Gewalt und Gesellschaft - OPUS Würzburg - Universität Würzburg

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Link/Peter-Röcher (Hrsg.) · Gewalt und Gesellschaft Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie Band 259 Aus dem Lehrstuhl für Vor- und...

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Link/Peter-Röcher (Hrsg.) · Gewalt und Gesellschaft

Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie Band 259

Aus dem Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Würzburg

2014 Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn

Gewalt und Gesellschaft

Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit

Violence and Society Dimensions of violence in pre- and protohistoric times

Internationale Tagung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg 14. – 16. März 2013 herausgegeben von

Thomas Link und Heidi Peter-Röcher

2014 Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn

Gefördert durch die

Redaktion: Marcel Honeck, Thomas Link, Heidi Peter-Röcher Satz und Layout: Marcel Honeck, Thomas Link ISBN 978-3-7749-3929-5 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detailliertere bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. Copyright 2014 by Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn

Mit Genehmigung des Verlags wird dieses Buch bereitgestellt vom OnlinePublikationsservice der Universität Würzburg. URN: urn:nbn:de:bvb:20-opus-125205.

VORWORT DER HERAUSGEBER

Die Reihe „Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie“ soll einem in der jüngeren Vergangenheit entstandenen Bedürfnis Rechnung tragen, nämlich Examensarbeiten und andere Forschungsleistungen vornehmlich jüngerer Wissenschaftler in die Öffentlichkeit zu tragen. Die etablierten Reihen und Zeitschriften des Faches reichen längst nicht mehr aus, die vorhandenen Manuskripte aufzunehmen. Die Universitäten sind deshalb aufgerufen, Abhilfe zu schaffen. Einige von ihnen haben mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln unter zumeist tatkräftigem Handanlegen der Autoren die vorliegende Reihe begründet. Thematisch soll darin die ganze Breite des Faches vom Paläolithikum bis zur Archäologie der Neuzeit ihren Platz finden.

Ursprünglich hatten sich fünf Universitätsinstitute in Deutschland zur Herausgabe der Reihe zusammengefunden, der Kreis ist inzwischen größer geworden. Er lädt alle interessierten Professoren und Dozenten ein, als Mitherausgeber tätig zu werden und Arbeiten aus ihrem Bereich der Reihe zukommen zu lassen. Für die einzelnen Bände zeichnen jeweils die Autoren und Institute ihrer Herkunft, die im Titel deutlich gekennzeichnet sind, verantwortlich. Sie erstellen Satz, Umbruch und einen Ausdruck. Bei gleicher Anordnung des Umschlages haben die verschiedenen beteiligten Universitäten jeweils eine spezifische Farbe. Finanzierung und Druck erfolgen entweder durch sie selbst oder durch den Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, der in jedem Fall den Vertrieb der Bände sichert.

Herausgeber sind derzeit: Kurt Alt (Mainz) Nikolaus Boroffka (Berlin) Peter Breunig (Frankfurt am Main) Philippe Della Casa (Zürich) Manfred K.H. Eggert (Tübingen) Clemens Eibner (Heidelberg) Frank Falkenstein (Würzburg) Ralf Gleser (Münster) Bernhard Hänsel (Berlin) Alfred Haffner (Kiel) Albert Hafner (Bern) Svend Hansen (Berlin) Ole Harck (Kiel) Joachim Henning (Frankfurt am Main) Christian Jeunesse (Strasbourg) Albrecht Jockenhövel (Münster) Tobias L. Kienlin (Köln) Rüdiger Krause (Frankfurt am Main) Klára Kuzmová (Trnava) Amei Lang (München) Andreas Lippert (Wien) Jens Lüning (Frankfurt am Main)

Joseph Maran (Heidelberg) Carola Metzner-Nebelsick (München) Johannes Müller (Kiel) Ulrich Müller (Kiel) Michael Müller-Wille (Kiel) Mária Novotná (Trnava) Bernd Päffgen (München) Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg) Christopher Pare (Mainz) Hermann Parzinger (Berlin) Heidi Peter-Röcher (Würzburg) Britta Ramminger (Hamburg) Jürgen Richter (Köln) Sabine Rieckhoff (Leipzig) Wolfram Schier (Berlin) Thomas Stöllner (Bochum) Biba Teržan (Berlin) Gerhard Tomedi (Innsbruck) Ulrich Veit (Leipzig) Karl-Heinz Willroth (Göttingen) Andreas Zimmermann (Köln)

Inhalt – Contents Gewalt und Gesellschaft – Tagungsprogramm Violence and Society – Conference Programme Thomas Link und Heidi Peter-Röcher Gewalt und Gesellschaft – Einführung und Ausblick Violence and Society – Introduction and Prospects

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Allgemeine Beiträge Ulrich Veit Gewalt-Erzählungen: Überlegungen zum aktuellen Gewalt-Diskurs in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie Narratives of Violence: Reflections on the Current Discourse on Violence in Prehistoric Archaeology

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Joachim Wahl Vom Trauma zur Traumatisierung zur Täter-Opfer-Geometrie – Spuren von Gewalteinwirkung an menschlichen Skelettresten und ihre Deutung From Trauma to Traumatisation to the Offender-victim Geometry – Traces of Violence on Human Skeletal Remains and their Interpretation

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Heidi Peter-Röcher Gewalt und Gesellschaft: Sesshaftwerdung, „Staatsentstehung“ und die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Gewalt Violence and Society: Sedentarization, “State Formation” and the Various Dimensions of Violence

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Wolf-Rüdiger Teegen Tierquälerei – oder ...? Gewalt gegen Haustiere im archäologischen Befund – Ein methodischer Beitrag Cruelty to Animals – or...? Violence against Domestic Animals in the Archaeological Record – A Methodological Contribution

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Frühmittelalter und Spätantike Christian Meyer, Klaus Wirth und Kurt W. Alt Gold, Gewalt und Gebrechen. Die Beziehung zwischen sozialem Status und traumatischem Skelettbefund im frühen Mittelalter am Beispiel des Hermsheimer Bösfelds, Mannheim-Seckenheim Gold, Violence and Affliction. The Relationship between Social Status and Traumatic Skeletal Injuries in the Early Middle Ages Using the Example of the Hermsheimer Bösfeld, Mannheim-Seckenheim

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Roland Prien Die Spätantike als Gewaltnarrativ. Zum archäologischen Niederschlag des sogenannten MagnentiusHorizontes aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Late Antiquity as Narrative of Violence. Archaeological Traces of the So-called Magnentius-Horizon of the mid-4th Century AD

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Bronze- und Kupferzeit Thomas Terberger, Anne Dombrowsky, Jana Dräger, Detlef Jantzen, Joachim Krüger und Gundula Lidke Professionelle Krieger in der Bronzezeit vor 3300 Jahren? Zu den Überresten eines Gewaltkonfliktes im Tollensetal, Mecklenburg-Vorpommern Professional Warriors in the Bronze Age 3300 Years Ago? The Remains of a Violent Conflict from the Tollense Valley, Mecklenburg-Western Pomerania

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Ute Brinker, Stefan Flohr, Jürgen Piek, Annemarie Schramm und Jörg Orschiedt Getötet am Fluss. Die bronzezeitlichen Menschenreste aus dem Tollensetal, Mecklenburg­Vorpommern Killed at the River. Bronze Age Human Remains from the Tollense Valley, Mecklenburg-Western Pomerania

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Tobias Mörtz 121 Gedenke deines Feindes! Zur sozialgeschichtlichen Aussagekraft spätbronzezeitlicher Waffendeponierungen Großbritanniens Commemorate your Enemy! On the Socio-historical Significance of Late Bronze Age Weapon Depositions in Britain Jan-Heinrich Bunnefeld 133 Der Häuptling und sein Schwert? – Anmerkungen zur sozialen Stellung des Schwertträgers in der älteren nordischen Bronzezeit The Chief and his Sword? – Comments Regarding the Social Position of the Sword-bearing Man in the Early Nordic Bronze Age Florian Klimscha Technikarchäologische Perspektiven zum Aufkommen spezialisierter Angriffswaffen aus Stein und Kupfer in der südlichen Levante (4.–3. Jahrtausend v. Chr.) Technical-archaeological Perspectives for the Emergence of Specialized Assault Weapons Made of Stone and Copper in the Southern Levant (4th–3rd Millennium BC)

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Svend Hansen Der Held in historischer Perspektive The Hero in Historical Perspective

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Helga Vogel Der Königsfriedhof von Ur und das Problem der so genannten Gefolgschaftsbestattungen The Royal Cemetery at Ur and the Problem of the So-called Attendants Burials

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Steinzeiten Jörg Petrasch Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften im neolithischen Mitteleuropa oder gab es eine Evolution der Gewalt während der Jungsteinzeit? Violent and Peace-loving Communities in Neolithic Central Europe or Was there an Evolution of Violence during the Neolithic?

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Immo Heske und Silke Grefen-Peters 203 Gewalt im Detail. Bestattungen der Glockenbecherkultur in Niedersachsen mit Hinweisen auf Dimensionen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung Violence in Detail. Burials of the Bell Beaker Culture in Lower Saxony with References to Dimensions of Social Conflict Andreas Neubert, Jörg Wicke und Horst Bruchhaus 217 Mit der Axt – durch die Axt. Der Zusammenhang von Schädeldefekt und Waffenbeigabe in Bestattungen des schnurkeramischen Kulturkreises With the Axe – by the Axe. The Relationship of Skull Defect and Weapons in Burials of the Corded Ware Culture Thomas Saile Ein Kampf um Altheim? Zur Unschärfe vorgeschichtlicher Lebensbilder A Fight for Altheim? The Fuzziness of Prehistoric Life Images

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Eric Biermann Gewalt und Aggression in Alt- und Mittelneolithikum. Keulenköpfe und Äxte als Indikator für Krieg, Prestige und Gruppenidentität Violence and Aggression in the Early and Middle Neolithic. Mace Heads and Axes as an Indicator of War, Prestige, and Group Identity

237

Hans-Christoph Strien, Joachim Wahl und Christina Jacob Talheim – Ein Gewaltverbrechen am Ende der Bandkeramik Talheim – A Violent Crime at the End of the Linear Pottery Culture

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Andrea Zeeb-Lanz 257 Gewalt im Ritual – Gewalt an Toten. Die Krise am Ende der Bandkeramik im Spiegel außer­ gewöhnlicher Befunde Violence in Ritual – Violence against the Dead. The Crisis at the End of the Linear Pottery Culture Reflected by Exceptional Features Thomas Link 271 Gewaltphantasien? Kritische Bemerkungen zur Diskussion über Krieg und Krise am Ende der Bandkeramik Fantasies of Violence? Critical Remarks on the Discussion of War and Crisis at the End of the Linear Pottery Culture Gligor Daković War and Violence among Prehistoric Hunter-gatherers Krieg und Gewalt bei prähistorischen Wildbeutern

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T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 15–18.

Gewalt und Gesellschaft – Einführung und Ausblick Thomas Link und Heidi Peter-Röcher

Zusammenfassung Im Fokus der Tagung standen verschiedene Formen der Gewalt in ihrer Bindung an soziale Strukturen von der Steinzeit bis in das frühe Mittelalter. Die Beiträge blieben nicht auf das Thema Krieg beschränkt, das auch bereits Gegenstand einiger anderer Symposien war, sondern versuchten vielmehr, unterschiedliche Gewaltformen und Ebenen in ihrem gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Kontext zu differenzieren. Da die meisten bisherigen Untersuchungen zu Gewalt und Krieg auf einzelne Epochen und Regionen bezogen sind, war ein Ziel der Tagung, eine diachrone und überregionale Betrachtungsweise anzuregen. Ein weiteres Hauptanliegen war die Förderung des interdisziplinären Dialogs zwischen Archäologie und Anthropologie. In vielen Beiträgen wurde die nach wie vor häufig anzutreffende Gleichsetzung von Gewalt und Krieg kritisch hinterfragt und stattdessen deutlich gemacht, dass Gewalt in vielfältiger Form auch außerhalb des Kontexts kriegerischer Handlungen in mehr oder weniger „alltäglichen“ Situationen auftritt. Problematisch stellten sich dabei zunächst die verschiedenen divergierenden Definitionen des Gewaltbegriffs in unterschiedlichen Forschungstraditionen dar, ihre Gegenüberstellung führte aber schließlich zu einer ausgesprochen fruchtbaren Diskussion. Ein wichtiges Fazit der Tagung ist, dass lineare Modelle zur Entwicklung der Gewalt in der Menschheitsgeschichte viel zu vereinfachend sind und einer differenzierten Betrachtung der Quellen weichen müssen. Gewalt fügt sich in kein einfaches evolutives Schema, sondern ist als kulturelles Phänomen Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse. Sie muss in ihrem jeweiligen kulturhistorischen Kontext betrachtet und verstanden werden. Die im Rahmen des Symposiums präsentierten Fallbeispiele zeigten vielversprechende Ansätze hierzu auf. Eine Herausforderung für die Archäologie wird es jedoch sein, ein differenzierteres Bild der Vergangenheit auch interdisziplinär zu kommunizieren und gegen die nach wie vor dominanten, zur Übersimplifizierung neigenden Modelle im sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurs zu positionieren. Die Tagung „Gewalt und Gesellschaft“ versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung tragfähiger archäologischer und anthropologischer Grundlagen für einen zukünftigen fundierten Dialog. Abstract: Violence and Society – Introduction and Prospects The symposium has focused on the various types of violence and their relations to social structures from the Stone Age to Early Medieval Times. This not only included armed conflicts which have already been the subject of several other symposia, but also the various dimensions of violence in its social and cultural context. As archaeological studies mostly deal with particular time periods and regions as isolated entities, the symposium was intended to encourage a diachronic and multi-regional perspective. The symposium was also intended to promote interdisciplinary dialogue between archaeology and physical anthropology. In many papers the equation of violence and warfare which is still frequently assumed was critically analysed. Thus it was made clear that violence occurs in various forms beyond the context of armed conflicts in more or less “everyday” situations. The diverging concepts of violence in various research traditions appeared problematically at first, however contrasting the concepts finally led to a highly fruitful discussion. A major result of the symposium is that linear models are oversimplifying the development of violence in the history of mankind and must give way to a more subtle analysis of the archaeological record. Violence

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Link/Peter-Röcher, Gewalt und Gesellschaft

does not follow any simple evolutionary scheme but is a cultural phenomenon and as such an integral part of social processes. Violence must be viewed in its specific cultural and historical context. The papers presented at the symposium showed promising attempts in this direction. However, a future challenge for archaeology will be interdisciplinary communication of a more subtly differentiated picture of the past. This also needs to be taken into account by the general social and cultural scientific discourse yet dominated by oversimplified archaeological models. The symposium “Violence and Society” made a contribution to create a reliable archaeological and anthropological basis for a future informed dialogue.

Unter dem Titel „Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit“ fand vom 14. bis 16. März 2013 eine internationale Tagung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg statt. Die Veranstalter konnten rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Serbien, Spanien, Großbritannien, Polen, der Schweiz und den Niederlanden im Toscanasaal der Würzburger Residenz willkommen heißen. Ermöglicht wurde das Symposium durch eine Förderung der VolkswagenStiftung, der an dieser Stelle herzlich gedankt sei. Für einen weitgehend reibungslosen Ablauf der Tagung sorgten Erika Littmann, Juliane Meyer, Frank Nuding, Markus Roth, Philipp Schinkel und Sasheena Wölfle mit ihrem unermüdlichen Einsatz. Ein großer Dank geht auch an Marcel Honeck, ohne den Redaktion, Übersetzungen in die englische Sprache und Layout nur schwer zu realisieren gewesen wären. Leider war es nicht allen Vortragenden möglich, einen Beitrag zum vorliegenden Tagungsband zu leisten. Auf die Vorträge und Beiträge soll hier jedoch im Einzelnen nicht eingegangen werden, da dies an anderer Stelle bereits ausführlich geschehen ist (Link 2014). Einleitend finden sich thematisch übergreifende allgemeine Erörterungen zum Thema Gewalt aus archäologischer, anthropologischer und zoologischer Sicht. Die darauf folgenden epochenspezifischen Beiträge sind nicht, wie sonst zumeist üblich, chronologisch von alt nach jung geordnet, sondern führen vom Frühmittelalter zurück bis in das Paläolithikum. Hintergrund dieser „umgekehrten“ Abfolge war die Strategie, sich vom besser Bekannten zum Unbekannten voranzutasten. Ein erfreulicher Nebeneffekt war, dass der bei vielen Tagungen zu beobachtende Exodus der „Urgeschichtler“ mit Auftreten erster historischer Bezüge im Vortragsprogramm wirkungsvoll verhindert werden konnte. Das Zurückschreiten durch die Zeit von Epochen mit schriftlichen Quellen in das „Dunkel

der Vorgeschichte“ macht zum einen deutlich, dass die Ansatzpunkte zum Verständnis der gesellschaftlichen Hintergründe von Gewaltereignissen in prähistorischen Kontexten noch viel problematischer sind als in jüngeren Zeiten. Zum anderen wird aber auch erkennbar, wie sehr die Deutung vorgeschichtlicher Befunde durch historische Quellen und Modellvorstellungen, die sich an Mittelalter und Neuzeit orientieren, vorgeprägt ist. Generell scheint oftmals die Gegenwart der entscheidende Bezugspunkt für die Beurteilung von Gewalt und Krieg zu sein, so etwa, wenn die von H. Münkler (2004) als „neue Kriege“ beschriebenen Gewaltsamkeiten zerfallener Staaten als „uralt“ bezeichnet werden. Da die Voraussetzung für eine solche Einschätzung, das ehemalige Vorhandensein eines Staatswesens, in prähistorischer Zeit gar nicht gegeben ist, kann dieses Modell für die Beschreibung der Zustände in der Vorgeschichte, wenn überhaupt, nur eingeschränkt nützlich sein. Auffällig ist auch, dass die erheblichen Unterschiede zwischen den Zeiten nicht immer deutlich herausgestellt werden, sondern scheinbar alles in allen Zeiten zu finden ist, ob es sich nun um beabsichtigte tödliche Gewalt gegen Menschen und Tiere, um Menschenopfer, Hinrichtungen, Sklaverei, Massaker diverser Art oder um Schlachtfelder handelt, deren Definition bei Bedarf einfach entsprechend angepasst wird. Oftmals werden auch Befunde herangezogen, die noch gar nicht ausreichend publiziert sind – so beispielsweise das bereits von verschiedener Seite als Massaker bezeichnete linienbandkeramische „Massengrab“ von Schöneck-Kilianstädten. Die bisher bekannten Traumata, nämlich eine potentiell anthropogen verur­sachte Schädelverletzung und zahlreiche perimortal frakturierte Langknochen, in aufsteigender Reihenfolge Femur, Ulna, Radius, Humerus, Fibula und Tibia (Meyer u. a. 2013, 118), lassen sich jedoch auf den ersten Blick, vergleicht man sie mit denen aus Talheim, nur schwer mit einer Deutung als Massaker in Einklang bringen. Ein Zusammenhang

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

mit ritueller Gewalt gegenüber Verstorbenen, wie sie in etwas anderer Art in Herxheim vorliegt, erscheint ebenso plausibel, wenn nicht sogar naheliegender. Interessanterweise wird von anthropologischer Seite bezüglich Talheim dezidiert darauf hingewiesen, dass Keulen als Waffen auszuschließen seien, während von archäologischer Seite der Einsatz derartiger Waffen angenommen wird. Oft sind es dieselben, mit Krieg in Zusammenhang gebrachten, für eine Beurteilung aber noch nicht ausreichend publizierten Befunde (Asparn-Schletz, Herxheim, Schöneck-Kilianstädten, Eulau, Wassenaar, Sund), die die Grundlage für widersprüchliche Deutungen bilden. Am Beispiel Talheim, dem nach wie vor einzig sicheren neolithischen Massaker, zeigt sich jedenfalls die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Anthropologie und Archäologie. Dabei versteht es sich von selbst, dass auch die Ergebnisse anthropologischer Untersuchungen kritisch gesehen werden müssen, da keineswegs alle derart zu überzeugen vermögen, wie die Analyse der Verletzungen von Talheim (Wahl/König 1987). Vieles ist noch zu erforschen und zu diskutieren ­­­–­ ­so mag das spannende Fazit der Tagung lauten, wobei ein diachroner Blick zweifellos hilft, die jeweils eigenen Befunde in ein angemessenes Licht zu rücken. Es ist sicher nicht als Zufall, sondern als Hinweis auf gesellschaftlich bedingte Phänomene zu betrachten, dass die Mehrzahl der neolithischen Schädelverletzungen verheilt ist und daher das Ziel der Gewalt nicht der Tod des Gegenübers gewesen sein kann, wie auch R. Schulting und L. Fibiger (2012, 13) in ihrer Einleitung zu den Beiträgen eines auf neolithische Gewalt beschränkten Tagungsbandes feststellen müssen. Als Ausnahmen von dieser Regel sahen sie die bereits angeführten, teilweise noch nicht ausreichend publizierten Befunde in Talheim (Wahl/ König 1987), Asparn-Schletz und Herxheim. In späteren Zeiten kann vom Überwiegen verheilter Verletzungen keine Rede mehr sein – gekämpft wurde zunehmend, um zu töten (vgl. etwa Fiorato u. a. 2000; Meller 2009; Zimmermann 2009; Brock/Homann 2011; Redfern 2011; HeinrichTamáska 2013). Schlachten bis zum bitteren Ende, Massengräber im Kampf gefallener Männer und Schutzbewaffnung lassen sich eben nicht zu allen Zeiten nachweisen, sondern, sofern die Interpretation der Befunde aus dem Tollensetal als Schlachtfeld zutrifft, erst ab der fortgeschrittenen Bronzezeit. Pa­ rallel dazu scheint sich beispielsweise auch der Charakter der Felsbilddarstellungen zu wandeln, indem erstmals tödlich endende Auseinandersetzungen und

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Schlachten, darüber hinaus auch Schutzbewaffnung, dargestellt sein könnten (Toreld 2012, bes. Fig. 4; 7; Tanum 2009, 43). Interessant wäre auch die Frage, ob bzw. wann und wie sich der Umgang mit Haustieren ändert, der im vorliegenden Band ja lediglich für die römische Kaiserzeit und das Mittelalter untersucht wird. In der Diskussion im Anschluss an die Tagung wurden grundlegende Fragen zur Definition von Gewalt und Krieg aufgegriffen. Während der (physisch-) anthropologische Gewaltbegriff sämtliche traumatisierenden physischen Einwirkungen umfasst, bedarf die Archäologie für die kulturhistorische Deutung einer differenzierteren Begrifflichkeit. So wurde etwa in Frage gestellt, ob Manipulationen des Körpers bei der Totenbehandlung oder die intentionelle Fragmentierung von Knochen und Artefakten im Zuge von Ritualen überhaupt als Gewalt bezeichnet werden sollten. Problematisch scheint dabei vor allem, dass Gewalt in der Gegenwart fast immer negativ konnotiert ist, was aber bei den genannten rituellen Handlungen sicher nicht impliziert werden darf. Eine neutrale Grunddefinition könnte Gewalt als jegliche gegen die persönliche Integrität eines Anderen gerichtete Handlung verstehen. Dies schließt einerseits auch nicht-physische Formen der Gewaltausübung mit ein und nimmt andererseits Handlungen wie die Fragmentation im Bestattungsritual aus, da diese trotz der physischen Zerstörung die persönliche Integrität nicht verletzen, sondern im Gegenteil womöglich sogar zu ihrer Wahrung erforderlich sind. Kritisiert wurde zudem die nach wie vor häufig anzutreffende Gleichsetzung von Gewalt und Krieg, die auch im vorliegenden Tagungsband keine geringe Rolle spielt. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass in vielen Beiträgen das Thema Krieg eine dominante Rolle einnimmt. Wie im Lauf der Tagung aber dennoch deutlich wurde, tritt Gewalt in vielfältiger Form auch außerhalb des Kontexts kriegerischer Handlungen in mehr oder weniger „alltäglichen“ Situationen auf. Die in der Archäologie noch immer geradezu reflexartige Suche nach einer Erklärung für Gewalt unter den Vorzeichen „Krieg“ und „Krise“ sollte stattdessen in höherem Maß durch den Blick auf das komplexe Wechselspiel von „Gewalt und Gesellschaft“ erweitert werden. Die Tagung machte deutlich, dass klare Entwicklungslinien, wie etwa der von S. Pinker (2011) konstruierte kontinuierliche Rückgang der Gewalt im Lauf der Menschheitsgeschichte, viel zu vereinfachend sind und einer differenzierten Betrachtung der

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Link/Peter-Röcher, Gewalt und Gesellschaft

Quellen weichen müssen (vgl. dazu auch die Kritik bei Ziemann 2012). Gewalt fügt sich in kein einfaches evolutives Schema, sondern ist als kulturelles Phänomen Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse, die es genauer zu beleuchten gilt. Gerade weil die in den Nachbardisziplinen bereits lange etablierte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt immer wieder Bezug auf archäologische Fallbeispiele nimmt, sind Archäologie und Anthropologie gehalten,

tragfähige Grundlagen für einen zukünftigen fundierten Dialog zu schaffen. Eine Herausforderung für die Archäologie wird es sein, ein differenzierteres Bild der Vergangenheit auch interdisziplinär zu kommunizieren und gegen die nach wie vor dominanten, auf erratischen Beispielen basierenden und daher zwangsläufig stark vereinfachenden Modelle im sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurs zu positionieren.

Literaturverzeichnis Brock/Homann 2011: T. Brock/A. Homann, Schlachtfeldarchäologie. Auf den Spuren des Krieges. Arch. Deutschland Sonderh. 2/2011 (Stuttgart 2011). Fiorato u. a. 2000: V. Fiorato/A. Boylston/C. Knüsel (Hrsg.), Blood Red Roses. The Archaeology of a Mass Grave from the Battle of Towton AD 1461 (Oxford 2000). Heinrich-Tamáska 2013: O. Heinrich-Tamáska (Hrsg.), Rauben. Plündern. Morden – Nachweis von Zerstörung und kriegerischer Gewalt im archäologischen Befund. Tagungsbeiträge der Arbeitsgemeinschaft Spätantike und Frühmittelalter 6. Zerstörung und Gewalt im archäologischen Befund (Bremen, 5.–6.10.2011). Stud. Spätantike u. Frühmittelalter 5 (Hamburg 2013). Link 2014: T. Link, Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Bericht zur Tagung vom 14.–16. März 2013 in Würzburg. Ethnogr.Arch. Zeitschr. 53,1/2, 2012 (2014), 102–107. Meller 2009: H. Meller (Hrsg.), Schlachtfeldarchäologie. Battlefield Archaeology. 1. Mitteldeutscher Archäologentag vom 09. bis 11. Oktober 2008 in Halle (Saale). Tagungen Landesmus. Vorgesch. Halle (Saale) 2, 2009 (Halle [Saale] 2009). Meyer u.  a. 2013: C. Meyer/C. Lohr/H.-C. Strien/D. Gronenborn/K. W. Alt, Interpretationsansätze zu ‚irregulären‘ Bestattungen während der linearbandkeramischen Kultur: Gräber en masse und Massengräber. In: N. MüllerScheeßel (Hrsg.), ‚Irreguläre‘ Bestattungen in der Urgeschichte: Norm, Ritual, Strafe …? Akten der Internationalen Tagung in Frankfurt a. M. vom 3. bis 5. Februar 2012. Koll. Vor- u. Frühgesch. 19 (Bonn 2013) 111–122.

Thomas Link Heidi Peter-Röcher Lehrstuhl für Vor- und frühgeschichtliche Archäologie, JuliusMaximilians-Universität Würzburg Residenzplatz 2, Tor A, 97070 Würzburg [email protected] [email protected]

Münkler 2004: Die neuen Kriege (Reinbek 2004). Pinker 2011: S. Pinker, The Better Angels of our Nature. The Decline of Violence in History and its Causes (London 2011). Redfern 2011: R. C. Redfern, A Re-appraisal of the Evidence for Violence in the Late Iron Age Human Remains from Maiden Castle Hillfort, Dorset, England. Proc. Prehist. Soc. 77, 2011, 111–138. Schulting/Fibiger 2012: R. Schulting/L. Fibiger (Hrsg.), Sticks, Stones, and Broken Bones: Neolithic Violence in a European Perspective (Oxford 2012). Tanum 2009: Documentation and Registration of Rock Art in Tanum. Dokumentation och registrering av hällristningar Nr. 3 (Tanumshede 2009). Toreld 2012: A. Toreld, Svärd och mord – nyupptäckta hällristningsmotiv vid Medbo i Brastad socken, Bohuslän. Forn­ vännen 107,4, 2012, 241–252. Wahl/König 1987: J. Wahl/H. G. König, Anthropologischtraumatologische Untersuchung der menschlichen Skelettreste aus dem bandkeramischen Massengrab bei Talheim, Kreis Heilbronn. Mit einem Anhang von J. Biel. Fundber. Baden-Württemberg 12, 1987, 65–193. Ziemann 2012: B. Ziemann, Eine „neue Geschichte der Menschheit“? Anmerkungen zu Steven Pinkers evolutiver Deutung der Gewalt. Mittelweg 36,3, 2012, 1–11. Zimmermann 2009: M. Zimmermann (Hrsg.), Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums. Münchner Stud. Alte Welt 5 (München 2009).

T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 19–31.

Gewalt-Erzählungen: Überlegungen zum aktuellen Gewaltdiskurs in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie Ulrich Veit

Zusammenfassung Die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie setzt heute zur ‚Faktensicherung’ unterschiedlichste analytische Methoden ein und bereitet auf diese Weise historische Interpretationen der ihr zur Verfügung stehenden Quellen vor. Ihren eigentlichen Ausgangspunkt bilden indes nicht diese zu ‚Fakten’ verdichteten Quellen, sondern bestimmte erkenntnisleitende Fragen, die in der Gegenwart gründen. Beschäftigt man sich mit der Frage von Gewalt in der Ur- und Frühgeschichte, so ist ‚Gesellschaft’ deshalb zwangsläufig immer in zweifacher Hinsicht tangiert: Als vergangene Gesellschaft, die teilweise unreflektiert eine spezifische ‚Gewaltkultur’ hervorgebracht hat, und als gegenwärtige Gesellschaft, die sich vor dem Hintergrund unterschiedlichster eigener Gewalterfahrungen fragend und rückversichernd der Vergangenheit zuwendet. Der vorliegende Beitrag untersucht die Art und Weise der Gewaltdarstellung und Gewaltdeutung in fach- und populärwissenschaftlichen Schriften der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Dabei wird gefragt, in welchem Umfang und auf welche Weise diese Darstellungen und Deutungen durch gegenwärtige Gewalterfahrungen und -diskurse mitgeprägt sind. Abstract: Narratives of Violence: Reflections on the Current Discourse on Violence in Prehistoric Archaeology Prehistoric Archaeology today applies an array of analytical methods to the available material evidence to substantiate its historical interpretations. Nevertheless the actual point of departure for historical interpretations does not represent those ‘facts’ itself but questions that are rooted in present society. Thus, when dealing with violence in prehistoric times, ‘society’ necessarily is involved twice: The societies of the past, that brought up special ‘cultures of violence’ and contemporary society, which uses its own experiences of violence to make sense of the archaeological record. The present contribution explores the means of representing and interpreting violence in scholarly and popular archaeological literature. Its aim is to explore, to which extend these representations and interpretations are dependent on recent experiences of and discourses on violence.

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Veit, Gewalt-Erzählungen

Gewalt und Gesellschaft: Die Perspektive der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie1 Wenn in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie von ‚Gewalt’ die Rede ist, geht es zumeist um massive körperliche Gewalt gegen Menschen, wie sie im Befund v. a. mit Hilfe physisch-anthropologischer Methoden nachgewiesen werden kann. ‚Alltägliche’ Gewalt, Gewalt gegen Tiere und Sachen, aber auch gegen Tote spielen in den betreffenden Überlegungen hingegen meist eine untergeordnete Rolle. Dies gilt noch mehr für Aspekte psychischer, struktureller oder symbolischer Gewalt (Gudehus/ Christ 2013, 2–4), die archäologisch schwerer zu fassen sind. ‚Imaginierte Gewalt’ ist vor allem deshalb kein Thema, weil literarische und größtenteils auch bildliche Repräsentationen von Gewalthandeln in den prähistorisch-archäologischen Quellen weitgehend fehlen. Neben den unmittelbaren Spuren, die physische Gewalt am menschlichen Körper hinterlässt, sind in vielen Fällen spezifische Instrumente zur Ausübung von körperlicher Gewalt bzw. zum Schutz davor archäologisch greifbar, also konkret Angriffswaffen bzw. Schutzwaffen und Verteidigungsarchitektur (Vandkilde 2011, bes. 366). Allerdings ist die Deutung von Waffen und Verteidigungsanlagen dadurch erschwert, dass sie potentiell auch noch andere Funktionen erfüllt haben mögen – und zwar sowohl solche praktischer Art als auch solche im Bereich von Ritual und Repräsentation. Besteht Anlass zu der Vermutung, dass die archäologisch fassbaren Gewalthandlungen kollektiv organisiert waren und ein gewisses Maß überschritten, spricht man von ‚Krieg’. Für Fälle unterhalb dieser Schwelle ist der Begriff ‚Fehde’ vorgeschlagen worden. Darunter seien „persönlich motivierte und verwandtschaftlich organisierte Auseinandersetzungen, die der Konfliktlösung dienten“ zu

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verstehen (Peter-Röcher 2011, 460). Dagegen sei Krieg definitionsgemäß „an hierarchische Organisationsformen, mithin an den Staat, gebunden“. Er stelle außerdem keine „Konfliktlösungsstrategie“ dar (ebd.). Diese Einschätzung widerspricht nicht nur der alten Weisheit vom Krieg als der Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (C. von Clausewitz), sondern indirekt auch der bis auf T. Hobbes’ (1588– 1679) „Leviathan“ (1651) zurückgehenden These, Staatlichkeit besitze eine zivilisierende Auswirkung auf endemisches Kriegsverhalten in nicht-staatlichen Zusammenhängen. Zwar gibt es in der jüngeren Konfliktforschung auch Stimmen, die eine positive Korrelation von Staatlichkeit und Gewalt herstellen, allerdings nicht in der Weise, dass mit dem Schritt zur Staatlichkeit automatisch der Umfang von unmittelbarer körperlicher Gewalt und Kriegshandlungen zunähmen. Vielmehr liegt der Fokus hier auf Gewalt und Krieg in der ‚tribalen Zone’ im Umkreis früher Staaten, die als Ausläufer und Mimetik von Staatlichkeit begriffen werden. ‚Gewaltoffener Raum’ und ‚Gewaltmarkt’ sind aktuelle Schlagworte in diesem Zusammenhang (Zitelmann 2009, 20– 23), für die Zeitgeschichte und Gegenwart reiches Anschauungsmaterial liefern. Die betreffenden Konzepte lassen sich aber möglicherweise auch für die Analyse frühgeschichtlicher Verhältnisse nutzen (vgl. etwa Steuer 2003). Problematisch scheint auch die vorgeschlagene strikte kategoriale Trennung von Krieg/Staat und Fehde/vorstaatliche Gesellschaft, idealisiert sie doch die komplexen ethnographischen Verhältnisse im Sinne eines einfachen evolutionären Schemas. Für archäologische Anwendungen hätte dies umgekehrt die Konsequenz, dass, wenn wir wissen, wie eine Gemeinschaft politisch organisiert ist (Staat/NichtStaat), bereits klar wäre, ob sie Kriege führt oder nicht. Dies ist schon deshalb illusorisch, da zum

Ich danke den beiden Organisatoren der Tagung, H. Peter-Röcher und T. Link, für die freundliche Einladung nach Würzburg sowie für das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht haben, indem sie mir eines der Einführungsreferate der Tagung anvertraut haben. Als ich mein Abstract für die Tagung einreichte, hatte ich dies noch nicht im Blick. Vielmehr bestand lediglich die Absicht, einige grundsätzlichere Überlegungen, die ich andernorts zum Thema „Der Archäologe als Erzähler“ angestellt hatte (Veit 2006; 2012), einmal mit Blick auf die Darstellung von Gewalt zu konkretisieren. Dabei ist es im Grundsatz geblieben. Allerdings hat dieser neue Gesichtspunkt letztlich dazu geführt, dass ich das formulierte Thema im Vortrag ebenso wie in der hier vorgelegten schriftlichen Ausarbeitung etwas grundsätzlicher angegangen bin, als ich es zunächst geplant hatte. – Aus stilistischen Gründen verzichte ich in diesem Beitrag auf die jeweilige Mitnennung der weiblichen Form. Diese ist im Positiven wie im Negativen jeweils mitzudenken. Der Text handelt also nicht nur von Archäologen und Gewalttätern, sondern gleichermaßen auch von Archäologinnen und Gewalttäterinnen – auch wenn deren Anspruch auf Teilhabe die längste Zeit der Geschichte nicht durch Quotenregelungen abgesichert wurde.

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Krieg führen immer mindestens zwei Parteien, gegebenenfalls auch mit unterschiedlicher politischer Organisationsform, gehören. Ich halte es deshalb für ergiebiger, die Frage nach Art und Umfang von Gewalt in bestimmten historischen Kontexten zunächst einmal unabhängig von den ja durchaus nicht unumstrittenen Kategorien soziopolitischer Organisation zu erörtern. Dabei erweist es sich jedoch als außerordentlich schwierig, allein auf der Basis archäologischer Quellen einen Maßstab für die Bestimmung der Grenze zwischen bloßer zwischenmenschlicher Gewalt und Krieg zu etablieren. Die Übergänge erscheinen vielmehr fließend (Vandkilde 2011, 365). Ich stimme mit Peter-Röcher (2011, 460) hingegen darin überein, dass sich Gewalt und Gesellschaft nicht voneinander trennen lassen. Es ist schlichtweg unmöglich, von ‚Gewalt’ zu sprechen, ohne zugleich auf ‚Gesellschaft’ zu rekurrieren. Beide Begriffe, wie im Titel der Würzburger Tagung, direkt aufeinander zu beziehen erscheint insofern streng genommen sogar tautologisch. Die gewählte Formulierung macht aber deutlich, dass die Gewaltfrage ernsthaft nur als Teil einer umfassender verstandenen Sozialarchäologie diskutiert werden kann (Veit 2013). Den sich aus dieser Einsicht notwendigerweise ergebenden Forderungen wurde bisher im Fach noch zu wenig Rechnung getragen, und selbst im Rahmen der Würzburger Tagung ging es in vielen Beiträgen mehr um den konkreten archäologischgerichtsmedizinischen Nachweis von ‚Gewalt’ als um die Frage der sozialen Einbettung und historischen Rahmung von Gewaltverhalten. Ein wichtiger Grund dafür dürfte in der angedeuteten pragmatischen Einschränkung des Gewaltbegriffs in archäologischen Fachdebatten auf massive körperliche Gewalt bei einer gleichzeitigen Ausblendung von Entscheidungs- und Verfügungsgewalt liegen. Der Doppelcharakter des deutschen Gewaltbegriffs (vgl. Faber u. a. 1982), der ja sowohl engl. ‚violence’ als auch ‚power’ (frz.: ‚violence’/‚pouvoir’) abdeckt, wird in der aktuellen Debatte weithin schlichtweg ignoriert. Erzählerische Elemente in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie Neben ‚Gewalt’ und ‚Gesellschaft’ tritt in diesem Beitrag mit ‚Erzählen’ ein weiterer Schlüsselbegriff, dessen Bedeutung und Relevanz für das zu

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behandelnde Thema hier ebenfalls kurz dargelegt werden soll. Unter einer Erzählung versteht man gewöhnlich „eine mündliche oder schriftliche Darstellung von Geschehnissen, die sich durch drei Dinge auszeichnet: Indirektheit, Nachzeitigkeit und Sukzessivität. Indirekt ist die Erzählrede, weil vor den Geschehnissen eine Erzählinstanz steht; nachzeitig, weil die Erzählinstanz zum Zeitpunkt des Erzählens (der Erzählzeit) nicht an erzählten Geschehnissen (der erzählten Zeit) beteiligt ist; sukzessiv, weil die Darstellung im Nacheinander eines Diskurses entfaltet wird“ (Süssmann 2002, 85). Kurz gesagt handelt es sich bei einer Erzählung also um eine sinnstiftende Verknüpfung von ‚Ereignissen’ bzw. ‚Beobachtungen’ zu einer Fabel bzw. einem ‚Plot’. Erzählen kann grundsätzlich nicht nur mündlich bzw. in Textform erfolgen, sondern auch in Form von Bildern oder Karten. Entsprechend ist von ‚Bildnarrativen’ bzw. ‚kartographischen Narrativen’ die Rede. Auch museale Inszenierungen besitzen erzählerische Qualitäten, wobei hier dem Kurator als Ausstellungsmacher eine wichtige Rolle zukommt (Korff 2002, bes. 175 f.). Wir dürfen davon ausgehen, dass das Erzählen, seit es die Sprache als Verständigungsmittel gibt, ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Alltags gewesen ist. Da entsprechende Aufzeichnungen fehlen, sind seine Anfänge in prähistorischer Zeit allerdings nicht unmittelbar fassbar, und wir müssen uns diesbezüglich mit Spekulationen auf der Grundlage von Analogieschlüssen zu (sub-)rezenten Gemeinschaften ohne Schrift begnügen. Erst dort, wo Erzählungen gegebenenfalls nach längerer mündlicher Tradierung auch schriftlich festgehalten wurden, sind sie einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich, wie sie in den verschiedenen Literaturwissenschaften betrieben wird. Erzählen spielt aber nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Geschichtsschreibung eine wichtige Rolle (Völkel 2006, bes. 327–369). Allerdings besitzt das historische Erzählen gegenüber dem fiktionalen literarischen Erzählen eine besondere Qualität: Es zielt darauf ab, tatsächliches Geschehen zu erfassen, d. h. es ist an bestimmte Quellen rückgebunden. ‚Erzählen’ in diesem Sinne beinhaltet auch ein ‚Erklären’. Insoweit bildet das Erzählen, anders als oft unterstellt, auch keinen Gegensatz zum Erklären. Andererseits ist unbestreitbar, dass das Erzählen über die Wissenschaft hinaus auf die Gesellschaft verweist. Erzählen kann dazu dienen, Identität zu stiften, ein Vergessen zu

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verhindern und Neugier zu befriedigen (Assmann 2007, 25–27). Alle drei Funktionen sind auch im Zusammenhang mit Gewalterzählungen von Bedeutung. Historisches Erzählen ist nun aber kein Spezifikum der Geschichtswissenschaft im engeren Sinne, sondern findet sich ungeachtet der unterschiedlichen Rollenklischees (‚Geschichtsschreiber’ versus ‚Ausgräber’) auch in den archäologischen Fächern. Anders als in der geschichtswissenschaftlichen Theoriedebatte, in der Rolle und Struktur des ‚historischen Erzählens’ ausführlich erörtert worden sind, spielte dieses Thema im Rahmen der archäologischen Theoriedebatte – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – bislang allerdings nur eine marginale Rolle (Veit 2006; Veit 2012). Dies dürfte nicht zuletzt der problematischen Gegenüberstellung von lebensweltlichem ‚Erzählen’ und wissenschaftlichem ‚Erklären’ geschuldet sein. Aus ihr resultiert auch die irreführende Annahme, dass das ‚Erzählen’ nur in populärwissenschaftlichen Darstellungen (also bei der Vermittlung von archäologischen Forschungsergebnissen an ein größeres Publikum) eine Rolle spiele, nicht aber in wissenschaftlichen Darstellungen. Diese Position ist m. E. nicht zu halten, kommt doch auch die Facharchäologie, sobald wir die enger antiquarische Ebene (Materialvorlage, Chronik) verlassen, nicht ohne ‚Erzählen’ aus. Allerdings bestehen deutliche Unterschiede zwischen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Präsentationsformen in der Archäologie hinsichtlich Wortwahl, Sprache, inhaltlichem Aufbau und Erzählstil. Auch werden in populärwissenschaftlichen Schriften mitunter spezifische literarische anstelle historischer Erzählformen mit aufgenommen (etwa die Darstellung einer Geschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers). Gewalterzählungen und Gewaltbilder Im Zentrum der folgenden Ausführungen steht die Frage, wie Archäologen über Gewalt reden. Welche ‚Gewaltbilder’ stellen sie im wissenschaftlichen aber auch im öffentlichen Rahmen zur Diskussion? Wie werden die archäologischen Befunde, die Hinweise auf die Rolle der Gewalt in prähistorischen Gemeinwesen zu geben in der Lage scheinen, ‚narrativ’ umgesetzt? Anders ausgedrückt: Wie ‚erzählen’ wir von Gewalt? Und welche Rolle spielen dabei moderne Gewalterfahrungen?

‚Gewalt’ gehört zweifellos zu jenen Themen, die uns als Menschen nicht ungerührt lassen, sondern die uns zu Erklärungsversuchen herausfordern, die weit über das hinausgehen, was sich ‚wissenschaftlich’ in einem engeren Sinne belegen lässt. Die Art und Weise wie wir hier in unseren Publikationen bzw. sonstigen Präsentationen argumentieren, verrät viel darüber, wie wir es selbst mit der Gewalt halten (Groebner 2007; Baberowski 2008; Baberowski 2011; Riekenberg 2011; Muchitsch 2013). Dass über solche sensiblen Fragen noch relativ selten offen diskutiert wird, hängt auch damit zusammen, dass man lange der Ansicht war, Werthaltungen oder gar Gefühle hätten in den historischen Wissenschaften nichts verloren (Frevert 2009). Wäre dies so, so könnten wir uns in der Tat unbefangen und unvoreingenommen diesem Thema zuwenden. Eine solche Hoffnung erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch als Illusion. So sehr wir uns auch darum bemühen, so blicken wir doch nie unvoreingenommen auf die Spuren und Überreste ur- und frühgeschichtlicher Gewalt. Wie unserer gesamten Welt gegenüber können wir auch der Gewalt nicht unmittelbar gegenübertreten. Statt mit ‚Gewalt an sich’ haben wir es vielmehr immer mit Repräsentationen von Gewalt zu tun. Diese Repräsentationen schieben sich zwischen uns und die Wirklichkeit – und machen damit erst einen Blick auf die Welt möglich (Baberowski 2011, 240). So kann der Historiker J. Baberowski (2011, 239) unter Bezug auf E. Cassirer feststellen: „Jeder Historiker steht vor der Schwierigkeit, seinen Lesern von einer Wirklichkeit zu erzählen, von der er doch weiß, dass sie nur als Repräsentation Wirklichkeit sein kann“. Dies gilt entsprechend auch für die archäologischen Wissenschaften. Auch hier ist es nicht – oder zumindest nicht nur – der distanzierte Blick des Naturwissenschaftlers, mit dem wir etwa auf so außergewöhnliche archäologische Befunde wie die (Sonder-)Bestattungen von Gewaltopfern aus Talheim, Baden-Württemberg (Wahl/König 1987; Alt u. a. 1995; Strien u. a. in diesem Band) oder Eulau, Sachsen-Anhalt (Meyer u. a. 2008; Muhl u. a. 2010) schauen. Ohne uns dies jeweils bewusst zu machen, sind wir in verschiedenster Hinsicht voreingenommen, wenn wir über entsprechende archäologische Repräsentationen von Gewalt reden. So leben wir heute etwa in einer Gesellschaft, die viel über physische Gewalt redet und die in großem Umfang Gewaltbilder medial verbreitet, was zweifellos Ängste schürt (Groebner

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2007, 72 f.). Andererseits ist die Gefahr, in unserer Gesellschaft selbst zum Opfer solcher Gewalt zu werden, statistisch gesehen glücklicherweise doch relativ begrenzt (ebd.). Wenn wir über Gewalt sprechen, reden wir also meist von anderen (realen oder fiktiven) Räumen, Zeiten und Schichten. Entsprechend fällt es uns schwer, uns vorzustellen, wie Menschen denken und reagieren, die in ihrem Alltag permanent konkreter körperlicher Gewalt ausgesetzt sind – oder die es gewohnt sind, selbst Gewalt als legitimes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele einzusetzen. Dabei gibt es, wie aktuelle psychologische Erhebungen zur „Rituellen Gewalt“ (satanistische Kulte u. ä. mit unterschiedlichen Praktiken bis hin zu sexueller Gewalt und Menschenopfern) zeigen, solche Personen durchaus auch in unserem Land (Kownatzki u. a. 2012, bes. 73 zur Geheimhaltung). Aber nicht nur die Gegenwart prägt unsere Vorstellungen von Gewalt, auch unser aktives historisches Wissen trägt dazu bei, wie wir heute Gewalt wahrnehmen. Dazu gehört beispielsweise die Erinnerung an die Gewaltexzesse der Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die durch Bilder und Augenzeugenberichte erfahrbar werden. Andererseits muss in diesem Zusammenhang auch daran erinnert werden, dass das Christentum, im Gegensatz beispielsweise zu Buddhismus oder Islam, eine ausgeprägte ‚Gewaltbilderkultur’ darstellt, die die Menschen über Jahrhunderte mit Bildern menschlichen Leidens konfrontiert und so zum Mitleid erzogen hat (Groebner 2007, 78). All diese Bilder und dieses Wissen liefern uns, neben unserer archäologischen bzw. anthropologischen Methodenkompetenz, die Grundlagen für unsere Auswahl, Einordnung und Bewertung der entsprechenden archäologischen Befunde. Aber Archäologen orientieren sich bei ihren Deutungen nicht nur an bereits existenten ‚Gewaltbildern’‚ Gewalterzählungen’ und ‚Zivilisationstheorien’; wie zu zeigen sein wird, produzieren sie zusammen mit Physischen Anthropologen, Gerichtsmedizinern, aber auch Künstlern, Journalisten u. a. vielmehr permanent selbst wirkmächtige Gewaltbilder und Gewaltnarrative. Alternative Modi des Gewalt-Erzählens in der Archäologie Wirft man einen etwas genaueren Blick auf die einschlägige archäologische Textproduktion, so lassen

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sich verschiedene Modi des Erzählens von Gewalt in der Ur- und Frühgeschichtsforschung erkennen. Von eher wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung ist heute der Modus der Völker- bzw. Ereignisgeschichte, wie er v. a. für die nationalgeschichtlich orientierte Vorgeschichtsforschung des frühen 20. Jahrhunderts kennzeichnend war (z. B. Veit 2000). Gewalt und Krieg wurden dabei als ein von den historischen Akteuren akzeptiertes und unverzichtbares Mittel der Politik angesehen. Das menschliche Leid, das dies verursacht, wurde hingegen stillschweigend als ein für die Nation zu entrichtender Preis hingenommen, aber nicht näher in Augenschein genommen. Im Fokus der Betrachtung standen stattdessen großräumige Völker- und Machtverschiebungen. Aktuelle Anklänge an dieses traditionelle Muster bieten primär antiquarisch orientierte Präsentationen, die die kunstsinnige ‚barbarische Aristokratie’ in das Zentrum der Betrachtung stellen (exemplarisch: „Gold der Barbarenfürsten“: Wieczorek/Périn 2001) und dabei allzu oft bewusst (?) die Schattenseiten der betreffenden Zeit – aber auch die komplexen politischen Strukturen (s. Hardt 2013) – ausblenden. Ebenfalls von primär wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung ist der Modus der Sittengeschichte. Er bezieht sich auf Fälle, in denen frei nach dem Motto ‚Fremde Länder, fremde Sitten’ von Menschenopfern, Totenfolge, Anthropophagie u. a. im Sinne besonders archaisch wirkender Sitten Kunde gegeben wird (z. B. Friesinger 1963; Rolle 1970; Hoffmann 1971 – besonders frühes Bsp.: Matiegka 1896). Der Archaismus zeigt sich dabei u. a. darin, dass die betreffenden Praktiken Formen rituellen Gewalthandelns einschließen, die der Gegenwart fremd sind. Damit befriedigen wir nicht zuletzt unsere historische Neugier, festigen zugleich aber auch unser Selbstbild als Angehörige einer aufgeklärten Gesellschaft. Jüngere Arbeiten haben unter Heranziehung ethnographischer Vergleichsmaterialien gezeigt, dass in vielen Fällen auch weniger spektakuläre Deutungen möglich und meist auch plausibler sind (dazu z. B. Peter-Röcher 1994; Orschiedt 1999). Aktuell weit verbreitet ist der Modus der Kriminal­ ermittlung. Er eignet sich besonders zur Behandlung spektakulär wirkender Einzelbefunde. Die Fundstelle erscheint dabei als ‚Tatort’, der Archäologe als Ermittler in einem cold case. Im Mittelpunkt steht entsprechend der Versuch der Aufklärung eines (prä-) historischen ‚Kriminalfalles’ aufgrund von materiellen Indizien. Offen bleibt in diesem Fall allerdings

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Veit, Gewalt-Erzählungen

zumeist, inwieweit Archäologen bzw. Physische Anthropologen ihre Arbeit tatsächlich als kriminalistische Ermittlungsarbeit empfinden bzw. inwieweit im Zusammenhang moderner Wissenschaftsvermittlung lediglich eine öffentlichkeitswirksame Stilisierung des Archäologen zu einem Kriminalermittler vorgenommen wird. Beispiele für Letzteres bieten verschiedene Publikations- und Ausstellungsprojekte der letzten Jahre (z. B. Muhl u. a. 2010; Wahl/ Strien 2007). Solche Stilisierungen schließen indes nicht aus, dass bestimmte Altertumswissenschaftler heute ihre Aufgabe tatsächlich mit der eines Kriminalermittlers identifizieren und es so schleichend zu Veränderungen im Selbstbild von Archäologen kommt. Tatsächlich hat das an frühe kriminalistische wie medizinische Untersuchungsmethoden anknüpfende ‚Spuren(such)paradigma’ in jüngeren Grundsatzdebatten an Bedeutung gewonnen (s. Veit u. a. 2003; zum allgemeinen wissenschaftstheoretischen Hintergrund: Krämer u. a. 2007). Das zentrale Problem des Modus der Kriminalermittlung liegt darin, dass die Ergebnisse, die durch solche Untersuchungen an mehr oder minder spektakulären Einzelbefunden erzielt werden, nicht oder nur sehr begrenzt verallgemeinerbar sind. Genau eine solche Verallgemeinerung versucht man im Modus der Zivilisationsgeschichte zu bewerkstelligen. Einen Rahmen dafür bieten theoretische Vorgaben, wie sie etwa N. Elias (1976) in seinen inzwischen klassischen Schriften zum ‚Zivilisationsprozess’ geliefert hat (kritisch dazu u. a. Dinges 1998; Schwerhoff 1998). Grundlage solcher Theorien bzw. Meistererzählungen bilden idealtypischerweise möglichst breit angelegte empirische Analysen, die langfristige und großräumige Tendenzen der Gewaltentwicklung erkennen lassen (z. B. Fromm 1977; Keeley 1996; Peter-Röcher 2007; Pinker 2013 – teilweise mit gegensätzlicher Wertung!). Im Modus der Geschichtskritik schließlich geht es um die Veranschaulichung und Überprüfung schrifthistorischer Überlieferungen auf der Basis archäologischer Quellen. Hierzu gehört etwa das neuerdings wiederentdeckte Feld der „Schlachtfeldarchäologie“ (Meller 2009; Brock/Homann 2011; Eickhoff u. a. 2012). Im Hinblick auf alle hier nur kurz umschriebenen Modi ließen sich konkrete Beispiele anführen und näher diskutieren. Der für diesen Beitrag zur Verfügung stehende Raum lässt dies leider nicht zu. Aus diesem Grunde werde ich mich im weiteren Verlauf meines Beitrags auf ein einziges Beispiel

konzentrieren. Dieses wurde so gewählt, dass sich daran möglichst viele für das Thema relevante Aspekte illustrieren lassen. Eulau und die Frage nach der Gewaltkultur in Mitteldeutschland zur Zeit der Schnurkeramik In Eulau bei Naumburg (Sachsen-Anhalt) hat das Archäologische Landesamt von Sachsen-Anhalt im Jahre 2005 eine Gruppe von Bestattungen der Schnurkeramik aus der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. freigelegt. Dem Gräberkomplex wurde deshalb besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil sich an den verschiedenen Skeletten Hinweise auf Einwirkung massiver körperlicher Gewalt feststellen ließen, die in einigen Fällen nachweislich zum Tode der betreffenden Personen geführt hatte. Deren Leichname waren zusammen mit anderen Toten abweichend vom zeittypischen Ritus in ‚unritueller’ Lage in einigen größeren Grabgruben beigesetzt worden. Dass diesen Mehrfachbestattungen, wie von den Bearbeitern angenommen, ein einziges Gewaltereignis zugrunde liegt, ist letztlich nicht beweisbar (Meyer u. a. 2008, 421). Bestattungsreste und Beifunde sind von einem interdisziplinär zusammengesetzten Expertenteam mit einem breiten Methodenspektrum untersucht worden. Ein ausführlicher Bericht zu den Ergebnissen der umfangreichen anthropologisch-gerichtsmedizinischen und sonstigen naturwissenschaftlichen Analysen (AMS-Datierungen, Paläogenetik, Isotopie) liegt inzwischen vor (Meyer u. a. 2008). Eine klassische Vorlage der Grabungsergebnisse am Bestattungsplatz Eulau steht bis heute noch aus. Stattdessen ist der Befund zum Gegenstand einer populärwissenschaftlichen Buchpublikation geworden, die im Zusammenhang mit einer aufwändigen TV-Dokumentation für das ZDF entstand (Muhl u. a. 2010). Ich werde im Folgenden nicht auf die ZDF-Dokumentation eingehen. Trotz der üblichen Begleitung solcher wissenschaftsjournalistischen Projekte durch Fachwissenschaftler, sind deren Ergebnisse letztlich fachwissenschaftlich nicht zu kontrollieren. Im Zentrum meiner Erörterungen stehen vielmehr die genannten gedruckten Quellen, für die ausgewiesene Fachwissenschaftler verantwortlich zeichnen. Sie geben ein anschauliches Beispiel dafür, wie Archäologen (und Anthropologen) untereinander und an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet über Gewalt reden.

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Der erwähnte Artikel im Journal of Anthropological Archaeology (Meyer u. a. 2008) entspricht formal dem, was man von einem Fachartikel erwartet, auch wenn der stabgereimte Haupttitel („The Eulau eulogy“) zunächst eher auf ein literarisches Werk als auf einen wissenschaftlichen Beitrag hindeutet. Solche Wortspiele sind indes in der englischsprachigen Forschung nicht ganz ungewöhnlich. In diesem Fall gibt sich der versteckte Sinn dieser Äußerung allerdings nur undeutlich zu erkennen: Ist mit der dokumentierten Bestattungszeremonie selbst die „Lobrede“ gemeint, oder versteht sich der publizierte Text als eine solche? Im ersten Fall wäre es Ziel der Archäologen bzw. Anthropologen, die Aussage dieses materiellen Textes in einem semiotischen Sinne zu entschlüsseln, eine Aufgabe, die in prähistorischen Kontexten aufgrund des Fehlens eines Kodes zur Entschlüsselung der Information durchaus problematisch ist (s. Veit 2006). Bei der Lektüre wird denn auch schnell klar, dass es den Verfassern darum nicht geht. Vielmehr wird im Kern nach dem ‚Szenario’ gesucht, das die im Befund fassbaren ‚Spuren’ am besten erklärt. Der Begriff ‚Szenario’ steht dabei (entsprechend seiner Bestimmung im Fremdwörterbuch) für eine hypothetische Aufeinanderfolge von Ereignissen, die zur Beachtung kausaler Zusammenhänge konstruiert wird. In wörtlicher Übersetzung könnte man auch von einem ‚Drehbuch’ sprechen, womit das gewählte Verfahren wieder näher an literarische Vorbilder rückte. Allerdings wird jeder Eindruck einer Beliebigkeit der vorgetragenen Interpretation vermieden. Zwar seien grundsätzlich verschiedene Abläufe denkbar, aber die vorgelegte Interpretation entspreche am besten den bekannten osteologischen und archäologischen ‚Fakten’ (Meyer u. a. 2008, 421). Interessant ist auch, dass im Untertitel des Beitrags von „bioarchaeological interpretation“ und nicht von „bioarchaeological evidence“ die Rede ist. Dies unterstellt eine Autonomie archäologischer gegenüber einer im weiteren Sinne historischen Interpretation, die so nicht existiert. Vielmehr wird eine (historisch-) kulturwissenschaftliche Interpretation der archäologisch dokumentierten Ereignissequenz (Vorgeschichte, Mord, Begräbnisritual) gegeben. Dabei sind die Verfasser zwangsläufig immer wieder gezwungen, mit anfechtbaren Plausibilitätserwägungen zu argumentieren. Dies betrifft nicht nur die grundlegende Annahme, dem aus mehreren Grablegen bestehenden Befund läge eine einzige Gewaltaktion zugrunde (s. o.). Auch wenn der hohe Anteil von subadulten bzw. weiblichen Opfern (85 %) dahingehend

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gedeutet wird, dass der arbeitende Teil der Gemeinschaft zum Zeitpunkt des Überfalls bei der Feldarbeit gewesen sei, bewegt man sich im Bereich des Hypothetischen. Dies mag so gewesen sein, wirklich stichhaltig ist das vorgebrachte Argument aber nicht, sind doch auch andere Umstände denkbar, die zu einer solchen Zusammensetzung führen. So finden wir eine analoge Unterrepräsentation von Männern beispielsweise auch unter den Opfern ‚ritueller Gewalt’ der Gegenwart (Kownatzki u. a. 2012, 78.). Die Verfasser sind sich des episodischen Charakters der Ereignisse, die hinter dem Eulauer Befund stehen, durchaus im Klaren (“a short and violent episode of human history”; “tragic event”: Meyer u. a. 2008, 422) und fragen zu Recht nach den Möglichkeiten, zu weiterreichenden Aussagen zu gelangen. Dabei steht insbesondere die Frage im Raum, inwieweit es beim aktuellen Kenntnisstand gerechtfertigt sei, von einer generellen Zunahme von Gewalthandlungen am Ende des Neolithikums auszugehen. Allerdings bleibt hierzu letztlich nur das Eingeständnis, dass sich darüber beim heutigen Kenntnisstand verlässlich noch nichts aussagen lasse (“the available data at present not allow a thorough and valid scientific statement“, ebd.). Bestand hat letzten Endes also allenfalls die präsentierte Einzelfallanalyse, die sich ihrerseits allerdings selbst zum Teil auf unsichere Generalisierungen stützten muss, damit sich die Versatzstücke zu einem sinnvollen und vor allem zu einem für die Leser spannenden Plot verbinden. Wie verhält es sich diesbezüglich nun aber mit der zweiten Publikation, dem populären Sachbuch „Tatort Eulau. Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt“ (Muhl u. a. 2010)? Es verbindet inhaltlich in ähnlicher Weise wie der gerade besprochene Fachaufsatz eine nüchterne Befundpräsentation mit einer sehr weitreichenden Auswertung und Deutung dieses Fundkomplexes. Die sachbezogene Darstellung ist in diesem Fall allerdings um drei wesentliche Aspekte ergänzt: 1. um Erläuterungen zu den archäologischen und naturwissenschaftlichen Verfahrensweisen (z. T. in Form von Experteninterviews), 2. um einen aufwändig gestalteten Abbildungsteil u. a. mit farbigen Rekonstruktionen der Bestattungssituation, sowie 3. um eine fiktive Schilderung der erschließbaren Geschehnisse, die zum Tod der in Eulau Bestatteten geführt haben, aus der Perspektive der Beteiligten. Zwei Aspekte sind hier unter dem Gesichtspunkt der Darstellung von Gewalt diskussionswürdig und – wie ich meine – auch diskussionsbedürftig: 1. Der archäologische Befund selbst und seine

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wissenschaftliche Deutung, die selbst bereits zahlreiche erzählerische Elemente beinhaltet. 2. Die besondere Art und Weise, in der archäologische Forschungsergebnisse hier narrativ und medial aufbereitet einem größeren Publikum präsentiert werden. Was die engere fachwissenschaftliche Perspektive betrifft, fällt bei der Lektüre zunächst der alte ethnisch gefärbte archäologische Kulturbegriff auf, mit dem hier durchweg argumentiert wird. Schnurkeramik, Glockenbecherkultur und Schönfelder Gruppe werden in der Darstellung ähnlich wie in der älteren Forschung quasi als historisch agierende ‚Völker’ beschrieben. Artefakte und die Spuren, die sie am menschlichen Knochen hinterlassen haben, können auf diese Weise zur ethnischen Identifikation von ‚Opfern’ und ‚Tätern’ eingesetzt werden. So führt beispielsweise die spezielle Form der Schädelverletzung eines der Opfer letztlich dazu, den „Täter“ im Bereich der „Schönfelder“ zu vermuten (Muhl u. a. 2010, 134–135). Die rekonstruierte GewaltHandlung wird also in einen „völkergeschichtlichen“ Kontext gestellt. Aber auch über die Physische Anthropologie hinaus werden die archäologischen Untersuchungen effektiv durch naturwissenschaftliche Untersuchungen ergänzt, die zum einen Hinweise auf die geographische Herkunft der Bestatteten (Isotopie) und zum anderen auf familiäre Zusammenhänge (Paläogenetik) unter ihnen bieten. Relativ sicher lässt sich dabei auf die Existenz einer Exogamieregel schließen (Muhl u. a. 2010, 62–64). Allerdings wird aus dieser für sich genommen nicht allzu überraschenden Beobachtung, die vermutlich auch bei der Untersuchung von ‚normalen’ Bestattungen gemacht worden wäre, dann unter Einführung weiterer Hilfshypothesen das Motiv für das fassbare Gewaltverbrechen konstruiert: Angehörige der Herkunftsgruppe dieser eingeheirateten Frauen hätten sich nach Jahren an den einstigen Räubern ihrer Töchter fürchterlich gerächt, indem sie diese und deren Nachwuchs ausgelöscht hätten (ebd. 147). Zur Erklärung dieses Handelns werden (kriminal) psychologische und kulturelle Erklärungsansätze vermengt. So ist zum einen von einem unkontrollierten Gewaltausbruch („Blutrausch“, Muhl u. a. 2010, 144), zum anderen aber auch einer möglichen sozialen Pflicht zur Rache im Sinne eines „Ehrenmords“ (ebd. 147) die Rede. Wenn man nicht annehmen möchte, dass sich kulturelle Normierungen direkt in Emotionen umsetzen, schließen beide Deutungen einander aber aus.

Darüber hinaus ist eine dritte Dimension der Interpretation fassbar, wenn Eulau unter Hinweis auf die bekannten älteren „Massakerplätze“ des mitteleuropäischen Neolithikums wie Talheim als „der einstweilige Höhepunkt in einer langen Konfliktentwicklung“ (Muhl u. a. 2010, 145) präsentiert wird. Dies unterstellt einen Zusammenhang des Eulauer Befundes mit größtenteils ganz anders gearteten Befunden, der bislang in keiner Weise näher begründet werden kann. Insofern bleibt wiederum nur der psychologisierende Verweis aufs Anormale: „Es muss sehr viel Emotionalität im Spiel gewesen sein. Die nach normalen Maßstäben sinnlose Brutalität gegenüber den wehrlosen Opfern vermittelt den Eindruck, dass sich die Angreifer an den Siedlern von Eulau rächen wollten. Und sehr wahrscheinlich war der Konflikt mit diesem Blutbad auch noch nicht beendet, zumindest nicht für die sicherlich hasserfüllten Hinterbliebenen“ (Muhl u. a. 2010, 145–146). Allein aufgrund des vorliegenden Textes lässt sich nicht sicher entscheiden, ob seine Verfasser diese Deutung letztlich als das konkrete Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Nachforschungen verstehen – oder lediglich als eine dramatisierende Übersetzung dieser Ergebnisse für das anvisierte Massenpublikum. Aufgrund der Tatsache, dass sich in vergleichbaren Fällen ähnlich drastische Formulierungen und Szenarien auch in eindeutig fachwissenschaftlichen Publikationen finden, neige ich allerdings zur ersten Variante. Dass es sich im vorliegenden Fall insgesamt um eine populäre Darstellung handelt, geht hingegen zweifelsfrei aus der formalen, sprachlichen wie inhaltlichen Gestaltung des Bands hervor. Dies zeigt schon die spezifische Erzählstruktur, die gewählt wurde, mit ihren beiden ineinander verflochtenen Erzählsträngen. Ein erster Erzählstrang folgt den archäologischen „Ermittlern“ bei ihrer Arbeit, wie sie sukzessive die Vorgänge im 3. Jahrtausend v. Chr. rekonstruieren, die andere Erzählebene bringt die Vorgänge selbst in einen sinnhaften Zusammenhang. Am Ende werden beide Ebenen dergestalt miteinander verknüpft, dass man der Archäologie einen zumindest symbolischen Beitrag zur Wiederherstellung der gestörten sozialen Ordnung im Endneolithikum zuschreibt: „Kein Täter sollte sich jemals sicher sein, dass seine Taten nicht doch noch entdeckt werden. Auch nicht nach 4500 Jahren. Zwar können die potenziellen Mörder nicht mehr verhaftet werden, aber sie wurden dank des intensiven Einsatzes des Wissenschaftlerteams immerhin identifiziert. […] Für unseren ‚Riesen

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von Eulau’ mag das vielleicht eine kleine Genugtuung sein. Nein, er ist nicht ganz umsonst gestorben. Das Schicksal der 13 Toten von Eulau geht uns auch deshalb so nahe, weil er und die zwölf anderen Toten uns zeigen, wie schnell menschliches Leid in unseren Alltag einbrechen kann. Damals wie heute!“ (Muhl u. a. 2010, 157). Hier nun ist alle wissenschaftliche Distanz aufgegeben. Verfasser und Leser treffen sich zum gemeinsamen Gedenken an die im Zuge der Darstellung lieb gewonnenen Akteure. Denn Personalisierung, als eine im Wissenschaftsjournalismus generell übliche Strategie, um die Aufmerksamkeit der Leser zu erlangen, spielt auch in diesem Fall eine herausragende Rolle. Sowohl die archäologischen Ermittler als auch die Opfer werden soweit wie möglich personalisiert. Erstere kommen in Interviews selbst zu Wort und erscheinen dabei auch im Bild. Die Bestatteten andererseits werden aufgrund bestimmter körperlicher Eigenheiten sowie „biographischer Besonderheiten“ (gemeint sind markante Stresssituationen, die Spuren in der körperlichen Entwicklung hinterlassen haben) charakterisiert. So wird, wie bereits erwähnt, einer von ihnen aufgrund seiner außergewöhnlichen körperlichen Konstitution den Lesern als der „Riese von Eulau“ (Muhl u. a. 2010, 28) präsentiert. Eulau und die Macht der Bilder Wie auch in anderen populären Präsentationen üblich werden die nüchternen Befundfotos und Befundzeichnungen des Fachaufsatzes in ‚lebensnahe’ Befundrekonstruktionen verwandelt. Die eindrücklichen Zeichnungen von K. Schauer verstärken dabei die im Text fassbaren Bemühungen um eine emotionale Einbindung des Lesers ins Geschehen. Ein besonderes auffälliges Merkmal der Darstellungen ist dabei die durchgängige Nacktheit der Bestatteten. Sie wird im Text als Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit rationalisiert, fehlten doch im archäo­ logischen Befund direkte Indizien für Kleidung. Andererseits wurden in den Gräbern verschiedene Kleinfunde gemacht, die auch in den Augen der Bearbeiter im Grunde gegen eine Bestattung der Toten ohne Kleider sprechen (Muhl u. a. 2010, 70). Eine entsprechende Rekonstruktion mit Kleidung jedoch würde die Bildwirkung auf den Betrachter nachhaltig verändern. Nacktheit kann sehr Unterschiedliches konnotieren, etwa die erotische Ausstrahlung eines Topmodels

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auf dem Laufsteg, wie in der Inszenierung „Menschenwechsel“ des Archäologischen Landesmuseums in Halle (Meller 2005, 4), oder aber Hilfsund Wehrlosigkeit von Menschen, wie im Falle des weltbekannten Pressefotos des durch Brandwunden gezeichneten Mädchens Kim Phúc im VietnamKrieg, das zu einer Ikone des Kriegsjournalismus wurde (Paul 2011). Im Fall der Gräber von Eulau gilt eindeutig Letzteres. Die Darstellung der in die Grabgruben gezwängten nackten Körper (vornehmlich Frauen und Kinder) vermittelt dem modernen Betrachter insbesondere den Eindruck der Hilf- und Wehrlosigkeit. Ins Bewusstsein kommen dabei leicht Bilder von übereinander gestapelten, entkleideten Opfern der Massenvernichtungen in den Gaskammern der NS-Konzentrationslager und darüber hinaus (zum Kontext: Knoch 2006, 201; Jahn 2011). Auch hier ist nicht der Gewaltakt selbst abgebildet, sondern lediglich dessen unschuldige Opfer. Diese Beispiele weisen darauf hin, dass es – selbst bei noch so ‚lebensechten’ Rekonstruktionen archäo­ logischer Befunde – letztlich keine unschuldige, neutrale Darstellung gibt, auf die sich ein Chronist zurückziehen könnte. Vielmehr ist der jeweilige kulturelle Subtext, den solche Bilder von Gewalt transportieren, immer mitzudenken. „Gewaltbilder kommentieren einander im unmittelbaren Bezug oder werden zueinander in Bezug gesehen: Die Bewertung von Handeln und Leiden orientiert sich an ikonographischen Standards“ (Knoch 2006, 194). Solche Aspekte werden im Text des Eulau-Bandes indes nicht thematisiert. Stattdessen legen die Verfasser ganz besonderen Wert auf mögliche Blickverbindungen und Berührungen zwischen im selben Grab bestatteten Personen, zumal von Erwachsenen und Kindern. Die Lage der Toten zueinander wird auf diese Weise mit Bedeutung aufgeladen. Diesmal ist es aber nicht die ‚kulturelle’ (= ethnische) Zugehörigkeit im Sinne der Totenhaltung als Kennzeichen einer bestimmten archäologischen Kultur (dazu: Fischer 1956; zur kritischen Neubewertung s. Wotzka 1993), die sich hieran ablesen lasse, vielmehr offenbarten sich hier unmittelbare familiäre Bindungen. Die mit dieser Lesung verbundene Unterstellung eines bewussten Arrangements der Toten in den Gräbern scheint mir angesichts des Fehlens von Grabgrubenbegrenzungen, die sicherlich wesentlich für die entsprechend dichte Bettung verantwortlich gewesen sind, als problematisch. Die positive Konnotierung dieser Beziehungen als „innig“ (Muhl u. a.

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2010, 6) andererseits hängt vom sozialen Verhältnis der Bestatteten ab, das – ungeachtet aller Verwandtschaftsanalysen – wiederum nur indirekt erschlossen wird. Unterstellte man ein anderes Verhältnis, könnte aus einer sittlichen sehr schnell auch eine unsittliche Berührung werden. Im Extremfall ließen sich daraus sogar konkrete Erklärungen für die beobachtbare Gewalt stricken (Missbrauch und Inzest). Auch in diesem Punkt zeigt sich also nochmals sehr deutlich die literarische Dimension der Darstellung. Die Ausführungen kulminieren letztlich in folgender Textpassage: „Die innige, sorgfältig ineinander verschränkte Lage der Bestatteten – Gesicht zu Gesicht und Hand in Hand – rührt jeden Betrachter, selbst über die Brücke der Jahrtausende, die uns von diesen Gräbern trennen. Dies zeigt, dass Menschen über diese immense Zeitspanne durch dieselben Emotionen, Sehnsüchte und Wünsche als humane Wesen verbunden sind. Die Gräber von Eulau zeigen aber auch die Schattenseite der menschlichen Existenz: Hass und zerstörerische Gewalt“ (Muhl u. a. 2010, 6). Spätestens hier ist jeder wissenschaftliche Anspruch im Sinne einer möglichst unvoreingenommenen Annäherung und sparsamen Deutung vergessen. Statt einer historischen Einordnung des mit archäologischen Mitteln dokumentierten Geschehens, wie sie im Fachaufsatz noch annäherungsweise versucht wurde, findet hier eine totale Enthistorisierung statt: Die archäologischen Befunde werden zu Vehikeln der Beschwörung des Menschlich-Allzumenschlichen. Mit Geschichtsschreibung hat dies nichts mehr zu tun, eher mit praktischer Philosophie: Weil man meint, dem Publikum keine unübersichtliche Faktenlage und schon gar keine ‚Theorie’ im weitesten Sinne zumuten zu dürfen, tritt an deren Stelle eine Art von Theologie, die in hohem Maße auf die Wirkung von Bildern setzt. Bilder aber, die Gewalt thematisieren, sind niemals neutral. Vielmehr werden bereits bei ihrer Herstellung bestimmte Darstellungsmodi in sie eingeschrieben. „Aber diese intendierte Lesart kann von den Bildermachern […] nicht für zukünftige Betrachter konserviert oder festgeschrieben werden“ (Groebner 2007, 80). Eine mögliche Umkodierung eines Motivs, wie beispielsweise des weit verbreiteten ‚Christus am Kreuz’, ist deshalb jederzeit möglich. Gegen diese ernüchternde Feststellung der historischen Bildforschung könnte man die Einsicht setzen, der Prähistorische Archäologe sei solcher Probleme enthoben, weil er es überwiegend eben nicht mit Bildern, sondern mit ‚Spuren des Wirklichen’

zu tun habe, die nicht lügen könnten (H. Meller [2008, 14] gebraucht an anderer Stelle dafür den Begriff „unbestechlich“). Eine solche Behauptung ist allerdings anfechtbar, übersieht sie doch die Unumgänglichkeit einer Übersetzung archäologischer Befunde in Bilder und Erzählungen (Veit 2011, 168). Mehr noch: Im Fall Eulau widerlegen die Verfechter einer solchen Position sich selbst, indem sie entsprechende Befunde behandeln, als wären es Bilder – und auf diese Weise selbst Kodierungen vornehmen. Im Grundsatz ist ein solches Vorgehen nicht zu beanstanden, fehlen uns doch die Alternativen, problematisch ist nur, wenn dabei der Eindruck erweckt wird, die vorgetragenen Deutungen böten eine ideologiefreie Sicht auf die Vergangenheit. Wo die Historiker sich im Subjektiven verlören, liefere die Archäologie eine objektive Sicht der Dinge. Auch archäologische Befunde sind zunächst vor allem eines: Kulturelle Repräsentationen – und zwar solche, bei deren Entstehung der Forscher intensiv mitgewirkt hat, z. B. über die Festlegung des Rahmens (= gewählter Grabungsausschnitt), der Auflösung (= Sorgfalt der Grabung und Grabungsdokumentation) und des Zeithorizonts (= Zeitspanne, auf die die dokumentierten Ereignisse bezogen werden). Gewiss, über diese Festlegungen können Archäologen nicht frei entscheiden: Äußere Umstände (wie extern veranlasste Baumaßnahmen, Erhaltungsbedingungen oder die zeitliche Auflösung der verfügbaren Datierungsmethoden) schränken unsere Entscheidungsmöglichkeiten mitunter beträchtlich ein. Trotzdem verbleiben bestimmte Freiheitsgrade. Im hier diskutierten Beispiel ist es etwa die aus dem Befund selbst nicht unmittelbar ableitbare Festlegung, die verschiedenen Mehrfachbestattungen seien Ergebnis eines einzigen Gewaltereignisses. Erst das Postulat, dass es so gewesen sei, schafft die Voraussetzung für die erzählerische Dramatisierung des archäologischen Befundes sowohl im Fachartikel wie in dem auf eine möglichst breite Öffentlichkeit zielenden ‚Bilderbuch’. Ausblick Die beiden Eulau-Publikationen habe ich für diese kurze Erörterung des konkreten Umgangs der Prähistorischen Archäologie mit der Gewaltfrage nicht ausgewählt, weil ich sie für besonders problematisch hielte. Ganz im Gegenteil: Vergleichbares ließe sich leicht auch an anderen Publikationen entsprechender auffälliger Befunde demonstrieren (z. B. Eibner

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1980; vgl. dazu Veit 1997). Das Beispiel sollte vielmehr dazu dienen, einige grundsätzliche Probleme zu verdeutlichen, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir aufgrund entsprechender Befunde über Gewalt in prähistorischen Gemeinschaften reden. Eine grundsätzliche Gefahr, die ich dabei sehe, liegt darin, dass Archäologen in solchen Fällen bevorzugt für die Option votieren, die besonders spektakuläre Ergebnisse verspricht. Der britische Geschichtsphilosoph und Gelegenheitsausgräber R. Collinwood (Bradley 1994) sprach diesbezüglich von einer „past-as-wished-for“ („the convenient selection of the evidence which is fitted into a predetermined intellectual or emotional pattern“: Piggott 1968, 15 f.). Und in der Tat besteht in unserem Fach latent die Gefahr einer Funktionalisierung der archäologischen Quellen im Sinne der Devise: ‚Alles was uns Publikum bringt, ist auch gut für das Fach’. Damit aber geraten wir in eine Position, die nicht mehr weit vom Relativismus der jüngeren Archäologie ‚postmoderner’ Prägung entfernt ist, wo Expertensicht und Laienmeinung auf eine Ebene gestellt werden. Methodisch angeleitete fachwissenschaftliche Bemühungen gerieten damit – wie schon heute auf dem Buchmarkt – in einen direkten Wettbewerb mit Geschichtskonstrukten, wie jenen eines E. von Däniken. Ein solcher Wettbewerb wäre letztlich kaum zu gewinnen. Ich rede hier nicht gegen eine bewusste Orientierung unserer Untersuchungen an aktuellen Fragestellungen. Ganz im Gegenteil. Wichtig ist aber,

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dass nicht die Attraktivität der angebotenen Deutung beim Publikum zum einzigen Kriterium einer Beurteilung wird, sondern dass hohe methodologische und methodische Standards – und zwar nicht nur natur-, sondern auch kulturwissenschaftlicher Argumentation – gewahrt bleiben. Ein nachahmenswertes Beispiel in diesem Sinne bot etwa die Trierer Ausstellung „MORITVRI: Menschenopfer, Todgeweihte, Strafgerichte“, die ausgehend von den historisch wie archäologisch überlieferten Geschehnissen im römischen Amphitheater in einer epochenübergreifenden Perspektive nach der „gewaltsamen Ausgrenzung gesellschaftlicher Außenseiter“ fragte (Kuhnen 2000, 12) und den Bogen dabei vorsichtig bis zu den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts spannte. Damit bot sie dem Besucher reiches Material zur Anschauung und zum Nachdenken, ohne ihn jedoch zugleich auf eine Deutung festzulegen. Im Kern solcher Unternehmungen steht immer die gleiche Frage: Wie kann man das Unfassbare der Gewalt in Worte oder Bilder fassen? Bei aller geschäftigen Betriebsamkeit in unserem Alltag und bei aller Faszination für grabendes Entdecken und moderne naturwissenschaftliche Analytik, die wir gerne mit einer größeren Öffentlichkeit teilen, sollten wir diese grundsätzliche Frage bei unserer Deutungs- wie Vermittlungsarbeit nicht aus dem Auge verlieren. Als Archäologen tragen wir die Verantwortung für die Geschichten und Bilder, die wir in die Welt setzen – selbst wenn diese, genau besehen, zumeist nur geliehen sind.

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Vom Trauma zur Traumatisierung zur Täter-Opfer-Geometrie – Spuren von Gewalteinwirkung an menschlichen Skelettresten und ihre Deutung Joachim Wahl

Zusammenfassung Die Traumatologie ist ein essentieller Bestandteil der forensischen Medizin/Anthropologie, die ihrerseits die Aufklärung von Verletzungsursachen zum Ziel hat. Dabei gilt jede auf äußere Gewalteinwirkung zurückgehende Läsion als Trauma. Unabdingbare Voraussetzung für die Rekonstruktion von Gewalteinwirkungen aus dem Spurenbild am Knochen sind jedoch Kenntnisse über die verschiedenen Traumatisierungsarten (z. B. Hieb, Schlag, Schuss), wie auch die biomechanischen Eigenschaften des menschlichen Körpers und seiner Bestandteile. Zudem gilt es, Zusammenhangstrennungen am gesunden, vitalen, teilelastischen Knochen von Frakturen zu unterscheiden, die an längere Zeit bodengelagerten Skelettteilen entstehen. Je nach Entstehungsmechanismus und Einwirkungsintensität wird zwischen verschiedenen Frakturtypen (z. B. Biegungs- oder Berstungsfraktur) und Bruchformen (z. B. Impressions- oder Lochfraktur) differenziert. Dabei spielen u. a. der Bruchlinienverlauf und deren Profil sowie nicht zuletzt das Lebensalter des Verletzten eine entscheidende Rolle. Eine zusätzliche Herausforderung stellt die Abgrenzung zu Spuren dar, die posthum durch Fauna und Flora, Witterungseinflüsse, Lagerungsverhältnisse oder spätere Eingriffe durch den Menschen verursacht sind. Angereichert mit Fallbeispielen widmet sich der Beitrag u. a. terminologischen Aspekten der Trauma-Analyse, der Ansprache von Überlebenszeitraum und Todesursache, der Dunkelziffer aus verschiedenen Gründen nicht erkennbarer Weichteilverletzungen sowie Problemen zur Rekonstruktion der Täter-Opfer-Geometrie oder der Unterscheidung zwischen peri- und postmortal entstandenen Defekten. Abstract: From Trauma to Traumatisation to the Offender-victim Geometry – Traces of Violence on Human Skeletal Remains and their Interpretation Traumatology is an essential part of forensic medicine/anthropology, latter aiming to clarify causes of lesions. Every lesion caused by external forceful impacts is regarded as a trauma. When reconstructing trauma from the evidence on bones, knowledge of different types of trauma (such as blow or shot) as well as of biomechanical characteristics of the human body and its components is vital. In addition fractures on healthy, vital and partly elastic bones have to be distinguished from fractures on skeletal remains lying underground for a prolonged period. Different types (such as bending or bursting fractures) and patterns of fractures (such as depressed or perforating fractures) can be distinguished according to the causal mechanisms and intensity. Among others, the fracture line and its profile, as well as the age of the injured person play a crucial role. A further challenge is the distinction of traces caused posthumously by fauna and flora, climatic influences, bedding conditions or later human interventions. Among other things, this contribution deals with terminological aspects in the analysis of traumata, the determination of the period of survival and of the causes of death, the amount of soft tissue injuries not identifiable, as well as with the reconstruction of the offender-victim relationship or the differentiation of post- and perimortal defects.

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Wahl, Vom Trauma zur Traumatisierung zur Täter-Opfer-Geometrie

Skelette sind, neben Mumien und Moorleichen (z. B. Ross/Robins 1991; Wieczorek u. a. 2007; Brock 2009; Fleckinger 2011; Zink 2012), die Hauptzeugen für Gewalt in früheren Gesellschaften. Doch nur selten ist die Spurenlage so eindeutig, wie in den Fällen, bei denen das Corpus Delicti in Form von Pfeilspitzen oder anderen Projektilen noch im Knochen steckt. Solche Funde sind u. a. aus Eulau (Muhl u. a. 2010), Altentreptow (Jantzen u. a. 2011), Maiden Castle (Wheeler 1972), Bietigheim (Stork/Wahl 1988) oder Wittstock (Eickhoff/ Schopper 2012) bekannt. Für die überwiegende Mehrzahl der Verletzungen am Skelett gilt jedoch, ein Trauma zunächst als solches zu erkennen und hinsichtlich seines Entstehungsmechanismus zu analysieren, bevor aus dem Befund weitergehende Schlüsse gezogen werden können. Der Betrachter bewegt sich dabei auf zunehmend unsicheren Ebenen zwischen biomechanisch begründeten Fakten und einer mehr oder weniger spekulativen Interpretation des Geschehens. In Anlehnung an die Ampelfarben können in diesem Zusammenhang das Trauma und die Traumatisierung dem grünen Bereich zugeordnet werden. In die Gelbphase gehören die daraus abzuleitende Täter-Opfer-Geometrie sowie zuweilen auch die erste Stufe der Motivation (Zweck), die sich u. U. aus dem Spurenbild ablesen lässt. Deren zweite Stufe (Intention) sowie allgemeine Aussagen zu Häufigkeiten von Gewaltanwendungen o. ä. sind dagegen eindeutig dem roten Bereich zuzuschreiben. Erste Differenzierungen Bei der Ansprache von Defekten geht man üblicherweise vom nativen („frischen“), gesunden und teil­ elastischen Knochen aus. Frakturen, die im Zusammenhang mit Krankheiten wie z. B. Osteoporose, Osteomalazie oder Stoffwechselstörungen zu sehen sind, die ihrerseits den Feinbau des Knochens bzw. seine biomechanischen Eigenschaften beeinflussen, werden als pathologische Frakturen abgegrenzt. Eine dritte Kategorie stellen die Überlastungs- oder Ermüdungsfrakturen dar. Zu Beginn der Untersuchung muss eine Differenzialdiagnose im Hinblick auf taphonomische Prozesse erfolgen. Dabei sind nicht nur tierische Aktivitäten (Biss- und Nagespuren, Schneckenfraß, Bioturbation durch Kleinsäuger), Einwirkungen von Pflanzenwurzeln und Mikroorganismen sowie chemische und physikalische Einflüsse (pH-Wert, Bodenart,

Wasserdurchfluss, Erddruck) zu bedenken, sondern ebenso geologische Gegebenheiten, tektonische Vorgänge und nicht zuletzt Zersetzungsprozesse, die infolge der Verwesung des Körpers stattfinden. Ein sogenannter Fäulnisspiegel am Schädel kann eventuell mit einer Abkappung (scharfe Gewalt), einer nicht überlebten Trepanation oder Abtragungen durch Wassertransport verwechselt werden – insbesondere dann, wenn der Befund zusätzlich durch Verwitterungserscheinungen oder andere milieuabhängige Abbauvorgänge überprägt ist. Alle genannten Aspekte hinterlassen spezifische Spuren. So sind die Erddrucklinien an einigen Talheimer Schädeln, die häufig kombiniert mit postmortalen Deformationen infolge des Wechsels von Feucht- und Trockenphasen während der Lagerung im Boden auftreten, zweifelsfrei von am frischen Knochen entstandenen Brüchen zu unterscheiden (Wahl/König 1987, 122). Typische, oberflächliche Korrosionsdefekte (Abplatzungen, Mikrorisse, Craquelé) weisen demgegenüber darauf hin, dass Skelettteile vor ihrer Einbettung über einen längeren Zeitraum Wind und Wetter ausgesetzt waren, wie z. B. die sogenannten Trophäenschädel aus den Michelsberger Erdwerken von Ilsfeld und Bruchsal „Aue“ (Wahl 1999, 98 Abb. 4; Wahl 2008, 780–784). Auch menschliche Aktivitäten können postmortal auf den Knochen einwirken, entweder intentionell im Zuge gezielt durchgeführter Umbettungen oder anderer Sekundärbestattungsriten (z. B. Lange 1983) oder unabsichtlich infolge von Grabraub oder Erdarbeiten, bei denen inhumierte Skelettreste aufgewühlt werden. Letzteres ein Phänomen, das immer wieder bei über mehrere Generationen hinweg oder zu einem späteren Zeitpunkt landwirtschaftlich genutzten Friedhofsarealen zu beobachten ist. In derartigem Kontext entstandene Läsionen sind nicht selten instrumentell verursacht. Trauma Intravital versus peri- und postmortal Die Ansprache von intravital entstandenen und verheilten Frakturen ist in der Regel unproblematisch, da betroffene Skelettteile aus prähistorischem Kontext vielfach mit Fehlstellungen einhergehen (z. B. Kunter 1981, 236 Abb. 6) und meistens eine charakteristische Kallusbildung aufweisen. Der Entstehungszeitpunkt eines vollständig abgeheilten Defekts liegt mindestens 2–3 Monate vor dem Eintritt des

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Todes (Niethard/Pfeil 1992; Lovell 1997). Weitergehende Remodellierungen sowie eine erhöhte Dichte im Röntgenbild weisen u.  U. auf einen Überlebenszeitraum von vielen Jahren hin. Zu den ersten, makroskopisch nach ca. zwei Wochen erkennbaren Heilungsreaktionen gehören nekrotische Erscheinungen im unmittelbaren Wundbereich sowie Osteoidablagerungen in Form flächiger, feinporöser Knochenneubildungen. Eine im Heilungsprozess befindliche Verletzung muss nicht, kann aber mit dem Tod des Individuums in Verbindung stehen. So wie bei dem etwa 30-jährigen Alamannen aus einem Steinkistengrab aus Aldingen, der wahrscheinlich an einer Sepsis gestorben ist (Wahl 2007, 93–94). Aber auch ein unverheiltes Trauma muss nicht todesursächlich gewesen sein, da stets noch zusätzliche, am Skelett nicht detektierbare Weichteilverletzungen in Betracht zu ziehen sind (Wahl/Zäuner in Vorb.). Der Ausdruck „perimortal“ steht für „um den Todeszeitpunkt herum“, wobei die konkrete zeitliche Eingrenzung dieses Intervalls kaum angegeben werden kann. Üblicherweise gilt dieser Terminus für Ereignisse, die im Zusammenhang mit dem Eintritt des Todes des Betroffenen stehen. Einige Spezialisten zählen dazu allerdings noch eine Zeitspanne von bis zu drei Wochen vor dem Tod (Lovell 1997). Besonders schwierig ist die Abgrenzung zu postmortalen Defekten, da der Knochen die biomechanischen Eigenschaften seines Frischzustands, je nach Liegemilieu, u. U. auch noch mehrere Jahrzehnte (oder länger) nach dem Tode des Individuums aufweisen kann (Wahl/Zink 2013, 84). Eine an einem (prä) historischen Skelettteil festgestellte Läsion muss demnach nicht zwangsläufig mit dem Ableben der betreffenden Person in Verbindung stehen. Sie kann viele Jahre danach entstanden sein – was bei der Untersuchung Jahrhunderte oder Jahrtausende später nicht mehr zu erkennen ist. Man könnte diesen Zeitraum als früh-postmortal bezeichnen. Die zugehörigen Bruchflächen weisen denselben Verwitterungsgrad und eine mit dem restlichen Knochen identische Färbung auf. Zwangsläufig lässt sich demnach auch die Grenze zwischen peri- und „postmortal“ nicht eindeutig festlegen. Erst wenn im Knochen nach längerer Liegezeit die organischen Bestandteile sukzessive abgebaut sind und er daraufhin seine Elastizität einbüßt, treten typische, sogenannte Sprödbrüche auf (Wahl/König 1987, 122; König/Wahl 2006, 18), die v. a. aufgrund ihres Verlaufs und Profils zweifelsfrei von im Frischzustand entstandenen

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Zusammenhangstrennungen unterschieden werden können. Solche Sprödbrüche sind folglich eindeutig einem spät-postmortalen Intervall zuzuordnen. Die v. a. vom Liegemilieu abhängige zeitliche Differenzierung zwischen der früh- und spät-postmortalen Phase ist allerdings genauso problematisch wie die Unterscheidung von peri- und früh-postmortalen Defekten. Ein weiteres Indiz für spät-postmortale Läsionen ist eine abweichende, meist hellere, Bruchfarbe, wie sie auch für Beschädigungen typisch ist, die im Rahmen der Ausgrabung entstanden sind (sogenannte Grabungsartefakte). Entstehungsmechanismus Hinsichtlich des Entstehungsmechanismus wird eine Vielzahl verschiedener Bruchformen unterschiedlich benannt nach der Intensität der Gewalteinwirkung, der Ursache und dem Erscheinungsbild der jeweiligen Fraktur oder ihrer anatomischen Lokalisation. Als Beispiele seien genannt die Impressions- und Lochfraktur, die Spiral- und Abscherfraktur, der Globus- und Trümmerbruch, die Biegungskaskade oder Girlande, die Ringfraktur (im Bereich der Schädel­basis), die suprakondyläre Fraktur (am Oberschenkelknochen) sowie die transfaziale Fraktur (im Bereich des Gesichtsschädels). Unter den Frakturtypen sind Biegungs- und Berstungsfrakturen sowie Fissuren, Stauchungs- und Torsionsfrakturen zu nennen, die anhand charakteristischer Detailmerkmale differenziert werden können (Wahl/König 1987, 116–118; König/Wahl 2006, 14–18). Für Biegungsbrüche charakteristisch sind ihr eher kleinräumiger und gekrümmter Verlauf, eine glatte Bruchlinienstruktur und insbesondere der systematische Versatz zwischen der äußeren und inneren Bruchlinie. Berstungsbrüche verlaufen demgegenüber eher geradlinig und global und zeigen eine eher unregelmäßige, eventuell gezahnte Feinstruktur im Linienverlauf. Die inneren und äußeren Bruchlinien liegen orthogonal übereinander. Bei der Entstehung von Stauchungs- und Torsionsfrakturen kommen zusätzlich noch Schubspannungen ins Spiel, die über typische Bruchverläufe abgebaut werden. Fissuren sind demgegenüber oberflächliche, nahezu eindimensionale, d. h. unvollständige Frakturen, oft feine, auf die Tabula interna oder externa beschränkte Risse. An Langknochen bildet sich bei entsprechender Belastung u. U. ein sogenannter Biegungskeil (früher als Messerer-Keil bezeichnet) aus, dessen Ausbildung auf der Biegezugseite beginnt und dessen Basis auf

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der Seite der Gewalteinwirkung (Biegedruckseite) liegt, die ihrerseits die Anstoßrichtung dokumentiert. Nicht selten werden die Biegespannungen allerdings nur über eine zur Biegedruckseite auslaufende Fraktur abgebaut, wie z. B. bei einem Schienbein von der Heuneburg bei Hundersingen, das danach als Artefakt verwendet wurde (Wahl 1995, 380 Abb. 8). Indirekte Frakturen können jedoch auch fernab der eigentlichen Krafteinleitungsstelle entstehen (Wahl/ Zink 2013, 84). Die Bezeichnung „Spiralfraktur“ (bzw. „spiral fracture“) wird häufig für Befunde verwendet, bei denen es sich eigentlich um Biegungsfrakturen handelt. Globusfrakturen zeichnen sich durch die Kombination zirkulär verlaufender Biegebruchlinien und radial auslaufender Berstungsfrakturen aus. Nicht unerheblich ist in diesem Zusammenhang auch das Lebensalter des Verletzten, da das elastische Deformationsvermögen des Knochens mit fortschreitendem Alter deutlich abnimmt. Der Knochen eines jüngeren Menschen lässt sich stärker verbiegen, bevor er bricht, als der eines älteren. Dabei verringert sich die Deformationstoleranz z. B. am Schädel um ca. zwei und im Bereich des Brustkorbs um bis zu fünf Zentimeter. Traumatisierungsart Unter diesem Stichwort gilt es zunächst, zwischen stumpfer und scharfer Gewalt zu differenzieren (König/Wahl 2006, 19–20). Weist ein Trauma typische Komponenten beider Traumatisierungsarten auf, wird gelegentlich der Terminus „halbscharfe Gewalt“ verwendet. Verletzungen durch stumpfe Gewalt (infolge Stoß, Schlag oder Sturz) gehen auf ebenflächig, verrundet oder stumpfkantig einwirkende Gegenstände zurück. Die entscheidenden Parameter sind dabei deren Auftreffgeschwindigkeit, Masse sowie Form und Größe der Kontaktfläche (König/Wahl 2006, 13–18; Wahl/Zink 2013, 85). Je nach äußerer Form und Ausdehnungsfläche werden „geformte“ von „ungeformten“ Frakturen unterschieden und hinsichtlich der Quantität der erfolgten Zusammenhangstrennung geordnet, von Depressionsfrakturen, denen stets eine Deformation vorausgeht, über Impressions- bis zu vollständigen Lochfrakturen. Bei letzteren finden sich u. U. abgetrennte und tief ins Innere des Schädels verlagerte Knochenstücke („Imprimate“). Geformte Frakturen sind stets direkt, meistens als Biegungsfrakturen anzusprechen und geben wenigstens partiell die Form des einwirkenden

Gegenstands wider (ebd.). Dabei entsteht eine Lochfraktur am Schädel nur, wenn die Einwirkungsfläche bei stumpfer Gewalt eine Größenordnung von ca. 15–20 cm2 nicht übersteigt (Wahl/König 1987, 118). Wird dieser Grenzwert überschritten, kommt es zu großflächigen („globalen“) Zertrümmerungen. Lochfrakturen werden aufgrund ihrer glatten, gekrümmten Bruchkanten gelegentlich als direkte, geformte Frakturen angesprochen, die die Kontur des einwirkenden Gegenstands abbilden (Baumeister 2009, 73). Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch um zirkuläre Biegungsbegleitfrakturen, die keinen Rückschluss auf die Form der Waffe erlauben (Wahl/Zink 2013, 86). Bei der Beurteilung stumpfer Gewalt im Kopfbereich können zwei bekannte Erfahrungssätze Hilfe­ stellung geben: Die sogenannte Hutkrempenregel bezieht sich auf die Lokalisation eines Defekts oder Bruchzentrums. Liegen diese auf einer Linie, die von der Krempe eines aufgesetzten Hutes markiert wird, handelt es sich eher um die Folge eines Sturzes. Verletzungen scheitel- oder basiswärts davon gehen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf einen Schlag zurück. Die Puppe’sche Regel bezieht sich auf die zeitliche Reihenfolge bei Mehrfachtraumatisierungen, wonach durch eine zweite oder dritte Einwirkung hervorgerufene Bruchlinien üblicherweise an bereits bestehenden Frakturen mindestens gleicher Mächtigkeit enden (Wahl/Zink 2013, 87). Bei Schussverletzungen am Schädel, die auf Feuerwaffen zurückgehen, handelt es sich meistens ebenfalls um stumpfe Lochdefekte, deren Art und Größe von Kaliber, Masse, Form und Zusammensetzung des Projektils wie auch dessen Auftreffgeschwindigkeit und -winkel abhängen. Zur scharfen Gewalt (infolge Stich, Hieb und Schnitt) zählen Traumatisierungen unter Verwendung von Gerätschaften, die Spitzen, Schneiden oder scharfe Kanten aufweisen. Dabei verursachen Blankwaffen in der Regel gerade, regelmäßig geformte Kerben mit V-förmigem Querschnitt, von oberflächlichen Ritzungen bis zu tiefen Schnittdefekten, die mit einseitig biegungsfrakturberandeten Absprengungen einher gehen können. Je nach Auftreffwinkel der Hiebwaffe kann es zu sogenannten Abkappungen kommen (s. o.). Wurf und Schuss mit spitzen oder scharfen Gegenständen sind bio­ mechanisch dem Stich vergleichbar, wobei den Knochen penetrierende oder perforierende Objekte üblicherweise charakteristische Spuren hinsichtlich der Schneiden- oder Spitzengeometrie des

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einwirkenden Gegenstands hinterlassen (Wahl/ Zink 2013, 87). Traumatisierung Der Vorgang, der zu einer Verletzung führt, wird als Traumatisierung bezeichnet. Als Synonyme können die Begriffe „Gewalteinwirkung“ oder „Erzeugungsvorgang“ verwendet werden. In diesem Zusammenhang geht es um die Analyse des Spurenbildes am Knochen auf Aspekte hin, die Rückschlüsse auf die Morphologie des einwirkenden Gegenstands, Tatwerkzeugs bzw. der verwendeten Waffe erlauben. Mit den zuvor gewonnenen Detailinformationen z. B. zum Erscheinungsbild der Defektkanten (Biegung, Berstung oder scharf geschnitten), zur Einwirkungsfläche (begrenzt, unbegrenzt oder wenn begrenzt, eventuell kantig berandet), Kontur (geformt oder ungeformt) wird das zeit-, kultur- und ortstypische Geräteinventar abgeglichen. Dabei muss prinzipiell jeder in Frage kommende Gegenstand in die Betrachtung mit einbezogen werden. Lässt sich auch nur eines der im konkreten Fall am Knochen vorgefundenen Detailmerkmale nicht mit dessen Charakteristika (v. a. Form und Masse) vereinbaren, ist er als Verursacher auszuschließen. Je kleiner das Spektrum an potenziellen Tatwerkzeugen ist, um so eher kann demnach ein bestimmter Gerätetyp plausibel gemacht werden. In manchen Fällen sind anhand des Spurenbilds nur allgemeine Eigenschaften ansprechbar, so dass verschiedene Gerätschaften im Spiel bleiben, die z. B. alle eine gerade, scharfe Kante aufweisen. Als Beispiel dazu seien die Schädelverletzungen aus dem bandkeramischen Massengrab von Talheim genannt (Wahl/König 1987; Wahl/König 2006, 95–96). Die Kalotte eines jugendlichen Individuums (83/22A) zeigt zwei bemerkenswerte Läsionen: Einen unvollständig erhaltenen, lanzettförmigen Lochdefekt am rechten Scheitelbein, dessen stirnseitige Kante symmetrisch flach gekrümmt und scharf geschnitten ist, während die Biegungsfraktur auf der gegenüberliegenden Seite auf stumpfe Gewalt hindeutet. Mithin muss hier ein scharfkantiger Gegenstand mit in zwei Ebenen gekrümmter Schneide und keilförmigem Profil eingewirkt haben. Die zweite Läsion liegt nur wenige Zentimeter stirnwärts davon, eine schmale, geformte Impressionsfraktur, die von einem stumpfen, harten Gegenstand mit stumpfer, geradliniger, gerundeter Kante herrührt. Alle diese

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Formmerkmale stimmen mit den Konturen der aus der Zeit bekannten sogenannten Flachhacken überein, so dass hier eine positive Identifizierung des Tatwerkzeugs möglich ist. Bestätigung findet diese Ansprache in einer Vielzahl weiterer Traumata an anderen Schädeln aus dem Massengrab, u. a. auch durch den Befund an der Kalotte eines frühadulten Mannes (83/12), die in der Scheitelregion und auf das rechte Os parietale ausgreifend einen großflächigen Frakturkomplex aufweist, der offensichtlich mit einem seitlich auftreffenden Steinbeil dieser Art in Verbindung zu bringen ist. Hier bildet sich dessen typische Knieschäftung ab. Für einige der Schädeldefekte aus Talheim wurden von archäologischer Seite Scheibenkeulen als mögliche, alternative Ursache ins Spiel gebracht (Spatz 1998, 11; Biermann 2012, 342–343). Deren Schneiden sind jedoch nur in einer Ebene gekrümmt, weswegen sie in diesem Befund als Waffen ausscheiden. Als zweites Beispiel mögen die Verletzungen dienen, die an den Skelettresten von zwei Männern aus der frühmittelalterlichen Viererbestattung von Inzigkofen, Kreis Sigmaringen, vorgefunden wurden (Wahl 2005). Der Schädel eines ca. 40-jährigen Mannes weist einen klaffenden, scharf geschnittenen, die rechte Seite von der Stirn bis zum Hinterhaupt auf etwa 13 cm eröffnenden Defekt auf, der von einem extrem scharfen Hiebinstrument verursacht wurde. Kleinere, randständige, von diesem Defekt rechtwinklig abgehende Berstungsfrakturen zeigen an, dass ein erheblicher Spreizdruck geherrscht hat, hier also keine flache Klinge, sondern ein Gegenstand mit keilförmigem Profil eingedrungen ist. Demnach kommen aus dem Geräte- und Waffenensemble der Zeit ein Beil oder eine Axt, angesichts der sonstigen Traumata womöglich am ehesten eine Franziska in Betracht. Ein ca. 20-jähriger Mann, der Sohn oder Neffe des Vorgenannten, zeigt drei Stichdefekte im Bereich des Brustkorbs, zwei davon trafen horizontal von hinten zwischen der neunten und zehnten Rippe nur wenig links der Wirbelsäule. Diese stammen von einem zweischneidigen Gegenstand. Da es im frühen Mittelalter jedoch noch keine Dolche gab, kommt an dieser Stelle nur eine Lanzenspitze in Frage. Da beide Läsionen unmittelbar nebeneinander liegen, dürfte das Opfer zu diesem Zeitpunkt bereits regungslos (in Bauchlage) am Boden gelegen haben. Ein weiterer Befund soll die Vorgehensweise bei Vielfachtraumen vermitteln (vgl. Wahl 2007, 116–117). Der Schädel eines maturen Mannes aus Überauchen-Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis,

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weist auf einer Fläche von 9 x 3 cm in der rechten Stirn- und Scheitelregion acht Perforationsdefekte auf, die – bezogen auf die in situ-Lage des Schädels – vertikal zur Erdoberfläche hin ausgerichtet waren. Die Analyse einer solchen Anhäufung von Einzeltraumen erfolgt in vier Schritten: Sie zielt zuerst auf die Traumatisierungsart; als zweites auf die Erkennung eventuell vorhandener Muster (Anzahl der Einwirkungen und Werkzeugart); an dritter Stelle steht die spurentechnische Beurteilung (Anzahl der Werkzeuge); der vierte Schritt gilt der sogenannten Superpositionsanalyse, d. h. den geometrischen und sonstigen Eigenschaften des Werkzeugs, die sich aus den einzelnen Defekten ableiten lassen (im Detail siehe Wahl/König 2006, 99–100). Nachdem man im vorliegenden Fall zunächst an eine morgensternartige Waffe gedacht hatte, ergab die Detailanalyse, dass es sich um acht isolierte Stichdefekte mittels eines einzinkigen Geräts mit scharfer, vierkantiger, lang ausgezogener Spitze und grob rautenförmigem Querschnitt, ähnlich einer Vierkantahle, handelte. Die gruppenweise Ausrichtung der Defekte ließ zudem erkennen, dass das Werkzeug im Verlauf seiner Einwirkung um seine Längsachse gedreht wurde. Alles in allem dürfte es sich um Spuren von Grabräubern handeln, die beim Sondieren einen Stab mit geschmiedeter Spitze verwendeten. Entsprechende Details im Bereich der Tabula externa und interna weisen auf einen teilspröden Zustand des Knochens, mithin einen gewissen zeitlichen Abstand zwischen der Inhumierung des Leichnams und der Beraubungsaktion hin. Täter-Opfer-Geometrie Im Hinblick auf die Rekonstruktion des Geschehens steht als nächstes die Konstellation im Blickfeld, in der die Kontrahenten im Moment der Traumatisierung zueinander positioniert waren. Dabei sind v. a. zwei Aspekte von Bedeutung: Erstens, eine derartige Rekonstruktion muss stets mit einem konkreten Werkzeug „durchgespielt“ werden. Passt auch nur ein Detail zwischen Handlungsablauf und angesichts des Spurenbilds am Knochen angenommener Waffe nicht zusammen, ist der entsprechende Ansatz zu verwerfen. Mitentscheidende Faktoren sind in diesem Zusammenhang die anatomische Lokalisation des vorgefundenen Defekts sowie der Auftreffwinkel des postulierten Gegenstands. Zweitens bewegt sich eine solche Rekonstruktion immer im Bereich von

Plausibilität und Wahrscheinlichkeit, denn es bleiben durchweg verschiedene Varianten denkbar. D. h., auch wenn sich eine bestimmte Körperhaltung der Beteiligten zueinander als besonders plausibel darstellt, kann die Sache trotzdem noch anders abgelaufen sein. Man kann z. B. einen Arm in unendlich vielen verschiedenen Arten vom Körper wegstrecken (gerade, gebeugt, den Unterarm in Pro- oder Supinationsstellung, in jegliche Richtung) und das im Stehen, im Liegen, in gekrümmter Haltung oder in unterschiedlichen Sitzpositionen. Ein interessantes Beispiel einer derartigen Plausibilitätsrekonstruktion stellt ein Befund aus Aldingen, Kreis Tuttlingen, dar (Wahl/König 2006, 98–99; Wahl 2007, 92–94). Die Skelettreste eines ca. 30-jährigen Alamannen zeigen im Bereich der linken Schläfe sowie an der linken Ulna Spuren scharfer Gewalt, die bereits erste Heilungsreaktionen erkennen lassen und beide einen Überlebenszeitraum von zwei bis drei Wochen dokumentieren. Der Mann dürfte letztlich an einer Sepsis verstorben sein. In diesem Fall lassen sich beide Defekte zur Deckung bringen, wenn man annimmt, dass das Opfer, mit angewinkeltem und zum Schutz über dem nach vorne geneigten Kopf erhobenem, linkem Arm versuchte, vor einem drohenden Hieb aus erhöhter Position in Deckung zu gehen. Ob dabei der Täter auf einem Pferd saß oder stand bzw. der Getroffene vornüber gebeugt stand oder am Boden kauerte, muss offen bleiben. Die beiden Läsionen sind zwar allem Anschein nach zum selben Zeitpunkt entstanden, doch müssen sie nicht unbedingt auf ein und denselben Hieb zurückgehen. Sie könnten ebenso gut infolge separater Gewalteinwirkungen bei unterschiedlichen Bewegungsabläufen entstanden sein. Bei multiplen Verletzungen gilt die Regel, dass diese in eine Abfolge abhängig von der Verletzungsschwere gebracht werden. Eine solche Reihenfolge ist einleuchtend, denn aus Sicht des Täters macht es wenig Sinn, einem Kontrahenten, der bereits schwer verwundet ist, noch eine leichte Wunde zuzufügen. Gleichwohl kann das nicht ausgeschlossen werden. Die Regel gilt zudem nur, wenn das Opfer lediglich einem Gegner gegenüberstand und nicht gleichzeitig von mehreren Angreifern attackiert wurde. Exemplarisch für einen solchen Fall sei ein Fund aus Bietigheim, Kreis Ludwigsburg, erwähnt (Stork/Wahl 1988; Wahl 2007, 134–137). Hier wurden an den Skelettresten eines ca. 30- bis 35-jährigen Mannes an der linken Schulter, im Bereich des Schädeldachs und in der Unterleibsregion drei Verletzungen festgestellt,

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die höchstwahrscheinlich alle von derselben Hieb-/ Stichwaffe herrühren, einem typisch altmagyarischen Säbel, und – hinsichtlich des Geschehensablaufs – dem Betroffenen auch in dieser Reihenfolge beigebracht worden sein könnten. Ähnlich zu interpretieren ist ein Fund aus dem österreichischen Leopoldau (Reuer 1984). Hier fanden sich am Stirnbein sowie am linken Scheitelbein eines adulten Mannes zwei unverheilte Hiebdefekte, die im Prinzip überlebbar gewesen wären. Dazu kommt eine Verletzung infolge eines Pfeilschusses, der nahezu horizontal von rechts vorne zwischen dem zweiten und dritten Lendenwirbel eingedrungen ist und schwer wiegende innere Verletzungen verursacht haben dürfte. Sobald, wie hier, verschiedene Waffen zum Einsatz kamen, sind stets mehrere Gegner in Betracht zu ziehen. Es kann jedoch keineswegs ausgeschlossen werden, dass ein und derselbe Angreifer zunächst aus der Distanz Pfeil und Bogen benutzte, um dann im Nahkampf sein Schwert einzusetzen – so dass der Grundsatz „unterschiedliche Waffen = unterschiedliche Gegner“ erneut nur als Regel angesehen werden kann. Die Rekonstruktion der Täter-Opfer-Geometrie bleibt also immer mit Unsicherheiten behaftet. An dieser Stelle soll noch eine weitere Deutungsmöglichkeit im Zusammenhang mit Mehrfachtraumatisierungen erwähnt werden. Wenn diese, bezogen auf ihre Lokalisation am Skelett, sehr nahe beieinander liegen, ist dies nicht nur ein Hinweis auf ein bereits bewegungsunfähiges Opfer, sondern vielleicht auch ein Indiz dahingehend, dass der oder die Täter eventuell auf bestimmte Körperregionen zielten oder aufgrund der passiven Bewaffnung des Opfers nur bestimmte, ungeschützte Partien erreichen konnten (vgl. Bibby/Wahl 2000). Motivation (Level 1) Hinsichtlich der Motivation, die einer gewalttätigen Aktion zugrunde liegt, seien an dieser Stelle zwei Ebenen voneinander unterschieden. Level 1 bezieht sich auf den Zweck der Traumatisierung – abgeleitet aus der Traumatisierungsart und anatomischen Lokalisation des Traumas: Was wurde getan? Welche Anhaltspunkte liefert das Spurenbild am Knochen bezüglich der zugrunde liegenden Aktion? Dieses Stadium der Deutung liegt gerade noch im gelben Bereich, zumal die zugehörigen Weichteil­defekte fehlen, die Fundsituation der Skelettreste eine

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wesentliche Rolle spielt, insbesondere aber dieselbe Handlung mit unterschiedlichen Szenarien einher gehen kann. Exemplarisch dafür sollen die nachstehend in chronologischer Reihenfolge aufgeführten Befunde stehen. Das Hinterhauptbein einer jungpaläolithischen, eher weiblichen Jugendlichen aus der Burghöhle Dietfurt weist neben anderen Läsionen basalwärts der Linea nuchae superior ein mehr oder weniger horizontal orientiertes Bündel von fast einem Dutzend Schnittspuren auf, die wahrscheinlich auf die Verwendung einer Silexklinge zurückzuführen sind (Wahl 2012, 20–31). An dieser Stelle des Knochens setzt die tiefe Nackenmuskulatur an, deren Durchtrennung offenbar das Ziel des Ausführenden war. Am linken Schulterblatt eines Neolithikers aus Stuttgart-Zazenhausen wurden an der Basis der Spina scapulae kaudalwärts mehrere Schnittkerben festgestellt (Joachim/Wahl 2009). Nachdem zunächst Anzeichen einer „Entfleischung“ in Betracht gezogen wurden, sind diese Verletzungen wohl eher als Stichdefekte zu deuten. Um Schnitte am Knochen mit der Entfernung anhaftender Weichteil(rest)e in Verbindung zu bringen, gilt vorab zu prüfen, ob an der besagten Stelle überhaupt Muskeln bzw. Sehnen ansetzen. Es ist wenig effektiv, diese durch Schnitte senkrecht zum Knochen zu durchtrennen, und eine Steinklinge würde dadurch unnötig abgestumpft. Beim „Entfleischen“ sind v. a. zur Längsrichtung des Knochens parallel verlaufende Schabe- oder Kratzspuren zu erwarten. Massivere Hackspuren, die in größerer Zahl mittig oder gelenknah an den großen Langknochen in dem Fundensemble vom Galgenberg in Ellwangen angetroffen wurden, sind ehedem offenbar beim Vergraben der Leichname von Hingerichteten (gezielt) gesetzt und im Rahmen der Auswertung als „Verräumspuren“ definiert worden (Wahl/Berszin 2010). Einige weibliche Schädel aus römerzeitlichen Brunnen aus Regensburg-Harting zeigen langgezogene, etwa in der „Hutlinie“ verlaufende Schnittspuren, die am ehesten als Anzeichen dafür zu werten sind, dass die Betreffenden skalpiert wurden (Schröter 1984). Ähnliche, mehr oder weniger parallel zum Horizontalumfang des Schädels verlaufende Kerben sind aus verschiedenen Fundorten in Nordamerika bekannt geworden (z. B. Williamson u. a. 2003). Auf dem Friedhof des ehemaligen Heilig-GeistSpitals in Konstanz wurde das Skelett eines ca. 25-jährigen und etwa 1,75 m großen Mannes gefunden (Befund 791). Der kraniale Anteil seines

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fünften Halswirbels ist infolge eines von hinten ausgeführten Hiebs mit einer schmalen, scharfen Klinge glatt abgekappt (Berszin/Wahl 2010). Es darf angenommen werden, dass der Mann mit Hilfe eines Richtschwerts enthauptet wurde. Seine Bestattung in geweihter Erde ist als Gnadenerweis seiner Familie gegenüber zu werten. Aus der ehemaligen Festungsanlage von Rastatt ist unter den umgelagerten Skelettresten von mindes­ tens 120 Personen das proximale Ende eines rechten Schienbeins eines jüngeren Mannes überlie­fert, das im Zusammenhang mit einem Lazarett aus der Zeit der napoleonischen Kriege gesehen wird (Wahl 2007, 119–121). Der Knochen ist ca. 10 cm unterhalb des Kniegelenks abgesägt worden. Der Fund dokumentiert eine Unterschenkelamputation, die – ausweislich der fehlenden Heilungs­erschei­nungen – nicht überlebt wurde. Der Patient dürfte demnach kurz nach dem Eingriff an einer Sepsis oder unmittelbar infolge Verblutens gestorben sein. Schnitt- oder andere Trennspuren im Bereich der Gelenkspalten belegen, dass unsere Vorfahren mit der menschlichen Anatomie vertraut waren (z. B. Boulestin u. a. 2009), zuweilen aber scheinbar auch bewusst grob zu Werke gingen (z. B. Lange 1983; Wahl/Berszin 2010; Bello u. a. 2011). Motivation (Level 2) Level 2 bezieht sich auf die Intention, die hinter einer Traumatisierung steht: Warum wurde eine bestimmte Handlung vollzogen? In welchem Kontext steht die Aktion? Was war der Auslöser bzw. die Ursache des Geschehens? Die Motive, die in dieser Phase der Rekonstruktion diskutiert werden, sind derart vielfältig, dass der Bearbeiter sich zumeist auf dem Niveau von Spekulationen bewegt. Lediglich unter Miteinbeziehung der Fundumstände, eventueller historischer Gegebenheiten oder anderer Prämissen ist eine gewisse Wahrscheinlichkeit gegeben. Auch wenn ein Szenario im Rückblick naheliegend erscheint, sind in der Regel immer alternative Deutungsvarianten möglich – wobei nicht zuletzt auch die kulturelle Prägung des Betrachters eine erhebliche Rolle spielt. Selbstverständlich müssen dabei auch sämtliche, aus dem konkreten Befund abzuleitenden Indizien in den angenommenen Handlungsstrang passen. Als Gründe für tätliche Auseinandersetzungen oder Gewalteinwirkungen, welcher Art auch immer, kommen sehr unterschiedliche Motive in Frage (u. a.

Peter-Röcher 2007). Um das mögliche Spektrum aufzuzeigen, seien an dieser Stelle genannt: Krieg, Fehde, Mord und Totschlag, Ahnenkult, Gerontooder Infantizid, Totenfolge, Sekundärbestattung, Kulthandlungen verschiedenster Art, Opferung, Exekution, Verstümmelung, Kopfjagd (Gewinnung von Trophäen), Frauenraub, territoriale oder materielle Gründe, Leichenentsorgung und zufällige Bodeneingriffe. Diese Liste ließe sich noch um ein Vielfaches erweitern und untergliedern. Insofern ist eine zurückhaltende Interpretation stets der bessere Weg. Als Beispiele für Befunde, die unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zulassen, sollen die nachfolgend kurz beschriebenen Funde dienen. Das bereits im Zusammenhang mit typischen Verwitterungsdefekten erwähnte Kalvarium eines spätadulten Mannes aus dem Michelsberger Erdwerk von Ilsfeld weist zudem Nagespuren sowie einen unverheilten Lochbruch, verursacht durch mindestens zwei, sich teilweise überlagernde, Schlageinwirkungen auf (Wahl 2008). Des Weiteren sind markante Ausbrüche im Bereich der Schädelbasis und der Kalottenmitte anzusprechen. Der Mann ist demnach erschlagen und sein Kopf anschließend auf einer Stange o. ä. aufgespießt worden. Der Schädel ist auffallend größer und robuster als alle anderen vor Ort gefundenen Stücke, könnte also von einer Person stammen, die aufgrund ihrer Erscheinung eine besondere Stellung innerhalb der Gemeinschaft inne hatte, oder von einem Fremden, der vielleicht bei einem Angriff auf das Erdwerk zu Tode kam. Der Mann könnte jedoch ebenso im Rahmen eines Rituals getötet oder sein Kopf von anderswo nach Ilsfeld gebracht worden sein. Dessen Präsentation am Zugang zur Anlage könnte der Abwehr von Unheil oder zur Abschreckung gedient haben. Ähnlich variantenreich sind die Deutungsansätze, die sich aus den Detailbefunden der spätmesolithischen Kopfbestattung vom Hohlenstein-Stadel ergeben (vgl. Wahl/Haidle 2003). In einer nur 45 cm x 35 cm weiten, aber ca. 70 cm tiefen Grube im Eingangsbereich der Höhle waren die Köpfe eines etwa 25-jährigen Mannes, einer 20- bis 25-jährigen Frau und eines ein bis zweijährigen Kindes beigesetzt worden. Die beiden Erwachsenen wurden erschlagen, die Spurenlage am Kinderschädel ist uneindeutig. Wie Schnittmarken an den erhaltenen Halswirbeln belegen, hat man deren Köpfe dann vom Rumpf abgetrennt und aufrecht nebeneinander in gleicher Ausrichtung über drei gezielt eingebrachte, steinerne „Bettungspflaster“ in die Grube

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

gestellt. Bereits das Ausheben der Grube dürfte mit den damaligen Mitteln schwierig gewesen sein. Über die Bedeutung der drei Steinlagen können wir nur spekulieren, ebenso darüber, warum diese drei Personen (die aufgrund ihrer epigenetischen Merkmale wohl als Kernfamilie angesprochen werden können) in welchem Kontext getötet und speziell an diesem Ort teilbestattet wurden. Obwohl vergleichbare Funde aus Bayern überliefert sind (Frayer 1997), bleiben die Hintergründe des Geschehens weitestgehend im Dunklen, zumal aus dieser Zeit andernorts auch regelrechte Friedhöfe bekannt sind (Grünberg 2000). Dass man mit einer Interpretation (zunächst) auch daneben liegen kann, zeigen zwei Schädel von der Flur „Remswasen“ aus Schwäbisch Gmünd (Wahl/ Trautmann 2013). An diesem Platz sind Hinrichtungsopfer vergraben worden. Die besagten Stücke weisen Hiebkerben oberhalb des Nackens bzw. am linken Scheitelbein auf. Mit Bezug auf den Fundkontext lag es nahe, an missglückte Enthauptungsversuche zu denken. Dagegen sprach jedoch, dass die in beiden Fällen vollständig erhaltenen Halswirbelsäulen keinerlei Traumata zu erkennen gaben. Den entscheidenden Hinweis lieferten die Skelettreste, die unter dem Galgen von Ellwangen entdeckt wurden (Wahl/Berszin 2010). Dort fanden sich bei mehreren Individuen nach erstem Anschein unmotiviert erscheinende Kerben im Bereich des Schultergürtels oder Abkappungen am Os temporale. Da in Ellwangen ausschließlich Gehenkte verscharrt worden waren, mussten die Befunde mit dieser Hinrichtungsart oder der „Nachbehandlung“ der Leichname in Verbindung stehen. Beide Fundstellen zusammen lassen den Schluss zu, dass es sich in diesen Fällen um Spuren handelt, die beim Abnehmen der Erhängten vom Galgen entstanden sind. So war es offenbar in Schwäbisch Gmünd Usus, den Strang oberhalb des Laufknotens zu kappen, während man ihn in Ellwangen im Bereich der Halsschlinge durchtrennte (Wahl/Berszin 2012). Inzidenz Aussagen über die Häufigkeit tätlicher Auseinandersetzungen in (prä)historischen Gesellschaften unterliegen erheblichen Einschränkungen, da der Nachweis von Traumata am Skelett von einer Vielzahl unterschiedlicher Parameter abhängig ist (Wahl/ Zäuner in Vorb.). Die wesentlichsten davon sind

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die Repräsentativität der Skelettreste, deren Erhaltungszustand und Überlieferungsgrad, die Dunkelziffer an Weichteilverletzungen und nicht zuletzt auch methodische Probleme bei der Einschätzung des Entstehungszeitpunkts, hinsichtlich ihrer Abgrenzung von nicht-menschlichen Einwirkungsmechanismen sowie der Differenzierung von anderen Ursachen wie Unfällen oder häuslicher Gewalt. Die substanzielle Knochenerhaltung hängt in erster Linie vom Liegemilieu ab, die Liegezeit spielt demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Entscheidende Faktoren sind der pH-Wert und Wassergehalt, die Temperaturverhältnisse, Bodenart, Korngröße sowie in hohem Maße biologische Parameter (s. o.). Der Überlieferungsgrad bezieht sich auf die Vollständigkeit des Skelettmaterials. In vielen Fällen sind aufgrund der Liegebedingungen v. a. die stark spongiösen Elemente des Stammskeletts und Brustkorbs, das Becken und die Gelenkenden der Langknochen verwittert (Lovell 1997; Waldron 2009). Der Repräsentativität kommt mit Blick auf die Alters- und Geschlechtsverteilung, soziale Schichtung u. ä. auf mehreren Ebenen eine besondere Bedeutung zu – innerhalb einer einzelnen Populationsstichprobe ebenso wie für bestimmte Fundregionen, größere Verbreitungsgebiete oder im überregionalen (eventuell diachronen) Vergleich (vgl. Peter-Röcher 2007). Ein nicht zu unterschätzendes Problem stellt die Unterscheidung zwischen peri- und postmortalen Verletzungen dar, da ein Knochen u. U. auch nach mehrere Jahrzehnte (oder länger) währender Lagerung noch wesentliche biomechnische Eigenschaften seines Ausgangszustands aufweisen und auf äußere Gewalteinwirkung wie ein „frischer“ Knochen reagieren kann (König/Wahl 2006; Wieberg/Wescott 2008; Grauer/Roberts 1996). Im Nachhinein betrachtet, lässt sich ein in diesem Zeitraum, z. B. im Rahmen mehrphasiger Bestattungsrituale (Lange 1983; Heske/Grefen-Peters 2012), gesetzter Defekt nicht mehr von einem tatsächlich perimortal entstandenen unterscheiden. Gleichermaßen von Bedeutung hinsichtlich der Inzidenzrate ist die sogenannte Abbildungshäufigkeit, d. h. der Prozentsatz an Verletzungen, der überhaupt Spuren am Skelett hinterlässt (vgl. auch Walker 2001; Milner/Ferrell 2011). Sie kann, je nach Art der Gewalteinwirkung oder Todesursache, zwischen 0 und 100% betragen. Des Weiteren gilt es, Verletzungen, die auf tätliche Auseinandersetzungen im Kampf zurückgehen, von Unfällen, Strafmaßnahmen, familiären

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Wahl, Vom Trauma zur Traumatisierung zur Täter-Opfer-Geometrie

Streitigkeiten oder pathologischen und Ermüdungsfrakturen abzugrenzen. Die wesentlichsten Kriterien sind dabei ihre Lokalisation am Skelett und/ oder deren Verteilung zwischen den Altersgruppen und Geschlechtern (Kunter 1981; Roberts 1991; Smith 1996; Jurmain/Kilgore 1998; Ortner 2003; Jackes 2004; Kremer u. a. 2008; Jatautis u. a. 2010). In diesem Zusammenhang kommen stets die sogenannten Parierfrakturen zur Sprache (Kunter 1974; Merbs 1989; Judd 2001). Spezifische Verletzungen werden mit Kindesmisshandlung (Kempp u. a. 2008), Faustschlägen (Brick-

ley/Smith 2006) oder anderem in Verbindung gebracht. Belastbare Angaben zum Gewaltpotenzial früherer Gesellschaften sind aus (prä)historischen Skelettresten demnach nur in äußerst begrenztem Umfang zu gewinnen (vgl. Wahl/Zäuner in Vorb.). Im diachronen Vergleich finden sich sehr heterogene Daten. Als allgemeine Trends zeichnen sich jedoch ziemlich eindeutig ab: Ein Rückgang von Pfeilschussverletzungen vom Mesolithikum zum Neolithikum sowie die Zunahme organisierter Gewalt ab der Bronze-, spätestens ab der Eisenzeit (Peter-Röcher 2007).

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Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013 König/Wahl 2006: H. G. König/J. Wahl, Zur Biomechanik der Zusammenhangstrennung am Knochen. In: J. Piek/T. Terberger (Hrsg.), Frühe Spuren der Gewalt. Schädelverletzungen und Wundversorgung an prähistorischen Menschenresten aus interdisziplinärer Sicht. Workshop in RostockWarnemünde vom 28.–30. November 2003. Beitr. Ur- u. Frühgesch. Mecklenburg-Vorpommern 41 (Schwerin 2006) 11–22. Kremer u. a. 2008: C. Kremer/S. Racette/C. A. Dionne/A. Sauvageau, Discrimination of Falls and Blows in Blunt Head Trauma: Systematic Study of the Hat Brim Line Rule in Relation to Skull Fractures. Journal Forensic Scien. 53, 2008, 715–719. Kunter 1974: M. Kunter, Über das Vorkommen von Knochenbrüchen im Bereich des Unterarms bei Skelettfunden. Homo 25, 1974, 78–96. – 1981: M. Kunter, Frakturen und Verletzungen des vor- und frühgeschichtlichen Menschen. Arch. u. Naturwiss. 2, 1981, 221–246. Lange 1983: G. Lange, Die menschlichen Skelettreste aus dem Oppidum von Manching. Ausgr. Manching 7 (Wiesbaden 1983). Lovell 1997: N. C. Lovell, Trauma Analysis in Paleopathology. Yearbook Am. Journal Physical Anthr. 40, 1997, 139–170. Merbs 1989: C. F. Merbs, Trauma. In: M. Y. Işcan/K. A. R. Kennedy (Hrsg.), Reconstruction of Life from the Skeleton (New York 1989) 161–189. Milner/Ferrell 2011: G. R. Milner/R. J. Ferrell, Conflict and death in a late prehistoric community in the American Midwest. Anthr. Anz. 68,4, 2011, 415–436. Muhl u. a. 2010: A. Muhl/H. Meller/K. Heckenhahn, Tatort Eulau. Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt (Stuttgart 2010). Niethard/Pfeil 1992: F. U. Niethard/J. Pfeil, Orthopädie. Hippokrates (Stuttgart 21992). Ortner 2003: D. J. Ortner, Identification of Pathological Conditions in Human Skeletal Remains (Amsterdam/Boston/ London 22003). Peter-Röcher 2007: H. Peter-Röcher, Gewalt und Krieg im prähistorischen Europa. Beiträge zur Konfliktforschung auf der Grundlage archäologischer, anthropologischer und ethnologischer Quellen. Universitätsforsch. Prähist. Arch. 143 (Bonn 2007). Reuer 1984: E. Reuer, Der Pfeilspitzenmann von Leopoldau. Arch. Austriaca 68, 1984, 155–160. Roberts 1991: C. A. Roberts, Trauma and Treatment in the British Isles in the Historic Period: A Design for Multidisciplinary Research. In: D. J. Ortner/A. C. Aufderheide (Hrsg.), Human Paleopathology (Washington 1991) 225–240. Ross/Robins 1991: A. Ross/D. Robins, Der Tod des Druidenfürsten (Köln 1991). Schröter 1984: P. Schröter, Skelettreste aus zwei römischen Brunnen von Regensburg-Harting als archäologische Belege für Menschenopfer bei den Germanen der Kaiserzeit. Arch. Jahr Bayern 1984, 118–120. Smith 1996: M. O. Smith, ‚Parry‘ Fractures and Female Directed Interpersonal Violence: Implications From the Late Archaic Period of West Tennessee. Internat. Journal Osteoarch. 6, 1996, 84–91.

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Wahl, Vom Trauma zur Traumatisierung zur Täter-Opfer-Geometrie

Wahl/Trautmann 2013: J. Wahl/B. Trautmann, Auf den Spuren der „Wiedertäufer“ aus dem Jahr 1529 – Anthropologische Untersuchung der Skelettreste vom ‘Remswasen’ in Schwäbisch Gmünd. Fundber. Baden-Württemberg 33, 2013, 957–1001. Wahl/Zäuner in Vorb.: J. Wahl/S. Zäuner, Eine Rechnung mit vielen Unbekannten: Zur Häufigkeit tätlicher Auseinandersetzungen in prä-historischen Gesellschaften (in Vorb.). Wahl/Zink 2013: J. Wahl/A. Zink, Karies, Pest und Knochenbrüche. Arch. Deutschland Sonderh. (Stuttgart 2013). Waldron 2009: T. Waldron, Paleopathology (Cambridge 2009). Walker 2001: P. L. Walker, A Bioarchaeological Perspective on the History of Violence. Ann. Review Anthr. 30, 2001, 573–596. Joachim Wahl Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege Arbeitsstelle Konstanz, Referat 84, Osteologie Stromeyersdorfstraße 3, 78467 Konstanz [email protected]

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T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 45–54.

Gewalt und Gesellschaft: Sesshaftwerdung, „Staatsentstehung“ und die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Gewalt Heidi Peter-Röcher Zusammenfassung Gewalt kann in zahlreichen Spielarten auftreten, die archäologisch nur schwer zu differenzieren sind, sofern sie überhaupt Spuren hinterlassen. Dazu gehören nicht nur die Bereiche des Krieges und der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen, sondern ebenso beispielsweise die der häuslichen Gewalt, der Körperstrafen und der Rituale. Auch „höhere Gewalten“ wie Naturkatastrophen und Unglücksfälle können Spuren in Siedlungen und an Skeletten hinterlassen, die nur schwer von anthropogen verursachten Zerstörungen und Traumata zu unterscheiden sind. All diese Aspekte erscheinen bisher noch unzureichend untersucht, Verletzungen jeglicher Art gelten häufig mehr oder weniger pauschal als Indizien für kriegerische Gewalt, für die als mögliche Ursachen ökonomische oder ökologische Faktoren im Vordergrund stehen. Soziale und politische Gründe werden hingegen nur selten in Betracht gezogen. Auch Überlegungen hinsichtlich verschiedener Gewaltformen in ihrer Bindung an gesellschaftliche Organisationsstrukturen sind bisher noch ungenügend ausgearbeitet. Nicht immer und überall war die Tötung des Gegners beabsichtigt, nicht in jeder Gesellschaft existierten Kriegerbünde oder stehende Heere, nicht immer gab es eindeutige Befehlsstrukturen oder Exekutivgewalten. Die Lösung von Konflikten muss nicht zwangsläufig gewaltsam erfolgen, und nicht jede Krise führt zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Zwei grundlegende, mit tiefgreifenden Änderungen der Gewaltformen einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen zeichnen sich ab, und zwar zum einen der mit der Sesshaftwerdung verbundene Übergang zu segmentären Verwandtschaftsstrukturen, und zum anderen der Übergang zu staatlichen Organisationsformen, in denen Politik und Verwandtschaftsstrukturen getrennte Wege einschlugen. Abstract: Violence and Society: Sedentarization, “State Formation” and the Various Dimensions of Violence Violence can occur in many different types which can hardly be differentiated archaeologically, if leaving traces at all. This includes not only different domains of war and violent conflicts between groups, but also domestic violence, corporal punishment and violence within rituals. Natural disasters and accidents can leave traces on skeletal remains as well, hardly being distinguishable from mutilations and traumata resulting from anthropogenic causes. All of these aspects do not seem to be adequately investigated, traumata of any kind are more or less generally considered to be evidence of military conflicts and violence. Ecological and economical factors are predominantly taken into account as possible causes while social and political reasons are hardly ever contemplated. Reflexions regarding different forms of violence and their linking to social structures are poorly investigated. Not everywhere and at any time the killing of enemies was intended, not every society has warrior societies or a standing army, distinct command structures or executive power cannot be assumed generally. Conflict resolutions do not necessarily have to take place on violent levels and not every crisis leads to violent conflicts. Two basic social revolutions causing profound changes within the forms of violence occur – the transition to segmental kinship structures being associated with a sedentary life and the transition to states characteristically having a separation of policy and kinship structures.

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Peter-Röcher, Gewalt und Gesellschaft

Gewaltformen, archäologische Überlieferung und Befundinterpretation Keine Gesellschaft ist gewaltfrei, auch wenn dieses Kriterium zuweilen zur Bestimmung friedlicher Gesellschaften herangezogen wurde. Soziale Beziehungen sind mehr oder weniger stark von Gewaltverhältnissen durchzogen, zwischenmenschliche und „höhere“ Gewalt, d. h. gewaltsam ausgetragene Streitigkeiten sowie Unfälle und Naturkatastrophen, haben uns seit der Menschwerdung begleitet, ebenso das Töten von Tieren, das vermutlich bald in Riten und Mythen eingebunden worden ist. Später hinzugekommen sind kriegerische und strafende Gewalt. Der Zeitpunkt ist in der Forschung umstritten. Von der noch in den 1990er Jahren heftig beklagten „Pazifizierung“ der Vorgeschichte durch das Ignorieren entsprechender Befunde lässt sich ein Jahrzehnt später kaum mehr eine Spur finden. Krieg ist ein Modethema geworden. Verbreitet findet sich die Vorstellung von gewaltsam ausgetragenen Konflikten um Ressourcen, Territorien und Besitz, verursacht durch Klimawechsel und Bevölkerungsanstieg, gepaart mit einer gierigen und neidischen menschlichen Natur. Dies kann als Malthusianisches Weltbild charakterisiert werden, nach dem bestimmte ökologische, ökonomische oder biologische Bedingungen angeblich unweigerlich zu Gewalt und Krieg führen. Unterschiedliche Sozialstrukturen und friedliche Konfliktlösungsstrategien spielen kaum mehr oder noch kaum eine Rolle (vgl. in diesem Zusammenhang z. B. Gingrich 2001; Peter-Röcher 2011; Fry 2013). Man gewinnt den Eindruck, die Welt sei schon immer so gewesen wie sie heute ist, früher höchstens noch schlimmer. Krisen und Konflikte können zwar für alle Zeiten vorausgesetzt werden, die Lösung von Konflikten muss aber nicht zwangsläufig gewaltsam erfolgen, und nicht jede Krise führt zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten. In einer Welt, wie sie Malthus beschrieben hat, wäre mit einem weltweit ähnlichen, gegebenenfalls regelmäßigen Schwankungen unterworfenen Gewaltniveau zu rechnen, was archäologisch zwar zuweilen postuliert, nicht aber nachgewiesen wurde (vgl. z. B Keeley 1996; LeBlanc 2003). Das Fehlen eines solchen gleichartigen Niveaus bedarf der Erklärung, und diese dürfte weder in Umweltbedingungen noch im Bereich der menschlichen Natur zu finden sein, sondern im jeweiligen sozialen Umfeld eines Individuums, mithin im Bereich der Gesellschaft. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Jedenfalls

werden bildliche Darstellungen, als Waffen nutzbare Gegenstände, Erdwerke oder Befestigungswerke und Verletzungen aller Art heutzutage oftmals unter der Überschrift „kriegerische Gewalt“ behandelt, dabei aber nicht immer genauer beleuchtet. Insbesondere Traumata lassen sich für eine konkrete Beschreibung von physischer Gewalt heranziehen. Sie können jedoch auf vielfältige Ursachen zurückgehen und sind daher nur mit Vorsicht zu interpretieren, mit Ausnahme der Fälle, bei denen sich eine Waffe bestimmen lässt. Dabei handelt es sich in der Regel um scharfe Gewalt und Schussverletzungen, bei denen allerdings auch Unfälle, etwa bei der Jagd, nicht auszuschließen sind. Jagdaktivitäten, Fischerei, das Klettern auf Bäume oder in felsigem Gelände, der Umgang mit Vieh, Reiten, das Errichten von Häusern samt Dachdeckerarbeiten, Hausbrände, Unwetter, Überschwemmungen usw. können zu Verletzungen und Todesfällen führen, nebenbei bemerkt auch von mehreren Personen zugleich in unterschiedlichster Zusammensetzung. Diese Faktoren werden bisher jedoch in der Ursachenforschung noch ungenügend in Erwägung gezogen, ebenso wie Frakturen, die zwar nach dem Tod entstanden sind, aber zu einer Zeit, als der Knochen noch vital reagierte – als mögliche Szenarien seien etwa der Einsturz von Grabkammern, das Hinabwerfen von Toten in Schachthöhlen und Grabenanlagen sowie Bestattungsrituale genannt. Für Unglücks- und Todesfälle können Hexen oder Zauberer verantwortlich gemacht werden, was auch zur physischen Beseitigung beschuldigter Individuen führen mag. Wenig Beachtung im Zusammenhang mit möglichen Gewalteinwirkungen finden auch Trauerrituale und Initiationsriten. Zu denken ist ferner an häusliche Gewalt, von der Frauen und Kinder als Opfer betroffen sein können, die aber auch im Rahmen privater Konfliktaustragung üblich sein kann, von allen angewendet und nicht als negativ gesehen wird, denn Gewalt unterliegt einer kulturspezifisch unterschiedlichen Einschätzung und Bewertung. Häufig wird von Archäologen und Anthropologen gleichermaßen betont, dass sich nicht alles am Skelett manifestiert und daher ein Fehlen von Verletzungen nicht die Abwesenheit von zwischenmenschlicher Gewalt und Krieg bedeuten muss, mögen doch Gewaltopfer anderweitig oder gar nicht bestattet worden sein. Dies mag so sein, allerdings lässt sich mit nicht Vorhandenem schlecht argumentieren, und eine Möglichkeit, die Vermutung der Bestattung anderenorts plausibel erscheinen zu lassen, ist das

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Abb. 1: Merkmale gewaltsamer Auseinandersetzungen in nicht-hierarchischen und hierarchischen Gesellschaften.

zumindest gelegentliche Auffinden derartiger Bestattungen oder das Fehlen entsprechender Individuen wie etwa junger Männer in den Gräberfeldern. Um den Faktor Gewalt einschätzen und beurteilen zu können, sind eine möglichst umfangreiche Datengrundlage und vor allem ein diachroner Ansatz aufschlussreich (vgl. z. B. Peter-Röcher 2007, 152–186; ferner Ferguson 2013a; Ferguson 2013b). Wie sich dabei zeigt, sind beispielsweise Verletzungsraten bzw. Prozentangaben als solche wenig aussagekräftig – ihre Bedeutung zeigt sich erst im Vergleich verschiedener Zeiträume und Regionen. Differenziert werden muss darüber hinaus zwischen verheilten und nicht verheilten Verletzungen, ihren Formen und soweit möglich ihren Ursachen. Egalitäre und hierarchische Strukturen Grundlage archäologischer Untersuchungen zum Thema Gewalt und Krieg ist oftmals eine sehr einfache Definition von Krieg als gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Gruppen, bei der tödliche Gewalt erlaubt ist oder in Kauf genommen wird. Darunter fällt bei genauerer Betrachtung nahezu alles, von der Massenvernichtung durch Atomwaffen bis hin zu blutigen Prügeleien zwischen Fußballfans, was den Begriff nahezu sinnlos erscheinen lässt. Zudem lassen sich bezüglich gewaltsamer Auseinandersetzungen erhebliche Unterschiede benennen, je nachdem, ob es sich um hierarchische Gesellschaften handelt oder nicht (Abb. 1).

Hierarchische Gesellschaften sind durch die Macht Einzelner charakterisiert, andere auch gegen deren Willen zu etwas zwingen zu können, wenn nötig mit Gewalt. Rechtshoheit, Gewaltmonopol, ein Erzwingungsstab und religiöse Vorherrschaft sind die Stichworte, mit denen sich eine hierarchische Gesellschaft beschreiben lässt. Nicht-hierarchische, also akephale oder egalitäre Gesellschaften lassen sich ebenfalls mithilfe des Machtbegriffs charakterisieren, denn sie sind meist nur in politischer Hinsicht egalitär – in der Regel haben Erwachsene mehr zu sagen als Kinder, Männer mehr als Frauen und Alte mehr als Junge. Diese Ungleichheiten, die in zahlreichen verschiedenen Ausprägungen auftreten, lassen sich natürlich als Machtstrukturen beschreiben, jedoch nicht wie oben dargestellt im Sinn von Herrschaft. Um gewaltsame Auseinandersetzungen differenzierter behandeln zu können erscheint es mir sinnvoll, den aus der Mode gekommenen Begriff der Fehde wiederzubeleben, in der Ethnologie definitionsgemäß für gewaltsam ausgetragene Konflikte verwendet, die durch Verhandlungen bzw. Kompensationszahlungen beigelegt werden können. In erweiterter Form, wie hier verwendet, bezeichnet der Begriff Fehde persönlich motivierte und im Rahmen verwandtschaftlicher Bindungen organisierte Auseinandersetzungen, die bestimmte Merkmale aufweisen: Die Teilnahme ist freiwillig und durch persönliche Interessen motiviert, es handelt sich um individuell bewaffnete Einzelkämpfer, die keiner festen Disziplin und Kommandostruktur unterworfen sind, was nicht zuletzt bedeutet, dass sich jeder zurückziehen

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Abb. 2: Dugum Dani (nach Heider 1997, 103).

kann, wenn er genug hat, im Gegensatz zu Männern, die einer Befehlsgewalt zu gehorchen haben und in Formation kämpfen. Sie müssen gegebenenfalls bis zum bitteren Ende durchhalten, während freiwillig agierende Einzelkämpfer selbst entscheiden können, ob sie ihr Leben riskieren wollen oder nicht. In egalitären Gesellschaften sind die meisten Männer zumindest zeitweise auch Krieger, was jedoch nicht bedeutet, dass sie ständig kämpfen oder für den Kampf trainieren, im Gegensatz zu professionellen Kriegern oder Soldaten, die sich um ihren Lebensunterhalt nicht kümmern müssen oder ihn durch Gewalt erlangen. Ein Kampf mit offenem Visier erfolgt in Form ritualisierter Schlachten ohne Nahkämpfe, die mit wenigen Verwundungen oder Todesfällen enden. Das am häufigsten in diesem Zusammenhang gezeigte Bild dürfte das der Dugum Dani in Neuguinea sein, das die individuellen Handlungsweisen der Teilnehmer verdeutlicht, die hinter den Linien von den Alten und den Jungen beobachtet und kommentiert werden (Heider 1997) (Abb. 2). Eine solche Schlacht könnte auch auf einer Darstellung der spanischen Levantekunst zu sehen sein (Abb. 3). Hinzu kommt, dass das erlaubte Waffenarsenal oft nicht dem vorhandenen Potential entspricht – so werden etwa unzureichend gefiederte und damit weniger treffsichere Pfeile verwendet. Die größte Gefahr, getroffen zu werden, ist der Moment, in dem sich ein Kämpfer zurückzieht und die ankommenden Geschosse nicht sehen und abwehren kann. Von hinten eingedrungene Geschosse zeugen also nicht zwangsläufig von

Überraschungsangriffen oder heimtückischen Überfällen. Ansonsten dominieren unter den Kampfformen aber Überfälle und Hinterhalte mit möglichst geringem Risiko für die Angreifer, d. h. es wird auf Heimlichkeit und/oder Überlegenheit Wert gelegt. Damit einher geht eine Ideologie, die nicht den im Kampf gefallenen Krieger verherrlicht, wie es unserer Vorstellungswelt seit der Antike vertraut ist – Bewunderung erfährt vielmehr derjenige, der überlebt hat. Gefallene können keine Helden sein, denn sie waren zu dumm, zu ungeschickt oder zu unerfahren, um unnötige Risiken zu vermeiden. Der Weg vom lebenden Helden zum toten Heros ist mithin auch ein Weg von der Fehde zum Krieg, von der freiwilligen Teilnahme an Kämpfen zur Zwangsrekrutierung und ihrer Legitimierung durch die Herrschenden. Der Nachweis heroisierter Gefallener mag ein archäologisches Indiz für einen solchen Wandel sein. Daneben spielen in egalitären Gesellschaften nach bestimmten Regeln durchgeführte Schaukämpfe eine Rolle. Sie ermöglichen es, ohne größere Lebensgefahr Mut, Kampfkraft, Stärke und Überlegenheit zu zeigen, sehr wichtige Aspekte, würde doch Schwäche gnadenlos ausgenutzt werden – wir haben es ja nicht mit Altruisten zu tun, sondern mit politisch handelnden, auf ihren Vorteil bedachten Individuen. Berühmt für derartige Duelle sind die Yanomami in Südamerika – wechselseitig werden Schläge ausgetauscht, und zwar mit der flachen Hand oder der Faust auf die Brust oder in die Seiten oder, seltener, mit einem langen Holzknüppel auf den Kopf, was zu bemerkenswerten und mit Stolz vorgezeigten Narben führt. Auch die Frauen handeln Konflikte gewaltsam aus und tragen ihre Narben mit Stolz. Das Prinzip quid pro quo gilt aber nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen, wird doch beispielsweise der Dorn, der sticht, ebenso quasi „zurückgeschlagen“, da man sich nichts gefallen lässt. Die Duelle bieten die Möglichkeit, Konflikte zwischen den Gruppen gewissermaßen gewaltsam friedlich beizulegen. Funktioniert dies nicht, kommt es zu Überfällen – heimlich und im Morgengrauen schleicht man sich an ein feindliches Dorf an, in der Hoffnung, eine oder mehrere Personen beim Wasserholen oder beim Verrichten der Notdurft außerhalb des shaponos, des Runddorfes, zu erwischen und zu erschießen. Besonders wichtig sind jedoch die Planung eines solchen Überfalls und der pompöse Aufmarsch der Krieger am Vortag des Aufbruchs. In zwei von drei Fällen wird dann nicht einmal das feindliche Dorf erreicht,

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Abb. 3: Levantekunst (nach Müller-Karpe 1968, Taf. 270 A).

weil die Wetterbedingungen schlecht sind, die Krieger fußkrank werden oder plötzlich an Übelkeit leiden und umkehren. Martialisches Auftreten ist also nicht unbedingt mit entsprechenden Handlungen gleichzusetzen, und die für die Yanomami gerne berechneten außerordentlich hohen Todesraten aufgrund von Gewalt sind aus verschiedenen Gründen mehr als zweifelhaft, was auch auf diejenigen anderer Gruppen zutrifft. Darauf kann hier jedoch nicht näher eingegangen werden1. In der Regel sind es Kämpfe mit Nachbarn, also Feinden, Handels- und Heiratspartnern zugleich, was vielleicht erklärt, warum selbst List und Heimtücke gewissen Regeln folgen, die von allen Seiten eingehalten werden, und die ungewollt in einem Gleichgewicht zwischen den einzelnen Gruppen resultieren. Ein gestörtes Gleichgewicht kann Katastrophen zur Folge haben, eher selten Massaker, weil Nachrichten meist schneller sind als Angreifer und die Flucht organisiert werden kann, häufiger aber die Auflösung von Gruppen, deren überlebende Mitglieder sich

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anderen Gruppen anschließen müssen, zu denen sie verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen pflegten. Es ist also von großer Bedeutung, keine Schwächen zu zeigen, und die martialische Selbstdarstellung der Krieger sowohl im Aussehen als auch in verbaler Hinsicht trägt zum Erhalt der Gruppe bei und verhindert Eskalationen der Gewalt. Die von den Teilnehmern genannten Motive für gewalttätige Aktionen, vorwiegend Rache und Vergeltung sowie Hexerei/Zaubereianklagen, die m. E. auch als deren Ursachen zu betrachten sind, werden nur von einem Teil der Ethnologen als solche akzeptiert. Ein anderer Teil sieht die Ursachen gerne jenseits der Entscheidungsgewalt der Teilnehmer und versucht, allgemein gültige Kriegsursachentheorien zu formulieren, die entweder in biologischen oder in gesellschaftlichen Zwängen wurzeln. Sofern es sich um irgendeine Form von Mangel handelt, der auch archäologisch zuweilen fassbar wird, oder Territorien und Übervölkerung eine Rolle spielen sollen, greifen Archäologen gerne auf derartige Theorien zurück

Zur Problematik der hohen Todesraten vgl. Peter-Röcher 2002, 21–22; Peter-Röcher 2007, 67–91; vgl. ferner Ferguson 2013a, 213 Anm. 1, der in diesem Zusammenhang v. a. koloniale Einflüsse betont. Zu den Yanomami vgl. Ferguson 1995; Peter-Röcher 2007, 29–32; 83–91, mit weiterer Literatur.

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Abb. 4: Ursachen gewaltsamer Auseinandersetzungen in nicht-hierarchischen Gesellschaften nach Aussagen der Teilnehmer, der Ethnologen und der Archäologen.

und fügen, gewissermaßen als emotional für jeden nachvollziehbares Element noch die Beute hinzu (Abb. 4). Bemerkenswerterweise sind dies genau die Ziele, die hierarchische Gesellschaften oder Staaten verfolgen, wenn sie Kriege führen (Abb. 5). Persönlich motivierte Handlungen in nicht-hierarchisch organisierten Gesellschaften stehen Zielen gegenüber, die nicht mehr unmittelbar im persönlichen Interesse des Einzelnen liegen, auch wenn der Kampf für Glaube, König, Volk und Vaterland natürlich so verkauft und empfunden werden mag, und die Aussicht auf Beute eine enorme Motivation sein kann. Sesshaftigkeit, Territorien und Besitz führen jedenfalls keineswegs, wie oft angenommen, automatisch zum gewaltsamen Streben danach – vielmehr ist der Eindruck unvermeidlich, dass zahlreiche Strategien entwickelt worden sind, um genau dies zu verhindern. Die Trennung von Autorität, Macht, Reichtum und Gewalt, komplizierte und langwierige Rituale nach Tötungen sowie vielfältige, durch Reziprozität bestimmte Beziehungen sind einige Aspekte, die einem derartigen Streben entgegenstehen. Selbst wenn Beute ein Faktor wäre, so könnte das Ziel regelmäßiger Raubzüge nicht das eigene Netzwerk sein, und die enge Einbindung in Nachbarschaften bedeutet, dass dieses Netzwerk überall ist. Der Krieg wird anders gedacht und geführt, wenn Reichtum und Macht nicht nur erstrebenswert,

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sondern durch Gewalt zu erlangen sind, wenn Beute, Sklaven, Tribut und Unterjochung eine Rolle spielen, reziproke Beziehungen hingegen keine Bedeutung mehr haben. Eroberte Gebiete müssen jedoch auch kontrolliert oder beherrscht werden können, was hier­archische Strukturen voraussetzt. Eine solche Entwicklung zum „Staat“ erfolgte zu sehr unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Rhythmen: In Vorderasien dürfte sie beispielsweise bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. abgeschlossen gewesen sein, in Nordeuropa hingegen erst in der fortgeschrittenen römischen Kaiserzeit2. Sesshaftwerdung Diese Zäsur der „Staatsentstehung“ soll jedoch im Folgenden keine Rolle spielen, sondern der durch Klimaänderungen am Beginn des Holozäns bedingte Übergang zu einer sesshafteren Lebensweise in Verbindung mit neuen Subsistenzformen, der zu tiefgreifenden Änderungen der Sozialstruktur führte. So mussten beispielsweise Verwandtschaftsverhältnisse neu geregelt bzw. erfunden werden; die offene, unsegmentierte Gruppenstruktur mobiler Wildbeuter wurde durch segmentäre Strukturen ersetzt, die es ermöglichten, Erbfolge und territoriale Rechte zu regeln. Ein archäologischer Hinweis darauf können fest definierte Bestattungsareale sein, wie sie in dieser

Vgl. Peter-Röcher 2012. Es dürfte immer wieder Ansätze zu einer solchen Entwicklung gegeben haben, die jedoch in der Regel an der egalitären Struktur bzw. Ideologie der betreffenden Gesellschaften scheiterten. Zudem handelt es sich generell um vielfältig gestaltete Strukturen, die sich in unterschiedlichen Rhythmen herausbilden und wieder verschwinden können, vgl. z. B. Breuer 1990.

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Abb. 5: Ziele gewaltsamer Aktionen in nicht-hierarchischen und hierarchischen Gesellschaften.

Zeit wohl erstmals gesichert auftreten. Sie mögen die enge Bindung der Lebenden und der Toten an das Territorium der jeweiligen Verwandtschaftsgruppen dokumentieren – die Verstorbenen werden zu Ahnen3. Innerhalb und zwischen Gruppen war der Umgang miteinander neu zu definieren. Sesshafte Gruppen oder ihre Mitglieder können sich bei Streitigkeiten nicht einfach aus dem Weg gehen – Strategien der räumlichen Distanz mussten durch andere Praktiken ersetzt werden, die die komplexer und komplizierter gewordenen sozialen Beziehungsgeflechte regelten und auf lange Sicht ein Ausufern der Gewalt vermeiden halfen. Die Zeit der Sesshaftwerdung war also auch in sozialer Hinsicht eine Zeit des Übergangs, eine prekäre Situation, bis sich die jeweils neu geschaffenen Traditionen etabliert hatten, bis Verwandtschaft, Heirat, Gabentausch und Rechtsansprüche mit der Berufung auf höhere Mächte oder Ahnen verbindlichen Regeln innerhalb und zwischen den Gruppen unterworfen waren (Abb. 6). In manchen Gebieten wie etwa dem Fruchtbaren Halbmond scheint dieser Prozess relativ gewaltarm abgelaufen zu sein4. Vielleicht herrschte hier kein Mangel, so dass zum einen Domestikationsprozesse problemlos ermöglicht wurden, und zum anderen die gesellschaftliche Umstellung mit Kooperation und Wissenstransfer einhergehen konnte, Konkurrenz und Gewalt hingegen kaum eine Rolle spielten. Genannt seien nur große Festplätze für zahlreiche Teilnehmer bzw. Gruppen, die gemeinsam aßen und

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(Bier) tranken, und außerordentliche gemeinsame Arbeitsleistungen im Rahmen der Entwicklung neuer Mythologien, die zwar wildbeuterische Aspekte betonen, aber wohl im Zusammenhang mit der Verehrung von Ahnen zu sehen sind, wie etwa in Göbekli Tepe (Peters/Schmidt 2004; Dietler 2006; Mithen u. a. 2011; Zeder 2011; Dietrich u. a. 2012). Diese „wildbeuterische Mythologie“ dürfte von großer Bedeutung gewesen sein, denkt man beispielsweise an die erheblich späteren Darstellungen und Installationen in Çatal Höyük – Religion und Ritual einschließlich gemeinschaftlicher Festmähler erscheinen hier noch immer beherrscht vom „Wilden“, während das „Domestizierte“ lediglich die alltägliche Nahrung bereitstellt, aber keine rituelle Beachtung findet (z. B. Hodder 2006; Hodder/ Meskell 2010). In anderen Gebieten scheint die oben beschriebene Umstellung hingegen wesentlich gewaltsamer abgelaufen zu sein als im Fruchtbaren Halbmond. Dies zeigen die Verletzungsraten in einigen epipaläo­ lithischen und mesolithischen Bestattungsplätzen recht deutlich, die ich 2002 noch als gering bezeichnet habe, was seitdem verschiedentlich zu Recht kritisiert worden ist. Angesichts der viel geringeren durchschnittlichen Raten späterer Zeiten, insbesondere des Neolithikums und der Bronzezeit, muss diese Einschätzung revidiert werden. In Kampfhandlungen verwickelte oder ihnen zum Opfer gefallene Individuen machen insgesamt zwar nur 3–5 % aus, betrachtet man aber einzelne Regionen oder Gräberfelder, so können die Raten auch bis zu 20 %

Das Gräberfeld von Zvejnieki in Lettland scheint ein gutes Beispiel für einen solchen Prozess zu sein, vgl. Stutz u. a. 2013. Vgl. z. B. die Beiträge in Gebel u. a. 2010, die zeigen, dass eindeutige Hinweise auf Gewalt in dieser Region nicht vorhanden sind, auch wenn einige der Autoren trotz fehlender Belege von Krieg sprechen. Gleiches gilt beispielsweise für die portugiesischen Fundorte bei Muge und Sado – die wenigen vorhandenen Verletzungen werden auf Unfälle zurückgeführt (Cunha u. a. 2004). Auch die Region um das Eiserne Tor (Lepenski Vir u. a. Fundorte) scheint relativ friedlich gewesen zu sein (Roksandic 2004).

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Abb. 6: Konfliktstrategien, Gewaltformen und weitere Merkmale nicht-hierarchischer und hierarchischer Gesellschaften.

betragen, vergleichbar mit manchen mittelalterlichen und neuzeitlichen Bestattungsplätzen5. Eines der bekanntesten Beispiele ist vermutlich das Gräberfeld von Jebel Sahaba, Site 117, im Sudan (Wendorf 1968; Anderson 1968; Peter-Röcher 2002, 17–18). Manchen Archäologen zufolge sollen 40 %, also fast die Hälfte der dort Bestatteten gewaltsam ums Leben gekommen sein, und zwar im Zusammenhang mit Massakern und Exekutionen (vgl. z. B. Keeley 1996, 37). Allerdings fehlen Schädelverletzungen, was gegen Massaker spricht, ebenso wie die völlig normale Zusammensetzung der Bestatteten nach Alter und Geschlecht (vgl. Peter-Röcher 2002, 18 Abb. 14). Die hohe Rate hängt damit zusammen, dass alle Silexartefakte und -absplisse als Todesursachen gewertet wurden, unabhängig von ihrem Aussehen und ihrer Lage im Grab. Einige Abschläge fanden sich beispielsweise innerhalb von Schädeln, ohne dass Läsionen an den Knochen erwähnt werden – als Todesursachen kommen sie daher kaum in Frage. Schussverletzungen waren nur in vier Fällen sicher nachzuweisen, sechs weitere unsichere kommen hinzu (Wendorf 1968, 990; Anderson 1968, 1038–1040), so dass maximal annähernd 20 % bei gewaltsamen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sein dürften, ein im Vergleich mit den Raten späterer Zeiten immer noch bemerkenswerter Prozentsatz, der für eine unruhige Zeit spricht.

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Ein weiteres bekanntes Beispiel für eine Region mit relativ hohen Verletzungsraten sind die epipaläolithischen bzw. frühmesolithischen Gräberfelder sesshafter Wildbeuter und Fischer an den Dnjepr-Stromschnellen in der Ukraine, namentlich Voloshkoe und Vasiljevka I und III (Alekšin 1994; Lillie 2004). Mindestens sieben bis maximal 13 % der bestatteten Individuen scheinen bei Auseinandersetzungen ums Leben gekommen zu sein, wobei Schuss- und Schädelverletzungen etwa gleich häufig auftreten. In den folgenden jüngermesolithischen und neolithischen Gräberfeldern dieser Region fehlen interessanterweise Anzeichen für tödlich verlaufende Auseinandersetzungen, obwohl die reichen Fischgründe noch immer eine bedeutsame Rolle spielten (Lillie 2004, 95) – vielleicht ein Hinweis darauf, dass sich die oben beschriebenen neuen Strukturen etabliert hatten. Ähnliches mag für neolithische Gruppen der grübchenkeramischen Kultur Gotlands gelten, die zwar als Wildbeuter von marinen Ressourcen lebten, deren Gewaltpotential mit dem mancher mesolithischer Gruppen der Region aber nicht mehr vergleichbar ist. Bei der Untersuchung von über 100 Schädeln konnten zwar Traumata bei acht Männern und drei Frauen festgestellt werden, sie waren jedoch sämtlich verheilt. Die einzige nicht verheilte Verletzung, die einer Frau, ließ sich am ehesten auf einen Unfall zurückführen (Ahlström/Molnar 2012, 25 Table 2.2). Möglicherweise haben wir es hier also mit einer

Vgl. Peter-Röcher 2002, 20 Abb. 15. Hier wurden die Verletzungsraten für das Mesolithikum insgesamt als gering eingeschätzt, was so sicher nicht zutrifft. Es muss regional differenziert werden. Zur Kritik vgl. z. B. Thorpe 2003, 158–159. U. a. zum Mittelalter und zur Neuzeit vgl. Peter-Röcher 2007, 152–186; 230–245.

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mesolithischen Subsistenz, aber einer neolithischen Gesellschaftsstruktur zu tun, in der die Gewalt stark eingehegt war und Schaukämpfe eine große Rolle spielten. Gewalt und Gesellschaft Gewalt ist immer möglich, sie wird aber nicht immer und überall gleich eingesetzt. Den unterschiedlichen Gewaltformen mit ihren regionalen und zeitlichen Differenzen sollte mehr Aufmerksamkeit zukommen als bisher, ebenso persönlichen Motivationen im Gegensatz zu Faktoren jenseits der menschlichen Entscheidungsgewalt, auch wenn sie mit archäologischen Methoden kaum genauer bestimmt werden können. Relativ einfache, von räumlicher Distanz dominierte Konfliktlösungsstrategien bei Wildbeutern werden bei sesshaften mesolithischen Gruppen und in den darauf folgenden Perioden durch kompliziertere Regelungen ersetzt,

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die in die sozialen Beziehungen eingebunden sind, welche durch Reziprozität bestimmt werden. Diese Umstellung auf neue Regeln erfolgte regional unterschiedlich mehr oder weniger gewaltsam, und auch in der Folgezeit lassen sich gewaltsame Handlungen in unterschiedlichen Ausprägungen fassen, die im Einzelnen noch genauer zu beschreiben sind. Im Lauf der Entstehung des Staates lösen sich die auf verwandtschaftlicher Organisation basierenden Strategien zugunsten der Interessen Einzelner auf; die Konfliktregelung liegt nicht mehr in den Händen der betroffenen Individuen bzw. ihrer Verwandtschaftsgruppen. Zugleich entwickelt sich das Verfügungsrecht der Herrschenden über Leben und Tod ihrer Untertanen, die hingerichtet, geopfert, versklavt, zu Arbeitsleistungen herangezogen und in den Krieg geschickt werden können, womit zugleich einige der Gewaltformen beschrieben sind, die nicht schon seit dem Paläolithikum existieren, wie manche meinen, sondern als typisch für hierarchische Gesellschaften gelten können.

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Heidi Peter-Röcher Lehrstuhl für Vor- und frühgeschichtliche Archäologie, JuliusMaximilians-Universität Würzburg Residenzplatz 2, Tor A, 97070 Würzburg [email protected]

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Tierquälerei – oder ...? Gewalt gegen Haustiere im archäologischen Befund – Ein methodischer Beitrag Wolf-Rüdiger Teegen

Zusammenfassung Tierquälerei ist eine weit verbreitete Verhaltensauffälligkeit, die eher von Männern als von Frauen ausgeübt wird. Sie wird heute als Teil sozial auffälligen Verhaltens begriffen. Da rezente Untersuchungen ergeben haben, dass sie mit anderen Formen von Gewalttätigkeit verbunden sind (z. B. Misshandlung oder Tötung von Kindern und Frauen), kommt ihr heute auch eine besondere Rolle als Frühwarnsystem zu. Charakteristisch für das Vorliegen von Tiermisshandlungen am (mazerierten) Knochen sind multiple Frakturen der Rippen sowie der Dorn- und Seitenfortsätze der Wirbel unterschiedlicher Entstehungs- und Verheilungszeit. Dies entspricht den Verhältnissen der Kindesmisshandlung. Diese Marker lassen sich bei sorgfältiger Untersuchung auch an vorgeschichtlichen und historischen (Haus-) Tierknochen nachweisen. Dies geht mindestens bis in das Jungneolithikum zurück. Bei der Analyse von Grab- und Siedlungsfunden lassen sich die möglichen Verursacher entweder direkt oder indirekt (Grundstück/Haus) fassen. Die Untersuchungen belegen nachdrücklich, wie wichtig mehr oder weniger vollständig erhaltene Skelette für (einigermaßen) „gesicherte“ Ergebnisse paläopathologischer Studien sind. Abstract: Cruelty to Animals – or...? Violence against Domestic Animals in the Archaeological Record – A Methodological Contribution Cruelty to animals is a common behavioural disorder, being more common in men than in women. Nowadays it is understood as being a part of socially problematic behaviour. Recent studies showed that violence against animals is connected with other forms of violence (such as abuse and killing of children and women) and it therefore plays a crucial role as an early warning system. Regarding the skeleton, multiple fractures of ribs, spinous and transverse processes of vertebrae with varying degrees of healing are characteristic for animal abuse. The same coherence can be drawn regarding child abuse. With thorough examination, these markers can be observed on prehistoric and historic animal bones as well, the oldest dating at least to the Late Neolithic. When analysing graves or settlements, the perpetrators can be identified directly or indirectly (property/house). The investigation emphasises the importance of more or less complete skeletal remains for founded results in paleopathological studies.

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Teegen, Gewalt gegen Haustiere

Gewalt und Gesellschaft ist das Thema unserer Tagung. Dabei stehen die Opfer kriegerischer oder sonstiger gewalttätiger Auseinandersetzungen – meist zwischen Männern – im Mittelpunkt der Betrachtung. Opfer von häuslicher Gewalt, vor allem Frauen, Kinder und Behinderte1, geraten da schnell aus dem Blickfeld. Zu diesen Gewaltopfern gehören aber nicht nur die Mitmenschen in allen Zeiten, sondern auch andere Mit-Geschöpfe: Tiere werden allerdings in der archäologischen Gewaltdiskussion kaum thematisiert, wenn man die römische Arena einmal ausnimmt. Der vorliegende Beitrag soll auf diese weitere Gruppe von Gewaltopfern hinweisen. Auf den ersten Blick scheint diese letztere Gruppe nichts mit den am Anfang genannten menschlichen Gewaltopfern zu tun zu haben. Dass dieses aber durchaus der Fall sein kann, darauf möchte der Beitrag ebenfalls aufmerksam machen. Am Anfang steht die Frage: Wie können Tiere Opfer von Gewalt werden? Die nahe liegende Antwort, auch im Umfeld der Würzburger Tagung ist: mittel- oder unmittelbar durch Kriegsfolgen (vgl. Pöppinghege 2009). Hier sei speziell an die millionenfachen Pferdekadaver des Ersten2 (Baldin 2007; Laparra 2013) und Zweiten Weltkriegs (Menzel 2013) oder der napoleonischen Kriege erinnert: Nach Untersuchungen der Sächsischen Bodendenkmalpflege gibt es aus dem Umfeld der Leipziger Völkerschlacht von 1813 zahlreiche Pferdedeponierungen, bei denen sich teilweise noch Kugeln in den Körpern befinden (Kretzschmar u. a. 2013, 59 Abb. unten). Aber bereits in der Antike wurden Pferde Opfer von Gewalt, wie schon J. Steenstrup (1865) an Pferdeschädeln aus dem Nydamer Opfermoor beobachtet hat. Das zweite umfangreiche Feld ist die Misshandlung von Tieren und damit das Thema dieses Beitrags. Beginnen wir mit der Frage: Was ist überhaupt Tierquälerei? Mit diesem Gebiet befassen sich nicht nur Tierschützer und Tierphilosophen, sondern auch

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Strafrechtler und forensische Psychiater sowie andere Wissenschaftszweige. Wir unterscheiden zwischen der aktiven und passiven Form: „Als aktive Tierquälerei wird das Quälen, Misshandeln oder unnötige Töten von Tieren bezeichnet. Als passive Tierquälerei gelten die Vernachlässigung oder Verwahrlosung von Tieren“, so der Psychiater V. Faust (2011, 1). Das bundesdeutsche Tierschutzgesetz nennt nicht den Terminus „Tierquälerei“, sondern den allgemeinen Begriff „Rohheit“ und stellt die Folgen unter Strafe. Der einschlägige Paragraph in der aktuellen Fassung des Tierschutzgesetztes vom 7. August 2013 lautet: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer 1. ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder 2. einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt“ (TierSchGes, § 17). Dieser Paragraph nennt bereits für unser Thema grundlegende Begriffe wie grundlose Tötung, Rohheit und immer wieder zugefügte Leiden im Sinne von Verletzungen. Wir werden gleich darauf zurückkommen. Wer ist heute Tierquäler und warum? Dieser aktuellen Frage kann mit Hilfe folgender Quellen nachgegangen werden: Statistiken strafrechtlich relevanter Fälle und medizinisch-psychiatrische Studien. Nach der letzten Erhebung des Statistischen Bundesamtes (2012) wurden im Jahre 2011 1060 Personen (von 1003458 Straftaten = 0,1 %), davon 790 Männer, nach dem Tierschutzgesetz abgeurteilt (in Klammern die männlichen Individuen): 991 (737) Erwachsene, 34 (24) Heranwachsende und 35 (29) Jugendliche. Für die rechtskräftig Verurteilten (n=815) liegen

Misshandlungen betreffen auch heute noch vornehmlich Kinder und Frauen. Nach allgemeiner Vernachlässigung (54 %) waren 1997 physische Misshandlungen (22 %) die zweithäufigste Misshandlungsart von Kindern, wie einer Untersuchung über die Verhältnisse in den USA zu entnehmen ist. Weitere Formen sind sexueller Missbrauch (8 %), emotionale Misshandlung (4 %) und andere Formen (12 %) (Child Abuse 1998). 2 Ergreifend und bedrückend beschreibt E. M. Remarque (1928, 66–67) in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ das Leiden und Sterben der Pferde an der Westfront.

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Abb. 1: Altersverteilung in Prozent der in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2011 nach dem Tierschutzgesetz rechtskräftig verurteilten Personen (N=815). Datengrundlage: Statistisches Bundesamt 2012 (Graphik: W.-R. Teegen).

Abb. 2: Prozentualer Anteil der Männer und Frauen an den jeweiligen Altersgruppen der in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2011 nach dem Tierschutzgesetz rechtskräftig verurteilten Personen (N=815). Datengrundlage: Statistisches Bundesamt 2012 (Graphik: W.-R. Teegen).

Altersangaben vor. Bemerkenswert ist die Altersgliederung, die ein Maximum bei den 40–50-jährigen zeigt (Abb. 1). Auffällig ist, dass die Zahl der weiblichen Verurteilten in der Gruppe der 21–25-jährigen mit über 40 % besonders hoch ist (Abb. 2). Insgesamt wird aber deutlich, dass Straftaten nach dem Tierschutzgesetz typisch männlich sind (Abb. 2). Bis in die späten 1970er Jahre wurde Tierquälerei als Verhaltensauffälligkeit gesehen. Erst in der dritten Überarbeitung der Klassifikation mentaler Störungen der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft wurde sie als psychische Störung klassifiziert. Später erfolgte die Aufnahme in die Internationale Klassifikation der Geistes- und Verhaltensstörungen im Rahmen der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation. Hier wird die Tierquälerei („Physical cruelty to animals“) als ein Kriterium der Störungen des Sozialverhaltens („Conduct disorder“) aufgeführt (ICD-10 F91 [14]) (WHO 1993). Mit Hilfe dieser Kodierung lässt sich dieses Verhalten auch international zahlenmäßig fassen. Dies ist beispielsweise auf Grundlage von Krankenkassenabrechnungen oder sonstigen statistischen Erhebungen möglich. Die Häufigkeit der Tierquälerei beträgt in Deutschland und anderen nordwest-mitteleuropäischen Ländern etwa 3 % der Bevölkerung. Dabei fällt eine Gruppe besonders auf: Etwa 25 % der Kinder mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung quälen Tiere (Faust 2011, 5).

Nun gehört „einfache Tierquälerei“ wie das Ziehen am Schwanz von Katzen u. ä. oder das gröbere Spielen mit Tieren praktisch zum „Normalverhalten“ von Kindern und ist sicherlich erheblich häufiger. Derartige Verhaltensweisen verschwinden im Allgemeinen bei „normalen“ Kindern und Jugendlichen im Laufe ihrer Entwicklung und Reifung. Bei einer Teilgruppe dieser Altersklassen bleibt es aber nicht dabei, sie quälen in exzessivem Maße, foltern und töten Tiere (vgl. Abb. 3). Dabei ist dieses Verhalten stark geschlechtsabhängig: Jungen und Männer3 sind mehr als doppelt so häufig Täter wie Mädchen und Frauen. Eine Studie an deutschen Mädchen (n=170) und Jungen (n=165) aus dem Bereich der Jugendpsychiatrie ergab, dass – nach eigener Auskunft der Studienteilnehmer – 21 % der Mädchen und 51 % der Jungen Tiere exzessiv gequält haben (Sevecke/Krischer 2009, 219; Sevecke u. a. 2013). In der Psychiatrie „kann Tierquälerei auch Ausdruck einer Verschiebung sein“ (Bandelow u. a. 2013, 165): Dabei werden Phantasien und Impulse von einer Person, der sie ursprünglich gelten, auf ein Tier verschoben; die ursprünglich gemeinte Person bleibt unberührt. In so einem Fall werden beispielsweise Aggressionen gegen eine Autoritätsperson nicht an dieser selbst, sondern z. B. in Form von Tritten und Schlägen an einem Hund ausgelassen. Weitere Ursachen in Form psychischer Erkrankungen wurden bereits erwähnt.

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Auf dem 1751 publizierten Stich von William Hogarth (Abb. 1) sind ausschließlich Jungen bzw. Männer abgebildet.

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Abb. 3: Der Stich „First Stage of Cruelty“ von William Hogarth aus seinem Zyklus „The Four Stages of Cruelty“ (1751) (nach Armion 2013).

Abb. 4: Der Stich „Second Stage of Cruelty“ von William Hogarth aus seinem Zyklus „The Four Stages of Cruelty“ (1751) (nach Armion 2013).

Historische Befunde zur Tierquälerei

Supérieure de Lyon (ENS) einfach im Internet greifbar (Armion 2013). Zu den Bildern verfasste ein Mr. Townley passende Verse, die als Bildunterschriften gedruckt wurden. „Held“ dieser vier Blätter ist der fiktionale Tom Nero. Auf dem ersten Stich quält er mit anderen Kindern Tiere4 (Abb. 3). Doch ist auf der Kreidezeichnung am linken Torpfeiler sein weiteres Schicksal bereits vorbestimmt (Abb. 3,1). Osteoarchäologisch ist von den dargestellten Misshandlungen wenig nachweisbar: Die Frakturen der aus dem Fenster geworfenen Katze (Abb. 3,2) unterscheiden sich nicht von denen eines aus natürlichen Gründen abgestürzten Tieres. Das Ausbrennen des Auges eines Huhns (Abb. 3,3) lässt sich nur dann nachweisen, wenn diese Verletzung die knöcherne Augenhöhle betroffen hat, also sehr tief ging. Die

Die Auseinandersetzung mit der Misshandlung von Tieren ist kein rezentes Phänomen. Beschreibungen (und Verurteilungen) derartigen Verhaltens sind bereits aus der Antike bekannt, wie L. Bodson (1986, 246–247) herausgestellt hat. In der neuzeitlichen Literatur und bildenden Kunst ist sie immer wieder präsent. Ein früher Mahner war William Hogarth (1697– 1764), der in seinen Bildern und Stichen die zeitgenössische britische Welt mit spitzer Feder porträtierte. Für den Archäozoologen sind die ersten beiden Stiche aus seiner Mappe „The Four Stages of Cruelty“ besonders interessant (Abb. 3–4). Die Stiche sind durch das „Hogarth Project“ der École Normale

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In den begleitenden Versen heißt es: „While various Scenes of sportive Woe, / The Infant Race employ, / And tortur’d Victims bleeding shew, / The Tyrant in the Boy. Behold! a Youth of gentler Heart, / To spare the Creature’s pain, / O take, he cries – take all my Tart, / But Tears and Tart are vain. Learn from this fair Example – You / Whom savage Sports delight, / How Cruelty disgusts the view, / While Pity charms the sight.”

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Misshandlung des Hundes mittels Pfeil und Strick (Abb. 3,4) hinterlässt wahrscheinlich überhaupt keine Spuren am Skelett. Die aufeinander gehetzten Tiere am linken Bildrand (Abb. 3,5, Hund und Katze) lassen möglicherweise Bissspuren am Katzenskelett erwarten. Aber auch diese Spuren lassen sich nicht eindeutig auf eine Misshandlung zurückführen. Auf dem zweiten Blatt „Second Stage of Cruelty“ ist Tom Nero inzwischen Kutscher geworden und schlägt im Vordergrund sein Pferd: “The generous Steed in hoary Age, / Subdu’d by Labour lies; / And mourns a cruel Master’s rage, / While Nature Strength denies. The tender Lamb o’er drove and faint, / Amidst expiring Throws; / Bleats forth it’s innocent complaint / And dies beneath the Blows. Inhuman Wretch! say whence proceeds / This coward Cruelty? / What Int’rest springs from barb’rous deeds? / What Joy from Misery?“5 Die Darstellungen von William Hogarth6 und die Zeilen von Mr. Townley sind in unserem Zusammenhang auch deshalb von Relevanz, weil sie erkannt haben, dass die Misshandlung und Tötung der Tiere bei besonders veranlagten Menschen einen Lustgewinn bedeuten kann. Dies wird bereits bei den Kindern auf Abbildung 3 deutlich. Die Darstellungen dieses Sadismus in der abendländischen Kunst haben ihre Wurzeln bereits in (spät)mittelalterlichen Kreuzigungsdarstellungen und Heiligenviten. Die Schlagposition der Männer auf Abbildung 4 lässt als Resultat ihrer Aggression jeweils eine oder multiple, mehr oder weniger umgrenzte Impressionsfrakturen beim Pferd und Schaf vermuten. Derartige Frakturmuster können auch im osteoarchäo­ logischen Befund nachgewiesen werden. Dort ist eine Differentialdiagnose zwischen der planmäßigen Betäubung bzw. Tötung im Zuge der Schlachtung und einem Erschlagen in Rage wie auf dem Kupferstich nur schwer zu unterscheiden.

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Bereits 1822 wurde das erste Tierschutzgesetz der Welt, der Martin’s Act, in England erlassen. Er umfasste v. a. Pferde, aber auch „Kühe, Schweine, Stierkälber, Schafe und anderes Vieh“ (Kathan 2004, 14). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Hunde und Katzen in dieser Aufzählung fehlen. An sie würde man heute unter dem Schlagwort Tierquälerei sicherlich als erstes denken. Die Misshandlung von (Nutz-)Tieren begegnet uns unerwartet auch an anderer Stelle: So wird in der neuzeitlichen Kochbuchliteratur erwähnt, dass die Misshandlung und unsachgemäße Tötung der Tiere, auch von Fischen und Schildkröten, dem Geschmack des Fleisches schade (Kathan 2004, 27). In diesem Zusammenhang wird die Beschränkung des Martin’s Act auf die Nutztiere erst richtig verständlich. Es zeigt sich eine frühe Ökonomisierung der Tierbehandlung, die sich später auch bei der Behandlung der Labortiere niederschlägt (Kathan 2004, 50). Wie lässt sich Tierquälerei archäologisch nachweisen? Die Frage nach dem archäologischen Nachweis der Tierquälerei wurde bislang in der Literatur nicht explizit gestellt – weder im archäozoologischen, noch im archäologischen Fachschrifttum. Dies bedeutet allerdings nicht, dass hierzu überhaupt keine Beob­ achtungen bestehen7. Sie finden sich gelegentlich als Zufallsdeutungen bei der Diskussion von Frakturen und Frakturmustern. Um nun aber Kriterien zum osteoarchäologischen Nachweis der Tierquälerei zu entwickeln, empfiehlt sich ein Blick auf den Menschen. Gerade auf dem Gebiet der Kindesmisshandlung finden sich sowohl Verhaltensmuster der Täter wie Verletzungsmuster der Opfer (Teegen 2001), die hier geradezu exemplarisch stehen können.

Zum „Fortschritt der Grausamkeit, 2. Stufe“ heißt es in der deutschen Übersetzung nach B. Kathan (2004, 17): „Das hochbetagte Roß ist unter der Anstrengung zusammengebrochen und beklagt den Zorn eines grausamen Herrn, indes die Natur ihm die Kraft versagt. Geschunden und entkräftet blökt das zarte Lamm im Todeserbrechen seine Unschuldsklage heraus und stirbt unter den Schlägen. Unmenschliches Scheusal! Sag, woher kommt diese feige Grausamkeit? Welcher Gewinn erwächst aus barbarischen Taten? Welche Freude aus dem Elend?“. 6 Auf dem dritten Stich (Cruelty in Perfection) hat Tom Nero nach einem Raub und der Verführung seiner Geliebten ihr den Hals durchgeschnitten. Nach der Hinrichtung durch den Strang wird seine Leiche selbst Gegenstand grausamer Behandlung im anatomischen Unterricht (viertes Blatt: The Reward of Cruelty). 7 Ich habe mich bereits auf der Paläopathologentagung in Pescara/Chieti (2000) mit diesem Problemfeld befasst (Teegen/Wussow 1999): Vorgestellt wurden Schweine aus dem sogenannten Haustiergarten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die um 1900 lebten (s. u.). Eine über eine Zusammenfassung hinausgehende Veröffentlichung erfolgte nicht.

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Abb. 5: Häufigkeiten (Minimum, Maximum, Mittelwert in %) bestätigter Misshandlungen als Frakturursache für vier Körperregionen von rezenten Kindern. Grunddaten nach der Metastudie von Kemp u. a. 2008 auf der Basis von 32 Einzelstudien, die zwischen 1950 und 2007 erstellt wurden (Graphik: W.-R. Teegen).

Misshandlung. Der diagnostische Wert der multiplen Rippenfraktur hat sich auch bei einer neueren Untersuchung zu Frakturmustern bei nachgewiesener Kindesmisshandlung gezeigt (Kemp u. a. 2008, Abb. 4). Von allen untersuchten Frakturbereichen (Schädel, Rippen, Oberarm, Oberschenkel) besaßen die Rippenfrakturen die höchste Wahrscheinlichkeit (70,9 %, Spanne 41,8–91,3 %), dass sie tatsächlich Resultat einer Misshandlung waren (Abb. 5). Aufgrund dieser Befunde an Menschenkindern und den Beobachtungen an Haustierskeletten lassen sich die in Abbildung 6 aufgeführten Merkmale zur Feststellung einer möglichen Tierquälerei heranziehen. Dabei muss sich der Untersucher allerdings bewusst sein, dass Rippenfrakturen selbstverständlich eine Vielzahl von Ursachen haben können8. Abbildung 7 listet mögliche Ursachen auf. Was allerdings die (chronische) Misshandlung von Wirbeltieren kennzeichnet und von (fast) allen anderen Ursachen unterscheidet, ist die Wiederholung in oftmals kurzen Zeitabständen und das gut erkennbare Vorliegen unterschiedlicher Heilungszustände9.

Der US-amerikanische Radiologe P. K. Kleinman hat bereits 1998 den einschlägigen Atlas „Diagnostic Imaging of Child Abuse“ herausgegeben. Hier finden sich typische Verletzungsmuster der Kindesmisshandlung: Diese resultieren in ihrer brutalen Form oftmals in Frakturen. Dabei sind multiple Rippenfrakturen besonders häufig. Diese können natürlich auch durch Unfälle wie Stürze oder beim Skifahren entstehen. Werden bei den Frakturen allerdings unterschiedliche Entstehungs- und Verheilungsalter bemerkt, dann spricht dies eher gegen eine Unfallhypothese. Im Gegenteil sind die unterschiedlichen Organisationszustände (frisch, am Verheilen, verheilt) geradezu Indikatoren für eine wiederholte

Frakturen der Langknochen sind in der Paläopathologie der Haustiere gut bekannt (vgl. z. B. von den Driesch 1975; Wäsle 1976; Baker/Brothwell 1980; Reichstein 1991; Davies u. a. 2005; Teegen 2006; Groot 2008), da sie praktisch kaum zu übersehen sind. Dies gilt auch für die Verletzungen am Schädel, die oft mit Schlägen oder Tritten verbunden waren. Weniger auffällig sind hingegen die oft

−− Multiple Rippenfrakturen unterschiedlicher Heilungsstadien −− (Multiple) Frakturen der Dornfortsätze und/oder der Seitenfortsätze der Wirbel in unterschiedlichen Heilungsstadien. −− Schädelfrakturen und sonstige Frakturen ggf. in unterschiedlichen Heilungsstadien.

−− Trauma, tierinduziert: • z. B. Rangkämpfe, Paarung −− Trauma, humaninduziert: • z. B. Haltung, Misshandlung, Fahrzeugunfälle −− Pathologische Frakturen (Tumore, TBC) −− Ermüdungsbrüche (“Hustenfraktur”) −− Postmortales Artefakt.

Abb. 6: Osteologischer Nachweis von Tierquälerei.

Abb. 7: Ursachen von Rippenfrakturen bei Tieren.

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Archäozoologie

A. M. Kemp und Mitarbeiter (2008) haben darauf für die Kinder ebenfalls aufmerksam gemacht. In zwei grundlegenden Aufsätzen haben sich die Veterinäre H. M. C. Munro und V. L. Thrusfield (2001a; Munro/Thrusfield 2001b) mit den durch Tierquälerei bedingten Verletzungen an Hund und Katze beschäftigt, wobei sie mehr als 400 britische Tierarztpraxen befragten. Sie konnten dabei multiple Frakturen als besonderes Kennzeichen der Tierquälerei herausstellen.

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Abb. 8: Unterschiedliche Heilungszustände von Rippenfrakturen bei Hunden aus Schleswig, Haithabu und Trier sowie einem Schaf aus Heiligenhafen (Fotos W.-R. Teegen).

unscheinbaren Frakturen an kleineren Knochen wie Wirbeln oder Rippen (Teegen 2005). Dies trifft vor allem dann zu, wenn diese Brüche gut verheilt sind. Sie werden bei einer paläopathologisch ausgerichteten Bearbeitung von Tierknochen geradezu regelhaft gefunden (Teegen 2006). Gerade sie sind jedoch kulturgeschichtlich besonders interessant, da sich hier oft menschliche Verhaltensweisen nachweisen lassen. Dies betrifft, wie unten zu sehen sein wird, sämtliche Haustierarten. Auch aus diesem Grunde ist es überaus wichtig, das Tierknochenmaterial auf der Grabung vollständig und nicht selektiv zu bergen. Eine besondere Bedeutung zum Verständnis des Gesamtzusammenhangs der Verletzungen und anderer Spuren krankhafter Veränderungen kommt dabei mehr oder weniger vollständig erhaltenen Skeletten zu. Frakturen in unterschiedlichen Heilungsstadien Die Frakturheilung beginnt mit umfangreicher Kallusbildung um die Frakturenden, die wie eine Manschette beide gebrochenen Teile umfasst. Frakturen im Heilungszustand zeigen oft noch die ursprünglichen Bruchlinien (Abb. 8,1). Bei verschobenen Frakturen kommt es zu einem Verschluss der Frakturenden und bei genügend langer Heilungsdauer

zu einer Rekanalisierung der Markhöhle. Im Laufe der Heilung wird der Kallus abgebaut und es bleibt nur eine mehr oder weniger ausgeprägte knöcherne Verdickung im Bereich der ehemaligen Fraktur (Abb.   8,3–6). Manchmal zeigen nur Achsabweichungen makroskopisch eine sehr gut verheilte ehemalige Fraktur an. Diagnostisches Verfahren der Wahl ist die Röntgenaufnahme. Leider ist das Röntgen derartiger Befunde immer noch eher der Ausnahmefall und nicht Routine, wie es eigentlich der Fall sein müsste. Gelegentlich kommt es nicht zu einer knöchernen Verbindung der Bruchenden. Es entwickelt sich ein „falsches Gelenk“, eine Pseudarthrose (Abb. 8,2). Dies geschieht, wenn die Fraktur belastet und nicht ruhig gestellt wurde. Die Abbildung 8 zugrunde liegenden Rippenfrakturen stammen von Hunden aus dem römischen Trier, dem frühmittelalterlichen Haithabu und dem hoch- bis spätmittelalterlichen Schleswig sowie von einem kaiserzeitlichen Schaf aus Heiligenhafen. Diskussion Rippenfrakturen infolge von Misshandlung entstehen hauptsächlich durch Schläge und Tritte. Dabei

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Abb. 10: Hieb-/Schlagverletzungen im Schnauzen- und Gehirnschädelbereich von Hunden. 1 Augusta Treverorum/Trier, Sichelstraße, Hund 1. Verheilte Hieb-/Schlagverletzungen im Schnauzenbereich (großer Pfeil). 2 Feddersen Wierde, erwachsener Hund (F 279 Ja). Übersicht über den mittleren Abschnitt des Stirnbeins mit zwei verheilten Impressionsfrakturen. 3 Erwachsener Hund (F 150 Da) mit Verdacht auf tödliche Hirnschädelfraktur (Fotos W.-R. Teegen). Abb. 9: Trichterbecherzeitlicher Hund aus Weißenfels (SachsenAnhalt). Verheilte Fraktur des Dornfortsatzes eines oberen Lendenwirbels mit Callus-Auflagerung (Pfeil) (Foto W.-R. Teegen).

befinden sich die Areale mit Brüchen bei Schlägen auf Schweine, Schafe, Ziegen, Hunde und Katzen besonders häufig seitlich der Wirbelsäule, in den so genannten vertebralen Rippenabschnitten. Trittspuren finden sich dagegen vornehmlich im letzten Rippendrittel, dem sternalen Bereich. Archäologisch nicht nachweisbar sind in der Regel die inneren Verletzungen. Weiterhin sind Steinwürfe zu berücksichtigen, die an den erwähnten Stellen ebenfalls zu Frakturen, aber auch zu inneren Verletzungen führen können. Schläge auf den Körper schweine- oder hundegroßer Tiere treffen aber nicht nur die Rippen, sondern besonders häufig auch die so genannten Dorn- und Seitenfortsätze der Rippen. Da diese Bereiche jedoch von festen Bändern sowie von Muskelgewebe umgeben sind, kommt es selten zu einer großen Verlagerung der Bruchenden. Diese Verletzungen heilen in der Regel gut ab. In der Folge sind sie recht unscheinbar und fallen dem nicht spezialisierten Untersucher vergleichsweise selten auf. Ein gutes Beispiel dafür ist ein trichterbecherzeitlicher Hund (Abb. 9) aus Weißenfels, Sachsen-Anhalt (Teegen/Döhle 2012).

Schwere Schläge oder Tritte können auch zu Frakturen der Langknochen führen. Diese sind in der Regel relativ selten. Eine auffällige Häufung konnte M. Groot (2008, 48 Tab. 6.2) bei den Hunden der kaiserzeitlichen Tiel-Passewaaij nachweisen: 12 von 1277 Hundeknochen (0,93 %) weisen Frakturen auf. Bei den Frakturen der Hunde ist natürlich immer zu berücksichtigen, dass diese auch durch das von ihnen gehütete (Groß-)Vieh oder das gejagte Wild verursacht sein können. Misshandlungen und Tritte durch Großvieh können auch für die Verletzungen im Schnauzen- und Gehirnschädelbereich zutreffen (Abb. 10). Schließlich sind auch immer wieder tödliche Impressionsfrakturen des Gehirnschädels der Hunde zu beobachten (Abb. 10,3). Sie sind vermutlich überwiegend dem Menschen zuzuschreiben und können durch Schläge/Hiebe, aber auch durch Steinwürfe und ähnliches entstehen. Wie diese Befunde zeigen, ist Gewalt gegen Haustiere im archäologischen Befund vom Neolithikum bis zur Gegenwart belegt. Kleine und im engen Kontakt mit dem Menschen lebende Tiere wie Hund, Katze und Schwein waren besonders betroffen.

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Ausblick 1 Die kulturgeschichtlichen Aussagemöglichkeiten derartiger paläopathologischer Befunde werden noch erhöht, wenn der Kontext betrachtet wird, in dem die betreffenden Knochen gefunden wurden. In den überwiegenden Fällen handelt es sich um Siedlungsgruben, in denen ein mehr oder weniger vollständiges Tierskelett gefunden wurde. Dies ist in der Regel nur für die Datierung nützlich. Aufschlussreicher wird es, wenn das Tier aus einem Menschengrab stammt. Hier kann zumindest ein indirekter Zusammenhang mit dem Grabinhaber hergestellt werden. Weitere Erkenntnisse können gewonnen werden, wenn das misshandelte Tier in einem Hauskontext gefunden wird, wie das der Verf. für Haithabu nachweisen konnte (Teegen 2006). Ausblick 2 Misshandlungen von Tieren sind jedoch kein allein im Raum stehendes Phänomen von Gewalt. Es ist zum einen abhängig von dem Grad von Gewalt, der in einer Gesellschaft herrscht bzw. toleriert wird. Zum anderen wurde in den letzten Jahrzehnten deutlich, dass Tierquälerei auch im Rahmen häuslicher Gewalt gesehen werden muss. Wie inzwischen zahlreiche internationale Studien gezeigt haben (zusammenfassend Lockwood/Ascione

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1998; Ascione 2008) gehören Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Kinder und Frauen (untrennbar?) zusammen. Darauf hat bereits William Hogarth in seinem Zyklus „The Four Stages of Cruelty“ (1751) hingewiesen (s. o.). In diesem Zusammenhang wird die Rolle des Tierarztes in der Prävention häuslicher Gewalt allgemein diskutiert: „The Veterinary Profession‘s Roles in Recognizing and Preventing Family Violence“ ist der Titel eines einschlägigen Beitrags von P. Arkow und H. M. C. Munro (2008). Wir können nur vermuten, dass ein Zusammenhang auch in der Vor- und Frühgeschichte bestand. Sicher belegbar ist es (derzeit) nicht. Die Tatsache, dass derartiges Verhalten bereits im 18. Jahrhundert beobachtet wurde, könnte jedoch dafür sprechen. Dies soll uns als Osteoarchäologen allerdings nicht davon abhalten, derartige Fragen weiter zu verfolgen. Danksagung Ich danke der Leitung der Archäologisch-Zoologischen Arbeitsgruppe im Archäologischen Landesmuseum Schleswig (Prof. Dr. D. Heinrich, Dr. U. Schmölcke, Prof. Dr. C. von Carnap-Bornheim), dem Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (Prof. Dr. W. H. Zimmermann), dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Prof. Dr. H. Meller, Dr. H.-J. Döhle) und dem Rheinischen Landesmuseum Trier (Dr. K. Goethert, Dr. S. Faust, Prof. Dr. L. Clemens) für die Erlaubnis, Materialien aus ihren Sammlungen bearbeiten und publizieren zu dürfen. Den Herausgebern danke ich für die Einladung zur Tagung sowie für ihre Geduld.

Literaturverzeichnis Arkow/Munro 2008: P. Arkow/H.  M.  C. Munro, The Veterinary Profession’s Roles in Recognizing and Preventing Family Violence. In: F. R. Ascione (Hrsg.), The International Handbook of Animal Abuse and Cruelty. Theory, Research, and Application (West Lafayette 2008) 31–50. Armion 2013: C. Armion (Hrsg.), La Clé des langues. The Hogarth Project (http://cle.ens-lyon.fr/anglais/the-worksof-william-hogarth-169448.kjsp?RH=CDL_ANG110201, Zugriff 10.11.2013). Ascione 2008: F.  R. Ascione (Hrsg.), The International Handbook of Animal Abuse and Cruelty. Theory, Research, and Application (West Lafayette 2008). Baker/Brothwell 1980: J. R. Baker/D. Brothwell, Animal diseases in archaeology (London/New York 1980). Baldin 2007: D. Baldin (Hrsg.), La guerre des animaux 1914– 1918. Historial de la Grande Guerre de Péronne. 30 juin–25 novembre 2007 (Paris 2007). Bandelow u. a. 2013: B. Bandelow/P. Falkai/O. Gruber, Kurzlehrbuch Psychiatrie (Berlin/Heidelberg/New York 22013). Bodson 1986: L. Bodson, The welfare of livestock and work

animals in ancient Greece and Rome. Medical Heritage 2,4, 1986, 244–249. Child Abuse 1998: National Committee to Prevent Child Abuse. Child Abuse and Neglect Statistics, 15.05.1998 (http://web.archive.org/web/19980515052303/http:// childabuse.org/facts97.html, Zugriff 27.10.2013). Davies u.  a. 2005: J. Davies/M. Fabis/I. Mainland/M. Richards/R. Thomas (Hrsg.), Health and Diet in Past Animal Populations: Current research and future directions. Proceedings of the 9th ICAZ Conference, Durham 2002 (Oxford 2005). von den Driesch 1975: A. von den Driesch, Die Bewertung pathologisch-anatomischer Veränderung an vor- und frühgeschichtlichen Tierknochen. In: A. T. Clason (Hrsg.), Archaeozoological Studies (Amsterdam/New York 1975) 413–425. Faust 2011: V. Faust, Tierquälerei. In: V. Faust (Hrsg.), Psychosoziale Gesundheit: von Angst bis Zwang. Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln (http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/%28Int.1Tierquaelerei%29.pdf, Zugriff 19.01.2013).

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Teegen, Gewalt gegen Haustiere

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Gold, Gewalt und Gebrechen. Die Beziehung zwischen sozialem Status und traumatischem Skelettbefund im frühen Mittelalter am Beispiel des Hermsheimer Bösfelds, Mannheim­Seckenheim Christian Meyer, Klaus Wirth und Kurt W. Alt

Zusammenfassung Merowingerzeitliche Gräberfelder bieten für die Frage nach Beziehungen zwischen sozialem Status und Spuren der Gewalt ein ideales Forschungsfeld. Insbesondere die oft hohe Zahl an Bestattungen pro Gräberfeld und die deutlich abgestuften und sehr geschlechtsspezifischen Beigabenausstattungen lassen weitreichende Vergleiche mit an den Skelettresten erhobenen anthropologischen Daten zu. Für das Hermsheimer Bösfeld, ein großes frühmittelalterliches Gräberfeld im Gebiet des heutigen Mannheim-Seckenheim, wurde im Rahmen einer umfassenden biokulturellen und paläoepidemiologischen Untersuchung u. a. dieser Fragestellung nachgegangen. Aufgrund der vorherrschenden Bewaffnung in der Merowingerzeit können Verletzungen durch scharfe Gewalt, die sich vorwiegend an den Schädeln finden, als die für die Auswertung und Interpretation geeignetsten Spuren physischer zwischenmenschlicher Gewaltausübung angesehen werden. Unter Verwendung systematisch ermittelter Daten konnte dabei für das Bösfeld festgestellt werden, dass durch Klingenwaffen verursachte Schädelverletzungen nicht zufällig in der Population verteilt, sondern deutlich an den sozialen Status gekoppelt sind, der sich in der männlichen Grabausstattung widerspiegelt. So sind Frauen nicht nachweisbar von Waffengewalt betroffen, Männer mit geringerem Status bzw. ohne Waffenbeigabe im Grab nur selten. Die höchsten Raten von eindeutigen Spuren der Gewalt finden sich bei den Individuen der höchsten Statusgruppe, was sich in der großen Stichprobe des Hermsheimer Bösfelds auch statistisch nachweisen lässt. Die Verteilung der Verletzungen lässt dabei auf Zweikämpfe schließen, die von Männern vergleichbarer sozialer Stellung untereinander geführt worden sind. Somit scheint die Waffenbeigabe in merowingerzeitlichen Männergräbern nicht nur ein rein symbolischer Akt zu sein, sondern findet auch eine Anknüpfung im Skelettbefund, wo sich die Spuren der Verwendung dieser tödlichen Waffen deutlich abzeichnen. Abstract: Gold, Violence and Affliction. The Relationship between Social Status and Traumatic Skeletal Injuries in the Early Middle Ages Using the Example of the Hermsheimer Bösfeld, Mannheim-Seckenheim Merovingian cemeteries with high numbers of individual burials and evident patterns of differing grave goods are very suitable for addressing different biocultural research questions. The sex- and status-specific equipment of many burials of this time allows a comparison of various archaeological characteristics with the osteological features of the deceased themselves, including possible correlations between social status and skeletal signs of interpersonal violence. This question was specifically addressed as part of an extended palaeopathological and palaeoepidemiological study of the large Early Medieval cemetery from Mannheim-Seckenheim, Germany (the “Hermsheimer Bösfeld”). Considering the weaponry, mainly consisting of bladed weapons, sharp force injuries appear as the most suitable indicators of interpersonal violence in the osteoarchaeological record of this time. By using systematically compiled data from the cemetery it becomes quite apparent that the visible traces of sharp force injuries are not distributed randomly in the population but follow a very specific pattern. This pattern is clearly connected to the expression of social status via the grave goods, which may

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include bladed weapons like swords and spears. In the cemetery, women show no skeletal trauma caused by these instruments, men of low status are rarely affected. The highest prevalence of serious injury caused by interpersonal violence is found in the high status men, whose graves include the same types of weapons that caused their own, often lethal, cranial injuries. This very much suggests that these men were mainly fighting other men of roughly equal social standing, and mostly in small-scale skirmishes or even in duel situations. The presence of weapons in a grave therefore is mirrored in the presence of skeletal trauma in the same group of people, who apparently kept these weapons not only for display in life or the funerary context, but also for lethal use against each other.

Einleitung Gewalt ist in menschlichen Gesellschaften ein allgegenwärtiges und oft betrachtetes Phänomen. Dies trifft nicht nur auf die Gegenwart zu, sondern auch auf die menschliche Vergangenheit, die mittels des Methodenrepertoires verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht werden kann. Während sich die Geschichtswissenschaften vorwiegend mit schriftlichen Zeugnissen beschäftigen, und hier vor allem die Schwierigkeit besteht, belastbare und objektive Informationen aus subjektiv verfassten Texten herauszuarbeiten, sind es vor allem auch die physischen Hinterlassenschaften (prä)historischer Gewaltanwendungen, die einen tieferen Einblick in die Materie erlauben. Zerstörungshorizonte in menschlichen Siedlungen, Spuren von Wehranlagen oder eindeutige Waffenfunde sind nur einige handfeste Beispiele, welche archäologisch erfasst werden können (vgl. James 2013). In zunehmendem Maße rücken auch ganze Schlachtfelder als Orte der Ausübung von Gewalt in den Fokus der Forschung, welche mit dezidierten und mittlerweile oft erprobten Verfahren untersucht werden können (zusammenfassend z. B. in Meller 2009; Brock/ Homann 2011). Die Relevanz von Spuren der Gewalt für die adäquate Rekonstruktion und Interpretation der Vergangenheit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da kulturelle Umschwünge, politische Veränderungen und andere gesellschaftliche Vorgänge oft von gewaltsamen Ereignissen begleitet worden sind, und dies auch für ähnliche Ereignisse in der Vor- und Frühgeschichte angenommen wird (z. B. Farruggia 2002; James 2013). Zum Ausdruck gebracht wird diese Relevanz unter anderem durch eine Vielzahl an Publikationen, oder auch durch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Tagungen, die sich thematisch verschiedenen Aspekten

vergangener Gewaltausübung widmen (z. B. Meller 2009; Schulting/Fibiger 2012; HeinrichTamáska 2013). Als ein Teilbereich der sich in Mitteleuropa schnell entwickelnden „Conflict Archaeology“ kann die Beschäftigung mit gewaltinduzierten Massengräbern oder verwandten Befunden angesehen werden, die zwar oft aus historischer Zeit stammen (z. B. Grothe/Jungklaus 2009), aber auch in den Jahrtausenden zuvor bereits in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen gegenwärtig waren (z. B. Frayer 1997; Meyer u. a. 2009). Zuweilen finden sich in solchen Befunden Artefakte, welche wichtige Hinweise zur Deutung und Datierung liefern können, den Hauptbestandteil der meisten Gräber stellen jedoch die körperlichen Überreste der tatsächlichen Opfer der gewaltsamen Ereignisse dar. Die Skelettfunde der damaligen Betroffenen können so über die Intensität der Gewalt, die verwendeten Waffen und möglicherweise vorhandene Muster der Gewaltanwendung Auskunft geben. Aber nicht nur die vor Ort verstorbenen und oft gemeinsam begrabenen Opfer tragen die Spuren vergangener Konflikte über die Zeiten mit sich, auch überlebte Verletzungen hinterlassen, sofern sie das Skelettsystem betroffen haben, recht eindeutige Spuren am menschlichen Körper. Diese lassen sich zeitlebens nicht mehr entfernen und können mittels osteologisch-paläopathologischer Diagnostik erfasst werden (vgl. König/Wahl 2006). So trugen die ehemaligen Akteure gewaltsamer Auseinandersetzungen nicht selten selbst Verwundungen davon, auch wenn sie der siegreichen Partei in Konfliktgeschehen angehört haben. Somit verblieben sie eventuell nicht am eigentlichen Ort des Gewaltgeschehens, sondern wurden später weit verstreut auf den regulären Bestattungsplätzen ihrer jeweiligen Gemeinschaften begraben. In diesen Fällen lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen, in welchem spezifischen Kontext eine Verletzung erlitten wurde, jedoch lässt sich durch die Untersuchung von größeren Gräberfeldern durchaus

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das allgemeine Level von körperlicher Gewalt erfassen, welches in bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen vorgeherrscht hat. Zwar finden oft Einzelfälle Eingang in die Literatur, u. a. aufgrund ihrer zeitlichen Stellung (z. B. Zollikofer u. a. 2002), oder auch wegen anderer Charakteristika, welche sie als besonders interessant erscheinen lassen; für die Suche nach allgemeingesellschaftlichen Mustern sind diese jedoch wenig hilfreich. Allerdings mehren sich diejenigen Untersuchungen, die gezielt einen Populationsansatz verfolgen und somit auch für umfassendere Vergleichsanalysen durch Zeit und Raum geeignet sind (z. B. Jakob 2009; Fibiger u. a. 2013). Skelette können generell eine Vielzahl von unterschiedlichen pathologischen Veränderungen aufweisen, allerdings werden insbesondere Traumata oft plakativ herausgestellt, da diese vergleichsweise auffällig sind und zuweilen auch schon auf den Grabungen erkannt und entsprechend vermerkt werden. Jedoch erweisen sich einige zunächst als gewaltsame Verletzungen beschriebene Knochenläsionen bei einer genaueren Analyse nicht selten als liegezeit- oder bergungsbedingt, oder auch als nicht-pathologische anatomische Varianten, so dass auf eine gründliche osteologische Untersuchung nicht verzichtet werden kann. Von ausgesprochen hoher Wichtigkeit ist auch stets eine vollständige systematische Aufnahme der Gewaltbefunde, da nur so gewährleistet ist, dass die Ergebnisse in anderen Studien sinnvolle Verwendung finden können (Meyer u. a. 2013). Bloße Aufzählungen von Verletzungen, wie sie lange Zeit vor allem im deutschsprachigen Raum vorgeherrscht haben, sind hier nicht zielführend, da sie den zahlenmäßigen Kontext der Fundorte außer Acht lassen und somit nur sehr geringen Aussagewert besitzen. Diese Überlegungen berücksichtigend, wurden im Sinne einer paläoepidemiologisch geprägten Popula­ tionsstudie im Rahmen einer Dissertation an der Universität Mainz die menschlichen Skelettfunde des weitgehend vollständig ergrabenen merowingerzeitlichen Gräberfelds vom Hermsheimer Bösfeld (MannheimSeckenheim) untersucht. Mit über 800 archäologisch dokumentierten Gräbern und 907 anthropologisch erfassten Skelettindividuen kann dieses Gräberfeld als sehr groß gelten, was umfassende Binnenanalysen und die Herausarbeitung statistisch belastbarer Ergebnisse erlaubt (Wirth u. a. 2007; Meyer/Alt 2012; Meyer in Vorb.). Aus der Vielzahl der bereits ermittelten Resultate werden hier in Auswahl die Spuren zwischenmenschlicher Gewaltanwendung vorgestellt, und es

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soll versucht werden, diese Skelettbefunde in Bezug zu gesellschaftlichen Parametern zu setzen, welche auf dem Bestattungsplatz selbst fassbar sind. Somit versteht sich diese Studie als ein biokultureller Ansatz, mit Berücksichtigung sowohl anthropologischer als auch archäologischer Daten. Das Ziel ist es hier, den gesellschaftlichen Mustern am Skelett nachweisbarer Gewaltanwendungen am Beispiel eines großen frühmittelalterlichen Gräberfeldes auf die Spur zu kommen. Formen von Gewalt auf frühmittelalterlichen Gräberfeldern Befasst man sich auf der Suche nach Spuren von Gewalt mit Grabfunden und deren Inhalt, so sind es vor allem die Ergebnisse physischer Gewalttaten, die dort über Jahrtausende hinweg nachweisbar bleiben können. Formen von Gewalt, die keinen archäologisch oder anthropologisch fassbaren Niederschlag gefunden haben, wie z. B. psychische Gewalt oder körperliche Gewalt, die sich nur auf die Weichteile des Körpers beschränkt hat, müssen hier notgedrungen außen vor bleiben. Jedoch prägen solche Vorgänge ebenfalls das gesellschaftliche Tableau, was auch bei materialorientierten Untersuchungen nicht außer Acht gelassen werden darf (James 2013). Dennoch erlauben die Gräber selbst einen vielschichtigen Einblick in die Diversität der Formen von Gewalt. Insbesondere auf einem sehr großen Bestattungsplatz, wie es das Hermsheimer Bösfeld darstellt, lassen sich offensichtliche Normierungen und Muster in der Funeralpraxis identifizieren. Erwartungsgemäß folgen die allermeisten Gräber auf diesem Fundplatz einer groben West-Ost-Achse; die Toten wurden in gestreckter Rückenlage niedergelegt. Den anthropologisch männlich bestimmten Individuen wurden dabei oft Waffen ins Grab mitgegeben, vor allem Schwerter, Lanzen und Schilde (Steuer 1968; Steuer 2004), deren Überreste meist noch deutlich erkennbar sind (Abb. 1). Unterschiede zwischen den Bestattungen ergeben sich vor allem in der Menge und Qualität der Grabbeigaben und der Komplexität des Grabbaus. So treten neben beigabenlosen Erdbestattungen auch reich ausgestattete Grabkammern in großer Menge auf, wie auch Steinkistengräber (Meyer/Alt 2012). Ohne der detaillierten archäologischen Auswertung des Fundplatzes und seiner Artefakte vorzugreifen, können hier, bei Fokussierung auf die knöchernen Überreste der

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Abb. 1: Bestattung mit umfangreicher Waffenbeigabe auf dem Hermsheimer Bösfeld (Bef. 660, männlich, frühadult). Der Tote wurde in W-O Ausrichtung in gestreckter Rückenlage niedergelegt, der Schädel ist rezent beschädigt (helle Bruchkanten) (ReissEngelhorn-Museen Mannheim).

Abb. 2: Bestattung in W-O ausgerichteter Bauchlage auf dem Hermsheimer Bösfeld (Bef. 317, männlich, spätjuvenil bis frühadult). Der anatomische Verband ist weitgehend unversehrt, die Hände liegen unter dem Körper nahe beieinander, was im Vergleich der Armhaltungen eine Fesselung andeuten könnte (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim).

Gräberfeldpopulation, dennoch einige bedeutsame Beispiele für diverse Formen der Gewalt genannt werden, die über die bloße Präsenz von Waffen im Grab hinausgehen. Diese sind in verschiedener Weise auch für die Interpretation der Spuren von Gewalt am Skelett hochrelevant, wie in den folgenden Abschnitten deutlich wird (vgl. Peter-Röcher 2006). So stellt beispielsweise die Ausgrabung selbst die Zerstörung des über die Zeiten gewachsenen Gesamtbefundes dar. Zwar wird meist durch eine sorgfältige Dokumentation der Informationsverlust so weit wie technisch möglich minimiert, allerdings kann allein bereits die Freilegung und Bergung der Funde als gewaltsamer Eingriff angesehen werden, der oft genug auch entsprechende Spuren an den Knochen hinterlässt (Abb. 1). Ob bereits die Anlage des Grabes selbst als gewaltsamer Bodeneingriff gewertet werden sollte, bleibt dahingestellt. Unzweifelhaft ist jedoch, dass dabei nicht selten bereits bestehende Gräber angeschnitten und teilweise zerstört wurden. Auch wenn diese Störungen meist als unbeabsichtigt angesehen werden können, haben sie einen definitiv physischen und für die spätere Auswertung sehr bedeutsamen Impakt auf die Vollständigkeit des gesamten Grab­ inhalts inklusive der Skelettreste. Ähnliches gilt für intentionell vorgenommene Nachbestattungen, bei welchen die bereits vorhandenen Überreste der zuvor Verstorbenen oft recht unsanft und unsystematisch behandelt wurden, wie sich bei Analysen zeigt (z. B. Meyer/Alt 2012). So sind die Knochen der älteren

Bestattungen zwar oft an einem Ende der Gräber als Haufen zusammenschoben, sie erweisen sich jedoch bei der Untersuchung oft als unvollständig. Was mit den fehlenden Knochen jeweils geschehen ist, bleibt meist unklar. Aber nicht nur in mehrmals verwendeten Gräbern finden sich Knochen in von der Masse der normierten Primärbestattungen abweichenden Lagen, sondern auch in ungestört wirkenden Grabbefunden. Während die gestreckte Rückenlage in Mitteleuropa seit dem frühen Mittelalter die Regel für Erdbestattungen darstellt, treten in seltenen Fällen andere Körperhaltungen auf, die nicht durch natürliche Lageverschiebungen während des Zersetzungsprozesses von Körper und Grabkonstruktion erklärt werden können (vgl. Duday 2009). Als Beispiel kann hier eine wahrscheinlich originär in Bauchlage vorgenommene Bestattung dienen, die sich in ihrer West-Ost Ausrichtung allerdings nicht von den umliegenden Gräbern unterscheidet (Abb. 2). Sofern man nicht von einem unkorrigierten „Unfall“ während der Niederlegung ausgehen möchte, liegt hier eine absichtliche Abkehr von der üblichen Totenhaltung vor. Das Skelett ist als gut erhalten und weitgehend vollständig zu charakterisieren, der anatomische Verband ist bis auf geringe natürliche Setzungsprozesse unversehrt. Die Hände befinden sich in auffälliger Weise nahe beieinander unter dem Beckenbereich, was eine Fesselung zumindest möglich erscheinen lässt. Üblicherweise sind auf diesem Gräberfeld die Arme parallel zum

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Körper angeordnet, so dass sich die Hände in der Rücken­lage nicht berühren (vgl. Abb. 1). Die offensichtlichen Abweichungen lassen daher den Eindruck entstehen, dass dieses Individuum als Sonderbestattung gleichsam ins Grab „gefesselt“ worden ist (vgl. Wahl 1994), was als eine Form von Gewaltausübung gegenüber dem Verstorbenen zu werten ist. Auf den ersten Blick ähnlich wirkende Befundsituationen sind ebenfalls auf dem Gräberfeld vorhanden (Abb. 3), jedoch kommt bei diesem Beispiel der bereits angesprochene Aspekt deutlicher Knochenverlagerung hinzu. Während die obere Körperhälfte noch teilweise im anatomischen Verband und in Bauchlage aufgefunden wurde, ist die untere Körperhälfte stark verworfen und unvollständig. Hier hat ein späterer Eingriff in das Grab das Skelettgefüge zerstört, Knochen beschädigt und verlagert. Hinweise darauf, dass dieses Individuum ursprünglich in Rückenlage bestattet worden ist, geben z. B. die Unterarmknochen, welche beim Drehen der offenbar noch teilartikulierten Leiche an Ort und Stelle verblieben. So liegen nun die linke Elle und Speiche an der Stelle ihrer rechten Gegenstücke, und umgekehrt. Die Lage des Skeletts lässt es auch als möglich erscheinen, dass das Grab mehrfach geöffnet worden ist und sich die jeweiligen Vorgänge in diesem Befund eventuell überlagern. Obwohl sich dies nicht mehr eindeutig klären lässt, hat auch hier unzweifelhaft ein physisch gewaltsamer Eingriff in die Integrität von Grab und Individuum stattgefunden. Als Ursache für die sichtbaren Zerstörungen kann am ehesten Grab­raub vermutet werden,

Abb. 3: Stark gestörte Bestattung auf dem Hermsheimer Bösfeld (Bef. 285, männlich, adult). Der Oberkörper befindet sich im Teilverband in Bauchlage, das übrige Skelett ist jedoch durch mindestens einen postmortalen Eingriff stark verworfen. Es liegen deutliche Hinweise auf eine bewusste Drehung des Körpers im Grab vor, die ursprüngliche Ausrichtung war vermutlich W-O (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim).

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Abb. 4: Stark zerwühlte Bestattung in W-O ausgerichteter Rückenlage auf dem Hermsheimer Bösfeld (Bef. 746, weiblich, spätjuvenil). Lediglich peripher liegende Knochen (Schädel ohne Unterkiefer, der linke Oberarmknochen, die Unterschenkel inkl. Füße) liegen noch annähernd in der originalen Bestattungslage, alle anderen Knochen sind postmortal durch einen massiven Grabeingriff verworfen (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim).

der in der Merowingerzeit an der Tagesordnung gewesen ist und einen Großteil der bekannten Gräber dieser Epoche betroffen hat (vgl. Roth 1977; Thiedmann/Schleifring 1992; Steuer 2004). Bei Graböffnungen dieser Art lässt sich oft eine chaotische Zerstörung des Skelettverbandes feststellen, welche belegt, dass die Bewahrung der anatomischen Integrität der Toten keine Rolle spielte. Während bei den intentionell vorgenommenen Nachbestattungen die Skelettreste der Primärbestattungen zumeist partiell gesammelt und zusammengeräumt im Befund verbleiben, sind beraubte Gräber oft durch gewaltsam auseinandergerissene Knochen charakterisiert (Abb. 4). Diese handfesten Eingriffe, meist mit stabilem Werkzeug durchgeführt, haben in vielen Fällen Spuren an den Skelettelementen selbst hinterlassen, deren korrekte Ansprache und zeitliche Einordnung von zentraler Bedeutung sind, wenn der physisch fassbare Niederschlag gewaltsamer Handlungen gegen die Lebenden ermittelt und nach gesellschaftlichen Mustern ausgewertet werden soll. Hierbei darf aber nicht unterschlagen werden, dass nicht alle traumatischen Läsionen am Knochen eindeutig als vor oder nach dem Tod entstanden charakterisiert werden können (König/Wahl 2006), was bei weiterführenden Interpretationen der Skelettbefunde stets berücksichtigt werden muss.

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Zeitliche Einordnung der Entstehung von Knochentraumata Auch wenn nicht alle Knochentraumata mit absoluter Sicherheit in ihrem Entstehungszeitpunkt bestimmt werden können, was vor allem für schlecht erhaltene Befunde gilt, erlauben eine Reihe von Kriterien meist dennoch eine verlässliche Einordnung. Generell wird dabei zwischen Läsionen unterschieden, die intra vitam, peri mortem oder post mortem entstanden sind. Zwar werden diese Kategorien meist als deutlich unterscheidbar verwendet, jedoch handelt es sich tatsächlich um ein Kontinuum, gekoppelt an die jeweils noch vorhandene Ausprägung vitaler Eigenschaften des Knochens (vgl. König/Wahl 2006). Solange das Individuum lebt, ziehen Verletzungen des Skelettsystems eine Heilungsreaktion nach sich, die nach wenigen Tagen durch Umbauprozesse und Knochenneubildung für das bloße Auge sichtbar wird. Somit sind Traumata mit eindeutigen Zeichen von Reparatur ohne Zweifel intravital entstanden und wurden überlebt (Abb. 5, A). Der genaue Zeitraum, wann eine komplett ausgeheilte Verletzung erlitten wurde, ist jedoch nicht mehr sicher feststellbar. Bei einer abgeschlossenen Wundheilung kann jedoch davon ausgegangen werden, dass diese nicht unmittelbar mit der Todesursache in Verbindung stand. Knochenverletzungen werden dagegen als perimortal bezeichnet, wenn diese entstanden sind, solange der Knochen vitale Eigenschaften besaß und keine Heilungszeichen zu erkennen sind. Damit ist sowohl die direkte Zeitspanne vor bis zum Eintritt des Todes gemeint, als auch eine gewisse Phase danach. Auch wenn der Organismus nicht mehr lebt, dauert es je nach Liegemilieu eine unterschiedlich lange Zeit, bis die organischen Bestandteile des Knochens soweit abgebaut sind, dass sich das Bruchverhalten merklich ändert. Am archäologischen Skelettfund geben sich perimortale Verletzungen vor allem durch scharfe Kanten und einen geschwungenen Bruchverlauf zu erkennen, am Schädel vor allem auch durch spezifische Bruchmuster, die alle auf den Kollagenreichtum des noch frischen Knochens zurückzuführen sind (Abb. 5, B‑D). Ein wichtiges Merkmal ist die Färbung der Bruchkanten, die bei perimortalen Verletzungen identisch sein muss mit derjenigen der unbeschädigten direkt benachbarten Knochenpartien. Sobald ein Knochen nach dem Vergehen der Weichteile und eventuell vorhandener Grabeinbauten in direkten Kontakt mit dem Sediment gerät, stellt sich mit der Zeit eine spezifische

oberflächliche Farbveränderung ein. Da perimortal entstandene Bruch- oder Schnittkanten bei bodengelagerten Skeletten ebenso lange mit dem Sediment in Berührung kommen wie die übrigen Knochen, liegt hier eine farbliche Kontinuität vor (vgl. König/ Wahl 2006). Deutlich davon unterschieden werden können die oft rezenten postmortalen Beschädigungen der Knochen, welche sich u. a. durch leuchtend helle Bruchkanten zu erkennen geben. Hier sind vor allem Beschädigungen durch Grabungsgerät zu nennen, aber auch solche, die bei der weiteren Reinigung und Präparation entstehen können (vgl. Abb. 1). Brechen die Knochen nach dem liegezeitbedingten Verlust der vitalen Eigenschaften, so stellen sich die Frakturmuster und -ränder deutlich anders dar als bei perimortalen Verletzungen. Langknochen brechen z. B. nach langer Liegezeit oft relativ geradlinig durch, ohne die scharfkantige und spiralige Zerscherbung, welche den „frischen“ Knochen charakterisiert. Die Oberflächen der heller gefärbten Bruchstellen sind dabei meist auch körnig und bilden keine glatten Strukturen aus.

Abb. 5: CT-Rekonstruktion eines Schädels mit mehrfacher Traumatisierung vom Hermsheimer Bösfeld (Bef. 774, männlich, frühadult). A: Intravital entstandener und vollständig ausgeheilter Schwerthieb mit disloziert angewachsenem Knochenfragment. B-D: Perimortale Einwirkungen scharfer Gewalt (Foto C. Meyer).

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Während die klassischen Beispiele intravitaler, perimortaler und postmortaler Knochentraumata somit relativ sicher erkannt werden können, gestaltet es sich bei Zwischenformen schwieriger. Insbesondere das Öffnen von Gräbern, z. B. im Rahmen einer Beraubung, hinterlässt oft Spuren am Skelett, die nach vergleichsweise kurzer Liegezeit entstanden sind. Je nach Liegemilieu weisen die Knochen zu diesem Zeitpunkt noch teilweise vitale Eigenschaften auf, was die Interpretation erschweren kann. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die beraubten Individuen ursprünglich durch perimortale Knochentraumata zu Tode kamen, was auch auf dem Gräberfeld vom Hermsheimer Bösfeld mehrfach der Fall war. Im Zweifelsfall sollte daher bei der Auswertung eher Zurückhaltung geübt werden, damit die Zahl der als perimortal eingestuften Verletzungen nicht über Gebühr nach oben verzerrt wird. In die hier vorgestellte Auswertung sind folglich nur Knochentraumata eingeflossen, bei denen nach Bewertung aller relevanten archäologischen und anthropologischen Gesichtspunkte mit hoher Sicherheit eine postmortale Entstehung ausgeschlossen werden kann. Systematische Erfassung und Auswertung von Knochentraumata Neben der sicheren Einschätzung der Relevanz von Knochentraumata für die jeweilige Fragestellung ist vor allem auch eine systematische Dokumentation derselben notwendig. Erst die präzise anatomische und zahlenmäßige Erfassung der beobachteten Verletzungen in Relation zu den entsprechenden nicht verletzten Körperpartien erlaubt die sichere Identifikation populationsspezifischer Muster und den validen Vergleich verschiedener Fundorte miteinander. In der zugrunde liegenden Gesamtstudie der auf dem Gräberfeld vom Hermsheimer Bösfeld feststellbaren pathologischen Veränderungen wurde daher ein solcher Populationsansatz verfolgt, welcher vor allem darauf abzielt, das Potential auch fragmentarischer Skelettfunde bestmöglich zu nutzen (Meyer in Vorb.). Die für die meisten Fundorte charakteristische Unvollständigkeit der Individuen erschwert stets einen direkten Vergleich, da die spezifischen naturräumlichen und anthropogenen Gegebenheiten vor Ort die Repräsentanz und den Erhaltungszustand der Skelette stark beeinflussen. Neben den klimatischen und chemischen Eigenschaften des

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Liegemilieus sind hier spätere physische Eingriffe in den Bestattungsplatz, wie z. B. durch landwirtschaftliche Nutzung des Geländes oder Bauarbeiten als Beispiele zu nennen. Diesen fundplatzspezifischen Faktoren muss in Populationsanalysen Rechnung getragen werden. Die Details des hier verwendeten Erfassungs- und Analysesystems werden an anderer Stelle umfassend beschrieben (Meyer in Vorb.). Hier reicht es daher aus, dieses kurz zu skizzieren: Das gesamte Skelett wurde in mehr als 150 anatomische Zonen unterteilt, die separat ausgewertet werden können. Insbesondere bei hochgradig unvollständigen Skelettfunden erlaubt eine solche Zonierung noch sinnvolle Vergleichsanalysen mit anderen Bestattungsplätzen mit deutlich anderen Erhaltungsbedingungen (vgl. Meyer u. a. 2013). So stellt z. B. das Stirnbein des Schädels insgesamt sechs Zonen dar, die sich zunächst jeweils nach rechts und links unterscheiden lassen. Hinzu kommen die Aspekte ectocranial/endocranial sowie in diesem Fall noch jeweils eine separate Zone für die Augenhöhlen. Langknochen sind meist in vier Zonen unterteilt; in jeweils den proximalen und distalen Gelenk- bzw. Schaftbereich. Pro Zone werden die feststellbaren pathologischen Erscheinungen erfasst und in unterschiedlicher Detailschärfe kategorisiert. Dies erlaubt später eine Zusammenfassung von separat erfassten Veränderungen, wenn z. B. eine zu feine Unterteilung nicht benötigt wird oder die Fallzahlen für verlässliche statistische Auswertungen zu gering sind. Für den hier vorgestellten Ausschnitt der Gesamtstudie wurde eine solche Zusammenfassung zur Vereinfachung der Darstellung und Auswertung vorgenommen. Für die im Folgenden getroffenen Aussagen zum Zusammenhang zwischen sozialem Status und traumatischem Skelettbefund ist ein höheres Detaillevel nicht notwendig. Die Zusammenfassung erlaubt zudem statistische Auswertungen, die bei kleineren Gruppengrößen, welche mit einem höheren Detaillevel einhergehen, nicht möglich sind. Biokulturelle Parameter des Hermsheimer Bösfelds Aufgrund ihrer Größe und der Zahl der dort bestatteten Individuen sind frühmittelalterliche Gräberfelder generell sehr gut für systematische Populationsstudien geeignet. Dies betrifft nicht nur rein anthropologische oder archäologische Aspekte (z. B. Steuer 1968; Alt/Vach 2001; Jakob 2009),

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Meyer/Wirth/Alt, Gold, Gewalt und Gebrechen

sondern erlaubt auch eine weitreichende Kombination verschiedenster Parameter aus beiden Bereichen. Während es bei kleineren Bestattungsplätzen meist schwierig bis unmöglich ist, die Grundgesamtheit der Gräber bzw. Individuen gestaffelt nach verschiedenen Charakteristika aufzuteilen und dabei jeweils eine für statistische Zwecke ausreichend große Fallzahl beizubehalten, ist dies bei frühmittelalterlichen Gräberfeldern oft gut möglich. Somit bietet sich hier ein ideales Feld für die Beantwortung biokultureller Fragestellungen, in welcher Weise z. B. am Skelett fassbare Phänomene mit den auf dem Gräberfeld dokumentierten Kulturäußerungen nachweislich in Verbindung stehen, oder ob dies nicht der Fall ist. So werden in der Gesamtstudie vor allem das Individualalter, das anthropologische (sex) und archäo­ logische Geschlecht (gender), die Körperhöhe sowie der anhand der Grabausstattung zugeschriebene Sozialstatus mit den festgestellten krankhaften Veränderungen systematisch in Beziehung gesetzt (Meyer in Vorb.). Aus diesem Datenpool wird hier gezielt der soziale Status herausgegriffen, dessen Bestimmung anhand einer spezifisch für dieses Gräberfeld erstellten Einteilung erfolgte (Abb. 6). Die Kategorisierung orientiert sich an bereits vorhandenen Studien zu diesem Thema (z. B. Steuer 1968), erhebt allerdings keinen universalen Anspruch, sondern dient lediglich einer internen Zuordnung der beurteilbaren Gräber in vier Ausstattungsmuster. Diese werden de facto mit einem abgestuften Sozialstatus gleichgesetzt, basierend auf dem materiellen Reichtum der Gräber. In der Merowingerzeit bestand unzweifelhaft ein Zusammenhang zwischen sozialem Status und der Grab­ausstattung als erhaltungsfähiger Kulturäußerung (vgl. Härke 1990; Steuer 2008), was bereits in anderem Zusammenhang für das Hermsheimer Bösfeld belegt werden konnte (Meyer/Alt 2012). Allerdings wird die ehemals sicher vorhandene Komplexität der Materie durch das Grabinventar nur zum Teil Gruppeneinteilung Statusgruppe 0 Statusgruppe 1 Statusgruppe 2

Einordnung Keine erkennbaren Beigaben Geringe Beigaben Mittlere Beigaben

Statusgruppe 3

Reiche Beigaben

abgebildet, und regionale wie auch chronologische Aspekte dürfen nicht außer Acht gelassen werden (vgl. Härke 1990; Halsall 1996). Die hier vorgenommene Einteilung folgt gut erkennbaren und sich vielfach wiederholenden Ausstattungsmustern, daher können die gebildeten Gruppen für den untersuchten Fundort als valide für die Auswertung gelten (vgl. Müller-Scheessel 2011). Wenn eine Störung des originalen Grabkontextes, z. B. durch die bereits erwähnten Faktoren Grabraub oder Nachbestattung, eine sichere Bewertung der ehemaligen Ausstattung verunmöglichte, wurden diese Befunde bei der Bestimmung des Status nicht berücksichtigt. Schädelverletzungen und sozialer Status Möchte man die Muster zwischenmenschlicher Gewaltausübung in einer Gräberfeldpopulation bestmöglich fassen, so ist es notwendig, diejenigen Verletzungen herauszufiltern, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit in Konfliktsituationen entstanden sind (Judd/Redfern 2012). Die bereits ausgeführten Kriterien zur Identifizierung von Traumata nehmen hierbei eine zentrale Rolle ein, jedoch erlaubt die weitgehend standardisierte Bewaffnung der Merowingerzeit im aktuellen Beispiel eine noch weitergehende Präzisierung (vgl. Steuer 1968). Während die Spuren stumpfer Gewalteinwirkung zwar ebenfalls von gezielten Aktionen gegen Personen herrühren können, ist eine sichere Trennung von Unfällen, die interpretativ eine völlig andere Kategorie darstellen, bei diesen Verletzungen nicht immer möglich (Judd 2008; Judd/Redfern 2012). In Epochen ohne metallene Klingenwaffen, z. B. dem Neolithikum, ist dies ein besonderes methodisches Problem, da die im Nahkampf verwendeten Steingeräte ebenso stumpfe Verletzungen verursacht haben, wie die allermeisten Unfälle. In diesen Zeiten sind Pfeilschussverletzungen Kommentar z. B. Messer, Schnalle, Keramik (max. drei Objekte) z. B. Schmuck, Waffen (mehr als drei Objekte) z. B. Silber, Gold, Glas, Reitzeug, Spatha, Ango

Abb. 6: Spezifisch für das Hermsheimer Bösfeld vorgenommene Einteilung der Statusgruppen anhand der Grabbeigaben. Die einzelnen Gruppen sind hierarchisch geordnet, d. h. höhere Statusgruppen enthalten ebenfalls das Inventar der unteren Gruppen, die unteren jedoch nicht das Inventar der oberen. Die Einteilung wurde anhand der auf dem Gräberfeld erkennbaren Muster vorgenommen (nach Meyer in Vorb.).

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Abb. 7: Zwei Schädel mit perimortaler Gewalteinwirkung vom Hermsheimer Bösfeld. Links: Schädel mit stumpfer Gewalteinwirkung und großflächigem Bruchmuster (Bef. 916, männlich, adult). Rechts: Durch scharfe Gewalt zerteilter Schädel (Bef. 636, männlich, adult) (Foto C. Meyer).

interpretativ am eindeutigsten, vor allem wenn Reste des Projektils in der Wunde verbleiben. Im frühen Mittelalter ist es, wie in den gesamten Metallzeiten, vornehmlich die scharfe Gewalt, die sehr sicher auf zwischenmenschliche Konfliktsituationen schließen lässt (Abb. 5). Die allgemein üblichen Waffen (Schwerter, Äxte und Speere; Steuer 1968) verursachen bei Einwirkung auf den Körper vor allem Schnitt-, Stich- und Hiebverletzungen (vgl. König/Wahl 2006), deren Verteilung innerhalb einer Population fundierte Aussagen über gezielte Gewaltanwendungen unter Einsatz des nachweislich kulturell bedeutsamen Kriegsgeräts zulässt. Insbesondere bei Gewaltausübungen gegen den Kopf ist bei Verwendung von größeren Klingenwaffen auch von einer Tötungsabsicht auszugehen, wie durch viele Beispiele belegt wird (z. B. Weber/ Czarnetzki 2001). Mit einer Ausnahme beschränkt sich die Auswertung der Schädelverletzungen auf dem Hermsheimer Bösfeld daher auf die Spuren scharfer Gewalt (Abb. 7). Hinzu genommen wurde das einzige Individuum mit einem großflächigen

stumpfen Schädeltrauma, da hier, im Gegensatz zu den üblicherweise kleinen, verheilten Depressionsfrakturen, eine gezielte Gewaltanwendung als wahrscheinlich angesehen werden kann. Insbesondere die Lokalisation in der am häufigsten betroffenen Region, dem linken Fronto-Parietalbereich, spricht hier für zwischenmenschliche Gewalt bzw. eine frontale Kampfsituation (vgl. Weber/Czarnetzki 2001; Jakob 2009). Die vorhandenen Bruchmuster, die Färbung der betroffenen Knochenstücke sowie die fehlenden Heilungszeichen belegen in diesem Fall eine perimortale und höchstwahrscheinlich auch letale Verletzung. Betrachtet man nun, unter Berücksichtigung der oben ausgeführten Faktoren (vgl. König/Wahl 2006), die Verteilung der Verletzungen der größeren Schädelknochen, aufgetragen nach dem interpretierten Sozialstatus, so ergibt sich ein eindeutiges Bild (Abb. 8). Es sind ausschließlich Männer betroffen, und die Verletzungen im Bereich von Os frontale und Os parietale dominieren deutlich. Dies deutet stark darauf hin, dass diese Traumata in

74 Schädelknochen Os frontale Os parietale Os occipitale Os temporale

Meyer/Wirth/Alt, Gold, Gewalt und Gebrechen Statusgruppe 0 1,8 % 1,4 % -

Statusgruppe 1 1,6 % 2,9 % 2,8 % 1,5 %

Statusgruppe 2 5,0 % 4,1 % 0,8 % 0,9 %

Statusgruppe 3 9,0 % 13,6 % 1,3 % 2,7 %

Abb. 8: Nach Statusgruppen unterteilte Darstellung der prozentual von scharfer Gewalteinwirkung betroffenen Schädelknochen der männlichen Individuen. Beide Schädelhälften sind zusammengefasst.

Konfliktsituationen entstanden sind, bei denen sich jeweils nur wenige Kombattanten gegenüber gestanden haben. In den meisten Fällen wird es sich um Zweikämpfe gehandelt haben, da unübersichtliche Kampfsituationen, z. B. in größeren Handgemengen bzw. Schlachten eine andere Verteilung von Verletzungen aufweisen (z. B. Ingelmark 1939). Opfer von größeren Kampfhandlungen wären auch nicht über die gesamte Fläche und Belegungszeit eines Ortsgräberfeldes verteilt zu erwarten, wie es beim Bösfeld der Fall ist, sondern würden sich eher in der Nähe der Schlachtfelder finden (vgl. Steuer 2008). Aus Abbildung 8 wird weiterhin sehr deutlich, dass die Prozentwerte ab Statusgruppe 2 markant ansteigen und in der höchsten Statusgruppe 3 für die Zonen des Stirn- und Scheitelbeins schließlich das nahezu fünf- bis zehnfache Niveau der beiden unteren Statusgruppen erreichen. Somit liegt hier ein ausgeprägter Zusammenhang zwischen der zugewiesenen Statusgruppe, ermittelt anhand der Grab­ ausstattung, und dem Vorhandensein eindeutiger Spuren zwischenmenschlicher Gewalt vor. Dieser Unterschied zwischen den beiden jeweils oberen und unteren Statusgruppen lässt sich statistisch nachweisen. Fasst man die Verletzungen zusammen und setzt diese in das entsprechende Verhältnis zur jeweiligen Gruppengröße, so ergibt sich ein signifikanter Unterschied (p=0,04; χ2=4,08). Dieser Unterschied wird ebenfalls deutlich, betrachtet man nur die absoluten Zahlen der Individuen mit Verletzungen (Abb. 9). In den beiden Statusgruppen 0 und 1 findet sich jeweils nur ein einzelnes Individuum, in den beiden Statusgruppen 2 und 3 dagegen jeweils fünf. Fasst man auch hier die beiden oberen und unteren Gruppen jeweils zusammen, so ergibt sich ebenfalls ein statistisch signifikanter Unterschied (p=0,02; χ2=5,33). Diese Verteilung von gewaltsamen Verletzungen kann also nicht als zufällig bezeichnet werden, sondern beruht offenbar auf gesellschaftsimmanenten Faktoren, die sich anhand der Kombination von Ausstattungsmustern der Gräber

und dem anthropologischen Skelettbefund deutlich nachzeichnen lassen. Langknochentrauma und sozialer Status Die Einwirkungen scharfer Gewalt, als eindeutigste Indikatoren für zwischenmenschliche Gewalt im frühen Mittelalter (vgl. Judd/Redfern 2012), beschränken sich auf dem Hermsheimer Bösfeld weitgehend auf den Schädel. Nur in wenigen Einzelfällen konnten Verletzungen durch Klingenwaffen am postcranialen Skelett nachgewiesen werden. In einem dieser Fälle kann jedoch durch die Rekonstruktion der Körperhaltung des Opfers zum Zeitpunkt des Angriffs darauf geschlossen werden, dass auch hier der Kopf das eigentliche Ziel war. Dieser wurde jedoch vom Angreifer offenbar mehrfach verfehlt, so dass die Schwerthiebe stattdessen den Hals und den Schulterbereich trafen (Meyer in Vorb.). Die Seltenheit der Spuren von scharfer Gewalt in den postcranialen Körperregionen belegt somit erneut, dass die Klingenwaffen des merowingerzeitlichen Kriegers nicht willkürlich eingesetzt worden sind, sondern weitgehend planvoll und nach bestimmten, nachvollziehbaren Mustern. Um dennoch auch das übrige Skelett zur Bewertung der Häufigkeit und Verteilung von zwischenmenschlicher Gewalt nutzen zu können, ist es notwendig, nach anderen Indikatoren zu suchen. Ausgehend von der Erfahrung medizinischer und Statusgruppen Statusgruppe 3 Statusgruppe 2 Statusgruppe 1 Statusgruppe 0

N 5 5 1 1

Prozentwert 41,7 % 41,7 % 8,3 % 8,3 %

Bewaffnung Ja Nein

Abb. 9: Häufigkeit der von scharfer Gewalteinwirkung auf den Schädel betroffenen männlichen Individuen unterteilt nach Statusgruppen.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013 Zone Ulna 1 Ulna 2 Ulna 3 Ulna 4

N rechts 0 3 2 0

% rechts 1,4 % 1,0 % -

N links 0 1 3 0

% links 0,5 % 1,7 % -

Abb. 10: Häufigkeit von Ulnafrakturen der männlichen Individuen in den einzelnen anatomischen Zonen.

anthropologischer Studien bieten sich dabei Frakturen der Unterarme an (z. B. Kunter 1974), die bei passendem Kontext als Abwehrverletzungen gedeutet werden können (z. B. Judd 2008; Meyer u. a. 2009). Insbesondere Brüche der Ulna in und unterhalb der Schaftmitte werden dabei oft als klassische „Parierfrakturen“ angesehen (Judd 2008). Diese können bei der Abwehr eines Schlages mit dem erhobenen Arm entstehen, z. B. um den Kopf vor der Einwirkung stumpfer Gewalt zu schützen (Helferich 1922). Um zu prüfen, ob auf dem Hermsheimer Bösfeld ein den Schädelverletzungen vergleichbarer Zusammenhang zwischen sozialem Status und postcranialen Abwehrverletzungen besteht, sind in Abbildung 10 zunächst alle Ulna-Frakturen der männlichen Individuen dargestellt. Die Zonierung der Langknochen folgt dabei dem bereits vorgestellten Erfassungssystem (Meyer in Vorb.), wobei die Zonen 1 und 4 die jeweils proximalen und distalen Gelenkbereiche bezeichnen, die dazwischen liegenden Zonen 2 und 3 den angrenzenden Schaftabschnitt. Die Fallzahlen sind generell sehr gering und kommen über 1,7 % betroffener Individuen pro Zone nicht hinaus. Ver­ glichen mit den Häufigkeiten der Schädelverletzungen sind Frakturen der Ulna in diesem Gräberfeld somit als selten zu bezeichnen. Zwar treten vereinzelt Knochenbrüche auf, die nach ihrer Lokalisation in der Zone 3 (eventuell auch in der Zone 4) als Parierfrakturen zu deuten wären (Abb. 11), jedoch sind diese in allen Statusgruppen zu finden. Ein Zusammenhang zwischen sozialem Status und diesen Frakturen kann aber allein schon aufgrund der geringen Fallzahlen nicht belegt werden und erscheint damit ausgesprochen unwahrscheinlich. Somit liegen keinerlei Hinweise darauf vor, dass die Parierfrakturen der Ulna in dieser Skelettserie auf gewaltsame Ereignisse zurückzuführen sind, die in einen ähnlichen Kontext zu stellen wären wie die durch Klingenwaffen verursachten Schädelverletzungen. Bei den

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weiblichen Individuen konnte sogar nur eine einzige Ulnafraktur festgestellt werden. Auf der Populationsebene erlaubt dies die Aussage, dass Frauen nicht sehr oft in Situationen gerieten, welche eine Parierfraktur der Ulna zur Folge hatte. Als direkter Vergleich zur Häufigkeitsbewertung der Ulna- bzw. Parierfrakturen können die diagnostizierten Brüche des Radius, des zweiten Langknochens des Unterarms, herangezogen werden (Abb. 12). Hier findet sich eine deutliche Häufung von Frakturen in der distalen Schafthälfte, jedoch verbleiben auch hier die Prävalenzen auf eher moderatem Niveau. Korrelationen mit dem sozialen Status sind nicht vorhanden. Als Erklärung für das häufigere Auftreten der überwiegend distalen Radiusfrakturen kommt vor allem jedoch ein bestimmter biogener Faktor in Frage, der auch für das Hermsheimer Bösfeld in einer Pilotstudie bereits nachgewiesen werden konnte: Osteoporose (Meyer in Vorb.). Brüche des Radius knapp oberhalb des Handgelenks stellen in klinischen Studien mit die häufigste und am frühesten betroffene Lokalisation

Abb. 11: Fraktur einer linken Ulna vom Hermsheimer Bösfeld (Bef. 725, männlich, adult). Die Fraktur befindet sich etwa in Schaftmitte und ist nahezu ohne Fehlstellung geheilt (Foto C. Meyer).

76 Zone Radius 1 Radius 2 Radius 3 Radius 4

Meyer/Wirth/Alt, Gold, Gewalt und Gebrechen N rechts 0 2 3 3

% rechts 1,0 % 1,5 % 2,3 %

N links 0 1 7 0

% links 0,5 % 3,7 % -

Abb. 12: Häufigkeit von Radiusfrakturen der männlichen Individuen in den einzelnen anatomischen Zonen.

dar, welche mit einer osteoporotisch bedingten Abnahme der Knochendichte in Verbindung gebracht wird (z. B. Court-Brown/Caesar 2006; Sontag/ Krege 2010). Diese sogenannten Colles-Frakturen des Radius entstehen klassischerweise bei Stürzen auf die ausgestreckte Hand, wobei Alltagsunfälle sicher die häufigste Ursache gewesen sein werden. Durch zwischenmenschliche Gewalt induzierte Stürze sind jedoch ebenfalls möglich, was die Schwierigkeit der Interpretation postcranialer Knochenbrüche exemplarisch aufzeigt. Dies gilt nicht nur für den Radius, sondern auch für die Ulna, denn nicht alle „Parierfrakturen“ sind zwangsläufig in einer Konfliktsituation entstanden. Auch hier können Stürze oder andere Unfälle ursächlich gewesen sein (Helferich 1922; Judd 2008). Somit erscheinen die Schädelverletzungen durch Klingenwaffen in der Merowingerzeit als das Mittel der Wahl, um einen Zusammenhang zwischen sozialem Status und gezielter Gewaltanwendung herauszuarbeiten. Muster frühmittelalterlicher Gewaltanwendung Wie gezeigt wurde, ist für eine adäquate Bewertung der allgemeinen Häufigkeit von am Skelett nachweisbarer Gewalt die Berücksichtigung einer Reihe von Faktoren zwingend notwendig. So müssen postmortale Beschädigungen verlässlich herausgefiltert werden, insbesondere wenn es zu Nachbelegungen oder Beraubungen von Gräbern gekommen ist. Damit ist bereits direkt der archäologische Kontext angesprochen, der bei der Interpretation von Knochendefekten eine zentrale Rolle spielt (Judd/Redfern 2012). Während perimortal entstandene Skeletttraumen kaum einen Zweifel generieren, sofern sie direkt z. B. mit Schlachtfeldern oder den damit assoziierten Massengräbern in Zusammenhang gebracht werden können (z. B. Thordeman 1939), ist die Bewertung von Verletzungen schwieriger, wenn sich die

Betroffenen in regulären Bestattungsplätzen wiederfinden und damit nicht mehr unmittelbar mit dem ursprünglichen Gewaltkontext verbunden sind. Auf Gräberfeldern wie dem hier exemplarisch untersuchten Hermsheimer Bösfeld spiegeln die Verletzungen nicht einzelne Großereignisse wider, sind also nicht mit Kriegsführung gleichzusetzen, sondern repräsentieren das normale gesellschaftliche „Hintergrundrauschen“ von Gewalt, welches die Individuen in ihrem angestammten alltäglichen Umfeld betreffen kann. Aber auch hier müssen für jeden Fundplatz historische und archäologische Informationen herangezogen werden, soweit vorhanden, um eine sinnvolle Erklärung für das jeweils festgestellte Level von Gewalt zu finden (vgl. Meyer u. a. 2013). Dabei sind es besonders die Spuren scharfer Gewalt, die für die Suche nach gesellschaftsrelevanten Mustern innerhalb der Merowingerzeit von Bedeutung sind, da die Folgen stumpfer Gewalt interpretativ nicht sicher von Unfallgeschehen zu trennen sind (z. B. Peter-Röcher 2006; Judd 2008). Im aktuellen Beispiel des Hermsheimer Bösfelds fanden sich bisher auch keine Zusammenhänge zwischen postcranialen Frakturen und dem sozialen Status. Jedoch konnten derartige Beziehungen eindeutig für die Schädelverletzungen durch Klingenwaffen festgestellt werden. So besaßen 83 % der Männer mit solchen Verletzungen Waffen als Grabbeigaben, während immerhin 44 % aller Männer auf dem Gräberfeld waffenlos bestattet worden sind. Der statistische Nachweis, dass die Spuren von Gewalt nicht willkürlich verteilt sind, sondern vor allem „bewaffnete“ Männer betroffen sind, legt sehr nahe, dass diese wahrscheinlich in sozial reglementierter Form potentiell letale Waffengewalt gegeneinander ausgeübt haben. Nur sehr selten sind Männer der im Bestattungsbrauch waffenlosen (Status-)Gruppen das Opfer merowingerzeitlicher Waffentechnik geworden, die Hermsheimer Frauen sind überhaupt nicht betroffen. Dies belegt, dass die Waffenbeigabe im Grab nicht allein ein rein symbolischer Akt gewesen ist, sondern sich die Spuren der aktiven Nutzung derselben Waffen auch heute noch an den Skeletten der entsprechenden männlichen Individuen wiederfinden. „Kennzeichen der älteren Gesellschaft – dabei bli­cken wir allein auf die Männer – war der krieg­ erische, wehrhafte Charakter, und dieser wurde durch die Beigabe der Bewaffnung noch in besonderer Weise betont. Das Schwert bzw. die vollständige, schwere Bewaffnung aus Schwert, Sax, Lanze und Schild – ergänzt durch das Reitpferd – wurde dem Bauern

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und Krieger mit ins Grab gegeben, war Zeichen seiner gesellschaftlichen Rolle auch bei der Bestattung bzw. im Tode. Die Waffe, das Schwert, hatte neben seiner Funktion in Kampf und Krieg symbolischen Wert als Zeichen des unabhängigen Kriegers, eine Rolle, die also über den Tod hinaus bestehen blieb“ (Steuer 2004, 200). Durch die Untersuchung großer Stichproben, die idealerweise von vollständig erfassten Fundplätzen stammen sollten, lassen sich demnach Muster identifizieren, welche in Sammelserien unbemerkt verwischt werden können (vgl. Härke 1990; Halsall 1996). Die Kombination von anthropologischen und archäologischen Daten, welche systematisch und nachvollziehbar erhoben worden sind, erlaubt dabei gesellschaftliche Einblicke, welche durch die Einzeldisziplinen nicht zu erfassen wären. Von großer Wichtigkeit ist es jedoch, die jeweiligen methodischen Problematiken und Grenzen zu kennen und diese bei Interpretationen entsprechend zu berücksichtigen. So erscheinen z. B. postcraniale Frakturen im Frühmittelalter als wenig geeignet, zwischenmenschliche Gewalt zu quantifizieren, da die Verteilung von Verletzungen über den Körper zum einen von der zur Verfügung stehenden Bewaffnung abhängt, zum anderen aber auch durch biogene Faktoren bedingt wird. Distale Radiusfrakturen hängen z. B. vor allem mit der hormonell beeinflussten Knochendichte zusammen, sind bei älteren Individuen also eher ein Indikator für das Einsetzen von Osteoporose (Sontag/Krege 2010). „Parierfrakturen“ der Ulna waren im untersuchten Gräberfeld selten, sind also wohl kulturell bedingt auch kein brauchbarer

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Indikator für die Häufigkeit von Konflikten in der Merowingerzeit. Auf der anderen Seite können auch die Beigabensitten regional oder chronologisch bedingt stark schwanken, so dass Vergleiche z. B. in der Waffenausstattung zwischen Fundplätzen nicht unkritisch vorgenommen werden dürfen (vgl. Halsall 1996). Zwar ermöglichen die hochgradig systematischen und sehr geschlechtsspezifischen Beigabenkombinationen dieser Zeit weitreichende Schlüsse hinsichtlich interner Hierarchien und Geschlechterrollen (z. B. Härke 1990; Stoodley 1999; Steuer 2008), jedoch müssen diese für jeden Fundort einer Prüfung auf Plausibilität unterzogen werden. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass Gräber die ehemalige Lebenswelt nicht vollständig objektiv widerspiegeln. Sofern jedoch deutliche und sich vielfach wiederholende Muster identifiziert werden können, die im Idealfall durch unabhängige Daten bestätigt werden, bilden diese eine solide Grundlage für weiterführende Interpretationen (vgl. MüllerScheessel 2011). Im Falle des Hermsheimer Bösfelds lassen sich solche Muster finden und statistisch belegen, so dass sich abschließend für dieses Gräberfeld feststellen lässt, dass „free Germanic warriors were buried here with the tools of their Dark Age trade“ (Härke 1990, 22), und auch mit den knöchernen Spuren, welche diese Waffen an ihren Skeletten über den Tod hinaus hinterlassen haben. Dabei stellen die heute noch nachweisbaren Verletzungen jedoch nur einen kleinen Teil der ehemals vorhandenen dar, da die Dunkelziffer von vergangenen Spuren der Gewalt generell als relativ hoch anzusetzen ist.

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Die Spätantike als Gewaltnarrativ. Zum archäologischen Niederschlag des sogenannten Magnentius-Horizontes aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Roland Prien

Zusammenfassung Die Spätantike erscheint im Spiegel der historischen Überlieferung als eine Epoche der Gewalt. Besonders der Einfall germanischer Verbände in das Gebiet der Nordwestprovinzen des Römischen Reiches ist mit einer Vielzahl von Zerstörungen und Vertreibungen in Verbindung gebracht worden. Das auf diese Weise entstandene Bild von der Spätzeit als Krisenzeit des Reiches findet seine Entsprechung auch in der archäologischen Forschung, die oftmals anhand von Befunden wie Massengräbern, Brandschichten und Münzhortfunden das Bild der Schriftquellen zu bestätigen versucht. Eine kritische Analyse des sogenannten Magnentius-Horizontes indes zeigt, dass die Deutung solcher Befunde auf der Basis der Aussagen antiker Autoren kritisch zu sehen ist. Einzelne Befunde können – mit wenigen Ausnahmen – nicht automatisch mit bestimmten kriegerischen Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht werden. Abstract: Late Antiquity as Narrative of Violence. Archaeological Traces of the So-called Magnentius-Horizon of the mid-4th Century AD According to the testimonial of contemporary written sources Late Antiquity was an epoch of common and widespread violence. Especially invasions of Germanic formations into the northwestern provinces of the Roman Empire have been linked to devastation and expulsion. The image of the late antique period as a time of crisis is mirrored by the archaeological discipline trying to find a confirmation in features like mass-graves, destruction-layers and coin hoards. But as the critical analysis of the so-called Magnentius-Horizon shows, such archaeological phenomena cannot be explained on the basis of historical sources alone. Single features – with few exceptions – cannot be linked to specific conflicts automatically.

Die Auseinandersetzung mit Spuren von Krieg und Gewalt kann auf eine lange Tradition innerhalb der Archäologie zurückblicken. Gleichwohl begann – vorwiegend in der englischsprachigen Archäologie – erst vor wenigen Jahren die Herausbildung einer eigenen Unterdisziplin, die sich schwerpunktmäßig mit diesem Feld beschäftigt. Die conflict archaeology ist ein Kind der sich bereits seit Jahrzehnten zunehmender Popularität erfreuenden Schlachtfeldarchäologie, deren Fokus jedoch weit über die Erforschung einzelner Schlachtorte hinausgeht (Pollard/Banks 2005). Als Teil der Historischen Archäologie konzentriert sich die conflict archaeology in erster Linie

auf die materiellen Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen vom Mittelalter bis in die Moderne, ur- und frühgeschichtliche Befunde hingegen werden kaum diskutiert (Amrit u. a. 2006, 3). Auch die Antike wird weitestgehend ausgeklammert, was angesichts der stellenweise dichten Quellenlage aus dieser Epoche überrascht. Besonders das Ende der Antike bietet augenscheinlich ein weites Feld für Studien über gewalttätige Auseinandersetzungen. So gilt die Spätantike zusammen mit der Völkerwanderungszeit noch immer als Epoche der Gewalt bzw. des gewaltsamen Umbruchs schlechthin. In der Zeit von ca. 300 bis 450 n. Chr. vollzog sich in

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Prien, Die Spätantike als Gewaltnarrativ

Mittel- und Westeuropa der Untergang eines antiken Weltreiches, das vordergründig im Strudel innerer und äußerer Konflikte auseinanderbrach und somit die – nicht minder gewalttätige – Folgeepoche des Frühmittelalters einläutete. Dieses vorrangig auf Aussagen spätantiker Schriftquellen gegründete Geschichtsbild hat sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts herausgebildet und bestimmt auch bis in die Gegenwart hinein den allgemeinen Blick auf diese Epoche. Im Zentrum der gängigen Erzählungen vom Untergang des Römischen Reiches stehen zwei ausschlaggebende Faktoren: die politische und religiöse Fragmentierung der, vor allem in der ältesten Forschung als „dekadent“ charakterisierten, römischen Gesellschaft in der Spätantike, sowie die äußere Bedrohung des Reiches durch militärische Feinde in Gestalt vieler „Barbarenvölker“, derer sich Rom nicht länger erwehren konnte und die mit Gewalt den Untergang des Imperiums herbeiführten. Zwar haben einige Vertreter der historischen und archäologischen Teildisziplinen schon seit längerem erhebliche Zweifel an diesem Bild angemeldet – die sich u. a. daran niederschlugen, nicht mehr vom Untergang, sondern von der Transformation der römischen Welt zu sprechen (Goetz 2003, 1), dem gegenüber steht jedoch die immer noch weit verbreitete Auffassung, dass kriegerische Gewalt vor allem seitens der „Barbaren“ ein Kernmerkmal der spätantiken Epoche und zudem in erster Linie ausschlaggebend für den Untergang Roms war (Ward-Perkins 2007, 179–184). Die Spätantike darf aber keineswegs allein als Zeit der eruptionsartigen Gewalt in großen Dimensionen gelten; ein Blick auf das 3. Jahrhundert mit seiner „Reichskrise“ und darüber hinaus auf die vielen äußeren und inneren militärisch ausgetragenen Konflikte unter dem Prinzipat oder gar in der späten Republik lassen erahnen, dass sich die Militärmonarchie des Römischen Reiches trotz aller Propaganda von einer „pax romana“ im Grunde im Dauerkrieg mit sich oder ihren Nachbarn befand. Diese historisch überlieferten Auseinandersetzungen haben nicht zuletzt große Auswirkungen auf Methodik und Fragestellungen der (provinzial)römischen Archäologie: So stützen sich die vorhandenen Chronologien in wesentlichen Teilen auf geschlossene Fundensembles aus Zerstörungshorizonten, die mit bestimmten historisch überlieferten Ereignissen in Verbindung gebracht werden (Fischer 2001, 38–40). Dies gilt insbesondere für die zahlreichen Germaneneinfälle des 3. bis frühen 5. Jahrhunderts

n. Chr., mit denen Brandschichten, Siedlungsabbrüche, aber auch das Auftreten von Münzhorten in bestimmten Regionen erklärt werden (Blanchet 1900, ix; Chameroy 2011, 672 f.). Dort, wo die Schriftquellen nur vage Angaben liefern, ergänzen scheinbar Kartierungen von archäologischen Spuren der Invasionen, die sich in den jeweiligen Zeitabschnitt datieren lassen, das Bild von Umfang und Ausmaß der Einfälle. Im Rahmen des vorliegenden Beitrages soll dieser Forschungsansatz exemplarisch am Beispiel des sogenannten Magnentius-Horizontes aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. kritisch überprüft werden. Massengräber als Zeichen für Krieg und Gewalt Zuvor jedoch ein kurzer Blick in das 3. Jahrhundert n. Chr. auf einen Fund, der symbolhaft für die Gewalt steht, die von „Barbaren“ an Bewohnern der römischen Nordwestprovinzen ausgeübt wurde und als Beleg für diese in zahlreichen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte in Teilen (zumeist zwei menschliche Schädel) gezeigt wurde: In der villa rustica von Regensburg-Harting fanden sich in einem Stein- und einem Holzbrunnen jeweils Überreste von mehreren menschlichen Individuen. Einzelne Menschenknochen oder Deponierungen von Teilskeletten innerhalb von römischen Siedlungen – insbesondere in Brunnen – sind mehrfach belegt (Kramis 2009, 87). Da sie in auffälligem Kontrast zur bis ans Ende des 3. Jahrhunderts mehrheitlich geübten Sitte der Brandbestattung und zum gesetzlich verankerten Verbot von Beisetzungen innerhalb von Siedlungen stehen, werden diese „irregulären Bestattungen“ zumeist mit kriegerischen Ereignissen in Verbindung gebracht (Fischer 2013, 38–40). Sie stehen scheinbar für kürzere Zeitabschnitte, in denen die Rechtsnormen und Bestattungsbräuche ignoriert werden konnten oder mussten. Der Befund von Harting geht in seinem Erscheinungsbild jedoch deutlich darüber hinaus: Die zehn Erwachsenen und drei Kinder, die als Bewohner der villa angesprochen werden, sind nicht nur „irregulär“ zusammen mit Tierkadavern bestattet worden, ihre Skelette weisen auch massive Spuren von Gewalteinwirkung auf, die vermuten lassen, dass sie einen brutalen Tod starben. Schläge auf die Stirn machten sie vermutlich bewegungsunfähig, nachfolgend starben sie ohne Chance auf Gegenwehr an den Folgen von Verletzungen und Verstümmelungen, die ihnen mit

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 1: Detailansicht des Bonner Massengrabes (Quelle: LVR-Amt für Bodendenkmalpflege).

scharfen Gegenständen beigebracht worden waren. Bei der anthropologischen Untersuchung der Skelette wurden zudem an den Schädeln der weiblichen Opfer Schnittspuren gefunden, die darauf hindeuten, dass diese skalpiert wurden (Schröter 1984, 120). In der Literatur wird dieser Befund häufig als „Menschenopfer“ bezeichnet; die Villenbewohner wären also nicht einfach Opfer kriegerischer Gewalt, sondern rituell getötet worden. Als Täter werden in diesem Zusammenhang „Germanen“ bzw. „Alamannen“ genannt, da die Deponierung der Leichenteile in den beiden Brunnen mit den schriftlich überlieferten Germaneneinfällen in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. in Verbindung gebracht wird (Schröter 1984, 120; Fischer 1990, 117 f.; Fischer 2013, 36). Trotz ihres „sensationellen“ Charakters sind die Ergebnisse der anthropologischen Untersuchungen der Skelette und die Brunnenbefunde aus der Hartinger villa rustica bisher nur in Vorberichten publiziert worden; somit stehen sowohl der endgültige Beweis für eine rituelle Tötung als auch eine gesicherte Datierung des Befundes noch aus. Dem bisherigen Stand der Literatur zufolge geschah die Deutung und zeitliche Einordnung der Hartinger Massengräber auf der Basis allgemeiner historischer Überlegungen und nicht mittels einer

archäologischen Analyse des Materials. Gleichwohl wird der Fund immer wieder in der Literatur und in Museen als eindrucksvoller Beleg für die von Germanen ausgehende Gewalt angeführt, ohne dass ein Zusammenhang mit den oft nur schwer zu rekonstruierenden Ereignissen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. nachzuweisen ist. Ein Fund aus dem Bereich des Bonner Legionslagers im Jahre 1994 weckt in vielerlei Hinsicht Erinnerungen an das Massaker in Harting – wenn auch zwischen beiden Gewalttaten ein größerer Zeitraum von etwa hundert Jahren liegt (Abb. 1): Im Umfeld einer Lagerbaracke kamen im Ausbruchtrichter eines wohl schon gegen Ende des 3. Jahrhunderts aufgegebenen Brunnens Skelettteile zu Tage, die nur dürftig mit Ziegelplatten bedeckt waren (Plum 1994, 90). In der lockeren Verfüllung des leider nicht vollständig ausgegrabenen Befundes fanden sich die Überreste von insgesamt sechzehn menschlichen Individuen zusammen mit wenigen Kleinfunden und Münzen, die augenscheinlich zur persönlichen Habe der Toten gehörten. Ähnlich wie in Harting sind unter den Toten ganz unterschiedliche Gruppen auszumachen: Unter den maximal elf Erwachsenen befinden sich bis zu fünf Männer und sechs Frauen, unter den fünf Kindern ist auch

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Prien, Die Spätantike als Gewaltnarrativ

ein Säugling. Die sicher männlich zu bestimmenden Individuen waren auffälligerweise alle entweder im subadulten oder maturen – also nicht „wehrfähigen“ – Alter. Trotz des Bestattungsortes innerhalb eines Legionslagers handelt es sich bei den Toten wohl augenscheinlich um „Zivilisten“, die jedoch nach Ausweis der zahlreichen am Skelettmaterial vorhandenen unverheilten Traumata wahrscheinlich allesamt eines gewaltsamen Todes starben (Wahl u. a. 2002/03, 202). An acht der dreizehn gefundenen Schädel zeigten sich Spuren von stumpfer oder scharfer Gewalt, hinzu kommen Hiebspuren im Halsbereich bzw. am rechten Schulterblatt bei insgesamt vier Individuen. Mindestens zehn Skelette weisen Spuren unverheilter Verletzungen auf, wobei sich diese einigermaßen gleichmäßig auf Frauen, Männer und Kinder verteilen. Als Ursache für diese können mehrheitlich scharfe Gegenstände (Schwerter), in einigen Fällen aber auch stumpfe identifiziert werden (Wahl u. a. 2002/03, 218). Nicht alle Verletzungen waren tödlich; es ist denkbar, dass einige Individuen verbluteten. Das Fehlen von Abwehrverletzungen an den Extremitäten deutet darauf hin, dass die Gewaltopfer aus dem Bonner Brunnen bei ihrer Tötung keine Gegenwehr leisten konnten oder wollten; sie wurden wahrscheinlich stehend oder kniend von vorne erschlagen. Ob sie dabei zudem gefesselt waren, lässt sich nicht mehr erschließen; die Lage der Extremitäten der Toten im Massengrab spricht dagegen, allerdings ist ein Großteil des Skelettmaterials sekundär verlagert worden. Da das Skelettmaterial keine Spuren von Tierverbiss zeigt, müssen die Erschlagenen bald nach ihrem Tod verlocht worden sein. Dies geschah ohne Beachtung der für diese Zeit archäologisch und historisch bekannten Grabvorschriften und Bestattungssitten: Sie wurden inmitten einer Siedlung wahllos in den offenstehenden Trichter eines aufgegebenen Brunnens geworfen, der bereits seit längerer Zeit als Abfallgrube diente, und nur mit Bruchstücken von Ziegelplatten bedeckt. Das Vorhandensein einer größeren Anzahl von Bronzemünzen, z. T. mit ankorrodierten Textilresten, ein Bronzearmreif und einige Haarnadeln belegen, dass die Toten zuvor nicht „gefleddert“ wurden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden die Toten eilig vergraben, um beispielsweise einer Seuchengefahr vorzubeugen. Keinesfalls hingegen sollte mittels der Leichen der Brunnen unbrauchbar gemacht werden, da er – wie bereits erwähnt – zum Zeitpunkt der Niederlegung der Toten schon länger nicht mehr in Benutzung war. Die „Tatzeit“ für das

Bonner Massaker lässt sich anhand des vorhandenen numismatischen Materials im Vergleich zum Hartinger Befund einigermaßen eng eingrenzen, denn unter den 44 Bronzemünzen, die zusammen mit den Skeletten gefunden wurden, befinden sich mit Ausnahme zweier älterer Stücke ausschließlich Prägungen aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Der terminus post quem für die Niederlegung der Toten ergibt sich aus der Schlussmünze, einem follis des Kaisers Magnentius, die 351/52 in Rom geprägt wurde. Dieses Datum aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. findet seine Bestätigung auch im übrigen Fundmaterial aus Keramik und Metall, das keine jüngeren Funde enthielt. Zudem entspricht die Zusammensetzung der Münzen dem typischen Münzindex geschlossener Funde aus dem Zeitraum 350 bis 359 n. Chr. (Wigg 1991, 31 f.). Unter Zuhilfenahme anderer Funde aus dem Bonner Legionslager und der Rekonstruktion der Ereignisgeschichte der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. lässt sich die Anlage des Massengrabes u. U. noch näher eingrenzen: Auf der Basis punktuell beobachteter Brandschichten und eines Münzschatzfundes aus der principia des Bonner Legionslagers mit einer Schlussmünze des Jahres 353 n. Chr. (Hagen 1940, 153) wurde die These aufgestellt, das Bonner castrum sei im Zuge der Frankeneinfälle, die sich ab dem letzten Jahr der Herrschaft des Magnentius am Rhein ereigneten, gründlich zerstört worden (Gechter 2001, 173; Bechert 2007, 116 f.). Diese Annahme wird unterstützt durch die Schilderung des Ammianus Marcellinus, der den Ort ausdrücklich in Zusammenhang mit Wiederaufbaumaßnahmen des Kaisers Julian 359 n. Chr. erwähnt (Amm. Marc. 18,2,4). Somit würde es sich bei den Toten aus dem Bonner Brunnen um zivile Einwohner der spätantiken Festung Bonna handeln, die im Zuge der Eroberung der Anlage von Franken erschlagen wurden. Unklar bleiben jedoch das Motiv für die Mordtat und auch die Identität derer, die die Leichen entsorgten – waren es die Täter selbst oder eventuelle Überlebende der Katastrophe? Die Usurpation des Magnentius und ihre Folgen Dem Bonner Massengrab können viele weitere Funde, die als Zeugnisse von Plünderungen und Zerstörungen in der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. angeführt werden, zur Seite gestellt werden. In der Provinzialrömischen Archäologie werden diese

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verschiedenen Leichenfunde, Münzhorte, Brandschichten und Besiedlungsabbrüche aufgrund ihrer zumeist auf der Basis von Münzen vorgenommenen Datierung in einem einheitlichen Katastrophenhorizont zusammengefasst (Kunow 1987a, 91–97; Bernhard 1990, 140–144). Diese Betrachtungsweise der archäologischen Zeugnisse ist wiederum auf die historisch überlieferten Ereignisse aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. zurückzuführen, die gleichsam die Rahmenhandlung für das Bonner Massaker bilden, und die an dieser Stelle kurz skizziert werden sollen: Das Bonner Massengrab gehört in einen Zeitabschnitt, in dem die Nordwestprovinzen des Römischen Reiches nach der Aussage von Schriftquellen eine ihrer schlimmsten Krisen erlebten. Das auslösende Moment hierfür wirkt vor dem Hintergrund der häufigen Usurpationen, die das Römische Reich erlebte, eher unscheinbar: Im Jahre 350 n. Chr. wurde der wahrscheinlich germanischstämmige Magnentius, der comes rei militaris des seit 337 über den Westteil des Reiches herrschenden Kaisers Constans, in Augustodunum/Autun von Soldaten zum Augustus proklamiert. Wenig später wurde der flüchtende Constans getötet und der neue Herrscher übernahm ohne weiteren Widerstand die Macht im Westreich. Magnentius hoffte auf die Anerkennung als Mitkaiser durch den in Konstantinopel regierenden Constantius II., den älteren Bruder des Constans. Dieser rüstete jedoch umgehend zu einem Feldzug in den Westen und der Bürgerkrieg begann. Nachdem Magnentius 351 seinen Sohn Decentius zum Caesar erhoben und mit der Verteidigung der Rheingrenze beauftragt hatte, zog er mit dem gallischen Feldheer nach Italien und von dort weiter Richtung Illyricum. Im September des Jahres traf er bei Mursa/Osijek auf das Heer seines Kontrahenten. In der darauffolgenden Schlacht verlor Magnentius etwa zwei Drittel seiner Truppen, während Constantius trotz ebenfalls großer Verluste das Feld behaupten konnte. Mehreren antiken Autoren zufolge war die Zahl der bei diesem innerrömischen Konflikt getöteten Soldaten enorm – es ist die Rede von 54.000 Toten, womit die Schlacht bei Mursa sogar noch verlustreicher war als die spätere Niederlage des Kaisers Valens gegen die Goten bei Adrianopel 378, bei der geschätzte 40.000 Mann fielen. Magnentius wurde zum Rückzug gezwungen, aber auch sein Gegner Constantius II. war nicht mehr zu weiteren Offensiven fähig. In dieser Situation soll er Gesandte mit Gold zu den Alamannen und

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Franken geschickt haben, um sie zu Einfällen in das Herrschaftsgebiet des Magnentius zu bewegen (Libanios Orat. 18, 33). Zum Jahreswechsel 351/352 n. Chr. erlitt Decentius eine Niederlage gegen die Alamannen, die im Folgenden zu ausgedehnten germanischen Plünderungen bis tief in das Innere Galliens hinein führte (Amm. Marc. 14,11,10–11; 15,5,2; 15,8,1; 16,2,1). Die historische Forschung ist sich uneins darüber, ob Constantius II. tatsächlich die Germanen links des Rheins zu Einfällen ermutigte; denkbar wäre ebenso, dass diese die automatische Konsequenz des Abzuges eines Großteils der Truppen aus Gallien waren. Spätestens nach der Niederlage bei Mursa wird die Schwächung der Grenzverteidigung am Rhein offensichtlich gewesen sein, sodass – wie schon in ähnlichen Situationen im 3. Jahrhundert n. Chr. – die germanischen und gallischen Provinzen eine verlockende, leichte Beute für Angreifer darstellten. Im Jahre 353 n. Chr. scheint bereits das Moselgebiet von den Plünderungen und Verwüstungen betroffen gewesen zu sein. Als Reaktion darauf erfolgte der Aufstand eines gewissen Poemenius in Treveris/Trier gegen die Herrschaft des Decentius. Bereits zuvor hatte Magnentius die Kontrolle über Italien verloren. Angesichts der militärisch hoffnungslosen Lage beging er im August 353 n. Chr. in Lugdunum/Lyon Selbstmord; wenig später folgte ihm sein Sohn. Mit den Selbstmorden des Usurpators Magnentius und seines Sohnes Decentius endeten jedoch keineswegs die militärischen Auseinandersetzungen und die damit einhergehenden Verwüstungen. Weder ein im Folgejahr von Constantius II. nahe Brisiacum/ Breisach persönlich ausgehandelter Frieden mit den Alamannenfürsten Gundomad und Wadomar, noch der Feldzug des vom Kaiser entsandten magister equitum Arbitio brachten die ersehnte Ruhe an der Rheingrenze. Stattdessen wurde die Situation durch die Ausrufung des (fränkischstämmigen) magister militum Silvanus zum Kaiser in Köln noch brisanter. 355 n. Chr. fiel die Stadt für zehn Monate in die Hände der Franken. Constantius II. sah sich gezwungen, seinen Neffen Julian als Caesar einzusetzen und ihn zur Wiederherstellung der Ordnung an den Grenzen an den Rhein zu schicken. Trotz einer siegreichen Schlacht gegen die Alamannen 357 bei Argentorate/Straßburg, dauerte es bis ins Jahr 361 n. Chr., bis die Grenze wieder hergestellt wurde. Über die Feldzüge Julians informiert als Augenzeuge Ammianus Marcellinus, der den Caesar teilweise begleitete. Auf ihn gehen schließlich auch die

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Beschreibungen des Ausmaßes der Verwüstungen zurück, die Julian bei seinen Operationen am Rhein antraf. Demnach war ein 50 Meilen (70 km) breiter Streifen zwischen Argentorate/Straßburg und Mogontiacum/Mainz komplett entvölkert und in der Hand der Alamannen, darüber hinaus sei ein weiteres Gebiet von bis zu 140 Meilen (200 km) verwüstet (Jul. ad. Ath. 279A). Allein 45 civitates seien zerstört (Amm. Marc. 16,2,1), und die Grenzverteidigung in der Germania Secunda mit Ausnahme des castrums von Rigomagus/Remagen und eines einzelnen Wachturms nahe Colonia/Köln komplett vernichtet (Amm. Marc. 15,8,19). Archäologie einer Katastrophe: Der MagnentiusHorizont Angesichts der nachdrücklichen Schilderungen von Plünderungen, Zerstörungen und Vertreibungen, die die Schriftquellen für die Jahre 351 bis 361 n. Chr. überliefern, liegt die Annahme auf der Hand, dass diese „Urkatastrophe“ der Spätantike in den Nordwestprovinzen deutliche Spuren im archäologischen Quellenbestand hinterlassen haben muss. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass zahlreiche Brandschichten und Münzhortfunde mit diesen Ereignissen in Verbindung gebracht werden. Dabei scheint es auf den ersten Blick durchaus so, als ob die Archäologie das von den antiken Geschichtsschreibern gezeichnete Bild in großen Teilen bestätigen könne. Doch worauf gründet sich die in der Provinzialrömischen Archäologie weit verbreitete Annahme eines Katastrophenhorizontes aus dieser Zeit? Da an dieser Stelle keine umfassende Betrachtung aller in Frage kommenden Fundorte erfolgen kann, ist die Frage auf Basis einiger ausgewählter Funde und Befunde zu beantworten (Abb. 2). Ein dem Bonner Massengrab vergleichbarer Fund stammt aus der befestigten villa rustica von JülichKirchberg: Dort fanden sich in einer als Löschteich gedeuteten Vertiefung die Skelette eines ca. 50-jährigen Mannes und eines ca. 14-jährigen Knaben zusammen mit dem Rohr einer Feuerlöschpumpe (Becker/Päffgen 2003, 127; Päffgen/Willer 2005, 470). Ein nahegelegener Brunnen beinhaltete das Skelett einer Frau, ein weiterer Brunnen die Reste einer teilweise zerstörten Jupitersäule, wobei die zugehörige Verfüllung über Münzen in die Zeit nach 350 n. Chr. datiert werden kann (Noelke/Päffgen 2000, 286). Ein häufig reproduziertes Lebensbild

zeigt eine brennende Villenanlage, deren Bewohner in den Mauern des zugehörigen burgus verzweifelten Widerstand gegen eine plündernde Germanenhorde leisten (Päffgen/Willer 2005, 477 f.). Leider kann aufgrund des gegenwärtigen Publikationsstandes nicht entschieden werden, ob die drei Befunde tatsächlich zeitgleich einzuordnen sind und somit das gezeigte Bild der historischen Realität entspricht. Die Datierung und Deutung der Kirchberger Befunde erfolgt im Wesentlichen auf der Grundlage der historischen Überlieferung, die im Falle der Germania Secunda jedoch im Vergleich zur Oberrheinregion wesentlich unspezifischer bezüglich der Zerstörungen im Gefolge der Frankeneinfälle nach 353 n. Chr. ausfällt. Trotzdem wurden die Auflassung zahlreicher villae, deren Münzreihen um oder kurz nach 350 n. Chr. abbrechen, in den gleichen historischen Kontext gesetzt (Kunow 1994, 149). Als Beispiel sei die herrschaftliche villa von Blankenheim-Hülchrath angeführt, die jedoch keinerlei Zerstörungsspuren zeigt (Kunow 1987b, 363). Umgekehrt verhält es sich jedoch scheinbar im Falle der Provinzhauptstadt Colonia/Köln: Mit der explizit erwähnten Eroberung durch die Franken 355 n. Chr. werden eine Reihe von Befunden aus unterschiedlichen Teilen der Stadt in Verbindung gebracht (Hellenkemper 1980), darunter ein brandzerstörtes Haus und eine Brunnenverfüllung (Binsfeld 1960/61a, 74; Binsfeld 1960/61b, 93). Auch der „Wiederaufbau“ der Stadt scheint archäologisch sichtbar: Das praetorium wurde neu errichtet, und im Nordosten der Stadt entstand ein neues Wohnviertel (Ristow 2007, 128). Inwieweit diese Baumaßnahmen, zu denen auch die Errichtung eines monumentalen Memorialbaues auf dem nordwestlichen Gräberfeld der Stadt gehört, mit möglichen vorangegangenen Zerstörungen einhergingen, ist jedoch bisher nicht klar feststellbar. Allgemein zeichnet sich Colonia/Köln durch sehr viele und große Bauvorhaben aus, die in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. ausgeführt wurden. Das benachbarte Kastell von Divitia/KölnDeutz zeigt keine entsprechenden Zerstörungsspuren (Carroll 1998, 54). Ähnlich problematisch verhält es sich mit den Zusammenhängen zwischen historischer Überlieferung und archäologischem Befund bei den von Ammianus Marcellinus erwähnten Kastellorten, die nach den Zerstörungen unter Caesar Julian im Zuge der Sicherung der Rheingrenze neu aufgebaut und mit Speicherbauten versehen worden sein sollen (Amm. Marc. 18,2,4): Von den sieben an dieser

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Abb. 2: Verbreitungsübersicht über Fundorte mit münzdatierten Zerstörungshorizonten aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. (Quelle: Autor).

Stelle erwähnten Orten haben nur zwei mögliche Zeugnisse für Baumaßnahmen in der Zeit nach 355 n. Chr. erbracht. Für Bonna/Bonn postuliert M. Gechter (2001, 173) einen Wiederaufbau des alten Legionslagers in vollem Umfang, allerdings weisen die zugehörigen Befunde der Lagerumwehrung eine eher ungewöhnliche Form auf; entgegen der seit dem späten 3. Jahrhundert n. Chr. üblichen Bauweise soll die „julianische“ Wehrmauer lediglich 1,5 m breit gewesen sein und über schmale, innenliegende Türme verfügt haben. Diese Bauformen lassen eher an eine mittelkaiserzeitliche Datierung denken, zumal das castrum nach der vollständigen Rekonstruktion für spätantike Verhältnisse deutlich überdimensioniert

erscheint (Prien 2002/03, 196). Aus Antunnacum/ Andernach hingegen ist bei Grabungen in jüngster Zeit ein großer Speicherbau freigelegt worden, der in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. gehören könnte – die entsprechenden Grabungsergebnisse sind jedoch leider bisher unpubliziert. Die übrigen bei Ammianus Marcellinus erwähnten Orte – Quadriburgium/Qualburg, Tricensima/Xanten, Novaesium/Neuss, Vingo/Bingen und das nicht lokalisierte Vastra Herculis – haben keine Spuren einer Wiederbefestigung erbracht. Im Falle von Tricensima, das mit der spätantiken Befestigung der zentralen insulae der alten Colonia Ulpia Traiana gleichgesetzt wird, zeigen neuere Untersuchungen des Fundmaterials, dass die

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Stadt nicht im Zuge der Frankeneinfälle aufgegeben wurde (Otten/Ristow 2008, 588). Die Errichtung des Kastells von Bodobriga/Boppard ist – obwohl bei Ammianus Marcellinus nicht genannt – ebenfalls mit den Bauaktivitäten unter Julian in Verbindung gebracht worden (Eiden 1975, 88). Der Form nach scheint dieser Bau jedoch in frühere Zeit zu gehören (Prien 2002/03, 197). In der südlich angrenzenden Provinz Germania Prima sind ebenfalls zahlreiche archäologische Befunde mit den Zerstörungen aus der MagnentiusZeit verknüpft worden. Die Vernichtung des Grenzschutzes ist dabei jedoch nur punktuell archäologisch nachzuweisen. So wird die Aufgabe des Mainzer Legionslagers mit den Alamanneneinfällen in Verbindung gebracht; tatsächlich lässt sie sich durch den späteren Bau der neuen Stadtmauer nur vage datieren (Müller-Wille/Oldenstein 1981, 271). Eindeutigere Befunde liegen aus Alteium/Alzey vor: Der constantinische vicus wurde um die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. flächig zerstört und später einplaniert, als dort unter Kaiser Valentinian I. im Zuge der Reorganisation der Rheingrenze ein castrum errichtet wurde (Hunold 1997, 39). Das am Hochrhein gelegene Castrum Rauracense/Kaiseraugst zeigt Brandspuren an verschiedenen Stellen und einen nachfolgenden Umbau im Inneren. Die Zerstörungen wurden über den berühmten Kaiseraugster Silberschatz und die mit diesem vergesellschafteten Münzen in das Jahr 351/352 n. Chr. und damit an den Beginn der Alamanneneinfälle datiert (Guggisberg 2003, 290). Insgesamt liegen vom Ober- und Hochrhein nur wenige gut gegrabene Kastellorte vor, die jedoch überwiegend Spuren von Verwüstungen aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. zeigen. Das Bild aus dem Bereich der ländlichen Siedlungen hingegen ist diffuser: Für das Mainzer Umland wurde angenommen, dass die Masse der villae und vici nach der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. aufgegeben wurde (MüllerWille/Oldenstein 1981, 271). Eine genaue Überprüfung dieser Hypothese steht noch aus und kann an dieser Stelle nicht unternommen werden. Ähnliche Annahmen wurden auch für die Pfalz und das Umland des Rheinknies um Basel postuliert: Auch hier sollen zahlreiche Siedlungsstellen abbrechen und die Siedlungslandschaften insgesamt in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. stark ausgedünnt sein. Ein entsprechendes Bild wurde beispielsweise für den vicus von Eisenberg und die umliegenden Gebiete rekonstruiert (Bernhard 1981a, 75; der vicus scheint jedoch nach mündlicher Auskunft von

H. Bernhard, Speyer, neuen Funden zufolge bis in das 5. Jahrhundert besiedelt zu sein). Der Besiedlungsabbruch wurde in der Regel auf der Basis der Münzreihen angenommen, wobei auffällt, dass viele dieser Reihen bereits deutlich vor 351 n. Chr. enden. So werden sehr häufig auch Schlussmünzen aus dem Jahr 348 n. Chr. als Indiz für eine Zerstörung oder Besiedlungsunterbrechung eines Fundortes angeführt, obwohl die Münzversorgung erst mit der Schließung der Münzstätte Trier 355 n. Chr. stark beeinträchtigt wurde und von einer flächigen Verbreitung auch der späten Prägungen des Magnentius auszugehen ist (Gilles 1989, 382). Dort, wo diese hingegen im Fundmaterial angetroffen wurden, dienen sie häufig als Beleg für die Rekonstruktion der einzelnen Etappen der alamannischen Eroberungsund Plünderungszüge (Bernhard 1981b, 62). Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang die sogenannten spätrömischen Höhensiedlungen, die in den Mittelgebirgsregionen von Eifel, Hunsrück, Pfälzer Wald und Vogesen in den germanischen Provinzen und ihrem Hinterland in großer Zahl im ausgehenden 3. oder beginnenden 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden (Gilles 1985, 52). Als archäologische Fundortgattung sind sie nur schlecht erfasst, da nur wenige von ihnen teilweise oder größtenteils ergraben wurden. Diese Masse der Plätze ist nur über Oberflächenfunde datiert; eine Funktionsansprache erfolgte bisher in erster Linie über ihre Lage (Prien/Hilbich 2013, 24). Während es sich bei größeren Anlagen wie beispielsweise dem Großen Berg bei Kindsbach unzweifelhaft um eine größere zivile Siedlung handelt, die wahrscheinlich erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. befestigt wurde (Bernhard 1987, 57), sind besonders die Höhensiedlungen des Moseltals als Teil eines tiefgestaffelten Verteidigungssystems gedeutet worden (Gilles 1998, 74). Tatsächlich ist nach dem heutigen Forschungsstand lediglich festzustellen, dass aufgrund der unterschiedlichen Erscheinungsformen dieser Anlagen eine Zusammenfassung aller Fundorte unter dem Begriff der „Höhensiedlung“ unsinnig erscheint – zu unterschiedlich ist das Spektrum der bekannten Plätze, als dass diese zu einem fest umrissenen Siedlungstyp gehören könnten. Dementsprechend schwierig ist auch die Einordnung der Entstehung der Höhensiedlungen als „Krisenanzeiger“. Sowohl nach dem „zivilen“ Deutungsschema, dem zufolge sich die ländliche Bevölkerung als Reaktion auf unsichere Zustände in den Grenzprovinzen auf vermeintlich sichere Höhenlagen zurückzog, als auch

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nach dem „militärischen“, das von einer Verdichtung befestigter Plätze im Hinterland der Rheingrenze auf Initiative des Militärs ausgeht, handelt es sich bei den neu entstandenen Siedlungsplätzen um Reaktionen auf gefühlte oder tatsächliche Bedrohungen seitens der einfallenden Germanen. Dementsprechend seien vor allem zu Hochzeiten solcher Bedrohungen besonders viele Anlagen errichtet worden (Gilles 1985, 61; Bernhard 1981b, 62). Angesichts des schlechten Forschungsstandes – die chronologische Einordnung der meisten Höhensiedlungen basiert auf wenigen Münzen, bei denen es sich zumeist um Zufallsfunde handelt – sind auch solche Aussagen kritisch zu sehen. Weder sind bisher im Einzelnen die Gründe für die Errichtung von Höhensiedlungen, noch die Ursache für ihre Aufgabe bekannt. Als Ausnahme kann an dieser Stelle wiederum nur der Große Berg genannt werden, dessen Aufgabe im Zuge der Magnentius-Wirren 352/353 n. Chr. aufgrund der flächig ergrabenen Brandspuren und zweier Münzhortfunde plausibel erscheint (Bernhard 1987, 75). Eine Übertragung dieses Befundes auf andere, kaum oder gar nicht archäologisch erforschte Anlagen im Pfälzer Wald oder darüber hinaus verbietet sich jedoch. Soweit bisher erkennbar steht mit der Entstehung der Höhensiedlungen auch nur selten eine Verlagerung älterer Siedlungen in Schutzlagen in Zusammenhang: So zeigt das spätantike Besiedlungsbild des Moseltals beispielsweise, dass das Auftauchen entsprechender Anlagen Teil einer allgemeinen Siedlungsverdichtung ist (Prien/Hilbich 2013, 32). Eine Veränderung des Besiedlungsbildes in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. als Folge der Gewaltausbrüche der Magnentius-Wirren ist – wie bereits erwähnt – verschiedentlich postuliert worden. Generell werden Siedlungsabbrüche, Neubefestigung von Plätzen und Siedlungsverlagerungen als Konsequenzen der Verwüstungen genannt. Ein weiteres Beispiel hierfür liefert die Umgebung des Castrum Rauracense, die in valentinianischer Zeit ein deutlich anderes Bild bietet als in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Allerdings ist hier keine allzu deutliche Zäsur zu erkennen: Die Besiedlung verlagert sich scheinbar hin zu den Kastellstädten Basel und Kaiseraugst, wodurch aber nicht nur ein erhöhtes Schutzbedürfnis der auf dem Land ansässigen Bevölkerung zum Ausdruck kommt, sondern auch die gewachsene Bedeutung dieser beiden Zentralorte. Umgekehrt ist aufgrund des mangelhaften Forschungsstandes eine regelrechte „Landflucht“ nicht zu belegen. Auch sind diese Veränderungen

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feinchronologisch kaum einzuordnen: Eine flächige Versorgung mit Bronzemünzen fand in den germanischen Provinzen erst wieder unter der Regentschaft Valentinians I. statt. Die Zeit zwischen 355 und 365 ist somit nahezu „unsichtbar“. Es liegt der Verdacht nahe, dass sich in den Münzreihen vieler Fundorte nicht Besiedlungsabbrüche oder -unterbrechungen widerspiegeln, sondern Probleme der Münzversorgung in der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Fazit: Gibt es einen Magnentius-Horizont? Wie oben gezeigt, ist die Verbindung archäologischer Befunde mit bestimmten historisch überlieferten Ereignissen mit einer Vielzahl von Problemen behaftet. Anders als bisher angenommen finden die bei Ammianus Marcellinus beschriebenen Zerstörungen und Gewaltausbrüche kaum Entsprechungen im Fundmaterial, obgleich für das gesamte Untersuchungsgebiet (und den Bereich der hier aus Platzgründen nicht erörterten Provinz Belgica Prima) ein guter Forschungsstand zur entsprechenden Periode vorliegt. Dieses Bild ergibt sich in erster Linie aus der Neubewertung der bekannten Befunde, die bisher fast ausschließlich im Lichte der historischen Überlieferung datiert und gedeutet wurden. Fast alle Zerstörungsspuren und Veränderungen im Siedlungsgefüge sind auf diese Weise mit den MagnentiusWirren in Verbindung gebracht worden. Analog zu älteren Katastrophenhorizonten vornehmlich des 3. Jahrhunderts n. Chr. ist somit ein „Magnentius-Horizont“ erschaffen worden, der als chronologischer und siedlungsarchäologischer Marker dient, um das 4. Jahrhundert n. Chr. in den Nordwestprovinzen zu unterteilen. Die Fixierung auf die Geschichte vom krisengeschüttelten spätantiken Reich mit seinen immer katastrophaleren Germaneneinfällen verstellt dabei jedoch den Blick auf die archäologische Realität oder anders gesagt: Die Archäologie wurde dabei Opfer ihrer eigenen Narrative. Eine allein auf Basis der archäologischen Quellen vorgenommene Analyse zeigt keine große Zäsur zwischen den beiden Hälften des 4. Jahrhunderts n. Chr. Erst die Heranziehung der Schriftquellen, deren Zeugnis in vollem Umfang akzeptiert wird, kreiert das Bild von der Urkatastrophe der Spätantike am Rhein, wie es auch durch entsprechende Lebensbilder in verschiedenen Ausstellungen und Publikationen propagiert wird. Die an dieser Stelle postulierte Diskrepanz zwischen Schriftquellen und Archäologie ist

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natürlich erklärungsbedürftig: Stellen die Berichte des Ammianus Marcellinus grobe Übertreibungen der tatsächlichen Folgen der Magnentius-Wirren dar? Zeichnen die archäologischen Quellen aufgrund der Probleme hinsichtlich der Feinchronologie ein falsches Bild der Ereignisse? Die Wahrheit liegt wohl wie so oft dazwischen: Eine völlige Entvölkerung der Gebiete links des Rheins ist aufgrund der archäologischen Befundlage ebenso wenig zu belegen wie die vollständige Zerstörung fast aller Siedlungen entlang der Grenze. Andererseits belegen wenige, gut datierbare Befunde durchaus das z. T. verheerende Ausmaß der Gewalt gegen Menschen und Bauten um die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr.

Genannt seien an dieser Stelle vor allem das Bonner Massengrab, die Zerstörung des Großen Bergs und die Deponierung des Kaiseraugster Silberschatzes. Gewalt wurde im genannten Zeitraum zweifelsohne ausgeübt – aber wohl keineswegs so flächendeckend und häufig wie angenommen. Die Spätantike war ohne Zweifel eine Zeit der Gewalt, aber eben nicht ausschließlich und nicht andauernd. Wenn es an die individuelle Deutung einzelner Befunde geht, dürfen Schriftquellen nicht allein im Mittelpunkt stehen. Es muss auch a priori berücksichtigt werden, dass die wohlbekannten historischen Narrative den Blick auf die archäologische Wirklichkeit oftmals verstellen.

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Roland Prien Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Zentrum für Altertumswissenschaften, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorder­ asiatische Archäologie Marstallhof 4, 69117 Heidelberg [email protected]

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Professionelle Krieger in der Bronzezeit vor 3300 Jahren? Zu den Überresten eines Gewaltkonfliktes im Tollensetal, Mecklenburg-Vorpommern Thomas Terberger, Anne Dombrowsky, Jana Dräger, Detlef Jantzen, Joachim Krüger und Gundula Lidke

Zusammenfassung Bronzezeitliche Funde der Zeit um 1250 BC aus dem Tollensetal nördlich von Altentreptow, MecklenburgVorpommern, stehen seit einigen Jahren verstärkt im Fokus interdisziplinärer Forschung. Darunter befinden sich Skelettreste von über 120 Individuen, überwiegend von Männern, die teilweise Läsionen aufweisen, die auf gewaltsame Ereignisse zurückgehen dürften (vgl. Brinker u. a. in diesem Band), aber auch Waffen, etwa Holzkeulen und Flint- und Bronzepfeilspitzen, sowie Tierknochen, v. a. von Pferden. Neue archäologische Forschungen zu Land und unter Wasser konnten das Bild des Fundplatzes in den letzten Jahren deutlich vertiefen. Verschiedene Fundplätze im Tal, die über 2,5 km entlang der Tollense in Ufernähe liegen, lieferten auch besondere Funde (etwa Gold- und Zinnringe). Mit einer Zunahme von Waffenfunden, besonders bronzener Tüllenpfeilspitzen, die dem Zeithorizont der Skelettreste zuzuordnen sind, tritt auch die gewaltsame Komponente des Fundplatzes immer stärker hervor, untermalt durch verheilte und nicht verheilte Verletzungen. Der Beitrag behandelt ausgehend von den Funden im Tollensetal die Frage, inwieweit eine Professionalisierung gewaltsamer Auseinandersetzungen und damit letztlich des Krieges bereits in dieser Phase der Bronzezeit zu erwarten ist. Abstract: Professional Warriors in the Bronze Age 3300 Years Ago? The Remains of a Violent Conflict from the Tollense Valley, Mecklenburg-Western Pomerania Over the past years interdisciplinary research focused on Bronze Age finds from the Tollense Valley north of Altentreptow, Mecklenburg-Western Pomerania, dating from 1250 BC. Among these are skeletal remains of over 120 individuals, predominantly males, partly showing lesions resulting from violent conflicts (see Brinker et al. in this volume), as well as weapons such as wooden clubs or flint and bronze arrowheads, and animal bones, primarily of horses. Recent terrestrial as well as aquatic archaeological research gave a deeper insight into the site. Exceptional finds (such as rings made of gold or tin) were made at various find spots scattering over 2.5 km close to the banks of the Tollense. Increasing numbers of weapons found at the site, primarily socketed bronze arrowheads which are contemporaneous with the skeletal remains highlight a violent component. This is accentuated by healed and non-healed injuries found among the skeletal remains. Based on the finds from the Tollense Valley this article deals with the question, to what extend a professionalization of violent conflicts, and thus of war, can be expected at this phase of the Bronze Age.

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Terberger u. a., Professionelle Krieger in der Bronzezeit vor 3300 Jahren?

Die Bronzezeit gilt als die Periode, in der das Aufkommen spezialisierter Waffen – speziell des Schwerts – auf die zunehmende Bedeutung von Auseinandersetzungen hinweist. Auch in der Älteren Nordischen Bronzezeit (Periode I–III) treten Bronzewaffen in wachsender Zahl auf, und in Periode II und III gehören Schwerter zu den Beigaben reich ausgestatteter Männergräber (Kersten 1958; Schubart 1972; Schmidt 2004). Besonders das Schwert als effektive Waffe und gleichzeitig Repräsentationsobjekt gilt als Kriegersymbol. Gebrauchsspuren an den Klingen sprechen für die aktive Verwendung der Schwerter (Kristiansen 2002; Harding 2007; Mödlinger 2011), allerdings liegen bislang wenig systematische Informationen zu Verletzungen durch Schwerter an menschlichen Skelettresten vor. Ein Schädel von Wiligrad (Lübstorf, Fpl. 2, Lkr. Nordwestmecklenburg) aus der Zeit um ca. 1500 v. Chr. (Uz-4091: 3230±70 bp) zeigt beispielsweise ein Trauma scharfer Gewalt, das vermutlich auf eine Schwertklinge zurückgeht (Lidke/Piek 1998, 82 f.). Auch an den 22 Skelettresten vom Fundplatz Sund, Norwegen, können verschiedene Verletzungen vermutlich auf den Schwerteinsatz zurückgeführt werden (Fyllingen 2003; Fyllingen 2006). Vor diesem Hintergrund scheint der Gebrauch dieser Waffen durchaus geläufig gewesen zu sein, auch wenn ihnen eine Funktion als Statuszeichen sicher nicht abzusprechen ist. Schwerter als Grabbeigabe kennzeichnen ohne Zweifel eine Elite, aber welche Rolle diese Personen in der Sozialordnung der Älteren Nordischen Bronzezeit spielten, ist Gegenstand einer Debatte. Kennzeichnen reiche Waffenbeigaben bzw. Schwerter regionale Häuptlinge, die verschiedene Funktionen inne hatten und temporär als Kriegsherren agieren konnten? Oder dürfen wir in der Älteren Bronzezeit schon mit Kriegern als eigener Statusgruppe rechnen, die einer Herrschaft verpflichtet waren und über Schwerter als Rang- und Erkennungszeichen verfügten? Mit der Entdeckung der Nekropole von Ne­ ckarsulm, Baden-Württemberg, lässt sich erstmals ein wohl ausschließlich mit männlichen Individuen belegter Friedhof fassen (Wahl 2009). Mit der Präsenz von trotz eindeutiger Anzeichen von Beraubung immer noch drei Schwertgräbern setzt sich Neckarsulm von den üblichen Bestattungsplätzen ab und wirft die Frage auf, ob sich hier im 12. Jahrhundert v. Chr. eine Gruppe mit einer „Kriegeridentität“ fassen lässt (Knöpke 2009). H. Peter-Röcher (2006 und in diesem Band) hat sich allerdings in einem Beitrag zum Organisationsgrad bronzezeitlicher

Konfliktparteien dafür ausgesprochen, dass bronzezeitliche Gewaltkonflikte eher den Regeln einer Fehde folgten, bei der die Teilnehmer noch weitgehend autonom über ihre Teilnahme am Konfliktgeschehen entscheiden konnten, im Gegensatz zum Krieg im engeren Sinn ab der Urnenfelderzeit mit Kriegern bzw. Soldaten und Söldnern als Teilnehmern. Zu dieser Diskussion kann der Fundplatz im Tollensetal, nördlich von Altentreptow in MecklenburgVorpommern (Abb. 1–2), einen Beitrag leisten. In den letzten Jahren wurden im Tal außergewöhnliche Funde und Befunde entdeckt, die als Überreste eines größeren Gewaltkonfliktes gedeutet werden. Hier präsentieren wir neue Ergebnisse der laufenden Arbeiten. Ungewöhnliche Entdeckungen im Tollensetal Seit den 1980er Jahren haben ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger bei Begehungen im Tollensetal wiederholt Menschenreste und Bronzeobjekte entdeckt und gemeldet, deren Zusammenhang und Bedeutung lange Zeit unklar blieb. Die Funde konnten zum einen aus Baggergut, das auf Maßnahmen zur Vertiefung des Flusslaufs zurückgeht und entlang der Flussufer abgelagert wurde, und zum anderen aus erodierten Uferkanten geborgen werden, an denen fundführende Sedimente angeschnitten waren. Die Bedeutung dieser Streufunde rückte mit den Entdeckungen von R. Borgwardt (im Druck) im Jahre 1996 in den Blickpunkt der Forschung: Gemeinsam mit seinem Vater hatte er am Westufer der Tollense nahe Weltzin (Fundplatz 20) eine größere Zahl an Menschenknochen, darunter einen Oberarmknochen, und eine Holzkeule (Abb. 3) aus der Uferböschung bergen können. Der ungewöhnliche Charakter dieser Fundvergesellschaftung wurde durch die Entdeckung der in den Humerus eingeschossenen flächenretuschierten Feuersteinpfeilspitze deutlich unterstrichen (Abb. 4). Noch im selben Jahr konnte C. Jantzen in Sondierungsschnitten eine Fundschicht mit zahlreichen verstreuten Menschenresten und einigen Pferdeknochen auf größerer Fläche nachweisen. Die Knochen lagen an das heutige Flussufer angrenzend nur in Ausnahmefällen noch im anatomischen Verband in einer Schicht unter ca. 1 m Torf. Ein Schädel mit einer schweren frontalen Impression ohne Heilungsspuren lieferte einen weiteren Hinweis für Gewalthandlungen im Zusammenhang mit der Entstehung der

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Abb. 1: Lage des Tollensetals nördlich von Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern mit Markierung einzelner Fundstellen (Grafik: J. Dräger/S. Lorenz).

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Hintergrund der Arbeitshypothese, dass es sich bei den außergewöhnlichen Funden und Befunden im Tollensetal um Überreste eines bronzezeitlichen Gewaltkonfliktes handelt. Ausdehnung der Fundschicht

Abb. 2: Der immer noch naturnahe Eindruck der Tollense darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Erscheinungsbild des Flusstals durch Baggerungen seit den 1970er Jahren verändert wurde (Foto: F. Ruchhöft).

Fundakkumulation (Jantzen 1997; Jantzen u. a. 2008). Eine Radiokarbondatierung erlaubte es, die Fundschicht in die Spätphase der Älteren Nordischen Bronzezeit zu stellen (ca. 1300 v. Chr., Periode III). Dank systematischer Begehungen durch R. Borgwardt und weitere ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger konnten in den Folgejahren weitere wichtige Funde aus dem Flusstal geborgen werden, unter denen eine zweite Holzkeule mit Hammerkopf, die 1999 nahe der früheren Fundstelle entdeckt wurde, besonders hervorzuheben ist (Abb. 3). Seit 2007 untersucht eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe unter Federführung von D. Jantzen (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege) und T. Terberger (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, früher Universität Greifswald) das Fundareal im Tollensetal1. Die Untersuchungen erfolgen vor dem

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Die Ausdehnung des Fundareals ergibt sich aus den über längere Zeit geborgenen Streufunden, sys­ tematischen Begehungen, zahlreichen Tauchpros­ pektionen sowie Sondierungen und Grabungen an ausgewählten Stellen im Flusstal. Dabei ist deutlich zwischen der Verbreitung der Knochen und der Bronzefunde zu unterscheiden. Die menschlichen Überreste können inzwischen auf einer Flusslänge von ca. 2,5 km (Luftlinie ca. 2 km) in situ nachgewiesen werden. Die Streuung einer bemerkenswerten Zahl von Bronzeobjekten von z. T. herausgehobener Qualität reicht hingegen deutlich darüber nach Norden (und auch Süden) hinaus; insgesamt finden sich auf mindestens 6 km Länge im Tal zahlreiche Metallobjekte (Abb. 5). Allerdings ist ihr Verbreitungsbild überwiegend an das Vorkommen der ausgebaggerten Sedimente geknüpft. Unter den Metallfunden fallen herausragende Objekte auf (vgl. u. a. Ulrich 2008; Dombrowsky im Druck a; s. u.). Die Fundstellen sind bislang in unterschiedlichem Maße erschlossen; damit ist die Aussagequalität der einzelnen Lokalitäten differenziert zu betrachten. Im Falle der Knochenreste sind zahlreiche absolute Datierungen erforderlich, um die Zuordnung zum

Abb. 3: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 20. Von R. Borgwardt entdeckte Holzkeulen (Foto: S. Suhr).

Die Arbeiten werden seit 2010 maßgeblich finanziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert (JA 1835/2-1/2, TE 259/8-1/2). Eine allgemeine Übersicht zu den beteiligten Disziplinen und Personen findet sich unter http://www.phil.unigreifswald.de/bereich2/histin/ls/ufg/projekte/tollensetal.html.

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Abb. 4: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 20. Von R. Borgwardt im Jahre 1996 entdeckter Oberarmknochen mit eingeschossener Flintpfeilspitze – Detail (Foto: S. Suhr).

bronzezeitlichen Geschehen abzusichern, denn im Tal ist auch mit Menschenresten älterer und jüngerer Perioden zu rechnen (vgl. Terberger/Heinemeier im Druck a). Eine wichtige Rolle für das Verständnis der Fundausdehnung im Tal spielen Begehungen mit Metalldetektoren in Bereichen mit Baggeraushub aus dem Fluss. Bestimmten hier bis 2010 vor allem größere Bronzeobjekte das Verteilungsbild, so hat sich durch systematische Begehungen und den Einsatz verbesserter Technik das Spektrum der Metallfunde deutlich verändert; inzwischen werden verstärkt Kleinfunde geborgen. Insbesondere zahlreiche bronzene Tüllenpfeilspitzen spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis der Hinterlassenschaften im Tollensetal.

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vorgelegt, der einen deutlichen Bezug zum bronzezeitlichen Metallhandwerk erkennen lässt (Schmidt 2013; Schmidt im Druck) (Abb. 6). Vereinzelt wurden hier Menschenreste als Streufunde entdeckt, für die ein AMS-Datum einen bronzezeitlichen Kontext nahelegt. Ferner fanden sich auch einzelne bronzene Tüllenpfeilspitzen, die Parallelen im Fundareal weiter südlich finden. Ein Zusammenhang mit Periode III wird durch typologische und weitere absolute Datierungen nahegelegt (Terberger/Heinemeier im Druck a). Eine nähere Bewertung dieses Bereiches steht noch aus. Weltzin 4 bis 31: Aus diesem ca. 1 km langen Fluss­ talabschnitt (Luftlinie) konnten aus dem Fluss und von den angrenzenden Baggergutflächen bislang nur Streufunde geborgen werden, darunter eine Lanzenspitze der Periode II–III (Wodarg 18)2. Zu

Die Fundstellen im Überblick Die Erkenntnisse zu den Fundlokalitäten sollen von Nord nach Süd (flussaufwärts) im Folgenden zusammenfassend vorgestellt werden. Die Fundplatzbezeichnungen basieren auf den vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege genutzten Gemarkungsnamen; kontinuierlicher Fundzuwachs seit den 1980er Jahren resultierte in einer größeren Zahl von Fundplatznummern (Abb. 1). Golchen 18 bis Weltzin 4: Aus diesem Abschnitt des Flusstales liegt eine größere Zahl von Bronzefunden vor, darunter bemerkenswerte Funde wie eine Gürteldose und eine große Spindlersfelder Fibel (Schoknecht 2005; Dombrowsky im Druck a). Kürzlich wurde auch ein besonderer Hortfund der Periode III mit Objekten wie Amboss und Tüllenhammer

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Abb. 5: Verteilung der Bronzefunde im Tollensetal (Karte und Grafik: A. Dombrowsky).

Im Herbst 2013 konnte in diesem Bereich ein Hortfund der Periode III geborgen werden, dessen Publikation sich in Vorbereitung befindet.

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Abb. 6: Tollensetal, Golchen 18. Hortfund der Periode III u. a. mit Amboss und Tüllenhammer (nach Schmidt im Druck; Foto: S. Suhr).

Abb. 7: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 20. Fundschicht mit Konzentration von menschlichen Skelettresten (Foto: G. Lidke).

den Streufunden gehört auch ein aus dem Fluss geborgener menschlicher Schädel, der eine Fortsetzung der weiter südlich auftretenden, an Menschenresten reichen Fundschicht flussabwärts möglich erscheinen lässt. Neue Entdeckungen im Übergangsbereich von Fundstelle Weltzin 31 zu Weltzin 20 stützen diese Vermutung.

Skelettreste lässt nur noch gelegentlich den ursprünglichen anatomischen Verband erkennen. Mitunter weisen parallel liegende, zu einem Individuum gehörende Knochen auf die Ablagerung von Extremitäten wie Ober- und Unterschenkeln oder Unterarmen hin. Die taphonomischen Analysen vermitteln den Eindruck, dass (Teil)Körper hier zerfallen und nach ihrer Desartikulation über begrenzte Distanz unter Wassereinfluss verlagert wurden (Brinker u. a. in diesem Band). Die bislang gewonnenen Datierungen stellen die Fundschicht überwiegend in das frühe 13. Jahrhundert v. Chr. Datierungen von Hölzern unterhalb der Fundschicht fallen etwas älter aus und bestätigen die intakte stratigraphische Abfolge. Eine kleine, etwas oberhalb der Menschenreste freigelegte Konzentration von Rinderknochen datiert hingegen etwas jünger; vermutlich handelt es sich um einen natürlich abgelagerten Kadaver. Auf und über der Fundschicht abgelagerte Hölzer aus der Eisenzeit weisen auf spätere Erosionsprozesse bis unmittelbar oberhalb der Fundschicht hin. Die Fundschicht blieb aber von diesen späteren Prozessen allem Anschein nach (weitgehend) unberührt (vgl. Brinker u. a. in diesem Band; Terberger/Heinemeier im Druck a). Der Sedimentcharakter spricht für die Ablagerung in einem Stillwasser- bzw. Uferbereich des Flusses, der wohl immer feucht gewesen ist und gelegentlich überflutet wurde. Die Überreste von allein an dieser Stelle inzwischen >70 Individuen liegen bis zu 6–7 m vom heutigen Flussufer entfernt (Abb. 8). Richtung Talrand schließt sich noch eine Zone an, in der vor allem Reste weniger Pferdeindividuen liegen.

Weltzin 31 (Westufer)/Weltzin 20-Nord: Nördlich der als Weltzin 20 bezeichneten Hauptfundstelle gelang 2013 im Flussbett die Lokalisierung einiger Menschenreste und weniger Pferdeknochen in situ. Im Umfeld dieser Stelle war schon früher in ausgebaggertem Flusssediment eine Bronzepfeilspitze entdeckt worden. Der bronzezeitliche Zusammenhang der Menschenreste und der Gewaltkontext der Fundschicht werden hier in besonders eindrucksvoller Weise durch einen Schädelrest mit eingeschossener Bronzetüllenpfeilspitze nachgewiesen. Die Datierung in die Zeit um 1300 v. Chr. wird durch AMS-Daten bestätigt. Weltzin 20 (Westufer): Die Hauptfundstelle steht seit den Entdeckungen im Jahre 1996 (s. o.) im Mittelpunkt des Interesses. Hier konnte die Fundschicht inzwischen auf einer Länge von mindestens 50 m und einer Fläche von >300 m2 entlang des Flussufers erfasst werden. Die Grabungen werden durch die relativ hohe stratigraphische Position der Fundschicht ca. 0,8 bis 1,1 m unter Geländeoberfläche erleichtert. Die Menschenreste liegen in z. T. sehr dichten Konzentrationen beieinander (Abb. 7), die durch nahezu fundfreie Zonen getrennt sind. Die Verteilung der

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Die Zahl der übrigen Funde ist, gemessen an der bislang gegrabenen Fläche von über 300 m2, überschaubar. Neben einem kleinen Bronzering und einer Knochennadel aus der Grabungsfläche ist ein Bronzearmring (Streufund aus dem Fluss vor der Uferkante) zu erwähnen. Die wichtigste Fundgruppe bilden allerdings Projektile: Sechs Feuersteinpfeilspitzen wurden bislang zwischen den Menschenresten entdeckt. 2012 konnten auch erstmals zwei bronzene Tüllenpfeilspitzen in der Fundschicht nachgewiesen werden, so dass an deren paralleler Verwendung nicht gezweifelt werden muss. Die Projektile liegen unmittelbar zwischen und neben den Knochen, und es ist möglich, dass sie mit bzw. in den Körpern steckend an die Fundstelle gelangten. Zusammen mit den beiden früher gefundenen Holzkeulen und sechs im Umfeld der Grabung im Baggergut aus dem Fluss entdeckten Bronzepfeilspitzen illustrieren diese Funde die Dominanz von Waffenfunden für Weltzin 20 immer deutlicher. Der Gewaltkontext wird auch durch eine wachsende Zahl identifizierter Verletzungen an den Skelettresten bestätigt (Brinker u. a. in diesem Band).

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Weltzin 20 bis Weltzin 12: In dem Areal zwischen der Hauptfundstelle und dem südlich anschließenden Flussmäander erlaubten frühere Sondierungen schon den Nachweis von vereinzelten Menschenknochen an der Basis der Torfschichten. Diese Beobachtung findet durch einen 2013 begonnenen, bislang 40 m in Richtung Süden führenden Schnitt inzwischen Bestätigung. Auch bei den Taucharbeiten konnten in den Profilkanten am Ufer wiederholt Menschenreste in dem an Weltzin 20 südlich anschließenden Flussabschnitt geborgen werden. Insgesamt zeichnet sich damit eine Fortsetzung der Fundschicht bei teils geringerer Dichte auf einer größeren Fläche ab. Weltzin 12 (Westufer): Dieser Bereich ist bislang nur durch zwei Sondierungen (einmal im Baggergut) und wiederholte Tauchprospektionen erschlossen. Die Funde liegen hier stratigraphisch tiefer in fluviatilen Sedimenten, was auf eine Ablagerung im bronzezeitlichen Fluss hindeutet. Zu den Funden gehören neben Menschenresten und einzelnen Pferderesten auch Bronzefunde, unter denen zwei Bronzetüllenpfeilspitzen hervorzuheben sind. Ferner konnte auch

Abb. 8: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 20. Verteilung von Skelettresten und Hölzern, Stand 2012 (Grafik: J. Dräger).

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Abb. 9: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 20. Menschliche Skelettreste in Fundschicht unter Wasser. Die muschelführenden Sedimente lassen hier wie an Fundplatz 32 auf eine Fundablagerung im bronzezeitlichen Fluss schließen (Foto: J. Krüger).

Abb. 10: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 32. Zwei Spiralringe aus Zinn und vier kleine Bronzespiralen wurden in der Fundschicht nahe eines menschlichen Femurs entdeckt (Foto: S. Suhr).

ein Knochenangelhaken geborgen werden, der wohl zu einer persönlichen Ausstattung gehörte. Damit ergibt sich, trotz bislang bescheidener Fundanzahl, ein ähnliches Fundspektrum wie in Weltzin 20, und es ist gut möglich, dass es sich um die unmittelbare Fortsetzung der Fundschicht von Weltzin 20 handelt.

Knochenanhänger und ein Goldspiralring bergen. Einige Meter weiter nördlich gelang dann noch die Entdeckung von zwei gewundenen Metallringen und vier Spiralröllchen (Abb. 10), die in unmittelbarer Nähe eines menschlichen Femurs lagen. Die Spiralröllchen ließen sich als Bronze bestimmen, während die Analyse der beiden anderen Ringe zu einem überraschenden Ergebnis führte: Erstmals konnte mit den beiden, je ca. 22 g schweren Spiralringen Zinn (mit geringem Bleianteil) für die Ältere Nordische Bronzezeit in dieser Form nachgewiesen werden (Krüger u. a. 2012). Durch eine benachbarte Sondierung gelang es 2012, die Fundschicht mit einigen Menschenknochen auch an Land weiter zu verfolgen; in dieser Tiefe unter Flussniveau war eine kontrollierte Grabung allerdings kaum noch zu realisieren.

Weltzin 32 (Westufer)/Wodarg 25 (Ostufer): An einer Flussbiegung ca. 200 m südlich von Weltzin 12 konnte bei Tauchprospektionen in den Jahren 2008/2009 am Ostufer der Tollense (Wodarg 25) eine größere Zahl von Menschenknochen unter der Wasserlinie aus Flusssedimenten aus dem Profil geborgen werden. In einer benachbart angelegten Sondierung am Ostufer in unmittelbarer Nähe zur Tollense ließ sich die Fundschicht mit einigen Menschenknochen und einer Flintpfeilspitze bis etwa 4 m vom Fluss entfernt an Land nachweisen. Nach wiederholter Kontrolle der umliegenden Uferprofile gelang es 2011, ca. 40 m nordwestlich im Flussverlauf in einer Tiefe von bis zu 2,5 m unter Geländeoberfläche die Fundschicht erneut zu lokalisieren (Weltzin 32): Sommerliches Hochwasser hatte das Profil auf einem etwa 40 m langen Abschnitt frisch erodiert. In diesem Bereich zeigten sich Menschenreste in bis dahin kaum gekannter Dichte. Auf ca. 15 m Profillänge konnten Schädelreste von über zwölf Individuen und umfangreiches postkraniales Skelettmaterial geborgen werden (Abb. 9). Die menschlichen Knochen waren hier ebenfalls im ehemaligen Flussbett abgelagert worden und wurden von weiteren Funden begleitet: Neben einer Flintpfeilspitze mit hölzernem Schaftrest ließen sich ein

Abb. 11: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 32. Verzierter Armring der Periode III aus dem Baggergut (Foto: S. Suhr).

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Aus dem Umfeld des unter Wasser dokumentierten Profils stammen weitere Streufunde, darunter eine Bronzesichel vom Flussgrund. Bei wiederholten Detektorbegehungen des bei Flussvertiefungen ausgebaggerten Sedimentes konnten elf Bronzetüllenpfeilspitzen auf beiden Uferseiten sowie auch größere Objekte wie ein verzierter Bronzearmring lokalisiert werden (Abb. 11). Das Fundspektrum zeigt mit der Vergesellschaftung von Menschenresten und Pfeilspitzen Parallelen zu den zuvor beschriebenen Fundlokalitäten; abweichend ist hier jedoch auch eine Reihe von wertvolleren Metallfunden überliefert. Wodarg 32 (Ostufer): Ca. 200 m östlich der zuvor beschriebenen größeren Fundstelle befindet sich ein bislang unzureichend erschlossenes Fundareal. Mit wiederholten Detektorbegehungen und Sondierungen im Baggeraushub konnte hier nach und nach eine Konzentration von elf Bronzepfeilspitzen

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nachgewiesen werden, die zusammen mit verlagerten Skelettresten aus dem Baggeraushub wahrscheinlich auf eine weitere Fundstelle im/am Fluss hinweist. In diesem Fall ist es allerdings bislang nicht in befriedigender Weise gelungen, diese auch in situ zu lokalisieren. Lediglich einzelne Menschenknochen konnten bislang aus nahegelegenen Uferprofilen geborgen werden. Zwei weitere, einige Meter stromaufwärts gefundene Bronzepfeilspitzen lassen auch hier eine Ausdehnung der Fundstreuung von über 40 m vermuten. Sowohl durch die Anzahl der Pfeilspitzen als auch durch ihre Fundausdehnung zeichnet sich so eine ähnliche Dimension wie für die zuvor beschriebenen Fundstellen ab. Flussabschnitt zwischen Wodarg 32 und Weltzin 13: Aus diesem ca. 650 m langen Flussabschnitt liegen einige Metallfunde wie Bronzenadeln, eine Sichel, eine Lanzenspitze und auch zwei Bronzepfeilspitzen

Abb. 12: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 13. Übersichtsplan mit Lage der Hölzer und Funde (Grafik: J. Dräger).

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Abb. 13: Tollensetal, Fundplatz Weltzin 13. Böhmisches Absatzbeil aus der Tollense (vgl. Abb. 12; Foto: J. Krüger).

vor, während Menschenknochen nur vereinzelt auftreten. Vor diesem Hintergrund kann dieser Bereich noch nicht näher qualifiziert werden. Weltzin 13 (Westufer)/Kessin 12 (Ostufer): Die Fundstelle Weltzin 13 rückte durch die Entdeckung eines bronzezeitlich datierten Eichenpfostens im Fluss schon vor Jahren in den Blickpunkt des Interesses. Eine systematische Untersuchung dieses Bereiches wurde erst ab 2011 möglich. Inzwischen kann der Charakter dieses Areals bereits besser gefasst werden. Der Mergeluntergrund steht hier im Fluss in geringer Tiefe an; damit bietet sich die Stelle (heute) als Furt an. Inzwischen konnten im Fluss eine Reihe weiterer Holzpfosten sowie auch massive Holzstrukturen mit Pfosten und aufliegenden Hölzern am Ostufer dokumentiert werden (Abb. 12), die nach Ausweis erster Dendrodaten in die Bronzezeit zwischen 1400 und 1200 v. Chr. gehören dürften und damit vermutlich auf eine Holzkonstruktion, Plattform oder Wegetrasse in dieser Zeit hinweisen. Begleitet werden diese Befunde von einzelnen Keramikgefäßen und verschiedenen Bronzefunden, unter denen v. a. Fragmente einer Sichel, eines Tüllenhammers, einer Fibel und von Armringen zu erwähnen sind, die vermutlich auf eine gestörte Deponierung mit Bezug zum Bronzehandwerk zurückgehen. Weiterhin ist als besonderer Fund aus dem Fluss ein böhmisches Absatzbeil zu erwähnen, das – ebenso wie eine einzelne

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Bronzepfeilspitze – wohl zu den Waffen gerechnet werden darf (Abb. 13). Insgesamt unterscheidet sich der Charakter der Fundstelle Weltzin 13 deutlich von den flussabwärts beschriebenen Fundlokalitäten. Diese Beobachtung wird inzwischen durch weitere Entdeckungen unterstrichen. Dank der Unterstützung von K. Rassmann und R. Scholz, beide Römisch-Germanische Kommission Frankfurt am Main, war es in den Jahren 2013 und 2014 möglich, größere Flächen der Talaue überwiegend auf dem anschließenden Ost­ ufer (Fundplatz Kessin 12) geomagnetisch zu untersuchen. Dabei zeigte sich eine lineare, auf den Fluss zulaufende Struktur. Eine erste Sondierung 2013 ergab eine mit zwei Steinreihen und dazwischen liegenden Hölzern befestigte Wegestruktur (Abb. 14), die nach den Ergebnissen erster Radiokarbondaten in die ältere Bronzezeit zwischen 1900 und 1700 v. Chr. datiert. Zusammen mit den im Fluss erzielten Ergebnissen zeichnet sich damit als Ausgangspunkt der Fundschicht mit den Menschenresten ein OstWest verlaufender befestigter Weg durch das Tal ab, zu dem möglicherweise auch eine Brücke über den Fluss gehörte3. Datierung der Fundschicht(en) Die verlässliche Datierung der Funde von den verschiedenen Lokalitäten stellt eine Herausforderung

Abb. 14: Tollensetal, Fundplatz Kessin 12. Überreste einer mit Steinen und Hölzern konstruierten Wegetrasse im Tal östlich der Fundstelle Weltzin 13 (Foto: G. Lidke).

Der heutige Fluss scheint hier allerdings nicht dem bronzezeitlichen Lauf zu folgen (freundliche mdl. Mitt. Dr. S. Lorenz, Geographisches Institut, Universität Greifswald); daher ist eine qualifizierte Aussage zu einer Flussquerung noch nicht möglich.

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Abb. 15: AMS-Daten der Pfeilschaftreste und der beiden Holzkeulen aus dem Tollensetal (Grafik: T. Terberger). Die Kalibration der Daten erfolgte mit dem Programm CalPal von B. Weniger, O. Jöris und U. Danzeglocke auf der Basis von Intcal 2009 (vgl. www.calpal.de).

dar. Die stratigraphische Position ist an verschiedenen Stellen ähnlich, aber eine nähere Datierung ist auf diesem Wege nicht möglich. Typologische Datierungen für verschiedene Objekte, v. a. Bronzefunde, erlauben eine Zuordnung zu Periode III bzw. II/III, aber eine genaue zeitliche Auflösung der Ereignisse kann so nicht erarbeitet werden. So bleiben nur absolute Datierungen, um zu einer näheren zeitlichen Einordnung zu gelangen. Inzwischen liegen vereinzelte Dendrodatierungen vor, die in Einklang mit der typologischen Datierung menschliche Aktivitäten im Tollensetal in der Zeit vom 14. bis zum späten 13. Jahrhundert v. Chr. anzeigen (Terberger/Heinemeier im Druck a). Die mittlerweile mehr als 50 AMS-Daten von 15 Lokalitäten im Tal gehen vor allem auf menschliche Knochen und wenige Pferdereste zurück. Proben

von Menschenresten sind als Material für AMSDaten in diesem Fall nur bedingt geeignet, da biochemische Faktoren bzw. die Ernährungsweise die Probenqualität beeinflusst haben können. So kann z. B. schon ein geringer Anteil von Süßwasserfisch in der Nahrung von ca. 10 % reichen, um einen Reservoireffekt von Jahrzehnten zu verursachen, was bei der hier angestrebten Auflösung zur Ereignisrekonstruktion zu Problemen führen würde. Vor diesem Hintergrund kommt den AMS-Daten größere Bedeutung zu, die an den beiden Holzkeulen und an Pfeilschaftresten ermittelt wurden (Terberger/Heinemeier im Druck a) (Abb. 15). Die überwiegend aus kurzlebigem Holz gefertigten Schaftreste datieren in der Mehrzahl in das frühe 13. Jahrhundert v. Chr., wobei der nördlichste und südlichste Pfeilspitzenfund nahezu übereinstimmende

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Abb. 16: Zeitliche Verteilung und Kategorisierung der Bronzefunde aus dem Tollensetal (Grafik: A. Dombrowsky).

AMS-Daten geliefert haben. Die gute Übereinstimmung dieser Daten würde sich mit einem großen Ereignis in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts v. Chr. in Einklang bringen lassen. Allerdings gibt es auch einzelne ältere sowie jüngere Daten von Schaftresten, und auch die Daten der Menschenreste könnten auf verschiedene Ereignisse hinweisen. Eine abschließende Bewertung ist noch nicht möglich, die Autoren favorisieren aufgrund des sehr ähnlichen Erscheinungsbildes der verschiedenen Fundstellen die Zugehörigkeit der ganz überwiegenden Zahl der Funde zu einem kurzen Ereignishorizont. Fund- und Waffenspektrum Neben den zahlreichen Menschenknochen und einigen Pferderesten wird das Fundmaterial im Tollensetal durch eine beachtliche Zahl von Metallfunden bestimmt. Die Mehrzahl der Bronzefunde kann typologisch in die Periode III oder – weniger präzise – in Periode II/III und Periode III/IV eingeordnet werden (Abb. 16). Ein zweites Fundmaximum ergibt sich für die jüngere Bronzezeit (Periode V) (Dombrowsky im Druck a). Hinsichtlich der Zusammensetzung dominieren jeweils Schmuckfunde, wobei für die Zeit um Periode III ein beachtlicher Waffen- und Geräteanteil zu beobachten

ist. Hier spiegeln sich die zuvor erwähnten zahlreichen bronzenen Tüllenpfeilspitzen wider, die erst innerhalb der letzten sechs Jahre entdeckt wurden und das Fundspektrum deutlich verändert haben. Während die bronzenen Tüllenpfeilspitzen auch direkt aus der Fundschicht mit den Menschenresten nachgewiesen sind, kann ein Zusammenhang der Schmuck- und Gerätefunde mit der Fundschicht bislang nur vermutet werden. Allerdings konnten an der Fundstelle Weltzin 32 selbst wertvolle Objekte neben Menschenknochen geborgen werden und so erscheint es plausibel, zumindest einen größeren Teil der Metallfunde mit den Skelettresten unmittelbar in Zusammenhang zu bringen. Objekte wie Bronzearmringe oder -nadeln können ebenso wie Goldspiralringe und Anhänger aus organischem Material auf (teils männliche) Trachtbestandteile zurückgehen, während die Zinnringe, eine Bronzesichel (beide Weltzin 32), ein Knochenangelhaken und kleinere Bronzebruchfragmente (beide Weltzin 12) zum persönlichen Besitz gehört haben dürften. Es fällt auf, dass wertvollere Bronzeobjekte vor allem dort auftreten, wo die Fundschicht tief im Flussbett erhalten ist und die Toten einem späteren Zugriff weitgehend entzogen waren. Demgegenüber finden sich an der stratigraphisch höher gelegenen Fundstelle Weltzin 20 nur wenige, v. a. kleine Metallfunde; ein möglicher Hinweis auf eine spätere Plünderung.

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was der geringen Repräsentanz dieses Waffentyps im direkten Fundareal entspricht. Diskussion

Abb. 17: Tollensetal, verschiedene Fundstellen. Auswahl bronzener Tüllenpfeilspitzen (Foto: S. Suhr).

Davon abzusetzen sind ehemalige Hortfunde, die – offensichtlich bei Baggerarbeiten gestört – u. a. am südlichsten Fundplatz (Weltzin 13/Kessin 12) und am ca. 6 km stromabwärts gelegenen Fundplatz Golchen 18 entdeckt wurden. Ihr Zusammenhang mit den weit verstreuten Menschenresten ist noch unklar. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen die Funde einen Bezug zum Bronzehandwerk erkennen lassen, der durch die Zinnringe vom Fundplatz Weltzin 32 als Manifestation des begehrten Rohstoffs noch unterstrichen wird. Eine vergleichbare Konzentration von Funden mit Bezug zum Metallhandwerk ist aus Mecklenburg-Vorpommern sonst nicht bekannt. Sie unterstreichen den außergewöhnlichen Charakter der Tollensetal-Fundschicht(en) auch in dieser Hinsicht (Schmidt 2013; Schmidt im Druck). Die Zusammensetzung des Waffenspektrums aus dem Tollensetal nimmt inzwischen Kontur an: Es dominieren Tüllenpfeilspitzen aus Bronze (Abb. 17), die von einer Reihe von Feuersteinprojektilen begleitet werden (Dombrowsky im Druck b; Terberger im Druck). Hinzu treten einzelne Lanzenspitzen, die beiden Holzkeulen (Abb. 3), ein Beil (Abb. 13) und potentielle Waffen wie Messer. Die Feuersteinpfeilspitzen sind gegenüber den Projektilen aus Bronze sicher unterrepräsentiert, da sie nur bei Grabungen in der Fundschicht und Sondierungen im Baggeraushub entdeckt werden können. Das Waffenspektrum korrespondiert inzwischen gut mit den an den Menschenresten identifizierten Verletzungen: Scharfe, v. a. wohl durch Pfeilspitzen verursachte Gewalt tritt in wachsender Zahl auf. Einzelne schwere Schädeltraumata dürften auf stumpfe Gewalt zurückgehen und können vielleicht auf die im Tal entdeckten Holzkeulen zurückgeführt werden. Eindeutige Schwertverletzungen lassen sich im Skelettmaterial bislang nicht feststellen,

Die interdisziplinären Forschungen zum Tollensetal wurden mit der Arbeitshypothese begonnen, dass es sich bei den Funden um die Überreste eines bronzezeitlichen Gewaltkonfliktes des 13. Jahrhunderts v. Chr. handelt. Inzwischen sehen wir für diese Hypothese eine wachsende Zahl von Argumenten: Die Übersicht über die Fundstellen dürfte deutlich gemacht haben, dass über eine Länge des Flusslaufes von mindestens 2,5 km an verschiedenen Stellen Menschenreste mit Waffen- bzw. Projektilfunden und gelegentlichen Pferderesten unmittelbar vergesellschaftet auftreten. Die systematischen Pros­ pektionen der letzten Jahre haben dabei zu einer Ausdehnung und Verdichtung der jeweiligen Fundnachweise geführt; aktuelle Tauchsurveys bestätigen diesen Trend. Die Menschenreste finden sich zum einen in oberflächennahen ehemaligen Flachwasserbereichen (Weltzin 20) und zum anderen in den im Flussbett abgelagerten Sedimenten (Weltzin 32/ Wodarg 25), wo sie häufiger von Funden begleitet werden, die als persönliche Ausstattung der Toten interpretiert werden. Die Entstehung der Fundschicht ist komplex und die desartikulierten Skelette wurden offensichtlich durch Wasseraktivität überwiegend kleinräumig verlagert; auch anthropogene Einflüsse sind nicht auszuschließen. Der bronzezeitliche Fluss bewegte sich in einem dem heutigen Lauf ähnlichen Korridor, wobei er flacher war, stärker mäandrierte und mit geringer Fließgeschwindigkeit das feucht-sumpfige Tal durchströmte (Lorenz u. a. im Druck). Die anthropologischen/osteoarchäologischen Untersuchungen zeigen hinsichtlich Alter und Geschlecht ein markantes und ungewöhnliches Profil: Es handelt sich bei den Toten aus dem Tal fast ausschließlich um männliche Individuen. Einzelne Schädel weisen auf mögliche weibliche Individuen hin; unter den Beckenfunden lassen sich allerdings bislang keine eindeutig weiblichen Individuen nachweisen (Brinker u. a. in diesem Band). Die Altersverteilung weist auf eine Dominanz junger bzw. erwachsener Männer. Nur wenige jugendliche Individuen und Kinder lassen sich identifizieren, deren bronzezeitliche Datierung im Einzelfall noch der Überprüfung bedarf.

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Terberger u. a., Professionelle Krieger in der Bronzezeit vor 3300 Jahren?

Neben einer größeren Anzahl perimortaler Verletzungen wurden auch Läsionen mit eindeutigen Heilungsspuren beobachtet, die auf wiederholte Gewalterfahrungen im Leben einzelner Individuen hinweisen. Das Auftreten von Pferden steht mit der Hypothese einer kriegerischen Auseinandersetzung im Einklang. Sie könnten als Zug- und/oder Reittiere gedeutet werden, wobei an dem bisher geborgenen Knochenmaterial keine entsprechenden degenerativen Veränderungen nachgewiesen werden konnten. Ihre geringe Zahl – bis 2012 lassen sich maximal fünf Individuen nachweisen – kann dahingehend gewertet werden, dass nur ein kleiner Teil der beteiligten Individuen über Pferde verfügte bzw. nur eine geringe Zahl von Pferden im Tal zu Tode kam. Ein erodiertes Gräberfeld oder eine besondere Bestattungsform ist nach Ansicht der Autoren als Erklärung für die Fundsituation auszuschließen. Rituelle Handlungen wie etwa Hinrichtungen, Deponierungen von Objekten/Waffen oder Handlungen mit menschlichen Skelettresten können für die Entstehung der Situation eine Rolle gespielt haben. Sie wären vor und/oder nach Gewalthandlungen durchaus zu erwarten, lassen sich aber bislang nicht konkret nachweisen (vgl. u. a. Vandkilde 2011). Folgt man der Hypothese eines Gewaltkonfliktes, so stellt sich die Frage nach dem Ausmaß der Auseinandersetzung. Aus dem Tal lassen sich inzwischen über 120 Individuen nachweisen. Die höchste Funddichte zeigt der Fundplatz Weltzin 20 mit ca. einem Individuum auf 4 m2 (Mindestindividuenzahl 77). Eine wohl ähnlich hohe Funddichte zeigte auch Fundstelle Weltzin 32, aber vermutlich beschränkt sich dieser fundintensive Teil auf eine kleinere Fläche. Mit weiteren Schnitten und Sondierungen soll die Funddichte im Tal weiter qualifiziert werden. Versucht man auf der Basis der vorliegenden Daten eine Abschätzung der ursprünglich im Tal vorhandenen Toten vorzunehmen, so erscheint es – angesichts der weitläufigen Ausdehnung der Fundschicht und der bislang begrenzten Grabungsflächen – als Arbeitshypothese plausibel, von einer bisherigen Auffindungsrate von 10 % bis 30 % der gesamten Individuen auszugehen. Dies würde zu einer Gesamtzahl von ca. 400 bis 1200 im Tal verstorbenen Individuen führen. Nach ethnographischen Quellen kann für eine traditionelle Kampfesweise mit Pfeil und Bogen eine Todesrate von ca. 20 % kalkuliert werden (Keeley 1996, 64

Fig. 4.1; Petrasch 1999), was im Falle des favorisierten singulären Ereignisses auf eine Gesamtzahl von etwa 2000 bis 6000 an den Kämpfen beteilig­ ten Individuen schließen lassen würde. Im Einzelfall kann die Todesrate jedoch auch höher liegen, was die Anzahl der zu kalkulierenden Teilnehmer entsprechend verringern würde. Das mit einer solchen Zahl beteiligter Kämpfer sich abzeichnende Ausmaß weist über den Überfall regional rivalisierender Gruppen deutlich hinaus und lässt eher an eine Auseinandersetzung im Rahmen überregionaler soziopolitischer Veränderungen denken. Dabei liegt es nahe, einen Zusammenhang mit dem Übergang zur Urnenfelderkultur in Mitteleuropa herzustellen und die Frage nach der Herkunft der beteiligten Kämpfer zu stellen. Als Argumente für eine südliche Herkunft betei­ ligter Kämpfer sind Bronzefunde mit einer südlichen Provenienz anzusehen. Neben dem böhmischen Absatzbeil und Nadeltypen ähnlicher Herkunft sind vor allem die mittlerweile 49 bronzenen Tüllenpfeilspitzen anzuführen. Sie finden u. a. Parallelen an der tschechischen Fundstelle Velim (Hrala 2000; Harding u. a. 2007), an der befestigten Siedlung Rachelburg bei Flintsbach am Inn, Lkr. Rosenheim (Möslein/Winghart 2001; Möslein 2001; für den Hinweis danken wir S. Winghart, Hannover) oder im Fundmaterial der Befestigung auf dem Reisberg bei Burgellern/Scheßlitz, Lkr. Bamberg (Abels/Haberstroh 2001/2002, 18; 88 Abb. 13,3–38; für den Hinweis danken wir N. Graf, Nürnberg). Zugleich treten solche Pfeilspitzen in Mecklenburg-Vorpommern sonst nur mit insgesamt 28 Exemplaren auf. Sie sind in Schleswig-Holstein höchst selten (Dombrowsky im Druck b), und aus Südskandinavien sind den Verfassern bislang keine bronzenen Tüllenpfeilspitzen bekannt geworden. Demgegenüber dürften die Feuersteinpfeilspitzen aus dem Tollensetal aus regionaler Fertigung stammen (Terberger im Druck). Die zuvor erwähnten Hinweise auf Bronzehandwerk (Krüger u. a. 2012; Schmidt im Druck) werfen die Frage auf, ob im Tal und dessen Umfeld mit Bronzeherstellung zu rechnen ist. Auch wenn das Zinn in seiner Provenienz bislang nicht bestimmt werden kann, so ist eine Herkunft aus südlicher (Erzgebirge?) oder westlicher Lagerstätte (Cornwall) anzunehmen. Für eine fremde Herkunft mindes­ tens eines Teils der Toten sprechen auch die SrIsotopenwerte. Auch wenn eine konkrete Verortung bestimmter Sr-Werte (bislang) nicht gelungen ist, so

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Abb. 18: Stabile Isotopenwerte menschlicher Individuen aus dem Tollensetal (nach Terberger/Heinemeier im Druck b; Grafik: T. Terberger).

spricht die Variabilität der Daten für eine heterogene Herkunft der Individuen (Price im Druck). In diesem Zusammenhang sind auch Analysen stabiler Isotopen von Interesse. Erhöhte bis sehr hohe 13C-Werte weisen nach Einschätzung von J. Heinemeier (Aarhus) zusammen mit eher niedrigen 15 N-Werten von unter 12 ‰ auf einen regelhaften bis ausgeprägten Konsum der C4-Pflanze Hirse hin (Terberger/Heinemeier im Druck b) (Abb. 18). Der Hirsekonsum wurde als weiteres Argument für eine Herkunft (eines Teils) der Kämpfer aus dem Süden gewertet (Jantzen u. a. 2011). Für die Ältere Nordische Bronzezeit lässt sich nach neueren Forschungen Hirse vereinzelt direkt durch Makroreste (z. B. in Bruszczewo: Kroll 2010) oder indirekt durch hohe 13C-Werte bei gleichzeitig niedrigen 15 N-Werten an weiteren Individuen anderer Fundplätze aus Mecklenburg-Vorpommern nachweisen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Herkunft der Hirsekonsumenten aus dem Süden möglich, aber nicht zwingend (Terberger/Heinemeier im Druck b). Der Hirsekonsum ist auch unter einem anderen Aspekt interessant: Hirse reift in vergleichsweise

kurzer Zeit und erreicht dabei eine beachtliche Produktivität. Insofern ist sie für eine effektive Ernährung gut geeignet, in römischer Zeit gehörte sie zum Nahrungsrepertoire des Militärs (Junkelmann 1997). Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage, ob es sich bei den Getöteten um Soldaten im Sinne einer schon weitgehend professionellen Armee oder um Bauern und Handwerker, die nur vorübergehend die Rolle als Krieger angenommen hatten, handelt. Neben dem Ausmaß des Konfliktes, der standardisierten Bewaffnung mit bronzenen Pfeilspitzen und der angenommenen Verwendung von Reitpferden sprechen auch die Dominanz junger Männer und die Vorbelastung der Individuen durch eine größere Zahl verheilter Verletzungen aus unserer Sicht für eine Beteiligung von trainierten Kriegern. Wenn diese Überlegung zutrifft und sich die Argumente für eine Herkunft (eines Teils) der Waffenträger aus dem Süden weiter untermauern lassen, dann erlauben die Überreste aus dem Tollensetal tatsächlich, erstmals in Mitteleuropa organisierte Kriegshandlungen mit überregionalen Auswirkungen um 1300 v. Chr. konkret zu fassen.

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Thomas Terberger Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege Scharnhorststraße 1, 30175 Hannover [email protected]

Anne Dombrowsky Jana Dräger Gundula Lidke Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald, Ur- und Frühgeschichte, Hans-Fallada-Straße 1, 17487 Greifswald [email protected] [email protected] [email protected]

Detlef Jantzen Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Landesarchäologie Domhof 4/5, 19055 Schwerin [email protected] Joachim Krüger Landesverband für Unterwasserarchäologie Mecklenburg-Vorpommern Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloss Gottorf Schlossinsel 1, 24837 Schleswig [email protected]

T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 111–120.

Getötet am Fluss. Die bronzezeitlichen Menschenreste aus dem Tollensetal, Mecklenburg-Vorpommern Ute Brinker, Stefan Flohr, Jürgen Piek, Annemarie Schramm und Jörg Orschiedt

Zusammenfassung Die an unterschiedlichen Lokalitäten im Tollensetal geborgenen Menschenreste stammen von mehr als 100 – überwiegend männlichen – Individuen zwischen 20 und 40 Jahren. Während perimortale Verletzungen auf einen gewaltsamen Konflikt im Tollensetal hindeuten, der schließlich zur Ausbildung des Fundhorizontes führte, deuten länger verheilte Traumata auf eine Vorbelastung der Individuen durch Gewalt, Konflikte und Unfälle hin. Die Datierungsergebnisse, der archäologische Kontext und die taphonomischen Analysen lassen vermuten, dass die verschieden Fundstellen als Gesamtfundstelle betrachtet werden müssen und eine fluviale Verlagerung der Skelettreste anzunehmen ist. Abstract: Killed at the River. Bronze Age Human Remains from the Tollense Valley, Mecklenburg-Western Pomerania The human remains which have been recovered in different areas of the Tollense Valley belong to more than 100 – predominantly masculine – individuals, aged between 20 and 40 years. While perimortal injuries indicate that violent conflicts in the Tollense Valley caused the formation of the find complex, healed injuries are indicative of previous trauma caused by violence, conflicts or accidents. The results of dating, the archaeological context and the taphonomic analysis suggest that the different findspots have to be regarded as a single find complex, fluvial displacement probably being responsible for the distribution of the skeletal remains.

Material und Methoden Bislang wurden an 14 Fundstellen entlang des Tollense­ tals (Abb. 1) insgesamt etwa 2900 Menschen- und fast 900 Tierknochen gefunden. Die zumeist desartikuliert und als Einzelknochen geborgenen Skelettreste stammen überwiegend von den Ausgrabungen der Fundstelle Weltzin 20, die bisher auch am intensivsten untersucht wurde. Die Knochen aus dem Bereich der anderen Fundstellen wurden mehrheitlich bei Tauchuntersuchungen im Flussbett entdeckt. Die Skelettelemente wurden zunächst quantitativ erfasst und anatomisch bestimmt. Weiterhin wurden an aussagefähigen Elementen (v. a. Schädel und Becken) das Sterbealter und das Geschlecht geschätzt, metrische Daten sowie traumatologische und andere pathologische Veränderungen am Knochen erfasst. In Einzelfällen wurden zusätzlich radiologische und/

oder histologische Untersuchungen durchgeführt, um auffällige Befunde differential­diagnostisch bewerten zu können. Die Untersuchungen hierzu sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Des Weiteren wurden die verstreuten Skelettelemente – soweit möglich – auf Zusammengehörigkeit zu einzelnen Individuen überprüft und die Verteilung der Elemente entlang der Fund­stellen analysiert. Außerdem wurden taphonomisch bedingte Zustände wie der Erhaltungszustand und postmortale Veränderungen am Knochen erfasst und bewertet, insbesondere um mögliche Hinweise auf die Verschleppung der Skelettelemente, etwa durch Aasfresser oder durch Transport im Fließ­gewässer, zu erhalten. Schätzung des Sterbealters und Geschlechtsbestimmung Das Vorliegen überwiegend isolierter Skelett­ elemente, d. h. das Fehlen größerer anatomischer

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Brinker u. a., Getötet am Fluss

Abb. 1: Fundstellen mit bronzezeitlichen Menschenknochen im Tollensetal. Noch undatiert sind die Fundplätze Weltzin 10, 31, 34 und Kessin 11 (Karte: D. Schäffler, unter Verwendung von Daten des LAiV M-V, © GeoBasis-DE/M-V).

Zusammenhänge, erschwerte zwangsläufig die Alters- und Geschlechtsbestimmung, sodass Abstriche in der Bestimmungssicherheit hingenommen werden müssen. Die Geschlechtsbestimmung erfolgte anhand der üblichen morphologischen Methoden (Sjøvold 1988; Acsádi/Nemeskéri 1970; Ferembach u. a. 1979; Phenice 1969; Herrmann u. a. 1990). Die Schätzung des Sterbealters erfolgte ebenfalls anhand der üblichen morphologischen Merkmale. Wenn möglich, wurde eine Klassifizierung in die Altersklassen Neonatus (0–1 Jahre), Infans I (1–6

Jahre), Infans II (6–14 Jahre), Juvenis (14–20 Jahre), Adultus (20–40 Jahre), Maturus (40–60 Jahre), Senilis (>60 Jahre) vorgenommen (Martin/Saller 1957; Ferembach u. a. 1979; Szilvássy 1988). Individuen, die keiner bestimmten Altersklasse zugeordnet werden konnten, wurden in größere Altersbereiche wie z. B. Adultus/Maturus eingestuft. Fundplatzanalyse Eines der primären Ziele der noch ­andauernden Untersuchungen ist die Frage nach dem Zustande­

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

kommen der ungewöhnlichen Fundsituation. Mit der Untersuchung der menschlichen Überreste werden derzeit drei zentrale Fragestellungen verfolgt. Zum einen gilt es zu klären, wie sich die demographische Verteilung der repräsentierten Individuen darstellt. Weiterhin ist von zentraler Bedeutung, ob und welche Hinweise auf Gewalteinwirkung vorliegen, und wie diese sich am Skelett verteilen. Schließlich ist die Frage zu stellen, in welchem Zustand die Körper in den Fluss gelangt sind. Hierbei steht die Frage nach den Desartikulationsprozessen und möglichen erhaltenen anatomischen Verbindungen bzw. der Rekonstruktion von Zusammenhängen im Vordergrund. Vorläufige Ergebnisse Die Fundstelle Weltzin 20 ist bisher am umfassendsten untersucht. Die folgenden Ergebnisse beziehen sich daher primär auf diese Fundstelle. Von der Fundstelle Weltzin 20 liegen bislang 2642 Menschenknochen vor. Das Inventar setzt sich aus 25 Schädeln, 28 Unterkiefern, 36 Schädel­ fragmenten, 74 isolierten Zähnen, 397 Langknochen und 2082 weiteren postkranialen Skelettresten

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zusammen (Abb. 2). Der qualitative Erhaltungszustand der ausgegrabenen Skelettreste ist zumeist sehr gut. Die Knochen weisen überwiegend eine dunkelbraune Farbe auf, besitzen eine harte und glatte Außenfläche und sind an ihrer Oberfläche kaum verwittert. Mit Ausnahme der Schädel, deren quantitativer Erhaltungszustand von vollständig bis sehr fragmentarisch reicht, ist der Anteil an Knochen in vollständiger Erhaltung bemerkenswert hoch. Die Tauchfunde zeigen in der Regel deutlich stärkere Verwitterungsspuren sowie häufig auch postmortale Beschädigungen. Kalkulation der Mindestindividuenzahl (MNI) Eine Abschätzung der MNI erfolgte anhand des im Inventar am häufigsten vorkommenden Skelett­ elementes. Dieses ist an der Fundstelle Weltzin 20 zum derzeitigen Stand der Oberschenkelknochen, von dem 40 linke und 37 rechte vorliegen. Aufgrund der metrischen Daten und des morphologischen Vergleichs konnten unter diesen 77 Oberschenkel­ knochen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit 21 Paare identifiziert werden. Bei den verbleibenden 19 linken und 16 rechten Oberschenkelknochen kann anderer­ seits mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass keine weiteren Elementpaare

Abb. 2: Übersicht über die geborgenen und identifizierten Skelettelemente der Fundstelle Weltzin 20. Stand März 2011.

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Brinker u. a., Getötet am Fluss

vorliegen. Somit kann an der Fundstelle Weltzin 20 derzeit von einer MNI von 56 ausgegangen werden. Repräsentanz der Skelettreste Bezogen auf die rekonstruierte MNI von 56 liegen an der Fundstelle Weltzin 20 nur etwa 25 % der zu erwartenden Skelettelemente vor. Dabei sind die Oberschenkelknochen mit etwa 69 % und die übrigen Lang- sowie Beckenknochen mit 54–62 % am häufigsten repräsentiert. Oberschädel, Unterkiefer, Teile des Schultergürtels sowie Rippen und Lendenwirbel liegen in Häufigkeiten zwischen 45–50 % vor. Vom übrigen Postkranium sind insbesondere die kleineren Skelettelemente deutlich unterrepräsentiert. Nur jeweils etwa 30 % der Hals- und Brustwirbel sowie Mittelhand- und Mittelfußknochen sind vorhanden. Handwurzel- und Fußwurzelknochen sind lediglich mit 5 % bzw. 14 %, Zehen- und Fingerknochen mit 4 % bzw. 10 % vertreten. Die an der Fundstelle Weltzin 20 ermittelte Repräsentativität unterscheidet sich damit deutlich von der, wie sie in Gräberfeldern dokumentiert ist (z. B. Mays 2007). Der Erhaltungszustand der Knochen aus dem Tollensetal ist so gut, dass Verwitterung wohl nicht als Hauptursache für das Fehlen so vieler Elemente angenommen werden kann. Eine plausible Erklärung für das (untypische) Fehlen einiger Skelettelemente wäre, dass die Körper bereits unvollständig an der heutigen Fundstelle Weltzin 20 abgelagert wurden. Alters- und Geschlechtsverteilung Nur an wenigen Skelettelementen sind Merkmale vorhanden, die bei isoliertem Vorliegen eine hinreichend zuverlässige Sterbealtersschätzung und Geschlechtsdiagnose erlauben. Somit wurden bisher bei nur 37 Individuen der Fundstelle Weltzin 20

belastbare Aussagen getroffen. Davon sind 24 Individuen anhand von Beckenknochen als männlich und eines als vermutlich männlich klassifiziert worden. Sechs Individuen wurden anhand von Schädeln als weiblich und vermutlich weiblich bestimmt. Bei sechs weiteren Individuen sind zwar einige bestimmungs­ relevante Merkmale vorhanden, eine Bestimmung des Geschlechts war jedoch nicht möglich (Abb. 3). Alle anderen Individuen sind durch Skelettelemente repräsentiert, die zum derzeitigen Stand der Untersuchung keine diagnostisch relevanten Merkmale aufweisen. Bei „normalen“ demographischen Verhältnissen wäre mit einem relativ ausgeglichenen Geschlechter­ verhältnis zu rechnen (Beinhauer 1997, 22). Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt in Weltzin 20 jedoch 22:4, was einem Maskulinitätsindex von 5500 entspricht. Zwar haben Untersuchungen einiger früh- bzw. mittelbronzezeitlicher Gräberfelder einen gewissen Männerüberschuss ergeben, der Maskulinitätsindex lag aber im Durchschnitt bei lediglich 1350 (Berner 1997, 39 Tab. 1). Die Skelettreste von Kindern und Jugendlichen sind in Weltzin 20 im Vergleich zu denen von Erwachsenen mit 24 % deutlich unterrepräsentiert. In einer „normalen“ demographischen Verteilung ist ein Anteil subadulter Individuen von etwa 45–60 % zu erwarten (Beinhauer 1997; Berner 1997, 41 Tab. 3–4). In Franzhausen I, einem früh- und mittel­bronzezeitlichen Gräberfeld Mitteleuropas, liegt der Anteil subadulter Individuen beispielsweise bei etwa 42 % (Berner 1997, 35). Neueste Datierungen von Kinderknochen aus dem Tollensetal deuten darauf hin, dass einige dieser ohnehin unterrepräsentierten Knochen nicht in die Bronzezeit datieren, sondern deutlich jünger sind, sodass der Anteil subadulter Individuen an der Fundstelle

Abb. 3: Ergebnisse der Alters- und Geschlechtsbestimmung. Durch das überwiegend isolierte Vorliegen der Skelettreste konnten bisher nur an wenigen Knochen makroskopisch belastbare Bestimmungen vorgenommen werden. Als „indifferent“ wurden Fälle bewertet, bei denen zwar diagnostisch relevante Merkmale vorhanden waren, die aber indifferent ausgebildet waren. Individuen, die keiner einzelnen Altersklasse zugewiesen werden konnten, wurden zu gleichen Teilen auf die in Frage kommenden Klassen verteilt. N=37. Stand März 2011.

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Abb. 4: Weltzin 20, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. ALM 1996/855, 8. Verletzung durch stumpfe Gewalt. Lochbruch im Stirnbein (Foto: H. Lübke, © LAKD M-V).

Abb. 5: Weltzin 20, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. ALM 1996/855, 281. Verletzung durch stumpfe Gewalt. Impressionsfraktur im Stirnbein. Außenansicht des Defekts (Foto: I. Przemuß, © LAKD M-V).

Weltzin 20 wohl noch weiter nach unten korrigiert werden muss. Auch wenn bislang nur ein Ausschnitt aus der gesamten Fundstelle untersucht werden konnte, liegt nach den bisherigen Befunden eine Alters- und Geschlechtsverteilung vor, die deutlich von demographischen Mustern abweicht, wie sie in einer „normalen“ Bevölkerungsgruppe (z. B. Dorfgemeinschaft) zu erwarten wäre. Diese abweichende demographische Zusammensetzung ist im Wesentlichen auch an den anderen Fundstellen entlang des Tollensetals zu erkennen.

auf (Abb. 5). Bei der Verletzung handelt es sich um eine Impressionsfraktur mit Kontinuitätstrennung der Lamina externa und interna. Auch in diesem Fall sind keine Heilungsspuren feststellbar. Als Ursache ist ebenfalls eine stumpfe Gewalteinwirkung bei etwa gleicher Schlagrichtung wie zuvor beschrieben anzunehmen. Die Lokalisation der Läsion relativ weit oben am Stirnbein könnte auf eine erhöhte Position des Angreifers gegenüber dem Opfer hindeuten (Orschiedt 1999, 140). Am Schädel eines frühadulten Mannes (ALM 1996/855, 266) befindet sich im hinten-unteren Bereich des rechten Scheitelbeins knapp vor der Lambda­naht ein im Querschnitt annähernd drei­ eckiger Defekt, der sich pyramidenförmig nach innen verjüngt (Abb. 6). Die Lamina interna weist an dieser Stelle feine Fissuren auf. Als Ursache der Verletzung kann das spitzwinklige Eindringen einer kleinen Bronzepfeilspitze angenommen werden. Der rechte Oberarmknochen eines erwachsenen Individuums (ALM 1996/277, 1) zeigt eine eingeschossene Flintpfeilspitze. Sie steckt zwischen Caput und Tuberculum majus noch fest im Knochen (Abb. 7). Die Eindringtiefe beträgt 22 mm, die Gesamtlänge des Projektils 36 mm. Defekt und Geschossdurchmesser sind in etwa gleich groß. Es kann daher von einer hohen Auftreffgeschwindigkeit ausgegangen werden; vermutlich also von einem Schuss aus geringer Entfernung (Cooper 2008, 114). Eine so genannte pertrochantäre Fraktur zeigt ein rechter Oberschenkelknochen eines adulten Individuums (ALM 1996/277, 2 und ALM 1996/855,

Traumata Neben einer Reihe verheilter Frakturen sind an fünf der bisher untersuchten Menschenknochen von Weltzin 20 perimortale Verletzungen nachweisbar. So weist zum Beispiel der Schädel eines frühadulten Mannes (ALM 1996/855, 8) etwa in der Mitte des Stirnbeins einen schrägovalen Lochdefekt auf. Spuren einer Wundheilung sind nicht erkennbar (Abb. 4). Form und Gestalt der Läsion deuten aus der Posi­ tion des Opfers auf eine breitflächige Krafteinwirkung von oben links bzw. vorn links durch einen stumpfen Gegenstand hin. Einfache Holzkeulen, die in dieser Art als Waffe für die vorliegende Verletzung in Frage kommen, sind aus den bronzezeitlichen Horizonten bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Verletzung unmittelbar zum Tode führte. Auch der Schädel eines ca. 12–18-jährigen vermutlich weiblichen Individuums (ALM 1996/855, 281) weist einen schrägovalen Defekt im Stirnbeinbereich

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Abb. 6: Weltzin 20, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. ALM 1996/855, 266. Verletzung durch scharfe Gewalt. Pfeilschussverletzung im Scheitelbein (Foto: H. Lübke, © LAKD M-V).

239). Der Bruch weist eine längsverlaufende Form sowie scharfkantige und glatte Bruchflächen auf, was auf ein perimortales Frakturgeschehen hinweist (Abb. 8). Zudem ist im Bereich des Frakturspaltes eine kleine Trümmerzone am proximalen Diaphysenschaft vorhanden. Regenerationszeichen sind nicht vorhanden. Als Ursache kommt ein Sturz aus einer größeren Höhe und mit großer Geschwindigkeit auf den Trochanter major in Frage (Hochrasanztrauma). Die Trümmerzone könnte durch den Aufschlag auf z. B. einen Stein entstanden sein. Vergleichbare Frakturen entstehen heute bei Motorrad- oder Skiunfällen. In prähistorischer Zeit könnte z. B. ein Reitunfall zu einer derartigen Verletzung geführt haben. Unter der Annahme eines intravitalen Geschehens lassen fehlende Spuren von Heilungsprozessen sowie die Schwere der Verletzung vermuten, dass das Trauma innerhalb kurzer Zeit zum Tod führte (mündl. Mitt. T. Mittlmeier, Rostock). Werden nur die unverheilten sowie die höchstens wenige Wochen verheilten Verletzungen berücksichtigt, liegt der Anteil verletzter Individuen an der Fundstelle Weltzin 20 bei 5–7 % (bezogen auf die Mindestindividuenzahl von 56). Dieser Anteil liegt deutlich über den Werten, die auf anderen bronzezeitlichen Gräberfeldern berechnet wurden und mit 0,5 % (bezogen auf alle untersuchten Individuen eines Gräberfeldes), bzw. mit 1,2 % (bezogen ausschließlich auf die Männer eines Gräberfeldes) angegeben werden (Peter-Röcher 2007, 161). Dieser in der Bronzezeit relativ niedrige Anteil von Personen mit Verletzungsspuren steigt ab der Latènezeit bis zum Mittelalter/zur Neuzeit deutlich an, so dass

durchschnittlich für urgeschichtliche Perioden die Anteile aller verletzten Individuen mit 1–3 % und die der verletzten männlichen Individuen mit 1–7 % angeführt werden (Peter-Röcher 2007, 161–163). Allerdings schließen diese Werte sowohl verheilte als auch perimortale Verletzungen ein und resultieren aus der Untersuchung wesentlich vollständigerer Skelette als im Fall von Weltzin 20, wo überwiegend isolierte Knochen vorgefunden wurden. Möglicherweise liegt also der tatsächliche Anteil an Verletzungen an den Individuen von Weltzin 20 noch deutlich höher, da der Anteil repräsentierter Skelettelemente pro Individuum in Weltzin 20 deutlich niedriger ist als bei Individuen, die von regulären Gräberfeldern stammen. Der hohe Anteil an unverheilten bzw. nur wenige Wochen überlebten Verletzungen in Weltzin 20 kann ebenso wie die ungewöhnliche demographische Zusammensetzung über einen länger andauernden gewaltsamen Konflikt bzw. durch kurzzeitig aufeinander­folgende Ereignisse erklärt werden. Zudem deuten länger verheilte Traumata auf eine Vorbelastung der Individuen durch Gewalt, Konflikte und Unfälle hin. Während unverheilte Schädelverletzungen auf einen Nahkampf und die Verwendung von Holzkeulen hinweisen, belegen Pfeilschussverletzungen die Verwendung von Distanzwaffen wie Pfeil und Bogen. Taphonomische Überlegungen zur Fundstelle Weltzin 20 Die geringe Repräsentanz verschiedener Skelett­ elemente (Oberschädel, Unterkiefer, Hand- und Fußknochen), die dominierende Präsenz der großen Langknochen, ebenso wie das überwiegende Fehlen anatomischer Verbände deuten auf das Vorliegen wassertransportierter Elemente im Befund von Weltzin 20 hin. Als leicht transportierbar gelten vor

Abb. 7: Weltzin 20, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. ALM 1996/277,1. Verletzung durch scharfe Gewalt. Oberarmknochen mit eingeschossener Pfeilspitze (Foto: H. Lübke, © LAKD M-V).

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allem kleine und leichte Knochen, wie Finger- und Zehenknochen, sowie Knochen mit einem hohen Spongiosaanteil, wie Kniescheiben und Wirbel. Knochen, die normalerweise in Fließgewässern nicht oder nur schwer transportierbar sind (Voorhies 1969; Boaz/Behrensmeyer 1976, Tab. 1–2), können in artikulierter Form aber besser transportiert werden als im isolierten Zustand (Coard/ Dennell 1995). Da in Weltzin 20 in hoher Anzahl Skelettelemente gefunden wurden, die im anatomischen Verband leichter, im isolierten Zustand weniger leicht transportierbar sind, kann vermutet werden, dass zumindest ein Teil der menschlichen Überreste zum Zeitpunkt der fluviatilen Verlagerung noch artikuliert war. Das deutet darauf hin, dass vollständige Körper in die Tollense gelangt sein dürften, die dann allmählich desartikulierten und je nach Transport­eigenschaft der Verbände an unterschiedlichen Stellen abgelagert wurden. Die Auflösung des anatomischen Verbandes einer Wasserleiche erfolgt typischerweise in einer bestimmten Sequenz (Haglund/Sorg 2002). Dadurch entstehen zunächst noch zusammenhängende Verbände von Skelettelementen, die in unterschiedlicher Weise fluviatil verlagert werden können. Die Ablagerung erfolgte vermutlich vorzugsweise in Flussschleifen, Stillwasserzonen, auf Sandbänken oder an Hindernissen wie Treibholz oder Baumstämmen. Fehlende Spuren von Tierfraß sowie die zumeist ausgesprochen gute Knochenerhaltung deuten auf eine schnelle Einsedimentation hin. Im weiteren Verlauf der Zersetzung des Weichgewebes wurden dann einzelne Skelettelemente weiter verlagert, wobei mit unterschiedlichen Ablagerungsbedingungen entlang des Tollensetals zu rechnen ist. Entsprechende Schleifspuren sind an einer Vielzahl an Knochen vorhanden. Für die Fundstelle Weltzin 20 ist eine Ablagerung im Uferbereich oder auf einer Sandbank anzunehmen. Vermutlich lag die Fundstelle am Rand des Tals und wurde gerade noch bei Wasserhochständen erreicht. Da das Flussbett damals viel abwechslungsreicher, flacher und gewundener als heute war, kamen Sandbänke, sumpfig-moorige und schnell überströmte Bereiche dicht nebeneinander vor (Lampe u.  a. 2009). Bereits abgelagerte Teilskelette und einzelne Knochen konnten somit nach der vollständigen Skelettierung leicht wieder weiterverlagert werden, bevor sie abschließend an anderer Stelle einsedimentierten. Durch die Ausbaggerungen zur Vertiefung der Tollense in den 1970er und 1980er Jahren wurden die alten

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Abb. 8: Weltzin 20, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. ALM 1996/277, 2 und ALM 1996/855, 239. Perimortale Oberschenkelfraktur (Foto: H. Lübke, © LAKD M-V).

Fundschichten angeschnitten, Menschenknochen ausgebaggert bzw. freigespült und im Flussbett weiter verlagert. Heutzutage führt die starke Strömung der Tollense dazu, dass weiterhin beständig Skelettreste ausgewaschen werden. Somit überlagern sich in diesem Fall mehrere taphonomische Prozesse, die in der Summe zu einem komplexen Gesamtbild führen. Aus diesen Gründen ist eine Individuenrekonstruktion nur an einzelnen hierfür geeigneten paarigen Skelettelementen und nicht für gesamte Skelett­individuen möglich. Bisweilen können auch angrenzende Elemente, z. B. verschiedene Knochen der Extremitäten oder des Rumpfskeletts zusammengesetzt werden. In der Grabungsfläche wurden solche zusammengehörenden Skelettelemente überwiegend in einer Entfernung von bis zu 2 m – maximal bis zu 3 m – aufgefunden. Nur selten befanden sich einzelne Skelettreste im anatomischen Verband. In einem Fall stellen verschiedene knöcherne Elemente (Schulterblätter, Wirbel, Rippen, Beckenreste, ein Schädel sowie Armknochen) offenbar die zerstreuten Überreste eines männlichen Individuums dar, dessen Leiche sich möglicherweise zwischen mehreren Hölzern verfangen und dort zersetzt hatte (Brinker 2009). Diskussion Der derzeitige Kenntnisstand lässt vermuten, dass die bislang bekannten Fundstellen mit Menschenresten entlang des Tollensetals offenbar als Gesamtfundstelle

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betrachtet werden müssen. Wesentliche Argumente dafür sind die vergleichbaren Fundsituationen im Flussbett bzw. im Uferbereich der Tollense sowie die übereinstimmenden 14C-Daten, aus denen hervorgeht, dass die einzelnen Fundstellen einem Zeithorizont angehören und wahrscheinlich durch ein gemeinsames Ereignis in der Bronzezeit zustande gekommen sind. Dennoch ist vor allem bei den Tauchfunden eine kritische Überprüfung der Zeitstellung durch weitere Datierungen notwendig, da hier auch schon Skelettelemente aus deutlich jüngeren Kontexten gefunden wurden. Bislang konnte noch nicht geklärt werden, wo und wie die Körper in den Fluss gelangt sind. Aufgrund der flussaufwärts festgestellten Funddichte muss sich dieser Ort oberhalb von Weltzin 20 – vermutlich im Bereich der Fundstellen Weltzin 13 und Kessin 11 – befinden. Allerdings ist auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Körper an mehreren Stellen in den Fluss gelangten. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand kann ausgeschlossen werden, dass die Menschenfunde aus einem Gräberfeld stammen, das z. B. in Folge eines Hochwasserereignisses ausgeschwemmt wurde. Gegen ein solches Szenario spricht vor allem die für ein Gräberfeld untypische demographische Verteilung der repräsentierten Individuen. Hinweise auf gewaltsame Konflikte in der Bronze­ zeit sind dagegen vorhanden, und es ist in einem gewissen Umfang sowohl mit Massakern an Kleingruppen, gewaltsamer Tötung einzelner Individuen als auch kriegerischen Ereignissen zwischen größeren Gruppen in diesem Zeitraum zu rechnen (Louwe Kooijmans 1993; Osgood 1998; Osgood u. a. 2000; Fyllingen 2003; Fyllingen 2006; Hårde 2005; Jockenhövel 2006; Peter-Röcher 2006; Peter-Röcher 2007; Falkenstein 2006/07; Harding 2007; Harding u. a. 2007; Gomolakova 2009; Mödlinger 2011). Eine Interpretation der Fundsituation im Tollensetal im Sinne eines Massakers erscheint weniger plausibel, da in diesem Fall mit einer noch wesentlich höheren Frequenz an Verletzungsspuren durch Nahkampfwaffen, insbesondere auch an multiplen Schädeltraumata gerechnet werden müsste (PeterRöcher 2007, 174). Wie bei der Fundstelle aus der älteren römischen Kaiserzeit von Vædebro, Jütland (Ilkjær/Lønstrup 1983; Ilkjær 1996; Ilkjær 2000; Ilkjær 2003), nachgewiesen, wäre auch eine Interpretation der Menschenreste aus dem Tollensetal im Sinne

geschlagener und geopferter Gegner denkbar. Jedoch fehlen hierfür entsprechende Manipulationsspuren; auch eine „standardisierte“ Behandlung der Weltziner Individuen ist nicht erkennbar (Harding u. a. 2007; Orschiedt/Haidle 2009). Plausibler erscheint im Fall Tollensetal die Hypothese, dass es sich hier um die Spuren einer kriegerischen Auseinandersetzung handelt. Darauf deutet vor allem die für bronzezeitliche Verhältnisse ungewöhnlich hohe Individuenzahl hin. Hierfür spricht weiterhin der hohe Männeranteil, insbesondere der Anteil junger Männer, welcher sich plausibel im Zusammenhang mit einem Kampfgeschehen erklären lässt. Die Anwesenheit einzelner Frauen und älterer Kinder spricht nicht gegen ein solches Szenario, da deren Beteiligung in geringer Anzahl am Kampf­ geschehen nicht auszuschließen, im Grunde sogar zu erwarten ist (Flohr u. a. 2014). Für ein Kampfgeschehen sprechen zudem die Analyse der Verletzungen und die daraus abgeleiteten Aussagen hinsichtlich des Überlebenszeitraums, der Kampf­weise und der verwendeten Waffen. Offenbar spielten in dieser Zeit nicht nur Pfeil und Bogen, sondern auch eine Reihe anderer Waffen wie Keulen, Knüppel und Schleudern eine Rolle bei kriegerischen Auseinandersetzungen (Schmidt 2004, 60; Mödlinger 2011, 56 f.). Insbesondere Fernwaffen, aber auch einige Nahkampfwaffen können leicht zu tödlichen Verletzungen führen, die am Skelett nicht nachweisbar sind (Verletzungen großer Blutgefäße oder innerer Organe). Versuche haben gezeigt, dass besonders Pfeilschüsse nicht zwangsläufig zu Spuren am Skelett führen (Sudhues 2004, 89–90). Deshalb ist im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung mit solchen Waffen gegenüber einer „Normalbevölkerung“ zwar mit einer Häufung von entsprechenden Spuren am Skelett zu rechnen, jedoch nicht mit einer solchen massiven Häufung, wie sie z. B. bei Massakern zu erwarten wäre. Derzeit scheint also eine Interpretation der Befunde aus dem Tollensetal als Spuren einer kriegerischen Auseinandersetzung am wahrscheinlichsten. Grundsätzlich zeichnet sich in Nord- und Mittel­ europa in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. aufgrund des Wandels in der Bewaffnung, den sozialen Schichtungen, des Auftretens von befestigten Siedlungen etc. ein erhöhtes Konfliktpotential ab (Schmidt 2004; Kuhlmann/Segschneider 2004; Jockenhövel 2006; Falkenstein 2006/07). Dies hat möglicherweise auch im Tollensetal eine nicht

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unwesentliche Rolle bei der Entstehung der heute vorzufindenden Befundsituation gespielt. Wer die Menschen waren, deren Skelettreste an dieser Fundstelle gefunden wurden, wie viele Gruppen möglicherweise repräsentiert sind und woher sie kamen, ist noch nicht bekannt. Verschiedene Untersuchungen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe finden hierzu derzeit statt. Ebenso sind weitere Grabungen geplant, um ein besseres Bild zur Vollständigkeit der Fundstelle und der Anzahl der verstorbenen Personen zu gewinnen.

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Danksagung Die Autoren möchten für die freundliche Zusammenarbeit und Unterstützung Dr. Detlef Jantzen, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Prof. Dr. med. Karlheinz Hauenstein, Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Universitätsmedizin Rostock, Prof. Dr. med. Thomas Mittlmeier, Abteilung Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsmedizin Rostock herzlich danken. Der Deutschen Forschungsgemeinschaft sei für die finanzielle Unterstützung der Forschungen gedankt. Eine weitgehend identische Version des vorliegenden Textes wurde mittlerweile in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 143, 2013 veröffentlicht.

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Ute Brinker Annemarie Schramm Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Landesarchäologie Domhof 4/5, 19055 Schwerin [email protected] [email protected]

Jürgen Piek Abteilung für Neurochirurgie, Universitätsmedizin Rostock Schillingallee 35, 18055 Rostock [email protected]

Stefan Flohr Universität Hildesheim, Institut für Biologie und Chemie Marienburger Platz 22, 31141 Hildesheim [email protected]

Jörg Orschiedt Freie Universität Berlin, Institut für Prähistorische Archäologie Altensteinstr. 15, 14195 Berlin [email protected]

T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 121–132.

Gedenke deines Feindes! Zur sozialgeschichtlichen Aussagekraft spätbronzezeitlicher Waffendeponierungen Großbritanniens Tobias Mörtz

Zusammenfassung Ausgehend von den umfangreichen Waffendeponierungen der späten Bronzezeit Großbritanniens diskutiert der vorliegende Beitrag die kultische und soziale Einbettung kriegerischer Handlungen in nicht-staatlichen Gesellschaften. Entsprechende Funde sind als Opfer vom Gegner erbeuteter und mutwillig zerstörter Ausrüstungen zu verstehen, wie man sie auch aus den griechischen Heiligtümern der Antike oder den Mooren Nordeuropas während der römischen Kaiserzeit kennt. Ihre Niederlegung beendete eine Phase intensiver gewalttätiger Auseinandersetzungen. Diese Ereignisse waren als Übergangsrituale konzipiert und dienten durch die explizite Sanktionierung des Tötens anderer Menschen der Einführung in den Status eines Kriegers. Entsprechende Befugnisse mussten jedoch durch Kulthandlungen weltanschaulich begründet sowie auf einen klar definierten Zeitraum und bestimmte Bedingungen eingegrenzt werden. Die Deponierung der gegnerischen Waffen markierte den Moment der Wiederangliederung der Kämpfer, die im Ritual aus subjektiver Perspektive einzelne Aspekte der zurückliegenden Geschehnisse reinszenierten, was zu entsprechenden Beschädigungen der Gegenstände führte. Das Opfer war somit Teil der Strukturierung und Kontrolle von Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen. Diese Konflikte waren nur auf Grundlage der sozialen Konstruktion der Figur des Feindes möglich. Durch die strikte Abgrenzung nach außen wurde ein Prozess der Vergesellschaftung nach innen befördert, welcher essentielle Bedeutung für den Zusammenhalt und damit den Fortbestand der Gruppe in Zeiten existentieller Bedrohung hatte. Im Rahmen der einleitenden und abschließenden Rituale bildete sich eine Kultgemeinschaft, die als Bezugspunkt kollektiver Identitätsstiftung diente. In diesem Sinne fällt dem Konflikt und der damit verbundenen Gewalt eine hohe sozialisierende Bedeutung zu. Abstract: Commemorate your Enemy! On the Socio-historical Significance of Late Bronze Age Weapon Depositions in Britain Starting with a consideration of the extensive Late Bronze Age weapon hoards in Britain this paper discusses the ritually and socially embedded nature of warlike activities in non-state societies. The hoards are interpreted as offerings of captured and wantonly destroyed enemy equipment, like those known from several ancient Greek sanctuaries and Roman Iron Age levels in northern European bogs. Their concealment signified the closing of a phase of intensive inter-group violence. These warlike events were conceived of as rites of passage, introducing men into the status of warriors via the explicitly sanctioned killing of other humans. The application of brutal force had to be justified through cultic acts which restricted such behaviour to specific times and particular circumstances. The ritual deposition of the booty denoted the moment of social reintegration of the warriors. The fighters ritually re-enacted aspects of the past events from a subjective perspective and thereby damaged the immolated artefacts. The weapon offering was thus part of societal structuring of and control over violence between different groups. The construction of a concept of the enemy was crucial for such conflicts. The strict demarcation of the other constituted a process of collectivisation, which had essential significance for the cohesion, and

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Mörtz, Gedenke deines Feindes!

therefore continued survival, of the group in times of existential threat. Within such ritual framing a cultic community was formed to serve as a point of reference for the establishment of a collective identity. In this vein, conflict and attendant violence are of prime importance for socialisation.

Einleitung Spätestens mit der Studie „War Before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage“ (Keeley 1996) ist die Frage vorgeschichtlicher Gewalt mit aller Macht auf die Agenda der Altertumswissenschaften zurückgekehrt. L. H. Keeley griff mit seinem Werk einen zum damaligen Zeitpunkt in der Kulturanthropologie kontrovers geführten Diskurs über die Aggression bzw. Friedfertigkeit des Menschen auf und projizierte das Problem in die Vergangenheit. Die Folgen sind an einer wachsenden Zahl mit diesem Thema befasster archäologischer Publikationen abzulesen (z. B. Otto u. a. 2006; Peter-Röcher 2007; Harding 2007). Dem analogischen Argumentationsprinzip Keeleys folgend, zeichnen sich die meisten dieser Beiträge durch eine Berücksichtigung ethnographischer Beobachtungen aus. Dass ein solches Vorgehen neben zahlreichen interessanten Thesen aufgrund einer selektiven Auswahl der herangezogenen Vergleiche sowie der Momenthaftigkeit vieler historischer Berichte, die dem prozessualen Charakter archäologischer Quellen eher entgegenstehen, aber auch Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand. Dennoch stellt eine Rückkehr zu rein pazifistischen Vergangenheitsentwürfen aus guten Gründen keine realistische Option mehr dar. Mit der Wiederentdeckung des Krieges geht eine spürbare Tendenz einher, an den Funden und Befunden ablesbare, langfristige, vor allem aber scheinbar plötzliche Veränderungen mit gewalttätigen Konflikten zu assoziieren, deren Nachweis in vielen Fällen jedoch zweifelhaft ist. Der vorliegende Beitrag hat demgegenüber zum Ziel, nicht allein die dissoziierenden Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen, sondern primär assoziierende Effekte auf die Identitätsbildung der beteiligten Gruppen zu erörtern, welche sich wiederum in den dinglichen Hinterlassenschaften manifestieren können. Ein archäologisch gut nachweisbares, in verschiedenen Regionen und Zeiten wiederkehrendes Phänomen sind Opferungen erbeuteter Militaria. Zu diesen Funden zählen auch einige außergewöhnlich umfangreiche Waffendeponierungen der späten

Bronzezeit Großbritanniens, welche an dieser Stelle exemplarisch auf ihre sozialgeschichtliche Aussagekraft befragt werden sollen. Spätbronzezeitliche Waffendeponierungen Großbritanniens Kaum eine andere Region Europas ist derart reich an Funden spätbronzezeitlicher Schwerter und Lanzenspitzen wie Großbritannien (Harding 2006, 507–510). Trotzdem lässt sich die Bedeutung von Kriegern und Kriegswesen während dieser Epoche (ca. 1200 bis 800 v. Chr.) mit archäologischen Mitteln nur sehr indirekt erschließen. So gibt es keine mit Waffen ausgestatteten Gräber, sondern im Gegenteil ist ganz allgemein bislang unklar, was mit den Toten geschah (Burgess 1976; Brück 1995). Menschliche Überreste kennt man in größerer Zahl lediglich aus Flüssen, vor allem der Themse. Die Deutung dieser Entdeckungen ist allerdings immer noch umstritten (Schulting/Bradley 2013). Auch weil ein Großteil der Funde nicht aufbewahrt wurde, kann sich eine Analyse traumatologischer Befunde nur auf einen relativ kleinen Datensatz stützen. Ebenfalls aus der Themse wurden wiederum bereits im 19. Jahrhundert große Mengen an Schwertern geborgen (Thomas 1999; York 2002). Es ist nicht sicher, ob ein unmittelbarer Zusammenhang zu den mitunter in den gleichen Bereichen ausgebaggerten Schädeln besteht. Von dieser Frage abgesehen sind die Waffen in einem guten Zustand, was sie von gleichartigen Exemplaren aus anderen Deponierungen, auf denen der Fokus des vorliegenden Beitrages liegen soll, unterscheidet. Insbesondere im Süden Großbritanniens häufen sich absichtlich in Feuchtgebieten niedergelegte, umfangreiche, teils aus mehreren hundert Fragmenten bestehende Kollektionen von auf unterschiedliche Weise zerstörten Lanzenspitzen, Schwertern und damit zusammenhängendem Zubehör (Mörtz 2010). Zurückgehend auf die paradigmatische Klassifikation der bronzezeitlichen Metalldeponierungen durch Sir John Evans (1881, 456–459) werden die Funde mit zerbrochenen Artefakten von der englischen Forschung traditionell als

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Abb. 1: Griffpartie eines Schwertes aus dem Fund von Duddingston Loch mit Verformungen durch Hitzeeinwirkung (© National Museum of Scotland Edinburgh, Inv.-Nr. DQ 2; Foto T. Mörtz).

„founder’s hoards“ bezeichnet und die regelhaft auftretenden Zerkleinerungen mit einer Vorbereitung auf das erneute Einschmelzen erklärt. Gegen diese Annahme sprechen zunächst die für eine problemlose Bergung ungünstigen Entdeckungsumstände in feuchtem Boden. Reste von Siedlungen oder gar Werkstätten konnten im unmittelbaren Umfeld bislang nicht festgestellt werden, wenngleich zu betonen ist, dass es an professionellen Ausgrabungen an den betroffenen Orten mangelt. Die Zerstörungen folgen weiterhin keinem festen Muster, welches beispielsweise eine aus handwerklicher Sicht sinnvolle, einheitliche Länge der Fragmente zum Ziel gehabt hätte. Im Gegenteil blieben stets einige Artefakte verschont, während andere einer besonders intensiven, destruktiven Behandlung ausgesetzt waren. Dazu gehörten vereinzelt auch Feuereinwirkungen mit entsprechenden Hitzedeformationen (Abb. 1). Doch nicht alle an den Bronzen feststellbaren Beschädigungen gehen auf mutwillige Zerstörungen

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zurück, sondern einige sind Folgen des funktionalen Gebrauchs als Waffen. So lassen sich dank experimenteller Versuche mit Repliken relativ flache Kerben entlang der Klingenränder, die aus einem kraftvollen Aufschlag mit einem anderen, scharfkantigen Gegenstand resultieren, als Kampfspuren identifizieren (Molloy 2011; Anderson 2011). Davon zu trennen sind hingegen sehr tiefe und regelmäßige Scharten, welche offenbar absichtsvoll im Zuge einer rituellen Zerstörung herbeigeführt wurden. Die während kriegerischer Auseinandersetzungen entstandenen Schäden waren nicht ausgebessert worden, was ohne allzu großen Aufwand möglich und für eine erneute Verwendung nötig gewesen wäre. Die ausgebliebene Instandsetzung bezeugt, dass ein gewalttätiges Ereignis den Gebrauch der Waffen beendete. Im Anschluss daran hatte man die Artefakte einer destruktiven, kultischen Behandlung unterzogen und letztlich in feuchtem Boden deponiert. In kleineren, aus maximal zehn Waffen bestehenden Funden lassen sich sowohl die funktionalen Beschädigungen als auch die mutwilligen Zerstörungen deutlich seltener feststellen. Schwerter und Lanzenspitzen treten darüber hinaus, meist allerdings nur in geringer Zahl und/oder als einzelne Fragmente, in sehr komplex zusammengestellten Horten auf, die überwiegend aus trockenem Boden stammen. Demgegenüber sind die Exemplare, welche den allein oder nahezu ausschließlich aus Waffen bestehenden, umfangreichen Funden entstammen, in der Regel vollständig rekonstruierbar. Kleinere Partien fehlen mitunter, können allerdings auch bei der meist unsachgemäßen Bergung übersehen worden sein. Außer ihrer strengen Selektion und der Bindung an ein feuchtes Milieu ist diesen Deponierungen also ebenso ein spezifischer Umgang mit den niedergelegten Dingen gemein, der sich sowohl von den überwiegend unbeschädigten, aus Flüssen geborgenen als auch von den stark zerkleinerten und unvollständigen Waffen aus den komplexen Horten abgrenzt. Es ist hier nicht der Ort, alle Deponierungen mit entsprechenden Charakteristika im Detail zu diskutieren. Ein Beispiel soll genügen. Bereits im Jahre 1778 wurden bei der Gewinnung von Mergel zahlreiche spätbronzezeitliche Waffen aus dem Duddingston Loch bei Edinburgh geborgen (Wilson 1851, 225–228; Anderson 1878/79, 329 f.; Callander 1921/22, 360–364; Coles 1959/60, 117; Colquhoun/Burgess 1988, 52, Nr. 234; Maraszek 2006, 379 f., SCO/LO9). Es handelt sich um ein pleistozänes Gewässer direkt am Fuße des Arthur’s

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Mörtz, Gedenke deines Feindes!

Abb. 2: Blick auf das Duddingston Loch bei Edinburgh vom Arthur’s Seat (Foto T. Mörtz).

Seat, den Überresten eines ehemaligen Vulkans (Abb. 2). Den ältesten Fundnachrichten zufolge waren die zum Teil miteinander verschmolzenen Artefakte in einem Block mit einem ledernen Beutel aus dem See geholt worden, als man ungewöhnlich tief in die Bodensedimente vordrang (Wilson 1851, 226). Angesichts der typo-chronologischen Geschlossenheit der noch erhaltenen Gegenstände, ihrer gleichartigen Behandlung und der deutlichen Deformationen durch Feuerwirkungen (Abb. 1) ist diese Aussage glaubwürdig. Es darf also davon ausgegangen werden, dass die Artefakte während einer Aktion versenkt wurden und damit einen Hort im klassischen Sinne bilden (Geisslinger 1984, 320). Der Fund aus dem Duddingston Loch ist die am frühesten überlieferte, spätbronzezeitliche Waffendeponierung Großbritanniens. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu weiteren Entdeckungen, deren vollständige Bergung in den meisten Fällen ebenfalls zweifelhaft ist. Darüber hinaus wurden die Gegenstände häufig auf verschiedene Sammlungen aufgeteilt und nicht wenige gelten daher als verschollen. Dieses Schicksal ereilte auch

einige Artefakte aus dem Duddingston Loch. Während die besser erhaltenen Stücke im Besitz des Unternehmers Alexander Dick verblieben und weitere an König George III. sowie den berühmten Schriftsteller Sir Walter Scott gegeben wurden, bildete der Rest die erste Schenkung an das Museum der Society of Antiquaries of Scotland, aus welchem das heutige Nationalmuseum in Edinburgh hervorging. Während die letztgenannten bis heute aufbewahrt wurden, ist der Verbleib der übrigen Artefakte weitgehend unbekannt. Im Jahre 1935 gelang es dem Nationalmuseum immerhin ein verbogenes, aber vollständiges Schwert, zwei weitere Klingenfragmente (Abb. 3) sowie eine Lanzenspitze aus der ehemaligen Sammlung Scotts anzukaufen. Weitere Waffen, deren Zugehörigkeit zum Fund von 1778 unklar bleibt, kennt man lediglich durch antiquarische Abbildungen (Cowie/O’Connor 2007, 318–321). Die vier Artefakte aus der Sammlung Scott weisen als einzige noch ihre originäre Fundpatina auf. Untersuchungen zur Identifikation von funktionalen Gebrauchsspuren sind aus diesem Grund nur in einem eingeschränkten Maße möglich. Einige

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Kerben entlang der Klingenränder von Schwertern könnten von einem Kampfeinsatz zeugen, andere zeigen eine sehr gleichförmige Verteilung, was eher für eine rituelle Verschartung spricht. Die übrigen, gezielt vorgenommenen Zerstörungsakte, darunter vor allem die Zerteilungen, Verbiegungen und Feuer­ deformationen, können hingegen zweifelsfrei identifiziert werden. Ob die leider verschollenen menschlichen Knochen und Schädel, welche ebenfalls im Bereich der Waffenfunde geborgen wurden (Wilson 1851, 227; Burgess 1976, 92, Nr. 43; Brück 1995, 276), tatsächlich zu der bronzezeitlichen Deponierung gehören oder einem anderen Ereignis bzw. gar einer anderen Epoche zuzuweisen sind, lässt sich nicht mehr klären. Vergleichbare Sammlungen kriegerischer Ausrüstungen kennt man sowohl aus den antiken Heiligtümern der Griechen (Pritchett 1979, 277–295; Jackson 1991; Baitinger 2011) und den latènezeitlichen Kultstätten der Kelten (Müller 1990, 76–110; Arcelin/Brunaux 2003; Steuer 2006, 28–33), als auch den Mooren Nordeuropas, wo während der römischen Kaiser- und Völkerwanderungszeit mitunter mehrere tausend Gegenstände versenkt wurden (Ilkjær 2003; Steuer 2006, 33– 41; Blankenfeldt/Rau 2009). Diese Entdeckungen sind durch systematische Ausgrabungen mittlerweile gut bekannt und stehen in einem erkennbar rituellen Kontext, was schriftliche Berichte antiker Autoren bestätigen. Die Bezeichnung als „Kriegsbeuteopfer“ ist daher allgemein gebräuchlich. Die Fundplätze der spätbronzezeitlichen Waffenhorte sind demgegenüber schlecht erforscht. Der in gleicher Weise kultische Charakter lässt sich allerdings nicht allein an einer übereinstimmenden Auswahl der deponierten Gegenstände, sondern ebenso an deren Zustand ablesen. Denn die Lanzenspitzen,

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Schwerter und übrigen Militaria aus allen genannten Befundgruppen weisen neben Kampfspuren in differierender Intensität mutwillige Beschädigungen auf, die man ihnen im Zuge der rituellen Entäußerung beigebracht hatte (Gebühr 1980; Brunaux/Rapin 1988, 164–166; Müller 1990, 86–92; Gundelwein 1994; Bemmann/Bemmann 1998, 312–317; Biborski/Ilkjær 2006, 346 f.; Baitinger 2011, 142–144; Frielinghaus 2011, 185–205). Diese Kongruenzen bedingen eine gleichartige Form der systematischen Analyse und berechtigen im Ergebnis zu einer analogen Interpretation (Mörtz 2010). Damit schloss ein kriegerischer Einsatz die praktische Verwendung der Artefakte ab und begründete eine weitere, nämlich rituelle Behandlung. Die von B. Gladigow (1984, 37–39) benannten, ein Opfer im archäologischen Kontext kennzeichnenden Merkmale der Zerstörung und Deponierung sind beide nachvollziehbar, was eine entsprechende Klassifikation erlaubt. Waffenopfer und Krieg Krieg und Religion haben mehr gemein als ihre jeweils umstrittene Begriffsbestimmung, die ohne die Selbstaussagen der Akteure bzw. aktiv und passiv Betroffenen auf allgemeiner Ebene kaum möglich scheint (Zinser 1997, 149–169; Peter-Röcher 2007, 14– 26). In der Geschichte der Menschheit kommen beide nicht ohne einander aus (Krech 2002; Hauschildt 2006). Als „kriegerisch“ möchte ich nachfolgend im Sinne einer Minimaldefinition all jene Konflikte zwischen mindestens zwei verschiedenen Gruppen begreifen, in deren Verlauf koordinierte, kollektive, tödliche Gewalt angewendet wird (Mead 1971, 235). Aktionen einzelner, autark entscheidender Individuen und Auseinandersetzungen innerhalb einer sich als

Abb. 3: Mutwillig verbogenes Fragment einer Schwertklinge aus dem Fund von Duddingston Loch (© National Museum of Scotland Edinburgh, Inv.-Nr. DQ 305; Foto T. Mörtz).

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Mörtz, Gedenke deines Feindes!

solcher wahrnehmenden Gemeinschaft seien von der Untersuchung ausgeklammert. Gewalt ist ein kultursubjektives Phänomen. Was als solche aufgefasst und sanktioniert wird, kann zwischen verschiedenen Gruppen erheblich variieren. Anhand materieller Überreste bleibt allein eine etische Perspektive, aus welcher die im Falle der spätbronzezeitlichen Deponierungen feststellbaren Gebrauchsspuren von einem Einsatz der Waffen und einer entsprechenden Gegenwehr künden. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es im Zuge dieser Vorfälle zur Verletzung der physischen Unversehrtheit einer unbekannt hohen Zahl an Personen kam. Damit sind die Auseinandersetzungen, welche den Opferungen vorausgingen, als kriegerisch zu klassifizieren. Die beteiligten Parteien können anhand typologischer Kriterien kaum näher benannt werden. Dass es sich sehr wahrscheinlich um zwei verschiedene Gruppen handelt, folgert sich jedoch nicht allein aus dem Blick in historische Epochen, sondern ebenso aus der hohen Quantität an zusammen niedergelegten Artefakten, die sich in den vollständiger bekannten Ensembles auf jeweils mehrere dutzend Ausrüstungen verteilen (Mörtz 2010). Die Gründe, warum es zu diesen Zusammenstößen kam, können sehr mannigfaltig gewesen sein und lassen sich mit den zur Verfügung stehenden archäologischen Funden und Befunden nur auf hypothetische Art eingrenzen. D. Coombs (1975, 75 f.) und neuerlich J. Wileman (2009, 75–92) führten die ab der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. auf Großbritannien einsetzende, planvolle Landdivision durch Feldsysteme, einen Bevölkerungsanstieg sowie eine Verschlechterung des Klimas am Ende der Bronzezeit als mögliche Auslöser von Konflikten an. Es handelt sich bei allen Punkten jedoch um längerfristige Entwicklungen, auf welche ebenso gut mit einer erhöhten Bereitschaft zur Kooperation hätte reagiert werden können. Coombs (1975, 75 f.) nannte weiterhin den Raub von Vieh als primäres Ziel von Überfällen. Diese Annahme könnte zumindest durch den Nachweis intensivierter Tierhaltung gestützt werden (Pryor 1996; Cunliffe 2004; Serjeantson 2007). Damit ist allerdings nur eines von mehreren Szenarien skizziert. Insgesamt kommt eine sozialwissenschaftliche Einordnung der Waffendeponierungen problemlos ohne die Identifikation der konkreten Konfliktgründe aus. Um eine Ursachenforschung zu betreiben, müssten alle verfügbaren Quellen gleichberechtigt auf Anzeichen für Gewalt befragt werden. Jedoch

scheint die beeindruckende Masse an spätbronzezeitlichen Schwertern und Lanzenspitzen das Bild einer entsprechend kriegerischen Zeit zu befördern. Wie nahe man damit der prähistorischen Realität kommt, bleibt ungewiss. Denn die Deponierungen bilden in erster Linie zeit- und regionalspezifische Opfersitten ab, die während der späten Bronzezeit Großbritanniens neben anderen Dingen Waffen in den Fokus stellen. Man hat es also mit einem Phänomen zu tun, das über eine begrenzte Dauer intensiv auftritt und eine sozial fundierte, kultische Präferenz reflektiert. Ein Zusammenhang mit einem bestimmten Krieger­ ideal könnte sich darin äußern, dass es zur gleichen Zeit im weiteren Umfeld keine Bestattungen mit Schwert- oder Lanzenbeigabe gibt. Diese Abstinenz betrifft ebenso die genannten jüngeren Analogien. In nicht-staatlichen Gesellschaften sind gewalt­ tätige Aktionen stark ritualisiert, d. h. sie werden durch kultische Handlungen eingeleitet, strukturiert und abgeschlossen (Goldschmidt 1989, 19 f.; Bollig 1992, 267–280). Von einem zumindest zeitweiligen Ende zeugen die im ersten Abschnitt knapp charakterisierten Waffenopfer. In gleicher Weise, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen beendet wurden, hatte man sie mithilfe von Ritualen begonnen. Von entscheidender Bedeutung war die Bildung einer Vereinigung von Kriegern, die zum Töten anderer Menschen durch ihre Referenzgruppe sanktioniert wurde. Abgesehen von Zuständen ungehinderter Alleinherrschaft, z. B. innerhalb von Diktaturen, war und ist eine derartige Legitimierung auf wenige Ausnahmesituationen beschränkt (Gladigow 1986; von Stietencron 1995). Zu diesen zählt der gewalttätige Konflikt mit anderen Gruppen. Die den Kämpfen vorausgehenden kultischen Akte dienen in diesem Sinne neben der psychischen und zumeist auch physischen Abgrenzung und Kennzeichnung eines besonderen Zustandes der Krieger in gleicher Weise der öffentlichen Konstruktion von Feindbildern, welche auf existente Vorurteile und Gegensätze zurückgreifen (Assmann/Assmann 1990, 17–31; Orywal 1996, 34–38; Fiske 2002). Die Mitglieder der auf freiwilliger Basis gebildeten Vereinigung versichern sich über die Interaktion im Ritual ihrer gegenseitigen Loyalität, was wiederum die Bewältigung bestehender Ängste fördert (Kiefer 1970, 589–591; Rüpke 1990, 131 f.). Kommunikation findet allerdings nicht allein unter den Menschen statt, sondern man sucht ebenso den Kontakt zu übermenschlichen Wesenheiten, deren Unterstützung erbeten wird. Dem klassischen

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Ritualschema A. van Genneps (1986) folgend, befinden sich die Krieger durch diese Handlungen in einer Schwellenphase und bilden einen Bund, den V. Turner (2005) – allerdings ohne sich konkret auf gewalttätige Konflikte zu beziehen – als „Communitas“ bezeichnete. Charakteristisch ist vor allem die Inversion alltäglicher Verhältnisse. Auf diese Weise ist das Töten anderer Menschen nicht nur erlaubt, sondern explizit erwünscht, und andere Gruppen, mit denen man ansonsten gewaltlose Beziehungen unterhält, können als Feinde angesehen und dementsprechend behandelt werden. Diese spezifische Verfassung muss mit dem Ende der Auseinandersetzungen aufgehoben werden, um eine Integration der beteiligten Personen nach ihrer Heimkehr zu ermöglichen. Während des Kriegszuges bestehende Gebote und Verbote werden wiederum mittels Ritualen außer Kraft gesetzt. Doch darin besteht nicht ihr alleiniger Anlass, denn zugleich bildet der Kontakt mit dem Fremden und Feindlichen eine als gefährlich wahrgenommene Situation, deren Folgen für den einzelnen Kämpfer und vor allem die Töter sowie die gesamte Gemeinschaft begrenzt werden muss (Hasenfratz 1986; Stolz 1986; Bollig 1992, 293–297). Nicht allein die Menschen, sondern ebenso die von ihnen gebrauchten Gegenstände gehen in der subjektiven Wahrnehmung der von den Konflikten Betroffenen in den Status der Communitas über. Die Dinge haben eine eigene, ihnen zugeschriebene Biographie (Kopytoff 1986; Gosden/ Marshall 1999; Joy 2009). Insbesondere Waffen sind auf sehr intime Weise mit ihren Besitzern verbunden (Kristiansen 2002, 329–331; Molloy 2011; Pearce 2013). In dieser, freilich nur hypothetisch rekonstruierbaren Disposition könnte ein wesentlicher Grund zu suchen sein, warum die erbeuteten Gegenstände nicht von den Siegern übernommen und weiter verwendet wurden. Im Gegenteil zerstörte man diese und übergab sie durch das Opfer in die Sphäre übermenschlicher Wesenheiten. Ob es sich dabei um rituelle Transferaktionen zum Dank oder eher eine kontrollierte Entsorgung unerwünschter Dinge handelt, lässt sich ohne selbstreferenzielle Aussagen der Akteure nur schlecht beantworten. Beide Momente müssen sich allerdings nicht gegeneinander ausschließen, wie beispielsweise mehrere Episoden aus dem Alten Testament illustrieren (5. Mose 13, 13–19; Josua 6; 1. Samuel 15,3). Das Eigentum der Feinde erachteten die Israeliten als mit einem göttlichen Bann belegt (Schwally 1901, 29–44; Stolz

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1972, 154–155; 192–196.; Crüsemann 2006). Die Kriegsbeute wird daher vernichtet, die wertvollen Gegenstände, darunter alle Metalle, werden hingegen dem HERRN geweiht. Ein Anteil für die Menschen ist nicht vorgesehen und einem entsprechenden Fehlverhalten folgen harte Strafen. Die Zerstörung und Opferung der von den Gegnern verwendeten Artefakte manifestiert den Sieg und beendet eine Phase gewalttätiger Auseinandersetzungen. Dadurch wird es möglich, die Beziehungen zu den als feindlich konzipierten Gruppen gemeinschaftlich zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Eine öffentliche Performanz ist dabei in schriftlosen Gesellschaften conditio sine qua non für die Memorierung der rituellen Akte (Halbwachs 1985). Nur auf diese Weise können zudem Fehler vermieden und die Wirksamkeit der Handlungen sichergestellt werden. Die komplexe kultische Einbettung gewaltsamer Aktionen gegen andere Menschen schafft soziale Identität im Kontrast zum Feind. Zumindest für einen beschränkten Zeitraum wird diese Abgrenzung als absolut aufgefasst. Nach dem Ende der Gewalt findet eine erneute Bewertung statt. Wie bereits G. Simmel (1983, 186–255) erkannte, kommt dem Konflikt demnach eine wichtige Bedeutung in der Formung und Strukturierung zwischenmenschlicher Beziehungen zu. Konflikt und Konformität Jede auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Aktion mehrerer Personen wirkt auf diese gruppenbildend. Dies trifft auf kriegerische Unternehmungen in gleicher Weise zu wie beispielsweise auf den Austausch von Dingen. In seiner klassischen Studie zur Gabe charakterisierte M. Mauss (1990, 179–183) den Handel als Weg zur Überwindung von Gewalt und damit als Idealform menschlichen Zusammenlebens. Aus dem aufgeklärten, zeitgenössischen Denken zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts erscheint diese Position allzu verständlich. Ob sie indessen auch zutrifft, ist von verschiedenen Blickpunkten diskutiert worden, wobei insbesondere evolutionsbiologische Thesen breiten Raum einnahmen und heftigen Widerspruch von Seiten der Sozialwissenschaften hervorriefen. Es ist an dieser Stelle weder möglich noch sinnvoll, diese Kontroverse erschöpfend darzustellen (vgl. Peter-Röcher 2007, 27–58). Grundsätzlich herrscht mittlerweile Einigkeit darüber, dass kulturspezifische Aspekte, vor allem bei

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der Erziehung, den Umgang mit anderen Gruppen nachhaltig prägen und die Abwägung zwischen Gewaltanwendung bzw. Gewaltverzicht grundlegend beeinflussen (Orywal 1996; Fiske 2002; Dovidio u. a. 2003). Die Entscheidung darüber, ob es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, ist situativ und von verschiedenen Rahmenbedingungen abhängig, die sich aus rein archäologischer Perspektive kaum näher bestimmen lassen. In gleicher Weise werden die Mechanismen der Beendigung aktiver Gewalt unter kulturell geprägten Vorzeichen in Gang gesetzt. Die diametralen Unterschiede zwischen Kriegs- und Friedensordnungen moderner Staaten beschrieb bereits G. Simmel (1983, 232–245). Diese Opposition lässt sich problemlos mit dem oben skizzierten Konzept der zeitweiligen Inversion des Alltäglichen im liminalen Zustand der Communitas harmonisieren. Während der Periode gewalttätiger Auseinandersetzungen muss die Gruppe, will sie ihren Fortbestand sichern, intolerant gegenüber dem Feind, aber auch gegenüber den eigenen Mitgliedern sein. Individuelle Abweichungen vom sozialen Konsens können nur in einem sehr engen Rahmen zugelassen werden. Die mitunter auch durch eigene Handlungen evozierte Bedrohung von außen bewirkt entweder Kohäsion oder Sezession bzw. die Bildung neuer Allianzen. Während sich der Krieg, so Simmel (1983, 245–255), sukzessive aus bereits bestehenden Antagonismen entwickelt, muss der Friedensschluss innerhalb eines kurzen Zeitraumes erarbeitet werden und ist somit deutlich problematischer. Dies könnte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass entsprechende Konflikte, wie es A. und J. Assmann (1990) nennen, eine „unkommunikative Form des Handelns“ sind. Im Gegensatz zur Rivalität wird der Kontakt mit dem Gegenüber bis auf die gewaltsamen Zusammenstöße völlig eingestellt. Andererseits intensiviert sich die Verständigung innerhalb der jeweils beteiligten Gruppen. Der Charakterisierung des Krieges als unkommunikativ ist nicht uneingeschränkt zuzustimmen, denn die am Feind vollzogenen Gewaltakte senden eine eindeutige Botschaft an diesen. Wichtiger noch erscheint, wie J. P. Reemtsma (2008, 467–481) betont, die reale oder imaginierte Zeugenschaft eines Dritten, welcher als Rechtfertigungsinstanz dient. Auf diese Weise erhalten die Taten sozialen Sinn. Im vorliegenden Fall kommuniziert die Performanz der Waffenopfer die Geschehnisse aus subjektiver Perspektive sowohl gegenüber den übrigen, nicht

unmittelbar an den kriegerischen Taten beteiligten Mitgliedern der Gruppe als auch gegenüber den übermenschlichen Wesenheiten, denen die Gegenstände rituell übereignet werden. Die mutwilligen, variantenreichen Zerstörungen ausgewählter Dinge des Feindes beziehen sich daher wohl auf spezifische Ereignisse im Rahmen des Kampfgeschehens und sind damit Ausdruck einer individuellen Reinszenierung des Erlebten (Mörtz 2013). Zugleich können die destruktiven Akte als symbolische „Zerstörung der Identität der besiegten Krieger“ (Rau/von Carnap-Bornheim 2011, 533) verstanden werden. Der für das Gelingen offensiver und defensiver Aktionen notwendige Zusammenhalt wird durch das Inkrafttreten und die Umsetzung verschiedener Normen sichergestellt. Ihre formelle Einrahmung sowie weltanschauliche Begründung erhalten diese Maßnahmen wiederum durch die einführenden und abschließenden Rituale. Innerhalb des Bundes auserwählter Krieger besteht ein dauerhafter Konformitätsdrang bzw. Druck zur Dissonanzreduktion (Hauschildt 2006, 767 f.), welcher in Gesellschaften ohne Staat allerdings nicht über hierarchische Befehls- und Gehorsamsstrukturen, sondern vor allem über primäre Bezugsgruppen, d. h. das unmittelbare soziale Umfeld, gewährleistet wird. Unabhängig davon, ob den Waffenopfern Angriffs- oder Verteidigungsaktionen vorausgingen, setzen beide Konstellationen eine konkrete Aufgabe, die zwangsläufig ein gemeinschaftliches Vorgehen erfordert. Auf diese Weise wird der Konflikt zu einem zentralen Moment der Identitätsfindung von Gruppen, wie P. Clastres (2008, 79) ausführt: „Um wirksam der Welt der Feinde entgegentreten zu können, muss die Gemeinschaft homogen, ungeteilt sein. Umgekehrt braucht sie, um in Ungeteiltheit fortbestehen zu können, die Figur des Feindes, in der sie das einheitliche Bild ihres gesellschaftlichen Seins erkennen kann“. In der Krisensituation des kriegerischen Konfliktes zeigt sich die Resilienz der gesellschaftlichen Strukturen, gerade auch weil ein Teil der Gruppe als aktive Kämpfer nach ganz anderen, destruktiven Maximen handelt und diese Personen danach mithilfe ritueller Handlungen wieder in ein gewaltloses Dasein überführt werden können. Ein Überdauern im Krieg beweist die Antifragilität des Sozialwesens und wird aus diesem Grund auch bewusst als kollektive Angelegenheit angestrebt. Während die mentale Konformität unabdingbar ist, sind individuelle Aktionen im Kampfgeschehen nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil

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Abb. 4: Ringgriff eines Bronzeeimers aus dem Fund von Duddingston Loch (© National Museum of Scotland Edinburgh, Inv.-Nr. DQ 1; Foto T. Mörtz).

entspricht besondere Tapferkeit und Furchtlosigkeit einem männlichen Idealtypus, dessen aktiver Beweis Grundlage für das Erreichen bestimmter gesellschaftlicher Statuspositionen ist (Goldschmidt 1986; Bollig 1992, 293–300). Diese persönlichen Meriten reflektieren eine allgemeine Erwartungshaltung gegenüber den Kriegern, sind jedoch nicht direkt in politischen Einfluss transferierbar. Mit der rituellen Wiederangliederung und Beuteopferung löst sich die Communitas auf und es bleibt ab diesem Zeitpunkt allein der übrigen Gemeinschaft bzw. dem Kollektiv überlassen, einen Konsens darüber herzustellen, inwiefern der erworbene Ruhm der Kämpfer über eine rein symbolische Bedeutung hinausgehen und sich ebenso in besonderen sozialen Befugnissen manifestieren darf. Es ist bedeutsam, dass insbesondere die bereits in ihren Statuspositionen etablierten Senioren von den unmittelbar gewalttätigen Aktionen meist ausgenommen bleiben. Diese Umstände setzen dem Bestreben einer umfassenden Umgestaltung der sozialen Ordnung durch kriegerische Handlungen enge Grenzen. Ob also einzelne Personen erfolgreich versuchten, die Konflikte mit anderen Gruppen und die daran

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anschließenden Opferkulte zur Umsetzung individueller Ziele zu nutzen, wie es für die nordeuropäischen Heeresausrüstungsopfer unter dem Stichwort „Rituale der Macht“ diskutiert wird (von CarnapBornheim/Rau 2009; Pauli Jensen 2011; Rau/von Carnap-Bornheim 2011), bleibt fraglich und wohl vorrangig ein Modell für frühstaatliche Verhältnisse. Die Instrumentalisierung von Gewalt im Zuge der Entstehung fester Herrschaftsstrukturen wurde bereits von G. Simmel (1983, 245) angemerkt. Es sind wiederum vor allem reale oder lediglich imaginierte, als existentiell wahrgenommene Notsituationen, in denen Führerschaft Einzelner anerkannt wird. Tendenziell lässt sich diese These in experimentellen Versuchen bestätigen, wenngleich es zahlreiche, einschränkende Rahmenbedingungen zu berücksichtigen gilt (Benard 2012). Es ist daher nicht überraschend, dass die ethnologische Forschung einen unilinearen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Gewalt und der Entwicklung einer staatlichen Sozialordnung nicht bestätigen kann (Claessen 2006). Die Horte der späten Bronzezeit, soweit sich dies an den spärlichen Informationen zu den Entdeckungsumständen ablesen lässt, stellen zwar umfangreiche, aber jeweils einmalige Niederlegungen dar. Im Gegensatz zu den jüngeren Waffenopfern ist an keinem Ort eine Wiederholung der Rituale belegbar. Diese mangelnde Kontinuität spricht gegen die Annahme, es handele sich um vorrangig machtpolitische Akte. Darüber hinaus sind auf Großbritannien anhand der archäologischen Quellen keine eindeutigen Hinweise auf entsprechende, weder männliche noch weibliche Führungspersönlichkeiten erkennbar. Die Profilierung von persönlichem Status mag eine Rolle gespielt haben, im Mittelpunkt der Rituale stand jedoch meines Erachtens die Stiftung einer überindividuellen sozialen Identität. In gleicher Weise wie der Krieg als gesamtgesellschaftliche Aufgabe bewältigt wurde, beging man das Opfer als kollektiven Akt, bei welchem alle Gruppenmitglieder zumindest als Zuschauer integriert waren. Durch das Waffenopfer bildete sich eine kultische Gemeinschaft, die einen Referenzpunkt eines fortwährenden Prozesses der Vergesellschaftung darstellte. Der im Fund aus dem Duddingston Loch enthaltene Ringgriff eines Bronze­eimers (Abb. 4) könnte darauf hinweisen, dass zu diesen Handlungen auch kommensale Fleischmahlzeiten bzw. der Genuss alkoholischer Getränke gehörte (Needham/Bowman 2005; Gerloff 2010, 312–320).

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Fazit Der Krieg ist eine totale soziale Tatsache. Er betrifft alle und stellt eine Herausforderung an das Kollektiv. In nicht-staatlichen Gesellschaften begegnet man dieser Krisensituation insbesondere mit rituellen Mitteln, welche die gewalttätigen Handlungen strukturieren und eingrenzen sollen. Eine Form des archäologisch belegbaren Opfers im Anschluss an kriegerische Ereignisse sind umfangreiche Deponierungen im Kampf gebrauchter, vom Feind erbeuteter und anschließend mutwillig beschädigter Waffen. Entsprechende Funde treten in Europa erstmals während der späten Bronzezeit auf. Mit der rituellen Niederlegung und Zerstörung der gegnerischen Ausrüstungen endete öffentlich eine liminale Phase, in welcher den Kriegern das Töten anderer Menschen ausdrücklich erlaubt war. Ziel musste es sein, die an den Gewalttaten Betei­ ligten wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen können auf diese Weise als Übergangsrituale verstanden werden, bei denen sich die Akteure als aktive Krieger beweisen

und dadurch eine Initiation in einen neuen Status stattfindet. Die Opferung des Beuteguts manifestiert einen erneuten Moment der Transformation in ein gewaltloses Alltagsleben. Ohne Feinde ist ein solcher Prozess nicht denkbar. Der Krieg folgt zwangsläufig antagonistischen Grundprinzipien. Die komparativ abgrenzende Alterität fundiert die Bildung bzw. Bestätigung einer kollektiven Identität. Der Sieg über den Gegner als Bewältigung einer existentiellen Bedrohung und die rituelle Vernichtung seiner Waffen beweist die Stabilität des eigenen Sozialwesens. Der kriegerische Konflikt stellt somit einen bedeutenden Kristallisationspunkt überindividueller Vergesellschaftung dar. Zugleich eröffnet die einstweilige Beendigung der Auseinandersetzungen durch das Opfer eine neue Perspektive auf die Beziehungen zu anderen Gruppen und eine gewaltlose Interaktion wird prinzipiell möglich. Die umfangreichen Waffenhorte der Bronzezeit geben somit Auskunft über eine spezifische, komplexe Ereignisgeschichte und die damit verbundenen sozialen Handlungen.

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Tobias Mörtz Freie Universität Berlin, Institut für Prähistorische Archäologie Altensteinstr. 15, 14195 Berlin [email protected]

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Der Häuptling und sein Schwert? – Anmerkungen zur sozialen Stellung des Schwertträgers in der älteren nordischen Bronzezeit Jan-Heinrich Bunnefeld

Zusammenfassung In der Regel werden bronzezeitliche Schwerter, auch in Nordeuropa, als Waffen und Statussymbole der männlichen Elite, die häufig als Häuptlinge oder „chiefs“ bezeichnet werden, interpretiert. Ausgehend von technischen Untersuchungen und Gebrauchsspurenanalysen ist von praktischen, sozialen und symbolischen Aspekten bei der Funktion und Bedeutung der Schwerter auszugehen. Die Fundkontexte zeigen, dass das Schwert ein wichtiges Symbol für die Rolle und Identität der Bestatteten darstellte, während häufig beschriebene Ausstattungsunterschiede der Gräber nicht verallgemeinert werden können. Schätzungen zur Anzahl der Schwertträger in Höhe von 10–20 % der erwachsenen Männer deuten zudem darauf hin, dass sie weniger als kleine Elite, sondern eher als breitere Schicht von freien Männern anzusehen sind. Innerhalb dieser gab es allerdings weitere Differenzierungen, wie u. a. anhand von Unterschieden in der Qualität der Objekte sowie der Haus- und Grabhügelgrößen zu erkennen ist. Insgesamt stellt sich die Gesellschaft der nordischen Bronzezeit als komplexes und instabiles Netzwerk ohne zentralisierte Macht dar, in dem einzelne soziale Gruppen auf verschiedene Weise konkurrierten. In diesem Kontext muss der Schwertträger als Mann mit einem gewissen Status, aber nicht notwendigerweise als Häuptling gesehen werden. Abstract: The Chief and his Sword? – Comments Regarding the Social Position of the Sword-bearing Man in the Early Nordic Bronze Age In Northern Europe as elsewhere, Bronze Age swords are interpreted as weapons and status symbols of a male elite often referred to as “chiefs”. According to technical and use-wear analyses, it is likely to assume that the function and meaning of swords contained practical, social and symbolic aspects. Find contexts show that swords served as important symbols regarding the definition of the role and identity of the buried individuals, while the often mentioned differences in the burial equipments cannot be generalised. Model-based assumptions on the number of sword-bearers, varying between 10 % and 20 % of the total number of adult men, lead to the assumption that they were not only a small elite but rather a broader social class of free men. This social class was further segmented as demonstrated by the differences in quality of objects and sizes of houses and burial mounds. Altogether, the society of the Nordic Bronze Age consisted of a complex and instable network, lacking a centralised power in which social groups competed by different means. In this context sword-bearers can be perceived as men of a certain status but not necessarily as chiefs.

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Bunnefeld, Der Häuptling und sein Schwert?

In der Regel werden bronzezeitliche Schwerter als Waffen und Statussymbole der männlichen Elite, die häufig als Häuptlinge oder „chiefs“ bezeichnet werden, interpretiert (z. B. Kristiansen 1984; Kristiansen/Larsson 2005). Gleichzeitig nährt insbesondere die hohe Anzahl der bekannten Schwerter aber Zweifel an ihrer angeblichen Exklusivität. Ausgehend von den Schwertern, ihren Fundkontexten sowie einer Schätzung der Schwertträgerzahl wird diskutiert, welche soziale Stellung und Rolle für diese Personen in der älteren nordischen Bronzezeit (Periode II–III) in Dänemark und SchleswigHolstein angenommen werden kann1. Die Funktion und Bedeutung der Schwerter Ebenso wie andere Teile der materiellen Kultur besitzen Schwerter mehrere Funktionen und Bedeutungen, die kulturell konstruiert und deshalb in hohem Maße mehrdeutig, wandelbar und kontextabhängig sind (Hahn 2005, 122–128). Sie sind untrennbar und miteinander in enger Wechselwirkung stehend in einem Objekt vereint; bei Schwertern zählen wahrscheinlich eine praktische Funktion als Waffe v. a. gegen andere Menschen, eine soziale Funktion als Statussymbol sowie eine darüber hinaus gehende symbolische Bedeutung, die den Bereich des Übernatürlichen und martialischer Werte berührt, dazu (Bunnefeld 2012). Bronzezeitliche Schwerter sind – entgegen der früher weitverbreiteten Deutung als ausschließliches Statussymbol – durchaus als Waffe geeignet. Eine scharfe Unterscheidung in Hieb- und Stichschwerter ist hierbei zwar irreführend, aber allgemein sind die vergleichsweise kurzen und leichten Schwerter nicht auf wuchtige Hiebe, sondern eher auf schneidende Bewegungen ausgelegt (Molloy 2011, 74–75). Anhand der auf der gesamten Klingenlänge ausgearbeiteten Schneiden wird deutlich, dass auch die als Stichschwerter oder gar Rapiere bezeichneten Waffen durchaus für derartige Schläge genutzt werden sollten (Mödlinger 2011, 75–76). Die angeblich zu kurzen Griffe liegen gut in der Hand, wenn sie das Heft mit umschließt (Kristiansen 2002, 320– 321). Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Material,

1

wobei es sich nach Metall­analysen an Schwertern aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern um Bronze mit rund 10 % Zinnanteil handelt, die bei entsprechender Nachbearbeitung durch Dengeln und Zwischenglühen ebenfalls für die Herstellung von funktionalen Waffen geeignet ist (Riederer 2004; Molloy 2011, 75; Bunnefeld/Schwenzer 2011, 227–232). Inwiefern die nordischen Schwerter nachbearbeitet wurden, müssen Untersuchungen noch zeigen (vgl. aber Kaufmann u. a. 1996, 273–278). Die Schäftung erfolgte durch Niete, wobei in Periode II eine große Vielfalt verschiedener Techniken zu beobachten ist. So können die Klingen nordischer Vollgriffschwerter in Griffplatten, -zungen oder -angeln enden und am Heft, an der Griffstange und am Knauf vernietet sein. Die zeitgleichen, aus dem südlichen Mitteleuropa stammenden Achtkantschwerter weisen in der Griffstange verkeilte Griffzungen und am Heft zwei Niete auf (Abb. 1). In Periode III vereinheitlicht sich das Bild und die Klingen der nordischen Vollgriffschwerter enden in Griffangeln, die üblicherweise nur am Knauf fixiert sind. Sowohl Vollgriffschwerter als auch Schwerter mit organischem Griff, die prinzipiell über dieselben Schäftungstechniken verfügen, waren allgemein stabil geschäftet. Die tatsächliche Verwendung kann über die Gebrauchsspuren an den Schwertgriffen und -klingen untersucht werden. Einschränkend ist zu bemerken, dass sich die hier diskutierten Stücke meistens in einem sehr schlechten Erhaltungszustand – häufig stark korrodiert und mehrfach zerbrochen – befinden. Daher ist es für mehr als die Hälfte aller Klingen kaum möglich, kleine Schäden wie Scharten oder Kerben festzustellen. Zudem ist die Datierung und Interpretation solcher Spuren sehr schwierig, auch weil sie nach dem Gebrauch sicherlich häufig repariert wurden (Siedlaczek 2011, 118). Zu beachten ist weiterhin, dass die bronzezeitlichen Kämpfer gewiss um die Belastungsgrenzen ihrer Schwerter wussten und dementsprechend größere Beschädigungen zu vermeiden versuchten (Molloy 2011, 76–77). Trotzdem zeigen 8 % der aufgenommenen Vollgriffschwerter und -dolche in Periode II sowie 3 % in Periode III kleinere Schäden an der Klinge, die möglicherweise in die Bronzezeit datieren könnten (Abb. 2).

Einzelne Schwerter und Fundorte sind, soweit möglich, mit ihrer Nummer aus der Editionsreihe „Die Funde der älteren Bronzezeit des nordischen Kreises in Dänemark, Schleswig-Holstein und Niedersachsen“, begründet von E. Aner und K. Kersten (1973–2011), zitiert (Abkürzung im Folgenden: Ke).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 1: Verschiedene Schwertarten der Periode II im Nordischen Kreis: Griffplattenschwert, Griffzungenschwert, nordisches Vollgriffschwert, Achtkantschwert (Ke 771, Ke 761, Ke 771, Ke 707: Aner/Kersten 1976, Taf. 20; 27; 29; 30).

Der häufig erwähnte „Abrieb“ an Schwertgriffen mit beinahe nicht mehr erkennbaren Verzierungen ist zum Teil eher auf ihre Lagerung im Moor zurückzuführen, da dadurch die metallene Oberfläche angegriffen werden kann (z. B. Ke 575, Ke 831). Gleichzeitig zeigen 22 % der ausreichend gut erhaltenen Schwertgriffe aus Periode II tatsächlich abgeriebene Verzierungen in den durch Handhabung beanspruchten Bereichen. Der Zustand vieler Griffe aus Periode III mit Knäufen, die an den Seiten stark beschädigt sind und bei denen der Tonkern freiliegt, könnte entweder auf Handhabung (Kristiansen 1978, 161–163) oder auf starke Korrosion an diesen

sehr dünn gegossenen Partien zurückzuführen sein; dies bleibt bisher offen. Nachgeschärfte Klingen stellen die am eindeutigsten zu identifizierenden Gebrauchsspuren dar und belegen, dass die Klinge zuvor beschädigt worden war (Thrane 2006, 495–496). Rund 26–27 % der ausreichend gut erhaltenen Klingen von Vollgriffschwertern und -dolchen wurden nachgeschärft, wobei es keine Unterschiede zwischen den Perioden II und III oder zwischen nordischen Vollgriffschwertern und Achtkantschwertern gibt. Hingegen wurden auf den dänischen Inseln 71 % der Schwerter mit organischen Griffen nachgeschärft (Kristiansen 1984).

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Bunnefeld, Der Häuptling und sein Schwert?

Ob diese Differenz wirklich für das gesamte Gebiet des Nordischen Kreises oder nur für die dänischen Inseln zutrifft, bleibt unklar. Auch wenn für Vollgriffwaffen die Möglichkeit von Klingenwechseln berücksichtigt werden muss (Willroth 1999, 54), scheint möglicherweise ein gewisser Unterschied in der Nutzung zu bestehen. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass zweifellos auch Vollgriffschwerter praktisch, vermutlich zum Kämpfen, gebraucht wurden. Die soziale Funktion kann eine Rolle als Symbol für Status, Alter oder Geschlecht umfasst haben. Um als Statussymbol zu wirken, muss ein Objekt sichtbar und verständlich für die Adressaten der Botschaft sein. Statussymbole für eine Elite müssen zudem mehr oder weniger selten und exklusiv sein, sei es materiell oder ideell. Neben dem Material können auch die Komplexität der handwerklichen Herstellung, die Verzierung und der Fundkontext einige Hinweise dazu geben (Burmeister 2003, 276–277; 292). Während die Anzahl und Exklusivität der Schwerter unten diskutiert wird, ist die Sichtbarkeit des Schwertes innerhalb oder außerhalb der Scheide, am Gürtel oder an einem Schultergurt offensichtlich. Schwerter gehören zu den schwersten Metallobjekten ihrer Zeit, und die Bronze musste komplett in den Norden importiert werden. Neben dem Wert aufgrund ihrer fernen Herkunft kann auch der metallische Glanz oder Klang eine Bedeutung gehabt haben. Zu bedenken sind ferner besondere Materialien wie Gold oder seltener Bernstein (generell kaum aus der nordischen Bronzezeit bekannt), die gelegentlich als Verzierung an Schwertern vorkommen. Auch die Fertigung des Schwertes – der komplexe Guss und die Nachbearbeitung – einschließlich des gegebenenfalls organischen Griffs, der Scheide und des Gürtels ist zeitaufwendig und verlangt Kenntnisse in verschiedenen Handwerken (Jockenhövel 2011, 5–7; 11). Selbst wenn ihre genaue Bedeutung natürlich nicht bekannt ist, ist die bei den nordischen Vollgriffschwertern sehr individuelle und qualitativ unterschiedlich ausfallende Verzierung (vgl. Ottenjann 1969) ein Argument für eine soziale Funktion der Objekte. Gleichzeitig könnten die offensichtlichen Qualitätsunterschiede auf eine graduelle Hierarchie der Schwertträger hindeuten. Eine scheinbar deutliche Differenz zwischen verzierten Vollgriffschwertern und einfachen Schwertern mit organischem Griff trifft in dieser Form aber nicht notwendigerweise zu, wie an gut erhaltenen organischen Griffen erkennbar ist (Abb. 3).

Abb. 2: Anzahl von Schwertern mit Nachschärfung und abgeriebenen Griffen (Stichprobe: Vollgriffschwerter aus dem Dänischen Nationalmuseum, Kopenhagen; Archäologischen Landesmuseum, Schleswig; Moesgård Museum, Aarhus; Museum Sønderjylland, Haderslev; Roskilde Museum, Roskilde; für Schwerter mit organischem Griff vgl. Kristiansen 1984).

Abb. 3: Verzierter organischer Griff eines Griffzungenschwertes von Muldbjerg, Ringkøbing Amt (Ke 4740 A: Aner/Kersten 1995, Taf. 31).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Die Rekonstruktion der exakten symbolischen oder mythologischen Bedeutung bronzezeitlicher Schwerter ist wegen des fehlenden kulturellen Kontextes zweifellos unmöglich (vgl. Burmeister 2003, 272–273). Dennoch ist wahrscheinlich, dass viele Schwerter über ihre praktischen und sozialen Funktionen hinaus eine Bedeutung hatten, was für spätere Zeiten in vielen Fällen schriftlich belegt ist (z. B. in diversen Epen und Sagen). Einige könnten mit eigenem Namen und einer bekannten Biographie ausgezeichnet gewesen sein, oder ihnen könnten ein eigener Wille oder magische Kräfte zugeschrieben worden sein (Kristiansen 2002, 329–331). Auch dass der Kämpfer sie als Teil seines Körpers und nicht als Objekte wahrgenommen hat, ist denkbar (Treherne 1995, 128). Die Fundkontexte der Schwerter Rund 83 % der Vollgriffschwerter und -dolche aus den Perioden II und III mit bekannten Fundkontexten stammen aus Grabhügeln. Generell kann man sagen, dass sich in den meisten männlichen Bestattungen mit einer gewissen Ausstattung auch ein Schwert als Beigabe findet (Ille 1991, 82–87; Steffgen 1997/1998, 169). Offensichtlich handelt es sich hierbei um ein wichtiges Symbol, das für die soziale Rolle und Identität der Bestatteten essentiell war. Auch wenn Gräber die lebende Gesellschaft natürlich nicht exakt abbilden, sondern konstruiert und durch verschiedene soziale, religiöse und rituelle Aspekte geprägt sind, geben sie sicherlich einige Informationen über die betreffende Gesellschaft (vgl. z. B. Hofmann 2008, 123–165). Obwohl die meisten Skelette im Norden komplett vergangen oder aufgrund ihrer frühen Auffindung

verloren sind, handelte es sich bei den meisten Schwertträgern wohl um Männer, da es sich in den wenigen Fällen mit anthropologischen Daten so verhält. Zudem zeigt sich bei den Beigaben eine deutliche Trennung von männlich oder weiblich assoziierten Objekten. Dolche konnten hingegen von beiden Geschlechtern getragen werden (vgl. Ille 1991; Steffgen 1997/1998). Dennoch besteht natürlich die Möglichkeit, dass es in bestimmten Situationen auch weibliche Schwertträger gab. K. Kristiansen (1984, 199–204) vermutet aufgrund seiner Untersuchungen der Männergräber von den dänischen Inseln eine Trennung in tendenziell reichere Bestattungen von „ritual chiefs“ mit nordischen Vollgriffschwertern und andere von „warrior chiefs“ mit Achtkant- oder Griffzungenschwertern. Da nicht genügend sichere geschlossene Funde aus dem Gebiet vorliegen, ergibt eine überprüfende Korrespondenzanalyse leider keine signifikanten Ergebnisse. Seine Beobachtung, dass nordische Absatzbeile und Goldobjekte mehr oder weniger auf Gräber mit nordischen Vollgriffschwertern und verwandten Typen (z. B. Scheibengriffschwertern) beschränkt sind (Kristiansen 1984, 199–201), scheint auf den ersten Blick in ähnlicher Weise auch für ganz Dänemark und Schleswig-Holstein zuzutreffen (Abb. 4). Da jedoch Bestattungen mit Achtkant- und Griffzungenschwertern (durchschnittlich zwei Beigaben in Periode II) generell weniger Beigaben enthalten als solche mit nordischen Vollgriffschwertern (durchschnittlich drei Beigaben in Periode II), liegt der Grund für die Verteilung der nordischen Absatzbeile und Goldobjekte eher im allgemeinen Reichtum der Gräber begründet (ein Chi-Quadrat-Test zur Überprüfung kann die Nullhypothese auf einem Signifikanzniveau von 5 % nicht ablehnen) (vgl. Thrane 2006, 500–501).

Anzahl Goldobjekte Achtkantschwert (n=149) 3 Griffzungenschwert (n=195) 8 Nordisches Vollgriffschwert oder verwandter Typ (n=448) 32 Chi-Quadrat Freiheitsgrad Kritischer Wert auf 5%-Niveau

2,48 2 5,99

137

Prozent Goldobjekte 2 % 5,1 % 7,1 %

Anzahl nordische Absatzbeile 5 7 40

Prozent nordische Absatzbeile 3,3 % 4,1 % 8,9 %

3,27 2 5,99

Abb. 4: Kombination verschiedener Schwert- und Dolchtypen der Periode II mit Goldobjekten und nordischen Absatzbeilen in Dänemark und Schleswig-Holstein und die Ergebnisse von Chi-Quadrat-Tests (Anzahlen aus Ke).

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Bunnefeld, Der Häuptling und sein Schwert?

eine deutliche Trennung von „ritual chiefs“ und „warrior chiefs“ anhand von Schwertarten dar. Hinsichtlich der Fundkontexte ist keinerlei Unterschied zwischen nordischen Vollgriffschwertern und Achtkantschwertern zu erkennen (Abb. 5). Rund 85 % beider Schwertarten stammen aus Gräbern, während rund 15 % aus Horten oder als Einzelfunde bekannt sind. Die meisten dieser Objekte können wahrscheinlich als Einstückhorte gedeutet werden (Willroth 1985, 21). Da einige von diesen Schwertern nicht reparierte Beschädigungen an den Schneiden zeigen (z. B. Ke 52 und Ke 831), könnten sie direkt nach einem Kampf niedergelegt worden sein (vgl. Kristiansen 2002, 329). Insgesamt ist auch in dieser Hinsicht keine unterschiedliche Behandlung beider Schwertarten feststellbar. Die Anzahl der Schwerter und Schwertträger

Abb. 5: Fundkontexte von nordischen Vollgriffschwertern und Achtkantschwertern in Periode II (Anzahlen aus Ke).

Bemerkenswerterweise sind in den außergewöhnlichen Gräbern von Kivik, Skåne län, und Gyldensgård, Bornholms Amt (Ke 1548 A), keine Schwerter gefunden worden. Offensichtlich zeigt sich hier eine männliche Elite ohne Schwert (Randsborg 2011, 165). Auch die gleiche Vergesellschaftung von Klappschemeln, die üblicherweise als Objekt mit hohem Status gesehen werden, mit den verschiedenen Schwertarten (mit Ausnahme von Achtkant­ schwertern) ist auffällig (Fabian 2009, 117–120). Zuletzt stellen auch die reichen Gräber, datierend in Periode III, mit Griffzungenschwertern von Skallerup, Præstø Amt (Ke 1269), mit dem berühmten Kesselwagen und einem Goldarmring sowie Gönnebek, Kr. Segeberg (Ke 9897 B), mit einer Goldschale und einem Goldarmband ein Argument gegen

Wie viele Schwerter existierten und wie viele Männer trugen eine solche Waffe? Diese Frage ist offensichtlich von entscheidender Bedeutung für den angenommenen elitären Charakter der Schwerter. Das folgende Modell (Abb. 6) stellt selbstverständlich keine genaue Berechnung dar, sondern eine begründete Schätzung, die von einigen zu nennenden Parametern abhängig ist (ausführlich: Bunnefeld 2013). Ausgehend von der absoluten Anzahl der in Dänemark und Schleswig-Holstein bekannten Schwerter und Dolche muss überlegt werden, wie viele der in der Bronzezeit existierenden Stücke in Gräbern oder als Deponierung niedergelegt wurden. Weiterhin ist zu bedenken, wie viele davon aufgrund von landwirtschaftlichen Aktivitäten, Grabraub oder ähnlichem seitdem verloren gegangen sind. Zudem fehlen unpublizierte Schwerter, Stücke ohne bekannten Fundort usw. bei den genannten Zahlen, so dass diese nur ein Minimum darstellen. Nach Schätzungen von K. Kristiansen (1985, 121–124) repräsentieren die bekannten Grabfunde rund 10 % der insgesamt bekannten Grabhügel. Daher und anhand der oben genannten Einschränkungen schätze ich, dass wir maximal 1–3 % der jemals existierenden bronzezeitlichen Schwerter im Norden kennen. Ebenso sind die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Schwertes, die hier mit 10, 20 oder 50 Jahren angenommen wird, und die Dauer der Perioden II (170 Jahre) und III (230 Jahre) wichtig (Hornstrup u. a. 2012, 48). Anschließend kann die ungefähre Anzahl der gleichzeitig genutzten Schwerter und

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013 Anzahl Schwerter in Periode II Anzahl Dolche in Periode II Anzahl Schwerter in Periode III Anzahl Dolche in Periode III Hochgerechnete gleichzeitig genutzte Schwerter in Per. II Hochgerechnete gleichzeitig genutzte Dolche in Per. II Hochgerechnete gleichzeitig genutzte Schwerter in Per. III Hochgerechnete gleichzeitig genutzte Dolche in Per. III Minimale Einwohnerzahl Maximale Einwohnerzahl Anteil Männer mit Schwert minimal Anteil Männer mit Schwert maximal Anteil Männer mit Schwert in der Grabhügelgruppe Flintbek

1.057 491 1.040 366 622–31.088 289–14.441 452–22.609 159–7.957 117.794 294.485 4,6–14,0 % 11,6–35,3 % 11–21 %

Abb. 6: Zusammenfassung der Eckdaten des Modells zur Anzahl der Schwertträger.

Dolche in Dänemark und Schleswig-Holstein mithilfe der bekannten Formel zur Schätzung von Lebendpopulationen auf Basis von Gräberfeldern ermittelt werden (Acsádi/Nemeskéri 1970, 65–66). Der nächste Schritt gilt Überlegungen, wie hoch die Bevölkerungszahl in der Region war. Zwei unterschiedliche Populationsmodelle sind denkbar. J. Poulsen (1983) kalkuliert die Bevölkerung auf Basis der „carrying capacity“, d. h. der Tragfähigkeit des Landes aufgrund seiner natürlichen Ressourcen. Er kommt auf Zahlen zwischen 1,9 und 6,4 Personen pro km² und nimmt fünf Personen pro km² als realistischen Wert an. Damit hätten das bronzezeitliche Dänemark und Schleswig-Holstein zusammen rund 300.000 Einwohner gehabt. In diesem Fall hätte wohl nicht jeder Verstorbene eine archäologisch sichtbare Bestattung bekommen, was zur gängigen Ansicht passt, dass die Bestatteten in Grabhügeln eine Art Elite darstellten (Kristiansen 1985, 125–126). Gleichzeitig gibt es aber noch eine andere Option. In modern gegrabenen Grabhügeln finden sich oft mehr Bestattungen, insbesondere solche ohne metallene oder andere erhaltene Artefakte, als in den meisten alt gegrabenen (z. B. Zich 2005). Zudem deuten neue Studien zur Landschaftsarchäo­ logie auf die große Bedeutung von Regionen ohne Siedlungsaktivität, auch in Gebieten, die gut geeignet gewesen wären, hin. Wichtig ist hierbei eine klare Unterscheidung zwischen „lokaler“ und „globaler“

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Bevölkerungsdichte (Zimmermann u.  a. 2009; Wendt u. a. 2012). Berechnungen für das Nieder­ rheingebiet, das innerhalb des gesamten Rheinlandes naturräumlich wohl am ehesten mit dem Norden vergleichbar ist, zeigen beispielsweise, dass die globale Bevölkerungsdichte in der vorrömischen Eisenzeit bei 0,9–1,8 Personen pro km² lag (Wendt u. a. 2012, 228–235). Passenderweise können z. B. im Inneren Seelands (Jensen 2006, 104–109) ebenfalls Gebiete mit einer offenbar extrem geringen bronzezeitlichen Bevölkerungsdichte ausgemacht werden. Im Fall einer derartig niedrigeren globalen Bevölkerungsdichte im Norden wäre keine große Lücke zwischen bekannten und erwarteten Gräbern zu verzeichnen, und es wäre daher nicht nötig, trotz zehntausender bekannter Grabhügel größere Bevölkerungsgruppen anzunehmen, die archäologisch in keiner Weise sichtbar sind (Jensen 2006, 144–147). Bei einer Dichte von zwei Personen pro km² müssten wir mit rund 120.000 Einwohnern für die ganze Region rechnen. Zusammenfassend lässt sich ermitteln, dass bei einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 20 Jahren (rund eine Generation) und 300.000 Einwohnern 5 % (falls wir 3 % aller Schwerter der Bronzezeit kennen) bis 12 % (falls wir 1 % kennen) der erwachsenen Männer in Periode II ein Schwert gehabt hätten. Wenn es nur 120.000 Einwohner waren, liegt der Anteil zwischen 14 % und 35 % der erwachsenen Männer. In Periode III gehen die Anteile leicht zurück. Diese Schätzungen zeigen, dass mindestens jeder zwanzigste und höchstens jeder dritte Mann ein Schwert gehabt hat; vermutlich können wir annehmen, dass jeder zehnte bis fünfte Mann ein Schwertträger war. Dies korreliert mit der modern gegrabenen Grabhügelgruppe von Flintbek, Kr. Rendsburg-Eckernförde (Zich 2005; Ke 9593–9608), wo in Periode II rund 11–21 % der bestatteten Männer ein Schwert hatten (Bunnefeld 2013, 421). Der Häuptling und sein Schwert oder eher: der freie Mann und sein Schwert? Selbst wenn die Schwerter mit Vollgriff und die mit organischem Griff möglicherweise gewisse Unterschiede in ihrer Nutzung zeigen, wurden Vollgriffschwerter sicher auch als Waffen genutzt. Es gibt weiterhin hier, wie auch bei den Fundkontexten, keinen Unterschied zwischen nordischen Vollgriffschwertern und Achtkantschwertern, wie man ihn bei einer

140

Bunnefeld, Der Häuptling und sein Schwert?

signifikanten Differenzierung in „ritual chiefs“ und „warrior chiefs“ erwarten würde. Bemerkenswert ist lediglich, dass nordische Vollgriffschwerter durchschnittlich in reicheren Gräbern auftreten. Neben ihrer praktischen Funktion dienten Schwerter wahrscheinlich als Statussymbole und hatten eine symbolische Bedeutung, die heute nicht genauer zu rekonstruieren ist. Wenn tatsächlich rund 10–20 % der erwachsenen Männer als Schwertträger charakterisiert werden können, waren diese zahlreicher als gedacht. Diese Punkte deuten zusammengenommen darauf hin, dass die übliche Verbindung von Häuptlingen und Schwertern ebenso fragwürdig ist wie die Unterscheidung von „ritual chiefs“ und „warrior chiefs“. Es ist wahrscheinlich zutreffender, das Schwert nicht nur als Waffe und Statussymbol von Häuptlingen, sondern ebenso von freien Männern zu sehen. Diese stellten damit vielleicht ihre Rolle als Besitzer eines Gehöfts und Oberhaupt ihrer Familie zur Schau (vgl. Willroth 1999, 60). Dennoch heißt dies keinesfalls, dass die älterbronzezeitliche Gesellschaft im Norden gleichförmig und undifferenziert war. Deutliche Unterschiede in der Qualität z. B. von Schwertern und die Tatsache, dass nordische Vollgriffschwerter meist in reicheren Gräbern gefunden werden, zeigen vielmehr eine gewisse soziale Ungleichheit an. Ebenso sind die gro­ ßen Unterschiede in der Größe der Langhäuser (von 100–500 m²) und in der Dimension von Grabhügeln (bis zu einem Durchmesser von 71 m) zu nennen (Jensen 2006, 116–118; 158–160; 220–227; Kristiansen 2007, 67–68). Anzunehmen sind demnach soziale Gruppen, vielleicht Abstammungslinien, mit einem höheren Status als andere, der beispielsweise in größerem Wohlstand oder Ansehen begründet gewesen sein könnte. Diese prinzipiell unabhängigen gesellschaftlichen Segmente waren natürlich durch vielfältige Beziehungen miteinander verbunden, z. B. Verwandtschaft, Heirat, Allianz, Gastfreundschaft, Gefolgschaft, Abhängigkeit, ebenso aber auch Feindschaft, Fehde, Raubzug usw. Insgesamt stellt sich die Gesellschaft der nordischen Bronzezeit als komplexes und instabiles Netzwerk ohne zentralisierte Macht dar, in dem mehr oder weniger reiche und mächtige Gruppen konkurrierten (Kristiansen 2007). Eine eindeutige Trennung in „chiefly clans“ und Gemeine ist aber nicht erkennbar; viel eher handelt es sich um graduelle Statusunterschiede. Auch wenn diese Machtkämpfe und andere Konflikte sicher häufig durch mehr oder weniger

friedliche Mittel, beispielsweise Gabentausch, Heiraten oder Rituale ausgetragen oder beigelegt wurden, kam es gelegentlich sicher ebenso zu Gewalt und blutigen Konflikten. In einer Gesellschaft ohne zentralisierte Macht und mit teilweise lokal konzentrierten Ressourcen kann Gewalt unter gewissen Umständen durchaus eine effektive Strategie der Interaktion mit anderen Gruppen sein (Helbling 2006). In der nordischen Bronzezeit ist normalerweise wohl eher mit kleinen Gruppen von Kämpfern zu rechnen als mit großen Truppen. Vermutlich bestanden sie aus den bewaffneten Männern einer oder mehrerer der erwähnten sozialen Gruppen, ihre genaue Zusammensetzung und Organisation ist aber natürlich schwierig zu klären (vgl. Harding 2007, 149–169). Neben Schwertern hatten andere Waffen wie Keulen, Beile, Lanzen, Speere und Bögen eine mindestens ebenso große Bedeutung (Thrane 2006). Anzunehmen sind schnelle Aktionen und Raubzüge, größere Kampagnen erscheinen auch hinsichtlich der Siedlungsstruktur aus unbefestigten Einzelhöfen ohne größere Siedlungen oder Befestigungen (Jensen 2006, 109–120) als unnötig. In diesem Zusammenhang ist die Deutung vieler Schiffsdarstellungen auf den skandinavischen Felsbildern als Kriegskanus ähnlich dem eisenzeitlichen Hjortspring-Boot interessant. Im Durchschnitt scheinen die älterbronzezeitlichen Schiffe 6–14 Besatzungsmitglieder an Bord zu haben, es gibt aber auch größere mit 30–60 Personen. Gerade in Kombination mit den bewaffneten Personen, die oftmals auf oder nahe den Schiffen abgebildet sind, bietet sich daher gelegentlich eine Interpretation als Darstellung maritimer Konfliktaustragung an (Ling 2012). Einige neu entdeckte Felsbilder mit der Darstellung von Personen mit dem Schwert in der Hand und einer expliziten Tötungsszene, bei der ein keulenschwingender Mann von einem anderen mit einer Lanze aufgespießt wird, deuten ebenfalls in diese Richtung (Toreld 2012). Dennoch bleibt unsicher, wie brutal und tödlich bronzezeitliche Kämpfe wirklich waren. Häufig wird angeführt, dass es sich vornehmlich um rituelle Kämpfe handelte (vgl. Harding 2007, 115–118; 145–147). Auch wenn solche zu einem gewissen Maß stattgefunden haben können und trotz der allgemein schlechten Erhaltungsbedingungen für Knochen in Südskandinavien, sind einige Belege für tödliche Gewalt im Norden bekannt. In Wiligrad, Kr. Nordwestmecklenburg, wurde der Schädel eines Mannes von rund 30 Jahren mit einem vielleicht von einem Beil verursachten Trauma aus Periode II

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

gefunden (Lidke/Piek 1998, 82–83; Peter-Röcher 2007, 215 Nr. 174). Das sogenannte „Schlachtfeld“ im Tollensetal aus Periode III hat die Überreste von mindestens 100 Individuen, vor allem jungen Männern, erbracht, von denen 6–9 % Traumata vornehmlich durch stumpfe Gewalt oder Pfeile aufweisen. Rund die Hälfte dieser Verletzungen wurde aber für längere Zeit überlebt (Jantzen u. a. 2011). Aus Over Vindinge, Præstø Amt, ist der Beckenknochen eines maturen Mannes aus Periode I b bekannt, der ein Lanzenspitzenfragment enthält. Der Mann hat diese Verwundung offenbar einige Jahre überlebt (Ke 1292 I; Vandkilde 2006, 61). Der Nachweis eines Schwerthiebs liegt anscheinend aus Hvidegård, Københavns Amt (Ke 398), aus einem Grabhügel der Periode III vor (Goldhahn 2012, 246). Zwei weitere Nachweise für Gewalt stammen aus Norwegen. In Sund, Nord-Trøndelag, sind die gestörten Skelette von mindestens 22 Individuen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene beider Geschlechter – aus der älteren Bronzezeit bekannt. Sieben erwachsene Individuen zeigen Traumata am Unterarm, Bein, Unterleib und Kopf, die wahrscheinlich durch Lanzen, Beile oder Schwerter verursacht wurden. In vier Fällen waren sie verheilt. Ein Mann starb an zwei Verletzungen von einer Lanze, ein anderes adultes Individuum wurde vermutlich durch einen Schwertstich getötet (Fyllingen 2003, 28–36; Peter-Röcher 2007, 150–151; 214 Nr. 163). Ein zufälliger Fund, der entweder in die ältere oder jüngere Bronzezeit datiert (14C: 1270– 940 calBC) wurde in Kråkerøy, Østfold, gemacht. Dieser mature Mann wurde wahrscheinlich durch

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einen Hieb in den Schädel und einen Schwerthieb in einen Brustwirbel umgebracht (Fyllingen 2003, 36–37). Zusammenfassend bezeugen diese Nachweise – von der hohen Anzahl von Schwertern und anderen Waffen bis hin zu Felsbildern – ein gewisses Gewaltpotential in der Gesellschaft der älteren nordischen Bronzezeit. Wie die Gebrauchsspuren an Schwertern, kürzlich entdeckte Felsbilder und nicht zuletzt Traumata an den wenigen menschlichen Überresten deutlich machen, kam dieses Potential aber auch zum Ausbruch und resultierte in gelegentlich tödlicher Gewalt und Konflikten zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, die in einem Netzwerk ohne feste zentralisierte Machtposition konkurrierten. In diesem Kontext muss der Schwertträger als Mann von einem gewissen Status, aber nicht unbedingt als Häuptling gesehen werden. Dank Der Artikel basiert auf Forschungen im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „Technische Untersuchungen an älterbronzezeitlichen Vollgriffschwertern aus Dänemark und SchleswigHolstein“ unter der Leitung von Prof. Dr. K.-H. Willroth (Göttingen). Danken möchte ich weiterhin dem Dänischen Nationalmuseum (Kopenhagen), der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf – Archäologisches Landesmuseum (Schleswig), dem Moesgård Museum (Aarhus), Museum Sønderjylland (Haderslev) und Roskilde Museum (Roskilde) für ihre Unterstützung bei der Materialaufnahme. Röntgenaufnahmen wurden dankenswerterweise vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz, Moesgård Museum, Museum Sønderjylland sowie von Force Technology (Brøndby) und Yxlon International (Hamburg) zur Verfügung gestellt bzw. angefertigt.

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Bunnefeld, Der Häuptling und sein Schwert?

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Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013 Siedlaczek 2011: M. Siedlaczek, Der experimentelle Nachguss von bronzezeitlichen Schwertern. Experimentelle Archäologie in Europa, Bilanz 2011, H. 10, 2011, 109–119. Steffgen 1997/1998: U. Steffgen, Die Gräber der frühen und älteren Bronzezeit in Schleswig-Holstein und Dänemark. Studien zu Grabbau und Grabeinrichtung. Offa 54/55, 1997/1998, 97–219. Thrane 2006: H. Thrane, Swords and other Weapons in the Nordic Bronze Age: Technology, Treatment and Context. In: T. Otto/H. Thrane/H. Vandkilde (Hrsg.), Warfare and Society. Archaeological and Social Anthropological Perspectives (Aarhus 2006) 491–504. Toreld 2012: A. Toreld, Svärd och mord – nyupptäckta hällristningsmotiv vid Medbo i Brastad socken, Bohuslän. Forvännen 107, 2012, 241–252. Treherne 1995: P. Treherne, The Warrior’s Beauty: the Masculine Body and Self-Identity in Bronze-Age Europe. Journal European Arch. 3, 1995, 105–144. Vandkilde 2006: H. Vandkilde, Archaeology and War: Presentations of Warriors and Peasants in Archaeological Interpretations. In: T. Otto/H. Thrane/H. Vandkilde (Hrsg.), Warfare and Society. Archaeological and Social

Jan-Heinrich Bunnefeld Seminar für Ur- und Frühgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen Nikolausberger Weg 15, 37073 Göttingen [email protected]

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Anthropological Perspectives (Aarhus 2006) 57–73. Wendt u. a. 2012: K. P. Wendt/J. Hilpert/A. Zimmermann, Landschaftsarchäologie III. Untersuchungen zur Bevölkerungsdichte der vorrömischen Eisenzeit, der Merowingerzeit und der späten vorindustriellen Neuzeit an Mittel- und Niederrhein. Ber. RGK 91, 2012, 217–338. Willroth 1985: K.-H. Willroth, Die Hortfunde der älteren Bronzezeit in Südschweden und auf den dänischen Inseln. Offa-Bücher 55 (Neumünster 1985). – 1999: K.-H. Willroth, Krieger, Häuptlinge oder „nur“ freie Bauern. Zum Wandel in der Bronzezeitforschung. In: W. Budesheim/H. Keiling (Hrsg.), Zur Bronzezeit in Norddeutschland. Beitr. Wiss. u. Kultur 3 (Neumünster 1999) 39–66. Zich 2005: B. Zich, Flintbek. In: E. Aner/K. Kersten/K.-H. Willroth, Kreis Rendsburg-Eckernförde (südlich des NordOstsee-Kanals) und die kreisfreien Städte Kiel und Neumünster. Die Funde der älteren Bronzezeit des nordischen Kreises in Dänemark, Schleswig-Holstein und Niedersachsen 19 (Neumünster 2005) 31–84. Zimmermann u. a. 2009: A. Zimmermann/K. P. Wendt/T. Frank/J. Hilpert, Landscape Archaeology in Central Europe. Proc. Prehist. Soc. 75, 2009, 1–53.

T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 145–158.

Technikarchäologische Perspektiven zum Aufkommen spezialisierter Angriffswaffen aus Stein und Kupfer in der südlichen Levante (4.–3. Jahrtausend v. Chr.) Florian Klimscha

Zusammenfassung1 Der Autor analysiert die Entstehung spezialisierter Angriffswaffen in der südlichen Levante von einem technischen Standpunkt. Obwohl die sozialen wie technischen Voraussetzungen für den Guss von Schwertern und dünnen Streitäxten (Hierarchisierung der Gesellschaft, Legierung, Schmieden dünner Klingen) z. T. bereits im Chalkolithikum, spätestens mit dem Beginn der Frühbronzezeit vorhanden zu sein scheinen, dauert es noch mindestens 500 Jahre, bis sich spezialisierte Kriegswaffen in der Form von Epsilonäxten und Kupferschwertern durchsetzen. Es ist jedoch zu beachten, dass die Datierung keineswegs eindeutig ist, und die Entwicklung in der 2. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. durchaus plausibel erscheint, zumal die Logik der Entwicklung technischer Innovationen dies suggeriert. Es wird daher argumentiert, dass nicht nur die technische Entwicklung hier ausschlaggebend gewesen sein kann, sondern dass die Waffen gerade in einer Zeit aufkommen, in der Machtkonzentrationen von bislang unbekannten Dimensionen, aber auch Innovationen wie das Segelschiff, der Wagen oder der Handel von Metallen in Barrenform verstärkt zum Tragen kommen. Die Rolle dieser Waffen sieht der Autor in der Statuszuweisung eines Personenkreises, der von dieser neuen Gesellschaftsordnung besonders profitierte, entweder indem er sie schützte oder ihr parasitär aufhockte. Abstract: Technical-archaeological Perspectives for the Emergence of Specialized Assault Weapons Made of Stone and Copper in the Southern Levant (4th–3rd Millennium BC) This paper deals with the evolution of specialised assault weapons in the southern Levant from a point of view of technical innovation. Even though many of the technical prerequisites for casting copper swords and Epsilon axes were already available in the Late Chalcolithic or Early Bronze Age I, it is not before 3000 BC that we can date the majority of the finds. However, there is both evidence from artefacts, as well as from the logic of technical innovation that the beginning of their production can be traced back to the second half of the 4th millennium BC. The author makes the argument that it is not by chance that this is a horizon in which established concentrations of power in yet unknown dimensions as well as technical innovations as the sailing boat, the wagon or the trade with metal ingots can be found. The weapons are interpreted as being objects of defining the status of a group of people profiting from this new socio-economic relations, either protecting it or being parasitic elements in it.

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Beim vorliegenden Text handelt es sich um den mit Anmerkungen ergänzten und sprachlich leicht modifizierten Vortrag, der am 15.3.2013 in Würzburg gehalten wurde. Mein Dank gilt den Organisatoren für die Einladung und den reibungslosen Ablauf der Konferenz, der die Gespräche mit Fachkollegen sehr erleichtert hat.

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Klimscha, Technikarchäologische Perspektiven

Einleitung Im Wirrwarr der erwiesenen, mutmaßlichen und vermutlichen Determinanten der kulturellen Evolution nehmen Technik und Innovation zentrale Schlüsselpositionen ein. Die Bedeutung kriegstechnischer Innovationen für die ur- und frühgeschichtlichen Epochen wurde allerdings bislang eher zaghaft und im populären Rahmen diskutiert. Das verwundert, denn fortwährende Innovationen sind keineswegs ein Phänomen, das auf die digitale Welt des frühen 21. Jahrhunderts beschränkt ist. Schon gar nicht im Bereich der Militärtechnik. Dies möchte ich im Folgenden anhand der Kupfer- und Bronzezeit in der südlichen Levante erörtern. Mein Beitrag behandelt dabei eine Region, die zunächst etwas abgelegen erscheint und in der die Bronzezeit – zumindest terminologisch – erheblich früher beginnt als in Europa. Das Schwert allerdings spielt auch in der Bronzezeit Südwest­asiens eine entscheidende Rolle. Im Folgenden sollen Schwerter des späten 4. und frühen 3. Jahrtausends v. Chr. hinsichtlich ihrer Entstehung und Einbettung in lokal verfügbare Wissensbestände untersucht und davon ausgehend die Verbreitung nach Europa diskutiert werden. Anders gefragt: Warum erreichen Metallschwerter Europa erst über 1000 Jahre nach ihrem Aufkommen in Vorderasien? Arbeitsgebiet und -zeitraum In meiner Analyse beschränke ich mich auf die südliche Levante 2. Die kulturelle Entwicklung dieser Region ist jedoch keineswegs ohne einen Blick auf Ägypten und den Sinai zu verstehen, die deswegen mitunter zu Vergleichszwecken herangezogen werden sollen. Ich beginne im Chalkolithikum, das auch als Ghassulian oder GhassulBe’er-sheva Kultur bekannt ist und grob gesprochen die 2. Hälfte des 5. Jahrtausends und das 1. Jahrhundert des 4. Jahrtausends v. Chr. einnimmt (Gilead 1988; Gilead 2009). Der Übergang zur Frühbronzezeit I ist momentan noch nicht eindeutig geklärt. Traditionell wird mit dem Beginn

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Abb. 1: Waffen aus Kriegergräbern des Übergangshorizonts von der Früh- zur Mittelbronzezeit (Early Bronze IV oder Intermediate Bronze Age) aus Jericho, Tell es-Sultan, palästinensische Autonomiegebiete (nach Kenyon 1957, 198 Fig. 11).

nicht vor 3600 v. Chr. gerechnet, jedoch zeigen neue Forschungen in Ashquelon und am Golf von Aqaba, dass vielleicht auch ein noch früherer Beginn oder eine Übergangsstufe zu erwägen ist (Milevski 2011; Golani/Segal 2002; Klimscha 2009; momentan laufen auch verschiedene Programme zur genauen Datierung der Frühbronzezeit, vgl. Regev u. a. 2012a; Regev u. a. 2012b). Das 3. Jahrtausend wiederum wird von den Stufen II, III und IV der Frühbronzezeit eingenommen. Ab der Frühbronzezeit III tauchen Zinnbronzen auf. Die Frühbronzezeit IV ist durch eine große Anzahl an Kriegergräbern gekennzeichnet (Abb. 1). Während dieser Abschnitt und die folgende Mittelbronzezeit verhältnismäßig gut erforscht sind, werden die Stufen Frühbronzezeit I und II wegen der weitestgehenden Absenz von Waffen eher selten unter kriegstechnischen Aspekten behandelt, und die fassbaren sozio-ökonomischen Veränderungen nicht explizit mit Veränderungen in der Konfliktführung in Verbindung gebracht.

Darunter fasse ich die modernen Staaten Israel, Jordanien, Libanon und Teile von Syrien sowie die palästinensischen Autonomiegebiete zusammen.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Technik und Diffusion Nach E. Rogers (2003) lässt sich der Diffusionsprozess in verschiedene Stadien untergliedern. Ausschlaggebend für die Adaption einer Innovation sind dabei ihre Komplexität (complexity), die Möglichkeit, sie auszuprobieren (triability), die Kompatibilität mit den sozialen Rahmenbedingungen (compatibility), relative Vorteile gegenüber althergebrachten Objekten (relative advantage) und die Möglichkeit, die Innovation in ihrer Anwendung zu beobachten (observability). Überzeugen Innovationen bei diesen Kriterien, dann werden sie sukzessive von einer zunehmenden Zahl an Menschen genutzt, was Rogers als Take off bezeichnet (Abb. 2). Nach einem erfolgreichen Take off steigt die Zahl der Nutzer, bis schließlich der Bedarf gedeckt ist und die Innovation aufhört, eine solche zu sein. Die moderne Soziologie verweist vor allem auf die Vernetzung von Techniken innerhalb eines Systems, in dem sich Technik und Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen und über lange Zeiträume hinweg gegenseitig strukturieren (Rammert 2007, 19). Techniken müssen dafür jedoch auch kompatibel mit dem Sozialsystem sein, in dem sie wirken sollen (Rammert 2007, 23 f.). Wenngleich neue Techniken vielfach mit Einzelpersonen verbunden werden, ist ihre Entwicklung weitaus komplizierter. Technische Innovationen greifen auf Elemente bekannter Techniken zurück und verbessern diese, oder sie kombinieren alt bekanntes in neuer Art und Weise (Basalla 1989). Neue Techniken können somit als höchst komplexe Veränderung der Variablen eines Sozialsystems betrachtet werden. Ihre Ausbreitung zwingt Gesellschaften dazu, sich entweder der Innovation zu verschließen, oder sich dahingehend zu verändern, dass die Technik implementiert werden kann. Diffusionsprozesse können sowohl geographisch als auch chronologisch mit den Methoden der prähistorischen Archäologie nachgezeichnet werden und sind spätestens seit den Arbeiten V. G. Childes (1937; Childe 1951) ein gängiges wissenschaftliches Erklärungsmodell, denn auch prähistorische Gesellschaften investieren einen nicht geringfügigen Teil der verfügbaren Arbeitskraft in die Veränderung der ihnen bekannten Artefakte. Childe leitete die wichtige Bedeutung von Technik aus archäologischen Funden ab, zeigte dabei allerdings auch, wie

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Abb. 2: Schematische Darstellung des Diffusionsprozesses als Kurve (nach Rogers 2003).

bestimmte Gesellschaftsformen erst die Generierung neuer Techniken ermöglichten. Ich möchte im Folgenden versuchen, die technischen Voraussetzungen bronzezeitlicher Kriegstechniken und ihre soziale Einbettung in der Levante näher zu analysieren, insbesondere anhand spezialisierter Angriffswaffen. Flintschwerter Schwerter stellen in der Entwicklung der Angriffswaffen einen drastischen Bruch zu allen vorangegangenen Waffen dar. Sie tauchen zum einen erheblich später als Keulen, Äxte, Speere, Lanzen sowie Pfeil und Bogen, die allesamt paläolithische bzw. mesolithische Vorläufer haben3, im Fundstoff auf, und zum anderen ist es nicht möglich, eine Entwicklung aus Jagdwaffen abzuleiten. Im Gegensatz zu den genannten Waffen erfordern Schwerter auch das Erlernen neuer Bewegungen und Kampftechniken, da sie sich nicht aus praktischen Tätigkeiten (Stampfen, Hämmern, Holzbearbeitung, Jagd) ableiten. Wenngleich sich bereits mit den kupferzeitlichen Streit­ äxten und vielleicht noch früher mit den Keulen Waffenkategorien etablieren, die es erfordern, dem Gegner aus nächster Nähe physisch entgegenzutreten, scheint mit dem technisch weitaus anspruchsvolleren Schwert eine neue Dimension erreicht zu sein, sowohl hinsichtlich der Herstellung, die den Guss von 40–60 cm langen Klingen erfordert, als

Neben den Schöninger Speeren und der Lanze aus Lehringen sei hier auf die spätpaläolithischen Lyngbybeile verwiesen.

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Klimscha, Technikarchäologische Perspektiven

auch bei der Handhabung, die neben den Angriffsformen von Lanze/Dolch (Stich) und Axt (Hieb) auch die Abwehr gegnerischer Angriffe erlaubt. Freilich sind schwertartige Waffen nicht erst ab der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. bekannt, sondern bereits gut tausend Jahre früher, wie das Flintschwert aus Giurgiuleşti in der Moldau beweist (Haheu/ Kurciatov 1993) (Abb. 3). Zwar ist es schwierig, Flintschwerter im Fundstoff zu identifizieren, aber in den bekannten Gräbern spielen sie kaum eine Rolle. Insofern ist das Gießen erster Schwerter sehr relevant, weil dazu nicht nur die Vorstellung langer Klingenwaffen von Nöten ist und ein Gesellschafts- bzw. Konfliktmodell, in dem Schwerter sinnvoll einsetzbar sind, sondern eben auch die Technik, um lange, aber schmale und dünne Objekte zu gießen. Das Prinzip der Waffenherstellung ist insofern demjenigen der Streitäxte nahezu konträr entgegen gesetzt. Man wird dem Phänomen früher Schwerter sicherlich nicht gerecht, wenn man einfach auf eine Tradition der Flint- über die Kupfer- hin zu den Bronzeschwertern verweist. Zu unterschiedlich sind nicht nur das Erscheinungsbild sondern auch die Herstellung. Dies verdeutlicht die folgende soziotechnische Analyse. Metallschwerter in einer châine opératoire Um sich als Innovation zu verbreiten, müssen Techniken als neu und nützlich wahrgenommen werden. Mit dieser Definition ist die notwendige soziale Einbindung einer Innovation automatisch bereits vorgegeben. Die Beziehungen von Technik und Gesellschaft beschränken sich dabei jedoch keineswegs auf das Artefakt an sich, sondern sind weitaus umfassender und lassen sich unterschiedlich gliedern. Neben den Ebenen der Produktion und Konsumtion, d. h. Nutzung, lassen sich in Anlehnung an W. Rammert (2007) vor allem drei Bereiche der Technik unterscheiden: Neben dem bereits genannten Artefakt stehen gleichberechtigt eine symbolische Komponente, Algorithmisierung genannt, sowie die Habitualisierung bestimmter Tätigkeiten, d. h. die von M. Mauss als Körpertechniken bezeichneten Abläufe. Dieses Netz von Beziehungen beeinflusst auf verschiedene Art und Weise das Handeln eines Sozialsystems. Dabei zwingt die Technik die Gesellschaft immer wieder, die Konventionen und Routinen grundlegender Aktionen, wie der Statuszuweisung, Güterdistribution und Produktion, Kriegsführung u. v. m. zu verändern. Technik verändert die althergebrachten Beziehungen und kann dabei zu

Abb. 3: Flintschwert aus Giurgiuleşti, Republik Moldau (nach Haheu/Kurciatov 1993, 112).

einer sozialen Krise führen. Diese Krise ist jedoch nie endgültig, sondern bestimmt nur die Ausgangsbedingungen für neue Techniken und damit verbundenes soziales Handeln. Auf ein konkretes Beispiel bezogen, lässt sich z. B. das Schwert nicht sinnvoll ohne die Legierungen und Gusstechniken nutzen, die die Produktion sehr flacher, aber gleichzeitig langer Objekte möglich machen. Spezielle Kampftechniken sind ebenso nötig, denn im Gegensatz zur älteren Streitaxt hat das Schwert keine Jahrtausende währende Tradition im lithischen Artefaktspektrum. Ebenso ist ein Konsens der kriegführenden Parteien von Nöten, der Fernwaffen derart sanktioniert, dass ein Nahkampf zwischen schwerttragenden Kriegern möglich und sinnvoll wird. Zuletzt ist eine bestimmte Form der Organisation vorauszusetzen, die Krieger darauf drillt, den Fluchtinstinkt zu unterdrücken und eine Form des Kampfes zu suchen, die Gefahr für das eigene Leben birgt. Das Schwert ist ausschließlich für den Kampf Mensch gegen Mensch entwickelt worden und lässt sich z. B. nicht aus der

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Jagd erklären. Es impliziert eine vollständig andere Art des Kämpfens und einen neuen Kriegertypus. Kupferschwerter zeigen, wie technische Innovationen für den Krieg gebündelt genutzt wurden. Sie stellen ein illustratives Beispiel für das vielfältige Beziehungsgeflecht dar, ohne das ihre Produktion und Verwendung nicht denkbar wäre. Um Entstehung und Bedeutung früher Schwerter zu klären, ist es nötig, die technische Entwicklung der einzelnen Schritte der eben skizzierten châine opératoire in einer langfristigen historischen Perspektive zu verfolgen (vgl. Hauptmann 1991 für eine ähnliche Analyse der frühen Metallurgie). Dies führt uns in das späte 5. Jahrtausend v. Chr., in die Ghassul-Be’ersheva-Kultur. Gußtechnik, Legierung Von Bedeutung ist der berühmte Hortfund aus der Cave of the Treasure, der im Nahal Mishmar, im heutigen Israel, gefunden wurde (ausführlich Klimscha 2013). Der Hort enthielt 426 Fundstücke, 416 davon aus Kupfer, die z. T. im Wachsausschmelzverfahren hergestellt worden sind (Bar-Adon 1980; Moorey 1988; Shalev/Northover 1993). Es handelt sich in der Hauptsache um kupferne Keulenköpfe. Des Weiteren enthält der Hortfund aber auch gegossene Gefäße sowie als Standarten und Kronen bezeichnete Objekte. Radiokarbondatierungen aus der Höhle ergaben ursprünglich ein Datum um 3600 v. Chr. und kontextualisierten den Hortfund mit der beginnenden Urbanisierung der Levante. Neue 14C-Daten von der Strohmatte, in die die Kupferobjekte eingewickelt worden waren, und typologische Vergleiche zu unabhängig datierten Neufunden zeigen nun aber deutlich, dass die Niederlegung mindestens 500 Jahre früher, nämlich zwischen 4300 und 4100 v. Chr. stattfand (Aardsma 2001; Klimscha 2012). Neben dem Guss in verlorener Form, der nach Ausweis neuer petrographischer Untersuchungen von Tonresten an den Objekten in der Umgebung von En Gedi am Toten Meer, also lokal, stattfand, ist bemerkenswert, dass die Objekte hohe Anteile von Arsen und Antimon enthalten. Neben der Nutzung von Fahlerzen, wie sie z. B. A. Hauptmann (1991) annimmt, ist nicht auszuschließen, dass die Zusammensetzung durch erste Experimente mit Legierungen entstanden, wofür neben ethnographischen Parallelen aus Südamerika auch die z. T. sehr hohen, 5–8 % erreichenden Arsenanteile im Kupfer sowie der Nachweis von Arsen in Schlacken

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im zeitgleichen Abu Matar sprächen (Goren 2008, 376; Gošić 2008, 71 f.). Die Verbreitung derartiger Prestigeobjekte ist sehr beschränkt und offenbar an die Verbindung oder Kontrolle der Verhüttungsplätze gebunden (Shalev 1991). Damit einher kam ein drastischer Wandel der weitestgehend egalitären Sozialsysteme des späten Pottery Neolithic B, der sich heute jedoch erheblich komplexer und länger andauernd darstellt (vgl. Garfinkel u. a. 2014). Hierarchien Ein „Zepter“ stammt auch aus der Nahal Qanah Höhle, die um 4200 v. Chr. datiert wird (Gopher/ Tsuk 1996). Von dort kommen ferner acht Goldund Elektrumringe, die in zwei Konzentrationen gefunden wurden und wahrscheinlich zu zerstörten chalkolithischen Bestattungen gehörten. Insgesamt wiegen die Ringe beinahe 1 kg und sind damit – wenn man die Beigabe im Grab als Zurschaustellung sozialer Ungleichheit betrachtet – durchaus mit den reichsten Bestattungen in Varna zu vergleichen (vgl. Klimscha 2012). Der zeitgleiche äneolithische Friedhof in Byblos zeigt nicht nur eine deutliche Hierarchie unterschiedlich reich ausgestatteter Gräber, sondern dort wird Silber auch genutzt, um die Schäfte von Steinwaffen zu verzieren – ebenfalls analog zu Varna (Dunand 1973, 305). Der Nachweis deutlich gestaffelter Hierarchien und ihrer Verbindung mit der Kontrolle von Metallen gelingt damit im 5. Jahrtausend v. Chr. Die äußerst innovative Metallurgie der südlichen Levante, die bislang als eine Art Sonderentwicklung wirkte, steht nun nicht mehr isoliert da, sondern fügt sich in das größere Bild und lässt in einem vergleichbaren Zeitabschnitt ähnliche Ausprägungen wie z. B. im Balkanraum erkennen. Sind somit die prinzipiellen technischen und sozialen Grundbedingungen für die Schwertproduktion bereits im Chalkolithikum erfüllt, so fehlt es immer noch an technischen Details. Insbesondere der Fähigkeit, lange, aber gleichzeitig dünne und breite Objekte blasenfrei und stabil zu gießen, kommt meines Erachtens große Bedeutung zu. Quantität und Qualität von Metall im 5. und 4. Jahrtausend v. Chr. Der Guss von Kupferobjekten beginnt mit der Produktion von Beilen. Erste Beilklingen tauchen in

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Abb. 4: Die Entwicklung der Größe (insbesondere der maximalen Stärke) von Beilklingen im Chalkolithikum und der Frühbronzezeit in der südlichen Levante.

Abb. 5: Funde aus Azor und Vergleiche aus dem prädynastischen Ägypten (nach Ben Tor 1975; Hartung 2001).

Palästina und Transjordanien vor der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. in der chalkolithischen Ghassul-Be’er-sheva-Kultur auf (zum Ghassulian: Gilead 1988; zu dessen Datierung: Gilead 2009; Klimscha 2009; Klimscha 2012). Die Fertigung der Gegenstände fand nach Aussage der archäologischen Befunde in kleinen, möglicherweise zu einem sehr komplexen Siedlungssystem gehörigen Plätzen entlang beider Flanken des Wadi Beersheba statt, wo regelhaft die Rückstände von Verhüttung und Metallgießerei vorgefunden werden (Shalev/North­ over 1987; Shalev u. a. 1992; Golden u. a. 2001; Perrot 1955; Perrot 1957; Perrot 1984; Gilead u. a. 1992; Shugar 1998; Eldar/Baumgarten 1985; Gilead/Fabian 2001; Gilead/Fabian 2011). Diese Beilklingen sind noch recht stämmig und verhältnismäßig dick oder sehr lang und dünn und nur in einer Handvoll Kontexten überliefert, wohingegen große Mengen von Flintbeilen in den zeitgleichen Siedlungen häufig auftreten (Barkai 2008). Im Verlaufe der Frühbronzezeit jedoch werden die Beilklingen sukzessive dünner (im Schnitt <15 mm), gleichzeitig jedoch länger (>14 cm) und schwerer (>400 g) (Abb. 4). Damit sind sie beinahe so dünn wie frühe Schwertklingen und gleichzeitig so schwer wie die größten chalkolithischen Beilklingen. Ob diese Kombination Vorteile hinsichtlich der Handhabung ergab, ist schwer nachzuvollziehen, jedenfalls ist sie unschwer als technische Entwicklung hin zu dünnen, aber schweren und langen Objekten erkennbar. In der Frühbronzezeit werden auch keine Flintbeile mehr produziert, was gemeinhin als Folge eines deutlich gestiegenen Angebots an Kupfer gesehen wird. Bis auf die nun wirklich massenhaft hergestellten Sicheln scheinen in der Folge sämtliche Flintgeräte durch Kupferpendants ersetzt zu werden. Eine frühbronzezeitliche Bestattung aus Azor, die u. a. ein ägyptisches Flintmesser in ripple-flakeTechnik enthielt, verdeutlicht, dass die anhand der Beile sichtbare Tendenz, schmalere Objekte zu gießen, auch bei anderen Objekten sinnvoll eingesetzt werden konnte (Ben-Tor 1975, 22) (Abb. 5). Bei dem Messer handelt es sich um die Ausstattung zeitgleicher ägyptischer Eliten, die in der Levante im Sinne T. Veblens (1994 [1899]) als modisches Accessoire einer als überlegen verstandenen Gruppe aufgefasst wurden. Das Flintmesser referiert ebenso Macht wie Gold und Waffen dies im 5. Jahrtausend v. Chr. taten. Die Mittelrippe an Dolchen und Kurzschwertern, die die Klinge stabiler und die Waffe somit effizienter macht, ist eine Innovation, die in

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derselben Zeit sowohl in der Levante als auch in Ägypten auftaucht und den beiderseitigen Kontakt unterstreicht, der zur schnelleren Ausbreitung von Innovationen führte. Die Mittelrippe belegt auch den funktionalen Anspruch der Produzenten, denn sie erklärt sich durch den Wunsch, möglichst langen Objekten mehr Stabilität zu geben. Fassen wir die ersten Dolche in der Levante in der 2. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr., so datieren die archäologischen Belege für Metallschwerter bereits an das Ende des 4. Jahrtausends. Beide Typen stehen also in einer verhältnismäßig kurzen, direkt miteinander verbundenen handwerklichen Tradition. Eines der ältesten bekannten Schwerter aus Kupfer stammt aus Megiddo, Israel. Es ist 57 cm lang und wiegt 2,3 kg; das Schwert ist maximal 11,5 cm breit und 2,5 cm dick (Abb. 6). Nachuntersuchungen an der Universität Tel Aviv ermöglichten es, den Fundkontext als jünger als die späte Stufe Early Bronze (EB) Ib zu bestimmen (Finkelstein u. a. 2000; vgl. auch Greenberg 2003). Momentan wird für EB Ib der Zeitabschnitt 3300– 2950 v. Chr. vorgeschlagen (Milevski 2009, 126 Tab. 1; Milevski 2011). EB Ib hat E. Braun (2009, 48) anhand der Analyse von Serekhs mit der Dynastie 0, explizit dem Grab U-j in Abydos Umm elQaab, parallelisiert, auf das noch zurückzukommen sein wird. Das Grab U-j lässt sich anhand stilistischer Analogien in die Stufe Naqada IIa2 datieren, was durch zwei 14C-Daten um 3400/3300 v. Chr. und die Belegungsabfolge des Friedhofs abgesichert wird (Hartung 2001). Das Schwert ist typologisch zwar singulär, kann jedoch unschwer in den Kontext früher Klingenwaffen um 3000 v. Chr. gestellt werden. Zu nennen wären dabei die neun Schwerter aus einem „Hort“ vom Arslantepe bei Malatya, der im Gebäude III, Raum A 113 gefunden wurde; der Kontext kann in die Periode VI A (3350–3000 v. Chr.) des Arslantepe datiert werden (Palmieri 1981, bes. 109 f.). Von dort stammt auch eine sehr opulent ausgestattete, als „Königsgrab“ bekannte Bestattung, die ein Schwert enthielt und in die Periode VI B2 (ca. 3000–2900 v. Chr.) gehört (Palumbi 2008, 108; zu den 14C -Daten vgl. insbes. Frangipane u. a. 2001, 133– 135). Das Schwert befand sich neben einer Reihe wertvoller Beigaben zusammen mit zwei Flachbeilen auf dem Boden des Steinkistengrabs T1. Unter den spektakulären Beigaben, die an verschiedenen Plätzen in der Grabkammer konzentriert waren, sind besonders ein weiteres Kurzschwert (bzw. ein langer

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Abb. 6: Zeremonialschwertklinge aus Megiddo, Israel.

Dolch mit Griffdornschäftung), zwei Nadeln mit Vierfachspirale, neun Lanzenspitzen, zwei weitere Flachbeile, zwei Meißel, ein goldener Lockenring und drei unterschiedliche Dolche zu nennen (vgl. zu den Funden Frangipane u. a. 2001, 116 Abb. 18; 117 Abb. 19; 118 Abb. 21; zur chemischen Zusammensetzung Hauptmann u. a. 2002). Das Grab wird direkt nach dem Zusammenbruch des Palastsys­ tems und zeitgleich zum Auftauchen handgemachter rot-schwarzer Keramik, wie sie für Transkaukasien typisch ist, angelegt. Nach M. Frangipane repräsentiert es eine neue Herrschergruppe, die für den radikalen Wandel am Arslantepe verantwortlich war (ausführlich zu dieser Thematik Palumbi 2008; eine

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Klimscha, Technikarchäologische Perspektiven

Abb. 7: Lanzenspitzen aus Arsenkupfer aus dem Hortfund von Kfar Monash, Israel.

knappere Zusammenfassung bieten auch Frangipane/Palmieri 1983 und Frangipane u. a. 2001; vgl. zum Palastkomplex Frangipane 1997). G. Palumbis typologische Analyse der Beigaben gibt deutliche Bezüge in den Schwarzmeerraum zu erkennen. Hier sei nur das unlängst ausführlich diskutierte Grab 5 aus Kurgan 31 in Klady erwähnt (vgl. u. a. Hansen 2010; Hansen 2011). In einer technischen Perspektive ist auch der Hortfund von Kfar Monash von Belang, denn unter

den darin geopferten Objekten befinden sich bis zu 66 cm lange und bis zu 2 kg schwere Griffdornlanzen oder -schwerter (Abb. 7). Die Datierung des Fundes ist umstritten: Während ursprünglich die Zeit um 3000 v. Chr. vorgeschlagen wurde, haben verschiedene Autoren auch für erheblich jüngere zeitliche Ansätze plädiert (Hestrin/Tadmor 1963; Ben-Tor 1971; Watkins 1975; Philip 1988; Tadmor 2002). Da organische Bestandteile fehlen, sind typologische Analogien ausschlaggebend für die Datierung. Verhältnismäßig gut sind Vergleiche bei den Beilen aus lokalen und überregionalen Kontexten des späten 4. und frühen 3. Jahrtausends v. Chr. zu nennen (vgl. Hestrin/Tadmor 1963 mit ausführlicher Diskussion der Typologie). Im prä- und frühdynastischen Ägypten sind zwar Dolche und Beilklingen bekannt, die Bezüge nach Palästina aufweisen, jedoch keinerlei Kupferschwerter. Ein Grund dafür mag in der besonderen Überlieferungssituation liegen. Schwerter sind kein Teil der Grabausstattung, und die überlieferten Exemplare sind ausschließlich nicht-funktionale Schwerter. Daher ist es schwierig, das wirkliche Vorkommen zu bestimmen, und die Funde zeigen zwar die Kenntnis, aber nicht unbedingt die Unkenntnis. Gerade der religiös-zeremonielle Kontext und die Herstellungsdetails von Waffen wie aus Megiddo und Arslantepe zeigen deutlich, dass es sich um ikonische Zeichen handelt. Funde, die sich genauso lesen lassen, sind in Ägypten unschwer zu erkennen: In Tell el-Farkha stammt ein 51 cm langes Flintmesser mit flachrhombischem Querschnitt aus dem Eastern Kom (Chłodniki/Ciałowicz 2008, 120 f. Fig. 43), das typologisch in ein spätes Naqada II/frühes Naqada III datiert werden kann (Abb. 8); ihm zur Seite stellen lässt sich ein 72 cm langes und 1 kg schweres Silexmesser aus Abydos (Hikade 1997). Die Dimensionen, ebenso wie die typologischen Parallelen zu den Kupferschwertern des späten 4. Jahrtausends v. Chr., erlauben es, diese „Messer“ als analoge Zeichen zu lesen und eine profunde technische Kenntnis im Gießen von Klingenwaffen vorauszusetzen. Typologisch sind die Unterschiede zwischen all den genannten Funden sehr groß. Eine direkte Diffusion eines neuen und einzigartigen Schwerttyps kann folglich nicht nachgewiesen werden. Entweder ist daher anzunehmen, dass wir mit der ab 3000 v. Chr. einsetzenden Kupferschwerttradition erst ein spätes, regional ausdifferenziertes Stadium langer Klingenwaffen archäologisch fassen, oder aber, die für die südliche Levante aufgezeigte Techniktradition

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fand in anderen Regionen in ähnlicher Art und Weise statt, vielleicht sogar mit der Levante verbunden, führte dann aber bei der Entwicklung von Dolchen zu Schwertern eben zu unterschiedlichen Lösungen und daher typologisch voneinander unabhängigen Artefakten. Lösen kann und will ich dieses Dilemma nicht. Die Betrachtung einiger anderer wichtiger, gleichzeitig ablaufender Entwicklungen erhellt jedoch die Technikgenese des Schwertes ganz erheblich. Zunächst einmal wäre zu hinterfragen, inwiefern der Schluss von den frühen Schwertern, die ja allesamt Prunk- oder Zeremonialwaffen darstellen, auf etwaige Kampfhandlungen gestattet ist. Ohne Waffengräber ist diese Frage nur indirekt zu beantworten, und zwar mit dem Verweis auf die Entwicklung der Streitäxte. Die Epsilonaxt mit drei Griffzungen ist sicherlich nicht als Werkzeug zu verstehen, sondern ebenfalls als spezialisierte Nahkampfwaffe. Ihre Datierung erfolgt traditionell in die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr., wofür das Einsetzen der Realienfunde ausschlaggebend ist. Jedoch haben B. Sass und M. Sebbane (2006) von der Universität Tel Aviv kürzlich überzeugend aufzeigen können, dass die Entwicklung in der 2. Hälfte des 4. Jahrtausends in Ägypten und Mesopotamien einsetzt. Spätestens kurz nach 3000 v. Chr. sind mit einer Gussform aus Halawa (Lüth 1989, 170) und eventuell einem ähnlich zu datierenden Einzelfund aus Kfar Monash (Ben-Tor 1971) auch Hinweise auf die Produktion dieser Waffe in der Levante zu finden. Will man nicht die Epsilonaxt ebenfalls ausschließlich als Zeremonialobjekt erklären, dann zeigt sich an diesen ebenfalls sehr langen und dünnen Waffen meiner Ansicht nach die regelhafte Nutzung verschiedener Angriffswaffen spätestens ab dem Intervall 3500–3000 v. Chr. Der technisch-soziale Kontext früher Schwerter Während die Levante nicht zu dem Gebiet gehört, in dem die frühesten Räderfahrzeuge ab 3400 v. Chr. archäologisch nachweisbar sind (Fansa/Burmeister 2004), so nimmt sie an dem damit verbundenen Prozess der Nutzbarmachung tierischer Zugkraft dennoch teil. Zwei Ochsen unter einem Joch, die in einer Keramikschale dargestellt wurden, lassen sich in die 2. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. datieren und sind damit zeitgleich mit den frühesten Nachweisen gejochter Rinderpaare in Europa und Mesopotamien (Dayagi-Mendels/Rozenberg 2010, 39

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Abb. 8: Flintschwert aus Tell el-Farkha, Ägypten (nach Chłodniki/Ciałowicz 2008, 120–121 Fig. 43).

Abb. 4). Spätestens um 3500 v. Chr. lässt sich auch der Hausesel als Figurine und im archäozoologischen Befund nachweisen (Milevski 2011, 177–192; 185 Fig. 10.3). Zu diesen neuen Transportmöglichkeiten gesellt sich das Segelschiff, das in der mittleren Naqada-Zeit Ägyptens nachweisbar ist (für einige Beispiele vgl. z. B. Hendrickx 2011, 78 Fig. 8), im Persischen Golf jedoch wohl schon früher benutzt wurde (vgl. z. B. Mark 2006). Die in der Bewaffnung ab 3500 v. Chr. nachweisbaren Bezüge zwischen der Levante und Ägypten scheinen zumindest teilweise auch auf die intensive Nutzung dieser Technologien zurückzuführen zu sein. Um 3600 v. Chr. wird auch eine exzeptionelle Bestattung in Hierakonpolis datiert, der eine ganze Vielzahl an geopferten Tieren und Menschen zugeordnet

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waren (Friedman 2011, 39 f.). Neben 36 Menschen im Alter von 8 bis 35 Jahren sind sicherlich die Bestattungen eines Auerochsen und eines afrikanischen Elefanten als besonders spektakulär zu werten, die beide lokal nicht vorkommen. In der 1. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. wird mit Tall Hujayrat al-Ghuzlan bei Aqaba eine Siedlung in einer Region mit jährlich weniger als 50 mm Niederschlag errichtet (Khalil/Schmidt 2009). Möglich ist das durch die innovative Nutzung eines Bewässerungssystems und die Versorgung der Siedlung über mobile Bevölkerungen (Heemeier u. a. 2009; Klimscha u. a. 2012). Domestizierte Esel sind ebenfalls nachweisbar (Benecke 2009). Besonders interessant ist jedoch, dass zwischen 3650 und 3500 v. Chr. der Ort große Mengen Kupferhalbfertigprodukte produziert (Pfeiffer 2009; Klimscha 2013). Mehrere hundert Fragmente von Gussformen und Tiegeln sind in den 2004–2010 geöffneten Schnitten zutage gekommen (Klimscha 2013). Neben Pfriemen und Beilen wurden vor allem Barren gegossen, so dass nicht nur die Fundmenge, sondern auch die Artefakte eine Produktion für den Weitertransport suggerieren. Inwiefern Machtkonzentrationen in Ägypten für die Veränderung des Fundmaterials verantwortlich waren, lässt sich nicht entscheiden. Sicher aber ist, dass der Ort in ein vielfältiges Netz an Fernbeziehungen eingebunden war. Neben den vom Libanon bis ins Nildelta verbreiteten Fächerschabern sind die Funde von Kupferbarren in Maadi und die dazu korrespondierenden Gussformen in Hujayrat al-Ghuzlan bei Aqaba der beste Beleg für die neue Intensität des Austauschs über den Sinai, das Mittelmeer und das Rote Meer (Abb. 9). Beide datieren in dasselbe Zeitintervall und bezogen, nach Aussage der Spurenelementanalysen, ihr Kupfer aus derselben Lagerstätte in Timna oder Feinan (Hauptmann u. a. 2009). Je nachdem, wie man die Bedeutung des Kupfers für die Siedlungen bewertet, zeigt sich daher auch eine starke Abhängigkeit von der Regelmäßigkeit des Kontakts. Eine Befriedung der Transportwege erscheint also keineswegs ausgeschlossen. Kontakte zwischen Ägypten und der Levante gab es zwar auch im vorangehenden Chalkolithikum, jedoch beschränkte sich der Austausch auf Prestigeobjekte. Im 4. Jahrtausend v. Chr. sind es Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Gefäßinhalte und Halbfertigprodukte, die zirkulieren. Ab 3400/3300 v. Chr. steigt die Intensität noch weiter, und mit den Funden des beraubten Grabes U-j in Abydos Umm el-Qaab lässt

Abb. 9: Kupferbarren aus Maadi, Unterägypten und zeitgleiche Gussformen aus Tall Hujayrat al-Ghuzlan, Jordanien (nach Khalil/Schmidt 2009).

sich sogar die bürokratische Verwaltung des Handels greifen, in Form der Kennzeichnung von Importgefäßen mit Zeichentäfelchen, die Menge und Inhalt bestimmen (Dreyer 2011, 131 f.; vgl. auch Dreyer 1998; Hartung 1998). Schluss Für R. Carneiro (1970) war Krieg der entscheidende Faktor, der zur Entstehung komplexer Gesellschaften führte. Militärischer Druck in Kombination mit einer sehr begrenzten Menge agrarisch nutzbarer Territorien führe dazu, dass langfristig eine Gruppe Schwächere unterwerfen müsse, weil diese keine Möglichkeit hätten, dem Kriegsterror auszuweichen und sich deswegen unterwerfen oder auslöschen lassen müssten. Diese Umstände lägen vor allem im Niltal, in Peru, Mesoamerika, am Gelben Fluss in China, im Industal und in Mesopotamien vor. L. H. Keeley (2007) konnte zeigen, dass Krieg in vorstaatlichen Gesellschaften alltäglich ist, dass er zudem nicht weniger brutal ist und auch nicht weniger Opfer als der Krieg zwischen Staaten fordert. Neben ritualisierten Schlachten sind blutige Gemetzel – auch an Nicht-Kombattanten – hinlänglich bekannt. Diese Form des Konflikts bezeichnet H. Münkler (2004), einen Begriff von M. Kaldor (1999) aufgreifend, als

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Abb. 10: Schematische Darstellung der gegenseitigen Beeinflussung von Technik und Gesellschaft am Beispiel von Konflikten in der Levante (nach Greenberg/Paz 2005; Khalil/Schmidt 2009; Hartung 2001; Dreyer 1998; Dayagi-Mendels/Rozenberg 2010; Ben-Tor 1975; Fansa/Burmeister 2004).

die „Neuen Kriege“. Sie kommen immer dann auf, wenn Krieg nicht von staatlichen Kräften kontrolliert wird. Sie ähneln strukturell dem Balkankrieg oder dem dreißigjährigen Krieg. Neben offenen Schlachten sind vor allem Überfälle und Massaker kennzeichnend. Sie kehren in der Guerilla moderner Widerstandsbewegungen, Freiheitskämpfen und Terrorzellen zurück. „Neue Kriege“ beweisen heutzutage täglich, wie ganze Regionen verwüstet werden und einander bekämpfende warlords an der Macht bleiben, um den jeweiligen Gegner zu bekämpfen. Solche Konflikte dürfte es spätestens aber im Neolithikum gegeben haben (vgl. z. B. Windl 1999; Petrasch 1999). Die „Neuen Kriege“ sind also tatsächlich die älteste Kriegsform überhaupt. Die Entwicklung des Schwertes fällt allerdings genau in einen Zeitraum, in dem wir verschiedene

Bestrebungen fassen können, die darauf ausgerichtet sind, den Raum und damit die Konflikte darin zu kontrollieren. Die dezentral organisierten Tauschnetzwerke des Chalkolithikums werden durch bürokratisch geregelten Handel ersetzt, Distanzen durch neue Transporttechnologien verkleinert. Die Anlage von Bewässerungssystemen lässt zudem die Mobilisierung größerer Menschenmengen erahnen. Die Analyse der châine opératoire zeigte, dass die Voraussetzungen für die Produktion spezialisierter Nahkampfwaffen im späten 5. Jahrtausend v. Chr. vorhanden waren. Warum erfolgten dann aber keine Produktion von Kupferstreitäxten oder kein früher Versuch, Klingenwaffen herzustellen? Ich glaube, hier einen geringeren sozialen Organisationsgrad als Grund anführen zu können. Für die verwandtschaftlich organisierten Gruppen waren Allianzen und nicht

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Waffen ausschlaggebend für die militärische Lösung von Konflikten. In dem Maße, wie Machtkonzentrationen dauerhaft errichtet wurden, folgten Bestrebungen, die Fernkontakte zu sichern. Metall war im 4. Jahrtausend v. Chr., wie der Abbruch der Flintbeile zeigt, essentiell für das Funktionieren komplexer Gesellschaften geworden. Um das Metall aber fließen zu lassen, mussten die Transportwege gesichert werden, und dafür wiederum waren ausgebildete Krieger sicherlich eine sinnvolle Innovation, die sich schnell durchsetzte und zur rituellen Überhöhung der benutzten Waffen, wie eben Schwert, Epsilonaxt oder,

vielleicht schon früher einsetzend, der Keule führte. Die neuen Waffen sorgten dafür, dass sich die Art des Kampfes veränderte, was in der langfristigen Perspektive zur Entwicklung immer besserer Waffen und entsprechender Panzer und Schilde geführt hat. Spätestens ab der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. sind spezialisierte Nahkampfwaffen wohl in so großem Maße vorauszusetzen, dass sie die Errichtung langer Fortifikationen und Türme erforderlich machten, wie zahlreiche Beispiele, z. B. Tel Bet Yerah, belegen (Greenberg/Paz 2005) (vgl. auch Abb. 10). Krieg hatte nun eine völlig neue Dimension erreicht, in der organisierte Heere die warbands ersetzt hatten.

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Der Held in historischer Perspektive Svend Hansen

Zusammenfassung Nach der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege hat sich in Westeuropa eine Abkehr vom Heldentum entwickelt. Den postheroischen Gesellschaften sind die Tugenden, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert den öffentlichen Raum dominierten, fremd geworden: Ruhm und Ehre, Heldentum und Opfertod. Die Figur des Helden ist ein Sozialtypus, der zuerst durch die bronze- und früheisenzeitliche Textüberlieferung des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr. beschreibbar ist. Der Held ist eine auratische Gestalt, die ein außergewöhnliches Leben lebt. Die Epen Homers haben das Leitbild des Helden über Jahrhunderte geprägt. Sein erstes Auftreten dürfte freilich weit vor der schriftlichen Überlieferung liegen. In meinem Beitrag versuche ich, den „Helden“, verstanden als Sozialtypus, aus dem archäologischen Denkmälerbestand heraus zu konturieren. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends wird das Heldentum erstmals als Leitbild in einer „internationalen“ Sprache kodiert, die im Nordkaukasus ebenso verstanden wird wie im nördlichen Schwarzmeerraum oder auf der Apenninhalbinsel. Elemente dieses Codes sind der Hügel als Grabmonument, die Waffen im Grab und die anthropomorphen Stelen als Repräsentationsmedium des Helden. Sie dokumentieren den Herrschaftsanspruch dieser hervorgehobenen Individuen. Es liegt nahe, die Entstehung des Helden mit den technischen Innovationen der Zeit zu verbinden. Abstract: The Hero in Historical Perspective After the experience of two devastating world wars, Western Europe turned its back on heroism. The virtues dominating the public life in the 19th and 20th century – fame and honour, heroism and sacrificial death – were dismissed by the post-heroic societies. Heroes belong to a social type becoming describable in the 2nd and 1st millennium BC in the textual records of the late Bronze and early Iron Age. They are auratic individuals with extraordinary lives. Homer’s epics have shaped the heroic model for centuries. The first appearance of heroes certainly predates the written records. Based on archaeological remains, the author is trying to outline “heroes”, being understood as a social type. In the 2nd half of the 4th millennium BC the model of heroism is coded “internationally” for the first time, being understood in the north Caucasus region as well as in the Black Sea region and the Apennine Peninsula. Elements of this code are burial mounds as funeral monuments, weapons within graves and anthropomorphic steles as mediums on which heroes are represented. They document the claim to power of prominent individuals. Combining the formation of heroes with contemporary technical innovations is obvious.

Der Held in historischer Perspektive ist kein Thema für die uns inzwischen so geläufige geschlechtlich balancierte Sprache. Mutter Theresa wird zwar häufig als Heldin bezeichnet, und Michelle Obama wird in der Pose einer Heroine dargestellt (Abb. 1). Doch ist die Heldin eine moderne Person. So wie

die vielen Helden, die inzwischen unseren Alltag bevölkern. Genauer gesprochen sind sie Produkte der postheroischen Zeit. Der postheroische Heldenbegriff bringt Prometheus, Gilgamesch, König Artus, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Zorro und Supermann zusammen. Angeblich weil

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Hansen, Der Held in historischer Perspektive

sie einer „altruistischen Ethik“ folgen (Erbelding 2008, 369). Tatsächlich ist das Gemeinsame dieser bunten Reihe nur, dass diese angeblichen Helden herausragen: Sie sind eben keine Menschen wie du und ich. Zum klassischen Helden gehört die Tat. Ob die Abkopplung von der gewaltförmigen, mörderischen Tat überhaupt möglich ist, sei mit J. P. Reemtsma (2009, 46 f.) dahingestellt. Metaphorische Übertragungen des Heldenbegriffs in die Sphäre der Philosophie oder der Liebe gehören eindeutig in einen anderen Diskurs. Nach der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege hat sich in den entwickelten Gesellschaften Nordamerikas und Europas eine Abkehr vom Heroismus entwickelt. Ruhm und Ehre, die heldischen Tugenden, die noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert den öffentlichen Raum dominierten, sind den postheroischen Gesellschaften fremd geworden. Heldentum und Opfertod eignen sich nicht mehr zur Mobilisierung von Menschen. Wie die zahlreichen aktuellen Bezugnahmen auf den Helden zeigen, gibt es allerdings auch ein weiterbestehendes Interesse an ihm, aber an einem zeitgemäßen Helden, der sich für das Gute einsetzt. Der Held ist eine Figur, die über Jahrtausende nicht nur eine Gestalt aus dem Märchen, sondern in vielen Teilen Europas ein realer Bezugspunkt für die körperliche und geistige Erziehung der männlichen Jugend war – bis in die Neuzeit. Er lässt sich als ein eigener Sozialtypus beschreiben. Er ragt aufgrund seiner Kraft und anderen Fähigkeiten aus der Masse heraus, er ist eine auratische Gestalt, die ein außergewöhnliches Leben lebt. Entscheidend dafür, diesen in unseren Ohren heute seltsam fremd klingenden Begriff „Held“ oder „Heros“ im archäologischen Diskurs zu verwenden bzw. seine Anwendbarkeit auszuloten ist, dass es sich um eine emische Kategorie handelt. Es ist ein Begriff, den die antiken Gesellschaften verwendeten, um von bestimmten Menschen der Vergangenheit zu sprechen. Im griechischen Epos sind Agamemnon, Achilleus und Odysseus Heroen (ἥρωες). Die griechische Überlieferung ist für unser Verständnis des Helden maßgeblich. Herakles ist der Held par excellence (Heinrich 2006), eine höchst komplexe Figur, die hier nur stichwortartig angedeutet werden kann. Er ist halb göttlicher und halb menschlicher Herkunft. Die Prophezeiung sagt ihm die uneingeschränkte Herrschaft voraus, doch wird dies durch Hera vereitelt. Herakles muss stattdessen

Abb. 1: Tasse mit Darstellung von Michelle Obama (Photo S. Hansen).

zwölf Arbeiten verrichten. Die ersten fünf Arbeiten, wie der Kampf mit dem nemeischen Löwen oder der lernäischen Schlange, lassen sich als Zivilisationsleistungen, als Verwandlung von Wildnis in Kulturlandschaft verstehen. In diesen Arbeiten gewinnt er seine charakteristische Gestalt, seine Löwenhaut und die vergifteten Pfeile, die ihm später zum Verhängnis werden. Diesen peloponnesischen Arbeiten folgen jene, die ihn über Griechenland hinaus in andere Länder oder gar bis an die Ränder der bekannten Welt führen, bis er schließlich Kerberos aus der Unterwelt, dem Reich der Toten herbeischaffen muss. Um sich der goldenen Äpfel der Hesperiden zu bemächtigen, hält er zwischenzeitlich auch das Firmament. Er heiratet, gründet Dynastien, begründet Kulte. Herakles, der Kulturbringer, fällt immer wieder in Raserei und blindes Töten, sogar seiner eigenen Familie. Am Ende wird er in einem Hemd verbrennen, das mit dem Blut der lernäischen Schlange getränkt war. Davon unberührt ist seine Popularität während der gesam­ ten Antike und in der Renaissance. In der Antike spielten Heroenkulte eine wichtige Rolle. Die Helden waren allgegenwärtig. Die griechischen Helden sind Identifikationsfiguren, doch sind ihre Taten und Handlungen (ebenso wie die der Götter) zuweilen höchst fragwürdig. Jedenfalls sind sie mindestens ambivalent,

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

so dass man beispielsweise „Achill trotz seiner erschreckenden Eigenschaften als einen Menschen in Erinnerung behält, der nicht nur bewunderungswürdig, sondern auch sympathisch ist“ (Schmitt 2009, 861). Dazu dient die Heldendichtung, die unser Bild vom Helden formt und mittels derer sich die Leser an die Helden anverwandeln sollten. Achilleus ist Sohn eines Königs und der Meeresgöttin Thetis, er ist prächtig und schön, er ist schnellfüßig und tapfer. Er ist der stärkste der Achäer, ohne ihn kann Troia niemals erobert werden, und deshalb ist sein Zorn (mēnis) das Thema der Ilias, denn er ist der Grund für die lange erfolglose Belagerung. Der Wendepunkt des Geschehens ist der Tod des Patroklos, der im Zweikampf von Hektor getötet worden war. Erst der Tod des geliebten Patroklos lässt Achill in rasendem Zorn in den Kampf zurückkehren, wo er die Entscheidung gegen den troianischen Helden sucht. Schon dem sterbenden Hektor kündigt er an, dass er ihn nicht bestatten, den Leichnam den Hunden und den Vögeln überlassen werde. Er durchstößt dem Toten die Fersen und bindet ihn an den Wagen, schleift den Leichnam hinter sich her. Mehrfach schleift er ihn um Patroklos Grabhügel. Und jedesmal lässt er den Leichnam im Staub liegen, mit dem Gesicht nach unten. Schließlich greifen die Götter ein. Hermes geleitet Priamos in das Lager der Griechen, um Hektors Leichnam gegen erhebliche Zahlungen, Gewänder, Gold und Dreifüße, auszulösen. Bevor Achill den Leichnam übergibt, lässt er ihn waschen und salben, den Blicken des Priamos entzogen, damit der „bittere Anblick seines Sohnes“ Priamos nicht gegen ihn aufbringen würde. Er bittet ihn zum Mahl und bereitet ihm ein Lager, bevor dieser am Morgen unter Hermes’ Geleit den Leichnam nach Troia bringen kann, wo er schließlich am elften Tag danach bestattet wird. Damit endet die Ilias, und schon daraus lässt sich die Dimension des Frevels erkennen, die im Epos verhandelt wird. Ein vergleichbarer Frevel wird in der griechischen Literatur nur in Sophokles’ Tragödie Antigone verhandelt. Die Schändung des toten Hektor führt J.  P. Reemtsma (2008, 121 ff.) an, um die autotelische Form der Gewalt zu erläutern. Er unterscheidet sie von anderen Formen der Gewalt gegen den Körper, nämlich von lozierender und raptiver Gewalt, also solcher, die den Körper wegschaffen will bzw. am Körper Handlungen meist sexueller Natur ausführt. Das Ziel der autotelischen Gewalt ist sie selbst. Es

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ist die Gewalt, die uns am meisten verstört und am wenigsten erklärbar ist. Wann und wo hat das Heldentum eigentlich begonnen? Lässt sich hierfür ein historischer Rahmen bestimmen, oder gehören Helden zur Grundausstattung des Lebens? Natürlich gibt es Anführer von Gruppen, schon bei unseren nächsten Verwandten, einigen Primaten, rangeln Männchen um die Macht. Dass dies beispielsweise bei den Schimpansen der Fall ist, bei den Bonobos aber nicht, zeigt vor allem, dass man so einfach den Helden nicht aus der Evolutionsgeschichte herleiten kann. Dass Helden in allen Epochen und Kulturen zum „festen Bestandteil“ der Menschheit gehört haben sollen, ist nicht minder fraglich. Ist der mythologische Held die Verkörperung eines Archetypus? Der Kulturvergleich zeigt, dass es die Helden, wie Herakles und Gilgamesch, so sehr sie auch einen ubiquitären Anspruch erheben, nicht überall gibt. Die Frage, wann eigentlich der Held historisch entstanden ist, ist für das Verständnis des Phänomens ebenso notwendig wie eine Voraussetzung dafür, die historischen Frühformen kriegerischer Gewalt genauer zu beschreiben. S. Pinker (2011) vertritt die These, dass es nie friedlicher zugegangen sei als heute. Hierfür breitet er umfangreiches Zahlenmaterial aus, mit dem die Abnahme der Gewalt auf den verschiedensten Ebenen plausibel gemacht wird: Abnahme kriegerischer Gewalt, Abnahme der Mordraten, Abnahme der Gewalt gegen Frauen. Tatsächlich stützt sich Pinker für die Frühzeit auf Arbeiten von L. H. Keeley (1996) und K. Otterbein (2009), die von besonders hohen Todesraten ausgehen. An dem von Pinker verwendeten Datenmaterial sind berechtigte Zweifel formuliert worden (Ziemann 2012), die umso schwerer wiegen, weil Pinker quantitativ argumentiert. Natürlich sind für die Anfänge kriegerischer Gewalt die Ergebnisse der ethnologischen Forschung relevant, doch ist insbesondere von der Prähistorischen Archäologie Aufklärung zu erwarten. Die von H. Peter-Röcher (2007; 2011) getroffene Unterscheidung zwischen der neolithischen Fehde und dem bronzezeitlichen Krieg hilft dabei, zu einer begrifflichen Schärfung und sachlichen Konturierung zu kommen. Archäologisch ist der Tote in Grab 755 des Friedhofs von Ur der erste namentlich bekannte Held (Zettler/Horne 1998). Es war vermutlich ein König namens Meskalamdug. Sein Name bedeutet „Held

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Abb. 2: Goldhaube aus Grab 755 in Ur (nach Hrouda 1991).

des guten Landes“. Es handelt sich um eine der ­herausragenden Bestattungen der Alten Welt. Der bekannte Goldhelm (Abb. 2) ist natürlich vor allem ein symbolischer Schutz, und die goldenen Dolche aus diesem Grab sind im strengen Sinne ebenfalls nicht funktionstüchtig. Vergleichbare Hauben wurden aber im Krieg getragen, wie die Standarte aus Ur zeigt (Abb. 3). Literarisch tritt der Held uns das erste Mal als Gilgamesch entgegen, als sagenhafter König von Uruk, den die Forschung in das 27. Jahrhundert v. Chr. datiert (Renger 1998). Das Gilgamesch-Epos, dessen Text in verschiedenen Versionen seit dem späten 3. Jahrtausend überliefert wurde (Sallaberger 2008), beschreibt seine übermenschlichen Fähigkeiten: „der die Tiefe auslotete, die Fundamente des Landes, der Entlegenes wusste, alles verstand,...“

(Übertragen von Röllig 2009, auch im Folgenden). Er ist riesengroß, schön, von vollkommener Gestalt. Zusammen mit seinem Freund Enkidu beschließt er, in den Zedernwald aufzubrechen und den Wächter des Waldes, Chumbaba, zu töten, eine schier­ unglaubliche Aufgabe, denn Chumbabas Brüllen ist die Sintflut und sein Atem der Tod. Gilgamesch und Enkidu beschaffen sich Äxte und Schwerter bei den Waffenschmieden. Im Zedernwald töten sie Chumbaba und verstümmeln dessen Leiche: „Gilgamesch spaltet (ihm) den Nacken Enkidu stürzt sich (auf ihn) bis er die Lungen herausreißen kann, wie ein ... springt er (ihn an), vom Haupte nimmt er die Zähne als Beute.“ Da ist sie wieder, diese Gewalt gegen den Körper des Toten, die den Leib verschandeln und über den Tod hinaus zerstören will. Die autotelische Gewalt finden wir auch in bildlichen Darstellungen etwa in Ägypten auf der sogenannten Narmerpalette aus der Zeit um 3000 v. Chr. Auf der einen Seite ist Pharao dargestellt, wie er die Feinde erschlägt. Auf der anderen Seite sind die toten Feinde aufgereiht, denen ihre abgeschlagenen Köpfe zwischen die Beine gelegt wurden (Abb. 4). Auf den Köpfen wurden schließlich die abgeschnittenen Penisse drapiert (Davies/ Friedman 2002). Solche körperzerstörenden Strafen sind nach J. P. Reemtsma (2008, 119) immer auch „die Auffassung einer Macht, die eben so beschaffen ist, dass sie an der Körperoberfläche der ihr Untergebenen nicht haltmacht, die das Recht hat, den Körper aufzureißen und sein inneres nach außen zu kehren“. Nach Chumbabas Tötung beginnt Gilgamesch, Bäume zu fällen, und Enkidu hält Ausschau nach gutem Bauholz. Enkidu zimmert eine große und

Abb. 3: Kriegsdarstellung auf der „Standarte“ aus Grab 779 in Ur (Foto S. Hansen).

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schaffen und die sich über die Gesetze hinwegsetzen. Es sind Männer, die sich einen Namen machen wollen und am Ende mit vielen Totengaben um Aufnahme in das Totenreich bitten müssen, vor dem sie die allergrößte Angst haben. Die ältesten exzeptionell ausgestatteten Gräber, die aus Mesopotamien gegenwärtig bekannt sind, sind die Königsgräber aus Ur, die um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. datiert werden. Aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. gibt es in Mesopotamien keine der Darstellung im Epos entsprechend reich ausgestatteten Gräber (Helwing 2012).

Abb. 4: Narmerpalette (nach Lange/Hirmer 1978).

schwere Tür, die für den Tempel von Nippur bestimmt ist. Auf einem Floß transportieren sie die kostbare Zederntür in den rohstoffarmen Süden Meso­potamiens: „Enkidu hielt das Steuerruder ... und Gilgamesch das Haupt des Chumbaba“. Wieder in Uruk träumt Enkidu, dass die Götter den Frevel an Chumbaba bestrafen wollen und ihn sterben lassen werden. Enkidu fällt tatsächlich in ein Fieber und stirbt. Seine Bestattung sprengt den Rahmen des üblichen. Gilgamesch lässt eine Statue von Enkidu aus den kostbarsten Materialien anfertigen. Die Grab­ ausstattung, die Gilgamesch Enkidu zur Verfügung stellt, damit es ihm im Totenreich an nichts fehle, ist exquisit. Mit blutigen Tieropfern und großzügigen Geschenken an zahlreiche Götter will Gilgamesch für Enkidu freundliche Aufnahme im Totenreich erbitten. Dieser literarische Text erlaubt es, den Helden als eigenen Sozialtypus bis an den Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. zurückzuverfolgen. Es sind herausragende und gewalttätige Männer, die die Gesetze

Weit entfernt, nördlich des großen Kaukasus, finden sich bereits in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. Gräber, die durch ihren Luxus und ihre schiere Größe alles übertreffen, was bis dahin bekannt war. Es werden nun bis zu 12 m hohe Grabhügel über der Bestattung eines einzelnen Individuums angelegt. Die Ausstattung umfasst zahlreiche Beigaben aus Gold, Silber und Bronze sowie Edelsteinen. Der bestatteten Person hatten offenbar weitere Individuen in den Tod zu folgen. Im großen Kurgan von Majkop (Govedarica 2002) fanden sich neben der Hauptbestattung einer männlichen Person eine weitere männliche und eine weibliche Person. Alle waren dick mit Ocker bestreut. Zu den Beigaben gehören u. a. zahlreiche Gefäße aus Silber und Bronze sowie Gold- und Edelsteinperlenketten. Heute wird das Grab in die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. datiert und ist damit das älteste monumentale Grabmal für eine einzelne Person. Eine Reihe weiterer Gräber der jüngeren Majkopbzw. der Novosvobodnaja-Kultur fallen ebenfalls durch ihre reichhaltigen Beigaben auf. Besonders bemerkenswert sind die Überausstattungen mit Waffen auf dem Gräberfeld von Klady (Rezepkin 2000). Es finden sich jedoch auch funktionale Ausrüstungen, wie in einem unlängst bekannt gemachten Kurgan bei Mar‘inskaja (Abb. 5). Das Hauptgrab wurde nach der dendrochronologischen Untersuchung um 3350 v. Chr. angelegt. Die Wände der großen, mit Flusskieseln ausgelegten Grabkammer waren verputzt und rot bemalt. Auch der Tote war mit Ocker bestreut. Zu den Beigaben gehörten u. a. ein Dolch, eine Axt und ein Dechsel. Besonders hervorzuheben ist ein Steinzepter, ein im Majkop-Zeichensystem standardisiertes Machtsymbol (Kantorovič/Maslov 2008). In Nalčik, der Hauptstadt Balkarien-Kabardiniens im nördlichen Kaukasusvorland, wurde 1966

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Abb. 6: Nalčik, Grabkammer (nach Čečenov 1973).

Abb. 5: Mar‘inskaya, Hauptgrab (nach Kantorovič/Maslov 2008).

begonnen, den großen Kurgan zugunsten eines Kulturpalastes abzutragen. Der Kurgan maß 100 m im Durchmesser mit einer ehemaligen Höhe von 11,5 m (Čečenov 1973). 1968 und 1969 wurde der Hügel bzw. ein Teil von ihm ausgegraben. Die dokumentierte Kammer bestand aus 24 senkrecht gestellten Steinplatten (Abb. 6). Im Süden der Kammer bestattet war eine männliche Person in leicht gehockter Lage. Hinter dieser befand sich eine weitere Bestattung einer Frau oder eines jungen Mannes. Die anthropologische Untersuchung ist nicht eindeutig und lässt sich heute nicht mehr verifizieren. In der Grabkammer verteilt fanden sich zahlreiche flache Goldblechstreifen, die ursprünglich der Umwicklung von Holzschäften dienten. Im Norden der Kammer stand ein großer Kessel aus Bronze. Zur Waffenausstattung gehörten zwei Äxte, zwei Dolche, darunter

einer aus Silber, ein Flachbeil und ein Hohlmeißel. Aufgrund eines 14C-Datums eines Holzstücks aus der Axtschäftung kann das Grab in die Zeit um bzw. kurz nach 3000 v. Chr. datiert werden. Die Steinplatten sind wiederverwendetes Material. Ursprünglich handelte es sich um Bildstelen. Mehrere von ihnen sind geometrisch verziert, z. B. mit Winkellinien. Die Köpfe sind klein und schematisch ausgearbeitet. Die elaborierteste Figur dieses Typus war kopfüber in die Erde gerammt worden (Abb. 7). Man erkennt das sorgfältig dargestellte Haar. Aber auch an den Seiten wurden, wie die Werkzeugspuren leicht erkennen lassen, die Stelen abgearbeitet (Abb. 8). Die Familie des im Kurgan bestatteten Potentaten hatte kurzerhand eine ganze Gruppe von Stelen zerstören und als Baumaterial verwenden lassen. Man muss nicht glauben, dass man archäologische Funde „lesen“ könne. Die hier zum Ausdruck kommende Symbolik liegt aber deutlich zu Tage. Die Zerstörung der Bildwerke ist in antikem Verständnis immer auch die Zerstörung der dargestellten Person. Deshalb muss man davon ausgehen, dass die Verwendung der zerstörten und „flach gemachten“ Stelen gezielt zur Erhöhung des Toten und Erniedrigung seiner Feinde eingesetzt wurden. Diese Bildstelen sind eine bemerkenswerte Fundgruppe. Seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. wurden sie produziert und, soweit bekannt, während des 3. Jahrtausends v. Chr. kontinuierlich hergestellt. Erstaunlich ist ihre weite Verbreitung zwischen Kaukasus und Atlantik schon im 4. Jahrtausend v. Chr. (Casini 1994; Philippon 2002; Pedrotti 2007; Martínez Rodriguez 2011). Stelen dieses Typs sind auch südlich des Kaukasus und auf der

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Abb. 7: Detail der Grabkammer mit kopfüber aufgestellter Stele (nach Čečenov 1973).

Abb. 8: Die Stele (Abb. 7) mit Abarbeitungsspuren auf der linken Seite (Foto S. Hansen).

arabischen Halbinsel bekannt. A. Vierzig, die das Thema in ihrer Doktorarbeit behandelt, hat über 1000 dieser Stelen zusammengetragen (Vierzig in Vorb.). Es gibt verschiedene regionale Gruppen, die stilistisch und typologisch sehr unterschiedlich sind. Auch die Datierungen sind nicht immer klar. Ein großer Teil dieser Stelen stammt aus sekundären Kontexten, eben nicht selten Gräber. So konnte M. Nadler (2011) jüngst überzeugend sekundär verbaute Stelen aus urnenfelderzeitlichen Gräbern in Franken identifizieren. Diese Stelen sind die erste Großplastik Europas. Sie kamen zu einer Zeit auf, als beispielsweise auch in Ägypten menschengroße oder gar überlebensgroße Steinstatuen hergestellt wurden. Da auf den Stelen häufig Waffen dominieren, habe ich sie versuchsweise als Repräsentationen der großen Helden verstanden (Hansen 2002). Es ist klar, dass dies nicht für alle Stelen zutreffen muss. Besonders im Blick hatte ich Stelen aus Südtirol

und dem Trentino, auf denen zahlreiche Waffen, vor allem Dolche und Stabdolche, dargestellt sind (Abb. 9). Die Darstellung der Dolche korrespondiert mit der zunehmenden Bedeutung, die sie während des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr. gewannen. Dabei spielten technische Innovationen eine entscheidende Rolle. Erst verschiedene Zuschläge zum Kupfer (Legierungen) ermöglichten die Herstellung von funktionstüchtigen Dolchen. Insbesondere spielte Arsenbronze seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. eine wichtige Rolle (Rehren u. a. 2012). Da Kupfer beim Guss Sauerstoff anzieht, war das blasenfreie Gießen kaum möglich. Dies wiederum führte beim Fertigprodukt zu Gusslunkern. Mit dem Zuschlag anderer Metalle zum Kupfer konnte dieser Effekt gemindert werden. Und so gelang es, vor allem Klingen blasenfrei zu gießen. Bei Dolchklingen waren Lunker nicht nur wegen der Bruchanfälligkeit, sondern wegen der

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Scharten, die beim Nachschärfen entstehen konnten, besonders misslich. Bis zum Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. hatte man im Kaukasus Klingenlängen von über 60 cm erreicht. In Italien begann man Dolche quer zu schäften und als Stabdolche zu benutzen (Dolfini 2004; Horn 2014). Bis zum Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. waren Dolche in einem breiten Streifen vom Kaukasus bis zu den Pyrenäen verbreitet, wobei interessanterweise der Nordrand der Alpen etwa die nördliche Verbreitungsgrenze darstellt (Müller 2012). In der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. wurden im Kaukasus erstmals einzelne herausgehobene Personen unter großen Grabhügeln und mit zahlreichen Beigaben bestattet. In den Gräbern wird eine Führungsschicht sichtbar, die offensichtlich weitreichende Befugnisse besaß, wenn die Mitbestattung weiterer Personen tatsächlich zwangsweise erfolgte. G. Palumbi (2007; 2012) hat vielfältige Verbindungen des Königsgrabs vom Arslantepe mit mesopotamischen und kaukasischen „Elite“-Gräbern herausgearbeitet. Bemerkenswerte Übereinstimmungen in Details des Bestattungsrituals lassen sich darüber hinaus von Ostanatolien bis an die Adria erkennen (Primas 1996). Die neuen und effektiven Waffen der Helden, Dolche und Stabdolche, sowie zentrale Elemente ihrer Selbstdarstellung, Stelen und Tumuli, verbreiten sich parallel rasch durch große Teile Europas. Diese weiträumige Verbreitung eines ähnlichen Habitus legt den Schluss nahe, die Entstehung eines neuen Sozialtyps, eben des Helden, um 3000 v. Chr. anzunehmen.

Abb. 9: Arco. Stele mit Dolch- und Stabdolchdarstellungen (nach Strahm 2005).

Dank Den Organisatoren der Tagung, Heidi Peter-Röcher und Thomas Link danke ich herzlich für die Einladung, in Würzburg vorzutragen. In diesen Beitrag sind Diskussionen mit und fachlicher Rat von Barbara Helwing, Rüdiger Krause,

Heidi Peter-Röcher, Sabine Reinhold, Walter Sallaberger und Benjamin Ziemann eingegangen. Die graphische Bearbeitung der Abbildungen lag wie immer in den Händen von Anke Reuter.

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Der Königsfriedhof von Ur und das Problem der so genannten Gefolgschaftsbestattungen Helga Vogel

Zusammenfassung In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fanden Grabungen in der alten Stadt Ur im heutigen Südirak statt. Unter der Leitung von L. C. Woolley wurde unter anderem ein Friedhof ausgegraben, der heute als Royal Cemetery oder „Königsfriedhof“ bekannt ist. Von den ausgegrabenen über 1850 intakten Bestattungen datieren 660 Gräber in die Frühdynastische Zeit IIIa (ca. 2600–2450 v. Chr.). Hierzu zählen 16 große Schachtgrabanlagen, die sich von den anderen Gräbern einerseits durch ihre Konstruktion und ihren Reichtum, andererseits durch das Vorhandensein von weiteren menschlichen Skelettresten sowohl in den steinernen Grabkammern bei der Hauptbestattung als auch in den Schächten unterscheiden. Woolley hielt diese Anlagen für die Gräber der „Könige“ und „Königinnen“ von Ur. Unmittelbar mit Bekanntwerden der Befunde der Royal Tombs (1927/28) setzte eine bis heute andauernde Diskussion über die Deutung der „Gefolgschaftsbestattungen“ ein. Im Zentrum stand und steht dabei die Frage, ob man für diese Personen einen freiwilligen oder einen gewaltsamen Tod annehmen muss und welche Konsequenzen hieraus in religiöser, kultureller, gesellschaftlicher oder politischer Hinsicht zu ziehen wären. Es stehen sich zwei Interpretationskomplexe gegenüber: Einmal wird der Herrscher als „weiser und guter Fürst“ imaginiert, dem sein Personal aus Liebe und Loyalität in den Tod folgt, einmal soll er ein Gewaltherrscher sein, der durch den Gebrauch menschlicher Körper im Rahmen von Bestattungen Macht demonstrieren und Angst und Schrecken verbreiten möchte. Eine dritte Position nimmt rein religiöse Motive an. Die „Gefolgschaftsbestattungen“ fungieren in den Argumenten als eine zwar geschlechtlich unterschiedene, aber ansonsten eher amorphe Masse Mensch. Insbesondere gilt dies für die weiblichen „Mitbestattungen“, die oft pauschal als „Harem“ bezeichnet werden. Wenn man die feststellbaren sozialen Positionen von „Mitbestattungen“ mit den Bestattungen in den anderen Gräbern vergleicht, ergibt sich allerdings eine weitaus komplexere Situation. Ebenso lassen sich in der Abfolge der Royal Tombs bestimmte Trends hinsichtlich der Anzahl der „mitbestatteten“ Personen und ihrer geschlechtlichen und sozialen Positionierungen ausmachen. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei den „Mitbestattungen“ folglich um Menschen, die ehedem in unterschiedlichem Umfang handlungsmächtig waren und unterschiedlich am vorherrschenden elitären Weltbild partizipieren konnten. Vor diesem Hintergrund und mit Bezug auf das gesamtgesellschaftliche Umfeld diskutiere ich die bislang vorgetragenen Erklärungsmuster erneut, insbesondere unter Berücksichtigung struktureller und kultureller Faktoren. Abstract: The Royal Cemetery at Ur and the Problem of the So-called Attendants Burials In the 1920s and 1930s excavations in the old city of Ur in Southern Iraq were carried out under the direction of L. C. Woolley. Among others a cemetery was excavated, today known as the “Royal Cemetery”. 660 out of the 1850 undisturbed graves date to the Early Dynastic III period (ca. 2600–2500 BC), including 16 large shaft graves. Wealth of the grave goods and construction, as well as the presence of other human skeletal remains alongside the main burial in the burial chamber and in the shafts distinguish the latter graves from others. Woolley considered them to be the graves of the “kings” and “queens” of Ur. Immediately after the features of the “royal tombs” became known (1927/28), a discussion about the interpretation of the attendants apparently following the deceased of the main burial in death initiated. The main

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Vogel, Der Königsfriedhof von Ur

questions being if a voluntary or violent death has to be assumed for these individuals and which conclusions have to be drawn on the religious, cultural, social and political level. There are two contrary complexes of interpretation: the first imagining the potentate as a “wise and good ruler”, who is followed in death by his attendants out of love and loyalty. The second, seeing the potentate as a tyrant using human bodies within burial rites to demonstrate power and to instill terror. A third position supposes religious motives. The attendants are recognised as a group consisting of individuals with differing sexes, other than that they are seen as a homogenous mass of human beings. This applies particularly to the female individuals, often being dismissed as “harem” out of hand. If the social position of these individuals is compared with the one of individuals from other graves, a much more complex situation is apparent. Regarding the number of the attendants and their sex and social position, certain trends within the sequence of the “royal tombs” can likewise be observed. The attendants were in all likelihood individuals formerly having divergent capacities of acting and being able to participate in the prevalent elitist world view in various respects. Against this background and with regard to the context of the society as a whole, I will once again discuss the interpretations with special consideration of structural and cultural factors.

Einleitung Bis zum heutigen Tag stehen die Befunde und Funde des so genannten Königsfriedhofes von Ur, der in den 1920ern und 1930ern unter der Leitung des britischen Archäologen L. C. Woolley im heutigen Südirak ausgegraben wurde, im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses1. Denn neben reichen, handwerklich hervorragend gearbeiteten Beigaben fand Woolley in 16 besonderen Grabanlagen des Friedhofes die Reste von weiblichen und männlichen Skeletten, die andeuten, dass in ihnen zeitgleich mit der Hauptperson eine Anzahl anderer Personen bestattet wurde. Die Deutung dieses Befundes wird auch gut 85 Jahre nach seinem Bekanntwerden kontrovers diskutiert. Der Königsfriedhof von Ur Das bereits im ersten Grabungswinter 1922/23 erfasste und beginnend mit dem Grabungswinter 1926/27 systematisch ausgegrabene, ca. 70 m x 55 m große Friedhofsgelände liegt im südöstlichen Abhang des über dem Stadtgebiet erhöhten Zentralbereichs der Stadt Ur (Abb. 1; Abb. 2). Die kontinuierliche Nutzung des Friedhofes, so die opinio communis, setzt zu Beginn der späten frühdynastischen Zeit

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(FD III; um 2500 v. Chr.) ein und endet erst in der Zeit der III. Dynastie von Ur um 2000 v. Chr. Im Laufe der Zeit konnten in diesem Areal insgesamt fast 1850 mehr oder weniger vollständig erhaltene Gräber ausgegraben werden. Verstreut im Erdreich zwischen diesen Gräbern angetroffene Gegenstände stammen, so Woolley (1934, 16), von ungefähr 2000–4000 weiteren Bestattungen. Ca. 660 der insgesamt freigelegten Gräber datierte Woolley in die frühdynastische Zeit, die schon erwähnten 16 besonderen Grabanlagen einberechnet2. Woolley hielt diese für die Grabstätten von Königinnen und Königen der Stadt Ur und bezeichnete sie deswegen als Royal Tombs (RT). Sie bilden den Kern des Friedhofes, um den sich die anderen Gräber gruppieren. Bei diesen so genannten Private Graves (PG) handelt es sich in der frühdynastischen Zeit in aller Regel um einfache Erdgräber, in denen die bestattete Person bedeckt von Schilfmatten oder bisweilen in einem Sarg aus Holz, Ton oder Weidengeflecht mit angehockten Beinen auf der Seite liegend bestattet wurde. Den Toten wurden regelmäßig Gefäße mitgegeben. Ansonsten variiert das Beigabenrepertoire erheblich, abhängig vom sozialen Status und dem Geschlecht der bestatteten Person. Es lässt sich aber durchweg ein hohes Maß an Übereinstimmung der in die Gräber eingebrachten Gegenstände und deren Machart feststellen, so dass

Mein herzlicher Dank geht an Brian Brown, Anja Fügert, Alessandra Gilibert, Ingo Schrakamp und Ulrike Steinert für hilfreiche Kommentare und Hinweise. Besonders herzlich danke ich Ursula Feltus für die mir zur Verfügung gestellten Fotografien. 2 Die Arbeiten von H. J. Nissen (1966) und S. Pollock (1985) zur Rückgewinnung der Stratigraphie des Friedhofes machen deutlich, dass im Einzelfall überprüft werden muss, ob Woolleys ursprüngliche Datierung aufrecht erhalten werden kann.

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Abb. 1: Südmesopotamien im 3. vorchristlichen Jahrtausend (nach Aruz 2003, XXII–XXIII).

angenommen werden kann, dass hier eine spezifische soziale Gruppe ihre Toten bestattete. Im Gegensatz zu den Bestattungen in den Private Graves wurde die Hauptbestattung einer Royal Tomb, so schlug es jedenfalls Woolley (1934, 33) vor, in einer steinernen Gruft niedergelegt, die auf der Sohle eines tief in den Abhang des Zentralbereichs gegrabenen Schachtes, zu dem eine Rampe hinabführte, errichtet worden war. Leider konnten Grabkammern oder Hinweise auf solche nur in zehn Royal Tombs nachgewiesen werden, von denen überdies nur zwei ungestörte Befunde darstellen3. Die ausgegrabenen Kammern weichen im Grundriss und in ihrer Größe

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erheblich voneinander ab (Abb. 3). Sie können den ausgehobenen Schacht ganz oder auch nur zum Teil ausfüllen. Flache, rechteckige Vertiefungen deuten in einigen Fällen darauf hin, dass die Hauptbestattung in einem Sarg beigesetzt wurde, andererseits fand man die Überreste der beiden ungestörten weiblichen Bestattungen auf einer Bahre oder einer anderen Unterlage. Die reichen Ausstattungen und Beigaben der Hauptbestattungen der Royal Tombs trugen zur Berühmtheit des Friedhofes bei. Dazu zählen Edelmetallgefäße, mit Mosaiken dekorierte Spielbretter, Harfen respektive Leiern, Waffen aus Edelmetallen oder einzigartige Gegenstände wie die

RT.777, RT.779, RT.789, RT.800, RT.1054 (Sohle), RT.1236, RT.1618, RT.1648, RT.1631 (ohne Mitbestattungen). Für RT.1050 nimmt Woolley zwar eine Grabkammer an, aber ein eindeutiger Nachweis fehlt.

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gibt unregelmäßige Hinweise auf Libationsvorrichtungen in diesen Bauten. In einigen Fällen traf Woolley hier Sargbestattungen an, umgeben von anderen menschlichen Skeletten, in einem anderen Fall fanden sich in sukzessiv in diese Strukturen eingebrachten Füllungen neben Keramik und anderen Dingen auch Tierknochen sowie weitere menschliche Skelette. Für eine oberirdische Kennzeichnung der Gräber fehlen alle Evidenzen. Die so genannten Gefolgschaftsbestattungen Traditionell werden zu den so genannten Gefolgschaftsbestattungen ausschließlich die in einer Grabkammer, in einem Schacht sowie die im Schachtzugang angetroffenen menschlichen Überreste, die zeitgleich mit einer Hauptbestattung dorthin gelangten, gerechnet, nicht aber die Befunde in den Lehmziegelgebäuden oben im Schacht. Hinzu kommen die Befunde der Totengruben RT.1050 (Grube), RT.1157 und RT.1332, in die Mitbestattete gelegt wurden, nachdem man die aufwendig gearbeiteten Schmuckstücke und andere Beigaben von ihnen entfernt hatte. Abb. 2: Woolleys Plan der ausgegrabenen Ruinen der Stadt Ur aus dem Jahr 1930. Das Areal des Königsfriedhofes liegt am südöstlichen Rand des Tempel- und Palastbezirkes der Stadt (nach Woolley 1934, pl. 1).

so genannte ‚Standarte aus Ur’ oder die ‚Ziegenböckchen im Blütenstrauch’ (Abb. 4). Die Freiflächen vor den Grüften sowie die Schächte ohne nachweisbare Grabkammer bezeichnete Woolley als Death Pits, da er im Allgemeinen in diesen Bereichen die größte Anzahl der sterblichen Überreste der so genannten Gefolgsleute antraf. In einigen Fällen wurden diese Skelette mit reicher Ausstattung an Schmuck angetroffen, manche hatten Waffen bei sich, andere Siegel, einige lagen bei den Resten der heute berühmten Prunkleiern (Abb. 5). Nahe beim Schachtzugang konnten zuweilen die Skelette von Zugtieren nachgewiesen werden, die einen Wagen oder Schlitten in den Schacht gezogen hatten, höchstwahrscheinlich beladen mit dem Leichnam der Hauptbestattung. In der Füllung des Schachtes ließen sich in sieben Fällen Lehmziegelgebäude oder deren Reste nachweisen4. Es 4

Abb. 3: Woolleys Plan der sechzehn Royal Tombs und Death Pits (nach Woolley 1934, pl. 273).

RT.1236, RT.779, RT.337, RT.1050, RT.1054, RT.1237, RT.1618.

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Ungestörte Befunde liefern allein RT.1054 (Grabkammer), RT.800 (Grabkammer und traditionell mit dem Grab assoziierter Schacht), RT.789 (Schacht), RT.1237 (Schacht) und RT.1648 (Schacht). Alle anderen Anlagen wurden weitestgehend ausgeräumt angetroffen. Anthropologische Untersuchungen wurden an den Skelettfunden von insgesamt 21 Individuen durchgeführt (Keith 1934, 400–407). Die Ermittlung der Anzahl der mitbestatteten Personen, ihre geschlechtliche Bestimmung sowie die Einschätzung ihres sozialen Status bleibt im Rahmen des Royal Cemetery somit immer das Ergebnis der Analyse von Artefakten, die in der Nähe von Skeletten, häufiger Skelettresten angetroffen wurden (Pollock 1991, 372–379; Gansell/Winter 2002, 3–4; Gansell 2007). Vor diesem Hintergrund lassen sich nunmehr bei den Mitbestattungen folgende grundsätzliche Muster und Tendenzen erkennen: Verteilung im Grabraum und Anzahl Die Skelette wurden in aller Regel in einem sehr schlechten Zustand angetroffen, oft waren nur noch Schädelfragmente oder Zähne vorhanden (Woolley 1934, 36). Die ermittelbaren Zahlen sind in Abbildung 6 zusammengestellt. Deutlich wird, dass in den Grabkammern durchweg nicht mehr als vier Menschen mitbestattet wurden. Undeutlich bleiben dabei allerdings die Verhältnisse in den 4-kammerigen Bauwerken RT.1236 und RT.779. Den Zugang zum Grabbau oder zum Schacht konnten um die fünf dort niedergelegte Männer bewachen. Die größte Anzahl mitbestatteter Menschen findet sich in den Schächten. Dabei weisen die Totengruben auf drei weitere Royal Tombs hin, in denen, wie in den gut erhaltenen Royal Tombs RT.789, RT.800 und RT.1237, eine sehr große Anzahl von Menschen einer Hauptbestattung in den Tod folgte. Momentan gewinnt man zwar den Eindruck, als ob die Massenmitbestattungen erst nach einer Weile und im Zusammenhang mit der Etablierung des Brauches, die Hauptperson in einer eigenen Grabanlage zu bestatten, eingesetzt haben, jedoch können die Befunde hier auch täuschen. Geschlechtsbestimmung und ‚sozialer Status’ der Mitbestattungen Die Identifikation der in den Grabkammern angetroffenen Skelettreste bleibt schwierig, da nicht immer zweifelsfrei geklärt werden kann, welche noch vorhandenen Artefakte tatsächlich ursprünglich mit einem Skelettrest assoziiert waren. In einer Grabkammer konnten Frauen und Männer mitbestattet

Abb. 4: Blick in die aktuelle Ausstellung im British Museum I. Im Vordergrund eines der beiden ‚Ziegenböckchen im Blütenstrauch’ (RT.1237. Gold, Silber, Lapislazuli, Muschel u. a., H 45,7 cm), im Hintergrund die sog. Standarte (RT.779. Kammer D. Muschel, roter Kalkstein und Lapislazuli, H 20,3 cm, L 47,0 cm) (Aufnahme Ursula Feltus 2011. Copyright Helga Vogel).

werden. Ihrer Ausstattung nach zu urteilen, sollten sie sehr unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Der weiblichen Mitbestattung in der ungestörten Grabkammer der Stadtfürstin Pû-abī (RT.800) rechnete Woolley ein paar Goldohrringe in Mondsichelform, eine Silbernadel mit Lapislazulikopf und Goldkappe, eine Kupfernadel sowie eine Kette aus Gold-, Lapislazuli- und Karneolperlen zu. Obgleich eine solche Schmuckkombination weit hinter der Ausstattung vieler weiblicher Mitbestattungen in den Schächten zurückbleibt, ist sie trotzdem repräsentativ und dürfte dem Status einer sich in unmittelbarer Nähe der Stadtfürstin bewegenden ‚Dienerin’(?) entsprochen haben. Bezeichnenderweise hatten die beiden Frauen, die in der kleinen Anlage RT.1648 mitbestattet wurden, deutlich weniger Schmuck bei sich. Bei den männlichen Skeletten lag in den ungestörten Grabkammern der Royal Tombs RT.1054 und RT.800 jeweils mindestens eine Waffe (Dolch), manchmal fand man bei ihnen auch ein Stück

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Abb. 5: Blick in die aktuelle Ausstellung im British Museum II. Im Vordergrund eine der vier im RT.1237 ausgegrabenen Leiern. Holzkasten und -rahmen belegt mit dünnen Plättchen aus Silber. Mosaiken aus Lapislazuli und Muschel. Rinderkopf aus Silber. H 1,06 cm, B 0,97 cm (Aufnahme Ursula Feltus 2011. Copyright Helga Vogel).

persönliche Habe oder ein oder mehrere Gefäße. Ob durch die Waffe tatsächlich eine Schutzfunktion der Bestatteten gegenüber signalisiert wird, bleibt undeutlich, da Waffen im Kontext des Royal Cemetery im Generellen sowohl die Männlichkeit als

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auch den Status eines Mannes veranschaulichen. In wenigen Fällen ließ sich zudem nachweisen, dass in Grabkammern mitbestattete Männer mit einer besonderen Art von Stirnketten geschmückt waren, die Woolley Brîm nannte5. Diese bestehen idealerweise aus einer mittig sitzenden großen, dattel­ förmigen Edelmetallperle, die von zwei ebenfalls großen, dattelförmigen Lapislazuli-, seltener Karneolperlen flankiert wird (Abb. 7). Brîms schmückten auch einige in den Schächten mitbestattete Männer6, sie fanden sich aber auch – zuweilen nur teilweise erhalten – bei 28 männlichen Bestattungen in so genannten Private Graves7 und darüber hinaus als Totengabe in zwei Royal Tombs und in einem weiteren reich ausgestatteten Private Grave8. Bemerkenswerterweise wurden etwas weniger als die Hälfte der in Private Graves bestatteten Brîm-Stirnketten-Träger in Holzsärgen, zudem wenige andere in Tonsärgen niedergelegt; sie erfuhren demnach im Tod eine außerordentliche Behandlung. Drei dieser Bestattungen fallen überdies durch die Waffenkombination auf. Zusätzlich zum Dolch respektive einer Axt fand man bei ihnen eine Schaftlochhacke (engl. adze), bei einem lag zusätzlich noch ein Speer im Grab9. Bei drei weiteren Brîm-Träger-Bestattungen hatte man den Kopf des Toten zusätzlich mit einem goldenen Stirndiadem (engl. frontlet), welches mit einer Rosette dekoriert ist, geschmückt (PG.389; PG.1312; PG.1750). Goldene Stirnbänder, gleich welcher Art, stellen ein noch exklusiveres Distinktionszeichen als die Brîm-Stirnketten dar. Es ist darum beachtenswert, dass auch eine mit einem Brîm geschmückte Mitbestattung zusätzlich mit einem goldenen Stirndiadem mit eingravierter Rosette angetroffen wurde (RT.777, Hauptkammer, Mitbestattung in der Westecke). Diese ungestörte

RT.1236 (Kammer C), RT.777 (Hauptkammer, Bestattung in der Westecke), RT.789 (Schädelfragment und Position 22), RT.800 (beim männlichen Skelett), RT.337 (im Schmuckhaufen), eventuell auch RT.1054 (Gruft/Sohle, Mitbestattung ‘A’). 6 RT.789 Mitbestattungen Nr.19, Nr.21 und Nr.23; RT.800 Mitbestattung Nr.19; RT.1237 Mitbestattung Nr.6 (laut Woolley). Im RT.800 könnten möglicherweise auch noch die Mitbestattungen Nr.11, Nr.15, Nr.16 und Nr.18 Brîm-Stirnketten getragen haben, jedoch weichen die Perlenkombinationen stark vom sonst Üblichen ab (so aber beispielsweise Gansell 2007, 36 Tab.3). 7 PG.121, PG.179, PG.317, PG.335, PG.358, PG.389, PG.429, PG.734, PG.739, PG.1087, PG.1136, PG.1151, PG.1181, PG.1195, PG.1221, PG.1270, PG.1293, PG.1299, PG.1312, PG.1314, PG.1320, PG.1321, PG.1327, PG.1407, PG.1412, PG.1420, PG.1702, PG.1750. 8 Im RT.800 lagen auf der Bahre der Stadtfürstin Pû-abī in Hüfthöhe vier identische Brîms. Im RT.1618 traf Woolley bei der ungestörten männlichen Sargbestattung ebenfalls vier Brîms an, die sich voneinander unterscheiden. Sie lagen auf der Stirn des Bestatteten. Gansell (2007, 36) nimmt deswegen an, dass es sich um die Brîms des Bestatteten handelt. Im PG.1133 fand man im Rücken des in einem Sarg bestatteten Jungen wiederum vier identische Brîms (mit Maßen für erwachsene Männer). 9 Bestattungen, die eine über die Kombination Dolch – Axt hinausgehende Ausstattung mit Waffen bei sich hatten, sind in den frühdynastischen Private Graves sehr selten.

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RT.1236 RT.779 RT.777

RT.1050/Grube RT.1050/Sarg RT.1054/Sohle RT.337 RT.789 RT.800

Grabkammer nur noch wenige menschliche Knochen in Kammer A und C in Kammer C Reste von einem Skelett, in Kammer D Reste von 4 Skeletten Hauptkammer: Reste von 3 Mitbestattungen Vorkammer: Reste von 4 Mitbestattungen mit u. a. Speeren und 1 Dolch

Schachtzugang

RT.1631 RT.1648

Totengruben

Reste von 5 Skeletten mit 10 Speeren Reste von 4 Skeletten mit Speeren

Reste von 40 Skeletten Reste von 1 Mitbestattung Reste von 4 Mitbestattungen Reste von 3 Mitbestattungen Reste von mindestens 3 Reste von 6 Skeletten mit Mitbestattungen Helmen und Speeren Reste von wahrscheinlich 5 Skelette mit Dolchen 3 Mitbestattungen

RT.1237 RT.580 RT.1157 RT.1232 RT.1332 RT.1618

Schacht

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Vorplatz: Reste von 3(?) Mitbestattungen Reste von 62 Mitbestattungen Reste von 21 Mitbestattungen Reste von 74 Mitbestattungen

keine menschlichen Skelette nachgewiesen Reste von 58 Skeletten Reste von 2 Mitbestattungen Reste von 43 Skeletten Reste von 4 Mitbestattungen keine Mitbestattungen nachgewiesen Reste von 4 Mitbestattungen

Abb. 6: Anzahl der Mitbestattungen in den unterschiedlichen Bereichen der Royal Tombs und Death Pits. Interne Datierung: unterer Horizont: RT.1236 – RT.779 – RT.777; mittlerer Horizont: RT.1050 – RT.1054 – RT.337; oberer Horizont: RT.789 – RT.800 – RT.1237. Die anderen Royal Tombs und Death Pits können in die interne Abfolge nicht sicher eingebunden werden (Nissen 1966, 107–115, bes.111; Pollock 1985, 143–146).

Mitbestattung hatte man zusätzlich mit eigenen Grabbeigaben wie einem Kupfergefäß und einer mit Silberplättchen beschlagenen Schachtel versorgt. Zudem war sie im Besitz einer Axt. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls erwähnenswert, dass auch die Mitbestattung ‚A‘ in der Gruft auf der Sohle der RT.1054 Kupfergefäße bei sich hatte. Auch bei dieser Mitbestattung lag, neben zwei Dolchen, eine Axt. Zweifelsohne handelt es sich bei diesen Mit­ bestattungen um Männer, die übergeordnete soziale Ränge bekleideten. In beiden Fällen drückt sich die soziale Differenz zu den gleichzeitig mit ihnen Mitbestatteten auch in ihrer abgesonderten Lage in der Grabkammer aus.

Kürzlich durchgeführte anthropologische Untersuchungen an den Skelettresten der kleinen Royal Tomb RT.1648 machen deutlich, dass unter Umständen aber auch ‚einfache Dienerschaft‘ mitbestattet wurde (Molleson/Hodgson 2000; Molleson/ Hodgson 2003, 100–105). Es konnte nachgewiesen werden, dass zumindest die in dieser Anlage mitbestatteten beiden Männer, die nichts bei sich hatten, zu Lebzeiten schwere Lasten tragen mussten. Für die beiden ebenfalls mitbestatteten Frauen fällt diese Diagnose schwächer aus. Die allein im Aufbau und in der Größe der Royal Tombs deutlich erkennbaren Rangunterschiede zwischen den Hauptbestattungen führten demnach dazu, dass man offensichtlich auf

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Vogel, Der Königsfriedhof von Ur

Abb. 7: Blick in die aktuelle Ausstellung im British Museum III. Mittig Büste mit dem Schmuck der Mitbestattung Nr. 61. Rechts Brîm-Stirnketten und ein goldenes Stirnband. Die darüber befindliche Tafel zeigt Bestandteile des Schmuckes weiblicher Mitbestattungen (von oben nach unten: Haarkranz aus Lapislazuliperlen mit goldenen Blattanhängern, goldene Mondsichelohrringe, Reste eines goldenen Haarbandes, Ketten aus Lapislazuli-, Gold- und Karneolperlen, Perlenarmband aus länglichen Lapislazuli-, Gold- und Karneolperlen (Bead Cuff), Dog Collar-Halsband aus dreieckigen, gerippten Lapislazuli- und Goldperlen. Links einer der von Woolley vor Ort in Wachs gegossenen Schädel mit weiblichen Schmuckelementen (Aufnahme Ursula Feltus 2011. Copyright Helga Vogel).

ganz unterschiedliche Personenkreise zurückgreifen konnte, um Individuen als Mitbestattung auszuwählen. Die meisten Mitbestattungen deckte Woolley, wie schon notiert, in den Schächten und in den Totengruben auf. Die in letzteren bei den Skelettresten angetroffenen wenigen Dinge lassen allerdings den Schluss zu, dass diese Personen, bevor man die Artefakte von ihnen entfernte, so ähnlich ausgestattet gewesen sein müssen, wie sich dies in den Royal Tombs RT.789, RT.800 und RT.1237 noch beobachten lässt. Mehrheitlich dürfte es sich darum auch in diesen Fällen um die menschlichen Überreste mitbestatteter Frauen handeln, die im Tod von nur wenigen mitbestatteten

Männern begleitet wurden. In Abbildung 8 habe ich die Mitbestattungen aus den Schächten der Royal Tombs RT.789, RT.800 und RT.1237 geordnet nach Geschlecht und möglicher Funktion aufgeführt. Betrachtet man die Verteilung der Skelette in den Schächten der angeführten Royal Tombs (Abb. 9–10), dann fällt zunächst auf, dass männliche Individuen hauptsächlich im Bereich der beiden Wagen und der Zugtiere (RT.789), des Schlittens und der Zugtiere (RT.800) sowie bei einer ‚Kleidertruhe‘ (RT.800) zu finden sind, oder man traf sie nebeneinander an einer Schachtwand liegend an (RT.789/RT.1237). In einigen Fällen ist die ausgeübte Funktion deutlich im Befund repräsentiert, etwa bei den Wagenlenkern oder

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RT.789

Anzahl der Mitbestattungen Geschlechtszuweisung 57 Personen im Schacht 10 Männer

40 Frauen

RT.800

21 Personen im Schacht

6 Personen (Geschlecht nicht bestimmbar) 6 Männer 10 Frauen

RT.1237 74 Personen im Schacht

4 Personen (Geschlecht nicht bestimmbar) und 1 Kind 4 Männer 66 Frauen

4 Personen (Geschlecht nicht bestimmbar)

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Funktionen 1 Soldat beim großen Wagen (Lenker?) 1 Ochsenführer 1 Lenker des kleinen Wagens 1 Hilfskraft 2 Männer mit Dolchen 2 Brîm-Stirnketten-Träger mit Dolchen 1 Brîm-Stirnketten-Träger ohne Waffe 1 Mann mit Axt 8 Musikerinnen (Schmuckset „Lady“) 1 Trägerin eines Mosaikgegenstandes 5 Helferinnen 1 Frau mit einem Dog Collar 25 weitere Frauen (hiervon 2 mit Siegeln) unklar 4 Männer bei den Onagern 1 Hilfskraft 1 Brîm-Stirnketten-Träger bei der Truhe 8 Musikerinnen (Schmuckset „Lady“) 2 Hilfskräfte unklar unklar (1 Mann mit Brîm-Stirnkette) 2 Musikerinnen (Schmuckset „Lady“) 26 Musikerinnen (?) (Schmuckset „Dog Collar Lady“) 14 Frauen (Schmuckset „Dog Collar Woman“) 2 Trägerinnen der Statuetten „Ziegenböckchen im Blütenstrauch“, hiervon 1 äußerst reich geschmückte „Dog Collar Lady“ (Nr. 61) 22 weitere Frauen unklar

Abb. 8: Mitbestattungen in den Schächten von RT.789, RT.800 und RT.1237. Bei den weiblichen Mitbestattungen lassen sich sicher drei unterschiedlich geschmückte Gruppen ausmachen: Musikerinnenzüge mit dem Schmuckset „Lady“ bzw. „Dog Collar Lady“ und weiterhin eine Gruppe von Frauen mit dem Schmuckset „Dog Collar Woman“, deren Funktion nicht eindeutig bestimmbar ist. Das Schmuckset der Musikerinnen besteht aus einem goldenen Haarband, einem Perlenhaarkranz mit goldenen Anhängern in Blattform, einem Schmuckkamm aus Silber mit 3 großen Blüten (optional), silbernen Haarringen, goldenen Ohrringen in Mondsichelform und Halsketten aus Halbedelsteinen und Edelmetallperlen. Zusätzlich trugen bestimmte Musikerinnen ein Dog Collar. Die Dog Collar-Frauen trugen neben ihrem Halsband noch silberne Haarringe und Ketten, aber nicht den aufwendigen Haarschmuck der Musikerinnenzüge.

den Führern der Zugtiere, wohingegen die Anwesenheit der anderen Männer im Schacht nicht zufriedenstellend erklärt werden kann. Auf die besondere soziale Stellung von Männern mit Brîm-Stirnkette wies ich bereits hin. Die Frauen erscheinen als geordnete Gruppen, die sich untereinander durch ihre Schmucksets unterscheiden. Überreste von Frauen, die das Schmuckset „Lady“ (vgl. Abb. 7–8) trugen, fand man in der Royal Tomb RT.789 und in der Royal Tomb RT.800 bei Saiteninstrumenten. Solche Musikerinnenzüge bestanden in der Regel aus acht Musikerinnen

(Harfe- oder Leierspielerin, Sängerinnen, Spielerinnen von Schlaghölzern) und Hilfspersonal. In der Royal Tomb RT.1237 wurden neben zwei Frauen mit dem Schmuckset „Lady“ weitere 26 Frauen angetroffen, die zusätzlich zu diesem Schmuckset noch ein so genanntes Dog Collar trugen. Höchstwahrscheinlich waren auch die „Dog Collar Ladies“ Musikerinnen, denn im RT.1237 wurden vier auf einen Haufen gelegte Leiern freigelegt. Oft kann bei den einzelnen Frauengruppen eine Leiterin und deren ‚Assistentin‘ bestimmt werden, in der Regel erkennbar am Mitführen eines Siegels sowie manchmal an wertvolleren Trachtelementen

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Vogel, Der Königsfriedhof von Ur

oder einer reicheren Schmuckausstattung. Im Grab RT.1237 lassen sich innerhalb der angeführten Frauen­ gruppen weitere Subgruppen ausmachen, beispielsweise Frauen, die ein spezielles Armband (Bead Cuff) trugen oder deren Haare man zusätzlich mit goldenen Steckrosetten geschmückt hatte. Das Siegel, welches die Mitbestattung Nr. 7 (Schmuckset „Dog Collar Woman“, vgl. Abb. 10) im RT.1237 mit sich führte, könnte einen Hinweis dafür liefern, dass Frauen, die ein so genanntes Dog Collar trugen, möglicherweise zu Tempelhaushalten gehörten. Die Siegelinschrift identifiziert sie als Dumuğiparx(KISAL), d. h. als Kind des Gipar (Marchesi 2004, 174). Aus später datierenden Texten wissen wir, dass in Ur ein Haus für die Priesterinnen des Stadtgottes Nanna und seiner Gemahlin, der Göttin Ningal, existierte, das gipāru. Es lässt sich zwar nicht einwandfrei nachweisen, dass eine solche Institution auch schon im Frühdynastikum eingerichtet worden war, aber die Siegelinschrift macht diese Möglichkeit wahrscheinlich. In diesem Zusammenhang ist ferner erwähnenswert, dass man in den Händen der Mitbestattung Nr. 61 im RT.1237, wie dies auch bei ihrer ‚Assistentin‘, der Mitbestattung Nr. 60 der Fall war, eines der zwei Bildwerke fand, die heute als „Ziegenböckchen im Blütenstrauch“ bekannt sind (Abb. 4). Diese Artefakte werden im Allgemeinen als Tempel­ inventar angesehen, jedoch beruht diese Deutung auf der Konvention. Die Mitbestattung Nr. 61 war hervorragend ausgestattet (Abb. 7). Ihre Haare hatte man mit einem goldenen Haarband umwickelt, worüber drei Haarkränze drapiert worden waren, wovon einer singulär in Gold gefasste Lapislazulischeibchen zeigt. Im Haar steckten außerdem drei goldene Rosetten und zwei goldene Haarringe. Bekrönt wurde die Frisur von einem silbernen Schmuckkamm mit drei Blütenrosetten. Zu ihrer Ausstattung zählten weiterhin ein Paar große goldene Ohrringe in Mondsichelform, das so genannte Dog Collar, vier Ketten, gefertigt aus Gold- und Lapislazuliperlen sowie Karneolringen, zwei Kleidernadeln, eine aus Gold, die andere aus Silber, jeweils mit Lapislazulikopf, ein Armband aus Gold- und Lapislazuliperlen und Karneolringen sowie das Bead Cuff genannte Armband, weiterhin sechs goldene Fingerringe, ein Lapislazulisiegel und ein Silberbecher (Woolley

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Abb. 9: Lage der Skelette in RT.789. Geschlecht, Funktion und Ausstattung einzelner Mitbestattungen mit Gefäßen und Siegeln.

1934, 120). Hätte man die Mitbestattung Nr. 61 als Hauptbestattung in einer Grabkammer oder als in einem Private Grave bestattete Frau angetroffen, hätte man wegen der Zahl und Qualität ihrer Trachtbestandteile und ihres Schmuckes nicht gezögert, ihr einen hohen sozialen Status zuzuweisen10. Bemerkenswerterweise hat Woolley in den Private Graves nunmehr tatsächlich die, allerdings weitestgehend schlecht erhaltenen Bestattungen von sieben Frauen angetroffen, die im Tod ein so genanntes Dog Collar trugen, eine weitere Tote hatte man mit einer Nachbildung eines Dog Collar aus kleinen runden

Als Hauptbestattung von RT.1237 kommt die Mitbestattung Nr. 61 aus folgenden Gründen trotzdem nicht in Betracht: a) soziale Distinktion wird zuvorderst durch die eigene Grabkammer ausgedrückt; b) es fehlt eine Bahre oder eine andere Unterlage; c) es fehlen die Grabbeigaben.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Abb. 10: Lage der Skelette in RT.1237. Geschlecht, Funktion und Ausstattung einzelner Mitbestattungen mit Gefäßen und Siegeln.

Perlen geschmückt11. Drei dieser Gräber gehören insgesamt zu den reichsten Private Graves des Friedhofes. Die Schmuckausstattung dieser Frauen und die der Mitbestattung Nr. 61 kann man als ungefähr gleichwertig beurteilen. Die Mitbestattung Nr. 61 zählte demnach zur Elite der Dog Collar-Trägerinnen. Wie auch schon das Beispiel der Brîm-Stirnketten-Träger zeigte, waren innerhalb gesonderter Personengruppen mithin unterschiedliche Statusgruppen als Mitbestattungen vertreten. Die vorliegenden Deutungen der so genannten Gefolgschaftsbestattungen Lange Zeit war die von Woolley (1934, 36) favorisierte Idee, dass die Mitbestattungen dem Leichnam einer Hauptbestattung ins Grab gefolgt seien, um dort

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einen Gifttrank einzunehmen und an Ort und Stelle zu sterben, allgemein akzeptiert. Unter dem Eindruck der Ergebnisse der neuen anthropologischen Untersuchungen, die man einerseits am im Natural History Museum in London aufbewahrten Knochenmaterial (Molleson/Hodgson 2000; Molleson/Hodgson 2003), andererseits an ehedem in Ur vor Ort in Wachs eingehüllten Schädeln von Mitbestattungen samt Schmuck (Abb. 7) oder Helm in London (Molleson/Hodgson 2003, 106–111) und in Philadelphia (USA) (Baadsgaard u. a. 2011, 32–38; Baadsgaard u. a. 2012, 140–147) durchführte, wurden zwischenzeitlich allerdings neue Hypothesen zu den Vorgängen bei einer Bestattung einer Person in einer Royal Tomb formuliert. Bei einzelnen Skelettresten festgestellte Anzeichen für das Erhitzen von Leichnamen zu Konservierungszwecken führten zusammen mit dem Nachweis von Spuren von Gewalteinwirkungen bei zwei im Penn-Museum untersuchten, in Wachs gegossenen Schädeln von Mitbestattungen zu der Überlegung, dass man die Mitbestatteten außerhalb des Grabes gewaltsam getötet und ihre Leichname anschließend durch indirektes Erhitzen konserviert hat (Baadsgaard u. a. 2011, 40; Baadsgaard u. a. 2012, 144–145). In Folge wurde die bislang allgemein akzeptierte Einschätzung, dass die durch die Trachtelemente, den Schmuck und durch eventuelle Beigaben zum Ausdruck gebrachte ‚soziale Identität‘ der Mitbestattungen deren ‚sozialer Identität‘ im Leben entsprach, angezweifelt. Es wurde vorgeschlagen, dass es sich bei den Mitbestatteten um Kriegsgefangene oder um Mitglieder marginalisierter Gruppen handeln könnte, die man, nachdem man sie getötet und ihre Leichname konserviert hatte, in der von Woolley dokumentierten Weise herrichtete und im Zuge der Bestattung einer Hauptperson in die Grüfte und Schächte brachte (Dickson 2006, 129; Vidale 2011, 430; 439; 447; Baadsgaard u. a. 2012, 147–148). Da diese Vorschläge gleichzeitig auch die bislang vorgetragenen übergeordneten Konzepte zur Erklärung des Vorhandenseins von Mitbestattungen in den Royal Tombs negieren, wonach die prachtvolle Bestattungszeremonie gerade beim Tod eines Herrschers die überlegene Position des Palastes demonstrieren respektive die Herrschaft von charismatischen Führern manifestieren sollte (Pollock 1991, 180–182; Wagner 2002; Selz 2004, 188; 211; Cohen 2005,

PG.332, PG.760, PG.1130, PG.1234, PG.1315, PG.1421, PG.1749 und PG.263 (Nachbildung).

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153–154; Pollock 2007a, 222–224; Laneri 2008, 207), wurde jüngst erwogen, dass die Tötung der Mitbestatteten doch in den Gräbern geschah, wenn auch nicht mit Gift, sondern eben mittels des Einsatzes einer spitzen Waffe (Frahm 2013, 108). Dem stehen wiederum Überlegungen gegenüber, wonach die Grausamkeit der postulierten öffentlichen Ermordung der zukünftigen Mitbestattungen die Bevölkerung einschüchtern und in Schach halten sollte (Dickson 2006, 140–141). Im Rahmen der rigiden Täter-Opfer-Dichotomie, welche die neuen Vorschläge zum Verständnis der Mitbestattungen grundiert, stellt sich die Frage, ob die Mitbestattungen mehr oder weniger freiwillig oder erzwungenermaßen erfolgten, nicht länger. Sehr selten hat man aber auch unter der Vorgabe, dass ein wie auch immer zustande gekommenes Einverständnis der Mitbestatteten angenommen werden darf, versucht, deren Motivation näher zu bestimmen. Vorausgesetzt, dass es sich bei den Mitbestatteten im Wesentlichen um Palastpersonal handelt, sieht man häufig in dessen Verhältnis zum toten, aber immer noch mit göttlicher Substanz oder Aura angefüllten Herrscher das entscheidende Argument (Woolley 1934, 41; Moorey 1977, 40; Selz 2004, 193). Die Mitbestatteten sollen dem Herrscher durch persönliche Bindung und Loyalität verbunden gewesen sein (Pollock 2007a, 223–224 mit Erweiterung der Perspektive auf Loyalität der Institution gegenüber). Woolley (1934, 42) führte außerdem religiöse Gründe an und spekulierte, ob die prachtvolle Bestattung, an der die Mitbestatteten partizipieren konnten, sich für diese im ‚Jenseits‘ nicht als Vorteil erweisen würde. Erst jüngst wurde von S. Pollock ein Erklärungsansatz vorgelegt, der unterschiedliche Faktoren in Betracht zieht und zudem die im Allgemeinen auf den Herrscher fixierte Perspektive in einem gewissen Umfang überwindet. S. Pollock (2007b, 102; 105) argumentiert, dass disparate Einflüsse, wie das Gewicht der Tradition, in bestimmten Situationen, insbesondere im Kontext von Banketten eingeübte und zur Routine gewordene Handlungs- und Reaktionsweisen, eine vorhandene loyale Haltung sowie ein Mangel an Lebensalternativen bei einem Individuum bewirkt haben mochten, dass es seinen Tod als Mitbestattung hinnahm. Die Übertragung der in der frühdynastischen Kunst in zahlreichen Medien dargestellten Bankette auf die Befunde der Royal Tombs führte zu einer funktionalen Modifikation der ursprünglichen Idee Woolleys, wonach es sich bei den mitbestatteten

Personen um Angehörige des Hofes gehandelt habe, wobei Woolley (1934, 35; 41) die weiblichen Mitbestattungen schlechterdings als Harem deutete (so erneut Vidale 2011, 446). Es wurde vorgeschlagen, dass Bankette in Form von Totenbanketten auch in den Schächten stattgefunden haben könnten (Selz 2004, 210–211; Cohen 2005, 89–92; Pollock 2007b, 102) und es sich bei den Mitbestatteten folgerichtig um Personal handelt, welches für eine solche Gelegenheit benötigt wurde. Im Gegensatz zu Woolley wird in diesem Zusammenhang häufig allgemeiner von „großen Haushalten“ gesprochen, denen die Hauptbestattungen und die „burying group“ angehört haben könnten (Cohen 2005, 81–82; Pollock 2007a, 219–221; zuerst Pollock 1991, 175–176). Es wird gleichzeitig angenommen, dass die arrangierten Körper der Mitbestatteten die Bankettsituation im „Jenseits“ verstetigten (Baardsgaard u. a. 2012, 148; Porter 2012, 194; 197). Schon Woolley (1934, 41–42) erkannte in einer angenommenen Kontinuität des höfischen Lebensstils im Leben und im Tod den letztendlichen Grund für die Anwesenheit von Mitbestattungen in den Royal Tombs. Wenig Einfluss erlangten dagegen immer wieder einmal vorgebrachte Ideen, wonach die Mitbestattungen als Teilnehmer tödlich verlaufender esoterischer Bräuche identifiziert werden können (Moortgat 1949, 65–66; Scurlock 1995; Barret 2007). Die seinerzeit populäre Idee, dass die Befunde der Royal Tombs auf den Ritus einer tödlich verlaufenden „Heiligen Hochzeit“ zur Sicherung der Fruchtbarkeit des Landes hindeuten, lehnte bereits Woolley (1934, 38–40) ab. Auch der Vorschlag, dass es sich bei den Mitbestattungen um Sekundärbestattungen von Personen handelt, die in der Nähe eines charismatischen Herrschers bestattet sein wollten, konnte sich nicht durchsetzen (Charvát 2002, 226–228; Sürenhagen 2002, 332; 336–337). Diskussion und abschließende Bemerkungen Zunächst muss gefragt werden, in welchem Umfang die Ergebnisse der neuen anthropologischen Untersuchungen tatsächlich verbindliche Parameter für die Diskussion der Mitbestattungen liefern. Chemische Veränderungen an der Knochensubstanz, die auf ein (indirektes) Erhitzen eines Leichnams hinweisen, wurden zwar regelmäßiger an den wenigen in London aufbewahrten Skelettresten beobachtet, jedoch nicht an den menschlichen Überresten der

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Stadtfürstin Pû-abī. Im Falle der Skelettreste der Mitbestattungen aus dem Grab RT.1648 konnten bei zwei Skelettresten (1648a und 1648d) eindeutige Spuren entdeckt werden, bei einem dritten Skelettrest (1648c) ist eine solche Behandlung des Leichnams wahrscheinlich, beim vierten Skelettrest wurden jedoch keine Anzeichen für diese Art der Konservierung bemerkt (Molleson/Hodgson 2003, 91–106). Die anderen untersuchten Knochen stammen von fünf Individuen aus den Private Graves, darunter ein Kind (undeutliches Ergebnis) sowie ein Fötus (erübrigt sich). Die Röntgenuntersuchung der in London aufbewahrten, in Wachs gehüllten Schädel von Mitbestattungen aus den Royal Tombs RT.789 und RT.1237 erbrachte diesbezüglich ein negatives Ergebnis. Zudem konnten in London weder an den Skelettresten von Mitbestattungen (RT.1648) noch an den in Wachs gegossenen Schädeln Spuren von Gewalteinwirkung beobachtet werden (Molleson/Hodgson 2003, 106–111). Der Vorschlag, dass die Mitbestatteten erschlagen wurden, gründet demnach einzig auf den Ergebnissen der mit Hilfe von Röntgenaufnahmen und CT-Scans durchgeführten Untersuchung der zwei in Wachs gehüllten stark fragmentierten Schädel von Mitbestattungen, die im Penn Museum aufbewahrt werden; auch diese beiden Schädel stammen aus den Royal Tombs RT.789 und RT.1237. Laut Baadsgaard u. a. konnten im Bild auch Erhitzungsspuren sowie das Vorhandensein von sehr kleinen Mengen an Quecksilbersulfid bei einem der beiden Schädel ausgemacht werden. In diesem Zusammenhang notieren A. Baadsgaard u. a. (2012, 144–145): „The evidence of heating is difficult to detect from visual inspection of the bones alone due to the layers of adhesives and preservatives added to the skull by Woolley at the time of their excavation and during subsequent conservation. The relative lack of standards for interpreting microscopic and chemical analysis of heated bone, or bone that has been subjected to elevated temperatures (...) from archaeological contexts also complicates straightforward interpretations of heating with exclusive recourse to the bones themselves“. Demnach kann momentan allein davon ausgegangen werden, dass man zu einem nicht ermittelbaren Zeitpunkt einer im RT.789 angetroffenen Mitbestattung und einer im RT.1237 ausgegrabenen Mitbestattung mit einem Gegenstand ein Loch in den Schädel schlug. Ob hieraus geschlossen werden kann, dass die Mitbestatteten der Royal Tombs grundsätzlich

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erschlagen wurden, bleibt von der Sachlage her offen. Dies gilt ebenso für das Problem der Konservierung der Leichname der im Royal Cemetery bestatteten und mitbestatteten Menschen. Es lässt sich hier kein eindeutiger Trend ausmachen. Einmal vorausgesetzt, die Mitbestatteten wären tatsächlich außerhalb des Grabes zu Tode gekommen und man hätte ihre Leichname anschließend konserviert, wie Baadsgaard u. a. annehmen, dann würden die Befunde der Royal Tombs aber immer noch die Notwendigkeit anzeigen, dass auch die Mitbestatteten erkennbar als ‚soziale Person‘ im Grab niedergelegt werden sollten/mussten. Wenigstens ihr Geschlecht, ihre Funktion und/oder ihr sozialer Status wurde durch ein Stück persönliche Habe, eine spezifische Schmuckkombination, eindeutig geschlechtlich kodierte Artefakte oder durch ein Siegel sowie durch die eingenommene Position im Grabraum dargestellt. Gegen die oben zitierten Ideen, wonach es sich bei den Mitbestattungen um maskierte Kriegsgefangene oder Angehörige marginalisierter Gruppen handelt, lässt sich anführen, dass das mesopotamische Konzept der Bestimmung des Lebens eines Menschen durch die Götter (sum. nam-tar; akk. šīmtu „das, was festgesetzt ist“) auch soziale Charakteristika beinhaltete, wie das einer bestimmten Geschlechterrolle oder einer beruflichen respektive sozialen Position angemessene äußere Erscheinungsbild eines Individuums (vgl. Steinert 2012, 57–69, bes. 60–61). Das Tragen bestimmter Gewänder oder Schmuckstücke sowie das Mitführen bestimmter Artefakte (u. a. Waffen, Siegel) geschah in Mesopotamien folgerichtig nicht zufällig, sondern war Ausdruck (göttlich sanktionierter) normativer Vorstellungen und gesellschaftlicher Erwartungen und blieb zudem eng mit dem sozialen Rang und der Identität einer Person verknüpft. Gegen weitere in diesem Zusammenhang vorgebrachte Einwände, dass aus späteren Texten Substitutionsrituale bekannt wären, insbesondere das des Ersatzkönigs, bei dem das menschliche Substitut am Schluss getötet wird, ist vorzubringen, dass solche Rituale grundsätzlich der Abwehr negativer Ereignisse oder Einflüsse dienten, und die Substitution eines Menschen durch einen anderen Menschen nur für den König in einer Extremsituation belegt ist (vgl. Huber 2005; Pongratz-Leisten 2007, 21–28). Dass die ‚soziale Identität‘ der Mitbestatteten ihrer ‚sozialen Identität‘ im Leben entsprach, ist demnach mehr als wahrscheinlich. Die Aufgabe besteht so gesehen weiterhin

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darin, einen Erklärungsansatz für den Tatbestand der Mitbestattungen zu formulieren, der einerseits die soziale Heterogenität der Mitbestatteten berücksichtigt und andererseits im Auge behält, dass die in den Royal Tombs RT.789, RT.800 und RT.1237 beobachtbaren „Szenarien“ keinesfalls als repräsentativ für die gesamte Sequenz der Royal Tombs gelten können. Leider stehen einem solchen Unterfangen unsere erheblichen Wissenslücken entgegen, die nicht alleine den Vorgang der Mitbestattungen selbst betreffen. Tatsächlich bleibt im Grunde für uns schon recht undeutlich, warum das Herrscherhaus von Ur zu einem bestimmten Zeitpunkt entschied, seine Mitglieder in einem Friedhof in großen Schachtgrabanlagen zu bestatten. Häufig wird argumentiert, dass diese Entscheidung im Zusammenhang eines vorgestellten Konflikts zwischen aufstrebenden Palast­eliten und alteingesessenen Tempeleliten fiel und die öffentlich vollzogene Bestattung des Stadtfürsten der Legitimierung und Sicherung der Herrschaft des Palastes diente. Tatsächlich aber lassen sich weder Texten noch archäologischen Quellen Hinweise auf derartige Konflikte entnehmen. Das gesamte Konzept basiert auf dem schon in den 1920er und 1930er Jahren formulierten Entwurf der „Sumerischen Tempelstadt“ (Zusammenfassung und Kritik in Nissen 2012, 190–193), der in letzter Zeit überzeugend widerlegt wurde. Folgt man I. Schrakamp (2013), dann lässt sich der Palast als politisches, militärisches und wirtschaftliches Zentrum eines Stadtstaates bestimmen, das den Fernhandel und damit auch wertvolle Güter wie Metalle, Halbedelsteine oder exotische Waren kontrollierte. Vor diesem Hintergrund ist die reiche Ausstattung der in den Royal Tombs bestatteten Personen zu sehen, zumal Ur über einen Hafen verfügte und das Herrscherhaus von Ur zur Zeit der Königsgräber den südmesopotamischen Handel wohl weitestgehend beherrschte. Dem vor dem Aufstieg der Dynastie von Lagaš (Abb.1) mächtigsten südmesopotamischen Herrscherhaus standen demnach in jedem Fall die Ressourcen zur Verfügung, um Projekte wie die Anlage und prachtvolle Ausstattung großer Grabanlagen in Auftrag geben zu können. Jenseits des Befundes der Mitbestattungen kann man also annehmen, dass die Anlage der Royal Tombs wenigstens auch den Zweck verfolgte, den Reichtum und die Macht der Dynastie von Ur in adäquater Weise zum Ausdruck zu bringen.

Nunmehr wurde aber nicht nur entschieden, Mitglieder des Herrscherhauses entsprechend ihres Ranges in einem Friedhof aufwendig zu bestatten, sondern gleichzeitig wurde bestimmt, dass andere Personen einer Hauptbestattung in den Tod folgen sollten. Dies hatte zur Folge, dass unter Umständen weitere Aufträge für die Herstellung des Schmuckes oder anderer Ausstattungsgegenstände erteilt werden mussten. Zudem mussten bei der Konzeption der Grabanlagen ausreichend Raum für die Mitbestattungen eingeplant und die Mitbestattungen in das Bestattungszeremoniell integriert werden. Von Anfang an war folgerichtig eine größere, gemeinschaftlich handelnde Gruppe an den Mitbestattungen beteiligt, auch wenn der Impuls für die Mitbestattungen sicherlich vom Herrscherhaus ausging, das auch die damit verbundenen Arbeiten und Prozesse überwacht haben wird. Wir wissen nicht das Geringste darüber, wer die Mitbestattungen auswählte und in welcher Situation dies geschah. Trafen die Entscheidung die jeweils sterbende Person oder die Hinterbliebenen? Waren noch andere Personen involviert? Wurde die Bestimmung zur Mitbestattung später, als dieser Vorgang etabliert war, vielleicht schon frühzeitig im Leben eines Menschen getroffen (von den Eltern, der Institution, einem Orakel)? Nach welchen Kriterien wurden die Mitbestattungen ausgewählt, jenseits dessen, dass sie ganz offensichtlich bestimmten Berufsgruppen oder Statusgruppen angehören mussten? Wie wurde die Entscheidung kommuniziert? Wurde ein Befehl erteilt? Wurde Zwang ausgeübt? Oder hat man ein Gespräch mit potentiellen Kandidaten oder Kandidatinnen geführt? Konnte sich eine potentielle Mitbestattung verweigern? Welche Konsequenzen hatte eine solche Entscheidung dann für ihr Leben? Bedenkt man, dass ab der zweiten oder dritten Grablege mit Mitbestattungen es den Angehörigen der fraglichen Berufsgruppen respektive Statusgruppen deutlich sein musste, dass sie als potentielle Mitbestattungen in Frage kamen, dann drängen sich diese Fragen auf. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass wir nichts über das „normale“ Leben der Mitbestatteten wissen. Hatten sie Familie? Waren sie verheiratet? Hinterließen sie Kinder? In welche Beziehungsnetzwerke waren sie eingebettet? Zwar lässt sich wegen der gleichförmigen materiellen Kultur in den Private Graves annehmen, dass alle dort bestatteten Personen in einer direkten oder mittelbaren Beziehung zum Palast gestanden haben müssen, jedoch ist es mehr als unwahrscheinlich,

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dass damit eine grundsätzliche soziale Vereinzelung von Personen einherging. Wenigstens mit Bezug auf statushöherrangige Personen lässt sich hier anführen, dass auch in Private Graves gegengeschlechtliche Grab­gaben gefunden wurden, die andeuten, dass der bestattete Mensch in einer engen Beziehung zu einem anderen Menschen stand oder wenigstens einem Familienverbund angehörte. So lag beispielsweise bei einer der erwähnten Brîm-Stirnketten-TrägerBestattungen, bei der man den Toten zusätzlich mit einem Golddiadem geschmückt hatte (PG.1312), das vollständige Schmuckset einer Frau, bestehend aus ihrem Haarkranz, goldenen Haarringen, mehreren Ketten und einer Silbernadel mit Lapislazulikopf und Goldkappe. Von der Entscheidung, dass eine Person als Mitbestattung sterben (oder nicht sterben) würde, waren somit höchstwahrscheinlich weitere Personen direkt betroffen. Hieraus folgt, dass in die Entscheidungsprozesse, die zur Mitbestattung von Personen in den großen Schachtgrabanlagen führten, sicherlich unterschiedliche Parteien mit vielleicht divergierenden Interessen involviert waren. Will man vor diesem Hintergrund aber weiterhin davon ausgehen, dass die Mitbestattungen mit physischer Gewalt erzwungen wurden, dass also rigide Täter-Opfer-Verhältnisse diesen Vorgängen zugrunde lagen, dann muss man die Beziehung des Herrscherhauses zu seinem Personal, dessen Familien und in weiterer Perspektive zu großen Teilen der Bevölkerung als ein direktes Gewaltverhältnis bestimmen. Für eine solche Perspektive fehlen in den Quellen aber alle Anhaltspunkte. Administrative Urkunden belegen im Gegenteil, dass der reziproke symbolische Austausch von Gaben die Beziehungen der Herrscherhäuser zu ihren wichtigen Beamten und Funktionären und deren Ehefrauen strukturierte (vgl. Prentice 2010, 153–203). G. J. Selz (2010) konnte zudem jüngst zeigen, dass u. a. frühdynastischen Texten entnommen werden kann, dass beim Versagen der Herrschaft (wirtschaftliche Engpässe, Hungersnöte, Vernachlässigung der Pflege der lebensnotwendigen Kanäle, Verletzung bestimmter ethischer Standards) eine Rebellion als legitime Handlungsweise der Bevölkerung angesehen wurde. Im „Normalfall“ waren die frühdynastischen Herrscherhäuser somit gezwungen, eine bestimmte Effizienz in ihrem Regierungshandeln zu beweisen, sich zudem den Bedürftigen gegenüber mildtätig zu erweisen sowie ihre akkumulierten Ressourcen in einem bestimmten Umfang für die Bevölkerung einzusetzen, indem sie beispielsweise den Gottheiten große „Häuser“ erbauen ließen, diese

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prächtig ausstatteten, große Opfer darbrachten und regelmäßig Festivitäten ausrichteten. Die aufwendigen Bestattungszeremonien der frühdynastischen Zeit lassen sich ohne Weiteres, sieht man einmal vom Sonderfall der Mitbestattungen in Ur ab, in diese auf die Mehrung der sozialen Anerkennung und des Erhalts von Prestige ausgerichteten herrschaftlichen Verhaltensweisen einbetten. Vorausgesetzt nunmehr, wenigstens nicht alle Mitbestatteten wurden durch einen Befehl oder körperliche Gewalt ausgesondert und dann mit Hilfe weiterer Zwangsmaßnahmen in ihr Schicksal gepresst, so stellt sich die Frage, welche weiteren Reaktionen auf das Ansinnen, sich als Mitbestattung zur Verfügung zu stellen, denkbar sind. Wie schon erwähnt, ist es vorstellbar, dass sich Personen weigerten, jedoch wissen wir nicht, welche Konsequenzen hieraus resultierten. Eine andere Reaktionsmöglichkeit konnte darin bestehen, ein solches Ansinnen ohne innere Überzeugung oder sogar mit innerer ablehnender Haltung hinzunehmen, etwa weil man es gewohnt und dementsprechend sozialisiert worden war, dass man Anordnungen oder Anfragen höherrangiger Personen widerspruchslos nachzukommen hatte, zudem der soziale Druck der eigenen Subgruppe auf einem gelastet haben mag, man womöglich sogar dem sterbenden Stadtfürsten oder der sterbenden Stadtfürstin direkt gegenüberstand oder man diese Situation schon seit längerer Zeit hatte kommen sehen, da man ja wusste, dass die eigene Berufs- oder Statusgruppe zu dem in Frage kommenden Personenkreis rechnete. Möglich ist aber auch, dass Personen einer entsprechenden Nachfrage tatsächlich positiv begegneten, etwa weil sie es als Ehre ansahen, sie genau wie das Herrscherhaus an die gleiche Notwendigkeit für Mitbestattungen glaubten, sie sich mit dem Herrscherhaus und dessen Zielen identifizierten, sich vielleicht gar in einer persönlichen Beziehung zum Stadtfürsten oder zur Stadtfürstin wähnten, es ihr Ansehen in der eigenen Subgruppe mehrte, man unter Umständen zudem in den Genuss bestimmter Privilegien kam (wir wissen nicht, wann die Entscheidung, dass eine Person als Mitbestattung sterben würde, fiel!) oder den eigenen Familienmitgliedern Vorteile eingeräumt wurden und man schließlich Teil einer besonderen Gemeinschaft wurde, die für eine kurze Zeit im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. Aus heutiger Perspektive tendiert man dazu, insbesondere Personen mit der zuletzt dargelegten

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Haltung als Opfer symbolischer Gewalt (P. Bourdieu) anzusehen, also als Personen, die, weil sie die Ziele und Erwartungen der Herrschaft inkorporiert haben und angeleitet wurden, an die Mystifizierungen der Herrschaft zu glauben (beispielsweise durch eine theologisch begründete Weltsicht, die den Herrscher als Stellvertreter eines Gottes ausgab und ihn mit göttlichem „Charisma“ versah), ihre eigene Position (beispielsweise die eigene existenzielle Abhängigkeit) und ihre eigenen Interessen innerhalb der bestehenden Herrschaftsverhältnisse verleugnen und sich stattdessen mit den Herrschenden, die sie bewundern und idealisieren, und deren Interessen identifizieren (vgl. etwa Schmidt/Woltersdorff 2008; Moebius/Wetterer 2011; Peter 2011). Leider bleibt uns verborgen, mit welchen Inhalten das Herrscherhaus von Ur die Notwendigkeit der Mitbestattungen begründete. Es muss dabei aber auf kollektive Werte und bestehende Vorstellungen von Normalität zurückgegriffen haben, da von Anfang an größere Personenkreise in die Bestattungsvorgänge involviert waren. Von entscheidender Bedeutung war wahrscheinlich zudem ein für weite Bevölkerungsteile vorauszusetzender Habitus,

der den oder die Einzelne/n darauf abstellte, soziale Hierarchien, existentielle Abhängigkeitsverhältnisse und Gruppenzwänge mit Unter- oder Einordnung, Konformität und Loyalität zu beantworten; die redistributive und stark hierarchisierte Wirtschaftsweise Mesopotamiens lässt sich hier ebenso wie die hierarchische Struktur des Mensch-Gott-Verhältnisses als möglicher Beleg anführen. Von herausragender Bedeutung für die Akzeptanz der Mitbestattungen in den Royal Tombs des Herrscherhauses von Ur war mit Gewissheit aber auch die unbezweifelbare Schönheit der dabei eingesetzten Artefakte und zur Schau getragenen kostbaren Schmuckensembles, die noch uns Heutige anleiten (oder verführen?), in den entsprechenden Vorgängen etwas Gutes und Richtiges erblicken zu wollen. Die Diskussion der Mitbestattungen in den Royal Tombs in Ur und ähnlicher Befunde wird andauern. Vielleicht aus dem Grunde, weil man sich wünscht, dass solche und ähnliche Vorgänge niemals passiert seien, geschweige denn von Gemeinschaften akzeptiert wurden. Wäre dem aber so, wir würden in einer anderen Welt leben.

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Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften im neolithischen Mitteleuropa oder gab es eine Evolution der Gewalt während der Jungsteinzeit? Jörg Petrasch

Zusammenfassung In den vergangenen zwei Jahrzehnten nahm die Erforschung der Gewalt im Neolithikum einen deutlichen Aufschwung. Dadurch und aufgrund der Veröffentlichungen zahlreicher moderner Ausgrabungen lässt sich zum ersten Mal eine mögliche Evolution der Gewalt in der mitteleuropäischen Jungsteinzeit erfolgversprechend empirisch analysieren. Da mindestens seit der jüngeren Bandkeramik Schlachtfelder und Massaker, wenn auch sehr selten, archäologisch nachgewiesen sind, muss es seit dieser Zeit gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Gemeinschaften gegeben haben, die phänomenologisch den tribalen Kriegen der Ethnologie entsprechen. Traumatologische Befunde und Waffenbeigaben in Gräbern bieten die quantitativ besten Grundlagen für diachrone Analysen zur Entwicklung der Häufigkeit von Gewalttätigkeiten im Neolithikum. Dabei ergaben sich keine Hinweise für den aufgrund der Forschungsgeschichte erwarteten Anstieg der Gewalt von der Bandkeramik zu den Trichterbecherkulturen oder der Schnurkeramik. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Fundplätzen einer archäologischen Kultur sind deutlich größer als zwischen den Kulturen. Dagegen scheint es innerhalb der Bandkeramik durchaus eine Zunahme von Gewalttätigkeiten gegeben zu haben. Die entwickelte Bandkeramik dürfte mit regelmäßig, wenn auch nicht übermäßig häufig auftretenden Gewalttätigkeiten nicht nur den anderen neolithischen Kulturen, sondern auch den übrigen historischen Epochen entsprechen. Sie ist damit in Hinblick auf Gewalt als der kulturgeschichtliche „Normalfall“ anzusehen. Der weitgehend gewaltfreie Beginn der Bandkeramik wäre dann die Abweichung von der Regel und damit erklärungsbedürftig. Als Ursache dafür wurde die kulturgeschichtliche Ausnahmesituation der bandkeramischen Landnahme – eine sehr geringe Bevölkerungsdichte in Verbindung mit einer vollständigen Umstellung der Lebensweise und einem Neuknüpfen des sozialen Beziehungsnetzes – vorgeschlagen. Abstract: Violent and Peace-loving Communities in Neolithic Central Europe or Was there an Evolution of Violence during the Neolithic? In the past two decades the study of violence in the Neolithic took a significant upturn. Therefore and due to the publication of numerous modern excavations, the probable development of violence in the Central European Neolithic can be analyzed empirically for the first time. Earliest archaeological evidence of battlefields and massacres, indicating violent clashes between communities, and phenomenologically corresponding to the tribal wars of Ethnology, can be dated to the late Linear Pottery Culture. Traumatological evidence and weapons in graves provide the best quantitative basis for analyzing the development of the frequency of violence in the Neolithic. However, contrary to research history, an increase in violence from the Linear Pottery Culture to the Funnel-Beaker or Corded-Ware Cultures cannot be observed. The differences between the various sites of an archaeological culture are much greater than the ones between cultures. In contrast, there seems to have been quite an increase in violence in the Linear Pottery Culture itself. In its developed phases violence was not excessively frequent but occurred regularly, a fact that can also be

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Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften

observed in other Neolithic cultures as well as in other historical epochs. In terms of violence the late Linear Pottery Culture can therefore be regarded as the cultural-historical “normal case”. The largely non-violent beginning of the Linear Pottery Culture is the exception to the rule and therefore in need of explanation. In this regard the exceptional culture-historical circumstances of the Linear Pottery spread – a very low population density in conjunction with a complete change in lifestyle and the establishment of a new social relations network – are suggested to be the main causes.

In der mitteleuropäischen Vorgeschichtsforschung hat die Einschätzung des Vorkommens, der Häufigkeit sowie der Art und Intensität von Gewalttätigkeiten im Neolithikum mehrfache Wechsel durchlaufen. Dabei scheinen sich Veränderungen der Lebenswelt der Prähistoriker – der jeweilige Zeitgeist – stärker als neue archäologische Daten auf die Interpretationen ausgewirkt zu haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die eponyme Fundstelle der Altheimer Gruppe mit der Änderung ihrer Deutung vom befestigten Hof, der nach einem heftigen Kampf zerstört wurde, zu einem Kultbau (Reinecke 1915; Maier 1962). Die 1960er bis 1980er Jahre sind dabei eine Periode, in der das Neolithikum als überaus friedliche Epoche der Menschheitsgeschichte angesehen wurde. Zwar gab es auch in dieser Zeit explizit formulierte gegenteilige Ansichten, die jedoch nur von einer kleinen Minderheit vertreten wurden. Selbst wenn prominente, fachlich angesehene Forscher diese äußerten (Müller-Karpe 1968, 260–261; Behrens 1978), wurden sie nicht weiter beachtet und blieben folglich ohne Wirkung auf die weitere Forschung. Deshalb nahm die Anzahl der Wissenschaftler, die abweichende Meinungen vertraten, immer mehr ab (Courtin 1984; Vencl 1984). In den 1980er Jahren kam dann die allgemein akzeptierte friedliche Rekonstruktion der neolithischen Lebenswelt dem Idealbild der „edlen Wilden“ von J.-J. Rousseau recht nahe. Die Grundlage dieses friedlichen Bildes der Jungsteinzeit waren jedoch keine fragestellungsorientierten Analysen archäologischer Daten, sondern ausschließlich das Weglassen der genannten abweichenden Forschungsmeinungen und der diesen zugrunde liegenden Befunde sowie einige wenige Uminterpretationen einzelner Fundplätze wie beispielsweise Altheim. Der bislang letzte Wendepunkt in der Erforschung der Gewalttätigkeiten im mitteleuropäischen Neolithikum wurde diesmal jedoch durch neue archäo­ logische Daten – die Veröffentlichung des bandkeramischen Massakers von Talheim (Wahl/König

1987) – eingeleitet. Die spektakulären anthropologisch-traumatologischen Befunde rückten Gewalttätigkeiten als Teil der jungsteinzeitlichen Lebenswirklichkeit und damit auch als Gegenstand wissenschaftlicher Fragestellungen schlagartig wieder in das Bewusstsein der Vorgeschichtsforscher. In der darauf folgenden Zeit nahm die Erforschung der Gewalt im Neolithikum einen deutlichen Aufschwung, was neben Veröffentlichungen von Einzelforschungen auch mehrere Tagungen zu diesem Thema widerspiegeln. Durch zahlreiche Materialvorlagen moderner Grabungen wurde außerdem die Basis für vergleichende kulturgeschichtliche Untersuchungen wesentlich verbessert. So wurden zwei Drittel der regulären Bestattungsplätze, die im Folgenden verwendet werden, nach 1987 veröffentlicht. Heute scheint das Thema Gewalt in der Vorgeschichte insbesondere im Neolithikum ausgesprochen aktuell zu sein, und das weit über Mitteleuropa hinaus (Guilaine/Zammit 1998; Christensen 2004; Golitko/Keeley 2007); besonders weil durch die besagte Verbesserung der Quellenlage inzwischen Fragestellungen mit empirischen Methoden behandelt werden können, die vor zwei oder drei Jahrzehnten noch ausgesprochen spekulativ gewesen wären. Dabei werden die Unterschiede zur Interpretationsweise in den 1960er bis 1980er Jahren offensichtlich. Damals wurde das Neolithikum auf eine so extreme Art als friedliche Epoche interpretiert, dass aus heutiger Sicht die Fragestellung, wie so etwas überhaupt entstehen konnte, interessant sein könnte. Eine ähnlich extreme Ansicht über das Neolithikum, jedoch in entgegengesetzter Richtung, als eine von außergewöhnlicher Gewalt geprägten Epoche, wurde im aktuellen Diskurs dagegen nicht formuliert. Vielmehr ging es bis jetzt darum, das Neolithikum als eine Epoche zu verstehen, in der Gewalttätigkeiten zur Lebenswelt gehörten, genauso wie in anderen Epochen auch, jedoch keinesfalls mit Häufigkeiten und Intensitäten, die den historisch belegten Rahmen sprengen würden (Petrasch 1999; Peter-Röcher 2007).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Fragestellungen, Begrifflichkeiten und Quellen Anders als die meisten immanenten Fragestellungen der Vorgeschichte erfährt das Thema Gewalt im Neo­lithikum auch außerhalb des eigenen Fachs eine größere Aufmerksamkeit. So werden in zahlreichen kultur- und sozialgeschichtlichen Arbeiten zu Krieg und Gewalt auch deren früheste Anfänge behandelt (z. B. Ehrenreich 1997; Preuss 2003; Hillman 2005). Dadurch sind ihre Verfasser, sofern sie den Anspruch haben, über Mutmaßungen beziehungsweise philosophische Überlegungen hinaus zu gehen, auf vorgeschichtliche Ergebnisse oder zumindest auf archäologische Daten angewiesen. Da die Thematik sehr unterschiedliche Phänomene wie Mord, Blutrache, Kopfjagd, Todesstrafe, Krieg und Massaker umfasst, scheint eine grundsätzliche Klärung der Begrifflichkeiten – eine Definition – wissenschaftlich sinnvoll (Peter-Röcher 2006). Dem stehen jedoch die durch die Natur der archäologischen Quellen prinzipiell eingeschränkten Aussagemöglichkeiten gegenüber (Hawkes 1954; Eggert 1993). Bereits die kleine Liste unterschiedlicher Formen von Gewalt legt nahe, dass zwei Merkmale für ihre Klassifika­ tion von zentraler Bedeutung sind. Neben der Größe der an den Gewalttätigkeiten beteiligten Gruppen – sowohl der Täter als auch der Opfer – ist dies die moralische Bewertung der Taten. So wird Mord immer und ausschließlich negativ bewertet, während Blutrache, Kopfjagd und Todesstrafe in vielen Kulturen durchaus positiv konnotiert sein können. Nur in ganz seltenen Ausnahmen dürften archäologische Befunde für eine Unterscheidung in diesem Interpretationsbereich ausreichen. Aussagen über die Gruppengrößen dürften dagegen wesentlich besser zu treffen sein. Aus diesem Grund sollen im Folgenden bei der Analyse einer möglichen Evolution der Gewalt im Neolithikum neben der Gruppengröße vor allen Dingen deren Häufigkeiten insgesamt ohne weitergehende Differenzierung betrachtet werden. Die grundsätzliche Interpretationsproblematik der archäologischen Daten, die als Quellen über Gewalttätigkeiten im mitteleuropäischen Neolithikum benutzt werden können, macht bereits deren Liste auch ohne kritischen Kommentar deutlich: 1. Archäologische Denkmäler stattgefundener Gewalt­tätigkeiten (Schlachtfelder, Massengräber) 2. Befestigungen (Erdwerke) 3. Waffen 4. Traumatologische Befunde an Skeletten (unverheilt und verheilt)

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5. Trepanationen 6. Alters- und Geschlechtsstruktur der Toten unterschiedlicher Bestattungsplätze 7. Mehrfachbestattungen. So hängt beispielsweise die Relevanz von Erdwerken für die Diskussion über Gewalt davon ab, wie diese Befunde grundsätzlich interpretiert werden. Auch wenn sie zurzeit mehrheitlich und gut begründet als Befestigungsanlagen gedeutet werden, muss dies nicht immer so bleiben. Für Trepanationen als Wundversorgung von Schädeltraumen gilt sinngemäß dasselbe. Auffällige Verteilungen von Alter und Geschlecht der Toten verschiedener Bestattungsplätze können ähnlich wie Mehrfachbestattungen auf Gewalttätigkeiten zurück zu führen sein – können jedoch auch andere, beispielsweise kulturelle Gründe haben. Des Weiteren kommen viele archäologische Quellen zur Gewalt so selten vor, dass sich die Häufigkeit der Ereignisse, die ihnen zugrunde liegen, in der damaligen Lebenswelt nur mit großen Unsicherheiten, wenn überhaupt, erschließen lassen. Die folgenden Analysen stützen sich deshalb auf Waffenbeigaben in Gräbern und traumatologische Befunde an Skeletten – die mit großem Abstand häufigsten Daten zur Gewalt im Neolithikum. Diese bilden bislang die einzige konkrete Grundlage für die Untersuchung zur zeitlichen Entwicklung der Häufigkeit von Gewalttätigkeiten in der Jungsteinzeit. Zunächst soll jedoch der Forschungsstand zu den Schlachtfeldern und Massakern – den seltensten Denkmälern von Gewalt überhaupt –, nicht nur im Neolithikum, sondern in allen Epochen (Rost/Wilbers-Rost 2009; Schürger 2009; Grothe/Jungklaus 2009), zusammengefasst werden, da nur diese Informationen über die Organisationsformen der Gewalttätigkeiten geben können. Organisationsform der Gewalttätigkeiten – Krieg Da Kriege in den verschiedenen Kulturen und Zeiten in vielfältigen Weisen auftreten, verwundert es nicht, dass neben den immer notwendigen Kriterien der Gewalt und Gruppengröße auch unterschiedliche weitere Merkmale für die Definition verwandt wurden. In der Ethnologie wird so der Begriff des tribalen Krieges für gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Gruppen ohne übergeordnete Zentralinstanzen benutzt (Helbling 2006). Eine sich daran orientierende Begrifflichkeit – wie prähistorische

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Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften

Kriege – ist auch für die Vorgeschichte sinnvoll. Die in den Geschichtswissenschaften ebenfalls oft in die Definition mit einbezogene Staatlichkeit würde für die Urgeschichte dagegen den Untersuchungsgegenstand „Krieg“ per definitionem ausschließen, was nicht zweckmäßig ist. Die linienbandkeramische Siedlung mit Erdwerk von Asparn a. d. Zaya/Schletz in Niederösterreich ist, obwohl bislang nur in Vorberichten veröffentlicht (Teschler-Nicola u. a. 2006), zurzeit der beste Beleg für eine im Neolithikum stattgefundene Schlacht. Die stark fragmentierten Überreste von über 100 Individuen, deren Alters- und Geschlechtsverteilung einer lebenden Bevölkerung entsprechen, weisen neben Traumen, die auf Gewalttätigkeiten zurückzuführen sind, auch zahlreiche Fraßspuren von Tieren auf. Berücksichtigt man, dass nur ein Teil der Fundstelle ausgegraben wurde, so ergeben sich für den gesamten Platz mehrere Hundert Gewaltopfer, die nach der Tat auf dem Schlachtfeld unbestattet liegen gelassen wurden. Für neolithische Verhältnisse ist dies eine sehr hohe Zahl, die jedoch nicht unmöglich erscheint, da Asparn a. d. Zaya/Schletz eine der größeren bandkeramischen Fundstellen ist. Folglich liegt für diesen Platz die Interpretation als Schlacht eines tribalen Krieges, der die Einwohner einer Siedlung nahezu vollständig zum Opfer gefallen sind, nahe. Andere grundsätzlich vorstellbare Deutungen wirken dagegen sehr konstruiert. Was die Interpretation als neolithisches Schlachtfeld sowie die ihr zugrunde liegenden archäologischen und anthropologischtraumatologischen Daten betrifft, entspricht die nicht fertig gestellte Kreisgrabenanlage der LengyelKultur von Ružindol-Borová in der Südwestslowakei (Němejcová-Pavúková 1997; Jakab 1997) sehr gut Asparn a. d. Zaya/Schletz. Hier ergeben sich aufgrund des Grabungsausschnittes auf den gesamten Fundplatz hochgerechnet zwischen 100 und 200 getötete Menschen, was gut einer typischen mitteleuropäischen neolithischen Siedlungsgemeinschaft entspricht. Neben diesen beiden Plätzen, deren Interpretationen als Schlachtfelder so gut begründet sind, wie dies anhand ausschließlich archäologischer Daten überhaupt nur möglich ist, gibt es noch mindestens drei weitere möglicherweise so zu deutende Fundorte,

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die jedoch aufgrund der frühen Ausgrabung, der bislang nur kurzen Fundmeldung und der sehr komplizierten Befundsituation noch nicht abschließend beurteilt werden können. Neben dem jungneolithischen Altheim (Reinecke 1915; Petrasch 1999, 513) sind dies die bandkeramischen Fundstellen von Dillingen-Steinheim (Dietrich 2002) und Zauschwitz, Stadt Pegau-Weideroda (Coblenz 1962; Petrasch 2000, 362–363; Bergemann 2012). Außer Schlachtfeldern sind Massaker weitere archäologische Belege für tribale Kriege im mitteleuropäischen Neolithikum. Neben dem inzwischen schon klassisch zu nennenden Fundort Talheim (Wahl/König 1987) gibt es für die Bandkeramik in Schöneck-Kilianstädten (Schwitalla/Schmitt 2006; Lohr in Vorb.1) einen nahezu identischen Befund, was äußerst erstaunlich ist, da unabhängig von der konkreten Interpretation (Narr 1993; Petrasch 1999, 510–511) Talheim aufgrund seiner eigentümlichen Merkmalskombination scheinbar eine einmalige Ausnahme darstellte. Nach der Altersund Geschlechtsverteilung zu urteilen wurden jeweils vollständige Siedlungsgemeinschaften mit über 30 Mitgliedern umgebracht. Damit sind die Kriterien Gewalt und Gruppengröße der tribalen Kriege erfüllt. Von Schlachtfeldern unterscheiden sich diese Befunde jedoch dadurch, dass die Toten sofort nach der Tat in einem Massengrab bestattet wurden, was durch das völlige Fehlen von Tierfraßspuren belegt wird. Mehrfachbestattungen, die in der Schnurkeramik häufiger zu sein scheinen, könnten ein weiterer Hinweis auf Gewalttätigkeiten sein, an denen größere Gruppen beteiligt waren. In Eulau, Stadt Naumburg/ Saale, bilden vier Gräber mit einer Doppel-, einer Dreifach- und zwei Vierfachbestattungen, von denen jeweils einzelne, jedoch nicht alle Toten tödliche Kampfverletzungen aufweisen, eine kleine Nekropole (Muhl u. a. 2010). Wenn alle Gräber absolut gleichzeitig wären, ergäbe sich nach der Alters- und Geschlechtsverteilung eine Gruppe, die durchaus ein nennenswerter Anteil an einer kleinen neolithischen Siedlungsgemeinschaft gewesen sein könnte – jedoch keinesfalls die gesamte Gemeinschaft. Liegen jedoch zwischen den einzelnen Mehrfachbestattungen jeweils eine oder mehrere Generationen, was nach den

Herr C. Lohr bearbeitet das Massengrab von Schöneck-Kilianstädten im Rahmen einer Magisterarbeit an der Universität Mainz. Mein besonderer Dank gilt ihm dafür, dass er mich schon während der laufenden Auswertungsarbeiten über den damaligen Stand, der hier wiedergegeben wird, ausführlich informierte.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

C-Daten eher der Fall zu sein scheint, ergäben sich dagegen über eine längere Zeit wiederkehrende Gewalttätigkeiten, an denen möglicherweise nur kleine Gruppen beziehungsweise Einzelpersonen beteiligt waren. Ob die zahlreichen Mehrfachbestattungen der beiden Tauberbischofsheimer Nekropolen von Impfingen und Dittigheim, in denen jeweils etwa die Hälfte aller Verstorbenen bestattet wurde (Dresely 2004), ebenfalls mit Gewalttätigkeiten in Verbindung stehen, muss dagegen offen bleiben, da lediglich ein Skelett der über 30 Toten nicht verheilte Schädelverletzungen aufweist. Wie die Befunde des jünger lengyelzeitlichen Fundortes Jelšovce in der Südwestslowakei (Pavúk/ Bátora 1995) als Belege für Gewalt interpretiert werden können, hängt ähnlich wie bei den Mehrfachbestattungen von der inneren Chronologie des Platzes ab. Von den 30 Individuen weisen 10 Traumen auf, die zum Teil auf sehr massive Gewalt zurückzuführen sind (Jakab 1995). Da die Toten, abgesehen von zwei Doppel- und einer Dreifachbestattung, einzeln beerdigt wurden, können sie sich entweder über einen längeren Zeitraum verteilen oder von einem einzigen Ereignis stammen. Zusammen genommen legen alle hier genannten Befunde die Schlussfolgerung nahe, dass es in Mitteleuropa mindestens seit der jüngeren Linienbandkeramik gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Gemeinschaften gegeben hat, die den tribalen Kriegen der Ethnologie entsprechen. Insgesamt sind diese Befunde jedoch so selten, dass es aus statistischen Gründen nicht angebracht ist, ihre relative Häufigkeit zu errechnen. Folglich sind Schlachtfelder und Massaker auch nicht geeignet, Aussagen über die zeitliche Entwicklung des Krieges in der Vorgeschichte zu machen, so dass andere Datenkategorien für diese Fragestellung analysiert werden müssen.

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Spuren von Gewalttätigkeiten an Lebenden und Toten Von allen Daten zu Gewalttätigkeiten im Neolithikum sind neben den Waffenbeigaben in Gräbern die traumatologischen Befunde an Skeletten die quantitativ besten Grundlagen für diachrone Analysen. Die wichtigste kulturgeschichtliche Eigenschaft von Verletzungen an Skeletten regulärer Bestattungsplätze ist, dass ihre Häufigkeiten keine direkte Auskunft zum tatsächlichen Vorkommen von Gewalttätigkeiten in den jeweiligen prähistorischen Gemeinschaften

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liefern können. Ihre Werte sind grundsätzlich immer zu niedrig, da sie die Opfer von Gewalttätigkeiten, die an anderen Plätzen beerdigt wurden beziehungsweise an den Tatorten liegen blieben, nicht enthalten. Für die Rekonstruktion der realen Häufigkeiten von Gewalt in vorgeschichtlichen Gemeinschaften sind somit deren Bestattungssitten – wie mit Gewalt­ opfern zu verfahren war – von ausschlaggebender Bedeutung. Sofern sich diese Regeln während des Neolithikums jedoch nicht geändert haben, was nach dem aktuellen Forschungsstand der Fall zu sein scheint (Petrasch 2013), können die Häufigkeiten der Traumen an Skeletten der Friedhöfe durchaus als Daten zur zeitlichen Entwicklung der Gewalt benutzt werden. Der zeitlichen Analyse der Traumen und der Waffenbeigaben lag die aus der Forschungsgeschichte abgeleitete Hypothese zugrunde, dass die Häufigkeit von Gewalttätigkeiten im Neolithikum zunahm. Die Bandkeramik mit vergleichsweise seltenen Gewalttätigkeiten stand hierbei den Streitaxtkulturen und der Schnurkeramik gegenüber, die als besonders gewalttätig galten. Bei dieser Annahme dürfte es sich um die bislang in der Neolithikumforschung allgemein akzeptierte Ansicht handeln, auch wenn es bereits abweichende, ganz explizit so formulierte Meinungen gab (Jeunesse 2010, 55; Trautmann 2012, 395). Die Kriterien für die Aufnahme eines Fundortes in die Zusammenstellungen (Abb. 1) waren eine möglichst große Grundgesamtheit sowie ein ausreichender Stand der wissenschaftlichen Bearbeitung und Veröffentlichung. Bei beiden Anforderungen mussten jedoch Kompromisse gemacht werden, da die Tabellen ansonsten für einzelne Zeitabschnitte recht dürftig ausgefallen wären, und die interessierende Fragestellung nicht hätte behandelt werden können. Auffällig ist, dass es in jedem der drei hier unterschiedenen Hauptabschnitte der mitteleuropäischen Jungsteinzeit – dem Alt- und Mittelneolithikum, dem Jungneolithikum und dem Endneolithikum – neben Plätzen mit vergleichsweise hohen Häufigkeiten von Skeletten mit Traumen (fünf und mehr Prozent) auch solche mit sehr wenigen beziehungsweise überhaupt keinen gibt (Abb. 1). Da die Grundgesamtheiten mit im besten Fall knapp 200 Individuen statistisch eher klein und die relativen Häufigkeiten von Gewaltspuren niedrig und ähnlich sind, ist es sinnvoll, einen mathematischen Test durchzuführen, um einen Eindruck davon zu bekommen, ob die beobachteten Unterschiede überhaupt signifikant sind.

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Sondershausen, Bruchstedt Mittelelbe-Saale-Gebiet Aiterhofen Stuttgart-Mühlhausen Vaihingen a. d. Enz Trebur Lenzburg Nordhausen Niederbösa Derenburg Odagsen Schönstedt Benzigerode Gotha-Siebleben Vikletice Taubertal Lauda-Königshofen

Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften Datierung n

n Gewalt h Gewalt

LBK LBK LBK LBK LBK MNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo SK SK SK

3 2 19 2 2 1 6 2 8 3 2 1 6 7 1

99 189 161 177 40 131 100 50 78 60 120 64 46 63 164 131 90

1,6 1,2 10,7 5,0 1,5 2,0 7,7 3,3 6,7 4,7 4,4 1,6 3,7 5,3 1,1

h am Schädel 1,6 ? 2,5 0,8 2,0 3,8 1,7 0,8 3,1 2,2 3,7 3,1 -

h am Schädel, verheilt 1,6 ? 2,5 0,8 2,0 3,8 1,7 0,8 3,7 1,5 -

h am Schädel, tödlich (?) ? 3,1 2,2 1,5 -

h Trepanation 1,0 2,0 3,1 3,3

Abb. 1: Absolute und relative Häufigkeiten (in % auf Skelettbasis) von Traumen als Anzeiger für Gewalttätigkeiten: Insgesamt, am Schädel, am Schädel verheilt sowie Trepanationen.

Dafür wurden zwei vergleichsweise große Serien mit unterschiedlichen Gewalthäufigkeiten ausgewählt – die mittelneolithische Nekropole von Trebur und die schnurkeramischen Bestattungen des Taubertals. Das Ergebnis des χ2-Tests ist indifferent. So kann die Annahme unterschiedlicher Häufigkeiten der Gewalttätigkeiten für die beiden Gemeinschaften nicht mit dem bei wissenschaftlichen Untersuchungen üblichen 5 %-Niveau sondern lediglich auf dem 10 %-Signifikanzniveau, welches nur gelegentlich verwendet wird, abgesichert werden. Folglich unterstützen die zurzeit vorliegenden traumatologischen Daten die Annahme einer Zunahme von Gewalttätigkeiten während des mitteleuropäischen Neolithikums aus statistischer Sicht nicht. Es liegt auf der Hand, dass neben der statis­ tischen Signifikanz der Häufigkeiten der Traumen auch deren Art, Genese und Auswirkungen kritisch analysiert werden sollten, um sie als Quellen zu Gewalttätigkeiten nutzen zu können. Die Art der Verletzung und im günstigsten Fall auch die Form der Waffe sowie deren Position am Körper und eventuell vorhandene Heilungsspuren sind die wesentlichen Merkmale für diese Untersuchungen. In zahlreichen neolithischen Fundorten in Mitteleuropa befinden sich die meisten oder sogar alle Traumen am Schädel. Es gibt jedoch auch auffällige Abweichungen von diesem Verteilungsmuster, wie

beispielsweise im jungneolithischen Kollektivgrab von Odagsen in Südniedersachsen. Dort stehen einem Schädeltrauma 15 Verletzungen am postcranialen Skelett gegenüber, die sich über Ulna, Humerus, Tibia, Femur, Clavicula und Metatarsus verteilen (Grupe/Herrmann 1986). Neben Traumen am Schädel werden Frakturen der Unterarmknochen meistens als typische Abwehrverletzungen und damit auch als Kampfspuren interpretiert. Außerdem ist auch noch gut vorstellbar, dass ein Schlag mit einem Steinbeil oder Knüppel zu einem Bruch von Clavicula oder Humerus geführt haben kann, wenn der Angreifer nicht richtig traf. Ob Frakturen von Femur, Tibia oder Metatarsus in gleicher Weise als Kampfverletzungen gedeutet werden können, scheint dagegen fraglich. Da diese Knochen jedoch sehr massiv und stabil sind, muss eine entsprechend große Kraft auf sie eingewirkt haben. Geht man vom heutigen Unfallgeschehen aus, das zu solchen Verletzungen führen kann, so bleiben in der neolithischen Lebenswelt nur sehr wenige Situationen – beispielsweise Arbeitsunfälle beim Baumfällen oder Hausbau – die als Erklärungen hierfür in Frage kommen. Folglich wird man auch bei diesen Traumen Gewalttätigkeiten nicht per se ausschließen können. Für diachrone Untersuchungen zur Entwicklung der Gewalt im Neolithikum ist es zweckmäßig, sich auf die Schädeltraumen zu beschränken

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

(Abb. 1, 6. Spalte), da nur bei diesen ein über alle Fundorte einigermaßen gesicherter einheitlicher Standard der anthropologischen Untersuchungen gewährleistet ist. Die Verteilung der Traumen am Schädel mit und ohne Heilungsspuren weist sowohl zwischen den verschiedenen Bestattungsplätzen als auch zeitlich bedingt bemerkenswerte Unstetigkeiten auf (Abb. 1, 6. und 7. Spalte). Nicht verheilte Schädelverletzungen sind an Skeletten von Gräberfeldern sehr selten – vermutlich mindestens zehnmal seltener als verheilte Schädeltraumen. Bislang kommen sie in Mitteleuropa überhaupt zum ersten Mal in der Walternienburger Kultur vor. Die oben diskutierten Schlachtfelder und Massaker zeigen jedoch, dass es auch vor dieser Zeit tödliche Verletzungen durch Gewalttätigkeiten gab. Da weder eine hoch entwickelte medizinische Versorgung, noch eine außergewöhnlich gute gesundheitliche Verfassung der Gewaltopfer, die zum Überleben der allermeisten Verletzten geführt haben kann, anzunehmen sind, bleibt als schlüssige Erklärung nur die Bestattung der Gewaltopfer außerhalb der Friedhöfe. Naheliegend ist, hierbei an das kulturgeschichtlich sehr weit verbreitete Konzept des „schlimmen Todes“ zu denken (Sell 1955; Hasenfratz 1998). Darunter können je nach Kultur ganz unterschiedliche Todesfälle fallen – der gewaltsame Tod gehört neben dem Tod außerhalb der Gemeinschaft und dem unzeitgemäßen Tod jedoch meistens dazu. Meines Erachtens ist das die beste Erklärung für die gering erscheinende Anzahl von Gewaltopfern auf regulären neolithischen Bestattungsplätzen in Mitteleuropa. Durch diese Interpretation wird den neolithischen Bestattungssitten eine zentrale Bedeutung in der Untersuchung der Gewaltentwicklung zugewiesen, so dass kurz darauf eingegangen werden muss. Dabei ist es sinnvoll, zunächst die Bandkeramik exemplarisch zu betrachten, weil sie nicht nur die am besten erforschte archäologische Kultur überhaupt ist, sondern bei ihr auch die in der Vorgeschichte sehr seltene Möglichkeit gegeben ist, die lebende Bevölkerung mit den auf den Friedhöfen bestatteten Personen zu vergleichen. Die Bandkeramik zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt an Bestattungsorten und -praktiken aus. Neben extramuralen, birituellen Gräberfeldern gibt es Siedlungsbestattungen in Gruben, Gräben und Grabgruben mit vollständigen Skeletten, mit Skeletteilen oder einzelnen Schädeln. Des Weiteren konnten mehrstufige Bestattungen und Begräbnisse in Höhlen

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nachgewiesen werden (Petrasch 2013). Geht man von der Alters- und Geschlechtsverteilung der Toten der Massaker und Schlachtfelder aus, die jeweils die lebenden Bevölkerungen repräsentieren, so fehlen auf den Friedhöfen in der Regel zahlreiche Kinder und oft auch Frauen – genau jene Personengruppen, die in der Kulturgeschichte weltweit besonders häufig vom schlimmen Tod betroffen sind. Genau diese kommen anscheinend auch in den Siedlungs-, Höhlen- und mehrstufigen Bestattungen der Bandkeramik überdurchschnittlich oft vor. Die Vorstellung, dass manche Tote – nämlich die eines schlimmen Todes gestorbenen – einer besonderen Behandlung bedürfen und deshalb anders, insbesondere an einem anderen Ort als die übrigen Verstorbenen, bestattet werden müssen, scheint über die Bandkeramik hin­ aus das grundlegende Konzept der neolithischen Bestattungssitten gewesen zu sein (Petrasch 2013). Sogar bis weit in die christliche Neuzeit wurde diese Praxis beibehalten, wie beispielsweise die sogenannten Traufkinder zeigen (Ulrich-Bochsler 1990). Lediglich die Zahl der möglichen Ursachen für „schlimme Tode“ und damit deren Anteil an allen Toten scheint im Laufe der Zeit deutlich abgenommen zu haben. Dass außerhalb der Bandkeramik bislang weder im Neolithikum noch in der übrigen Vorgeschichte ein ähnlich komplexes Bestattungsregelsystem nachgewiesen werden konnte, dürfte wohl alleine an der wesentlich schlechteren Quellenlage liegen. Um abzuschätzen, ob in der Bandkeramik Opfer von Gewalttätigkeiten häufiger unter den Siedlungsund Höhlenbestattungen zu finden sind als auf den Friedhöfen, wurden alle zur Zeit verfügbaren Daten zusammengetragen (Abb. 2). Dabei mussten, was die quantitative Basis betrifft, jedoch noch größere Kompromisse als bei der Zusammenstellung zum gesamten mitteleuropäischen Neolithikum (Abb. 1) eingegangen werden, was die zahlreichen Komplexe mit weniger als 50 Individuen zeigen. Weder die Siedlungsbestattungen aus dem niederbayerischen Otzing und der südwestdeutschen Sammelserie noch die Bestattungen aus der Jungfernhöhle weisen eine größere Häufigkeit von Traumen als die übrigen Skelette der Bandkeramik auf (Abb. 2). Dabei könnte eine Rolle spielen, dass Frauen und Kinder, die in allen historischen und ethnologischen Gemeinschaften deutlich seltener als Männer Opfer von Gewalttätigkeiten wurden, in den bandkeramischen Sonderbestattungen überrepräsentiert sind und so den Durchschnittswert der Traumenhäufigkeit

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Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften

Sondershausen Bruchstedt Mittelelbe-Saale-Gebiet Aiterhofen Dillingen-Steinheim Sengkofen Stuttgart-Mühlhausen

Vaihingen a. d. Enz Otzing Siedlungsbestattungen B-W, sicher Siedlungsbestattungen B-W, möglich Jungfernhöhle Talheim (überlebte Traumen)

gesamt alt jung

gesamt Erwachsene

n 44 55 189 161 28 30 177 93 84 40 38 31 84 41 34 18

n Gewalt 3 2 2 19 4 15 2 1 2 1 1 1

h Gewalt (%) 1,6 1,2 7,1 10,7 4,3 17,9 5,0 2,6 2,4 2,4 2,9 5,5

Abb. 2: Absolute und relative Häufigkeiten (auf Skelettbasis) von Traumen verschiedener bandkeramischer Bestattungsorte als Anzeiger für Gewalttätigkeiten.

senken. Da bislang nur sehr wenige Skelette aus Sonderbestattungen anthropologisch untersucht wurden, ist zurzeit eine abgesicherte Beurteilung jedoch noch nicht möglich. Anders als die Siedlungs- und Höhlenbestattungen fällt das bislang nur in Vorberichten veröffentlichte Gräberfeld von Stuttgart-Mühlhausen „Viesenhäuser Hof“ (Price u. a. 2003) durch außergewöhnlich zahlreiche Traumen auf (Abb. 1 und 2). Nach der räumlichen Verteilung der Gräber könnte es sich um einen aus zwei Belegungsphasen bestehenden Friedhof handeln, in denen sich die Häufigkeiten der Verletzungen deutlich unterscheiden. Während sie im älteren Abschnitt noch den in der Bandkeramik und im Neolithikum üblichen Verhältnissen entsprechen, übertrifft der jüngere Teil der Nekropole mit 17,9 % alle anderen Fundorte sehr deutlich und signifikant. Inwieweit sich hier mit der Zunahme von Gewalttätigkeiten ein für die Bandkeramik allgemein gültiger Trend zeigt, oder ob es sich um eine außergewöhnliche Situation dieses Platzes handelt, wie es auf den ersten Blick erscheint, lässt sich erst nach der abschließenden Veröffentlichung beurteilen. Anhand des Massengrabs von Talheim lässt sich für die Bandkeramik die Häufigkeit von Traumen auf Friedhöfen mit den Gewalttätigkeiten in der lebenden Gesellschaft vergleichen. Bei dem Massaker wurde auch ein etwa 60 Jahre alter Mann umgebracht, der viele Jahre, wahrscheinlich sogar

mehrere Jahrzehnte vor seinem Tod eine schwere Schlagverletzung mit einem Steinbeil am Schädel erhalten hatte (Wahl/König 1987, 103). Rein rechnerisch ergibt sich daraus, dass 2,9 % der gesamten Bevölkerung und 5,5 % der Erwachsenen in der Bandkeramik Gewalttätigkeiten erlebt und überlebt hatten. Danach wären Erwachsene deutlich öfter Opfer von gewalttätigen Auseinandersetzungen geworden als dies alleine aufgrund der Gräberfelder anzunehmen ist. Zusätzlich zu diesen beiden Ausgangspunkten wurden noch weitere Ansätze diskutiert, um Vorstellungen über die Häufigkeit der Gewalttätigkeiten in der bandkeramischen Gesellschaft zu bekommen (Petrasch 1999; Petrasch 2006). Bemerkenswerterweise entsprechen die Werte, die sich durch das Aufsummieren aller archäologisch überlieferten Toten ohne jede quellenkritische Betrachtung ergeben, am besten der lebenden Bevölkerung von Talheim. Die aufgrund aller archäologischen Informationen gewonnene Interpretation der Gewalt in der Bandkeramik könnte folglich der ehemaligen Realität schon recht nahe kommen. Dafür dürfte auch sprechen, dass sich, wie oben erwähnt, der als Ausnahme erschienene Befund von Talheim in Schöneck-Kilianstädten zu wiederholen scheint. Dies dürfte bedeuten, dass bei fünf oder zehn Prozent aller Personen Gewalt die Todesursache gewesen war. In zahlreichen bandkeramischen Gemeinschaften wird somit Gewalt regelmäßig, wenn auch nicht sehr häufig, vorgekommen sein.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Derselbe Durchschnittswert wird sich auch ergeben, wenn große Extreme, wie Gemeinschaften, die über mehrere Generationen überhaupt keine Gewalttätigkeiten erlebten und solche, die Massakern zum Opfer fielen, gemittelt werden. Zusammenfassend ergibt sich nach der diachronen Analyse der Traumen folgendes Bild: Innerhalb der einzelnen archäologischen Kulturen schwankt die Häufigkeit der Gewaltspuren von Fundplatz zu Fundplatz stark – stärker als zwischen den Kulturen oder den Hauptabschnitten des Neolithikums (Abb. 1, 5. Spalte). Damit lassen sich keine Hinweise für eine diskutierte Zunahme der Gewalt während des Neolithikums erkennen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man alle Traumen oder nach quellenkritischer Untersuchung nur die Schädelverletzungen zusammen mit den Trepanationen betrachtet (Abb. 1, 6. und 9. Spalte). Waffen als Indikatoren für das Gewaltpotential der Gesellschaften Neben den traumatologischen Befunden sollen hier die Waffenbeigaben als zweite quantitativ aussagekräftige Quellenkategorie für eine mögliche Zunahme von Gewalt im Neolithikum analysiert werden. Für die Zusammenstellung (Abb. 3) wurden dabei dieselben Kriterien – möglichst gute statistische Basis und Veröffentlichung – wie bei den Traumen zugrunde gelegt, so dass sie größtenteils auch dieselben Fundorte enthält. Das Aussehen prähistorischer Gräber, insbesondere die Ausstattung mit Beigaben und damit verbunden deren archäologische Analyse wird durch folgende Parameter entscheidend bestimmt: 1. Die Sozialstruktur 2. Die Bedeutung des Todes/des Bestattungsrituals 3. Die Bedeutung der Beigaben. Da für vorgeschichtliche Gesellschaften per se keiner der drei Faktoren bekannt ist und sie nicht unbedingt unabhängig voneinander zu sein brauchen, müssten in jeder Untersuchung alle drei analysiert werden. Mit der Einsicht, dass es sich während des gesamten Neolithikums bei allen Beigaben um Artefakte handelt, die der persönliche Besitz des Verstorbenen gewesen sein könnten, und dass die Ausstattungsunterschiede im Vergleich zu archäologischen Kulturen jüngerer Epochen eher gering sind, werden die ersten beiden Parameter für die hier diskutierten Fragestellungen als weniger bedeutsam

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eingeschätzt. Folglich geben Waffenbeigaben in Gräbern auch einen Hinweis zur Gewalt in der Bestattungsgemeinschaft. Dabei handelt es sich freilich nicht um Daten zu stattgefundenen Gewaltakten. Wohl aber geben die Häufigkeiten von Waffen in einer Gesellschaft mindestens einen Anhaltspunkt zur Einschätzung der Gewalt durch die Kultur­ träger. Steinbeile aus geschliffenem „Felsgestein“ sind nicht nur für die Bandkeramik, sondern für das gesamte mitteleuropäische Neolithikum das kennzeichnende Artefakt überhaupt. Diese Gegenstände waren primär sicherlich keine Waffen, sondern Werkzeuge zum Baumfällen und zur Holzbearbeitung. Zu dieser ursprünglichen und grundsätzlich immer vorhandenen Funktion kamen jedoch weitere Nutzungsmöglichkeiten und Bedeutungen hinzu. Da sie auch als Waffe benutzt werden konnten, wären sie nach heutiger Kriegswaffenterminologie als dual-useGerät zu klassifizieren. Ein wichtiges archäologisches Merkmal der Bandkeramik ist, dass ihre sich geographisch über große Räume erstreckende, kulturell sehr weit reichende Einheitlichkeit mit ganz unterschiedlichen Variationsmöglichkeiten verknüpft ist, die teilweise die materielle Kultur, zum Teil jedoch auch die Siedlungsweise oder die Bestattungssitten betreffen (Modderman 1988). Dadurch können Fundplätze oder auch Siedlungsregionen in einzelnen, zum Teil sogar in grundlegenden Parametern vom Durchschnitt der gesamten Kultur deutlich abweichen. Die Mehrzahl aller Merkmale dieser Fundorte beziehungsweise Regionen entspricht jedoch der „bandkeramischen Einheitlichkeit“. Selbst vor diesem kulturgeschichtlichen Hintergrund variiert die Häufigkeit der Steinbeilbeigabe zwischen 7 % und 35 % in den Gräbern der verschiedenen bandkeramischen Friedhöfe erstaunlich stark. Da die Nekropolen mit den niedrigsten Werten – Nitra, Schwetzingen sowie Sondershausen und Bruchstedt – geographisch weit und unregelmäßig streuen, dürften die bislang diskutierten Bestattungssittenkreise der Bandkeramik (Jeunesse 1997) für die Erklärung der unterschiedlichen Häufigkeiten der Steinbeilbeigabe nicht ausreichen, so dass es zurzeit keine befriedigende Erklärung für dieses Phänomen gibt. Die höchste Beigabenfrequenz für Steinbeile überhaupt weisen mit über 40 % die mittelneolithischen Friedhöfe des nördlichen Oberrheingrabens auf. In den darauf folgenden Zeiten werden Beile seltene oder sogar sehr seltene Beigaben. Lediglich in der Schnurkeramik erreicht ihre Häufigkeit wieder annähernd

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Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften

Nitra Vedrovice Aiterhofen Sondershausen Bruchstedt Niedermerz Elsloo Schwetzingen Siedlungsbestattungen B-W, sicher Siedlungsbestattungen B-W, möglich Jungfernhöhle Trebur Worms-Rheindürkheim und Worms „Rheingewann“ Miskovice Lenzburg Nordhausen Niederbösa Derenburg Odagsen Schönstedt Benzigerode Vikletice Taubertal Lauda-Königshofen Čachovice Čachovice Dolní Věstonice III und Pavlov I

Datierung LBK LBK LBK LBK LBK LBK LBK LBK LBK LBK LBK MNeo MNeo MNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo JNeo SK SK SK SK GB GB

n 76 95 228 44 55 116 113 218 31 84 41 131 101 69 100 50 78 60 120 64 46 164 165 90 59 21 65

h Beil 14,5 22,1 28,5 13,6 7,3 35,3 29,2 8,3 4,8 12,2 41,2 40,6 8,7 2,0 18,3 24,2 26,7 15,3 4,8 1,5

h Axt 1,3 0,5 9,9 5,9 2,9 2,0 1,3 1,6 7,9 3,0 6,8 -

h Keule 0,4 0,9 7,9 5,1 -

h Pfeil 12,6 8,8 2,3 12,1 12,4 10,1 2,3 2,0 12,0 12,0 1,3 8,3 14,1 8,7 0,6 0,6 1,1 23,8 6,2

Abb. 3: Relative Häufigkeiten (in % auf Basis der bestatteten Individuen) von Waffen und doppelverwendungsfähigen Gütern (dual-use-Gütern).

so hohe Werte wie in der Bandkeramik (Abb. 3, 4. Spalte). Anders als die Steinbeile werden die Äxte in der Regel als typische Waffe angesprochen, wie es unter anderem in der Bezeichnung Streitaxtkulturen deutlich zum Ausdruck kommt (Vencl 1970; Zápotocký 1992). Dies gilt jedoch nicht für die ältesten axtähnlichen Artefakte, die sehr selten in Gräberfeldern der jüngeren Linienbandkeramik auftreten. Da diese Objekte keine scharfen Schneiden aufweisen, werden sie auch als Hacken beziehungsweise doppelschneidige Hacken bezeichnet. Deshalb wurde neben der Funktion als Waffe auch ein Abzeichen im weitesten Sinn vorgeschlagen (Nieszery 1995, 157–159). Auch wenn diese Gegenstände bereits den echten jungneo­ lithischen Äxten sehr ähnlich sehen, lässt sich ihr genetischer Zusammenhang bislang mangels Funden, die in die Zeit zwischen den beiden Gruppen datieren, noch nicht belegen. Für das Mittelneolithikum

sind große, schwere Äxte charakteristisch, die aufgrund ihrer formalen Ähnlichkeit mit heutigen Spalt­ äxten auch als Keile bezeichnet werden und folglich als Holzbearbeitungswerkzeuge und nicht als Waffen interpretiert werden (Spatz 1999, 110–111). In den Nekropolen des nördlichen Oberrheingrabens kommen sie besonders häufig vor und erreichen dort auch die höchste Beigabenfrequenz für Äxte überhaupt. Für das Jung- und Endneolithikum gelten gemeinhin Äxte als kennzeichnende Artefaktgruppe, die als Streit­äxte interpretiert gleichzeitig auch den gewalttätigen Charakter der Kulturen dieser Epoche begründen sollten. Deshalb ist bemerkenswert, dass Äxte auch in diesen Zeiten eine seltene Grabbeigabe sind und auf zahlreichen Bestattungsplätzen sogar überhaupt nicht vorkommen. Lediglich in der Schnurkeramik Tschechiens erreichen sie Beigabenfrequenzen, die dem Mittelneolithikum des Ober­ rheingrabens entsprechen (Abb. 3, 5. Spalte).

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Noch deutlicher als bei den Äxten ist bei den Keulen die Waffenfunktion mit der Bedeutung als Statussymbol verknüpft (Vencl 1970). In Gräbern kommen sie noch seltener als Äxte vor, wobei sie im archäologischen Fundgut insgesamt gar nicht so selten zu sein scheinen (Biermann 2006). Sie treten in der jüngeren Linienbandkeramik zum ersten Mal in Gräbern genau jener Friedhöfe auf, aus denen auch die axtähnlichen Objekte stammen – Aiter­ hofen und Schwetzingen. Darüber hinaus kommen sie bei den hier untersuchten Nekropolen nur noch in den nordböhmischen Fundplätzen der Schnurkeramik – Vikletice und Čachovice – vor (Abb. 3, 6. Spalte). Die Interpretation der Pfeilspitzen als Waffe ist eindeutig, wobei jedoch offen bleiben muss, ob für die Jagd oder den Kampf. Nicht eindeutig ist dagegen ihr Charakter als Beigabe in den Gräbern, besonders wenn es sich um einzelne oder nur wenige Exemplare handelt. Diese könnten auch genauso gut die Todesursache des Bestatteten gewesen sein. Eindeutig zu interpretieren dürften lediglich mehrere Pfeile sein, die in einem Köcher aufbewahrt wurden. In diesem Fall sollten die Pfeilspitzen an einer Stelle zusammen liegen und in die gleiche Richtung zeigen. Dies ist jedoch nur in ganz wenigen Gräbern der Fall. Meis­ tens liegen die Pfeilspitzen, auch in den Gräbern, in denen eine größere Anzahl gefunden wurde, weit verstreut (Nieszery 1995, 109), so dass zumindest ihre Interpretation als Pfeil- und Bogenwaffe aus dem Besitz des Verstorbenen nicht völlig gesichert werden kann. Danach ist es sinnvoll, in der Zusammenstellung der Waffenbeigabe (Abb. 3) alle Gräber mit Pfeilspitzen unabhängig von deren Anzahl jeweils mit eins zu zählen – dadurch ergeben sich Häufigkeiten, welche die beste Entsprechung zu den Werten der Beil- und Axtbeigabe aufweisen. Selbst die so errechneten Durchschnittswerte der Pfeilbeigabe schwanken innerhalb der Linienbandkeramik sehr stark und erreichen maximal 12 %. Damit sind Pfeilspitzen mit Ausnahme von Schwetzingen eine deutlich seltenere Beigabe als Steinbeile. Die Werte der postbandkeramischen Nekropolen entsprechen ganz denjenigen der Linienbandkeramik. Selbst der Durchschnitt der Glockenbecherkultur fügt sich in diesen Trend ein. Zwar kommen in Čachovice Pfeilspitzen tatsächlich so außergewöhnlich häufig vor, wie dies meistens für die Glockenbecherkultur behauptet wird. In Dolní Věstonice III und Pavlov I sind sie dagegen nicht häufiger als in zahlreichen linienbandkeramischen Friedhöfen (Abb. 3, 7. Spalte).

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Fasst man die Verteilungen der Beigaben sicherer und möglicher Waffen zusammen, so ergibt sich ein indifferentes Bild (Abb. 3). Die Unterschiede von Fundplatz zu Fundplatz sind oft groß – meistens größer als zwischen den archäologischen Kulturen. Kein Gräberfeld und keine Region fallen durch eine außergewöhnliche Häufung von Waffen auf. Eine diskutierte Zunahme von Waffen während des Neolithikums lässt sich somit nicht bestätigen. Damit entspricht die zeitlich-kulturelle Verteilung der Waffenbeigabe und damit wohl auch verbunden die Häufigkeit von Waffen in den damaligen Gesellschaften weitgehend derjenigen der Traumen. Die anderen hier nicht behandelten Indikatoren für Gewalttätigkeiten wie beispielsweise Erdwerke und Trepanationen fügen sich ebenfalls nahtlos in dieses Bild ein. Danach gehören Gewalttätigkeiten im mitteleuropäischen Neolithikum mindestens seit der jüngeren Linienbandkeramik zu den allgemein verbreiteten Kulturerscheinungen, deren Häufigkeit und Intensität starken Schwankungen, jedoch keiner kontinuierlichen Zunahme unterlagen. Eine Sondersituation am Beginn der Bandkeramik? Anders als während des gesamten Neolithikums scheint es innerhalb der Bandkeramik auffällige Ungleichmäßigkeiten in der Verteilung der Befunde zu Gewalttätigkeiten zu geben. So datieren die beiden Massaker und das einzige bislang bekannte Schlachtfeld in die jüngere beziehungsweise jüngste Linienbandkeramik. Die ersten beiden Trepanatio­nen der Bandkeramik gehören ebenfalls in diese Zeit (Crubézy 1996; Alt/Jeunesse 2006). Auch scheinen große Erdwerke, die Teile von Siedlungen umschließen und sich deshalb plausibel als Befestigungen interpretieren lassen, während dieses Abschnittes deutlich zuzunehmen. Außerdem stammen die ältesten Artefakte, die Äxten ähnlich sehen, aus der jüngeren Linienbandkeramik, in der auch zum ersten Mal Keulenköpfe in Gräbern vorkommen. Nach diesen Merkmalen, die als Indikatoren für Gewalt interpretiert wurden, ähnelt die jüngere Linienbandkeramik in dieser Hinsicht viel stärker dem darauf folgenden Neolithikum als den älteren Abschnitten der Bandkeramik. Mit dem regelmäßigen Auftreten von Gewalt, das nicht nur dem übrigen Neolithikum, sondern auch allen anderen vor- und frühgeschichtlichen Epochen entspricht,

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Petrasch, Gewalttätige und friedliebende Gemeinschaften

dürfte die jüngere Linienbandkeramik der kulturgeschichtliche „Normalfall“ und der gewaltfreie Beginn der Bandkeramik die Ausnahme sein. In den 1970er Jahren wurde in der Ethnologie versucht zu erklären, warum tribale Gesellschaften gegeneinander Kriege führen. Die dabei durchgeführten Forschungen haben in Verbindung mit einem Wandel des Menschenbildes in den Gesellschaftswissenschaften dazu geführt, dass Gewalttätigkeiten und damit verbunden auch Krieg heute als ein integraler Bestandteil menschlicher Kultur angesehen wird (Kröber 2012). Ausgesprochen friedliebende tribale Gesellschaften, die es auch gibt, stellen dagegen kulturgeschichtlich eine Ausnahme dar und sind deshalb erklärungsbedürftig (Helbling 1996). Anscheinend liegt mit der zurzeit so friedlich erscheinenden Anfangsphase der Bandkeramik eine ähnliche Ausnahmesituation in der Vorgeschichte vor. Die Datengrundlage ist, auch wenn sie deutlich schlechter als für die jüngere Bandkeramik ist, im Vergleich zu anderen ebenfalls ausschließlich archäologisch überlieferten Gemeinschaften immer noch gut. Damit sind Überlegungen zur Erklärung des außergewöhnlich friedlichen Beginns der Bandkeramik aus kulturgeschichtlicher Sicht durchaus gerechtfertigt. Die auffälligsten Unterschiede zwischen der frühen und der entwickelten Bandkeramik zeigen sich in ihren demographischen Grundparametern und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Siedlungsstrukturen. Am Beginn der Bandkeramik wurden Siedlungen, die nur aus einigen wenigen Häusern bestanden, entweder einzeln oder in kleinen Gruppen angeordnet gegründet. Die Abstände zwischen den Siedlungsclustern beziehungsweise den Einzelsiedlungen waren recht groß; oft ein Dutzend oder mehr Kilometer. Daraus ergeben sich sowohl insgesamt für die Bandkeramik als auch innerhalb der einzelnen Siedlungscluster sehr geringe Bevölkerungsdichten. Durch ein stetiges, zeitweise wohl auch bemerkenswert hohes Bevölkerungswachstum hatte sich jedoch diese Situation schon nach einigen wenigen Generationen grundlegend geändert (Petrasch 2010). Die Siedlungskammern wurden nun durch ein dichtes Netz zahlreicher, oft in Sichtweite liegender Ansiedlungen unterschiedlicher Größe gebildet. Dadurch könnten sich für die Lössgebiete Bevölkerungsdichten ergeben haben, welche bis an die höchsten Werte vorindustrieller Gesellschaften in Mitteleu­ ropa heranreichten (Lüning 1982, 153). Diese Entwicklung ist in allen bandkeramischen Landschaften westlich des Karpatenbeckens ähnlich verlaufen und

lässt sich zurzeit wohl lediglich wegen des besonders guten Forschungsstandes für das zirkumhercynische Gebiet besonders augenfällig aufzeigen (Saile 2009, Abb. 1; 2). Vor diesem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund lassen sich drei mögliche Gründe für den weitgehend gewaltfreien Beginn der Bandkeramik anführen. Zum ersten waren, bedingt durch die sehr geringe Bevölkerungsdichte, die Interaktionsnetzwerke sowohl zwischen Individuen als auch zwischen Gruppen ungewöhnlich dünn. Den wenigen Kommunikationsmöglichkeiten entsprechend dürften sich auch viel seltener als in der entwickelten Bandkeramik Konflikte entwickelt haben, die zu Gewaltakten eskalieren konnten. Der zweite Grund dürfte die durch die bandkeramische Landnahme entstandene schwierige ökonomische Situation sein (Frirdich 2005). Falls sich die Bandkeramik durch Migration verbreitet hat, müsste bei ihr auch die Regel, dass sich der Erfolg einer Kolonisation erst nach drei Generationen zeigt, gegolten haben. Bei einer Ausbreitung durch Akkulturation des lokalen Mesolithikums dürften die durch die fundamentale Umstellung der Lebensweise und der Kultur bedingten Schwierigkeiten einen vergleichbaren Effekt gehabt haben. In beiden Fällen wird die gesamte Leistungsfähigkeit der Gesellschaft für die Sicherung der Landnahme gebraucht worden sein, so dass nur noch sehr eingeschränkte Mittel für umfangreichere Gewaltakte zur Verfügung standen. Zum dritten dürfte von Bedeutung gewesen sein, dass den Beginn der Bandkeramik Gemeinschaften „ohne Geschichte“ gebildet haben. Durch die Landnahme werden sich konkrete Konfliktthemen aufgelöst oder an Bedeutung verloren haben, sei es, weil sich neue nachbarschaftliche Konstellationen ergaben, oder sei es, weil die Gründe für die Konflikte aus einer fernen, nun bedeutungslosen Welt stammten. Die ersten bandkeramischen Siedler konnten somit weitgehend unbelastet von der historischen Überlieferung ihrer Vorfahren handeln. Da sich Konflikte oft über eine lange oder sogar sehr lange Zeit entwickeln, bevor sie in Gewalttätigkeiten eskalieren (Volkan 1999), haben am Beginn der Bandkeramik viele mögliche Gewaltszenarien der entwickelten Bandkeramik somit gar nicht existiert. Da diese drei Gründe einzeln auch in anderen neolithischen Kulturen auftreten können, werden sie für sich alleine nicht zur Erklärung der Situation während der bandkeramischen Landnahme ausreichen, so dass ihre sehr spezifische Kombination die Ursache für den so gewaltarmen Charakter der frühen Bandkeramik sein dürfte.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Literaturnachweise der berücksichtigten Fundorte (Abb. 1, 2 und 3): Nitra: Pavúk 1972. Vedrovice: Podborský 2002. Aiterhofen: Nieszery 1995. Sondershausen: Bach 1978; Kahlke 2004. Bruchstedt: Bach 1978; Kahlke 2004. Mittelelbe-Saale Gebiet: Bach 1978. Niedermerz: Dohrn-Ihmig 1983. Elsloo: Modderman 1970. Stuttgart-Mühlhausen: Wahl/König 1987. Vaihingen a. d. Enz: Welge 1998. Schwetzingen: Gerling 2012. Talheim: Wahl/König 1987. Siedlungsbestattungen (Baden-Württemberg): Orschiedt 1998. Jungfernhöhle bei Tiefenellern: Kunkel 1955; Orschiedt 1999. Miskovice: Zápotocká 1998.

Trebur (Hinkelstein u. Großgartach): Spatz 1999. Worms-Rheindürkheim u. Worms „Rheingewann“: MeierArendt 1975. Lenzburg: Wyss/Scheffrahn 1998. Nordhausen: Feustel/Ullrich 1964/65. Niederbösa: Feustel/Ullrich 1964/65. Derenburg: Müller/Stahlhofen 1981; Bach 1981. Odagsen: Rinne 2003; Grupe/Herrmann 1986. Schönstedt: Feustel 1972; Bach/Bach 1972. Siebleben: Bach/Birkenbeil 1989. Benzingerode: Berthold 2008. Vikletice: Buchvaldek/Koutecký 1970. Taubertal: Dresely 2004. Lauda-Königshofen: Trautmann 2012. Čachovice: Neustupný/Smrž 1989. Dolní Věstonice III u. Pavlov I: Dvořák u. a. 1996.

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Gewalt im Detail. Bestattungen der Glockenbecherkultur in Niedersachsen mit Hinweisen auf Dimensionen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung Immo Heske und Silke Grefen-Peters

Zusammenfassung Die Grabgruppen der Glockenbecherkultur lassen auf kleine Siedlungsgemeinschaften schließen. Flintpfeilspitzen und Armschutzplatten verdeutlichen die Ausstattung einiger Männer mit Waffen. Aktuelle anthropologische Befunde an einigen Skeletten belegen überlebte, aber auch tödliche Spuren von Gewalt, die von Treffern durch Hiebe und von Pfeilen herrühren. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Männer höheren Alters. Parallel dazu zeigen die Skelettreste in den Gräbern eine mehrphasige Totenbehandlung auch der im Kampf gestorbenen Menschen an. Diese konnten nach einer Auseinandersetzung geborgen und bestattet werden. Damit stellt sich die Frage, wie eine gewalttätige Auseinandersetzung innerhalb der Gruppenverbände und zwischen Siedlungsgemeinschaften gesellschaftlich organisiert gewesen ist. Ebenfalls wird der gesellschaftliche Status der an den Kämpfen beteiligten Personen unter Berücksichtigung der Art und Weise sowie des Ortes der Grablege diskutiert. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen in der ausgehenden Jungsteinzeit werden diese Grabbefunde nach Ritualen der Gewalt zu Lebzeiten und auch nach dem Tod befragt. Damit verbinden sich kriegerische Ereignisse sowie religiöse Handlungen. Abstract: Violence in Detail. Burials of the Bell Beaker Culture in Lower Saxony with References to Dimensions of Social Conflict The majority of the Bell Beaker burial sites north of the Harz Mountains can be linked to small settlement communities. Flint arrowheads and bracers represent parts of the equipment of male warriors. As recent anthropological studies show, skeletal remains bear traces of lethal as well as non-lethal traumata caused by blows and projectiles. These occur predominantly on skeletal remains of males of higher ages. In general, skeletal remains of the Bell Beaker burial sites taken into account – including the remains of individuals showing evidence of fatal injuries – are partly disrupted, indicating complex mortuary rituals. This raises questions concerning the level of organization of violent conflicts within groups and settlements. The social status of the individuals involved in violent conflicts will further be examined considering age, equipment as well as the location they were buried at. Taking into account the massive changes of the late 3rd millennium, the grave finds will be examined with respect to ritualised violence during lifetime and afterwards which can be related to acts of war as well as religious acts.

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Heske/Grefen-Peters, Gewalt im Detail

Einleitung und Arbeitsgebiet Das ausgehende 3. Jahrtausend v. Chr. gilt als Umbruchphase in Mitteleuropa. Besonders deutlich spiegelt sich dies in der erhöhten Quantität sowie an den komplex gegossenen Metallgeräten wider, die besonders in der Diskussion um die Frühdatierung der Stabdolche aus Melz deutlich wird (Schwenzer 2002; Rassmann 2010, 815). Ebenfalls lassen sich für verschiedene Bevölkerungsgruppen weiträumige Kontaktgebiete postulieren, die überwiegend mit dem Warenaustausch und Rohstofftransfer in Verbindung gebracht werden. Besonders für die Glockenbecherkultur deutet sich eine hohe Mobilität einzelner Mitglieder an. Hier gestatten die in den zurückliegenden Jahren erhobenen Strontium-Isotopen-Analysen aufschlussreiche Einblicke, die jedoch weiter kritisch zu prüfen sind (vgl. Grupe u. a. 1997; Heyd u. a. 2002/03; Evans u. a. 2006, 310 Abb. 1; 318; Chenery/Evans 2011, Tab. 33). Im Rahmen des Tagungsthemas sind die Spannungsfelder der Mobilität, Migration und Ansiedlung als Ursache für gesellschaftliche Gewalt ebenso zu berücksichtigen, wie mögliche Konfliktfelder des Zugangs zu Ressourcen und Wegeverbindungen mit einzubeziehen sind. Es ist zu diskutieren, wie sich gewalttätige Auseinandersetzungen nachweisen lassen bzw. sich im archäologischen und anthropologischen Befund zu erkennen geben. Mögliche Szenarien für die beteiligten einzelnen Kontrahenten oder Gruppen sollen entworfen werden. In diesem Zusammenhang bleibt zu fragen, ob gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen gleichartigen Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Kultur stattfanden oder sogar von „raids“ zwischen verschiedenen archäologischen Kulturen auf der Grundlage unserer Definition auszugehen ist. Das ausgehende 3. Jahrtausend v. Chr. ist mittlerweile in Mitteldeutschland in seinem Fundbestand gut zu überblicken, da die archäologischen Quellen, insbesondere die Grabfunde, zur Glockenbecherkultur (GBK), zur Kultur mit Schnurkeramik (SKK) sowie zur Aunjetitzer Kultur (AK) unter verschiedenen Fragestellungen geschlossen oder in Ausschnitten vorgelegt worden sind (Matthias 1968; Matthias 1987; Zich 1996; Steinmetz 2003, 347 Abb. 8; Conrad 2009/10; Furholt 2011; Hille 2012). Das südöstliche Niedersachsen ist Teil des mitteldeutschen Kulturraumes, und diesem kommt zusätzlich eine wichtige Mittlerfunktion zu den nördlich angrenzenden Landschaften

zu. Die Verbreitungsgebiete orientieren sich nach Norden an den Lössflächen, die sich nördlich der Linie Magdeburg – Helmstedt – Braunschweig nicht weiter fortsetzen und im Westen an der Oker enden. In dieser Region ist der Nachweis von Siedlungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch nicht gelungen. Der chronologische Zeitrahmen Mit den Forschungen zur absolutchronologischen Verankerung der SKK, der GBK und der AK liegt besonders für den mitteldeutschen Raum ein abgesichertes Datengerüst vor. Es erlaubt die Einschätzung der zeitlichen Parallelen und Divergenzen der endneolithischen und frühbronzezeitlichen Kulturen respektive Gesellschaften im Arbeitsgebiet. Für das 24. bis 21. Jahrhundert v. Chr. ist dabei besonders für die GBK und AK eine zeitlich parallele Besiedlung im Arbeitsgebiet wahrscheinlich zu machen (Müller 1999, 29 Abb. 1; Furholt 2003). Die chronologische Feindatierung verschiedener Fundplätze unter dem Aspekt der kulturellen Gliederung, wobei besonders die Bestattungen ohne kulturdefinierende Beigaben zu berücksichtigen bleiben, lässt dabei zusätzliche Aufschlüsse zur strukturellen Gliederung der Siedlungslandschaft und der Einflusssphären erwarten. Neue Daten aus dem niedersächsischen Raum unterstützen diese Überlegungen (Heske 2010, 106; Heske/Grefen-Peters 2012, 325). Die Bestattungsplätze Von wenigen Ausnahmen abgesehen, prägen in Mitteldeutschland fast ausschließlich Gräber und Gräberfelder das archäologische Quellenbild, wobei die Körperbestattung in gehockter Seitenlage den genannten Kulturen gemeinsam ist. Vor dem Hintergrund einer geschlechtsspezifischen (SKK, GBK) oder geschlechtsunspezifischen (AK) Ausrichtung wurden wiederholt die Bestattungssitten untersucht. Als grobe Datenbasis stehen knapp 100 Skelette der GBK ca. 630 Skeletten der AK gegenüber (Abb. 1). Die Datenaufnahme aus den ausgehenden 1990er Jahren zeigt das Überlappungsgebiet und die Fundintensität der beiden Kulturen in der Harzregion. Besonders für die Glockenbecherkultur fällt zum damaligen Stand die geringe Anzahl von Fundorten auf. In der Kartierung sind nördlich des Harzes und

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Abb. 1: Verbreitungsgebiete der Glockenbecherkultur (links) und der Aunjetitzer Kultur (rechts). Das Arbeitsgebiet ist jeweils mit einem Quadrat hervorgehoben (Karten: nach Bruchhaus/Neubert 1999, Abb. 38; 43).

westlich der Saale nur drei Gräberfelder vorhanden, die mehr als fünf Gräber erbrachten (Deesdorf, Ldkr. Halberstadt; Wehrstedt, Ldkr. Bördekreis; Westerhausen, Ldkr. Quedlinburg). Südlich des Harzes finden sich dagegen fast 50 % der erfassten Bestattungen auf nur drei Gräberfeldern (Schafstädt, Ldkr. Merseburg-Querfurt; Erfurt; Köthen, Ldkr. AnhaltBitterfeld), der Rest verteilt sich ebenfalls auf kleinere Bestattungsplätze oder einzelne Fundorte. Die drei Gräberfelder können damit als Besonderheit unter den Bestattungsplätzen der GBK bezeichnet werden, zumal bei den aktuellen großflächigen Prospektionen keine weiteren vergleichbaren Gräberfelder entdeckt worden sind. Unter den zur Jahrtausendwende neu untersuchten Skelettresten befindet sich keine Grablege aus der Nordharzregion (Bruchhaus/Neubert 1999, 136 Abb. 41). Von den alt untersuchten Gräbern liegen in vielen Fällen nur das Knochenmaterial und keine Funddokumentationen vor; dieser Umstand schränkt die Aussagen zu den Bestattungen deutlich ein. Die vorliegenden Daten der GBK lassen eine Beigabenübersicht ebenso zu wie Aussagen zur Körperhöhe. Diese wird jedoch gemeinsam mit SKK und AK aufgeführt, wobei die Männer durchschnittliche Körperhöhen von 170 cm und die Frauen von 160 cm erreichten (Bruchhaus/Neubert 1999, 146; Teegen 2009/10, 133 Tab. 2; 146). Die Beigabenfrequenz orientiert sich an den erhobenen Datensätzen, die als Kriterium der kulturellen und chronologischen Zuordnung eben die Beigaben berücksichtigen. Bestattungen ohne Beigaben wurden

dagegen häufig aufgrund der unsicheren Zuordnung nicht mit aufgenommen. Damit beeinflusst die Datenaufnahme die Aussagen zum Beigabenspektrum erheblich, zumal dieses für die GBK ein relativ enges Ensemble umfasst. Für die anthropologische Untersuchung der GBK bleibt auf die alte Bearbeitung von Gerhardt (1953) zu verweisen. Für eine Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen bietet sich die Region am Nordharz auf der Grundlage der Grabfunde auf den ersten Blick nicht an. Für den Vergleich zwischen den Bestattungen sind die geringe Zahl und die vereinzelte Lage kritisch zu diskutieren. Hier bleibt nach Kriterien der Beigabenfrequenz, der Grabtiefe sowie der topographischen Lage zu fragen. Ebenso ist zu ermitteln, in welchem kleinräumigen Umfeld bzw. welcher Siedlungskammer die Verstorbenen gelebt haben und wie und von wem die Grablegung vollzogen worden sein kann. Dieser Frage ist vor allem bei den kleineren Gräberfeldern nachzugehen, denen von einigen Bearbeitern aufgrund von 14C-Daten ein Belegungszeitraum über mehrere Generationen zugestanden wird. Fundaufkommen und Befunde Für den niedersächsischen Raum, der durch das Große Bruch von Sachsen-Anhalt getrennt wird, aber kulturell bis zur Lössgrenze und dem Lauf der Oker zu dieser Region gehört, konnte in den zurückliegenden Jahren der Fundbestand deutlich erhöht

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Abb. 2: Das südöstliche Niedersachsen mit den Gräbern und Gräberfeldern der Schnurkeramik, Glockenbecher und Aunjetitzer Kultur (Kartengrundlage: Ausschnitt der TK 1000 – Blatt C3930 (1993). Vervielfältigt mit Erlaubnis des Herausgebers: LGN – Landesvermessung und Geobasisinformation – 52-726/99).

werden (Abb. 2). Dabei haben nicht lineare Projekte zum deutlichen Fundanstieg geführt, sondern es spiegeln sich die Aktivitäten der verschiedenen Einrichtungen der Denkmalpflege und Forschung des Landes Niedersachsen im Landkreis Helmstedt1 1

wider. Hier stehen mittlerweile ca. 20 Gräbern der GBK mindestens 62 Bestattungen der AK gegenüber. Damit zeigt sich im Verhältnis zur AK mit etwa 30 % ein relativ hoher Anteil an Gräbern der GBK. Im westlich anschließenden Landkreis Wolfenbüttel

Die bearbeiteten Fundplätze stammen in ihrer Gesamtheit aus dem Landkreis Helmstedt.

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Abb. 3: Beierstedt. Bestattung mit dislozierten Knochen in gehockter Seitenlage (Foto: Seminar für Ur- und Frühgeschichte Göttingen).

sind, obwohl hier besonders die Bezirksarchäologie Braunschweig vielfältige archäologische Geländearbeiten vorgenommen hat, keine entsprechenden Befunde zu verzeichnen2. Die Kartierung verdeutlicht weiterhin, dass im Landkreis Helmstedt eine weitgehende örtliche Übereinstimmung der Bestattungsplätze beider Kulturen vorherrscht (Heske/ Grefen-Peters im Druck). Bei einem insgesamt ausreichenden Raumangebot und ertragreichen Böden fanden demnach weitere Lageansprüche Berücksichtigung. Hinsichtlich des Fundreichtums der Gräber ist von insgesamt geringen Ausstattungsensembles auszugehen. Das am umfangreichsten ausgestattete Grab aus Esbeck (FStNr. 1, Abb. 2,1) enthielt neben einer verzierten Füßchenschale vier Flintpfeilspitzen und einen kupfernen Dolch (Thieme 1985, 136 Abb. 3–4). In der archäologischen Wertigkeit steht an zweiter Stelle eine Bestattung mit einer Flintklinge sowie einer verzierten und reparierten Armschutzplatte aus Schöningen (FStNr. 15, Abb. 2,2), die aufgrund verschiedener Überarbeitungen auf eine längere Verwendung schließen lässt (Heske/GrefenPeters 2013, Abb. 4). Während es sich bei dem Grab aus Esbeck um die einzige Bestattung am Fundort handelt, gehört die Bestattung mit Armschutzplatte zu einem kleineren Gräberfeld mit fünf Grabanlagen. Allein auf der Grundlage der Grabfunde lassen die Gräber hier Überlegungen zur sozialen Gliederung wenig aussichtsreich erscheinen.

2

Hinweise auf gewalttätige Auseinandersetzungen liefert eine Bestattung bei Beierstedt (FStNr. 1, Abb. 2,4), die einzeln in topographisch prominenter Lage aufgefunden wurde. Die Auffindung gelang bei Arbeiten auf einem alt bekannten Gräberfeld der Hausurnenkultur, das bereits mindestens eine Grablege der AK erbrachte und auch noch einmal in der frühen Völkerwanderungszeit als Bestattungsplatz genutzt wurde (Heske 2010, 95 Abb. 8). Die Bestattung (S III O 721, Befund 4) lag am östlichen Hang eines aufragenden natürlichen Hügels, des sogenannten „Groote Höckels“. Die Ausrichtung des Mannes, der ein Alter zwischen 50 und 60 Jahren und eine Körperhöhe von 162 cm erreicht hatte, verläuft Nord-Süd mit dem Kopf im Norden und dem Blick nach Osten (Abb. 3). Die nur mäßige Betonung der Muskelmarken weist auf einen eher grazilen Körperbau. Entsprechende Vergleiche liegen aus dem Gräberfeld von Kölsa, Ldkr. Nordsachsen, vor (Teegen 2009/10, 146). Die metrischen Merkmale der unteren und oberen Extremitätenknochen sowie das Verteilungsbild der arthrotischen Veränderungen an den großen Körpergelenken deuten auf einen Linkshänder. Obwohl datierende Beigaben fehlen, kann aufgrund der Ausrichtung und des ermittelten Alters von 2399–2206 calBC im 1σ-Bereich eine Datierung in die GBK mit Einschränkungen vorgenommen werden. Die anthropologische Untersuchung erbrachte Spuren von Gewalteinwirkung. Auf der Innenseite des Schädels ließ sich ein gut verheiltes epidurales Hämatom diagnostizieren. Nach seiner Lage am Schädel könnte es durch einen stumpfen Schlag gegen das Stirnbein entstanden sein, ob im Rahmen einer Kampfhandlung lässt sich aber nicht zweifelsfrei feststellen. Der Mann starb jedoch in Folge einer Schussverletzung. Diese war bei der Freilegung des Skelettes zunächst nicht erkannt worden, da der rechte Arm bei der Beisetzung über die Wunde gelegt worden war. Bei der Fundbergung des Armknochens wurde eine in der Wirbelsäule steckende Pfeilspitze entdeckt (Abb. 4). Die Ausrichtung der Flintpfeilspitze lässt darauf schließen, dass diese von vorne in den Unterbauch eindrang und im Bandscheibenraum zwischen dem letzten Brustund ersten Lendenwirbel stecken blieb. Die damit

Für ausführliche Auskünfte zum Fundmaterial der vergangenen Jahrzehnte bedanke ich mich bei Dr. Michael Geschwinde, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Gebietsreferat Braunschweig.

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verbundenen schweren inneren Verletzungen haben vermutlich durch den hohen Blutverlust schnell zum Tod geführt. Die Auswahl des Bestattungsplatzes, wobei die deutlich aufragende Kuppe bewusst als Bezugspunkt ausgewählt worden sein dürfte, ist damit in eine Reihe von Bestattungen zu stellen, die Bezug auf ältere Denkmäler nimmt. Hier handelt es sich jedoch um einen landschaftlichen Bezugspunkt, der zweifelsohne auch als Grabhügel interpretiert werden könnte. Die Auswahl des Bestattungsplatzes ist als ein respektvolles Begräbnis zu deuten. Auffällig sind dabei die Anordnung der Knochen und besonders die Lage des Schädels des Verstorbenen. Die Bestattung aus Esbeck (Maier 1995, Abb. 162; 163) zeigt deutliche Parallelen zu dem Befund aus Beierstedt. In Esbeck war der 40-jährige, etwa 170 cm große Mann in linker Hockerlage bestattet worden. Der Kupferdolch lag unter dem Schädel. Über dem Skelett waren die Knochen eines Neugeborenen verstreut worden. Obwohl mit einer Füßchenschale der GBK ausgestattet, weicht die Bestattung mit der Nordost-Südwest-Orientierung und dem Blick nach Süden von der üblichen Ausrichtung deutlich ab. Es handelt sich um ein einzelnes Grab, das an einem nach Osten abfallenden Hang angelegt worden ist (Fansa/Thieme 1983, 96 Abb. 2). Wiederum zeigt sich eine exponierte Lage. Im Grab fanden sich vier Flintpfeilspitzen: Zwei in der Füßchenschale am Rücken des Bestatteten und eine in seinem Fußbereich. Die vierte Pfeilspitze wurde dagegen im Brustbereich aufgefunden (Thieme 1985, 135). Auch wenn sie nicht in einem Knochen stecken geblieben ist, deutet vieles darauf hin, dass sie in den Körper eindrang und dort verblieb. Es handelt sich im vorliegenden Fall vermutlich um einen der seltenen Belege für eine Weichteilverletzung mit Todesfolge, bei welcher das Geschoss nicht im Knochen stecken geblieben ist, aber dennoch im Körper verblieb. Auch diese Verletzung war durch den hohen Blutverlust mit einem schnellen Tod verbunden (Lidke 2005, 47). Eine weitere Bestattung wurde bereits 1952 bei Hoiersdorf (FStNr. 5, Abb. 2,3) entdeckt 3. Bei Sandgrubenarbeiten wurden an einer kleinen Erhebung, dem Darrberg, zwei Bestattungen geborgen. Es handelt sich um zwei Gräber; das mit dem weiblichen Skelett konnte bisher noch nicht

3

Abb. 4: Beierstedt. Detail der Wirbelsäule mit von vorne eingedrungener Pfeilspitze (Foto: H. Marx).

anthropologisch untersucht werden (Bernatzky/ Grefen-Peters 2006; Grefen-Peters 2013, 179– 183). Die Bestattungen in Nord-Süd-Ausrichtung und mit dem Blick nach Osten entsprechen wieder­ um der Glockenbecherkultur. Der Mann erreichte ein Alter von 50 bis 60 Jahren und eine Körperhöhe von ca. 175 cm. Ausgeprägte Muskelmarken lassen auf einen muskulösen und trainierten Mann schließen. Neben einer Schale mit Speisebeigaben deuten zwei Flintpfeilspitzen auf die Beigabe eines Bogens hin. Die paläopathologische Untersuchung erbrachte eine ca. 2 cm lange Öffnung seitlich auf dem linken Schienbein knapp unterhalb des Kniegelenkes (Abb. 5). Nach dem radiologischen Befund (CT) handelt es sich um eine äußere Verletzung, die wenige Monate vor dem Tod des Mannes entstanden war. Zurückgehen dürfte diese auf den Einschlag eines Projektils und seine anschließende (operative) Entfernung. Die daraufhin erfolgte ausgedehnte Entzündung betraf vermutlich das ganze Knie und führte noch während des Heilungsprozesses zum Tod. Wir fassen mit den bisher vorgestellten Befunden jeweils weitgehend einzelne Grablegen von Männern im fortgeschrittenen Erwachsenenalter in topographisch prominenter Lage. Bei diesen lassen sich Verletzungen als Folge gewalttätiger Auseinandersetzungen fassen, die direkt oder indirekt zum Tod geführt haben. Dennoch oder aus diesem Grund wurden den Männern besondere Bestattungsplätze

Für Auskünfte zu dem bisher nicht vollständig publizierten Fundkomplex danke ich Frau Dr. M. Bernatzky, Kreisarchäologie Helmstedt.

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zu teil. Zusätzlich aufschlussreich ist dabei der Blick auf die Befundsituation im Grab: Für den Mann aus Esbeck sind im Grab verstreute Knochen eines Kleinkindes dokumentiert. Dabei befindet sich das Skelett des Mannes im anatomischen Verband, und auch die kleinen Knochen wie Wirbel und Rippen sind nicht verlagert worden. Inwieweit hier allein Wühltätigkeiten von Tieren für die Verlagerung der Kinderknochen zu veranschlagen sind, erfordert weitere Diskussionen. Die Bestattung aus Beierstedt lässt deutliche Störungen des Skelettverbandes im Bereich der Rippen, der Brust- und Halswirbelsäule sowie der linken Unterarmknochen erkennen (Abb. 3). Auch die Lage des Schädels ist ungewöhnlich: Er ruht nicht auf der linken Schläfe, wie es bei einer Bestattung in Seitenlage zu erwarten wäre, sondern ist nur leicht nach links geneigt, wobei eine Verbindung mit der Halswirbelsäule nicht mehr vorhanden ist. Ein Gelenkverband mit dem Unterkiefer liegt vor, das Kinn ruht auf dem Gelenkkopf des linken Oberarmknochens. Der Schädel erscheint wie deponiert, ein Halswirbel liegt außerhalb des anatomischen Verbandes neben der Wirbelsäule. Trotz sehr guter Knochen- und Skeletterhaltung konnten einige kleinere Handund Fußknochen nicht mehr aufgefunden werden. Die Verlagerung durch Wühltiere erscheint auch in diesem Fall zweifelhaft und die beachtliche Grabtiefe von ca. 0,8 m schließt eine Störung in großem zeitlichem Abstand zum Bestattungsvorgang weitgehend aus. Entsprechende Aussagen zur Grablege des Mannes aus Hoiersdorf sind nicht möglich, da über die Anordnung der Knochen im Grab keine Aufzeichnungen vorliegen. Handelt es sich bei den drei Männern aus Esbeck, Hoiersdorf und Beierstedt bisher um nicht an Gräberfelder gebundene Bestattungen, so ist ein Bestattungsplatz aus Schöningen4 (FStNr 15, Abb. 2,2) mit fünf Personen mit in die Betrachtungen einzubeziehen. Das Gräberfeld wurde im Rahmen von archäologischen Untersuchungen im Tagebaufeld Schöningen entdeckt (Thieme 2002). An die Geländearbeiten schlossen sich die Freilegung der Blockbergungen im Magazin mit einer detaillierten Dokumentation der Knochenlagen an. Es folgte eine anthropologische Untersuchung, die auch taphonomische Prozesse und eine Rekonstruktion des

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Abb. 5: Hoiersdorf. Detail des linken Schienbeins mit ovaler, maximal 2 cm langer Öffnung (Foto: S. Grefen-Peters).

Grabrituals umfasste (Heske/Grefen-Peters 2013; Heske/Grefen-Peters im Druck). Die Gräber verteilen sich auf einer Fläche von gut 40 m2 und lassen eine T-förmige, aufeinander bezogene Anordnung erkennen (Abb. 6). Den nördlichen Abschluss bildet eine Reihe aus drei Gräbern von West nach Ost (Stelle 122 bis 124), an die sich ausgehend vom mittleren Grab nach Süden zwei weitere Gräber anschließen (Stelle 125 und 126). In der Nähe des südlichsten Grabes konnte weiterhin die Doppelbestattung zweier Kinder geborgen werden (Stelle 133). Die zeitliche Zuordnung dieser Doppelbestattung zu dem Gräberfeld ist bei fehlenden Beigaben bisher nicht ermittelt. Mit Ausnahme dieser Doppelbestattung sind die Gräber teilweise bis über einen Meter in das Erdreich eingetieft worden und zeigen eine sehr gute Knochenerhaltung. Die Gräber mit den Stellennummern 122 bis 126 lassen eine Bestattung in Hockerlage erkennen. Nach der anthropologischen Geschlechtsbestimmung sind die Frauen (Stelle 122 und 123) mit dem Kopf im Süden und dem Blick

Die Bearbeitung des Gräberfeldes von Schöningen erfolgte im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, H. Hassmann, T. Terberger, J. Lehmann, P. Richter und der Universität Göttingen.

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Heske/Grefen-Peters, Gewalt im Detail

Abb. 6: Schöningen. Gesamtplan des Gräberfeldes (Grafik: H. Marx).

nach Osten beigesetzt worden, während die Männer (Stelle 124 bis 126) mit dem Kopf im Norden und ebenfalls dem Blick nach Osten bestattet worden sind. Die anthropologische Geschlechtsbestimmung und die Ausrichtung nach den klassischen Prinzipien der GBK stimmen folglich überein. Neben den Angaben zu Alter und Geschlecht der Toten können auch Aussagen über die körperliche Konstitution getroffen werden (Abb. 7). Das Skelett 122



40–50

ca. 160 cm

123 124

♀ ♂

40–50 40–50

ca. 160 cm um 170 cm

125 126

♂ ♂

ca. 55 ca. 65

ca. 170–174 cm ca. 171 cm

der Frau aus Stelle 122 zeigt einen athletischen Körperbau, die Muskelmarken auf den Oberarm- und Oberschenkelknochen weisen auf eine starke körperliche Belastung hin. Auch die Oberschenkel- und Oberarmknochen der Frau aus Stelle 123 zeigen ein ausgeprägtes Muskelrelief. Weiterhin lassen sich an den untersuchten männlichen und weiblichen Skeletten altersgerechte Verschleißerscheinungen (Arthrosen) dokumentieren. Die Männer entsprechen hinsichtlich des schlanken bis athletischen Körperbaus in ihrem allgemeinen Erscheinungsbild den Frauen ihrer Siedlungsgemeinschaft. Die Muskelmarken auf ihren Langknochen sind deutlich ausgeprägt und verweisen auf eine insgesamt stärkere körperliche Beanspruchung (Heske/Grefen-Peters im Druck). Bei dem Mann aus Stelle 126 (Abb. 8) lassen die ausgeprägten Muskelmarken auf den Oberarmknochen und die auffälligen metrischen Seitenunterschiede der Schlüsselbeine und Armknochen auf einen rechtshändigen Bogenschützen schließen. Dabei erfolgte die anthropologische Auswertung grundsätzlich ohne die vorherige Kenntnis der vorhandenen Beigaben. Hervorzuheben ist das für diesen Zeithorizont relativ hohe Sterbealter von ca. 65 Jahren. Der Mann erreichte eine Körperhöhe von über 171 cm. In dem Grab befanden sich drei Feuersteinpfeilspitzen, eine Flintklinge und eine verzierte Armschutzplatte. Die zusätzlichen Bohrungen und Ritzlinien belegen, dass die Armschutzplatte repariert und in ihrer Verzierung ergänzt wurde. Dies spricht für eine lange Nutzung des Objektes. So ergeben das Inventar und die Ergebnisse der anthropologischen Untersuchung zusammen Rückschlüsse auf die Stellung als Bogenschütze in der Gesellschaft. Die paläopathologische Untersuchung des Skelettes erbrachte auf dem Stirnbein den Nachweis einer

Athletischer Körperbau, gut muskularisierte Oberarm- und Oberschenkelknochen, starke körperliche Belastung. Oberschenkel- und Oberarmknochen zeigen ein ausgeprägtes Muskelrelief. Muskelrelief des Hinterhauptes stark ausgeprägt. Auf den Querleisten in Folge starker Belastung der Nackenmuskulatur zahlreiche Exostosen. Tragen schwerer Lasten auf dem Kopf. Sehr robuste und stark muskularisierte Langknochen. Ausgeprägte Muskelmarken auf den Oberarmknochen und auffällige metrische Seitenunterschiede der Schlüsselbeine und Armknochen: Rechtshänder, Bogenschütze.

Abb. 7: Schöningen, Stellen 122–126. Übersicht über Geschlecht, Alter und Körperbau der Individuen des Gräberfeldes der Glockenbecherkultur.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Abb. 8: Schöningen, Stelle 126. Bestattung in stark gehockter Seitenlage. Vor dem Bauch die Armschutzplatte (Foto: Seminar für Ur- und Frühgeschichte Göttingen).

Fraktur oberhalb der „Hutkrempe“: Sehr deutlich sind die Verwerfungen des Schädelknochens als schmal-ovale, maximal 9,5 cm lange, 4,0 cm breite und bis zu 1,2 cm tiefe Impressionsfraktur in Folge stumpfer Gewalteinwirkung zu erkennen (Abb. 9). Der ausgeprägte Befund (Abb. 10), bei dem es sich um eine intensive Ausdehnung und Impression mit Fortleitung bis in die Orbitaldächer handelt, spricht im Zusammenhang mit der Lokalisation (Os frontale, besondere Schlagbruchfestigkeit) für eine massive stumpfe Gewalteinwirkung. Eine Begleitfissur verläuft zum linken oberen Orbitalrand. Bei der Verletzung wurde die Hautkontinuität aufgelöst, und die erhebliche Beschädigung der Kopfschwarte dürfte zu einem hohen Blutverlust geführt haben. Die Wucht des Schlages lässt eine temporäre Bewusstlosigkeit vermuten. Es sind deutliche Spuren der Wundheilung zu erkennen, die eine relativ zügige und kenntnisreiche medizinische Versorgung annehmen lassen. Der Überlebenszeitraum umfasst nach Einschätzung des rechtsmedizinischen Gutachtens mehr als sechs Monate (Ormandy/Golinski 2014)5. Die Kallusbildung ist abgeschlossen und es hat eine Umwandlung in Knochenstruktur stattgefunden. Die Frakturspalte ist weitgehend verschlossen und es finden sich gut abgeheilte entzündliche Veränderungen der

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Abb. 9: Schöningen, Stelle 126. Detail des Schädels mit Fraktur oberhalb der „Hutkrempe“ (Foto: I. Heske).

berandeten, jetzt verrundeten Defektränder. Eine erbsengroße Sequesteröffnung weist jedoch noch auf einen akuten lokalen entzündlichen Prozess. Auf der Innentafel befindet sich ein epidurales Hämatom im

Abb. 10: Schöningen, Stelle 126. Detail des Schädels mit Fraktur oberhalb der „Hutkrempe“ im CT (Grafik: L. Ormandy, K. Golinski).

Der Schädel wurde auch von Dr. Lars Ormandy, Rechtsmedizin, Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät der GeorgAugust-Universität Göttingen eingehend untersucht. Das CT wurde von Frau Dr. med. Kirsten Golinski, Oberärztin Diagnostische Radiologie, angefertigt. Der Befund wurde auf der 22. Frühjahrstagung der DGRM in Hannover am 24. Mai 2013 durch Dr. L. Ormandy zur Diskussion gestellt. Aufgerufen am 24.05.2013: http://www.mh-hannover.de/fileadmin/institute/rechtsmedizin/ downloads/Programmuebersicht_DGRM2013.pdf.

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Heske/Grefen-Peters, Gewalt im Detail

Abb. 11: Schöningen, Stelle 125. Bestattung mit dislozierten Knochen (Pfeile) in gehockter Seitenlage (Foto: Seminar für Urund Frühgeschichte Göttingen).

Stadium der Ausheilung, wobei hier einige Bereiche etwas dünner in der Knochensubstanz sind. Die Schwere der Verletzung lässt vermuten, dass das Individuum diese Verletzung nicht ohne cerebrale Ausfälle überstanden hat. Nach der Wundversorgung erforderte der anschließende Heilungsprozess eine langwierige medizinische und soziale Betreuung des Schwerverletzten. Der anatomische Verband des Skelettes ist weitgehend ungestört, wobei Fuß- und Handknochen verlagert worden sind. Bei dieser Person dürfte es sich chronologisch um die erste oder zweite Bestattung des kleinen Gräberfeldes handeln. Ebenfalls zu den ersten beiden Bestatteten zählt der Mann aus Stelle 125 (Abb. 11). An dem Skelett dieses sehr gut trainierten und großen Mannes (170– 174 cm), der ein Lebensalter von 45 bis 55 Jahren erreicht hat, lassen sich keine Folgen von Gewalteinwirkung feststellen. Die Knochen des Skelettes zeigen bei sehr guter Erhaltung jedoch deutliche Hinweise

einer perimortalen Manipulation: Neben verlagerten Rippen ist besonders die Lage des ersten Halswirbels auffällig. Dieser liegt im Bereich des Kinns neben der ansonsten durchgängig im anatomischen Verband vorhandenen Wirbelsäule. Über den Umgang mit dem Körper des Verstorbenen geben die Kniegelenke Aufschluss: Die Kniescheiben fehlen, und an den oberen Gelenkenden beider Schienbeine ist ein intensiver Karnivorenverbiss dokumentierbar (Abb. 12). Die Tiere haben beide Kniegelenke intensiv benagt. Auch die Bisskrater auf dem Hirnschädel belegen eine Benagung durch Fleischfresser. Inwieweit das Fehlen des rechten Schlüsselbeines hierdurch erklärt werden kann, bleibt fraglich. Eine nicht vollständig geschützte Lagerung des Leichnams vor der endgültigen Grablege ist anzunehmen. Dann wurde der bereits teilweise skelettierte Leichnam bestattet, wobei weitere menschliche Zähne, die nicht zum bestatteten Individuum gehören, mit in das Grab gelangten. Besonders die Lage des ersten Halswirbels stimmt gut mit der entsprechenden Befundsituation in Beierstedt überein. Dieser Befund wird durch die Bestattung einer Frau aus Stelle 123 in seinem Ritual und dem Umgang mit dem Verstorbenen deutlich (Abb. 13). Die geschlechtsspezifische Ausrichtung bestätigt sich in der anthropologischen Bestimmung einer ca. 160 cm großen Frau, die etwa 50 Jahre alt wurde. Ihrem Körperskelett fehlen zwei Hals- und zwei Brustwirbel sowie kleinere Knochen des Hand- und Fußskelettes, einige Hand- und Fußknochen lagen verstreut an verschiedenen Stellen des Körpers und in der Grabgrube. Der Schädel war nicht mehr mit der Wirbelsäule verbunden. Neben der Lage des Schädels belegen dies auch die Position des ersten Halswirbels vor der rechten Unterkieferhälfte sowie ein weiterer dislozierter Halswirbel am Rücken des Skelettes. Der Schädel

Abb. 12: Schöningen, Stelle 125. Detail des oberen Gelenkendes des Schienbeins mit Carnivorenverbiss (Foto: S. GrefenPeters).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Abb. 13: Schöningen, Stelle 123. Bestattung mit dislozierten Knochen (Pfeile) in gehockter Seitenlage (Foto: Seminar für Urund Frühgeschichte Göttingen).

wurde folglich deponiert. Eine anthropogene Manipulationsspur ist in Form von zwei Kerben oberhalb der rechten und linken Hinterhauptscondylen dokumentierbar (Abb. 14). Hier wurde auf beiden Seiten der Ansatz des Musculus rectur capitis anterior (des vorderen geraden Kopfmuskels) durchtrennt, um den Kopf vom Rumpf zu entfernen. Bemerkenswert ist weiterhin, dass auf der linken Schädelseite, auf dem Schläfenbein im Winkel zwischen Kreuz- und Pfeilnaht, ein geformter (perimortaler) Lochbruch mit unvollständiger Zusammenhangstrennung vorliegt. An den Bruchkanten lassen sich keine Heilungsspuren oder Entzündungsprozesse nachweisen. Der Befund verdeutlicht den Umgang mit den Verstorbenen und dürfte in vielen anderen Fällen auch die weiteren verlagerten Knochen erklären. Besonders der vermutlich fortgeschrittene Grad der 6

Vgl. hierzu den Beitrag von S. Hansen in diesem Band.

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Verwesung des Leichnams bei der Grablege ist hier zu berücksichtigen. Hinsichtlich der Schädel liegt ein Befund vor, den bereits K. Gerhardt (1951) bei der Bearbeitung der „Glockenbecherleute“ herausgestellt hatte: Es kann auf eine besondere emotionale Bedeutung des Schädels geschlossen werden, welcher vor der endgültigen Grablege verschiedene Prozesse losgelöst vom Postkranium durchlaufen hat, wie sich mit den fast identischen Schnittspuren am Hinterhauptsloch nachweisen lässt. Ebenfalls kann hier beispielhaft ein Befund aus Westerhausen, Ldkr. Halberstadt, angeführt werden (Dalidowski 2006), bei dem die Grabgrube in den Sandstein hinein gearbeitet worden war. Bei guter Skeletterhaltung ist nicht, wie in der Publikation genannt, der Schädel samt den Zähnen als einziges vergangen, sondern er ist gar nicht mit in das Grab gelangt oder später entnommen worden. Besonders auffällig ist, dass in einigen Metern Entfernung sich eine kleine, separate Nische befand, die allein einen auf dem Scheitel liegenden Schädel enthielt (Dalidowski 2006, 117 Abb. 1). Diese Befundsituation findet eine zusätzliche Parallele auf der Fundstelle VII bei Quedlinburg mit sechs Bestatteten, darunter zwei Kindern. Die vier Erwachsenen zeichnen sich wiederum durch ein sehr hohes Alter aus, wobei die älteste Person ein Mann von über 60 Jahren ist. Das Grab enthielt drei Feuersteinpfeilspitzen und eine unverzierte Füßchenschale (Dalidowski 2006, 118). Personengruppen und kriegerische Handlungen Zur sozialen Stellung der Verstorbenen lässt sich aussagen, dass die Bestattung in einem Erdgrab auf der Datenbasis der insgesamt nur wenigen vorhandenen Gräber bereits eine besondere Wertschätzung des Toten umfasst. Für die Verwundeten, die später ihren Verletzungen erlagen, und für die im Kampf Gestorbenen, die im Landkreis Helmstedt einen bisher sehr hohen Anteil an den insgesamt Begrabenen umfassen, lässt sich mit der akzentuierten topographischen Lage ein herausgehobenes soziales Prestige fassen. Für Fragestellungen nach dem Umfang der kämpfe­rischen Auseinandersetzung zeichnet sich aufgrund der dargestellten Befunde ein Bild ab, das den einzelnen Mann als „Held“6 und Krieger zeigt.

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Heske/Grefen-Peters, Gewalt im Detail

Abb. 14: Schöningen, Stelle 125. Detail des Hinterhauptloches mit anthropogenen Manipulationsspuren (Foto: S. GrefenPeters).

Der Einsatz von Nah- und Fernwaffen wird deutlich. Das Bekämpfen aus der Distanz oder die direkte Konfrontation im Gegenüberstehen kann nachgewiesen werden. Einen weiteren Beleg liefert das von W.-R. Teegen (2009/10, 141; 144 Abb. 12; 165) bearbeitete Gräberfeld, hier Grab 7, von Kölsa in Nordwestsachsen. Ein Mann von ca. 25–35 Jahren erhielt einen Steckschuss in den linken angewinkelten Ellenbogen, der von hinten in den Körper eindrang. Die abgebrochene Flintpfeilspitze ist im Knochen verblieben. Diese Schussverletzung allein war nicht tödlich, auf der anderen Seite sind aber auch keine deutlichen Heilungsspuren auszumachen. Während die anthropologische Untersuchung keine Schädigung des Skelettes nachweisen konnte (Teegen 2009/10, 145), liefert der Befundkatalog weiterführende Hinweise. Analog zum Befund aus Esbeck befindet sich eine weitere Flintpfeilspitze im Bereich des Brustkorbes. Zwei weitere Pfeilspitzen befinden sich unmittelbar am Becken. Von besonderer Bedeutung kann die abgebrochene Pfeilspitze sein, die sich unter dem linken Unterarm befand: Es ist nicht auszuschließen, dass diese an das noch im linken Ellenbogen steckende Fragment anpasst (Conrad 2009/10, Abb. 42,3–6). Der Mann aus Kölsa dürfte wie der Mann aus Esbeck durch einen Steckschuss in den Brustkorb tödlich getroffen worden sein. Die nach dem Kampf ihren Verletzungen Erlegenen oder auch die direkt tödlich Getroffenen wurden „ehrenvoll“ bestattet. Die Befunde zeigen jedoch deutliche Unterschiede zu den kürzlich ausschnitthaft publizierten Gräbern aus Eulau bei Naumburg/ Saale (Muhl u. a. 2010, 54; 104). Ob die Pflege und Bestattung von der eigenen Gemeinschaft oder einer anderen Gruppe

durchgeführt worden ist, kann nicht entschieden werden. Deutlich wird, dass in der Versorgung der Verletzten eine wichtige Aufgabe gesehen wurde, die fachkundig durchgeführt worden ist. In diesem Zusammenhang könnten auch die Wundversorgungen bei vielen Männern gesehen werden (Lidke 2005, 222). In der überwiegenden Anzahl der Nachweise lässt das fast ausschließliche Auftreten von Männern auf eingespielte Muster der Auseinandersetzung in Form eines Kampfes „Mann gegen Mann“ schließen. Die Pfeilschussverletzungen weiten jedoch den Zeitpunkt des Beginns des Konfliktes aus, sodass vielleicht nicht ein direktes Aufeinandertreffen abzuwarten war. Auffällig ist das relativ hohe Sterbealter der umgekommenen Männer, die weiterhin mit einem mehrstufigen Bestattungsritual verknüpft sind. Hierbei kann dem Schädel eine besondere Bedeutung zugekommen sein. Es handelt sich hier nicht um junge, heranwachsende Männer, die in verschiedenen anderen Epochen überwiegend in die Auseinandersetzungen involviert waren, sondern um die Gruppe der „Dorfälteren“. W.-R. Teegen (2009/10, 145) stellt heraus, dass Männer, die auf den Gräberfeldern nachgewiesen werden können, weitaus häufiger das Alter von über 60 Jahren erreichten. Insofern lässt sich durchaus vorstellen, dass von führenden Personen der Gruppen Vereinbarungen zur Auseinandersetzung getroffen worden sind und hierfür nur bestimmte Männer sozial und körperlich befähigt waren. Entsprechend waren nur gewisse Sozialgruppen aktiv beteiligt, wobei die Teilnahme an den Kämpfen sowohl den Tod als auch einen erheblichen sozialen Prestigegewinn bedeuten konnte. Im Arbeitsgebiet lässt die Bestattung in einem Erdgrab damit bereits grundsätzlich auf einen sozial angesehenen Status schließen. Es bleibt festzuhalten, dass der Großteil der Verstorbenen nicht in die Erdgräber gelangt sein dürfte. Für den Zeithorizont der Glockenbecherkultur und der Aunjetitzer Kultur im 24. bis 21. Jahrhundert v. Chr. kann auf eingeführte Lösungen bei Interessenunterschieden geschlossen werden, die zwischen weitgehend vergleichbaren Sozialverbänden ausgehandelt wurden. Kurzfristige Überfälle oder längere Eroberungsabsichten lassen sich mit den vorgestellten Befunden nicht nachweisen. Ebenfalls darf nicht unbeachtet bleiben, dass anderweitige, friedvolle Lösungen von Konflikten sich im archäologischen Befund nicht zu erkennen geben.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Heske/Grefen-Peters, Gewalt im Detail

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Mit der Axt – durch die Axt. Der Zusammenhang von Schädeldefekt und Waffenbeigabe in Bestattungen des schnurkeramischen Kulturkreises Andreas Neubert, Jörg Wicke und Horst Bruchhaus

Zusammenfassung Auf einer vorangehenden Studie zum Zusammenhang von Schädeldefekt und Waffenbeigabe in der mitteldeutschen Schnurkeramik aufbauend, wurden nun zwei nahe gelegene Regionen mit demselben Maßstab untersucht. Für Böhmen wurden Daten vom Gräberfeld Vikletice (Buchvaldek 1967), für das Taubertal von sechs Gräberfeldern (Dresely 2004; Menninger 2008) erhoben. In allen drei Regionen sind Individuen mit Schädeldefekten mit ca. 4–20 % recht häufig, sie konzentrieren sich in den höheren Sterbealtersklassen und treten bei beiderlei Geschlecht auf. Andere Merkmale offenbaren jedoch größere Unterschiede. Im Taubertal lässt sich keine Seitenpräferenz der Verletzungen feststellen, während sich bei mitteldeutschen und böhmischen Männern die Verletzungen auf der linken Schädelseite häufen. Neben einer allgemein gefährlichen Umwelt werden dafür Kämpfe mit rechtshändiger Waffenführung als Ursache vorgeschlagen. Außerdem betonen in Mitteldeutschland und Böhmen Äxte (und Keulen) den kämpferischen Aspekt in einigen Bestattungen, während in den Gräbern des Taubertals nur Beile auftreten. Daraus wird insgesamt eine andere bzw. stärkere gesellschaftliche Bedeutung des Waffenträgers in der mitteldeutschen und böhmischen Schnurkeramik geschlussfolgert. Aus der unterschiedlichen Altersverteilung der Waffenbeigaben in den Regionen wird für Mitteldeutschland (Waffen ab juvenis) ein Verdienstmechanismus, für Böhmen und das Taubertal (Waffen ab infans) jedoch eine mit der Waffe verbundene Statuserblichkeit gefolgert. Abstract: With the Axe – by the Axe. The Relationship of Skull Defect and Weapons in Burials of the Corded Ware Culture The results of a recent study concerning skull defects and weapons in burials of the central German Corded Ware Culture will be tested on material from neighbouring regions. Therefore data from Vikletice (Buchvaldek 1967), Bohemia and six places in the Taubertal have been collected (Dresely 2004; Menninger 2008). The proportion of individuals with skull defects spans from 4–20 % in all three regions, depending on the scale used. They concentrate in the highest age-at-death classes and are about equally spread between male and female burials. Nonetheless, we found considerable differences between the geographical regions. There was no side preference in the defects from the Taubertal. In contrast, the traumata of central German and Bohemian males occurred more often on the left side of the skull – as expected in armed face-to-face fights with right handed individuals. The militant aspect of some of the central German and Bohemian burials is further emphasized by flat axes as well as battle axes and mace heads – the latter two not present in the Taubertal – among the grave goods. Hence, we infer a different, maybe stronger, social importance of armed men in central Germany and Bohemia. Combined with the different age distributions of weapon burials, we conclude a merit-based mechanism for central Germany (weapons only with juveniles and older) and the heritability of a weapon/ status in Bohemia and the Taubertal (weapons in child burials).

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Neubert/Wicke/Bruchhaus, Mit der Axt – durch die Axt

Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung war eine Studie zur mitteldeutschen Schnurkeramik (Wicke u. a. 2012), in der Bestattungsmerkmale von Individuen mit intravital empfangenen Schädeldefekten (n = 21) einer Vergleichspopulation mit unversehrten Schädelresten (n = 149) gegenübergestellt wurden. Es konnte gezeigt werden, dass sich Schädeltraumata gehäuft beim männlichen Geschlecht und signifikant häufiger in den höchsten diagnostizierten Sterbealtersklassen (adultas/maturitas und älter) nachweisen ließen. In den höheren Altersgruppen war ferner die Tendenz zur Waffenbeigabe, d. h. dem Vorkommen von Beilen und insbesondere Äxten, deutlicher, und bei den Individuen mit Schädeldefekt am deutlichsten ausgeprägt. Als Interpretation der Befunde wurden zwei Thesen aufgestellt: Zum einen erhöhte die Lebenszeit das Risiko einer Schädelverletzung, d. h. je mehr Zeit die Individuen in ihrer offensichtlich nicht ungefährlichen Umgebung verbrachten, umso höher war das Risiko einer Schädelverletzung. Zum anderen wurde die Assoziation von Trauma, männlichem Geschlecht und häufigerer Waffenbeigabe als Zeichen für gewalttätige zwischenmenschliche Auseinandersetzungen aufgefasst. Als Untermauerung der zweiten These wurde weiterhin die Konzentration der Defekte bei den Männern auf das vordere linke Schädeldach herangezogen, wie sie bei Auseinandersetzungen in Paarkämpfen mit rechtsseitig geführten Hiebwaffen zu erwarten wären – während die Traumata bei den Frauen keine lokale Präferenz zeigten. Darauf aufbauend wurde versucht, ein Verdienstsystem, basierend auf Kampferprobtheit und gekennzeichnet durch die Waffenbeigabe, zu postulieren. Diese am mitteldeutschen Material gewonnenen Beobachtungen gaben Anlass, weitere Kulturprovinzen der Schnurkeramik unter ähnlichem Blickwinkel zu betrachten und unseren Thesen gegenüberzustellen. Methoden und Material Die vorangegangene Studie zum mitteldeutschen Material fortführend, wurden die dort genutzten Methoden und Auswahlkriterien auch hier angewendet. Es sollten Individuen mit Schädeldefekten (abgekürzt als „D-Gruppe“) einer repräsentativen Anzahl von Individuen ohne erkennbare Läsion („N-Gruppe“) jeweils in einer abgrenzbaren geographischen Region gegenübergestellt werden. Grundvoraussetzung für beide Gruppen war für jedes Individuum ein gut dokumentierter Bestattungskontext und seine sichere chronologisch-

kulturelle Ansprache. Als Maß für die Güte der Befunddokumentation kam die „Wertungszahl“ (WZ) nach M. Buchvaldek (1967, 19–20) zum Einsatz. Die WZ-Skala wurde auch auf die Gräberfelder im Taubertal angewendet. In unsere Auswertung fanden nur Befunde mit WZ 1, 1–2 und 2 Eingang. Aufgrund ihrer geographischen Nähe und der, dank des sehr guten Publikationsstandes, leichten Zugänglichkeit haben wir uns einerseits für das Gräberfeld Vikletice in Böhmen (Buchvaldek/Koutecký 1970; Chochol 1970) und andererseits für die kulturell und geographisch klar eingrenzbare Region des Taubertals in Mainfranken (Dresely 2004; Menninger 2008) entschieden. Sowohl die positive als auch die negative Diagnose von Traumata ist am archäologischen Material erhaltungsbedingt problembehaftet. An die Feststellung eines Defektes ist stets die Frage nach dem Entstehungszeitpunkt, ob vor oder nach dem Tod des Individuums, geknüpft. Heilungsspuren geben einen sicheren Hinweis auf das Überleben des traumatischen Ereignisses, oft sind aber die Wundstrukturen so stark erodiert, dass auch auf mikroskopischer Ebene keine sichere Ansprache möglich ist. Die Abwesenheit von physisch-traumatischen Ereignissen in einer Individualbiographie lässt sich allein anhand von Skelettresten naturgemäß niemals sicher bestimmen. Um trotzdem eine nachvollziehbare Zuweisung zur N- oder D-Population zu erreichen, bietet sich als Kompromiss die Beschränkung der indizierenden Beobachtungen auf den Schädelbereich an. Mechanische Einwirkungen oberhalb der Schädelbasis verursachen hier aufgrund der vergleichsweise geringen Weichteilbedeckung noch am ehesten Schäden am Knochen. Für Vikletice und das Taubertal wurden jeweils eine N- und eine D-Gruppe aufgenommen. Zur DGruppe wurden alle Individuen gezählt, bei denen in den Katalogen ein intravital entstandener Schädeldefekt vermerkt war und sich äußere Einwirkung als Defektursache nicht ausschließen ließ. Insbesondere Trepanationsdiagnosen wurden ebenfalls zur D-Gruppe gezählt, da es sich bei den Schädelöffnungen um Wundbehandlung infolge mechanischer Überbelastung handeln könnte (Wahl 2012, 83; zusammenfassend: Lidke 2005, 53–56). Zur N-Gruppe wurden Bestattungsbefunde aus dem nächsten Umfeld, d. h. vom selben Gräberfeld zusammengefasst, wenn jeweils Schädelreste in ausreichender Menge erhalten waren, um einen intravitalen Defekt mit ausreichender Wahrscheinlichkeit

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

ausschließen zu können. Als Maß diente dazu eine Skala zur quantitativen Erhaltung des Schädels, die von 0 (keine Schädelreste) über 1 (weniger als die Hälfte des Schädels), 1–2 (mehr als die Hälfte des Schädels) bis 2 (nahezu kompletter Schädel) reicht; die Klassifizierung erfolgte anhand der publizierten Befundzeichnungen, -beschreibungen und Skelettaufnahmeblätter. Bei unserer Aufnahme in die N-Population wurden nur Individuen der Schädel-Erhaltungsklassen 1–2 und 2 berücksichtigt. Um die Erkenntnisse der Studie mit dem mitteldeutschen schnurkeramischen Material vergleichen zu können, fand für jede aufgenommene Bestattung die Art und Anzahl von Felsgesteinwaffen im Grab Eingang in die Untersuchung. Unerheblich dafür war zunächst die Diskussion um die Funktion der Stücke als Waffen und die Vorschläge, sie mehr oder weniger als Statussymbole anzusprechen (Fischer 1956, 140; Buchvaldek 1967, 56; Vencl 1970, 231–232; Malmer 1992, 243). Betont werden soll jedoch, dass Äxte, Beile und Keulenköpfe durch Material und Formgebung am ehesten zur Zusammenhangstrennung von lebendem Gewebe bis hinab zum Knochen, insbesondere am Schädel, genutzt werden können. Der Einfachheit halber werden deshalb im Folgenden die genannten Typen als „Waffen“ bezeichnet, ohne ihre Ansprache damit auf die praktische Anwendung beschränken zu wollen. Vikletice Für die Region Böhmen kam das Gräberfeld von Vikletice aufgrund seiner umfassenden Vorlage archäologischer und anthropologischer Befunde sowie Grab

Ritus

unklare Hocklage 48/62 doppel linke Hocker 36/63 einzel 1/64 einzel 6/64 einzel rechte Hocker 73/63 doppel 4/64 Etagengrab 59/64 einzel 70/64 einzel

Geschl

Alter

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seiner schieren Größe von 164 Komplexen in Betracht (Buchvaldek/Koutecký 1970; Chochol 1970). In die engere Auswahl kamen nur Einzelbestattungen. Zum einen, weil sich hier die Probleme der individuellen Beigabenzuweisung nicht stellen, zum anderen, weil für eine Auswertung genügend Befunde vorhanden sind. In die Auswertung gelangten insgesamt 40 Einzelbestattungen (22 linke, 18 rechte Hocker). Dank der hohen Übereinstimmung von anthropologischer Geschlechtsdiagnose und der Hockseite von 84 % kann mit einiger Sicherheit aus der Seitenlage auf das Geschlecht geschlossen werden (Buchvaldek 1967, 73; Wiermann 1997, 64–65). Da die anthropologische Ansprache aufgrund der dürftigen Erhaltungsbedingungen oft nur unter Vorbehalt oder gar nicht möglich war, die Hockseite dagegen häufiger dokumentiert ist, wurde in unserer Auswertung von Vikletice das „archäologische Geschlecht“ anhand der Hocklage zugrunde gelegt. Es ist noch anzumerken, dass die Positivbestimmungen von Traumata in allen Fällen aufgrund der auch qualitativ dürftigen Erhaltungsbedingungen von dem untersuchenden Anthropologen nur als Vermutungen geäußert wurden. Die Häufung der TraumenAnsprache in den höchsten Altersklassen, die auch in anderen Regionen beobachtet wurde (s. u.), könnte jedoch die tendenzielle Richtigkeit dieser Vermutungen andeuten (Abb. 1). Für Tschechien und angrenzende Gebiete liegt ferner eine Zusammenstellung von Trepanationsdiagnosen aus der Hand von D. Malyková (2002) vor. Für die dort katalogisierten Befunde liegen

Traumata Schädel

m

ad I

Os frontale Fraktur?

? m? m?

sen sen mat II

Os frontale und parietale rechts Fraktur? Os occipitale Fraktur? Os parietale links Fraktur?

m m m m

ad I sen mat I mat

Postcranium

Rippe links Fraktur Os parietale links Fraktur? (Malus senile?) Os temporale links, Fraktur Os frontale rechts Fraktur (Trepanation?)

Abb. 1: Vikletice, Individuen mit Traumadiagnose. In die zusammenfassende Auswertung (D-Gruppe) sind nur Einzelbestattungen mit klarer Hocklage und Schädeltrauma gelangt. Geschl – Geschlecht; ad – adultas; mat – maturitas; sen – senilis (nach Chochol 1970).

220 Fundplatz Nummer 6 19 24 27 29

Neubert/Wicke/Bruchhaus, Mit der Axt – durch die Axt

Name Grünsfeld-Krensheim TBB, „Burgweg/Kräutergärten“ TBB, „Kirchelberg/Acker Noe West“ TBB-Dittigheim TBB-Impfingen Lauda-Königshofen, „Wöllerspfad“ Summe

verwendete Individuen N-Gruppe 0 1 1 7 8 22 39

D-Gruppe 1 1 1 3 0 3 9

Abb. 2: Taubertal, verwendete Individuen. TBB – Tauberbischofsheim (nach Dresely 2004 und Menninger 2008).

Einzelberichte vor, die Publikation der zugehörigen Gräberfelder, insbesondere der anthropologischen Daten, steht meist jedoch noch aus, sodass populationsweite Auswertungen hier nicht möglich sind. Taubertal Mit den Untersuchungen der schnurkeramischen Gräber in einer Teilregion Mainfrankens, dem Taubertal (Dresely 2004; Menninger 2008), liegen moderne und interdisziplinäre Arbeiten zu einer Regionalgruppe der mitteleuropäischen Schnurkeramik vor. Neben drei größeren Gräberfeldern (Tauberbischofsheim-Dittigheim, Tauberbischofsheim-Impfingen und Lauda-Königshofen) besteht die regionale Serie (Einzugsgebiet ca. 50 km entlang der Tauber mit einem Kerngebiet von ca. 10 km, vgl. Dresely 2004, 14 Abb. 1; 15 Abb. 2) aus einigen Einzelgräbern. Für unsere Aufnahme wurden alle Fundplätze mit mindestens einem Individuum mit Schädeltrauma-Diagnose aufgenommen (Abb. 2). Quellenkritisch hinzuweisen ist auf einen gewissen Teil gestörter Gräber sowie partiell schlechte Skeletterhaltung und Befunddokumentation. Ferner kommen im Taubertal (v. a. Fundplätze 27 und 29) häufiger Mehrfachbestattungen vor als in anderen Regionen des schnurkeramischen Kulturphänomens. Eine Beschränkung auf Einzelbestattungen war hier nicht möglich, da nur etwa 60 % aller publizierten Individuen in diese Kategorie fielen und die Anwendung weiterer quellenkritischer Filter eine zu geringe Datengrundlage geliefert hätte (vgl. Menninger 2008, Tab. 4). Dank der, laut Publikation, verhältnismäßig sicheren individuellen Beigabenzuweisung in Mehrfachbestattungen konnte davon ein Großteil für die Auswertung verwendet werden. Insgesamt stammen 24 der 48 für unsere Zwecke verwendeten Individuen aus Mehrfachbestattungen.

Weitere Beachtung muss dem Umstand der vergleichsweise niedrigen Assoziation zwischen biologischer Geschlechtsdiagnose und Liegeseite geschenkt werden (Dresely 2004, 105; Menninger 2008, 21–22). Bei den verwendeten Bestattungen aus dem Taubertal kann deshalb nicht, wie für mitteldeutsche und böhmische Fundorte der Schnurkeramik, im Falle einer unsicheren anthropologischen Geschlechtsdiagnose der Rückschluss einer „archäologischen Geschlechtsbestimmung“ über die Liegeseite gezogen werden. Angaben über das anthropologische Geschlecht wurden aus den Publikationen entnommen, dabei gilt es zu beachten, dass nur für Lauda-Königshofen Diagnosen für im Kindesalter Verstorbene (Klasse infans) vorliegen. Insgesamt flossen Daten von 48 Individuen in die Untersuchung des Taubertals ein (19 weibliche, 29 männliche Individuen). Auswertung Vikletice Schädeltraumata sind relativ häufig. Aus Vikletice stammen insgesamt sieben Individuen mit derartigen Defekten. Je nach dem angesetzten Vergleichsmaßstab, d. h. ob gegen die Gesamtindividuenzahl (n = 158) oder nur die Gruppe mit beurteilbaren Schädelresten (n = 51) gerechnet, sind damit 4–14 % betroffen. Bezogen auf die beurteilbaren Einzelbestattungen ergibt sich sogar ein Anteil von 15 % (sechs Individuen der D-Gruppe gegen 40 insgesamt). Die Verteilung der Defekte ist auf die höchsten Altersklassen maturitas und senilis konzentriert. Bezogen auf das „archäologische Geschlecht“ sind sie mit je drei Vorkommen bei jeder Hockseite sehr gleichmäßig verteilt (Abb. 4). Nimmt man noch die von O. Malyková (2002) zusammengestellten Trepanationen aus der Schnurkeramik Böhmens hinzu (Abb. 5) fällt auch hier die

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Konzentration auf höhere Altersklassen (maturitas) auf. Ferner zeigt die Auflistung einen deutlichen Überhang im männlichen Geschlecht und das häufigere Vorkommen von Öffnungen auf der linken Schädelseite (vier von fünf Fällen). In Vikletice lässt sich die gleiche Seitenpräferenz von Defekten sehr schwach erkennen: dreimal links gegen zweimal rechts. Die Waffenbeigaben sind in Vikletice auf rechte Hocker beschränkt und über fast alle Altersstufen verteilt. Äxte, Beile und Keulenköpfe kommen bereits in Kindergräbern vor und streuen bis in die höheren – eventuell unter Auslassung der höchsten – Altersstufen (vgl. auch Wiermann 1997, Abb. 23). Ein Zusammenhang mit dem Schädeldefekt lässt sich nicht feststellen (Abb. 4).

Fundplatz (Nr., Name)

Grab

Ritus

Alter

Taubertal Auch im Taubertal ist das Vorkommen von cranialen Defekten relativ häufig. Je nachdem, ob man in Relation zur Gesamtzahl aufgenommener Individuen rechnet (n = 207) oder zur quellenkritisch hinsichtlich der Schädel- und Befunderhaltung als vergleichbar eingestuften Menge (n = 48), nehmen die zehn Individuen mit Schädeltrauma 5–21 % ein. Die Defekte treten jüngstenfalls im adulten Sterbealter auf und scheinen in den höheren Altersklassen anteilig zuzunehmen. Hinsichtlich des Geschlechtes lässt sich keine Tendenz feststellen (Fisher´s Exact Test, p = 0,7). Eine Seitenpräferenz der Verletzungen ist ebenfalls nicht nachweisbar. Ein Blick auf die Verteilung von Waffenbeigaben, im Taubertal nur durch Beile repräsentiert, zeigt eine

Trauma Schädel

unklares Geschlecht 27, TBB-Dittigheim weiblich 27, TBB-Dittigheim

Grab 2

sm-sen

Postcranium Ulna links Fraktur

Grab 18, Best. 1 Grab 27 Ind. 10 Ind. 12 Ind. 59 Ind. 69

dreifach

fa

Lambdabereich Fraktur

sm ad ad ad mat

Os frontale links Fraktur

einzel dreifach einzel einzel

Os parietale rechts Infektion

[Grab 1] Best. 1

einzel? doppel

sa sa

Os frontale rechts Fraktur Os temporale links Fraktur

Grab 1, Best. 2 Grab 14

vierfach

fa

einzel

fm

27, TBB-Dittigheim

Grab 32

einzel

fm

Os parietale links Doppeltrepanation Sagittalbereich Trepanation Ossa parietalia je eine Trepanation

29, TBB-Impfingen Lauda-Königshofen

Grab 8 Ind. 18

einzel einzel

sa ad

Lauda-Königshofen

Ind. 62

einzel

mat

27, TBB-Dittigheim Lauda-Königshofen Lauda-Königshofen Lauda-Königshofen Lauda-Königshofen männlich 6, Grünsfeld-Krensheim 19, TBB „Burgweg/ Kräutergärten“ 24, TBB „Kirchelberg/ Acker Noe West“ 27, TBB-Dittigheim

221

Hand links Fraktur

Fraktur Zehenphalanx? Fraktur Ulna, Fraktur Clavicula Verletzung Schultergelenk

Ulna rechts Fraktur

Clavicula links Fraktur Os frontale Fraktur? Os parietale Trepanation? beides links Os parietale rechts Metatarsus Fraktur? zwei RippenTrepanation frakturen? Akromegalie

Abb. 3: Taubertal, Individuen mit Traumadiagnose. In die zusammenfassende Auswertung (D-Gruppe) sind nur Individuen mit Geschlechtsdiagnose und Schädeltrauma gelangt. ad – adultas; mat – maturitas; sen – senilis; f – früh-; s – spät-; Ind. – Individuum (Fundplatz Lauda-Königshofen nach Menninger 2008, die übrigen nach Dresely 2004).

222

Neubert/Wicke/Bruchhaus, Mit der Axt – durch die Axt

Abb. 4: Vikletice, Häufigkeit von Waffen in der N-Gruppe (weißer Hintergrund) und der D-Gruppe (schwarzer Hintergrund) getrennt nach Hockseite. Ein Kästchen repräsentiert eine Einzelbestattung. A – Axt; B – Beil; K – Keulenkopf.

Abb. 6: Taubertal, Häufigkeit von Waffen. Ein Kästchen repräsentiert ein Individuum. Grauer Hintergrund – postcraniales Knochentrauma. Färbung und Abkürzungen ansonsten wie in Abb. 4.

Konzentration auf das männliche Geschlecht und ein Vorkommen in allen Altersklassen, mit der Tendenz zur Häufung, insbesondere der doppelten Beigabe, im höheren Erwachsenenalter (Abb. 6). Die leichte Unterrepräsentanz von Beilen in der D-Gruppe ist nicht signifikant, eine „Sonderbehandlung“ ist also nicht nachweisbar.

Verletzungsrisiko. Als Gegenargument kann die bessere Regenerationsfähigkeit von traumatisiertem Gewebe im Kindesalter angeführt werden, aus der, eventuell begünstigt durch gute Behandlung, die makroskopisch spurlose Verheilung der Defekte folgen kann; damit wären viele Traumata an subadultem Skelettmaterial nicht mehr nachweisbar und die Verteilung verzerrt. Allein der besonders in Mitteldeutschland und dem Taubertal erkennbare Anstieg zwischen den Klassen adultas und maturitas unterstreicht jedoch die Risikothese. In allen anderen untersuchten Bereichen stellen sich allerdings Unterschiede zwischen den Regionen ein (Abb. 3). In Mitteldeutschland und Böhmen konzentrieren sich die Schädeldefekte bei Männern tendenziell auf der linken Seite, während sie im Taubertal überhaupt keine Seitenpräferenz zeigen. Die Lage der Traumata auf der linken Schädelseite lässt sich noch am ehesten als im Kampf entstanden interpretieren – von Angesicht zu Angesicht bei rechtshändiger Waffenführung. Weiterhin ist das Spektrum der beigegebenen Waffen mit Äxten und Beilen, in Böhmen auch Keulen, in den beiden östlichen Regionen breiter, während im Taubertal ausschließlich

Diskussion Allen drei Regionen gemeinsam sind die Häufung von Schädeldefekten im höheren Erwachsenenalter und eine relative Gleichverteilung auf die Geschlechter. Damit festigt sich die Vermutung, dass Schädeldefekte nicht an ein bestimmtes Ereignis, etwa einen rite de passage, gebunden sind, sondern durch eine risikobehaftete Umwelt verursacht werden. Je länger die Lebensspanne, umso größer das Risiko einer Schädelverletzung. Gestützt wird die These ferner durch die insgesamt acht aufgenommenen postcranialen Defekte aus Böhmen und dem Taubertal (Abb. 1 und 3). Sie können zwar nicht in Relation zu unversehrten Skeletten gesetzt werden, aber ihr Auftreten erst im Erwachsenenalter zeigt ebenfalls den Zusammenhang zwischen Lebensspanne und

Grab Kreis Trauma Schädel Geschl Bílina Grab Teplice Doppeltrepanation links m 3/1 Kněževes Praha-západ Os parietale links Trepanation m

Alter Befundbeschreibung 40–50 Hocker mit Grobkeramik

Lovosice

Litoměřice

Trepanation links

m

mat?

linker Hocker, Amphore, zwei Krüge, Ösenbecher, Knochengeräte, Silexkratzer keine Angaben

Lovosice

Litoměřice

Trepanation rechts

?

?

Hocker, Schnurbecher, Axt, Silexklinge und -gerät

Nové Sedlo

Louny

Trepanation links

m

mat

keine Angaben

mat?

Abb 5: Gräber mit Schädeldefekten (Trepanationen) aus Böhmen. Geschl – Geschlecht; Trep – Trepanation; m – männlich; ma – maturitas (nach Malyková 2002, mit weiterführender Literatur).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

223

Mitteldeutschland

Böhmen

Taubertal

Äxte, Beile nur Erwachsene fast nur männlich

Äxte, Beile, Keulenköpfe Kinder und Erwachsene nur rechte Hocker

Beile Kinder und Erwachsene fast nur männlich

ab juvenis, häufig älter nein bei Männern meistens vorn links; bei Frauen irregulär

ab adultus, häufig älter nein Tendenz links

ab adultus, häufig älter nein irregulär

Zusammenhang Waffenbeigabe – Trauma

tendenziell

nein

nein

Schlussfolgerungen

- kämpferischer Aspekt - Verdienstmechanismus

- kämpferischer Aspekt - Statuserblichkeit

- nichts Kämpferisches - Statuserblichkeit?

Waffenbeigabe altersspezifisch geschlechtsspezifisch Schädeldefekt altersspezifisch geschlechtsspezifisch Lage am Schädel

Abb. 7: Zusammenfassender Vergleich der drei untersuchten Regionen.

Beile in den Bestattungen auftraten. Menninger erwähnt überdies, dass ein Teil dieser Beile aus Schiefer bestand, der während der Ausgrabung z. T. schon zerfiel (Menninger 2008, 30). Durch Lage der Defekte sowie Art und Umfang der Waffen erscheint bei den mitteldeutschen und böhmischen schnurkeramischen Bestattungen also der kämpferisch-aggressive Aspekt deutlicher, während er in den Befunden des Taubertals fehlt. In der Verteilung der Waffenbeigaben bestehen dagegen größere Ähnlichkeiten zwischen Böhmen und dem Taubertal. Das Auftreten von Beilen, in Böhmen auch Äxten und Keulenköpfen, bereits in Kindergräbern kann kaum mit Erwerb oder Anfertigung im Laufe des Lebens begründet werden (Wiermann 1997, 97). Das Fehlen von Waffen in mitteldeutschen Kindergräbern dagegen lässt hier den Schluss auf einen Verdienstmechanismus zu, der es erst, und auch hier nur bestimmten, erwachsenen Männern gestattete, die Waffe mit in das Grab zu nehmen. Die Vermutung, dass es sich bei diesem „Verdienst“ um kämpferische Auseinandersetzungen gehandelt haben könnte, wird durch das gemeinsame Vorkommen von Schädeltrauma und Waffenbeigabe unterstützt (Wicke u. a. 2012, 164–165). Geht man einen Schritt weiter und versucht, gesellschaftliche Implikationen aus unseren Thesen zu entwickeln, lässt sich auch hier eine deutliche Regionalisierung erkennen (vgl. z. B. Dornheim u. a. 2005). Ein kämpferischer/kriegerischer Aspekt lässt

sich aus den Traumata und der Waffenbeigabensitte der Schnurkeramiker in Mitteldeutschland und Böhmen ablesen. Doch während er nördlich des Mittelgebirgskammes individuell gebunden und biographisch begründet scheint, ist der Zusammenhang südlich der Gebirge lockerer und v. a. nicht individualbiographisch erklärbar. Die Waffenbeigabe schon in Kindergräbern betont vielmehr den, eventuell familiengebundenen und wohl erblichen, Statuscharakter von Waffen. Folgert man ferner aus der Waffenbeigabe und ihren Implikationen auf eine maßgebliche Bedeutung der waffentragenden Gruppen in ihrer Gesellschaft (Vandkilde 2006, 400), dann können wir nicht mehr von der „kriegerischen Elite“ (Fischer 1956, 140) der Schnurkeramik ausgehen, sondern müssen regional verschiedene Entwürfe, vielleicht sogar Ideologien, annehmen, in der die Waffenträger ihre Stellung unterschiedlich begründeten und womöglich auch durchsetzten. Den beiden Regionen steht das Taubertal ohne offensichtlichen kämpferischen Aspekt gegenüber. Durch die materialbedingte Dysfunktionalität einiger Beile können die Gegenstände auf ihren Symbolgehalt reduziert werden. Neben anderen Besonderheiten dieser Regionalgruppe legt die Abwesenheit von weiteren Waffentypen aus Felsgestein im Grab auch ein anderes – womöglich geringeres? – soziales Ansehen von Waffen und ihren Trägern und damit einen dritten gesellschaftlichen/ideologischen Entwurf nahe.

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Neubert/Wicke/Bruchhaus, Mit der Axt – durch die Axt

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Andreas Neubert Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte Richard-Wagner-Strasse 9, 06114 Halle (Saale) [email protected] Jörg Wicke Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas, Standort Prähistorische Archäologie und Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Brandbergweg 23c, 06120 Halle (Saale) [email protected] Horst Bruchhaus Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Humangenetik Arbeitsgruppe Anthropologie Kollegiengasse 10, 07743 Jena [email protected]

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T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 225–236.

Ein Kampf um Altheim? Zur Unschärfe vorgeschichtlicher Lebensbilder Thomas Saile

Zusammenfassung Erdwerke sind eine der eindrucksvollsten Befundgattungen des vierten vorchristlichen Jahrtausends in Europa. Das nordöstlich von Landshut gelegene Erdwerk von Altheim gehört seit nunmehr einem Jahrhundert zu den klassischen Stätten der mitteleuropäischen Jungsteinzeit. Sein Fundmaterial wurde namengebend für den Altheimer Formenkomplex des späten Jungneolithikums. Gleichwohl beschäftigt die Deutung der mit Palisade und Gräben umhegten Anlage, deren Form inzwischen durch Grabungen, Luftbilder und Magnetogramme hinlänglich bestimmt ist, die am Neolithikum Interessierten bis heute. Insbesondere die bekannte Interpretation als „stummes Zeugnis eines Dramas aus grauer Vorzeit“ bedarf der Prüfung. Hat um die kleine Befestigung vor ihrer Zerstörung ein heftiger Kampf getobt, bei dem mit Pfeil und Bogen geschossen wurde, Schleudersteine zum Einsatz kamen und zumindest Teile der Anlage abbrannten? Diesen Fragen soll vor dem Hintergrund einer erneuten Beschäftigung mit der seinerzeit angefertigten Dokumentation der Ausgrabung und aktueller Geländearbeiten nachgegangen werden. Die Unterlagen der ersten Grabungskampagne zeigen hinsichtlich der Fundverteilung in den Grabenabschnitten auffällige Details, die im umfangreichen Diskurs über die einstige Funktion der Anlage nur wenig Beachtung fanden. So lassen sich Aussagen über den Fundreichtum bestimmter Erdwerksbereiche treffen, räumliche Konzentrationen von Objekten verschiedener Materialgruppen erkennen und Angaben zur Tiefenlage der Fundgegenstände machen. Diese Feststellungen geben Anlass zur erneuten Auseinandersetzung mit der Deutung des umhegten Raumes im Jungneolithikum. Abstract: A Fight for Altheim? The Fuzziness of Prehistoric Life Images Earthworks belong to the most impressive features of the fourth millennium BC in Europe. Since its discovery in the beginning of the last century, the earthwork of Altheim, located northeast of Landshut, is a classic site of the Central European Neolithic. Its archaeological material was eponymous for the Altheim complex of the late phase of the Late Neolithic. Although its extent has become evident through excavations, aerial photos and magnetograms, the interpretation of the site, which is enclosed by palisades, is under discussion until today. Especially interpretations connecting the site with dramatic events in prehistoric times must be examined in detail. Has there been a fierce conflict in which bows and arrows were in use, as well as sling stones and which resulted in the destruction of parts of the complex by fire? These questions will be considered by taking into account documentations of old excavations and results of recent fieldwork. Documentation of the first excavation shows prominent details in the distribution of finds in some sections of the trenches, which have been scarcely taken into account in the discourse concerning the initial function of the site. Statements on amounts of finds in certain parts of the earthwork can be drawn as well as on concentrations of objects of specific materials and the depth of finds. This evidence gives reason to a re-assessment of the interpretation of enclosed space in the Neolithic.

226

Saile, Ein Kampf um Altheim?

Erdwerke sind eine der eindrucksvollsten Befundgattungen des vierten vorchristlichen Jahrtausends in Europa. Das Fundmaterial des nordöstlich von Landshut gelegenen Erdwerks von Altheim wurde namengebend für den Altheimer Formenkomplex des späten Jungneolithikums. Die Deutung der Anlage beschäftigt die an der jüngeren Steinzeit Interessierten bis heute. Neben dem späten Michelsberg im Nordwesten sowie Baalberge im Norden und Nordosten wurden in Südmitteleuropa die kleinräumigen archäologischen Klassifikationseinheiten Pfyn, Altheim und Mondsee gebildet. Mittlerweile konnten zwischen Pfyn und Altheim die oberschwäbische Pfyn-Altheimer und die oberbayerisch-schwäbische LechGruppe ausgegliedert werden1. Im schweizerischen Mittelland und in Oberitalien schließen sich mit Cortaillod und Lagozza Ausläufer des Chasséen an. Im Osten und Südosten sind in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. die Furchenstichkeramik (Bajč-Retz) und Balaton-Lasinja sowie Bodrogkeresztúr und Hunyadihalom (Scheibenhenkel) anzutreffen; schließlich folgt Boleráz (Abb. 1). Die Siedlungen der Altheimer Kultur sind an günstige Agrarstandorte im südöstlichen Bayern gebunden. Von Siedlungen auf Mineralböden sind Gruben(-häuser) belegt; zu ihrer Ortsform lassen sich keine konkreten Aussagen treffen. Hausgrundrisse und Hinweise auf deren räumliche Gruppierung sind nur von Talbodensiedlungen bekannt. Erdwerke wurden auf etwa 20 der ungefähr 300 bekannten Altheimer Fundstellen nachgewiesen; vermutlich besaß einstmals „etwa jede vierte bis fünfte Siedlung ein Grabenwerk“ (Matuschik 1991, 39). Dabei grenzen bis zu drei, in der Regel fundarme Gräben trapezoide bis rechteckige Areale mit geringer Innenfläche von der Umgebung ab. Altheimer Erdwerke wurden oftmals an Geländekanten errichtet. Der Bau kleiner Grabenwerke unterscheidet Altheim von westlich benachbarten Gruppen, aber auch von der späten Michelsberger und der Trichterbecherkultur mit ihren Monumentalerdwerken (Geschwinde/RaetzelFabian 2009; Klatt 2009). Der Totenkult entzieht sich – trotz einiger mutmaßlich zugehöriger Hocker­ bestattungen – weitgehend dem archäologischen

1

Abb. 1: Keramische Klassifikationseinheiten in Mitteleuropa um das 37. Jahrhundert v. Chr. L = Lech-Gruppe der Altheimer Kultur, PA = Pfyn-Altheim (Abb. H. Marx).

Nachweis; möglicherweise zeigt sich hier eine Michelsberger Affinität. Die schmucklose, zuweilen mit Arkadenrändern und Schlickauftrag versehene Keramik setzt sich deutlich vom mittelneolithischen Geschmack ab. Ein charakteristisches Silexgestein der Altheimer Kultur ist der Baiersdorfer Plattenhornstein, aus dem halbmondförmige Sichelblätter und trianguläre Geschossbewehrungen gefertigt wurden. Seit den ersten Ausgrabungen „ist der Begriff Altheim gleich einem Nimbus vom Kupfer umgeben“ (Driehaus 1960, 75). Kupfergegenstände sind jedoch selten; vereinzelt sind Belege eigenständiger Metallurgie (Matuschik 1998, 209 ff. Abb. 216). Das spröde Fundmaterial der vom 38. bis 34. Jahrhundert v. Chr. bestehenden Kulturtradition entzieht sich bislang einer überzeugenden feineren zeitlichen Untergliederung. Ihr älterer Teil, in dem möglicherweise das Altheimer Erdwerk errichtet wurde, fällt in

P. Reinecke (1924) sah in Altheim den maßgeblichen Akteur eines größeren Kulturkreises. – Einer Tendenz zu immer kleinräumigerer Gruppenbildung im Jungneolithikum entgegenwirkend, erwog J. Lüning (1976, 148), „ob nicht Altheim und Pfyn unter einem Oberbegriff zusammengefasst werden dürfen“. – Eine kontinuierliche Stilentwicklung im zentraleuropäischen Jungneolithikum beobachteten T. Kerig und S. Shennan (2012).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 2: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Niederbayern. Ausschnitt der Planskizze des inneren Grabens II Süd von J. Maurer aus dem Jahre 1914 (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege).

eine Periode anhaltender Klimagunst, ihr jüngerer in eine Kaltphase (Schlichtherle 2011). Im Jahre 1914 untersuchte J. Maurer, der erste Ausgrabungstechniker des Königlichen Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Alter­ tümer Bayerns, unter Leitung von P. Reinecke den südöstlichen Teil des Erdwerkes von Altheim. Die seinerzeit angefertigte Dokumentation der Ausgrabung (Abb. 2), die nach heutigen Maßstäben zwar manche Unzulänglichkeiten aufweist, zeigt hinsichtlich der Fundverteilung in den Grabenabschnitten jedoch auffällige Details, die im umfangreichen Diskurs über die einstige Funktion der Anlage nur wenig Beachtung fanden. Hier galt das Verdikt von J. Driehaus (1960, 14), dass über die alte Grabung kaum mehr zu sagen sei, als aus dem veröffentlichten Gesamtplan hervorgehe. Ein Standpunkt, der angesichts vorhandener Planskizzen und eines Grabungsberichtes etwas einseitig erscheint2. Das Erdwerk von Altheim liegt im Übergangsbereich von tertiärem Hügelland zu lössbedeckter Isar-Hochterrasse am Ausgang des Holzener Tälchens auf einem nach Südwesten zum Eichelbach ausstreichenden Unterhang; hier befindet es sich auf einem heute kaum noch wahrnehmbaren Geländeabsatz. Es wurde durch dunkle Bodenverfärbungen entdeckt,

2

die von der in unmittelbarer Nähe in leicht erhöhter Streckenführung verlaufenden Bahnlinie aus gut zu erkennen waren, als J. Pollinger das Grabenwerk 1911 vom Zug aus sichtete. Während der 1914 und 1938 durchgeführten Ausgrabungen wurde etwa die Hälfte der Grabenlänge von insgesamt über 800 m und ca. ein Viertel der Innenfläche untersucht. Die Geländearbeiten konzentrierten sich dabei auf die südöstlichen Bereiche des Erdwerkes. Der umhegte Raum wird von einer Palisade und drei Grabenringen eingefasst, die in Abständen von 7–10 m aufeinander folgen (Abb. 3). Die äußeren Abmessungen der obertägig nicht mehr wahrnehmbaren Grabenanlage betragen etwa 117 x 88 m (ca. 1 ha). Das Verhältnis Innenfläche zu Grabenfläche beträgt etwa 1:4. Die beiden äußeren Gräben sind durch kurze Verbindungsgräben miteinander zu zwei Doppelhalbringen verbunden. Die Längsachse der Anlage ist NW-SO ausgerichtet. Der Westen der Anlage scheint stärker von Erosion betroffen: Hier sind die geringsten Fundtiefen zu verzeichnen und die Sohlgräben am flachsten, das Palisadengräbchen fehlt. Die in den anstehenden Löss eingetieften Gräben sind als Sohlgräben mit steilen Flanken angelegt worden, bis 2 m tief und an der Geländeoberfläche bis

Schon R. A. Maier (1964, 51) kritisierte die recht zügige Materialaufnahme der Driehaus’schen Pionierarbeit: „Die zur Erfassung, Aufnahme und zur Auswertung der ‚Altheimer‘ Fundmaterialien vom Herbst 1951 bis Sommer 1953 verfügbare Zeit war zu kurz, um all die seitens musealer Heimatforschung und denkmalpflegerischer Inventarisation zutage geförderten, unedierten Funde und die in jahrelanger Tätigkeit gesammelten, oft nur aktenmäßig bekundeten Erfahrungen berücksichtigen zu können“.

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Saile, Ein Kampf um Altheim?

Abb. 3: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Nieder­bayern. Ausschnitt des Graustufenbildes der im August 2012 und Februar 2013 durchgeführten Magnetometer-Prospektionen. Fluxgate-Gradiometer Förster Ferex 4.032 DLG 4-fach; Raster-Messung 0,5 x 0,2 m (crossline x inline), Abbildung 0,5 x 0,2 m (nicht interpoliert) (Abb. M. Posselt).

3 m breit. Besonders tief scheinen die Grabenköpfe ausgehoben worden zu sein. Grabenunterbrechungen gibt es im Südosten und Nordwesten; sie betragen im Schnitt jeweils 2–3 m. Die Profilzeichnungen lassen mehrere Verfüllungshorizonte erkennen. Zuweilen ist ein stärkerer Bodeneintrag von der Innenseite der Anlage her zu beobachten; dies könnte auf die einstige Existenz von Wällen hindeuten, wenn der Aushub in Form und Maß zu einheitlichen Baukörpern aufgeschüttet wurde3. Aus dem rekonstruierten Verfüllungsvorgang ergeben sich keine eindeutigen Hinweise auf anthropogene Einplanierungen oder Grabensäuberungen. 3

Die Errichtung des Erdwerkes erforderte einen erheblichen Energieaufwand. Für eine überschlägige Schätzung kann man von drei annähernd zeitgleich ausgehobenen Sohlgräben mit insgesamt 800 m Länge, 3 m Breite an der Geländeoberfläche und 2 m Tiefe sowie einer Fläche des Grabenquerschnitts von 4 m2 ausgehen. Bei Annahme einer mittleren täglichen Kubikmeterleistung von 1 m3 pro Arbeiter (Eckert 1992, 114 ff.; Kerig 2008, 130 ff. Tab. 41) benötigte man für den Aushub der Gräben insgesamt 3200 Tagwerke. 50 Personen könnten die Erdbewegung in 65 Tagen bewältigt haben, vorausgesetzt, das Bodenmaterial wurde nicht über weitere Strecken

Vgl. abweichende Beobachtungen am Michelsberger Erdwerk von Mayen: Eckert 1992, 104 ff.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

verlagert. Hinzu kommt der Holzbedarf für den Bau der den inneren Graben begleitenden Palisade von 200 m Länge. Werden 1000 Bäume mit einem Durchmesser von 0,2 m benötigt und beträgt die Fällzeit pro Baum 20 Minuten (Behrens/Schröter 1980, 15), so sind für den Holzeinschlag etwa 42 Tagwerke erforderlich; für 10 Arbeiter eine Beschäftigungszeit von etwa einer Woche. Nur schwer zu kalkulieren ist die erforderliche Transportleistung. Außerdem sind die Herrichtung der Pfosten und der Aushub des Palisadengrabens sowie das Setzen der Pfosten und die abschließende Modellierung des Walles zu berücksichtigen. Insgesamt dürfte der Bau der Palisade mit kaum mehr als 10 % der für die Ausschachtungsarbeiten erforderlichen Arbeitsleistung zu veranschlagen sein. Das Erdwerk wäre in mehrmonatigem Einsatz von einer gemeinsam handelnden Gruppe aus etwa 50 Personen zu errichten gewesen. Diese Zahlen verdeutlichen aber auch, dass die vergleichsweise wenigen Bewohner, die für eine Siedlung zu veranschlagen sind, die vom Erdwerk umgeben werden sollte, kaum in der Lage gewesen sein dürften, eine derartige Anlage zu erbauen; selbst wenn man eine enge Innenbebauung mit kleinen Rechteckhäusern unterstellt. Insofern dürfte die Grabenanlage von Altheim die Gemeinschaftsarchitektur eines größeren Siedlerverbandes gewesen sein. In den Gräben des Altheimer Erdwerkes finden sich gehäuft und offenbar in chaotischer Streulage Menschen- und Tierknochen sowie Kulturschutt; ein Verweis auf rätselhafte Umstände. Dies unterscheidet die Anlage von anderen Erdwerken der Altheimer Kultur. Die zahlreichen Funde der Gräben stehen dabei in merkwürdigem Gegensatz zur Fundleere des Innenraumes. Betrachtet man die Fundverteilung in den Gräben, so lassen sich Bereiche größeren Fundanfalls von nahezu fundfreien Zonen trennen. P. Reinecke (1915, 10) erwähnte besonders die „zahlreiche[n] Feuersteinpfeilspitzen mit zumeist abgebrochener Spitze, Nester faustgroßer Schleudersteine“, „in wirrem Durcheinander liegende Menschenknochen“, „die Brandeinfüllung des inneren Grabens“ sowie „Unmengen von Tongeschirr im inneren wie mittleren Graben“; insgesamt handelt es sich um mindestens 600 Gefäßeinheiten, darunter fast ein Drittel vollständige Gefäße. Die aus dem inneren Graben der Anlage geborgenen großen

4

229

Fundmengen sollen eine intentionale Verfüllung anzeigen. Menschliche Knochen, die in die Erdwerks­gräben gelangten, befanden sich vielfach nicht mehr in anatomischem Zusammenhang (Abb. 4). Vereinzelt konnten im inneren Graben Teilskelette in Hockerposition beobachtet werden; zumindest diese Körperpartien wurden offenbar weichteilbedeckt in den Graben verbracht. Im mittleren Graben ließen sich mehrere annähernd vollständige Skelette im Sehnenverband erkennen. Gruppen größerer (Lang-) Knochen scheinen in Form von Paketen intentional in bestimmten Abschnitten der Gräben niedergelegt worden zu sein. Zumindest bei einem Teil der offenbar nur in Auswahl in den Gräben eingelagerten Knochen könnte es sich um Überreste mehrstufiger Bestattungsrituale handeln, bei denen ein Teil der Knochen verloren ging; eine Dekomposition von Knochen im Verfüllungsmaterial der Gräben dürfte nur in Einzelfällen in Erwägung zu ziehen sein. Bemerkenswert sind auch in größerer Zahl gefundene Schädel, deren unregelmäßige Verteilung eine besondere Behandlung nahelegt. Skelettelemente einzelner Individuen dürften somit über verschiedene Grabenabschnitte verstreut sein. Aus dem inneren Graben stammen 14, davon allein fünf aus dem nördlichen Grabenende. Im mittleren Graben wurden acht, im nur teilweise erkundeten äußeren Graben ein Schädel dokumentiert. Der erhaltene Schädel eines adulten Mannes weist mehrere charakteristische Lochfrakturen auf, die von Schlägen mit stumpfen Waffen verursacht worden sein könnten (Schröter 1979). Unter den geschlagenen Steingeräten fällt neben dem Nachweis einer Grundformproduktion sowie zahlreichen Kratzern und Sicheln die große Zahl an dreieckigen, beidseits retuschierten Pfeilspitzen auf; viele zeigen Beschädigungen der Spitzen, manche Nachretuschierungen. Die Pfeilbewehrungen stammen aus dem inneren und mittleren Graben (Abb.  5). Sie konzentrieren sich an den Grabenköpfen: In einem Bereich von 10 m beiderseits der Erdbrücken wurden etwa 60 Geschossbewehrungen dokumentiert, 1/3 der Gesamtzahl4. Aus den Gräben des Altheimer Erdwerkes stammen sechs Kupfergegenstände, ein im Altheimer Kulturmilieu beachtliches Ensemble. Besonders

Angesichts der weitgehenden Unzerstörbarkeit von Steinartefakten wird man aber grundsätzlich zu erwägen haben, inwieweit Kollektionen aus Erdwerksgräben nicht unterschiedlich stark vermischte Inventare darstellen.

230

Saile, Ein Kampf um Altheim?

Abb. 4: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Nieder­bayern. Verteilung der menschlichen Knochen in den 1914 freigelegten Grabenabschnitten (nach Planskizzen von J. Maurer) (Abb. H. Marx).

bemerkenswert ist ein gedrungenes, trapezoides Beil aus Kupfer mit geringem Arsenanteil und beidseits abgesetzter ausgehämmerter Schneide (Pászthory/ Mayer 1998, 25 ff. Nr. 17); es wurde im mittleren Graben gefunden. Hinzu treten ein plattenförmiger

5

Kupferblechanhänger mit eingerolltem Ende5 und drei Kupferpfrieme aus dem inneren Graben sowie ein kleiner Kupferklumpen. Das Rohmaterial, sogenanntes Mondseekupfer, stammt vermutlich aus einem im Salzachtal zu lokalisierenden Vorkommen

Der Anhänger besitzt Parallelen im Schmuckinventar von Brześć Kujawski, Jordansmühl und Baalberge, hat aber keine Vorläufer im Karpatenbecken (Heumüller 2009, 191 ff.).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 5: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Niederbayern. Verteilung der Pfeilspitzen in den 1914 freigelegten Grabenabschnitten (nach Planskizzen von J. Maurer) (Abb. H. Marx).

und gelangte über weitgespannte Tauschnetzwerke nicht nur in das Nordalpengebiet, sondern offensichtlich bis nach Südskandinavien (Matuschik 1998, 239 ff. Abb. 235; Matuschik 2004, 296; Klassen u. a. 2011, 22 f. Abb. 13). Im Jahre 1979 ermöglichten Luftbilder die Ergänzung des Altheimer Grundrisses um das bis dahin unbekannte Nordende (Christlein 1980). Die beiden 1987/88 und 2009 erstellten Magnetbilder

konzentrieren sich räumlich stark auf das Erdwerk selbst, ohne sein weiteres Umfeld in die Erkundungsmaßnahmen einzubeziehen (Becker 1987; Becker 1996; Fassbinder 2009; Fassbinder/ Deller 2010). Dies überrascht, da für manche der Deutungsvorschläge zu Altheimer Erdwerken ihr Verhältnis zu den in unmittelbarer Nähe vorausgesetzten zeitgleichen Siedlungsbereichen von erheblicher Bedeutung ist. Außerdem waren bereits

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Saile, Ein Kampf um Altheim?

Abb. 6: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Niederbayern. Interpretierende Umzeichnung der mutmaßlichen archäologischen Strukturen und Einpassung in ein zweifach überhöhtes Geländemodell. Geobasisdaten: DGM1 der Bayerischen Vermessungsverwaltung (Projektion: Gauß-Krüger-Zone 4) (Abb. M. Posselt).

J. Pollinger zu beiden Seiten des Holzener Tälchens lange schwarze Streifen aufgefallen, und P. Reinecke (1915, 9) sprach in diesem Zusammenhang von den Überresten einer einzigen großen neolithischen Festungsanlage von mehr als 700 m Durchmesser. Deshalb wurde im August 2012 unter Leitung von M. Posselt begonnen, das Umfeld der bekannten Anlage magnetisch zu prospektieren (Abb. 3 und 6). Dabei zeigte sich, dass der äußere Graben des Erdwerkes im Nordwesten – entgegen bisheriger Annahmen – keine Erdbrücken aufweist. Auch waren hier die Verbindungsgräben zwischen äußerem und mittlerem Graben – im Gegensatz zur Situation im Südwesten – nur schwach ausgebildet. Offensichtlich wurde auch ein kurzes Segment des Palisadengräbchens detektiert. Bislang bemerkenswertestes Resultat der Messungen ist eine weitere Grabenanlage, die etwa 60 m entfernt gegenüber dem südöstlichen Zugangsbereich des bekannten Erdwerkes festgestellt werden konnte. Die etwa 40 x 40 m große rechteckige Einhegung weist zwei gegenüberliegende Eingänge auf, die als Erdbrücken ausgebildet sind. Vielleicht wurde die Anlage nie fertig gestellt; zumindest deuten fehlende Ano­ malien im Bereich des zu erwartenden südwestlichen Grabens darauf hin. Beide Grabenwerke,

insbesondere ihre Zugänge, nehmen aufeinander Bezug. Es erscheint daher naheliegend, auch für die jüngst entdeckte Anlage eine altheimzeitliche Datierung zu erwägen. Möglicherweise handelt es sich bei dem rechteckigen Grabenwerk aber um einen hallstattzeitlichen Herrenhof (Berg-Hobohm 2010); das Magnetogramm gestattet in diesem Fall keine eindeutige Entscheidung. Grundsätzlich stellt die Deutung prähistorischer Erdwerke für die Archäologie eine erhebliche interpretatorische Herausforderung dar. Angesichts mehrerer tausend jungsteinzeitlicher Grabenwerke in Europa dürfte eine mit dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit vorgebrachte Deutung kaum überzeugen. Vielmehr erscheint es sinnvoll, zunächst über die Funktion formal ähnlicher Anlagen in ihren jeweiligen raum-zeitlichen Zusammenhängen nachzudenken, auch wenn die Beweggründe der Erbauer letztlich unbekannt bleiben. Der Bau richtete sich seinerzeit an die Mitglieder der eigenen Gemeinschaft. Mentalitätsbarrieren verstellen das unmittelbare Verständnis von Inhalt und Bedeutung der Anlagen: „The past is a foreign country“ (L. P. Hartley). Auch die gegenwärtig strenge Trennung der sakralen von der profanen Sphäre scheint in der Vorgeschichte ihre Gültigkeit zu verlieren;

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sie ist vielmehr Resultat eines langen Rationalisierungsprozesses, der zur „Entzauberung der Welt“ (M. Weber) führte. Aus Form und Struktur von Erdwerken lassen sich ihre einstige Zweckbestimmung, Funktion und Bedeutung also nicht eindeutig ableiten. Denn es gibt keinen kausalgenetischen Zusammenhang zwischen Elementen der materiellen Kultur und der Sphäre der Weltanschauung; zumal die Multifunktionalität der Handlungen, Rollen und Institutionen zu den Grundprinzipien archaischer Gesellschaften gehören. Die Diskussion über die einstige Zweckbestimmung des Altheimer Erdwerkes wird seit seiner Entdeckung kontinuierlich, aber gleichwohl nicht sehr intensiv geführt. Dies mag auch in den inzwischen als unzureichend empfundenen seinerzeitigen Grabungsmethoden und einem allgemein unbefriedigenden Publikationsstand begründet sein. Schon M. Hoernes (1923, 344) hob die „Lichtschwäche und Lückenhaftigkeit“ suggestiver Lebensbilder hervor, die in schöpferischem Akt auf archäologische Quellen gegründet worden seien; phantasiegeleitete Narrative böten „der Skepsis breite Angriffsflächen“. Es verwundert daher nicht, dass oftmals im Rahmen popularisierender Darstellungen auf unsicheren Grundlagen widersprüchliche Deutungsvorschläge unterbreitet wurden. P. Reinecke (1915) sah im Erdwerk von Altheim einen Einzelhof, der zum stummen Zeugnis eines Dramas aus grauer Vorzeit wurde. Um die kleine Befestigung habe vor ihrer Zerstörung ein heftiger Kampf getobt, bei dem mit Pfeil und Bogen geschossen wurde, Schleudersteine zum Einsatz kamen, zumindest Teile der Anlage abbrannten und schließlich selbst Tongefäße auf den anstürmenden Feind geworfen wurden. Damit war ein Bild jungsteinzeitlicher Lebensverhältnisse entworfen, das bis heute nachwirkt (Abb. 7). K. H. Wagner (1940) sah im Erdwerk eine zweiphasige Steinzeitfestung (Abb. 8). Für eine fortifikatorische Bedeutung der Altheimer Erdwerke sprach sich ebenfalls J. Pe­t rasch (1998) aus. Es wurde aber auch über das Konzept einer Herrenburg diskutiert, die im Kampf ihr Ende gefunden habe (Christlein/Braasch 1982). Auch an eine Seuche wurde gedacht: Die Überlebenden hätten nach ihrer Rückkehr den inneren Graben mit Siedlungsschutt und Skelettresten verfüllt und schließlich eine neue Verteidigungsanlage errichtet (Driehaus 1960). Schließlich vermutete man hinsichtlich der Struktur des Ortsplanes Ähnlichkeiten zwischen

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Abb. 7: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Niederbayern. Karikatur von P. Laurent Au Néolithique commença probablement la vraie civilisation aus Heureuse Préhistorie (1965).

der Feuchtbodensiedlung Pestenacker und Altheim (Schönfeld 2001). J. Petrasch (1989) deutete die Altheimer Grabenanlage von Alkofen als befes­ tigten Handelsplatz. I. Matuschik (1991) betonte die sozio-kulturelle Zentralortfunktion der Siedlungen mit Grabenwerk und B. Engelhardt (1996) erkannte in den Altheimer Erdwerken Mittelpunkte von Siedlungsgemeinschaften. Andererseits erwog U. Fischer bereits 1961, ob man vielleicht doch eine rituelle Deutung der Altheimer Graben- und Palisadenanlage nicht außer Acht lassen dürfe, und R. A. Maier (1962) fand den seinerzeit vorzugsweise angenommenen Befestigungscharakter nicht bestätigt; er sah im Altheimer Erdwerk einen Kultbau im weitesten Sinne, eine Kultanlage mit Funeralmomenten. Mehrfach wurde ein Funktionswandel des Erdwerkes erwogen (Hodgson 1988). Auch wenn mit den zur Verfügung stehenden Kategorien die einstige Funktion der Anlage derzeit offenbar nicht überzeugend zu erklären ist und der Befund im Verbreitungsgebiet der Altheimer Kultur bislang singulär blieb, mehren sich die Hinweise

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Saile, Ein Kampf um Altheim?

Abb. 8: Altheim, Markt Essenbach, Ldkr. Landshut, Nieder­ bayern. Wiederherstellungsversuch von Palisade, Wall und innerem Graben durch K. H. Wagner aus dem Jahre 1939 (zeitgenössische Bildunterschrift: „Jungsteinzeitliche Festung in Altheim. Rekonstruktionsversuch der Befestigung der 1. Periode.“) (Bayer­isches Landesamt für Denkmalpflege).

auf einen Platz, der in verschiedenen Sphären des seinerzeitigen Lebens Bedeutung besaß: − Auf eine möglicherweise zeitlich voraufgehende Siedlungsstelle verweisen die zahlreichen Gefäßbruchstücke, der vom Rind dominierte Haustierbestand, der Nachweis einer Grundformproduktion sowie zahlreiche Kratzer, Sicheln und Mahlsteinfragmente. − Gleichzeitig kennzeichnet die Errichtung des Erdwerkes den Platz als eine Stätte besonderer Bedeutung innerhalb des Altheimer Siedlungs­systems, als einen Ort verdichteter Kommunikation. Die Arbeit stellte in jedem Fall eine große Gemeinschaftsleistung dar, die in der geistigen Welt der spätjungneolithischen Gesellschaft ihre Inspira­tion fand. Denkbar erscheint eine enge inhaltliche Bezogenheit zwischen gemeinsamer Arbeit und anschließendem Fest. Möglicherweise spielen auch regelmäßig wiederkehrende Übergangsrituale eine Rolle; auch ist an enge Zusammenhänge zwischen Bestattung und Trauer sowie Wettspiel und Fest zu denken. In dieser Hinsicht auffällig sind nicht mehr im anatomischen Verband überlieferte menschliche Knochengruppen, die besondere Behandlung der Schädel (Trophäen, Ahnenkult?) sowie eine möglich erscheinende intentionale Deponierung vollständiger Gefäße in den Gräben.

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− Spuren perimortaler äußerer Gewalteinwirkung und Brandhorizonte im inneren Graben, vor allem aber die hohe absolute Zahl an Pfeilspitzen sowie ihre deutliche Überrepräsentanz im Silexartefaktbestand können als Hinweise auf einen Ausbruch organisierter Gruppengewalt verstanden werden. Allerdings wird man G. Childe (1941, 127) grundsätzlich beipflichten müssen, wenn er anlässlich allgemeiner Überlegungen zu Konflikten in der Geschichte der Menschheit konstatiert: „There is nothing in a flint arrow-head to tell whether it were [sic!] used for killing men or deer“. Dabei wurde Altheim sicher nicht vorrangig als Befestigung geplant; dagegen spricht schon die unter taktischen Gesichtspunkten ungünstige Lage6. Die Verteilung der Pfeilspitzen erinnert andererseits an einen als „battle of Crickley Hill“ (Whittle u. a. 2011, 909) gedeuteten Befund des 35. Jahrhunderts v. Chr. aus Gloucestershire, bei dem sich die Pfeilbewehrungen im Bereich der Zugänge auffällig konzentrieren. Auch in Cornwall waren offenbar Bogenschützen in einem Konflikt benachbarter Zentren an der Eroberung und Zerstörung einer befestigen Höhensiedlung beteiligt; darauf deuten die bei Ausgrabungen in Carn Brea gefundenen etwa 800 Pfeilspitzen und die festgestellten Brandspuren hin (Mercer 1999, 153 f.). Unter den chaotischen Zuständen akephaler Gesellschaften war der Feind nicht vorrangig ein jenseits ausgedehnter Grenzzonen lebendes Volk, sondern bereits das benachbarte Dorf, die nächste Sippe desselben Stammes (Heider 1997). Angesichts potentieller Langlebigkeit von Grabenstrukturen dürfte auf lange Frist gesehen ein Wandel in der Bedeutungszuordnung des Altheimer Erdwerkes in Betracht zu ziehen sein: Schließlich ist die Lebensdauer von Gräben erheblich, hölzerne Baustrukturen überdauern sie allemal. Aber auch unter zeitlich kürzerer Betrachtungsperspektive dürfte das Erdwerk einer segmentären Gesellschaft des späten Jungneolithikums seine soziale beziehungsweise rituelle Funktion als Versammlungsort verstreut lebender Kleingruppen nur temporär wahrgenommen haben (Strahm 2010, 319). Als Arbeitshypothese kann von einem Siedlungsplatz ausgegangen werden, auf dem ein möglicherweise mehrphasiges Erdwerk errichtet wurde. Der umhegte Raum diente als Platz für Fest, Spiel und

Kritisch zur Wahl optimal zu befestigender Lagen: Meyer 1995, 84.

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Kult in einem weit zu fassenden Sinne. An diesem für die umliegenden Siedlungen zentralen Ort kam es offenbar zu einem bewaffneten Konflikt. Dieses einschneidende Einzelereignis führte nach Überwindung der gesellschaftlichen Krisensituation zum Verlassen und zur Tabuisierung der Anlage. Zur Prüfung dieser Hypothese sind erneute Geländearbeiten erforderlich, die von einer Auswertung älterer Archivbestände begleitet werden müssen. Nur auf diesem Wege lassen sich übergeordnete Fragen

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nach Funktion und Bedeutung des Platzes im Siedlungsnetzwerk des späten Jungneolithikums, aber auch konkrete nach dem zeitlichen Verhältnis der Gräben zueinander und ihren Verfüllungsprozessen einer Beantwortung näherbringen. Ein erheblicher Teil des Erdwerks steht für archäologische Untersuchungen noch zur Verfügung. Bereits U. Fischer bedauerte 1961, dass die noch offenen Möglichkeiten, in Altheim zu graben, seinerzeit nicht genutzt wurden.

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Saile, Ein Kampf um Altheim?

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Thomas Saile Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte, Institut für Geschichte Universität Regensburg, 93040 Regensburg [email protected]

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Gewalt und Aggression in Alt- und Mittelneolithikum. Keulenköpfe und Äxte als Indikator für Krieg, Prestige und Gruppenidentität Eric Biermann

„Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt“ (Mark Twain, 1835–1910)

Zusammenfassung Keulenköpfen wurde in der mitteleuropäischen Forschung über lange Zeit nur wenig Beachtung geschenkt. Im außereuropäischen und ethnografischen Bereich wurden sie hingegen längst als Waffen und Prestigeobjekte erkannt und behandelt. Durch Keulen hervorgerufene Verletzungsmuster und dazu passende medizinische Behandlungsmethoden können auch für die Bandkeramik nachgewiesen werden und könnten darüber hinaus sogar eine sich verändernde Sozialstruktur widerspiegeln. Die mit dem frühen Mittelneolithikum aufkommenden Axtformen, bei gleichzeitigem Fehlen von Keulenköpfen in den entsprechenden Gruppen, lassen sich gleichfalls als identitätsstiftende und eine bewusste Abgrenzung symbolisierende Erscheinung interpretieren. Einerseits werden hier also mit dem einzelnen Artefakt archäologische Relikte gefasst, andererseits wird durch die potentielle Rolle, die diese Artefakte in den prähistorischen Gemeinschaften gespielt haben, auch ein Rückschluss auf daraus resultierende gesellschaftliche Veränderungen möglich. Daneben sind diese Waffen ein Indiz für eine zumindest geänderte Kriegsführung. Weitere Indizien, wie die vermehrte Errichtung von Abgrenzungen, Brandereignisse, Massengräber oder Verletzungen Einzelner durch Pfeilschüsse und Hiebe sind jedenfalls Anzeiger für einen alles andere als gewaltfreien Zeitabschnitt. Ob an der Grenze von Alt- zu Mittelneolithikum die Häufigkeit von Krieg und Gewalt tatsächlich stieg, oder ob sie sich nur archäologisch greifbarer manifestierte, ist letztlich aber noch nicht entscheidbar. Daher ist die Annahme einer allgemeinen Krisensituation m. E. zwar nachvollziehbar, jedoch bislang immer noch unzureichend belegt. Abstract: Violence and Aggression in the Early and Middle Neolithic. Mace Heads and Axes as an Indicator of War, Prestige, and Group Identity For a long time only little attention had been paid to mace heads in Central European archaeology. In extra-European and ethnographic studies they have however been long since recognized as weapons and objects of prestige. Injury patterns caused by maces and matching medical treatments occur in European prehistory since the Linear Pottery (LBK) possibly reflecting a change in social structures. While mace heads are known from LBK contexts, albeit with regional differences, they are absent in the archaeological contexts of specific early Middle Neolithic groups, while at the same time the use of specific axes can be demonstrated, possibly implying that these artifact groups were used as identity-establishing symbols, consciously marking out specific groups. Singular prehistoric artifacts are grasped as archaeological relics, but at the same time inferences concerning social changes can be drawn, due to their potential role within prehistoric communities. In addition, these weapons are an indicator of an at least changed kind of warfare. Other indicators for violent conflicts, such as enclosures, fire incidents, mass graves or individual injuries by arrow

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Biermann, Gewalt und Aggression in Alt- und Mittelneolithikum

shots or bats are certainly anything but indicators for a non-violent period. But if the frequency of war and violence increased during the transition from the Early to the Middle Neolithic, or if it simply manifests archaeologically at that time, cannot be ascertained definitely. Therefore the assumption of a general crisis is comprehendible, yet insufficiently proven.

Einleitung Lange Zeit galt das Neolithikum und dort insbesondere der zeitliche Abschnitt der Linearbandkeramik (im folgenden LBK) als ausgesprochen friedliche Epoche (z. B. Kaufmann 1997, 69–70). Insbesondere die Befunde von Talheim (z. B. Wahl 1984; Wahl/König 1987; Wahl/Strien 2007) und Asparn-Schletz (z. B. Teschler-Nicola u. a. 1996a; Teschler-Nicola u. a. 1996b; Windl 1996) brachten dieses Bild jedoch ins Wanken und führten zu durchaus konträren Überlegungen (z. B. Petrasch 1999; Biermann 2001/2003, 308–353). Bedingt gilt dies auch für den Fundplatz Herxheim (Spatz 1998), dessen Befundbild allerdings unterschiedliche Interpretationen zulässt. Seither herrscht jedoch eine rege Diskussion bezüglich des Gewaltpotentials, insbesondere auch in der ausgehenden LBK und zu Beginn des Mittelneolithikums (z. B. Windl 1999; Wild u. a. 2004; Rollefson 2010, insbes. 64). Aus interkulturellen Vergleichsstudien heraus sind zudem keine Gesellschaften bekannt geworden, die nicht immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren (vgl. Ember 1978, 443 Tab. 5; Keeley 1996, 185 Tab. 2.1). Dies macht es zumindest wahrscheinlich, dass ähnliche Verhältnisse auch für das Neolithikum anzunehmen sind. Im Folgenden sollen daher einige Aspekte näher beleuchtet werden, die als Indizien für eine Krisensituation und gewaltsame Auseinandersetzungen gewertet werden können. Hierbei wird der geographische Fokus insbesondere auf Rheinhessen und das Oberrheingebiet gerichtet sein. Auslöser für Krieg und Gewalt Die bekannten Ursachen für Konflikte zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Gruppen sind ausgesprochen vielfältig. Am häufigsten dürfte ein Mangel an Basisressourcen (z. B. Landnutzungsrechte, Zugang zu Rohstoffquellen etc.), oft in Zusammenhang mit wachsendem demographischem Druck ein Auslöser sein.

Generelle Klimaschwankungen, aber auch lokale Ausfälle von Ressourcen (z. B. Missernten) können den Effekt verstärken („raid or starve-hypothesis“: Adams 2008). Ziel ist die Wegnahme der Ressourcen der unterlegenen Gruppe für den eigenen Gebrauch (z. B. Otterbein 2010, 57). Die Gewinnung von Status und Prestige durch Kampferfolge, u. a. auch Frauen- und Kinderraub, Gefangennahme von gegnerischen Kämpfern, aber auch Kopf- und Trophäenjagd, können zusätzliche Triebfedern der Gewalt darstellen und sogar der Identitäts- und Gruppenbildung dienen (Pavlů/ Květina 2009, 287; ausführlich zum Gesamtkomplex: Biermann 2012, 336–337). Die Fremden? Mit der Hinkelstein-Keramik wird in Südwestdeutschland der erste als mittelneolithisch eingestufte Keramikkomplex erfasst. Die Keramik, zunächst als westliche Ausprägung der Stichbandkeramik gewertet oder als eine Variante der jüngeren LBK gesehen (z. B. Sangmeister 1967, 36), gilt seit langem als eigenständige Erscheinung (z. B. Zápotocká 1983, 131). Die Gesamtanzahl der bekannten Fundplätze ist mit inzwischen vielleicht annähernd 250 und maximal 50 der frühen Phase im Vergleich zur LBK ausgesprochen gering, das Verbreitungsgebiet eher überschaubar. Rheinhessen gehört zum Hauptverbreitungsgebiet des Stils, der wohl auch dort oder im Mainmündungsgebiet entstanden ist und dessen frühe Phase in Württemberg höchstens sporadisch auftaucht (Verbreitung: Meier-Arendt 1975, 14 Abb. 1; Beran 1998; Biermann 2001/2003, Karte 14–17) (Abb. 1). Die linearbandkeramische Besiedlung – streng genommen nur auf Materialebene und nicht zwangsläufig als Bevölkerung – wurde denn auch nur regional schrittweise, eventuell mit gewissen Überschneidungen, durch „Hinkelsteingemeinschaften“ abgelöst. Sowohl die zeitliche Gesamtdauer der zwei bis drei Hinkelstein-Stilphasen, als auch die absolute Datierung des Beginns und des Endes unterliegen allerdings recht kontroversen Betrachtungen

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Abb. 1: Hinkelstein allgemein nach: Biermann 2001/2003, Karte 14 (kleinste Signatur: 1 Fundplatz; größte Signatur: 8 Fundplätze).

mit erheblichen Unterschieden (vgl. z. B. Stöckli 2002, Abb. 99; Gronenborn 2012, Abb. 4). Eine Thematik, welche an dieser Stelle allerdings nur am Rande gestreift werden soll (s. u.), da sie eine Monographie füllen oder ein eigenständiges Tagungsthema abgeben könnte. Als regionales Phänomen kann Hinkelstein jedenfalls nicht für das generelle Ende der LBK verantwortlich gemacht werden, sondern ist als punktueller Hinweis auf einen einsetzenden Wandel zu betrachten. Die Ursache für das Erscheinen des neuen Verzierungsstiles ist wiederum unbekannt, teilweise werden klimatische Veränderungen als Auslöser in Betracht gezogen, wie sie z. T. generell für „die Krise“ geltend gemacht werden (Gronenborn 2012, Abb. 3–4). Quellenkritisch muss man allerdings erneut darauf verweisen, dass es „das Ende“ der Bandkeramik sensu stricto nicht gibt, da im Osten z. B. teilweise recht fließende Übergänge zur Stichbandkeramik bestehen und vor allen Dingen chronologisch regional so große Unterschiede bestehen, dass sich „das Ende“ letztlich über viele Generationen hingezogen hat. Für Hessen führte beispielsweise J. Kneipp (1998, 155; mit Beispielen 156–157) Fundvergesellschaftungen und enge stilistische Gemeinsamkeiten zwischen

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Hinkelstein-Keramik und regionaler jüngerer Bandkeramik an. Für die Wetterau ergibt sich daraus für die Siedlungsentwicklung eine Parallelisierung der Stufen LBK 9–10, vielleicht bereits Stufe 8 (nach Kneipp) mit Hinkelstein I und II. Hinkelstein mag damit zum Anfang vom Ende der LBK gehört haben, hat das Ende aber selbst nicht erlebt. Augenfällig sind jedenfalls einige Unterschiede sowohl in den Fundensembles als auch im Siedlungsbild. Bei den Silices fallen sofort die durchweg querschneidigen Pfeilspitzen, bei den Felsgesteingeräten vor allem die ersten durchlochten Geräte mit schaftparalleler Schneide auf (vgl. z. B. Stöckli 2002, Abb. 64; Tab. 20 [dort als „Lochäxte“]). Letztere mögen durch ursprünglich mesolithische Keulen- und Hauenformen beeinflusst worden sein (Biermann 2011b). Veränderungen in der Rohstoffversorgung könnten ebenfalls dafür sprechen, dass sowohl den Trägern der Hinkelstein-Keramik, als auch den LBK-Gemeinschaften ihre Unterschiedlichkeit bewusst war. Bereits W. Meier-Arendt (1976, 134) bemerkte die Seltenheit von Quarzit in Hinkelstein-Inventaren, obwohl dieser in der LBK des Raumes eine durchaus bedeutende Rolle spielte. Die wenigen bekannten potentiellen HinkelsteinHausgrundrisse (z. B. Hampel 2010) legen eine von der LBK abweichende Wirtschaftsweise nahe, obwohl für die Träger der Hinkelstein-Keramik auch noch langrechteckige Häuser in altneolithischer Tradition angenommen wurden (Biel 1993, 40). Ob hier jedoch spätmesolithische Einflüsse mit einer stärkeren pastoralistischen Komponente und somit insgesamt eher nomadische Strukturen o. ä. Eingang gefunden haben, ist erneut nicht abschließend geklärt. Entsprechend lässt sich auch nur mutmaßen, ob es sich für die Menschen der Bandkeramik bei den „Hinkelsteinern“ um „Fremde“ im Sinne von sich ethnisch und/oder sprachlich von ihnen selbst absetzende Gemeinschaften handelte oder ob die Unterschiede ausschließlich religiöser oder ökonomischer Natur waren. Für uns ist nur das differente Erscheinungsbild im archäologischen Kontext sichtbar. Exkurs Relativchronologie Hier sei noch ein kurzer Exkurs zu relativchronologischen Überlegungen erlaubt. Vor allem die frühe Hinkelstein-Keramik wirkt z. T. recht archaisch und

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Biermann, Gewalt und Aggression in Alt- und Mittelneolithikum

gründet stilistisch teilweise auf Elementen bereits der mittleren westlichen LBK, läuft aber parallel zu deren jüngeren Ausprägungen. Gerade die einfachen parallel geritzten Bandwinkel gehörten zum Standardrepertoire vor allem der mittleren LBK (z. B. Bakdach 1984, 238 Abb. 21,6.15; Frébutte/Marchal 1998, 146 Abb.5 Mitte links; Pollmann 1997, 35 Abb. 9,1). Hinkelstein-Bandwinkel H1m (nach MeierArendt 1975), der aus geritzten Randlinien mit Stich- bzw. Furchenstichfüllungen besteht, findet sich beispielsweise am Niederrhein ab dem Übergang LBK Id/IIa (z. B. Dohrn-Ihmig 1974, 69 Bild 7,4), das Hinkelstein-Furchenstichmuster R2a (nach Meier-Arendt) kommt in der LBK mit Phase IIa als R26 bei Dohrn-Ihmig (1974, 64) vor. Gleichartige chronologische Überlegungen sind bezüglich der Kumpfformen angebracht, da in der frühen Hinkelstein-Keramik vor allem halb- und dreiviertelkugelige Kümpfe typisch sind (MeierArendt 1975, 30–31; Typentaf. B). Selbige kommen z. B. bei Heide (2001, 28 Abb. 5) als LBKFormen 3 und 4 vor (vgl. auch: Dohrn-Ihmig 1974, 60 Bild 1,1.2; Stöckli 2002, Abb. 53–55) und lassen sich bei der gängigen chronologischen Einordnung der Hinkelstein-Keramik nicht aus der LBK herleiten, da sie dort nur bis Stufe IIb vorhanden sind (nach Dohrn-Ihmig; auch LBK-Phase 6 des Kraichgaues nach Heide 2001, 74). Hinkelstein wird in der Regel aber erst mit LBK IIc/d synchronisiert (z. B. Spatz 1996, 514 Abb. 138; Spatz 1999, 256). Eine ungefähre chronologische Einordnung erlauben auch einige nicht gefäßkeramische Artefakt- und Befundgruppen. So sind z. B. Tonarmringe in der späten LBK des Mittel- und Oberrheines vertreten (z. B. bei Lehner 1912, Taf. 34; Dohrn-Ihmig 1979, Taf. 147,8a–b). In Plaidt ist beispielsweise ein Zusammenhang mit LBK-Keramik IIb bis IId anzunehmen (Dohrn-Ihmig 1979, 290; 295) und in Württemberg sind sie ab LBK 8 (nach Strien 2000) vorhanden. Gerillte Tonarmringe der LBK bilden hingegen eine „Verbreitungslücke“ in Rheinhessen. Dort füllen jedoch entsprechende Stücke der Hinkelstein II-Keramik selbige auf und ergänzen sich somit im Kartenbild räumlich gegenseitig (Biermann 2001/2003, Karte 83). Verwiesen sei auch auf die relative Häufigkeit von gestreckten Rückenbestattungen in der südwestlichen LBK. Diese wurde in Hinkelstein durchgängig praktiziert. Hierin mag sich eine weitere Beeinflussung benachbarter Gesellschaften zeigen.

Indizien für gewaltsame Auseinandersetzungen Abgrenzungen, d. h. Grabenwerke, Palisaden und Einfriedungen, sind häufig auch ein Hinweis auf Gewalt und Krieg (z. B. Roscoe 2008). Sie haben einerseits sicherlich die Funktion territorialer Marker, andererseits häufig auch defensive Aufgaben, auch wenn diese uns aus heutiger Sicht als eher mangelhaft erscheinen mögen (LeBlanc 2010, 41; 43; Biermann 2012, 342). Graben- und Palisadenan­ lagen werden im Laufe der LBK signifikant häufiger, die meisten datieren in die jüngere/jüngste Bandkeramik (Biermann 2001/2003, 327–334; Karte 270–271; Meyer/Raetzel-Fabian 2006, 7; Abb. 1; 2; Golitko/Keeley 2007, 337). Entsprechende Anlagen finden sich zudem oft in geographischen Lagen, die man als Grenzsituationen interpretieren könnte (Biermann 2001/2003, 332–333; Golitko­/ Keeley 2007, 339). So deutete denn bereits W. Meier-Arendt (1975, 155) Erdwerke der LBK als Reaktion auf Konflikte mit Hinkelstein-Populationen. Ob die entsprechenden Anlagen chronologisch tatsächlich sämtlich exakt mit dem Erscheinen des Hinkelstein-Stiles zusammenfallen, oder eventuell etwas früher datieren, ist umstritten. Letztlich ist dies aber auch nicht entscheidend, da sie auf jeden Fall einen fassbaren Wandel kurz vor oder während des Beginns des Mittelneolithikums anzeigen, der als Reaktion auf sich verändernde Bedingungen in den Gesellschaften und deren Umfeld gewertet werden muss. Bemerkenswerterweise wurden hingegen entsprechende Anlagen von den – mobileren? – „Hinkelsteinern“ nach jetzigem Kenntnisstand nicht errichtet. Das Vorkommen bzw. die Verteilung von „Hüttenlehm“ als Hinweis auf Brandereignisse liefert ein weiteres Indiz (vgl. z. B. Biermann 2001/2003, 317 Textabb. 34; Biermann 2012, 342). Es deutet sich zumindest an, dass es im Ursprungsraum der Hinkelstein-Keramik seltener gebrannt hat, als in umschließenden bandkeramischen Siedlungsgebieten. Eine quellenkritische Überprüfung und umfangreiche Auswertung des Fundmaterials zur Bestätigung oder Widerlegung dieses „Rings of fire“ wäre allerdings wünschenswert. Einen weiteren Anhaltspunkt könnte auch die Verbreitung von Pfeilspitzen – sowohl nach Anzahl als auch Typ – als auch von Pfeilschaftglättern geben (Biermann 2001/2003, Karte 300–301). Hier fehlen allerdings ebenfalls überblickende quantitative

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Auswertungen. So weist eine große Anzahl Pfeilspitzen als Grabbeigabe eher auf Krieger, eine geringe eher auf Jäger hin. Bei einzelnen Stücken in Gräbern wäre die genaue Lage zu analysieren, um gegebenenfalls zwischen Beigabe und potentieller Todesursache unterscheiden zu können. Bei Weichteilverletzungen, die statistisch etwa 90 % ausmachen, können Pfeilspitzen jedenfalls leicht als Beigabe (fehl)interpretiert werden (Müller-Neuhof 2010, 51–52; Roksandić 2010, 60). Betrachtet man die entsprechenden vorhandenen Nachweise, so sind diese – zumindest in Relation zu Jagdtierknochen mit entsprechenden Läsionen – sogar relativ häufig. Vergleicht man die Anzahl der bekannten Schussverletzungen an Tierknochen mit der bei Menschen nachgewiesenen, so könnte man im Umkehrschluss auch die regelmäßige Jagd mit der Bogenwaffe in Frage stellen. In Kombination mit den oben genannten potentiell gewaltsam ausgelösten Brandereignissen ist beispielsweise die Grube eines abgebrannten LBKHauses in Göttingen-Grone zu nennen, in der eine Bestattung gefunden wurde, in deren Brustkorb sich eine Pfeilspitze befand (Biermann 2001/2003, Kat. Nr. 2318). Bezüglich des Oberrheingebietes sei auf altbekannte Beispiele verwiesen. In HoenheimSouffelweyersheim (Grab 5) steckte eine Pfeil­spitze im Knie der bestatteten männlichen Person, in Quatzenheim (Grab 10) im rechten Hüftknochen eines Opfers (Gallay 1970, 116; 122; Höckmann 1982, 61). Zudem soll zwar der Jagdtieranteil im Laufe der LBK zurückgegangen sein, die Häufigkeit von Pfeilspitzen jedoch nicht (Gronenborn 1999, 162–163). Hierzu passt auch die Beobachtung, dass sich der Beigabenschwerpunkt der Gräber in den jüngeren Zeitabschnitten der LBK von Schmuck zu Waffen und Geräten verlagert (Nieszery 1995, 209). Indirekt nachweisbar könnten, bei entsprechender Auswertung, auch Schutzwaffen wie Schilde und Rüstungen aus organischem Material (Holz, Rinde, Knochen, Leder) werden, die gleichfalls deutliche Belege für kriegerische Auseinandersetzungen sind (Gilbert 2004, Tab. 1.3). Diese sind zwar auf Grund der Erhaltungsbedingungen kaum archäologisch fassbar, können aber signifikant das Verhältnis von Kopf- und Extremitätenverletzungen zu Verletzungen des Torsos verschieben. So zeigen Verwundungen bei Stammeskämpfen in Papua durch die Einführung von Feuerwaffen eine deutliche Veränderung dieser Relation (Mathew 1996, 118–119 Tab. 1–2).

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Nahkampfwaffen und Statussymbole? Während Pfeilspitzen, Dechsel und Beile immer auch eine Interpretation als Werkzeug oder Jagdwaffe zulassen, werden steinerne Keulenköpfe neben Dolchen und Schleudern regelhaft zu den primären Kriegswaffen gezählt (Gilbert 2004, Tab. 1.3; LeBlanc 2010, 42). Die Existenz von spezialisierten Waffen ist ein weiterer Beleg für Kriegsführung (Clare 2010, 19–20; Rollefson 2010, 62; Thorpe 2003, 150). Die Meinung, dass es sich bereits bei der einfachen Holzkeule um die älteste Nahkampfwaffe der Menschheit handelt, ist entsprechend in den Kulturwissenschaften schon länger weit verbreitet (z. B. Buchholz 1980, 319–320; Hirschberg 1988, 249). Die Träger von Keulenwaffen können daher interpretatorisch eher als Krieger, seltener aber auch als Jäger angesehen werden. Scheibenkeulen scheinen auf Grund völkerkundlicher Analogien generell nur als Kriegswaffen, Geröllkeulen auch zur Jagd eingesetzt worden zu sein (zur Differenzierung der Typen vgl. Biermann 2011a; Biermann 2012, 332–336). Ethnien mit Keulenwaffen sind insgesamt häufiger in Konflikte verwickelt als solche ohne. J. Petrasch (2008, 70) verweist zudem auf den Umstand, dass Trepanationen speziell in solchen Gesellschaften vorkamen, bei denen Gewalttätigkeiten nicht nur allgegenwärtig waren, sondern wo diese mit Steinkeulen oder Schleudern ausgetragen wurden, d. h. eher stumpfe Verletzungen verursachten. Diesen konkreten Zusammenhang stellte bereits D. J. Wölfel in einer 1925 erschienenen Arbeit her. Er führte verschiedene Belege für solch „keulenführende“ Ethnien an (Wölfel 1925, 10; 14; 19–23; 32; Wölfel 1936, bes. 1329 mit Abb.; siehe auch Ackerknecht 1947, 33–34). Entsprechende Kopfverletzungen und ihre Behandlung sind folgerichtig auch im archäologischen Material zu erwarten und kommen tatsächlich vor (s. u.). Unbehandelte Kopfverletzungen werden z. T. gleichfalls auf Keulen zurückgeführt (Teschler-Nicola u. a. 1996a; Teschler-Nicola u. a. 1996b; Krause 1998, 93–95; 97–98; Windl 1999; Teschler-Nicola u. a. 2006). So wies z. B. eine LBK-Siedlungsbestattung aus Frankfurt-Praunheim eine mit einer Zipfelschale abgedeckte Schädelverletzung auf (Happ 1991, 252 Nr. 139). Trepanationen wurden nach verschiedenen Studien in 70–95 % der Fälle bei Männern durchgeführt, wobei 60–70 % der Operationen die linke Schädelseite

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Abb. 2: Kartierung von Scheibenkeulentypen der LBK (kleinste Signatur: 1 Fund, größte Signatur: 5 Funde; Kartengrundlage: http://www.mygeo.info/landkarten/deutschland/Deutschland_ Topographie_2007.jpg).

Abb. 3: Kartierung von als linearbandkeramisch eingestuften Scheibenkeule/Geröllkeule-Übergangsfeld- und Geröllkeulenkopf-Typen (dunkel: Scheibenkeule/Geröllkeule; hell: Geröllkeule; Kartengrundlage: http://www.mygeo.info/landkarten/ deutschland/Deutschland_Topographie_2007.jpg).

betrafen. Mit der gleichen Häufigkeit finden sich durch kriegerische Auseinandersetzungen beigebrachte Schädeltraumen auf der linken Kopfseite (Petrasch 2008, 71). Dies spricht einerseits bei überwiegender Rechtshändigkeit für Treffer durch Schlagwaffen, zeigt aber auch, dass hier wohl hauptsächlich von Angesicht zu Angesicht gekämpft wurde. Solche „face to face“Gefechte treten wiederum verstärkt bei in Auseinandersetzungen involvierten Häuptlingstümern auf und sind ein Indiz für eine entsprechende Gesellschaftsstruktur. Der Krieger gewinnt dabei durch solche direkten Duelle an Status. Typisch sind zudem Angriffe auf Ansiedlungen sowie deren Brandschatzung und Plünderung, Massaker unter den Bewohnern, bzw. auch deren Gefangenahme oder Opferung. In der Verteidigung werden Siedlungen häufiger befestigt und es können Rückzugsorte für Krisenzeiten errichtet werden (Gilbert 2004, 10). In der LBK waren sowohl Geröll- als auch Scheibenkeulen bekannt (Abb. 2 u. 3), die Masse der datierbaren Funde fällt chronologisch in deren jüngere Phasen. Metrisch als Geröllkeulen anzusprechende Funde haben dabei einen nördlicheren Verbreitungsschwerpunkt, einige Funde fallen in einen statistischen Zwischenbereich und werden einem „Übergangsfeld“ zugeordnet (Abb. 3). Insgesamt kommen die Artefakte, z. B. im Vergleich zu Dechseln, jedoch nicht sehr häufig vor. Die Funde stammen hauptsächlich aus Siedlungszusammenhängen,

als Beigaben in Gräbern sind sie ausgesprochen selten (s. u.). Die bandkeramischen Keulen-Typen waren dabei z. T., ähnlich wie Dechsel, auch über das eigentliche Siedlungsgebiet hinaus verbreitet (Abb. 2). Augenfällig ist auch die Verbreitungslücke im Entstehungsraum der Hinkelstein-Keramik. In diesem mittelneolithischen Stil kommen Keulen, wie auch in Zusammenhang mit der nachfolgenden Großgartacher Keramik, grundsätzlich nicht vor (s. u.). Bestattungszusammenhänge In diesem Kontext ist es von Bedeutung, die in der späten LBK schwerpunktmäßig nur im Oberrheingebiet vorkommende Sitte, Keulenköpfe als Beigabe in Gräbern mitzugeben, näher zu betrachten (vgl. z. B. nach Farruggia 1992, Taf. 15,5 rechts; Jeunesse 1996, Fig. 5; Lindig 2002, Taf. 29 A4; 31,3; Jeunesse 2005, Tab. 5). Nur aus Bayern liegen noch zwei weitere Bestattungen mit Keulen vor (Abb. 4). Denn es ist auffällig, dass aus den gleichen Gräberfeldern die meisten der nur wenigen bekannten Schädeltrepanationsnachweise der LBK stammen (Rieth/Ulrich 1942; Alt/Jeunesse 2006). Auf den Umstand, dass die elsässischen Keulenfunde, z. B. im Vergleich zu etwa gleichzeitigen mitteldeutschen Funden, typologisch teils wesentlich älter erscheinen

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und die technische Umsetzung, z. B. bei den Durchlochungen, oft eher krude wirkt, sei nur am Rande verwiesen. Hier bietet sich die Interpretation an, in dem Aufkommen der Keulenbeigaben eine der Reaktionen auf die sich von Rheinhessen her über das Neckarland hinweg durchsetzende „Einkreisung“ durch das frühe Mittelneolithikum zu sehen. Im Elsass hingegen setzten sich mittelneolithische Töpferstile erst ab dem mittleren Großgartach durch, bis dahin verlief die dortige LBK Phase V zeitlich parallel (vgl. z. B. Denaire 2012, Abb. 3; Verbreitung frühes Großgartach [GG I]: Biermann 2001/2003, Karte 28). Dort überlebte die „keulentragende LBK“ sogar entsprechend den Hinkelstein-Verzierungsstil. Falls es sich bei den Keulenköpfen tatsächlich um eine „Männerbeigabe“ handelt, wäre dies ein weiteres Argument für eine Waffenfunktion der Artefakte, da im interkulturellen Vergleich Frauen an Kriegshandlungen nur äußerst selten planmäßig teilnehmen, der Krieg wird quasi durch Männer monopolisiert (Maschner/ReedyMaschner 1998, 23; Adams 2008, 20). Falls hier tatsächlich Krieger gefasst werden, spricht dies auch für eine zunehmende soziale Stratifizierung, bei der der Besitz bestimmter Artefaktformen auf einen bestimmten Personenkreis mit entsprechendem Status eingeschränkt wird (bereits Binford 1962, 222). Hier stellt sich die Frage, ob eine entsprechende „Gegenreaktion“ auch im mittelneolithischen Beigabenspektrum der Gräber feststellbar ist, da Keulen hier fehlen. Dabei fallen die ersten mit der Hinkelstein-Keramik aufkommenden Äxte mit spitzdrei­ eckiger/gerundet bügeleisenförmiger Aufsicht auf (vgl. Stöckli 2002, Abb. 61–64). Der Trend setzt sich bei steigenden Inventaranteilen mit Großgartach weiter fort (z. B. Stöckli 2002, Abb. 76–77; Lönne 2003, Taf. 27,20). Auf die Diskussion zur möglichen Herkunft und Entstehung der Artefaktform ist bereits an anderer Stelle ausführlich eingegangen worden (Biermann 2011b). Es bietet sich an, hierin, ähnlich wie im Verzierungsspektrum der Keramik, eine bewusste Darstellung von Gruppenidentität zur Abgrenzung

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Abb. 4: LBK-Bestattungen mit Keulenbeigabe (kleiner Kreis: 1 Fund, größter Kreis: 3 Funde; Kartengrundlage: http://www. mygeo.info/landkarten/deutschland/Deutschland_Topographie_2007.jpg).

gegenüber Außenstehenden zu sehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Umstand, dass im Elsass in letzter Zeit drei Großgartacher Bestattungen entdeckt wurden, die entgegen der sonst üblichen Ausstattung steinerne Keulenköpfe enthielten (freundl. Mitt. A. Denaire, Straßburg). Dies passt auch zu dem bereits seit längerem bekannten Befund des Grabes 44 der Großgartacher Nekropole Lingolsheim. Der Schädel der reich mit Beigaben versehenen Bestattung weist Trepanationen auf, die Grabgrube war tiefer als die der übrigen Gräber. Die Person hatte eine verheilte und eine zweite, nicht verheilte Trepanationsöffnung. Ein im Schädel liegender Feuersteinkratzer könnte das Operationswerkzeug der zweiten, wohl nicht erfolgreichen Operation, gewesen sein (Mauser-Goller 1969, 40; Gallay 1970, 38; Lichardus-Itten 1980, 22). Es dürfte sich hier, neben dem potentiellen „Kriegerstatus“, eine regionale Tradierung abzeichnen, die zudem auf eine Bevölkerungskontinuität auch nach der Übernahme des Großgartacher Verzierungsstiles hinweist.

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Talheim – Ein Gewaltverbrechen am Ende der Bandkeramik Hans-Christoph Strien, Joachim Wahl und Christina Jacob

Zusammenfassung In Talheim wurden 34 Personen aller Altersklassen bei einem Überraschungsangriff ohne erkennbaren Widerstand erschlagen und anschließend verscharrt. Die mit den Skeletten gefundene Keramik datiert das Massaker ganz an das Ende der Bandkeramik (LBK) im Heilbronner Raum. Die Untersuchung epigenetischer Merkmale sowie der Alters- und Geschlechtsstruktur lassen darauf schließen, dass die Toten wahrscheinlich eine komplette Lebensgemeinschaft repräsentieren. Um diesem Sachverhalt nachzugehen, sind aDNA-Analysen in Arbeit. Die Angreifer haben, der spurentechnischen Untersuchung zufolge, eindeutig bandkeramische Waffen verwendet, so dass es sich um einen innerbandkeramischen Konflikt handelte, nicht um den Expansionsversuch bereits in wenigen Kilometern Entfernung siedelnder Angehöriger der Hinkelstein-Kultur. Vielmehr stammte mindestens einer der Täter aus einer linienbandkeramischen Siedlung rund 15 Kilometer südlich von Talheim. Abstract: Talheim – A Violent Crime at the End of the Linear Pottery Culture At Talheim 34 individuals of all age classes had been killed in a surprise attack and buried in a pit. Traces of an opposition are missing among the skeletal remains. Decorated sherds date the massacre to the very end of the Linear Pottery Culture (LBK). Analysis of epigenetic marks and the structure of generations and sex suggest that the dead represent a complete living population. Future results of aDNA-analysis will possibly give further details. Analysis of the injuries showed that only weapons of LBK origin were used. This points to an internal conflict rather than a conflict resulting from an expansion of Hinkelstein Culture people settling only few kilometres away. At least one of the offenders came from a LBK settlement about 15 kilometers south of Talheim. Einführung Auf einer Tagung zum Thema „Gewalt“ darf der Fund von Talheim nicht fehlen – da waren sich die Referenten und Organisatoren einig. Der Beitrag gliedert sich in drei Teile: Nach einigen Eckdaten zur Fundstelle und zur Heilbronner Wanderausstellung stehen die Hiebverletzungen im Mittelpunkt. Im dritten Teil wird die Frage nach der Datierung und den Tätern gestellt. Bereits 1986/87 wurde eine kleine Präsentation zu ersten Ergebnissen in Talheim und Heilbronn

gezeigt. Eine Wanderausstellung (Abb. 1) erarbeitete 2007 das Team J. Wahl (Ausgräber und Anthropologe), H.-C. Strien (Archäologe/Bandkeramik), C. Jacob (Archäologin/Kuratorin) und A. Golowin (Grafikerin). Diese Ausstellung wurde auch in Mettmann/Neanderthalmuseum, Konstanz/Archäologisches Landesmuseum sowie in Hanau, Dieburg, Kalkriese und in Kurzform in Herxheim gezeigt. Ein besonderes „Bonbon“ war die Einladung zu Vorträgen im Deutschen Generalkonsulat in Shanghai. Bei der Fundstelle auf dem Gelände des Aussiedlerhofes von Erhard Schoch zeigt darüberhinaus

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Strien/Wahl/Jacob, Talheim

eine Informationstafel die Lage der Knochen in der Grube und die Interpretation dieses nach wie vor weltweit einzigartigen Komplexes aus dem Ende der Bandkeramischen Kultur. Aus der 2,9 x 1,5 m großen Grube sind 1983 und 1984 vom Landesamt für Denkmalpflege Überreste von mindestens 34 Individuen geborgen worden (Wahl/König 1987). Diese sind nach dem Geschlecht und dem Alter bestimmt. Neben verschiedenen Krankheitsbildern entdeckte J. Wahl auch Hiebverletzungen an einigen Schädeln. Für die Ausstellung entwarf H.-C. Strien zusammen mit J. Wahl einen Stammbaum auf der Basis der epigenetischen Merkmale (Abb. 2). Derzeit laufende aDNA-Analysen werden die Resultate bezüglich der Generationen, der Geschlechter- und Altersverteilung kaum verändern können. Mit Spannung wird dennoch erwartet, inwieweit die fiktiven Familienmodelle Bestand haben werden. Leitfigur der Heilbronner Wanderausstellung war eine etwa 20-jährige Frau (Nr. 84/4; Abb. 3 Mitte). Ihre Knochen sind in ihrer Lage in der Grube deutlich zu rekonstruieren und erzählen von Mangelerscheinungen und Krankheiten. Ihre Hüftgelenksluxation ist durch eine deutliche Verkürzung des rechten Beines ein augenfälliges Merkmal, auch bei der Rekonstruktion als vollplastische Figur durch W. Schnaubelt und N. Kieser (Wild Life Art Atelier, Breitenau). Die übrigen Personen wurden ebenfalls als Silhouetten gestaltet, entsprechend der ermittelten Größe und des Geschlechts – frei bei Frisur und Kleidung (Abb. 3). Die detaillierten Beobachtungen der Verletzungen wurden grafisch und filmisch in Tathergänge umgesetzt. C. Jacob

Ein größerer Teil der Verletzungen geht auf die Einwirkung von Flachhacken zurück, die üblicherweise auf einem Knieholm quer geschäftet verwendet wurden. Aufgrund ihres charakteristischen Profils, der Schneidenkrümmung und des keilförmigen Längsschnitts lässt sich bei genauer Analyse der Defektränder in den meisten Fällen die Richtung erschließen, aus der der jeweilige Hieb den Schädel traf. Demnach erfolgte die Mehrzahl der Angriffe von hinten rechts. Vereinzelt wurden jedoch auch die Stirnregion und die linke Kopfseite getroffen. Dass, wie vermutet wurde (Spatz 1998, 11; Biermann 2012, 62), einzelne dieser Läsionen auch auf Scheibenkeulen mit scharfem Rand zurückgehen könnten, kann aufgrund des Spurenbildes am Knochen definitiv ausgeschlossen werden, da deren Schneidekanten nur in einer Ebene gekrümmt sind. Wie die Flachhacken hinterlassen auch die gleichartig geschäfteten sogenannten Schuhleistenkeile typische Spuren am Knochen, eine (stärker) geschwungene, scharf geschnittene Kante und am gegenüber liegenden Rand der Verletzung Biegungsfrakturen, die

Die Verletzungen – Ursachen und Deutung An den Skelettresten aus dem Talheimer Massengrab fanden sich zahlreiche Defekte, die als unverheilte Spuren von Gewalt gedeutet werden können – die überwiegende Mehrzahl an den Schädeln und nur wenige im Bereich des Postkraniums. Die Läsionen wurden im Detail beschrieben und konnten verschiedenen Traumatisierungsarten sowie – unter Berücksichtigung des zeittypischen Geräteinventars – verschiedenen Tatwerkzeugen zugeordnet werden (Wahl/König 1987, 127–171): Steinbeilen, Pfeilspitzen sowie Gegenständen mit stumpfer Einwirkungsfläche.

Abb. 1: Plakatmotiv der Wanderausstellung „Tatort Talheim – 7000 Jahre später // Archäologen und Gerichtsmediziner ermitteln“ (nach Wahl/Strien 2009).

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 2: Die Talheimer Familien. Durch Verwandtschaftsanalyse sowie aufgrund von Alter, Geschlecht und Lage in der Grube der jeweiligen Familie zugewiesen (nach Wahl/Strien 2009, 49 Abb. 51).

auf stumpfe Gewalt hindeuten (König/Wahl 2006). Diesem Werkzeugtyp können im vorliegenden Befund zwar nur weniger als eine Handvoll Traumata zugeordnet werden, gleichwohl lässt sich wiederum eine bevorzugte Einwirkungsrichtung von hinten erkennen. Mit

einem Schuhleistenkeil in Verbindung zu bringen ist auch eine bereits seit längerem verheilte Verletzung am linken Scheitelbein eines älteren Mannes. Das beweist, dass diese Gerätschaften des Öfteren bei tätlichen Auseinandersetzungen verwendet wurden.

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Strien/Wahl/Jacob, Talheim

Abb. 3: Die vier rekonstruierten Familien aus Talheim (nach Wahl/Strien 2009, 56–57, Grafik vereinfacht).

Außer den Spuren halbscharfer Gewalt sind an zwei Schädeln Defekte zu erkennen, die als Pfeilschussverletzungen anzusprechen sind, einmal im linken Os temporale und einmal im Os occipitale. In beiden Fällen wurden die Opfer ebenfalls von hinten attackiert – bei den Pfeilbewehrungen handelte es sich eindeutig um Pfeilspitzen, nicht um Querschneider. Die vierte Gruppe von Verletzungen am Schädel stellen diejenigen Läsionen dar, die auf stumpfe Gewalt (Knüppel, Keulen o. ä.), teilweise aber auch verkantet auftreffende Steinbeile, zurückzuführen sind. Erneut finden sich die meisten davon auf der hinteren, rechten Schädelseite, so dass die meisten Talheimer offenbar von rechtshändigen Angreifern von hinten erschlagen wurden. Bemerkenswert ist zudem, dass einige Individuen mehrfach traumatisiert sind. Es konnten bis zu fünf Verletzungen an einem Schädel, nicht selten auch verschiedene Tatwerkzeuge, festgestellt werden. Während an immerhin 20 Schädeln entsprechende Defekte gefunden wurden, sind Verletzungen am postkranialen Skelett auffallend rar. Neben einem oberen Brustwirbelbogen, der einen weiteren Pfeilschuss von hinten dokumentiert (auch hier mit einer Pfeilspitze), sind lediglich eine Becken- und eine Schienbeinfraktur infolge stumpfer Gewalt festzustellen. Mithin nur drei eindeutig beurteilbare Traumata bei insgesamt 34 Individuen. Dazu kommen drei fraglich perimortal entstandene Frakturen, von

denen zwei bezüglich ihrer Lokalisation (Ober- und Unterarm) eventuell als Abwehrverletzungen gedeutet werden könnten. D. h. in der Summe liegen maximal sechs Läsionen am Postkranium vor. Das Szenario von Talheim lässt sich unterschiedlich deuten (z. B. auch Narr 1993), doch müssen bei allen Deutungen die aus dem Spurenbild an den Skelettresten sowie dem archäologischen Befund erkennbaren Indizien und Aspekte zusammenpassen. Die wichtigsten davon sind (vgl. Wahl/Trautmann 2012): – Die Verwendung von Pfeil und Bogen belegt ein Geschehen bei ausreichenden Sichtverhältnissen. – Unter Berücksichtigung der an den Schädeldefekten messbaren Schneidenkrümmungen können mindestens ebenso viele Angreifer angenommen werden, wie sich Männer unter den Opfern befinden. – Das weitgehende Fehlen von Abwehrverletzungen spricht gegen eine Auseinandersetzung „Mann gegen Mann“. – Die Opfer wurden mehrheitlich von hinten attackiert, am Boden liegend oder beim Versuch, zu fliehen. – Das Fehlen von Verbissspuren an den Knochen bedeutet, dass die Toten spätestens binnen 24–48 Stunden vergraben wurden. – Aufgrund der Lage der Leichname war bei deren Entsorgung die Totenstarre noch nicht eingetreten (oder hatte sich schon wieder gelöst). J. Wahl

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

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Abb. 4: Die Lage der Fundstelle innerhalb der LBK des Neckarlandes. Umrandet sind die Grenzen der Siedlungskammer Zabergäu.

Die Siedlung und ihr Umfeld Die Siedlung von Talheim ist der östlichste Fundpunkt der bandkeramischen Siedlungskammer Zabergäu, die ihrerseits Teil der großen Regionalgruppe Unterland/Kraichgau mit insgesamt 430 bekannten Siedlungen ist (Abb. 4). Die nächstgelegenen Siedlungen der benachbarten Regionalgruppe Mittlerer Neckar finden sich etwa 14 km südlich. Die Siedlung zieht sich auf 300 m Länge von Nordost nach Südwest hin, bei 150 m Breite. Sie hatte also eine Fläche von etwa vier Hektar. Das Massengrab lag am südwestlichen Ende des besiedelten Areals. Die Lage auf einem flachen Geländesporn oberhalb eines kleinen Baches entspricht ganz dem Üblichen. Die Anbauflächen werden am ehesten in

dem relativ flachen Gelände nördlich der Siedlung gelegen haben. Außer dem Material aus dem Grab liegen einige Lesefunde wohl aus dem Bereich des heutigen Kreisverkehrs am Ortsrand, etwa 150 m östlich des Grabes, und wenige kleine Scherben aus einer Baugrube etwa 300 m nordöstlich am anderen Ende der Siedlung vor. Sämtliche Stücke sind in die Ziergruppen c und d einzuordnen (zu Definition und chronologischer Interpretation: Strien 2013); die Siedlung ist also – falls die wenigen Funde das gesamte einst vorhandene Material repräsentieren – erst im Laufe der jüngeren Bandkeramik angelegt worden. Damit datiert ihre Gründung in die letzte Ausbauphase der Siedlungskammer ab 5150 v. Chr. (Strien 2013, Abb. 7). Sie wurde folglich erst einige Jahrzehnte vor dem Massaker gegründet.

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Strien/Wahl/Jacob, Talheim

Über die Anzahl der Häuser und ihrer Bewohner zum Zeitpunkt des Massakers kann nur spekuliert werden. Bei der gegebenen Fläche liegt die maximal mögliche Zahl der gleichzeitigen Häuser bei etwa 20 (bei 2000 m2 Größe der Hofplätze wie in Ulm-Eggingen: Kind 1989, 148). Jedoch dürfte die tatsächliche Anzahl gleichzeitiger Häuser deutlich geringer gewesen sein, denn wegen der späten Gründung und der peripheren Lage wird es sich kaum um eine solche Großsiedlung gehandelt haben. Die 34 Toten können daher sowohl die einzigen Bewohner gewesen sein als auch Teil einer größeren Bevölkerung. Lediglich im Westen und Süden gibt es direkte Nachbarsiedlungen. Nur 300–400 m westnordwestlich liegt eine Fundstelle, von der wenig mehr als die Lage bekannt ist. Die beiden anderen liegen jeweils etwa 1,5 km entfernt im Südwesten bzw. Süden. Nach Norden ist die nächste bekannte Siedlung 3 km, nach Osten über 4 km entfernt; sie gehören bereits zu anderen Siedlungskammern. Datierung des Grabes Die relativ zahlreichen Scherben verzierter Gefäße erlauben eine recht präzise Datierung. In der Seriation der württembergischen Bandkeramik wird das Material an den Beginn von Stilphase 8A datiert, als einer der jüngsten Befunde im Raum Heilbronn. Grabbeigaben im eigentlichen Sinne waren die Funde zwar eher nicht, denn es fanden sich auch eindeutige Abfälle wie Mahlsteinfragmente. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass man wegen der gebotenen Eile beim Ausheben der Grube der Einfachheit halber eine offenstehende, bereits teilweise verfüllte normale Siedlungsgrube erweitert und vertieft hat. Beim Zuschütten geriet das Inventar, möglicherweise zusammen mit etwas an der Oberfläche liegendem Müll, dann wieder in das Grab hinein. Die Keramik würde demnach einen terminus post quem liefern, wobei der zeitliche Abstand nur gering sein kann, da wir uns wie gesagt ohnehin ganz am regionalen Ende der LBK befinden. Das absolute Datum müsste demnach im Bereich 5080–5070 v. Chr. liegen (Abb. 5). Eine Präzisierung der absoluten Datierung könnte anhand weiterer naturwissenschaftlicher Daten möglich sein. Bei den Sr-Isotopenanalysen war nämlich aufgefallen, dass die drei Individuen mit deutlich abweichenden Werten sämtlich eine ähnliche Spanne der Altersbestimmungen aufweisen (Bentley u. a. 2008, 296). Möglicherweise sind diese auffälligen Sr-Signaturen

Abb. 5: Chronologische Position des Massengrabes.

also etwa gleichzeitig entstanden, und zwar ca. 25–30 Jahre vor dem Massaker. Nun deuten Isotopenuntersuchungen an den Brunnenhölzern aus Kückhoven auf zwei aufeinander folgende extreme Dürrejahre 5106 und 5105 v. Chr. (Helle/Heinrich 2012), also indirekt auf Missernten und eine folgende Hungersnot. Da die „fremden“ Isotopenwerte lediglich aussagen, dass zur Zeit der Zahnbildung Nahrung aus nichtLöss-Arealen aufgenommen wurde, die durchaus im Umfeld der Siedlung gelegen haben können, könnten sie abweichend von der Interpretation bei Bentley u. a. (2008) eine Folge der Aufnahme von Notnahrung aus den Wäldern als Reaktion auf die Hungersnot sein. Ließe sich diese Vermutung anhand von Mangelerscheinungen bei der Zahnbildung bestätigen, würde dies – zusammen mit den Altersbestimmungen der Skelette – die absolute Datierungsspanne für das Massaker eingrenzen. Jedoch sind zur Klärung dieser Frage weitere Detailuntersuchungen an den betreffenden Individuen erforderlich. Einen Hinweis auf eine allgemeine Krisensituation in den vorangegangenen Jahrzehnten, der gut zum archäologischen Fundbild passt (vgl. Strien 2013), liefert die Altersstruktur der Bevölkerung. Bei allen Vorbehalten wegen der für belastbare Aussagen zu geringen Populationsgröße ist doch zu bemerken, dass im Vergleich mit der anhand einer Sterbetafel errechneten Altersstruktur für eine stabile bandkeramische Population (Strien 2010, Abb. 3) die Zahl der über 40-jährigen deutlich erhöht, die der unter 20-jährigen zu niedrig ist. Sehr gut vergleichbar ist die rechnerische Altersstruktur einer langfristig um 1,2 % p. a. schrumpfenden Population (Abb. 6).

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Abb. 6: Vergleich der Altersstruktur der Talheimer Population mit der rechnerisch ermittelten Altersstruktur einer stabilen sowie einer um 1,2 % p. a. schrumpfenden bandkeramischen Population.

Eine der Frauen der betroffenen Familien scheint ursprünglich aus dem Raum Stuttgart (Regionalgruppe Mittlerer Neckar) gekommen zu sein. Jedenfalls tragen zwei Scherben aus der Grube Randverzierungen, die im Raum Heilbronn ausgesprochen unüblich, weiter südlich aber geläufig waren (R163, R161: Wahl/König 1987, Abb. 1,3.6). Auch die für Heilbronner Verhältnisse häufigen Belege von B15 (Wahl/König 1987, Abb. 1,1.8; 2,5.9) deuten in diese Richtung. Allerdings muss diese eingeheiratete Frau nicht unter den Opfern sein. Da die fraglichen Gefäße schon einige Jahre vor dem Mord hergestellt worden sein können, könnte ihre Herstellerin bereits verstorben gewesen sein. Motiv und Täter Hinweise zu den Tätern können die verwendeten Dechsel liefern. Einige der Schädelverletzungen erlaubten die Ermittlung von Breite und Dicke der Dechselklinge (Wahl/König 1987). Dabei fällt auf, dass es sich immer um sehr große Stücke handelt, überwiegend Flachhacken mit einer Breite von 50–60 mm und einer Dicke von 15–25 mm. Daran wird deutlich, dass es sich nicht um eine Zufallsoder Gelegenheitstat handelt, sondern um einen geplanten Mord, denn man hat die Waffen bewusst ausgewählt. Dafür spricht auch der überwiegende Gebrauch der Flachhacken. Wegen ihrer geringeren Dicke dringen sie leichter in den getroffenen Körper ein als Schuhleistenkeile gleichen Gewichtes. Die Flachhacken der verwendeten Form sind weit verbreitet und liefern deshalb keine näheren Hinweise auf die Täter.

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Bei einer der Verletzungen durch einen Schuh­ leistenkeil (Individuum 83/22C1) konnte der Querschnitt annähernd ermittelt werden. Da der Schlag das Opfer nicht genau senkrecht getroffen hat, können die Maße nicht näher bestimmt werden als „Breite bis zu 35 mm, Dicke über 20 mm“. Dies reicht jedoch aus, um die Täterschaft einzugrenzen: Die zeitliche Nähe des Geschehens zum regionalen Ende der LBK legt auf den ersten Blick einen direkten Zusammenhang nahe. Die detaillierte Kartierung des Ablaufs der Ablösung der LBK durch Hinkelstein zeigt, dass zum Zeitpunkt der Tat die nächstgelegenen Siedlungen der Hinkelstein-Kultur möglicherweise nur etwa 3 km von Talheim entfernt waren (Strien 2013, Abb. 8–9). Damit kommt eine gewaltsame Ausbreitung von Hinkelstein als Auslöser in Frage. Das kann jedoch wegen der verwendeten Waffen ausgeschlossen werden. Zum einen sind in Hinkelstein-Kontext bisher nur Querschneider belegt, die nachweisbaren Schussverletzungen wurden jedoch durch echte Pfeilspitzen verursacht (s. o.). Zum anderen fällt der Querschnitt des rekonstruierbaren Schuhleistenkeils völlig aus dem in Hinkelstein Üblichen heraus (Abb. 7). Die Ursachen müssen folglich in einem internen Konflikt zwischen bandkeramischen Gruppen gesucht werden. An materiellen Beweggründen, die eine derartige Tat auslösen könnten, kommen eigentlich nur Ackerland und/oder Nutzungsrechte an anderem Land in Frage. Da jedoch der gesamte östliche Teil der Siedlungskammer Zabergäu um die Zeit der Tat herum weitgehend aufgegeben wurde, wurden ohnehin größere Flächen frei, das Risiko eines kriegerischen Konfliktes war also unnötig. Im Falle einer Hungersnot hätten zwar auch die Wintervorräte das Ziel sein können, doch würde man in einer derartigen Krisensituation erwarten, dass die Einwohner von Talheim Wachen aufgestellt hätten, um einen Raubversuch zu vereiteln. Dann wäre das Überraschungsmoment weggefallen. Andere Motive sind sehr viel schwerer einzugrenzen. Es kommen unterschiedliche Gruppenzugehörigkeiten in Frage, etwa ein ethnischer Konflikt. Allerdings spricht gegen einen „normalen“ kriegerischen Konflikt die exzessive Brutalität. Wahrscheinlicher sind daher emotionale Motive aus dem familiären Bereich – z. B. Blutrache oder alte Spannungen, die sich im Laufe von Jahren oder gar Jahrzehnten aufgeschaukelt hatten. Dafür spricht auch das auffällige Zusammentreffen von Hinweisen auf eine Frau vom Mittleren Neckar im Dorf und mindestens einen Mann aus dieser Region unter den Tätern

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Strien/Wahl/Jacob, Talheim

Abb. 7: Breite und Höhe der rekonstruierbaren Dechsel im Vergleich mit den Grabbeigaben von Trebur (nach Spatz 1999).

Abb. 8: Breite und Höhe der rekonstruierbaren Dechsel im Vergleich mit den Dechseln der Regionen Unterland/Kraichgau und Mittlerer Neckar.

– der rekonstruierbare Schuhleistenkeil kann wegen seines Querschnittes nur von dort, nicht aber aus der Region Unterland/Kraichgau stammen (Abb. 8). In Frage kommen zwei Gruppen: 1) Andere Familien aus Talheim bzw. benachbarten Siedlungen. Die Bewohner des östlichen Teils der Siedlung oder der unmittelbar benachbarten Siedlungen erfüllen am ehesten die Kriterien der Ortskenntnis und der Möglichkeit, unbemerkt in die Siedlung zu kommen; ein Motiv ist auch nicht das Problem. Der Mann aus Stuttgart müsste in diesem Falle ebenso eingeheiratet haben wie die Frau. 2) Angehörige einer verfeindeten Familie. Diese Gruppe könnte aus ganz verschiedenen, z. T. weiter entfernten Siedlungen gekommen sein. Damit wäre die Beteiligung des Stuttgarter Mannes gut zu erklären, er könnte ein naher Verwandter der eingeheirateten Frau gewesen sein. In diesem Falle könnte ein Vergehen gegen sie – Tod, Misshandlung, Verstoßung o. ä. – sogar die Tat ausgelöst haben. Einzelne Täter können dabei durchaus aus Talheim selbst oder einer ganz nahe gelegenen Siedlung gekommen sein, so dass gute Ortskenntnisse vorhanden gewesen wären. Insgesamt erscheint die letzte Erklärung am plausibelsten, ohne dass letzte Sicherheit zu gewinnen ist. Damit bleiben auch zwei weitere Fragen offen: Wurden alle Bewohner der Siedlung getötet, und wer hat die Leichen bestattet? Da das Massengrab ganz am Ende der sich über 300 m hinziehenden Siedlungsfläche liegt und man sich kaum die Mühe gemacht hätte, die Leichen durch die ganze Siedlung zu schleppen, um sie gemeinsam zu bestatten, gibt es drei Möglichkeiten: 1) Die Siedlung war größer und die Bewohner der weiter nordöstlich gelegenen Häuser waren an der

Bluttat beteiligt. In diesem Fall hätten die verbliebenen Bewohner die Leichen schon aus hygienischen Gründen beseitigt, und zwar rasch. 2) Die Siedlung bestand nur noch aus den vier Haushalten im Südwesten und der Rest der Fläche war bereits wüst gefallen. 3) Die Siedlung war größer und alle Bewohner wurden getötet. Dann dürfte es noch weitere unentdeckte Massengräber geben, in denen jeweils die Toten aus den nächstgelegenen Häusern bestattet wurden. In diesen beiden Fällen wäre das Massaker auch das Ende der Siedlung gewesen. Für die Täter hätte dann wenig Veranlassung bestanden, die Leichen zu beseitigen. Ebenso gut wäre es daher möglich, dass es Verwandte aus den nahe gelegenen Siedlungen waren, die wenigstens ein notdürftiges Bestattungsritual vornahmen. Die scheinbar lieblose „Verlochung“ der Leichen ist kein zwingendes Gegenargument, da wir die regulären Bestattungssitten der Bandkeramik im Allgemeinen und der Regionalgruppe Unterland/Kraichgau im Speziellen nicht kennen. Erdbestattungen wurden offenbar generell nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zuteil, z. B. fanden sich in Vaihingen an der Enz gut 130 Körpergräber (Krause 2003) bei ursprünglich insgesamt 400–500 Häusern (Strien in Vorb.). Deshalb sind andere Formen der Totenbehandlung anzunehmen, ohne deren Kenntnis wir aber keinen Vergleichsmaßstab haben, der Rückschlüsse darauf zuließe, wer das Talheimer Massengrab angelegt hat. Auch wenn es sicher keine Invasion durch Kulturfremde war, legt die Datierung doch einen indirekten Zusammenhang des Massakers mit dem (lokalen) Ende der Bandkeramik nahe. Ein Verlust

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der sozialen Maßstäbe infolge der Auflösung des bisherigen Regelwerks könnte die exzessive Brutalität selbst gegen Kleinkinder erklären. Die Tat wäre demnach die Folge und nicht die Ursache des endgültigen Zusammenbruchs der Bandkeramik im Zabergäu. Hinkelstein bot in dieser Situation einen

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neuen gesellschaftlichen Konsens und ein neues Glaubens- und damit Wertesystem (Spatz 2003), was den schnellen Übergang zum Mittelneolithikum unter radikalem Bruch mit fünf Jahrhunderten Tradition attraktiv machte. H.-C. Strien

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Hans-Christoph Strien Johannes Gutenberg-Universität, Institut für Altertumswissenschaften, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie Schillerplatz 11, 55116 Mainz [email protected]

Christina Jacob Städtische Museen Heilbronn // Archäologie Deutschhofstr. 6, 74072 Heilbronn [email protected]

Joachim Wahl Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Konstanz, Referat 84, Osteologie Stromeyersdorfstraße 3, 78467 Konstanz [email protected]

T. Link / H. Peter-Röcher (Hrsg.), Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Internationale Tagung vom 14.–16. März 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen ­Archäologie 259 (Bonn 2014) 257–270.

Gewalt im Ritual – Gewalt an Toten. Die Krise am Ende der Bandkeramik im Spiegel außergewöhnlicher Befunde Andrea Zeeb-Lanz

Zusammenfassung Der außergewöhnliche Befund von Herxheim hat zu einer erneuten Diskussion über Krieg und Gewalt am Ende des Altneolithikums angeregt. Im vorliegenden Beitrag wird neben Herxheim eine Reihe weiterer Befunde der jüngsten Linienbandkeramik (LBK) mit außergewöhnlicher Totenbehandlung vorgestellt, die ebenfalls Spuren von Gewalteinwirkung aufweisen. Dazu zählen außerdem Deponierungen von zerschlagener oder unzerstörter Keramik, die ebenfalls keine in den älteren Phasen der LBK verwurzelten Traditionen vertreten. Es wird argumentiert, dass derartige, häufig mit Gewalt an Objekten und/oder Menschen einhergehenden Befunde als Zeichen einer fundamentalen Krise am Ende der Bandkeramik interpretiert werden können – einer Krise, die auf einer ideologischen Ebene anzusiedeln ist und bei den Nachfolgekulturen nicht zu tiefgreifenden Neuerungen in der wirtschaftlichen oder sozialen Struktur, sondern zu Veränderungen in religiösen und ideellen Vorstellungen führt. Abstract: Violence in Ritual – Violence against the Dead. The Crisis at the End of the Linear Pottery Culture Reflected by Exceptional Features The extraordinary site of Herxheim has inspired an afresh discussion about warfare and violence at the end of the early Neolithic. The paper at hand presents, besides the features of Herxheim, a number of further sites dating to the youngest Linear Pottery Culture (LBK) which have revealed exceptional treatment of dead individuals with traces of violent manipulations. In addition to sites with special treatment of persons there are also a number of pottery deposits, some containing smashed vessels, others whole pottery vessels which neither represent traditions with roots in the older phases of the LBK. It is argued that features of this kind, often linked to violence against objects and/or human individuals, can be interpreted as signs of a fundamental crisis at the end of the Bandkeramik culture – a crisis which has to be established on an ideological level and which did not lead to profound changes in the economic and social structure in the cultures following the LBK, but changed their religious and ideational conceptions.

Für die bandkeramische Kultur, die als eine der am umfassendsten und am besten erforschten prähistorischen Kulturen Mitteleuropas gilt (Strien/Gronenborn 2005, 131; Stäuble 2012, 337), dürfte die Grubenanlage von Herxheim der aufsehenerregendste Befund der letzten Jahrzehnte sein. In einem doppelten Erdwerk, bestehend aus zwei parallelen Ringen miteinander verbundener langer Gruben, die eine Siedlungsfläche umgaben, fanden sich äußerst ungewöhnliche Fundkomplexe (Zeeb-Lanz u. a.

2007). Diese traten vor allem im inneren Grubenring massiert auf (Abb. 1) und bestanden zu großen Teilen aus den Überresten von insgesamt mehr als 500 menschlichen Individuen. Neben Unmengen an Skelettresten fanden sich in den Fundkonzentrationen außerordentlich qualitätvolle Keramikgefäße (Houbre 2007), Felsgesteingeräte, Silices (Schimmelpfennig 2001; Schimmelpfennig 2004), Mahlsteine und Tierknochen (Arbogast 2009). Auch eine außergewöhnlich große Menge an Knochen- und

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Zeeb-Lanz, Gewalt im Ritual – Gewalt an Toten

Geweihgeräten (Haack 2001; Haack 2002; Haack 2003; Haack 2013) sowie Schmuck und Trachtbestandteile aus Knochen, Zähnen oder Muschelschalen sind Bestandteile der ungewöhnlichen Fundkomplexe in der Grubenanlage von Herxheim. Das Besondere an den menschlichen Überresten ist zum einen ihre große Anzahl – angesichts der Tatsache, dass noch mindestens ein Drittel der Grubenanlage nicht untersucht im Boden liegt, kann von einer noch erheblich höheren Zahl als 500 Menschen, möglicherweise von bis zu tausend Individuen, ausgegangen werden (Boulestin u. a. 2009, 971). Zum anderen wurden die Toten aufs Extremste manipuliert. Wohl bald nach ihrem Tod – Spiralbrüche, Bruchfacetten und die Profile von Schnittspuren belegen dies (Boulestin u. a. 2009, 974) – zerlegte man die Individuen, indem die Extremitäten und der Kopf abgetrennt, die Wirbelsäule herausgenommen (Zeeb-Lanz u. a. 2009a, 122) und die Unterkiefer vom Schädel gelöst wurden (Boulestin u. a. 2009, 976). Die Vorgehensweise bei der Zerlegung der Toten entspricht in vielen Details den Schlachtvorgängen bei Tieren, die zur Nahrungsgewinnung verarbeitet werden. Nachdem die Körper in Einzelteile zerteilt worden waren, wurde das Fleisch von den Knochen gelöst, wobei man akribisch auch letzte Weichteile von den Skelettelementen abschabte. Letzteres wird durch leitersprossenartige, kurze und flache Schnittmarken belegt, die sich vor allem an Langknochen finden und horizontal zur Röhre des Knochens liegen (Boulestin u. a. 2009, 974). Als letzter Akt in dieser völlig ungewöhnlichen Behandlung toter Menschen wurden die nun vollständig gereinigten Knochen akribisch und umfassend zerschlagen. Dies führte zu dem heutigen Fundbestand, der ca. 75000 Knochenfragmente, ganz erhaltene Knochen und Schädelkalotten, Schädelteile sowie vollständige Schädel umfasst (Zeeb-Lanz u. a. 2013). Die Langknochen wurden besonders stark zertrümmert – kaum ein Fragment erlaubt mehr die Rekonstruktion des Knochenumfanges. Auffällig ist bei der Manipulation der Langknochen, dass sich die intensive Zerschlagung deutlich auf die großen Langknochen wie Humerus und Femur beschränkt – kleinere Langknochen, z. B. Tibia und Radius, liegen häufiger ganz oder nur in zwei oder drei Teile zerbrochen vor (Boulestin u. a. 2009, 977). Spezielle Aufmerksamkeit widmeten die Protagonisten des außergewöhnlichen Szenarios in Herxheim den Schädeln der Toten: Etwa 90 % der insgesamt

Abb. 1: Herxheim. K 9, eine der größten Konzentrationen aus dem inneren Grubenring in situ (Foto F. Haack).

Abb. 2: Herxheim. Schädelkalotte mit deutlichen Schnittspuren längs der mittleren Sagittalnaht (Foto J. Orschiedt).

ca. 300 Schädel wurden einer Sonderbehandlung unterzogen. Zuerst wurde mit gezielten Schnitten längs der Mitte des Kopfes die Kopfhaut aufgeschlitzt und dann vom Schädel abgezogen. Feine lange Schnittspuren auf den Schädeldächern (Abb. 2) verraten, dass diese Aktion mit scharfen Silexklingen durchgeführt wurde (Zeeb-Lanz 2011, 64). Nach Reinigung der Schädel von sämtlichen Fleischresten und sonstigem Gewebe wurde mit gezielten Steinbeilschlägen das Schädeldach herauspräpariert, indem man die unteren Schädelteile und den Gesichtsschädel abtrennte (Zeeb-Lanz u. a. 2009a, 117). Von letzteren fanden sich in der Grubenanlage häufig die isolierten Oberkiefer, deutlich unterrepräsentiert sind dagegen die übrigen Gesichtsteile (Zeeb-Lanz 2011, 64). Die so entstandenen Schädelschalen, auch Kalotten genannt, finden sich in unterschiedlichen Positionen in den Konzentrationen in der Grubenanlage. Überwiegend sind sie wahllos mit menschlichen Knochenfragmenten, Keramik, Tierknochen und

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Abb. 3: Herxheim. Keramik der Moselgruppe (Plaidter Stil) aus der Grubenanlage (Foto F. Haack).

weiteren Artefakten vermischt, nicht ganz so häufig (Zeeb-Lanz u. a. 2013) finden sie sich konzentriert zu regelrechten Kalottennestern. Das umfangreichste dieser Kalottennester enthielt nicht weniger als 13 Schädelkalotten (Zeeb-Lanz 2011, 64). Auch für ganze Schädel konnte in drei Fällen eine wohl intentionelle Deponierung in Form von Schädelnestern beobachtet werden. Die zahlreich in den Konzentrationen auftretende Keramik (Abb. 3) zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus. Zum einen besticht sie durch ihre außerordentliche Qualität in der Herstellung und der Ausführung der variantenreichen Verzierung. Zum anderen sind – in der Regel in größerer Anzahl – Gefäße mit Verzierungen in acht verschiedenen regionalen Stilvarianten der jüngsten Bandkeramik vertreten (Houbre 2007; Zeeb-Lanz u. a. 2009a, 118–120). Dass die Gefäße mit Ornamentik, die nicht dem Pfälzer Stil der jüngsten LBK entspricht (Jeunesse u. a. 2009), an anderen Orten als Herxheim hergestellt wurden, konnte

durch Röntgenfluoreszenzanalysen (P-ED-RFA) eindeutig festgestellt werden. Neben rechtsrheinisch benachbarten Stilprovinzen wie dem Rhein-MainSchraffurstil sind auch Stilvarianten vertreten, die in bis zu 400 km von Herxheim entfernten Gebieten wie Böhmen (Šarka-Stil der jüngsten LBK; siehe Houbre 2007, 78–81) beheimatet sind. Die Gefäße lassen sich überwiegend gänzlich oder zumindest in großen Teilen wieder zusammensetzen, was für eine intentionelle Zerschlagung der Keramik vor Ort spricht. Die Tatsache, dass sich von vielen Gefäßen anpassende oder aufgrund der Ornamentik gesichert zum selben Gefäß gehörige Scherben in verschiedenen Fundkonzentrationen der Grubenanlage finden (Denaire 2009), untermauert diese Beobachtung. Gewaltanwendung lässt sich auch bei den Felsgesteinen und Silices beobachten. Dechsel wurden zerschlagen und/oder durch Retuschierung der Schneide unbrauchbar gemacht; die Art der Zerstörung der Beile kann nicht beim normalen Einsatz der Geräte

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Zeeb-Lanz, Gewalt im Ritual – Gewalt an Toten

entstanden sein, was, wie bei der Keramik, auf eine intentionelle Unbrauchbarmachung verweist (ZeebLanz u. a. 2007, 209; 234). Mahlsteine, die noch voll funktionsfähig gewesen waren, wurden ebenso gewaltsam zerschlagen wie Sandsteinplatten. An vielen dieser Steine konnten Brandspuren dokumentiert werden (Zeeb-Lanz u. a. 2007, 232; 246), die mit einer Zermürbung des Gesteins durch Feuereinwirkung vor der Zerschlagung in Zusammenhang zu bringen sind. Auch bei den Silices sind gewaltsame Zerstörungen zu beobachten. Ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz an nicht oder nur wenig abgenutzten Sichelklingen aus qualitätvollen Kreidefeuersteinen westlicher Herkunft (Zeeb-Lanz u. a. 2009b, 209) wurde zu ausgesplitterten Stücken reduziert. Die von verschiedenen Autoren (siehe z. B. Fiedler 1979, 117) vertretene Interpretation ausgesplitterter Stücke als Meißel zur Bearbeitung von Knochen konnte zumindest für die Zurichtung der noch frischen Menschenknochen von Herxheim durch Experimente des DFG-Projektteams Herxheim an frischen Schweineknochen widerlegt werden. Die bei den Experimenten verwendeten schlachtfrischen Schweinelangknochen ließen sich mit ausgesplitterten Stücken weder spalten noch anderweitig wirksam bearbeiten. Das „Leitmotiv“ der Zerstörung qualitativ hochwertiger und funktionsfähiger Objekte (Zeeb-Lanz u. a. im Druck) lässt sich damit auch auf die Steinartefakte aus den Konzentrationen der Grubenanlage ausdehnen. Tierknochen, Knochengeräte und Schmuck sowie Trachtbestandteile aus den Konzentrationen der Grubenanlage, die nicht gewaltsam zerschlagen oder zerstört wurden, sollen hier nicht näher erörtert werden. Wenngleich es beim Grad der Zerlegung der menschlichen Skelette und der Fragmentierungsintensität ebenso im Detail Unterschiede gibt, wie bei der Zerschlagung der Keramik oder der Zerstörung der Steinartefakte, so lässt sich doch insgesamt unzweifelhaft eine normierte, repetitive Behandlung der genannten Objektkategorien konstatieren. Diese Handlungen besitzen einen in hohem Maße ritualisierten Charakter und lassen sich am besten als ein sehr spezielles Ritual beschreiben, als dessen Leitfaden die gewaltsame Zerstörung menschlicher Körper und wertvoller Gegenstände herauskristallisiert werden kann. Dieses Ritual ist umso bemerkenswerter, als es eine erhebliche Zahl von Menschen und Artefakten betrifft und in der Bandkeramik keinerlei

Abb. 4: Jungfernhöhle. Timo Seregély 2012 mit Besuch vor dem Eingang der Höhle (Foto F. Haack).

Tradition besitzt. Darüber hinaus wird als Motiv für die systematische Manipulation der Toten von Herxheim mit guten Gründen für einen rituell motivierten Kannibalismus plädiert (Boulestin u. a. 2009, bes. 975–980), wobei einzelne Details wie die Herstellung der Schädelkalotten wohl eher einen rein rituellen Beweggrund gehabt haben dürften. Obwohl Herxheim in Bezug auf die Menge manipulierter menschlicher Individuen jeden bisher bekannten Rahmen sprengt, gibt es dennoch in der Spätphase der Bandkeramik weitere Fundplätze, an denen eine Behandlung von Toten dokumentiert werden kann, die nicht den für die Bandkeramik bekannten Bestattungssitten folgt, und bei der Gewalt am Menschen – sei es vor oder nach dem Tod der betreffenden Individuen – eine Rolle spielt. Darüber hinaus gibt es, wiederum aus der jüngsten Bandkeramik, rituell motivierte Keramikdeponierungen, die in den früheren Phasen der Bandkeramik nicht auftreten. Im Folgenden sollen diese Befunde auswahlweise näher beleuchtet werden: 1. Jungfernhöhle bei Tiefenellern (Fränkische Alb) 1951 wurden in einer „Schatzgräberaktion“ die ersten ca. 8 Kubikmeter Aushub aus der Jungfernhöhle im Gewann Hofbauernholz nordöstlich von Tiefenellern herausgeschaufelt (Kunkel 1955, 1). Im darauffolgenden Jahr erfolgte eine amtliche Grabung unter dem Archäologen O. Kunkel, wobei das Grabungsarbeiterteam aus Tiefenellerner Bürgern bestand (Kunkel 1955, 3). Die Grabungsmethoden in der Jungfernhöhle entsprachen sicher nicht den heutigen Standards einer prähistorischen

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Abb. 5: Jungfernhöhle. Grabung 2013 in den Abraumschichten von Kunkel vor der Höhle bei Tiefenellern (Foto A. ZeebLanz).

Höhlengrabung; allein schon der zeitliche Rahmen – in nur eineinhalb Monaten wurde der gesamte Höhleninhalt bis auf den gewachsenen Boden ausgeräumt – hätte eine saubere, stratigraphisch detaillierte Ausgrabung nicht möglich gemacht. Die schon drei Jahre später vorgelegte Monographie über die Ergebnisse der Grabungen enthielt neben dem Grabungsbericht und den anthropologischen und archäologischen Analysen auch einige naturwissenschaftliche Ansätze, was ihr einen progressiven Anstrich verlieh (Seregély 2012, 64). Zu den wichtigsten Funden gehörten die Überreste von mehr als drei Dutzend menschlichen Individuen, die mit Keramik verschiedener neolithischer Zeitstellung vergesellschaftet waren (Kunkel 1955, 34). Es überwiegt eine qualitätvoll gearbeitete und fein verzierte Ausprägung der jüngeren bis jüngsten Bandkeramik, doch wurde auch späteres Keramikmaterial aus dem Höhleninneren geborgen (Kunkel 1955, 79–87). Die Analyse der menschlichen Knochen führte die Bearbeiterin zu dem Schluss, dass es sich um die Überreste kannibalistischer Mahlzeiten handeln müsse (Asmus 1955, 67). In seiner Interpretation der Menschenfunde aus der Jungfernhöhle stellt O. Kunkel den Kannibalismus in einen kultischen Zusammenhang (Kunkel 1955, 125; 127–130). Er spricht zwar die Möglichkeit von Sekundärbestattungen kurz an, verwirft diesen Interpretationsansatz aber sofort wieder mit Hinweis auf die hinlänglich bekannten Bestattungssitten der Bandkeramiker (Kunkel 1955, 125). Erst in den 1990er Jahren wurden grundlegende Zweifel an Kunkels Kannibalismusthese laut (Peter-

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Röcher 1994, 103). H. Peter-Röcher interpretierte die Menschenknochen in der Höhle, abgesehen von den Säuglingsfunden, als die Überreste einer Sekundärbestattungszeremonie. Als wichtiges Argument hierfür erachtete sie das Fehlen des überwiegenden Anteils kleiner Skelettelemente wie Fuß- und Fingerknochen sowie Wirbel (Peter-Röcher 1994, 99– 104). Die vollständige Neuaufnahme der menschlichen Überreste aus der Jungfernhöhle im Rahmen seiner Dissertation brachte J. Orschiedt zu einer gleichartigen Interpretation der Funde als Sekundärbestattungen (Orschiedt 1997a; Orschiedt 1999, 164–178; bes. 177). Auch für ihn stellten die fehlenden kleinen Knochen und das Fehlen einer erheblichen Anzahl von Schneide- und Eckzähnen das Hauptargument für die Interpretation des Geschehens als Sekundärbestattungen dar (Orschiedt 1999, 176). Wenngleich er mit der Neuaufnahme des Skelettmaterials viele Argumente für die Kannibalismusthese der Ausgräber widerlegen oder zumindest relativieren konnte, so gibt es doch mittlerweile neue Fakten, die sich mit der These von Sekundärbestattungen nicht unbedingt in Einklang bringen lassen. Zum einen wirft eine jüngst durchgeführte erneute anthropologische Analyse der Menschenknochen aus der Altgrabung erhebliche Zweifel an Orschiedts (1999, 172) Erklärung für die Fragmentierung der Langknochen auf (Boulestin in Vorb.). Zum anderen haben Nachgrabungen in den Jahren 2008 und 2009, durchgeführt von den Universitäten Bamberg und Würzburg unter der Leitung von F. Falkenstein und T. Seregély (Abb. 4–5), ein Fundspektrum erbracht, das eine Neuinterpretation der menschlichen Überreste aus der Jungfernhöhle erfordert (Seregély 2012). Bei seiner Untersuchung der Knochen aus der Höhle war J. Orschiedt (1999, 164) davon ausgegangen, dass das gesamte, im Zuge der Altgrabungen aus der Höhle ausgegrabene Sediment gesiebt und auf Kleinfunde untersucht worden war. Dabei bezog er sich dezidiert auf die Publikation Kunkels, wo an der angegebenen Stelle allerdings eindeutig lediglich steht, dass der Aushub der Schatzgräberaktion G. Engerts sowie der durch diese nicht autorisierte Grabung bereits aufgewühlte Teil des Höhlenbodens gesiebt wurde – im Dezember 1951, also ein halbes Jahr vor der eigentlichen Hauptgrabung (Kunkel 1955, 2). Vom Durchsieben des Abraums der Kunkelschen Grabung ist in der Erstpublikation der Funde an keiner Stelle die Rede. Daher war es für die Ausgräber der Universitäten Bamberg und Würzburg

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Abb. 6: Schöneck-Kilianstädten. Blick über die schmale Grube mit den übereinander liegenden Skeletten (Grabungsdokumentation der Fa. kms terra consult für hessenARCHÄOLOGIE am Landesamt für Denkmalpflege Hessen).

bei ersten Schnitten durch die obertägig anhand einer rampenartigen Erhebung (Seregély 2012, 67) gut erkennbaren Lagerflächen des Abraums der Grabung von 1952 nicht gänzlich erstaunlich, dass sich bei der akribischen Durchsicht des in Quadranten schichtweise abgetragenen Materials aus der Höhle eine erkleckliche Anzahl bandkeramischer, vereinzelt auch jüngerer Scherben und Silices fand. Darüber hinaus konnten aus dem ganz offenbar nicht gesiebten – und auch bei der Grabung 1952 nicht sehr sorgfältig abgesuchten – Abraum aber auch zahlreiche kleine menschliche Knochen wie Fuß- und Handknochen sowie Wirbel geborgen werden (Seregély 2012, 68). Bei der zweiten Kampagne im Frühjahr 2009 konzentrierten sich die Arbeiten dann folgerichtig auf weitere Bereiche des Abraums der Altgrabung, was den Bestand an Menschenknochen, die ursprünglich in der Höhle gelagert hatten, noch erheblich vergrößerte. Wiederum waren es die kleinen Knochen der Extremitäten sowie Rippen und Wirbel, die den größten

Anteil am menschlichen Fundmaterial ausmachten; größere Knochen wie Beckenteile, Schulterblätter oder Langknochenfragmente traten eher selten auf. Auch sieben Zähne von Erwachsenen gehören zum Fundbestand, ebenso wie der fragmentierte Unterkiefer eines etwa sechsjährigen Kindes (Seregély 2012, 70). Eine weitere Kampagne im Sommer 2013 (Abb. 5) erbrachte eine weitere erkleckliche Anzahl von menschlichen Überresten, wobei wiederum die kleinen Knochen überwiegen, aber auch weitere isolierte Zähne geborgen wurden; die Autorin des vorliegenden Artikels konnte sich bei einem Grabungsbesuch im August 2013 selbst ein Bild von der erstaunlichen Menge an menschlichen Knochen machen, die von den Erstausgräbern übersehen worden waren und nun von der Bamberger/Würzburger Ausgrabungsmannschaft in sorgfältigster Durchsicht des von ihr erneut untersuchten Abraumes der Kunkelschen Grabung geborgen wurden. Damit ist das Hauptargument für die von H. Peter-Röcher und vor allem J. Orschiedt angenommene Sekundärbestattungspraxis in der Jungfernhöhle, das Fehlen kleiner Extremitätenknochen und Wirbel, hinfällig. Hatte J. Orschiedt (1999, 176) noch angenommen, dass diese scheinbar im Fundbestand fehlenden Knochen bei einer intentionellen Selektion des Skelettmaterials vor der sekundären Bestattung aussortiert worden seien, so muss jetzt davon ausgegangen werden, dass offenbar auch die kleinen Skelettelemente durchaus vorhanden, aber von den Ausgräbern 1952 übersehen worden waren. T. Seregély (2012, 72 f.) hat das Aufgabenpaket für die zukünftige Untersuchung der menschlichen Funde aus der Jungfernhöhle klar definiert. Demnach muss der gesamte Abraum der Altgrabung neu ausgegraben und auf Funde untersucht werden, worauf eine Neubearbeitung des Skelettmaterials zu erfolgen hat. Wenngleich bislang auch die Neuuntersuchung der großen Knochen aus der Jungfernhöhle durch B. Boulestin keine Anzeichen dafür geliefert hat, dass zu der Erstinterpretation von Anthropophagie zurückzukehren ist, so haben sich doch hinsichtlich der späteren Hypothese von Sekundärbestattungen nun erhebliche Zweifel ergeben. Festzuhalten ist, dass bei einem Geschehen, das nach der mit den Knochen deponierten Keramik an das Ende der bandkeramischen Kultur zu setzen ist (Seregély 2012, 71 f.), eine größere Anzahl menschlicher Individuen nach ihrem Tode auf eine Art und Weise behandelt wurde, die für die Bandkeramik sehr ungewöhnlich ist.

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2. Fronhofen, Hanseles Hohl (Kr. Donau-Ries) Die Doppelhöhle „Hanseles Hohl“ am Michelsberg am Südrand des Nördlinger Rieses wurde in jeweils nur wenige Tage dauernden Ausgrabungskampagnen von 1923 bis 1925 von P. Zenetti, F. Birkner und E. Frickinger untersucht. Sie legten dabei Schnitte durch einen Schuttkegel, der den Eingang zum Höhlen­ inneren bis auf einen kleinen Einlass versperrte. In einer von verstürzten Höhlendeckenbrocken überdeckten neolithischen Fundschicht entdeckten die Ausgräber mehr als 200 menschliche Skelettelemente, darunter vornehmlich Langknochen und Schädelteile, aber auch in unterschiedlichen Anteilen weitere postkraniale Knochen, vermischt mit Tierknochen, Keramik und Steinartefakten (Zenetti 1925; Orschiedt 1999, 152). An einigen menschlichen Knochen konnten auch Brandspuren festgestellt werden (Zenetti 1925, 158–160). In einer Neubearbeitung der Funde im Rahmen seiner Dissertation ermittelte J. Orschiedt eine Mindestindividuenanzahl von 10 Menschen, darunter sowohl ältere Kinder/Jugendliche als auch Erwachsene sowie zwei Individuen der Alterstufe infans I und infans II (Orschiedt 1999, 153–155). Für die menschlichen Funde von „Hanseles Hohl“ am Südrand des Nördlinger Rieses gilt interessanterweise eine ganz ähnliche Interpretationsgeschichte wie für die Funde aus der Jungfernhöhle: Während die Erstausgräber die mit Tierknochen vermischten menschlichen Überreste, hauptsächlich aufgrund der Fragmentierung und der Brandspuren, für kannibalisierte Tote hielten (Zenetti 1925, 158 f.), wurde diese Interpretation erst von J. Orschiedt (1999, 157) bei seiner Neubearbeitung der anthropologischen Reste entschieden abgelehnt; für ihn handelt es sich „eindeutig um eine Grablegung“, wobei er nicht entscheiden möchte, ob diese Primär- oder Sekundärbestattungen darstellt. Obwohl er auf die Unsicherheiten bezüglich der Überlieferung der menschlichen Knochen (möglicherweise unvollständige Bergung, Schwund von ca. 100 Knochenfragmenten nach der Ausgrabung) hinweist, stellt doch das Fehlen bestimmter postkranialer Skelettelemente für Orschiedt ein gewichtiges Argument für eine intentionelle Selektion vor der endgültigen Niederlegung an der Höhle dar, also für eine sekundäre Lagerung. Dass angesichts der Grabungsumstände und der Dokumentation früher Grabungen ein solches Argument nicht zwingend eine Interpretation als Sekundärbestattungen nach sich ziehen muss, hat das Beispiel der Jungfernhöhle eindrücklich vor Augen geführt.

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Abb. 7: Hohler Stein. Ansicht des großen Felsenklotzes von Norden (Foto F. Haack).

3. Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis) Im Zuge einer Umgehungsstraßenerschließung wurde südlich von Kilianstädten, Gemeinde Schön­ eck, ein bandkeramisches Siedlungsareal archäologisch untersucht. Dabei wurden in einer ca. 7,5 m langen, schmalen Grube die wahllos übereinander geworfenen Skelette (Abb. 6) von ca. 24 menschlichen Individuen entdeckt (Schwitalla/Schmitt 2006; Schwitalla 2007). Nach den ersten Untersuchungen der Toten durch C. Lohr (2013) im Rahmen einer Magisterarbeit handelt es sich um eine Verteilung von bisher zwölf adulten bis maturen Individuen, drei Juvenilen, sowie neun Individuen der Altersstufen Infans I–II. Mehrere der bisher untersuchten Schädel wiesen Traumata auf, die von (bandkeramischen?) Dechseln herstammen dürften, sowie andere perimortale Bruchmuster; diese Verletzungen können als Kampfspuren interpretiert werden, wogegen zahlreiche, ebenfalls als perimortal bestimmte Brüche der unteren Extremitäten kaum als Folge von Kampfgeschehen wahrscheinlich zu machen sind. Die Grube, deren Zugehörigkeit zu einem im Siedlungsareal erkannten Grabensystem nicht eindeutig ist, enthielt auch bandkeramische Gefäßscherben, die aus der jüngeren (bis jüngsten – mündl. Mitt. S. Schade-Lindig) Bandkeramik stammen. Der Befund weist eine Reihe von Parallelen zu dem bekannten Massengrab von Talheim auf, wenngleich für eine Endbeurteilung weitere Untersuchungsergebnisse unerlässlich sind (Meyer u. a. 2013). Den hier zitierten jung- und jüngstbandkeramischen Befunden mit für die Bandkeramik ungewöhnlichen

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Abb. 8: Hohler Stein. LBK-Keramik aus der Sondage der Universitäten Bamberg und Würzburg (Hendel 2012, 25 Abb. 4).

Behandlungen menschlicher Individuen ist eine Reihe weiterer Plätze anzuschließen, die andernorts bereits zusammengestellt wurden (Zeeb-Lanz 2009, 95–96). Darüber hinaus können für die jüngste Bandkeramik auch Objektdeponierungen geltend gemacht werden, die ebenfalls keine erkennbare Tradition im bandkeramischen Ritualverhalten besitzen; dabei handelt es sich um Keramikdeponierungen mit deutlich kultisch/rituell motiviertem Charakter. 1. Felsen „Hohler Stein“ bei Schwabthal (Kr. Lichtenfels) Für den Hohlen Stein bei Schwabthal (Abb. 7) am nordwestlichen Rand der Nördlichen Frankenalb wurde bereits 1956 in einer Wanderzeitschrift spekuliert, es könne sich hierbei um eine prähistorische Kultstätte handeln (Hendel 2012, 22). Der Name „Hohler Stein“ rührt von einer Halbhöhle sowie einer spaltartigen Höhle in dem 12 m hohen und bis zu 19 m langen Felsen her, der als monolithischer Klotz auf der Hochebene der nördlichen Frankenalb thront. Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts war eine nur ca. 200 m vom Hohlen Stein entfernte Siedlungsfläche der bandkeramischen Kultur bekannt, von der anfänglich bei Begehungen viele frühneolithische Horn- und Felsgesteinartefakte, aber kaum Keramik geborgen wurde. Mitglieder des Historischen Vereins Bamberg erweiterten dann in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Sammelaktivitäten bis hin zum nördlich gelegenen Hohlen Stein, wo nun

auch zahlreiche bandkeramische Gefäßscherben geborgen werden konnten (Hendel 2012, 23 f.). Erste archäologische Sondierungen fanden 1962 durch H. Mauer im Bereich der Halbhöhle statt, wobei neben Knochen und wenig Holzkohle vor allem bandkeramische Scherben zutage traten (Mauer 1963). Im Jahr 2008 wurden im Rahmen des Forschungsprojekts „Die kultische Nutzung von ‚naturheiligen‘ Plätzen auf der Nördlichen Frankenalb in der Urgeschichte“ durch die Universitäten Bamberg und Würzburg konzentrierte Feldforschungen am Hohlen Stein durchgeführt (Hendel 2012). Insgesamt wurden direkt am Felsmassiv und in seiner näheren Umgebung 20 kleinere und größere Sondagen angelegt (Hendel 2012, 23 Abb. 2), von denen besonders Schnitt 4, direkt am Fuß des östlichen, stark zerklüfteten Hanges des Hohlen Steins, eine erhebliche Anzahl linienbandkeramischer Gefäßscherben erbrachte. Auch in Schnitt 17, am südwestlichen Fußbereich des Felsklotzes, wurden bandkeramische Scherben, hier sogar in zwei ungestörten Befunden, entdeckt (Noack 2012, 37). Offenbar wurde der Hohle Stein zu verschiedenen prähistorischen Zeiten aufgesucht, denn in teils stratigraphischer Superposition zu den frühneolithischen Artefakten, teils mit diesen vermischt, konnten Funde der Michelsberger Kultur, der Schnurkeramik, der Bronze- und der vorrömischen Eisenzeit dokumentiert werden (Hendel 2012, 25). Die ca. 850 bandkeramischen Scherben vom Hohlen Stein, die zu insgesamt mindestens 44 Gefäßen

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Abb. 9: Altscherbitz. Der Brunnen während der Ausgrabung im Landesamt für Archäologie Sachsen (© Landesamt für Archäologie Sachsen, Rengert Elburg).

gehören, stammen nach Ausweis der reich verzierten Fragmente aus der jüngsten Phase der Kultur; ein 14 C-Datum aus der frühneolithischen Schicht in Schnitt 20 bestätigt diese Einordnung. Eine größere Zahl von Anpassungen von Gefäßfragmenten (Abb. 8) in den Schnitten 2, 4, 17 und 20 belegt eine Zerscherbung der Keramik direkt vor Ort (Hendel 2012, 28). Besonders der Hangschnitt 4, der in einem mächtigen Schuttkegel am östlichen Fuß des Hohlen Steins angelegt wurde, erbrachte eine größere Menge spätbandkeramischer Scherben, wobei anpassende Stücke häufig über mehrere Meter streuten. Im Zusammenhang mit dem Fund von kleinen Keramikscherben aus einer Erosionsspalte auf dem Plateau des Dolomitfelsens, darunter auch bandkeramische Fragmente, fanden wahrscheinlich auch oben auf dem Fels im Frühneolithikum Deponierungen von Keramik statt. Da anpassende Scherben häufig ganz unterschiedliche Verwitterungsgrade und/oder Spuren von Brandeinwirkung zeigen, kann davon ausgegangen werden, dass die Gefäße, sei es auf dem Plateau oder am Fuß des Felsklotzes, abgestellt und möglicherweise bereits im Zusammenhang mit dieser wohl kultisch zu interpretierenden Deponierung intentionell zerschlagen wurden. Die Brandspuren entstanden eindeutig erst nach der Zerscherbung der Gefäße (Hendel 2012, 29). Streufächer von teils zusammengehörigen Scherben in Schnitt 3 am nordöstlichen Fuß des Dolomitklotzes lassen vermuten, dass hier Gefäße vom Plateau hinabgeworfen wurden oder herabgestürzt waren. Insgesamt bietet der Hohle Stein für die jüngste Phase der Bandkeramik das Bild eines siedlungsnahen

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Kultplatzes, an dem teils reich verzierte Gefäße deponiert und im Rahmen einer Kulthandlung gewaltsam zertrümmert wurden. Die Bearbeiterin schlägt als Interpretation die Möglichkeit von Opferhandlungen vor, bei denen auf dem Plateau Nahrung in Gefäßen dargebracht wurde, teils dann verzehrt, die Gefäße zertrümmert und anschließend die Reste von Nahrung und die Scherben dem Feuer übergeben wurden (Hendel 2012, 34). Auch wenn die sicher rituell motivierten Vorgänge der Spätphase der Bandkeramik am Hohlen Stein nicht bis ins Detail rekonstruiert werden können, so darf doch von einem Kultszenario ausgegangen werden, das auch die intentionelle Zerstörung wertvoller Keramik beinhaltete. 2. Schkeuditz-Altscherbitz (Sachsen), bandkeramischer Brunnen Seit der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes in Sachsen 1993 werden hier besonders Großbaustellen intensiv archäologisch betreut. Nicht zuletzt daraus resultiert die ansehnliche Zahl von derzeit sechs bandkeramischen Brunnen, immerhin ein Drittel aller in Mitteleuropa bekannten frühneolithischen Brunnenbefunde. Das „jüngste Mitglied der sächsischen Brunnenfamilie“ (Stäuble 2010, 66) hat besonders interessante Funde preisgegeben. Der in der südöstlichen Peripherie einer großen bandkeramischen Siedlung bei Altscherbitz gelegene Holzkastenbrunnen wurde 2005 im Rahmen einer Rettungsgrabung im Vorfeld der Leipziger Flughafenerweiterung entdeckt und als Blockbergung (Elburg 2008) ins Landesamt für Archäologie verbracht, wo man ihn dann sorgfältig und mit höchst detaillierter Dokumentation freipräparierte. Der Brunnenkasten enthielt ein bemerkenswertes Fundspektrum (Elburg 2010a, 233). Über einer zugrunde liegenden fundarmen Sedimentschicht aus ausgewaschenem Geschiebemergel lagen drei Schichtpakete, von denen insbesondere das mittlere spezielle Beachtung verdient. Es enthielt neben funktionsfähigen Stein- und Knochengeräten eine erhebliche Menge an Keramik, die in vier voneinander trennbaren Komplexen vorlag; diese lassen sich als intentionelle Deponierungen charakterisieren (Elburg 2010b, 6). Insgesamt konnten aus dem Schichtpaket mehr als 25 komplette Gefäße (Abb. 9) geborgen werden (Tegel u. a. 2012, 5); fünf davon lagen gemeinsam mit einigen Scherben und abgedeckt von einer ganzen Schicht Keramikfragmente auf der Sohle des Pakets. In einer über dieser Deponierung abgelagerten Sedimentschicht fanden sich drei weitere ganz

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Abb. 10: Altscherbitz. Den oberen Abschluss der Gefäßdeponierungen bildete dieser sorgfältig mit Intarsien aus Birkenrinde versehene außergewöhnliche Kumpf (© Landesamt für Archäologie Sachsen, Rengert Elburg).

erhaltene Gefäße, noch weiter oben, ebenfalls komplett und intentionell deponiert, acht Exemplare. Quasi als Abschluss dieser Sequenz konnte aus dem unteren Bereich des darüber liegenden Schichtpakets ein weiterer ganz erhaltener, höchst ungewöhnlicher Kumpf geborgen werden (Elburg 2010a, 233 f.). Dieser hatte ursprünglich eine klassische eingeritzte Bandverzierung getragen. Auf die gesamte Kumpf­ oberfläche wurde dann flächig Birkenpech aufgetragen, in das intarsienartig aus Birkenrinde sorgfältig ausgeschnittene Ornamente eingelegt sind (Abb. 10). Ein weiterer, ebenfalls mit Birkenpech überzogener und mit Mustern aus Birkenrinde verzierter Kumpf stammt aus einer der Deponierungen in der mittleren Füllschicht des Brunnens (Elburg, 2010a, 234; Stäuble 2010, 67 f.; Tegel u. a. 2012, 5). Der Erhaltungszustand und die Art der Niederlegung der Keramik aus dieser Schicht sprechen deutlich gegen eine willkürliche Entsorgung, sondern hier haben wir es offenbar mit intentionellen Deponierungen der gut erhaltenen Gefäße zu tun (Elburg 2010a, 233; Elburg 2010b, 6). Eine Deutung dieser Niederlegungen ist natürlich schwierig, doch wäre die Annahme eines rituellen Zusammenhanges sicher nicht völlig von der Hand zu weisen. Vergleichbar mit den Keramikdeponierungen von Altscherbitz sind die recht zahlreichen Keramikfunde aus dem Brunnen von Erkelenz-Kückhoven, die offenbar in einer einzigen Aktion in den Brunnen verbracht

wurden, ebenfalls eine außergewöhnlich gute Erhaltung aufweisen und von der Bearbeiterin als „Sonderfunde“ eingestuft werden (Lehmann 2004, 63–66). J. Lehmann (2004, 251) deutet das umfangreiche Keramikspektrum aus der Schuttschicht in Brunnen 1 von Kückhoven als das Gesamtinventar eines Hauses, das aus unbekannten Gründen im Brunnen deponiert wurde. Für zwei spezielle Gefäße, die „auf weitreichende Kontakte schließen lassen“ erwägt sie eine kultische Bedeutung (Lehmann 2004, 66). Bei beiden Brunnen handelt es sich offenbar in Bezug auf die Keramikdeponierungen um intentionelle Handlungen, die im Sinne von D. Garrow (2012) als „structured depositions“ angesehen werden können; diesen „structured depositions“ sollen in der Regel symbolische und/oder kultische Bedeutungen zugrunde liegen. Interpretationsansätze zu Menschenknochen in bandkeramischen Befunden In Bezug auf Befunde mit menschlichen Überresten, die nicht dem von Gräberfeldern und aus Siedlungen bekannten Bestattungsschema entsprechen, hat in den 1990er Jahren ein klarer Paradigmenwechsel stattgefunden. In früheren Publikationen zu dislozierten menschlichen Knochen – sowohl einzelner Skelettelemente als auch Häufungen menschlicher Überreste im nicht mehr ursprünglichen Verband – wurde häufig Kannibalismus als Ursache der Befundsituationen angenommen (Beispiele siehe oben). Mit der Publikation der Dissertation von H. PeterRöcher 1994 änderte sich die Lage in der deutschen Forschung schlagartig. Ihre Ablehnung jeglicher kannibalistischer Aktivitäten in der gesamten Vorgeschichte forderte andere Erklärungsmuster, die sie selbst und in der Folge dann vor allem J. Orschiedt lieferten (Peter-Röcher 1997; Orschiedt 1997b; Orschiedt 1999). Allerdings verfielen sie dem gleichen Fehler, den sie vehement angeprangert hatten – der einseitigen Deutung höchst komplexer, teils schlecht dokumentierter oder unvollständig ausgewerteter, in jedem Falle ungewöhnlicher Befunde mit menschlichen Überresten (siehe dazu auch Kaufmann 2003, 200 Anm. 13). Diese interpretierten sie nun durchweg als sekundäre oder mehrstufige Bestattungen, ohne dass andere Erklärungen ernsthaft erwogen wurden. Zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass das Phänomen „Sekundärbestattung“ von den maßgeblichen Autoren

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nie im Hinblick auf seine soziokulturellen Bedeutungsmöglichkeiten hin beleuchtet wurde; es fehlt bislang daher auch in anderen Publikationen, die ihre Interpretationen kritiklos übernommen haben, an interpretativen Ansätzen zu den Implikatio­nen kultischer und gesellschaftlicher Art, welche als Grundlagen für die Ausübung mehrstufiger Bestattungspraktiken vorauszusetzen sind. Die einseitige Deutung quasi aller Menschenreste, die sich nicht in „normalen“ Bestattungssituationen finden, wurde in den letzten beiden Jahrzehnten kaum einmal kritisch beleuchtet. Dass die Lage allerdings erheblich komplexer ist, was z. B. menschliche Überreste in der Bandkeramik angeht, dürften die Befunde von Tiefenellern und Herxheim mittlerweile hinlänglich belegen. Für letzteren Fundplatz war seitens der Bearbeiter der Menschenknochen der Altgrabung, J. Orschiedt und M. N. Haidle, von vorneherein klar, dass es sich hier um Sekundärbestattungen handeln müsse (Orschiedt u. a. 2003; Orschiedt/Haidle 2007; Orschiedt/Haidle 2012); dementsprechend ließ auch ihre Bearbeitung eine detaillierte Analyse der Knochen und möglicher Manipulationsspuren vermissen (Boulestin u. a. 2009, 969). Es wäre dringend an der Zeit, dass sich mit dem Topos „Sekundär-/mehrstufige Bestattung“ einmal ein internationaler Kreis von (Kultur)Anthropologen, Ethnologen und Archäologen eingehend befasst. Exkurs: Gewalt im Ritual W. Burkert (1983) hat in einer viel beachteten Publikation herausgestellt, dass Gewalt und Heiliges (also Religion und Kult im weitesten Sinne) eine unzertrennliche Einheit bilden. Dieser Feststellung liegt die Überlegung zugrunde, dass das Heilige nichts anderes ist als die „Sakralisierung der Gewalt“ (Burkert 1983, 15). So erfüllen Opfer, auch Menschenopfer, einen für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sehr wichtigen Zweck. Im Opfer – in der Bestrafung oder sogar Tötung eines „Sündenbockes“ vollzieht sich die Eingrenzung der Gewalt, die andernfalls, wenn sie nicht in Form eines Opfers in ein Ordnungssystem eingebunden wird, in entfesselter Form zu einer grundlegenden Bedrohung für den Bestand jeglicher Gemeinschaft werden würde (Vollmer 2009, 54 f.; 116 f.). Im (Opfer)Kult wird somit wiederholt „reine“ Gewalt ausgeübt, um der Gefahr entgrenzter, der Gemeinschaft schadender Gewalt entgegenzuwirken. In diesem Sinne wohnt

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der ritualisierten Gewalt ein identitätsstiftendes und die Bindung der Gemeinschaft förderndes Moment inne, das gerade in Zeiten von Krisen – wie für das Ende der Bandkeramik postuliert – von eminenter Bedeutung ist. Gewalt in der Bandkeramik – zur Frage der Krise am Ende der LBK Ohne Zweifel ist eine Zunahme von Gewalt in der jüngeren und jüngsten Phase der Bandkeramik zu verzeichnen. Die viel zitierten Massaker von Talheim und Schletz stellen jedoch nur eine Facette einer höchst vielfältigen Entwicklung dar. Der Befund von Herxheim repräsentiert hier stellvertretend die verschiedenen Formen von Gewalt – Opferung und wahrscheinlich sogar Verspeisung von Menschen, Zerstörung wertvoller Steinartefakte und Zerschlagung qualitätsvoller Keramik. Es ist jedoch nicht nur Gewalt, die das Ende der bandkeramischen Kultur markiert. Wir können darüber hinaus in einer Reihe von Fällen eine höchst ungewöhnliche, jeder Tradi­tion entbehrende Behandlung von Toten konstatieren; Beispiele hierfür habe ich oben angeführt. Nimmt man W. Burkerts These von der Einheit von Gewalt und Kult in Anspruch, so kristallisiert sich nicht der häufig zitierte „Krieg am Ende der Bandkeramik“ (z. B. Golitko/Keeley 2007) als Grund für das Erlöschen der bandkeramischen Kultur heraus, sondern es ist zu fragen, ob die gewaltsamen Ereignisse, die mitunter völlig ungewöhnliche Behandlung von Toten und auch Szenarios mit Deponierungen von besonderer Keramik ihre Ursache nicht eher in einer religiösen und/oder gesellschaftlichen Krise haben könnten, als durch Umwelteinflüsse wie Klimaverschlechterung oder Ressourcenknappheit evoziert zu sein. Bezüglich der Einflüsse von klimatischen Veränderungen auf das wirtschaftliche und soziale Gefüge neolithischer wie auch späterer vorgeschichtlicher Kulturen herrscht in der Archäoklimaforschung bislang noch bei weitem keine einhellige Meinung. So haben etwa vergleichende Untersuchungen zur „Kleinen Eiszeit“ des 15. bis beginnenden 19. Jahrhunderts gezeigt, dass nicht ausschließlich eine geringe solare Strahlung zu den hier herrschenden niedrigen Temperaturen geführt hatte, sondern dass verschiedene Faktoren dafür verantwortlich gemacht werden können; die Übertragung der wirtschaftlichen Verhältnisse und ihrer Schwankungen auf vorgeschichtliche Kulturen

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Zeeb-Lanz, Gewalt im Ritual – Gewalt an Toten

ist damit nur noch sehr bedingt möglich (Bleicher 2011, 68–69). Für eine exakte Beurteilung des Einflusses der Wetterverhältnisse auf die Wirtschaft des Frühneolithikums fehlen uns leider noch viel zu viele Detailinformationen, etwa zur Viehhaltung und -fütterung (Bleicher 2011, 70). Auch der Übergang von Ältester LBK und Flomborn sowie das Ende der Bandkeramik ist jeweils mit einem witterungsklimatischen Ereignis nur dann zu verbinden, wenn man das Chronologieschema von H.-C. Strien und D. Gronenborn (2005, bes. 143) akzeptiert, das den Beginn der Phase Flomborn in das frühe 54. Jahrhundert v. Chr. und das Ende der bandkeramischen Kultur in das 51. Jahrhundert v. Chr. setzt. Andere chronologische Vorstellungen lassen die Phase Flomborn und das Ende der LBK jeweils 100 bzw. 50 Jahre später stattfinden (Schmidt u. a. 2004, 303; Schmidt u. a. 2005, 167), womit diese Kulturänderungen nicht mehr mit deutlich fassbaren Klimaschwankungen zusammenfallen. Insgesamt sind zurzeit, nicht zuletzt aufgrund von Datierungsschwierigkeiten sowohl im archäologischen als auch im klimahistorischen Bereich, Aussagen zu den Zusammenhängen von Klimaänderungen und deren mögliche Folgen wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Art, noch sehr mit Schwierigkeiten behaftet und bislang nur in Ansätzen möglich (Strien/­Gronenborn 2005, 131;

143; Bleicher 2011, 76). Auch wenn ein direkter Kontext der außergewöhnlichen Ereignisse am Ende der Bandkeramik mit einschneidenden klimatischen Veränderungen bislang nicht deutlich sichtbar ist, so werden sicher in näherer Zukunft hier noch weitere Fortschritte und Klärungen erzielt werden. Vorerst lassen sich die beschriebenen, vielfach von Gewalt geprägten Situationen, die sich immerhin in einem Raum vom Pariser Becken bis nach Niederösterreich dokumentieren lassen (Jeunesse 2011, 185) und damit nicht mehr als kleinräumig beschränkte einzelne Aggressionsfälle gelten können, nur ganz allgemein mit einer tiefgehenden Krise in der bandkeramischen Welt verbinden. C. Jeunesse (2011, 186) hat kürzlich aber festgestellt, dass in der Folge, der Großgartacher Zeit, die räumliche Ordnung der Siedlungen, die Hausarchitektur und die Grundlagen der Subsistenz keine weitreichenden Änderungen erfahren, sondern sich die Veränderungen im ideologischen Bereich finden. Und so sind auch die mit Gewalt und teilweise Aggression verknüpften Situationen oder Rituale am Ende der Bandkeramik vielleicht doch am ehesten mit einer ideologischen Krise zu verbinden, die weite Teile der bandkeramischen Bevölkerung erfasste und bislang ihren umfassendsten Ausdruck in den Ritualhandlungen von Herxheim findet.

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Gewaltphantasien? Kritische Bemerkungen zur Diskussion über Krieg und Krise am Ende der Bandkeramik Thomas Link

Zusammenfassung Das Bild vom Ende der Linienbandkeramik (LBK) in einer tiefgreifenden sozioökonomischen Krise und damit einhergehenden gewaltsamen Konflikten nimmt geradezu einen Gemeinplatz in der Kulturgeschichte des Neolithikums ein. Das ebenfalls überaus populäre Szenario eines regelrechten „Krieges“, der das gesamte Verbreitungsgebiet der LBK erfasst und zu ihrem Untergang geführt habe, ist jedoch weitgehend fiktiv. Es stützt sich nur auf sehr wenige Belege, die zudem teilweise einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Auch die anderen Aspekte des Krisenmodells bedürfen einer kritischen Revision und regional differenzierteren Betrachtung. Spuren der Gewalteinwirkung am archäologischen Fundgut sind nicht zwangsläufig als Zeichen von unkontrollierten Gewaltausbrüchen, Konflikten oder krisenhaften Ereignissen zu deuten. Das im Neolithikum weit verbreitete Vorkommen gezielt fragmentierter Objekte in verschiedensten Kontexten deutet vielmehr an, dass „Gewalt“ bzw. die „intentionelle Zerstörung durch physische Kraftausübung“ eine zentrale Rolle bei rituellen Handlungen spielte. Abstract: Fantasies of Violence? Critical Remarks on the Discussion of War and Crisis at the End of the Linear Pottery Culture The notion of a profound socio-economic crisis at the end of the Linear Pottery Culture (LBK) has virtually become a commonplace in the cultural history of the Neolithic. The popular scenario of a literal “war” that spread across the whole distribution area of the LBK causing its demise however is essentially fictional. It is based on very little evidence, partially not withstanding critical examination. The other aspects of the crisis model also demand critical revision and a regionally more differentiated view. Traces of violence in the archaeological material do not necessarily indicate outbursts of uncontrolled violence, conflicts or crises. The wide spread of deliberately fragmented objects in various neolithic contexts on the contrary indicates that “violence”, or rather “intentional destruction by applying physical power”, played a vital role in ritual actions.

Krieg oder Frieden? Ein forschungsgeschichtlicher Rückblick Bis in die 1980er und 90er Jahre hinein war das Bild des Neolithikums von der Vorstellung einer friedfertigen, egalitären Ackerbauerngesellschaft geprägt. Dieses Bild geriet jedoch durch die Entdeckung verschiedener Befunde mit offensichtlicher Gewalteinwirkung aus nahezu allen Phasen des Neolithikums

immer mehr ins Wanken und schlug zunehmend in das Gegenteil um. Inzwischen ist an die Stelle des Ackerbauernidylls die Vorstellung einer latent gewalttätigen Gesellschaft und immer wieder ausufernder kriegerischer Konflikte während des gesamten Neolithikums getreten. Insbesondere das Ende der Linienbandkeramik in einer umfassenden Krise und damit einhergehenden gewaltsamen Konflikten ist geradezu zu

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Link, Gewaltphantasien?

Abb. 1: „Rätsel um Gewalt und Tod“ und „Krieg oder Frieden“ – die Titel der beiden Ausstellungskataloge aus Asparn a. d. Zaya und Herxheim bringen die Diskussion der ausgehenden 1990er-Jahre auf den Punkt (links: Windl 1996; rechts: Häusser 1998).

einem Gemeinplatz in der Kulturgeschichte des Neolithikums geworden. Das inzwischen überaus populäre Bild vom „Krieg am Ende der Bandkeramik“ wird zwar im engeren Kreis der BandkeramikForschung durchaus kontrovers diskutiert, scheint aber außerhalb davon weitgehend unhinterfragt als Fakt akzeptiert zu werden. In verlässlicher Regelmäßigkeit wird der Untergang der Bandkeramik als das Paradebeispiel schlechthin für prähistorische Kriege angeführt – es scheint an der Zeit, dieses Bild etwas zurechtzurücken. 1983 erschütterte die Entdeckung des Massengrabs von Talheim (Lkr. Heilbronn, Baden-Württemberg) das bis dahin vorherrschende Bild vom friedfertigen neolithischen Ackerbauern nachhaltig (Wahl/König 1987; Wahl/Strien 2007; Wahl/Trautmann 2012; Strien u. a. in diesem Band). In einer Grube am Rand einer bandkeramischen Siedlung fanden sich die Skelette von mindestens 34 Individuen in regelloser Lage, die offenbar gleichzeitig in ein Massengrab eingebracht wurden. Zahlreiche unverheilte Schädelverletzungen legen die Deutung nahe, dass die meisten (oder alle) Bestatteten eines gewaltsamen Todes starben. Die Alters- und Geschlechtsverteilung

kommt derjenigen einer „lebenden“ Population nahe. Die Deutung des Talheimer Befunds als Massaker an einer ganzen Siedlungsgemeinschaft ist kaum von der Hand zu weisen – wie auch immer das genaue Geschehen zu rekonstruieren sein mag. Ebenfalls im Jahr 1983 begannen die Ausgrabungen in Asparn an der Zaya/Schletz (Bez. Mistel­bach, Niederösterreich). Im Laufe mehrerer Grabungskampag­ nen fanden sich in einem Grabenwerk der jüngeren Bandkeramik Skelette und Skelettteile in regelloser Lage (Windl 1996b; Windl 1999; Teschler-Nicola u. a. 1999; Teschler-Nicola u. a. 2006; TeschlerNicola 2012; Krenn-Leeb/Teschler-Nicola 2013, 19 f.). Zahlreiche Schädel weisen Spuren von Gewalteinwirkung auf. Wie für Talheim wird vom Ausgräber H. Windl und der anthropologischen Bearbeiterin M. Teschler-Nicola ein Überfall oder kriegerischer Konflikt angenommen, dem die vollständige Bevölkerung der Siedlung zum Opfer fiel (s. u.). 1996 rückten eine Ausstellung in Asparn a. d. Zaya und ein zugehöriger Katalog (Windl 1996b; Abb. 1, links) das gewaltsame Ende der Siedlung von Schletz und das Thema „Rätsel um Gewalt und Tod vor 7.000 Jahren“ in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit.

Gewalt und Gesellschaft. Tagung Würzburg 14.–16. März 2013

Als im selben Jahr die Grabung in Herxheim (Lkr. Südliche Weinstraße, Rheinland-Pfalz) begann, schien die Parallelität zu Schletz so naheliegend, dass unmittelbar ebenfalls eine Deutung als Massaker aufkam (Spatz 1998, 13–18). Das Begleitheft zu einer Ausstellung in Herxheim im Jahr 1998 brachte mit dem Titel „Krieg oder Frieden?“ eine der spätestens seit diesem Zeitpunkt zentralen Fragen zur Band­ keramik auf den Punkt (Häusser 1998; Abb. 1, rechts). Im Laufe der Grabung in Herxheim wurden jedoch die Unterschiede zu Schletz und Talheim immer deutlicher. Als plausibelste Deutung für Herxheim traten zunächst Sekundärbestattungen in den Vordergrund (Häusser u. a. 2004; Zeeb-Lanz u. a. 2006, 68; 77 f.; Zeeb-Lanz u. a. 2007, 201; 266 f.; Orschiedt/Haidle 2007, 161–166; Orschiedt/ Haidle 2009, 49 f.; Zeeb-Lanz 2009, 87–91; 95 f.; Orschiedt/Haidle 2012, 133). Ein neues anthropologisches Bearbeiterteam vermutet seit 2009 Kannibalismus, der das zentrale Element eines komplexen Rituals gewesen sei (Boulestin u. a. 2009, bes. 975–979; Zeeb-Lanz u. a. 2014, 33–37; 41–44). Derzeit scheint sich die Diskussion darüber hinaus in Richtung Menschenopfer zu verlagern (Zeeb-Lanz u. a. 2014, 37 f.; Zeeb-Lanz in diesem Band). Eine ganze Reihe weiterer Befunde, die hier nur schlaglichtartig referiert werden können, wurden seither ebenfalls im Zusammenhang mit gewaltsamen Konflikten am Ende der Bandkeramik diskutiert. Von 1994 bis 2002 wurden in der Grabenanlage der Siedlung von Vaihingen an der Enz (Lkr. Ludwigsburg, Baden-Württemberg) über 100 Skelette ausgegraben (Krause 1998). Relativ schnell wurde aber klar, dass Vaihingen weder mit Herxheim noch mit Schletz vergleichbar ist und es sich bei den Skeletten um „reguläre“ Bestattungen in einem älteren Graben handelt. Dennoch wird auch Vaihingen bisweilen in einem Zuge mit Talheim und Schletz (und Herxheim) bei der Ausgestaltung neolithischer Kriegsund Krisenszenarien angeführt (z. B. Beyneix 2007, 88 f.; Golitko/Keeley 2007, 335). Im Jahr 1998 fanden sich in Wiederstedt (Lkr. Mansfelder Land, Sachsen-Anhalt) in einer Siedlungsgrube zehn Skelette in regelloser Lage (Meyer u. a. 2004). Die Verstorbenen gelangten offenbar gleichzeitig in ein Massengrab. Beigaben sind nicht vorhanden. Der sich zwangsläufig aufdrängende Vergleich mit Talheim ist damit aber bereits erschöpft: Anders als in Talheim fanden sich in Wiederstedt keinerlei Spuren gewaltsamer Todesumstände. Als Hintergrund ist eher ein Unglücksereignis oder

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eine Epidemie anzunehmen (Meyer u. a. 2004, 52–54). Skelette bzw. Skelettteile in Siedlungsgräben kommen in der Bandkeramik immer wieder vor. Eines der neuesten und interessantesten Beispiele stammt aus Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis, Hessen). In einem nur 7,5 m langen Grabenabschnitt fanden sich mindestens 27 vollständige Skelette von Männern, Frauen und Kindern in regelloser Lage (Schwitalla/Schmitt 2006; Meyer u. a. 2013, 117–120). Die anthropologische Bearbeitung ist noch nicht veröffentlicht, für einige der Individuen werden aber perimortale Traumata angeführt. Diese betreffen vor allem die Langknochen, eine eventuell tödliche Schädelverletzung ist nur in einem Fall namhaft zu machen (Meyer u. a. 2013, 118). Auch wenn in Kilian­städten möglicherweise ein gewaltsamer Konflikt ausgetragen wurde, so sind die Unterschiede zum Massaker von Talheim mit seinem hohen Anteil von Schädeltraumata doch offensichtlich. Darüber hinaus repräsentiert der Befund von Kilianstädten keineswegs das kriegerische Ende der Siedlung oder gar der lokalen Bandkeramik – jüngere bandkeramische Gruben über dem Grabenbefund belegen vielmehr, dass der Platz nach dem Ereignis weiter besiedelt blieb (Schwitalla/Schmitt 2006). Mit den Skeletten sind Keramik und Steingeräte vergesellschaftet, die von den Bearbeitern als Teil der Verfüllung und nicht als Grabbeigaben angesprochen werden – mit Blick auf die Befundkomplexe von Herxheim ist aber zu fragen, ob diese Unterscheidung immer so eindeutig getroffen werden kann bzw. inwiefern sie der Intention der zugrundeliegenden Handlung gerecht wird. Eine Deutung von Kilianstädten im Kontext von (mehrstufigen) Bestattungssitten erscheint jedenfalls vorerst nicht ausgeschlossen; für eine detaillierte Bewertung des Fundkomplexes bleibt seine vollständige Publikation abzuwarten. Dass Massengräber keine an die Bandkeramik und ihr mutmaßlich kriegerisches Ende gebundene Erscheinung sind, zeigt ein der frühen Lengyel-Kultur angehörendes Beispiel aus Esztergályhorváti (Zala Megye, Transdanubien, Ungarn) (Zoffmann 2007). Eine 1994 bei einer Notbergung dokumentierte Grube enthielt mindestens 38 Individuen. Bemerkenswert ist, dass es sich ausschließlich um Männer zu handeln scheint. Insbesondere aus diesem Grund wurde eine Deutung als Relikt einer kriegerischen Auseinandersetzung vorgebracht (Zoffmann 2007, 56). Da jedoch Spuren von Traumata nur an zwei

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Link, Gewaltphantasien?

Schädeln belegt sind