GreenBuilding – Ein Ansatz für ganzheitliche Gebäude? Impulse für

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GreenBuilding – Ein Ansatz für ganzheitliche Gebäude? Impulse für die Branche – Ein Ausblick

Dieter Leipoldt Dipl.-Ing. Partner & Geschäftsführender Gesellschafter EB – Partner GmbH & Co. KG Nürnberg, Deutschland

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GreenBuilding – Ein Ansatz für ganzheitliche Gebäude? Impulse für die Branche – Ein Ausblick In den letzten Jahrzehnten waren wir uns in Deutschland einig gewesen: Wir haben im Bauen einen der höchsten Standards weltweit hinsichtlich Qualität und Sicherheit - in Planung, Bau und Ausbildung. Wir haben bereits über Energieeffizienz für Gebäude nachgedacht, als andere Ressourcenknappheit und Erderwärmung als Panikmache einiger Wissenschaftler deklariert haben. Deutsches Ingenieurwesen hatte sich in der Welt einen Ruf als Land mit führenden, hoch spezialisierten Fachkräften erarbeitet. Dieser Ansatz zur Spezialisierung spiegelt sich in vieler Hinsicht auch in der Baubranche wieder. Sei es in der Strukturierung der Ausbildung, der Aufteilung nach Gewerken oder bei der Vergabe nach Ausschreibungen gemäß der neuen HOAI, in der Aufgabenteilung und Abwicklung von Projekten oder dem Verbandswesen. Seit Jahren reden wir über integrale Lösungsansätze, nur leben tun wir sie nicht. Fast hätten wir hier durch Selbstüberschätzung und fachspezifischen Tunnelblick den Anschluss an weltweite Strömungen verpasst. Der neuen Komplexität der umweltspezifischen Problemstellungen lässt sich heute nur durch die Kombination aus neuen Planungsansätzen, innovativer Gebäudetechnik und Materialien begegnen. Allerdings erreicht man die angestrebte, optimierte Gesamtbilanz nur, wenn man dabei das Gebäude als eine Einheit in sich und mit seiner Umgebung über seine gesamte Lebensdauer betrachtet. Abgekoppelt von politischen Vorgaben und Zielrichtungen haben sich so weltweit Netzwerke gebildet, die den Wertewandel und die neue Verantwortung gegenüber der Umwelt und Gesellschaft durch die Entwicklung und Etablierung freiwilliger Standards unterstützen wollen. Wir sollten diese neuen Ansätze als Chance für neue Formen der Zusammenarbeit und für eine verstärkte Implementierung von Innovationen sehen.

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GreenBuilding

1.1. Philosophie

Abbildung 1: Grundanforderungen an Bauwerk

Die Philosophie des GreenBuilding stellt den Menschen als seinen Nutzer und seine gewonnene Lebensqualität in den Mittelpunkt aller Maßnahmen. Das Gebäude wird gleichermaßen als in sich geschlossene Einheit gesehen, die sich nahtlos in seine Umwelt eingegliedert. Die Performance von GreenBuildings wird leider immer noch oft fälschlicherweise nur auf den Begriff Energieeffizienz reduziert. Dieser Rückschluss drängt sich einem durch Programme wie das EU-GreenBuilding Programm auf, die aber nicht den ganzheitlichen Anspruch der GreenBuilding Philosophie reflektieren.

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Für die Realisierung von GreenBuildings kommt daher eine Bandbreite an Bewertungsparameter mit der Zielsetzung Schutz von Ressourcen und der globalen Umwelt, der Schaffung eines menschengerechten Umfeldes für eine bessere Gesundheit und Behaglichkeit der Nutzer für den Erhalt von Werten zum Tragen. Hierfür bewerten die gängigen Zertifizierungssysteme die wesentlichen Einflussfaktoren und fassen diese in eigene Kategorien zusammen. Dabei ergeben sich neue Anforderungen an die technische Umsetzung zur Einhaltung der neuen Richtwerte. Diese wiederum haben direkte Auswirkungen auf die bestimmenden Elemente von Architektur über eingesetzte Materialien über die Technik bis zum realen Verbrauch an Resourcen.

Abbildung 2: Bestimmende Elemente eines Gebäudes

Kernpunkt dieser Philosophie ist deshalb das frühzeitige Erarbeiten und Festlegen von Zielwerten, die die Eckpunkte des nachhaltigen Gebäudes bilden und über einen integralen Planungsprozess mit Hilfe aller Beteiligten erreicht werden sollen. Im Idealfall werden mehrere Lösungsvarianten diskutiert und unter Aufwands-, Investitions- und betriebstechnischen Gesichtpunkten ausgewählt. Die Optimierung der Lösungsansätze für einen effizienten Gebäudebetrieb steht im Vordergrund. Diese Sichtweise sieht ein Gebäude ganzheitlich, und bezieht deshalb in die Betrachtung alle Gebäudephasen von der Planung über den Betrieb bis zum Rückbau mit ein – den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.

Abbildung 3: Zertifizierungssystem nach LEED

Abbildung 4: Zertifizierungssystem nach DGNB

1.2. Nachhaltigkeit Es ist aktuell mehr als „IN“ nachhaltig zu sein. Dabei durchläuft das Wort einen ähnlich revolutionären Kristallisierungsprozess wie die Begriffe Ökologie, ökologische Produkte oder Bioprodukte, die sich einerseits durch den Markt und andererseits durch die Anforderungen der Nutzer definieren und weiterentwickeln mussten. Die neue Generation der ökologischen Zielgruppe die Lohas, Lifestyle of Health and Sustainability, hat nichts mehr mit den ökologischen Fundamentalisten der frühen 80ziger Jahre zu tun, die sich für Ökologie zu einer asketischen Lebensweise kommittet hatten.

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Die Lohas wollen zwar ‚Gutes tun und verantwortungsvoll leben’, geben dabei aber ihrer Lebensqualität den höchsten Stellenwert und sind zukunftsorientiert, offen für den optimalen Mix aus innovativen und bewährten Lösungen. In ihrer Lebensvision widersprechen sich Hochtechnologie und Nachhaltigkeit nicht, sondern bedingen einander zur Effizienzsteigerung und Realisierung neuer, moderner Lösungsansätzen. Parallel verhält es sich in ihrer Branche mit der Blockhaussiedlung auf der grünen Wiese, die wir suggestiv auf den ersten Blick mit dem Begriff eines grünen Gebäudes verbinden würden, aber uns dabei von der Realität blenden lassen. Könnte nicht ein modernes Hochhaus mit spiegelnder Glasfassade in der Münchner Innenstadt vergleichsweise einen höheren Nachhaltigkeitsfaktor erzielen? Für die Nachhaltigkeit eines Gebäudes ist die Summe aller Faktoren, das heißt die Gesamtbilanzierung ausschlaggebend, die auch die direkte Umwelt in Hinsicht auf den Standort und die vorhandene Infrastruktur in eine Bewertung mit einbezieht. Zu der einheitlichen, vergleichbaren Standardisierung über eine Kopplung von ökonomischen und ökologischen Faktoren tragen die Zertifizierungslabels mit der jeweiligen Bewertungsmatrix ihrer Kriterienkataloge bzw. Steckbriefe bei. Der forsthistorische Begriff eines in sich geschlossenen Produktkreislaufes wurde so weiterentwickelt und angepasst. Darüber hinaus zählen heute zur Nachhaltigkeit Effizienzsteigerung, Prozessoptimierungen bis hin zur autarken Selbstversorgung und Energieerzeugung über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes.

2.

Zertifizierungssysteme

Alle Zertifizierungssysteme – vom amerikanischen LEED über BREEAM in England, CASBEE in Japan, HQE in Frankreich und Green Star in Australien - verfolgen die Zielsetzung, die Nachhaltigkeit von Gebäuden qualifiziert zu quantifizieren und Gebäude als eine Einheit in ihrer Umwelt zu betrachten. Dabei greifen diese Systeme stets auf die jeweiligen, landestypischen Standards und Vorschriften wie beispielsweise ASHRAE für die USA oder DIN- bzw. EN-Normen in Deutschland zurück. Zusätzlich drängen in den letzten Monaten eine Vielzahl an neuen Zertifizierungssystemen für spezielle Gebäudetypen oder von Institutionen wie z.B. dem TÜV, Hochschulen und Verbänden auf den Markt. Gleichzeitig haben das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), wissenschaftlich begleitet durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), in Anlehnung an die Systematik der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB), einen ersten Kriterienkatalog zur ganzheitlichen Betrachtung und Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten für Gebäude entwickelt.

Abbildung 5: Logo des Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude (BNB) (Quelle: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung)

Mit dem neuen Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude BNB des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung wird der Leitfaden Nachhaltiges Bauen des BMVBS durch ein ganzheitliches quantitatives Bewertungsverfahren für Büro und Verwaltungsbauten ergänzt.

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Diese Zertifizierungssysteme sind heute ein geeignetes Mittel über das erzielte Label oder die Medaille eine Vergleichbarkeit zu erzielen – auf nationaler und internationaler Ebene. Noch ist ein Zertifikat nach DGNB-Standard nicht für alle Gebäudetypen zu erlangen, aber viele Zertifizierungssystemvarianten für neue Gebäudetypen befinden sich bereits in der Pilotphase. Trotzdem wird noch einige Zeit vergehen, um mit anderen Systemen wie LEED oder BREEAM und deren Flexibilität gleichziehen zu können. Diese beiden weltweit angewandten Systeme verfügen über ein großes Erfahrungspotential. Außerdem orientieren sich diese Zertifizierungssysteme kontinuierlich an dem technischen Fortschritt, passen gemäß neuer Marktanforderungen ihre Systeme an und entwickeln stetig weitere Systemvarianten die kommende Portfoliozertifizierung bei LEED. Gleichzeitig haben sie versucht nach dem Prinzip „Keep-it-simple“ ein hohes Maß an Transparenz zu erhalten. So hat LEED in 2009 die Punkteskala der einzelnen Systemvarianten angeglichen und in Teilbereichen seine Grenzwerte den technischen Möglichkeiten bzw. neuen Normen angepasst, um so das Qualitätsniveau zu halten. Während bei DGNB sehr viele spezielle Gebäudetypen angedacht sind, konzentriert sich LEED auf einige wesentliche und versucht damit eine hohe Marktdurchdringung zu erreichen. Die Zeit der Pilotprojekte wird demnächst auch in Deutschland vorüber sein und man muss sich den realen Marktbedingungen stellen. Erst dann wird sich die Marktakzeptanz zeigen und heraus kristallisieren, wer bereit ist für ein Label zu bezahlen.

2.1. Ein Mehrwert – Chancen und Risiken? Am Anfang jedes Bau- und Planungsvorhabens steht die Frage: Was will der Kunde? Will er ein Grünes Gebäude aus Überzeugung und verfolgt er einen ökologischen Ansatz? Wie detailliert soll sich dies im Gesamtkonzept widerspiegeln? Bezieht sich seine Sichtweise nur auf den Energieverbrauch oder greift er die komplette Bandbreite der Thematik auf? Will er auch einen Mehrwert an weichen Faktoren wie Raumluftkomfort? Wie weitsichtig im Ansatz ist seine Perspektive in Bezug auf den Lebenszyklus eines Gebäudes und möchte er für sein Gebäude ein Optimum an technischer Lösung erzielen? Und schließlich kommt man an den finalen Punkt: Möchte er diese Mehrwerte durch ein Zertifikat bestätigt bekommen? Oder muss er Sie gar gegenüber anderen Beteiligten vorweisen können! Bei dieser Entscheidung spielen weitere Punkte wie die Größe des Objektes, seine regionale und überregionale Bedeutung, die angestrebte Vermarktungsstrategie oder der Firmencodex der Besitzer oder Mieter eine Rolle. Eine Zertifizierung bestätigt gegenüber Bewohnern, Interessenten und Öffentlichkeit den ökologischen Wert des Gebäudes. Durch die nachhaltige Planung werden Ressourcen geschont, Betriebskosten reduziert, der Nutzwert erhöht und man geht davon aus, dass damit der Gesamtwert einer Immobilie gesteigert wird. Die Zertifizierung soll zudem die mögliche Wertentwicklung vergrößern – durch die Quantifizierung der Kapitalrendite für ökologisches Design, Konstruktion, Systeme und Materialien. Architekten, Ingenieure, Besitzer und Bauherr sollen mit LEED oder dem DGNB-Gütesiegel ein praktisches Instrument, eine Leitfaden erhalten, anhand derer sie Immobilien als eine Einheit ökologisch planen und umsetzen können. Um an dieser Stelle eines klarzustellen: Eine Zertifizierung ist nicht Voraussetzung für eine nachhaltige Immobilie, hierfür gibt es insbesondere in Deutschland seit vielen Jahren positive Beispiele. Allerdings ist ein Zertifizierungssystem ein effizientes „Werkzeug“, welches der Komplexität der Anforderungen an ein nachhaltiges Gebäude sowie dem Planungs- und Bauprozess gerecht wird. Fachkundig angewendet gibt es dem Bauherrn und dem Planungsteam in jeder Phase der Erstellung des Gebäudes Anleitung und Sicherheit, um letztendlich eine hohe Qualität zu gewährleisten und die Zielsetzung des Bauherrn zu ereichen.

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Nach der Immobilienkrise von 2008 werden auch Zertifizierungen realistischer bewertet. Vorbei die Zeiten, in denen Gebäude durch die Verleihung eines Zertifikates eine exorbitante Wertsteigerung oder einen überdimensionierten Verkaufswert erzielt haben. Man spricht jetzt über eine langfristige Wertstabilisierung anstatt über Wertsteigerungen. Nichtsdestotrotz haben sich einige Zertifizierungssysteme zu einem geforderten bis hin zu einem etablierten Standard im Bereich der Immobilienfonds entwickelt. Unternehmen mit einem internationalen Investmentportfolio wie Union Investment, Projektsteuerer wie Vivico oder Konzerne mit weltweiten Standorten wie beispielsweise die Siemens AG nutzen dies für internes und externes Rating. Gleichzeitig setzen große Unternehmen mit einer CSR, Corporate Social Responsibility, als Teil ihres Unternehmensleitbildes für ihre eigenen Unternehmenssitze oder bei der Suche nach neuen Standorten auf Nachhaltigkeit. Entsprechende Beispiele sind CocaCola als Mieter des Zwei-ScheibenHauses in Ratingen oder das neu eröffnete Frankfurter Rechenzentrum des Bankriesen Citi Group. Als Teil des eigenen Marketings sind diese Global Player bereit, sich das Alleinstellungsmerkmal des Prestigeprojektes etwas kosten zu lassen. Aktuelle Doppelzertifizierungen nach LEED und DGNB wie bei dem Tower 185 von Vivico oder den GreenTowers der Deutschen Bank in Frankfurt werden auch in Zukunft Ausnahmen bleiben. Sollten zukünftig zum Beispiel über gesetzliche Vorgaben Zertifizierungen zu Pflichtleistungen werden, so dürfte dieses Qualitätsprofil natürlich an seiner Außergewöhnlichkeit verlieren und zu einem Mindeststandard degradieren. Der deutschen Normen und Regelungsvorliebe zum Trotz bedarf ein GreenBuilding nicht unbedingt einem Zertifikat und auf der anderen Seite leben diese Zertifikate in ihrer Qualität und Akzeptanz eben gerade durch den Tatbestand der Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit, die einen indirekten Wettbewerb über das einhergehende Marketing beflügelt. Außerdem darf man nicht unterschätzen, dass das Lebenselexiers der Zertifikate ihre Transparenz ist. Nur was offen kommuniziert wird und nachvollziehbar bleibt, ist wertbeständig. Je komplexer ein System wird, desto geringer wird seine Akzeptanz werden und das angestrebte Ziel eines Qualitätszuwachses durch übertriebenen Perfektionismus dürfte verpuffen. Offenheit und Kommunikation tragen zur Marktdurchdringung bei. Dies lehren uns insbesondere das amerikanische LEED-System und BREEAM mit ihren weltweiten Verbreitungsgraden und den länderspezifischen Adaptionen wie aktuell in Italien (LEED) und den Niederlande (BREEAM).

2.2. Mit oder ohne – der Bestand ist die Herausforderung Werden Entscheidungen „pro“ Zertifizierungen bei Neubauten frühzeitig getroffen, so stellt dies für alle Beteiligten in der Regel kein Problem dar, da genügend Stellschrauben und Optionen für die Zielerreichung vorhanden sind. Unsere Herausforderung für die Zukunft sind die Gebäude im Bestand mit unseren Bausünden der letzten 30 Jahre. Über 50% aller Gebäude entstanden vor 1990 und deshalb wird die Bestandssanierung in den kommenden Jahren in den Mittelpunkt rücken. Die großen Bauvolumen der Zukunft sind die Revitalisierung, die Nachverdichtung und der Neubau im meist mehrgeschossigen Bestand in urbaner Lage, der somit auch Bestandteil der Thematik nachhaltiger Stadtentwicklung ist. Angefangen mit der Sanierung der Gebäudehülle über energetische Verbesserungen bis hin zu einem modernen, an neue Nutzungsanforderungen angepasst Gebäude mit entsprechendem Innenausbau wartet ein umfangreiches Arbeitsgebiet mit vielen unbekannten Faktoren auf uns. Hier gestaltet es sich weitaus schwieriger eine Vergleichbarkeit über ein festgelegtes Raster zu erzielen. Da wären zum Einen die unterschiedlichen technischen Lösungen aus Jahrzehnten und unveränderbare bauliche Rahmenbedingungen bis im extremsten Fall zu Denkmalschutzauflagen. Neben einer detaillierten Bestandsaufnahme ist die weitere Nutzung für das bauliche Konzept mit entscheidend.

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Für den Teilumbau oder Erweiterungen können die Anforderungen der bisherigen Steckbriefe in leicht veränderter Form adaptiert und übernommen werden. Trotzdem muss in erster Linie über den Ausprägungsgrad der Umbaumaßnahmen eine Staffelung stattfinden. Je nachdem werden bei LEED Gebäude weiterhin als Neubau LEED NC (New Construction) oder als Bestandsbau LEED EB (Existing Building) bis hin zur einer Totalentkernung mit anteiligem Mieterausbau als LEED CS (Core and Shell) behandelt. Gleichzeitig stellt sich auch die Frage inwieweit man den neuen Investor zur Erlangung eines Labels für die Bestandimmobilie zur Rechenschaft zieht. Gerade im Hinblick auf die Materialverwertung und das vorgeschriebene Recycling oft ein schwieriges Unterfangen aufgrund mangelnder Datengrundlage. Die Technik und die Bausubstanz sind in die Jahre gekommen ohne Frage, aber wie Bestanderfassungen zeigen muss dies - auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit – nicht immer zu einem kompletten Austausch der Anlagentechnik führen. Aus den hier auftretenden Problemstellungen kann und sollte man für zukünftige Bauten beispielsweise in Bezug auf die Dokumentation und Materialverwendung lernen.

3.

Holz – Ökologisch und nachhaltig?

Die deutschen bauzeitung 10-2009 brachte es genau auf den Punkt und beschriebt damit gleichzeitig das Problem ihres Baustoffes: Holz der „Emotionsbaustoff“. Warum muss man überhaupt darüber nachdenken, ob dieser Wertstoff nachhaltig ist? – Weil erklärtermaßen sich hinter dem Begriff Nachhaltigkeit mehr als eine reine Kreislaufwirtschaft und CO2-Neutralität verbirgt. Ähnlichen Diskussionen mussten sie sich schon stellen, als es um eine Ausweisung einer nachhaltigen Forstbewirtschaftung mit dem FSC-Siegel ging oder die Gartenmöbel aus Tropenhölzern – zertifiziert oder nicht – diese in ihrer Gesamtbilanzierung mit einem Makel behaftet wurden.

3.1. Relevante Materialeigenschaften Nicht immer sind reine Holzbauten die wirtschaftlichste Methode - beim Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert mag dies so gewesen sein, aber auch da griff man zu Notlösungen und unbewusst zu - nach heutigen Gesichtpunkten der nachhaltigsten Lösung - und nutzte vorhandene lokale Produkte, da der Transport zu teuer oder nicht möglich war. So entstand die Bandbreiten an regionsspezifischen Bauarten - gab es keinen Schiefer für das Dach, nahm man Holzschindel. Auch der Baustoff Holz ist einem Wandel unterworfen und muss sich stetig beweisen und austesten lassen, sich zusätzlich seine urtypischen Materialeigenschaften ins Gedächtnis rufen und sich im Konkurrenzkampf mit anderen Materialien beweisen. Es gibt weit mehr Aspekte für einen Holzbau als nur ökologische und bauphysikalische Gründe wie sein geringes Gewicht, seine Eigenschaften und Lebensdauer als unbehandelter Rohstoff, seine regionale Verfügbarkeit in unseren Breiten, seine Dammeigenschaften, die mit gewöhnlichem Stahlbeton oder Mauerwerk nicht in der Dicke zu erfüllen sind oder die Innenraumakustik. Zusätzlich ist Holz ein CO2-neutraler Brennstoff und kann als Natur belassenes Material einer thermischen Verwertung zugeführt werden. Trotzdem hat der Baustoff gegenüber anderen Materialien wie Beton eine wesentlich geringere Wärmespeicherfähigkeit und deshalb ist das sommerliche Raumklimaverhalten in der Planung gesondert zu betrachten und ein darauf abgestimmter Lösungsansatz zu entwickeln. Zwischenzeitlich bieten sich immer neue Einsatzmöglichkeiten, weil beispielsweise nach der neuen Norm EN 13501 materialbezogene Aspekte der Brandschutzanforderungen entfallen oder Materialkombinationen wie Deckenkonstruktionen im Holz-Beton-Verbund durch Änderungen in der DIN 1052 einfacher umgesetzt werden können.

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3.2. Mit neuen Eigenschaften in den Himmel wachsen Die Vielzahl an Pilotprojekten im Holzbau und kombinierter Systembauweise mit anderen Werkstoffen hat gezeigt, dass sich hier neue Möglichkeiten erschließen lassen. Holz ist nicht nur ein idealer Baustoff mit einem etablierten Wissensstand im Bereich der Einfamilienhäuser und mehrgeschossigen Wohnbauten. In diesen Gebäudetypen ist die Bereitschaft für Investitionen für Zertifizierungsmaßnahmen vergleichsweise als gering einzustufen. Aber man kann höher hinaus und mit dem Werkstoff im Verbund ungeahnte Formengebungen in der Architektur realisieren, die in keinster Weise etwas mit dem traditionellen Bauernhaus oder der Blockhütte aus Kanada zu tun haben. In ganz Europa wachsen Holzbauten in den Himmel und mit zukünftig 17 Stockwerken soll das Barentshaus in Kirkenes mit seinem neuen Rekord den Holzbau voranbringen. Der Architekt Reiulf Ramstadt experimentiert dabei mit seinem Team der RAA aus Oslo in seinen Entwürfen in ungeahnter Formenvielfalt mit dem Werkstoff Holz. Einige der neuen Holzwolkenkratzer sind dabei durch die neue Formengebung der Architekten als solche im herkömmlichen Sinn nicht mehr zu erkennen und werden entsprechend der GreenBuilding Philosophie integral geplant und realisiert. Über Systembauweise mittels Holzbaukastensystem oder mit einem umfassenden Gebäudekonzept für Konstruktion, Gebäudetechnik und Fassade mit Holz als Grundelement oder Teilelement entstehen nachhaltige Gebäude. Die gesamte Einsatzbreite ist dabei noch ein wohl gehütetes Branchengeheimnis – arbeiten Sie an der Bekanntheitssteigerung.

3.3. Eine Marktoffensive Holz muss sich von seinem Traditionsimage befreien und sich als innovativer Werkstoff begreifen und verkaufen. Überschreiten Sie die Grenzen und wagen Sie den Schritt zu kooperativen Architekturansätzen und im Materialverbund. Werden Sie gemeinsam erfolgreich und steigern Sie so ihr Potential. Nehmen Sie beispielsweise den aktuellen Erfolg des Decathlongewinns von Herrn Professor Hegger und seinem Team. Streifen Sie mit den Erfolgen aus vielen Pilotprojekten das Image einer traditionellen nicht innovationsverdächtigen Branche ab. Nutzen sie dabei die Anforderungen an sogenannte weiche Faktoren wie der Raumluftqualität oder dem Wohlfühlfaktor bei GreenBuildings. Es reicht nicht mehr nur aus, einer der umweltfreundlichsten Baustoffe zu sein. Stellen Sie sich zum Einen dem Materialkampf der Eigenschaften und gehen Sie anderseits auf Tuchfüllung mit anderen Disziplinen im Verbund. Als nachhaltig ist in ihrer Branche auch der hohe Vorfertigungsgrad mit seiner exakten Ausführung zu bewerten. Dieser führt zu einem hohen Maß an Passgenauigkeiten ohne den Einsatz chemischer Zusatzstoffe wie Dichtungsschäumen und dient der wirksamen Vermeidung von Wärmebrücken. Die Dichtheit der Gebäudehülle führt durch eine Minimierung von Lüftungswärmeverlusten zu guten Energieeffizienzwerten.

4.

Zukunftsaussichten – Wo stehen wir 2015?

Ob mit Zertifikat oder ohne – wir kommen heute an der Philosophie von GreenBuilding nicht mehr vorbei. Wir müssen lernen individuelle standortspezifische Lösungen zu erarbeiten und dabei eventuell alle, am Bau Beteiligen, für ein gemeinsames Ziel Abstriche machen. Es ist ein erneuter Aufruf für eine neue Form der Zusammenarbeit über die eigenen, spezialisierten Diszipline hinweg. Unsere tägliche Arbeit als Ingenieurbüro bringt es unabhängig von der Projektgröße stetig an das Tageslicht: Vernetztes technisches Denken tut Not! Spätestens wenn die Gebäudeautomation mit Fragen bezüglich der Vernetzung auf die Teildiszipline zukommt, werden wir uns bewusst wie engstirnig die aktuellen Sichtweisen sind und wie wir von einander abhängen. Dadurch wurden bis dato viel an Optimierungspotential verspielt.

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Mit neuen Materialien und deren ungeahnten Eigenschaften, mit neuer Technik und den Vernetzungs- und Steuerungsmöglichkeiten lassen sich nicht nur neue Zielwerte einfacher erreichen, sondern wir können den Menschen als verantwortungsvollen Nutzer in den späteren Betrieb einbinden und im weitere Entscheidungsmöglichkeiten und Wahlfreiheiten anbieten. Er kennt die Eckwerte seines Gebäudes. Über moderne Technik ist er immer auf dem aktuellen Stand und kontrolliert die Auswirkungen seines Tuns. Die Gebäudeautomation steuert heute viele Aspekte von der Raumlufttechnik über Licht und Verschattung, trägt zur Optimierung der Technik bei und so indirekt zur Steuerung des Gesamtenergieverbrauch und der Gebäudeeffizienz. Sie verzahnt die technischen Rädchen im System von der Vernetzung und Steuerung der Einzelkomponenten bspw. über Bewegungssensoren, die Raumluftqualität und trägt zur optimalen Nutzung von Energieträgern und zur Stromeinsparung bei. Es gibt immer eine Varianz an Wegen, die zum Ziel führen und oft ist es eine Mischung aus den zwei besten Lösungen. Auch ökologische Werkstoffe wie Holz sind nicht in dem Maße unendlich ubiquitär verfügbar, so dass sie den Anforderungen nach Nachhaltigkeit gerecht werden würden. Das Rückbesinnen auf adäquate regional typische Materialien in einer Kombination mit neuester Technik ist für mich die Lösung. Tradition ist gut, aber sind sie auch offen für neue Ansätze und einen intensiven Erfahrungsaustausch. Sind sie neugierig und befassen Sie sich mit fremden Disziplinen – von PCM (Phase Changing Materials) bis hin zur Gebäudeautomation. GreenBuildings leben von dem Zusammenspiel der einzelnen Faktoren und dem ressourcenschonenden Umgang, denn wie im Recycling gilt, Vermeidung und Nichtverbrauch ist der Königsweg.