Geschichte ein Gesicht geben - Gedenkstätte Breitenau

Geschichte ein Gesicht geben - Gedenkstätte Breitenau

Geschichte ein Gesicht geben von Nora Wohlfahrt Anfang November 2007 war Halina Birenbaum (Israel) auf Einladung der Gedenkstätte Breitenau zu mehrer...

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Geschichte ein Gesicht geben von Nora Wohlfahrt

Anfang November 2007 war Halina Birenbaum (Israel) auf Einladung der Gedenkstätte Breitenau zu mehreren Zeitzeugengesprächen in Nordhessen. Am 09. November sprach sie dabei in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule vor Schülern der Oberstufe über ihren Kampf ums Überleben in den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz und Ravensbrück. Nora Wohlfahrt hielt dabei, auf Anregung von Wolfgang Matthäus (Lehrer an der A-A-S), eine sehr bemerkenswerte Einführungsrede, in der sie ihre Sicht als junge Erwachsene zu Fragen des Erinnerns und Gedenkens aufzeigte. Nora Wohlfahrt war ehemals Schülerin der AlbertSchweitzer-Schule und zur Zeit der Veranstaltung Praktikantin in der Gedenkstätte des FrauenKonzentrationslagers Ravensbrück. (Horst Krause-Willenberg)

Mit dieser Veranstaltung am Jahrestag der sogenannten „Reichskristallnacht“ sollen nicht nur Informationen über das Dritte Reich und den Mord an den europäischen Juden vermittelt werden. Es gilt auch, sich an die Opfer zu erinnern und ihrer zu gedenken. Erinnern und Gedenken. Mit diesem Wortpaar verbindet man oft Kranzniederlegungen und lange Reden. Rituale also, die hier in der Bundesrepublik ein Teil des ganz normalen politischen Geschehens sind. Heute, so lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs, erscheinen viele dieser Rituale eher mechanisch, wenn nicht sogar sinnlos zu sein. Geschichte ist doch vorbei, was geht uns das an, fragen sich viele. Die Frage ergibt sich nur, wenn man Geschichte auf das reduziert, was sie in Schulbüchern oder Wikipedia zu sein scheint: zwangsläufig und unabänderlich so geschehen, wie sie geschehen ist. Vielleicht ergibt es sogar Sinn, wenn man über Geschichte liest, und dann das eine zum anderen führt, scheinbar so ganz vorherbestimmt. Aber Geschichte, das sind immer die Geschichten von handelnden Menschen und nicht nur eine chronologische Abfolge von Ereignissen. Also auch von Personen, die sich – zum Beispiel während der Reichspogromnacht -, dazu entschieden haben, sich an der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von u.a. Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Andersdenkenden zu beteiligen. Und wenn man diese einzelnen Entscheidungen betrachtet, ergibt Geschichte nicht mehr so einfach Sinn und stellt sich eben nicht mehr als so vorherbestimmt und zwangsläufig dar. Doch genau die handelnden Personen, die ihren Handlungsspielraum so unterschiedlich genutzt haben, verschwinden manchmal, wenn von Geschichte die Rede ist. Geschichte sind aber nicht nur einige hauptverantwortliche wie Hitler, Goebbels, Himmler und die angeblich nur verführten Deutschen, denen große Zahlen anonymer Opfer gegenüberstanden. Sie ist auch die Geschichte der Frauen, die sich in Ravensbrück ganz freiwillig um einen Posten als KZ-Aufseherin beworben haben und die unzähliger anderer Täter. Sie ist auch die Geschichte von Halina Birenbaum, die als junges Mädchen als Häftling nach Ravensbrück kam. Hinter ihr lagen das Warschauer Ghetto, das Konzentrationslager Majdanek in Lublin und Auschwitz Birkenau. Vor ihr Neustadt-Glewe, ein Außenlager von Ravensbrück. Und sie berichtet in ihrer Biographie viel von Handlungsspielräumen. Zunächst auf Seiten der Täter, aber sie berichtet auch von geschickten Entscheidungen ihrer Mutter. Durch ihr Geschick konnte sie die Familie im Ghetto lange vor der Deportation bewahren. Ich finde es sehr wichtig, sich diese Handlungsspielräume immer wieder zu verdeutlichen und nicht zu vergessen, dass sie auch auf Seiten der Opfer genutzt wurden. Aktiv handeln konnten nicht nur die Täter. 46

Insofern bedeutet Gedenken und Erinnern auch, der Geschichte ein Gesicht zu geben, uns klarzumachen, dass Menschen gehandelt haben. Und damit meine ich eben nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer. Deren Handlungsspielraum aber war auf ein Minimum reduziert, und ihre Entscheidungen mussten sie fällen in einer von den Nazis pervertierten Umgebung. Aber auch auf der Seite der Opfer handelte jeder Einzelne und gestaltete sein Schicksal, so weit das irgend möglich war. Das sollten wir nicht vergessen. Es ließen sich viele Fragen aufwerfen über Erinnern und Gedenken, und es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen, wie es geschehen soll und was man damit bezweckt. Für mich zeigt diese Veranstaltung heute eine der möglichen Funktionen. Nämlich die Geschichte aus den Geschichtsbüchern und Archiven und Bibliotheken rauszuholen. Sie ist nämlich nicht nur Brötchengeber für Historiker und Geschichtslehrer, sondern auch unsere Geschichte, wenn sie immer wieder und hier ganz besonders die Frage stellt, wozu Menschen in der Lage sein können – auf der einen oder anderen Seite [im negativen, wie im positivem Sinne]. Es geht auch um unsere eigenen Fragen. Gedenken ist eben kein Ritual, das man passiv über sich ergehen lässt, sondern eine aktive Aneignung von Geschichte durch jeden Einzelnen und jede Einzelne. Ich bin froh, dass Halina Birenbaum uns ihre persönliche Geschichte erzählt. Bitte nutzt die Gelegenheit, ihr Fragen zu stellen, die Euch bewegen. Als Konsequenz aus ihren Erlebnissen hat sie sich dafür entschieden, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen, und vor dieser Entscheidung habe ich großen Respekt. Sie kann uns heute berichten, während die meisten Opfer dies nicht konnten. Sie selber sagt, dass das Böse erkundet werden müsse, auch wenn es uns schwer fällt und wir kaum Worte finden. Das sei aber kein Grund aufzugeben. Nicht nur schweigt sie nicht von der Vergangenheit. Halina Birenbaum ist heute aktiv für die christlichjüdische, bzw. polnisch-jüdische Versöhnung, und wurde dafür auch vom polnischen Staat ausgezeichnet. Und natürlich trägt sie mit Veranstaltungen wie dieser hier auch zur jüdischdeutschen Versöhnung bei. Ich darf an dieser Stelle noch einmal Halina Birenbaum für ihre Gesprächsbereitschaft danken und übergebe jetzt das Wort an sie.

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