblicke, wo mit der Flucht der Vertheidiger der vollständige Sieg winkte, bemächtigte sich in Folge des von

der Queue der Alliierten erschallenden Rufes „da kommen sie heraus!“ ein panischer Schrecken der Reihen der Angreifer. Alles stürzte jetztzurück und Capitain Schlieffen, verlassen von den Seini gen,war der Einzige, welcher den Franzosen einige Pistolen-Schüsse zusendete. Einige hessische Jäger, deren Offizier Wurmb zuvor verwundet worden war, hatten sich inzwischen dem tapferen Capitain angeschloffen; mit ihnen und der allmälig nachfolgenden Abtheilung

drang nun Schlieffen in die Stadt, erbeutete am Thore zwei feindliche Geschütze, vermochte aber nicht Commeyras und dessen Truppen einzuholen, da derselbe bereits Zeit gewonnen hatte, die Stadt zu verlassen. Auch Graf Görz konnte nur von Ferne den Flüchtigen folgen, ohne ihnen Abbruch zu thun. Mit dem Besitze von Osnabrück hatte man das dort be findliche große Heumagazin, welches Ferdinand bei seinem Marsche gegen die Weser aufgegeben und von den Franzosen sogar mit noch mehr Vorräthen, wie früher, versehen worden war, wieder gewonnen; und man bemühte sich jetzt, dessen Inhalt nach Nien burg zu schaffen. Jenes Magazin bekam indes für die Alliierten, nach der Schlacht bei Minden, noch einen besonderen Werth da durch, daß es die Verfolgung der Franzosen durch Hessen beförderte resp. möglich machte.

Die Erstürmung Osnabrücks kostete reichliche Opfer. So verloren die Alliierten die Oberstlieutenants Gramm (Braun

schweiger) und Bachelé (Hannoveraner) und 6 M. todt; neben diesen zählte man 70 schwer Verwundete. Des Feindes Verlust betrug dagegen 50 M. an Todten und Verwundeten, sowie 3 Offiz. und 200 M. an Gefangenen.

Die beiden erbeuteten Geschütze erhielten die hessischen Jäger

als ein Ehrenzeichen für ihr Wohlverhalten von demHerzoge Fer dinand zum Geschenk, und zwar auf die Bitte Schlieffen's. Ereigniffe vor Minden, vom 23. bis zum 30. Juli; Vor marsch des Erbprinzen gegen Herford und Stellung desselben bei Kirchleningen am 31. Juli 2e.

Die Vorkehrungen, welche Herzog Ferdinand vom 25. Juli an bis zum Abmarsche des Gros der Armee nach Hille am 29. Juli traf, bezogen sich namentlich auf das Etablieren der hessischen und bückeburgischen schweren Artillerie am linken Flügel des Wan

genheim'schen Corps vorwärts oder südlich von Todtenhausen, nach dem am 23. Juli vier Zwölfpfünder jener Artillerie aus der in zwischen bei der Windmühle vor Petershagen vollendeten Schanze detachirt worden waren, um die rechts der Weser fourragierenden Abtheilungen zu decken. Die Fleschen, welche man vom 25. bis zum 28. Juli an dem beiTodtenhausen gelegenen Punkte für die genannte Artillerie,

welcher auch leichte Geschütze beigegeben waren, anlegte, bestanden aus einem größeren Werke mit 3 vorspringenden Winkeln und 2 weit zurückgezogenen Flanken, sowie aus drei anderen Werken, die

einestheils die Kehle des vorliegenden größeren Werkes und ande rentheils die Flanken desselben deckten und mit ihrem Feuer auch das ost- und westwärts gelegene Terrain bestrichen. DasLetztere war auch der Fall bei dem größeren Werke, welches das Terrain

in der Richtung gegen Minden sowie den in südwestlicher Richtung sich ausbreitenden Theil der Mindener Heide unter ein Feuer nahm. Sämmtliche Werke wurden mit den drei neu errichteten hessi schen Artillerie-Compagnien sowie mit der bückeburgischen Artillerie besetzt; und die Zahl und die Art der Geschütze bestand in 16

Zwölfpfündern, 4Sechspfündern, 6 Dreipfündern und2Haubitzen. Das Bat. Bückeburg und ein Bat. braunschweigischer Grenadiere übernahmen die Deckung.



208



Am 29. Juli brach das Gros der alliierten Armee unter Herzog Ferdinand auf und marschierte in drei Eolonnen treffen weise nach Hille, während das Wangenheim'sche Corps, stets das Débouché von Minden beobachtend, am Morgen desselben Tages sich südlich von Todtenhausen in Schlachtordnung aufstellte und somit jenen Marsch deckte. Gegen 6% Uhr zeigte sich, etwa eine Vier telstunde von den Vorposten Wangenheim's entfernt, eine nicht

unbeträchtliche feindliche Abtheilung, zog sich aber bald wieder zurück; worauf auch Wangenheim, d. h. nachdem das Gros der

Armee in die Stellung bei Hille eingerückt war, seine frühere Stellung wieder einnahm. In der auf den Marsch nach Hille folgenden Nacht besetzten Abtheilungen des Armeepiquets die Dörfer Südhämmern (", M. f-ö. Hille) und Hartum; ebenso marschierte, noch vor der Ankunft der Armee bei Hille, die zeither in Friedenwalde gestandene 500 Mann starke Abtheilung nach jenem Orte, und das Detachement in Schamerloh (300 Mann und 50Pferde) rückte nachFrotheim

(etwas über / M. w. Hille). Eine vor Hille aufgeworfene Verschanzung sicherte den Uebergang über den durch das Moor nach Eichhorst führenden Damm, auf welchem Oberstlieutenant Reineke mit einem Detachement von 500 M. vom Regimente Im hof nebst 2. Geschützen stand. Der Erbprinz, den wir nachLübbecke haben detachiren sehen, marschierte am 29. Juli nach Rimslohe, vereinigte sich hier mit dem von Osnabrück kommenden General Dreves, drang am 30. Juli gegen Herford vor und nahm am 31. bei Kirchlenin gen auf der Verbindungslinie des Feindes mit Paderborn Stellung,

während der Herzog von Briffae sich über die Werre bis Goh feld zurückzog. Somit befand sich eine beträchtliche Abtheilungder Alliierten im Rücken der Franzosen und begann somit den Zweck

der Diversion des Erbprinzen zu erfüllen, deren weiteres Gelingen von der Entwickelung der Dinge bei der Armee unter Ferdinand

abhing. Nach dem Urtheile desselben blieb nunmehr dem Feinde

– 209 –

offenbar keine andere Wahl übrig, als entweder über das Wiehen gebirge zurückzugehen, oder in die Ebene von Minden zu debou schieren, um die Schlacht zu suchen. In diesem Falle beabsichtigte indeß Ferdinand, dem Marschall Contades von der Stellung bei

Hille aus in die Flanke zu fallen, und zwar in dem Augenblicke, wo derselbe über die Bastau vorgehen und General Wangenheim angreifen würde. Ferdinand hegte hierbei keine Besorgniffe wegen einer etwaigen Vereinignng des Marquis d'Armentières mit den ihm gegenüber stehenden feindlichen Streitkräften, wenn auch die

Nachricht von dem Falle Münster's, die der Herzog am 30.Juli empfing, den Marsch des Generals Dreves nach Rimslohe zu dem Erbprinzen um so nothwendiger gemacht hatte. Ferdinand sah in dem Marsche des Marquis nach Lippstadt die Absicht, die Belagerung dieser Festung zu beschleunigen; daher er auch für sich keinen Angriff von dessen Seite befürchtete, so gefahrdrohend derselbe immerhin erscheinen mußte. Den Posten in Lübbecke ließ übrigens der Herzog durch den General Gilsa noch am Abende des 30. Juli mit den Bataillonen Linstow, Behr (Braunschweiger) und dem hessischen Bat. Prinz Carl, 400 M. Cavalerie und 1 Esc. Husaren, im Ganzen etwa 2500 M., besetzen, um dadurch die Verbindung mit dem Corps des Erbprinzen zu erhalten.

Renouard Gesch. II. Bd.

14

WAchter Abschnitt. Nöthigungen Herzog Ferdinand's zur Schlacht; Stärke der beiderseitigen Armeen zur Zeit derselben.

Die Unzufriedenheit, welche König Friedrich II. gegenHerzog Ferdinand in Bezug auf dessen „immerwährendes Rück wärtsgehen“ noch bis zum 24. Juli äußerte, und wobei der

König dem letzteren sogar vorwarf, daß er (der Herzog) seit der Affaire von Bergen eine Art Scheu vor Schlachten habe, – mußte jedenfalls viel dazu beitragen, des Herzogs Schritte zur Entscheidung durch eine Schlacht zu beschleunigen. Ebenso leuchtet es auch ein, daß die Hindeutungen des Königs auf die „größten Gefahren“ und „furchtbarsten Verlegenheiten“, denen sich Ferdi nand aussetzen würde, falls er nicht vor dem Uebergange des

Feindes über die Weser die Schlacht zu liefern suche – eine mo ralische Nöthigung enthielten, die um so zwingender erschien, als jene Bemerkungen von einem Feldherrn kamen, dessen Genie in seinen Thaten so hell ja blendend leuchtete. In wie weit nun jene Nöthigung sich bei dem unbestrittenen Feldherrntalente und den anderen Gaben des Herzogs sich äußern mochte, muß füglich dahin gestellt bleiben; – doch glauben wir, daß, wenn auch die Andeutungen desKönigs die oben genannte Wirkung haben mußten, doch diese ihre Entstehung auch in dem strategischen CalculFerdi nand’s finden konnte ). 1) Nach dem „Précis de quelques conversations entre le Duc Ferdinand



211



Die zwischen dem Könige und dem Herzoge bestehenden ab weichenden Beurtheilungen betreffs der Stärke der französischen bezw. der alliierten Armee trugen zu den Ansichten des ersteren betreffs der zeitherigen Operationen der letzteren Armee viel bei.

Wenn indeß auch nach dem Urtheile des Königs die feind liche Armee bei Weitem nicht so stark war, als der Feind vorgab, fo erschien es doch, nach der Aussage des Herzogs, als eine un zweifelhafte und allgemein anerkannte Thatsache, daß die franzö fische Hauptarmee mit den beiden Reservecorps, ohne die leichten Truppen, aus 129 Bat. und 138 Schwadr. bestand. Die ver schiedene Beurtheilung der Stärke dieser Truppen entsprang indeß aus der höheren oder geringeren Annahme des Effectivstandes der einzelnen Bataillone und Schwadronen, so wie des Verlustes durch Krankheiten, Desertionen, –Verhältniffe, denen zufolge der Herzog die Stärke der Franzosen auf 80.000 M. ) schätzte. Da von dieser Zahl die Truppen unter d'Armentières, St. Germain und Chevreue – abgesehen von den kleineren Besatzungen in Heffen c. – abgezogen werden müssen, so wird man, mit wei terer Rücksicht auf jene die Stärke mindernden Ursachen, die Maffe der bei Minden und Gohfeld stehenden französischen Trup pen mindestens zu 65- bis 68000 M. annehmen können.

König Friedrich nahm die Stärke der alliierten Armee zu et M. le Marquis de Castries à Aix-la-Chapelle en JuilIet 1763“ (f. Stuhrs Forschungen c. 2. B, Beilage zur Seite 208) scheint es fast, als wenn Ferdinand in der That positive Befehle (wenn nicht Weisungen) zum Aufsuchen der Schlacht bekommen habe, wenn es dort heißt: „Il (le Duc Ferdinand) était dans le cas de jouer le tout pour le tout, tant par sa position que par les ord res positifs, qu'il avait reçus et qui l'avaient mis fort à son aise pour tous le genres déntreprise, qu'il voudraitformer.“ 2) Nach dem Reglement sollte das französische Bat. aus 668 und die Schwadr. aus 160 M. bestehen. Herzog Ferdinand urtheilte, daß die Bat aus obigen Gründen auf 500, die Schwadr. auf 120 M. herabgekommen wären, – wodurch die Stärke von 80.000 M, ohne die leichten Truppen,

resultire. (S. v. d. Knesebeck, 1. B, S.385). 14*

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60.000 M. an, während Ferdinand dieselbe, selbst wenn alle

Truppen concentriert würden, noch nicht zu 50.000 M. angibt. Die Regimenter des letzteren waren nichts weniger als vollzählig;

und fast 10.000 M. standen in Münster, Lippstadt, Hameln und Bremen, von denen freilich zur Zeit der Schlacht die einige

tausend Mann starke Abtheilung des Generals Dreves abgezogen werden muß, da sie bei Gohfeld unter dem Erbprinzen dem Feinde

gegenüber stand. Hiernach möchte sich die Stärke der Alliierten bei Minden und Gohfeld auf etwa 40.000 M. stellen. Jene Angaben Ferdinand’s, so wie die Mittheilungen, welche derselbe stets von allen seinen Bewegungen dem Könige machte, wobei er keineswegs die resp.Gründe verschwieg, mußten übrigens zur Rechtfertigung des Herzogs in den Augen Friedrichs dienen; wir aber werden nun sehen, wie der erstere in der Schlacht bei

Minden neue Lorbeeren einen früheren hinzuzufügen verstand. Die Schlacht bei Minden am 1. August.

Wir verließen oben Wangenheim beiTodtenhausen, den Erb prinzen bei Kirchleningen, den General Gilsa in Lübbecke und das Gros der alliierten Armee bei Hille. Dieselbe lehnte ihren rechten Flügel an diesen Ort, der linke dehnte sich dagegen gegen Friedenwalde aus; das Ganze stand aber in zwei Treffen, hinter welchen die englische und hannoversche Reserve-Artillerie ihre Stellen

fanden. Den rechten Flügel des ersten und zweiten Treffens bildeten die englische Cavalerie und einige hannoversche Cav.-Regtr.

als Max Breitenbach, Leibregiment, Veltheim und Bremer. Einige Batterien leichter englischer Artillerie schieden diesen Flügel von den im Centrum beider Treffen stehenden Bataillonen der Hanno veraner, Braunschweiger und Heffen. Von den ersteren standen dem rechten Flügel zunächst im 1. Treffen die Bat. Stewart,

Füsilier, die hannoversche Garde, Hardenberg, Linstow, Reden und Scheele; dann trennten bückeburgische und hessische Regiments Artillerie das Bat. Wangenheim von dem Bat. Scheele; auf



213 –

ersteres aber folgten die hessischen Bat. Garde, Prinz Carl ), Toll, Gila, Hanau und Grenadier, denen sich die braunschweig schen Bat. Behr und Leibregiment anschlossen. Der nun folgende linke Flügel des 1. und 2. Treffens wurde im 1. Treffen durch englische leichte Artillerie vom Centrum getrennt, welcher sich un

mittelbar das hannoversche Cav-Regt. Hammerstein anschloß und dem im 1. Treffen die hessischen Cav-Regtr. Prinz Wilhelm

und Leibregiment so wie die 5 Esc. Holstein zur Seite standen; während die hessischen Cav.-Regtr. Prüschenk, Miltitz und die 5 Esc. Finkenstein im 2. Treffen ihre Stellung hatten. An die leichte englische Artillerie im 2. Treffen, welche den rechten Flügel desselben von den Centrumstruppen dieses Treffens trennte, schloffen sich die englischen Regtr. Brudenel und Kingsley; dann folgten die hannoverschen Bat. Stolzenberg und Brunck, ferner die hessischen Bat. Erbprinz, Anhalt, Bischhausen, Mans bach und Leibregiment und endlich das braunschweigische Regt. (2 Bat.) Imhof. Die Vorposten der Stellung bei Hille hatten die Dörfer Hartum, Südhämmern und Stemmern inne; namentlich fanden die hessischen Vorposten der Infanterie in dem Gehölze zwischen Hartum und Holzhausen, die englischen in Hartum mit einer gegen Hahlen vorgeschobenen Feldwache, ferner die braun schweigischen in Stemmern, weiter ein Hauptposten der Cavalerie in dem Walde zwischen Hartum und Stemmern, so wie endlich die Hauptposten der hannoverschen Infanterie, zunächst dem rechten Flügel des Gros der Armee, in Südhämmern. Das ungefähr 10.000 M. starke Wangenheim'sche Corps fand in einem Treffen hinter Todtenhausen; seine Truppentheile aber waren folgendermaßen nebeneinander geordnet. Am äußersten rechten Flügel stand das hannoversche Cav.-Regt. Leibregiment, hierauf folgten von denselben Truppen die Cav.-Regtr. Reden, 1) Dieses Bat. sowie die Bat. Linstow und Behr marschierten bekanntlich am Abend des 30. Juli nach Lübbecke.

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Heise, Hodenberg und Grothaus; daran schlossen sich die hessischen Leibdragoner und die Prinz Friedrich Dragoner. Es folgten nun unmittelbar 1 Bat. englische, 2 Bat. hessische und 2 Bat. braun

schweigische Grenadiere, getrennt durch hannoversche Artillerie von den hannoverschen Bat. Spörken, Zastrow, Halberstadt, Schulen burg, Oberg, Laffert und Scheither. Ein hannoversches Gren. Bat. stand vorwärts des linken Flügels; ebendaselbst hatte auch die Brig. hessischer Artillerie unter Oberstlieutenant Huth nebst dem sie deckenden Bat. Bückeburg ihre Stellung, welches späterhin noch durch braunschweigische Grenadiere verstärkt wurde, die sich in der Kehle der oben beschriebenen größeren Verschanzung auf stellten. Auf dem rechten Ufer der Weser beobachteten 2 Gren-Bat.

und Oberst Luckner mit den hannoverschen Husaren und einer Abtheilung Jäger das zwischen Hausbergen und Minden stehende Reservecorps des Generals Broglio.

Die leitende Idee, welche den Herzog Ferdinand zur Schlacht führte, knüpfte sich an seine Stellung bei Hille, an die des Generals Wangenheim bei Todtenhausen und an den Angriff des Erbprinzen auf das Corps Briffac's, welches die Brücke von

Gohfeld deckte. General Wangenheim sicherte durch eine Stellung die von Nienburg für die Armee kommenden Transporte; er beobachtete aber auch zugleich das zwischen Minden und dem Moore gelegene Débouché, durch welches der Feind nur allein die Mindener Ebene zu betreten vermochte. Dieser Umstand machte es indeß sehr wahrscheinlich, daß sich der Angriff der Franzosen zunächst gegen diesen General richten würde, dessen Stellung daher mit Verschanzungen umgeben und mit einer zahlreichen Artillerie ver theidigt erschien. Die schlechte Wahl des Lagers, in welchem Contades eine Armee eingezwängt hatte, so wie vielleicht auch die geringe Zuver sicht, welche der Herzog bei Contades vorauszusetzen schien, waren

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wohl die Ursachen, durch welche sich jener bewegen ließ, die ge fährliche Bewegung nach Hille auszuführen, mittelst deren er den Feind zum Schlagen zu bringen hoffte, aber auchvon der Stellung Wangenheim's durch einen eine halbe Meile langen Raum ge trennt wurde. Einen Theil der Bestimmung jener Stellung bei

Hille, welche mit der Wangenheims einen sehr stumpfen Winkel bildete, haben wir bereits oben angedeutet; dieser Bestimmung

schloß sich nun auch die an: – nöthigenfalls dem Erbprinzen zu Hülfe zu eilen, dessen specielle Aufgabe dahin ging, sich wo möglich der Brücke bei Gohfeld zu bemächtigen. Damit stand aber das Abschneiden der französischen Armee von Paderborn in Verbindung; woselbst der Feind bedeutende Magazine errichtet hatte, deren Bloßstellung den Marschall Contades wohl zwingen mußte, in irgend einer Weise ein unangreifbares Lager bei Minden zu verlaffen.

Um möglichst schnell mit Wangenheim in Verbindung treten zu können, dann aber auch, um einem Vorgehen der Armee gegen die Mindener Ebene hin thunlichst alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, wurden breite Wege durch die Dörfer Kutten hausen, Stemmern und Holzhausen vorbereitet und die vortheil haftesten Wege in der Richtung der Ebene praktikable gemacht. Gleichzeitig erhielten die Generale den Befehl, sich mit der Be schaffenheit des Bodens sowie mit den Eingängen zur genannten Ebene genau bekannt zu machen. Bis dahin hatte man bei dem Feinde keinerlei Anordnungen entdeckt, die auf einen etwaigeu Angriff schließen ließen; und erst am 31. Juli, als Herzog Ferdinand von den Höhen bei Lübbecke aus die Stellung desselben recognoscirte und das Verschwinden

der jämmtlichen feindlichen kleinen Detachements wahrnahm, drängte sich dem Herzoge die Ueberzeugung auf, daß irgend eine Unternehmung des Marschalls bevorstände. In dieser Voraus ficht ertheilte Ferdinand noch an demselben Tage um 5 Uhr Nachmittags den Befehl an die Armee, sich in der nächsten Nacht

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um 1 Uhr marschbereit zu halten, und insbesondere sollte die Cavalerie zu dieser Zeit gesattelt haben.

Nach der Disposition sollte ferner die Armee, sobald General Wangenheim in seiner Stellung hinter Todtenhausen angegriffen würde, in die Mindener Ebene vordringen, um sich zunächst

zwischen Hahlen und Stemmern zu formieren, dann aber über des Feindes linke Flanke herzufallen; – eine Bewegung, die dem Herzoge wiederholt Veranlassung gab, die Generale zur umsich tigsten Recognoscierung des Terrains aufzufordern; und wobei namentlich auf die zur Ebene führenden Straßen so wie auf den

Raum gedeutet wurde, auf welchem jener Aufmarsch stattfinden sollte.

Eine weitere Bestimmung der Disposition bezeichnete 8 Ge nerale und andere Offiziere zur Führung resp. Befehligung von ebensovielen Colonnen, in welchen die Armee zu den genannten Zeitpunkten aufbrechen sollte. Die Infanterie bildete bei dieser

Eintheilung 4, die Cavalerie eines jeden Flügels 1, und die beiden Brig. schwerer Artillerie 2 Colonnen. Die 1. Colonne, aus englischer und hannoverscher Infanterie bestehend, wurde von dem General Spörken, die 2, ausschließlich hannoversche Infanterie, von dem Generalmajor Scheele befehligt, während die 3. aus Heffen und die 4. aus Braunschweigern, und zwar beide eben wohl aus Infanterie bestehend, die Generallieutenante Wutginau und Imhof zu Commandierenden hatte. Lord Sackville befehligte die 5. Colonne oder die Cavalerie des rechten, dagegen Prinz Holstein die 6. Colonne oder die Cavalerie des linken Flügels. Major Haase befehligte die 1. Brig. schwerer Artillerie, welche die 7.; Oberst Braun die 2. Brig. dieser Artillerie, welche die 8. Colonne, und zwar im Centrum, bildete.

Die Vortruppen der Armee bei Hartum c. standen unter den Befehlen des Generallieutenants Prinzen Anhalt.

So zögernd und ruhig sich Contades zeither in seinem Lager

gezeigt hatte, so führte ihn doch die Detachirung des Erbprinzen



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gegen Herford in den Rücken seiner Armee zu dem Entschluffe, nunmehr zur Schlacht zu schreiten. Des Marschalls Hoffnungen zur Niederwerfung seines Gegners steigerten sich hierbei unfehlbar in Betracht dessen isolierter Stellung zwischen Hille und Frieden walde; und auf diese Stellung gründete sich auch die am 29. Juli entworfene Disposition. Nach derselben sollte der Herzog vou Broglio, dessen Reservecorps am Abende des 31. Juli wieder das linke Weserufer betrat, gleich bei Anbruch des Tages mit aller Kraft und Schnelligkeit den Angriff auf den linken Flügel (Wangenheim), der alliierten Armee beginnen, Nach dem ersten Schuffe, welcher auf Seiten dieses Angriffes fallen würde, hatten sich das Centrum und der linke Flügel der französischen Armee in Bewegung, und zwar beinahe in der Rich

tung der linken Flanke der zwischen Hille und Friedenwalde stehen den alliierten Armee, zu setzen. Gelänge der Angriff Broglios, so sollte derselbe den ihm gegenüberstehenden Feind von allen

Seiten zu umringen, ihn also von den Wegen zur Armee Fer dinand's abzudrängen suchen.

Gegen den rechten Flügel dieser Armee wurde nur ein Schein angriff angeordnet. Der Generallieutenant Herzog d'Havré erhielt zu diesem Zwecke die Brigade Navarra, die Freiwilligen von Hennegau, Dauphiné und Muret nebst 4 achtpfündigen Geschützen; wobei es specielle Aufgabe war, den Angriff gegen den bei Eich horst durch das Moor nach Hille führenden Damm zu richten, namentlich die dortige Verschanzung zu beschießen, damit den Feind

zu beschäftigen und denselben zu hindern, daß er seinen rechten Flügel an das Moor lehne. Ein Vordringend Havré's über den Damm sollte erst dann stattfinden, wenn die Armee mit ihrem linken Flügel in der Gegend von Hille angekommen sein würde, um hierauf die Vereinigung mit jener zu suchen; wogegen für den Fall, wo die Armee den Rückzug antreten müßte, – der

Damm zur Deckung desselben zu behaupten war. Im Uebrigen hatte d’Havré durch den Paß bei Bergkirchen die Verbindung

– 218



mit dem Corps des Herzogs von Briffac zu erhalten; sowie denn auch die südlich von Eichhorst gelegenen Höhen mit Infanterie und leichten Truppen gegen etwaige Angriffe von Lübbecke her zu zu besetzen waren. -

Das Reserve-Corps unter Broglio erhielt lautder Disposition die französischen und königlichen Grenad.-Regtr. sowie zu seinen 12 Kanonen noch 6 Kanonen und 4 Haubitzen zugewiesen; sollte sich mit der Infanterie im ersten und mit der Cavalerie im

zweiten Treffen aufstellen, und einen rechten Flügel an das linke Ufer der Weser stützen, den linken dagegen dem rechten Flügel der Armee anschließen. So war die Aufstellung jenes Corps unmittelbar nach dem Uebergange deffelben vom rechten auf das linke Weserufer, nachdem hierzu, gleichwie zum Aufbruche der Armee in 8 Colonnen, durch den Zapfenstreich am 31. Juli, der als Generalmarsch dienen sollte, – das Zeichen gegeben worden war. Das Gepäck der Armee befand sich zu dieser Zeit bereits bei Rehme, und dahin ging auch das des Reserve-Corps, und zwar über die am weitesten oberhalb von Minden gelegene Schiff brücke, ab, um die Truppen in ihren Bewegungen nichtzu hindern. Wie bereits früher erwähnt wurde, so hatte man Uebergänge über die Baftau in genügender Zahl vorbereitet; nicht minder nahm man auch Bedacht auf einen etwaigen Rückzug, indem neunzehn Brücken über die Weser geschlagen wurden. Die acht Colonnen der Armee hatten folgende Bestandtheile. Die 1. Colonne, vom linken Flügel derselben angerechnet,zählte die Inf-Brig. Champagne und Le Roi nebst 8 schweren Geschützen unter dem Grafen v. Guerchy. Diese Colonne sollte bis an die

äußersten Hecken des Dorfes Hahlen vorgehen, hier bis Anbruch des Tages stehen bleiben, dann aufmarschieren, ihren linken Flügel

an jene Hecken setzen und ihren rechten gegen die Rothen Häuser richten.

Die 2. Colonne bestand aus den Brig. Aquitanien und Condé nebst 6 schweren Geschützen unter dem Generalv. Maugiron.



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Die 3. Colonne wurde durch die beiden sächsischen Brig. unter dem Grafen von der Lausitz gebildet.

Die 4. Colonne unter dem Herzog von Fitz-James bestand aus den Cav.-Brig. Mestre-de-Camp, Croaten und Royal-Etranger.

Die 5. Colonne hatte dagegen die Cav.-Brig.Colonel-Général, le Roi und Bourgogne unter dem Generallieutenant Dumesnil. Die 6. Colonne zählte unter dem Generallieutenant Beauprau die Brig. Touraine und Rovergne nebst 8 schweren Geschützen.

Die 7. Colonne unter dem Grafen St. Germain faßte die Brig. Auvergne und Anhalt. Die 8. Colonne endlich unter dem Ritter Nicolay bestand aus den Brig. Picardie und Belzunce nebst 8 schweren Geschützen.

Diese Colonne, als die am rechten Flügel der Hauptarmee und zunächst mit dem Corps Broglio"s in Verbindung stehende, sollte ihren Marsch auf die Rothen Häuser (Rothen Häuser oder Mal

bergen, etwas über 1% M. n-w. v. Minden) richten, hier bis Tagesanbruch stehen bleiben, dann aber aufmarschieren und ihren rechten Flügel bis an das dortige Gehölze, und zwar in der Rich tung des linken Flügels Broglio's, ausdehnen. Auch die 2. 3. 4. 5. 6. und 7. Colonne bekamen bei ihrem -

Aufmarsche beziehungsweise die mehr genannten Rothen Häuser als Richtpunkt angewiesen, je nachdem sie sich im Vordertreffen

befanden oder Theile des Hintertreffens bildeten; und wobei eine sanft anlaufende Erhöhung des Bodens in dem Raume zwischen Hahlen und Malbergen als Deckungsmittel des Aufmarsches die Punkte bot, wohin die Colonnen von Generalstabsoffizieren ge führt wurden. Bei dem Marsche zu diesen Punkten sowie auch während der Schlacht sollte das 1. Bataillon einer jeden Brigade in Colonne bleiben; ebenso befanden sich vor jeder Infant-Brig. 100 Arbeiter mit Schanzzeug.

Das Ganze der vorgenannten Truppentheile (die 8 Colonnen) sollte sich nun in zwei Treffen und zwar in folgender Weise an dem eben bezeichneten Orte aufstellen, dann aber mit gerader Front



220 –

gegen den Feind vordringen, wobei jede Infanterie-Brigade Ba, taillonsfront, jede Cavalerie-Brigade Escadronsfront haben und Brigade-Distanz wahren würden. Vier Inf-Brig, Picardie, Belzunce, Touraine und Rovergne, nebst 34 schweren Geschützen unter den Generallieutenants Ritter Nicolay und Beauprau bildeten in dem mit Buschwerk bedeckten und unebenen Raume du rechten Flügel des 1. Treffens. An die schlossen sich, in Veranlassung der nunmehr frei und offen werden den Gegend, als Mitte dieses Treffens, die Caval.-Brig. Colonel

Général, Croaten, Mestre-de-Camp unter dem Herzog von Fitz James und den Generallieutenants Vogué und Castries. Auf

diese Truppen folgten, als linker Flügel, die Inf-Brig. Condé, Aquitanien, le Roi und Champagne nebst 30 schweren Geschützen unter dem Generallieutenant Marquis Guerchy und den Generalen

Herzog von Laval und Maugiron. Die 64 Geschütze wurden von dem Ritter Pelletier befehligt und bekamen ihre Stellung vor dem rechten und linken Flügel des genannten Treffens.

Das 2. Treffen, 400Schritte hinter dem ersten, hatte eben wohl Cavalerie in der Mitte, nämlich die Brig. le Roi, Bourgogne und Royal-Etranger unter den Generallieutenants Dumesnil und Andlau. Diesen Brig. schlossen sich zur Rechten die Inf-Brig. Auvergne und Anhalt unter dem Generallieutenant Graf St. Germain; zur Linken dagegen die beiden sächsischen Brig. unter dem Grafen von der Lausitz an. Als Reserve, hinter der Mitte der Cavalerie, dienten die Gen darmerie und die Carabiniers unter dem Generallieutenant Poyanne. Minden selbst sollte gleich nach dem Zapfenstreiche durch die

Brigade Löwendal unter General-Major v. Biffon besetzt werden; ferner sollten daselbst die Geschütze von dem stärksten Caliber, zur Deckung eines etwaigen Rückzuges, auf die Cavaliere gebracht und alle Anordnungen getroffen werden, um die auf dem linken Weser ufer schwärmenden feindlichen leichten Truppen von den dortigen



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Brückenschanzen abzuhalten. Endlich war für den Rückzug die

Bestimmung getroffen worden, daß dieser für die Mitte und den linken Flügel der Armee über die Brücken der Bastau in das frühere Lager stattzufinden habe, während der rechte Flügel und das Reservecorps unter Broglio die Gärten in den nächsten Um gebungen der Festung besetzen sollten, um im Vereine mit deren Artillerie dem Feinde Widerstand zu leisten. Bevor wir zur Relation der Schlacht schreiten, möge es uns

erlaubt sein, noch einen französischen Hauptarmee der ersteren, je nach dem Der Marsch in die

Rückblick auf die Hauptbewegungen der zu werfen, um namentlich den Zweck Orte, hervorzuheben. Stellung zwischeu Hahlen und Malber

gen und die daselbst getroffenen Anordnungen bezogen sich zunächst auf die Absicht, hier nach der angegebenen Schlachtordnung die zum Angriffe bestimmten Colonnen zu bilden. Von hier aus sollte dann derselbe beginnen, – eine Absicht, welche sich indeß,

wie wir späterhin sehen werden, nichtverwirklichte, indem die fran zösische Armee in jener Stellung nur gezwungen den Angriff der Allirten aufnehmen mußte, weil sie, noch im Marsche begriffen, von derselben unerwartet angegriffen wurde.

- Die Nacht vom 31. Juli bis zum 1. August war für Her zog Ferdinand ohne Nachrichtvom Feinde vorübergegangen, obgleich derselbe gleich nach dem Untergange der Sonne aus seinem Lager

aufbrach und den Marsch in den bekannten Richtungen angetreten hatte. Die vorgeschobenen Posten der Alliierten, denen von Seiten des Herzogs die größte Aufmerksamkeit und die sofortige Meldung betreffs der geringsten feindlichen Bewegung anempfohlen wor

den waren, hatten nichts bemerkt, was auf irgend ein Vorhaben des Feindes hätte schließen lassen können. Um so auffallender mußte es daher sein, als gegen 3 Uhr ) Morgens der Gene

raladjutant v. Reden dem Herzoge die Mittheilung machte, daß 1) Nach v. Knesebeck 1. B., S. 406 war es 3 Uhr Morgens; nach v. Reden B. 2, S. 58 3% Uhr.

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nach der Aussage von zwei Deserteuren vom Regt. Picardie, welche bereits um 10 Uhr in der verfloffenenen Nacht bei dem Dorfe Hartum angekommen seien, – die feindliche Armee sich in 8 Co lonnen in Marsch gesetzt habe, um die Alliierten anzugreifen, und

daß sie schon um Mitternacht dasMoor passiert haben müffe. In dieser Nachricht lag eine schwere Versäumniß der bei Hartum stehenden Vorposten der Armee, deren Piquets an diesem Tage von dem in diesem Dorfe stehenden Generallieutenant Prinz An halt befehligt wurden.

Nach den früheren Wahrnehmungen, die der Herzog bei Lübbecke gemacht und die derselbe mit der Aussage der Deserteure in Verbindung brachte, konnte man den Angriff desFeindes nicht bezweifeln. Generaladjutant Reden erhielt daher den Befehl, die Armee aufbrechen und in die Stellung zwischen Hahlen und Stem mern einrücken zu lassen. Gleichzeitig mit diesem Befehle gingen sämmtliche Adjutanten, über welche Ferdinand augenblicklich ver fügen konnte, schleunigst zur Armee ab, um dieser den Befehl zum sofortigen Abmarsch zn überbringen; der Herzog selbst aber eilte nach Hartum und befahl hier dem Prinzen Anhalt, welcher den Feind noch in seiner früheren Stellung wähnte, – sämmtliche Pi quets, 1600 M. Infanterie und 200 Pferde, zu sammeln, mit denselben sowie mit der Artillerie-Brigade des Capitains Foy direct nach Hahlen zu marschieren und diesen für die Anlehnung des rechten Flügels der Armee so wichtigen Ort in Besitz zu nehmen. Der Prinz von Bevern und Oberstlieutenant Wadson sollten dabei den Prinzen Anhalt unterstützen; während Ferdinand selbst, nur von einem Reitknechte und einem Bauern, der als Führer diente, begleitet, jenen Truppen nach Hahlen vorauseilte und hier von den Patrouillen der Piquets die Besitznahme dieses

Dorfes durch eine starke feindliche Abtheilung erfuhr. Daß diese Nachricht eine wohl begründete war, davon erhielt der Herzog Ge wißheit, als der inzwischen vorgesendete Reitknecht mit deren Be stätigung zurückkam.

– 223



Um diese Zeit war es auch, als Ferdinand den General adjutant v. Estorf, in Ermangelung aller Nachrichten von Seiten des Generals Wangenheim, an diesen abschickte, um über den Stand der Dinge bei Todtenhausen Erkundigungen einzuziehen. General Wangenheim hatte gegen Mitternacht seine Truppen unter das Gewehr treten lassen und war unter demselben bis Anbruch des Tages geblieben, um welche Zeit die Mannschaften wieder in ihre Zelten abgingen "). Dieser Zeitpunkt stimmthöchstwahrscheinlich mit dem überein, wo (3 Uhr Morgens) Wangenheim in einem zu dieser Zeit datierten BilletdemHerzoge anzeigte,daß sichnichts Neues ereignet habeunddaßin denLägern desFeindes nichtdie geringste Veränderung vorgegangen sei. Diese Meldung empfing Ferdinand jedoch erst mitten in der Schlacht; er sah aber bei einem weiteren Vorritte

in der Ebene von Minden, um sich daselbst von der Anwesenheit und Stärke des Feindes Kenntniß zu verschaffen, einen dicken Rauch bei Todtenhausen aufsteigen, ohne indes, wegen des sehr heftigen Windes, den Kanonendonner zu vernehmen. In der That ver mochte Wangenheim seinen Truppen nur eine kurze Zeit Ruhe zu gönnen, als gegen 4 Uhr Morgens die ersten Schüffe Broglio"s aus 16–18pfündigen Kanonen auf die Vorposten fielen. In aller

Eile hatten sich auf der Höhe beiTodtenhausen vorerst nur geringe Truppentheile sammeln können; auch die schwere Artillerie am linken Flügel des Wangenheim'schen Corps war erst nach einiger

Zeit, während welcher durch das feindliche Geschützfeuer mehrere Pferde getödtet und einige Munitionswagen zertrümmert wurden, im Stande, mehrere 6- und 12-Pfünder seitwärts der uns bekann ten Verschanzungen in Batterie zu bringen und jenes Feuer zu erwiedern. Während so der heftigste Artillerie-Kampf sich entspann,

an welchem nun auch die Geschütze in den Verschanzungen einen lebhaften Antheil nahmen, entwickelte sichdas Corps Wangenheim's seitwärts derselben zur Schlachtordnung. Mit unverminderter Heftigkeit setzte sich das Geschützfeuer 1) Die

Tagebücher,

– 224 –

beiderseits beinahe eine Stunde hindurch fort; doch ließ endlich das der Franzosen merklich nach und verstummte gänzlich, da die Stellung und die Zahl der Geschütze Wangenheim's so wie ins besondere auch die höhere Leitung der Artillerie durch den Grafen Wilhelm von Lippe-Schaumburg und die angestrengte Thätigkeit

und der umsichtige Muth des hessischen Oberstlieutenants Huth den Leistungen c. des Feindes überlegen waren. Jenes Resultat mußte indes mit drei demontierten Zwölfpfünderen und dem Ver

luste einiger Mannschaft erkauft werden), und zwar zu einer Zeit, wo, bei dem heftiger werdenden Kanonenfeuer des Gegners, Angriffsbewegungen der feindlichen Infanterie vorbereitet zu wer den schienen.

Diese Angriffsbewegungen, zu welchen Broglio nur auf eine kurze Zeit überging, die jedoch von keinen wesentlichen Folgen be gleitet wurden, konnten von Seiten dieses Generals nur schwache Versuche sein, die ihre Entstehung, abgesehen von dem ihm gege benen Befehle: den Angriff mit aller Schnelligkeit und Kraft zu beginnen – höchst wahrscheinlich der Wahrnehmung Broglios verdanken, wonach derselbe am Morgen des 1. August (des

Schlachttages) bei weitem mehr Truppen zu bemerken glaubte, als er Abends zuvor hier gesehen. Die Stärke Wangenheim's kennen wir; 10 Bat. desselben befanden sich in Todtenhausen, aber es mangelte daselbst gänzlich an Artillerie 2) – vielleicht 1) Auch einige kleine Munitions-Dépôts geriethen in Brand, indem das früherhin aus den Verschanzungen hinweggeschaffte Stroh sowie das dort ab

gemähte Korn von der Deckungsmannschaft der Grenadiere an und auf die Brustwehr zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen, sowie auch auf die Ver tiefungen jener Dépôts gelegt worden waren. Der unerwartete Angriff Broglio"s verhinderte das abermalige Hinwegschaffen des Strohes, welches in Folge des anhaltenden Feuerns bald in Flammen aufging, die nun auch die Dépôts erfaßten und unter minder günstigen Umständen leicht die schlimmsten Folgen herbeiführen konnten. 2) S. die Bemerkungen des hannoverschen Generals v. Walthausen dem Marquis v.Castries gegenüber in Stuhrs Forschungen, 2.B. Beil.zu S. 208.



225 –

eine Folge von der Meinungsverschiedenheit, welche zwischen Wangenheim und dem Großmeister der Artillerie der Armee, dem Grafen Wilhelm von Lippe-Schaumburg, betreffs der in dem

Lager bei Todtenhausen aufzustellenden Batterien bestand.

Um

den Unzuträglichkeiten, welche daraus leicht entstehen konnten, vor zubeugen, hatte sich Ferdinand schon früher, d. h. vor der Ankunft der Deserteure, entschlossen, sich während des Schlachttages in

der Umgegend von Todtenhausen, Kulenhausen und Stemmern aufzuhalten, und diesen Entschluß dem Grafen, der sich, um den Herzog zu erwarten, nach Todtenhausen begeben hatte, mitgetheilt. Die durch die Deserteure gebrachte Nachricht ließ Ferdinand jenen

Entschluß ändern; statt dessen wurde aber Graf Wilhelm ersucht, sich zu dem Herzoge zu begeben, was indeß erst nach der Schlacht, jedenfalls in Folge des inzwischen

eingetretenen

Angriffes auf das

Wangenheim'sche Corps, geschah. Jene Irrungen zwischen dem Grafen und dem General Wangenheim, falls ihnen zufolge wirklich die Entblößung Todten hausens von allem Geschütze stattfand, konnten trotz der Tüchtig keit der alliierten Truppen zu einer sehr unheilvollen Catastrophe für dieselben führen, und zwar um so mehr, als Broglio auf fein an Contades gerichtetes Ersuchen, nachdem er bereits drei Stunden ) dem General Wangenheim gegenüber gestanden hatte, durch General Nicolay mit den 4. Brigaden des rechten Flügels des 1. Treffens nebst 2. Brigaden aus dem 2. Treffen verstärkt worden war. So aber unterblieb dieser soviel Erfolg verheißende

Angriff Broglio's, und noch überdies wurde durch die Entsendung Nicolay’s ein sehr nachtheiliger Einfluß auf die Kampfverhältniffe des Centrums der französischen Hauptarmee ausgeübt, die wir unten weiter kennen lernen werden.

Nur wenige Augenblicke nach der Zeit, wo Herzog Ferdinand bei seinem Vorritt auf der Mindener Ebene den dicken Rauch bei 1) Nach dem Théâtre de la guerre présente en Allemagne tome 3, pag. 119. -

Renouard Gesch. II. Bd.

15

– 226 –

Todtenhausen aufsteigen sah, vernahm er auch in feinem Rücken eine heftige Kanonade bei Hille. Es war dies der Scheinangriff des Generals Herzogs d'Havré, welcher sich gegen den zwischen Hille und Eichhorst befindlichen Damm richtete und wobei das erstere Dorf so wie die Abtheilung des Obersten Reineke beschossen wurden, ohne daß man jedoch auf dieser Seite einen nennens werthen Verlust erlitt. Ferdinand ließ sofort die Batterie des Obersten um 2 12Pünder verstärken und dem Generallieutenant

Gilsa in Lübbecke den Befehl zugehen: – ungesäumt gegen Eich horst aufzubrechen, den Feind aus diesem Orte zu delogieren und denselben soweit als nur möglich gegen dessen Lager hinter das Moor zurückzutreiben, um auf diese Weise seine Aufmerksamkeit

zu theilen ). Auch Gilsa hatte den Kanonendonner von Eichhorst her ver nommen und eine um 7% Uhr Morgens eingehende Meldung unterrichtete den General von dem dortigen Angriffe der Franzosen. Zufolge dieser Nachricht war Gilsa sofort mit 300M. Infanterie und einem Regimentsgeschütz in der Richtung des genannten Ortes aufgebrochen, um den Posten Reinekes zu unterstützen. Auf diesem Marsche erhielt Gilsa den mit Bleistift geschriebenen Befehl des Herzogs, ließ nun schnell seine übrigen Truppen nachkommen, kam aber erst zu einer Zeit bei Eichhorst an, wo der Feind, be reits unterrichtet von dem schlechten Stande der Dinge nördlich des Moores, im Rückzuge begriffen war und nur noch die

Gelegenheit geboten wurde, dessen Arrièregarde zu beschießen). Des Herzogs Befehle zum Aufbruche der Armee waren pünktlich befolgt worden, mitAusnahme der Cavalerie des rechten 1) S. v. d. Knesebeck c., 1. Bd., S. 409. 2) Wir greifen hier freilich den Gefechtsverhältniffen der unmittelbar unter den Befehlen Ferdinand's stehenden Truppen vor, glauben aber dies durch die Ansicht zu rechtfertigen, daß das Zusammengehörige von Neben handlungen bis zu einem gewissen Punkte die resp. volle Darstellung erlaubt, um eben dadurch keine Unterbrechungen in der Darstellung der Hauptthat fachen eintreten zu laffen.



227



Flügels unter Lord George Sackville, welche trotz des Tags vor her gegebenen Befehles noch nicht gesattelt hatte, und deren An führer sehr spät sich bei seinen Truppen einstellte. Sämmtliche Colonnen der Armee, mit Ausnahme der Sack ville's, befanden sich daher schon geraume Zeit auf dem Marsche

nach der Stellung zwischen Hahlen und Stemmern, als Herzog Ferdinand seinen Rückweg von seinem einsamen aber erfolgreichen

Ritte antrat. Er stieß hierbei auf die Vortruppen der unter dem Befehle des Prinzen Holstein stehenden 6. Colonne (Cavalerie des linken Flügels), erließ bei jenen einige Befehle bezüglich der Wach samkeit auf die Bewegungen des Feindes und der Benachrichtigung

von allen Vorfällen, und gab schließlich noch den Befehl zum Vorrücken,

Die Colonne Holsteins sollte sich dagegen sobald als mög lich formieren und den ersten günstigen Augenblick zum Angriffe benutzen. Etwa dieselben Befehle erhielt auch die nunmehr dem Herzoge begegnende 4. Colonne (Imhof), während gleichzeitig den übrigen Commandierenden der Colonnen des Centrums und des

rechten Flügels der Armee die Weisung zugeschickt wurde, ihren Marsch soviel als möglich zu beschleunigen; eine Maßregel, die wegen des großen Bogens nothwendig war, welchen diese Truppen theile, im Vergleiche zu der Marschrichtung derjenigen des linken Flügels, in die mehrgenannte vorgezeichnete Position zwischen

Hahlen und Stemmern zu beschreiben hatten. Wie wir wissen, so hatte PrinzAnhalt von HerzogFerdinand den Befehl bekommen, das DorfHahlen in Besitz zu nehmen; des letzteren Verwunderung mußte daher nicht gering sein, als er, bei der 1. Colonne unter General Spörken anlangend, die Piquets noch diesseits, d. h. westlich, von Hahlen fand, und gleich darauf ein Billet von dem Prinzen Anhalt erhielt, in welchem derselbe die Besetzung dieses Dorfes vom Feinde anzeigte und anfrug, ob er denselben angreifen solle. Der Befehl hierzu erfolgte natürlich sofort; auch leistete der 4 Bataillone starke Feind keinen besonderen Widerstand, steckte 15 *



228 –

aber bei seinem Rückzuge das Dorf in Brand; während Prinz Anhalt den Befehl des Herzogs buchstäblich nahm, d. h. Hahlen besetzte und nicht mehr aus diesem Orte wich, obgleich mit der Eroberung desselben der befohlene Zweck, die freie und ungehinderte Anlehnung des rechten Flügels der Armee und deren Formierung, bereits erreicht worden war.

Inzwischen hatten die Colonnen ihren Marsch fortgesetzt, bildeten aber auf Befehl des Herzogs aus Bataillonen Halb bataillone; auch die Eavalerie Sackville"s sollte, nach einem durch den Generaladjutant v. Estorf überbrachten Befehle Ferdinands,

sich in Schwadrous-Colonnen formieren und die Richtung ihres Marsches gegen Hahlen nehmen, hier sich aber hinter dem Treffen der Infanterie in Linie aufstellen und in Bereitschaft sein, wenn die Mitwirkung zur Schlacht nothwendig erschiene. Während dieser Vorgänge waren auch die Colonnen der

französischen Hauptarmee bis in die ihnen angedeutete Stellung, in welcher man sich zum Angriffe formieren wollte, vorgedrungen;

doch gelang es den Generalen nicht, die während des Marsches zum Theil auseinander gekommenen oder zusammengedrängten Colonnen so rechtzeitig zu ordnen, daß die vorgeschriebene Angriffs bewegung beginnen konnte, bevor die alliierte Armee der französi schen gegenüber erschien. Nur der Cavalerie, welche bekanntlich

die Mitte der französischen Schlachtordnung einnahm, war es möglich gewesen, sich zu formieren; und sie war es, wie wir sehen werden, auf welche sich der Angriff Ferdinand's zuerst richtete,

dessen Truppen bereits in der bezeichneten Stellung angekommen waren und begünstigt durch die Gebüsche und Walddistricte der Gegend sich der Stellung der Franzosen näherten. Nach dem Berichte des Marschalls Contades sollen die Marschkolonnen der von ihm unmittelbar geführten Armee schon um 1 Uhr nach Mitternacht nach der Schlachtordnung geordnet gewesen sein; es hätte somit deren Angriff ebenwohl um 4 Uhr Morgens beginnen können, da zu dieser Zeit die ersten Kanonenschüsse auf Seiten



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Broglio"s fielen, welche bekanntlich doch als Signal zum Angriffe des Centrums und des linken Flügels der französischen Armee dienen sollten.

Es war dagegen erst gegen 8 Uhr Morgens, als die Haupt armee einigermaßen die anbefohlene Schlachtordnung angenommen hatte; aber geraume Zeit vor diesem Zeitpunkte war Ferdinand, dessen Armee schon gegen 6 Uhr zum Schlagen in der Stellung zwischen Hahlen und Stemmern bereit stand, in dem Bereiche der französischen Armee angekommen und hatte seinen linken Flügel mit dem rechten Flügel Wangenheim's in Verbindung gesetzt. Die bis dahin ausgeführten Anordnungen Herzog Ferdinands geben uns genügende Beweise von dessen Thätigkeit und ruhiger Umsicht den kritischen Augenblicken gegenüber, deren entschlossene Benutzung um so dringender erscheinen mußte, als durch ein rasches Vordringen zugleich Broglio genöthigt wurde, in Folge der Bedrohung seiner linken Flanke etwaige Angriffsversuche auf Wangenheim aufzugeben. Wir verließen Herzog Ferdinand in dem Augenblicke, wo er die Formation der im Vormarsche begriffenen Infanterie in Halb bataillone, sowie der Cavalerie Sackville's in Schwadr.-Colonnen e. anordnete. Das Geschützfeuer zwischen Broglio und Wangenheim

war zur Zeit, wo der von Ferdinand nach Todtenhausen abge sendete Adjutant, Capitän v. Bülow, diesen Ort verließ, ungemein heftig. In Folge dieses Feuers hatte sich der aus Cavalerie be stehende rechte Flügel Wangenheim's, welcher zwischen Stemmern und Kulenhausen gestanden, aus dem Bereiche desselben zuürckge zogen, während der durch Cavalerie gedeckte linke Flügel Broglio's gegen die in ihrer Stellung beharrende Infanterie Wangenheim's Raum gewann. Diese Verhältniffe waren durch Bülow dem

Prinzen von Holstein und dem General Imhof mitgetheilt wor den, worauf beide in die mehrgenannte Stellung südwestlich von Stemmern einrückten und dadurch die Verbindung mit dem Wan genheim'schen Corps sicher stellten.



230 –

Unmittelbar nach Eingang dieser Nachrichten durch Bülow,

ließ Herzog Ferdinand, dessen Centrum und rechter Flügel noch im Vormarsche begriffen waren, die Artill.-Brig. des Capitains

Foy bei der Windmühle von Hahlen Stellung nehmen, um durch ein ununterbrochenes Feuer die Aufstellung der in beschleunigter Gangart marschierenden Colonnen und deren Entwickelung zu er leichtern. Zu diesen Colonnen gehörte bekanntlich auch die schwere

Artilleriebrigade des hannoverschen Majors Haase, welche, obwohl etwas spät anlangend, doch mit derjenigen der Capitaine Foy und Macklean unter dem Commando des Capitains

Philipps vereinigt werden konnte, um nunmehr ein um so hef tigeres und erfolgreicheres Feuer auf die französischen Linien, die, wie oben gesagt, noch zum großen Theil in der Entwickelung be griffen waren, zu eröffnen.

Während der Entwicklung der alliierten Colonnen, die im Ganzen genommen rasch und mit Ordnung von Statten ging, konnte unter minder günstigen Umständen der Befehl des Herzogs: daß, wenn die Truppen vorrücken würden, dies unter Trommelschlag zu geschehen habe, – dieübelsten Folgen haben, indem dieser entweder falsch überbrachte oder falsch ver standene Befehl zu einem „Vorrücken unter Trommel schlag“ wurde. Unter dieser Auffassung setzte sich die bereits in der angewiesenen Stellung formierte Infanterie in Bewegung und

rückte vor, ohne dem noch im Anmarsche begriffenen Reste Zeit zur Formation zu gestatten. Die stete Aufmerksamkeit des Herzogs und das die Bewegungen der Alliierten begünstigende Terrain machten jedoch eine schnelle Abhülfe möglich, denn auf den durch den Herzog v. Richmond überbrachten Befehl Ferdinands wurde die Infanterie des rechten Flügels in der Nähe eines Gehölzes

auf kurze Zeit angehalten und inzwischen dem im Rücken heran kommenden Reste der Armee die zur Formation nöthige Zeit geboten.

Die Bewegungen, welche nun von Seiten der Alliierten unter



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dem vom Feinde ebenwohl heftig erwiederten Geschützfeuer statt fanden, waren direct gegen denselben gerichtet. Das Vordringen der Infanterie des rechten Flügels geschah in stolzer Haltung und zugleich mit einem solchen Ungetüm, daß die zweite Linie und die schwere Artill.-Brig. des Centrums ihr nur mit großer Mühe folgen konnten"). Der Augenblick zu diesem Angriffe war immerhin ein günstiger, denn bis dahin mannigfach dem feindlichen Auge durch Ge hölze und Gebüsche entzogen stieß man auf die bereits formierte und im Centrum stehende französische Cavalerie, während der Rest ihrer Armee noch zum Theil in der Entwickelung begriffen war. Trotz dieser Gunst betreffs der allgemeinen Situation der Fran zosen erschien es doch nicht als eine leichte Aufgabe, unter dem kreuzenden Feuer der die Front jener Cavalerie deckenden Batterien

den Angriff auszuführen. Diese Aufgabe wurde indeß glänzend gelöst, und zwar von der englischen Infanterie am rechten Flügel des 1. Treffens sowie von der hannoverschen Garde und dem Regiment Hardenberg. Diese tapferen Truppen, ohne von ihrem Geschütze begleitet zu sein, traten eben aus einem Gehölze hervor, um sich dem Befehle gemäß auf die französische Cavalerie des Centrums sowie dann in die Flanken des rechten und linken Flügels

der feindlichen Infanterie zu werfen, während der rechte Flügel der Franzosen von der übrigen alliierten Infanterie angegriffen werden sollte, – als der Herzog von Fitz-James, jene Truppen gewahrend, dem Marquis Castries den Befehl ertheilte, mit 11 Escadronen dieselben anzugreifen. Der Andrang dieser Cavalerie maffe, welcher indeß keine Unterstützungfolgte, war ein furchtbarer, dennoch erschütterte er nicht die zusammengedrängten Glieder jener Infanterie, die, gleich zu Anfang ihres Erscheinens auf dem offenen Terrain dem kreuzenden Feuer der feindlichen Batterien blosgestellt, bis auf einige 20 Schritte den Choc erwartete und

1) Worte des Herzogs Ferdinand in seinem Schlachtberichte, f. v. d. Knesebeck ac., 1. Bd., S. 412.

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dann mit aller Ruhe ihr Feuer abgab. Dieses wohl unterhaltene und dabei mörderische Feuer, welchem ein rasches Vordringen der Infanterie folgte, hatte die feindliche Cavalerie in gänzliche Ver wirrung gebracht, und von dem Stoße der ersteren durchbrochen und zurückgeworfen, mußte die Niederlage des Feindes eine voll

lendete werden, wenn man auf Seiten Herzog Ferdinands im Stande war, rechtzeitig eine angemessene Cavallerie-Abtheilung herbeizuführen. Diese Aufgabe sollte dem Lord Sackville zufallen, welcher bekanntlich hinter den Treffen der Infanterie seine Cavalerie

in Linie aufzustellen hatte, um der weiteren Winkel des Herzogs zur Mitwirkung gewärtig zu sein. Generaladjutant Citorf, welcher hierzu den Befehl überbracht hatte, war bei Sackville bis zur Formation

der Schwadronskolonnen geblieben, kehrte aber dann zum Herzoge zurück und wurde von diesem nach dem linken Flügel der Armee geschickt, um die dortige Cavalerie zu größerer Eile zu veranlassen, zur Zeit, wo dieselbe ihren Aufmarsch bei Stemmern zu beginnen hatte. Lord Sackville hatte den Marsch gegen Hahlen angetreten. Hier empfing er abermals, und zwar jetzt durch den Capitain v. Mallortie, den Befehl des Herzogs, sich in Linie zu formieren, wobei indeß Sackville seine Cavallerie-Abtheilung in einem ziemlich großen Abstande von Hahlen und der dortigen Mühle, Front gegen beide, aufstellte. Hier traf den Lord die durch Capitain Malortie weiterhin überbrachte Aufforderung des Herzogs, einige Escadronen zur Unterstützung der Infanterie zu detachiren, d. h. zu der Zeit, wo, wie bereits oben erwähnt, die englische Infanterie und die hannoversche Garde ac. den Feind zurückgeworfen hatten, die Infanterie des 2. Treffens aber immer weiter in der Ebene vorrückte.

Lord Sackville gab in Folge jener Aufforderung dem General Mortyn den Auftrag, mit 6 oder 7 Schwadr. abzumarschieren, welche Truppen indes zu spät auf dem Kampfplatze anlangten, oder, was wahrscheinlicher, gar nicht zum Abmarsche kamen und

vor wie nach ihre Stellung behielten "). 1) Um nicht allzusehr die Relation der Schlacht mit Einzelnheiten, die

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Marschall Contades, welcher Zeuge von der Niederlage seiner Cavalerie gewesen und alle Ursache hatte, dem Siegeslaufe der unerschrockenen britischen Infanterie ac. Einhalt zu gebieten, befahl dem Marquis Beauprau, mit den Inf-Brig. Touraine nud Rovergne nebst 8 achtpfündigen Kanonen einige vor der Front der Cavalerie gelegene mit Hecken umgebene Häuser zu besetzen, um den zu wiederholenden Angriff auf die alliierte Infanterie zu

unterstützen und diese zugleich in den Rücken zu fassen. Herzog Ferdinand ließ dagegen sämmtliche Infanterie des 2. Treffens, für welche im 1. Treffen kein Raum mehr vorhanden war, hinter die rechte Flanke der Engländer rücken, um diese zu unterstützen.

Die genannten Brigaden gelangten indes nicht zu ihrem Ziele, denn bevor sie noch in die Nähe der Häuser gekommen, warfen sich einige Escadronen vom linken Flügel der Alliierten in die rechte Flanke der Brigaden, hieben davon einen großen Theil fich auf das Verhalten Lord Sackvilles beziehen, zu erschweren, möge hier erwähnt werden, daß nach dem Schlachtberichte des Herzogs, welcher, am 3.Februar 1760 abgefaßt. am 5.März einige Nachträge resp. Berichtigungen erfuhr, – der Capitän Ligonier, Adjutant Ferdinand’s, zur Zeit, wo die französische Cavalerie in die Flucht geschlagen wurde, den Auftrag erhielt: – dem Lord Sackville den Befehl zum Vorgehen der Cavalerie zu bringen. Ebenso schickte der Herzog zu derselben Zeit den Adjutanten v.Winzingerode mit dem gleichen Befehle an Sackville; dieser aber stellte sich, als ob er den Vefehl nicht verstehe, schien indeß demselben nachkommen zu wollen, obgleich er schließlich nichts that. Nach den Angaben in den oben erwähnten Nachträgen erhielt, wie wir bereits erfehen, auch Capitän Malortie denselben Auftrag wie Ligonier und Winzingerode; doch der Erfolg dieses Auftrages, nämlich die Absendung der 6 oder 7 Schwadr, stimmt mit dem andauernden Ungehorsame Sackville's gegen die ihm später zugekommenen gleichen Befehle nicht überein. Die 6 oder 7 Schwadr. find in der nächsten Nähe des Kampfes nicht sichtbar ge worden, denn nirgends findet sich von ihnen eine Spur, namentlich bei den wiederholten Angriffen der Infanterie; und Ferdinand sagt selbst in seinem Berichte, daß die Cavalerie Sackville's während der ganzen Schlacht außer Kanonenschußweite blieb. (S. in v. d. Knesebeck c., die Relation in der Schlacht bei Minden, 1. Bd., S.404 und die Nachträge resp. Berichtigungen 2. Bd., S. 33)



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nieder und nahmen beinahe die ganze Brig. Rovergne gefangen. Die Alliierten besetzten hierauf die Häuser und nöthigten durch ihr Geschützfeuer die Brig. Auvergne und Anhalt, welche Contades zur Unterstützung vorgesendet hatte, zum Rückzuge). Inzwischen hatte die feindliche Cavalerie sich wieder gesammelt und mehrere Brigaden derselben stürzten hervor, um mit unge schwächter Wuth über die kühne Infanterie der Alliierten herzu fallen, welche mit der größten Kaltblütigkeit dem mörderischen Flankenfeuer der Geschütze trotzte. Unter diesem die ganze Stand

haftigkeit des Soldaten herausfordernden Sturme schien die In fanterie einmal zu wanken, doch nur auf Augenblicke, denn mit

erneutem Verluste wurde der Chor der Cavalerie abgeschlagen und abermals herrschte Verwirrung in den feindlichen Reihen. Herzog Ferdinand, wie früher Zeuge von den Erfolgen seiner Cavalerie und rasch erkennend, daß ein auf den Feind unablässig fortgesetzter

Druck oder vielmehr Stoß diesen vollends in die Flucht schlagen mußte, – endete jetzt abermals einen seiner Adjutanten, Fitzroy, an Lord Sackville mit dem Befehle: ohne allen weiteren Auf schub wenigstens mit der britischen Cavalerie herbeizueilen. Gleich zeitig wurde auch die schwere Artilleriebrigade des rechten Flügels

unter Capitain Macklean zum Vorrücken gegen das kleine Gehölz befehligt, an welchem früherhin die Infanterie des rechten Flügels Halt machte, um dem damals noch nicht zur Entwickelung ge kommenen Reste der Armee die dazu nöthige Zeit zu verschaffen. Der glänzendste Erfolg jener Artillerie machte sich bald sichtbar, indem die ganze Artillerie des feindlichen linken Flügels ver

stummte und damit sich schon jetzt der Sieg entschieden auf die Seite der Alliierten zu neigen schien. Die Wirksamkeit seiner Mittel wohl erwägend, hatte Ferdinand dem Capitain Fitzroy einen anderen seiner Adjutanten, Lieutenant

v. Derenthal, nachgesendet, um Lord Sackville wiederholt zu 1) Tempelhof, 3. Bd., S. 197.



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drängen, ohne weiteren Zeitverlust mit der Cavalerie vorzurücken:

– doch auch diesmal ohne Erfolg"). Die Langmuth des Herzogs betreffs dieses so höchst auffallenden Ungehorsames eines der ersten

Generale der Armee hatte sich indes noch nicht erschöpft; doch diesmal richtete sich der durch Oberst Webbe an die Cavalerie Sackville"s abgeschickte Befehl zum Vorrücken unmittelbar an Lord

Granby, dem Untergebenen Sackville's. Granby sollte mit der Cavalerie des 2. Treffens vom rechten Flügel zur Unterstützung der Infanterie vorrücken, war auch sofort bereit dieses zu thun, erhielt aber Gegenbefehl von Sackville und leistete somit wie dieser Verzicht auf die Benutzung der seltenen Gelegenheit, Ruhm und

Ehre im allerreichlichsten Maße zu ernten, wenn gleich der Herzog 1) Die Capitains Ligonier und Fitzroy meldeten dem Herzog, daß die Cavalerie des Lords Sackville „trotz des wiederholt gegebenen Befehles sich nicht von der Stelle bewege, daß der Lord den Aufträgen beider keinen Glauben schenken wolle und ihnen erwiedert habe, „fie wüßten nicht, was sie fagten, und daß er sich mit dem Herzoge selbst benehmen wolle.“ Ein solches Benehmen fand auch in der That, und wahrscheinlich nach der Absendung des Obersten Webbe, statt, wobei der Herzog die den Capitains Ligonier und Fitzroy gegebenen Befehle wiederholte, diese jedoch keine andere Folgen hatten als ein ungenügendes Vorrücken Sackvilles, um – nach dem Ausdrucke Ferdinand’s – „die Lorbeeren, welche die Infanterie bereits zu erringen be gann, vollends einernten zu helfen oder ihr beizustehen, während sie litt.“ Vor dieser Zusammenkunft mit Sackville scheint indes schon eine statt gefunden zu haben, denn Graf v. Oeynhausen, welcher ebenwohl an Sack ville abgeschickt worden war, um den Marsch der Cavalerie zu beschleunigen, hatte den Lord beim Beginne der Schlacht den Herzog aufsuchen sehen. Oeynhausen hörte hierbei die Worte des Herzogs: „Mylord, meine gestrige

Disposition kann nicht in Anwendung kommen; ich bin genöthigt gewesen, dieselbe abzuändern und es genügt, daß diese Befehle von mir ausgegangen; ich ersuche Sie, dieselben in Ausführung zu bringen.“ Die Worte „gestrige Disposition“ erläuternd, möge hier die Bemerkung Platz finden, daß beim

Vormarsche der Solonnen nach der Stellung zwischen Hahlen und Stemmern der Herzog noch nicht zu bestimmen vermochte, ob die Cavalerie auf dem rechten Flügel der Armee bleiben oder sich in dritter und vierter Linie hinter der Infanterie aufstellen sollte, weil die Forderung möglich war: – die Infanterie an das Dorf Hahlen anlehnen zu müssen. (S. u. v. den durch

den Generaladjutanten v. Estorf überbrachten Befehl an Sackville.)



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allen Grund hatte, an Granby's Willfährigkeit zum Gehorsam und dessen Neigung zur Auszeichnung nicht zu zweiflen.

Während die englische Infanterie und die hannoversche Garde ac. so wiederholt den feindlichen Cavalerie-Angriffen die Stirne boten, ohne daß ihre heroischen Anstrengungen den Feind zur vollen

Flucht zu zwingen vermochten, hatte General Wutginau den Befehl bekommen, mit seiner Colonne, welche sich bereits in der den jämmt lichen Truppen Ferdinands angewiesenen Stellung ebenwohl ent wickelt hatte, vorzurücken und die Truppen Spörkens, zu denen jene Infanterie gehörte, zu unterstützen, wobei namentlich die Bat.

Wangenheim und hessische Garde insbesondere thätig waren. Ebenso erhielt Generalmajor Scheele, der Commandierende der 2. Colonne,

welche noch im Anmarsche begriffen war, schon früher die Weisung: – gegen die rechte Flanke des Generals Spörken vorzugehen, da dieselbe bis dahin keine Truppen zu ihrer Unterstützung hatte Die Tapferkeit der alliierten Infanterie sowie die Anordnun gen des Herzogs hatten indes der thatenlustigen und muthigen französischen Cavalerie keineswegs die Hoffnung benommen, die geschwächten Bataillone ihres Gegners endlich über den Haufen zu werfen und zu vernichten. Es bereitete sich daher ein neuer An

griff vor und zwar der der französischen Gendarmerie und des Corps der Karabiniers, welche Truppen bekanntlich die Reserve bildeten,

in der Schlachtordnung ihre Stellung hinter der Mitte der Cavalerie hatten und zu den auserwähltesten der französischen Armee gehörten. Ihnen gelang es zwar, unter der Anführung des Generallieutenants Poyanne ), mit einigen Schwadronen das 1. Treffen der briti schen ac. Infanterie zu durchbrechen, doch wurden sie von den im

2. Treffen stehenden Bat. Füsilier und Kingsley sowie von den inmittelst herangekommenen Bat. Wangenheim und hessische Garde mit einem großen Verluste zurückgeschlagen, der aber noch um so 1) Nach dem Théâtre de la guerre présente etc. T. 3. p. 120. war es der Prinz von Condé. -



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größer wurde, da auch die schwere hannoversche Artill.-Brig. des

Generals Braun bereits ihre Wirksamkeit vor der Front des in zwischen formierten Centrums der Armee begonnen hatte. Die beiden zuletzt genannten Bataillone verfolgten indes ihren errunge nen Vortheil und drangen so schnell vor, daß ihr Regimentsge schütz nicht zu folgen vermochte. Vier Bat. Sachsen unter Prinz Raver stellten sich ihnen entgegen und brachten sie anfänglich in

Unordnung, doch das herangekommene Geschütz sowie das lebhafte Gewehrfeuer nöthigten die Sachsen zur Flucht, die so eilig wurde, daß die Soldaten hier und da ihre Gewehre wegwarfen ). Eben so wenig, wie der Angriff der Sachsen, war der der Brig. Aqui tanien und Condé, die sich nun den Alliierten entgegen stellten, von Erfolg, denn auch sie wurden nach bedeutendem Verluste zum

Rückzug genöthigt. Durch das Feuer der schweren Artillerie er hielt man auf allen Seiten ein entschiedenes Uebergewicht über das der Franzosen; es verhinderte aber nicht einen abermaligen und zwar letzten Cavalerie-Angriff, welcher von der Brigade des

rechten Cavalerie-Flügels unter General Vogué ausgeführt wurde, doch eben so mißlang, wie die früheren Angriffe. Zu diesem Er folge trug indeß der tapfere hessische General Urff wesentlich bei, indem er mit einigen Escadronen vom linken Flügel herbeieilte,

der feindlichen Cavalerie in die Flanke fiel und damit den Gegner niederwarf.

Während so gegen den linken Flügel und das Centrum der Franzosen der Sieg errungen wurde und diese zurückgeworfenwor

den waren, ohne daß indeß, durch den Ungehorsam Sackville’s, eine mit aller Auflösung verbundene Niederlage – wie es gegen theilig wahrscheinlich war – aus jenem Siege erwuchs, hatte

auch der linke Flügel der Alliierten ernste Kämpfe zu bestehen. Demselben standen ebenwohl starke Cavalerietreffen gegenüber und 1) Nach Tempelhof 3. B, S.196 scheint es, als habe die englische In fanterie noch vor diesem Zeitpunkte 8 Kanonen erobert.

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eine beträchtliche Batterie füdwestlich von Malbergen (Rothe Häuser) beftrich mit ihrem Feuer nicht nur gegen jenen Flügel sondern auch gegen das Wangenheim'sche Corps hin das Terrain. An

den Kämpfen, die sich hier entspannen, nahmen insbesondere die hessischen Bat. Toll, Gila, Hanau) und Grenadier, das hessische Cav-Regt. Prinz Wilhelm, die hannoverschen Cav-Regtr. Leib

regiment (am äußersten rechten Flügel des Wangenheim'schen Corps) und Hammerstein so wie die preußischen Dragoner von Holstein einen ruhmvollen Antheil). Zunächst richteten sich, neben dem Hin- und Herwogen einzelner Cavalerie-Choes, die Angriffe gegen jene aus 8 Geschützen, nach einer anderen Angabe aus 16 Ge schützen bestehenden, Batterie ), welche durch einige Brigaden französischer Grenadiere (de France und Royaux) gedeckt war. Bereits mehreremals hatten die hessischen Bat. Grenadier, Gilsa,

Toll und Hanau es versucht, diese Batterie zu nehmen, doch ver gebens, denn stets wurden sie durch das Geschütz- und Kleinge wehrfeuer zurückgetrieben. Endlich sollte indes diesen Tapferen ihre Beute nicht entgehen, indem das hannoversche Cavallerie-Regiment Leibregiment trotz dem heftigsten Kartätschen- und Musketenfeuer

zwischen der genannten Batterie und den Grenadieren sich eine Gaffe öffnete und Verwirrung in deren Reihen verbreitete. Das tapfere Regiment verlor bei dieser glänzenden Waffenthat, außer Oberstlieutenant du Bois und mehreren anderen Offizieren, 36M.

und 97 Pferde todt, an Verwundeten, außer den Offiz, 38 M. und 30 Pferde; Oberst Spörken aber gerieth in Gefangenschaft, Die oben genannten hessischen Bataillone, welche diesen günstigen Augenblick rasch erfaßten, warfen sich jetzt wiederholt dem Feinde 1) Erhielt noch im Jahre 1759 den Namen Prinz Wilhelm. 2) Nach dem Ausspruche Ferdinands zeichneten sich die hessischen Bat. Hanau und Toll auf eine ganz außerordentliche Weise aus. 3) Geschichte der Errichtung sämmtlicher Chur-Braunschweig-Lüneburg

schen Truppen von Friedrich v. Wiffe, vermehrt von Georgv. Wiffel, S.36. Die Tagebücher sagen nur von 9 Geschützen.

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entgegen; namentlich waren es die Bat. Grenadier, Hanau und Gilja, welche in der Nähe der Batterie anlangten, bevor dieselbe ihr Feuer abzugeben vermochte. Die beiden ersten Bataillone

nahmen nun die Batterie im raschen Anlauf; wurden aber dabei nicht nur von dem Feuer der oben erwähnten französischen Gre nadiere, sondern auch von dem einer zweiten bis dahin verdeckt gehaltenen Batterie begrüßt, welche weiter rückwärts der ersteren etabliert war. Ohne Säumen warfen sich die Tapferen auch auf diesen neuen Feind und ihr Bajonet, dem die Unterstützung durch die Regimentsgeschütze nicht fehlte, machte hier dem Kampfe bald ein Ende, dessen weitere Früchte durch das hannoversche Cav. Regt. Hammerstein und die preußische Cavalerie (Regt. Holstein) reichlich geerntet wurden. Das erstere Regiment war es nament lich, welches inzwischen den rechten Flügel Contades" heftiggedrängt, doch hierbei in einem zu dessen Unterstützung herbeigeeilten Theile der Cavalerie Broglio"s einen gewichtigen Gegner gefunden hatte. In dieser gefährlichen Lage aber erschien jene preußische Cavalerie auf dem Kampfplatze und nöthigte, vereint mit Hammerstein, die Cavalerie Broglios zur Flucht; das Regt. Marine (4 Bat.) indeß nahm nun das Gefecht mit Holstein und Hammerstein auf, erlitt jedoch eine bedeutende Niederlage und wurde gefangen; zehn Kanonen und zwei Fahnen waren aber der weitere Preis des Sieges.

Auf der Seite Broglio"s war außer der eben erwähnten De tachirung der resp. Cavalerie und der uns bekannten heftigen Kanonade, die endlich durch das Feuer der verschanzten Bat terien bei Todtenhausen zum Schweigen gebracht wurde, nichts von Belang vorgefallen. Zu Ende dieser Kanonade befanden sich hier die Alliierten in einer so vortheilhaften Lage, daß man sogar an einen Abzug Broglio's glaubte, indem dessen Artilleriemann fchaft einen Theil ihrer Geschütze verließ und sich zurückzog. Wenn man hierauf von Seiten des Feindes nun auch versuchte, die stehengelassenen Geschütze, von denen viele demontiert waren, zurück

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zuschaffen, so wurden doch demselben abermalige und nicht unbe deutende Verluste zugefügt, indem die hessische und bückeburgische

Artillerie mit 2 12Pfündern, 4 6Pfdr. und 6 3Pfdr. sogar über 600 Schritte weit vorrückte und die feindlichen Reihen beschoß. Es war 11 Uhr Vormittags, als sich der Sieg für die alliierten Waffen überall entschieden hatte; nur das Corps des Herzogs Broglio behauptete noch seine alte Stellung Wangenheim gegenüber. Doch nur kurze Zeit dauerte von jetzt an dieses Ver hältniß, indem letzterer den Befehl Herzog Ferdinands erhielt, gegen Broglio vorzurücken. Ohne daß es hierbei zu besonderem Widerstande gekommen war, zog sich Broglio in ziemlicher Ord nung und mit einiger Schnelligkeit nach Minden zurück und be setzte stammt dem bereits ebenwohl zurückgegangenen rechten Flügel

der Hauptarmee die Gärten und nächsten Umgebungen der Stadt, um den Rückzug der Armee zu erleichtern. Der linke Flügel der selben, welche über die Bastau wieder in das alte Lager abzog und sich hier zunächst in Schlachtordnung aufstellte, wurde durch die Sachsen gedeckt.

General Gilsa war dem Feinde von Eichhorst gefolgt und fand mehreremals Gelegenheit zum Angriff, namentlich bei den Versuchen desselben, Stellung zu nehmen. Das ganze Gefecht beschränkte sich dabei jedoch nur auf eine lebhafte Kanonade, der

schließlichder RückzugderFranzosen bis Dützen undOpphausen folgte. Bei dem allgemeinen Weichen des Feindes Ferdinand gegen über hatte derselbe den rechten Flügel seiner Infanterie soweit als möglich gegen das Moor und die Stadt Minden – in deren Kanonenbereich man dabei fast kam – vorrücken lassen. Auch erhielt die Infanterie des rechten Flügels, welche jammt der

schweren Artillerie desselben ohne Genehmigung des Herzogs Halt gemacht hatte, nunmehr den Befehl zum weiteren Vorrücken; der Herzog selbst aber concentrierte die sämmtliche noch disponible schwere Artillerie und stellte sie möglichst nahe an dem Mpore auf. Das Feuer, welches man nun von hier aus auf den in gedrängten

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Maffen abziehenden Feind eröffnete, war äußerst heftig und mör derisch und mußte nicht wenig zur Verwirrung desselben bei tragen.

Auch Lord Sackville, der bis dahin in völliger Unthätigkeit heharrt hatte, erhielt den Befehl, bis an das Moor vorzurücken.

Diesmal fand dieser Gehorsam; doch die Zeit der erfolgreichen Mitwirkung war vorüber.

Die Armee blieb in der Stellung zwischen Hahlen und Todtenhausen; das Wangenheim'sche Corps ging in das frühere Lager hinter diesen Ort zurück und das Hauptquartier kam nach Südhämmern.

Der Verlust der Franzosen betrug 3400 M. todt und ge fangen sowie 2000 Verwundete ). An Trophäen zählte die alliierte Armee 22 Kanonen, 7 Fahnen, 10 Standarten und 1 Paar Pauken neben sonstiger beträchtlicher Beute. Nach franzö

sischen Angaben sollen die Alliierten zwischen 3- und400M. Todte und 1000 Verwundete gehabt haben). Von jenen Trophäen eroberten jedes der hessischen Cav.-Regtr. Prinz Wilhelm, Leib

dragoner, Leibregiment und Miltitz 1, das hessische Bat. Hanau 1 Fahne; ein Unteroffizier vom Regt. Prüschenk eroberte das Paar Pauken. Außer den bereits früher genannten hessischen Truppentheilen, von denen Geschütze dem Feinde abgenommen wurden, eroberten solche auch noch die hessischen Cav.-Regtr.Leib regiment und Miltitz, undzwar ersteres 1, letzteres aber 3 Kanonen. Unter den Todten der Franzosen befanden sich die beiden

Obersten der Grenadiers de France Prinz v. Chimay und der Marquis v. Lafayette"); unter den Verwundeten die General lieutenants v. Beauprau und v. Poyanne, die Generalmajore v. 1) Théâtre de la guerre présente etc.

2) Vergl. damit die Beilage IV. 3) Vater des berühmten Generals, welcher bekanntlich in dem Nord amerikanischen Freiheitskampfe und in der ersten resp. zweiten französischen Revolution eine hervorragende Rolle spielte. Renouard Gesch. 1. Bd.

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Maugiron, v. Monty, die Obersten Herzog v. Montmorency, v. Gace, v. Sechelles und v. Bastan; unter den Gefangenen der Generalmajor Graf v. Lützelbourg.

Das Gefecht bei Gohfeld am 1. August.

Der Sieg der alliierten Armee gewann noch an Umfang und Bedeutung durch die Erfolge, welche der Erbprinz von Braun schweig jenseits des Wiehengebirges in der Ebene der Werre bei Gohfeld gegen den Herzog v. Briffac errang. Die Nachricht davon traf gegen 11 Uhr Vormittags, also nach der Entscheidung der Schlacht bei Minden, in dem Hauptquartier Ferdinand's ein und lautete dahin, daß der Erbprinz, an dem nämlichen Tage, wo sich die Armee des Herzogs mit den französischen Waffen in der Ebene von Minden maß, – gegen Gohfeld vorgedrungen sei und das 7- bis 8000 M. starke Corps Briffac's in die Flucht geschlagen habe. Das etwas über 7000 M. starke Corps des Erbprinzen stand am 31. August zwischen Kirchleningen und Quernheim und empfing hier den Befehl des Herzogs: – das

feindliche Truppencorps (Briffac), welches die Brücke beiGohfeld deckte, anzugreifen, sich der letzteren womöglich zu bemächtigen und der französischen Armee die Verbindung mit Paderborn, wo sich bedeutende Magazine befanden, abzuschneiden). Von dieser Operation des Erbprinzen versprach sich Ferdinand diejenigen Folgen, welche bereits früher angegeben wurden). Briffae, die Gemeinschaft mit Herford deckend, hatte hinter dem rechten Ufer der Werre, diesen Fluß vor der Front, so Stel lung genommen, daß sich der rechte Flügel an die Salinen, der linke dagegen an das Dorf Gohfeld lehnte. Die Front dieser Stellung war unangreifbar, daher beschloß der Erbprinz, deren 1) S. v. d. Knesebeck 1. 1. B, S. 404.

2) S. das Ende des vorigen Abschnittes.

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linke Flanke von allen Seiten anzugreifen, während die feindliche

Mitte im Schach gehalten, die Salinenbrücke behufs der Ab schneidung des Rückzuges in Besitz genommen, die beiden letzteren Bewegungen aber von den Erfolgen der ersteren abhängig

gemacht werden sollten. Dieser Disposition entsprechend bildete man drei Colonnen, von denen die erste oder rechte Flügelcolonne unter dem Erbprinzen aus 1 Bat. Diepenbroick, 2 Bat. des

braunschweigischen Leibregiments, 4 Schwadronen Bock Dragoner und 200Freiwilligen; die zweite oder Centrumscolonne unter dem Generallieutenant Kielmansegge aus 1 Bat. Alt-Zastrow, 1 Bat.

Behr, 1. Bat. Bock, dem heff. Bat. Canitz, 1 Schwad. Carl Breitenbach und den sämmtlichen Geschützen des Artillerie-Parks; und endlich die dritte oder linke Flügelcolonne unter den Generalen v. Dreves und v. Bock aus den Bat. Bock, Dreves und Zastrow und 4 Schwadr. Busch bestanden. Diese drei Colonnen theilten sich in obige Aufgabe, d. h. die 1. war zum Angriffe der linken feindlichen Flanke, die 2. zum in Schachhalten desFeindes, endlich die 3. zur Besitznahme der Salinenbrücke bestimmt.

Es war am 1. August um 3 Uhr Morgens, als diese Truppen aus ihrem Lager aufbrachen. Auch Briffac hatte die Absicht, den Erbprinzen anzugreifen und war mit einem beträcht

lichen Theile seines Corps über die Werre gegangen, welcher west lich vor der Brücke bei Gohfeld Stellung nahm, während der Rest der Truppen diesen Ort sowie das rechte Ufer des Flusses hinter der Brücke besetzt hielt. General Kielmansegge, dessen Marsch sich auf das Defilé von Hausbeck richtete, stieß jenseits desselben auf den gegen ihn anrückenden Feind und es entspann sich sofort beiderseits ein

ziemlich heftiges Geschützfeuer. Der Erbprinz hatte inzwischen auf der östlich von Kirch leningen über die Werre führenden sehr engen Brücke den Ueber

gang seiner Truppen auf das rechte Ufer dieses Fluffes begonnen und die damit verbundenen Schwierigkeiten dadurch überwunden, 16

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daß die Hälfte der Infanterie eine Furt benutzte und andere Ab theilungen theils auf Bauernwägen, theils auf der Croupe der Dragonerpferde sitzend das genannte Ufer erreichten. Bei der Fortsetzung des Marsches des Erbprinzen über Bischofshagengegen Gohfeld steigerte sich das Geschützfeuer auf beiden Seiten um ein sehr Bedeutendes, wobei indeß das der Alliierten dem des Feindes bei weitem überlegen war. Unter solchen Verhältniffen, bei denen auch die linke Flügel

colonne ihren Marsch, und zwar in der Richtung von Mening huffen, verfolgt und den Paß bei Bergkirchen mit einer Abtheilung besetzt hatte, waren beinahe zwei Stunden vorübergegangen, als der Erbprinz in dem Rücken des Feindes erschien und diesendadurch ofort zum Aufgeben seiner Stellungen zwang. Die links der Werre befindliche Abtheilung desselben, von Kielmansegge gedrängt und in ihrer rechten Flanke von der linken Flügelcolonne der

Alliierten bedroht, versuchte ihren Rückzug durch den bewaldeten Paß bei Bergkirchen, stieß aber hier auf die Geschütze und die obenbezeichnete Abtheilung der eben genannten Colonne. Ein hef tiges Feuer empfing die Ankommenden, und 5 Schwadr. nebst 5

Kanonen, welche den Durchgang erzwingen wollten, wurden, da zugleich auch 2Schwadr. von Busch choquirten, mit Verlust dieser

Geschütze und deren ganzen Bespannung zurückgeschlagen, während schon vorher, in Folge des Geschützfeuers, sich die feindliche In fanterie in den Wald geworfen hatte.

DieAbtheilung Briffkes rechts der Werre wendete sichdagegen bei dem Erscheinen des Erbprinzen längs des rechten Ufers jenes

Fluffes nach der Salinenbrücke, um hier den Uebergang zu ver suchen und dadurch zur Hauptarmee unter Contades zu gelangen. Aber auch dieser Ausgangspunkt war bereits ebenwohl durch die linke Flügelcolonne verlegt und deren Geschützfeuer nöthigte zum schleunigen Rückzuge nach Rehme, als dem nächstgelegenen Ueber gangspunkte der Weser. Der Verlust der Franzosen an Todten und Verwundeten

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war nicht

unbedeutend;

zu Gefangenen wurden allein an 300M.

gemacht, worunter sich 5 Offiz. befanden. Des Erbprinzen Ver lust war dagegen sehr mäßig; unter den verwundeten Offizieren befand sich der Capitän Wegener von der Artillerie, welchem, so wie dem Major Storch von derselben Waffe, man insbesondere die treffliche Wirkung des Geschützfeuers verdankte. Unmittelbar nach dem Gefechte bezog das Corps des Erb prinzen die Stellung auf den Höhen bei Rehme und besetzte die Päffe des Wiehengebirges, so daß dadurch ein etwaiger Rückzug der Armee Contades" in dieser Richtung erschwert werden konnte.

Das früherhin bei Rehme aufgefahrene schwere Gepäck dieser Armee bekam übrigens Zeit zum Entkommen und zwar unter der Bedeckung von einigen Bataillonen des Briffac'schen Corps, welche die Brücken bei Rehme so wie die der Salinen hinter sich abbrannten. Wäre der Erbprinz um diese Zeit von den Vorfällen bei Minden ac. unterrichtet gewesen, was jedoch erst in der Nacht vom 1. zum 2. August geschah, so unterlag es wohl keinem Zweifel, daß das Gepäck einen Weg nicht nach Lemgo gefunden haben würde, woselbst es am 2. August eintraf, nachdem nur die Arrièregarde Briffac's von den leichten Truppen der Alliierten bei Waldorf angegriffen worden war. Die oben bezeichneten Stellungen des Erbprinzen schnitten übrigens die Verbindungen des Feindes mit den Magazinen in Herford und Paderborn so wie mit anderen in der Richtung von Heffen gelegenen Punkten ab, und mußten voraussichtlich einen gewissen Einfluß auf die Entschlüsse des Marschalls Contades,

zumal mit Rücksicht auf die durch den Verlust der Schlacht bei Minden erfahrene Herabstimmung der Armee, ausüben. Belohnungen. Ferdinand’s und der Armee; Abberufung Lord Sackville's vom Commando der britischen Truppen.

Die Kunde von dem Siege der alliierten Armee hatte sich

mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in Deutschland und über dessen

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Grenzen hinaus verbreitet ); und wohl knüpften sich an denselben Hoffnungen, welche die Erlösung des Volkes von dem fremden Drucke verhießen. In England huldigten der König und die Nation in dankbarer Anerkennung den Verdiensten des Herzogs Ferdinand. Demselben verlieh der König den Orden des blauen Hosenbandes und begleitete diesen mit einem Geschenke von 20.000 Pfd. Sterling, die aber dem Unterhause mit anderen

Jahresausgaben vorgelegt wurden. Im Uebrigen bewilligte man dem Herzoge 12.000 Pfd. jährlich für dessen Tafel und Stall, so wie ein Jahrgeld von 2000 Pfd. auf Irland *). Ferdinand, eingedenk der bewiesenen Tapferkeit seiner Truppen, begnügte sich nicht mit der desfallsigen Danksagung an dieselben, sondern er machte auch den verschiedenen Regimentern, je nachdem sie den Sieg entscheiden halfen, beträchtliche Geldgeschenke.

Lord Sackville, von dessen Abberufung von der Armee Herzog Ferdinand die fernere Bekleidung der Stellung als Generalen Chef

abhängig machte, wurde entlassen, vor ein Kriegsgericht gestellt und fernerer Kriegsdienste für unfähig erklärt*). An seine Stelle

1) König Friedrich II., welcher sich am 3. August in Müllrose befand, um die Armee Wedels zu erwarten, erwiederte in einem an diesem Tage datierten Schreiben die Benachrichtigung Ferdinand’s bezüglich der Schlacht bei Minden. Hiernach hätte jene Nachricht den über 70 geographische Meilen entfernten König in etwa 48 Stunden erreicht. (S. v. d. Knesebeck c. 1. Bd., S. 420 die Anmerkung) 2) Horaz Walpoles Denkwürdigkeiten 2., 1. Bd., S. 325. Dieser

Verfaffer macht hierbei die Bemerkung: –„wenn der Herzog seine deutschen Agenten Millionen unterschlagen ließ, ohne fiel mit ihnen zu verrechnen, so besaß er weniger Klugheit als der Herzog von Marlborough – dennoch entging er nicht ähnlichem Verdachte.“ Dieser Verdacht war jedoch ganz unwürdig und ungegründet. Anmerk. des Verf.

3) Sackville hatte sich durch die lobende Erwähnung Lord Granby's in Herzog Ferdinand’s Danksagung beleidigt gefühlt und erblickte in derselben einen indirekten Tadel seines eigenen Verhaltens. Sackville verlangte daher



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trat Lord Granby als Befehlshaber der sämmtlichen britischen Truppen bei der Armee, welcher zudem noch die Charge eines Generallieutenants der Artillerie erhielt, während das Dragoner Regiment Sackville's an General Waldgrave vergeben wurde. Betrachtungen über die Schlacht bei Minden und das Gefecht bei Gohfeld.

Die Schlacht bei Minden, eine der glänzendsten Thaten der alliierten Armee und ihres Feldherrn, bietet einen reichlichen Stoff zur Betrachtung, in welcher aber auch zugleich die Ueberzeugung gewonnen wird, daß die auf dem Wege der Abstraction errungenen Wahrheiten in dem lebendigen Wechsel concreter Verhältnisse nicht als durchaus genügende Stützen betrachtet werden können. Die Schlacht bei Minden war das Resultat mannigfacher Bewegungen von Seiten Ferdinand’s, welche derselbe, im Gefühle der Nothwendigkeit einen entscheidenden Schlag zu thun, mit el tener Umsicht und namentlich tiefer Kenntniß des Charakters und

der Befähigung seines Gegners anordnete. Fußend auf die Er gebnisse dieses Calculs, dem sich natürlich die Rücksichtnahme auf die Stellung seines Gegners so wie seiner eigenen Streitkräfte anschloß, beobachtete Herzog Ferdinand ein von der gewöhnlichen Regel vielfach abweichendes

Verfahren,

um den Feind aus einer

von Ferdinand einen Widerruf jener Erwähnung, erfuhr aber entschiedene Ablehnung. Nunmehr auf Rache sinnend verbreitete Sackville alle möglichen nachtheilige Gerüchte in der Armee, weißhalb Ferdinand sich endlich veran laßt fah, bei König Georg II. felbst Klage über den Lord zu führen. (S. v. d. Knesebeck c., 1. Bd., S. 417 u. w.) Die englische Nation gerieth über das Betragen Sackville's in Wuth; nichtsdestoweniger leitete er in der nächsten Periode als Minister Georgs III., unter dem Titel Lord Germaine, mit der größten Nachlässigkeit und Un wiffenheit den amerikanischen Krieg, ladete auch hier Schande und Schmach auf sich, seine Collegen und die Nation und wurde endlich aus dem Unter hause und dem Ministerium getrieben. (S. Schloffers Geschichte des 18. -

und 19. Jahrhunderts, 2 B, S. 362.)

Lord Sackville wurde nach Coventry eine Zeitlang für den Verfaffer der berühmten Juniusbriefe gehalten.

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Stellung zu locken, in welche derselbe sich auf Kosten der Offen

five eingeschlossen hatte. Die Detachirungen, welche demgemäß auf Seiten der Alliierten stattfanden, als die abgesonderte Stellung

Wangenheim's bei Todtenhausen, ferner die von der Armee noch mehr getrennte Abtheilung des Erbprinzen bei Quernheim und

endlich die Aufstellung Gilsa's bei Lübbecke, führten, an und für sich betrachtet, eine Zersplitterung der Streitkräfte, und zwar gerade am Schlachttage, herbei; aber sie boten auch wohl, bei dem speciellen Verhältnisse beider Gegner, die geeignetesten Mittel dar, um nicht nur bei Contades gewisse, uns bekannt gewordene, Be sorgniffe rege zu machen und dessen Aufmerksamkeit auf ver schiedene Punkte zu lenken, sondern die Alliierten vielleicht auch

stärker erscheinen zu lassen. Dem vorsichtigen und berechnenden Herzog Ferdinand gegenüber konnte Contades immerhin zu dieser Ansicht gelangen, wenn auch demselben keinerlei Nachrichten vor lagen, welche diese eventuelle Ansicht zur positiven Gewißheit zu erheben vermochten.

Die Stellung Wangenheim's bei Todtenhausen und der March Ferdinands in die Stellung zwischen Hille und Frieden walde waren die eigentlichen Lockmittel, um Contades zum Auf geben seines ruhigen Verhaltens in dem engen Lager zwischen dem Moore und dem Gebirge zu vermögen; und die scheinbar geringe Stärke Wangenheim's mußte insbesondere den Marschall zu dem Glauben oder vielmehr zu der Ueberzeugung führen,

Wangenheim von der Armee trennen und schlagen zu können, noch bevor, bei dem gleichzeitigen Vormarsche der französischen

Hauptarmee gegen Ferdinand, eine Vereinigung jenes Generals mit dem Herzog angebahntwerden konnte. Die Stellung des Erbprinzen bei Quernheim vermochte be

züglich der Stärke der dortigen Streitkräfte eigentlich keine ernst lichen Besorgniffezu erregen; dennoch bedrohte sie die Verpflegungs linie der Franzosen und verursachte wohl auch jenen moralischen



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Eindruck, welcher namentlich sich bei dem Befangenen mit einer Umgehung geltend zu machen pflegt. Die Stellung Gilsa's bei Lübbecke, schon deshalb wichtig

weil sie die Verbindung mit dem Erbprinzen vermittelte und die resp. Truppen zugleich disponible erschienen: etwaigen Unterneh mungen des nach Lippstadt marschierenden resp. diese Festung be

lagernden Marquis d'Armentières beobachtend entgegen zu treten, – mußte wohl in diesen beiden Richtungen einen nicht unwichtigen

Einfluß auf die zur Schlacht treibenden Motive des Marschalls äußern. In der ersteren Richtung war die Annahme einer schnellen Verbindung Gilsa's mit dem Erbprinzen sehr geeignet, den bis dahin keineswegs wirklich bedrohlichen Verhältniffen im Rücken der französischen Armee eine ernstere Gestalt zu geben; in der zweiten Richtung dagegen konnte es dem Marschall nicht gleichgültig sein, wenn d’Armentières durch das resp. Verhalten Gilsa's vielleicht sich veranlaßt sah, die Erreichung des Zweckes seines Marsches nach Lippstadt, nämlich die Beschleunigung der Belagerung dieser Festung, zu verzögern.

Die Stellung Ferdinand’s endlich zwischen Hille und Frieden walde, – gleichsam das vornehmste Vorbereitungsmittel zur Schlacht – nur durch einen Damm und einen Theil der Defileen des Wiehengebirges mit der des Erbprinzen verbunden, war be dingungsweise eine dem Angriffe entsprechende, welcher in der Dis position eine Stelle fand. Die aus diesem Angriffe zu erwarten den Vortheile konnten nur insofern erwartet werden, als es über haupt möglich sein würde, rechtzeitig in der Position zwischen Hahlen und Stemmern mit der Armee einzutreffen, einmal, um sofort mit Wangenheim's rechten Flügel sich zu vereinigen; dann aber auch, um dem Feinde entgegen zu treten, noch bevor dieser selbst zum Angriff überzugehen vermochte. Eine stete Aufmerksam keit auf die feindlichen Bewegungen und ein sorgliches Bereithalten der Truppen zum Vormarsche konnten in jener isolierten Stellung der Armee Ferdinand's nur allein zu günstigen Ergebnissen führen

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und die Nachtheile nicht wirksam werden lassen, welche offenbar mit dieser Stellung verbunden waren. Wir haben gesehen, daß

der Zufall den Herzog bei der Lösung dieser Aufgabe nicht ge wöhnlich begünstigte, aber wir haben uns auch überzeugen können, daß derselbe mit vieler Umsicht Anordnungen traf, die namentlich

den ungünstigen Zufällen vorbeugen sollten, welche in der Regel mit dem Marsche einzelner Colonnen nach einem gemeinsamen

Ziele verbunden zu sein pflegen. Hiernach war sich der

Herzog

der Schwächen seiner Stellung so wie seiner ganzen, durch die

starr behauptete Unthätigkeit des Gegners veranlaßte, Situation bewußt; er baute aber auch auf den Gehorsam und die Thätigkeit der Generale, auf die Gewandtheit und Manövrierfähigkeit der Truppen. Die Beweggründe, welche den Marschall Contades zur An

nahme der Schlacht führten, haben wir bereits kennen gelernt; auffallend aber bleibt es, daß die Disposition zuderselben ) schon am 29. Juli abgefaßt worden war, während doch Herzog Fer dinand erst an diesem Tage das Lager zwischen Hille und Frieden walde bezog und davon kaum die Nachricht zu dem Marschall ge langt sein konnte. Dieser Umstand bietet ein weites Feld den Vermuthungen, die, mehrfach schon geäußert, alle wohl auf den Gedankenhinauslaufen,daßContadesvon derAbsichtzujenerMarsch bewegung Ferdinands unterrichtet gewesen sein müsse, bevor dieselbe zur Ausführung gekommen. Wir brauchen hierbei nicht, wie dies

geschehen,bis zur (ungereimten) Annahme zu steigen, daßdemzufolge ein Einverständniß zwischen der beiderseitigen höheren Befehlsfüh rung bestanden habe; denn schon ein gewöhnlicher Deserteur, durch

irgend einen Zufall von dem Vorhaben Herzog Ferdinands in Kenntniß gesetzt, vermochte dem Marschall Winke zu ertheilen, aus 1) Der erste Entwurf zur Disposition, von welchem später genommene

Abschriften den 31. Juli, als den Tag der Ausfertigung, angeben, an welchem Contades den versammelten Generalen feinen Plan mittheilte, d. h. denfelben vorlas.

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denen er auf die Absicht Ferdinand's vielleicht schließen konnte. Dabei bleibt es aber sehr zweifelhaft, ob Contades, einer bloßen Schlußfolgerung zu Gefallen, einen so entscheidenden Schritt, wie die Anordnungen zu einer Schlacht gethan haben würde.

Eine unmittelbare Kenntnißnahme von dem Marsche der Alliierten nach Hille, etwa durch die französischen Vorposten c, ist eben so wenig denkbar, da die Sicherheits- und Beobachtungs

maßregeln Ferdinand’s eine Annäherung jener Vortruppen verbo ten, diese aber auch schon in dem mit Wald und Gebüschen man

nigfach bedeckten Terrain eine Grenze für ihre Beobachtung fan den; welcher indeß von den Thürmen Minden's herab in der Richtung von Hille c. vielleicht keine Hindernisse im Wege standen. Marschall Contades machte das Beginnen der Operationen

zum Angriff aufFerdinand von dem Angriffe Broglio"s abhängig; der Marsch in die Stellung zwischen Hahlen und Malbergen bildete zu dem ersteren das nächste Mittel, dem sich der weitere

Vormarsch in Schlachtordnung anreihen sollte. Die geringere Manöverirfähigkeit der französischen Infanterie, dabei die Hinder niffe des Bodens, namentlich aber auch die gerade nicht große Er

gebenheit der Generale und Offiziere bezüglich der Subordination, mußten einer einheitlichen Bewegung der französischen Massen (Colonnen) sehr in den Weg treten. Den großen und vielsagen den Beweis dafür finden wir in dem langwierigen Aufmarsche

in der genannten Stellung, dem sich eben der Vormarsch zum Angriffe der Alliierten nicht anschließen konnte, weil, gleichsam überraschend, Herzog Ferdinand zu einer Zeit aus den Gehölzen trat, wo man französischer Seits, mit Ausnahme der bereits ge ordneten Cavalerie, noch nicht die resp. Bewegungen der Infan terie beendigt hatte. Ferdinand wurde übrigens durch den Zufall bei seinem Vor gehen nicht wenig begünstigt, und die Aussage der Deserteure sowie das noch zeitigdurch den Herzog stattgefundene Ausgleichen der uns bekannten Störung beim Anmarsche der Infanterie,– machten es

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möglich, noch während der Entwickelung der französischen Infan terie, in der Stellung zwischen Hahlen und Stemmern anzulangen und selbst zum Angriffe überzugehen. Derselbe richtete sich nun gegen das Centrum des Feindes, während laut der Disposition es Absicht war, der französischen Armee in die Flanke zu fallen. Daß dies nicht geschah, davon war die von Contades nach dessen Disposition eingehaltene Richtung gegen den linken Flügel der Armee unter Ferdinand Schuld; jener Umstand konnte aber von

den größten Nachtheilen, zumal bei dem vorschnellen Heraustreten der noch nicht ganz zum Gefechte vorbereiteten englischen Infan terie c. aus dem Gehölze, begleitet sein, da die rückwärtigen alliir ten Truppen nicht so schnell Hülfe resp. Unterstützung zu leisten vermochten. Die Stellung der französischen Cavalerie in der Mitte der

Schlachtordnung läßt sich bekanntlich nicht rechtfertigen, und sie gab den Beweis ab, daß Marschall Contades die Erfahrungen sich nicht zu Nutze zu machen verstand, die sich an eine solche Stellung knüpfen. Die Niederlage, welche die französische Cavalerie in derselben erlitt, konnte von der zum großen Theil noch nicht geordneten Infanterie um so weniger ausgeglichen werden, als es

sich um die Zurücklegung nicht unbedeutender Räume handelte, bevor diese Infanterie zum Angriff überzugehen vermochte. Sack ville's Ungehorsam oder Feigheit, ja wohl auch Mißgunst und

Neid gegen Ferdinand, vielleicht sogar auch die Hoffnung, bei einer Niederlage desselben dessen Stelle einzunehmen, – bauten dem Feinde in jenen verhängnißvollen Augenblicken goldene Brük ken; während Broglio"s Unthätigkeit das Fehlschlagen der Unter nehmung des Marschalls vorbereitete, förderte und zu einem kläg lichen Schluffe brachte.

Das Verhalten Broglio's, dem bekanntlich eine so bedeutende Rolle bei der Schlacht zugefallen war, hat vielfachen Tadel, und

wohl auch mit Recht, auf sich gezogen. Daß derselbe auch nach der erhaltenen VerstärkungdurchGeneralNicolay nichtzumAngriffe über

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gegangen, darüber beklagte sich namentlich der Marschall Contades in seinem Berichte an den Kriegsminister Belle-Isle. Der Mar

schall betrachtete als Folge jener Unterlassung den gelungenen An griff Ferdinands auf das französische Centrum, der freilich immer hin durch die Detachirung Nicolay’s erleichtert erscheinen mußte, obgleich der Sieg der 10 alliierten Bat. über 61 Schwadr. Ca valerie, zumal da erstere auf freier Ebene angriffen, als etwas ganz Außerordentliches bezeichnet werden muß. Die Motive

zu diesem seltenen Angriffe suchte Contades in den Wirkungen des kreuzenden Feuers der vor den Flügeln der französischen Armee stehenden Geschütze; wir setzen aber hinzu, daß bei dem Hervorbrechen der englischen Infanterie und der hannoverschen Garde ac. aus dem Gehölze der rasche Uebergang zum Angriff, selbst der Cavalerie gegenüber, wohl vortheilhafter sein mochte, als ein Zurückweichen in dasselbe. Die Ueberraschung wirkte hier zweifellos mehr, als ein wohl vorbereiteter Angriff, dem natürlich auch die weiteren Vorbereitungen des Gegners vorausgegangen wären.

So auffallend die Unthätigkeit Broglio's, des sonst so thä tigen Generals, aller Welt erschien, so nahe lag es auch, daß derselbe Gründe zu seiner Entschuldigung vorbrachte, – beidenen

es indeß zum Theil zweifelhaft bleibt, ob sie wirklich auf etwas Geschehenem fußten. So wollte Broglio zu derselben Zeit, wo Contades einen Generalen die Disposition zur Schlacht mittheilte, diesem die Bemerkung gemacht haben, daß er (Broglio) den An griff auf Wangenheim nicht zu unternehmen vermöge, wenn nicht General Nicolay, zum Schutze seiner linken Flanke gegen Cavalerie Angriffe, gleichzeitig mit ihm gegen Todtenhausen vorrücken würde. Mit Nicolay selbst aber wollte Broglio, nach der Entlassung der Generale durch den Marschall, Rücksprache über das fragliche

Verhältniß genommen und genügende Zusicherungen erhalten haben. Eine weitere Behauptung Broglio's, daß seinem Gegner

Wangenheim es gelungen sei, sich früher, d. h. vor dem Angriffe

(oder vielmehr der Canonade) der Franzosen, zu ordnen, ist durch unsere Relation widerlegt und es stand nach deren, auf das Zeug

niß von Mithandelnden gegründeten, Ausspruch dem französischen General nichts im Wege, einen jedenfalls erfolgreichen Angriff gegen Wangenheim zu richten, da sich dessen Corps bei den ersten feindlichen Kanonenschüffen erst allmälig zum Gefecht ordnete und außerdem erst der Morgen dämmerte. Nicolay blieb, trotz seinen Versprechungen, die er nachObigem gegeben haben soll, mit seiner

Hülfe aus, weßhalb Broglio zur Verwendung einer Cavalerie auf dem linken Flügel zur Deckung der dortigen Flanke sich genöthigt

sehen wollte. Die Ereigniffe auf Seiten der Alliierten machen diese Nöthigung zur Gewißheit, da bereits um 6 Uhr Morgens deren Armee in der Stellungzwischen Hahlen und Stemmern sich befand, die Cavalerie des linken Flügels derselben aber um ein Bedeutendes

früherbeidemletzteren Orte ankam und sichmitderCavalerie Wangen heim's vereinigte, indem, bei dem großen Marsche im Bogen aus dem Lager zwischen Hille und Friedenwalde in die oben genannte Stellung, – die erstere Cavalerie den kürzesten Weg zurückzu legen hatte.

Hiernach fand also wirklich eine ernste Bedrohung der linken Flanke Broglio"s statt, doch erst geraume Zeit nach dem Begin

nen der Kanonade, welche bekanntlich gegen 4Uhr Morgens ihren Anfang nahm. Drei Stunden später erschien, nach französischen Quellen, General Nicolay auf dem Platze, bis dahin aber hatten sich die Kampfverhältnisse wesentlich geändert, indem die Bedräng niffe des französischen Centrums bereits begonnen und vorzugs weise die Aufmerksamkeit des Marschalls sowie auch die des Ge nerals Broglio in Anspruch nehmen mußten. Hierbei ist jedoch nicht zu leugnen, daß noch jetzt ein energischer Angriff des letzte ren, zumal in Verbindung mit der ansehnlichen Verstärkung Ni colays, die wesentlichsten Dienste, namentlich in Bezug auf die moralische Haltung der immer noch im Aufmarsche begriffenen Infanterie der Hauptarmee, hätte leisten können; – ein solcher



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Angriff aber wurde von Broglio gegen 4 Uhr Morgens vielleicht deßhalb nicht unternommen, weil damals die Hauptarmee bei dem Aufmarsche der Colonnen gerade nicht sich in strenger taktischer Ordnung befand. Broglio befand sich dagegen um dieselbe Zeit,

wo durch die englische Infanterie ac. die französische Cavalerie zurückgeworfen worden war, beiMarschall Contades, und aus dessen Befehl – welcher nach Aussage Broglios ertheilt worden sein soll – geht freilich hervor, daß ihm (Contades) die Wirkungen eines Angriffes von Seiten Broglio"s mehr als zweifelhaft er schienen. Die Weisungen: nur das festzuhalten, was ihm gegen über stehe und nöthigenfalls den Rückzug zu decken, mußten in der kritischen Situation hinreichend sein, die fernere Unthätigkeit Brog lio's zu bestimmen.

Noch bevor diese Situation indes eintrat, d. h. nachdem Ni colay bereits im Begriffe war, das Broglio"sche Corps zu ver

stärken, scheint Marschall Contades kein rechtes Vertrauen in die Thätigkeit Broglio"s gehabt zu haben. Des Marschalls Anfrage: – wann er (Broglio) angreifen würde, deutet wenigstens darauf hin, nachdem er den gegen Tagesanbruch befohlenen AngriffBrog lio's vergeblich erwartet hatte. Insofern konnte auch die Antwort

des letzteren ): den Angriff gegen die am linken Flügel befind lichen Verschanzungen des Wangenheim'schen Corps sowie gegen deffen gegenüberstehendes Treffen beginnen zu wollen, sobald Ge neral Nicolay gegen die Hecken von Todtenhausen vorrücken würde

– keinen unbedingten Glauben bei Contades hervorrufen. Nach der Behauptung Broglio's, schon am Abende vor der

Schlacht dem Marschall über die Verstärkungen berichtet zu haben, welche nach der Aussage der Vorposten dem Corps Wangenheim's

zugegangen sein sollten, – scheint Contades ebensowenig Glauben

in Broglio gesetzt zu haben, denn wir finden nirgends eineSpur von Anordnungen, welche dem zu erwartenden Hauptangriffe dieses Generals einige Chancen mehr zum Gelingen verliehen haben 1) So will Broglio geantwortet haben.



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würden. Diese Chancen hätten aber vielleicht in der Detachirung einer angemessenen Abtheilung nebst Geschütz auf das rechte Weser ufer geboten werden können, um von hier aus das Wangenheim sche Corps zu beunruhigen und namentlich in die Flanke zu neh men. Eine solche Detachirung verlangte indeß zugleich eine zeitige

und das Kraftverhältniß Wangenheim's überwiegende Stärke Broglio"s, um, gleichzeitig mit den Operationen auf dem rechten Weserufer, einen mächtigen Druck auf den rechten Flügel Wangen heim's ausüben und dadurch dessen Vereinigung mit der Haupt armee unter Ferdinand verhindern zu können. Soweit sich die Theorie hinter dem grünen Tische ein Urtheil beilegen mag, wel ches so viele Zufälle, Einzelnheiten und geistige Stimmungen der Führer ac. ganz außer Acht lassen muß, – so erscheint jene Vereinigung operierender Streitkräfte in der bezeichneten Richtung

nicht als unzweckmäßig, und würde, wenn rechtzeitig in Thätigkeit gesetzt, schwere und unheilvolle Folgen, namentlich mit Bezugnahme auf die Trennung der Stellung Ferdinand's von der Wangen heim's, nach sich gezogen haben.

Nicht allein von Contades sondern auch von Belle-Isle erfuhr Broglio ernste Vorwürfe. Belle-Isle deutete insbesondere auf die Nichtbefolgung eines Befehles zum Angriffe, welcher am Morgen des Schlachttages dem General von dem Marschall zu gekommen sein soll. Broglio, dem dieser Befehl zur Zeit, wo Nicolaybereits die Weisung zu des ersteren Verstärkung bekommen, zugegangen sein soll, leugnete, jenen Befehl erhalten zu haben. Es kann jedoch sein, daß Broglio gleichzeitig mit der oben ange führten Anfrage des Marschalls jenen Befehl erhielt; – jeden falls aber liegt der Sinn eines solchen Befehles schon in der Anfrage selbst.

Aus den hier geschilderten Verhältnissen zwischen Contades und Broglio geht genug am hervor, daß zwischen beiden Feind seligkeit herrschte, die sich natürlich durch das bei Minden Erlebte

sowie durch die Gerüchte sich steigern mußte, in welchen die Freunde

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der beiden Brüder Broglio den Ruf des Marschalls Contades angriffen. Die Berichte desselben über den Verlauf der Schlacht rechtfertigten diesen wenigstens in den Augen Belle-Isle's und

hatten zur Folge, daßBroglio vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, welches ihn jedoch frei sprach. Daß ein solches Resultat erfolgen konnte, zumal bei dem unzweideutigen Ausdrucke in der Schlacht

disposition betreffs des durch Broglio zu beginnenden Angriffes, – daran mochten die engen vertraulichen Beziehungen Theil ha ben, die zwischen Ludwig XV. und dem Grafen Broglio bis zu des ersteren Tode bestanden; obgleich auf der anderen Seite die Familie Broglio, als zur liberalen Partei gehörig, sich zu der alten Hofaristokratie in Opposition befand. Belle-Isle nahm in seinen Aeußerungen General Broglio sehr in seinen Schutz und nach ihm war derselbe nicht fähig: mit Absicht jene Unthätigkeit am 1. August beobachtet zu haben, um den ihm anbefohlenen Angriff scheitern zu machen; dennoch bleibt dessen Verhalten ein zweideutiges und die Vermuthung liegt sehr nahe, daß er als umsichtiger und überhaupt intelligenter Ge neral aus bösem Willen in seiner Unthätigkeit beharrt habe.

Konnte übrigens Marschall Contades das Verfahren Broglio's, in Folge dessen Verhältnisses zu ihm, einigermaßen voraussehen; und trugen. Beide demnach die Schuld des Verlustes der Schlacht, so schweifen die Vermuthungen sogar bis zu dem Gedanken, als

habe Herzog Ferdinand in einem Einverständnisse mit Contades stehen können). Im Allgemeinen dürfen wir jedoch nicht ver

geffen, daß schon in der französischen Disposition zur Schlacht der Grund zu deren Verlust gelegt wurde, indem man bei dem An

griffe auf Wangenheim zugleich eine gewisse Unthätigkeit bei Fer dinand anzunehmen schien, welche höchstens mit dem Marsche des

selben zur Hülfleistung nach Todtenhausen resp. Stemmern endi gen würde. Je mehr und je schneller sich daher die Maffen Fer 1) Stuhr's Forschungen c. 2. B, S. 213. Renouard Gesch. II. Bd.

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dinands, zur Zeit der entscheidenden Augenblicke bei Todtenhausen,

der Hauptarmee der Franzosen näherten, um so unwahrscheinlicher konnten dort Erfolge errungen werden, – eben weil die Verbin dungWangenheims mit Ferdinand um so früher eintreten mußte. Broglio hatte, wie gesagt, nur in der Dämmerung des Morgens Chancen für sich; aber gerade zu derselben Zeit–wir müssen es wiederholen – herrschte eine nicht geringe Unordnung unter den aufmarschierenden Colonnen der französischen Hauptarmee, so daß ein Angriff von einer Seite vielleicht gewagt erscheinen konnte, zumal da die nahe Verbindung der Cavalerie des linken Flügels Ferdinands mit der des rechten Flügels Wangenheim's bevorstand.

Das Gefecht bei Gohfeld, von welchem unmittelbar nach der Schlacht bei Minden die Nachricht in dem Lager des Marschalls einging, trug sehr viel zur moralischen Herabstimmung der fran

zösischen Armee bei. Die Disposition des Erbprinzen war einfach und den Verhältnissen vollkommen angemessen; und ohne seine Streitkräfte zu zersplittern, trat er in Richtungen dem Herzog Briffac entgegen, welche dessen Rückzug zweifelhaft machen mußten.

Für Briffac wäre es indes wohl vortheilhafter gewesen, dem Erb prinzen entgegen zu gehen, wenigstens bis dahin, wo er sich im

Bereiche des Défilés bei Hausbeck befunden haben würde. Hier hätte der Herzog wenigstens Gelegenheit gefunden, den Feind län gere Zeit aufzuhalten, während der etwaige Rückzug mindestens durch die Defileen des Wiehengebirges gesichert erschien, die an

der Brücke bei Gohfeld aber zurückgelassene Abtheilung ihren Weg durch das Weserthal bei Rehme gefunden haben würde. Gelang es dagegen Briffac, die beiden auf dem linken Ufer der Werre operierenden Colonnen des Erbprinzen zurück zu werfen, so war die Brücke bei Gohfeld jedenfalls gegen die Angriffe des Erbprinzen sicher gestellt; wenigstens war ein isoliertes Operieren desselben nicht mehr denkbar. –

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Capitulation von Minden am 2. August. Rückzug der fran zösischen Armee nach Heffen, vom 1. August Abends bis zum 7. deffelben Monates; Verfolgung der Franzosen durch den

Erbprinzen, und Marsch der Armee unter Ferdinand bis in Stellung vor den Defileen von Stadtberge.

Schon um 5 Uhr Nachmittags am Schlachttage erfolgte durch General Wangenheim die AufforderungMinden's zur Ueber gabe an die Alliierten. Oberstlieutenant Hohnstädt, welcher zu dem Ende nach der Festung abgegangen war, kehrte erst am 2. August mit der Antwort des Commandanten d'Angue in das

Hauptquartier Herzog Ferdinands zurück. Diese Antwort bezog sich auf einzugehende ehrenvolle Bedingungen für die 300 M. starke Besatzung uud gab nun zu weiteren aber kurzen Verhand lungen die Veranlassung, wonach die Besatzung jammt denen in der Stadt befindlichen Kranken und Verwundeten, unter denen sich eine große Anzahl verwundeter Offiziere von jedem Range befand, sich kriegsgefangen ergab. Die Offiziere behielten ihre Bagage und erhielten die Erlaubniß, auf ihr Ehrenwort nach Frankreich zurück zu kehren. An demselben Tage wurden die Thore der Festung 2c. besetzt; in der Stadt aber fand man noch bedeutende Vorräthe an Fourrage und Mehl. Die Armee Ferdinand’s selbst sang auch an diesem Tage gewohntermaßen daß Te Deum ab, und dieser Feierlichkeit folgten eine Dankpredigt für den erfochtenen Sieg, sowie am Abende das übliche Freudenfeuer.

Unmittelbar nach der Schlacht, als man in dem Lager des Marschalls Contades auch die Nachricht erhielt, daßHerzog Briffac von dem Erbprinzen bei Gohfeld geschlagen worden war, hatte der französische Feldherr sich zum Rückzuge nach Heffen entschlossen, Gleichzeitig damit ging an Marquis d'Armentières der Befehl ab: – die Belagerungvon Lippstadt aufzugeben, das Belagerungs geschütz und 6000M. nachWesel, Münster und Düsseldorf zurück zuschicken, und mit dem Reste eines Corps sowie mit den Truppen Chevreue's nach Warburg zu marschieren, um Ca. woselbst sich



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noch das einzige Magazin der französischen Armee befand, zu decken.

d'Armentières stand, als er diefen Befehl erhielt, mit einem

Lager zwischen Lippstadt und Paderborn; Chevreute dagegen bei Bielefeld. Beide traten am 3. August ihren Marsch in der be zeichneten Richtung an, nachdem namentlich Marquis Meaupeou mit 6 Bat. nach Wesel c. und General Gayon mit einer be trächtlichen Abtheilung zur Verstärkung der Besatzung in Münster abgesendet worden waren.

Der Verlust der beiden Brücken, welche von dem Briffac fchen Corps bei dem Abzuge der Bagage von Rehme nachLemgo abgebrannt wurden, ferner die Stellung des Erbprinzen in jener

Gegend und endlich die moralische Herabstimmung der Armee waren wohl hauptsächlich die Ursachen, weßhalb Contades schon am Abende des 1. August eiligst mit seinen jämmtlichen Truppen auf das rechte Weserufer ging, wobei die Cavalerie durch eine Furt dasselbe erreichte. Dieser Uebergang, welcher nach 10Uhr bereits beendigt war und nach den man sogleich die beiden ober halb der Stadt gelegenen Schiffbrücken niederbrannte, wurde indeß mit keiner besonderen Ordnung ausgeführt und bot dagegen viel leicht das Bild einer ziemlich vollständig demoralisierten Armee"), die am wenigsten im Stande gewesen wäre, wiederholt einem sieg reichen Feinde entgegen zu treten. Unter solchen Verhältniffen war es schon an undfür sich erklärlich, daßMarschall Contades keinerlei Gewicht auf den Rath Broglio"s legte: – oberhalb Hameln wieder über die Weser zu gehen, sich mit d’Armentères und Chevreue bei Paderborn zu vereinigen, um so verstärkt entweder eine thätige Defensive zu beobachten oder, nach Maßgabe der Ver hältniffe der gegenseitigen Streitkräfte, angriffsweise zu verfahren. Statt dessen nahm die Hauptarmee unter Contades am 3. August ihre Marschrichtung nach Oldendorf, lagerte hier am 4. August 1) Eine Menge Bagagewagen, ja selbst Mannschaft waren in den Fluß gestürzt.



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und marschierte dann am nächsten Tage in die Umgegend von Hastenbeck. Graf St. Germain bei Hameln war indeß gleich beim Beginnen dieses Rückzuges vorwärts detachirt worden, um demselben alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen und die Defileen zu besetzen, während Herzog Broglio am 5. August den Befehl erhielt, mit 26 Bat. und 36 Schwadr. längs der Weser den Marsch der Armee zu decken, welcher sich über Eimbeck und Göttingen c. fortsetzen sollte. Während dieser Vorgänge bei der französischen Armee waren bei der Herzog Ferdinands zahlreiche Haufen von Deserteuren angekommen und bekundeten den traurigen Zustand, in welchem sich die erstere befinden mußte. Ferdinand sah sich dadurch ver anlaßt, den General Urff am 3. August mit den 7 Gren.-Bat. und der ganzen hessischen Cavalerie, mit Ausnahme des Regt. Prüschenk, sowie mit 4 Esc.Finkenstein und 2 Esc. Hammerstein nach Gohfeld zu detachiren, um von da zunächst nach Lemgo zu marschieren und den Erbprinzen zu unterstützen. Dieser war dem Feinde in der Richtung nachLemgo gefolgt, hatte eine beträchtliche Verstärkung in den preußischen und hessischen Husaren sowie in dem Freicorps Trümbach und einer Abtheilung der hannoverschen Jäger bekommen, und richtete, nun 15000M. stark, am 4.August seinen Marsch auf Rinteln, womit er seiner Bestimmung entsprach, den Feind zu verfolgen. Ebenso wurde derselbe auf dem rechten Weserufer bereits durch den Obersten Laffert mit 2 Bat., den Lucknerschen Husaren und dem Reste der hannoverschen Jäger verfolgt, indem dieser Offizier von Bückeburg aus in der Richtung von Rinteln dem Feinde nachdrang.

Herzog Ferdinand marschierte dagegen am 4. August mit der Armee nach Gohfeld, am 5. nach Herford, am 6. bis Biele feld, woselbst am 7. ein Rasttag abgehalten, Prinz Holstein aber

schon um 5 Uhr Morgens mit den hessischen Bat. Grenadier, Leibregiment, Prinz Wilhelm und Mansbach, dem preußischen

Cav-Regt. Holstein und dem hessischen Prüschenk nebst 4 Sechs



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pfündern nach Paderborn detachirt wurde. Bei diesem Corps

befanden sich die hessischen GeneraleEinsiedel und Gilla, und hatte daffelbe als Avantgarde die Bestimmung, jenen Ort zunächst zu besetzen, in welchem sich nur eine schwache französische Besatzung befand.

Inzwischen waren andere Vortruppen der Alliierten sehr thätig gewesen. So fiel am 5. August das große Gepäck der franzö fischen Armee, welches am 2. August Lemgo glücklich erreicht hatte, jammt der sächsischen Kriegskasse bei Detmold in die Hände des Oberstlieutenants Freytag und seiner Jäger. Die 800 M. starke Bedeckung wurde gefangen genommen. Unter dem Gepäcke befand sich das desMarschalls Contades, desHerzogs von Briffa, des Grafen von der Lausitz sowie vieler anderen Generale; das Werthvollste aber waren wohl die Papiere des Marschalls, nament lich die Briefe Belle-Isles an denselben, in welchem diesem em pfohlen wurde: aus den Ländern der verbündeten Fürsten soviel Geld, Getreide, Pferde und Menschen als nur möglichzu erpreffen. Neben dem beabsichtigte man, die ganze Länderstrecke, welche sich bis zum Eintritte des Winters noch zwischen der französischen

Armee und derjenigen der Verbündeten befände, in eine völlige Wüste umzuwandeln; doch sollte diejenige Gegend, durch welche wahrscheinlich der Weg zum Einfalle in die Winterquartiere der selben führen würde, geschont werden. Im Uebrigen versprach Belle-Isle, die Armee noch vor Ende des Jahres wieder zu com

pletiren und sie in den Stand zu setzen, daß schon gegen die Mitte des nächsten Januars die Wintercampagne eröffnet werden könnte).

Der Erbprinz traf am 5. August in Hameln ein, zog hier 1) S. v. d. Knesebeck c. 1. B, S. 423 u. w. Diese Papiere erschienen mit Recht dem Herzog Ferdinand von so bedeutender Wichtigkeit, daß er sie durch einen eigenen Courier, der ihm zur Verfügung gestellt worden war, dem Lord Holderneffe in London übersendete. Um sicher zu gehen, mußte der Courier die Straße über Bremen einschlagen.

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die Bat. Fersen und Marschall an sich, ging über die Weser und verfolgte das Corps Broglios, ihm möglichst heftig auf den Fersen liegend. General Urff war dagegen am 6. August nach Detmold gerückt und hatte hier 800 M. zu Gefangenen ge macht, unter denen sich jedoch sehr viele Verwundete befanden. Neben diesen Bewegungen bedeutenderer Abtheilungen machten sich die Thaten der leichten Truppen der Alliierten wiederholt be merkbar, wenn gleich die durch Desertion und Mangel an Brod geschwächten französischen Truppen eine treffliche Haltung auf dem Rückzuge bethätigten. Namentlich war es Oberst Luckner, welcher täglich mit dem Feinde handgemein wurde und dabei viele Pferde erbeutete.

Die Kunde von dem Siege der Alliierten bei Minden hatte auch in weiterer Ferne sofort ihre Wirkung gehabt. So verließ der Feind Münster, zerstörte aber vorher die Magazine, die er daselbst zu errichten begonnen hatte, gleichwie man denn auch die

bei Dülmen und Warendorf angehäuften ungeheueren Vorräthe vernichtete. Die Abwesenheit des Feindes von Münster war indeß nicht von langer Dauer, indem die Freiwilligen von Clermont

wieder dahin zurückkehrten, als sich eine Abtheilung hessischer Jäger der Festung näherte, um diese in Besitz zu nehmen. Diese Verhältnisse veranlaßten Herzog Ferdinand, welcher am 8.August mit der Armee in Stuckenbrock eingetroffen war, eine Abtheilung jammt einigen Kanonen und Mörsern unter dem Obersten Boyd

nach Münster zu detachiren, um den Feind aus dieser Stadt zu vertreiben.

Am 9.August erreichte die alliierte Armee Paderborn, woselbst die Cavalerie Urff's zu ihr stieß und die Gren.-Bat. unter General major Scheither in der linkenFlanke der Armee Stellungnahmen. Prinz Holstein, der zu jener Zeit zwischen Atteln und Hausen

(Hausen , M.; Dörrnhagen 1, M. -ö.v.Paderborn) lagerte, erhielt die Finkenstein'schen Dragoner zur Verstärkung, während das Wangenheim'sche Corps bis Dörrnhagen vorgeschoben wurde.

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In Paderborn fielen den Alliierten nicht unbedeutende Vor

räthe an Lebensmitteln in die Hände, obgleich von den Franzosen die Magazine der Plünderung preisgegeben worden waren; auch befand sich ein Lazareth in der Stadt, in welchem man 250Kranke zurückgelaffen hatte.

Am 10. August hatte die Armee Rasttag; Wangenheim aber rückte bis Mehrhof, Prinz Holstein bis Stadtberge vor. Die kritische Lage, in welcher sich König Friedrich um diese Zeit und schon Anfangs August befand, veranlaßte denselben, dem Herzog Ferdinand den Vorschlag zu machen: – nach dem Hohn steinschen zur geeigneten Zeit ein Detachement abgehen zu lassen, welches sich auf dem Marsche als die Vortruppen einer größeren Armee auszugeben hätte, um dadurch den dortigen Feind zum Verlaffen der Gegend zu nöthigen. Ferdinand jagte diese Hülfe leistung zu, sobald es die Umstände erlauben würden. Inzwischen setzte sich am 11. August der Marsch bis Dalheim in der Rich

tung der Defileen bei Stadtberge fort, während der Eingang zu denselben bei Essentho durch die mit dem hessischen Leibdrag-Regt.

verstärkten 7 Gren.-Bat. unter Scheither besetzt wurde. Am 12. August, also am Schlachttage von Kunnersdorf, rückte die Armee in 5 Colonnen bis vor die genannten Defileen; General Wangenheim aber durchschritt dieselben und stellte sich bei Erlinghausen auf, während General Scheither gegen Warburg vorging, welcher Ort durch d'Armentières bereits verlassen wor

den war, da dieser seinen Marsch nach Caffel gerichtet hatte. Die hessische Artillerie langte bei den überaus schlechten Gebirgs wegen erst in der Nacht zum 13. August, die hannoversche Artillerie dagegen erst am Morgen dieses Tages bei der Armee an. Die Arrièregarden - Gefechte bei Einbeck und zwischen Dransfeld und Münden, am 7. refp. 10. August.

Wir verließen oben die französische Armee am 5. August in der Umgegend von Hastenbeck, den sie verfolgenden Erbprinzen



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aber an demselben Tage in Hameln. Mit seiner gewohnten Thätigkeit und Energie verfolgte derselbe den gegen Halle und Eimbeck in rastloser Eile abziehenden Feind, wobei, außer 150 M. und einem General, welche gefangen wurden, namentlich eine große

Menge Gepäck dem Prinzen in die Hände fiel. Dieses geschah insbesondere bei dem letzteren Orte, wo das Corps des Prinzen am 7. August gegen Abend wiederholt auf die Arrièregarde

(3 Inf- und 3 Cav-Brig) des durch viele Desertionen immer mehr geschwächten Feindes stieß und sich eine heftige Kanonade entspann, die bis in die Nacht dauerte. Der Ort hierzu war überaus günstig, zumal da die Franzosen versäumt hatten, die nördlich von Eimbeck gelegene Höhe, die Hube, zu besetzen, von

wo aus nicht nur die von Hastenbeck resp.Halle kommende Straße sondern auch Eimbeck selbst so wie die Brücken über die Ilme, eines Zuflusses links der Leine, bestrichen werden konnten. Der Erbprinz beutete diese ihm gebotenen Vortheile nach seiner gewohn ten Umsicht bedeutend aus und der Erfolg war um so weniger zweifelhaft, da sowohl die Mühen und Beschwerden des Marsches in dem von Defileen durchschnittenen Berglande sowie die zähe

Unermüdlichkeit der leichten Truppen des Prinzen – gerade die Schnelligkeit des Rückzuges der nebenbei noch sengenden und plündernden Franzosen ) sehr verzögerten. Der Widerstand, wel chen diese indes leisteten, war nicht gering und insbesondere zeich neten sich hierbei die Brig. Picardie und die Grenadiere de France

aus, welche den Erbprinzen zurückdrängten *). Am 8. August sowie am 9. und 10. hatte die französische

Armee ohne längere Rast ihren Marsch über Moringen, Drans feld nach Münden fortgesetzt, war hier und bei Witzenhausen über die Werra gegangen und in die Stellung bei Lutterberg gerückt. 1) Die Dörfer Bisperode und Ladferde wurden verbrannt,

2) Es bleibt zweifelhaft, ob, wie französische Berichte sagen, der Erb

prinz bei dem Gefechte wirklich 700 M. an Todten und 500 M. an Gefan genen verlor,

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Der Erbprinz folgte wie gewöhnlich dem Feinde auf dem Fuße nach und abermals stieß er am 10. August bei Dransfeld auf dessen Arrièregarde, welche zum Theil schon in der Nähe der Defileen von Münden sich befand und nunmehr von dem Grafen von St.Germain befehligt wurde, nachdem derselbe dem bekannten früheren Auftrage entsprochen hatte.

Die Gegend bei Münden eignet sich besonders zu einem Arrièregarden-Gefecht. Steile bewaldete Berge schließen die beiden

Flüffe Werra und Fulda ein, die, hier von nicht unbedeutender Tiefe, den Zutritt zur Stadt und somit auf das linke Ufer der Werra resp. auf das rechte Ufer der Fulda, auf die Brücke beschränkten, welche damals die Vorstadt mit der eigentlichen Stadt allein ver band. Auf beiden Seiten des ersteren Flusses findet die Infanterie

erwünschte Aufstellungen, zumal in den Gebäuden längs desselben, so wie weiter rückwärts, gegen Süden hin, wo zwischen Werra und Fulda die mit Gärten, Gebüschen und Wald bedeckten Abhänge der oben genannten Berge sich gegen diese Flüffe hin so wie gegen die Stadt zum Theil teil, zum Theil aber auch sanft abdachen.

Graf St. Germain hatte bei Dransfeld in einem nahe gelegenen Gehölze eine vortheilhafte Aufstellung genommen, als der Erbprinz mit seinen Truppen nahte, von denen ein Theil unter Oberst

lieutenant Freytag den linken, das Freicorps unter Trümbach, unterstützt durch das Bat. Marschall, den rechten Flügel, der Erbprinz aber die Mitte des Feindes angriffen. Die Brig. Auvergne, Aquitanien und Anhalt warfen sich indeß mit Ent schlossenheit auf ihre Gegner, trieben dieselben in Unordnung zu rück und erhöhten diese noch dadurch, daß Muret mit einer Abtheilung von 200 Freiwilligen, die sich in dem Walde und zwar in der Flanke des Erbprinzen aufgestellt hatte, nunmehr her

vorbrach und eine halbe Stunde weit die Alliierten mit dem Bajonete verfolgte. Der Verlust derselben muß jetzt schon nicht

unbedeutend gewesen sein; er steigerte sich aber, da der Erbprinz, unbeirrt durch das Fehlschlagen seines ersten Angriffes, mehrere

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mals gegen den Feind vordrang doch stets wieder zurückgeschlagen wurde. Der ganze Verlust des Prinzen soll hiernach in 600M. todt befanden haben; auch eroberten die Franzosen 5 Geschütze 1). Was die nach Witzenhausen abziehende feindliche Colonne anbelangt, so waren ihr General Waldhausen und Major Friedrichs gefolgt; eine nicht geringe Zahl von Gefangenen und zahlreiche Beute lohnten ihre Mühe. Fortsetzung des Rückzuges der Franzosen von Caffel bis hinter die Edder; Marfch resp, Verfolgung der Alliierten bis zum 18. Auguft.

Die franzosische Armee unter Contades hatte inzwischen die Gegend von Caffel erreicht und begann hier am 11. August in der Stellung zwischen dieser Stadt und dem Dorfe Nieder-Zwehren ihre detachirten Abtheilungen an sich zu ziehen; der Marschall

aber nahm sein Hauptquartier in Caffel. Graf St. Germain stellte sich dagegen nach dem glücklichen Gefechte zwischen Dransfeld und Münden bei Lutterberg auf, um die feindlichen Bewegungen in der Richtung der Weser und Werra zu beobachten; während Broglio bereits beiOber-Vellmar, Marquis d'Armentières aber beiWolfhagen sowie mit starken Abtheilungen in Sachsenhausen, Freienhagen und Naumburg stand, um die

linke Flanke der Hauptarmee so wie die Verbindung mit Fritzlar und Marburg zu decken.

Ein Befehl Herzog Ferdinand's hatte der Verfolgung des Feindes durch den Erbprinzen ein Ende gemacht, und es ging

dieser demzufolge am 14.August bei Herstelle über die Weser, um in der Richtung von Warburg resp. Volkmarsen sich der Armee Ferdinand’s wieder anzuschließen.

Dieselbe hatte am 13. August das Défilé von Stadtberge passiert und bei Erlinghausen Stellung genommen; und die Absicht 1). Nach französischen Quellen. In den Tagebüchern ac. finden sich hierüber keinerlei Angaben.



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des Herzogs ging jetzt dahin: –Armentières auf die Hauptarmee zurückzuwerfen, um dadurch Contades zum Verlaffen von Caffel zu nöthigen und wo möglich demselben bei Marburg, wo sich

nicht unbedeutende Magazine befanden, zuvorzukommen. Die Vortruppen der Armee unter Holstein und Wangenheim nahmen an demselben Tage Stellung bei Heddinghausen nnd Helming hausen; beide Stellungen änderten sich aber am 14.August in der Weise, daß Prinz Holstein die südlich von Heddinghausen gelegene Höhe, Heide-Breide, zwischen dem Zollhause und der Meierei Frederinghausen auf dem Wege nach Corbach; Wangenheim da gegen die Höhen südöstlich und östlich von Maffenhausen, also dicht an der Stellung Holstein's, besetzten, während in den vor der Fronte dieser Stellung gelegenen Orten Mengeringhausen, Arolsen und Helfen die Vorposten ihre Stellungen fanden (Hed dinghausen / M., Maffenhausen 11%. M., Frederinghausen 14 M. f-ö., Zollhaus 14 M. f. von Stadtberge). General Scheither, welcher früherhin gegen Warburg, d. h. bis zur Abtei Hardehausen, vorgegangen war, hatte sich ebenso, wie zwei Abtheilungen Jäger unter Oberstlieutenant Freytag und

eine Abtheilung hessischer Husaren dem Corps Wangenheims be reits bei Helminghausen angeschloffen; dagegen waren sämmtliche preußische Husaren vom Corps des Erbprinzen am 14., am

nächsten Tage aber die 7 Gren. Bat. nnd das hessische Leib dragoner-Regt. zu dem Corps des Prinzen Holstein getreten. Der Erbprinz erschien von Warburg aus, wo er bereits am

14. eingetroffen, am 16. August in der Nähe von Volkmarsen, nachdem bereits Tags vorher Herzog Ferdinand mit der Armee

bis Kohlgrund (%. M. ö. v. Stadtberge) vorgerückt war, und bei dem ersteren Orte ein lebhaftes Gefecht zwischen den zum

erbprinzlichen Corps gehörigen Lucknerschen Husaren und dem Chabo’schen Corps stattgefunden hatte, wobei dasselbe außer vielen Getödteten noch 1 Capit, 17Sold. und 30Pferde an Gefangenen verlor. Auch Major Friedrichs vom Corps des Erbprinzen,



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welcher schon früher als der Prinz über die Weser zurückgegangen war, um die jenseitige Ufergegend von feindlichen Detachements zu säubern, hatte am 13. August das Schloß Trendelburg an der Diemel eingenommen und dessen Besatzung zum Strecken des Gewehrs gezwungen. Diese Vortheile verfolgend drängte nun der Erbprinz unter nicht unbedeutendem Verluste auf Seiten des Marquis d'Armen tières dessen Vorposten weiter gegen Wolfhagen zurück und nahm am 17. seine Marschrichtung auf Zierenberg, um das Corps des letzteren in die rechte Flanke zu nehmen, welches indeß ebenso wie das Broglio"sche Corps, das ihm in der Stellung zwischen Wolf hagen und Caffel zur Unterstützung gedient, bereits den Rückzug gegen Fritzlar angetreten hatte. Diesem Abzuge der beiden feind lichen Corps war der Abgang der Bagage und aller Vorräthe der französischen Armee nach Marburgvorausgegangen; diese selbst aber, in der Besorgniß, ihre Verbindung über Marburg mit

Frankfurt in Folge der Bewegungen Ferdinand’s aufgehoben zu sehen, folgte am 18. August in der Richtung von Fritzlar und

nahm daselbst hinter dem rechten Ufer der Edder bei Zennern Stellung.

An demselben Tage vereinigte sich mit dem Erbprinzen das Wangenheim'sche Corps bei Wolfhagen, nachdem daffelbe Tags vorher aus der Stellung bei Maffenhausen aufgebrochen und über Landau marschiert war. Das Corps des Prinzen Holstein dagegen hatte bereits am 16. August Corbach erreicht und war am nächsten Tage, in Uebereinstimmung mit dem Marsche des Erbprinzen gegen Zierenberg, bis Naumburg, d. h. gegen die linke Flanke des Marquis d'Armentières, vorgedrungen, wo es – wie weiter unten zu ersehen – nicht unbedeutende Erfolge errang. Bis dahin, sowie überhaupt bis zum 18. August, wo ein Rasttag für die Armee Ferdinand's eintrat, hatte dieselbe mehr fach ihre Stellung gewechselt. So am 16.August,wodie Armee diefrühere StellungHolstein's



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südlich von Heddinghausen, mit dem Hauptquartiere in Vasbeck (1 M. f. v. Stadtberge), einnahm; dann am 17. August, wo vorwärts jener Stellung der rechte Flügel der Armee an Menge

ringhausen und der linke Flügel an Helfen sich lehnten. Der Ueberfall von Naumburg durch den Prinzen von Holstein am 17. August; die Capitulation von Caffel am 19.August.

Als Prinz Holstein am 17. August von Corbach gegen Naumburg vordrang, hatte das Corps d'Armentières", wie oben bemerkt, bereits seinen Rückzug in der Richtung von Fritzlar an

getreten und befand sich, als die Avantgarde des Prinzen unter dem Capitain v. Schlieffen über das Dorf Netze vor Naumburg eintraf, noch in der Gegend zwischen Balhorn und Niedenstein. Der an einem ziemlich steil ansteigenden Hügel liegende um mauerte Flecken Naumburg bildete mit seiner Besatzung, dem

447 M. starken Bat. Narbonne (den Grenadiers de France), einen jener Punkte, welche d'Armentières während einer Stellung bei Wolfhagen besetzt hielt, um seine linke Flanke zu decken. West lich von Naumburg und dicht an diesem Orte erhebt sich ein steiler Waldrücken, welcher von der Edder im Südosten in nord

westlicher Richtung gegen die Diemel hin streicht und auf dessen Westseite sich damals nur bei Netze und Sachsenhausen offene Felder ausbreiteten. Diese Terrainverhältniffe boten eine günstige Gelegenheit zum Ueberfall auf Naumburg, obgleich das genannte Waldgebirge mit leichten französischen Truppen besetzt war, denen die Abtheilung in Naumburg zur Unterstützung diente. Prinz Holstein brach zu jenem Zwecke um 2 Uhr in der Nacht vom 16. zum 17. August von Corbach auf und zwar mit Hinterlassung der Bagage daselbst. Eine Abtheilung von 800 Freiwilligen aus den Regimentern und den Grenadierbataillonen jammt den Husaren bildete unter der Führung Schlieffen's die Avantgarde; dieser folgten zunächst 6 Esc. hessische Cavalerie, 4 Gren.-Bat. und 2. Sechspfünder



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unter General Urff; den Zug schloß der Rest der Truppen des Prinzen, während eine andere Abtheilung von 400 Freiwilligen

nördlich der Marschrichtung nach Höringhausen in den dortigen Wäldern die Seitendeckung der Colonne bildete. General Urff, in der Voraussetzung, daß sich nvch ein feindliches Detachement in Sachsenhausen befände, wendete sich mit der Avantgarde und

seiner Abtheilung nach diesem Orte, fand aber denselben unbesetzt und nahm nun Stellung eine Stunde von Netze vor der Abthei

lung, die ihren Marsch nachHöringhausen verfolgt hatte. Capitän Schlieffen drang inzwischen gegen Netze vor, bemächtigte sichdieses Dorfes und des nahe gelegenen Waldes, und griff dabei so leb haft, namentlich in der geraden Richtungvon Naumburg, die feind lichen leichten Truppen an, daß sie von diesem Orte abgeschnitten wurden und auf seitwärts führenden Waldwegen die Flucht suchen mußten. Schlieffen benutzte rasch die dadurch ihm gebotenen Vor theile, rückte schnell durch den Wald gegen Naumburg vor und

stieß auf eine feindliche Schildwache, deren Posten sich auf einer Anhöhe befand. Die rückwärts dieser Schildwache stehende Ab theilung war nur etwa 100 M. stark und deren ganze Haltung zeigte deutlich, daß man Schlieffen's Truppen nicht als den Feind erkannte. Rasch entschlossen stürzte jetzt Schlieffen mit seiner Truppe auf diese Abtheilung, welche, statt Widerstand zu leisten, die Gewehre wegwarf und um Schonung bat. In diesem Augen blicke brach auch die Cavalerie Urffs mit dem Prinzen von Hol stein selbst hervor und einige der Reiter, nicht achtend des von

Schlieffen gewährten Pardons, hieben mehrere der Gefangenen nieder; – eine Barbarei, welche jedoch der tapfere Capitän reich lich durch ein rasches Einschreiten mit dem Degen in der Hand vergalt. Die Artillerie Urff's hatte inzwischen ihr Feuer gegen die Thore Naumburg's eröffnet, und durch diese Ueberraschung sowie durch den geschilderten Vorgang wurde eine solche Betäubung bei der Besatzung hervorgerufen, daß dieselbe das Thor nach ihres Gegners Seite hin zu schließen vergaß, nun aber zur Unterhand

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lung natürlich um so geneigter war. Schlieffen,von einem Trom

peter begleitet, fand bei seiner Aufforderung die ganze Besatzung in einen Haufen zusammengedrängt mit allen Zeichen der äußer ften Bestürzung.

Unter solchen Umständen jäumte der Capitain

nicht, die Truppe zum Gewehrstrecken sofort aufzufordern. Diesem Verlangen entsprach man zwar augenblicklich, dennoch aber schien man einigen Widerstand versuchen zu wollen, als der Capitän die

weitere Aufforderung erließ, daß die Truppe ihm folgen sollte. Schlieffen fand jedoch endlich Gehorsam und mit fertig gemachter Pistole führte er das Bataillon hinweg"); – ein treffendes Bei spiel der Demoralisation einerseits und des zuversichtlichsten Mu thes ja tollkühner Dreistigkeit andererseits. Zwei Fahnen fielen bei dieser Gelegenheit in die Hände der Alliierten, welche indeß 15 M. an Todten und Verwundeten einbüßten.

Während so in dem nördlichen Heffen ein Posten nach dem anderen in die Hände der Alliierten fiel, hatte auch Caffel die Fol gen des Sieges bei Minden erfahren. Es war am Abend des 18. August, als daselbst Major Friedrichs vor dem Alteneu

städter Thore mit zweiJägercompagnien erschien und hier sich mit der Besatzung unter dem Commandanten Villeterque ein Feuerge fecht entspann. Die darauf folgende Nacht ging ohne Feindselig keiten vorüber, als jedoch am Morgen des nächsten Tages Fried

richs alle Anstalten zur Beschießung der Stadt getroffen, auch bereits einige Kanonenschüsse gegen das Neue Thor hatte abfeuern laffen, so ergab sich die aus 16 Offiz. und 400 M. bestehende Besatzung als kriegsgefangen. Dieselbe sollte aber in Caffel oder an irgend einem anderen Orte Heffens verbleiben, bis Herzog Ferdinand sie zur französischen Armee senden oder auswechseln 1) S. Betreffniffe und Erlebungen Schlieffen's 1. B. Nach französischen Berichten soll der Oberstlieutenant Flavigny, Com mandeur des genannten Bataillons, dem es an Munition gebrach, fich so lange vertheidigt haben, bis Holsteins ganzes Truppencorps vor Naumburg stand. Das Bataillon soll biernach 59 Todte und 51 Verwundete gehabt haben, worunter sich 2 Capitäns befanden.

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würde. Neben dem fand man in der Stadt 1500 Kranke und Verwundete sowie ein noch beträchtliches Magazin. Am 20.Au gut rückte Oberstlieutenant v. Stockhausen mit einem Bat. nnd einer hessischen Comp. in Caffel ein, übergab aber schon am 21. den Schutz der Stadt einer Abtheilung Landmiliz und marschierte nach Melsungen ab.

Die Verfolgung der französischen Armee bis hinter die Ohm und Lahn, vom 19. bis zum 23. August; die Capitulation von Ziegenhain am 23. August.

In Corbach, wohin Ferdinand am 19. August mit der Ar mee aufbrach, erhielt derselbe die Nachricht von dem Uebergange der Franzosen über die Edder sowie von deren Aufstellung bei

Zennern. Auch jetzt war es fortwährendAbsicht des Herzogs, die feindliche linke Flanke zu bedrohen, um Contades wegen dessen Verbindung mit Frankfurt a. M. besorgt zu machen und dem gemäß diesen wiederholt zum Aufgeben der genannten Stellung zu nöthigen. Zu dem Ende marschierte Prinz Holstein an jenem Tage nach Wildungen jenseits der Edder; ihm folgte am 20. August der Erbprinz, welcher in Zierenberg 300 M. zu Gefan genen gemacht hatte, dann aber nach Züschen marschiert war und nun dicht neben dem Holstein'schen Corps bei Wildungen ebenwohl Stellung nahm. Die Armee selbst unter Ferdinand rückte in das Lager zwischen Radern und Goddelsheim (etwas über 1 M. jw. Corbach) und sendete eine Abtheilung von 500M. und 30Pfer den unter dem Oberstlieutenant Goldacker nach Frankenberg, eine andere Abtheilung von 200M. unter Major Mirbach nach Orcke

(17, M. f. Corbach). Um dieselbe Zeit, wo Ferdinand das vorgenannte Lager bezog, erhielt er von König Friedrich die Mit theilung von der Schlacht bei Kunnersdorf und zugleich die Auf

forderung, eine Abtheilung gegen Halle und Leipzig zu entsenden, um von dieser Seite her die Staaten des Königs zu decken. Her Renouard Gesch. II. Bd.

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zog Ferdinand, so sehr es auch in seinem Wunsche lag, eine Di version zu Gunsten des Königs ausführen zu laffen, war dazu doch jetzt nicht im Stande, da er den Gesammtstreitkräften des Feindes gegenüber stand, und die Wiedergewinnung von Münster, welches sich bekanntlich noch in feindlichen Händen befand, nicht wenige Truppen beanspruchte. Um nun dessen Belagerung mög lichst bald zu beginnen, trat General Imhof am 20. August mit 5 Bat., 4 Schwadr. Busch-Dragoner und einer Abtheilung hefi scher Husaren und Jäger, welche Truppen man am 17. August in Volkmarsen hatte stehen laffen, den Marsch nach Westfalen an. Wie wir späterhin sehen werden, so erhielt dieses Corps Imhof's allmälig bedeutende Verstärkungen; gleichwie denn auch schon jetzt

die nöthigen Anordnungen getroffen wurden, daß die Belagerungs artillerie sowohl von Hameln als von Lippstadt gleichzeitig mit Imhofs Ankunft vor Münster zu erscheinen vermochte. Die Corps des Erbprinzen und des Prinzen von Holstein kamen noch zeitig genug in ihrer Stellung bei Wildungen an, um die fran zösische Armee nach Gilsa (2M. f. Fritzlar) auf der Straße nach Marburg abziehen zu sehen. Namentlich war es die Arrièregarde

derselben, welche gegen 4 Uhr Nachmittags, als Prinz Holstein sich noch links der Edder befand, die Stellung bei Zennern ver ließ und nur einige leichte Truppen den Alliierten engegenwarf, mit denen man ein kurz dauerndes Feuergefecht einging. Die vorge nannte Armee erreichte bis zum 23. August über Erksdorf das

Lager bei Groß-Seelheim hinter der Ohm und lehnte hier ihren rechten Flügel an die Amöneburg, ihr linker dehnte sich dagegen in der Richtung von Marburg aus. Marquis d'Armentières war etwa um dieselbe Zeit hinter der Lahn zwischen Sarnau und

Goßfelden, Herzog Broglio aber bei Cölbe eingetroffen und deckte daselbst den Uebergang über die Lahn (Sarnau und Goß felden / M. und Cölbe / M. n., Gr. Seelheim 7%, M. b. Marburg); während St. Germain in einer Stellung zwischen Marburg und Gr. Seelheim die Verbindung der beiden Corps



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mit der Hauptarmee vermittelte und das Fischer'sche Corps in Wetter als der am weitesten vorgeschobene Posten erschien. Am 21. August nahm die alliierte Armee Stellung zwischen Schreufa und Viermünden, die Edder und Frankenberg, woselbst

das Hauptquartier, vor der Front (Schreufa nicht ganz % M. und Viermünden / M. n. Frankenberg). Die nunmehr ver einigten Corps des Erbprinzen und des Prinzen Holstein nahmen dagegen bei Löhlbach hinter Kloster Haina Stellung, während die Husaren nebst den Jägern eine Abtheilung des Fischer'schen Corps aus dem letzteren Orte vertrieben und bis Gemünden verfolgten; die bückeburgischen Carabiniers aber bis Rosenthal vorgesendet wurden.

Am 23. August kamen die Alliierten abermals in den Besitz eines Postens und zwar beinahe im Angesicht der französischen Hauptarmee, welche sich nicht sehr fern von der Festung Ziegen hain befand, als dieselbe auf Aufforderung des Oberstlieutenants Freytag kapitulierte. Die 286 M. starke Besatzung, unter welcher sich 2 Oberflieut, 4 Capit, 9 Lieut. und 80 Unteroffiz. befan den, wurde kriegsgefangen. – Absendungdes Marschall'sd'Estrées zurfranzösischen Armee; Ansichten über die ferneren Operationen defelben c.

Bevor wir den weiteren Operationen der gegenüberstehenden Armeen folgen, mögen die Vorgänge und Beziehungen hier ange führt werden, welche, von dem Versailler Cabinet ausgehend, auf die ferneren Maßregeln des Marschalls Contades entweder einen

überwiegenden Einfluß äußerten oder zu spät hervortraten, als daß fie noch wesentlich dessen Verhalten zu bestimmen vermochten. Die Nachricht von dem Verluste der Schlacht bei Minden hatte bei der französischen Regierung keineswegs Anstrengungen hervorgerufen, die der Armee eine nachhaltige Unterstützung hätten bieten können. Dagegen ließ man es sich umsomehr angelegen sein, Bestimmun

gen betreffs der Winterquartiere zu erlaffen, – ein Gegenstand, 18“

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deffen. Wichtigkeit, nach der Ansicht des Cabinets, um so mehr die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen mußte, als es sich darum handelte: denselben sowohl mit dem durch die Politik Gebotenem als auch mit der Ausführung der gegen England beabsichtigten

Seeunternehmung in Einklang zu bringen. Zu dem Ende hatte man den Entschluß gefaßt, mindestens 24 Bat. von der französi schen Armee in Deutschland abgehen zu laffen, doch erst gegen

Ende des Feldzuges. Diese Absichten standen mit der Absendung des Marschalls d’Estrées in das französische Hauptquartier im genauesten Zusammenhange und fanden zunächst in der dem Mar schall ertheilten Weisung, sich mit Contades über die Operationen bis zu Ende des Feldzuges zu verständigen, ihren Ausdruck 1). Nebendem hatte d’Estrées den Auftrag, Rücksprache mit Contades wegen der Winterquartiere zu nehmen und sich über den Geist in der Armee zu unterrichten, um demzufolge deren Leistungen be

meffen zu können; zu dieser letzteren Maßregel aber hatte man sich namentlich durch die ehrenrührigen Gerüchte bewogen gesehen, welche damals in Europa über die französische Armee verbreitet wurden.

Von dem Erscheinen d’Estrèes" bei der Armee, eines Mannes,

welcher, nach der Aeußerung Belle-Isle's gegen Contades, über die Staatsgeheimniffe und Absichten des Königs unterrichtet wäre, versprach man sich nicht nur eine Zufriedenstellung der 1) Nach Horaz Walpole's Denkwürdigkeiten, 1. B, S. 316 „hatte Con

tades fein Ansehen fo ganz verloren, daß Marschall d'Estrèes gegen feine eigene Neigung abgeschickt wurde, um den Oberbefehl mit ihm zu theilen.“ Das französische Cabinet und die Befehlshaber waren damals in der Achtung des Publikums völlig gesunken, und daß man die auf der Nation lastende Schmach zum großen Theile der Marquise von Pompadour zuschrieb, ging aus einem Maueranschlage hervor, der in Versailles gefunden wurde und folgendermaßen lautete: „Bateaux plats à vendre, 0 France, le sexe femelle Soldats à louer, Fit toujours ton destin, Ministres à pendre Ton bonheur vint d'une Pucelle Generaux à rouer.

Ton malheur vient d'une catin.“



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Höfe von Wien und Petersburg sondern auch eine Gegenwirkung betreffs der Intriguen und Cabalen der Schriftsteller der Partei Broglio. D'Estrées traf schon am 21. August in Frankfurt ein und reiste am 23. zur Armee ab; bis dahin aber, d. h. nach dem

Aufgeben von Caffel, war Contades durch Belle-Isle von dem Willen des Herzogs von Choiseul und aller Mitglieder des Ge heimen-Rathes des Königs unterrichtet worden, daß diese Stadt während des Winters gehalten werden sollte. Diese Mittheilung, welche sich auf die Ansicht der Betreffenden gründete, daß die

Behauptung von Heffen in Betracht der von den Holländern beo bachteten Ruhe weit wichtiger sei, als die des Niederrheins – kam nun freilich zu spät, und d’Estrées, in dessen Auftrag es ebenwohl lag, diesen Punkt mit Contades zu besprechen, vermochte vielleicht höchstens nur die Nachtheile zu mildern, welche sich an die augenblickliche Situation knüpften. Die Nachricht von der Schlacht bei Kunnersdorf trug indeß nicht wenig dazu bei, jene Ansicht betreffs Hessens zu befestigen, zumal da die Behauptung dieses Landes eine feste Haltung Frankreichs im Mittelpunkte von Deutschland verbürgen sollte und um so wesentlicher den franzö sischen Staatsmännern erschien, je mehr es den Verbündeten

Frankreichs gelingen würde, ohne dessen Hülfe die Macht Preußens zu brechen. Damit hing weiterhin zusammen, daß Contades eine Hülfleistung Ferdinands an den König verhindern müsse. Das Aufgeben Caffel’s gab den Parteien in Paris reichlichen Stoff zu den verschiedensten Ansichten, unter welchen diejenige am meisten Stützen, namentlich an dem Hofe und bei Soubie, fand, welche in der Behauptung jener Stadt zugleich das unvermeidliche aber sehr gewagte Mittel zur gezwungenen Annahme einer Schlacht erblickte.

Nach dem Berichte, welchen d’Estrées schon am 26. August über den Geist der Armee an den König erstattete, war für den

laufenden Feldzug keine Hoffnung auf eine Offensive vorhanden; ja selbst der Defensive bei dem ausgedehnten Kreise der Stellung

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der französischen Streitkräfte, zumal, wenn der Gegner sich in dem Mittelpunkte desselben befände, – vermochte d'Estrées nicht, sein Vertrauen zu schenken. Ueberhaupt hoffte derselbe für das Ende des Feldzuges auf keinen glücklichen Erfolg; auch hielt er

sich für überzeugt, daß Contades zum Verlaffen von Marburg und zum Rückzuge nach Gießen genöthigt sein würde. Von der Annahme einer Schlacht glaubte ebenwohl d'Etrées, abrathen zu müffen, indem es Frankreich, im Falle des Verlustes derselben,

sehr schwer fallen würde, wiederholt eine tüchtige Armee aufzu stellen – eine Behauptung, die bei der durch Anstrengungen und Beschwerlichkeiten aller Art veranlaßten Ermattung der französischen Truppen gewiß um so begründeter erscheinen mußte. Der Ueberfall von Wetter am 28. August.

Am 23. August nahm die Armee unter Ferdinand Stellung zwischen Ober-Asphe und Münchhausen; Prinz Holstein rückte dagegen bis Rosenthal, der Erbprinz aber bis Halsdorf vor, worauf beide am 25.August bisAlbshausen vorgingen, wobei die leichten Truppen während des ganzen Tages mit denen des Feindes im Gefecht standen. Namentlich waren es das Trüm bach'sche Freicorps und die Husaren, welche bei Schwarzenborn und Schwabendorf ziemlich heftig mit dem Feinde zusammentrafen und späterhin von den hannoverschen Jägern unterstützt wurden. (Ober-Asphe */ M. n., Albshausen, 1% M. n.-ö, Schwarzen born 11%, M. ö. v. Wetter.) Die Corps des Erbprinzen und des Prinzen Holstein standen bei Albshausen durch einen beinahe 2 Meilen breiten Raum von der Armee Ferdinand’sgetrennt, und es war nicht unwahrscheinlich, daß dieselben durch eine Bewegung Broglio"s über Bracht von der Armee abgeschnitten werden konnten. Dieser Umstand so wie die Absicht des Herzogs, das von dem Fischer'schen und dem Schomberg'schen Corps besetzte Wetter anzugreifen, veranlaßten folgende Bewegungen.

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Der Erbprinz brach mit seinem Corps am 26. August um 9 Uhr Morgens auf und marschierte über Bracht nach den Höhen von Todenhausen. Zudiesem Corps waren indeßvorher die seither bei dem Prinzen Holstein gestandenen hessischen Bat. Grenadier, Leibregiment, Prinz Wilhelm und Mansbach, die hessischen Leib dragoner und 5 Gren.-Bat. gestoßen, während bei dem Corps Holstein's, welches sich gleich nach dem Abmarsche desErbprinzen bei Wohra (Wohra, 21/ M. n.-ö.; Amönau, 1), M. w. von Wetter) lagerte, neben den 9 Esc. preußischer Dragoner, 2 hannov. Gren-Bat., das Bat. Trümbach, sämmtliche Hufaren und 4 Sechspfünder verblieben.

Das Corps Wangenheim's trennte sich dagegen von dem des Erbprinzen und marschierte nach Treisbach. Hier stellte sich das erstere mit der Frontgegen Amönau auf. Diese Concentration

des größten Theiles der Armee gelang vollkommen und bot in sich genugsame Mittel, den Angriff auf Wetter kräftig zu unter stützen, während das in diesem Orte stehende Fischer'sche Corps 2c, durch die Lahn von den Truppen Broglio"s getrennt, nicht so leicht von hier aus eine Unterstützung empfangen konnte. Das Städtchen Wetter liegt am rechten Ufer des Baches Wetschaft, welcher hier ein schmales von zum Theil steilen Bergen eingeschloffenes Thal bildet und sich bei Sarnau in die Lahn ergießt. Der Bach umschließt den Ort im Norden und Osten, dieser selbst aber breitet sich an dem nordöstlichen Abhange einer sanft gegen die Wetschaft abfallenden Höhe aus, die mit den in jüdöstlicher Richtung längs dieses Baches hinstreichenden steileren Höhen in Verbindung steht. Im Westen und Süden von Wetter, d. h. in der Richtung von Treisbach, Warzenbach (Warzenbach, 1 M. f-w.; Todenhausen, 20 Min. n. v. Wetter) und der Lahn, breitet sich ein hochgelegenes, damals ziemlich wegeloses, von Schluchten mannigfachdurchschnittenes und mit Wald und Gebüsch hier und da bedecktes Gelände aus. Im Norden dagegen ist die Gegend offener; doch tritt in der Verlängernng des Thales, links

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der Wetschaft, eine schroffe Bergreihe, namentlich bei Todenhausen, an den Bach heran. Aus dieser ganzen Lage ersehen wir, daß Wetter bei einem Angriffe immerhin nicht geringe Schwierigkeiten bot, die namentlich in westlicher und südlicher Richtung sich häuften und sogar auch den erfahrenen Parteigänger, Oberst Fischer, ver anlaßten, gerade diese Seiten seines Postens unbeachtet zu lassen. Diese Umstände benutzend brach General Wangenheim in der Nacht vom 27. zum 28.August nach Warzenbach auf, während der Erbprinz bei Todenhausen in das Thal der Wetschaft herab stieg, dann Wetter im Westen umging, Prinz Anhalt aber mit 11 Bat. und 12 Schwadr. von der Armee die Höhen bei Toden hausen besetzte, um so zur weiteren Unterstützung zu dienen. In Wetter standen die Grenadiere von Prague; hinter dem Orte aber hatte die Cavalerie des Fischer'schen Corps ein Lager auf den dortigen Höhen bezogen. Begünstigt durch den stark herabströmenden Regen und geführt durch der Gegend kundige Boten hatten die drei Colonnen, dem Befehle gemäß, mit Tages anbruch die genannten Punkte erreicht, ohne daß der Feind von der Annäherung der ersteren etwas wahrgenommen zu haben schien. Wangenheim, von Warzenbach her im Rücken des Feindes erscheinend, griff mit den Husaren unter Major Jeanneret die feindliche Cavalerie im ersten Anlaufe an, brachte Schrecken und

Verwirrung in ihre Reihen und zwang sie zur Flucht, die theils nach Wetter, theils die Wetschaft abwärts, nach Nieder-Wetter (Nieder-Wetter, 1/ M. f-ö. v. Wetter) genommen wurde. Bei dieser Flucht blieben viele Pferde in einer sumpfigen Wiese stecken,

die aber auch zugleich der Verfolgung durch die Cavalerie Wangen heim's zum Theil einen Halt gebot. Gleichzeitig mit dem Vorgehen dieses Generals war auch der Erbprinz, dessen Artillerie unter dem Grafen Wilhelm von

Lippe-Bückeburg sich auf den nördlich von Wetter gelegenenHöhen etabliert hatte, auf dem Angriffspunkt westlich der Stadt ange langt. Ebenso rasch wie Wangenheim und fast zu derselben Zeit,

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wo dessen Angriff auf das Cavalerielager stattfand, drang von dem Corps des Erbprinzen der Major Bülow gegen das Thor der Stadt vor, nachdem auf dieselbe kurz vorher die genannte Artillerie einige Kanonenschüsse, gleichsam als Wecker dienend, abgefeuert hatte. Das Thor wurde im ersten Anlauf genommen die übrigen Truppen des Erbprinzen aber stürmten nach, während die Infanterie Wangenheim's von Süden her die Umgebungen

Wetters erreicht hatte und nun sich in das kurze Gefecht mischte, welches in den Straßen mit der überraschten Besatzung sich ent spann. Binnen einer Viertelstunde wurden hier dem Feinde, mit Einschluß des von der Cavalerie erfahrenen Verlustes, an 5- bis

600 M. theils getödtet und verwundet, theils gefangen genommen; der Rest unter Oberst Fischer selbst schlug sich durch und entkam nach Goßfelden. Hier war schon früher das Armentières'sche Corps, in Folge der Aufstellung der alliierten Armee zwischen

Ober-Asphe und Münchhausen, mit zwei Infanteriebrigaden ver fiärkt worden; Herzog Broglio aber ging mit 3 Drag-Regtr. und den Freiwilligen von Schomberg in der Richtung von Wetter vor und überzeugte sich von der inzwischen durch die Colonnen der

Alliierten genommenen Aufstellung, ohne jedoch, wegen eines starken Nebels, von der Stellung der Armee Ferdinands selbst Kenntniß nehmen zu können,

Das Hauptquartier derselben kam nun nach Wetter; dagegen rückte die Armee in die Stellung zwischen Amönau und den Höhen nördlich von Wetter, Front gegen die Lahn, während der Erbprinz seinen linken Flügel an Wetter lehnte, den rechten aber in der

Richtung von Warzenbach ausdehnte; und endlich Wangenheim wieder bis zu diesem Orte vorrückte. Nieder-Wetter wurde mit 300 M. besetzt und das Armeepiquet ging gegen das Défilé von

Bracht vor, um mit dem Prinzen Holstein in Verbindungzutreten.



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Abgang des Marquis d'Armentières nach dem Niederrhein und Rückzug Broglio"s bis in die Gegend hinter Marburg, am 27. resp. 29. August; Ueberfall eines französischen Poftens in Ober- und Nieder-Weimar am 2. September.

Marquis d'Armentières war am 27.August mitder Weisung nach dem Niederrhein abgegangen, dort den Befehl über einiget aus Frankreich kommende Regimenter zu übernehmen, um

mi

denselben sowie mit dem größten Theile der Besatzungen von Wesel, Düsseldorf und a.O. dem bedrohten Münster zu Hülfe zu eilen"). d'Armentières hatte demzufolge den Befehl seiner Truppen bei Goßfelden demHerzog von Broglio übergeben. Die Stellung deffelben war, da sie durch die Lahn von der Hauptarmee bei Groß-Seelheim getrennt wurde, eine kritische, denn fand ein Angriff von Seiten Ferdinand’s, welcher außerdem noch durch die Ab theilung des Prinzen Holstein unterstützt werden konnte, statt, so vermochte Contades entweder durch das Thal der Ohm, also auf einem dreistündigen Wege, oder durch die Defileen des Lahnberges eine nur schwierige und dabei wahrscheinlich nicht zeitige Unter stützung zu leisten. Diese Umstände bewogen Broglio, schon am 29. August feine Stellungen bei Goßfelden und Cölbe zu ver laffen, sich nachMarburgzurückzuziehen und hier längs des linken Lahnufers am Glaskopf, in Cappel (Cappel. bein. 1% M. f.; Glaskopf, 11, M. f-ö. von Marburg) Ronhausen und Wolfs hausen Stellung zu nehmen, während ein Theil seiner Truppen sich mit der Hauptarmee bei Groß-Seelheim vereinigte. In jener neuen Stellung deckte Broglio die linke Flanke der Armee

und unterhielt die Verbindung mit Gießen; ebenso sorgten vorge schobene Posten in Ober- und Nieder-Weimar für die Beobach tung des linken Lahnufers und der westwärts gelegenen Gegend. Die kleine Besatzung des Schlosses in Marburg hatte Broglio am Abende des 29. August abgehen laffen; am nächsten Tage

jedoch rückten eine Besatzung von 500 M. unter dem Oberst 1) S. Tempelhof 3. B, S. 306.

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lieutenant des Regts. Piemont Infanterie, du Plessis, auf das Schloß und das Fischer'fche Corps in die Stadt. Im Uebrigen ließ Broglio alle Zugänge am Lahnberge in der Richtung gegen die Alliierten mit Verhauen versehen. Auch ausdieser Stellung, die, bei einer längeren Behauptung,

einen sehr fühlbaren Mangel bei den Alliierten zur Folge gehabt unddiese zum Rückzuge bewogen hätte –versuchte Herzog Ferdinand den Feind weg zu manoeuvriren und zwar, wie früher, durch Be drohung dessen linker Flanke. Zu dem Ende wurde General Scheither am 1. September mit 3 Bat. zur Beobachtung des

Feindes im Lahnthal und jenseits des Lahnberges entsendet; Wangenheim brach dagegen am 2. September gegen Caldern (Caldern, 1 M. n.w. v. Marburg) auf und detachirte eine Ab theilung von 500 Grenadieren nach Michelbach. Hier standen 2 Comp. Jäger des Majors Friedrichs und 500 Husaren von Luckner und Jeanneret, welche von dem Erbprinzen den Auftrag erhielten, fammt jenen Grenadieren den nach Ober- und Nieder

Weimar vorgeschobenen 1500 M. starken feindlichen Posten zu überrumpeln. Auch hier hatte derselbe es versäumt, nach allen Seiten hin, namentlich in der Richtung des im Westen das Lahn

thal einschließenden bewaldeten Höhenzuges, eine Posten vorzu schieben; daher es denn auch der Abtheilung Luckner's gelang, unbemerkt auf jenen Höhen sich dem Posten zu nähern und über raschend aus einem Gehölze gegen Nieder-Weimar hervorzubrechen. Während die die Avantgarde bildenden Husaren in dieser Richtung wirkten und in den beiden Orten etwa 100 M. zusammenhieben und den Rest des Postens in die Flucht schlugen, hatten die Jäger

kompagnien nach der Bergseite hin alle Zugänge und Schluchten besetzt;Major Jeanneret aber, die beiden Orte umgehend, schnitt im Thale selbst jeden Rückzug den Flüchtigen ab. So kam es, daß man 1 Major und 69 M. gefangen nahm und 1 Kanone erbeutete.

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Vorrücken der Alliierten im Lahnthale und Rückzug der Franzosen bis Gießen und Wetzlar, am 8. und 4.September,

Nachdiesem glücklichenHandstreiche, wodurch auchdie Truppen unter Broglio links der Lahn alarmiert wurden, brach General Wangenheim von Caldern gegen Ober-Weimar auf und vereinigte sich am 3. September mit dem Erbprinzen, welcher gegen Allna (Allna, 1% M. f-w. v. Marburg) vordrang, seine leichten Truppen in der Richtung von Hohen-Solms vorschob und als Verbindungsglied zwischen sich und der Armee die 4 Bat. unter dem Prinzen Carl von Bevernzugewiesen erhielt, welche zu gleicher Zeit bei Wehrshausen lagerten. Prinz Holstein rückte dagegen an demselben Tage von Wohra nach Schwabendorf; endlich wurden, als zur nächsten Beobachtung des Feindes dienend, Abtheilungen nach Michelbach(Wehrshausen, 50 Min. w.; Michelbach, 4. M. n.-w. v. Marburg), Sterzhausen und Sarnau detachirt. Alle diese Bewegungen der Alliierten hatten den gewünschten Erfolg, denn am 4. September verließen Broglio und Contades

ihre Stellungen und setzten den Rückzuggegen Gießen fort, woselbst der erstere, welcher zuerst abgezogen war, sich zwischen dieser Stadt und Wieseck, der letztere aber bei Stauffenberg resp. Mainzlar so aufstellte, daß der rechte Flügel eine Front gegen Allendorf, die der Mitte des Ganzen gegen Marburgwendete und der linke Flügel sich an die Lahn lehnte. Die nächstenFolgen dieser so schnell ausgeführten rückgängigen Bewegung des Feindes bestanden in dem raschen Vorgehen der leichten Truppen im Lahnthale zur Beobachtung der Franzosen, in der sofortigen Aufforderung des Commandanten von Marburg zur Uebergabe des dortigen Schloffes und in dem am 5. Sep tember erfolgenden Vormarsche des Prinzen von Holstein gegen Bellnhausen, wo derselbe durch General Scheither mit 3 Gren. Bat. verstärkt wurde. Die Nähe des Feindes, welche ein Zu sammentreffen der leichten Truppen Holsteins mit denen der Franzosen herbeiführte, die Entfernung der Armee Ferdinand's

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sowie endlich gewisse Anordnungen, von denen man auf einen be vorstehenden Angriff der ersteren schließen konnte: – veranlaßten jedoch am 6. September eine rückgängige Bewegung des Prinzen gegen Kirchhain. Schon am nächsten Tage indes ging derselbe wieder bis Bellnhausen vor, indem der Feind das oben bezeichnete

Lager verlaffen und bei Annerod sowie östlich von Wetzlar zwei Stellungen bezogen hatte. Die Hauptarmee, wo das Hauptquartier des Marschalls sich in Annerod befand, lagerte zwischen Rödchen

und Großenbuseck (Bellnhausen, 1%, M. n.; Großenbuseck, 1% M. und Rödchen, , M. ö. v. Gießen); der größte Theil der Front war aber, in einem Haken bis gegen Steinbach hin sich wendend, gegen Gießen gerichtet. Die kleine Armee oder das Corps Broglio"s stand dagegen zur Deckung Wetzlar"s hinter der

Lahn zwischen Dudenhofen und Münchholzhausen (Dudenhofen, *% M.; Münchholzhausen, 1, M. ö. v. Wetzlar), und zur Ver bindung zwischen ihm und Contades diente ein kleines Corps unter

Prinz Beaufremont zwischen Gießen und Klein Linden. Die Belagerung und die Gapitulation des Schlosses zu Marburg, vom 6. bis zum 11. September.

Das nächste bedeutsamere Object für die Thätigkeit der Alliierten war nun das sehr feste Schloß von Marburg, zu dessen Belagerung, nach der abschlägigen Antwort des Commandanten, die bei Wehrshausen lagernde Abtheilung des Prinzen von Bevern bestimmt wurde und zu welcher am 5. September noch 3 Bat. so wie das hessische Regt.Prinz Friedrich Dragoner unter Genera Dreves stießen. Der steile Berg, auf welchem sich das genannte Schloß mit feiner compacten Maffe erhebt und auf dessen Abhängen sich im Süden, Osten und Norden die Stadt Marburg ausbreitet, ist ein vorgeschobener Theil jenes Höhenzuges, welcher das rechte Ufer der Lahn begleitet und mit dem gegenübergelegenen vielkuppigen Lahnberge das 14–1% Stunde breite Thal dieses Flusses bildet. -

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Nördlich des Schloßberges erhebt sich, von diesem durch die tiefe und schmale Thallschlucht der Ketzerbach getrennt, der steile Wein berg (Augustenruhe), welcher seinen Fuß bis dicht an das rechte Ufer der Lahn erstreckt, doch in nordwestlicher Richtung von dem

bewaldeten Rücken der sogenannten Kirchspitze ebenso beherrscht wird, wie der höher gelegene Theil der nördlichen Seite des Schloßberges.

Die Kirchspitze steht durch eine Einsattelung mit dem Wein berge in Verbindung, fällt überall, namentlich nach der Lahn hin, schroff ab, gewährt jedoch, gleichwie der Weinberg, von der West feite her einen verhältnißmäßig minder schwierigen Zugang, wenn gleich das Hinaufschaffen schwerer Geschütze noch immer bedeutende Anstrengungen verursachen muß. Ein zweiter Punkt, von dem aus die Festungswerke des

Schloßberges beschossen werden konnten, ist der mit diesem durch eine tief gesenkte Einsattelung verbundene und mit Wald bedeckte Dammelsberg im Westen des ersteren. Namentlich war es das nach Westen und Südwesten gerichtete und mit Ravelinen und Contregarden versehene Hornwerk, welches sich dem Feuer vom Dammelsberge her dabot; während der Kern der Festungswerke, das Schloß nebst einen Bastionen, Thürmen und Batterien, so wie auch die nördliche Flanke des Hornwerkes unter dem Feuer

der Geschütze lag, welche man auf der Kirchspitze etablieren würde. Der Graf Wilhelm von Lippe-Bückeburg, welcher die Be lagerungsarbeiten leitete, ließ, jenen Verhältnissen gemäß, am 6. September unter dem Feuer der Belagerten mit dem Auf werfen der Batterien auf dem Dammelsberge und der Kirchspitze beginnen, während der Prinz von Bevern mit dem hessischen Bat. Leibregiment die Stadt besetzte und auf dem Dammelsberge gleich zeitig die Laufgräben eröffnet wurden. Bis zum 9. September Abends errichtete man im Ganzen 4 Batterien, 27 Geschütze zählend, von denen 3 auf der Kirch

spitze und 1 auf dem Dammelsberge sich erhoben, aus Haubitzen

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und 12pfündigen Kanonen zusammengesetzt waren und von dem hefischen Oberstlieutenant Huth und dem bückeburgischen Major v. Storch befehligt wurden. Das Feuer begann um jene Zeit sofort in seiner ganzen Stärke, nachdem bereits früher namentlich die Arbeiten auf dem Dammelsberge heftig von den Belagerten beschossen worden waren. Es änderte sich diese Situation indeß

schnell, als die Geschütze von der Kirchspitze herab ihr Feuer gegen das Schloß und das Hornwerk richteten. Bis zum Mittage des 10. September spielten sämmtliche Batterien mit gleicher Lebhaftigkeit, so wie denn auch der Belagerte Alles aufbot, sich des Angriffes der Belagerer zu erwehren. Am 11. September, nachdem an jenem Mittage der Com

mandant des Schlosses bereits Unterhandlungen wegen der Ueber gabe desselben angeknüpft hatte, kam die Capitulation zu Stande, nach welcher sich die 816M. starke Besatzung als kriegsgefangen ergab. Nach dem Wortlaute der Capitulation sollten jedoch alle

Offiziere und Soldaten, von denen nur behielten, „auf ihr Ehrenwort auf dem Regimentern zurückgeschickt werden und warten.“ Oberstlieutenant Waldhausen

die ersteren ihre Waffen kürzesten Wege zu ihren ihre Auswechselung ab escortierte die Besatzung

mit 200 Pferden zur französischen Armee. In dem Schloffe fand man 24 eiserne Geschütze, worunter 3 Mortiere, und außer

dem noch viele Munition und Lebensmittel. Bemerkenswerth ist es, daß die Alliierten nichts an Mannschaft, weder an Todten noch Verwundeten, verloren.

Das Stärkeverhältniß der alliierten zur französischen Armee am Ende Auguft's; Detachirungen der erfteren nach Sachsen Anfangs September.

Die Verlegenheiten, in denen sich König Friedrich II. gegen Ende August befand, nöthigte denselben, den Herzog Ferdinand von Fürstenwalde aus wiederholt zu einer schnellen Diversion gegen Merseburg und Leipzig aufzufordern, um dem Könige



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namentlich gegen die Reichsarmee Luft zu machen. Derselbe hielt die französische Armee für desorganisierter und demoralisierter, als

sie wirklich war, und glaubte demzufolge, daß Ferdinand es nur mit flüchtigen Truppen zu thun habe, bei deren Verfolgung einige tausend Mann mehr oder weniger weder den Fortschritt der Alliierten noch die Flucht der Franzosen hemmen würden. Herzog Ferdinand befand sich jedoch keineswegs in der Lage, in dem Maßstabe dem Wunsche des Königs zu entsprechen, wie dieser es erwartete, denn nach den Verlusten, die er erfahren, (1 Bat. in Minden, 6 Bat. in Münster), so wie nach der Zahl der Bataillone, welche er als Garnisonen c. (10 Bat. vor Münster, 3 Bat. als Besatzungen in Lippstadt und Caffel) zurückgelassen hatte, – war seine Armee auf 39 Bat. herabgekommen, von

denen mehrere sogar unter 400 M. stark waren, keines aber über 600 M. zählte. Unter solchen Verhältniffen, wo namentlich der

Feind noch 120 Bat. und 134 Schwadr. besaß, von denen manches Bataillon noch die Stärke von 500M. hatte – mußte die Absendung eines Corps von 6–8 Bat. und 6–8 Schwadr.

(etwa 5000 M.) nach Sachsen als gefährlich erscheinen, und zwar um so mehr, da weder diese Truppen noch die in Westfalen

stehende bedeutende Abtheilung im Falle der Noth nicht so rasch wegen der bedeutenden Entfernungen wieder herangezogen werden konnten.

Noch am 30. August machte Herzog Ferdinand indeß jene Hülfeleistung von dem Falle Münster's abhängig; bis dahin aber erbot er sich, kleinere Abtheilungengegen Mühlhausen zu detachiren, welche das Gerücht von dem Anmarsche eines gegen Leipzig vor dringenden 12000 M. starken Corps verbreiten sollten. Die Verhältnisse in Sachsen, namentlich der Fall Dresden's, das Heranziehen der Reichsarmee und eines österreichischen Corps längs der Elbe, die Anwesenheit von 4000M. feindlicher Truppen in Leipzig, die Stellung Friedrichs zu den Ruffen und endlich die Fortschritte der Schweden waren die Gründe, die denselben aber



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mals bewogen, den Herzog Ferdinand zur Hülfeleistung, und zwar in noch dringenderer Weise wie früher aufzufordern. Das Bild, welches der König von seiner bedrohten Lage in seinem Schreiben aus Waldow am 7. September entwarf, konnte die Bedenken Ferdinand’s nicht verschwinden machen, zumal, wenn er, statt

nach der Erfüllung des oben angedeuteten Versprechens, vor dieser Erfüllung die Nachricht bekommen hätte, daß Verstärkungen aus Frankreich nnd Flandern im Anmarsche begriffen seien, um entweder zu d'Armentières oder zu Contades zu stoßen.

Der Herzog kam inzwischen einem Anerbieten nach ") und sendete einige kleine Abtheilungen hannoverscher Jäger und preu ßischer Husaren 2c. gegen Naumburg, von denen eine etwa hundert Mann Sachsen in Langensalza überfiel und zum Theil gefangen

nahm. Nach Ferdinand's eigener Angabe betrug indeß die Ge jammtstärke dieser Detachements 4- bis 5000 M. und wird die Absendung derselben insbesondere vielleicht dadurch erklärlich, daß mit dem rasch erfolgten Rückzuge der französischen Armee nach Gießen und Wetzlar wohl die nächst liegende bedeutsamste Gefahr vorläufig als beseitigt betrachtet werden konnte?). 1) Ob Ferdinand damit auch den Ansichten der englischen Politiker resp.

Staatsmänner entsprach, bleibt zweifelhaft, wenn wir in den Denkwürdig keiten Horaze Walpoles, 1. B, S. 304 in Bezug auf Ferdinand Folgendes lesen: – „Etwas zweifelhafter ist es, ob er uns nicht beffer gedient hätte, wenn er außer unseren Intereffen keine anderen zu berücksichtigen gehabt haben würde. Da wir mit dem König von Preußen enge verbunden waren, so förderte das Zusammenwirken mit ihm die gemeinsame Sache; es frägt fich nur, ob Prinz Ferdinand nie die Intereffen Großbritanniens aus dem Auge verlor, wenn irgend eine Bewegung, wodurch dieser Monarch gedeckt werden konnte, mit einem Operationsplane in Widerstreit kam, mittelst deffen

die Franzosen aus den Gebieten vertrieben werden folten, die uns näher angingen.“ 2) Wenn auch in dem Briefe Ferdinand’s an König Friedrich, datiert vom 8. September 1759 aus Elnhausen, diese 5000 M. identisch mit den kleinen Abtheilungen erscheinen, von welchen Ferdinand in dem vom 11. September aus Nieder-Weimar datierten Brief an Friedrich spricht, – so ist es doch sehr wahrscheinlich, daß jene Abtheilungen nicht in der genannten Renouard Gesch. II. Bd.

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Weisungen des Kriegsministers Belle-Isle an die Marschälle d'Estrées und Contades betreffs des gegen Herzog Ferdinand zu beobachtenden Verfahrens.

Mit den vorstehend geschilderten Verhältniffen Herzog Fer dinand's zu König Friedrich stehen zum Theil die Weisungen in Beziehung, welche Marschall d'Estrées resp. Marschall Contades Anfangs September von dem Kriegsminister Belle-Isle empfingen. Der früher erwähnte Bericht des Marschalls d’Estrées hatte König Ludwig XV. bewogen, den Plan betreffs der Lieferung einer zweiten Schlacht aufzugeben. Dagegen sprachen sich obige Weisungen dahin aus, daß die Schlacht nicht vermieden werden dürfte, wenn es sich um die Behauptung von Stellungen handeln würde, an welche sich die Erreichung folgender dreiZwecke knüpfte Nach dem ersten dieser Zwecke sollte Herzog Ferdinand unter allen Umständen an der Absendung von Verstärkungen nach Sachsen verhindert werden; ferner sollte dem Herzoge die Gelegen heit abgeschnitten werden, die Lahngegend und die rechts des Mains zu seiner Subsistenz zu benutzen, weil man französischer Seits,

nach Beziehung der Winterquartiere, aus jenen Gegenden sich mit Lebensmitteln zu versehen gedachte; und endlich sollte eine gegen den Schluß des Feldzugeszu beobachtende energische Defensive den letzten Zweck erreichen, nämlich den Gegner des Scheines der Ueberlegenheit zu entkleiden, welchen er angenommen habe. Die Behauptung von Münster sollte keinen Beweggrund zu einer Schlacht abgeben, obgleich man sich nicht verhehlte, daß der Besitz dieser Festung die Sicherheit der Winterquartiere der Alliir ten beeinträchtigen und das Ergreifen der Offensive für den näch

ften Feldzug nicht in Aussicht stellen würde. Stärke auftraten. Prinz Holstein, der Commandierende der 5000 M., wurde nämlich, als die am 7. September von Waldow aus oder schon früher ge meldete Nachricht von dem Falle Dresden's im Hauptquartiere Ferdinand's eintraf, zurückberufen; hierbei nahm er (Holstein) aller Wahrscheinlichkeit nach den größten Theil seiner Truppen mit sich zurück, während der Rest

feinen Marsch verfolgte. Beweis für das Letztere wäre der gegen die Sachsen n Langensalza ausgeführte Handstreich.

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Wenn auch das Versailler Cabinet darauf eingegangen war, bis zu Ende des Feldzuges defensiv zu verfahren, so wurde doch das zeitherige Verhalten, welches Contades im Einverständniffe mit d’Estrées beobachtete, von jener Seite nicht gebilligt. Belle Isle namentlich hielt die dafür angegebenen und in den Uebel fänden der Armee liegenden Gründe für unhaltbar; sowie er denn auch die Uebertreibungen tadelte, welche bei der Beurtheilung der Zustände der alliierten Armee stattfänden. Bei dieser Gele genheit will Belle-Isle nur den englischen und hessischen Truppen Tüchtigkeit beimessen, während die hannoverschen und braunschweig, fchen Truppen wenig zu beachten wären. ). Marschall d'Estrées faßte die Leistungen der Defensive an

ders auf wie Belle-Isle, welcher nicht mit Unrecht in der thätig geführten Defensive nicht einen stets fortgesetzten Rückzug, sondern das Bestreben erblickte, täglich Vortheile über den Feind zu errin gen, ohne es zur Schlacht kommen zu lassen. d'Estrées war da gegen sehr vorsichtig, er hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß Unternehmungen von einer Seite eine mögliche Auflösung der Armee zur Folge haben konnte; gleichwie er denn auch sich im Allgemeinen durch die Abwägung des Verhältnisses zwischen Ge winn und Verlust bestimmen ließ. Die Operationen der alliierten Armee, vom 10. bis zum 22. September; Vorgänge bis dahin bei der französischen Armee.

Wir verließen oben die Armee unterFerdinand in der Stellung zwischen Amönau und den Höhen nördlich von Wetter, ferner den Erbprinzen und den General Wangenheim bei Allna, endlich das Corps des Prinzen Holstein bei Bellnhausen. Am 10. Septem ber marschierten Ferdinand nach Nieder-Weimar und Wangenheim

nach Damm, während die leichten Truppen folgende Stellungen einnahmen.

-

1) Gewiß ein ungerechtes Urtheil, weil bei allen Gelegenheiten diese Truppen ihre Brauchbarkeit bethätigten und mit den übrigen Kampfgenoffeu wetteiferten. 19

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Links der Lahn in Allendorf, Londorf, Nordeck (2 M.

f-ö. Marburg) und Treis an der Lumda: die schwarzenHusaren, das preußische Freibat. (Trümbach), 1 Comp. hannoversche Jäger unter Capitän v. Bülow, die hessischen Jäger unter Capitän von Dalwigk. Ferner in Stauffenberg, Mainzlar (2/,M. f. Mar burg) und Daubringen: das Schützencorps des Oberstlieutenants v. Stockhausen; endlich in Kirchberg und Lollar: der größere Theil der Freytag'schen Jäger (Kirchberg 21% M. und Lollar 21%, M. s. Marburg). Rechts der Lahn in Rüttershausen: der Restdieser Jäger; ferner in Salzböden: 1 Comp. hannoverscher Jäger unter Capitän

Röden; in Grumbach: 1 Esc. preußischer Husaren; endlich in Hohensolms und Erda: Luckner Husaren, die gelben unter Jeanneret und 2 Comp. hannoverscher Jäger unter Friederichs, welche letzte

ren gegen Wetzlar, Hachenburg, Dillenburg und Siegen patrouil lirten"). (Rüttershausen 2,M. u.Salzböden 2M. j,Grum bach 2, M. u. Erda 3 M. f-w. Marburg). Außerdem wurden eine 300 M. starke Abtheilung unter einem Stabsoffiz. nach Ober-Walgern, eine andere von 150 M. unter einem Capitän nach Fronhausen detachirt.

Zwei Tage später, d. h. am 12. September, als die Be satzung des Marburger Schloffes das Gewehr streckte und das hessische Leibregiment Infanterie in Marburg als Besatzung zu rückblieb, wurde Ober-Walgern von dem Corps des Prinzen von Bevern besetzt. Am 16. September stieß das genannte Regiment wieder zum Corps des Prinzen, nachdem es durch eine Abtheilung von 300 M. unter Oberstlieutenant Sancé, welche die von Cor bach in Marburg eintreffende Feldbäckerei begleitet hatte, abgelöst worden war.

Der Feind blieb bis dahin nicht müssig. So unternahm derselbe am 13. eine allgemeine Fourragirung, wobei drei Deta 1) Reden's Feldzüge e, 2. B, S. 83.



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chements die leichten Truppen links der Lahn, namentlichdie Stock

hausen'schen Schützen und die Jäger, angriffen und einige Zeit hindurch zurückdrängten. Außer diesem Vorfalle fand am 11.Sep tember der Abmarsch des seither bei der französischen Armee ge standenen sächsischen Corps in die Gegend von Würzburg statt. Die Einnahme von Torgau und Dresden durch die Reichsarmee hatte früherhin bei dem französischen Cabinet die Absicht hervor gerufen, jenes bis auf etwa 3000 M. zusammengeschmolzene Corps nach Sachsen marschieren und mit den 4000M. sächsischer Cava lerie vereinigen zu lassen, die bisher bei der österreichischen Armee gestanden hatten. Man versprach sich von dieser Maßregel viel betreffs der Festigung des wiedergewonnenen Besitzes des Kurfür ftenthumes für den König von Polen; da jedochdie österreichischen Truppen Sachsen behaupteten, so verblieben die Sachsen bei Würz burg und vereinigten sich mit der Reichsarmee.

Im Oktober

standen indeß dieselben beiFrankfurt a. M. und wurden hier, wie bereits bei Würzburg, durch fortgesetzte Recrutierung ergänzt. Am 17. September marschierte Wangenheim bisHohensolms, dagegen ging Prinz Bevern nach Damm; die Armee unter Fer dinand aber rückte am 18. September in das Lager zwischen Fronhausen und Ober-Walgern, während Prinz Holstein bei Odenhausen die Lahn überschritt und bei Rüttershausen Stellung nahm.

Gleichzeitig wurde eine Jägerabtheilung und zwar der

größte Theil sämmtlicher Jäger bis Wismar (", M. n.Gieffen) resp.Launsbach vorgeschoben, während links der Lahn, außer einem von der Armee gegebenen 450 M. starken Detachement in der 6 Kanonen besetzten Redoute bei Wolfshausen, nur 1 Esc.

schwarzer Husaren und 1 Comp. Jäger zurückblieben. HerzogFerdinand entwarf nun abermals den Plan, die Fran zosen auf ihrer linken Flanke zu umgehen, um sie zum Rückzuge nach Friedberg zu nöthigen; zumal, da er an der folgenreichen Ausführung vielleicht wohl um so weniger zweifelte, als er mit allem Grunde anzunehmen vermochte, daß die Nachrichten über

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den Sieg des Admirales Boscawen so wie über die von den Briten auch in Amerika errungenen Vortheile immerhin einen niederdrückenden Einfluß auf die feindliche Armee und deren Führer ausüben mußten.

General Wangenheim rückte, dem obigen Zwecke entsprechend,

am 18. September bisHermannstein vor und detachirte denOberst Luckner mit 3Esc. Husaren, 1 Comp. JägerzuFußund 1 Comp. Jäger zu Pferd über die Lahn in der Richtung von Steindorf (/ M. f-w. Wetzlar), theils um die Franzosen aus Wetzlar zu vertreiben, theils um deren Stellung c. zu recognosciren. Die jelben hatten jedoch bereits diesen Ort verlaffen und sich in den dortigen Weingärten aufgestellt; weßhalb der Angriff der Husaren Luckner's unterblieb, dagegen aber die Jäger in die Stadt ein drangen, hier indeß nur kurze Zeit verblieben, da Broglio einige Bataillone zur Unterstützung vorsendete. Luckner ging nun über die Lahn zurück und schloß sich dem General Wangenheim wieder an, welcher Tags darauf (19. September) auf den Höhen von Hermannstein Stellung nahm, während Prinz Bevern bis zu diesem Orte rückte und die Orte Kinzenbach, Heuchelheim, Albach, Waldgirmes, Girmes, Altenburg und Naunheim von den leichten

Truppen besetzt wurden (Heuchelheim 24Min., Waldgirmes 1.M. und Girmes 11%, M. w. Gieffen). Außerdem ging ein Deta chement unter dem Capitän Düring von dem Wangenheim'schen Corps zur Besetzung des Schlosses in Dillenburg ab. An demselben Tage marschierte die Armee unter Ferdinand

in das Lager bei Crofdorf, woselbst er hinter den Höhen von Fetzberg und Gleiberg so Stellung nahm, daß der rechte Flügel sich in einem Bogen gegen Fellingshausen und der linke gegen Wismar wendete. Das Hauptquartier des Herzogs kam nach Crofdorf. (Fetzberg / M., Gleiberg / M. und Fellingshausen 1 M. n-w. Gieffen). Die französische Armee, nur durch die Lahn von den Alliierten geschieden, hatte bereits mit der Instandsetzung der Festungswerke

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von Gieffen begonnen, am 20. September aber die Stadt Wetz lar mit einer über 2000 M. starken Abtheilung besetzt. Am 22. September änderte sich dagegen die Stellung der Franzosen dahin, daß die kleine Armee unter Broglio mit ihrem linkenFlü gel sich an Wetzlar und mit dem rechten an Dudenhofen lehnte; welcher Stellung sich die der Hauptarmee unter Contades zwischen Allendorf und Gießen anschloß. Das kleine Corps des Prinzen Beaufremont blieb in Klein-Linden stehen; zwischen ihm und der Hauptarmee stand der Graf Noailles mit 2 Inf-Brig. Auf alliierter Seite schob man an demselben Tage ein Cav. Regt. und 2. Bat. auf die Höhen des Wettebergs vor; sowie denn auch die Anordnung getroffen wurde, daß die Piquets der Armee jeden Abend en échelon längs der Front derselben vor gehen mußten. – Betrachtung über die Operationen der alliierten und der fran zösischen Armee, vom 2. August bis zum 19. September.

Die zu dieser oder jener Handlung zwingenden Motive eines Feldherrn ermitteln zu wollen, ist bekanntlich an und für sich eine schwierige Aufgabe. Der Wechsel, der Umfang und die Natur der moralischen Eindrücke, die Geistesstimmung und die augen blickliche Anschauung und Beurtheilung dieser oder jener Sachlage, welche Dinge so bestimmend aufdie Entschlüsse einwirken,– entziehen sich in der Regel einem jeden Calcul des Forschers, während diesem

selbst nur das Sichtbare in irgend einer Situation zur Verarbeitung übrig bleibt. Das Obige findet ganz besonders seine Anwendung auf Rückzüge vor einem Feinde, der noch kurz vorher durch seine Taktik, seinen Scharfblick und seine zähe Tapferkeit einen ent scheidenden Sieg errang; indeß der Gegner, neben der Einbuße an Streitkräften, mit jedem weiteren Schritte rückwärts das Ge wicht der Verantwortlichkeit in verstärktem Maße empfinden muß. In diesen Lagen befanden sich HerzogFerdinand und Marschall Contades nach der Schlacht bei Minden. Der letztere, obwohl

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ihm noch bedeutende Kräfte sowohldiesseits alsjenseits des Wiehen gebirges zu Gebote standen, mit denen er, sich rasch vereinigend, bei einem Rückzuge über Herford nach Paderborn wiederholt dem Feinde entgegen zu treten vermochte, – zog es vor, seine Rück

zugslinie auf das rechte Ufer der Weser zu verlegen, während d'Armentières und Chevreue links dieses Stromes ihren Marsch nach Caffel richteten, nachdem von denselben zuvor Verstärkungen

nach Wesel, Münster und Düsseldorf abgegangen waren. Mit der Wahl des rechten Weserufers zum Rückzuge, die wohl hauptsächlich durch die Vorgänge bei Gohfeld veranlaßt wurde, gab Contades zunächst seine Magazine sowie Münster auf und tauschte dafür einen bei weitem längeren Weg ein, welcher ihn durch schwierige Defileen nach Hessen führen sollte. Daß Contades sich aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Crfolge des Erbprinzen so imponieren ließ, um dabeidie Abschätzung

des Verhältnisses der Streitkräfte desselben zu denen der Generale Armentières und Chevreue außer Acht zu lassen, – gibt wohl den Beweis, daß die moralische Herabstimmung der bei Minden geschlagenen Armee eine bedeutende gewesen sein muß. Die ge nannten Generale waren stark genug, den Fortschritten des Erb

prinzen Einhalt zu thun, zumal da Chevreuse bereits bei Bielefeld stand und durch ein rasches Vorrücken gegen Herford hier vorerst die Position einzunehmen vermochte,welche derHauptarmee des Mar schalls Contades bei deren Rückzug gegen Paderborn gesichertwerden

mußte. d'Armentières konnte dagegen in der Richtung auf Det mold die Vereinigung resp. Unterstützung des Herzogs Chevreue bewirken, oder aber direct über Bielefeld dies thun, je nachdem

der Erbprinz sich gegen Hameln oder gegen Herford gewendet haben würde.

Der Vorschlag Broglios, oberhalb Hameln mit der Haupt armee über die Weser zu gehen, sich mit d’Armentières und

Chevreue zu vereinigen c, hielt gleichsam die Mitte in der Wahl des linken oder rechten Weserufers zum Rückzuge; die dazu zu



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verwendende Zeit ließ aber zugleich voraussetzen, daß die Verfol gung durch die Alliierten nur eine mäßige sein mußte, da auch diese einiger Ruhe bedurften, um, namentlich hinsichtlich der

schwierigen Verpflegungsverhältniffe, sich eben zur Verfolgung vor zubereiten. Die französische Armee war in dieser Beziehung auf dem rechten Weserufer noch übler daran, denn abgeschnitten von

ihren Magazinen, ihre Verpflegung nur an Ort und Stelle und aus eisernen Beständen bestreitend, – drohte ihr Rückzug ein sehr gefahrvoller zu werden, wenn nicht deren Arrièregarde bei Eimbeck und Münden mit hingebender Tapferkeit dem heftig ver

folgenden Erbprinzen entgegen getreten wäre. So viele Beschwer den, bezüglich der Defileen, von der Armee Contades" auch auf dem rechten Weserufer zu überwinden waren, so bleibt es doch

sehr zweifelhaft, ob ihr Rückzug auf dem linken Ufer bei den dort überaus schlechten Wegen leichter und damit in kürzerer Zeit hätte von Statten gehen können. Insofern ließe sich die Wahl der Rückzugslinie auf dem rechten Ufer der Weser rechtfertigen; zumal

da d’Armentières und Chevreue durch ihre Anwesenheit auf dem linken Ufer nicht nur den Marsch der Hauptarmee cotoyirend sicherten, sondern auch dem bedeutsamen Punkte Caffel auf dem kürzesten Wege sich näherten.

- Die beiden Generale hatten hiermit eine schwierige Aufgabe bekommen. Auf der einen Seite mußten sie möglicherweise einen energischen Widerstand den Verfolgenden leisten und immer in einiger Berührung mit denselben bleiben, während sie auf der an deren Seite die Sicherheit Caffel's, als eines Hauptverpflegungs

punktes, zu erstreben hatten. Der Uebergang des Erbprinzen über die Weser beiHerstelle erschwerte noch diese Verhältniffe und konnte, da derselbe bereits am 14. August bei Warburg eintraf, die Ar mee Ferdinand's aber am 13. August die Defileen von Stadt

berge hinterlegte – zum Verderben des Armentières'schen Corps ausfallen, wenn auf Seiten Ferdinand’s noch schneller operiert worden wäre.

-



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Derselbe hatte bei der Verfolgung freilich den kürzesten Weg für die Armee gewählt, doch, wie wir wissen, auch einen sehr schwierigen, dessen Nachtheile betreffs des langsamen Vorrückens nur mäßig durch das Verhalten des Erbprinzen auf dem rechten Weserufer ausgeglichen wurden. Daß Ferdinand's Verfolgung keine beschleunigtere sein konnte, lag zumeist in den Subsistenzver hältniffen, dann aber auch wohl in der damit in enger Verbindung stehenden Oekonomie der Streitkräfte, welche um so mehr Be rücksichtigung finden mußte, als die vorausgegangenen mannig fachen Anstrengungen sich noch nachträglich zur Geltung brachten,

Herzog Ferdinand scheint überhaupt das weitere Resultat der Schlacht bei Minden weniger in den mit der Verfolgung in der Regel verbundenen Vortheilen, als vielmehr in der auch ohne ernstliche Verfolgung gesicherten Aussicht erblickt zu haben, daß Contades die Länder Hannover und Heffen schleunigst zu verlassen suchen würde. Das schnelle Ausweichen der Franzosen auf das

rechte Weserufer berechtigte indes gerade nicht zu dieser Annahme; es bethätigte aber die geringe Zuversicht, welche der Marschall in die Widerstandskraft seiner Armee setzte, sowie die damit verbun

dene eigene Besorgniß, jene in eine Lage zu versetzen, bei welcher ein abermaliger Sieg der Alliierten die zerrütteten Finanzen Frank

reichs in ungewöhnlichen Anspruch genommen haben würde. Nach Mauvillon ) würde der Rückzug der Franzosen um so verderblicher für dieselben gewesen sein, wenn Herzog Ferdinand mit dem größten Theile seiner Armee am westlichen Ufer der

Weser mit Schnelligkeit vorgedrungen wäre, um die Pässe von Münden und Witzenhausen zu versperren. An dieses Vordringen knüpft aber Mauvillon die Bedingung, daß die verfolgende Armee

so leicht wie möglich gemacht werden mußte, um namentlich bei den beschwerlichen Wegen des genannten Ufers fortkommen zu

können. Der Erfolg eines solchen Verfahrens hätte, nach demselben 1) S. Mauvillon's Geschichte Ferdinand’s, Herzogs von Braunschweig Lüneburg, 2. B, S. 72 u. 73.



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Schriftsteller, ein bedeutender sein müffen; denn ohne Bagage und ohne Magazine wäre die französische Armee gewiß fürchterlich zusammengeschmolzen, so wie denn auch ihre Flucht sich durch Thüringen und Franken gegen den Main gerichtet haben würde,

um erst hinter diesem Fluffe sich in Sicherheit zu sehen. Mau villon fügt nun weiter hinzu, daß bei der schnellen Verfolgung und dem schnellen RückzugTruppentheile aufbeiden Seiten natürlich

hätten zurückbleiben müssen, dieses hätte übrigens kein Hinderniß abgeben können, d"Armentières und Chevreue in Respekt zu er

halten und der französischen Hauptarmee den Durchgang durch die Mündenschen Defilees zn versperren. - Bei der damaligen im Allgemeinen gerade nicht allzugroßen Beweglichkeit der Armeen – von denen natürlich die unter

Friedrich dem Großen agierenden Armeen eine rühmliche Ausnahme machten –, die überdies noch durch die Verpflegungsverhältniffe

erschwert wurde, hätte selbst der energische Herzog Ferdinand bei aller Befähigung seiner wohlgeübten Armee, vergleichungsweise

schnelle Märsche auszuführen, es schwerlich vermocht, solche Re sultate, wie die oben angegebenen, zu erringen, ohne einen sehr beträchtlichen Theil seiner Streitkräfte in Gefahr zu bringen, aus Erschöpfung c. längere Zeit hindurch in Unthätigkeit zu verbleiben.

Die Verantwortlichkeit, welche auf dem Herzoge lastete, verbot, nachdem der Feind aus dem Felde geschlagen worden war, wohl einigermaßen die Anwendung extremer Mittel; wenn gleich nicht zu läugnen ist, daß der Vormarsch der Armee unter Ferdinand etwas schneller stattfinden konnte, um die französischen Corps auf dem linken Weserufer in größere Bedrängniß zu bringen.

Die wohl kombinierten Bewegungen der Alliierten, nach der Hinterlegung der Defileen bei Stadtberge, sicheren dem Herzog Ferdinand das unbestreitbare Verdienst: – unter beinahe gar

keinem Verluste die Franzosen zum Aufgeben des wichtigen Punktes Caffel bewogen zu haben. Daran mußte sich natürlich der Rückzug des französischen Feldherrn hinter die Ohm und Lahm

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knüpfen, wenn gleich derselbe immerhin noch stark genug war, die verschiedenen Positionen zum kräftigeren Widerstande gegen den Verfolger zu benutzen.

Erst mit dem Beziehen der Stellungen bei Groß-Seelheim und hinter der Lahn zwischen Sarnau und Goßfelden wurde bei Contades die Absicht bemerkbar, dem weiteren Vordringen Ferdi nand’s entgegen treten zu wollen; die Lage beider Stellungen zu

einander setzte aber die französische Armee der Gefahr aus, ge trennt und einzeln geschlagen zu werden, wenn die Brücke von Cölbe mit Uebermacht forciert worden wäre. Statt dessen zog es Ferdinand vor, die linke Flanke des Feindes, wie früher, zu

bedrohen; – ein Unternehmen, welches mit den Ueberfällen von Wetter und Nieder-Weimar nicht unbedeutende Erfolge erhielt. Nach Tempelhofs Ansicht) wäre die Aufstellung der ganzen französischen Armee rechts der Lahn die zweckmäßigere gewesen und die Alliierten hätten es nicht wagen dürfen, den Uebergang über

diesen Fluß behufs eines Angriffes zu unternehmen, wenn Herzog Broglio sich mit seinem Corps längs der Lahn bis Laasphe aus gebreitet haben würde. Es läßt sich wohl nicht läugnen, daß durch eine solche Aufstellung hinter der Lahn Gießen und Wetzlar gedeckt wurden; daß ferner bei einem etwaigen Vorgehen.Ferdinand's

auf dem linken Ufer gegen Gießen die Verbindung desselben mit Westfalen resp. Lippstadt bedroht werden konnte; daß endlich bei jener Bewegung von Seiten der Alliierten ein Umweg gemacht werden mußte, wodurch die Franzosen auf einem kürzeren Wege

ihnen zuvorzukommen vermochten. Bei diesen Vortheilen bleibt es indeß sehr problematisch

ob Eontades bei einer mehr als 3% Meilen langen Stellung im Stande gewesen wäre, sich längere Zeit zu behaupten. Zu seiner Verpflegung hatte er freilich in Gießen ac. reichliche Mittel, der Transport derselben aber auf schwierigen Wegen, die namentlich 1) S. Tempelhofs Geschichte des siebenjährigen Krieges c. 3.B, S.308.

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in der Stellung selbst, in den dortigen Gebirgen, anzutreffen

waren, mußte auf die Dauer um so mehr Hindernisse der regel mäßigen Verpflegung in den Weg legen, als die ungemeine und umsichtige Thätigkeit der leichten Truppen der Alliierten ein öfteres Aufheben der Convois voraussehen ließ. Aber auch abge fehen von diesen bedenklichen Störungen hätte es nicht zu den Unwahrscheinlichkeiten gehört, daß Ferdinand bei der so sehr aus gedehnten Stellung der Franzosen einen Punkt aufgefunden haben würde, wo ein concentrischer Angriff, nach vorausgegangenen De monstrationen betreffs des Ueberganges über die Lahn, zu den ergiebigsten Folgen für die Alliierten führen konnte. Die Blokade und Belagerung von Münster, vom 26. August bis zum 21. November. Bevor wir den weiteren Ereigniffen zwischen den beiden

gegenüberstehenden Armeen des Marschalls Contades und des Herzogs Ferdinand folgen, mögen sich unsere Blicke auf die Vor gänge in Westfalen richten, wo bekanntlich Münster von dem General Imhof belagert wurde. Wir haben am 20. August diesen General mit 5 Bat., 4 Schwadr. und einer Abtheilung

hefischer Husaren und Jäger von Volkmarsen nach jener Festung abziehen sehen. Ihm folgte am 27. desselben Monates Marquis

d'Armentières mit der bekannten Weisung ). Das anhaltende Regenwetter hatte die Wege nach Westfalen in den schlechtesten Zustand versetzt, so daß Imhof mit seinem

Corps erst am 26. August vor Münster eintraf und diese Festung einzuschließen begann. d'Armentières war dagegen am 2. September in Wesel angekommen und hatte in kurzer Zeit 10 Bat., 4 Esc. Dragoner und einen kleinen Artilleriepark ver sammelt, so wie denn auch von ihm alle Anordnungen betreffs

der Anhäufung von Lebensmitteln und der Einrichtung eines fliegenden Hospitales getroffen worden waren. 1) S. „Abgang des Marquis d'Armentières nach dem Niederrhein.“

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In der Nacht vom 26. zum 27. August schloß Imhof die Festung völlig ein, nachdem deren Commandant Gayon, welcher die Freiwilligen von Clermont und einige andere Verstärkungs mannschaften, im Ganzen etwa 1300 M., befehligte, vergeblich zur Uebergabe aufgefordert worden war. Erst am 2. September trafen 10 Kanonen und 8 Mörser Belagerungsgeschütz von

Hameln bei dem Corps Imhofs ein und in der folgenden Nacht wurden die Trancheen in nordöstlicher Richtung von Münster eröffnet.

General Gayon war schon früher bedacht gewesen, die Festungswerke Münster's durch vorgelegte Redouten zu verstärken, und die begonnenen Arbeiten wurden nun rasch beendigt. Von diesen Redouten befanden sich die Redoute Nr. I mit einigen Redans zu ihrer Unterstützung auf der Emking-Mühle im Nord osten; die Redoute Nr. II vor dem Egidien-Thore im Süden; die Redoute Nr. III auf dem St. Moritzsteinwege im Osten; und die Redoute Nr. IV in der Nähe der Nr. III in dem Wein händler Lohaus Garten. Zunächst etablierte Imhof 2 Geschütze hinter der im Nord osten der Festung gelegenen Schnarenburg und beschoß damit die Redoute Nr. I. Tags darauf stellte man statt der beidenKanonen 2 Mörser auf und bewarf die Redoute mit Bomben. Inzwischen war die Tranchée bei der Schnarenburg eröffnet und fortgesetzt worden; ebenso hatte man hier, so wie in dem in der Nähe ge legenen Niehoffs Kamp zwei Batterien errichtet, von denen die eine 6 Mörser und die andere 8 Kanonen zählte. Am 3. September bewarf man die Stadt mit Bomben und glühenden Kugeln und setzte dieses Feuer bis gegen Mitternacht fort. Der Schaden, welcher dadurch angerichtet wurde, war sehr bedeutend, indem das ganze Martinsquartier abbrannte und auch der Drostische Palast eingeäschert wurde, in welchem das Jahr zuvor Herzog Ferdinand sein Winter-Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

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Am 4. und 5. September fuhr man auf der Seite der Be lagerer mit dem Beschießen der Redouten I, III und IV fort; auch begann man neue Batteriebauten, als die Nachricht von der

Annäherung des Marquis d'Armentières bei General Imhof ein traf. Dieser nahm nun, nach einem Verluste von nur 1 Todten und 4 Verwundeten, eine rückwärts von Münster gelegene Stellung bei Telgte ); dem Marquis d'Armentières aber, welcher mit seinem 6- bis 7000 M. starken Corps am 4. September bereits bei Borken stand, gelang es, die Festungsbesatzung mit 2 Bat.

Schweizer zu verstärken und mit einem Vorrathe von Lebensmit teln zu versehen. d'Armentières wagte indeß nicht, die vortheil hafte Stellung Imhofs anzugreifen und zog sich daher am 12“ September über Dülmen und Cösfeld zurück, Imhof aber rückte hierauf wieder vor und wandelte vorerst, wegen der Nähe des Armentières'schen Corps, die Belagerung in eine Blokade um.

Die leichten Truppen Imhofs streiften dagegen bis zur Lippe, sowie nach Dülmen und Cösfeld, und machten bei Großen-Recken 16 Gefangene. Inzwischen hatte das Corps d'Armentières" durch Zuzüge aus Flandern die Stärke von 17 Bat. und 16 Esc. er reicht und war von Wesel, wohin es zurückgegangen, nach Reck linghausen aufgebrochen, woselbst es am 22. September eintraf.

Die vorausstreifenden leichten Truppen unter dem Vicomte d'Es cars griffen zu gleicher Zeit eine Abtheilung der leichten Truppen 1) Da Imhof fast über eine gleiche Truppenzahl, wie Armentières, ver fügte, so glaubte Herzog Ferdinand, jener müffe von einer Art panischen Schrecken ergriffen worden sein, so daß er (Imhof) statt Münster zm nehmen, sogar zweifelte, den Feind von der Belagerung von Lippstadt abhalten zu können, besonders wenn die von Flandern gegen den Rhein heranziehenden französischen Truppen, die am 5. September in Roermonde erwartet wurden, die Richtung gegen Wesel einschlagen sollten. Diese Verhältniffe beunruhig ten fehr den Herzog; auch schickte er feinen Adjutanten, Major Bülow, nach Westfalen, um über den Stand der Dinge genaue Erkundigung einzuziehen

während er selbst Anstalten traf, um im Monat Oktober die Belagerung von Münster mit vermehrter Stärke wieder beginnen zu können. (S.v. d. Knese beck, 1. B., S. 453 u. w.)

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Imhofs bei Lünen an, schlugen sie in die Flucht, machten einige Gefangene und gingen dann gegen Soest vor. Eine andere Ab theilung rückte gegen Hamm; sämmtliche Abtheilungen aber trieben überall ansehnliche Lieferungen an Geld und Fourrage ein

und führten aus Unna, Hamm und Soest Magistratspersonen als Geißeln mit sich fort. Alle diese Bewegungen, obgleich sie bald mit einem aber

maligen Zurückgehen des Feindes endigten, erregten doch immer hin Besorgniffe wegen Lippstadt, wenn auch die Jahreszeit zu weit vorgerückt war, um noch bedeutende Fortschritte von dem

selben erwarten zu können. Um daher auch namentlich General Imhof sicherer zu stellen, wurden am 25. September von der Armee Ferdinand's zwei Cav-Regtr. in forcierten Märschen nach Westfalen detachirt, um schon am 29. September in Lippstadt die weiteren Befehle des genannten Generals zu erwarten. Eine andere Verstärkung desselben ging einige Tage später, gegen den

30. September, in die Gegend von Münster ab, nämlich 4 Bat. und 6 Esc. unter Scheither und Breitenbach sammt einem zweiten Artillerie-Train von Hameln. Gegen den 1. October befand sich die Stellung Imhofs zwischen dem Schloffe Wilkinghege und dem Dorfe Kinderhaus (Wilkinghege 40 Min. n-w. und Kinderhaus 40 Min. n. von Münfter); hinter seinem linken Flügel lag der Münster'sche Canal, vor der Front der Kinderbach, ein Zufluß links der Aa, sowie Münster selbst. d'Armentières stand dagegen am 28.September in Lünen mit dem Gros seiner Truppen. Der in Münster noch immer herrschende Mangel an Lebensmitteln ließ d'Armentières

abermals den Entschluß fassen, diese Stadt, und zwar diesmal mittelt eines in 460 wohlbeladenen Wagen bestehenden Convois, zu verproviantieren. Die bedeutende Truppenstärke des Marquis

bot hierzu genügende Mittel; derzufolge Generalmajor Marquis d'Auvet mit dem Lebensmitteltransporte unter einer entsprechenden Escorte am 27. September von Wesel aufbrach und seinen Weg

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über Cösfeld, Darup c. bis nach Münster nahm. Noch am 28. September verließ d'Armentières Lünen und marschierte nach

Recklinghausen; am 29. aber wendete er sich gegen Haltern, ging hier über die Lippe und traf noch an demselben Tage in Dülmen ein, während das Gepäck c. seiner Truppen die Straße nach Dorsten verfolgte. Durch die vorausgegangenen Bewegungen der Franzosen in der Richtung von Hamm und Soest war die Auf merksamkeit Imhofs zum Theil nach Lippstadt hin gelenkt wor den; und es kam dieser Umstand jetzt dem Unternehmen des Mar quis d'Armentières sehr zu Statten. Derselbe befand sich am 30. September in Nottuln, noch bevor die Spitze des Convois daselbst angelangt war, und detachirte in der folgenden Nacht eine

Abtheilung gegen Roxel wodurch die linke Flanke des heranziehen den Convois gesichert erschien, dem von Seiten Gayon's, des Commandanten von Münster, eine beträchtliche Abtheilung zur Aufnahme entgegen gesendet worden war. Auch General Imhof hatte ein ansehnliches Detachement über die Aa nach Albachten

geschickt; dasselbe wurde jedoch bei demimmermehr verstärkten An griffe von Seiten einer von Nottuln vorgeschobenen französischen

Abtheilung zum Rückzuge genöthigt. Der Convoi hatte unterdessen seinen Marsch fortgesetzt und war dabei insbesondere durch die

Stellung gedeckt worden, welche Marquis d'Auvet auf den Höhen jüdwestlich von Kinderhaus zur Beobachtung des Imhof'schen

Lagers genommen hatte. Es entspann sich hierbei eine Kanonade, die auch von der Citadelle der Festung aus genährt wurde, wobei indeß auf beiden Seiten nur wenig Leute blieben oder verwundet wurden.

Der Convoi gelangte glücklich in die Stadt; Armentières aber zog sich, nachdem bei Imhof die am 30. September abge gangenen Verstärkungen in den ersten Tagen des Oktobers einge troffen waren, über Dorsten, näher an Wesel, zurück und ließ in dem ersteren Orte eine Besatzung stehen. General Imhof nahm dagegen eine Stellung zwischen Buldern und Darup bei Appel Renouard Gesch. II. Bd.

20

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hülsen; doch blieb Oberst Reden mit 11% Bat. (Marschall und die Hälfte von Reden) und 1 Esc. (Busch Dragoner) zur Blo kade von Münster zurück.

In Dorsten stand Oberstlieutenant Merlet mit 130 M. Diese Abtheilung sollte am 12. Oktober durch den Generaladju tanten Herzog Ferdinand’s, Major Bülow, angegriffen und ver trieben werden. Demselben wurden zu dem Ende 1200M. In fanterie, Cavalerie und leichte Truppen, worunter eine Abtheilung

hefischer Jäger, nebst 2 Kanonen zugetheilt, mit welchen er an jenem Tage gegen Mittag vor Dorsten erschien. Major Bülow selbst, an der Spitze einer kleinen Husaren-Abtheilung, drang zuerst gegen die über die Lippe führende Brücke vor, hieb hier eine Schildwache nieder und jagte die schwache Wachtmannschaft, welche in einem zerfallenen Gebäude stand, über die Brücke zurück in die Stadt. Hier hatte man inzwischen Zeit gefunden, das Thor derselben zu schließen; doch die hessischen Jäger und die Scheither'schen Grenadiere unter Anführung des hessischen Majors v. Buttlar drangen schnell vor, forcierten das Thor und gelangten nach kurzem Widerstande in die Stadt. Merlet nahm seinen

Rückzug durch Hecken und Gärten in der Richtung von Cruden burg; in der Stadt selbst wurden 2Capit., 2.Lieut. und 80Sold.

zu Gefangenen gemacht, sowie Bagage und Gewehre erbeutet. Die Stellungen, welche um diese Zeit die Truppen Imhofs bei der Blokade Münster's einnahmen, befanden sich an folgenden Orten: die erste Brigade unter General-Major v. Zastrow, resp. Oberst Reden: 3 Bat. bei Diehburg (3), M. n.-ö. Münster); die zweite Brigade unter Generalmajor v. Post: 2 Bat. bei

Haus Lütkenbeck (40 Min. f-ö. Münster); die dritte Brigade unter Oberst v.Fersen: 3 Bat, worunter

das hessische Landbat. Gundlach, bei Feldhaus (*), M. f-w. von Münster); die vierte Brigade unter OberstlieutenantHegemann: 2 Bat, worunter das hessische Bat. Grenadier, bei Roxel;

U – 307



die fünfte Brigade unter Oberst Boyd: 3 Bat. und 2 Esc. bei Kinderhaus. Zum Schutze der Blokade fand beiAppelhülsen die Division des Generallieutenants v. Imhof unter den Generalmajoren von Scheither und v. Breitenbach. Dieselbe bestand aus 6 Bat, worunter das hessische Bat. Malsburg"), und aus 14 Esc., unter denen sich die hessischen Regtr. Leibregiment (2 Esc.) und Prüschenk (2 Esc) befanden. Diesen Anordnungen gegenüber zeigte sich General Gayon sehr thätig. So war es am 15. Oktober, als Oberftlieutenant Boisclaireau an der Spitze eines beträchtlichen Detachements In

fanterie nebst 3 Kanonen bis an das linke Ufer der Aa, dem Lager bei Roxel gegenüber, vordrang, hier ein heftiges Feuer auf daffelbe eröffnete und dadurch die Truppen Hegemann's zu einer zeitweiligen Verlegung des Lagers nöthigte.

Ein zweiter Ausfall in der Nacht vom 15.zum 16. Oktober richtete sich unter demselben Offizier gegen das Lager bei Dieh burg. Die dazu bestimmte Abtheilung in der Stärke von 725 M.

wurde von Boisclaireau in drei Haufen geheilt, von denen der zur Linken unter Oberstlieutenant Escher aus 300 Schweizern, der zur Rechten aus 125 M. von den Dragonern von Thianges und den Freiwilligen Clermont unter Capitän Cavanad bestand, endlich der Rest des Ganzen unter Boisclaireau selbst die Mitte

einnahm. Die bei Diehburg aufgestellten 3 Bat. hatten ziemlich große Zwischenräume, welcher Nachtheil von dem Feinde trefflich benutzt wurde, indem sich derselbe im raschen Anlaufe auf die Bataillone warf, noch bevor diese zum Gefechte geordnet vor den

Zelten standen. Der Verlust der so überraschten Truppen betrug 166 M. an Todten, Verwundeten und Gefangenen. Das Bat.

Marschall hatte indeß den meisten Verlust, denn es büßte allein 1) Canitz, der frühere Commandeur dieses Bataillons, starb am 18. August 1759 an feiner in dem Gefechte bei Sandershausen erhaltenen Wunde; statt feiner erhielt Oberstlieutenant v. d. Malsburg das Bataillon. 20 •

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1 Fahne, 1 Kanone, viele Montierungsstücke und Gewehre ein, sowie es denn auch 4 Offiz. und 123 Sold. gefangen verlor. Die Franzosen, welche vor dem Antreten ihres Rückzuges

das Lager anzündeten, büßten dagegen 76 M. an Todten und Verwundeten ein; unter den letzteren befanden sich 6 Offiz.; 26 M. wurden gefangen. Bis zum Wiederbeginnen der Belagerung von Münster in

der Nacht vom 8. zum 9. November fanden nun keine bemerkens werthen Feindseligkeiten mehr vor der Festung statt; dagegen war

man auf beiden Seiten eifrig bedacht, zu dem bevorstehenden Kampfe sich möglichst zu verstärken. So war Generallieutenant Gilsa am 24. Oktober mit 4 Bat., worunter das hessische Bat. Erb

prinz, und 3 Esc. Breitenbach Dragoner von der Armee Ferdi nand’s aufgebrochen und hatte, seiner Weisung zufolge, am 30. desselben Monates Hamm und Umgegend erreicht. Am 2. Nov. vereinigte sich Gilsa mit dem nunmehr über 17.000 M. starken

General Imhof bei Appelhülsen und machte somit einen genügenden Widerstand gegen d'Armentières wahrscheinlich, dessen Corps, nach früheren bei Herzog Ferdinand eingelaufenen Nachrichten, durch den Marquis St. Germain von der Contade'schen Armee mit 6 Bat. Schweizer und mehreren Escadronen verstärkt werden sollte.

Graf Wilhelm von Lippe-Bückeburg, von Herzog Ferdinand nunmehr mit der Leitung der Belagerung von Münster beauf tragt, war, kurze Zeit nach der Ankunft Gilsa's bei Imhof, vor der Festung eingetroffen. Mit der ihm eigenen Energie, Einsicht

und Schnelligkeit ging der Graf an die Lösung seiner Aufgabe, während Imhof mit 3 Bat. seiner Division die zeitherigen Blo kadetruppen verstärkte und starke Detachements unter Stabsoffi zieren nach Buldern, Darup und Schapdetten abgehen ließ. In der Nacht vom 8. zum 9. November eröffnete Bücke burg die Trancheen. Der wahre Angriff fand dabei im Norden

der Festung, von Kinderhaus her, der falsche dagegen im Süden derselben, „Auf der Geist“ bei der Jesuiter-Insel statt. In der

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ersteren Richtung warf man 7 Batterien für Kanonen und 2 für Mortiere auf, aus welchen nachmals der nördliche und nord

westliche Theil der Citadelle sowie die Werke in der Gegend des Neuen Thores beschossen und beworfen wurden. Während dieser Arbeiten auf Seiten der Alliierten, legten die Belagerten die Re

douten V in Cluten's Garten vor dem Höchster Thore, VII nord östlich des Mühlenbastions ohnweit des Neuen Thores, VI südlich der Festung vorwärts des St. Johannes Ravelin und endlich VIII im Südosten von Münster vor dem Servatius-Thore in der Verlängerung des dortigen Ravelins an. Die Ankunft eines beträchtlichen Theiles von Belagerungs

geschütz aus Hameln, welches bereits am 9. November in Lipp stadt eingetroffen war und die Zahl der resp. Geschütze vor Münster bis auf 58 brachte, beförderte sehr die raschen Erfolge der Be

lagerung; gleichwie denn auch 2 Esc. Malakowsky Husaren, die am 10. November von der Armee Ferdinand’s nach Westfalen detachirt worden waren, für den Streifdienst der leichten Truppen

besonders willkommen erschienen. Bis zum 18. November Morgens hatte Graf Lippe trotz der Kälte und des ungünstigen Wetters ununterbrochen an den Batterien ac. arbeiten und dieselben vollenden lassen, während ein

lebhaftes Geschützfeuer, soweit dies der Bau der Batterien ge stattete, auf die Festung spielte. Zu jener Zeit endlich vermochten sämmtliche Batterien ihr Feuer zu eröffnen, welches Tag und Nacht bis in die Nacht vom 20. zum 21. November dauerte,

dann aber die Capitulation der Besatzung zur Folge hatte. Die Stadt war bis dahin an mehreren Orten in Brand gerathen; auch wütheten bereits schon während zwei Stunden die Flammen

und das im Zeughause der Citadelle gelegene Pulvermagazin war in die Luft geflogen, als Commandant Gayon, welcher auf einen

Entsatz nicht mehr hoffen konnte, jenen Entschluß faßte. Noch in der genannten Nacht wurden das Neue Thor und

das Citadellen-Thor mit 100 M. besetzt. Der Commandant

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bekam mit der Besatzung freien Abzug, marschierte demzufolge am

22. November aus, nahm seine Marschrichtung nach Wesel, ließ jedoch die Geschütze und die Gefangenen zurück. Wenige Tage vor dem Falle Münster's, d. h. am 16. November, hatte Herzog Ferdinand, in Erwägung der Wichtigkeit dieser Festung, daran gedacht, neue Verstärkungen nach Lippstadt abgehen zu lassen. Dieselben bestanden aus 16 Stück schweren Geschützes, welche am 16. November unter der Bedeckung von zwei braunschweigischen

Gren-Bat. vom Corps des Prinzen Holstein bei Udenhausen nach Marburg gesendet wurden und am 17. nach Lippstadt ab gingen; wohin ihnen am 18. die beiden braunschweigischen Bat. Behr und das Cav-Regt. Bremer folgten. Tags darauf gingen abermalige Verstärkungen in derselben Richtung ab, und zwar die beiden Bat. Imhof nebst dem hessischen Cav-Regt. Prinz Wil helm, sowie endlich am 20. November die 2 Bat. Leibregiment nebst dem Regt. Bock Dragoner. Neben diesen Verstärkungen suchte Ferdinand auch durch

Demonstrationen die Belagerung Münsters zu erleichtern oder, was hier dasselbe, die Aufmerksamkeit des Marquis d'Armentières nach anderen Punkten zu lenken. Schon am 16. November war der Prinz von Bevern aus

dem Lager bei Crofdorf mit einer Abtheilung über Dillenburg nach Siegen detachirt worden. Bevern trafhier am 18. November ein und erhielt einen zweiten Befehl, mit 3 Gren.-Bat., wovon zwei zu dem Detachement des Obersten Wolff in Kirchhain ge hörten), und einem Drag-Regt. gegen Cöln vorzurücken, um dadurch Besorgniffe bei d’Armentières zu erwecken. Derselbe stand am 16. November bei Dorsten, drang aber an demselben Tage abermals gegen Münster, d. h. zunächst nach Haltern, vor, um, nach der Vereinigung eines nunmehr 19 Bat. und 20 Esc. starken Corps bei dem letzteren Orte, das Corps Imhofs anzu 1) S. weiter unten „Vorgänge während des Lagerns bei Crofdorf“ c.,

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greifen. Auf die Kunde von dieser Absicht des Feindes hatte sich daffelbe von Appelhülsen in das verschanzte Lager bei Roxel zurück gezogen, das Dorf Albachten aber mit 400 Jägern und Scheit her'schen Grenadieren besetzt. Inzwischen war Armentières bis zum 18. November über Seppenrade nach Senden vorgedrungen und hatte hier eine vortheilhafte Stellung genommen. - Am 19. erfolgte der weitere Vormarsch der aus dem Fischer'schen Corps,

jämmtlichen Grenadieren, den Piquets und 8 Esc. bestehenden Avantgarde gegen Albachten und Amelsbüren, wobei General Meaupeou die zum Angriffe des ersteren Ortes bestimmte Ab theilung, und General Marquis d'Auvet die gegen den letzteren Ort vordringende befehligte.

Die von Albachten ausgesendeten Patrouillen stießen bald auf den Feind und wurden, gleichwie die in dem Dorfe stehenden Truppen, zurückgedrängt, erhielten jedoch Unterstützung durch das schnell herbeieilende hannoversche Bat. Bock, wodurch die bereits über das Dorf hinaus vorgedrungenen Franzosen zum Rückzuge nach demselben gezwungen wurden.

Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hattendie Truppen Imhofs bei Roxel sich zum Gefechte aufgestellt. Das hierauf zum Angriffe auf Albachten vorgehende Bat. Laffert von der Division des Generals Gilsa vereinigte sich mit dem Bat. Bock und eröffnete mit seinen 4 Kanonen ein heftiges Feuer auf das Dorf. Doch vergeblich, denn der Feind, mit gleicher Lebhaftigkeit dies Feuer erwiedernd, blieb in dem Besitze des Ortes, während ein Gleiches bei Amelsbüren stattfand, wo nur ein verhältnißmäßig schwaches Detachement vertrieben worden war.

Am Morgen des 20. November hatten die Franzosen noch die

nämliche Stellunginne;GeneralImhofaber entschloß sich nun, die selben durch General Gilsa in der linken Flanke angreifen zu laffen, während einzweiter Angriffgleichzeitig in der Front erfolgen

sollte, Gilsa erhielt zu dem Ende 4 Bat., worunter Erbprinz, sowie 2 Esc. hessische Husaren und Jäger und einen Theil des

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Scheither'schen Corps nebst 2 6pfündigen Kanonen zugewiesen. Bei Anbruch des Tages eröffnete Gilsa mit diesen ein Feuer auf das Dorf, während ein Gleiches aufSeiten Imhof's geschah. Erst nach einer zweistündigen Kanonade gab der Feind seine Stel lung mit einem Verluste von etwa 100 M. an Todten und Ver

wundeten auf, während der der Alliierten sich auf 50 M. belief. Die in Albachten und Amelsbüren gestandenen feindlichen Ab theilungen bildeten nun die Arrièregarde des sich über Seppenrade

und Haltern nach Dorsten zurückziehenden Corps d'Armentières". Nur von den leichten Truppen der Alliierten verfolgt erreichte es am 22. November den letzteren Ort und wurde in Cantonierungs quartiere längs des Rheins verlegt. Münster bekam eine Besatzung von 6Bataillonen unter dem Obersten La Chevallerie; die am 18., 19. und 20. November nach Lippstadt resp. Münster abgegangenen Verstärkungen aber

(6 braunschweigische Bat, die Cav-Regtr. Bremer, Prinz Wil helm und Bock Dragoner = 8 Esc) marschierten in die Gegend von Marburg zurück). Auch der Prinz von Bevern wurde mit seinen 3 Bat, worunter die hessischen Bat. Grenadier und Mansbach, und

4 Esc. (Prinz Friedrich Dragoner) am 24. November dahin be ordert, wo er den Befehl über die vorgenannten Truppen über nahm, welcher aber schon am 27. November in die Hände des Erbprinzen, behufs der Expedition gegen Fulda, überging. Vorgänge während des Lagerns der alliierten Armee bei Crofdorf, vom 23. September bis Ende Oktober.

Kehren wird jetzt in das Lager bei Crofdorf zurück, um hier den Ereigniffen zu folgen, welche in dem genannten Zeitraume daselbst so wie bei der gegenüberstehenden französischen Armee stattfanden. 1) Man hatte am 19. November Nachricht von dem Erscheinen des würtembergischen Corps im Bisthum Fulda bekommen. (S. „die Expedition des Erbprinzen gegen Fulda“ c.)

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Auf beiden Seiten bestrebte man sich, die früher bezeichneten Stellungen möglichst zu befestigen. Die Gründe hierzu lagen nahe. Wenn Marschall Contades in Vereinbarung mit dem Marschall d'Estrées den resp. Weisungen, die beide von ihrem Hofe empfangen hatten"), folgen mußte, um sich während des Winters rechts des Mains zu behaupten, namentlich aber die

Festung Gießen zu sichern; so hatte dagegen Herzog Ferdinand feinen Zweck, die Vertreibung des Feindes aus Hessen, dem Lande eines der Hauptstützen des Königs, erreicht. Die Anstren gungen, welche zu diesem Ergebnisse führten, waren sehr bedeutend gewesen; daher lag auch das Bedürfniß einer längeren Ruhe der

Armee und deren weiterer Instandsetzung zur künftigen kräftigen Führung des Krieges nahe. Nächstdem gaben die ziemlich weite Entfernung von den Magazinen so wie die Belagerung von

Münster weitere und dringende Motive ab, sich an einem Punkte, wie in dem Lager bei Crofdorf, festzusetzen, von wo aus man im Stande war, dem Feinde nach allen Richtungen hin entgegen zu treten.

HerzogFerdinand, die von der Bodengestaltung dieses Lagers gebotenen Vortheile mit denen der Kunst verbindend, hatte den Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg mit der Befestigung des selben beauftragt. Demzufolge erhoben sich auf dem mit den Höhen des Fetz-, Glei-, Wette- und Tinsberges besetzten Plateau nach allen Richtungen Batterien und Redouten, welche unter sich durch zahlreiche Communicationswege verbunden waren. Solche ebenwohl von dem Grafen angelegten Wege durchschnitten nament lich in der Front, den beiden Flanken und im Rücken der Auf stellung der Armee das Gelände, und es fanden dabei häufige

Ueberbrückungen der an den Flanken vorüberfließenden und in die Lahn sich ergießenden Bäche statt. Das im Rücken der Stellung, d. h. in der Richtung von 1) S. Weisungen des Kriegsministers Belle-Isle c.

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Fellingshausen und Ober-Walgern, bewaldete Gelände wurde durch eine große Redoute auf dem Tinsberge beherrscht, während süd westlich von dem am Bierbeckbache gelegenen Dorfe Rodheim, vorwärts des rechten Flügels der Armee, sich eine ähnliche Redoute

auf der Höhe des Lausertwaldes zur Beherrschung der Gegend nach Wetzlar hin erhob. Andere Werke und zwar in noch be deutenderer Ausdehnung befanden sich auf dem weit gegen Süden

hin gestreckten Abhange des Wetteberges westlich von Launsbach ohnweit des rechten Ufers der Lahn; weiter nordwärts aber auf

den hier und da bewaldeten Höhen, die sich von dem Wetteberge abzweigen, – stand mit jenen größeren Werken eine Menge von Fleschen in Verbindung, welche mit ihren Geschützen das Lahn thal von Lollar bis südlich von Wismar bestrichen. Beide Armeen standen in ihren Lägern sich ruhig, obgleich mit anhaltender Wachsamkeit sich beobachtend, gegenüber und nur

die leichten Truppen führten in weiterer Ferne nicht unergiebige Handstreiche aus. Zu den thätigsten Führern in dieser Richtung gehörte Oberst Luckner, welcher in den letzten Tagen des Septembers in dem benachbarten Nassau streifte und am 22. dieses Monates

namentlich bei Niederbrechen ohnweit Limburg ein 400 Pferde starkes Fourrageconvoi unter Oberstlieutenant Chollet angriff, einige 40 M. und mehrere Offiziere niederhieb, an 79 M. ge fangen nahm und 97 Pferde stammt 100 mit Fourrage beladene Wagen erbeutete. Nach französischen Berichten war dagegen der Verlust Luckner's nicht unbedeutend, indem er aus 40 M. an Gefangenen und 112 Pferden bestanden haben soll. Luckner verbrannte übrigens nach dem kurzen Gefechte das in Oberbrechen befindliche Magazin, da er nicht Wagen genug zum Hinwegschaffen der Vorräthe besaß. Nächstdem wendete sich der Oberst gegen den Rhein in der Richtung von Ehrenbreitstein, wo eine stärkere französische Ab theilung schon seit längerer Zeit auf dem Glacis dieser Festung lagerte und zufolge der zwischen dem MarschallContades und dem



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Kurfürsten von Trier gepflogenen Unterhandlungen den Einlaß in dieselbe erwartete. Oberst Luckner ließ durch Major Jeanneret bei dem Commandanten Vorstellungen wegen des Schutzes machen,

den er als der Diener einer neutralen Macht den Franzosen ge währe. Der Commandant begnügte sich statt der Antwort mit einer Anfrage bei dem Kurfürsten, auf dessen Erlaubniß die fran zösischen Truppen am 24. September in die Festung einrückten, nachdem freilich schon lange Zeit vorher, d. h. während des ver floffenen Winters, man von Seiten der Franzosen Alles versucht hatte, die standhafte Weigerung des Kurfürsten zu beugen ). Ein gleiches Schicksal wie Ehrenbreitstein hatten übrigens die meisten am Rhein gelegenen festen Plätze; und es waren dies Thatsachen, welche nicht nur die Interessen der alliierten Armee sehr verletzen

mußten, sondern auch einen Beweis von der Thorheit der resp. deutschen Fürsten abgaben, so ganz ihre eigenen Interessen zu

verkennen. Schon die gewöhnliche Klugheit hätte diese Fürsten dahin führen müssen, sich möglichst dem Einflusse einer Macht zu entziehen, in deren Händen sie den Spielball einer treulosen Politik abgaben und von welcher sie, wie es die aufgefangenen Papiere des Marschalls Contades bewiesen, selbst nicht die geringste

Schonung geschweige denn Hülfeleistung zu erwarten hatten.

Wenn auf dieser Seite Herzog Ferdinand alle Ursache hatte, seine Lage für die Folgezeit als eine schwierigere betrachten zu

müssen, so gingen auf anderer Seite ihm dagegen Nachrichten zu, die ihn mancher Sorge enthoben oder die moralische Thätigkeit 1) Nachmals hatte Ferdinand einige Hoffnung, die genannte Festung in Folge einer geheimen Unterhandlung mit dem französischen Commandanten in Besitz zu nehmen. Ferdinand knüpfte, wie es nach feinem Schreiben an Lord Holderneffe, datiert aus Crofdorf 11. Oktober 1759, scheint, an das Gelingen derselben das Beziehen guter Winterquartiere zwischen dem Rhein und der Lahn, zumal, da für jenen Fall ein längerer Aufenthalt des Mar schalls Contades diesseits des Rheins von dem Herzog bezweifelt wurde. Im entgegengesetzten Falle aber hielt sich Ferdinand genöthigt, wieder nach West

falen zurückzukehren.

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seiner Truppen kräftigten. In ersterer Beziehung waren es namentlich die Zusicherungen des englischen Cabinets betreffs der Ergänzung der 6 englischen Bataillone und des Zuganges einer Abtheilung von 600 Bergchotten; in letzterer Beziehung dagegen die Nachrichten, welche am 20. und 23. Oktober im Hauptquar

tiere des Herzogs über die von den britischen Waffen in Indien und Amerika errungenen Erfolge eintrafen.

Jene Verstärkung

war freilich an und für sich nicht bedeutend, fiel ließ aber doch Ferdinand hoffen, daß das britische Ministerium, wenn sonst die von Frankreich her drohende Invasion keine Hindernisse in den Weg legte, der Bitte, noch 8 Bat. und 13 Esc. zur Armee stoßen zu laffen, Gehör geben würde. Die Streifzüge der französischen leichten Truppen beschränkten sich nicht allein auf das benachbarte nassauische Gebiet, sondern

richteten sich sogar bis in die Gegend von Marburg, weßhalb das Trümbach'sche Freibataillon nebst einigen Geschützen nachHomberg an der Ohm detachirt wurde. Auch an der Werra fanden solche Streifzüge statt und zwar von Abtheilungen, welche der in Thüringen mit einem Corps der

Reichsarmee stehende General Luschinsky dahin endete.

Eine

solche Abtheilung war in den letzten Tagen des Oktobers gegen

Wanfried und Eschwege vorgedrungen und hatte die dortigen klei nen Postenabtheilungen der Alliierten gegen Caffel zurückgedrängt. Es war nicht unwahrscheinlich, daßLuschinsky's Corps selbst jener

Abtheilung folgen würde; und da die Alliierten in Wanfried ein Magazin besaßen, auch die Verbindung mit Caffel, einem Haupt verpflegungspunkte der Armee, nicht unterbrochen werden durfte:

– so ging Oberst Wolff mit 2 Bat. und 1 Cav.-Regt. am 31.Oktober dahin ab, um nöthigenfalls einem weiteren feindlichen

Vorgehen entgegen zu treten. Diese Maßregel des Herzogs war nicht vergeblich gewesen, denn Luschinsky, bereits gegen Wanfried

im Vorrücken begriffen, wich nachMühlhausen zurück, als Oberst -

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Wolff bis auf 3 Stunden sich Eschwege genähert hatte, worauf derselbe nach Kirchhain zurückging. In Nordeck wurde am 28. Oktober eine aus 200 Pferden Finkenstein Dragoner und 50 schwarzen Husaren bestehende Ab theilung von einer Abtheilung der Freiwilligen von Flandern an gegriffen. Außer mehreren Todten und Verwundeten verloren die Alliierten 45 M. an Gefangenen und 126 Pferde. Tags vorher d. h. in der Nacht vom 27. zum 28. October, hatte ein Deta chement hannoverscher Dragoner bei Mardorf ein ähnliches Ge schick, indem es bei einem Zusammentreffen mit einer feindlichen Abtheilung einige 20 M. an Gefangenen verlor.

Die Uebertragung des Oberbefehles über die französische Armee auf den Herzog von Broglio, nebst den damit in Ver bindung stehenden Verhältniffen und Weisungen.

Wenn auch Marschall d'Estrées in seinen Berichten an das

Versailler Cabinet wiederholt auf die Unmöglichkeit hinwies, dem Herzoge Ferdinand gegenüber thätiger wie zeither zu sein; wenn er ferner auch nachwies, daß die Stärke der französischen Armee sich nicht auf 67,000 M. – wie man in Paris glaubte–fon dern nur auf 58,650 M. belaufe, während der Marschall die Stärke derAlliierten auf58000M. schätzte; wenn endlich d"Estrées das Unthunliche einer Unternehmung gegen das stark verschanzte Lager Ferdinand's bewies: so wurde doch dadurch keineswegs der Eindruck abgeschwächt, welchen die von der Armee in Paris und Versailles über die Unthätigkeit und Nachlässigkeit derselben ein laufenden Briefe hervorgerufen hatten.

Mit diesem namentlich für den Ruf des Marschalls Conta des höchst nachheiligen Umstande verknüpfte sich die durch Belle Isle und den Hof, in Folge des unthätigen Verhaltens des Mar schalls während des Septembers, gewonnene Ansicht: daß es diesem nicht gelingen möchte, den HerzogFerdinand an Truppen entsendungen an die Elbe zu verhindern. Fanden indeß solche

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Entsendungen wirklich statt, so lebten damit die der Kaiserin Maria Theresia zufolge der Verträge zustehenden Ansprüche auf

24000 M. französischer Hülfstruppen wieder auf; da diese An sprüche nur unter der ausdrücklichen Bedingung von Oester reich aufgegeben worden waren, daß Frankreich sich verpflichtete, jenen Entsendungen an die Elbe vorzubeugen. Daß unter solchen Umständen die Unzufriedenheit mit dem

Verhalten des Marschalls Contades zunehmen mußte und die Partei Broglio"s dagegen immer mehr Terrain gewann, lag auf

der Hand; und die Ergebnisse davon zeigten sichbereits in den Mit theilungen Belle-Isle's, welche derselbe vor Ablauf des Septem bers dem Marschall d'Estrées machte. Hiernach sah man sich an dem Versailler Hofe in die Nothwendigkeit versetzt, dem Her zoge Broglio den Oberbefehl über die Armee zu übergeben und dagegen Contades zurückzurufen. Neben den Machinationen der Partei Broglio's, welcher sich am 4. October nach Paris begeben

hatte, trugen zu diesem Beschluffe nicht wenig die Vorstellungen der Höfe von Wien, Petersburg, Stockholm, Copenhagen und der verbündeten deutschen Fürsten bei, denn sie alle lauteten auf die Abgabe des Oberbefehles an Broglio. Nach denselben Mitthei lungen Belle-Isles, die das Ende des Feldzuges als den Zeit punkt dieses Vorganges bezeichneten, bis dahin aber das Geheim halten des genannten Beschlusses dem Marschalld'Estrées empfah len, – war indeß Marschall Contades selbst der Absicht seiner

Gegner zuvorgekommen, indem er in Briefen an die Marquise von Pompadour und an Belle-Isle feine Entlassung angeboten hatte.

Auch gegen Marschall Contades war Belle-Isle nicht min der aufrichtig, wie gegen d’Estrées. Einen Beweis dafür finden wir in den Mittheilungen Belle-Isle"s an den ersteren, welche so ziemlich das oben bereits Erwähnte gaben und neben dem Conta des benachrichtigten, daß der König auf dessen Gesuch eingegan gen wäre.

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Herzog Broglio, am 20. December auch zum Marschall er nannt, kehrte erst am 2. November zur Armee zurück und über nahm von diesem Tage an den Oberbefehl derselben, – ein Er

eigniß, das, erst um diese Zeit stattfindend, in der That auffallen mußte, da es doch nur zu sehr in dem oben angedeuteten Intereffe des Versailler Cabinets lag, je eher je lieber den für thätiger gehaltenen Broglio an der Stelle des früheren Oberbefehlshabers zu wissen.

Die Weisungen, welche Broglio, abgesehen von den ihm etwa mündlich gegebenen Befehlen und Versprechungen, bei einem Ab

gangezur Armee erhielt, lauteten dahin, daß er stets mit gedrängter Macht den etwaigen feindlichen Angriffen, mit Rücksicht auf die fortwährende Behauptung der Stellung an der Lahn, zu begegnen habe. Ebenso sollte Broglio, behufs der Verstärkung des zum Entsatze von Münster bestimmten Corps (d'Armentières), Truppen in Mainz einschiffen laffen. Vorgänge bei der französischen und der alliierten Armee, vom Anfange November bis gegen Ende dieses Monates.

Die Ankunft Broglio"s bei der Armee hatte wiederholte Auf forderungen der alliierten Vorposten zur Folge, gegen Ueberrumpe

lungen auf ihrer Hut zu sein; Broglio aber machte mehrfache Versuche, seinen Gegner zum Verlaffen der Stellung bei Crofdorf zu nöthigen. Zu dem Ende detachirte er kurze Zeit nach seiner Ankunft in dem Lager bei Klein-Linden den Prinzen von Condé mit 10.000 M. gegen Marburg, um das in Homberg an der Ohm stehende Bat. Trümbach aufzuheben, dann aber und insbe sondere die in Marburg befindliche Feldbäckerei wegzunehmen. Die von Herzog Ferdinand getroffenen Sicherheitsmaßregeln sowie die Wachsamkeit der Truppen vereitelten jedochdieses Unternehmen, so daß Condé es für gerathener fand, seinen Rückzug anzutreten. Mit dem 5. November begann das Wetter sehr ungünstig zu werden: namentlich verdarben heftige Regengüsse die Wege in

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einem so hohen Grade, daß dadurch die Verpflegung von den weit entlegenen Punkten her sehr erschwert und überhaupt alle Truppen bewegungen beinahe verboten wurden. Es fand daher anch gerade

nichts Bemerkenswerthes während dieser Zeit, die sich auf mehrere Wochen erstreckte, im Bereiche der gegenüber lagernden Armeen statt; und das Wenige, was geschah, beschränkte sich auf den ge wöhnlichen Lagerdienst und auf Verlegung einzelner Truppentheile.

So rückte Oberst Wolff, welcher, nach der Detachirung einer beiden Bat. zu dem Prinzen von Bevern in Siegen, noch mit einem Cav.-Regt. in Kirchhain stand, am 17. November zu der in Waldgirmes unter General Dreves stehenden Abtheilung. Eine empfindliche Kälte war dem heftigen Regenwetter ge folgt. Die Folge davon war die am 21. November stattfindende Verlegung der englischen Cavalerie in die der Lagerstellung zunächst gelegenen Cantonnements, wobei jedoch die täglichen Feldwachen

und Piquets auftraten und Weisungen für den Fall eines feind lichen Angriffes gegeben wurden. Am 24. November rückten 2 Gren-Bat. von dem Corps des Prinzen Holstein, nämlich ein englisches und ein hannoversches, nach Launsbach; ebenso bezogen die hessische und hannoversche Cav. am 26. November in der

Nähe des Lagers Cantonnements. – Die Expedition des Erbprinzen von Braunschweig gegen Fulda, vom 27. November bis zum 9. Dezember,

Broglio hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, die alliierte Armee zum Verlaffen ihres verschanzten Lagers zu nöthigen. Ein Mittel hierzu sah er in einem Vorgehen der 10.000 M. würtem bergischer Truppen) unter ihrem Herzoge gegen Fulda, um dadurch sowie durch weitere Bewegungen gegenHersfeld c. die Verbindung der Alliierten mit Caffel und den Gegenden an der Werra abzu 1) S. im sechsten Abschnitte: „Allgemeines über die politischen Verhält niffe c. des Jahres 1759.

schneiden. Die vorläufige Bestimmung dieses Corps sollte jedoch von Haus aus darin bestehen, Franken zu decken und den Abgang des sächsischen Corps, welches nach Sachsen marschieren sollte, zu ersetzen. Zu diesem Abgange kam es nun bekanntlich nicht); dagegen veränderte sich auch nicht der defensive Charakter der Wirksamkeit der württembergischen Truppen, indem das Vorrücken derselben aus Fulda keineswegs als eine offensive Unternehmung betrachtet wurde, sondern, neben dem oben angegebenen Zwecke, nur zur Deckung der rechten Flanke der bei Gießen stehenden fran zösischen Armee dienen sollte.

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Das Verhältniß zwischen Broglio und dem Herzoge von Würtemberg war in Folge der Selbstständigkeit, welche dieser in Anspruch nahm, kein angenehmes, wenn gleich der erstere durch Belle-Isle die Weisung bekommen hatte, dem Herzog von Würtem berg alle Aufmerksamkeit zu beweisen. Ein Grund zu dieser Weisung lag indes in der Besorgniß: – daß der Herzog sein Corps im Unwillen verlassen könne, wobei dann abermals ähn liche Erscheinungen wie früher, namentlich betreffs der Desertion, befürchtet wurden.

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Es war am 28. Oktober, als die würtembergischen Truppen unter den Generalmajoren : v. Wolff, v. Augé und v. Gorci geführt von ihrem Herzog, von Osweil bei Ludwigsburg auf brachen und bis zum 21. November über Besigheim, Heilbronn, Neuenstadt, Möckmühl, Walddürn, Miltenberg, Gemünden und Hammelburg das Bisthum Fulda erreichten. An dem letzteren Tage besetzten die Avantgarde, das Huf-Regt. von Gorci und leichte Truppenabtheilungen die Städte Hersfeld und Vacha, wäh rend das Corps bei Fulda stand, woselbst fich, das Hauptquartier befand, Jene vorgeschobene Abtheilungen fanden zunächst ihre Unterstützung in weiter rückwärts stufenweise aufgestellten Detache ments, und die linke Flanke des Ganzen wurde durch ein 8- bis 1) S. oben die Operationen der alliierten Armee vom 10. bis zum 22. September; Vorgänge bis dahin bei der französischen Armee.“ Renouard Gesch. II. Bd.

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900 Pferde starkes Detachement unter dem Brigadier Normann

gedeckt, welches von Broglio gesendet worden war. Dasselbe nahm auf Befehl des Herzogs von Würtemberg seine Stellung in Lauterbach und Herbstein und stand durch ein zwischen ihm und Fulda aufgestelltes Inf-Bat. und 1 Eniraff-Regt. Full mit dem

Corps des Herzogs in Verbindung.

Eine weitere Vertheilung

der Truppen desselben fand bis zum 29. November in folgender

Weise statt. General Wolffwurde mit 4 Bat, 1 Esc. Grenadiere zu Pferd, 1 Ese. Dragoner und dem größten Theile der Husaren nach Hersfeld detachirt, um von hier aus längs der Fulda über Schlitz nach Lauterbach eine Postenkette zu bilden. Ein Gleiches

geschah durch General Augé mit dem größten Theile seines De tachements an der Werra, um dadurch dem Feinde den Bezug von Lebensmitteln aus den hier gelegenen Orten abzuschneiden

und zugleich Kriegssteuern einzutreiben. Es war am 19. November, als die erste Kunde von dem

Marsche der Württemberger in dem Hauptquartier Crofdorf ein traf, welche um diese Zeit sich bereits zwischen Hammelburg und Fulda befanden, während die Avantgarde die erreicht hatte. - - --- - -

letztere Stadt -

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Das Erscheinen dieser Truppen bei Fulda erregte beiHerzog Ferdinand nicht geringe Besorgniffe, doch hatte er auch bereits Mittel in der Hand, um den Fortschritten des Feindes in jener Gegend entgegentreten zu können. Wir erinnern uns hierbei der Truppentheile, welche Herzog Ferdinand am 18., 19. und 20. November von der Armee nachLippstadt resp. Münster detachirte, sowie derjenigen unter dem Prinzen von Bevern, welche am 18.

November von Siegen aus, behufs einer Diversion zu Gunsten der Belagerung von Münster, in die Gegend von Cöln abgingen ). Diese sämmtlichen Truppen fanden sich, in Folge der ihnen zugekommenen Befehle des Herzogs, am 27. November in der -

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1) S. das Ende der „Blokade und Belagerung von Münster“ e.

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Gegend von Marburg unter dem Befehle des Erbprinzen vereinigt: und zählten 9 Bat. und 12 Esc. sowie 2 Esc. schwarzer und weißer Husaren und 100 M. vom Trümbach'schen Freibat., zu sammen etwa 8000 M. Nach Abzug dieser Truppen sowie derer, welche in Westfalen standen (23 Bat., 19 Esc), verblieben dem Herzoge bei Crofdorf nur noch 27 Bat. und 25 Esc.; doch hatte er einen Courier schleunigst nach Westfalen zu General Imhof mit dem Befehle abgehen lassen: – die Expedition in

das Herzogthum Berg vorläufig einzustellen, dagegen aber ohne allen Zeitverlust 6Bat. und 6 Esc. jammtdem schweren Artillerie

Train und den 16 nach Lippstadt abgegangenen Geschützen zurück zusenden. Diese Truppen sollten nach des Herzogs Absicht zur Hülfeleistung des Königs nach Zwickau marschieren, da derselbe, nach der Gefangennahme des Generals Fink bei Maxen am 21. November, sich abermals und dringend an Ferdinand wegen schneller Unterstützung gewendet hatte. Nach des Herzogs Berechnung konnten jene Truppen nicht vor 10–12 Tagen an der Grenze Sachsens eintreffen; auch machte er deren Mitwirkung daselbst

von dem Ergebnisse der Expedition des Erbprinzen gegen Fulda abhängig. Am Abende des 27. November hatte derselbe den Befehl über die bei Marburg versammelten Truppen übernommen und

war am nächsten Tage nach Kirtorf aufgebrochen. Der am 29. November fortgesetzte Marsch richtete sich über Alsfeld nach Lauter

bach, wo die Avantgarde des Prinzen an demselben Tage auf die Abtheilung Normann’s stieß oder vielmehr dieselbe überfiel und zum eiligen Rückzuge nach Schlitz nöthigte, wobei 30 Nachzügler zu Fuß in die Hände der Alliierten fielen. Der hannoversche Capitain Graf Platen wurde, bei dem kurzen Gefechte an der Seite des Prinzen erschoffen, dessen leichte Truppen rasch dem über die Fulda zurückgehenden Feinde gefolgt waren.

Der Ueberfall war indeß die Veranlassung geworden, daß der Herzog von Würtemberg um 6 Uhr Abends. Nachricht von 21

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dem Anmarsche des Erbprinzen bekommen hatte. Oberst Nor mann erhielt demgemäß den Befehl, sogleich die Fulda wieder zu überschreiten, zwischen Lauterbach und Fulda Stellung zu nehmen, und fich dann nach Maßgabe der Umstände nach dieser Stadt

zurückzuziehen. Gleichzeitig mit der Ertheilung dieses Befehles ging die Weisung an die Generale Wolff und Augé ab, schleunigst nach Fulda aufzubrechen, wo der Herzog den Erbprinzen zu er warten gedachte. Dieser war jedoch schon in der Nacht vom 29. zum 30.

November von Lauterbach wieder aufgebrochen, um von jener Ueberraschung des Feindes möglichst Nutzen zu ziehen, und stand mit einer aus Jägern, Dragonern und Husaren bestehenden Avantgarde bereits hinter dem Schulzenberge, etwas über eine halbe Meile westlich von Fulda, bevor der Feind die Nähe des Erbprinzen entdeckte. Die Gegend von Fulda ist ziemlich offen. DerFluß gleiches

Namens bildet hier füdlich der Stadt ein nicht sehr breites von allmälig ansteigenden und meist waldlosen Höhen eingeschloffenes Thal, welches sich dicht bei Fulda nordwestlich wendet, dann aber östlich von der steil abfallenden Höhe des Frauenberges begränzt wird, während westlich die Abfälle des Schulzenberges bis an

das linke Ufer der Fulda treten. Diese waldlose Höhe, welche einen freien Blick über den größten Theil der Fuldaer Gegend, namentlich in der Richtung der Stadt gewährt, ist durch eine Thalfenkung von dem bewaldeten Haimberge im Südwesten ge trennt und liegt dicht an der Straße, die nach den Fuldabrücken westlich der Stadt führt. Von den dem Schulzenberge zur Seite gelegenen Dorfe Maberzell (Maberzell, / M. nrw.; Haimbach, 1, M. w. v.Fulda)war der überHaimbachund Nieder-Rodain das

Thal der Giesel (Zufluß links der Fulda) und von demselben auf das südlichvonFuldaficherhebende PlateaubeiJohannesbergführende Wegfür Artillerie brauchbar;– ein sehr vortheilhafter Umstand, da dieses Plateau das ganze Thal bisFulda hin, fomit also auch die

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Uebergänge des Flusses beherrscht und der genannte Weg, unge sehen vom Feinde, benutzt werden konnte. Das östlich der Fulda gelegene Terrain ist mehrfach durch Thalfenkungen und Schluchten durchschnitten, hat bei Bronzell

(Bronzell, etwa 50 Min. f. v. Fulda) einen Walddistrict und erhebt sich bis zu dem Floren-, Peters- und Rauschenberg, sämmtlich kegelförmig gestaltet und sich ziemlich steil abdachend.

- Die Anordnungen, welche der Herzog von Württemberg zeither getroffen hatte, verdienen kein Lob, indem er seine Truppen viel

zu sehr, d. h. im Mißverhältnisse zu ihrer Stärke, zerstreut hatte, um einem feindlichen Angriffe mit genügenden Streitkräften be

gegnen zu können. Dieses machtheilige Verhältniß mußte aber zu um so größeren Verlusten führen, als die württembergischen Vor

posten nicht weit genug vorgeschoben worden waren und man es versäumt hatte, jenes Plateau zu besetzen. Nächstdem war die Stellung des herzoglichen Corps links der Fulda keine vor theilhafte, denn mit dem Rücken gegen diesen Fluß und die Stadt

gewendet, stand dasselbe nicht nur in Gefahr, von einem stärkeren Feinde in die Fulda gesprengt zu werden, sondern wurde auch von

Haus aus durch den von Westen her andringenden Feind über

höht. Zwei Brücken, bei Neuenberg und der Hornungsmühle, blieben freilich für den Rückzug verfügbar; das dominierende feind liche Artilleriefeuer mußte aber bei einem solchen eine um so reichere Ernte halten,

Der Erbprinz hatte am 30. November gegen 9 Uhr Mor gens seine Truppen hinter dem Schulzenberge zum Gefecht formiert und war hierauf mit einer Cavalerie gegen Haimbach vorgedrun gen, während der Prinz von Bevern mit dem rechten Flügel der Infanterie dieses Dorf besetzte und Abtheilungen sammt Artillerie

nach dem Plateau detachirte, wo sich dieselbe in der linken Flanke des Feindes aufstellen und ihr Feuer eröffnen sollte. Das Cuiraff-Regt. Pöllnitz wurde von den Truppen des Erb prinzen raschzurückgeworfen und bis an eine der Brücken gedrängt.

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Hier hatte sich inzwischen der Herzog von Würtemberg, nur 1200 Grenadiere stark, an den zwei Brücken aufgestellt, zu deren

Vertheidigung nächst diesen Truppen nur einige dreipfündige Ge schütze dienten ). Unter solchen Umständen konnte von einem langen Wider stande wohl nicht die Rede sein, dennoch behaupteten sich die

Grenadiere, obwohl in der Front und in der linken Flanke von den schwereren Geschützen des Erbprinzen beschossen, – bis gegen

1 Uhr Nachmittags, nachdem vor der Eröffnung dieses Feuers, gleich bei dem Erscheinen der Avantgarde des Prinzen auf der

den Brücken gegenübergelegenen Höhe, General Gorci mit den Cuirassieren einen wiederholten Angriff auf jene Vortruppen aus geführt hatte 2). Dem Rückzuge der Würtemberger über die Brücken folgten eine nur kurze Zeit dauernde Besetzung rechts des Flusses und die Schließung der Stadtthore, da die Truppen

des Erbprinzen rasch nachrückten, die Thore mit Kanonenschüffen zertrümmerten und so eine weitere Vertheidigung der Stadt unmöglich machten. Während dieser Vorgänge war ein Theil der Württemberger, etwa 600 M.,von jenen Abtheilungen abgeschnitten worden, welche in der Richtung nach Kohlhaus die Stadt verlassen und sich nach mals bei Bronzell aufgestellt hatten. Zu diesen letzteren Abthei

lungen follen auch die Truppen des Generals Augé gehört 1) Der Herzogvon Würtemberg soll nach dem vom 20. December datierten Schreiben eines braunschweigischen Offiziers von der alliierten Armee bei dem Gefechte nicht zugegen gewesen sein; dieser Angabe wird aber in einem Gegenschreiben eines würtembergischen Offiziers, welcher dem Gefechte bei wohnte, entschieden widersprochen, wobei natürlich auch die Behauptung des ersteren Offiziers wegfallen dürfte, daß der Herzog dem General Adjutanten v.Pöllnitz den Befehl über die Truppen bei Fulda überlassen habe. 2) Memoires pour servir à l'histoire de notre tems, recueillies par

Mr. D. V. Campagnes du maréchal duc de Broglie etc. en Allemagne 1759-1761. Francfort et Leipzig 1761. - -

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haben, deren Ankunft in Fulda zu derselben Zeit stattfand, als

das Gefecht vor den Brücken noch im Gange war ). Jene Abtheilung von 600 M. unter Oberst Pöllnitz, mit welcher sich noch ein Bataillon vom Regimente Werneck auf dem Petersberge vereinigte, wurde bis dahin fechtend zurückgedrängt und

ergab sich jammt dem Bat. nach tapferer Gegenwehr zu Gefangenen. Die Truppen bei Bronzell wurden durch denHerzog persön lich befehligt und bestanden aus den Regtr. Cuirassiere und Grenadiere zu Pferd, 6 Comp. Grenadiere zu Fuß und 7 Bat.

Füsiliere. Die unter General Gorei stehende Arrièregarde dieser Truppen leistete den verfolgenden Alliierten (1 Ese. Bock Dragoner, 1 Esc. Prinz Friedrich Dragoner, 1 Esc. schwarze und 1 Esc.

hannoversche Husaren) zwar tapferen Widerstand, vermochte aber jammt den übrigen Truppen des Herzogs die Stellung bei Bronzell

nicht zu behaupten. Der Abzug nach Motten, während dessen der Adjutant des Herzogs, Montolieu, die Arrièregarde führte, erfolgte nach kurzem Gefechte, worauf der weitere Rückzug bis Brückenau

stattfand, wo der Herzog seine Truppen sammelte. T 1) Theatre de la guerre présente étc. 3 T. p. 209. - -

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Memoires pour serwir a rhistoire de notre tems; Campagnes du maréchal duc de Broglie etc. p. 11. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Truppen Augés von Vacha aus

zu der angegebenen Zeit bei Fulda einzutreffen vermochten Vacha ist 5 deutsche Meilen von Fulda entfernt, und die am 29. November um 6 Uhr Abends von dem Herzoge gegebene Weisung an Auge konnte wohl in 4 Stunden denselben erreichen, so daß bei dem etwa um 11 Uhr vor Mitter

macht erfolgten Abmarsche die Ankunft bei Fulda, als zwischen 12 und 1 Uhr Mittags (30. November) stattfindend, anzunehmen wäre, Nach Berichten von alliierter Seite weiß man nichts von dem Corps Augé's, welches um jene Zeit bei Fulda eingetroffen sein soll, dagegen spricht ein französischer Bericht (Théâtre de la guerre etc, 3 T., p. 209) von 3 württembergischen Bat. und der französischen Cavalerie, welche ihren Rückzug nach Tann nahmen. Vielleicht sind diese Truppen ein Theil des Auge'schen Corps gewesen, zumal

da dieser Ort auf der kürzesten Rückzugslinie von Vacha nach Brückenau liegt und General Auge, auch wohl inzwischen anderweitig von dem Stande der Dinge bei Fulda unterrichtet worden sein konnte. -

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- Bereits nach der Wegnahme der über die Fulda führenden Brücken hatte General Wolff den Befehl bekommen, sich nach Hünfeld zu wenden, von wo derselbe über Bischofsheim seinen Rückzug nach

Brückenau nahm. Der Verlust der Württemberger belief sich, außer den aufdem Petersberger Getödteten, Verwundeten und Gefangenen, auf 2 Geschütze von kleinem Caliber und 2 Fahnen. Die Alliierten gaben dagegen ihren Verlust zu 60 M. getödtet und verwundet an.

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- Die Truppen des Erbprinzen, mitAusnahme, der den Feind unablässigverfolgenden Husaren,verblieben während des 1. December in Fulda, setzten sich aber am nächsten Tage nach Blankenau in

Marsch, worauf die württembergischen Husaren in den ersteren Ort eindrangen. (Blankenau 2 M. w. Fulda.) Auf dem über Herbstein führenden Weitermarsche zur Armee

Ferdinands machte der Erbprinz in Ruppertenrod (31% M. ö. v. Gießen) bis zum 9. Dezember Halt und erhielt hier den Be fehl, mit feinen Truppen, zu denen nochVerstärkungen aus West falen stoßen sollten, zur Hülfeleistung des in Folge des unglück

lichen Treffens bei Maxen bedrängten Königs nach Sachsen ab

zugehen. Wir werden dem Prinzen dorthin später folgen; bis dahin aber mögen die zeither bei dem

würtembergischen Corps,

der Armee bei Crofdorf und in Westfalen stattgehabten Vorgänge berichtet werden. - Der Herzog von Würtemberg hatte von Brückenau aus eine Marschrichtung geändert und war über Steinau und Schlüchtern

nach Neuhof vorgegangen, während ein Theil feiner leichten Truppen bis Herbstein und Crainfeld streiften. Am 18. December stand der Herzog in Rieneck und hatte sich somit rückwärts de rechten Flanke der französischen Armee aufgestellt. -

Vorgänge bei der alliierten mind der französischen Armee, vom Ende November bis zum 9. December.

Bei der alliierten Armee hatte sich bis zum 5. Dezember

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gerade nichts von besonderer Bedeutung zugetragen. Eine am

1. December im Hauptquartier eingehende Nachricht, daß eine be trächtliche Cavallerie-Abtheilung nebst leichten Truppen die Absicht habe, die Verbindungen des Erbprinzen mit der Armee zu unter brechen, veranlaßte die Detachirung einer Jägerkompagnie unter

Capitain v. Bülow von Rüttershausen in die Gegend von Treis ad. Lumda. Bülow's Abtheilung hatte indes das Unglück, von

dem Feinde überfallen zu werden, wobei ein Theil derselben ge fangen, ein anderer versprengt wurde. In Folge dieses Unfalles ging noch am Abende des 1. Decembers das in Launsbach liegende

Grenadier-Bataillon unter Oberstlieutenant Wense nach Oden hausen ab.

Ein zweites Detachement, 2 Cav.-Regtr. und 3 Gren-Bat. vom Holsteinischen Corps, ging am 2. December über die Lahn, um die Aufmerksamkeit des Feindes, an dessen linken Flügel sich Bewegungen zeigten, dorthin zu lenken. Am 3. December wurde zwischen Ferdinand und Broglio

eine Uebereinkunft betreffs der Neutralität Wetzlar’s abgeschlossen. Die gelungene Expedition des Erbprinzen gegen Fulda, dessen Stellung bei Ruppertenrod in der rechten Flanke der französischen Armee so wie die Schwierigkeit der Verpflegung, mit welcher

Broglio in dem gänzlich ausgesogenen Lande zu kämpfen hatte, dann wohl auch der Eindruck der Nachricht von der Niederlage der Breiter Flotte – veranlaßten höchstwahrscheinlich den fran

zösischen Feldherrn, endlich sein Lager bei Gießen am 5.December aufzugeben. –Broglio ging an demselben Tage bis Butzbach zurück, wobei er durch zwei alliierte Corps, worunter namentlich die Lucknerschen Husaren, verfolgt wurde; in der Festung Gießen aber

blieb eine Besatzung von 2000 M. unter Generalmajor Baron

Blaisel. Am 6. Deeember rückte die französische Armee bis Friedberg und bezog in der dortigen Umgegend Cantonierungen; zwischen Butzbach und Friedberg verblieben indeß die leichten Truppen mit dem größten Theile der Grenadiere der Armee unter

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330 –

dem Befehle des Grafen von St. Germain und hatten unter Chabo einen Posten in Butzbach. Der Abzug des Feindes brachte den alliierten Truppen in dem Lager bei Crofdorf eine bedeutende Erleichterung, die bei der vorgerückten Jahreszeit doppelt fühlbar wurde. Namentlich war es ein Theil der Infanterie, welcher schon am 5. December Can tonierungsquartiere hinter dem rechten Ufer der Lahn bezog; ihm folgte der Rest dieser Waffe am nächsten Tage. Damit endete jedoch noch nicht der zeitherige anstrengende Dienst, für diejenigen Truppen, welche zunächst Gießen kantonierten. Herzog Ferdinand hatte diese Festung bereits am 5. December durch seinen Flügel

Adjutanten Malortie zur Uebergabe auffordern lassen, aber die Antwort von General Blaisel erhalten: – daß er den Auftrag

habe, den Ort zu vertheidigen, er könne mithin auf die Ehre eines tapferen Widerstandes Anspruch machen.

Unter solchen

Umständen sah sich Ferdinand zur Einschließung der Festung ge unöthigt, wozu die Freytag'schen Jäger in Kl. Linden, dem bis herigen Hauptquartiere Broglios, und das Holstein'sche Corps jammt den beiden ausLaunsbach wieder

herangezogenen Grenadier

bataillonen, in Großenbuseck, Altenbuseck, Wiesebeck 2c. verwendet - wurden.

. . Am 9. December fanden einige Veränderungen in der Dis

location der Truppen statt, wodurch man Gießen auchim Süden c. einschloß. So erhielten die Freytag'schen Jäger in Langgöns,

die Lucknerschen Husaren nebst 1 Gren-Bat. in Nieder-Klein, 1 Gren-Bat. nebst den hessischen Leibdragonern in Steinberg und 3 Bat. in Großen- und Klein-Linden so wie in Leihgestern ihre

Cantonnements. General Urff in Großen Linden hatte über diese jämmtlichen Truppen den speziellen Befehl, während Prinz Hol stein, dessen Hauptquartier sich in der Comthurei Schiffenberg be

fand, den Oberbefehl führte.

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Wenden wir uns nun nach Westfalen zu dem Eorps des Generals Imhof.

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Die Gxpedition des Generals Imhof in das

Herzogthum

Berg.

Dort hatte Marquis d'Armentières nach der Capitulation von Münster Cantonierungsquartiere längs des Rheins bezogen, während Imhof vorerst, d. h. unmittelbar nach der Uebergabe dieser Festung, seine Truppen in die alten Läger zurückgeführt, vom 23. November aber an in Cantonnements rings um Münster

verlegt hatte. Hier erhielt derselbe von Herzog Ferdinand in den letzten Tagen des Novembers den Befehl, eine Unternehmung in das Herzogthum Berg auszuführen, um dort die Maßregeln zu

stören, welche der Feind betreffs der Beziehung seiner Winter quartiere getroffen hatte. General Gilsa bekam demzufolge unter

Imhof am 27. November den speciellen Befehl über 7 Bat, 10 Esc. und einige leichte Truppen nebst 8 Sechspfündern, rückte

mit diesen sämmtlichen TruppenaufDortmund,dann überHattingen bis Elberfeld, wodurch der damals noch in Recklinghausen stehende

Marquis d'Armentières zum Rückzuge nach Düsseldorf geuöthigt wurde. Den vorgenannten Truppen, welche 2 Divisionen bildeten, folgte am 28. November die aus 3 Bat. und 2 Esc. bestehende 3. Division unter Oberst Fersen, während, abgesehen von der in

Münster befindlichen Garnison, der Rest des Imhofschen Corps (7 Bat. und 7 Esc) unter dem in Münster kommandierenden

braunschweigischen General-Major v. Zastrow eine Bewegung in der Richtung von Dülmen und Dorsten ausführte und bis dahin seine Posten ac. vorschob, um die Aufmerksamkeit des Feindes zu theilen. Gilsa war am 1. Dezember Abends 6 Uhr in Elberfeld eingerückt, wohin schon am 29. November 2 Esc. Malakowsky

Husaren und eine Abtheilung hannoverscher Jäger unter Major Jeanneret gekommen waren, erhielt aber hier den durch den mehr erwähnten Unfall bei Maxen veranlaßten Befehl, den Rückmarsch

anzutreten. Dieser erfolgte am Morgen des 2. December und

setzte sich bis zum 4. desselben Monates über Schwelm bis Dort mund fort. Hier traf den General Imhof der Befehl des Herzogs

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Ferdinand, 6 Bat. und 6 Esc. fammt dem schweren Artillerie

train und den 16 nach Lippstadt abgegangenen Geschützen zurück zufenden ). General Gilsa bekam den Befehl über diese Abthei lung, von welcher die 1. Division (2 Bat. und 6 Esc) durch Gilsa selbst, die 2.Division (4 Bat) durch den braunschweigischen General-Major v. Behr befehligt wurden. -

".

Der Zug des Erbprinzen von Braunschweig nach Sachsen, vom 9. December 1759 bis zum Ende Februar 1760.

General Gilsa gelangte bis zum 8. December in die Gegend von Stadtberge und fand im Begriffe, nach Corbach weiter zu marschieren, als er den Befehl Ferdinand’s erhielt, den geraden Weg nach Eschwege und Wanfried einzuschlagen, woselbst der Erb prinz ebenwohl eintreffen würde. Der Marschdes Generals richtete fich nun vom 10.December an über Wolfhagen, Caffel, die beiden

Kaufungen und Lichtenau. Am 14. December traf die Infanterie

der 1. Division in Eschwege, die Cavalerie in den Dörfern zwischen

Eschwege und Wanfried; die 2. Division dagegen in Waldkappel und Reichensachsen und endlich die schwere Artillerie in Pfieffe ein. General Gilsa trat nun unter die Befehle des Erbprinzen, deffen Corps am 9. December Ruppertenrod verlassen hatte und ebenwohl in der Gegend von Wanfried über Sontra angekom Men war.

Die neue Bestimmung desselben lautete nach Sachsen, wo je nach den Befehlen des Königs er entweder gegen Chemnitz oder gegen Plauen und Zwickau vorrücken sollte.*). 1) S. „die Expedition des Erbprinzen gegen Fulda“ c. 2) Herzog Ferdinand hatte die Erlaubniß Englands zum Abmarsche der Truppen des Erbprinzen von der Armee nicht erwartet und dadurch König Georg II. empfindlich beleidigt, welcher jedoch nachmals die von Fer

dinand getroffenen resp. Maßnahmen billigte. Man vermuthete englischer Seits, daß eine jene Maßregel betreffende Verabredung zwischen Ferdinand und König Friedrich II. stattgefunden habe, um sowohl die Hannoveraner

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Die fämmtlichen Truppen des Erbprinzen bestanden nun aus folgenden Bataillonen und Escadronen,

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a. Infanterie. 1 Bat. Alt-Zastrow, 1. „ La Chevallerie, NET, 100 Jäger, 1 Bat. Grenadier, 1 „ Mansbach, Heffen. 1: „ Bischhausen,

2 , Bremer,

2

„ Grenadier,

2 „PrinzWilhelm,

2

- Leibregiment, ( Braun- 3 , Ruesch Husaren,

b. Cavalerie.

4Esc. Bock Dragoner,

' 2 , Hammerstein, | " -

NOVE Taner

2 , Veltheim, 4 „ Prinz Fried Heffen.

rich

2 2

, Imhof, schweiger. Preußen. „ Behr. Zusammen: 13 Bataillone und 19 Escadronen. Diese Truppen zerfielen in 2 Divisionen, von denen eine 7 Bat. und 10 Esc. stark durch den Prinzen von Bevern, und die andere, der Rest obiger Truppen, durch den General Gilsa befehligt wurden. Am 17. December erfolgte der Abmarsch des ganzen Corps nach Langensalza, und man erreichte bis zum 25. December über Erfurt, Weimar, Jena, Roda, Gera, Altenburg, Penig und Chemnitz die Gegend von Gablenz, woselbst der Erb prinz fein Hauptquartier nahm ). Am 26. December erhielt General Gilsa den Befehl, sich mit den Bat. Alt-Zastrow und Behr, fowie dem Cav-Regt. Prinz Wilhelm zur Unterstützung der in Zschopau stehenden Abtheilung -

-

als auch die Engländer in offenen Krieg mit Maria Theresia zu verwickeln, den zu erklären der britische Monarch, sowohl als König, wie als Kurfürst, bis dahin sorgfältig vermieden hatte. Die erste Frage, welche Friedrich an den Erbprinzen von Braunschweig richtete, war: „Was für Engländer haben Sie mir mitgebracht?“ (S. Horaz Walpole's Denkwürdigkeiten,1. B, S.331). Herzog Ferdinand scheint übrigens abfichtlich dem Corps des Erbprinzen eine englischen Truppen beigegeben zu haben. Ebenso scheint aber auch obige Vermuthung eine ungegründete zu sein. 1) S. „Allgemeines über die Feldzüge des Jahres 1759“ - -

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des preußischen Obersten v. Linden bereit zu halten; diesem Be fehle folgte am 27. December der Abmarsch der Bat.Alt-Zastrow und Heffen Grenadier, sowie eines Bat. Imhof unter dem Be fehle des Generalmajors v. Bose nach Freiberg. Am nächsten

Tage kamen

die Generale Gilsa und Behr mit den Bat. Behr

und La Chevallerie nach Breitenau, während die übrigen alliierten Truppen die Flöha pafirten und der Erbprinz sein Hauptquartier in Oederan aufschlug. Am 29. December rückte die Infanterie der 1. Division nach Freiberg, während kurz vorher der König sein Hauptquartier nach Pretschendorf, in der Richtung von Dippoldiswalde, verlegt

hatte. Die Bat. Alt-Zastrow und La Chevallerie kamen unter Gilsa an demselben Tage nach Helbigsdorf; die Artillerie parkierte bei Freiberg.

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Die in Weißenborn stehende Avantgarde der Alliierten, welche

aus den beiden Gren-Bat, dem Regt. Prinz Friedrich Dragoner, den Husaren und Jägern bis dahin bestanden hatte, wurde am 30. December an die Befehle Gilsa's in Helbigsdorf gewiesen; auch stellte man die Cav-Regtr.Hammerstein, Veltheim umd Bre mer unter den Befehl des Generalmajors v. Bock, welcher in Pretschendorf kantonierte. Am 31. December marschierten General Behr mit seinem

Regiment sowie General Bock mit den 4 Esc. eines Dragoner Regimentes nach Augustenburg, um das dortige Schloß zu be setzen." Der Vorpostendienst wurde nun auf Befehl des Königs auf das Streugte betrieben;namentlichstreiftedie Cavalerie nachden von

dem Könige angedeuteten Gegenden. Zum Rendez-vous für das

alliirte Corps war Albord bestimmt worden; dreiKanonenschüsse, in Freiberg gelöst, sollten zum SammelndesCorpsdas Zeichengeben. Am obigen Tage wechselte auchGeneral Gilsa seine zeitherige

Stellung, indem er mit der Avantgarde bis Sayda vorrücken mußte. Durch eine

irrthümliche

Bezeichnung dieses Ortes war

jedoch Gilsa anfänglich nach Klein- und Groß-Hartmannsdorf

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dirigiert worden; daher traf denn auch der General erst am 1. Januar 1760 in Sayda ein, wo er zunächst mit dem in Frauen

stein stehenden General Hülsen in Verbindung stand. Behufs einer gegen Marienberg und Zöblitz zu richtenden Expedition wurden von König Friedrich, welcher gegen die feste Stellung des

Generals Maquire bei Dippoldiswalde vorzudringen beabsichtigte, der Befehl ertheilt, daß die Generale Gilsa, Behr und Bock sowie der Oberst Linden in Chemnitz und der Oberflieutenant Marsymski

in Sayda weitere Verabredung zu der oben genannten Unterneh mung treffen sollten.

Die dazu verwendeten Truppen waren

folgende Oberst Linden führte 1 Bat. Hofmann, 270 Schorlem mersche Dragoner und 180 Möringische Husaren; Oberstleut.

Narrymski : 1 Esc. schwarze Husaren, die Comp. Jäger und das 2. Bat. braunschweigischer Grenadiere; General Behr: 2 Bat.

seines Regiments; General Bock: 4 Ese. Dragoner, 1 Esc. schwarze Husaren, und endlich General Gilsa : die ande

ren braunschweigischen Grenadier-Bat“, 4 Ese. Prinz Friedrich Dragoner und 1 Esc. schwarze Husaren. Am 8. Januar mit

Anbruch des Tages standen dem Befehle des Königs gemäß be reits sämmtliche Truppen bei dem Dorfe Lauta ohnweit Marien berg vereinigt und zwar in 2 Treffen, während Narsymski seine Aufstellung gegen Zöblitz genommen hatte, um demnächst den dort

stehenden Feind nur durch Scheinangriffe zu beschäftigen. Wäh rend die ersteren Truppen sich auf der Höhe ohnweit des Défilés

von Lauta zum Angriffe aufMarienberg ordneten, hatten dieHu faren die feindlichen Vorposten zurückgetrieben; der in Marienberg stehende General Ried aber nahm Stellung füdlich von diesem Orte auf dem sogenannten Galgenberge. Inzwischen rückten die beiden Treffen gegen Marienberg vor, während die Husaren durch

die Stadt sich dem Feinde näherten und die Bat. Hofmann und braunschw. Grenadiere die Thore derselben besetzten, wobei das Regiment Behr 1 Mann todt und 1 Mann verwundet ver lor. Gegen 4 Uhr Nachmittags zog sich General Ried vollends

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nach Sebastiansberg zurück; auch Zöblitz war vom Feinde ver-, lassen worden. Von den verfolgenden Husaren wurden einige Ge fangene und Pferde eingebracht; auch hinterließ derselbe 2 Todte auf dem Felde vor der Stadt. Die Alliierten zogen sich nunmehr in ihre alten Quartiere wieder zurück.

Die Stellung des alliierten Corps erregte Besorgniffe bei Marschall Daun, indem er es für wahrscheinlich hielt, daß das selbe zwischen Marienberg und Sebastiansberg in Böhmen ein

dringen möchte. In dieser Voraussetzung bekam General Loudon im Januar 1760 den Befehl, sein Corps in die Gegend von

Commotau zu verlegen, doch schon im Februar kehrte Loudon an die Grenze von Schlesien zurück, nachdem das Corps des Erb Prinzen am 6. dieses Monates zur Armee Ferdinand’s nach Heffen abmarschiert war. Bis dahin fand eine veränderte Dislo

cation der Truppen Gilja’s zwischen Marienberg und Freiberg statt, während die übrigen Truppen vom Corps des Erbprinzen unter dem Prinzen von Bevern in der Gegend von Oederan kantonierten.

-

Am 14. Januar hatten sich feindliche Abtheilungen (starke Patrouillen) in Lengefeld und Gegend gezeigt, Gilsa sah sich da durch veranlaßt, am 15. Januar eine Abtheilung von 1 Capit. und 100 Grenadieren in der bezeichneten Richtung zur Erkundi gung abzuschicken. Am 20. Januar erschien daselbst abermals der Feind und nahm 1 Corporal und 8 Dragoner gefangen, die einer in jener Gegend streifenden Patrouille Gilsa's angehörten. Eine nun wiederholt dahin abgesendete Abtheilung von 1 Capit. und 60 Dragonern kehrte mit der Nachricht von dem Rückzuge des Feindes zurück.

König Friedrich zeigte sich mit den Leistungen des Corps des

Erbprinzen sehr zufrieden; als Beweise dafür können die Geschenke gelten, welche die Generale von dem Könige empfingen.

-

Der Rückmarsch fand über Chemnitz, Altenburg, Naumburg, Weiffensee und Langensalza statt und war Ende Februar beendigt.

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-

Die hannoversche und die hessische Jufanterie sammt dem größten Theile der Cavalerie des Corps bezogen hierauf an der Werra die Winterquartiere; die braunschweigischen Truppen dagegen im

Paderborn'schen und die Cav.-Regtr. Hammerstein und Veltheim im Hildesheim'schen. Mit dieser Vertheilung der vorgenannten Truppen wurde freilich der Wunsch Friedrichs nicht erfüllt. Nach ihm durfte es nicht unzweckmäßig erscheinen, das Corps des Erb

prinzen etwa gegen Langensalza hin die Winterquartiere beziehen zu lassen, um so die Gegner des Königs glauben zu machen, als

würde sich dasselbe im Frühjahre wieder der preußischen Armee an schließen. Es läßt sich nicht längnen, daß durch eine solche Dis location ac. die Absichten des Feindes auf die rechte Flanke des Königs gestört werden konnten; auf der anderen Seite aber muß

man dem Herzog Ferdinand beipflichten, wenn er, in Betracht der den verbündeten Fürsten schuldigen Rücksichten und der großen zu

deckenden Strecke Landes sowie wegen der Erholung der Truppen und deren Vorbereitung zum nächsten Feldzuge, jene Vertheilung anordnete, während er sich selbst genöthigt sah, sich zu gleicher Zeit mit dem Gros der Armee den Dépôts zu nähern. Die ein zigen Truppen, welche daher an der Werra zurückblieben, bestan den unter General Gilsa aus 5 Bat. und 9 Esc."), nämlich die Bat. Alt-Zastrow, La Chevallerie, hannoversche Grenadiere, die hessischen Bat. Mansbach und Bischhausen, die 4 Ese. Prinz Friedrich Dragoner, die 2 Esc. Prinz Wilhelm, 3 Esc. schwarze Husaren und 1 Comp. hannoversche Fußjäger. Von diesen Trup pen wurden Wanfried, Eschwege, Waldcappel, Reichensachsen und Sontra besetzt; die Husaren kamen nach Treffurt und Eisenach, Der Cordon, welcher von Vacha bis Treffurt gegen Thüringen und Würzburg sich ausdehnte und unter dem Befehle des dem General Gilsa zugewiesenen Obersten Freytag stand, hatte fol

gende Bestandtheile. In Vacha, der Oberst mit einer Abtheilung 1) S. v. d. Knesebeck, 2. V. S. 17. Renouard Gesch. 11. Bd. -

22

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hannvverscher Jäger; in Kreuzburg; 1 Bat. heff.Grenadiere nebst 100 M. Cavalerie; in Berka: 1 Bat. heff. Grenadiere nebst 100 M. Cavalerie, welche, wie die in Kreuzburg stehenden, von den Regtrn. Prinz Friedrich Dragoner und Prinz Wilhelm gege ben wurden. Ferner lagen ein Detachement hessischer Landmiliz unter Major v. Arenberg nebst 2 Esc. schwarze Husaren in Treffurt, sowie die andere Esc. dieser Husaren in Eisenach. Die dem Corps des Erbprinzen früher zugehörige schwere Artillerie parkierte in Caffel. Von den Truppen Gila's fanden

bis zum 13. März mehrere Detachirungen statt. So lösten am 5. d. Monats 200 M. die in Homberg an der Ohm – wo selbst dasHauptquartier Kielmansegge's– stehende Abtheilung ab. Ferner gingen am 1. März 1 Offiz. und 50 M. von den Prinz

Friedrich Dragonern sowie 50 schwarze Husaren nach Heiligen stadt, um hier die von dem preußischen Rittmeister Rowatsch ein

zutreibenden Contributionen zu decken. Diesem Detachement folg ten am 5. März 200M. Infanterie unter Oberstlieutenant von Pappenheim ebenwohl nach Heiligenstadt. Ebenso brach am 11. März der Oberst v. Geiso mit dem Regt. La Chevallerie und 50 Pferden nach dem Eichsfelde auf, um dort Recruten auszu

heben; ein Gleiches that Pappenheim in Duderstadt und Umgegend. Die Blokade von Gießen, vom 5. bis zum 24. December.

Die Festung Gießen besaß nur eine aus Erde gebildete Um

wallung, welche nach allen Seiten hin ziemlich zugänglich war, doch im Süden und Westen durch eine Inondation Schutz be

kommen konnte. Die Hauptdeckung gewährten indeß die von der Lahn und dem Wieseckbache gespeisten Gräben, an deren Auf eifung die Besatzung sowohl als auch die Bürgerschaft vom 5. bis zum 25. December arbeiten mußten, um einen Abzugsgraben

immer offen zu halten. Aber auch außerdem ließGeneralBlaisel es an Thätigkeit nicht fehlen, indem häufige Ausfälle stattfanden,

während aufalliierter Seite vor wie nachman nicht minderthätigwar.

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Am 7. December fand eine abermaligeAufforderung Blaisel's zur Uebergabe der Festung statt, doch ebenso ohne Erfolg wie die

frühere. Dagegen drang am 10. December eine 150 M. starke französische Abtheilung gegen Wieseck vor, um den dortigenPosten anzugreifen und zugleich Brennholz zu fällen. Das Letztere miß lang, denn der wachsame Posten empfing den Feind mit Gewehr schüffen und die ganze Unternehmung endigte mit dem Rückzuge der Franzosen, wobei auf jeder Seite mehrere Soldaten, unter ihnen der Capitain des französischen Detachements, verwundet wurden.

Am 11. December griffen die Jäger und Husaren den Posten Chabo's in Butzbach mit mehr Glück an, indem sie 10 M. zusammen hieben und 17 Gefangene machten. Schon am 13. December früh Morgens fand ein zweiter

Ausfall und zwar von 200 M. der Freiwilligen von Dauphiné unter dem Oberstlieutenant Berenguier in der Richtung von Wieseck statt, um den Feind zu recognosciren und zugleich das Holz in die Festung bringen zu lassen, welches am 7. zwar ge fällt wurde, aber nicht fortgeschafft werden konnte. Diese Absicht gelang diesmal vollkommen, ebenso auch am 14. und 16. De

cember, wo man ebenwohl Holz fällte und in die Festung schaffte. An dem letzteren Tage war es auch, wo man daselbst in Erfahrung brachte, daß auf Seiten der Blokadetruppen Leitern zur Erstür mung des Platzes zusammengebracht würden. Der stets wachsame Blaisel glaubte insofern Bedenken betreffs der Ausführung einer

solchen Absicht zu erregen, als er auf einer der nach Butzbach gerichteten Bastionen einige Feuerkugeln aufsteigen ließ, um da durch bei den Alliierten die Annahme eines Einverständniffes zwi schen Broglio und dem Commandanten zu bewirken. Am 17. December richtete sich ein dritter Ausfall gegen

Wieseck, diesmal aber in der Absicht, den dortigen Posten aufzu heben. Ein Detachement von 300 M. unter einem Oberstlieute nant drang zu dem Ende gegen das Dorf vor, begnügte sich 22 -



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jedoch mit der Aufhebung eines kleinen vorgeschobenen Postens, während durch das hierbei von demselben abgegebene Feuer das Cantonnement alarmiert wurde.

Alle Anzeichen in der Haltung Broglios deuteten um diese Zeit auf die Absicht desselben, die alliierte Armee zurückzudrängen, wozu die bekannten Siege der Oesterreicher und die Entfernung des Erbprinzen mit einem bedeutenden Corps hauptsächlich viel

beitrugen. Auf den letzteren Grund hin hatte Broglio feinem Hofe den Vorschlag gemacht, die Alliierten aus ihrer bisherigen Stellung zu verdrängen oder doch deren Absichten auf Gießen zu vereiteln; – ein Vorschlag, mit welchem voraussichtlich nicht nur der Wiener Hof sondern auch der Kurfürst von Mainz zufrieden gestellt wurden. In einem aufgefangenen Schreiben an den letzteren bestimmte Broglio das Weihnachtsfest als den Zeitpunkt, wo er jenen von dem französischen Cabinet genehmigten Vorschlag auszuführen gedachte. Eine am 18. December stattfindende Alarmierung des in Langgöns stehenden Jägerpostens führte indeß anf die Spur der Absichten Broglio's, indem, nach den Aussagen einiger Deserteure, der Marschall mit sämmtlichen Generalen der Armee an jenem

Tage von Butzbach aus, mit Hülfe der Alarmierung, eine Recog noscierung vorgenommen habe. Um dieselbe Zeit war es auch, wo Marquis Armentières Befehl erhielt, Truppen vom Niederrhein

gegen die rechte Flanke der Alliierten zu detachiren; der Herzog von Würtemberg sollte aber gegen die linke Flanke derselben vorgehen. Zur Unterstützung jener vom Niederrhein herankommenden Truppen detachirte Broglio am 18. Dezember den General Vogué mit 2000 M. nachLimburg an der Lahn, während der Marschall sich anschickte, die Cantonnements zu verlaffen und seine Armee zwischen Friedberg und Butzbach zusammen zu ziehen. Gleichzeitig mit diesen Anordnungen wurden die Vorposten

der Alliierten lebhaft beunruhigt. So am 20. December die bei Langgöns stehenden, wohin, in Folge des dortigen heftigen Feuerns,

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General Blaisel ein Detachement von 300 M. unter Oberst lieutenant Berenguier schickte, um den alliierten Posten zurückzutreiben. Diesem Angriffe folgte am 22. Dezember ein bedeutender auf Klein-Linden. Dieser Ort wurde zufolge des von Broglio

dem General Blaisel gegebenen Befehles um 3 Uhr Mor gens durch ein 500 M. starkes Detachement unter dem Bri gadier Domgermain und dem mehrgenannten Oberstlieutenant angegriffen. Dieser Abtheilung gelang es, eine vor dem Orte gelegene Redoute wegzunehmen, in denselben einzudringen und das hannoversche Bat. Behr sowie 80 Dragoner zu vertreiben.

Nach französischen Berichten wurden hierbei den alliierten Truppen 50 M. getödtet, 80 verwundet und 22 Gefangene gemacht, wäh rend die Franzosen nur 20 M. an Todten und Verwundeten zählten.

Mit dem Angriffe aufKlein-Linden sollte ein anderer gleich zeitig auf Langgöns und Lich, und zwar durch eine Abtheilung

leichter Truppen unter Grandmaison und Viomenil stattfinden. Oberst Freytag vereitelte jedoch durch seine Wachsamkeit dieses

Unternehmen, verließ zeitig Langgöns und zog sich nach dem in der Nähe gelegenen Walde zurück, wo er eine vortheilhafte Stellung nahm. Nur in drei Bagagewagen und in einigen Pferden bestand der ganze Verlust des Obersten.

Diese sich stets erhöhende Thätigkeit des Feindes sowie die Nachricht von den an d'Armentières abgegangenen Befehlen des

Marschalls bewogen Herzog Ferdinand, eine Artillerie von Mar burg wieder zurückzurufen und den Rayon der Cantonierungsquartiere enger zusammen zu ziehen. Wenige Tage später – und die Ge

schützzahl in den Batterien des Lagers bei Crofdorf fand sich bis zu 68 Zwölf- und Sechspfündern, mehreren Haubitzen und 48 Feldstücken vermehrt.

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Ereigniffe bei der alliierten und der französischen Armee, vom 24. December bis zum 3. Januar 1760.

Gleichzeitig mit der Ausführung dieser Anordnungen hob Herzog Ferdinand die Blokade von Gießen auf und zog das Ein schließungskorps näher an die Armee. So ging General Urff mit feinen Truppen) in der Nacht vom 24. zum 25.December

über Klein-Linden nach Heuchelheim; Prinz Holstein dagegen marschierte nach Stauffenberg. An der Brücke von Heuchelheim, welche westlich von Gießen über die Lahn führt, blieb nur eine kleine Abtheilung Grenadiere zurück, während eine geringe Zahl leichter Truppen links der Lahn den Feind beobachtete. Diesem Zurückgehen der Alliierten folgte am 25. December die Absendung eines feindlichen Detachements, welches von Gießen

aus gegen Wieseck vorging, hier einige Dragoner von Finkenstein gefangen nahm, im Uebrigen aber auch noch viele Geräthschaften erbeutete, die man hier behufs des Angriffes auf Gießen zusam mengebracht hatte.

Es war am 27. December, als Marschall Broglio mit einer Escorte persönlich in Gießen erschien, um sich von der Stellung der Alliierten zu unterrichten. Der dichte Nebel, welcher sich über die Gegend verbreitet hatte, verhinderte jedoch jede Aus ficht, dagegen entspann sich ein mehr als zwei Stunden dauerndes Feuergefecht zwischen der Escorte undden leichten Truppen. Gegen 10 Uhr Abends befahl Broglio den Angriff der Brücke bei Heuchelheim; bis dahin aber war dieselbe bereits abgeworfen; auch hatte die ganze Armee Ferdinand's schon die Stellung hinter

dem Fetz- und Gleiberg 2c. genommen, welche der Herzog für den Fall eines Angriffes ausersehen. In dieser Stellung bildete die Armee zwei Treffen, von welchen das erste 20Bat. nebst 4 Bat. als Reserve, das zweite 25 Esc. zählte. General Wangenheim deckte bei Hermannstein die rechte, Prinz Holstein bei Stauffen 1). S. „Vorgänge bei der alliierten und der französischen Armee vom Ende November bis zum 9. December.“

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berg die linke Flanke. Der letztere, während dessen Unpäßlichkeit

General Wutginau den Befehlführte, hatte sich, bei einem Angriffe, über die Brücke bei Rüttershausen an die Armee zu ziehen; dagegen sollte er weitere Befehle erwarten, wenn der Feind gegen Marburg vordringen, würde. Am nächsten Tage (28. December) rückte die alliierte Armee wieder in ihre Cantonnements und nur 6 Bat. und 6Esc. jammt der Artillerie blieben in Bereitschaft, den Feind so lange zu be fchäftigen, bis sich die anderen Truppen nach dem Signale von

9 Kanonenschüffen gesammelt haben würden. Am 29. December erhielten die Alliierten einen beträchtlichen

Zuwachs durch das 5 Bat. und 7 Esc. starke Scheither'sche Corps, welches bei dem uns bekannt gewordenen bedenklichen An

zeichen von der Thätigkeit Broglio"s sofort aus Westfalen zurück berufen worden war; ebenso hatte HerzogFerdinand bereits durch die Besetzung Ziegenhain's mit einer Abtheilung hessischer Jäger und Husaren Fürsorge getroffen, die Zufuhren von Caffel nach Marburg zu sichern. In anderer Beziehung hatte man auf alliierter Seite Ver anlassung, mit der Thätigkeit Oberst Luckner's wiederholt zufrieden zu sein. Trotz des Schnees und des Regenwetters, welche alle Gewäffer austreten machten und die Verbindung in dem Gebirgs lande so ungemein erschwerten, hatte jener unermüdliche Partei gänger bei Oberscheld ohnweit Dillenburg neue Erfolge errungen. Es war am 28. December, als Luckner in dem letzteren Orte

erfuhr, daß feindliche Streifparteien den Fourragetransporten der Alliierten in der Gegend von Siegen sehr gefährlich würden. Namentlich sollte sich beiHerborn eine solche Partei, in der Stärke von 400 M., nach anderen von 160 Freiwilligen des Regt.

Royal-Comtois, 60 Turpinschen Husaren nebst einem Vierpfünder unter Capitain Muret befinden. Die mit 300M. vom Wangen

heimischen Corps verstärkte Abtheilung Luckners bestand aus 400 M. Inf, 400 Husaren und 100 Dragonern.

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Mit dem gewohnten Geschick leitete Luckner am 29. December den Angriff, beiwelchem die 60Husaren sofortdie Flucht ergriffen, die Infanterie Muret’s jedoch einen lebhaften Widerstand leistete, bei welchem 60M. getödtet und verwundetwurden, der Rest aber zuletzt die Waffen streckte. Unter diesem befanden sich Muret und 5 seiner Offiz.; aus den Papieren des ersteren aber erhielt Ferdinand die Bestätigung der von Broglio an d'Armentières gegebenen und bereits oben erwähnten Befehle.

Am 31. December zeigte sich eine feindliche Abtheilung von 2400 M. Infanterie und 300 Pferden unter Baron Closen in der Gegend von Großen- und Altenbuseck. General Wutginau,

welcher 4 Bat. 10 Esc., das Trümbach'sche und Stockhausen'sche Freicorps nebst 2 Esc. Malakowsky-Husaren bei Stauffenberg befehligte, trieb mit einigen Kanonenschüffen Closen zurück, dessen Absicht darin bestand, die Aufmerksamkeit Ferdinand’s betreffs der

von d’Armentières ausgehenden Bewegungen zu theilen. Wenn es auch nicht dem Marschall Broglio gelungen war, den Herzog Ferdinand zu verhindern, Entsendungen nach Sachsen zu machen, wie dies auch eine Hauptaufgabe des Marschalls Contades seit dessen Rückzug an die Lahn gewesen war, – so

stand doch Broglio nunmehr auf dem Punkte, von seiner jüngsten Thätigkeit die Früchte zu ernten. Bei ihm handelte es sich jetzt besonders darum: – zur Sicherung seiner Winterquartiere die Alliierten zurückzudrängen und demgemäß auch Gießen zu behaupten. Zur Erreichung dieses Zweckes trugen indes die in den letzten Tagen des Decembers stattfindende Ankunft zweier Corps der

Armee des Niederrheins unter den Generalen Voyer d'Argenson und d'Auvet in der Gegend von Hachenburg, Siegen und Wester burg, in der Stärke von mehr als 10.000 M., ferner die am 24. December begonnene Concentrierung des Restes jener Armee bei Cöln und endlich das Erscheinen des würtembergischen Corps bei Schotten viel bei. Aus diesen Bewegungen sammt denen

Broglio"s ging genügend die Absicht hervor, die Armee Ferdinand's

einzuschließen und durch Uebermacht zu erdrücken. Der letztere war sich defen vollkommen bewußt, er übersah aber auch nicht die bedeutenden Schwierigkeiten welche sich in der ungünstigen Jahreszeit, in den schlechten Straßen und in dem Mangel an

Fourrage dem feindlichen Unternehmen entgegenstellten. Konnte nun in dieser Richtung Herzog Ferdinand wohl annehmen, daß eine weite Ausdehnung der Operationen seiner Gegner nicht statt

finden würde, so häuften sich doch dagegen bei den Alliierten die Schwierigkeiten der Verpflegung. Namentlich wurde der Mangel an Fourrage sehr fühlbar und das Beziehen der übrigen Lebens mittel aus den Magazinen in Caffel und Wanfried erheischte jetzt

häufiger die langen und äußerst beschwerlichen Transporte, da der Feind die Zufuhren aus den benachbarten darmstädtischen und

naffanischen Gebieten abschnitt. Im Uebrigen hatte Ferdinand, eben der genannten Umstände

wegen, die Hoffnung aufgegeben, sich Gießen’s zu bemächtigen; und er sah daher in dem Rückzuge gegen Marburg, wenn gleich er dadurch die zeitherige sehr starke Position höchst ungern verließ, - doch das einzige Mittel, nicht nur seinen Truppen in den Cantonnements der dortigen Gegend Ruhe zu verschaffen, sondern auch eine minder schwierigere, und darum geregeltere, Verpflegung eintreten zu lassen.

Während so Herzog Ferdinand in Begriff stand, eine Stel lung aufzugeben, in welcher er einer bedeutenden Uebermacht kräftigen Widerstand zu leisten vermochte, falls man ihn nicht in einem zu großen Bogen umging, – hatte General Vogué, der bekanntlich mit 2000 M. nach Limburg an der Lahn detachirt worden war, am 2.Januar sich mit dem vom Niederrhein kom menden Corps des Marquis Voyer vereinigt. Vogué nahm am

nächsten Tage Herborn ein und machte daselbst nach längerem Widerstande einen Capit. und 100 M. zu Gefangenen. An demselben Tage bemächtigte sich Marquis Voyer der Stadt Dil lenburg, nachdem der hier kommandierende Capitain Düring sich

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mit seinen 100 M. Hannoveraner auf das Schloß zurückgezogen hatte. Voyer, ohne schweres Geschütz und ohne Mörser, war ge nöthigt, sich mit einer Einschließung desselben zu begnügen, und

Brigadier Paravicini übernahm mit dem 7- bis 800 M. starken Schweizerregimente Waldner dieses Geschäft. Voyer selbst bezog dagegen mit seinen Truppen Cantonnements auf beiden Ufern der

Dill von ihrer Quelle bis Wetzlar.

nach Marburg, am 2., 8. und 4. Januar; Gefecht bei Dillenburg am 7. Januar 2c.

Rückzug der alliierten Armee

So war im Ganzen genommen die Situation, als am

5. Januar 1760 Herzog Ferdinand sein Hauptquartier nach Marburg verlegte, nachdem in der Nacht vom 3. zum 4. Januar der größte Theil der bei Crofdorf stehenden Truppen den Befehl

bekommen hatte, am 4. in das Cantonnement in und bei Mar burg abzumarschieren. Diesen Truppen waren indes schon am 2. Januar das Gepäck der Armee, so wie am 3. die Artillerie

vorausgegangen. Die Arrièregarde, aus 7 Bat., 6 Esc., 200 Pferden von den Feldwachen und 2 Comp. hannoverscher Jäger bestehend, zog alle Vorposten an sich, marschierte am 5. Januar unter Generallieutenant Kielmansegge nach Fronhausen und bildete hier aus 4 Bat. und 4 Esc. eine Postenkette, während der Rest

unter General Scheele nach Allna weiter zurückging. Dagegen marschierten Wangenheim nach Lisfeld, Dreves nach Gladenbach und Scheither nach Endbach, während das Holstein'sche Corps von Stauffenberg nach Amöneburg sich wendete (Endbach2%. M. n. v. Wetzlar). Mit dem Zurückgehen der Alliierten hatten indeß die Feind jeligkeiten für diesen Feldzug noch nicht ihr Ende erreicht. So

war es am 8. Januar, wo Oberst Luckner, der bereits am 29. December der Avantgarde und einer der Divisionen der vom Niederrhein herangezogenen Truppen einen nicht unbedeutenden Verlust zugefügt hatte, abermals einen glänzenden Handstreich,

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und zwar bei Eibach, ohnweit Dillenburg, mit den Bergschotten

und 400 Husaren ausführte. Er überrumpelte nämlich daselbst ein 200 Dragoner starkes Detachement von Veaufremont, hieb davon einen großen Theil nieder, machte 5 Offiz. und 93 M. zu Gefangenen und erbeutete 152 Pferde, auf welchen die Schotten zurückritten. Bedeutsamer war das Gefecht bei Dillenburg, wel

ches Tags vorher stattfand und zur Folge hatte, daß in den darauf folgenden Tagen die von der Armee des Niederrheins her angekommenen Truppen unter Voyer c. sich nachLimburg zurück zogen und somit die Absicht aufgaben, die alliierte Armee in ihrer rechten Flanke zu beunruhigen. In Betracht der Wichtigkeit

Dillenburgs war es Absicht Herzog Ferdinands gewesen, das dortige Schloß, in welchem sich die Bäckerei für die britischen Truppen befand, zu verproviantiren und den bei Dillenburg be findlichen Feind wo möglich gänzlich zu vertreiben. Zu dieser Unternehmung, welche der Herzog durch das Vorgehen mit 12 Bat. und einigen Esc. gegen die Dill ober- und unter Dillenburg unterstützte, um dadurch die Aufmerksamkeit der Quartiere von

Herborn und Haiger auf sich zu ziehen und beide an der Hülfe leistung zu hindern – verwendete derselbe die Bat. Spörken, Jung-Zastrow unter den Befehlen der Majore de la Motte und Hohnhorst nebst einem gemischten Commando von 400 Infante risten und 200 Pferden unter Oberst Laffert. Der Adjutant des Herzogs, Capitain Derenthal, erhielt den Auftrag, mit diesem Detachement den Proviant in das Schloß zu schaffen. Es war um die Mittagszeitdes7. Januar, als die Abtheilung Derenthal's in aller Stille von Gladenbach nachDillenburg aufbrach. Der in WiffenbachausgestelltefranzösischePosten von 100 Dragonern wurde in der Abenddämmerung aufgehoben, ohne daß ein Mann davon entrann. Man näherte sich nun rasch der Stadt und traf hier

zwischen 9 Uhr Abends und Mitternacht so unvermuthet ein, daß die Truppen Paravicini's kaum sich zum Widerstande vorzubereiten vermochten. Dennoch dauerte derselbe noch dreiviertel Stunden,

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wobei übrigens, abgesehen von den Todten und Verwundeten, der Verlust der Franzosen in 37Offiz. und 560 M. an Gefangenen,

also in der gesammten Besatzung, bestand. Außerdem erbeutete man 6 Fahnen und 2 Geschütze. General Paravicini ward tödt lich verwundet und starb bald darauf. Der Verlust der Alliierten,

unter denen sich namentlich die beiden hannoverschen Bataillone hervorgethan hatten, bestand in 100 M. an Todten und Ver

wundeten; unter den ersteren der Major Steuben. Während so Herzog Ferdinand trotz einer fürchterlichen Kälte die Absichten des Feindes auf seine rechte Flanke mit einem Schlage vereitelte, war ihm das Glück auch zur Linken günstig, indem hier Prinz Holstein mit den Grenadieren, den preußischen Dragonern und 4 Bat. unter dem Prinzen von Anhalt ebenwohl am 7. Januar bis Bellnhausen vordrang und am nächsten Tage den Grafen St. Germain bei Ebsdorf überfiel. Derselbe hatte den Auftrag, mit den Grenadieren der französischen Armee, unter stützt durch die Dragoner und 8 Bat., die Armee Ferdinand's links zu umgehen und war demgemäß über Lollar und Allendorf vorgedrungen.

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Das Gefecht war indeß nur von kurzer Dauer, denn nach dem Prinz Holstein den Feind mit der Artillerie heftig beschossen hatte, wurde derselbe zum schleunigen Rückzuge gezwungen, wobei

den verfolgenden Husaren 7 Offiz. und etwa 50 M. in die Hände fielen. Hatte St. Germain auch nach diesem Gefechte noch einige Orte in der linken Flanke der Alliierten besetzt gehalten,

so bekam er doch nunmehr von Broglio den Befehl, in der Nacht vom 12. zum 13. Januar sich gegen Gießen zurückzuziehen. Damit endigte der Feldzug des Jahres 1759, doch nicht mit den Ergebnissen, wie Marschall Broglio die erhoffte, indem dieselben, der Sage nach, in dem Wiederbesitze von Marburg vor dem Anfange des Winters bestehen sollten. In Westfalen war bis dahin die Waffenruhe nur einmal, und zwar in den letzten Tagen jenes Jahres, unterbrochen wor

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den. General Imhof hatte, kurze Zeit nach dem Abmarsche des Generals Gilsa nachHeffen, Cantonierungsquartiere in der Gegend von Hamm bezogen, während die leichten Truppen in der ge wohnten Thätigkeit blieben. Eine Probe derselben erhielt man am 31. Dezember, wo Hauptmann Scheither mit 150 Pferden und 50 Infanteristen bei Kettwich über die Ruhr ging und in der darauf folgenden Nacht ein Detachement kölnischer Truppen von 1 Capit. und 20 M. in Kaiserswerth gefangen nahm. Hierauf setzte Scheither über den Rhein und zwar auf einem Schiffe, welches er von Kettwich aus auf einem Wagengestelle hatte herbeischaffen lassen, drang dann gegen Uerdingen vor, über fiel die dortige 150 Schweizer starke Besatzung vom Jenner'schen

Regimente, nahm 2 Offiz. und 48 M. gefangen, erbeutete die ganze Equipage desselben nebst 41 Pferden und zündete schließlich das große vor Uerdingen gelegene Magazin an. Scheither wurde

bei seinem Rückzuge über den Rhein nirgends gestört, denn das Alarmschlagen der Tambours schienen die in der Nähe liegenden Truppen auf den Neujahrsmorgen zu beziehen. Betrachtung über die Ereignisse in Westfalen und an ande

ren Orten, vom 26. August resp. 19. September bis zum 7. Januar 1760. Mit der Belagerung von Münster, die anfänglich freilich

mit unzureichenden Mitteln unternommen wurde, verknüpfte Herzog Ferdinand einen doppelten Zweck: denn es handelte sich nicht nur um die Wiedereinnahme dieser wichtigen Festung, sondern auch

um eine dauernde Beschäftigung des Armentière'schen Corps, welches im entgegengesetzten Falle um so zeitiger den Rücken und die rechte Flanke der Alliierten in Hessen bedroht haben würde. Die Belagerung selbst unter General Imhof bietet keine hervor stechende Momente, wenn gleich nicht zu läugnen ist, daß derselbe, nach Maßgabe der verfügbaren Streitmittel, thätig und wachsam 1) S. die „Expedition des Generals Imhof in das Herzogthum Berg.“

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war, auch es sich angelegen sein ließ, dieselben zu schonen, soweit es die Uebermacht des Marquis d'Armentières zuließ. Einen Beweis dafür giebt der zeitige Rückzug in die gut gewählte Stel lung bei Telgte. In d'Armentières" Verhalten dagegen, lagen, abgesehen von seinen die Stärke Imhofs überwiegenden Streitkräften, ein rascher Blick und eine schnelle Benutzung der fich ihm darbietenden Vor

theile, die sich namentlich durch die kurz vor der Einführung des großen Convois in Münster ausgeführten Bewegungen gegen Hamm und Soest ergaben. Die Stellung Imhofs zwischen Wilkinghege und Kinderhaus, an sich gut, doch durch die Aa von der Angriffsrichtung des Marquis d'Armentières getrennt, er leichterte sehr defen Absichtbetreffs der VerproviantierungMünster's; so wie denn auchdie nach Albachten vorgeschobene Abtheilung der Be

lagerungstruppen dem concentrischen Vordringen der Franzosen um so weniger Widerstand zu leisten vermochte, als die Aus führung des wohlkombinierten Angriffes mit vieler Pünktlichkeit stattfand.

Mit dem Erscheinen des Grafen Wilhelm von Lippe-Bücke burg bei den Belagerungstruppen und der inzwischen eingetroffenen

Verstärkungen trat die ganze Energie dieses Mannes hervor. Die Belagerung äußerte sich jetzt in raschen und dem Feinde sehr empfindlichen Schlägen, denen endlich die zähe Beharrlichkeit des Commandanten Gayon wich. Wenn gleich Armentières in dieser Periode der Belagerung nicht unthätig war, so läßt sich doch in seinem Verhalten zu dieser Zeit, namentlich bei den am 19. No vember stattfindenden Angriffen auf Albachten und Amelsbüren,

eine gewisse zögernde Vorsicht nicht verkennen. Dieselbe galt wohl nicht nur den beträchtlicheren Streitkräften der Alliierten, welche den feinigen beinahe gleich kamen, als auch dem Scharf blicke des Grafen Wilhelm, zufolge dessen Anordnungen man jetzt mit entsprechender Stärke, ohne die Belagerung zu stören, dem Feinde entgegen zu treten vermochte.

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Die Situation der alliierten Armee in dem Lager bei Crof dorf war im Ganzen genommen eine für sie günstige, denn sie

gewährte dem HerzogFerdinand eine Concentrierung und Sicherung seiner Streitkräfte zu einer Zeit, wo es sich eigentlich nur noch

darum handelte, das schwer mißhandelte und ausgesogene Heffen fortwährend gegen die Einfälle der Franzosen zu schützen. Mit dieser Aufgabe hingen die Erfolge vor Münster auf das Engste zusammen, eben weil auch hier mit einer etwaigen Besitznahme

dieser Festung Interessen betreffs der gegenwärtigen und künftigen Kriegführung gefördert wurden, die sich nicht nur auf Frankreich sondern auch auf die resp. verbündeten Fürsten bezogen. Das Maß der Verwendung einer bedeutenden Truppenstärke auf beiden Seiten gab hierzu einen vielsagenden Beleg, zumal da es Auf gabe der Marschälle Contades und Broglio war, Alles aufzu bieten, um Herzog Ferdinand zu verhindern, Entsendungen nach Sachsen zu machen. Freilich glaubten nicht nur der französische Hof sondern auch die beiden Feldherren wohl selbst, mit den bei Gießen vorhandenen Streitkräften- dieser Aufgabe gewachsen zu

sein; man bedachte aber nicht, daß die bloße numerische Ueber legenheit dieser Kräfte keineswegs die Befähigung gab, die moralischen Elemente der alliierten Armee, die Vortrefflichkeit deren

Stellung, die Wachsamkeit und Thätigkeit der Truppen und endlich die wohlbedachte Beharrlichkeit Ferdinand's aufzuwiegen. Wir wollen hiermit in keiner Weise die Tüchtigkeit der französischen Truppen, welche namentlich in Ertragung der Beschwerden und in einem thatenlustigen Willen mit dem der Alliierten wetteiferten, bezweifeln; aber wir läugnen auch nicht, daß Broglio bei aller Zuversicht auf sich selbst, dennoch Entschloffenheit nicht genug besaß, auf irgend einen Punkt das ganze Gewicht einer Stärke zu werfen, um bei Ferdinand einen jeden Gedanken an jene Ent jendungen zu verscheuchen. Broglio scheint bei einem Wirken während des Lagerns resp. Cantonierens bei Gießen hauptsächlich die Absicht im Auge gehabt

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zu haben, sich die Winterquartiere am rechten Ufer des Mains zu sichern; diese Absicht fand aber, im Widerspruche mit den be züglichen Anschauungen der Marschälle d’Estrées und Contades, ihre Begründung in einer an König Ludwig XV. gerichteten Denkschrift des Herzogs von Choiseul. Der König gab dieser Denkschrift, nach der Westfalen aufgegeben, Gießen jedoch nebst dem Main festgehalten werden sollte, seine Zustimmung, während die Ansicht der genannten Marschälle dahin ging: das rechte Main ufer aufzugeben, dagegen aber die Hauptmacht an den Niederrhein zu verlegen und Münster zu halten, ohne indeß die Winterquartiere bis dahin auszudehnen. Diese Ansicht hatte man nach der Schlacht bei Minden, die jo Manches in Frage stellte, geltend zu machen gesucht; auch fehlte es den Marschällen nicht an Gründen, ihre Ansicht zu unterstützen. So war nachihnen eine verstärkte Deckung

des Niederrheins wegen der beabsichtigen Landung in England nöthig, da es nachderselben Ansicht nicht zu den Unwahrscheinlich keiten gehörte, daß die alliierten Truppen in dem Augenblicke der Einschiffung der zur Landung bestimmten Truppen gegen den Niederrhein vorgehen konnten, um hier für den Fall wo derselbe nicht genügend gedeckt sein würde, einen Uebergang zu versuchen. Unter solchen Maßnahmen sollte also namentlich Flandern gedeckt

werden, während man nach der Meinung der Marschälle immer hin noch Mittel besitze, selbst nach dem Aufgeben von Gießen, das Reich und das Elsaß zu beschützen. An die Aufgebung Münster's knüpften sich dagegen, nach demselben Calcul, nicht nur der Ver lust von ganz Westfalen während des Winters sondern auch das Preisgeben der Länder der Kurfürsten von Cöln und der Pfalz.

Diese Gründe wurden, wie schon erwähnt, vondenen Choieul's in der Erwägung des Hofes überholt. Hiernach vermochte man von Hessen aus leichter in Hannover einzudringen als durch West falen; – eine Ansicht, welche durch das Vorhaben, den Feldzug von 1760 mit dem Eindringen in Hannover zu beginnen, bedeutend unterstützt wurde. Ferner versprach sich Choiseul keine Deckung

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der Länder der verbündetenFürsten durch die französischen Winter quartiere in Westfalen; dann aber wäre ein Eindringen Ferdinand's in Franken zu befürchten, wodurch keineswegs die Achtung vor Frankreichs Macht in den Augen des Reiches gewinnen würde. Choiseul hielt weiterhin einen Uebergang Ferdinand's über den Rhein vor der Einnahme einer dortigen Festung nicht für wahr scheinlich; überhaupt glaubte er, daß eine solche Unternehmung gegen den Niederrhein wohl vor dem Eintreten des Frostes nicht

stattfinden dürfte, dann aber konnte die projectirte Expedition gegen England längst das eine oder das andere Ergebnißgefunden haben. Würde demnach diese Unternehmung glücklich ausgefallen oder noch noch im Fortgange begriffen sein, so durfte wohl die alliierte Armee an ein Vorgehen, wie es oben bezeichnet wurde, nicht denken; im Falle eines Fehlschlagens der Expedition aber vermochte man mit

der dazu bestimmten 48.000 M. starken Armee nöthigenfalls in den Niederlanden dem Herzog Ferdinand entgegen zu treten. Für alle diese Fälle mußte nach Choiseul die Armee am Main ihr

Uebergewicht behaupten, d. h. sie vermochte, bei dem Glücken der Landung und dem dadurch herbeigeführten Frieden, eben das Friedenswerk inmitten Deutschlands zu fördern; im entgegengesetzten Falle aber war jene Armee in Bereitschaft, gegen die Alliierten

aufzutreten und zugleich den Verbündeten zu Gunsten Sachsens beizuspringen. Die anfänglich zur Landung bestimmte Armee konnte dann zur Deckung des Niederrheins verwendet werden"). Dieser lebhafte Austausch von Ansichten, den wir hier zur größeren Verdeutlichung der Sachlage gegen Ende des Feldzuges ausführlich mitzutheilen nicht für unzweckmäßig gehalten haben, obgleich wir uns dadurch scheinbar von den Betrachtungen der be züglichen Kriegsereigniffe entfernten, – machte sich in seinen End resultaten bei der Armee Broglio"s sehr geltend und scheint fast einen Haupttheil von der Aufgabe desselben, nämlich den betreffs 1) S. Stuhr's Forschungen c. 2. B, S. 225 u. w. Renouard Gesch. 11. Bd.

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der Verhinderung der Truppenentsendungen nach Sachsen, in den Hintergrund gedrängt zu haben. Durch die von dem Könige Ludwig XV. adoptierte Ansicht Choienl’s wurde offenbar der Schwerpunkt der Wirksamkeit der französischen Heere an den Main verlegt und das wichtige Westfalen trat dagegen in der Beachtung zurück, zumal, da dies auch durch die gegen Oesterreich übernom menen Verpflichtungen ) geboten erschien. Die Expedition des Erbprinzen gegen Fulda war ganz dazu geeignet, die Zuversicht Herzog Ferdinand's zu einer festen Stellung und insbesondere zu seinen durch die vielen Detachirun gen geschwächten Truppen zu bethätigen. Es war dies dem Her zog Broglio gegenüber ein nicht unbedeutender Gewinn, zumal da bei demselben gerade nicht das Bestreben vorhanden zu sein schien, selbst die Stellung beiGießen zu behaupten. Die Schwie wigkeit der Verpflegung gab schon an und für sich hierzu einen wesentlichen Grund ab, obgleichder fortwährende Besitz von Gießen, wodurch man namentlich den Erwartungen der Regierung ent sprach, eigentlich auch nicht im Entferntesten in Frage gestellt werden durfte. Auf die Bewegung desHerzogs von Würtemberg gegen Fulda konnte Broglio schon deshalb kein besonderes Ver trauen setzen, da er mit jenem in einem gespannten Verhältniffe lebte. Daher scheint es denn auch, als ob Broglio wenigstens in den Augen seines Hofes thätig zu einer Zeit erscheinen wollte, wo er (Broglio) vielleicht schon den Entschluß gefaßt hatte, nach Friedberg sich zurückzuziehen. Das Erscheinen des Erbprinzen bei seiner Rückkehr von Fulda in der rechten Flanke der französi schen Armee kann denkbarerweise eine willkommene obwohl nicht genügende Veranlassung geboten haben, jenen Rückzug nach Fried berg in Ausführung zu bringen. Mit diesem Rückzuge gab aber Broglio zugleich wohl auch die nie ernstlich von ihm verfolgte

Absicht auf: – Herzog Ferdinand an Entsendungen nach Sachsen 1) S. die „Uebertragung des Oberbefehles über die französische Armee auf den Herzog von Broglio“ 2c.



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verhindern zu wollen. Dagegen war der französischeFeldherr jetzt um so mehr bedacht, sich durch eine besondere Thätigkeit den Besitz von Gießen zu sichern, um wahrscheinlich wenigstens die Frage betreffs der zu nehmenden Winterquartiere, nach den Bestimmun gen seines Cabinets, schließlich gelöst zu sehen. Die Detachirun gen von der Armee des Niederrheins in der Richtung der rechten Flanke Ferdinands waren daher auch ganz an ihrem Orte; eben fo aber auch mußten das Gefecht und die Einnahme von Dillen burg von Seiten Ferdinand's als unabweislich erscheinen, da der Zweck dessen endlichen Rückzuges aus der Stellung bei Crofdorf nach Marburg nur allein durch eine Sicherung der rechten Flanke vollständig erreicht werden konnte.

Die Beziehung der Winterquartiere durch die alliierte und die französische Armee in der zweiten resp. erften Hälfte Januars 1760.

Die Einbußen, welche der Feind erlitten, und die Krankheiten die ihn heimsuchten, brachten den nicht minder erschöpften Alliierten endlich Ruhe, und mit dem Rückzuge desselben bereitete man sich auf der ersteren Seite vor, die Winterquartiere zu beziehen. Am 18. Januar erfolgte zu dem Ende der Abmarsch der englischen

Truppen in das Bisthum Osnabrück; ihnen folgte am 19. die schwere Artillerie nach Lippspringe und dem Stifte Korvei. Am 20. Januar brach General Spörken mit 15. Bat. (unter welchen

die hessischen Bat. Malsburg, Erbprinz, Prinz Anhalt, Toll, Garde, ein Gren-Bat) und 16 Esc. (worunter die hessischen Regtr. Prüschenk, Leibdragoner, Leibregiment) nach dem Bisthume Münster auf; der Rest, und zwar die Truppen des Prinzen Hol stein, der Generale Wutginau, Wangenheim, Scheele und Dreves, folgten zwei Tage später. In Heffen wurde dagegen eine Kette von Postierungen ge bildet. So erhielt ein jedes der auf4 Monate mit hinlänglichen Lebensmitteln und Schießbedarfe versehenen Schlöffer Marburg, 23

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Dillenburg und Homberg an der Ohm eine Besatzung von 200

Mann unter den Befehlen des braunschweigischen Oberstlieutenants Scharnhorst und der Capitäns Düring und Stockhausen. Die Luckner'schen Husaren und das Jägercorps wurden unter General major Luckner in die Gegend zwischen Marburg und Dillenburg verlegt. Generallieutenant v. Imhof führte den Oberbefehl über jämmtliche in Hessen zurückbleibende Truppen; sein Hauptquartier befand sich in Melsungen. Diese Truppen bestanden im Ganzen aus 12 Bat. Infanterie, 5 Bat. Grenadieren, 16 Esc. Drago ner und Cavaleristen, 3 Esc. schwarze Husaren, 3 Esc. Husaren von Luckner, 2 Csc. hessische Husaren, sämmtlichen hannoverschen und hessischen Jägern zu Fuß und zu Pferd und endlich aus dem Schützenbat. von Stockhausen, – welche Truppentheile in 2 Di visionen zerfielen, von denen General Gilsa die zwischen der Fulda und der Werra stehende, General Graf Kielmansegge aber die zwischen der Lahn und der Fulda befehligte.

Am 22. Januar

reiste Herzog Ferdinand nach Paderborn, dem künftigen Haupt auartiere, ab und traf daselbst am 27. ein. Während dieser Vorgänge bei der alliierten Armee hatte auch Marschall Broglio die Anordnungen zum Beziehen der Winter auartiere getroffen. Am 16. Januar traf derselbe in Frankfurt

a. M. ein und nahm hier ein Hauptquartier. Die Winterquartiere der Franzosen erstreckten sich von Gießen

bis in die Unterpfalz, während die Armee am Niederrhein von Neuwied an über Cöln, Düsseldorf bis Geldern und Cleve, ferner in der Gegend von Aachen, Roermonde und endlich in dem Bis thume Lüttich kantonierte. In Gießen standen 3000M. Besatzung; St. Germain befand sich in Aschaffenburg und Prinz Robecq in Hanau. Die würtembergischen und die sächsischen Truppen wurden in den fränkischen Kreis verlegt, und zwar erstere in die

Gegend von Wertheim, die letzteren in das Bisthum Würzburg. Wenn früher schon ernstliche Streitigkeiten in Folge der Weigerung des Bischofs von Würzburg, Garnison in die Stadt

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aufzunehmen, stattgefunden hatten, wobei namentlich Mainz jene Weigerung erregte, so wurde jetzt der Herzog von Würtemberg darüber unwillig, daß man den sächsischen Truppen vor den feini

gen bei der Besetzung der Stadt den Vorzug gegeben hatte. Frankreichs Absicht, Würzburg und Mainz zu besetzen, um festen Fuß am Main zu fassen, rief im Herbste 1759 eine leb hafte Spannung der Verhältnisse hervor, und das Versailler Ca

binet ging hierbei im November bis zu der Drohung: – eine Truppen zurückzuziehen und ganz Franken den Einfällen der Preu

ßen Preis zu geben, falls man die BesetzungWürzburg's durch sächsische Truppen verweigern würde. Es war diese Drohung indeß um so ernstlicher gemeint, da Würzburg den rechten Flügel der französischen Winterquartiere bildete, doch mußte bei der wirk lichen Ausführung die Verpflegung der resp. Armee offenbar dar unter leiden, da Lieferungen an Fourrage seither nur unter der Bedingung von dem fränkischen Kreise geleistet worden waren, daß derselbe von Seiten der französischen Armee gegen feindliche

Einfälle gesichert werde. Das Ende der bezüglichen Unterhandlung zeigte sich mäßiger wie man erwartete. Französischer Seits leistete man Verzicht auf

die Besetzung.von Mainz und vorläufig auch auf die der Feste Marienberg bei Würzburg. Dagegen verpflichtete sich der Kurfürst von Mainz zu ansehnlichen Lieferungen von Fourrage und Lebens mitteln an die französische Armee gegen Bezahlung.

Der Graf von der Lausitz verständigte sich persönlich mit dem Bischof von Würzburg, und ein zwischen beiden am 6. Fe bruar abgeschloffener Vertrag räumte dem ersteren das Recht ein,

4 Bat. Sachsen jammt dem Hauptquartiere nach Würzburg zu verlegen, bei einer bevorstehenden Belagerung aber diesen den Marienberg zu überliefern ). 1) S. das Weitere in Stuhrs Forschungen c, 2. Bd, S. 285 u. w.

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Vorfälle während der Dauer der Winterquartiere.

Die leichten Truppen der Alliierten blieben während des Winters nicht unthätig und machten sich dem Feinde bisweilen

sehr unbequem. So entwaffnete Major Scheither im Westerwalde 2 Comp. von den Truppen, welche von dort nach der Reichsarmee abgehen sollten.

Dagegen versuchte General Blaisel, der Commandant von Gießen, die Besatzung in Marburg zu überrumpeln und die Posten

Luckner's in Homberg an der Ohm und in Amöneburg aufzu heben. Es war am 29.Februar um 9 Uhr Abends, als die ganze BesatzungGießen’s überdies noch verstärktdurchdiefrühere Besatzung, mit Ausnahme der Thorwachen der Festung, in drei Colonnen die Stadt verließ. Eine dieser Colonnen, in der Stärke von

15–1600M., nahm ihre Marschrichtung nach Homberg an der Ohm, wo eine Compagnie Luckner'sche Husaren stand, während das dortige Schloß von 200 M. Infanterie besetzt war. Die

zweite der Colonnen, 3000 M. und 3 Kanonen, marschierte da gegen gerade nachKirchhain, welchesLuckner selbst mit 2Husaren Comp. und einer Abtheilung Jäger besetzt hatte. Die dritte Colonne endlich schlug den Weg nach Marburg ein; Bestimmung

für alle war es aber, am 1. März um 5 Uhr Morgens den Angriff auf die genannten Orte zu beginnen. Die Wachsamkeit

der Luckner'schen Husaren vereitelte indeß das feindliche Vorhaben, indem die Patrouillen derselben schon um 21% Uhr Morgens auf die gegen Homberg und Kirchhain vordringenden Colonnen stießen und hierauf die dortigen Posten alarmierten. Die beiden Colonnen vereinigten sich nun, zogen sich aber vor den inzwischen ausge rückten Husaren bis Wolfshausen im Lahnthale zurück, wo die gegen Marburg bestimmte Colonne zu ihnen stieß. Derselben war es gelungen, daselbst einzudringen und einige Geißeln mitzu nehmen, – wahrscheinlich betreffs einer Summe von 100.000 Franken, die man der Stadt zu zahlen befahl als Repressalie für die Forderungen Luckner's in den benachbarten Ländern. Die

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Aufforderung des Schlosses zur Uebergabe wurde mit einigen Kanonenschüssen beantwortet.

Der Rückzug der Franzosen von Wolfshausen nach Gießen blieb für die Verfolger nicht ohne Resultat, denn diese hieben von der Arrièregarde mehrere Leute nieder und machten 29Gefangene. Neben dem stellten sich am 2. März über 50 Deserteure in Kirchhain ein.

Auch in Fulda und Gegend blieb man alliierterseits ac. nicht unthätig. Die Veranlassung dazu gab die Kunde von einem durch die württembergischen, sächsischen und Reichstruppen beabsichtigten Einfalle. Dies und die Absicht, Fourrage und Refruten beizu treiben, führten General Luckner am 18. März nach Fulda, wo er eine Contribution von 200.000 Thalern, als Entschädigung

wegen des durch die Reichstruppen in Hessen angerichteten Scha dens, ausschrieb und zur Sicherheit Geißeln mitnahm. Nächstdem ließLuckner, dessen Abtheilung (2 Esc.Husaren von Luckner, 2Esc. kommandierte Cav, 2 hannoversche Gren. Bat.von Bock und Wersabe) bei Neuhofden Feind unter einem Verluste von 7 Todten und 5 Verwundeten zurückgetrieben, 1000 Rekruten in Schlüchtern, Steinau und Schwarzenborn ausheben ), erbeutete in der dortigen Gegend nicht unbedeutende Waffenvorräthe und anderes für die Reichsarmee bestimmte Material, machte einige

hundert Gefangene und kehrte dann nach Heffen zurück. General Gilsa unterstützte übrigens mit einer Truppen-Ab theilung, welche aus dem zwischen Vacha und Treffurt gestandenen Cordon des Obersten Freytag, dem Regt, Zastrow, 200 M. Cav. ferner 7 Bat. und 4 Esc. von der Kielmansegge'schen Division ohne die leichten Truppen bestand, – den Zug Luckners und

1\ Nach französischen Berichten ging es bei dieser Recrutierung fehr ge gewaltsam her. So soll man dabei Männer von 60 Jahren und Kinder von 10 bis 12 Jahren ausgehoben haben. Wo die Söhne entwichen waren, wurden der Vater oder die Mutter mitgenommen.

rückte gleichzeitig mit diesem in Fulda ein, während General Bose den Befehl über die zwischen Werra und Fulda zurückgebliebenen Truppen führte.

Bis zum 22. März war das oben bezeichnete Geschäft voll ständig beendigt, und am 27. März befanden sich sämmtliche Truppen Gilsa's wieder in ihren alten Quartieren. Die nun eintretende Ruhe war indes nicht von langer Dauer, denn schon am 11. April erhielt General Gilla, in Folge feindlicher Bewe gungen in der Gegend oon Fulda, von dem General Imhof den Befehl, feine Division in der Gegend von Sontra zusammen zu ziehen. Imhof nahm gleichzeitig sein Hauptquartier in Rotenburg. Die betreffs jener Bewegungen bei Imhof eingetroffenen Nach richten erwiesen sich jedoch als falsch, weßhalb die Truppen Gila's am 14. April ihre früheren Quartiere wieder bezogen. Es fanden nun abermals verschiedene Detachirungen statt. So wurde am 17.April ein Executionskommando von 30Pferden in das Eichsfeld abgeschickt, um von dort 500 Arbeiter abzu holen, welche bei den Festungsarbeiten in Caffel gebraucht werden sollten. Oberst Freytag erhielt gleichzeitig den Befehl, mit den in

Vacha liegenden Jägern, dem hessischen Gren.-Bat. von Balke, 100 M. Cav, den hessischen Husaren und Jägern nebst dem Bat. von Stockhausen nach Hünfeld zu marschieren, um diesen Ort wegen der Widersetzlichkeiten zu bestrafen, welche derselbe

gegen die Patrouillen der Alliierten sich hatte zu Schulden kommen lassen. Der Feind stand um diese Zeit beiNeuhof; Oberst Frey tag aber zog Strafgelder ein, hob junge Mannschaft zum Kriegs dienste aus und ließ alles habhafte Vieh hinwegtreiben. Am 28. April fand bei Vacha das letzte Scharmützel wäh

rend der Winterruhe statt. Zwei Compagnien des hannoverschen Jägercorps zu Fuß unter den Capitains v. Bülow und Reden,

so wie eine Compagnie zu Pferd desselben Corps unter Rittmeister Conradi fanden daselbst als Besatzung. Eine feindliche Abthei

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lung unter de la Noue de Vair, an 900 M, theils Infanterie theils Cavalerie, stark, beabsichtigte diesen Posten zu überrumpeln, wurde aber hieran durch die zeitig getroffenen Vorkehrungen des

Obersten Freytag verhindert, welcher auf die Nachricht von dem feindlichen Vorhaben mit einer Esc. Ruesch Husaren bei Vacha eingetroffen war. Diese Escadron unter Rittmeister Usedom so wie die Jägerkompagnie zu Pferde hatten auf dem südlich von Vacha gelegenen Berge Stellung genommen, während die Besatzung dieses Ortes, beim Beginnen des feindlichen Angriffes, zunächst

zur Vertheidigung der Werrabrücke herbeigeeilt war. Das Feuer der Angreifer, bei welchem auch einige Geschütze mitwirkten, wurde längere Zeit hindurch von den Jägerkompagnien und einer Kanone aufdas Lebhafteste erwiedert,dieseerzwangen aber erst dann den Rück zugdes Feindes, als die Cavalerie Freytag's bei Dondorf (1/ M. ö. v. Vacha) auf der dortigen Brücke die Werra überschritten hatte und hierauf im Rücken der Franzosen erschien. So entschieden diese Bewegung ausgeführt wurde, so entschieden war auch die bis Geisa sich erstreckende Verfolgung des Feindes, wobei namentlich eine kleine Abtheilung würtembergischer Husaren, die sich zum Ueberfalle des Nachtrabes der verfolgenden Jäger verdeckt aufge stellt hatte, in die Hände derselben fiel. Der Verlust des Feindes betrug im Ganzen 4 Offiz. und 100 M.; der der Truppen Freytag's bestand dagegen in 6 todten Jägern zu Fuß sowie in 8 todten schwarzen Husaren; an Ver

wundeten hatte man von diesen beiden Truppentheilen 11 M. Mit diesem Gefechte war indeßimmer noch keine Ruhe für die Truppen erkämpft, denn schon am nächsten Tage sah sichOberst Frey tag, in Folge eines abermaligen Vorrückens des Feindes, genöthigt, seinen Cordon in der Nähe von Vacha enger zusammen zu ziehen, während sämmtliche übrige Truppen sich bei ihren Quartierständen konzentrierten. Diesen Anordnungen folgte am 30. April der Ab marsch des hessischen Generals von Bischhausen mit den Bat.

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Bischhausen und Alt-Zastrow nach Berka und Kreuzburg zur Un

terstützung Freytags.

Am 1.Mai standen sämmtliche Truppen,

mit Ausnahme der des Generals Bischhausen, wieder in ihren früheren Quartieren; mit dem 7. Mai aber bezog die Division Gilsa's im Amte Sontra die Quartiere, der General selbst nahm sein Hauptquartier in dem Orte gleiches Namens.

Der Feldzug von 1760.

Der Feldzug von 1760. Neunter Abschnitt. Allgemeines über die politischen Verhältniffe von 1760 bis 1761 sowie über die Feldzüge des Jahres 1760.

Wenn die ungeheueren Verluste, welche Friedrich II. in dem Feldzuge von 1759 erlitten, des Königs und des preußischen Volkes größte Anstrengungen geboten, damit man auch fernerhin den übermächtigen Feinden zu widerstehen vermochte, so waren dagegen die Kräfte der letzteren nicht minder in Anspruchgenommen worden, und es stand sehr dahin, inwiefern die erfahrenen Ver luste ausgeglichen werden konnten. Dies war besonders beiFrank reich der Fall, dessen Nation unter dem Drucke eines gewissenlosen und verschwenderischen Hofes sowie unter den wiederholten Schlägen des äußeren Unglückes seufzte. Der Verlust der Colonien und des Seehandels, die Niederlagen seiner Flotten und Heere bezeich

neten nur zu klar das Letztere, während die beinahe unerschwing lichen Steuern und Erpressungen des Finanzmannes Silhouette und die von demselben veranlaßten Wuchergeschäfte den ganzen Umfang der Creditlosigkeit des Staates bekundeten. Unter dem Drucke solcher Verhältniffe und Zustände, denen sich die Klagen des größten Theiles der Nation zugesellten, dachte Frankreich in dem Winter von 1760 bis 1761 mehr als je an

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den Frieden. Die dahin zielenden Bemühungen stießen jedoch, wie vorauszusehen war, auf die verschiedenen Intereffen der zeither mit ihm verbundenen Mächte, wenngleich auch im Allgemeinen bei den meisten Neigung für den Frieden vorhanden war. Zu diesen zählte auch die Kaiserin von Rußland, welche, den Krieg sogar haffend, doch nicht moralische Selbstständigkeit genug besaß, um ihre Ueberzeugungen den Einflüsterungen der Höflinge gegen über genügend geltend machen zu können; während diese Ein flüsterungen hauptsächlich dahin gingen: nur dann den Friedens anträgen Gehör zu geben, wenn die Macht König Friedrichs niedergeworfen sei.

Die bei der Friedensfrage am meisten betheiligte Kaiserin Maria Theresia setzte nur ungern ihre lange genährten Hoffnungen,

wenn auch nur scheinbar, bei Seite, weil sie die Rücksichten nicht unbeachtet laffen durfte, welche ihr das Verhältniß mit Frankreich auferlegte. Gedrängt durch dasselbe, wobei wohl aber auch der Wunsch der Kaiserin hervortreten mochte, der Welt ein Beispiel von Mäßigung zu geben, pflichtete Oesterreich den von franzö fischer Seite erfolgten Friedensvorschlägen bei und bezeichnete Augsburg als den Ort, wo ein allgemeiner Congreß abgehalten werden möchte.

Fürst Galliczin, russischer Minister bei dem englischen Cabinet, stellte in London den bezüglichen Antrag, der, bereits ein Jahr früher von England und Preußen ausgegangen, bekanntlich ohne Erfolg geblieben war. Die Bemühungen des Versailler Cabinets richteten sich übrigens keineswegs ernstlich auf den Abschluß des Friedens, wenn auch Choiseul der englischen Regierung den Vor fchlag machte, einen Waffenstillstand eintreten und durch Bevoll mächtigte die Zerwürfnisse ausgleichen zu lassen. Bei Choieul handelte es sich um diese Zeit (März 1761) insbesondere darum, Zeit zu gewinnen, um dadurch die Rüstungen zu verzögern, welche

Cngland zur Fortsetzung des Krieges machte. Im Uebrigen ver folgte Choiseul, indem er England mit den Friedensvorschlägen



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zu täuschen glaubte, das Ziel, Spanien in den Krieg mit jenem Lande zu verwickeln. Es war dies eine Absicht, welche von dem

französischen Minister schon zur Zeit (1758) gehegt wurde, wo er das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten übernommen hatte, doch erst späterhin gelang, nachdem Carl III. den Thron Spaniens bestiegen. Der am 25. Oktober 1760 eingetretene Tod König Georg's II.

von England gab vielleicht Choiseul Hoffnung, mit seinen Vor fchlägen durchzudringen. Georg III., der Enkel des Verstorbenen und Nachfolger desselben, war ein junger Mann, der von seiner

Mutter und Lord Bute geleitet wurde und daher keine Selbst fändigkeit offenbarte. Minister Pitt, welcher indeß noch das Staatsruder führte, bot diesen nachtheiligen Verhältnissen ein ent sprechendes Gegengewicht und zeigte sich, Frankreich gegenüber, sehr behutsam. Das englische Cabinet machte sich hiernach zwar anheischig, Bevollmächtigte zu dem oben genanten Zwecke fenden zu wollen, lehnte jedoch den Waffenstillstand ab, bis man über die Präliminarien übereingekommen sein würde). Der König von Polen (Kurfürst von Sachsen) zeigte nicht wenig Bereitwilligkeit, auf den Frieden einzugehen, denn ihm mußte namentlich daran gelegen sein, sein Land den Gräueln des Krieges entzogen zu sehen, bei denen der König alle Ursache hatte, sowohl mit den Feinden als mit seinen Verbündeten zu hadern. Auch in Schweden fanden die Vorschläge zu einem Congresse eine gute Aufnahme, und man trat dort französischer Seits um fo drängender auf, als daselbst in dem Storthing die französische Partei von der Hofpartei auf das Lebhafteste beschuldigt worden war, den Krieg genährt und so das Verderben Schwedens herbei

geführt zu haben. Mit den Vorschlägen Choieul's begann man 1) Dem Abschluffe eines besonderen Friedens zwischen Frankreich und England stellte sich die ForderungLudwigs XV. entgegen, daß England und die mit ihm verbündeten kleineren deutschen Mächte bezüglich des Krieges auf dem Festlande fich neutral erklären sollten.

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die Gemüther zu versöhnen; man wußte aber auch, sich auf diese Weise den Einfluß der französischen Politik zu sichern, welcher durch diejenigen im Senate geübt wurde, die im Solde Frank reichs standen.

König Friedrich II. nahm zwar die Friedensvorschläge nicht minder bereitwillig, wie die Genannten, auf, und ernannte dem

gemäß Bevollmächtigte zu dem Augsburger Congreffe; aber er war doch mehr darauf bedacht, durch seine Abgesandten in London selbst für das Friedenswerk wirken zu lassen, weil sich ihm dort

die erwünschteste Gelegenheit darbot, bezüglich seiner Interessen sich unmittelbar mit Frankreich zu verständigen. Daher erhielten

auch die zum bevorstehenden Congreffe bestimmten preußischen Abgeordneten die Weisung: – alle Vorschläge, welche man ihnen machen würde, aufzunehmen, ohne jedoch darauf Antwort zu ertheilen.

Zwei Vortheile waren es übrigens, die Friedrich zu erlangen hoffte.Frankreich sollte diejenigen zur preußischen Monarchie gehörigen Länder, welche von ihm während des Krieges in Besitz genommen

worden waren, wieder herausgeben; und England sollte dem Könige Subsidien und Truppen gewähren, um damit den Feind zu einem ehrenvollen Uebereinkommen zu zwingen"). So vieleHoffnungen indeß auch betreffs des abzuschließenden Friedens rege gemacht wurden, so erschien doch die Verwirklichung derselben sehr in Frage gestellt, als sich über die Zulassung des Kaisers zum Congreffe ein lebhafter Streit entspann; und wobei man preußischer Seits hervorhob, daß man mit der Kaiserin Königin nicht aber mit dem deutschen Kaiser Krieg geführt habe. In einer etwas späteren Zeit werden wir sehen, daß diese Streitfrage zu einer besonderen Unterhandlung zwischen England und Frankreich führte; für jetzt aber genügt es, zu wissen, daß

jene Frage die Ursache wurde, daß der Congreß sich nicht ver fammelte und damit das Friedenswerk ebenwohl vereitelt erschien. l)

histoire de la guerre de sepl ans, T. II., p. 107.

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Die alten Beziehungen. Friedrich’s zur Pforte hatten am

22. März zu einem Freundschafts-Vertrage mit dem Großvezir geführt, wobei man sich auf beiden Seiten vorbehielt, die Ver bindung noch enger zu schließen und zu einem Defensivbündniß übergehen zu lassen. Jener Vertrag, so wenig Gewicht er auch thatsächlich in die Wagschale des Krieges warf, übte doch immer hin einen moralischen Einfluß auf die Cabinette von Wien und Petersburg aus, indem man die aus dem Vertrage eventuell ent

springenden Leistungen für bedeutender halten mochte, als sie wirk lich ausfallen würden. –

Wenn so König Friedrich sich Vortheile für die Gegenwart und die Zukunft sicherte, so war er auch bedacht, mitPersonen in Ver bindung zu treten, von denen man Nachrichten über des Feindes

Absichten einzuziehen vermochte. In dieser Beziehung wird von Friedrich selbst ein General Tottleben genannt, welcher indeß, in Folge seiner Unvorsichtigkeit, schon zu Anfang des Feldzuges 1761 verhaftet wurde"). König Georg III., dessen Großvater, Georg II., noch kurz vor seinem Tode die Nachricht von der Einnahme der Stadt Montreal in Canada (8. September 1760) erhielt, – erneuerte am 12. December 1760 die alten Verträge mit Preußen. Es war dies ein Ereigniß,welches insbesondere Pitt,dem enthusiastischen Verehrer Friedrichs II, zugeschrieben werden muß, während das englische Volk in diesem Monarchen vor wie nach den „protestan tischen Helden“ fah und sich für ihn begeisterte. In den deutschen Angelegenheiten hatte sich im Allgemeinen nichts Wesentliches verändert und nur diejenigen einiger Reichs fürsten erfuhren einen Wechsel, welcher von nicht unbedeutendem Einfluffe auf die kriegerischen Verhältniffe war. 1) General Buturlin ließ außer Tottleben auch dessen Sohn verhaften und strenge bewachen. Die Haft beider endete nach dem Tode der Kaiserin Elisabeth; nach der Thronbesteigung Peter's III. aber wurde der Vater kriegs rechtlich frei gesprochen und mit ihm zugleich sein Sohn aus der Haft ent laffen. S. Stuhr's Forschungen, 2. B, S. 395. Renouard Gesch. II. Bd.

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Die bereits erwähnten Irrungen mit dem Herzogvon Würtem berg kamen auf französischer Seite zum Abschluffe, indem dieser Fürst am 4. Mai 1760 erklärte, daß er unter dem Befehle Broglio"s nicht stehen wolle. In Folge dieser Erklärung und auf

Verlangen erhielt der Herzog die Freiheit, seine Truppen von der französischen Armee zurückzuziehen. Der Wiener Hof, dem nun der Herzog diese Truppen anbot, gab eine ablehnende Antwort, ging aber doch schließlich insofern auf den Wunsch desselben ein, als das 11,000 M. starke Corps in den Dienst und Sold des Reiches genommen und mit der Reichsarmee vereinigt werden

sollte. Dieser Vertrag war jedoch nicht von längerer Dauer, denn als die genannten Truppen in dem Feldzuge von 1760 wieder holte und mannichfaltige Veranlassung zu Beschwerden über ihre

Zuchtlosigkeit gegeben hatten, kündigte man dem Herzog den Ver trag auf und war entschlossen, die Truppen in ihre Heimath ab gehen zu lassen. Diese Maßnahmen beirrten indeß den Herzog nicht, indem er im Anfange des Jahres 1761 noch ein neues Regiment errichtete und seine Absicht aussprach, auch ohne alle Hülfsgelder, doch mit Vorbehalt der in den feindlichen Ländern von ihm zu erpreffenden Brandschatzungs-Gelder, an dem Kriege fernerhin Theil nehmen zu wollen. Der Herzog stellte sich, dieser Absicht entsprechend, gleichsam zur Verfügung der zeither mit ihm Verbündeten und machte es von ihnen sowie von den Umständen überhaupt abhängig, inwiefern er in dem Feldzuge von 1761 mit zuwirken habe. Uebrigens versäumte es der kriegslustige Fürst

nicht, in der Denkschrift, die in seinem Namen dem Herzoge von Choiseul übergeben wurde, auf eine künftige Schadloshaltunghinzu, deuten und dabei zugleich des Eifers und der Anhänglichkeit zu gedenken, die er während des ganzen Krieges den ihm verbündeten Mächten bewiesen habe. Es war in der Nacht vom 31. Januar bis zum 1.Februar 1760, als Landgraf Wilhelm VIII. von Heffen, der so treue Anhänger der Sache König Friedrich's, starb und die Regierung

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auf seinen Sohn Friedrich II. überging. Herzog Ferdinand, in Voraussicht dieses für die Interessen der Alliierten so wichtigen

Todesfalles des hochbejahrten Fürsten, hatte sich zeitig mit dem hessischen Ministerium, d. h. einige Zeit vor dem Ableben des Landgrafen, in Beziehung gesetzt, um eine angemessene Vermehrung der bei der alliierten Armee befindlichen hessischen Streitkräfte zu bewirken. Die resp. Unterhandlungen nahmen nun, wenige Tage nach dem Tode Wilhelm's VIII., ihren Fortgang und endigten am 15. Februar mit der Erneuerung der Verträge mit England,

wonach sich LangrafFriedrich II. anheischig machte, unter gewissen Bedingungen das hessische Contingent um ein sehr Beträchtliches zu verstärken ). Nach dem Urtheile Herzog Ferdinand’s, welcher dasselbe gegen König Friedrich unter dem 15. März 1760 aussprach, war der neue Landgraf, trotzdem daß er alle Vorbereitungen zur Erfüllung der neu übernommenen Verpflichtungen traf, keineswegs der Sache der Alliierten ergeben. Die Veranlassungen zu dieser Ansicht des Herzogs lagen in den wiederholten Aeußerungen des Landgrafen zu seinen Vertrauten, wonach dieser immer nur von den großen Vortheilen sprach, welche ihm, bei Ergreifung der Gegenpartei, zukommen würden. Andere Aeußerungen des Land grafen, nach denen er entschlossen zu sein schien, bei einer etwaigen Besitznahme Caffel's durch die Franzosen diese Residenz nicht zu verlaffen, festigten bei Ferdinand die Ueberzeugung, daß es der neue Landesherr nicht ungern sähe, in die Hände des Feindes zu 1) S. „Verstärkung der alliierten Armee.“ In dem letzten Vertrage (1759) mit dem Landgrafen von Heffen war

durch einen geheimen Artikel diesem Lande eine Entschädigung zugesichert worden. Um das Bekanntwerden dieses Artikels zu verhindern, hatte man dem Landgrafen schon manche Summen zufließen laffen. Nach dem Tode Georgs II. wurde das englische Ministerium gezwungen, dem Parlamente ein Entschädigungsbegehren von400.000Pfd. Sterling für die Landgrafschaft vorzulegen, – welches Geld am 6. März 1760 bewilligt wurde. (Horaz Walpoles Denkwurdigkeiten c. 2. Th., S. 22) 24

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fallen. Die meiste Aufmerksamkeit des Herzogs wurde jedoch durch den Umstand hervorgerufen, daß Landgraf Friedrich sich um jeden Preis wieder in den Besitz der Grafschaft Hanau zu setzen wünschte, sowie daß derselbe sich hartnäckig weigerte, die in dieser Beziehung getroffenen Anordnungen als gültiganzuerkennen). Alle diese Anzeichen

einer das Interesse der Alliierten

bedrohenden Gesinnung veranlaßten Herzog Ferdinand, den König Friedrich zu ersuchen: – einen Gesandten an den

Hof von Caffel zu senden, welcher hier den Einflüsterungen der Emiffäre von den Höfen in Wien und Versailles entgegen träte, zumal da der Landgraf weder Fähigkeit genug be fitze, gefährliche Pläne zu entwerfen, noch Festigkeit, solche zur Ausführung zu bringen. Herzog Ferdinand hegte übrigens bei diesen kritischen Verhältniffen die Ueberzeugung, daß die zeitherigen hessischen Minister, wenn sie ihre Posten beibehalten würden, in Verein mit jener Vorsicht Bürgschaft genug für das Verbleiben

des Landgrafen in der Allianz böten. –

Durch die Bemühungen Herzog Ferdinand's, denen noch ein enges verwandtschaftliches Verhältniß zur Seite stand, erneuerte sich auch der VertragBraunschweigs mit der Krone von England. Eine nach Maßgabe der Kräfte jenes Landes nicht unbeträchtliche Verstärkung des resp. Contingentes bildete nebst den Bedingungen den Inhalt des Vertrages. Auch mit dem Hofe von Mecklenburg war Ferdinand in Unterhandlungen betreffs einer Verstärkung der alliierten Armee 1) Der Uebertritt des Landgrafen Friedrich II. zur katholischen Kirche

hatte die genannten Schwierigkeiten hervorgerufen; auch hatte die Erbschaft der im Jahre 1736 durch den Tod ihres letzten Fürsten an beide hessische Linien (Darmstadt und Caffel) gefallenen Grafschaft Hanau noch nicht völlige

Erledigung gefunden. (v. d. Knesebeck e. 2. Th., S. 42 u. 49) Nächstdem waren die durch das Testament Wilhelm's VIII. bestimmte Vormundschaft der Söhne Friedrich's, sowie andere Anordnungen dieses letzten Willens, Gegenstände der Beschwerden bei demselben. Dahin gehörte namentlich auch die Bestimmung, daß die Grafschaft Hanau nicht aufFriedrich sondern auf dessen ältesten Sohn vererbt werden sollte.

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getreten. Die Denkungsart des dortigen Herzogs jedoch, sowie der Umstand, daßderselbe seine Truppen der Gewaltder Schweden Preis gegeben hatte, vereitelten die Hoffnung Ferdinands zum Abschluß eines Subsidienvertrages. –

So bedeutend auch die Anstrengungen des Königs gewesen waren, feine Armee während des Winters zu ergänzen, wobei sich sehr fühlbar der Mangel an Offizieren und alten Soldaten herausstellte, – so hatten doch die preußischen Truppen in Sachsen, Schlesien und Pommern kaum die Stärke von 90.000 M. erreicht. Betrachten wir dagegen die Stärke der feindlichen Armeen, so stellen sich uns selbst dann noch sehr beträchtliche Maffen entgegen, wenn wir bedeutende Abzüge von der auf dem Papiere stehenden Stärke eintreten lassen. Die österreichische Armee sollte hiernach 130.000 M, die russische dagegen 120.000 M. stark sein. Rechnen wir hierzu nun noch die etwa 20.000 M. starke Reichsarmee und 10.000Schweden, und nehmen Rück ficht auf ungefähr 60.000 M., die abzuziehen wären, so erscheint eine Streitmasse von weit über 200.000 M., welche dem Könige gegenüberstehen mochte. Dieses numerische Verhältniß hätte, wenn es allein maßgebend gewesen wäre, die Sache des Königs ent schieden zu einer verlorenen machen müffen; doch die unendlichen Schwierigkeiten, solche Maffen zu unterhalten und zu bewegen, ferner das nicht selten mangelnde Einverständniß unter den Com mandierenden, endlich die nie schlummerndeIntrigue, der Neid und

die Eifersucht und eine Menge anderer nachtheiligen Einflüffe – machten es wahrscheinlich, daß dem Scharfblicke des Königs und feiner unerschöpflichen Thätigkeit es gelingen würde, dem Schick fale abermals einen leidlichen Ausgang des Feldzuges abzuzwingen. Die Gegner Friedrichs dachten auch diesmal mehr an ihre privatlichen Intereffen, als an die Ausführung der gemeinsamen Absicht, den König niederzuwerfen. So kam es, daß man erst nach vielen Berathschlagungen den Plan annahm, Friedrich zu zwingen, entweder Sachsen oder Schlesien preiszugeben. Diesem

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von Oesterreich ausgehenden Plane gemäß sollte Soltikof mit der 80000M. starken Hauptmacht der russischen Armee nachSchlesien marschieren, um entweder Glogau oder Breslau zu belagern, –

dasLetztere eine räthelhafte Aufgabe, da man behufs der Belage rung das Geschütz von Böhmen, die Armee aber von der Weichsel kommen lassen mußte. ) Mit der Aufgabe Soltikofs standen die gemessenen Befehle in Verbindung, nach welchen in den ersten Tagen des Juni Daun und Loudon ohne Aufschub die Operatio nen zu beginnen hatten. Loudon wurde hierbei zunächst auf die Belagerung und Einnahme von Glatz gewiesen, während Daun mit der Hauptarmee den König in Sachsen festhalten oder aber geeigneten Falles demselben nach Schlesien zuvorkommen sollte, um sich hier mit Loudon zu vereinigen und die von Soltikof be gonnene Belagerung zu decken. Bei dem Eintreten solcher Ver hältniffe hatte der Prinz von Zweibrücken, welcher mit der Reichs armee bei Dresden zurückgelassen wurde, den Rest der preußischen Truppen aus Sachsen zu vertreiben.

Friedrich, durch eine geringeren Streitkräfte zur Defensive genöthigt, übernahm die Vertheidigung Sachsens und verstärkte seine Cavalerie mit den Dragoner-Regtrn. von Holstein und Finkenstein, welche zeither bei der alliierten Armee gestanden hatten. Ferner erhielt PrinzHeinrich die Aufgabe, sich mit einem 44Bat. und 64 Schwadr. starken Corps den Ruffen entgegen zu stellen; der General Fouqué sollte mit 13.000 M. die Päffe von Lands hut besetzen und damit Schlesien decken, und endlich hatte der Prinz von Würtemberg mit 10 schwachen Bat., 2 Freibat. und 15 Schwadr. die Schweden im Zaum zu halten. Die Uebermacht des Feindes und die beinahe unersetzlichen Verluste des Königs *) zwangendiesen, zu ungewöhnlichen Mitteln 1) S. Archenholz, 2. B, S. 60. 2) Nach des Königs eigenem Geständniffe bestand die eine Hälfte der Armee aus sächsischen Bauern, und die andere Hälfte aus feindlichen Ueberläufern, welche von Offizieren geführt wurden, die man nur aus Noth und aus Man gel befferer in Dienst genommen hatte.



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feine Zuflucht zu nehmen, um den Muth der Truppen zu beleben und ihnen Vertrauen einzuflößen. „So bemühte man sich, Diver fionen zu erfinnen, von denen man bald Nachrichten erhalten würde, indem man im Publikum günstige Prophezeiungen herum

gehen ließ, sowie denn überhaupt alle erlaubte Arten, das Volk zu täuschen, Mittel zu obigem Zwecke boten.“ ). Am 25. April bezog der König mit dem kleineren Theile seiner in Sachsen stehenden Truppen die Läger von Schlet tau und den Katzenhäusern, während der größere Theil der Armee in den benachbarten Dörfern untergebracht wurde und jetzt erst eine Ruhe genoß, wie sie in den Winterquartieren nicht stattgefun den hatte.

Gegen die Hälfte des Monates März marschierte Loudon aus Mähren (Olmütz) nach Oberschlesien, um die Truppen des Ge nerals Goltz in den dortigen Quartieren zu überfallen, wobei des ersteren Cavalerie ein für sie nachtheiliges Gefecht gegen das aus den Cantonierungen ohnweit Neiffe abziehende Regiment Man

teuffel bestand. Nach dem Fehlschlagen des Unternehmens ließ Loudon den General Draskowicz mit 6000 M. in Neustadt zu rück, er selbst aber marschierte nach Böhmen. Auch Draskowicz erlitt eine Schlappe bei dem Angriffe auf ein von Landshut nach Neiffe in Marsch begriffenes Bataillon. In Pommern beobachtete um die oben genannte Zeit General Forcade bei Schiefelbein, Cöslin und Greiffenberg die Ruffen; Prinz Heinrich aber, welcher noch bei Sagan cantonierte und dem die Truppen Forcades untergeordnet waren, schickte sich an, nach Frankfurt a. d. Oder zu marschieren. Hiermit trat der Prinz mehr in den Bereich der russischen Armee, während Forcade die Weisung erhielt, nach Landsberg, dem Sammelplatze der Armee Heinrich's, aufzubrechen. Polen war auch diesmal zum Sammel platze der russischen Streitkräfte bestimmt worden, welche bereits -

1) Histoire de la guerre de sept ans, T. lI. p. 45.

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im Mai ihre Quartiere verlassen hatten.

In den ersten Tagen

des Juni erfolgte der Uebergang der russischen Colonnen über die Weichsel bei Marienwerder, Culm und Bromberg, wobei in

Dirschau ein kleines Corps unter dem Fürsten Wolkonsky zurück blieb, um die rückwärts gelegenen Magazine zu decken und in der Neumark sowie in Pommern die gewohnten Erpressungen zu üben.

In den letzten Tagen des Mai eröffnete Loudon den Feld

zug, indem er durch die Grafschaft Glatz mit zwei Corps in Schlesien eindrang und sich gegen Landshut wendete, um sichdieses wichtigen Postens, behufs der weiteren Unternehmung gegen Glatz, zu bemächtigen. Der bei dem ersteren Orte in einem verschanzten Lager

stehende General Fouqué ahnte, bei der zunehmenden Verstärkung Loudon's, die ihm drohende Gefahr, und um dem etwaigen Marsche des letzteren gegen Breslau zuvorzukommen, verließ der preußische General seine Stellung und marschierte nach Canth.

Loudon

schickte sich dagegen zur Blokade von Glatz an und ließ Grüffau

und Landshut durch Detachements besetzen. König Friedrich, in zwischen von dem Marsche Fouqué's unterrichtet, pflichtete indes der Ansicht desselben trotz der ernsten Vorstellungen nicht bei, und

es erfolgte deshalb an diesen der ausdrückliche Befehl, den frühe ren Posten bei Landshut wieder einzunehmen; – eine Maßregel,

welche hauptsächlich dem Schutze der für die Finanzen des Staa tes so einträglichen Gebirgsstädte galt.) Der Posten beiLands hut erforderte jedoch wegen seines sehr ausgedehnten Raumes eine bei weitem größere Truppenmaffe als diejenige, über welche Fou quéverfügte, und konnte daher um so weniger dauernd vertheidigt werden, da, neben anderen kleineren Detachirungen, eine 4 Bat. und 2 Esc. starke Abtheilung unter Ziethen in Zeiskenberg die Verbindung mit Schweidnitz ficherte. 1) S. Archenholz, 2. B, S. 62.

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General Fouqué hatte bei seiner Rückkehr nachLandshut mit leichter Mühe die feindlichen Detachements in Grüffau und Lands hut vertrieben; Loudon aber erschien am 23. Juni, nachdem er 12000 M. zur Blokade von Glatz zurückgelaffen, vor dem nur von 10,680 M. vertheidigten Lager Fouqué's. Es entspann sich nun ein sehr wechselvoller Kampf, welcher nach der heftigsten Gegenwehr mit der Gefangennahme des schwer verwundeten Fou qué nebst 4000 M. endigte, während 600 Preußen die Wahlstatt deckten und 1800 verwundet worden waren. Nur die Gersdorff schen Husaren und die Platen'schen Dragoner, sowie 1500 M. Infanterie schlugen sich nach Breslau durch; GeneralZiethen aber warf einen Theil seiner Abtheilung nach Schweidnitz, mit dem

Reste marschierte er nach Breslau. Die Oesterreicher hatten an 3000 Todte und Verwundete. Landshut, eine offene Stadt, er fuhr das Schicksal einer mit Sturm eroberten Festung und dabei alle Gräuel des Krieges. Es erfolgte nun im Juli die Belagerung von Glatz durch

General Harsch. Obwohl diese wichtige Festung reichlich mit Munition und Proviant versehenwar, so hatte manihr doch nur eine Besatzung von 2400 M. (5 Bat) gegeben, die noch zudem größtentheils aus Ueberläufern und Ausländern bestand und von

einem unfähigen Commandanten, einem Italiener d'O, befehligt wurde. So kam es, daßGlatz, wenige Tage nach der Eröffnung der Trancheen, am 26. Juli in die Hände des Feindes fiel. Die Nachricht von der Blokade von Glatz rief bei König

Friedrich nicht unbedeutende Besorgniffe wegen Schlesiens hervor, denn mit dem etwaigen Falle dieser Festung, welche den Schlüffel der Provinz bildete, war vorauszusehen, daß der Feind, wenn er sich der Päffe von Silberberg und Wartha bemächtigte, zugleich es vermochte, denen das Gebirg vertheidigenden Truppen in den Rücken zu kommen. Gab unter solchen Umständen das Herbei eilen des Königs aus Sachsen wohl das beste Mittel ab, den Fortschritten Loudon's Einhalt zu gebieten, so erregte doch auch

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die eigenthümliche Lage, in welcher sich der König mit seinen mäßigen Streitkräften dem Marschall Daun gegenüber befand, wohl begründete Bedenken, die jedoch von dem Scharfblicke des Königs überwunden wurden. Die Lage desselben, allgemein über schaut, führte zu der Ueberzeugung, daß der Abmarsch eines

Theiles der preußischen Truppen nach Schlesien die in Sachsen zurückbleibenden den größten Gefahren, der Uebermacht Dauns so wie der heranziehenden Reichsarmee gegenüber, aussetzen mußte. Vermochte es jedoch der König, gleichzeitig mit seinem Abmarsche den Marschall zum Aufbruche nach Schlesien zu nöthigen, so wurde zwar jene Gefahr beseitigt; es entstand aber statt derselben die Besorgniß, zwischen Loudon und Daun operieren zu müssen. Eine solche Situation erschien allerdings um so bedenklicher, als die Armee Daun's, vereinigt mit den Corps unter Loudon, Lasey

und Beck (Lascy rechts der Elbe, Beck bei Zittau) beinahe 100.000 M. zählte, während Friedrich nur über 34.000 M. ver fügte. Dennoch entschied sich derselbe, indem er auf den Charakter Daun's, namentlich auf dessen zaudernde Vorsicht, baute, für das letztere Auskunfsmittel, ging daher am 15. Juni über die Elbe

bei Zehren und lagerte bei Zscheila, ließ aber General Hülsen bei Meißen zurück. Die Vortruppen Lascy's, welche sich bei der Annäherung des Königs nach Reichenberg zurückgezogen hatten, erlitten, während der letztere seinen Marsch nach Radeburg fortsetzte,

eine Schlappe. Friedrich stand nun im Begriffe, sich am 19. Juni gegen das auf den Höhen bei Bernsdorf stehende Corps Lasey's zu wenden, weßhalb Hülsen den Befehl bekam, sich mit 7 Bat. und 5 Schwadr.demKönige anzuschließen, den General Linden aber mit7Bat.beiMeißen stehenzu lassen. Lascywartetejedochden Angriff nicht ab und brach auf Befehl Daun's, der von dem Marsche des Königs auf Radeburg bereits unterrichtet worden war, – noch in der Nacht von Bernsdorf nach Lausa auf, um den rech

ten Flügel der Daun'schen Armee zu decken. Friedrich nahm da gegen die Stellung bei Bernsdorf ein, Hülsen aber wurde nun

-

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nach Groß-Döbritz befehligt, dann nach Zscheila, um nöthigenfalls General Linden zu unterstützen. Es fanden, während der König bei Bernsdorf stand, einige Gefechte zwischen dessen Vortruppen und denen Lasey’s statt; die am 25. Juni aber eintreffende Nachricht von der Niederlage Fouqués, welche der König durch die Freudenfeuer Daun's erfuhr, machten des ersteren Lage noch kritischer.

Aus Mangel an Fourrage, dann wohl auch, um seinen Gegner aus dessen Stellung zu locken, trat jetzt Friedrich eine rückgängige Bewegung nach Groß-Döbritz an, während Hülsen die Stellung bei Zscheila beibehalten mußte. Marschall Daun fand indes noch nicht Veranlassung, seine zeitherige Unthätigkeit aufzugeben; dagegen ging Lasey am 29. Juni gegen Radeburg bis Dittmannsdorf vor.

Friedrichs Absicht war jetzt dahin gerichtet, nur dann Sachen zu verlassen, wenn es ihm gelingen würde, Daun's Armee ganz nach sich zu ziehen. Dies geschah, als endlich die Reichsarmee unter dem Prinzen von Zweibrücken bei Daun eintraf. Alsbald erfolgte am 2. Juli der Aufbruch des Königs nach

Krakau, während Hülsen das Lager bei Schlettau bezog. Marschall Daun, inzwischen von dem Marsche der Preußen benachrichtigt, detachirte sofort Lascy in der Richtung von Pulsnitz, zur Beobach

tung und Beunruhigung derselben; er selbst aber (Daun) trat in der Nacht vom 3. zum 4. Juli den Marsch nach Bischofswerda

an und ließ die Reichsarmee hinter dem Plauenschen Grundezurück. Lascy stand kurze Zeit nach feinem Abmarsche auf dem

Keulenberge zur Deckung der linken Flanke Daun's; und dies gab dem Könige Veranlassung, über Königsbrück zum Angriffe gegen Lascy vorgehen zu lassen. Dieser, inzwischen von der An näherung der Preußen benachrichtigt, zog sich zwar schleunigst

zurück, um gleich darauf abermals dem Könige zu folgen, büste aber doch einige hundert Mann von seiner Arrièregarde ein, die gefangen genommen wurden.

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Am 6. Juli bei der furchtbarsten Hitze erreichte Daun mit telt seines beschleunigten Weitermarsches Reichenbach; in Bautzen

blieb General Ried zur Verbindung mit Lascy zurück, der jetzt bei Bischofswerda stand. Daun, in der Besorgniß, daß ihm der König ein Marsch abgewinnen würde, erreichte bis zum 8. Juli Naumburg an dem Queiß und lagerte rechts dieses Fluffes bei

Ottendorf; der König aber traf am 6. Juli bei Nieder-Gurk ein und hatte nunmehr die Hoffnung aufgegeben, die österreichische Armee noch einholen zu können. Statt dessen entschloß er sich, über Lasey herzufallen, weßhalb er plötzlich seinen Marsch zurück gegen Bautzen wendete, von wo Ried sich über Hochkirch nach Weißenberg zurückzog, während die Vorposten Lascy's bis Bautzen vorrückten. Die Armee des Königs drang nun, nach dem Aus sprengen des Gerüchtes, daß sich ihr Marsch am 9. Juli über Weißenberg nach Reichenbach richten sollte, in der Richtung von Dresden vor und erreichte am 10. Juli Weißig. Unter ver schiedenen Gefechten wurden hierbei die Vortruppen Lascy's zurück geworfen; dieser selbst aber traf über Hartha und Weißig bei Dresden mit feinem Corps ein, überschritt daselbst am 10. Juli die Elbe und lagerte bei Groß-Zedlitz. Das nächste Ziel Friedrichs war nun die Belagerung von Dresden; zuvor aber wollte er die Reichsarmee aus ihrer Stel lung vertreiben. Zu dem Ende ging der König am 13. Juli bei Kaditz über die Elbe; Hülsen marschierte elbaufwärts bis Prießnitz; eine Abtheilung von 500Husarenginginder Richtungvon Reichenbachzur BeobachtungDaun'sab, undderHerzogvon Holstein verblieb mit etwa 10.000 M. rechts der Elbe in der Nähe von Kaditz.

Schon in der Nacht vom 12. zum 13. Juli hatte sich die Reichsarmee, nachdem die etwa 4000 M. starke Besatzung Dresden's unter General Maquire von 10.000 M. unter Guasco verstärkt worden war, nach Dohna zurückgezogen und sich mit Lascy vereinigt. Es begann nun am 14. Juli die denkwürdige

und an allen Wechseln des Krieges so reiche Belagerung von

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Dresden, welche bis zum 30. desselben Monates dauerte, dann aber in Folge der inzwischen stattgefundenen Ankunft Daun's bei Neudresden, des Mangels an Munition und der Nachricht von der Einnahme von Glatz aufgehoben wurde. Die preußische Armee, von welcher General Hülsen mit 17 Bat. und 25 Esc. in dem Lager beiMeißen zurückblieb, marschierte hieraufnach Zehren,

ging hier am 1. August über die Elbe und nahm eine Stellung bei Dallwitz. Lasch bezog dagegen am 30. Juli ein Lager hinter dem Plauenschen Grunde, Daun aber brach am nächsten Tage nach Bischofswerda auf, während Lasey an demselben Tage die Elbe überschritt und sich zwischen Trachau und Uebigau aufstellte. Der Marsch des Königs so wie der Daun's richtete sich nun abermals nach Schlesien, wobei indeß der letztere einen Vorsprung gewann, während der erstere durch die Verbrennung der über die Röder, Spree, Neiße und den Queiß führenden Brücken und durch das Verhauen der Straßen einige Schwierigkeiten fand. Die Reihenfolge, in welcher der Marsch beider Gegner statt fand, ließ, nach den Bemerkungen des Königs"), leicht bei einem dieses Verhältnisses Unkundigen die Ansicht aufkommen, als wenn die resp. Armeen einem und demselben Herrn angehörten. So bildeten die Armee Daun's gleichsam die Avantgarde, die Preußen das Haupttreffen und das Corps Lascy's die Arrièregarde. Friedrich unterbrach bei dieser Marschordnung offenbar die Ver bindung zwischen Daun und Lasey, und diesem so günstigen Um stande war es auch zuzuschreiben, daß der König durch das Auf fangen eines Abjutanten Daun's die Nachricht von dem Angriffe Loudon's auf Breslau und von der, wegen der Annäherung des

Prinzen Heinrich erfolgten, Aufhebung der Belagerung dieser Festung bekam.

Es war am 15. Juni, als Prinz Heinrich in Frankfurt a.d. O. mit seiner Armee eintraf. Am 19. Juni bezog er Cantonierungen 1) S. Histoire de la guerre de sept ans, T. II., p. 56.

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bei Landsberg an der Warta; General Goltz stand dagegen am 22. bei Droffen in den Quartieren; General Forcade, bei Dram burg in Pommern, erhielt Verstärkungen gegen den russischen General Tottleben.

In diesen Stellungen erfuhr der Prinz die Marschrichtung der Ruffen gegen Schlesien, verließ demzufolge die Neumark und marschierte über Züllichau nach Glogau, um den auf Breslau ge richteten Absichten der Ruffen und Oesterreicher zuvorzukommen. Am 17. Juli hatte sich die russische Armee bei Posen con centriert, wobei sich deren Stärke auf 60.000 M. regulärer und 6- bis 8000 M. irregulärer Truppen belief. Erst am 26.Juli

brach Soltikof gegen die schlesische Grenze auf; also an demselben Tage, wo Glatz in die Hände Loudon's fiel. Dieser General hatte sich hierauf stark genug gefühlt, auch ohne die Hülfe der Ruffen eine Waffen gegen Breslau zu wenden, wobei er indeß auf den tapferen Widerstand des dortigen Commandanten, General

Tauenzien, stieß. Prinz Heinrich war inzwischen bei Glogau über die Oder gegangen und hatte am 2. August die Nachricht von der Ein schließungBreslau’s empfangen. Dies veranlaßte den beschleunig ten Weitermarsch des Prinzen nachParchwitz, wo er am 3.August anlangte, wonach Tags darauf Loudon fich nach Canth, am 7. August aber bis Striegau zurückzog. Einen Tag später hatte Heinrich eine gesammten Streitkräfte bei Breslau vereinigt, während die russische Armee, welche am 3. August nicht nur von der Einschließung Breslau's sondern auch von dem herbeieilenden

Entsalze Heinrichs unterrichtet worden war, am 8.August jenseits der Oder beiGroß-Weigelsdorf, eine Meile von Breslau, Stellung nahm.

Ein äußerst beschwerlicher Marsch, bei dem man in fünf Tagen 20 Meilen zurücklegte, hatte die Armee des Königs bis zum 7. August nach Bunzlau gebracht, während Daun zu der selben Zeit bei Löwenberg angekommen war. Friedrich’s Absicht

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ging jetzt zunächst dahin, seiner Armee, neben einiger Ruhe, Lebensmittel entweder in Breslau oder Schweidnitz, wo bedeutende

Magazine, zu verschaffen. Dagegen stellte Daun sich die Auf gabe, durch eine Stellung hinter der Katzbach den König von der Vereinigung mit dem Prinzen Heinrich abzuhalten und zugleich des ersteren Absicht, betreffs der Lebensmittel, zu vereiteln. Dem gemäß marschierte Loudon am 8. August nach Seichau; General Beck besetzte mit der Avantgarde die Höhen bei Goldberg und Soltikof wurde eingeladen, bei Leubus Brücken über die Oder

zu schlagen, um so die Operationen Daun's unterstützen zu können. Am 10. August standen die vereinigten Streitkräfte Daun's hinter der Katzbach; gleichzeitig wurde Soltikofaufgefordert, zu ver hinderen, daß Prinz Heinrich den Oesterreichern in den Rücken

käme, sowie denn auch Daun hierbei die Absicht aussprach, den König am 10.August anzugreifen, falls derselbe sich nicht zurück ziehen würde. Es geschah diese Zusicherung hauptsächlich deshalb, um Soltikofs Besorgniffe, die Oesterreicher möchten den König über die Oder gehen laffen, zu zerstreuen.

- Friedrich befand sich mit seinen 30.000 M. der 90000M. starken österreichischeu Armee gegenüber in einer sehr kritischen Lage, welche ihn nöthigte, gleichsam das Verhalten eines Partei gängers zu beobachten und durch eine unausgesetzte Thätigkeit und

Wachsamkeit in der Nähe der feindlichen Armeen die Verbindung mit dem Prinzen Heinrich c. herbeizuführen. Wir übergehen hier die verschiedenen Bewegungen der Armee des Königs, sowie die Gegenmaßregeln des Marschalls Daun, welche bis zum 15. August, dem Schlachttage von Liegnitz, statt fanden und von denen die ersteren dahin zielten: am 9.August über Adelsdorf nach Liegnitz den rechten Flügel, am 10.u.11. August über Goldberg aber den linken Flügel Daun's zu umgehen. Da gegen möge hier erwähnt werden, daß diese Bewegungen des Königs ihren Zweck nicht erreichten, dafür indeß an dem genannten

Schlachttage der rechte Flügel Daun's unter GeneralLoudon von

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dem linken Flügel Friedrich's geschlagen wurde, während dessen

rechter Flügel die unter Daun's unmittelbaren Befehl stehenden Truppen beobachtete.

Prinz Heinrich war während jener Vorgänge nicht müßig geblieben, indem er, nachdem die Ruffen am 9. August sich nach Kunzeudorf zurückgezogen hatten, deren Arrièregarde verfolgen ließ,

am 12. August aber mit feiner ganzen Armee über die Oder ging und zwischen Mahlen und Hünern Stellung nahm. Der russische General Czernitschef, welcher, in Folge der persönlichen Bemühungen Loudon's beiSoltikof, am 14. August mit20000M. über die Oder gegangen war und in der Nähe von Auras fich aufgestellt hatte, wurde nach der Schlacht durch List) zum Rück zug über den Fluß bewogen nnd somit auch diese Schwierigkeit gehoben, um dem Könige den Weg nach Breslau völlig zu öffnen. Loudon hatte beinahe 10.000 M. an Todten und Verwun deten verloren und im Uebrigen 82Kanonen und 23Fahnen und Standarteneingebüßt; an Gefangenen zählteman86Offiz..und 6000 Unteroffiz. und Gemeine. Der preußische Verlust betrug ungefähr 600 Todte und 1200 Verwundete, sowie einige Fahnen. Diese bedeutenden Erfolge auf Seiten des Königs nöthigten Daun, am 16. August den Rückzug nach Striegau anzutreten, während die Preußen an demselben Tage nach Neumarkt aufbrachen. Soltikof

hatte sich inzwischen der rechten Flanke des Prinzen Heinrich ge nähert, nahm jedoch, auf die Kunde von der Anwesenheit Fried rich's bei Neumarkt, einen Rückzug gegen die Grenze von Polen. Heinrich folgte anfänglich den Ruffen bis Winzig, detachirte aber

dann General Goltz mit 12.000 M. in die Nähe von Glogau zur Beobachtung derselben; er selbst aber ging am 29. August über die Oder und vereinigte sich bei Breslau mit dem Könige.

Die weitere Absicht desselben richtete sich nun auf die Vertreibung Daun's aus Schlesien, um hierauf desto mehr Streitkräfte gegen 1) S. Histoire de la guerre de sept ans, T. II., p. 67 et 68.

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die Russen verwenden zu können. Im Verfolgen diefer Absicht gewann Friedrich zunächst die Communication mit Schweidnitz

und vereitelte dadurch das Vorhaben Daun's, mit der Belagerung resp. Eroberung dieser Festung den Feldzug zu beschließen. Die

unausgesetzte Thätigkeit und Wachsamkeit des Königs sowie die Unermüdlichkeit feiner Truppen gaben sich jetzt in einer Menge von Hin- und Hermärschen und Gefechten, bei denen man auf einen nicht minder wachsamen und thätigen Feind stieß, genügend zu erkennen. So war es Friedrich gelungen, unter den wechsel vollsten Verhältnissen des Gebirgskrieges die Oesterreicher bis zum 18. September in die Stellung zwischen Charlottenbrunn und Freiburg zurückzudrängen; auch detachirte er am 25. September den General Wied mit 6000 M. nach Oberschlesien, um dort

den hinter der Neiße stehenden General Bethlen zu vertreiben, Daun wegen Mährens besorgt zu machen und diesen ebenwohl zu Detachirungen zu nöthigen, – welches Letztere in der Verstärkung Bethlen's durch General Elrichshausen stattfand. Marschall Daun vermochte in dieser Lage nur noch mit kleineren Detachements in der Ebene aufzutreten, während die Zufuhren aus Böhmen durch die schlechten Wege außerordentlich erschwert wurden. In dieser Bedrängniß jann Daun auf ein Auskunftsmittel und fand daffelbe in dem an Soltikof gerichteten Vorschlag, ein russisches Corps zur Diversion nach Berlin marschieren zu lassen, dem sich ein österreichisches anschließen sollte. Man genehmigte diesen Vor schlag und es setzten sich demgemäß etwa 20.000 M. unter den Generalen Czernitschef und Tottleben am 20.September in Marsch nach Beuthen, Christianstadt c., während Sultikof mit der Armee gegen Frankfurt a. d. Oder marschierte. Von Seiten Daun's wurde General Lascy mit 15.000 M. zur Cooperation befehligt, mit denen derselbe am 29. September seinen Marsch durch Sachjen nach Berlin antrat. Wenden wir uns nun nach Sachsen, so sehen wir hier die

durch österreichische Truppen unter Haddick bis zu 35.000Mann Renouard Gesch. II. Bd.

25



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verstärkte Reichsarmee, nachAufhebung der Belagerung von Dres den, hinter dem Plauenschen Grunde stehen. BeiFreiberg befand sich dagegen General Kleefeld mit einem kleinen Corps und Ge neral Luszinsky deckte bei Römhild Franken; während General Hülsen bei Meissen eine Stellung hatte. Am 9. August begannen die gegen diesen General gerichteten feindlichen Bewegungen, um denselben aller Wahrscheinlichkeit nach von Torgau abzuschneiden, wobei man jedoch mit außerordentlicher

Vorsicht und Behutsamkeit verfuhr, obgleichHülsen der bei weitem schwächere Theil war. In Folge jener Bewegungen hatte sich derselbe vom 16– 18. August bis Strehla zurückgezogen; ihm folgte an dem letzte ren Tage die Reichsarmee bis Riesa, worauf Hülsen, nachdem er gegen den Prinzen Stolberg und den General Klee

feld ein Gefecht rühmlich bestanden hatte, sich am 30. August bis Torgau zurückzog. Dieser Bewegung folgte abermals die Reichs armee und stand am 22. August bei Belgern; auch traf an die sem Tage Luszinsky bei Eilenburg ein, welcher am 26. Juli von

Römhild aufgebrochen war, die Gegend von Schmalkalden gebrand schatzt und dann seinen Marsch über Gotha, Weimar nach Wur zen c. genommen hatte.

Die Stellung Hülsen's bei Torgau bot den Generalen der Reichsarmee keine Aussicht, ihn mitGewalt daraus zu vertreiben,

daher versuchte man, die Verbindung desselben mit der Mark Brandenburg abzuschneiden. Zu dem Ende marschierte Luszinsky

nach Bitterfeld, die Reichsarmee aber ging sonderbarer Weise am 25. und 26. August über die bei Droskow geschlagene Brücke auf das rechte Elbeufer und nahm Stellung bei Alt-Belgern, wo durch sie die Verbindung mit Dresden aufgab und sich der Zu fuhren von da beraubte. Hülsen machte jetzt Front gegen die Elbe, nahm aber die frühere Front wieder, als die Reichsarmee am 30. und 31.August über die Elbe zurückging und beiSchilda lagerte.

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Es erfolgte nun mehrere Wochen hindurch eine völlige Un thätigkeit der genannten Armee, um erst den Herzog von Würtem berg abzuwarten, welcher am 28. Juli seine Truppen bei Heil bronn zusammengezogen hatte und sich im Anmarsche durchFran ken und Thüringen befand. Bei diesem Marsche über Schmal

kalden, Gotha, Langensalza, Mühlhausen, Sondershausen, dann vom 4. August an über Sangerhausen, Querfurt und Merseburg nach Leipzig, trieb der Herzog in den hessischen und preußischen Landestheilen Contributionen ein, forderte, obwohl vergeblich, den Commandanten von Leipzig zur Uebergabe auf, stand am 12.Sep

tember in Halle, marschierte hierauf über Bitterfeld nach Düben, vereinigte sich mit Luszinsky und befand sich am 21. September bei Pretsch, während der erstere bei Dommitzsch lagerte. Die nun beinahe bis zu 40.000 M. angewachsene Reichs armee brach am 24. September gegen Torgau auf. Dies und die bei Dommitzch und Pretsch getroffenen feindlichen Anstalten

zum Uebergang über die Elbe veranlaßten Hülsen, am 26. September bei Torgau über diesen Fluß zu gehen und sich nach Jeffen hinter die schwarze Elster zurückzuziehen. Tags darauf

übergab Major Normann, der Comandant von Torgau, die Festung ohne Schwertschlag; auch ging die Reichsarmee über die Elbe bei Dommitzsch, derHerzogvon Würtembergblieb aberbeiPretschstehen. Schon am 30. September setzte Hülsen einen Rückzug nach Wittenberg fort, als der Feind bei Grosdorf Anstalten zum Brückenschlag über die Elster traf, welchen der Uebergang der Reichsarmee folgte. Am 2. Oktober setzte sich dieselbe abermals in Bewegung

gegen GeneralHülsen, worauf sich dieser nach einem Gefechte nach Coswig zurückzog, dann aber nach Berlin berufen wurde. Wit tenberg schloß man nun am 3. Oktober ein, doch der Comman dant Salenmon vertheidigte mit aller Ausdauer seinen Posten, bis er am 14. desselben Monates aus Mangel an Munition zur Uebergabe dieser Festung genöthigt wurde. 25

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Der Feldzug gegen die Schweden war auch in diesem Jahre nicht von Bedeutung. Ende Juli versammelte sich die schwedische Armee, 17 Bat. und 42 Esc. stark, unter General Lantings

hausen bei Greifswald; 8 Bat. deckten die Grenzen. – Am 16. August begannen die Operationen, welche zunächst

den Zweck hatten, den an der Peene stehenden General Stutter heim aus dieser Stellung zu vertreiben. Zu dem Ende über schritt die schwedische Armee vom 17. bis 20. August den Trebel und den Tollense, worauf am 22. der Abzug Stutterheim's in die Gegend von Pasewalk erfolgte; Oberst Belling aber, abge jehen von einigen glücklichen Gefechten, den Kavelpaß am 27. August mit vielem Erfolge gegen General Ehrenswärd vertheidigte. Auch bei dem weiteren Rückzuge Stutterheim’s nach Rollwitz und Prenzlow, welcher am 3. September beendigt war und wobei Belling die linke Flanke Stutterheim's deckte, bestand der erstere

unter wechselndem Erfolge mehrere Gefechte. Am 9. September endlich stand Stutterheim bei Zehdenik, Belling bei Templin; die Schweden aber blieben während des Septembers unthätig hinter den Moräften bei Prenzlow stehen

und beschränkten sich auf die Ausfourragirung der Ukermark, wobei ihnen Belling sehr viele Hindernisse in den Weg legte. Während dieser Zeit nahmen die Vorgänge bei Colberg die Aufmerksamkeit um so mehr in Anspruch. Daselbst war am 26. August eine russische Flotte mit 26 Kriegsschiffen unter dem Admiral Danielowitz und 8000 M. Landtruppen erschienen und hatte sich drei Tage später mit einem schwedischen Geschwader von 8 Kriegsschiffen vereinigt, um jene Festung, deren Commandant

der tapfere Oberst Heiden war, zu belagern. Der Muth der Besatzung und die Treue der Bürger gaben hier treffliche Bei

spiele der Aufopferung, würden aber endlich doch unterlegen haben, wenn nicht der König rechtzeitig Hülfe gesendet hätte. Es war General Werner von dem beiGlogau stehenden Goltzischen Corps, welcher am 5.September mit 3 Bat. und einem Husarenregimente



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nach Stettin aufbrach, daselbst sich mit einem vierten Bataillon verstärkte, am 18. September bei Colberg eintraf, hier bei dem Défilé von Selnow eine Abtheilung des Belagerungs-Corps über raschte, dieses selbst aber hierauf zur Einschiffung in aller Haft zwang, wonach die feindlichen Flotten am 23. September die

Anker lichteten und verschwanden. Schon nach wenigen Tagen brach Werner von Neuem auf, vertrieb die russischen leichten Truppen aus Pommern, wendete sich dann gegen die Schweden,

verstärkte sich in Stettin mit 2 Bataillonen, überwältigte am 3. Oktober nach tapferer Gegenwehr einen Vorposten Ehrenswärd's bei Löknitz, zog sich aber, nach dem hierauf erfolgten Gefechte bei Pasewalk gegen Ehrenswärd selbst, nach Stettin zurück. Der Prinz Eugen von Würtemberg hatte Ende September den Oberbefehl über das Corps Stutterheim's übernommen und war am 2. Oktober bis Templin vorgerückt. Die schwedische Armee ging dagegen bis Werbelow zurück, Würtemberg aber eilte

dem von den Ruffen bedrängten Berlin zu Hülfe, während Belling und Werner gemeinsam gegen die Schweden operierten und diese am 27. Oktober über die Peene zu gehen, worauf sie

nöthigten,

in der Mitte November die Winterquartiere in Schwedisch Pom mern bezogen.

Soltikof war am 6. Oktober in Frankfurt a. d. Oder ein getroffen, Czernitschef aber stand am 3. Oktober bei Fürstenwalde. In Berlin befand sich eine Besatzung von 3 Bat. unter General Rochow, die freilich zu schwach war, um die Stadt mit Aussicht auf entscheidenden Erfolg zu vertheidigen, doch unter der Theil nahme der in Berlin wohnenden Generale Lehwald, Seydlitz und

Knobloch. Alles aufbot, eine tapfere Vertheidigung eintreten zu laffen.

General Tottleben hatte, nachder vergeblichen Aufforderungzur Uebergabe,Berlin beschießen lassen,mußte sichaber bisKöpenikzurück ziehen, als schon am4.Oktober PrinzEugen von Würtemberg erschien.

Am nächsten Tage traf auch Hülsen ein; bedeutender aber waren

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die Verstärkungen auf russischer Seite, indem außer dem Corps Czernitchefs bei Lichtenberg, 1% Meile von Berlin, auch Lasey wenige Meilen von dieser Stadt erschien. Wir übergehen hier die auf beiden Seiten stattfindenden Be

wegungen c. und beschränken uns, zu erwähnen, daß die Generale Hülsen und Würtemberg mit ihren 14.000 M. keine Aussicht haben konnten, dem 30.000 M. starken Feinde mit dem gewünschten Erfolge auf Dauer entgegen zu treten, – ganz abgesehen von den höchst traurigen Folgen für Berlin selbst, wenn der Ausgang eines Treffens sich zu Gunsten der Ruffen ausgesprochen hätte.

Demzufolge zogen sichWürtemberg undHülsen in der Nacht vom 8. zum 9. Oktober in der Richtung von Spandau zurück; Berlin aber kapitulierte und wurde von den Siegern schwer heimgesucht. Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem Anmarsche des Königs aus Schlesien verbreitet, weßhalb Lasey schon in der Nacht vom 11. zum 12. Oktober nach Torgau aufbrach, am letzteren Tage dagegen die Generale Czernitschef und Tottleben nachFrank furt a.d. O. abmarschierten, von wo Soltikof sich, nach der Ver einigung mit denselben am 14. Oktober, bis Droffen dann nach Landsberg an der Warta zurückzog.

König Friedrich suchte, während sich gegen Berlin die ge nannten feindlichen Streitkräfte wendeten, seinen Gegner Daun zu hindern, festen Fuß in Schlesien zu fassen und ihn demgemäß von der Belagerung von Schweidnitz abzuhalten. Der AbmarschLascy's von der Daun'schen Armee und die über den Zweck dieses Marsches eingezogenen Nachrichten änderten jedoch des Königs Vorhaben, zumal da auch die vorgeschrittene Jahreszeit wohl eine Belagerung

jener Festung nicht voraussetzen ließ. Diesen Gründen entsprechend, rief der König den General Wied aus Oberschlesien zurück, zog sich am 4. Oktober aus dem Gebirge, richtete einen Marsch über Jauer nachPrimkenau, vereinigte sich hier mit Goltz und marschierte bis zum 11. Oktober nach Sagan.

Daun ließ Loudon bei Kunzendorfgegen Goltz stehen, folgte

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dem Könige durch die Lausitz in der Richtung von Torgau und stand am 12. Oktober zwischen Lauban und Naumburg. Friedrich erfuhr dagegen am 15. Oktober in Groß-Muckrow die bei Berlin stattgefundenen Ereignisse, den Rückzug der Russen

sowie den Uebergang der russischen Hauptarmee über die Oder. Hiernach änderte der König die zeitherige Marschrichtung und wendete sich nach Lübben, von wo er am 19. Oktober, auf die

Kunde von dem Zurückbleiben Loudon's in Schlesien und dessen Absichten auf Kosel, den General Goltz wieder dahin zurückmar schieren ließ. Am 22. Oktober traf Friedrich bei Jeffen ein;

Daun aber hatte an demselben Tage Torgau erreicht, sich mit Lascy vereinigt und kommunizierte mittelst einer bei Domizsch ge

schlagenen Brücke mit der Reichsarmee. Dieselbe, Wittenberg aufgebend, war bereits am 16. Oktober bei der Annäherung des

Königs über die Elbe gegangen, stand hierauf bei Pratau und besetzte das linke Ufer dieses Flusses, sowie denn auch alle An falten getroffen wurden, dem Könige den Uebergang über den selben streitig zu machen. Prinz Eugen von Würtemberg, welcher auch über das Corps Hülsen's den Oberbefehl übernommen und seinen Rückzug von Spandau nach Brandenbmrg fortgesetzt hatte, war auf Befehl des Königs am 23. Oktober in Magdeburg eingetroffen. Die weitere Weisung desselben, sich bei Dessau mit ihm zu vereinigen, führte den Prinzen, indem er ein Detachement seines Bruders, des Herzogs von Würtemberg, mit dem besten Erfolge durch Oberst

Kleist überfallen ließ und dadurch den Rückzug der Würtemberger nach Thüringen und Franken in das Land des Herzogs bewirkte – über Kalbe am 26. Oktober nach Dessau. Hier fand die Vereinigung mit dem rechten Flügel der Armee des Königs statt, während der linke unter Ziethen bei Jeffen durch General Lasey bei Tschaka beobachtet wurde und die Armee Daun's am 24. Oktober das Lager bei Groswig genommen hatte. Durch die Bewegungen des Prinzen von Würtemberg und

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des Königs wurde die Reichsarmee zum Aufgeben der Elbe und zum Rückzuge über Düben nach Leipzig genöthigt, wobei General Ried, den der Prinz von Zweibrücken zwischen Oranienbaum und Kemberg gelaffen hatte, am 27. Oktober eine bedeutende Schlappe, in Folge des Vordringens Friedrichs gegen den letzteren Ort, erlitt. Hier, wo General Ziethen sich dem Könige wieder anschloß, erfuhr derselbe, daß Daun bei Eilenburg stände; – eine Stellung, welche Friedrich auf den Gedanken brachte: als beabsichtige der österreichische Feldherr die Vereinigung mit der Reichsarmee. Um

dies nun zu verhindern, marschierte die Armee des Königs am 29. Oktober nach Düben; Hülsen aber ging über die Mulde, nahm Stellung zwischen Betzen und Gostewitz der Reichsarmee bei Taucha gegenüber; worauf dieselbe von 30. Oktober, als der König seinen Marsch nach Eilenburg fortgesetzt hatte und die

Nachricht davon bei dem Prinzen von Zweibrücken eingetroffen war, – über die Pleite ging und Leipzig besetzte. Daun, in der Besorgniß, durch Friedrich von Torgau und Dresden abge schnitten zu werden, war am 30. Oktober an die Elbe nach Zinna

zurückmarschiert; die Reichsarmee aber gab Leipzig auf und nahm am 2. November das Lager bei Wechselburg; General Hülsen vereinigte sich dagegen wieder mit dem Könige. Es ist nicht hier der Ort, die Beweggründe zu entwickeln,

welche König Friedrich zur Wahl der Schlacht bei Torgau dräng ten; nur soviel sei indeß gesagt, daß die Verhältniffe sich hierzu im Allgemeinen zu Gunsten Friedrichs aussprachen, zumal da die

Ruffen und die Reichsarmee fern waren. Damit erschienen jedoch auch neue Gefahren für den König, wenn es demselben nicht ge lang, Daum aus dem Felde zu schlagen, indem die Gewißheit nahe lag – und die Stellung der russischen Armee so wie die dem Könige zugekommene Nachricht zeugten dafür –, daß, wenn

die Oesterreicher in Sachsen die Oberhand behielten oder Daun sich bei Torgau zu behaupten wüßte, Friedrich unfehlbar durch die

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nach der Mark Brandenburg zurückkehrenden Russen von Schlesien, Pommern und Berlin abgeschnitten werden mußte ). In reiflicher Erwägung dieser und anderer Verhältniffe, unter

denen die drängenden Rücksichten auf Verpflegung der Armee eine der bedeutsamsten Stellen einnahmen, beschloß der König, das Schicksal Preußens an den Ausgang einer Schlacht zu knüpfen, – wenn anders es nicht möglich sein sollte, den Marschall Daun aus dessen Stellung bei Torgau herauszumanoeuvrieren. Am 2. November marschierte der König zu dem Ende nach Schilda, während Daun unbeweglich bei Torgau stehen blieb und

dadurch bei dem ersteren den Glauben erweckte, daß er (Daun) von seinem Hofe den gemessenen Befehl zur Behauptung seines Postens bekommen habe.

Am 3. November erfolgte nun die für beide Theile verlust volle Schlacht bei Torgau, – ein Ereigniß überreich an tapferen Thaten und hingebender Ausdauer, in welchen Oesterreicher und Preußen mit einander wetteiferten. Der König, obwohl Sieger,

hatte von seiner höchstens 45.000 Mann starken Armee*), welche er in die Schlacht führte, 13- bis 14.000M. an Todten, Ver wundeten und Gefangenen verloren. Die Oesterreicher, vor der Schlacht 65.000 M. stark, gaben dagegen ihren Verlust zu

11,000 M. an; er muß aber beträchtlicher gewesen sein, indem sich in denHänden der Preußen allein8000 Gefangene befanden ). Im Uebrigen verlor Daun, welcher verwundet wurde, 45 Geschütze und 27 Fahnen.

Die Folgen dieses Sieges waren sehr wichtig. Am4. November ergab sich Torgau dem General Hülsen; die österreichische Armee 1) S. Histoire de la guerre de sept ans, T. 11., p. 84 und Tempelhof, 4. B., S. 292 u. w., dann auchWarnery, Campagnes de Frédéric, p.432. 2) 62 Bat. und 88 Schwadr.; bei der Bagage in Eilenburg und Düben waren 11 Bat. und 32 Schwadr. zurückgeblieben. 3) Die Histoire de la guerre de sept ans, T. II. p. 92 gibt den Verlust der Kaiserlichen zu 20.000 M. an, worunter fich 4 Generale und 8000 M. als Gefangene befanden.



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unter General O'Donnell zog sich, gedeckt durch das Corps des

Generals Beck, auf dem rechten Ufer der Elbe in der Richtung von Dresden zurück, während ein Gleichesbeidem aufdem linken Ufer gebliebenen Lascy'schen Corps geschah. PrinzEugen von Würtem

berg so wie der General Neuwied übernahmen, der erstere auf dem rechten und der letztere auf dem linken Ufer, die Verfolgung, vermochten aber nicht, die vortheilhafte Stellung hinter dem

Plauenschen Grunde vor dem Eintreffen der Oesterreicher daselbst zu nehmen. Dagegen ging deren Hauptarmee am 8. November bei Dresden über die Elbe, vereinigte sich mit Lascy, zog die bei

der Reichsarmee gestandenen Truppen Maquire's an sich und nahm jene Stellung ein. An demselben Tage stand der König bei Meißen; Ziethen mit der Avantgarde bei Wilsdruf Die Reichsarmee hatte sich dagegen bereits am 2. November in die Gegend von Chemnitz gezogen, brach aber von da am

21. November nach Zwickau auf, als Hülsen nach Freiberg und General Linden nach Noffen und Penig in den Rücken derselben detachirt wurden. Am 23. November marschierte die genannte Armee in der Richtung der Saale ab und bezog hinter diesem

Fluffe bald darauf die Winterquartiere. Auf preußischer Seite ging der Prinz von Würtemberg am 10. November mit 8 Bat. und 5 Schwadr. nach der Neumark, um den Streifzügen der Kosaken Einhalt zu thun; dagegen stand am 22. November der größere Theil der preußischen Truppen in

Quartieren hinter der Triebsche, während der Feind ebenwohl Cantonierungsquartiere hinter dem Plauenschen Grunde zwischen Dresden und Pirna begogen hatte. Auch in Schlesien, nachdem General Goltz am 30. Oktober die Aufhebung der am 21. Oktober von General Loudon begonnenen Belagerung Kosel's bewirkt hatte, bezogen die Truppen beider

Generale Quartiere: – die Preußen bei Breslau, die Oesterreicher bei Neustadt, welche jedoch späterhin ihre Winterquartiere in der Grafschaft Glatz ac. nahmen.

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Die nachmals bezogenen Winterquartiere der in Schlesien und Sachsen stehenden preußischen Armee erstreckten sich von Neiße über Schweidnitz, Landshut, Löwenberg und Görlitz; dann von Elsterwerda über Coswig, Torgau,Meißen, Freiberg, Zwickau nach Naumburg. Das Hauptquartier des Königs befand sich inLeipzig. Während der Ereigniffe in Sachsen ac. hatten die Ruffen in ihrer gewohnten Weise die Neumark und Pommern verwüstet; doch wurden die streifenden Parteien durch den gegen Ende Oktober

herbeieilenden General Werner zum Rückzuge über die Oder ge nöthigt. Der Sieg bei Torgau entfernte endlich jenen Feind gänzlich, indem derselbe bei Thorn über die Weichsel ging und in Polen die Winterquartiere bezog. Der Prinz von Würtemberg marschierte nun nach Pommern und nahm die Winterquartiere in dem Mecklenburgischen. –

Das späte Beziehen der Winterquartiere so wie die erst gegen Ende Februar 1760 stattgefundene Rückkehr des Erbprinzen aus Sachsen bewogen Herzog Ferdinand, erst am 20. Mai die Hauptarmee zusammen zu ziehen, um damit Heffen gegen die große französische Armee unter Broglio zu decken, während die kleine Armee unter General Spörken gegen die französischeArmee

am Niederrhein unter St. Germain operieren sollte. In Ausführung dieser Absichten sammelten sich die unter dem unmittelbaren Befehle Ferdinands stehenden Truppen, welche wie die Spörken's nachmals bedeutende Verstärkungen durch eng

liche, hannoversche, hessische und braunschweigische Truppen er hielten, – bei Fritzlar. Die Generale Imhof und Luckner wur

den dagegen in die Stellung hinter der Ohm nach Kirchhain und Amöneburg vorgeschoben, während General Gila, mit dem sich in der ersten Hälfte Juni der Erbprinz vereinigte, die linke

Flanke bei Hersfeld deckte. General Spörken sammelte zur Deckung Münster's und

Lippstadt's eine Truppen zu Dülmen und dehnte seine Aufstellungen

bis in die Gegend von Hamm aus. Sein Gegner St.Germain



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war der erste, welcher im Felde erschien, indem er am 4. Juni seine Streitkräfte bei Düsseldorf vereinigte, hier am 15. Juni den Rhein überschritt und am 20.Juni beiDortmund Stellungnahm. Broglio hatte inzwischen bedeutende Verstärkungen erhalten, die ihm Ueberlegenheit Ferdinand gegenüber verliehen, wenn auch die Truppen des Herzogs von Würtemberg sich nicht mehr bei des ersteren Armee befanden. Erst am 10. Juni begann jedoch

Broglio dieselbe zwischen Hanau und Frankfurt a. M., dann zwischen Hungen und Butzbach zu concentrieren. Dieser Concen tration folgten am 22.Juni die Beziehung des Lagers beiGrün

berg, am 24. aber, nachdem vorher die Armee auf den Höhen am linken Ufer der Ohm zwischen Homberg und Amöneburg Stellung genommen hatte, – der Uebergang über diesen Fluß und das Lager bei Schweinsberg. Auf die Nachricht von dem Vormarsche Broglio"s war Ferdinand am 24. Juni von Fritzlar aufgebrochen und nach

Frielendorf, dann nach Neustadt marschiert; da jedoch Imhof so wie Luckner aus ihren Stellungen bereits verdrängtworden waren, so entschloß sich der Herzog zum Rückzuge, ging demgemäß am 26. Juni über die Schwalm und lagerte zwischen Treysa und Ziegenhain. Auf diesem Marsche bildete der Erbprinz, welcher sich früherhin Imhof genähert hatte, die Arrièregarde; dieser aber verließ, in Folge der mit Ferdinand wegen des allzuschnellen Auf gebens der Stellung hinter der Ohm entstandenen Differenzen, die Armee.

Der rückgängigen Bewegung Ferdinand’s war Broglio am 27. Juni bis Neustadt gefolgt, wobei auch Marburg wieder in die Hände der Franzosen fiel. St. Germain erhielt nun den Befehl, am 4. Juli von Dortmund aufzubrechen, feinen Marsch über Arnsberg nach Corbach zu richten, um sich mit Broglio zu vereinigen. Dem entsprechend marschierte dieser am 7. Juli nach Frankenberg, ging hier am 9. über die Edder und ließ das Corps des Brigadier Closen über Corbach bis Sachsenhausen und Naum

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burg vorrücken, um den Alliierten den Uebergang über die Edder

zu erschweren, während die Armee Broglio"s bei Immighausen lagern würde.

Herzog Ferdinand hatte erst am Morgen des 8. Juli den Abmarsch Broglio"s von Frankenberg erfahren, weßhalb sofort der Erbprinz mit der Avantgarde nnd General Luckner vorausge sendet wurden, um die Päffe von Corbach zu versperren. Ferdi nand selbst folgte am Mittage des 8. Juli über Wildungen nach Sachsenhausen. Closen fand bei seiner Ankunft in der Nähe von Corbach die

Höhen jenseits dieses Ortes bereits von den Truppen Luckner's besetzt und zog sich, da schon die Nacht einbrach, gegen Corbach

zurück; dagegen traf am frühen Morgen des 10. Juli St. Ger main, in Folge der ihm durch Broglio anbefohlenen Beschleuni gung seines Marsches, bei Corbach ein, während die Armee unter dem Marschall durch den Uebergang über die Edder aufgehalten

worden war und bei Immighausen vorerst stehen blieb. Es war am 10. Juli, 8 Uhr Morgens, als der Erbprinz,

welcher sich mit dem am 9. Juli zur Beobachtung des Feindes gegen Frankenberg entsendeten General Kielmansegge vereinigt hatte, – bei Corbach anlangte und den Feind sofort angriff, während die Armee Ferdinands voraussichtlich noch geraume Zeit brauchte, um auf dem Kampfplatze einzutreffen, der Feind aber durch immer neu ankommende Truppen von der Armee Broglio's

verstärkt wurde. Nach mehrstündigem Gefechte sah sich der Erb prinz endlich genöthigt, der Uebermacht zu weichen und nach Sach jenhausen den Rückzug anzutreten, wo er sich mit Ferdinand wie der vereinigte.

General Spörken war, veranlaßt durch den Abmarsch St. Germain's, am 7. Juli nach Hamm marschiert und befand sich während des Gefechtstages auf dem Marsche über Büren und Stadtberge nach Heffen, um zu Ferdinand zu stoßen. Am 13. Juli stand Spörken bei Landau, ihm gegenüber St. Germain bei Men

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geringhausen. So ungünstig auch das Gefecht bei Corbach für die alliierten Waffen ausgefallen war, so schnell glichen sich doch die erlittenen Nachtheile durch den glücklichen Ueberfall aus, wel chen der Erbprinz am 16.Juli auf den beiErxdorf stehenden Ge neral Glaubitz ausführte; denn beinahe das ganze Corpsdesselben, welches zur Verbindung der französischen Armee mit den in Gießen und Marburg befindlichen Bäckereien diente, wurde gefangen. Um diese Zeit ging General St. Germain von der Armee ab und der Befehl seiner Truppen ging auf den Ritter du Muy über, der nun am 24. Juli im Vereine mitden Generalen Chabo und dem Grafen Broglio das Spörken'sche Corps bis Wolfhagen zurückdrängte, während Prinz Xaver Fritzlar, doch ohne Erfolg, angriff. Die nächste Absicht Ferdinand’s bezweckte nun die Deckung

Caffel's. Zu dem Ende nahm der Herzog bis zum 27.Juli die Stellung bei Calden; die Arrièregarde unter dem Erbprinzen stand

dagegen bei Ober-Vellmar; Spörken bei Westuffeln; General Scheither bei Liebenau zur Sicherung des Ueberganges über die Diemel.

Die französische Armee war den Alliierten über Freienhagen nach Volkmarsen gefolgt, woselbst sie am 27. Juli lagerte. Um dieselbe Zeit stand der Graf von der Lausitz (Prinz Xaver) bei Naumburg; Stainville rückte nach Ziegenhain zur Belagerung dieser Festung; Ritter Muy aber wurde nach Warburg detachirt,

um die Alliierten von dem Bisthume Paderborn nnd der Festung Lippstadt abzuschneiden. Zur Vereitelung dieser Absicht gingen Spörken und der Erbprinz am 29. Juli über die Diemel und

stellten sich zwischen Cörbecke und Liebenau auf, während andere Abtheilungen die früheren Stellungen der beiden Generale einnah men und dadurch dem Feinde jene Detachirungen verbargen. Marschall Broglio, zunächst nur auf die Besitznahme von Caffel bedacht, marschierte am 30. Juli nach Zierenberg; gleich zeitig rückte auch Prinz Xaver gegen Caffel, wobei es zu einer starken Kanonade gegen die Truppen Ferdinand’s, namentlich auf -

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das bei Caffel stehende Corps des Generals Kielmansegge, kam. Ritter Muy sah sich durch den Marsch Broglio"s gegen Caffel völlig isoliert, daher setzte sich die Armee Ferdinand’s am Abende des 30. Juli in Marsch und passierte die Diemel zwischen Liebenau und Trendelburg, um den Angriff des Erbprinzen auf das Muy iche Corps zu unterstützen. Daffelbe erlitt nun am 31. bei War burg eine Niederlage, welcher der Rückzug Muy"s nach Volkmar jen folgte; während Caffel an demselben Tage sich an Prinz Xaver ergab, Kielmansegge aber sich nach Münden zurückzog. Raver folgte

demselben am 1.August unddrang über Göttingen bisNordheim und Eimbeck vor; Kielmansegge gingindeß am 5.August bei Beverungen über die Weser. Gleichzeitig mitdiesen Bewegungen war die Armee Broglio"s indie Stellungrechtsder Diemelzwischen Ober-Meier und

Breuna marschiert; ihr gegenüber standHerzogFerdinand links dieses Fluffes zwischen Scherfede und Uebelgönne. General Muy hatte sich dagegen nach Stadtberge gewendet, um die Verbindung der Allirten mit Lippstadt zu erschweren; General Castries deckte die Zufuhren der französischen Armee bei Wolfhagen, sowie denn auch Ziegenhain am 10. August übergeben wurde. Ritter Muy sah die Lösung seiner Aufgabe durch die am 5. August stattfindende Detachirung der Generale Hardenberg und Wutginau nach Dalheim und Mehrhof vereitelt; aufder an deren Seite trat man aber auchden Versuchen Broglio"s entgegen,

über Göttingen in das Hannoversche einzudringen. Demgemäß verstärkte man den bis Hameln zurückgegangenen General Kiel mansegge und ließ den Erbprinzen bei Holzminden über die Weser gehen, wodurch der erstere befähigt wurde, bis Sababurg vorzu

dringen, der letztere aber den Prinzen Raver nöthigte, sich nach Münden zurückzuziehen. General Wangenheim, welcher hierauf von dem zur Armee zurückgekehrten Erbprinzen den Befehl über die Truppen rechts der Weser übernommen hatte, nahm jetzt Stellung bei Uslar. Nach diesen Vorgängen näherte Broglio eine Streitkräfte

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Caffel, um mit desto größerem Nachdrucke die Absicht auf Han nover zu unterstützen: weßhalb Muy nach Heckershausen rückte; Graf Stainville, welcher nach der Einnahme von Ziegenhain bei Corbach Stellung genommen, nach Frankenberg zur Deckung der Verbindung mit Marburg c. marschierte, kurze Zeit darauf aber bei Martinhagen stand; Prinz Xaver sich zwischen Münden und Sababurg aufstellte und endlich die Armee selbst unter Broglio in der Nacht vom 21. zum 22. August nach Immenhausen auf brach und hier lagerte. Diese Bewegungen erwiederte Ferdinand zunächst mit dem Vorgehen des Erbprinzen bis Breuna, während er selbst Hardenberg und Wutginau an sich zog, am 24. August bei Bühne das Lager nahm und schon Tags vorher Detachements an der Diemel resp. Weser aufstellte, um des Feindes etwaigen auf die linke Flanke der Alliierten oder auf das Vordringen in

Hannover gerichteten Absichten zu begegnen. Die Stellung des Erbprinzen erschwerte nicht wenigdie Ver pflegung der französischen Armee, weßhalb Stainville und Muy ihn zum Rückzuge über die Diemel nöthigten; doch nur auf kurze Zeit, denn schon Tags darauf(2. September) rückte der Prinzwieder in die frühere Stellung, überfiel aber auch am 6. September den in Zierenberg stehenden Brigadier Nordmann mit dem besten Erfolge. Ein abermaliger Versuch in das Hannoversche einzudringen resp. den Herzog Ferdinand zum Verlaffen feiner Stellung zu nöthigen, führte den Prinzen Kaver auf Befehl Broglio"s am 5. September nach Nordheim, wurde aber durch General Wangen heim vereitelt, so daß sich Xaver am 12. September nach Witzen hausen zurückziehen mußte.

Einen schlimmen Ausgang für die Alliierten hatte dagegen die Unternehmung Ferdinands, um die Verbindung des Feindes

mitden Maingegenden zu erschweren. Zu diesem Zwecke marschierten Oberst Fersen und Major Bülow, bis zum 10. September nach Marburg. Der letztere zerstörte zwar die Bäckereien in dieser Stadt; beide Offiziere erlitten aber am 13. September, als sie

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bei ihrem Rückzuge bereits in der Gegend von Corbach angekom men waren, nicht unbedeutende Verluste bei Campf gegen den von Martinhagen her ihnen entgegenrückenden General Stainville. Der Erbprinz war übrigens diesem am Abende des 12. Septem

ber gefolgt, vermochte aber nicht mehr Hülfe zu bringen, zog def halb die Truppen Fersen’s an sich und marschierte nach Warburg zurück.

Marschall Broglio hatte bei dem Scheitern der zeitherigen Versuche, in Hannover einzudringen und rechts der Werra resp. Weser Terrain zu gewinnen, keineswegs diese Absicht aufgegeben. So war es am 13. September, wo er in Ausführung derselben

mit der Armee ein Lager bei Caffel bezog; Ritter Muy ebenwohl daselbst lagerte; Graf Chabo nach Breitenbach marschierte; die Avantgarde unter Prinz Robecq bei Landwehrhagen stand und die Werra von Münden bis Hedemünden besetzt hielt. Prinz Taver, welcher die Aufgabe bekam, den General Wangenheim bei Uslar anzugreifen und zu dem Ende am 18. September bis zu 25- bis 30.000 M. verstärkt worden war, stand bei Deiderode zwischen Werra und Leine und hatte eine Besatzung in Göttingen.

Herzog Ferdinand ging dagegen, nach jenen Vorgängen in der Gegend von Caffel, mit der Armee über die Diemel und

lagerte am 14. September beiHofgeismar; General Wangenheim aber rückte, auf Befehl des Herzogs, vvn Uslar gegen Dransfeld vor, nahm daselbst am 15. September Stellung und ließ Mün

den angreifen. Während sich hier so das weitere Gefecht zwischen Raver und Wangenheim einleitete, demonstrierte der inzwischen be

deutend verstärkte Graf Chabo von Breitenbach aus in der Rich tung von Wolfhagen und Volkmarsen gegen die rechte Flanke Ferdinand’s.

Wangenheim, von dem am 19. September stattfindenden Vordringen Raver's gegen Dransfeld unterrichtet, trat zeitig einen Rückzug gegen Vaacke an, wobei die Arrièregarde nur mäßige Verluste hatte, während das Corps unbehelligt das linke Weser Renouard Gesch.

11. Bd.

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ufer erreichte. Schon am 23. September hatte jedoch Wangen heim seinen alten Posten bei Uslar wieder inne.

Es lag nicht in dem Plane Ferdinand's, den Kriegsschau platz auf das östliche Weserufer zu verlegen, weil er dadurch die Deckung Lipppstadts aufgegeben und somit die directe Verbindung zwischen der ober- und niederrheinischen Armee der Franzosen her beigeführt haben würde. So maßgebend diese Rücksichten für Ferdinand nun auch waren, so lag es doch nicht minder in dessen

Interesse, den Fortschritten Broglio"s Einhalt zu thun. Ein Mittel hierzu fand nun der erstere in einer Unternehmung gegen den Niederrhein, namentlich gegen die nur mit einer schwachen Garnison besetzten Festung Wesel, – um zunächst Broglio"s Auf merksamkeit und einen Theil seiner Streitkräfte dorthin zu lenken. Der Erbprinz ging demgemäß am 22. September mit einem etwa 15.000 M. starken Corps nach Westfalen ab, traf am 29.

September in Dorsten ein und endete eine leichten Truppen über den Rhein, welche weithin Schrecken und Verwirrung ver

breiteten; bei welcher Gelegenheit denn auch Cleve in die Hände der Alliierten fiel. Unterdeß war Wesel durch den Erbprinzen berennt und am 10. Oktober die Belagerung begonnen worden, doch schon am 15. sah sich derselbe genöthigt, mit dem größeren

Theile seiner Truppen in der Richtung von Rheinberg abzumar schieren, um sich dem Marquis von Castries entgegen zu stellen.

Broglio hatte diesen auf die Nachricht von dem Abmarsche des Erbprinzen ebenwohl an den Niederrhein detachirt; auch hatte Castries in schnellen Märschen von Düffeldorf über Neuß und Moeurs, bei welchen er an 10.000 M. aus den niederländischen Garnisonen an sich zog, bereits Stellung hinter dem Euganeischen Kanale bei Kloster Camp genommen, als der Erbprinz am 16. Oktober den Angriff begann. Das Gefecht endete indeß zum Nachtheile der Alliierten und hatte die sofortige Aufhebung der Belagerung von Wesel und den Rückzug des Erbprinzen über den Rhein zur Folge.

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Herzog Ferdinand war, unmittelbar nach dem Abmarsche des Erbprinzen nach Wesel, über die Diemel gegangen und hatte sich

ohnweit Liebenau aufgestellt; Broglio begnügte sich mit der De tachirungStainville's in dasHalberstadt'sche und Braunschweigische, um Brandschatzungen eintreiben zu laffen.

Die letzte Handlung von einiger Bedeutung in diesem Feld zuge war die Blokade von Göttingen durch Herzog Ferdinand. Zu diesem Zwecke ging derselbe am 21. November über die Weser und nahm das Lager bei Uslar; doch schon am 13. December wurde die Blokade anfgehoben und sämmtliche Armeen bezogen die Winterquartiere. Feldzugsplan für die alliierte Armee.

Der Plan Herzog Ferdinands für den Feldzug 1760 stützte sich zunächst auf die Angriffsrichtungen des Marschalls Broglio, welche aus dessen Stellungen am Main und dem Besitze der in jener Gegend gelegenen Festungen resultierten. Solcher Angriffs

richtungen gab es drei für die in Hessen stehenden Alliierten, uämlich: die über Friedberg und Gießen gegen Marburg, dann von Hanau gegen Fulda und Hersfeld, endlich von Würzburg über Schweinfurt und Königshofen gegen Meiningen und Vacha. Die erstere Richtung führte zwar durch ein völlig ausgesogenes Land; die Lebensmitteltransporte vom Rhein und Main her fan den aber durch die Zwischendépôts Friedberg und Gießen ihre Sicherung. Die zweite Richtung dagegen bot an den einzelnen

Punkten wohl immerhin einige Mittel zur Verpflegung der Truppen; jedoch mußten die vom Main der Armee zugehenden Convois sehr gefährdet erscheinen. Die dritte Richtung endlich gewährte sowohl genügende Mittel an Ort und Stelle zum Unterhalte der Truppen als auch Sicherung der Convois. Diese Eigenschaften der drei Richtungen übten natürlich auch bezüglich der Eröffnung des Feldzuges von französischer Seite einen sehr bestimmenden Einfluß aus; wobei namentlich voraus 26*

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zusehen war, daß für den Fall, wo Broglio sich die Eroberung Heffens in der ersten, also der kürzesten und sichersten, Richtung zur Aufgabe gemacht haben würde, – nicht vor Anfang Juni das Beginnen der Operationen erwartet werden konnte. Die Schwierigkeiten, welche eine Concentration der französischen Armee in dieser Richtung herbeiführen mußte, gaben jedoch, wenn sonst

die Marschfertigkeit der Armee Ferdinand’s und deren Verpflegungs verhältnisse es erlaubt hätten,– diesem eine günstige Gelegenheit: noch vor jener Concentration zur Offensive überzugehen und namentlich Gießen zu belagern.

Der Mangel an Transportmitteln, welcher sich insbesondere bei der Anlage eines Magazines in Marburg behufs eines solchen Vorgehens geltend gemacht haben würde, ließ dagegen Ferdinand um so mehr Vorkehrungen treffen, die seine Armee befähigten, so wohl in der kürzesten Richtung nach Caffel so wie auch längs der Fulda und der Werra zu operieren, falls Broglio eine dieser Richtungen einschlüge. Dahin gehörten namentlich hundert kleine Boote, welche der Herzog in Caffel bauen ließ, um sich derselben zum Transporte der Fourrage zu bedienen; dann die Anlagen von Magazinen in dieser Stadt.

Wir sehen hieraus, daß Ferdinand sich in Stand setzte, allen Forderungen zu genügen, welche von den drei genannten Richtungen erheischt wurden, wobei indes auch die in Westfalen bestehenden Verhältnisse ihre Berücksichtigung fanden. Der Gesammtplan Ferdinands, allgemein formuliert, sprach sich, mit Bezugnahme auf die noch zu erwartenden Verstärkungen, dahin aus: – mit 55 Bat., 61 Esc, 5000M. leichter Truppen nebst einem Artillerie-Train von 100 Kanonen Hessen gegen die große französische Armee zu decken, während General Spörken in Westfalen mit 25 Bat. ), 22 Esc., 4000 M. leichter Truppen 1) Nach der Trennung der Grenadiere von den Regimentern behufs der Formation einiger Bataillone aus den ersteren, bestand (nach Ferdinand's Bemerkung) die Infanterie der alliierten Armee aus 77 Bat. Ein jedes Bat.

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nebst einem Artillerie-Train von 44 schweren Kanonen Münster und Lippstadt unterstützen sollte, wodurch zugleich die Nieder-Weser gedeckt und die Verbindung mit England unterhalten werden würde). Verstärkuugen und sonstige Ausrüstung der alliierten Armee.

Die Geldmittel,welche das englische Ministerium in 8Millionen Pfd. Sterling für die Kriegsbedürfnisse des laufenden Jahres von dem Parlamente erlangte, förderten außerordentlich die Verstärkung und die damit in Verbindung stehenden Organisationender alliierten Armee.

Das Jahr 1760 war bezüglich des in Hessen stattfindenden Regentenwechsels und der damit in Verbindung stehenden Ver änderungen in dem hessischen Truppencorps von nicht geringer Bedeutung für die alliierte Armee. Nach dem in jenem Jahre erfolgten Tode des Landgrafen Wilhelm VIII. übernahm dessen Sohn, Friedrich II., die Regierung. Derselbe zog die ehemalige Garde du Corps wieder aus den Regimentern, errichtete ein Bataillon Garde zu Fuß und bildete aus den Grenadier-Compag

nien besondere Grenadier-Bataillone. Alle im Felde stehenden Cavalerie- und Infanterie-Regimenter erhielten eine bedeutendere Stärke, indem eine jede Compagnie der Cavalerie um 10 M. und eine jede Compagnie der 12. Infanterie-Regimenter um 20 M. vermehrt wurden; namentlich formierten die letzteren nunmehr 12 Compagnien zu 2 Bataillonen *). Ebenso erfuhren die Artillerie, dieHusaren- und Jäger-Corps der hannoverschen Infanterie gab 1 Comp. zur Formation derjenigen Ba aillone, welche zu Besatzungen von Münster, Lippstadt und Caffel bestimmt wurden. Demzufolge sahen sich die bei der Armee zurückbleibenden Bataillone auf eine durchschnittliche Stärke von 600 M. reducirt. Die Grenadiere der Armee wurden, einschließlich ihrer Vermehrung, in 7 Bat. formiert. 1) S. v. d. Knesebeck, 2. B, S. 39 und 51. 2) Stamm- und Rangliste des Kurfürstl. Hessischen Armeecorps vom

Jahre 1600 bis zum Jahre 1840.

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eine abermalige Vermehrung. Die Landmiliz-Bataillone (auch Landausnahms-Bataillone genannt), welche bereits an den Feld zügen von 1758 bis 1760 sich betheiligten, wurden zu Garnisons Regimenter ernannt und hatten ebenwohl eine Feldartillerie, welche aus einer Compagnie bestand. Jener bedeutenden Vermehrung lag ein Vertrag mit England zu Grunde, nach welchem die Kosten für die Aushebung c., in

Folge der in Deutschland höher gestiegenen Preise, bedeutender in dem Voranschlage angesetzt und genehmigt wurden; ferner ver pflichtete sich England, den Sold für diese Vermehrung noch ein

Jahr nach geschlossenen Frieden fortzubezahlen und diese Begün stigung auch auf den Rest der bei der Armee stehenden hessischen Truppen auszudehnen, welche nicht in der Zahl der 12.000 M. mitbegriffen sind, für welche bereits ein Vertrag mit England be stand. Endlich verlangte Landgraf Friedrich eine Geldunterstützung für den Fall, wo Heffen bei einem abermaligen Eindringen des Feindes mit Contributionen belastet würde. Herzog Ferdinand nahm indeß diesen Artikel ad referendum, gab aber anheim, ob England resp. der König nicht eine runde Summe in jenem Falle bewilligen würde oder gewisse Gebiete, wie z. B. das Bisthum Fulda, statt der Contributionen, an den Landgrafen abzutreten wären 1).

Auch mit Braunschweigwurde betreffs der Vermehrung seiner Truppen ein Vertrag abgeschlossen. Hiernach erfuhren die Infanterie und Cavalerie eine Gesammtvermehrung von 960M., welche, wenigstens an Infanterie, bis zum 1. Mai in Bereitschaft stehen sollte). TDie Absichten des Caffeler Hofes auf Ländererwerb waren übrigens zu jener Zeit auf die Bisthümer in Westfalen 2. und die dem Kurfürsten von Cöln gehörigen Gebiete gerichtet. HerzogFerdinand wies indeß die ihm in diesem Sinne von dem genannten Hofe gemachten Vorschläge zurück, da - die in den resp. Ländern zu nehmenden Winterquartiere eine Ausgabe von

mehreren Millionen der englischen Krone ersparten, und auch überdies die Truppen Gratificationen bedurften (S. v. d. Knesebeck, 2. B, S. 30).

2) Stimmt mit den Angaben Redens in der Anlage V nicht überein.

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Hannover bildete dagegen aus Rekruten ein Reserve-Corps aon 3000 M., um damit die Regimenter während des Feldzuges zu ergänzen. England verstärkte seine Truppen in Deutschland nicht unbedeutend ); die Infanterie, welche dahin abging, hatte die Stärke von 6204M, und die Cavalerie bot Ersatz für die

von der alliierten Armee in der Stärke von 10 Schwadr. Dragoner

abgehende preußische Cavalerie, während die 5 Schwadr. Husaren und das Freibataillon noch bei der Armee verblieben.

Außer den vorgenannten Vermehrungen bildete Ferdinand durch Werbung die sogenannte légion britannique. Dieselbe be

stand aus5 Bat. leichter Truppen und ebensoviel Comp. Dragoner. Das Bataillon hatte 4 Comp. und zählte 500 M.; die Com pagnie Dragoner war 101 M. stark. Das Ganze wurde durch den Major v. Bülow, General-Adjutant des Herzogs, befehligt. Durch die Auswechselung der Gefangenen ging der Armee eine nahmhafte Vermehrung zu; auch führte die resp. Verein barung mit Broglio die gegenseitige Verpflichtung für die Folge herbei: – die Gefangenen längstens 14 Tage nach ihrer Ge fangennehmung zurückzusenden, und zwar unter der Bedingung, daß dieselben erst nach vorausgegangener Auswechselung nach der Kopfzahl wieder dienen können). An Artillerie erhielt der Herzog Ferdinand noch 1 Comp., so daß er, beziehungsweise der Vermehrung der hessischen schweren Artillerie um 2 Comp., in den Stand gesetzt wurde, eine Artillerie um 30 Geschütze großen Calibers zu vermehren. Der Effectivstand der Armee überschritt nach der Angabe Ferdinand’s nicht die Zahl von 75.000 M., während der Soll stand 90.000 M. betragen sollte). Den Festungen wendete Ferdinand nicht minder seine Auf

merksamkeit zu; es war dies aber um so nöthiger, als nicht ein 1) S. Beilage V. 2) S. das Weitere in v. d. Knesebeck, 2 B., S. 64. 3) Vergl. die Beilage V.

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einziger der Plätze, etwa Stade und Braunschweig ausgenommen, sich in einem nur leidlichen Vertheidigungszustande befand; auch fehlte es in ihnen an den nöthigen Erfordernissen, namentlich mangelte überall die Munition, kein Platz aber war mit einem

Vertheidigungs-Etat u. . w. versehen. Demgemäß wurde thätig an den Werken von Münster, Lippstadt und Caffel gearbeitet; so

wie man denn auch das Fort Georg auf dem Klutberge links der Weser, Hameln gegenüber, anlegte, sämmtliche Festungen aber wohl verproviantierte.

Die Hauptmagazine der Armee befanden sich an der Weser und in und bei Caffel, dagegen wurden in Münster und Lippstadt

Magazine von nur mitteler Größe errichtet, welche der Stärke der hier defensiv auftretenden Streitmacht entsprachen; – lauter An ordnungen, deren Ausführung wegen Mangel an Transportmitteln

und zum Theil auch wegen Dürftigkeit der resp. Länder erst bis Ende Mai vollendet sein konnte. Feldzugsplan für die französische Armee.

Bei dem Entwurfe des Feldzugsplanes für die französische Armee traten wie immer an maßgebender Stelle verschiedeneAnsichten

auf, welche aber schließlich dahin führten, dem Urtheile des Mar schalls Broglio es anheim zu stellen, inwiefern er nach den Umstän den eine Veränderung seines eigenen Planes nöthig erachten würde. Broglio hatte dem ihm durch Belle-Isle übersendeten allge meinen Entwurfe zum Operationsplan der französischen Armeen,

wonach dieselben sich gegen Hessen und Hannover bewegen sollten, die kommandierenden Generale aber zu Vorschlägen aufgefordert

wurden, – zwei Gegenentwürfe folgen lassen. Nach dem ersten

dieser Entwürfe, welcher von Seiten des Königs gebilligt wurde, doch Widerspruch durch den zum Gutachten der Denkschrift Brog lio's bestimmten Marschall d'Estrées erfuhr, sollten die Truppen der Rheinarmee in der Stärke von 56000 M. im April an der Maas und dem Niederrhein zusammengezogen werden. Wäh

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rend dieser Vorkehrungen waren in Frankfurt, Cöln und Düffel dorf die entsprechende Artillerie nebst Munition zusammen zu brin

gen und große Magazine, namentlich in Frankfurt und Mainz, anzulegen. Mit dem Beginnen der zu den Operationen günstigen Jahreszeit sollten 25.000 M. bei Wesel und Düsseldorf aufbre chen, der übrige Theil der Armee des Niederrheins aber zwischen Düffeldorf, Cöln und Coblenz über den Rhein gehen und seinen Marsch gegen Homberg und Limburg richten. Die Mainarmee hatte sich dagegen bei Gießen zu sammeln, sollte vom rechten Flügel 20.000 M. über Fulda nach Hersfeld entsenden, mit dem linken Flügel aber über Dillenburg und bei Marburg die Verbindung mit der Rheinarmee aufsuchen. Die nun folgenden Operationen, welche sich insbesondere an das been

digte Ordnen der Verpflegungsverhältnisse knüpften, waren auf den Uebergang über die Edder, die Einnahme von Caffel, das

Vorgehen gegen Göttingen mittelst eines schnellen Ueberganges einer entsprechenden Truppenabtheilung über die Werra, und endlich auf bedeutende Entsendungen gegen Hannover gerichtet. Nach der Ausführung dieser Bewegungen versprach sich Broglio von der bei Stadtberge und Warburg durch die vereinigten Armeen zu neh menden Stellung und der damit verbundenen Bedrohung von

Hameln – den Rückzug Herzog Ferdinand’s gegen Hannover, um hier den Schutz zu gewähren, welcher, in Folge der verstärkten rechten Flanke derfranzösischen Armee, um so nothwendiger erschien. Für diesen Fall blieb nun dem Marschall die Wahl, entweder dem Herzog zu folgen und ihn mit vereinter Macht zu schlagen, oder aber sich gegen Lippstadt zu wenden und diese Festung zu belagern, zugleich aber auch Hameln zu blokiren. Nach der Einnahme von Lippstadt sollte die Belagerung von Hameln beginnen, dann aber ein Vordringen gegen Minden und Hannover stattfinden, wodurch die Alliierten zum Verlassen des linken Weserufers und wahrschein lich zum Rückzuge über die Aller genöthigt werden würden. Als unmittelbare Folge dieser rückgängigen BewegungFerdinand's fah

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der französische Feldherr das Nachdringen seiner Armee und das Zurücklaffen eines Theiles der Rheinarmee zur Belagerung von Münster, während der andere Theil sich der Hauptarmee unter Broglio anschlöße. Broglio verkennt indeß bei diesen Annahmen nicht, daß Fer dinand vielleicht auch eine Schlacht wagen würde, die nach dem

Urtheile des ersteren eine schnellere Entwickelung der Dinge zur Folge haben möchte; im Uebrigen aber sprach sich der Marschall entschieden gegen das Beziehen der Winterquartiere am rechten Weserufer aus, weil dadurch die Armee zu sehr den Ueberfällen ausgesetzt sein würde.

Der Widerspruch, welchen Marschall d'Estrées, wie bereits oben bemerkt, gegen den Plan Broglio"s erhob, bezog sich namentlich

auf die Besitznahme von Caffel und Göttingen, die bedeutenden Entsendungen gegen Hannover und endlich auf das Beziehen der Stellung der Hauptarmee beiStadtbergennd Warburg. D'Estrées sah in diesem Plane nicht genügende Sicherheit und wollte dagegen ein Vorgehen der gesammten vereinigten Macht gegen die Quellen der Lippe; auch sollten vor dem Uebergange über die Diemel oder selbst vor der Einnahme von Lippstadt keine beträchtlichen Ent

jendungen über die Weser stattfinden. Ebenso entschieden sprach sich d"Estrées für die Einnahme von Lippstadt und Münster aus, ehe man die Belagerung von Hameln begänne, sowie denn auch

dem Marschall der Besitz von Münster wegen der kürzeren und leichteren Verbindung mit Wesel, als die überFrankfurt, besonders wichtig erschien.

Von dem zweiten Entwurfe, welchen Broglio für den Fall der Nichtgenehmigung des ersten vorgelegt hatte, möge hier nur erwähnt werden, daß 20.000 M. am Niederrhein, 50.000 M. am Main auftreten, 80.000 M. aber nach Thüringen ge schickt werden sollten. Es waren hauptsächlich politische Gründe, die d"Estrées bewogen, sich auch gegen die Annahme dieses Planes auszusprechen. Insbesondere hob der Marschall das zwischen

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Ludwig XV. und dem Wiener Hofe getroffene Ueberein kommen hervor, in dessen Folge der König den persönlichen Krieg gegen England und Hannover gänzlich von demjenigen getrennt habe, welchen die beiden Kaiserinnen gegen Preußen führten. Nicht minder wurde ein zweiter politischer Grund, die von Spanien übernommene Vermittelung eines Friedens mit England, maßgebend für die Verwerfung des gedachten Planes, indem der resp. Erfolg sehr in Frage gestellt erschien, wenn eine minder bedrohliche Wirksamkeit der französischen Waffen gegen das von dem Könige von England mit Vorliebe berücksichtigte Kurfürstenthum Hannover stattfände. Um Uebrigen traten bei d’Estrées auch gewichtige Bedenken

betreffs einer Oesterreich zu gewährenden bedeutenden Hülfsmacht, ferner der Finanzen Frankreichs, der voraussichtlichen völligen

Verheerung Sachsens und der daraus hervorgehenden Ansprüche des Königs von Polen auf Entschädigung, und endlich bezüglich der vielleicht durch die Engländer wandelbar gemachten Neutralität Hollands auf). Obgleich der erste Entwurf Broglio"s von dem Könige ge billigt worden war, so betrachtete doch der erstere Anfangs Juni, zu einer Zeit, in welcher nach den früheren Beschlüssen der Beginn der Operationen nicht mehr fern war, – eine Situation mit anderen Augen. Die immer schwieriger zu beschaffende Verpflegung

der Truppen in der vordem so schwer heimgesuchten Gegend von Gießen und der Wetterau, der Mangel, welcher bei dem Vor dringen durch Heffen um so mehr sich einstellen mußte, da die alliierte Armee bei ihrem Zurückgehen vollends alle Lebensmittel aufzehren würde, und endlich die dem hessischen Boden eigenen Terrainverhältnisse ließen den Marschall wünschen, statt durch 1) Es liegt wohl im Interesse der Kriegsgeschichte, diese einflußreichen politischen Verhältnisse zu erwähnen; deshalb nahm man auch keinen Anstand, denselben hier eine Stelle anzuweisen, obwohl der zweite Entwurf Broglios keine praktische Bedeutung gewann. D. Verf.

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Heffen, in die Grafschaft Mark eine Operatiouen zu richten. Die Vortheile, welche sich Broglio davon versprach, waren aller

dings sehr erheblich, indem nach dessen Urtheil der Feldzug wegen der dort genügend vorhandenen Lebensmittel einen Monat früher beginnen konnte; und die Offensive in der genannten Gegend sowie die Benutzung errungener Vortheile in den offenen Gegenden der Grafschaft ergiebiger erschienen, wozu denn auch, falls das Waffenglück günstig sei, ein schnelleres Uebergehen zur Belagerung von Lippstadt gehöre.

Marschall Broglio hatte freilich sehr ausgedehnte Vollmachten betreffs seines zu beobachtenden Verhaltens vom Könige empfangen, und auch jetzt wurden ihm dieselben durch Belle-Isle wiederholt zugesichert; dennoch sah sich Broglio genöthigt, von dem eben er wähnten Plane wahrscheinlich deshalb abzustehen, weil der Herzog von Choiseul, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, in Ver folgung seines Lieblingsplanes: bis zur Anknüpfung allgemeiner Friedensunterhandlungen festen Fuß im Mittelpunkte des Reiches

zu behaupten, – darauf drang, daß 50.000 M. in der Gegend von Frankfurt a. M. zurückgelaffen würden und Broglio bei seinen Unternehmungen die Operationen der Oesterreicher berück

sichtige. Eine solche Forderung, die von Choiseul indeß absichtlich erhoben zu sein schien, um Broglio zum Aufgeben seines Planes betreffs des Einrückens in die Grafschaft Mark zu bewegen, erheischte natürlich einen ganz neuen Feldzugsplan, bei welchem dem Marschall die Kenntniß von dem österreichischen Operations plane mangelte"). Die genannte Absicht Choiseul's fand natür lich in der schon früher von dem geheimen Rath Ludwigs XV. erlaffenen Bestimmung bezüglich des Operationsplanes gegen Heffen eine bedeutende Stütze. Diese Bestimmung, der die Absicht zu Grunde lag, Heffen zu erobern und es im Winter besetzt zm halten, – war aber durch die Hoffnung her 1) S. Stuhrs Forschungen, 2. B, S. 294–300; dann S. 304.–307.

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vorgerufen worden, daß während des Winters ein Friede zu

Stande kommen werde. Bis dahin konnte der Krieg in Hessen billiger als in Westfalen geführt werden, da man sich hier nicht überall in Feindes Land befand; dann aber lag für Frankreich die Aussicht nahe, sich bei den Friedensunterhandlungen nicht nur

der eroberten preußischen Gebietstheile am Niederrhein sondern auch der heffen-kaffelschen Länder als Mittel zum Austausche zu bedienen.

Wenn nicht schon früher, so würden wir doch jetzt die Ueber

zeugung gewinnen müssen, daß unter so mannigfaltig beengenden Verhältniffen, wie die Marschall Broglio erfuhr, – die Energie des Willens des Commandierenden und die Einheit des Handelns nimmer zur vollen Thätigkeit zu gelangen vermochten. Der fran

zösische Feldherr mußte überall aufHemmniffe stoßen, die ihm theils durch die Halbheit der Politik seines Hofes, theils durch das Miß trauen Belle-Isle's und endlich durch die ungerechtfertigte Ein

mischung der Diplomatie bereitet wurden. Diese die Kriegführung so sehr benachtheiligenden Einflüsse, namentlich das Mißtrauen Belle-Isle's, machten sich aber auch dort geltend, wo es sich um

organische Verbesserungen in der Armee selbst, um deren Aus rüstung c. handelte. Zur Ausrüstung 2c. der französischen Armee.

Wenn auf der einen Seite Belle-Isle dem Marschall Broglio Berichte über die Stellung und Stärke des Feindes vorenthielt, welche denen Broglio"s widersprachen, und dabei – gleichsam zum

Hohne – Belle-Isle auf nähere Verbindungen des Königs und dessen Ministeriums deutete, durch welche man genau über jene Dinge unterrichtet würde, so trat auf der anderen Seite der Kriegsminister aus Sparsamkeit manchen Verbesserungs-Vorschlägen Broglio"s entgegen. Solche Vorschläge betrafen z. B. auch die

Einrichtung des Generalstabes, für welchen Broglio einzahlreicheres Personal und freie Auswahl desselben verlangte, die letztere aber

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nicht bewilligt erhielt. Ebenso verlangte Broglio 200 Stück Geschütze und, mit Hinweisung auf die Gefahr, vor dem Anfange Junis" überfallen werden zu können – Beschleunigung der Rüstungen. Statt dessen bewilligte man nur 150 Geschütze und vervollständigte nicht die Belagerungsparke; sowie denn auch die Munitionsvorräthe erst zwischen dem 20. Mai und dem 7. Juni in Frankfurt a. M. eintreffen konnten. Die aus den bekannten Ursachen zerrütteten Finanzzustände Frankreichs trugen, natürlich als Hauptursache, zur mangelhaften Wiederherstellung der sämmtlichen Truppenkörper unendlich viel bei. Dagegen betrachtete die Regierung, nach der Mittheilung Belle-Isle's, die in den Winterquartieren einzutreibenden Contri butionen als die einzige Quelle der Finanzen, über welche Frank reich zum Besten der Armee verfügen könnte. Was den Effectivstand der französischen Armee betrifft, so

schätzte Herzog Ferdinand denselben auf etwa 120.000 M, wäh rend Belle-Isle an 180 und einige Bataillone, 179 Schwadr.

nebst 8- bis 9000 M. leichter Truppen zählte 1). Von diesen Truppen empfing die Armee des Niederrheins ihre Verpflegung aus den Magazinen in Wesel, Cöln und Düsseldorf, und die des Oberrheins und des Mains aus denen in Coblenz, Mainz, Frankfurt und Hanau. Vorbereitende Stellungen der französischen Armee zur

Eröffnung des Feldzuges von 1760. Es geschah aus Verpflegungsrücksichten, daß sich die franzö fische Armee nach der Mitte des Maimonates sich von Cleve über

Cöln bis Würzburg ausdehnte, – namentlich auch, um die nur mäßig angefüllten Magazine bis auf den Zeitpunkt zu schonen, in welchem die Operationen ihren Gebrauch zu einer Nothwendig keit machen würden.

In den bezüglichen Quartieren standen

1) Vergl. die Beilage V.

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zwischen Cleve und Cöln 57 Bat. und 44 Schwadr. mit Ein schluß von 11 Milizbataillonen, welche die Besatzungen von Cöln, Düffeldorf und Wesel bildeten. Die Armee Broglio"s dagegen, in der Stärke von 92 Bat. (mit Einschluß der Sachsen und Würtemberger ) und 88Schwadr. *), befand sich auf den beiden Ufern des Mains, in der Richtung gegen die Lahn und gegen das Bisthum Fulda. Von diesen Truppen standen, während das Gros der Armee Broglio"s sich gegen den 10. Juni zwischen Hanau, Frankfurt a. M. und Friedberg concentriert hatte, die Sachsen, verstärkt durch einige Brigaden französischer Truppen, in der Stärke von 20.000 M. (Reserve) unter dem Grafen von der Lausitz im Fuldaischen; ferner befehligte Prinz Camille von Lothringen 12 bis 15 Bat. an der unteren Lahn, und endlich hatte der Graf von St. Germain bereits am 4. Juni mit der 30.000 M. starken Armee des Niederrheins (31 Bat. und 38 Schwadr.) ein Lager bei Düsseldorf am linken Ufer des Rheins bezogen.

Diese Armee oder eigentlich das Reserve-Corps des linken Flügels der Armee Broglio"s hatte die Bestimmung, für den

Anfang desFeldzuges die Aufmerksamkeit desFeindes zu zerstreuen; wobei es bemerkenswerth ist, daß, wenn auch Broglio die Aus wahl der Truppen zur Bildung jenes Corps überlaffen worden war, der König doch aus besonderen Rücksichten die Verwendung des bekannten Fischer'schen Corps bei demselben wünschte.

Als Mittelglied zwischen Broglio und St. Germain dienten übrigens die Division des Grafen von Guerchy bei Hachenburg 1) Der Herzog von Würtemberg verließ mit seinen Truppen gegen Mitte Mai die französische Armee. Zu dem uns bekannten Grunde zu feiner Entfernung gesellte sich auch noch der: – daß man ihm den Grafen von der Lausitz im Titularkommando des Corps vorgezogen hatte, von welchem die Würtemberger einen Theil bildeten. . 2) Vgl. die Beilage. V. mit obigen aus v. d. Knesebeck e. 2. B. S. 37 und 38.

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und die Chabo's in Siegburg, – zusammen etwa 16.000 M. in 26 Bat. und einigen Brig. Cavalerie.

Die alliierte Armee verläßt ihre Winterquartiere; Vertheilung der Streitkräfte.

Auf Seiten der Alliierten hatte man inzwischen ebenwohl die

zur Eröffnung des Feldzuges nöthigen Vorkehrungen getroffen und am 23. April war der Armee der Befehl ertheilt worden,

sich zum Verlassen der Winterquartiere am 20. Mai bereit zu

halten. Herzog Ferdinand verlegte dagegen schon am 29. April sein Hauptquartier von Paderborn nach Neuhaus; die englischen Truppen aber, welche bereits im April eine Verstärkung in den von Eugland kommenden Cav.-Regt. Conway, Cope

und Ancram, jedes von 2 Schwadr., bekommen hatten, verließen am 5.Mai ihre Quartiere im Bisthum Osnabrück und näherten

sich dem Paderbornschen. Diesen Truppen folgten am 10. Mai die in den Bisthümern Paderborn, Hildesheim und indem Herzog thume Westfalen befindlichen in der Richtung nach Heffen, um bei Fritzlar sich zu concentrieren. In Lippstadt verblieben 3 Bat.

unter Oberstlieutenant Monroy als Besatzung; ebenso 3 Bat. in Münster unter Oberst la Chevallerie und eine gleiche Zahl in Caffel.

Herzog Ferdinand war diesen Bewegungen ebenwohl gefolgt, traf am 19. Mai in Wabern, in dem dafigen landgräflichen Schloffe, ein und verfügte hier über die Vertheilung c. der Armee folgendermaßen.

General Spörken, unter dessen Befehl 24000 M. in West falen, unter dem Namen der kleinen Armee, gestellt wurden, hatte die Armee St.Germain's am Niederrhein zu beobachten c.) 1) S. den Feldzugsplan.

– 417 –

Die kleine Armee bestand aus: 1 Bat. Block,

4 Esc. Bock,

„ Laffert, „ Rhöden, „ Estorf, „ Post, Hanno„ Fersen, / veraner. „ Scheither, „ Monroy „

Bock,

4 „ Reden,

4 „ Breitenbach, 1 Hanno

2 , Leibregiment, veraner. 2 „ Bremer, 2 „ Waldhausen,

2 „ Oheim), 2 „ Prüschenk,

-

Heffen.

22 Escadronen.

Wreden, „, PrinzAnhalt, „ Malsburg, r

„ 4te Garde ), „

Heffen.

Toll,

„ 3te Garde), „

Grenadiere,

1 Garnisonbataillon resp. Regiment von Müller ), Heffen. 1 Garnisongrenadierbataillon, 25 Bataillone. Leichte Truppen

5 Bataillone der Légion britannique,

450 Mann hessische Husaren, 600 M. Infanterie und Cavalerie vom Scheither'schen Corps, 200 M. bückeburgische Carabiniers und Jäger.

Der Artillerietrain von 44 Kanonen wurde durchden hefi schen Obersten Huth befehligt. Zu dem Ressort Spörken’s gehörten auch noch die Festungen Münster, Lippstadt, Minden, Nienburg, Hameln und Vechta, 1) Bestand aus den früheren Bataillonen Erbprinz und Leibregiment. 2) War das frühere Bataillon resp. Regiment Garde. 3) Früher Miltitz. 4) Früher Gundlach. Renouard Gesch. 11. Bd.

27

418

deren Commandanten an die Befehle des Generals gewiesen NV(NTEN.

Die Generalität der kleinen Armee bestand aus den

Generallieutenants: Prinz v. Anhalt und v. Bose, Heffen; v. Hardenberg und v. Zastrow, Hannov. den Generalmajors der Infanterie: v. Post,

v. Scheither,

Hannov.

v. Bock,

v. Toll, Heffe. den Generalmajors der Cavalerie: v. Bock, v. Reden,

Hannov.

v. Breitenbach, ) v. Prüschenk, Heffe. Die Mehrzahl der großen oder der Hauptarmee, etwa 38.000 M. unter dem unmittelbaren Befehle HerzogFerdinands, versammelte sich bei Fritzlar und bestand aus: 3 Esc. Royal Dragoons of 1 Bat.Nappier, Bland, 1 „ Steward, " Engländ. Inniskilling, 1 „ Füsiliers, 2 „ hannov. Garde, Conway, Blue Guards, 1 „ Zastrow, S 1 „ Scheele, Howard, Cope, 1 „ Halberstadt, S Ancram, 1 „ Dreves, S Mordaunt, 1 „ Kielmansegge, -

2 „ Heffen Erbprinz,")

Gray-Horses,

2 „ Leibregiment, 2 „ Behr,

Garde du Corps, Grenadiere zu Pferd, Jüngermann, Veltheim,

2 „ 2 „

Sie

Zastrow,

“-

Hannov.

1) Früher Prinz Wilhelm.

2

– 419 –

1 1

4Esc.Leibdragoner (Heffen).

Bat.Kingsley, „

Brudenel,

Eglännd.

(Preußen), 2 „ Gens d'armes (Heffen),

1 „ Home, 1 „ Spörken, 1 „ Schulenburg, 1

„ Hardenberg, /

11

„ Wurmb, „ Gilsa,

5 „ Dragoner v. Holstein

Hannov. 3 „ Carabiniers(Brschweiger), 5 „ Finkenfiein (Preußen). -

Heffen.

1 2

„, Imhof, Braunschweiger.

30 Bataillone und 45 Escadronen ). Zu den vorstehenden Truppen kamen noch:

1 englisches, 1 braunschweigisches, 1 hessisches Grenadierbataillon und 300 Bergschotten. Der Artilleriepark zählte 86 schwere Kanonen ). Die Generalität bestand aus

den Generallieutenants: Herzog v. Holstein, Erbprinz v. Braunschweig,

v. Wutginau (Heffe), Mostyn, Granby, Waldgrave,

Engländer,

Wangenheim (Hannoveraner), Graf Finkenstein (Preuße); den Generalmajoren der Infanterie:

-

Howard, Brudenel (Engländer), Dreves, Scheele, Halberstadt (Hannoveraner), Wiffenbach (Heffe), Harling und Mansberg (Braunschweiger), den Generalmajoren der Cavalerie:

Honniwood, Webbe (Engländer), Oheim (Heffe. 1) v. Reden’s Tagebuch, 2. B, S. 120 u. w. 2) Vgl. mit dem Feldzugsplane. 27 4

– 420 –

Nach Abzug der vorgenannten unter Spörkens und Herzog Ferdinand's unmittelbaren Befehlen stehende Truppentheile blieben noch 22 Bat. und 16 Esc. übrig, aus denen der letztere zwei besondere Corps bildete.

Das eine dieser Corps sollte sich unter dem Befehle des hessischen Generallieutenants v. Gilsa am 20. Mai bei Eichhof

(1), M. f-w. v. Hersfeld) versammeln, die linke Flanke der Ar mee Ferdinand's decken und die Gegend von Fulda beobachten. Das andere Corps dagegen hatte unter dem braunschweig schen Generallieutenant v. Imhof die Bestimmung, sich beiKirch hain zur Vertheidigung der Ohm aufzustellen. Das Corps Gilsa's bestand aus:

2 Esc. Erbprinz ), 4 „ Prinz Friedrich Dragoner, 1 Bat. Alt-Zastrow, „ La Chevallerie,

--

Heffen.

Hannoveraner.

„ 2ter hessischer Garde 2), r

Mansbach,

„ Bischhausen, „ Grenadiere (Balke,

--

Heffen.

Schlotheim, Stern). TT BatailloneT Leichte Truppen:

Das ganze hannoversche Jägercorps, 500 M. zu Pferd, 1300 M. zu Fuß.

2 Escadronen Ruesch Husaren. Das Stockhausensche Corps, aus 440 M. Infanterie und 200 M. Cavalerie bestehend.

Das hessische Jägercorps = 450M.Infanterie und 200M. Cavalerie). 1) Früher Prinz Wilhelm.

2) Das frühere Grenadier-Regiment. 3) Vergl. die Beilage V.

– 421



An Artillerie hatte das Corps Gilsa's jammt dem Imhof's 18 schwere Geschütze, ungerechnet der Regimentskanonen. Das Corps des letzteren bestand aus: 1 Bat. Wangenheim, „ Behr,

„g E

4Esc. Busch Dragoner, 2 , Grothaus,

1

Reden,

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2 „ Hodenberg,

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1 „

Pleffe, Marschall,

2 Heise, TT 10 Escadronen.

2 „ 3 „ 1 „

Prinz Carl (Hessen), Hannov. Grenadiere, Hefisch. Grenadiere,

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5.

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11 Bataillone.

Hierzu kamen an leichten Truppen:

“-ky,

Preuß. Husaren; ferner

die preußischen Volontairs in der Stärke von 700 M. zu Fuß und 200 M. zu Pferd;

4 Esc. Luckner Husaren und endlich von den braunschweig fchen Jägern 200 M. zu Pferd und 400 M. zu Fuß ). Mit den vorgenannten Anordnungen. Ferdinand’s verbanden sich auch noch solche, welche den Schutz von Braunschweig und

Wolfenbüttel sowie der Districte von Mansfeld und Halberstadt gegen den Einfall der Reichsarmee zum Zwecke hatten. So war es namentlich der Herzog von Braunschweig, Bruder Ferdinands,

welcher sich bemühte, zur Besetzung seiner beidenFestungen 3600M. zusammen zu bringen, – eine Maßregel, an deren Ausführung Ferdinand einen um so lebhafteren Antheil nahm, als dadurch die Sicherstellung seines Rückens während der künftigen Operationen in Heffen c. gefördert wurde. In Vereinbarung mit dem Herzog von Braunschweig und dem hannoverschen Ministerium brachte Ferdinand die Absicht des ersteren so zur erweiterten Ausführung, 1) v. Reden, 2. B, S. 126 u. w.; ferner vergl. die Beilage V.

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daß von Seiten Braunschweigs ein Milizbat. von 5- oder 600M, vonHannover ein weiteres Milizbat.von6-bis 700M. nebst einem schwachen Artillerietrain, und endlich von Ferdinand eine Comp. Scharfschützen mit einem Detachement von 60–80 Pferden, so wie außerdem an der Werra eine Jägerbrig. mit einem Detache ment Husaren gestellt wurden. Das ganze Corps zählte nach seiner Vereinigung über 2000 M., worunter 4- bis 500 M. Cavalerie, und stand unter dem

Befehle des Generals Diepenbroick. Bezüglichder auf den Schutz von Mansfeld und Halberstadt sich auszudehnenden Wirksamkeit dieses Corps machte Ferdinand dem Könige den Vorschlag, ein etwa von der Magdeburger Besatzung zu entsendendes Detoche ment zum Corps stoßen zu lassen. Friedrich, so sehr er auch das Zweckmäßige der Anordnungen resp. des Vorschlages Ferdinand's namentlich zu jener Zeit (erste Hälfte Juni) anerkannte, ver mochte indes nicht, seine Mitwirkung zuzusichern, da sich in Mag deburg nnr zwei schwache Bataillone nebst einem Milizbataillon als Besatzung befanden, die außer dem gewöhnlichen Dienste noch 900 kriegsgefangene Offiz. und gegen 1000Sold. der österreichi schen und der Reichsarmee zu bewachen hatten. Nächst diesen

Truppen hatte der König bei Leipzig den General Salenmon mit 1 Freibat. und 2. Schwadr. Husaren stehen laffen, – als den einzigen Truppentheil, den er bei seiner kritischen Lage zu missen vermochte.

Am 20. Mai standen die genannten Truppenkörper der alliierten Armee an den Orten ihrer Bestimmung, d. h. die kleine Armee unter Spörken sammelte sich zwischen Coesfeld, Dülmen,

Lünen und Hamm; die Hauptarmee unter Ferdinand nahm Stel lung bei Fritzlar hinter der Edder mit dem rechten Flügel an den Hellenwaart, mit dem linken an Cappel (%,M.ö.Fritzlar); das CorpsImhofs stand dagegen beiKirchhain hinter derOhm mit einem vorgeschobenen Posten unter Luckner bei Amöneburg; Gilsa aber war

1), S. Allgemeines über die Feldzüge des Jahres 1760

– 423 –

vom 15. bis zum 20. Mai von Sontra ) über Rotenburg in das Lager bei Eichhof gerückt, hatte jedoch den Oberst Freytag mit einer Jägerbrigade und einer Esc. Ruesch-Husaren in Vacha stehen lassen, um von dieser Seite die Bewegungen des Feindes

zu beobachten. Freytag detachirte nach Friedewald zur Verbindung seiner Abtheilung mit dem Corps Gilsa's, von welchem die hessi schen Jäger zu Fuß und zu Pferd unter Oberstlieutenant v.Linden

in Unterhaun standen, während Imhof mit Gilsa durch die bei Alsfeld unter Oberstlieutenant Jeanneret aufgestellten preußischen

Volontairs (Trümbach'sches Corps) und 1 Esc. Malakowski Husaren kommunizierte. Ueberrumpeluug von Butzbach durch General Luckner am 21. Mai.

Die ersten Feindseligkeiten, mit denen der Feldzug von 1760 begann, fanden am 24. Mai bei und in Butzbach statt, wo die aus 400 M. Infanterie und 150 Dragonern und Husaren be stehende Besatzung unter Oberstlieutenant Waldner von General Luckner überrumpelt wurde. Zufolge eines Befehles Herzog Fer dinand’s war Luckner mit 300 M. Grenadieren und Jägern zu

Fuß und ebensoviel Husaren und Jägern zu Pferd in der Nacht vom 23. zum 24. Mai von Amöneburg aufgebrochen, um die zwischen Gießen und Butzbach befindlichen Convois zu beunruhigen resp. aufzuheben. Mittelst eines Umweges über Großen-Buseck traf Luckner am Morgen des 24. in der Gegend von Butzbach ein, war aber bis dahin weder auf feindliche Patrouillen noch

Wägen gestoßen, so daß er sich entschloß, einen Angriff auf Butzbach zu richten. In diesem Augenblicke erschien indes eine kleine Cavaleriepatrouille von Lich her, welche, sofort angegriffen, mit Ausnahme des Offiziers und eines Husaren, in die Hände 1) S. am Ende des 8. Abschnittes:–„Vorfälle während der Dauer der Winterquartiere.“

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Luckner’s fiel, während Butzbach selbst durch die beiden Flüchtlinge alarmiert wurde. Die AbtheilungLuckner's drang inzwischen rasch nach und gelangte gleichzeitig mit einer ihr entgegen geschickten Patrouille in die Stadt, hieb mehrere Wachen nieder, während Oberstlieutenant Waldner mit der Besatzung Butzbach verließ und verfolgt von den Husaren einen in der Richtung von Friedberg gelegenen Wald erreichte. Luckner verfolgte mit aller Schnelligkeit die errungenen Vortheile, griff demgemäß eine vor dem Walde

aufgestellte Dragonerabtheilung an, warf sie und nahm 1 Offiz. und 20 Dragoner gefangen; die herbeigeeilten Jäger zu Pferd aber griffen die feindliche Abtheilung in dem Walde an, hieben hier einen Theil derselben nieder und verfolgten den anderen bis

an die Thore von Friedberg, wobei eine Anzahl Pferde und 30 Wagen erbeutet wurden.

Das in Butzbach befindliche Magazin wurde zum Theil den Einwohnern Preis gegeben, theils mitgenommen; Luckner aber zog sich mit 100 Gefangenen und einer ansehnlichen Beute noch am Abende des 24. nach Heuchelheim, dann am 25.Mai über Wismar und Fronhausen nach Amöneburg zurück. Von Seiten Broglio's erhielt Generallieutenant Graf Vaux den Befehl, am 24. Abends mit 4 Schweizer-Bat., 8 Esc. Dragonern und 6 Esc. Husaren von Friedberg nach Butzbach zu marschieren, um diesen Posten zu verstärken. -

Vorgänge bei der alliierten Hauptarmee, vom 25. Mai bis zum 20. Juni.

Für die beiden in Hessen gegenüberstehenden Armeen trat nun bezüglich weiterer Feindseligkeiten eine längere Ruhe wieder ein, welche nur durch verschiedene Detachirungen, die wohl auch hie und da zu Berührungen mit dem Feinde führten, unterbrochen wurden.

Am 30. Mai verließen die 10 Esc. preußischer Dragoner

unter den Generalen Prinz Holstein und Graf Finkenstein die alliierte Armee und nahmen ihre Marschrichtung nach Leipzig.

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KönigFriedrich hatte sich namentlich durch den noch nicht ersetzten Verlust an Cavalerie, welchen er bei Maxen erlitten, so wie auch durch seine damalige gedrückte Lage bestimmen lassen, jene Cavalerie

von dem Herzog Ferdinand wiederholt abzuverlangen.

Es ent

stand jedoch durch diesen Ausfall von 1900 M. tüchtiger und

erprobter Truppen eine sehr fühlbare Lücke in der Armee des Herzogs, die freilich erst allmälig durch die Ankunft der englischen Verstärkungen ausgefüllt werden konnte.

Von der Hauptarmee fanden indeß um jene Zeit verschiedene Detachirungen statt. So ging am 31. Mai das hessische Gren. Bat. von Wurmb nach Ziegenhain zur Aufsicht des dortigen Magazines ab; ebenso verließ am 5. Juni der Erbprinz mit den

englischen Drag-Regt.Gray-Horses und Mordaunt und 3 braun schweigischen Gren-Bat. nebst 16 schweren Geschützen die Armee, um sich mit General Gilsa bei Hersfeld zu vereinigen. Weiterhin setzte man die 58 Stücke Geschütz, welche früher zur Belagerung von Münster gedient dann aber bei Lippstadt parkiert hatten, gegen Ziegenhain in Bewegung. Diese Geschütze bestanden theils aus Halben-, theils Viertels-Carthaunen, theils aus Mörsern und Haubitzen und wurden durch Invaliden und neugeworbene Mannschaft escortiert. Am 13. Juni trafen in dem Lager bei Fritzlar das englische

2 Esc. starke Drag-Regt. Waldgrave und die englischen Bat. resp. Regtr. Griffin, Hogdson und Bockland ein, denen am 20. Juni die Bat. resp. Regtr. Barington, Cornwallis und Carr

folgten. Die Gren-Komp. dieser jämmtlichen englischen Bataillone wurden nun von denselben getrennt und erhielten einen besonderen Commandeur.

Auch aus Westfalen zog der Herzog bedeutende Verstärkungen von der kleinen Armee Spörken's an sich, da er die numerische Stärke St. Germain’s nicht für

so bedeutend hielt, um

jenem General, selbst nach dem Abgange von 8 Bat. und 4 Esc. nebst 12Kanonen und2Haubitzen zur Hauptarmee, ernste

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Besorgniffe einflößen zu können. Prinz Anhalt brach demgemäß am 12. Juni mit diesen Truppen, unter welchen sich die hessischen Regtr. Anhalt und Malsburg befanden, nach Lippstadt auf, ge langte aber erst, wie wir später sehen werden, zur Hauptarmee, als bereits bedeutsame Ereigniffe stattgefunden hatten. Vorgänge in Westfalen zwischen den Generalen St. Germain und Spörken, vom 4. bis zum 20. Juni.

Das Heranziehen der Truppen des Prinzen Anhalt mußte der Absicht Herzog Ferdinands, dem Feinde den hessischen Boden möglichst streitig zu machen, sehr zu Statten kommen, zumal da im JuniSt. Germain von Broglio die Weisung erhielt, über den Rhein zu gehen und die rechte Flanke der alliierten Hauptarmee zu be drohen. Zu dem Ende sollte Germain so schnell wie möglich

Dortmund und die in der Nähe dieser Stadt hinter der Landwehr auf dem Wege nach Unna gelegene oder eine andere dem letzteren Orte noch näher liegende Stellung zu erreichen suchen, um die Wege nach Lünen und Hamm zu decken, Dortmund zu behaupten und sich des Ueberganges über die Ruhr bei Westhofen zu ver sichern.

Die Bewegungen, welche dem am 15. Juni erfolgenden Uebergange St. Germain's über den Rhein bei Düsseldorf vor ausgingen, veranlaßten Spörken, am 5. Juni ein Corps von 9 Bat. Heffen und 6 hannoverschen Esc. unter den Generalen

Prinz von Anhalt und v. Hardenberg bei Hamm aufzustellen. Zu diesem Corps trat einige Zeit später das zeither bei Olfen gestandene Corps des hessischen Generals Bose, bei welchem sich die hessischen Cav.-Regtr. Oheim und Prüschenk befanden. Eine kleinere Abtheilung stellte sich bei Lünen auf, während die Légion britannique und die hessischen Husaren den Posten von Dortmund besetzt hielten, Spörken selbst aber mit dem Gros seiner Truppen bei Dülmen Stellung genommen hatte. St. Germain's Streitkräfte hatten sich am 4. Juni

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bei Düsseldorf vereinigt; die aus 8 Bat. und 8 Esc. Dragoner bestehende Avantgarde unter Marquis d'Auvet, der das Fischer'sche Corps vorausging, war gegen Broich an der Ruhr, Mülheim gegenüber, vorgegangen. Die Patrouillen dieses Corps streiften bereits bis Effen, als Major Bülow, um dies zu verhindern, mit der Légion britannique und den hessischen Husaren am 12. Juni aufbrach, und in der Richtung von Effen vordrang. Am Abende desselben Tages traf Bülow daselbst ein, setzte aber in der Nacht mit einigen hundert Dragonern und Husaren seinen Marsch nach Ruhrort fort, überfiel hier in dem Dorfe Meiderich mitAnbruch des Tages eine Abtheilung desFischer'schen Corps, hieb 30 M. nieder und machte 60 M. zu Gefangenen, worauf Bülow um die Mittagszeit des 13.Juni wieder in Essen eintraf.

-

Am 17. Juni ging die Avantgarde unter d'Auvet über die Ruhr und marschierte unter dem Vorgange desFischer'schen Corps nach Effen, während die Reserve unter St. Germain bei Mül heim diesen Fluß passierte. Am 18. Juni setzte sich der Marsch d'Auvet's bis Wattenscheid, der St. Germain’s bis Steele fort;

am 19. aber erfolgte die Vereinigung beider in dem Lager von Lütgen-Dortmund. Die in Dortmund stehenden alliierten Truppen zogen sich am Abende desselben Tages nachHamm zurück, worauf am 20. Juni St. Germain bei dem ersteren Orte und das Fischer'sche Corps bei Brackel Stellung nahmen, während ein Detachement St. Germains" unter dem Marquis von Leyde, welches am Niederrhein geblieben, ebenwohl am 20. beiHattingen eingetroffen war. Mit der Stellung bei Dortmund hatte St. Germain den geeigneten Punkt gewonnen, von wo eine weitere Bedrohung der rechten Flanke Ferdinand’s um so mehr stattfinden konnte, als es

General Spörken rücksichtlich der Deckung Münster's nicht wagen durfte, sich die Lippe aufwärts zu ziehen, um einer Vereinigung

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St. Germain's mit Broglio vorzubeugen. Dagegen sah sich Spörken in Folge der oben erwähnten Weisung Ferdinand's ver anlaßt, den Prinzen von Anhalt schon am 12. Juni nach Lipp stadt zu detachiren, von wo derselbe seinen Weitermarsch nach Heffen nahm.

Die Gxpeditionen Gilsa's resp. des Erbprinzen gegen Fulda, vom 28. Mai bis zum 22. Juni.

Wenden wir uns nun wieder nach Heffen und zwar zu dem Corps des Generals Gilsa , welches nach der am 6. Juni statt gefundenen Vereinigung mit dem Erbprinzen bis zu 10.000 M. angewachsen war. Die Veranlassung zu dieser Verstärkung lag in der ansehnlichen Vermehrung der in dem Bisthume Fulda

stehenden französischen Truppen, denen General Gilsa gegenüber mit seiner mäßig starken Streitmacht in mannigfache Verlegen heit gesetzt werden konnte.

Eine im Ganzen glückliche Cxpedition, von Seiten der Alliierten am 28. Mai gegen Fulda behufs der Aushebung von Geißeln wegen rückständiger Brandschatzung unternommen, – war die

Ursache jener Vermehrung der feindlichen Streitkräfte geworden, hatte aber auch dazu gedient, von Neuem Beweise für die Thätig keit, namentlich der leichten Truppen der Alliierten, zu liefern. An der Spitze dieser Expedition stand der hessische Cavalerie

Oberst Wolff; seine Truppen aber bestanden aus 150 M. und 100 Pferden vom Stockhausen'schen Corps, 200 hessischen Jägern zu Fuß und zu Pferd, einem Detachement Ruesch Husaren von 150 Pferden, 300 M. Cavalerie und 600 M. Infanterie nebst 2 Kanonen. Es war am 28. Mai, als diese Truppenabtheilung des Obersten Wolff, welcher Hauptmann Bennigsen mit einer Abtheilung vom Stockhausen'schen Corps als Avantgarde diente, aufbrach und ihren Marsch über Schlitz gegen Fulda richtete; woselbst sich nur eine schwache Besatzung befand, indem sich schon

-

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am 25. Graf de la Noue de Vair mit seinen Freiwilligen in der Richtung von Schlüchtern zurückgezogen hatte. Am Morgen des 29. Mai erschien die Avantgarde Wolffs an der zwischen der Stadt Fulda und Nelkenberg über die Fulda

führenden Brücke und es erfolgte sofort die Aufforderung an die Besatzung, sich zu ergeben. Da dies ohne Erfolg blieb, indem die Besatzung bereits schon an den Rückzug dachte oder zum Theil denselben bereits angetreten hatte, so gelangte Hauptmann Bennigsen, ohne Widerstandzu finden, in die Stadt. Hier gelang es indeß dem Lieutenant Plato vom Stockhausen'schen Corps sowie den Lieutenants Hoppe und Jeinsen von den hessischen Jägern zu Fuß, 1 Capit, 3 Lieut. und 58 Sold. vom Regt. Dauphine zu Gefangenen zu machen, während ein anderer Theil der feind lichen Mannschaft entwaffnet wurde. Oberst Wolff verlängerte seinen Aufenthalt in Fulda mehr, als es die Aushebung der Geißeln bedurfte, daher kam es auch, daß, bevor noch bei dem Abmarsche das in der Nähe gelegene

Dorf Horas von der Arrièregarde unter Hauptmann Bennigsen erreicht werden konnte, – der Feind in der Stärke von mehreren tausend Mann erschien und wiederholte Angriffe auf die Jäger Bennigsen's richtete. Diese Braven leisteten indeß mehrere Stunden

hindurch in dem engen und zum großen Theil bewaldeten Thale der Fulda in der Richtung vonKämmerzell, wohin sichder Rückzug Wolffs gewendet hatte, den tapfersten Widerstand. Bei diesem Gefechte bestand der Verlust der Alliierten in 18 M. an Todten, Verwundeten und Vermißten; der der Franzosen soll nur in 2 Todten und 7 Verwundeten bestan den haben, muß aber weit beträchtlicher gewesen sein, da nach damaligen Berichten die Franzosen nur allein 200 M. todt auf dem Platze liegen ließen.

-

Oberst Wolff traf übrigens ungefährdet mit einer Abtheilung bei dem Gilla'schen Corps wieder ein, über welches am 6. Juni der Erbprinz den Oberbefehl antrat und sofort die nöthigen An

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ordnungen zu einer zweiten Expedition gegen Fulda traf. Schon am 8. Junibegannen hierzu die entsprechenden Bewegungen, indem der Erbprinz beiNieder-Joffa Stellung nahm, die leichten Truppen aber nach Unter-Schwarz, Ober-Wegefurth und Holzheim (Unter Schwarz, 2, M.; Ober-Wegefurth, 2%, M.; Holzheim, 3% M. n. v. Fulda) detachirte. Am 9. Juni um 4 Uhr Morgens brach das Corps in zwei Colonnen gegen Schlitz auf; die Avantgarde bildeten die leichten Truppen und 2 braunschweigische Gren.-Bat., welche zum Theil auch rechts der Fulda vorgingen. Die Colonne zur Rechten bestand aus der sämmtlichen Infanterie unter General Gila, schlug den Weg über Nieder- und Ober-Joffa ein und richtete dann ihren

Marsch durch die dortigen Wälder nach dem Lager bei Schlitz. Die Colonne zur Linken dagegen, unter General Bischhausen aus jämmtlicher Cavalerie und schweren Artillerie bestehend, marschierte, unter gleichem Zielpunkte wie die Colonne Gilsa's, auf der von Hersfeld über Schlitz nach Fulda führenden Heerstraße. Der Aufenthalt des erbprinzlichen Corps bei Schlitz war nur von kurzer Dauer, denn schon nach Zapfenstreich brach man die Zelte des Lagers wieder ab und setzte sich abermals in zwei Colonnen,

mit Zurücklaffung aller Bagage und selbst der Tornister, in Marsch. In derselben Nacht um 12 Uhr brachen auch die in Alsfeld stehende Esc. Malakowski Husaren und das Trüm bach'sche Corps unter Oberstlieutenant Jeanneret nach Lauterbach auf und folgten dem Erbprinzen, so wie denn ebenwohl Oberst

Freytag mit seiner Jägerbrigade und der Esc Ruesch Husaren Vacha verließ und sich gegen Fulda wendete.

Bei diesem Marsche des Erbprinzen änderte sich die Zu sammensetzung der beiden Colonnen dahin, daß die Colonne zur

Rechten unter Gilsa aus den englischen Drag.-Regtrn. Grey Horses und Mordaunt, 2 Haubitzen, dem braunschweigischen Gren.-Bat. Wittorf, den hannovrrschen Inf-Bat. Alt-Zastrow, La Chevallerie und dem hessischen Inf-Regt. Bischhausen bestand.

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Die Colonne zur Linken dagegen zählte unter General Bischhausen das hessische Inf-Regt. Mansbach, die übrige schwere Artillerie, die 2. hessische Garde, die 3 hessischen Gren-Bat. Balke, Schlot heim und Stern und die 2 hessischen Esc. Erbprinz. Das hessische Drag-Regt. Prinz Friedrich nebst 2 Sechs pfündern setzte sich, eine halbe Stunde vor dem Abmarsche der beiden Colonnen, in Marsch nach Uellershausen (Uellershausen, links der Fulda, 11% M. n.w. v. Fulda), um mit den jenseits Schlitz im Lager stehenden braunschweigischen Gren.-Bat. Stammer und Redecker sowie mit den sämmtlichen leichten Truppen die Avantgarde zu bilden.

Die Marschrichtung nach dem für dasganze Corps bezeichneten Sammelplatze Großen-Lüder ging für die Colonne Gilla's über Bernshausen, Itzhausen, Salzschlirf und Eichenau (Itzhausen, 2 M.; Eichenau, 1 M. n.-w. v.Fulda); General Bischhausen blieb dagegen auf der oben genannten Heerstraße. In Schlitz ließ man ein aus Infanterie und Cavalerie zusammengesetztes Detache ment zurück. Es war 2 Uhr Nachts, als das Corps des Erbprinzen bei

Großen-Lüder eintraf; doch schon um 5 Uhr Morgens (10.Juni)

setzte sich der Marsch nach Haimbach (Haimbach, 1% M. w. v. Fulda) fort, woselbst man lagerte und, auf die Nachricht, daß der Feind die Stadt Fulda verlassen und nur ein kleines Detache ment Berchiny Husaren dort zurückgelassen habe, die sämmtliche Bagage an sich zog. Die in Alsfeld gestandenen Truppen hatten sich ebenwohl bei Haimbach eingefunden und Stellung auf dem rechten Flügel des Corps genommen; die Avantgarde schob ihre Posten gegen

Fulda vor und Oberst Freytag, welcher bereits dafelbst angelangt, besetzte diese Stadt mit seinen Jägern, während die Esc. Ruesch Husaren gegen Johannesberg (1), M. f-w. Fulda) resp. Neuhof vorging. Diese Cavalerieabtheilung erhielt am 11. Juni eine Unterstützung in zwei braunschweigischen Grenadierbataillonen



432 –

mit 2 Sechspfündern; aber schon Tags darauf rückten diese Bataillone c. wieder in das Lager bei Haimbach, worauf am 13. Juni der Rückmarsch nach Schlitz erfolgte, Oberst Freytag aber zur Wiederbesetzung Vacha"s abmarschierte.

In Schlitz, woselbst man das alte Lager wieder bezogen hatte, erfuhr der Erbprinz, daß das Husaren-Regt. Berchiny in Kleinlüder eingerückt sei. Sofort entschloß sich derselbe, am 17. Juni Abends mit der AbtheilungJeanneret’s und dem Stockhausen schen Corps dahin aufzubrechen. Man traf indeß den Feind nicht mehr an dem genannten Orte an, verfolgte aber seine Spur und

stieß bei der Siebertsmühle ohnweitHosenfeld auf eine Abtheilung von 90 M. Infanterie und etwa 60Pferden, welche jenes Regi ment, zur Deckung seines Rückzuges nach Weidenau, zurückgelaffen

hatte. Ohne Säumen erfolgte trotz des durchschnittenen Terrains der Angriff des Erbprinzen, wobei 5 Offiziere nebst 30 Husaren sowie die ganze feindliche Infanterie gefangen

genommen

wurden,

während der Verlust des Erbprinzen nur in 2 verwundeten Hu faren und einigen erschossenen und verwundeten Pferden bestand. Die Concentration der französischen Armee bei Grünberg, vom 19. bis zum 22. Juni.

Während so der Erbprinz die Gegend von Fulda von dem Feinde säuberte, bereitete, behufs des Angriffes auf die Stellung der Alliierten hinter der Ohm, sich ein Zusammenziehen der fran zösischen Streitkräfte, einerseits zwischen Butzbach und Hungen und anderenseits in der Gegend von Blankenau (2M.w.Fulda) und Lauterbach vor. Zwischen den beiden ersteren Orten stand am 19, Juni die Armee unter den unmittelbaren Befehlen Broglio"s ver jammelt, während Graf Guerchy, welcher zeither bei Hachenburg gestanden, den Befehl erhalten hatte, über Weilburg und Wetzlar nach Münchholzhausen (1 M. -w. Gießen) zu marschieren. Ebenso sollte auch der in Siegburg stehende Graf Chabo, nachdem er, zur Täuschung des Feindes bezüglich der von Broglio

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zu nehmenden Marschrichtung, zwei Märsche gegen die obere

Wipper ausgeführt, sich über Hachenburg nach Mengersfirchen wenden und von hier aus Turpin mit dessen Husaren nach Driedorf, und einen Theil des Regts. der Freiwilligen von Cler mont unter Normann nach Hohensolms detachiren. Die Cav Brig. Orleans marschierte dagegen am 20. Juni unter Ritter Nanclas nach Limburg zum Schutze der dortigen Magazine.

Gleiche Anordnungen zum Zusammenziehen der Streitkräfte nach der französischen Hauptarmee hin fanden auch, wie bereits oben angedeutet wurde, bei den in der rechten Flanke derselben stehenden Truppen (Reserve) unter dem Grafen von der Lausitz ihre Ausführung. Dieser machte aus dem Hanauischen und Ful daischen demgemäß eine Schwenkung links, stand gegen den 20.Juni bei Ober- und Nieder-Moos und erreichte am 22.Juni Merlau. Ueberblicken wir nun die Stellungen der Armee Broglio"s und

deren Flankenkorps, wie sich solche am 22. Juni darstellen, so fehen wir die erstere in dem Lager bei Grünberg, woselbst sich auch das Hauptquartier Herzog Broglios befand. In Altenhain fand dagegen die Avantgarde unter Blaisel als Seitendeckung

zur Rechten; in Weitershain eine Division unter Prinz Robecq als Avantgarde des Centrums der Armee. Zu dieser Division

gehörte die zu Niederohmen stehende königliche Legion; ebenso waren die bei Bernsfeld aufgestellten Freiwilligen von de Vair an die Befehle Robecq’s gewiesen. Ferner hatten die Grenadiere und Jäger der Armee ihre

Stellung bei Stangenrod (Altenhain, 11, M. ö.; Weitershain, 1 M. n.; Niederohmen, 1 M. n.ö.; Stangenrod, "g M. n. v. Grünberg); GrafMelfort aber wurde mit 1200 M.gegen Hom berg an der Ohm vorgesendet, um das dortige Terrain zu recog nosciren und zugleich die Arbeiten des Generalstabes behufs des Vormarsches der Colonnen in dieser Richtung zu decken. Von

den Flankenkorps standen am 22. Juni Guerchy in Münchholz hausen und Graf Chabo in Mengerskirchen. Renouard Gesch. II. Bd.

2S

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Die Verstärkungen General Imhof’s zur Vertheidigung der Ohm. Marsch des Erbprinzen von Schlitz in die Gegend von Homberg an der Ohm, vom 23. bis zum 24. Juni.

Die feindlichen Bewegungen veranlaßten Herzog Ferdinand, den General Imhof und den Erbprinzen auf die nahende Gefahr aufmerksam zu machen, und ersterem den gemessenen Befehl zu ertheilen, sich mit dem Erbprinzen und dem General Waldgrave bei Homberg an der Ohm zu vereinigen und diesen vortheilhaften Posten zu besetzen. General Waldgrave sowie General Griffin marschierten zu dem Ende am 23. Juni gegen 5 Uhr Morgens

mit den ohnlängst aus England gekommenen 6 Bat., die zeither bei Fritzlar auf der Höhe von Uttershausen (1 M. f-ö. v. Fritzlar) gelagert hatten, – nachFrielendorf ab. Dahin war indeß schon einige Stunden früher auch Oberstlieutenant Beckwith mit 2 englischen und 1 hessischen Gren.-Bat. (Buttlar) sowie den Bergschotten dirigiert worden, um nach Umständen Imhof und den Erbprinzen zu verstärken.

Gleichzeitig mit Beckwith

gingen auch nach Frielendorf die zur Absteckung eines Lagers für die Armee nöthigen Mannschaften ab.

In Ausführung des ihm gegebenen Befehles setzte sich der Erbprinz am 23. Juni – dem Tage, an welchem um 6Uhr Abends die französische Armee in 5 Colonnen gegen die Ohm

(Gontershausen) aufbrach – Morgens 3 Uhr in 2 Colonnen in Marsch von Schlitz nach Maar (Gontershausen, 2 M. n. v. Grünberg; Maar, beinahe 2 M. w. v. Schlitz); eine Abtheilung von 300 M. sowie das Corps unter Oberst Freytag blieben jedoch in Hersfeld resp. in der dortigen Gegend und Vacha zurück. Die leichten Truppen bildeten wie gewöhnlich die Avantgarde, mit welcher der Erbprinz vorauseilend das Husaren-Regiment Berchiny bei Zeilbach gerade zu der Zeit überfiel, als dasselbe mit Fourragieren beschäftigt war.

Der Oberstlieutenant, der

Major des Regiments und 3Offiz. nebst 53 M.wurden gefangen genommen und nahe an 200 Pferde erbeutet. Oberst Grand



435 –

Maison kam indeß mit dem Regimente der Freiwilligen von Hennegau noch rechtzeitig herbei, um Berchiny von dem völligen Untergange zu retten. Bei dem hartnäckigen aber kurz dauernden

Gefechte, das nun erfolgte, verlor der Erbprinz an 20 M., theils todt, theils gefangen oder vermißt.

Schon um4Uhr Nachmittags war das Corps desselben von Maar nach Romrod aufgebrochen, während die Bagage nach Ziegenhain gesendet wurde. Um 12 Uhr in der Nacht vom 23. zum 24. Juni traf der Erbprinz bei Romrod ein, marschierte aber

um 4 Uhr Morgens nach Maulbach (1/ M. ö. v. Homberg an der Ohm), von wo sich das Corps nach Kirtorf wendete und mit seinen leichten Truppen die nördlich und nordöstlich von Homberg gelegenen Höhen besetzte. Die Stellung an der Ohm.

Bevor wir dem Gange der Ereigniffe folgen, welche sich an das Aufgeben der für die Vertheidigung des Eintrittes in Hessen so wichtigen Stellung hinter der Ohm knüpften, möge diese selbst

etwas näher betrachtet werden. Die Ohm, ein Nebenfluß links der Lahn, gehört, abgesehen von ihrer Quellengegend, theils dem Flachgebirgslande theils der Ebene an. Am Vogelsberg in der Nähe von Ulrichstein entspringend, wendet sich die Ohm, nach kurzem Laufe, nordwärts und wird dabei bis zu dem steil an

strebenden Berge der Amöneburg von niedrigen Höhenzügen be gleitet, welche ziemlich flach gegen beide Ufer hin abfallen. Schon 2 Meilen oberhalb Amöneburg wendet sich der Fluß nach Nord westen und nimmt nach mannigfachen Krümmungen erst bei dem

Dorfe Anzefahr eine entschieden westliche Richtung, beinahe bis zu einer Mündung in die Lahn bei dem Dorfe Cölbe (Anzefahr, 2, M. n.-w.; Cölbe, 11% M.w.v.Kirchhain), an. BeiAmöne burg tritt der Fluß zwischen diesem sehr steil zum linken Ufer

abfallenden Basaltkegel und der allmälig sich gegen das rechte Ufer hin verflachenden Höhe des Brücker-Waldes in die Ebene. 28*

– 436 –

Dieselbe oder das Thal der Ohm wechselt, von allmälig ansteigen

den Höhen begrenzt, bis 1% Meile westlich von dem Dorfe Anze fahr in einer Breite von 1% bis " Meilen, verengt sich dann zwischen den steilen und bewaldeten Höhen des Nebel- und Dingel berges bis auf etwa 400 Schritte, erweitert sich hierauf bis zu 1% Meile zwischen den südlichen flachen Abfällen des Burgwaldes und den nördlichen zum Theil sehr schroffen Hängen des Lahn berges, und geht endlich, abermals sich verengend und zum Theil

von Felswänden dieser Höhen eingeschlossen, in einem gegen Süden hin gewendeten Bogen zum Lahnthale über.

Die Ohm hat von Amöneburg an bis zu ihrer Mündung eine durchschnittliche Breite von 20–30Schritten, ist zwischen 2

bis 6“ tief und fließt durch reich bewässertes Wiesenland, welches an manchen Stellen, namentlich nach Regengüssen, umgangbar wird.

Hauptübergänge befinden sich von der Mündung an, also von Westen nach Osten resp. nach Südosten und Süden gerechnet: – bei Bürgeln, Anzefahr, Schönbach, Kirchhain, Brücker-Mühle (Bürgeln, 1 M., Schönbach, 2, M. n-w.; Brücker-Mühle, 1. M. f. v. Kirchhain), Schweinsberg und Homberg. Die vier letzteren Uebergänge erhielten durch die Operationen Broglio's eine besondere Bedeutsamkeit und boten durch die Beschaffenheit ihrer Umgebungen dem Vertheidiger nicht unbedeutende Vortheile dar, während im Allgemeinen der Angreifer die ganze Stellung

hinter der Ohm nicht zu umgehen vermochte, ohne selbst seine Rückzugslinie Preis zu geben.

Die Aufstellung in der Nähe des Ueberganges bei Kirchhain, deren rechte Flanke durch das tief eingeschnittene und zum großen Theile bewaldete Thal der Wohra (Zufluß rechts der Ohm) ge deckt wurde, während der auf und bei Amöneburg stehende Posten so wie die Stellung am Kleinbache (Zufluß rechts der Ohm) den Uebergang bei der am südöstlichen Fuße dieses Berges gelegenen Brücker-Mühle sehr entschieden streitig zu machen vermochten, – hatte nächstdem noch die Vortheile günstiger Geschützaufstellungen,

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überallhin freie Communicationen für alle Waffen und sichere Gemeinschaft der Rückzugslinie. Die westlich von Kirchhain rechts und dicht an der Ohm gelegenen Dörfer Niederwald (50Minut.

w. v.Kirchhain), Anzefahr und Bürgeln konnten, selbstbei mäßiger Besetzung, die Beobachtung des Feindes ungemein fördern und im Falle eines Ueberganges desselben bei Bürgeln, – was jedoch, wie bereits oben angedeutet wurde, nicht wahrscheinlich war– auf dem in ihrer Nähe gelegenen Terrain treffliche Aufstellungen, namentlich für die leichten Truppen, bieten.

Beinahe gleiche Vortheile, wie die vorgenannten, fanden sich für den Vertheidiger an den südöstlich von Amöneburg gelegenen Punkten des rechten Ohmufers, wo insbesondere die Orte

Schweinsberg und Homberg die linke Flanke des bei Kirchhain aufgestellten Corps deckten und die dort so wie bei den Dörfern Ober- und Nieder-Ofleiden (11%, resp. 1 M. f-ö. v. Kirchhain) gelegenen Uebergänge sicherten. Homberg verdiente indes durch seine Lage auf einem zum Theile steil ansteigenden Berge, dessen jüdlicher und westlicher Fuß in einem weiten Bogen von der hier mit mehreren Brücken versehenen Ohm umfloffen werden, – eine besondere Beachtung. Nächstdem boten die jenseits dieser Brücken ziemlich dicht an der Ohm" beginnenden Waldstrecken den leichten Truppen eine treffliche Gelegenheit zur Wirksamkeit, wäh rend rechts der Ohm, und zwar südlich von Homberg, ebenwohl einzelne Waldstrecken sich ausdehnten und der sanft ansteigende, mehrfach mit parallelen Schluchten von Westen nach Osten durch schnittene Boden nicht nur der Infanterie, sondern auch der Cavalerie und Artillerie, vermöge der nach allen Richtungen hin führenden Wege, einen angemessenen Raum zu Bewegungen ge währte. Die Fortschritte Broglio"s links der Ohm am 23. und 24. Juni.

Kehren wir nun zunächst zu dem Erbprinzen zurück. Der selbe hatte, am 24. Juni gegen 7Uhr Vormittags, in der Rich

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tung von Kirtorf die nördlich von Homberg gelegene Höhe ge wonnen und diese mit seinen leichten Truppen besetzt. General Imhof war indeß nicht zur befohlenen Vereinigung erschienen und stand noch wie früher bei Langenstein (50 Min. n.-ö. v. Kirch hain), während General Waldgrave zu der oben genannten Zeit mit der Spitze seiner Abtheilung in der Nähe von Allendorf ein traf, Oberstlieutenant Beckwith aber vorerst zwischen Todenhausen

und Spieskappel zur Deckung des künftigen Hauptquartiers Frie lendorf Stellung genommen hatte (Todenhausen 2%. M., Spies kappel 2, M. f. v. Fritzlar). Wir haben oben die französische Armee unter Broglio am 23. Juni Abends 6 Uhr gegen Gontershausen (14 M.f.Kirchhain) aufbrechen sehen; ihr voraus gingen um 4 Uhr Nachmittags die Avantgarden, die leichten Truppen, die Grenadiere undJäger, um den Ausgang der Debouscheen der Wälder zu gewinnen, welche

erstere in die Gegend von Homberg und Amöneburg führen. Am 23. Juni um 1 Uhr Morgens traf Broglio für seine Person in Gontershausen ein und schon mitTagesanbruch besetzten die leichten Truppen die Höhen links der Ohm, während man sich anschickte, mit der königlichen Legion das DorfOber-Ofleiden

anzugreifen. Kurze Zeit darauf erfolgte dieser Angriff, wobei die in dem festen Schloffe Homberg unter Capitain Diepenbroick stehende Besatzung ihre Geschütze auf den Feind spielen ließ. Ober Ofleiden wurde indeß ohne Verlust von den Franzosen genommen; die Armee unter Broglio aber nahm etwa zu derselben Zeit Stel

lung links der Ohm zwischen Homberg und Amöneburg, als der Erbprinz seine leichten Truppen auf der nördlich von dem ersteren

Orte gelegenen Höhe entwickelte. Was die Stellung der früher detachirten Corps c. der

französischen Armee anbelangt, so stand der Graf von der Lausitz bereits am Morgen des 24. Juni in gleicher Höhe mit der Armee bei Homberg; Graf Guerchy befand sich dagegen an dem selben Tage im beschleunigten Anmarsche von Ebsdorf her; die

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Artillerie und die Pontons aber trafen zum Theil erst gegen Mittag, in voller Zahl gegen 4 Uhr Nachmittags, bei der Armee ein.

Die Nähe derselben, welche den Erbprinzen ein Abschneiden von dem Imhofschen Corps besorgen ließ"), dann aber auch die Aufforderung Imhofs selbst, die Höhen von Homberg aufzugeben und sich mit ihm beiKirchhain zu vereinigen *), veranlaßten nach einem kurze Zeit dauernden Blänkergefechte der leichten Truppen mit denen der Franzosen, – den Abmarsch nach Allendorf

Capitain Diepenbroick erhielt indeß vorher den Befehl, Homberg zu verlaffen, nachdem er die Magazine und Laffeten vernichtet haben würde, dann sich aber nach Neustadt zurückzuziehen. Mit Ausnahme des Verlustes einiger Wagen der Bagage, welche bei Kirtorf den feindlichen leichten Truppen in die Hände fielen, ging diese Bewegung glücklich von Statten, wobei eine Abtheilung leichter Truppen in Niederklein zur Beobachtung des Feindes stehen blieb (Niederklein 1 M. f-ö. Kirchhain). General Waldgrave stand, zur Zeit der Ankunft des Erb

prinzen bei Allendorf, bereits mit einem Theile seiner Abtheilung daselbst; letzterer aber nahm nunmehr Stellung zwischen diesem Orte und Langenstein, an welches sich der linke Flügel Imhofs lehnte. Aufbruch der alliierten Armee aus dem Lager bei Fritzlar gegen die Ohm, am 24. Juni 2c.

Herzog Ferdinand hatte die Zeit des Lagerns der Haupt armee bei Fritzlar zur Uebung derselben und zur Handhabung einer strengen Disciplin trefflich benutzt ); auch wurde der Lager 1) Das Tagebuch des Generals v. Gila, geführt von dessen Sohn und Adjutanten. 2) v. d. Knesebeck 2. B, S. 75.

3) Durch die häufigen Desertionen sah sich der Herzog veranlaßt, dieser halb sehr strenge Befehle zu erlaffen. So sollten die Deserteure ohne alle Gnade mit dem Strange bestraft werden, wobei ausdrücklich die Vorbereitung

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dienst sehr pünktlich betrieben, so daß die neu zugegangenen Mann schaften in allen Beziehungen als ziemlich ausgebildet betrachtet werden konnten.

Die Nachrichten über die feindlichen Bewegungen, welche die Detachirung des Generals Waldgrave und des Oberstlieutenants

Beckwith veranlaßt hatten, so wie die Absicht, auch, ohne die wei teren Verstärkungen abzuwarten, dem Feinde die Möglichkeit zu

benehmen, Terrain zu gewinnen, bestimmten den Herzog, am 24. Juni Morgens 2 Uhr mit der Armee nach Frielendorf auf

zubrechen. Der Marsch dahin fand in 6 Colonnen statt; die Ankunft aber daselbst erfolgte um 9 Uhr Vormittags in der Lagerstellung zwischen Dillich (1), M. n-w. Frielendorf) und dem nordöstlich von Frielendorf gelegenen Vernaischen Holze. Schon am Morgen des genannten Tages, d. h. während des Marsches, erhielt Ferdinand ein Schreiben Imhofs, worin ihm

derselbe meldete, daß er seine Maßregeln getroffen habe, um die (uns bekannten) Befehle des Herzogs auszuführen; auch daß er sich persönlich nach Homberg begeben werde, um sich mit dem Erbprinzen über Alles zu verständigen ). Diese Mittheilungen des Generals waren ganz geeignet, bei dem Herzoge die Ueberzeugung hervorzurufen, daß die Vertheidigung der wichtigen Stellung hinter der Ohm mit allem Erfolge statt finden würde. Um sich übrigens eine noch weitere Bürgschaft

betreffs desselben zu bieten, ließ Ferdinand schon um 4 Uhr Nach mittags am 24. Juni die Armee nach Neustadt aufbrechen, nach dem er vordem fein Hauptquartier nicht in Frielendorf, sondern in Ziegenhain genommen hatte. Verlaffen wir nun die alliierte Armee auf ihrem Marsche und wenden uns dagegen wieder nach der Ohm. zum Tode verboten wurde. Die Bauern der Umgegend bekamen übrigens die Ermächtigung, die Deserteure zu arretiren und hatten für jeden derselben, welchen sie einlieferten, 10 Rthlr. in Anspruch zu nehmen. 1) S. v. d. Knesebeck ac. 2. B, S. 75: Brief Herzog Ferdinand's an Lord Holderneffe, datiert aus Dittershausen, am 29. Juni 1760.



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Uebergang der französischen Armee über die Ohm, vom 24. bis zum 25. Juni.

Die Nachrichten, welche Broglio bereits über die von Herzog Ferdinand vorgeschobenen Abtheilungen des Generals Waldgrave

und des Oberstlieutenants Beckwith bekommen hatte, beschleunigten sehr den am 24. Juni gegen Mittag begonnenen Bau dreier Brücken über die Ohm behufs des Ueberganges der französischen Armee. Gleichzeitig wurde Prinz Robecq befehligt, unter Vor aussendung einer von dem Regt. Royal-Nassau unterstützten Avantgarde unter de Vair sich der Höhen bei Homberg zu be mächtigen. Diese Aufgabe wurde natürlich ohne irgend einen Widerstand zu finden gelöst, da bekanntlich um jene Zeit nicht nur der Erbprinz bereits bei Allendorf stand, sondern auch das

Schloß von Homberg durch Capitain Diepenbroick schon verlaffen worden war.

Die leichten französischen Truppen, in deren Händen sich be reits Ober-Ofleiden befand, waren inzwischen gegen Niederklein vorgedrungen und deuteten somit die Absicht Broglio"s an, den

General Imhof bei Kirchhain einzuschließen. Dieses Vorhaben sah der französische Feldherr indeß durch die Vereinigung des Erbprinzen mit Imhof so wie durch die heranziehende Armee Ferdinands vereitelt; dagegen war aber Imhof leider veranlaßt worden, die AbtheilungLuckner's von Amöneburg an sich zuziehen,

nachdem um 7 Uhr Abends der Uebergang der Armee Broglios über die Ohm begonnen hatte. Es war 9 Uhr Abends, als die in Niederklein von dem Erbprinzenzurückgelassene Abtheilung leichter

Truppen angegriffen und zum Rückzuge in den benachbarten Wald genöthigt wurde. Die sofort von dem Erbprinzen vorgesendeten 3 hessischen Gren-Bat. nebst 3 Zehnpfündern nahmen indeß das Gefecht wieder auf, welches mit einer mehrere Stunden dauernden Kanonade gegen das bei Niederklein aufgestellte feindliche Corps, so wie mit dem Rückzuge der Grenadierbataillone in den Wald resp. in das Lager des Erbprinzen am 25. Juni Morgens endigte.

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Bis dahin hatte die Armee Broglios, mit Ausnahme des Corps unter dem Grafen von der Lausitz, das rechte Ufer der Ohm ge wonnen und sich zwischen Niederklein und Dannerod aufgestellt. Das Défilé bei Lehrbach an dem Kleinbache war durch die Grenadiere und Jäger unter dem Prinzen Condé besetzt, während die Avantgarden und die leichten Truppen die Front der Armee deckten.

Ankunft der alliierten Armee bei Neustadt am 25. Juni.

Vorbereitungen Ferdinand’s zum Empfange des Feindes.

Der Nachtmarsch der alliierten Armee nach Neustadt vom 24. zum 25. Juni war ein sehr beschwerlicher und eudigte erst mit Anbruch des Tages in dem zwischen Neustadt und Allendorf aufgeschlagenen Lager. Hier war es, wo zu derselben Zeit Herzog Ferdinand die Nachricht erhielt, daß General Imhof, statt mit seinen 10.000 M. nach Homberg zu marschieren, den General Waldgrave an sich gezogen und auch den Erbprinzen bewogen habe, die Höhen von Homberg aufzugeben und ebenwohl sich mit Imhof bei Kirchhain zu vereinigen ). Ebenso erfuhr auchFerdi nand die Zurückziehung Luckner's von Amöneburg, – ein Fehler, den Broglio, wie uns bekannt, bereits trefflich benutzt hatte und von dessen Folgen sich Ferdinand bei seiner vor anbrechender

Morgenröthe vorgenommenen Recognoscierung genügend überzeugen konnte, da der Feind bereits alle Höhen und sämmtliche Debou fcheen besetzt hatte, welche der Herzog bei seinem beabsichtigten Marsche gegen Homberg hätte passieren müssen. Unter solchen Umständen war die Lage Ferdinand’s eine um so schwierigere, als er einem 119 Bat. und 116Esc. starken Feinde gegenüber stand,

welcher außerdem eine zahlreiche Artillerie besaß. Ein Rückzug mußte daher als geboten erscheinen; dieser ließ aber wegen des stark durchschnittenen Terrains und des Flachlandes, welches sich 1) S. v. d. Knesebeck e. 2. B, S. 75 und 78.

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bis Ziegenhain erstreckt, viele Gefahren voraussehen, zumal da die Armee des Herzogs damals noch etwas schwach an Cavalerie war. Die Stellung der Armee Ferdinand's bot keineswegs alle diejenigen Vortheile, welche mit einer Defensivstellung in der Regel verbunden sein müssen. Namentlich wurde der linke Flügel von

den südlich von Neustadt gelegenen Höhen beherrscht; vor der ganzen Front der Armee dehnten sich Wälder aus, unter deren

Schutz sich der Feind bis beinahe aufKanonenschußweite zu näheren vermochte, und endlich bot der rechte Flügel nicht nur dem bei

Niederklein stehenden feindlichen linken Flügel beinahe die Flanke sondern konnte auch von Allendorf her mit Erfolg angegriffen werden, indem ein nicht unbeträchtlicher Raum zwischen dem Corps Imhofs und der Armee unbesetzt war. Um diesen Nachtheilen zu entgehen, wurde der Erbprinz am 25. Juni Nachmittags mit 14 Bat., 10 Esc. Cavalerie, 7 Esc.

Husaren, 12 12Pfdr. und 6Pfdr. zur Deckung der linken Flanke nach Gleimenhain (1), M. ö. Kirchhain) detachirt; die Armee aber erhielt um 4 Uhr Nachmittags den Befehl: – um 8 Uhr Abends auf den dritten Signalschuß ihren Vormarsch gegen die

Höhen von Allendorf anzutreten, um hier den etwaigen Angriff des Feindes abzuwarten. Broglio, erst am Abende des 25. Juni oon der Ankunft Ferdinand’s bei Neustadt unterrichtet, war inzwischen nicht unthätig

geblieben, indem er um 10 Uhr Vormittags den auf dem linken Ohmufer zurückgebliebenen Grafen von der Lausitz nach Kirtorf zur Bedrohung der linken Flanke Imhofs detachirte. Von diesem Corps zeigten sich bereits gegen 5 Uhr Nachmittags einige Cava lerie-Abtheilungen bei dem Dorfe Wahlen, stießen hier auf die von dem Erbprinzen vorgeschobenen Husaren von Malakowsky und das Trümbach'sche Corps und charmuzierten mit denselben bis in die Nacht hinein, während Graf Lausitz mit seinem Corps bereits um 7 Uhr Abends bei Kirtorf Stellung genommen hatte. Bei jenem andauernden Gefechte bildeten übrigens 3 hessische Gren.-

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Bat. nebst einer Esc. hinter der Höhe von Wahlen die Unter stützung. Rückzug der alliierten Armee in die Stellung zwischen Treyfa und Ziegenhain, vom 25. bis 26. Juni.

Die Bewegung des 18- bis 20.000 M. starken Grafen gegen Kirtorf ließ Ferdinand erwarten, daß Broglio noch an dem

nämlichen Abende seinen Hauptangriff beginnen würde; – also Veranlassungfür die Alliierten genug, den anbefohlenen, zum großen

Theil durch Wälder führenden Vormarsch gegen Allendorf zu unterlaffen, dagegen aber den Rückzug über Neustadt nach Ziegen hain anzutreten. Noch in der Nacht vom 25. zum 26. Juni, d. h. unmittelbar nach 8 Uhr Abends, erfolgte derselbe und

setzte sich, in Folge der damals noch sehr unwegsamen Gegend, mit großen Beschwerden bis zum 26. Juni 6 Uhr Morgens in die Stellung zwischen Treysa und Ziegenhain rechts der Schwalm fort. Bei diesem Rückzuge bildete der Erbprinz die Arrièregarde

des linken Flügels der Armee, Luckner die des rechten und General Mansberg mit 6 Bat. und 6 Esc. die des Centrums. General Imhof gab in Folge des Unwillens, welchen Herzog Ferdinand ihm wegen des Aufgebens der Stellung hinter der Ohm zeigte, späterhin den Befehl eines Corps an General Kielmansegge ab, hatte aber die Weisung, den Rückzug von Kirchhain nach Seb beterode (11% M. n.-w. Ziegenhain) zu nehmen, wo er sich am 26. Juni mit dem aus Westfalen eintreffenden Corps des Prinzen von Anhalt bis zu der Stärke von 17 Bat. und 10 Esc. und den braunschweigischen Jägern vereinigte ) und den rechten Flügel der Armee deckte.

Der Erbprinz nahm seinen Weg über Wasenberg, wohin ihm die leichten Truppen des Feindes folgten, und stellte sich bei Obergrenzebach (1), M. n.-ö. Ziegenhain) auf, wo 1) S. „Vorgänge in Westfalen zwischen den Generalen St. Germain und Spörken“ c.

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selbst er den linken Flügel der Armee deckte und zugleich durch feine leichten Truppen die nach Alsfeld und Hersfeld führenden

Wege beobachten ließ. Luckner besetzte dagegen die Höhen bei Treysa und beobachtete die feindlichen Bewegungen bei Neustadt und Marburg; General Mansberg aber stieß mit seiner Abtheilung wieder zur Armee. Beharren Broglio"s in der Stellung zwischen Niederklein

und Dannerod, am 26. Juni. Die Capitulation von Mar burg am 30. Juni.

Wie bereits oben bemerkt wurde, so erfuhr Marschall Brog lio erst am Abende des 25. Juni die Ankunft Ferdinand's bei Neustadt; zugleich aber lief bei dem ersteren die Nachricht ein, daß man alliierter Seits Anordnungen zu einem Angriffe träfe, welcher am nächsten Morgen stattfinden sollte. Broglio zog nun

schleunigst eine jämmtlichen Streitkräfte in der früher angegebe nen Stellung zusammen und war am 26. Juni mit Anbruch des Tages zum Empfange Ferdinands bereit, als er den Rück zug desselben erfuhr, worauf die bereits in Schlachtordnung auf gestellten Truppen wieder ihr Lager bezogen. Gegen Mittaggingen dagegen zur Verfolgung der Alliierten die Avantgarden unter Prinz

Robecq und Baron Blaisel nach Neustadt vor und lagerten hier vereint in der Nacht vom 26. zum 27. Juni, während ein Glei ches bei den in der Nähe von Erksdorf stehenden Freiwilligen der

Dauphiné stattfand. Der Rückzug der alliierten Armee hatte jede Verbindung mit

Marburg aufgehoben und der Feind äumte nicht, sich diesen Vor theil zu Nutze zu machen. In dem dortigen Schloffe stand eine Besatzung von 350 M. unter dem braunschweigischen Major von Puffendorf). Graf Chabo, den wir am 22.Juni in Mengers kirchen verließen, berannte am 25. Juni mit 9 Bataillonen jenes 1) Unter dieser Mannschaft befanden sich an Heffen: – der Capitain Kitzel, Lieutenant Wilmofsky, 3 Unteroffiz, 1 Tamb. und 50 Gem.

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Schloß und erhielt 4 Tage später 2 Bat. des Regts. Bouillon als Verstärknng, denen am 30. Juni die Mörser zur Belage rung des Schloffes folgten. Dieselbe war von keiner Dauer, oder kam vielmehr gar nicht zu Stande, indem nach etwa 14 Bombenwürfen der Commandant kapitulierte und mit der Be

satzung kriegsgefangen wurde, wobei derselben jedoch das Gepäck verblieb. In dem Schloffe fand Chabo noch bedeutende Vorräthe an Lebensmitteln und sonstigen Kriegsbedürfniffen, namentlichauch 18 Geschütze. Beinahe unmittelbar nach der Uebergabe des Schloffes fand die Auswechselung der Besatzung statt, denn schon

am 2. Juli traf dieselbe in dem Lager zwischen Treysa und Zie genhain ein. "). Betrachtungen über die Operationen der alliierten und der französischen Armee, vom 19. bis zum 26. Juni, namentlich über die Ereigniffe an der Ohm.

Die Aufgabe, welche sich Herzog Ferdinand, in Folge der Stellung seiner Gegner, für den Feldzug 1760 stellte, mußte eine Zersplitterung der im Verhältniß zur Stärke der französischen Armee nur mäßigen Streitkräfte der Alliierten um so nachtheiliger

erscheinen lassen, als weite Räume zwischen den beiden Theilen der Armee Ferdinand’s lagen und schlechte Wege sowie mannig

faltig durchschnittenes und waldbedecktes Terrain einer Concentri rung resp. Vereinigung jener Streitkräfte bedeutende Schwierig

keiten bereiteten. Eine Vertheilung dieser Kräfte wurde indeß jetzt, wie früherhin, durch den unmittelbaren Schutz geboten, auf welchen Hannover und Heffen mit vollem Rechte Anspruch zu machen hatten; sie wurde ferner geboten durch die Verhältniffe auf dem benachbarten östlichen Kriegstheater, und endlich fand sie ihre Begründung in den Verpflegungsverhältniffen. 1) Major Puffendorf und Capitain Ebener erhielten auf Befehl des Herzogs Ferdinand Arrest. Nach v. d. Knesebeck e. 2. B., S. 80 übergab der Major „ohne die geringste Nothwendigkeit und ebe noch die Batterien zu feuern begonnen“ feinen Posten.

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Die französische Armee stand dagegen im offenbaren Vor theile zu der der Alliierten. Ihre überwiegende Stärke erlaubte nicht nur eine Vertheilung ihrer Maffen unbeschadet eines energ schen Vorgehens dieser oder jener Armeeabtheilung, sondern fand auch in ihrer soliden Basirung am Main und Rhein immer ge nügende Mittel, das Fehlende zu ergänzen. Fanden nun demun geachtet bedeutsame Mängel statt, so lag dies insbesondere an der durch die zerrütteten Finanzen Frankreichs beförderten Saumselig keit der französischen Regierung und an der schlechten Bewirth schaftung der Vorräthe in einer Richtung, welche von der Natur der politischen Verhältnisse beider Gegner als die des Angriffes bezeichnet wurde.

Diese Richtung sprach sich zunächst in den Stellungen der französischen Armee nördlich des Mains aus und gab die Ver

anlassung zu der Concentration des größten Theiles der alliierten Streitkräfte in Hessen. Das zu diesem Zwecke bei Fritzlar auf geschlagene Lager, obwohl es, wie kein anderes in diesem ganzen Kriege, das Gepräge eines Luftlagers trug'), gewährte ferner durch seine Lage eine reichliche Verpflegung der Truppen, ein

Ordnen der dahin einschlagenden Verhältniffe für den kommenden Feldzug und eine Vorbereitung zu demselben in taktischer und dis

ciplinarer Hinsicht. Wenn HerzogFerdinand in diesen Beziehungen eine gewohnte gründliche Fürsorge betreffs der zu erhaltenden Tüchtigkeit seiner

Armee bethätigte, so richteten sich dagegen die Blicke dieses Feld herrn auch nach jenen Punkten resp. Gegenden, von woher der

Angriff Broglio"s zu erwarten war, nämlich nach der Ohm und nach der Fulda.

Der Besitz beider Flüsse verbürgte ihm den

Besitz Heffens und in weiterer Beziehung auch den Hannovers. Die zu jenem Zwecke detachirten Corps der Generale Imhof und Gilsa bildeten gleichsam einen Schleier, hinter welchem die Vor 1) S. Mauvillons Geschichte Herzog Ferdinands, 2. B, S. 92.

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bereitungen Ferdinand’s stattfanden, während General Spörken in Westfalen den Rücken der alliierten Hauptarmee deckte, – beide

Haupttheile derselben aber (in Westfalen und Heffen) auf eine thatkräftige Defensive angewiesen waren. In der Natur einer solchen Defensive liegt es, rechtzeitig die Vertheidigung des bedroh ten Objectes zu unterstützen; – eine Anforderung, die wir durch die Detachirung des Erbprinzen in die Gegend von Hersfeld zu General Gilsa erfüllt sehen, die aber nicht ihre volle Geltung bei den schwierigen Verhältniffen fand, in welchen sich das etwa

10.000 M. starke Corps Imhofs der französischen Hauptarmee gegenüber sah. Nach den Bewegungen derselben, wie sie bereits vom 19. bis zum 22. Juni stattfanden und schon in der Nacht vom 22. zum

23. Juni dem Herzog Ferdinand bekannt wurden, war es beinahe unzweifelhaft, daß Broglio seinen Hauptangriff gegen die Ohm richten würde. Mit gleicher Gewißheit war vorauszusetzen, daß die Concentration der französischen Armee bei Grünberg auf den

demnächstigen Uebergang derselben über die Ohm bei Homberg deutete, indem von hier aus die linke Flanke Imhofs resp. dessen Rückzugslinie nach Neustadt bedroht werden konnte. Solche An zeichen einer drohenden Gefahr, die hier um so folgenreicher her vortreten mußte, als ein Ueberschreiten der Ohm von feindlicher

Seite zugleich das hessische Land auf weite Strecken hin preis geben sah, – vermochten zwar den Herzog, das Corps des Erb prinzen aus dem Fuldaichen und die Abtheilungen des Generals Waldgrave sowie des Oberstlieutenants Beckwith aus dem Lager bei Fritzlar zur Unterstützung Imhofs abgehen zu lassen; er selbst aber zauderte mit dem Abmarsche der gesammten Armee nach der Ohm um einen vollen Tag. Die Entfernung aus dem Lager

bei Fritzlar bis Homberg an der Ohm beträgt mindestens 8 deutsche Meilen, welche um so schwieriger mit einer bedeutenden Truppenmaffe zurückzulegen waren, als die schlechten Wege in

einem vielfach durchschnittenen und bedeckten Terrain nicht selten

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ungewöhnliche Hindernisse, zumal bei Nacht, boten. Einigen Be weis dafür giebt zunächst der am 24. Juni Morgens 2 Uhr be gonnene und um 9 Uhr Vormittags beendigte Vormarsch der alliierten Hauptarmee von Fritzlar gegen das etwas über 2 Meilen entfernte Frielendorf, wobei indeß nicht außer Rechnung bleiben darf, daß mehrere Colonnen die Edder und Schwalm durchwaten mußten ") und daß Herzog Ferdinand noch während jenes Mar sches beruhigende Nachrichten resp. Meldungen von Imhof empfing, die immerhin eine mindere Beschleunigung der Marschbewegung verursachen konnten.

Gaben nun auch diese Meldungen dem

Herzoge die Gewißheit, daß seine Befehle betreffs der Vereinigung Imhofs mit dem Erbprinzen und dem General Waldgrave bei Homberg c. in Ausführung gebracht werden würden, sofanddoch gerade das Gegentheil statt und jene Vereinigung, welche bei

Homberg den eigentlichen Brennpunkt ihrer Wirksamkeit finden 1) Die 1. Colonne (Cav.) südl. v. Geismar die Edder, sowie bei Kleinen Englis die Schwalm; die 6. Colonne (Cav) bei Niedermöllrich die (Fdder, bei der Harler Mühle die Schwalm.

Während die 1. Colonne

über Arnsbach, Trocken- und Naffenerfurth, die 2. Colonne dagegen über Unshausen, Hebel und Mühlbauten in das Lager bei Frielendorf marschierten, richteten dahin ihren Marsch: die 2. Colonne (Inf) mit 1 Brigade Artillerie über 2 Brücken bei Fritzlar, wovon eine neu geschlagen, Kalbsburg, Großen-Englis, die Schwalm ohn weit einer Mühle bei Arnsbach, Borken, Naffenerfurth, Stolzenbach; die 3. Colonne (Inf) mit 1 Brig. Artill. bei Fritzlar die Brücke, Zennern, Udenborn, über die Schwalm bei Gombet mittelst einer geschlagenen Brücke, dann über Marienrode und Stolzenbach; die 4. Colonne (Inf) mit einer Brig. Artill. über eine bei Cappel über die

Edder geschlagene Brücke, durch das Wabern'sche Feld, die Udenborner Haide nach Gombet, unterhalb dieses Ortes auf einer neu verfertigten Brücke über die Schwalm, den Gilferhof rechts laffend über die Singliser Haide, Leimbach, Freudenthal, Casdorf; die 5. Colonne (Inf) nebst der schweren Artill. bei Niedermöllrich über die dortige hölzerne Brücke, durch Wabern nach Uttershausen, über die dafige hölzerne Brücke durch das Lendorfer Feld, dann, diesen Ort links laffend, durch Mühlhausen und Casdorf ins Lager. Renouard Gesch. II. Bd.

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sollte, wurde nach einem Punkte (Kirchhain) verlegt, wo man nicht nur dem bei Homberg über die Ohm gehenden Feinde die linke Flanke bot, sondern demselben auch den freien Vormarsch gegen Neustadt gestattete. Bei der überwiegenden Stärke der französischen Armee konnte ein solcher Vormarsch, der die Trennung Imhofs und des Erbprinzen von der Armee Ferdinand's aller Wahrscheinlichkeit nach zur Folge gehabt haben würde, am frühen Morgen des 25. Juni, zu welcher Zeit Broglio bereits mit seiner Armee das rechte Ohmufer erreicht hatte, stattfinden. Ein ange meffen starkes Corps den beiden alliierten Generalen entgegen ge stellt, würde diese genugsam beschäftigt haben, während Broglio es versuchen konnte, seinen vom Nachtmarsche ermüdeten und um dieselbe Zeit in der ungünstigen Stellung beiNeustadt ankommen den Gegner anzugreifen und zu schlagen. Man wird nun unwillkürlich zu den Fragen gedrängt: „Wie war es möglich, daß General Imhof die Wichtigkeit des Punktes

Homberg außer Acht lassen und den bestimmten Befehlen des Herzogs entgegen handeln konnte? Warum zog Imhof die Ab theilung Luckner's von Amöneburg an sich? Warum bemerken wir an dem ersteren eine so auffallende Unthätigkeit, da doch schon

der Befehl Herzog Ferdinands, mit dem Erbprinzen sichbeiHom berg zu vereinigen und diesen Posten zu besetzen, – zugleich die Aufgabe in sich schließen mußte, den Franzosen den Uebergang über die Ohm nach Kräften zu wehren? Bei der Beantwortung dieser Fragen stoßen wir nur auf Vermuthungen, indem, außer den uns bekannten Befehlen des

Herzogs Ferdinand, der am Morgen des 24. Juni abgestatteten Meldung Imhofs und den verschiedenen Stadien im Vorgehen

Broglios, alle Haltpunkte fehlen, welche Licht über das Verhalten Imhofs verbreiten könnten. Wagen wir es nun immerhin, hier einige jener Vermuthungen zu äußern, so scheint es fast, als wenn dieser General seine Stellung bei Kirchhain resp. Langenstein, nachdem er die bekannte Meldung am 24. Juni Morgens

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dem nachFrielendorf vorrückenden Herzog hatte abstatten laffen– für die zweckmäßigste gehalten habe. Dieses etwaige Urtheil Imhofs steht freilich im Widerspruch mit der in jener Meldung enthaltenen Aeußerung: „die Maßregeln getroffen zu haben, um die Befehle des Herzogs auszuführen;“ – auf der anderen Seite aber dürfen wir nicht vergessen, daß am Morgen des 24. Juni, noch bevor man also auf französischer Seite die Anstalten zum Brückenbau bei Homberg begonnen und den Prinzen Robecq zur Besetzung der Höhen daselbst detachirt hatte, das Corps des Erb prinzen c. bereits schon in der Richtung von Kirchhain zu der ihm von Imhof befohlenen Vereinigung abmarschiert war. Aus dieser Sachlage geht offenbar hervor, daß Imhof erst längere Zeit nach der Absendung der mehrerwähnten Meldung sich ein Urtheil über das gebildet hatte, was er in der Stellung beiKirch

hain zu leisten gedachte, und daß er, auf die Gefahr hin, den bekannten Befehl Ferdinand’s nach den Umständen zu modificiren,

es umsomehr auf sich nahm, in der Stellung bei Kirchhain zu verbleiben, als zur Zeit des Abmarsches des Erbprinzen von

Homberg nach Kirchhain keinerlei Anzeichen auf einen Uebergang der französischen Armee über die Ohm bei Homberg deuteten. Bei diesem Calcul sehen wir natürlich ganz von der Möglichkeit ab, daß die Befehle Ferdinand’s etwa mit einer Namenverwechse lung der Orte Homberg und Kirchhain dem General Imhof zu kamen.

Eine solche Annahme, die indeß durch nichts sicher be

gründet erscheint, würde sofort das Räthel lösen; doch könnte dieselbe immerhin als Vermuthung auftreten, wenn wir uns des Wortlautes der Meldung Imhofs erinnern, nach welchem sich derselbe „persönlich nachHomberg begeben werde, um sich mit dem Erbprinzen über Alles zu verständigen.“ Diese Bemerkung des Generals muß, in Beziehung gesetzt zu dem ersten Theile der

Meldung, nämlich „die Maßregeln getroffen zu haben, um die Befehle des Herzogs auszuführen“,um so mehr auffallen, als die anbefohlene Vereinigung Imhofs mit dem Erbprinzen bei Hom 29

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berg zugleich auch wohl auf das Bestimmteste ein persönliches Erscheinen des ersteren daselbst voraussetzen läßt. Hier wäre also der zweite Theil der Meldung als etwas ganz Ueberflüssiges zu betrachten, wenn jene Befehle die Stadt Homberg als den Ver einigungspunkt bezeichnet hätten; woraus sich ebenso ergiebt, daß im gegentheiligen Falle die Worte „persönliches Erscheinen“ ein Verbleiben des Corps Imhofs in der Stellung beiKirchhain vor aussetzen lassen.

Nach unseren Angaben wurden die Befehle des Herzogs in der Meldnng Imhofs nicht wiederholt, – ein Fehler, der sich mit Rücksicht auf den militairischen Gebrauch und die zu ver meidenden Irrungen nicht entschuldigen läßt, der aber in unserem concreten Falle mindestens den Weg andeutet, welcher zur Ent

schuldigung Imhofs bezüglich seines Verbleibens bei Kirchhain führen möchte. Aus dem nur kurze Zeit dauernden Verweilen des Crbprinzen

bei Homberg erklärt sich übrigens, daß Imhof, welcher vielleicht dessen Ankunft nicht so bald erwartete, daselbst nicht persönlich erschien. In diesem Umstande, d. h. in dem kurzen Verweilen des Erbprinzen, erblicken wir einen Hauptfactor des Mißlingens einer angemessenen Vertheidigung der Ohmlinie; und die Schuld an dem übereilten Abmarsche des Erbprinzen nach Kirchhain fällt, nach den in der Relation angegebenen Ursachen, nicht nur auf

diesen selbst sondern auch auf Imhof. Wenn dieser es auch ver mochte, von Kirchhain aus irgend welchen bedrohten Punkten der Ohm mit verhältnißmäßig geringsten Zeitaufwande zuzueilen, in dem der Posten auf Amöneburg viele der feindlichen Bewegungen auf das Schnellste wahrnehmen konnte, – so erschien doch die Beobachtung der mehrfach dem Blicke dieses Postens entzogenen Gegend bei Homberg als etwas sehr Nothwendiges, dem nament lich der Erbprinz entsprechen konnte. Der Abzug Luckners von Amöneburg am 24. Juni nach 7 Uhr Abends (die Zeit, wo der Uebergang der französischen

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Armee über die Ohm begann) war ein großer Fehler, indem man dadurch aufhörte, die linke Flanke Broglio"s zu bedrohen, ferner einen Uebergang über den Fluß Preis gab und endlich dem Feinde

ein treffliches Mittel gewährte, sich über die Stärke, Stellung und Bewegungen der vereinigten alliierten Corps die untrüglichsten Aufschlüsse zu verschaffen. Unterrichtet, wie zu jener Zeit Imhof von der Absicht des Feindes sein mußte, glaubte der erstere vielleicht, die leichten Truppen Luckner's besser auf der rechten Ohmseite als auf Amöneburg gebrauchen zu können, wo freilich einige Stunden später mit einbrechender Nacht einige der oben genannten Vortheile nicht als fortwirkend betrachtet wer den konnten.

Wenden wir uns nun zu dem Verfahren HerzogFerdinands. Gewährte auch das Lager bei Fritzlar, wie wir oben ausführten,

sehr wesentliche Vortheile, so war doch die Entfernung desselben von der Ohm nicht vereinbar mit einer kräftigen Vertheidigung

dieses Flusses. General Imhof, auf dessen Widerstandsfähigkeit HerzogFerdinand wohlzu viel baute, konnte immerhin mit seinem über 20.000 M. starken Corps – und so stark war dasselbe nach der Vereinigung mit dem Erbprinzen und dem General Waldgrave – auf eine gewisse Zeit den feindlichen Absichten in

jener Richtung entgegentreten. Die bedeutende Stärke der fran zösischen Armee, wie sie sich bei der Concentration derselben in

der Nähe von Grünberg herausstellte, ließ indes voraussehen, daß es zweifelhaft war, ob General Imhof sich einen vollen Tag in seiner Stellung zu behaupten vermochte, wenn der Gegner einen möglichst raschen Uebergang über die Ohm beabsichtigte. Unter dem Einfluffe eines solchen Zweifels und bei dem Werthe der Ohmlinie für die Vertheidigung Hessens konnte oder vielmehr mußte der Aufbruch der alliierten Armee schon am Morgen des 23. Juni stattfinden. Die eventuellen Ergebnisse dieses früheren Aufbruches liegen sehr nahe und begründen die Annahme, daß

Heffen längere Zeit hindurch von den französischen Waffen ver

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schont geblieben wäre – wenn nicht Spörken in Westfalen viel leicht eine Niederlage erfahren hätte. Warum nun jener Aufbruch nicht früh genug stattfand,

darüber wurden verschiedene Behauptungen hörbar. Eine derselben jagte, daß Herzog Ferdinand gar nicht beabsichtigte, dem General Imhof zu Hülfe zu kommen; dagegen habe der erstere einen be sonderen Streich gegen die Franzosen ausführen wollen, während

Imhof, der Erbprinz und noch ein anderes Corps (Waldgrave) mit ihrer genügenden Stärke den Uebergang über die Ohm ver

wehrt hätten. Eine zweite Behauptung läugnete indeß das Vor stehende und schrieb den versäumten zeitigen Aufbruch desHerzogs derLuft zum Vergnügen zu, durchwelche die Thätigkeit Ferdinands dies einzigemal in dessen ganzen Leben – in Capua-Wabern ein

geschläfert worden sei"). Wir lassen es dahin gestellt sein, inwiefern diese Behauptungen ihre Begründung finden könnten, führen aber dagegen schließlich

an, daß der Herzog anfänglich die ganze Schuld der verunglückten Vertheidigung dem damaligen Major Bauer, General-Quartier meister der alliierten Armee, beimaß. Derselbe sollte durch falsche Rapporte über die Lage der Dinge, sowie durch ein irriges Urtheit

betreffs der Möglichkeit einer genügenden Vertheidigung der Ohm von Seiten Imhofs die Maßnahmen Ferdinand’s irre geleitet haben. Major Bauer, wenn auch auf einige Zeit von seinem Feldherrn beargwohnt, trat doch wieder in dessen volles Vertrauen;

General Imhof aber, welchem damals der Herzog keinen Vorwurf über das beobachtete Verhalten machte, verließ späterhin die Armee,

da er bei Gelegenheit, wo die Freunde Bauer's diesen auf Kosten des Generals zu entschuldigen suchten, in unbedachten Klagen aus brach und dadurch sich die Gunst des Herzogs verscherzte ). 1) S. Mauvillon's Geschichte Ferdinand’s, 2. B, S. 98. 2) S. Mauvillon 1c. 2. B, S. 96 und 97.

Bei dem Mißgeschicke, welches Imhof traf, erfreute sich derselbe doch fortwährend der Gunst seines Landesherrn, des regierenden Herzogs von

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Mit dem Aufgeben der Ohm, an welches sich nothwendig

der Rückzug in die nächste Stellung (hinter die Schwalm) knüpfte, zumal dem bei weitem stärkeren Feinde gegenüber,– büste Herzog Ferdinand eine Eventualität mehr ein, Heffen einen dauernden Schutz zu verleihen. Es läßt sich indes dabei nicht verkennen, daß auf diesem Rückzuge alle Anordnungen des Herzogs geeignet waren, sowohl die Sicherheit der Armee als auch die des Landes selbst auf möglichst weite Räume hin zu bewirken. Die drei Arrièregarden thaten hierbei die trefflichsten Dienste; auch sicherte General Kielmansegge durch eine Stellung bei Sebbeterode die große von Caffel nach Marburg führende Heerstraße und war fo mit zur nächsten Hand, um allen feindlichen Bewegungen in der rechten Flanke der alliierten Armee entgegen treten zu können. Broglio"s Concentriertein sicherte diesem dagegen augenblicklich eine jede Bewegung in dieser oder jener Richtung, während ihm

durch den Fall des Marburger Schlosses ein neuer und sehr wichtiger Verpflegungspunkt für die nächsten Operationen so wie

die Gemeinschaft mit Gießen und Frankfurt a. M. erworben wurden.

Braunschweig. Imhof behielt nicht nur alle seine Würden und Einkünfte, sondern wurde auch zum Gouverneur der Festung Braunschweig ernannt. Solche Beweise von Zufriedenheit laffen freilich auf erhebliche Rechtfertigungen fchließen, welche dem General bezüglich feines Verhaltens an der Ohm wahr scheinlich zu Gebote standen. (S. ebendaselbst, S. 104)

Zehnter Abschnitt. Die Stellung an der Schwalm.

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Die Stellung zwischen Treysa und Ziegenhain rechts der

Schwalm ist eine der bedeutsamsten des hessischen Landes, weil sie nicht nur einem von Süden her vordringenden Feinde Einhalt gebietet sondern auch dessen Flanken und Rücken bedroht, falls

derselbe sich durch die Fuldagegend oder auf der Heerstraße von

Marburg nach Caffel gegen das nördliche Heffen wenden sollte. Auch die Schwalm, ein Nebenfluß rechts des Edderstromes, an deren Thalgrund ac. sich solche Vortheile knüpfen, gehört wie

die Ohm, mit welcher sie gleichen Ursprung und gleiche Richtung bis zur Aufnahme der Antreff, 2 Meilen südlich von Ziegenhain hat, theils dem Flachgebirgslande theils der Ebene an, wobei natürlich von den Gegenden der Quellen beider Flüffe abgesehen wird. Das Fachgebirgsland begleitet den Fluß bis Zella, dem Orte wo die Antrefflinks in die Schwalm mündet, undwo, durch dasHinzutreten des Thales der Grenf rechts des Flusses, in nördlicher und west licher Richtung sich die weite Thalebene desselben bis Niedergrenze bach (Zella, - M. fö.; Niedergrenzebach, 1% M. n.ö. von Ziegenhain) resp. Treysa ausbreitet. Treysa links der Schwalm auf einem steilen Hügel zwischen diesem Fluffe und der sich hier in denselben mündenden Wiera gelegen, bezeichnet den Endpunkt jener Ebene im Westen. Hier tritt die Schwalm, deren Ebene von Zella bis dahin in einer Breite von 1% bis über 14 Meile wechselt und im Allgemeinen

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von sehr allmälig ansteigenden Höhen eingeschlossen wird, – wieder in das Gebiet des Flachgebirgslandes, wendet sich aber westlich und ohnweit Treysa mit bedeutenden Krümmungen durch ein ziemlich tief eingeschnittenes, hier und da jedoch zu kleinen Ebenen übergehenden Thal nach Norden bis Kerstenhausen. Hier nimmt der Fluß eine östliche Richtung an und tritt bald darauf in ein offenes Gelände, welcheszwischen Arnsbach und Kleinen-Englis (Arnsbach,etwas über 1 M.; Kleinen-Englis, 7, M. f.v. Fitzlar) zu einer der bedeutenderen Ebenen Heffens übergeht, welche nord wärts mit den Höhen links der Edder und ostwärts mit dem Rhünderberge schließt.

Die Schwalm hat von Zella an bis zu ihrer Mündung in die Edder bei Altenburg eine durchschnittliche Breite von 10–24 Schritten, während die Tiefe von 1–6“ wechselt.

Uebergänge befinden sich, soweit sie für die Stellungzwischen Treysa und Ziegenhain insbesondere in Betracht kommen, von

Treysa aufwärts: bei Ziegenhain, Loßhausen, Zella, Salms hausen und Röllshausen; abwärts dagegen: bei Treysa, Rom mershausen, Dittershausen, Allendorf, Schlierbach und Walters

brück (Salmshausen, " M., Röllshausen, 1, M. -ö.; Rom mershausen, 2. M., Dittershausen, etwas über 1% M., Allen dorf, *, M., Schlierbach, 1 M., Waltersbrück, 11, M. n.w. v. Ziegenhain). Die fünf letzteren Uebergänge hatten indeß be sondere Wichtigkeit betreffs der ferneren Operationen Broglios in der Richtung der rechten Flanke der Alliierten.

Verschaffen wir uns nun eine genauere Kenntniß von der Stellung derselben zwischen Treysa und Ziegenhain. Die letztere Stadt, damals noch Festung, deckte die Front des linken Flügels der Alliierten, während die Festung selbst durch ihre Lage auf einer durch die „alte Schwalm“ und die eigentliche Schwalm ge

bildeten Insel dem Angreifer einige unter den Kanonen Ziegen hain's gelegene Hindernisse bot. Der rechte Flügel der Alliierten dagegen erhielt durch Treysa

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nicht nur Deckung in der Front sondern auch Gelegenheit, in der Richtung von Neustadt die Bewegungen des Feindes zu beobachten, während in westlicher Richtung der Frankenhainer Forst mit

seinen Höhen die Aussicht nach der von Marburg nach Caffel führenden Heerstraße begränzte, nordwärts aber das offene, obwohl ziemlich vertiefte, Thal der Schwalm nach den oben genannten Uebergangspunkten eine freie Aussicht gewährte. Die Front der alliierten Armee, deren Mitte sich nördlich

der von Ziegenhain nach Treysa, am Fuße der allmäligansteigenden Höhen, führenden Straße aufstellte, während der rechte Flügel auf den zur Schwalm abfallenden Höhen der Hard, der linke dagegen auf dem Steinbühl und in der Nähe desselben Stellung nahmen, – war durchaus von der hier zum Theil durch sumpfige

Wiesen fließenden Schwalm gedeckt.

Als Vorposten links der

Schwalm dienten für die Mitte das DorfAscherode, für den rechten

Flügel Treysa, für den linken der Schafhof (Ascherode, 45 Min. w, Schafhof, kaum / M. -w. v. Ziegenhain); alle drei Orte aber sind durch eine Straße unter sich beziehungsweise mit dem rechten Schwalmufer verbunden. Wegsamkeit und die dadurch bedingte freie Gemeinschaft der

Armee innerhalb des zu taktischen Bewegungen voraussichtlich nöthigen Raumes fanden nach allen Richtungen hin statt. Dabei

wurde die kürzeste Straße nach Caffel, d. h. die über Frielendorf, festgehalten, während ziemlich gangbare Wege jenseits der die rechte Flanke der Armee deckenden Schwalm eine schnelle Verbin dung mit der von Marburg nach Caffel führenden Heerstraße und darüber hinaus mit dem Waldeckischen boten. Vorkehrungen Herzog Ferdinand’s während des Lagerns in der Stellung an der Schwalm.

Die Vorkehrungen, welche Herzog Ferdinand von seinem Hauptquartiere Dittershausen aus anbefahl, hatten zunächst die Sicherheit des zwischen Treysa und Ziegenhain aufgeschlagenen

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Lagers zum Zweck. So erhielten die Ingenieur-Offiziere jammt

denjenigen Offizieren der Regimenter, welche hülfreiche Hand zu leisten vermochten, den Auftrag, vor der Front der Armee und deren detachirten CorpsFleschen aufzuwerfen, um die Fahnenwachen, Piquets und Regimentskanonen darin aufzustellen. Auch brachte man die schweren Geschütze in verschanzte Batterien und bedachte dabei namentlich die südwärts von Treysa gelegene Höhe, wo sich eine geräumige Schanze erhob, von der aus die Richtung nach Neustadt bestrichen werden konnte.

Schon in der Nacht vom 26. zum 27. Juni begann man die von Lippstadt nach Ziegenhain gebrachten schweren Geschütze jammt Munition nach Caffelzurückzuführen, wobei, in Ermangelung

des Vorspannes, vorerst alle zu den Fourragewagen gehörigen Pferde verwendet werden mußten. Von jenen Geschützen wurden

jedoch 4 18Pfdr. und 8 12Pfdr. wieder auf die Wälle Ziegen

hain's geführt, ebenso auch 8 braunschweigische und 4 hessische Geschütze von der Feldartillerie. Die Besatzung von Ziegenhain bestand seit Anfangs Juni

aus dem 500 M. starken hessischen Garn.-Bat. von Wurmb unter dem Oberstlieutenant v. Glimmenhag; nunmehr aber über

nahm Oberstlieutenant v. Knyphausen die Commandantenstelle und gleichzeitig erhielt die Besatzung eine Verstärkung von 13 Pferden. Im Uebrigen detachirte man 1 Cornet und 30 preu

ßische schwarze Husaren nach der Vorstadt Weichhaus zum Recog noscieren. Knyphausen trat wenige Tage später wieder in die Armee zurück; den Befehl in Ziegenhain erhielt aber am 3. Juli

der Oberst Gernreich von der braunschweigischen Artillerie. In Bezug auf die Stellung der Truppen im Lager selbst wurde die Anordnung getroffen, daß bis auf 7 Bat. die ganze

Infanterie in die erste und die Cavalerie in die zweite Linie kam. Die braunschweigischen Regtr. Leibregiment und Imhof traten als linke Flankendeckung auf; ebenso wurde PrinzAnhalt, dessen Corps fich bekanntlich am 26. Juni mit dem Corps des Generals Im

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hof bei Sebbeterode vereinigt hatte, – mit 6 Bat. zum Schutze der rechten Flanke der Armee nach Treysa befehligt, wobei

jedoch der hessische General v. Malsburg mit seinem Regt. und 60 hessischen Husaren in Sebbeterode zurückblieben. Jene 6Bat.

bestanden aus 2 hessischen Bat. Anhalt und den hannoverschen Bat. Marschall, Rhöden, Wreden und Behr. General Imhof, welcher den Befehl eines Corps, unmit

telbar nach der Vereinigung mit dem Corps des Prinzen Anhalt, an den General Kielmansegge abgegeben hatte, kehrte am 28. Juni für seine Person zur Armee zurück; man entnahm aber

dem Corps des letzteren 3 hannoversche Grenadierbataillone für den weiteren Flankenschutz der Armee, so daß nunmehr General Kielmansegge nebst den Generalen Grothaus und Hodenberg folgende Truppentheile befehligte: An Infanterie: 1 Bat. Bock, 1 „ Laffert, 2 „ Malsburg, 1 „ Prinz Carl, Heffen. 1



Reden,

1 „ „ 1

Wangenheim, Pleffe,

An Cavalerie:

2 Esc. Leibregiment, 2 „ Waldhausen, 2 „ Grothaus,

2 „ Hodenberg, 2 „ Heise. 10 Escadronen.

in Allem – 8 Bataillone.

Ferner gehörten zu diesem Corps 8 schwere Geschütze, die

braunschweig'schen Jäger und Husaren, unter welchen sich eine Esc. hessischer Husaren befand. Eine weitere Eintheilung der Truppen in der Lagerstellung

traf Herzog Ferdinand in Folgendem. 1) Der englische General Griffin erhielt den Befehl über die Reserve vom rechten Flügel, bestehend in den Bat Carr, Brudenel, Schulenburg und dem hessischen Regt. Gilla (2 Bat.).

2) Prinz Anhalt befehligte dagegen die Truppen, welche von

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Allendorf bis zur Batterie auf dem rechten Flügel bei Treysa lagerten, den Namen zweite große Referve der Armee

erhielten und aus den Bat. Behr, Marschall, der Brigade der braunschweigischen Gren.- Bat. unter Oberstlieutenant Wittorf, dem hannoverschen Gren.-Bat. Bock, dem hessischen Regt. Anhalt, den Bat. Rhöden und Wreden, den Gren.-Bat. Maxwell, Buttlar

(Heffen) und Daulhat bestanden. 3) Das Corps des Erbprinzen bei Obergrenzebach erhielt den Namen erste große Reserve der Armee und an seine Befehle wurde das Corps der preußischen leichten Truppen gewiesen. 4) GeneralHarlingbefehligte die aus dem braunschweigischen Leibregiment und den Gren.-Bat. Geijo ) und Wersabe bestehende Referve vom linken Flügel der Armee.

-

5) Unter General Luckner fand dagegen die Reserve der leichten Truppen, bestehend aus dessen Huf-Regt, 2 Brig. des hannoverschen Jägercorps unter Major Friedrichs, dem Stock hausenschen und hessischen Jägercorps. Das Garn.-Bat. Wurmb in Ziegenhain wurde an die Be

fehle des Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg gewiesen. Im Allgemeinen waren die Ufer der Schwalm, besonders diejenigen Stellen, wo sichFurthen befanden, mit Cavaleriepiquets besetzt, welche unter sich patrouillierten, dabei die anderen Ueber gänge ebenwohl im Auge behielten, während andere Piquets der Cavalerie hinter der Armee und auf deren linken Flanke eine Postenkette bildeten.

Nächstdem hatte man die Höhen bei Treysa so wie diese Stadt selbst mit Detachements und Posten reichlich bedacht und

dieselben unter die Befehle Luckner's gestellt. Mit diesen Abthei lungen stand auch der aus 100Jägern zu Fuß und 100Jägern zu Pferde bestehende Beobachtungsposten in Frankenhain in Ver 1) Wurde in einer Ordre Ferdinand's, datiert Hauptquartier Ditters haufen am 29. Juni 1760, wegen seines Wohlverhaltens bei Homberg an der Ohm genannt.

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bindung, welcher vom Hauptmann v. Cronstein vom Stockhausen schen Jägerkorps befehligt wurde.

Während man die Brücken über die Schwalm von Treysa abwärts besetzt hielt, geschah dies nicht minder bei denen aufwärts

des Flusses. So stand in Loßhausen 1 Brigade der hannover schen Jäger unter Major Friedrichs; mit diesen kommunizierten das Trümbachsche Freibataillon zu Neukirchen und die preußischen

schwarzen Husaren in Seigertshausen (etwas über 1 M. ö. von Ziegenhain.

Vormarsch Broglio"s nach Neustadt, am 27. Juni. Gegen maßregeln Ferdinand's; Detachirugen Broglio"s in der

Richtung von Frankenberg und nach Alsfeld, am 29. Juni. Wir verließen die französische Armee am 26. Juni in der Stellung zwischen Niederklein und Dannerod, die Avantgarden

unter Prinz Robecq und Baron Blaisel bei Neustadt und endlich die Freiwilligen der Dauphiné in Erksdorf. Für Marschall Broglio handelte es sich jetzt darum, behufs der Eroberung des übrigen Theiles von Hessen den Herzog Fer dinand aus dessen Stellung hinter der Schwalm zu vertreiben. Zu diesem Zwecke beschloß Broglio, die alliierte Armee von Lipp

stadt und dem Corps des Generals Spörken abzuschneiden; weß halb St. Germain, dessen Stellung sich noch immer bei Dort mund befand, während Spörken am 28. Juni von Dülmen bis Lünen vorgerückt war, – den Befehl erhielt, am 4. Juli von

dort aufzubrechen, seinen Marsch über Arnsberg, Brilon nach Corbach zu richten und sich hier mit der Armee Broglio"s zu ver einigen.

In Ausführung jenes Planes und unterrichtet von der Stellung Ferdinand's setzte sich Broglio am 27. Juni Morgens

5 Uhr in Marsch nach dem Lager zwischen Speckswinkel und Neustadt. Die Avantgarden vertrieben dagegen unter heftigem Gefechte einige leichte Truppenabtheilungen der Alliierten aus den

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hain). Erst mit einbrechender Nacht beendigte sich jenes Gefecht, dem in der Nähe Herzog Ferdinand und der Erbprinz beiwohnten und in welchem von Seiten der Alliierten 1 Lieut., 1 Unteroffiz.

und 13 Sold. gefangen, gegenseitig aber etwa 50 M. getödtet wurden. Während so Broglio eine Armee in der Richtung der Schwalm vorschob, ging Nordmann mit den Freiwilligen der Dauphiné am 27. Juni von Erksdorf in der Richtung von Halsdorf vor und stellte sich bei Josbach auf, als er von der Anwesenheit des Imhof'schen Corps bei Sebbeterode hörte (Jos bach, 2%, M. w. Ziegenhain). Broglio verstärkte hierauf jene Freiwilligen mit dem Bat. der Grenadiere und der Jäger von Royal-Suédois nebst 1300 Pferden. Auch der Graf von der Lausitz, dessen Ankunft am 25.Juni Abends 7 Uhr zu Kirtorf wir bereits meldeten, hatte an dem allgemeinen Vormarsche der französischen Armee am 27. Juni

Theil genommen, indem er nunmehr bei Willingshausen zur Rechten derselben lagerte.

Alle diese feindlichen Bewegungen, verbunden mit dem hart näckigen Gefechte in den Wäldern bei Neustadt und in der Um gegend bei Wasenberg, gaben übrigens die Veranlassung, daß die alliierte Armee in der Nacht vom 27. zum 28. Juni von 1 Uhr bis 7 Uhr Morgens unter dem Gewehre zubrachte und die jämmt

liche Bagage zur Abfahrt bereit stand; auch bekam der Erbprinz die Weisung, im Falle eines Angriffes dem Feinde in die rechte Flanke zu fallen oder eine entsprechende Diversion auszuführen. Während man am 28. Juni französischer Seits mit den Vorbereitungen zum Marsche nach Frankenberg sich zubeschäftigen begann, wobei die Arbeiten des Generalstabes durch 2 Bat. Zwei brück gedeckt wurden, – hatten die bekannten Arbeiten zur Siche rung der Stellung der Alliierten hinter der Schwalm den eifrigsten Fortgang genommen. Größere Bewegungen im feindlichen Lager



464



fanden dagegen am 29. Juni ſtatt, während gleichzeitig Herzog Ferdinand einige Veränderungen in der Stellung ſeiner Truppen vornahm, welche namentlich auf die Sicherung der rechten Flanke der Armee deuteten. So bezeichnete Broglio an dem genannten Tage ſeine künftige Marſchrichtung nach Frankenberg mit der Abſendung von 10 Esc. Carabiniers, der Brig. Royal-Suédois

und der Regtr. d'Horion und Vierzel unter dem Generallieutenant Marquis Poyanne nach Halsdorf, wo ſich mit dieſen Truppen die Dragoner von Beaufremont und die Turpin'ſchen Huſaren vereinigten.

Die Nachrichten, welche Broglio über einen Streifzug des Trümbach'ſchen Freibataillons und der Truppen Freytag's in der Gegend von Alsfeld bekommen hatte, beſtimmten den Marſchall,

an demſelben Tage eine Abtheilung leichter Truppen (800 Pferde) unter Grand-Maiſon ſowie 4 Bat. Sachſen unter General Glau biß dorthin zu ſenden. Ohne auf den Zuſammenhang der Ereigniſſe ſtörend einzuwirken, können wir ſchon jetzt erwähnen, daß die Kunde von der Detachirung dieſer feindlichen Abtheilung, welche nur durch einige Patrouillen der oben genannten alliirten Abthei lungen veranlaßt worden war, – den Erbprinzen beſtimmten,

am 3. Juli Abends das Regt. Prinz Friedrich Dragoner, die Gren.-Bat. Schlotheim und Balke, die bei Neukirchen ſtehende

Abtheilung Trümbachs und 2 Esc. ſchwarze Huſaren in Gegend von Alsfeld abgehen zu laſſen. Der Feind hatte indeß bereits gegen Neuſtadt zurückgezogen, weßhalb ſchon 4. Juli Morgens 7 Uhr das alliirte Detachement wieder

die ſich am ein

rückte.

Die Detachirung Poyannes nach Halsdorf, wodurch nament lich Kielmansegge bei Sebbeterode umſomehr in Verlegenheit ge ſetzt werden konnte, als die ziemlich unwegſame Gegend des Frankenhainer Forſtes eine Unterſtützung von Seiten der Alliirten hinter der Schwalm erſchweren mußte, – hatte zur Folge, daß Kielmansegge ſich am 29. Juni bei Obernurf aufſtellte.

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Mit dieser Maßregel stand die Verlegung der Reserve des rechten Flügels der Armee unter General Griffin nach Walters brück in Verbindung, wodurch diese Abtheilung die Mitte zwischen der Armee und Kielmansegge bildete und zugleich eine bessere Ge meinschaft mit demselben fand.

Der Ueberfall von Fritzlar am 1. Juli. Marschall Broglio war bedacht, seinen Gegner, neben den sich beinahe täglich wiederholenden, doch ohne wesentlichen Erfolg bleibenden Gefechten der leichten Truppen, – auch in weiterer Ferne zu beunruhigen. Demgemäß erhielt Brigadier Nordmann am 29. Juni den Auftrag, mit 1200 Pferden unter Oberst Wurmser vom Regiment Nassau und mit den Freiwilligen der Dauphiné unter Oberst Viomesnil die Stadt Fritzlar im Rücken der alliierten Armee zu überfallen, um das dort befindliche große Fourragemagazin und die Feldbäckerei zu vernichten und im Uebri

gen möglichst viel Beute zu machen, wozu die englische Kriegskaffe in jener Stadt sowie noch einiges von dem dort verbliebenen

Gepäcke der Armee, welches bereits am 30. Juni nach Caffel gebracht wurde, die beste Gelegenheit boten. Brigadier Nordmann trat in der Nacht vom 29. zum 30. Juni seinen Marsch an, und zwar, um der Aufmerksamkeit

der Alliierten sich zu entziehen, über Gemünden, Kloster Haina und Wildungen. Die Kunde von diesem Marsche war indes zu Fer

dinand am 30. Juni gedrungen und hatte sofort den Befehl an Kielmansegge zur Folge, eine entsprechendeAbtheilungzur Deckung

Fritzlar’s abgehen zu lassen. Oberst Waldhausen mit 500 M. Infanterie und 300 M. Cavalerie brach demgemäß zu dieser Be stimmung auf; ihm folgte General Luckner mit seinem Husaren regimente.

Brigadier Nordmann erreichte am 1. Juli mit Anbruch des Tages Fritzlar, drang in die Stadt ein, vernagelte 4 Stück 24pfdg. Kanonen, plünderte einige Munitionswägen, erbeutete Renouard Gesch. II. Bd.

3)

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mehrere der Feldpostpferde und machte bei dem allgemeinen Schrecken an 60 Gefangene, worunter 5 Offiz, während an 100 Gefangene, meist zum Corps Berchiny's gehörig, befreit wurden. Doch nicht lange sollte sich Nordmann dieses Erfolges er

freuen, denn um 3 Uhr Nachmittags erschienen Waldhausen und Luckner im Angesichte des Feindes und zwangen denselben nach einem Verluste von einigen 40 M. an Todten, Verwundeten und

Gefangenen, worunter sich mehrere Offiziere befanden, zum Rück zuge über Züschen gegen Naumburg.

Luckner nahm nun, während Waldhausen wieder zu Kiel mansegge stieß, Stellung bei Wildungen, um Fritzlar zu decken;

auch wurden die 3 hannoverschen Gren.-Bat. Wer abe, Geiso und Bock ihm beigegeben. Weitere Anordnungen. Broglio"s in der Richtung von Fran

kenberg am 1. Juli. Verstärkung der alliierten Armee am 1. und 11. Juli. Besitznahme Frankenberg's durch die Fran zofen und Bewegungen. Ferdinand's zur Beobachtung der französischen Armee, am 8. resp. 5. und 6. Juli.

Während so die feindlichen Absichten auf Fritzlar in der Hauptsache vereitelt wurden, verfolgte Broglio seinen oben er wähnten Plan, indem er Chabo am 1. Juli den Befehl ertheilte, mit der irländischen Brigade nach Halsdorf zu marschieren und sich hier mit dem Marquis Poyanne zu vereinigen. An dem

selben Tage ging auch General Filley, Commandant des Genie korps, nach Dillenburg ab, um die Belagerung dieses mit 200 M. unter Capitain Düring besetzten Bergschloffes zu leiten, welches

bereits durch das Corps (Bat.) Ogilvys und die Freiwilligen von Clermont berannt worden war.

Herzog Ferdinand verlegte am 1. Juli sein Hauptquartier von Dittershausen nach Ziegenhain; auch stießen an demselben Tage die zeither bei Hersfeld resp. Vacha gestandenen 300 M. Infanterie unter Oberst Freytag und das englische Carab-Regt. (2 Esc.) zur Armee. Eine abermalige Verstärkung derselben

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durch das Bat. (Regt.) Bergschotten von Campbell erfolgte am 4. Juli. Es war dies ebenso erfreulich als die an diesem Tage eintreffende Nachricht von dem Erfolge der englischen Waffen auf und an dem St.Lorenzstrome ); – Ereigniffe, die,verbunden mit der beider französischen Armee unter Broglio bedeutendjetztzunehmen den Desertion, das moralische Element desFeindes mindern mußten. Herzog Ferdinand stand am 5. Juli noch in Zweifel, ob Broglio"s Absichtdahin ging, ihn in dem Lager hinter der Schwalm anzugreifen oder durch entsprechende Bewegungen zum Verlaffen desselben zu nöthigen. Um indeß in westlicher Richtung, als die jenige, in welcher Broglio bereits beträchtliche Truppentheile vor

geschoben hatte, – weitere Kunde einzuziehen, war General Luckner am 3. Juli von Wildungen bis Braunau vorgegangen An demselben Tage ertheilte Broglio dem Baron Closen den Befehl, mit den Gren.- und Jäger-Bat. der Brigade Royal

Suédois, den Regtr. d'Horion und Vierzel, den Dragonern von Beaufremont und den Freiwilligen der Dauphiné bei Frankenberg Stellung zu nehmen. Während so der Marschall den Plan zu seiner Flankenbewegungverfolgte, suchte er durch das inder Gegend von Wasenberg bei Willingshausen stehende Corps des Grafen von der Lausitz (19 Bat. und 28 Esc) die Aufmerksamkeit Fer dinand's zu feffeln. Nach der Ansicht des letzteren konnte möglicherweise die A ficht des Grafen vorliegen, die Alliierten auf deren rechten Flanke

zu umgehen; dies gebot aber eine nähere Beobachtung des feind lichen Verhaltens. Zu dem Ende ließ Ferdinand am 4. Juli 6 Pontonbrücken über die Schwalm schlagen, von denen sich zwei zwischen Dittershausen und Treysa, und vier zwischen diesem Orte und Ziegenhain befanden.

General Waldgrave ging hierauf am 5. Juli mit den Piquets der jämmtlichen Cavalerie und der 10 englischen Bat., 1) S. 6. Abschnitt: –„Allgemeines über die politischen Verhältniffe“ c. 30

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2 englischen uud 3 braunschweigischen Gren.-Bat., 2 Bat. Berg schotten und einer verhältnißmäßig beträchtlichen Artillerie über den Fluß und stellte sich auf den Höhen südlichvon Treysa, Wasen berg gegenüber, auf. Auf Seiten des Erbprinzen waren aber bereits schon Abends vorher 50 M. pr. Bat. und 10 M. pr. Esc. ) nebst 6 Regimentskanonen zur Unterstützung der bei Loß haufen stehenden Jäger abgegangen. Diese Anordnung stand indeß nicht direct mit dem Vorgehen Waldgrave's in Verbindung, indem nur während der Nacht die genannte Unterstützung bei Loßhausen verblieb, am Morgen aber in das Lager wieder einrückte, wie dies vordem ebenwohl der Fall gewesen war. Die Bewegung Waldgrave's erwiederte Marschall Broglio am 6. Juli mit dem Vormarsche der Freiwilligen unter de Vair

nebst einigen Geschützen über die Wiera; diesen Truppen aber gingen schon vor Tagesanbruch die Grenadiere de France und Royaux voraus, welche den Rand der nordöstlich von Neustadt

sich ausdehnenden Wälder, in der Richtung von Wasenberg be setzten. Zwischen den von beiden Seiten noch vor Anbruch des Tages abgesendeten Patrouillen entspann sich ein bis 9 Uhr Morgens andauerndes Gefecht, bei welchem dann und wann

auch die Geschütze sich hören ließen, die Franzosen sich aber auch mit dem Aufwerfen einer Redoute westlich von Wasenberg und

der Verschanzung dieses Dorfes beschäftigten. Der Verlust der Alliierten bestand in Folge jenes Gefechtes in 2 Todten von den Bergschotten und dem Stockhausenschen

Jägerkorps, sowie in 5 Verwundeten und 2 Pferden. Während des 6. Juli trat die Abtheilung Waldgrave's mit dem Detachement des Erbprinzen unter Oberst v. Donop in directe Beziehungen, welches um 4 Uhr Morgens in der Stärke von 2 Bat. Bischhausen (Hessen), 2 Gren-Bat. Stirn und 1) Das Corps des Erbprinzen zählte 5 Inf-Regtr., 3 hessische Gren . Bat., 10 Esc. und die leichten Truppen von Trümbach, Friedrichs und Ruesch.

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Schlotheim (Heffen), 10 M. pr. Esc. nebst 500 Arbeitern nach Loßhausen abging, um den dortigen Uebergang zu decken resp. zu zu verschanzen.

Schon am Abende des genannten Tages kehrten indeß Wald grave und Donop in die Stellung hinter der Schwalm zurück;

doch blieben die Piquets nebst 2 12Pfündern auf den Höhen links des Flusses stehen.

General Luckner dringt gegen Frankenberg vor am 6. Juli, Trümbach's Streifzug in die Gegend von Gießen. Sicherung der rechten Flanke Ferdinand’s.

Auch in weiteren Entfernungen von der Stellung der Alliierten war man an dem mehrgenannten 6. Juli thätig. So griff General Luckner, durch Kielmansegge inzwischen mit 2 Bat. und 5 Esc. verstärkt, Baron Closen bei Frankenberg an, welcher be

kanntlich am 3. Juli dahin von dem Corps Poyannes bei Hals dorf detachirt worden war. Luckner gelang es zwar, einige Bagage zu erbeuten, doch zog sich Closen, seinen Gegner stärker haltend als er wirklich war, zurück, während Poyanne, um 7 Uhr Morgens durch den Geschützdonner bei Frankenberg aufmerksam gemacht, sofort den Marsch nach Rosenthal antrat und Chabo einige Detachements von Halsdorf gegen Haina und Jesberg vor gehen ließ. Die Annäherung Poyannes zwang Luckner zum zeitigen Rück zuge nach Braunau, Closen aber besetzte wieder Frankenberg und folgte der Arrièregarde Luckner's bis Allendorf, während Poyanne

ebenwohl bei Frankenberg lagerte. Der Verlust Luckner's bestand in 1. Rittmeister todt und 1 Lieutenant verwundet; nach franzö fischen Quellen 1) war indeß derselbe nicht unbedeutend, auch will man einige zwanzig Gefangene von den Jägern der Alliierten ge macht haben. Die Franzosen verloren dagegen mehrere Offiziere todt, so wie 15 Soldaten. 1) Memoires pour servir à l'histoire de notre tems etc. p. 52.

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Wenn so die linke Flanke der französischen Armee beunruhigt wurde, so geschah auch ein Gleiches in deren rechten Flanke und

Rücken. Hier war es Major von Trümbach mit seinem Corps und 4 Esc. preußischer Husaren, welcher einen Streifzug über Alsfeld und Grünberg bis in die Gegend von Gießen unter nahm, doch hierbei weiter nichts als einige Commissäre und Quartiermeister auffing.

So wie Ferdinand es sich angelegen sein ließ, dem Feinde gegenüber die Fühlung an der Klinge zu erhalten, wie dies durch das Vorgehen Waldgrave's bethätigt wurde, – so war er auch darauf bedacht, seine rechte Flauke durch eine Verstärkung Kielmansegge's um so sicherer zu stellen. Zu dem Ende wurden am Abende des 7. Juli in Folge der Vermuthung, daß ein An

griff auf das Corps dieses Generals bei Obernurf (1), M. f-w. Fritzlar) stattfinden würde, die Generale Howard und Mans berg befehligt, mit 7Grenadierbat. die StellungGeneral Griffin's bei Waltersbrück einzunehmen, sobald dieser nach Obernurf ab rücken sollte. Marsch der französischen Armee aus dem Lager bei Neustadt nach Frankenberg, am 7. und 8. Juli; Detachirungen.

Es war am 7. Juli, als Broglio den Zeitpunkt gekommen sah, um mit seiner Armee die Flankenbewegung gegen Frankenberg zu beginnen und sich späterhin mit St. Germain zu vereinigen. Noch vor Tages. Anbruch marschierte der Generallieutenant Graf Rothe mit den Inf-Brig. Aquitanien und la Marck, denen der

Cav. des Cravattes und d’Orleans nach Halsdorf ab. Broglio erhielt dagegen noch an demselben Tage von Seiten des Grafen von St. Germain brieflich die Nachricht, daß dieser am 9.Juli bei Corbach eintreffen würde, und äumte nun keinen Augenblick, alle Anordnungen zu treffen, um einen Uebergang über die Edder dem Feinde zu verbergen und demselben an dem genannten Orte

duvor zu kommen. Das große Gepäck der Armee ging um 7Uhr

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Nachmittags in der Richtung von Frankenberg ab; ihm sollten die Truppen und das kleine Gepäck am 8.Juli Morgens 2 Uhr folgen. Die Ausführung dieser Bestimmungen erfuhr indeß manche Verzögerung, da noch um 9 Uhr Morgens dieses Tages

die letzten Fuhrwerke sich in der Nähe von Neustadt befanden. Der Graf von der Lausitz, welcher schon um Mitternacht vom 7. zum 8. Juli seine Stellung bei Willingshausen verlassen und sich zur Rechten des zwischen Neustadt und Speckswinkel be

findlichen Lagers der französischen Armee in Schlachtordnung auf gestellt hatte, bekam die Aufgabe, den Marsch der Armee zu decken, zugleich aber auch die zur Arrièregarde des Ganzen be stimmten Abtheilungen Lillebonne's, Blaisel's und des Prinzen Robecq zu unterstützen. Generallieutenant Stainville, dem diese Abtheilungen untergeordnet wurden, erhielt indeß vom Marschall Broglio noch die besondere Weisung, vor Tagesanbruch das Gros seiner Truppen in die mehrerwähnten Wälder bei Neustadt zurück zuziehen, mit Beginnen des Tages aber Fußdragoner an denjenigen Stellen als Schildwachen auftreten zu lassen, wohin früherhin die Infanterie die bezüglichen Posten geliefert hatte. Der Marsch der französischen Armee gehörte zu den be schwerlichsten, indem unaufhörliche Regengüsse die an und für sich schon schlechten Wege in einen noch unbrauchbareren Zustand ver setzten und außerdem das Gebirgsland mit seinen Defileen und

Wäldern bedeutende Hindernisse bereitete. Demungeachtet traf die Armee ziemlich zeitig an den Ausgängen des südlich von Franken berg sich ausbreitenden Burgwaldes, eine halbe Meile von diesem Orte entfernt, ein, trat aber, auf Befehl des Marschalls, nicht auf das gegen Frankenberg hin völlig offene Gelände, um so in dem Walde selbst Schutz gegen die rauhe Witterung bei zahlreichen Feuern zu finden. Prinz Tavier (Graf von der Lausitz) fand auf seinem Marsche nach Rauschenberg, während dessen er den beiden linken Flügelkolonnen der Armee folgte, nicht minder erhebliche Schwierigkeiten, trafjedoch früher daselbst ein, da er mindestens

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1' - Meilen weniger als Broglio bei einem 4–5Meilen langen Marsche zrückzulegen hatte. Stainville war ohne Anfechtung der Armee gefolgt und es

wiederholten sich bei ihm nur die gewöhnlichen Neckereien zwischen den beiderseitigen leichten Truppen.

Werfen wir nun einen Blick auf die zeither detachirten Corps der französischen Armee, namentlich auf deren Stellung am 8. resp. 9. Juli.

Baron Glaubitz, den wir auf der Rückkehr nach Neustadt von seinem in die Gegend von Alsfeld unternommenen Streifzuge verließen, hatte kurze Zeit nach seiner Ankunft bei der Armee, d. h. am 8. Juli, von Broglio den Befehl bekommen, mit der

Brigade Anhalt und den Husaren von Berchiny sich bei und in Amöneburg aufzustellen, um nicht nur Marburg, sondern auch

die von Gießen kommenden Zufuhren zu decken. Zugleich sollte auch Glaubitz die obere Ohm überwachen und Nachrichten über die feindlichen Bewegungen einziehen.

Baron Closen war dagegen am 8. Juli bei Tagesanbruch mit 2000 M. von Frankenberg über Sachsenberg nach Rhadern gerückt, während an demselben Tage die Generale Poyanne und

Rothe sich vereint zu Sachsenberg aufstellten, um die in die Gegend von Corbach führenden Ausgänge der dortigen Wälder zu beobachten. Bis zum Abende des 8. Juli hatte Broglio keinerlei Kenntniß von den Vorgängen bei dem Feinde bekommen; daher mußte Closen am Morgen des 9. Juli über Sachsenhausen gegen Naumburg vorrücken, um über die Alliierten Erkundigung

einzuziehen, während General Stainville aus gleichem Grunde den Prinzen Robecq nach Frankenau und Wildungen so wie einige

Abtheilungen nach Jesberg detachirte. Diese Vorsichtsmaßregeln dienten insbesondere zur Sicherheit der über Marburg und Gießen führenden Communicationender Armee, denn dieselben mußten sehr

gefährdet erscheinen, wenn Ferdinand etwa ein Corps auf der nach Marburg führenden Straße hätte vorgehen lassen. Betrachten



473



wir eine solche Möglichkeit indes etwas näher, so verschwindet damit zugleich auch jene Annahme als etwas Zweckentsprechendes, inden Herzog Ferdinand in Betracht der Stärke seiner Armee zu der Broglio"s wohl nichts mehr als Zersplitterung der Streit kräfte zu scheuen hatte – selbst wenn die Aussicht auf günstigen Erfolg in noch so täuschender Nähe lag. Marschall Broglio hatte mit der Armee bereits bei Franken berg vor den über die Edder geschlagenen Brücken Stellung ge nommen und stand im Begriffe, den Uebergang über diesen Fluß auszuführen, als er am 9. Juli Morgens gegen 8 Uhr durch seine Emiffäre und Detachements die Nachricht erhielt, daß die alliierte Armee am 8. Juli Nachmittags aus ihrem Lager hinter der Schwalm aufgebrochen sei und die Marschrichtung gegen die Edder genommen habe. Die Bewegungen Stainville's zur Zeit des Abmarsches der -

französifchen Armee aus dem Lager zwischen Neustadt und Specks winkel waren den Alliierten ebensowenig unbemerkt geblieben, als dieser Abmarsch selbst in der Richtung von Frankenberg. Beinahe

um dieselbe Zeit, wo die französischen Heeresmaffen sich westwärts schoben, war aber auch dem Herzog Ferdinand die Nachricht zu gekommen, daß Graf St. Germain die Straße von Brilon und Corbach eingeschlagen habe, um nach Arnsberg zu marschieren; so wie denn auch ein in Corbach aufgefangenes Schreiben keinen

Zweifel übrig ließ, daß St.Germain sich mit Broglio bei diesem Orte zu vereinigen beabsichtigte. Marsch der alliierten Armee aus dem Lager hinter der Schwalm nach Sachsenhaufen, vom 8. biszum 10.Juli; Detachirungen.

Unter solchen Umständen zögerte Ferdinand keinen Augenblick, die entsprechenden Befehle zum Aufbruche der Armee nach Wil dungen zu geben. Derselbe fand nun am 8. Juli um 3 Uhr Nachmittags in 6 Colonnen unter den Generalen Granby, Wut ginau, Mostyn, Hanstein, Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe

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Bückeburg und den Oberstlieutenants Janton und Flöge (Fuhr werkskolonne) statt. Die Avantgarde unter den Generalen Waldgrave, Howard und Mansberg, deren Abmarsch auf 6 Uhr Morgens bestimmt wurde, bestand aus 2 Gren. Bat. der Engländer, 2 Bat. Berg schotten, 3 Bat. Braunschweiger, 1 Esc. Howard, 1 Esc. Innis killing, 2 Esc. hessische Leibdragoner 2 Esc. Busch und der neuen Feldwacht. Die Arrièregarde, welche von dem Prinzen von Anhalt be

fehligt wurde, bestand dagegen aus den südlich von Treysa auf gestellten Piquets, dem Detachement in der Schanze vor diesem Orte, der Besatzung desselben, den an den Brücken stehenden Abtheilungen, den Bat. Rhöden, Wreden und den 2 Bat. Anhalt;

während die Bat. Behr und Marschall, welche bei Allendorf standen, die besondere Aufgabe hatten, als Arrièregarde der zweiten Colonne unter Wutginau zu dienen.

General Griffin, dessen Stellung bekanntlich sich bei Wal tersbrück befand, vereinigte sich am 8. Juli mit Kielmansegge bei Obern-Urf und beide marschierten, gefolgt von der Armee, über Löwenstein und Zwesten gemeinsam nach Braunau, von wo

General Luckner mit seinen Husaren und 3 hannoverschen Gren Bat. ebenwohl am 8. Juli gegen Waldeck aufgebrochen war, um den linken feindlichen Flügel zu beobachten (Löwenstein 1'4 M., Braunau 11% M. f-w. v, Fritzlar). Dagegen richtete der Erbprinz seinen Marsch über Loßhausen, Frankenhain und Jesberg in die Position von Obern-Urf und schlug hier am 9. Juli gegen Mittag das Lager auf; während Freytag mit 3 Esc. Ruesch, 2 Esc. Malakowsky Husaren, dem Stockhausenschen Corps und einer Jäger - Brigade auf seinem Marsche über Neustadt nach Frankenau den rechten Flügel der Franzosen beobachtete.

Die alliierten Truppen hatten bezüglich der überaus schlechten

Wege noch bedeutendere Hindernisse zu überwältigen als die

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Franzosen; namentlich konnte für die Artillerie nicht ein Weg aufgefunden werden, auf welchem man nicht genöthigt gewesen wäre, häufig die Geschützrohre von den Laffeten zu nehmen und auf Schleifen fortzuschaffen.

Es war am 9. Juli Morgens 9Uhr, als die alliierte Armee auf den Höhen von Braunau in der Nähe von Wildungen ein traf, wobei jedoch die Oueue der Armee erst spät in dem Lager anlangte.

An demselben Tage hatteLuckner von Waldeck aus die Höhen zwischen Strote (1 - M. ö. Corbach) und Corbach besetzt. Mit dieser Bewegung war zugleich der in der Nacht vom 9. zum 10. Juli stattfindende Vormarsch Kielmansegge's von Braunau resp.

Buhlen gegen Sachsenhausen verbunden, damit, in Vereinbarung mit Luckner, ein Corps bei Corbach in Bereitschaft stände, um den nächsten Aufmarsch der Armee bei Sachsenhausen zu decken,

zumal da St. Germain um jene Zeit erwartet wurde und die Avantgarde Broglio"s im Vorrücken gegen Corbach begriffen war. Der Erbprinz hatte den Oberbefehl über diese jämmtlichen Vor truppen der Armee bekommen, die, außer den Truppen Luckner's,

aus 9 Bat. und 10 Esc. unter Kielmansegge, und aus 5 Bat. und 3 Esc. unter Griffin ) bestanden, denen 13 schwere Geschütze beigegeben waren.

Zur weiteren Unterstützung des Erbprinzen und ebenwohl unter die Befehle desselben gestellt, wurde der hessische General Lieutenant von Oheim befehligt, mit 6 Bat. und 6 Esc. von der

Armee um 1 Uhr nach Mitternacht vom 9. zum 10. Juli nach Sachsenhausen aufzubrechen und bei seiner Ankunft in Buhlen

dem Erbprinzen die resp. Meldung davon abstatten zu laffen. Diese Truppen Oheim's bestanden unter den Generalen Dreves, Howard und Webbe aus: 1) S. „Vorkehrungen während des Lagerns in der Stellung an der Schwalm.“ Die 3 Esc. unter Griffin waren die Royal Dragoons of Bland.

– 476 – 1 1

Bat. Hogdson,



1 „

Cornwallis, Engländer. Jung Zastrow, H

MO(U111 OVE"Q11er"

1



Dreves,

2



Zastrow, Braunschweiger,

2 Esc. Howard, Engländer,

4 „ Leibdragoner, Heffen, und der englischen leichten Artillerie.

Am 10. Juli um 2 Uhr Morgens setzte sich die Armee Ferdinand’s in 5 Colonnen von Wildungen aus wiederholt in Marsch, ging bei Affoldern über die Edder und wendete sich über Buhlen (Buhlen, 1 M. n.-w. v.Wildungen) nach Sachsenhausen. Dagegen brach das früher unter dem Befehle des Erbprinzen gestandene Corps, welches bekanntlich am 9. Juli gegen Mittag beiObernurf sein Lager aufgeschlageu hatte, am 10.Juli Morgens 1 Uhr nach Braunau auf und bezog das Lager auf der südlich

dieses Ortes gelegenen Anhöhe. Schon um 4 Uhr Nachmittags setzte sich indes der Marsch dieser Abtheilung, mit Ausnahme eines Detachements unter General Gilsa zur Beobachtung des bei Hundsdorf (Hundsdorf, 1 M. j-w. v. Wildungen) befind lichen Défilés, in der Richtung von Sachsenhausen fort und fand erst am 11. Juli gegen 9 Uhr Vormittags bei Sachsenhausen seine Beendigung, woselbst die Armee bereits Stellung ge nommen hatte.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf die Stellungen und Märsche, in und auf welchen sich die bedeutenderen Abtheilungen der alliierten Armee so wie diese selbst am 10. resp. 9. Juli be fanden, so sehen wir der Reihe nach: Stellungen c. der alliierten und der französischen Armee, am 10., 9. und 8. Juli.

1) Die AbtheilungLuckner's in der Stellung zwischen Strote und Corbach am 9. Juli.

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2) Die Corps von Kielmansegge und Griffin unter dem

persönlichen Befehle des Erbprinzen auf dem Marsche von Sachsenhausen gegen Corbach, seit Mitternacht vom 9. bis zum 10. Juli.

3) Das Corps Oheim's auf dem Marsche von Wildungen nach Sachsenhausen seit 1 Uhr nach Mitternacht vom 9. zum 10. Juli.

4) Die Armee auf dem Marsche von Wildungen nach Sachsenhausen seit dem 10. Juli 2 Uhr Morgens. 5) Das erbprinzliche Corps auf dem Marsche von Braunau nach Sachsenhausen seit dem 10. Juli um 4 Uhr Nach mittags. 6) Das Detachement Gilsa's bei Hundsdorf am 10. Juli. 7) Das Detachement Freytag's in der Gegend von Frankenau am 10. Juli.

Die französische Armee verließen wir dagegen in folgenden Stellungen c.

1) Baron Closen am 9. Juli Morgens auf dem Marsche von Rhadern gegen Sachsenhausen. 2) Die Generale Poyanne und Rothe bei Sachsenberg am 8. Juli.

3) Prinz Robecq von der Arrièregarde Stainville's auf dem Marsche nachFrankenau und Wildungen am 9. Juli. 4) Einige Detachements in der Richtung nach Jesberg. 5) Die Armee bei Frankenberg am 9. Juli gegen 8 Uhr Morgens.

6) Den Graf von der Lausitz bei Rauschenberg am 9. Juli. 7) General Glaubitz bei Amöneburg am 8. Juli. Wir erfuhren bereits früher, daß Marschall Broglio am 9. Juli Morgens gegen 8 Uhr die Nachricht von dem Marsche der alliierten Armee gegen die Edder empfing. Dies gab Veranlassung zum sofortigen Uebergange der französischen Armee über diesen Fluß, während gleichzeitig Befehle abgingen, welche das Corps

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des Grafen von der Lausitz nach Frankenberg und die Generale

Poyanne und Rothe nebst ihren Corps nachImmighausen (Immig hausen, * M. f. v. Corbach) beriefen. Die nun erfolgenden Bewegungen beider Gegner in der Richtung gegen Corbach waren insbesondere durch das Terrain bedingt, weßhalb wir hier auf die Gestaltung desselben um so mehr einen Blick werfen müssen, als namentlich auch das an jene Bewegungen sich knüpfende Gefecht nur bei einiger Kenntniß des Bodens aufgefaßt werden kann. Die Gegend bei Corbach und Sachsenhaufen.

Die wellenförmig gestaltete Bodenfläche bei Corbach, auf welcher sich hier und da, namentlich östlich, südlich und westlich einzelne Kuppen erheben, gehört zum Theil den nordöstlichen Ab

fällen des Rothhaar-Gebirges an und steht ostwärts von Corbach ohnweit des Dorfes Strote, an den Quellen des Werbabaches, mit dem bewaldeten Höhenzuge in Verbindung, welcher in Süd östlicher Richtung bis an die Edder südlich von Züschen streicht. Der Raum nun, auf welchem die Bewegungen zu dem Ge fechte bei Corbach, sowie dieses selbst und endlich die Lagerstellun gen der alliierten und der französischen Armee stattfanden, umfaßt drei Terrainabschnitte, die ziemlich scharf markiert erscheinen. Der westliche Abschnitt, im Süden von dem Tiefthale der Edder und im Osten von dem schluchtähnlichen Thale der Itter und ihres von Corbach her strömenden Zufluffes begrenzt, enthält in dem südwestlich von diesem Orte sich erhebenden Eisenberg die letzte bedeutsamere Höhe des Rothhaargebirges und hat westlich und östlich des genannten Berges und südlich gegen die Edder hin einzelne Walddistricte, die sich zum Theil auf den oben erwähnten Kuppen ausbreiten. Der mittlere Abschnitt findet dagegen seine Grenzen im

Süden durch das von Hochland eingeschloffene Thal der Edder, im Westen durch das Thal der Itter, im Osten durch das tief

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eingeschnittene Thal der Werba (wie die Itter Zufluß links der

Edder) und im Norden durch den oben erwähnten Höhenzug Auch in diesem Abschnitte finden sich namentlich an der Itter und der Edder sowie westlich von Strote einzelne Walddistricte, während die südliche Hälfte desselben, abgesehen von den steil zur Edder abfallenden Höhen, im Vergleiche zur wellenförmigen Nord hälfte als Ebene erscheint. Der östliche Abschnitt endlich hat ebenwohl im Süden eine Begrenzung in der Edder, im Westen in der Werba, im Norden und Osten in dem mehrgenannten stark bewaldeten Höhenzuge. Das schluchtähnliche bewaldete Thal des Reiherbaches, eines Zu fluffes links der Werba, durchschneidet transversal die Mitte des Abschnittes und bildet, nebst der Einsenkung jenes Höhenzuges zwischen Sachsenhausen und Freienhagen, die natürliche Verbindung zwischen dem Plateau des Abschnittes und der ostwärts des Höhen zuges gelegenen flacheren Gegend. Allgemein überschaut, bietet das Plateau die mannigfaltigste Abwechselung von Berg und Thal, Schluchten und Rinnsalen kleinerer Bäche, Waldstellen und freien ebenen Districten, während nach Süden hin die Gegend ganz den Character des Hochlandes trägt. Die Ereigniffe bei Corbach am 9. Juli, sowie das Gefecht dafelbst am 10. Juli.

Es war am 9. Juli Morgens gegen 8 Uhr, als die ersten Schüffe zwischen den leichten Truppen Luckner's und denen der

französischen Avantgarde unter Closen in der Nähe von Corbach gewechselt und eine Abtheilung der Luckner'schen Husaren aus dieser Stadt vertrieben wurden. Gleichzeitig erschien auch Kiel mansegge östlich von Sachsenhausen ohnweit der oben bezeichneten Einsenkung des Höhenzuges. Dieser Umstand, verbunden mit der Anwesenheit Luckner's zwischen Strote und Corbach, veranlaßte Baron Closen, sich hinter die Kuppe des jüdöstlich von Corbach



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gelegenen „Gerichts“ zurückzuziehen, um hier die Carabiniers und eine Infanteriebrigade zu erwarten, die Broglio von der Haupt armee herbeizuführen befahl. Der großen Entfernung wegen fand

jedoch die Ankunft dieser Unterstützung erst in der Nacht statt. Um dieselbe Zeit, d. h. am Abende des 9. Juli, traf auch St.

Germain, welcher bekanntlich auf Befehl Broglio"s Dortmund am 4. Juli verlassen und seinen Marsch nach Corbach gerichtet

hatte, bei der Abtei Bredelar (Bredelar, 7% M. -w. von Stadt berge) ein. In der deshalb an den Marschall erstatteten Mel dung sprach St. Germain indeß die Unmöglichkeit aus, noch Corbach erreichen zu können, und erhielt dagegen die Weisung,

sich am 10. Juli bei Tagesanbruch mit Closen zu vereinigen. Inzwischen besetzte derselbe den kleinen Walddistrict östlich von Corbach; die französische Hauptarmee aber, welche bei dem Ueber gange über die Edder bedeutend aufgehalten worden war, verblieb

in der Gegend vonImmighausen. Der Erbprinz hatte inzwischen seinen Marsch von Sachsenhausen gegen Corbach bis zum Morgen des 10. Juli fortgesetzt und durch Deserteurs in Erfahrung ge bracht, daß St. Germain bei dem letzteren Orte eingetroffen und dieser von dem Feinde bereits besetzt sei. Unter solchen Umständen, zumal da man alliierterseitsdie gegenüberstehenden feindlichen Streit kräfte nur zu 10.000 M. Infanterie und 17 Esc. schätzte, be

schloß der Erbprinz den Angriff. Es war 8 Uhr Morgens, als sich zu diesem Zwecke das Corps des Prinzen, welches um diese Zeit eine Verstärkung von 2 Esc. hessischer Leibdragoner und 1 Esc. Howard vom Corps Oheim's erhalten hatte, – hinter dem Walde bei Strote, mit der Artillerie auf dem am linken Flügel

sich erhebenden Heidenberge (Warteberg), in Schlachtordnung auf stellte und den westlichen Rand des Waldes mit den leichten Truppen besetzte.

St. Germain hatte sich dagegen hinter dem „Gericht“ mit Closen vereinigt; jedoch erschien der erstere nur mit 2Inf-Brig,

wobei dessen Meldung an Broglio die Ankunft der Cavalerie erst

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auf 3 Uhr Nachmittags und die des Restes der Infanterie sowie der Artillerie sogar erst auf den völligen Verlauf des 10. Juli ankündigte.

Etwa gleichzeitig mit den genannten Truppentheilen St. Germain's trafen auch die Brig. Royal-Suédois und Castella nebst 8 schweren Geschützen von Immighausen her bei Corbach ein, während außerdem die französische Armee in der Richtung dieses Ortes und die der Alliierten in der von Sachsenhausen im allmäligen Vormarsche verblieben. Mitder Aufstellungder Truppen des Erbprinzen begann zugleich das lebhafte Feuergefecht der

beiderseitigen leichten Truppen, wobei auch die Husaren sich thätig bewiesen; während der General Oheim einen Marsch nach dem Schlachtfelde beschleunigte, doch erst um 9 Uhr eine zweite Ver

stärkung in dem Bat. Dreves und den 2 Bat. Zastrow bei dem Corps des Erbprinzen anlangte.

Der Feind hatte bereits mit den Freiwilligen von Flandern das Gehölz besetzt, welches der von dem Erbprinzen eingenomme nen Waldung von Strote gegenüber lag; auch waren die beiden

von St. Germain herbeigeführten Inf-Brig. la Tour du Pin und de la Couronne so wie die Brig. Royal-Suédois und Castella

nebst den Geschützen als Unterstützung hinter dem Gehölze aufge stellt, – als der Angriff des Erbprinzen mit dem Bat. Bock, dem hessischen Regt. Malsburg und den Dragonern von Bland, auf die Freiwilligen begann. Unter einem heftigen Feuer, bei dem die beiderseitige Artillerie mitwirkte, gelang es diesen Truppen,

die Franzosen aus einem Theile des Gehölzes zu vertreiben und diesen zu besetzen. Dieses günstige Verhältniß für die Alliierten sollte indes nicht von Dauer sein, wenn gleich gegen Mittag die Generale Howard und Webbe vom Corps Oheims in Begriff fanden, sich mitden Bat.Hogdson, Cornwallis undJung-Zastrow, nebst der schweren Artillerie den Truppen des Erbprinzen anzu schließen. Während die Franzosen einen Theil jenes Gehölzes ihrem Gegner einräumen mußten, war Marschall Broglio bedacht Renouard Gesch. II. Bd.

31

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gewesen, den Marsch von 4 Inf- und 4 Cav.-Brig. zu beschleu nigen, welche von der Armee beiImmighausen herbeigeführt wur den. Zwei dieser Brig, die von Navarra und die des Königs, trafen in demselben Augenblicke bei dem „Gericht“ ohnweit Cor bach ein, als Broglio die neue Verstärkung des Erbprinzen in zwei Colonnen aus dem Thalgrunde der Werba emporsteigen sah, solche aber für viel beträchtlicher hielt, als sie wirklich waren. In der Abschätzung der Stärke dieser Truppen ging man so weit, sie

als die alliierte Armee selbst zu betrachten, – ein Irrthum, wel cher den französischen Feldherrn bewog, nicht nur den Angriff auf das mehrgenannte Gehölz aufzuschieben, sondern auch südlich von Corbach den Marsch der Cav.-Brigaden aufzuhalten.

Broglio,

von der Besorgniß geleitet, die bis Corbach vorgeschobenen Trup pen vielleicht geschlagen zu sehen, erblickte in dem Zurückhalten jener Cavalerie eine um so zweckentsprechendere Maßregel, als, im Falle der Nothwendigkeit, er es bei dem im Ganzen günstigen Terrain immer vermochte, die genannte Cavalerie schnell heranzu

ziehen; sowie denn auch die voraussichtlich erst um 5 Uhr Abends stattfindende Ankunft der Armee zu den jämmtlichen Maßnahmen sehr bestimmend einwirkte. Cs konnte nicht fehlen, daß man französischer Seits jene Annahme betreffs der Stärke der neu erschienenen alliierten Truppen sehr bald als eine falsche erkennen mußte, weshalb nunmehr die jämmtlichen auf dem Marsche nach Corbach befindlichen Truppen den Befehl erhielten, sich mit denen in der Nähe dieses Ortes aufgestellten zu vereinigen. Ebenso sollte St. Germain, dem die Brig. Royal-Suédois und Castella zugetheilt wurden, das Ge hölz angreifen, und Baron Closen mit der ersteren Brigade eine jener Kuppen im Südosten von Corbach, also auf dem rech Flügel der französischen Aufstellung, besetzen, von wo aus der östliche Ausgang des Gehölzes bestrichen werden konnte. Nächst

dem gingen 24 Geschütze aus dem Park gegen die Höhe des Ge hölzes vor; die Brig. des Königs und von Navarra unter Ge

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neral Guerchy schickten sich aber an, in dasselbe einzudringen und,

unterstützt durch das Feuer dieser Geschütze, die aus 14 Kanonen und 3 Haubitzen bestehende Batterie auf dem rechten Flügel des Erbprinzen anzugreifen. Diesen sämmtlichen Truppen dienten

die am Eingange des Gehölzes stehenden Brig. Auvergne und Orléans als Reserve. Während so Broglio den Angriff vorbe reitete, hatten die Geschütze des Erbprinzen, von welchen bis zur Eröffnung des Feuers der 24 feindlichen Geschütze nur 5 6Pfdr.

auf dem rechten Flügel standen, nicht ohne Erfolg gearbeitet; na mentlich war es ihnen gelungen, einige Munitionswagen zu zer trümmern. Ernster gestalteten sich indeß die Verhältniffe, als

gegen 2 Uhr der überlegene Angriff der Franzosen begann. Gleich zu Anfang desselben verstärkte der Erbprinz die Batterie seines

rechten Flügels mit 9 englischen Sechspfdrn. und 3 Haubitzen ), diese vermochten aber nicht länger als eine halbe Stunde dem

mörderischen Feuer der feindlichen Geschütze zm widerstehen, zumal da die Munition zu mangeln begann und die zur Rechten im

Walde stehende Infanterie ebenwohl unter dem heftigsten Gewehr feuer nach dem hartnäckigsten Widerstande immer mehr Terrain

verlor und endlich aus dem Gehölze getrieben wurde. Die Brig. Navarra hatte sich inzwischen, begünstigtdurch eine Niederung des Bodens, der mehrgenannten alliierten Batterie bis auf 50Schritte genähert, ohne von derselben bemerkt worden zu sein. Obgleich in diesem Augenblicke der Befehl zum Abzug der Geschütze eintraf, so war es doch schon zu spät, indem die feindliche Infanterie bereits dieselben umringte und deren Bedienung zum Theil nieder stach. Trotz der hierbei herrschenden grenzenlosen Verwirrung gelang es dennoch, eine Kanone und einen Munitionswagen den Franzosen zu entreißen – ein geringfügiger Wiedergewinn gegen die Verluste, welche die Bat. Reden, Pleffe und die hessischen Regimenter PrinzCarl und Malsburgbeiihrem Rückzuge erlitten ).

1) Es war dies die Artillerie-Brigade des Capitains Charleton. 2) Nach v.Knesebeck 1., 2. B, S. 87: – Brief Ferdinands an Lord 31

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Während der ganze rechte Flügel des Erbprinzen nebst den Truppentheilen des Centrums (die Bat. Wangenheim und Bock) das Gehölz mit ihren Todten bedeckten und, von der Uebermacht überwältigt, aus demselben geworfen wurden, hatten der hanno

versche Capitän Dubois und der hessische Secondlieutenant Dantz mit ihren 43Pfündern, 1 6Pfünder und 2 12Pfündern auf dem südöstlich von Corbach gelegenen Warteberge Stand gehalten

und nach Kräften den Rückzug jener Truppen gedeckt. An diesen in Folge des raschen Vordringens des Feindes nur kurze Zeit dauernden Erfolg würde sich indeß ebenwohl, wie auf dem alliir ten rechten Flügel, der Verlust der Batterie geknüpft haben, wenn

nicht der Erbprinz in eigener Person sich mit dem Regt. Howard und einer Ese. Bland mit seltener Tapferkeit dem Verfolger ent

gegen geworfen und so der Infanterie Zeit verschafft hätte, Faffung zu gewinnen und den weiteren Rückzug auszuführen.

Bei diesem rechtzeitigen Angriffe, ohne welchen dieser Rück zug leicht in Flucht ausarten konnte, erhielt der Erbprinz eine fehr starke Contusion unter der Schulter, die ihn jedoch vorerst

nicht an der Fortführung des Befehles hinderte. Die geschilderten Kampfverhältnisse geboten schon an und für sich, daß die Truppen des Erbprinzen sich möglichst schleunig dem weiteren Kampfe entzogen, zumal da der Feind fortwährend Verstärkungen an Truppen und Geschütz erhielt, während die Spitzen der Colonnen der alliierten Armee entweder noch mit Hinterlegung der Defileen des Reiherbaches beschäftigt waren oder erst auf den Höhen von Sachsenhausen erschienen. Sowohl diesen

Umständen als auch dem Befehle Herzog Ferdinands, sich auf die Armee zurückzuziehen, entsprechend, hatte der Erbprinz gegen Holderneffe, datiert Sachsenhausen, 18. Juli 1760, haftet die Schuld betreffs des Verlustes der englischen Geschütze auf dem Bataillon Bock, durch welches

dieselben nicht unterstützt wurden, obgleich eine solche Unterstützung bätte ge fchehen können und müffen.

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5 Uhr Nachmittags die weitere rückgängige Bewegung in der besten Ordnung nach den genannten Höhen angetreten. Gleich zeitig hatte indeß auch Broglio die Brig. Navarra, Auvergne und

Orléans nebst 4- bis 500 M. leichter Cavalerie unter Chabo und Viomesnil, sowie als Unterstützung 10 Esc. unter Prinz Camille vorgehen lassen, um den Rückzug der Alliierten zu be schleunigen. Diese Bewegung führte indeß zu keinem erheblichen Resultate, weil, wie oben erwähnt, die alliierte Armee bereits bei Sachsenhausen sich zeigte, die der Franzosen aber erst gegen 6Uhr Abends auf den Höhen von Corbach eintraf, Die Befehle, welche Herzog Ferdinand, behufs der Mitwir kung bei dem Gefechte, an die noch entfernte Armee erließ, fanden am Anfange desselben, sowie bei dem Rückzuge des Prinzen ihre

Ausführung. Schon um 6 Uhr Morgens am 10. Juli traf Ferdinand in eigener Person bei Sachsenhausen ein und überzeugte

sich späterhin von der Nothwendigkeit, für eine etwa eintretende ernstere Situation eine Unterstützung bereit zu halten, soweit dies für den Augenblick möglich war. In dieser Absicht wurden Ge neral Waldgrave mit 2 englischen, 3 braunschweigischen Bat. und

2 Bat. Bergschotten, sowie Prinz Anhalt mit 6 Bat. und die

Abtheilung Gilsa's bei Hundsdorf – nach dem linken Flügel der Armee befehligt. Der Rückzug des Erbprinzen veranlaßte dagegen den Befehl des Herzogs an dieselbe, bis auf die Höhen von Sachsenhausen vorzugehen und die schwere Artillerie vor der Front aufzustellen, um so den weiteren Folgen gewachsen zu sein.

Nach dem officiellen Berichte betrug der Verlust der Alliir ten in dem Gefechte bei Corbach:

an Todten . . . 7 Offiziere, 171 Mann. „ Verwundeten

. 18

„ Gefangenen . . 2

r

449 177

„ „

27 Offiziere, 797 Mann.

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Außerdem verlor man 12 Kanonen, 4 Haubitzen und 30 Munitionswagen ). Herzog Ferdinand bezeigte sämmtlichen Truppen, welche an dem Gefechte Theil genommen, seine volle Zufriedenheit; nament lich fanden die Generale Kielmansegge und Griffin mit den eng lischen Bat. Carr und Brudenel, sowie die Esc. Bland unter

Major Millebanc nebst dem Drag-Regt. Howard eine besondere Anerkennung. 1) Nach den

Tagebüchern

bestand der Verlust der Alliierten aus:

Todten . . . . . . Verwundeten

. . .

.

7 Offiziere, 16

Todten und Verwdt.

. 30 Unteroffiziere,

Todten und Verwdt.

. 644 Soldaten. 697 Mann.

An Geschützen gingen verloren: 9 englische 6Pfdr., 4 hannoversche 6Pfdr., worunter zwei sich befanden, welche durch hessische Artilleristen bedient wurden; 3 hannoversche Regimentsgeschütze, nämlich 2 von Wangenheim und 1 von Bock;

1 braunschweigisches Regimentsgeschütz von Zastrow. Ferner verlor man 13 Munitionswagen und Karren nebst 37Artillerie

Pferden. Der unter den 697 Mann c. enthaltene Verlust der Heffen betrug bei dem Regiment Prinz Carl an Todten 2 Unteroffiz, 10 Soldaten, Verwdt. 2 Offiz. – „ 36 „ Vermißten – „





5

--

2 Offiz., 2 Unteroffiz, 51 Soldaten. Bei dem Regt. Malsburgan Todten . . . . . . 9 Soldaten, Verwdt. 2 Offiz, 3 Unteroffiz-, 25 Soldaten. 2 Offiz, 3 Unteroffiz, 34 Soldaten. ÖBei der schweren Artilleriebrigade unter dem Capitain Eitel an

Verwdt. 1 Offiz, 2 Unteroffiz, 1 Soldat, an Vermißten . . 1 Knecht und 16 Pferde.

An Artillerie c.: – 1 schweres Geschütz, 1 Munitionswagen und 4Karren. Verwundete Offiziere bei Prinz Carl: – Capitain Schreiber und Second lieutenant Graf Seybelsdorf; dieser starb an der Wunde. Verwundete Offiziere bei Malsburg: – Oberst Keppel und Lieut. Egersding.

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Der Verlust der Franzosen betrug an 700 Todte und Ver wundete; unter den letzteren befanden sich die Generale Eptingen

und Waldner. Uebrigens legte man französischer Seits dem Siege einen bei weitem höheren Werth bei, als er wirklich hatte, obgleich Herzog Ferdinand keineswegs gehindert wurde, das Ziel feines Marsches, Sachsenhausen, zu erreichen und daselbst seine Aufstellung zu nehmen resp. sich mit dem aus Westfalen heran ziehenden General Spörken in Verbindung zu setzen, während

auch ohne den Sieg Broglio's,dessen Vereinigung mit St. Germain stattgefunden haben würde ). Am Abende des 10. Juli stand die alliierte Armee in

Schlachtordnung zwischen Höringhausen und dem südwestlich von Sachsenhausen befindlichen Wartthurme, vor der Front das Thal der Werba und in der linken Flanke das des Reiherbaches). Die Armee bivouakirte; ihr Hauptquartier war in Sachsenhausen. Auch die französische Armee stand am Abende des 10. Juli vereinigt bei Corbach und bivouakirte die Nacht hindurch auf dem Schlachtfelde; die Reservetruppen unter St. Germain nahmen Stellung bei Berndorf in der linken Flanke der Armee. –

Betrachtungen über die Operationen der alliierten nnd der

französischen Armee, vom 26. Juni bis zum 10. Juli, fowie über das Gefecht bei Corbach am 10. Juli.

Wenn gleichHerzogFerdinand mit dem Aufgeben der Stellung an der Ohm sich in seiner Hoffnung, Heffen auf längere Zeit der Invasion der Franzosen zu entziehen, getäuscht fah, so war

doch die Stellung an der Schwalm ganz geeignet, den Zeitpunkt zu vertagen, an welchem das schwergeprüfte Land abermals der Willkür des Feindes Preis gegeben wurde. Zunächst knüpfte sich die Erreichung jenes Zweckes an die angemessene Disposition der 1) S. Tempelhof c., 4 Bd., S. 108.

2) S. die Terrainbeschreibung: – östlicher Abschnitt.

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alliierten Streitkräfte, welche nicht nur den Unterhalt der Armee sicherte, sondern auch in der Concentration der Truppentheile das bedeutsamste Mittel gewährte, auf dem kürzesten Wege nach allen Richtungen dem Feinde entgegen zu treten.

Die Stellung hinter der Schwalm war, an sich betrachtet, eine vortreffliche Manoeuvrestellung, indem sie gleichmäßig die Zwecke einer Defensiv- und Offensiv-Stellung in sich vereinigte. Namentlich gewährte sie den Alliierten die Befähigung, nach jeder Seite hin den feindlichen Bewegungen zuvor zu kommen, ferner der anerkannten numerischen Ueberlegenheit der französischen Armee auszuweichen und dennoch Mittel zum angriffsweisen Verfahren sich zu bewahren, und endlich den sehr bedeutsamen Vortheil, un gehindert Verstärkungen an sich zu ziehen, während der Rücken der Armee durch General Spörken durchaus gesichert erschien.

Die Absicht Broglio's, Herzog Ferdinand von Lippstadt und dem Corps Spörken's abzuschneiden und mittelst der entsprechen

den Seitenbewegungen die Alliierten zum Verlassen ihrer Stellung an der Schwalm zu nöthigen,– wurde bedingt durch die Marsch

richtung St. Germain's, welche, zur Vereinigung dieses Generals mit Broglio führend, der französischen Armee doch nicht die freie

Verbindung mit ihrer Operationsbasis, dem Main, benahm. Diese Vortheile wurden von dem französischen Feldherrn ohne allen Zweifel sehr geschickt benutzt, indem er in der Richtung von Frankenberg allmälig bedeutende Truppentheile vorschob, die Aufmerksamkeit Ferdinand's aber auch zugleich auf andere Punkte zu lenken suchte. Die angemessene Combination der resp.Märsche, die Thätigkeit der leichten Truppen, das längere Zeit dauernde unverrückte Festhalten der Stellung bei Neustadt und endlich die Anordnungen. Broglio"s selbst bei dem Abmarsche aus dieser Stellung: – Alles dies war sehr geeignet, selbst einen so wach samen Gegner, als Ferdinand, mehrere Stunden lang in Unge

wißheit über die Entfernung der französischen Armee aus der zeit herigen Stellung zu erhalten.

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Ferdinand, als der an Streitkräften schwächere Theil, konnte bei der Flankenbewegung Broglio"s gegen Frankenberg wohl nichts Besseres thun, als durch den Marsch nach Wildungen sich die Beobachtung des Feindes zu sichern, zumal auf dem kürzesten

Wege, der ihm (Ferdinand) die Communicationen mit Caffel und seinen übrigen Verpflegungspunkten offen ließ. Nächstdem wurde der Marsch nach Wildungen durch die AnnäherungSpörken’s von Westfalen hergeboten, dessen Vereinigung mitder Armee Ferdinand's

immerhin von nicht unbeträchtlichen, namentlich moralischen Ein fluffe begleitet sein mußte, wenn gleich auch St. Germain die Ueberlegenheit der französischen Armee noch bedeutender zu machen im Begriffe stand.

Wenn HerzogFerdinand an den genannten Marsch und dessen Fortsetzung nach Sachsenhausen etwa die Hoffnung knüpfte, St. Germain, vor der Ankunft Broglio"s bei Corbach, zu schlagen, so war dazu einige Aussicht vorhanden; wenigstens kann die zeitige Aufstellung Luckner's zwischen Strote und Corbach, in Beziehung gesetzt zu dem raschen Vordringen der Corps unter Kielmansegge und Oheim in der Richtung zu dieser Aufstellung, zu der Annahme berechtigen: als handelte es sich hier nicht allein um die Deckung des Aufmarsches der alliierten Armee bei Sachsenhausen. Marschall Broglio"s Marsch nach Frankenberg und der dort stattgefundene Uebergang über die Edder waren zwei erfolgreiche Bewegungen, indem dadurch der Einfluß der Stellungen hinter

der Schwalm bei Ziegenhain und hinter der Edder bei Fritzlar aufgehoben wurde. Broglio hatte bei diesen Vortheilen ein Vor gehen. Ferdinand's auf der von Caffel nach Marburg führenden

Heerstraße, – welches etwa eine (Broglio's) Rückzugslinie be drohen konnte – um so weniger zu fürchten, als die mindere Stärke der alliierten Armee die Entsendung eines bedeutenderen Truppentheiles verbot, dann aber auch bei einer solchen Entsendung die Deckung Caffel's um so zweifelhafter erscheinen mußte. Dem mächtigeren Feinde gegenüber Zeit zu gewinnen, damit



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die eigenen Kräfte zu ſchonen, ohne auf eine energiſche Offenſive Verzicht zu leiſten, wenn Gelegenheit ſich hierzu bieten würde; ferner ſeinen Gegner zu ermüden; bei ihm mittelſt angemeſſener Stellungen Bedenken betreffs eines Angriffes hervorzurufen und endlich ſo zu manoeuvriren, daß in möglichſt kurzer Zeit eine Concentration der Streitkräfte ſtattzufinden vermochte, um die feindlichen Blößen raſch und entſchieden zu benutzen: – das ſchien

Herzog Ferdinand ſich zum Geſetz gemacht zu haben. Anders bei Broglio. Dieſer, obwohl keineswegs die Vortheile einer Concen tration der Kräfte verkennend, neigte ſich, in Folge ſeiner Ueber macht, zur Zerſtreuung ſeiner Truppen, – und wohl auch aus dem Grunde, weil die Verpflegung derſelben zwingende Forderungen

ſtellte, welche bei Ferdinand in nicht ſo hohem Grade auftraten. Jene Forderungen, namentlich verbunden mit dem aus mehrfachen Urſachen entſpringenden Unwillen Broglio's, einem ihm nicht zu

ſagenden Operationsplane folgen zu müſſen!), waren ganz geeignet, einen etwas ſchleppenden Gang in den Bewegungen der franzöſiſchen Armee hervorzurufen, der nur in ſeltenen Fällen ſich mit einer thatkräftigen Offenſive vereinbaren ließ. Aus derſelben Quelle entwickelte ſich auch die Scheu Broglio's vor entſcheidenden Schritten,

ſelbſt zu einer Zeit, wo ihm durch die Vereinigung mit St. Ger main überreiche Mittel geboten wurden, den Alliirten zu Leibe zu gehen. -

Wie unſere Ausführung beſagt, ſo befanden ſich, kurz vor dem Gefechte bei Corbach, Herzog Ferdinand und Marſchall

Broglio beinahe in ganz gleicher Lage. Die Truppentheile beider Gegner ſahen ſich, getrennt durch mehr oder weniger große Zwiſchen räume, auf dem Marſche zu einem gemeinſamen Objecte (Corbach); beide gingen einer Vereinigung mit bis dahin getrennten Armee Abtheilungen entgegen und beide ſuchten, ſich gleichſam den Rang

ablaufend, eine Entſcheidung des Gefechtes herbeizuführen, bevor 1) S. im neunten Abſchnitt: – „Feldzugsplan für die franzöſiſche Armee.“

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der Gegner im Stande war, seine Gesammtkräfte daran Theil nehmen zu laffen. Diese Grundverhältniffe drückten dem Gefechte bei Corbach einen besonderen Character auf, dessen hervorstechend fter Zug darin besteht, daß die beiderseitig kommandierenden Generale zum raschen Improvisieren ihrer Maßregeln genöthigt wurden, ohne einen gerade gründlichen Blick in die Terrainver

hältniffe, in die Stellung und – so weit dies möglich –auf die Absicht des resp. Gegners vorausgehen zu lassen. Mit der Zunahme der Verstärkungen auf beiden Seiten änderten sich natürlich auch Stellung und Absicht im engeren Sinne des Wortes, d. h. wenn vordem die Absicht nur im All gemeinen auf die Vertreibung des Gegners gerichtet war, um den nachfolgenden Armeen Raum beziehungsweise Gelegenheit zur Ver bindung mit den zeither getrennten Corps St. Germain's und Spörken's zu gewinnen, so handelte es sich nach der Verstärkung

der Kämpfenden um ein Behaupten der jeweiligen Stellung, also um ein Ausbeuten der Terrainvortheile, um ein specielles Ver werthen der Gunst des Augenblickes. Das Gefecht bei Corbach, so bedeutsam auch immerhin die gegenseitigen Streitkräfte waren, gehört dennoch nicht in die Klaffe

der selbstständigen Gefechte. Es war ein Avantgarden-Gefecht im

größeren Maßstabe, das aber eine Beendigung fand, noch bevor die beiderseitigen Armeen auf dem Kampfplatze anzukommen ver mochten.

Die Entscheidung blieb daher auch ohne wesentliche,

d. h. weiterhin wirkende, Folgen, weil der Sieger fürchten mußte, bei der Verfolgung Einbuße zu erleiden, zumal da die Armee Ferdinands bereits schon Anstalten getroffen hatte, eben der Ver folgung Einhalt zu gebieten.

Beide Gegner sahen sich durch das Gefecht bei Corbach ganz in das frühere Verhältniß der gegenseitigen Beobachtung zurück versetzt, – zum Theil wohl ein Beweis, daß auf keiner Seite ein moralisches Uebergewicht stattfand; wenn gleich hier ausdrück lich erwähnt werden muß, daß Broglio fich, nach der Vereinigung



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mit St. Germain, absichtlich anf einige Zeit aller ferneren Be

wegungen enthielt, um eine sichere Verbindung mit dem Rhein herzustellen und für Anlegung von Magazinen zu sorgen.

Die Vorgänge in und bei den Lägern von Sachsenhaufen und Corbach, vom 11. bis zum 14. Juli

Die nächsten Anordnungen Herzog Ferdinands waren nach dem Gefechte bei Corbach auf die Sicherstellung des Lagers bei Sachsenhausen gerichtet, woselbst sich die Abtheiluugen Oheim's, Waldgraves und Griffins sowie Kielmansegges und des Prinzen von Anhalt am 11. Juli der Armee anschloffen.

Längs der Front des Lagers wurden Fleschen für Batterien aufgeworfen, welche namentlich östlich von Höringhausen und Allraf (Alraf etwas über 1%, M. w. v. Sachsenhausen und 1 M. f-ö. v. Corbach), als den Hauptzugängen zum Lager, sich erhoben. Daffelbe stand indeß auch noch mit anderen Punkten in Verbin dung, welche, zum Schutze der Flanken des Lagers und zur

Sicherung der Ankunft Spörken’s, mit Abtheilungen besetzt wurden. Dieser General war durch den Abmarsch St. Germain's in der

Richtung von Arnsberg c. nach Corbach veranlaßt worden, ebenwohl einen Marsch nach Heffen zm richten, um sich womöglich mit der Armee unter Ferdinand zu vereinigen. Wir wissen bereits, daß Spörken am 28. Juni von Dülmen bisLünen vor gerückt war, als St. Germain den Befehl von Broglio erhielt, von Dortmund aufzubrechen c. Es war am 7. Juli, als Spörken in Verfolgung der oben

erwähnten Absicht nach Hamm marschierte, am 10. Juli von da den Marsch nach Soest resp. Anrüchte, am 11. nach Büren, am 12. nach Stadtberge, am 13. Juli endlich in das Lager bei

Landau fortsetzte. Uebrigens hatte Spörken ein Bataillon des 3. hessischen Garderegiments bei Lippstadt stehen lassen, das 2. Bat. aber der nach Minden abgegangenen sämmtlichen „Bagage

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als Escorte mitgegeben. Dieses Bat. kehrte hierauf nach Lipp stadt zurück und marschierte nebst dem 1. Bat. nach Münster.

General Luckner war bereits in der Nacht vom 10. zum 11. Juli mit seinen Husaren und den 3 hessischen Gren-Bat. Stirn, Balke und Schlotheim nach Landau detachirt worden und stand

durch einen aus drei hannoverschen Gren.-Bat. unter Ge neral Dreves gebildeten Zwischenposten in Verbindung mit der Armee. Diese selbst formierte sich am 11. Juli in 3 Treffen, von denen die beiden ersten aus Infanterie bestanden, das dritte

Treffen die Cavalerie zählte und ein viertes Treffen durch das Corps Kielmansegge's gebildet wurde. Uebrigens erlitt dieses Corps einen Abgang durch die Cav.- Regtr. Waldhausen und

Leibregiment, mit welchen am 11. Juli die Abtheilung Luckner's verstärkt wurde. Derselbe besetzte gegen Abend, da man von der

bevorstehenden Ankunft Spörken’s unterrichtet war, die Päffe resp. Hohlwege bei Stadtberge und Warburg; sowie denn um dieselbe Zeit ein Stabsoffizier nebst 300 M. nach den beiden Dörfern Ober- und Nieder-Waroldern zur Deckung der rechten Flanke

des Lagers bei Sachsenhausen detachirt wurde. Ein zweites Detachement in derselben Stärke nebst einem Geschütz ging nach Schloß Waldeck; ein drittes, aus einer Abtheilung von 700 M. braunschweigischer Jäger und Husaren bestehend, nach dem Ein gange des Waldes bei Basdorf (Basdorf, 14. M. f-w. von Sachsenhausen) jenseits der Werba ab, – beide Detachements zur Deckung der linken Flanke des Lagers. Am 12. Juli veranlaßte die nahe Vereinigung mit dem

Corps Spörken's den Abmarsch des hessischen Obersten v. d. Malsburg mit seinem Regimente und dem Bataillon Wangen

heim nach denHöhen von Nieder-Waroldern. Schon am nächsten Tage, als Spörken beiLandau eintraf, trat die Abtheilung Mals burgs zu dem Corps von Kielmansegge, welches sich, als Haupt verbindung zwischen Spörken und der Armee, bei Deringhausen (Deringhausen, 4. M. n. v. Sachsenhausen) aufstellte und weiter

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hin die zeither bei Luckner gestandenen 3 hessischen Gren.-Bat, die Caval-Regtr. Waldhausen und Leibregiment an sich zog. Das Corps Kielmansegge's bestand nun aus 15 Bat."), 10 Esc., 6 6Pfdr. und 4 Haubitzen, während das Corps Spörken's bei Landau 18 Bat., 18 Esc., die hessischen Husaren, die Légion britannique, die bückeburgischen Carabiniers und ein Detachement vom Scheither'schen Corps sowie 22 Geschütze zählte.

Dadurch, daß St. Germain auf Befehl Broglio"s keine Truppen in Westfalen zurückgelassen hatte, war der französischen Armee eine noch entschiedenere Ueberlegenheit verschafft worden, als es früher der Fall war. Broglio verfügte jetzt über 140

Bat. und 160 Esc., von denen freilich noch ein nicht unbeträcht licher Theil unter Blaisel in Frankenau, und Glaubitz in der Gegend von Amöneburg detachirt war.

Der Graf von der Lausitz hatte inzwischen von Rauschen berg aus ebenwohl das französische Lager bei Corbach erreicht,

welches sich von hier in südöstlicher Richtung zwischen der Meierei Lauterbach und dem Dorfe Marienhagen bis nachVöhle (Lauter bach, */ M., Marienhagen, "/ M., Vöhle, 1% M. j.-ö. von Corbach) erstreckte und hier in der Aufstellung des genannten Grafen einen rechten Flügel fand. Die Thätigkeit der Truppen des letzteren bewährte sich am 12. Juli, indem zwei Regimenter Freiwillige unter Grand-Maison die bei Basdorf stehende leichte Truppenabtheilung vertrieb und zur Flucht über die Werba, ohn weit deren Mündung in die Edder, nöthigte. Die Braunschweiger verloren hierbei einige dreißig M. an Todten und Verwundeten, sowie mehrere Gefangene. Die Bewegungen der Franzosen, welche mit dem 14. Juli erfolgten, deuteten klar auf die Absicht Broglio's, die Alliierten auf

ihrer rechten Flanke zu umgehen. So wurde St. Germain über 1) Die Bat. Pleffe, Reden nnd Wangenheim, deren Verlust in dem Gefechte beiCorbach ein beträchtlicher gewesen, wurden durch die Bat. Halber stadt, Dreves und Schulenburg ersetzt.

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Vasbeck nach Kanstein detachirt, während gleichzeitig die Garde brig, die Brig. Royal-Suédois, die Grenadiere von Frankreich und die Carabiniers zwischen Berndorf und Mühlhausen (Vasbeck, 1“% M., Kanstein, 1'4 M., Mühlhausen, 7% M. n.-8. v. Cor bach) ihr Lager aufschlugen. Unter solchen Anzeichen,die gleichehr auf einen Marsch gegen Lippstadt neben Besitznahme von Stadt berge vielleicht auch von Warburg, sowie auf einen Angriff

Spörken’s beiLandau zielten, – erhielt dieser den Befehl, in den resp. Fällen sich durch Kielmansegge bei Waroldern unterstützen zu laffen. Der letztere sollte dann durch General Wangenheim daselbst ersetzt werden, damit fortwährend der tiefe Grund bewacht bliebe, welcher den westlichen steilen Abfall des mehrgenannten

langgestreckten Höhenzuges östlich und nordöstlich von Höringhausen begrenzt und zur rechten Flanke des Lagers bei Sachsenhausen führte. General Wangenheim erhielt zujenem Zwecke den hessischen General Oheim nebst den hannoverschen Bat. Spörken, Wangen heim, Pleffe, Reden, Hardenberg, den hessischen Regtr. Wutginau (2 Bat), Gilsa (2 Bat.), den braunschweigischen Regtr. Zastrow und Behr, den hannoverschen Cav.-Regtr. Jüngermann, Veltheim, den hessischen Cav.-Regtr.Gensdarmes (2 Esc.) und Leibdragoner (4 Esc.), im Ganzen 13 Bat. und 10 Esc. zugewiesen. Ebenwohl am 14. Juli mußte General Luckner seinen zeit herigen Posten bei Stadtberge, welcher nun mit 300 M. vom Spörkenschen Corps besetzt wurde, verlaffen, dagegen aber nach Obernurf marschieren, um den Feind zwischen Edder und Schwalm zu beobachten, während ein Gleiches durch Theile des Stockhausen fchen Corps, der Abtheilungen der Majore Friedrichs und Trüm

bach und der preußischen Husaren bei Haina und in dem Burg walde bei Frankenberg geschah. Die Kunde von der Detachirung dieser Truppen veranlaßte Broglio, noch am Vormittage den Grafen Stainville mit einer Verstärkung abzusenden, um den

Befehl über die beiFrankenau unter Blaisel und die in der Gegend von Kirchhain unter Glaubitz stehenden Abtheilungen zu über

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nehmen. Nächstdem erhielt der letztere den Befehl, nach den Höhen von Jesberg zu marschieren, hier sich mit Blaisel resp. Stain ville zu vereinigen, um fo, etwa 8- bis 9000 M. stark, die Ver

bindung mit Marburg zu sichern und die Eddergegend zu behaupten. Das Gefecht resp. der Ueberfall bei Emsdorf resp. Erksdorf, am 16. Juli.

Die Bewegungen St. Germain's nach Kanstein hatten, wie bereits oben erwähnt, bei Ferdinand nicht unbegründete Be

sorgnisse betreffs der Umgehung einer rechten Flanke hervorge rufen. Sollte eine solche Umgehung dem Feinde gelingen, so erhob sich bei dem Herzoge eine zweite Befürchtung, nämlich: – sich nach Caffel znrückziehen zu müffen und dadurch eine den Ver hältniffen des hessischen Landes sehr ungünstige Wendung herbei zuführen. Der Abmarsch Stainville's sowie der an Glaubitz

erlassene Befehl, von welchen resp. Vorgängen Ferdinand zeitig Kenntniß bekommen hatte, dann aber auch dessen Absicht: auf dem linken Flügel zu operieren, um die Aufmerksamkeit des Feindes von den bedrohlichen Verhältniffen auf dem rechten Flügel der Alliierten abzulenken, – ließen Ferdinand den Entschluß faffen, den Erbprinzen nach der bedrohten Gegend zwischen Edder und Schwalm vorrücken zu lassen. Die Truppen, welche man zu dem Ende unter den Befehl des Erbprinzen stellte, bestanden unter

den Generalmajors Behr und Bischhausen (Heffe) aus den han noverschen Bat. Behr und Marschall, den hessischen Inf-Regtr. Mansbach und 2. Garde, 3 Esc. Elliot, demHuf-Regt.Luckner's und den Jägern Freytag's (200M.); ihr Zweck aber war: das aus den Inf-Regtr. Royal-Bavière und Anhalt (5 Bat) und dem Huf-Regt. Berchiny bestehende Detachement unter General major Glaubitz zu schlagen, nach Marburg vorzurücken und die dortige Feldbäckerei zu zerstören. General Glaubitz hatte am 15. Juli in Ausführung des ihm zugekommenen Befehles bereits ein Lager bei Waffenberg be

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zogen. Dagegen waren die 6 Bat. des Erbprinzen am 14. Juli nach Fritzlar aufgebrochen, woselbst sich am Abende desselben Tages der Commandierende einfand und den Befehl übernahm. Mit Anbruch des Tages am 15. Juli setzte sich der Marsch des Prinzen bis Zwesten fort, wo sich während eines kurzen Aufent haltes General Luckner mit feinem Husaren-Regimente und das eben erst aus England eingetroffene leichte Drag.-Regt. Clliot (3 Esc) mit jener Infanterie vereinigten, dann aber jammt dieser nach Treysa marschierten. Die Ermüdung der Truppen war bei

der Ankunft daselbst am Abende des 15. Juli zu bedeutend), um an den Weitermarsch denken zu können; weßhalb man während der Nacht in Treysa verblieb und erst am nächsten Morgen die

Marschrichtung nach Speckswinkel nahm, wobei die Abtheilung des Erbprinzen durch das mehrfach durchschnittene und bewaldete Gelände nicht wenig gegen eine etwaige frühzeitige Entdeckung gesichert wurde.

General Glaubitz hatte indeß schon am Abende des 15. Juli sein Lager von Wasenberg nach Emsdorf (Emsdorf, bein. 1 M. n.-ö. v. Kirchhain, */ M. w. v. Speckswinkel, nicht ganz / M. n-w. v. Erksdorf) verlegt; die Jäger unter Major Friedrichs aber sowie auch Oberst Freytag mit seiner Jägerbrigade waren,

noch vor dem Abmarsche des Prinzen von Treysa, nach Speck winkel gerückt und erwarteten hier die am 16. Juli um 11 Uhr Vormittags eintreffende Infanterie und Cavalerie desselben. Die Gegend von Emsdorf und Erksdorf ist flach, wellen förmig und bildet ein weites von bewaldeten Bergen eingeschlos jenes Thal, welches nach verschiedenen Seiten hin von Hohlwegen durchschnitten wird. Von Speckswinkel aus scheidet das ziemlich tief eingeschnittene Thal des westwärts zur Wohra (Zufluß rechts der Ohm) fließenden Hatzbaches den nördlichen Waldbezirk von 1) Mehr als 15 Soldaten verschmachteten aufdem Marsche und blieben todt auf der Stelle. Die Ursache hierzu lag bei dem 3%–4 Meilen be

tragenden Marsche in der bedeutenden Sonnenhitze. Renouard Gesch. II. Bd.

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der Gegend bei Erksdorf, während sich südlich oder links dieses Baches und dicht bei Emsdorf eine bis zur Wohra reichende Waldstrecke um den letzteren Ort im Westen zieht und südlich desselben bis Langenstein seine Fortsetzungfindet. Zwischen Specks

winkel und Erksdorf in der kürzesten Entfernung ist offenes Land, doch breiten sich Gehölze nordöstlich von diesem Dorfe aus, welche mit den westlich von Neustadt gelegenen Wäldern in Verbindung stehen und eine verdeckte Annäherung von Speckwinkel aus an Erksdorf gestatten.

Glaubitz lehnte den linken Flügel seines Lagers an die bei Emsdorf befindliche Waldstrecke, während Erksdorf den rechten Flügel vorwärts in der Richtung des Hatzbaches resp. des Ortes Speckswinkel deckte.

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Auf diese Verhältniffe und die oben geschilderte Beschaffen heit des Terrains gründete der Erbprinz die Disposition zum An griffe, indem er 5 Bat. (Marschall, 2 von Mansbach und 2 der 2. Garde) sowie die Jäger zu Fuß und eine Brig. zu Pferd zur Avantgarde bestimmte, die Cavalerie aber und das hannoversche Bat. Behr in dem Grunde von Speckswinkel aufstellte. Den weiteren Bestimmungen der Disposition gemäß stellte sich der Erbprinz an die Spitze der Avantgarde und suchte die linke Flanke des Feindes zu gewinnen. Zu diesem Zwecke schlug man die Richtung von Speckswinkel durch die Wälder nördlich des Hatzbaches ein, überschritt dann zwischen Wolferode und dem Dorfe HatzbachdenHatzbach,wendete sichhieraufdurchden Wald nach Burgholz und endlich nach Emsdorf. (Wolferode / M. n.-w,

Hatzbach , M. u. Burgholz 1 M. w. v. Speckswinkel). Der Feind, dessen Sicherheitsmaßregeln nur in einigen Piquets bestanden, hatte keine Ahnung von