gutachten - Radolfzell zur NS-Zeit

gutachten - Radolfzell zur NS-Zeit

GUTACHTEN ZU PAUL VON LETTOW-VORBECK (1870-1964) MAX IMMELMANN (1890–1916) OSWALD BOELCKE (1891–1916) vorgelegt von Heike Kempe, M.A. Oktober 201...

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GUTACHTEN

ZU

PAUL VON LETTOW-VORBECK (1870-1964) MAX IMMELMANN (1890–1916) OSWALD BOELCKE (1891–1916)

vorgelegt von

Heike Kempe, M.A.

Oktober 2012

Heike Kempe, M.A. Universität Konstanz Fachbereich Geschichte und Soziologie AG Prof. Dr. Sven Reichardt 78457 Konstanz Email: [email protected]

Anlass und Gegenstand des Gutachtens

Ehre, wem Ehre gebührt! Vier Straßen in der Stadt Radolfzell wurden in letzter Zeit Gegenstand „heftiger“ Diskussionen. Angestoßen wurde die Debatte durch die Arbeit des Schülers Max Uhlemann, der sich im Rahmen des Geschichtswettbewerbs der Körber-Stiftung unter dem Motto „Skandale“ mit dem Thema Straßennamen beschäftigt hatte. Im Auftrag der Stadt Radolfzell galt es, die vier Personen, die den betreffenden Straßen als Namenspatrone dienten, auf wissenschaftlicher Basis zu überprüfen. Diese sind der Ostafrikakämpfer Paul von Lettow-Vorbeck, die beiden Flieger aus dem Ersten Weltkrieg Max Immelmann und Oswald Boelcke und schließlich General August Graf von Werder, der nach dem DeutschFranzösischen Krieg als „Retter von Baden“ gefeiert wurde. Da die Benennung von drei der vier Straßen während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte, erscheint es sinnvoll zunächst einen kurzen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Straßenbenennungen, insbesondere aber der Namensgebungspraxis während der NS-Zeit sowie den Grundlagen der anschließenden Entnazifizierung zu geben. Im Anschluss folgt die Betrachtung der Benennungspraxis ab 1933 sowie der Um- bzw. Rückbenennungen nach 1945 in der Stadt Radolfzell. In vier weiteren eigenständigen Kapiteln werden schließlich die vier zu untersuchenden Personen in den Blick genommen sowie die aktuellen Diskussionen in anderen Städten im Hinblick auf diese Personen vorgestellt.

Teil 1

Zur Benennung von Straßen

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemein

2

1.1 „Machtergreifung durch Namen“ Funktion und Straßenbenennungspraxis im Nationalsozialismus 1.2 Entnazifizierung und Entideologisierung nach 1945

3 6

2. Radolfzell 2.1 Straßenbenennung während der NS-Zeit in Radolfzell

8

2.2 Um- und Neubenennungen nach 1945

10

Zusammenfassung

11

Übersicht über die Um-, Neu- und Rückbenennungen in Radolfzell (1933 bis 1945)

12

Literatur

14

1. Allgemein Im Mittelalter bis weit in die Neuzeit entstanden Straßennamen aus freien Bezeichnungen innerhalb der alltäglichen Kommunikation. Ein starkes Anwachsen der Städte im Zuge der industriellen Revolution, die Ausweitung der Verwaltung auf immer neue Lebensbereiche sowie nicht zuletzt durch die immer stärker werdende Teilnahme der Bevölkerung an der schriftlichen Kommunikation führten dazu, dass die Orientierungsfunktion der Straßennamen, ihre Einprägsamkeit und gute Memorierbarkeit immer mehr in den Vordergrund traten.1 Rationalisierung und Zweckdenken setzen sich durch, so dass die städtischen Behörden schließlich dazu übergingen, neu angelegte Straßen von vornherein mit einem Namen zu versehen. Daraus entwickelte sich nicht nur ein neues Betätigungsfeld für die entsprechenden städtischen Organe, sondern leitete auch eine grundsätzliche Veränderung der inhaltlichen Struktur der Straßennamen ein. Solange die Straßennamen aus freien Bezeichnungen entstanden, waren sie in zweierlei Hinsicht stark eingeschränkt. Entweder wurden vorhandene

1

Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.141.

2

Arealnamen genutzt oder der Name bezog sich auf die griffigen Eigenschaften der Straße.2 Indem die Benennung durch ein städtisches Organ bestimmt wurde, waren der Namensfindung nun keine Grenzen mehr gesetzt. Dies eröffnete die Möglichkeit die Straßennamen über ihre ursprüngliche Funktion hinaus zu instrumentalisieren.3 Für Bake sind die modernen Straßenbenennungen daher „Seismograph für politische Strömungen“, d.h. aus der Veränderung eines bestehenden Herrschaftssystems resultieren oftmals weitgehende Umbenennungsaktionen.4 Diese wertet Heuser als einen Versuch, die „unerwünschte“ Vergangenheit auszuradieren oder die politische Symbolik umzukodieren. Deutliche Brüche in der politischen Namensgebung markieren etwa die Übergänge des Kaiserreiches zur Weimarer Republik, zur Zeit des Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit und bei Auflösung der DDR. Kettner merkt in diesem Zusammenhang an, dass die im vergangenen Vierteljahrhundert entstandenen neuen Namen mehr als nur nominative Funktion hätten, sondern vielmehr ideologische und erzieherische Werte verkörpern.5 So dienen sie als Medium zur Verbreitung von Ideen, Vorstellungen und Wünschen der Namengeber, also zu „Instrumenten offener oder verdeckter politischer Propaganda und Werbung“.6 Nach Azaryahu ist jede „groß angelegte Umbenennung abhängig von dem besonderen Kontext der Zeit“.7 Im Hinblick auf die Wirksamkeit politischer Straßennamen auf das Alltagsleben hebt hingegen Martens hervor: „Wenn das Wissen über den Namen verloren geht, geht auch die politische Wirksamkeit des Namens verloren. Politische Straßennamen funktionieren als politische Namen [...] nur zur Zeit der Namensgebung und kurze Zeit danach. Später sind sie allenfalls noch Zeugen für die politischen Wünsche früherer Generationen“. Erzieherisch kann ein Name demnach nur solange wirken, wie die Kenntnis um die Person, die Bedeutung der Ehrung durchsichtig ist.8 Martens führt weiter aus, dass „Wörth, Lüderitz und Lehmann für die gesellschaftliche Gegenwart kaum noch eine Bedeutung haben. Als Erinnerungen ohne gesellschaftliche Funktion lagern sie im Speichergedächtnis. Goethe, Schiller, Heuss und Adenauer hingegen sind Bestandteile des offiziellen und politischen bzw. kulturellen Selbstverständnisses.9

1.1 „ Machtergreifung durch Namen“ - Funktion und Namensgebungspraxis im Nationalsozialismus Die Arbeit an den Erinnerungsmedien gehörte zu den ersten Aktionen der Gemeinden nach 2

z.B. auf die äußere Gestalt (lange Gasse, enge Straße), Art der Straßenbefestigung (Steingasse), Lage, Richtung oder Funktion der Straße (Untergasse, Markelfinger Straße, Kornmarkt). 3 Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.142. 4 Bake, Rita (2000), S.5. 5 Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.150 6 Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.142; vgl. auch Großsteinbeck, Klaus/ Behring, Dietz (2007), S.311-332. 7 Azaryaku, Maoz (1992), S. 18 8 Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.148 u. 150 9 Martens, Matthias (2009), S. 61

3

der

nationalsozialistischen Machtübernahme.

In

deren

Umgang

mit

der

Straßennamensgebung spiegelt sich nicht nur ihr bewusster und demonstrativer Einsatz von politischen Symbolen wider, sondern insbesondere auch die Tendenz einer umfassenden Politisierung und Gleichschaltung aller Lebensbereiche. Die Umbenennung von Straßen eröffnete ihnen zum einen die Möglichkeit ihren Herrschaftsanspruch zu verdeutlichen, zum anderen alle nicht erwünschten Symbole aus dem öffentlichen Symbolsystem zu verbannen.10 So mag es kaum verwundern, dass durch die Benennungsgrundsätze von 1939 Umbenennungen legitimiert wurden, „wenn die Bezeichnung der Straße usw. dem nationalsozialistischen Staatsgedanken entgegensteht“. Außerdem sei es „selbstverständlich, dass die Straßennamen mit der nationalsozialistischen Weltanschauung in Einklang stehen müssen“.11 In diesem Sinne standen die Nationalsozialisten jedoch grundsätzlich vor einem Dilemma: Einerseits sollten missliebige Traditionen ausgemerzt werden, andererseits stand ihnen aber nur eine begrenzte Auswahl an geeigneten Namenspatronen zur Verfügung. So kamen Juden, Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler oder Frauen ebenso wenig in Frage wie ausländische Wissenschaftler oder Künstler, deren Werk als „entartet“ diffamiert wurde.12 Die in diese Kategorien fallenden Straßennamen wurden daher nach 1933 weitgehend getilgt.13 Die Auswahl war beschränkt auf deutsche Männer „arischen Blutes“, die sich um das Nationale und im engeren Sinne um die „nationalsozialistische Erhebung“ verdient gemacht hatten. Dementsprechend erfolgte vor jeder Benennung eine umfangreiche Recherche zu der zu ehrenden Person, ob diese auch wirklich „arischen Blutes“ war.14 So tauchte z.B. in Nürnberg das Gerücht auf, Max Immelmann sei Halbjude gewesen.15 In Einklang mit der nationalsozialistischen Weltanschauung standen zunächst einmal die Nationalsozialisten selbst, angeführt von Adolf Hitler. „Nach 1933 dürfte die Anzahl der AdolfHiltler-Straßen und -Plätze jener der Gemeinden in Deutschland annähernd entsprochen haben. Ebenso wie man den Führer im Frühjahr 1933 mit Ehrenbürgerschaften überschüttete, verhielt es sich auch mit den Straßenschildern: Eine Adolf-Hitler-Straße möglichst in prominenter Lage musste her“, merkt Pöppinghege an.16 Daneben stand zur Verherrlichung der „Bewegung“ die Benennung von Straßen nach prominenten Nationalsozialisten oder nach Männern, die als Vorläufer der nationalsozialistischen Bewegung vereinnahmbar waren.17 Heuser weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in dieser Zeit besonders massiv gegen die am 4.Oktober 1934 erlassene Verordnung des Reichsinnenministeriums, Straßen 10

Heuser, Rita (2008), S. 819, vgl. auch Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.144 Werner, Marion (2008), S.21 12 Werner, Marion (2008), S.27-29, Kettner, Hans-Ulrich (1988), S.145 13 Reichsbürgergesetz v. 14.11.1935 verfügt, nach Juden u. jüdischen Mischlingen benannte Plätze u. Straßen sofort umzubenennen; Reichsgesetzblatt 11.10.1938 - Umbenennung v. Straßen mit „Judennamen“. 14 Werner, Marion (2008), S.79. 15 Maas, Herbert (2008), S. 165. 16 Pöppinghege, Rainer (2007), S.64. 17 Kettner, Hans-Ulrich (1988), S.144 11

4

nicht nach lebenden Personen zu benennen, verstoßen wird.18

Eine besondere Stellung

nahmen auch die gefallenen «Helden» oder «Märtyrer» der Bewegung ein.19 Daneben griffen die kommunalen Entscheidungsträger gerne auch auf nationalsozialistische Lokalgrößen wie Gauleiter, SA-Führer oder aktive Bürgermeister der NSDAP zurück. Indes erwiesen sich Benennungen nach Lebenden nicht immer als unproblematisch, besonders wenn sie plötzlich - wie beispielsweise Ernst Röhm oder Rudolf Hess - in Ungnade fielen.20 In diesem Sinne forderte der Reichs- und Preußische Minister des Innern am 12.1.1936 von den Landräten dezidiert die Umbenennung von Straßennamen, die „dem gesunden Empfinden der öffentlichen Meinung“ widersprechen: „Ich ersuche daher geeignete Maßnahmen zur Beseitigung solcher Namen von Straßen und Bauwerken zu ergreifen, deren Träger sich durch ihr Verhalten einer bleibenden Ehrung unwürdig gemacht haben“.21 Neben der eigenen Selbstverherrlichung auf den Straßenschildern, lässt sich eine weitere Tendenz nationalsozialistischer Straßennamensgebung ausmachen: die verherrlichende Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Hier setzten die Nationalsozialisten allerdings nur fort, was bereits in der Weimarer Republik begonnen wurde. „Während sich die Schlachten von Tannenberg, dem Skagerrak und so mancher Kriegsheld vereinzelt schon vor 1933 fanden, sind Langemarck, Verdun, der Ostafrikakämpfer Lettow-Vorbeck und die Fliegerhelden fast ausschließlich Patrone der NS-Zeit“, so Pöppinghege.22 Die in die Kategorie „Erster Weltkrieg“ fallenden Namen stiegen bis 1938 rapide an und sollten der Bevölkerung ein Bewusstsein für die militärische Stärke Deutschlands vermitteln und damit die Vertrauenswürdigkeit und die Akzeptanz für zukünftige militärische Aktionen stützen. Auch in einem weiteren Teil konnten die Nationalsozialisten nahtlos an einen Teil der Weimarer Benennungspraxis anknüpfen. Getreu dem Motto: „Heim ins Reich“ oder „Von der Maas bis an die Memel – von der Etsch bis an den Belt“ sollten die entsprechenden Straßennamen außenpolitische Forderungen zum Ausdruck bringen. Neben Benennungen nach den durch den „Schandvertrag von Versailles“ verloren gegangenen deutschen Reichsgebieten, sollten insbesondere auch die kolonialen Wunschvorstellungen in der Bevölkerung neu belebt werden, wie der Runderlass des Ministers der Innern vom 4.Dezember 1936 zeigt: „Ich nehme in diesem Zusammenhang Veranlassung darauf hinzuweisen, dass es im Interesse einer Vertiefung des kolonialen Gedankens erwünscht ist, daß bei Neubenennungen von Straßen die Namen der deutschen Kolonialpioniere oder sonstige Namen der deutschen Kolonialgeschichte Berücksichtigung finden“. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Nationalsozialisten auf diese Weise 18

Heuser, Rita(2008), S.616. wie z.B. Horst Wessel, Leo Albert Schlageter, Heinrich Abel oder Herbert Norkus oder die Gefallenen der Feldherrenhalle wie Alfahrt, Bauriedl, Casella, Ehrlich, Faust, Hechenberger, Kuhn, Neubauer, Pape und Rickmers; vgl auch Maas, Herbert (1994), S.162 u. Heuser, Rita (2008). 20 Pöppinghege, Rainer (2007), S.64. 21 zitiert nach Werner, Marion (2008), S.28. 22 Pöppinghege, (2007), S.72. 19

5

den im Geiste nie aufgegebenen Besitzanspruch der „verlorenen Gebiete“ dokumentierten und durch entsprechende Straßenbenennungen gegen das kollektive Vergessen dieser Orte agierten. Die geographischen Bezüge der toponymischen Benennungen bilden die Ausdehnungen des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1871 ab.23 In

der

Glorifizierung Paul

von

Lettow-Vorbecks lassen sich dabei gleich zwei

Erinnerungsstränge ausmachen: Zum einen wollten die Nationalsozialisten anfänglich das nationalkonservative Bürgertum nicht durch zu große Radikalität erschrecken und LettowVorbeck war absolut konsensfähig, zum anderen ließ er sich durch seinen Heldenstatus zum Idealbild eines deutschen Soldaten ausbauen.24 Straßenbenennungen nach

So

Lettow-Vorbeck, auch

ein

ist

neben den

zahlreichen

starker Anstieg kolonialer

Erinnerungsliteratur zu verzeichnen. Dasselbe Phänomen ist im übrigen auch im Hinblick auf die beiden Fliegerhelden Immelmann und Boelcke zu verzeichnen.

1.2 Entnazifizierung und Entideologisierung Nach der Kapitulation Deutschlands übernahmen die jeweiligen Besatzungsmächte die Kontrolle über die deutschen Städte und Gemeinden. Wenngleich sich aufgrund der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen der Entnazifierung kein Pauschalurteil über die Bemühungen der Gemeinden im Umgang mit der moralischen Last der NS-Vergangenheit fällen lässt, lassen sich dennoch einige gemeinsame Aspekte herausarbeiten. Pöppinghege führt aus, dass – ungeachtet zahlreicher Kompromisslösungen – in der unmittelbaren Nachkriegszeit drei Positionen zur Debatte standen: 1. „Die Entnazifizierung: Demnach sollten lediglich Namen von NS-Funktionsträgern (Hitler, Göring) und

Straßennamen mit

ausschließlich nationalsozialistischem

Symbolgehalt (Horst Wessel, Straße der SA) umbenannt werden. Es handelte sich um einen gemeinsamen Nenner von bürgerlich-konservativen Kreisen. 2. Die zweite Lösung ging darüber hinaus und verlangte alle während der NS-Zeit benannten Namen, die sich nicht auf die Topographie bezogen, zu tilgen. Dies hätte – und hat – das Aus für alle Straßennamen mit Bezug zum ersten Weltkrieg (Tannenberg, Langemarck) und beispielsweise auch jene bedeutet, die sich symbolhaft auf das Dritte Reich und dessen politische Wertvorstellungen bezogen. Hinter dieser Lösung standen vorwiegend Sozialdemokraten und Linksliberale. 3. Die weitestgehenden Vorschläge sahen zusätzlich die Tilgung der gesamten preußisch-militaristischen Tradition vor, da diese dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet hätte. Sie wurde von den Kommunisten favorisiert und in der sowjetischen

23 24

Kettner, Bernd-Ulrich (1988), S.145; vgl. auch Maas, Herbert (1994); S.163, Werner, Marion (2008), S.74-79. Pöppinghege, Rainer (2007), S.60f. u. 63, außerdem Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.118-120.

6

Zone realisiert“.25 In den ersten Wochen wurden vor allem die nach NS-Funktionsträgern benannten Straßennamen beseitigt (wie etwa Adolf Hitler, Hermann Göring etc) sowie diejenigen Landschafts- und Straßennamen, die ab 1933 mit eindeutiger ideologischer Wirkungsmacht vergeben wurden, wie z.B. Braunauer Straße. Den Austausch der alten, respektive die Wahl neuer Namen, nahmen die Kommunen selbst vor, meist auf Anweisung der Besatzungsmacht und von dieser kontrolliert.26 Erst am 13. Mai 1946 ordnete der Alliierte Kontrollrat mit der Direktive Nr. 30 verbindlich die Entfernung aller Symbole des alten Regimes zum 1. Januar 1947 an: „Von dem Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Direktive an ist untersagt und als gesetzeswidrig erklärt die Planung, der Entwurf, die Errichtung, die Aufstellung und der Anschlag oder die sonstige Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern, Plakaten, Statuen, Bauwerken, Straßen- oder Landstraßenschildern, Wahrzeichen, Gedenktafeln oder Abzeichen, die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an

die nationalsozialistische Partei

aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen“. Dies sollte sich beziehen „auf Kriegshandlungen nach dem 1. Auguste 1914 zu Lande, zu Wasser oder in der Luft und auf Personen, Organisationen und Einrichtungen, die mit diesen Handlungen in unmittelbarem Zusammenhang stehen“.27 Die Direktive bezog sich also ausdrücklich auf alle militärischen und kriegerischen Ereignisse oder Personen nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Somit waren die Denkmäler des Kaiserreichs bzw. die Namenspatrone vieler Straßen vor 1914 weitgehend geschützt.28 Die Direktive wurde in den einzelnen Besatzungszonen jedoch unterschiedlich ausgelegt und umgesetzt. Während Immelmann und Boelcke29 z.B. in Ludwigsburg, Langenau oder Konstanz von den Straßenschildern verschwanden, tat man sich in Kiel und anderorts weniger schwer und ließ diese Namen bestehen. Ebenso verhielt es mit Lettow-Vorbeck30, der z.B. in Bad Oeynhausen, Euskirchen, Köln, Karlsruhe und Bremen aus dem Straßenbild verbannt wurde, in anderen Städten jedoch bestehen blieb. Für die Stadt Nürnberg merkt Maas an, dass „die Rückgängigmachung der Nazinamen [...] auf ein erträgliches Maß beschränkt“ blieb.31 Allerdings hatte man in einem “Akt von vorauseilendem Gehorsam“ für den Fall, dass die Militärregierung noch weitere Namen ändern wolle, bereits eine Liste von etwa hundert

25

Pöppinghege, Rainer (2007), S.80. Sänger, Johanna (2006), S.75 27 Direktive Nr. 30, Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters, 13.Mai 1946, in: Amtsblatt des Alliierten Kontrollrats in Deutschlands, Nr.7, Berlin, 31.5.1946, S.154 f. 28 Pöppinghege, Rainer (2007), S.81; vgl auch Martens, Matthias (2009), S.65. 29 vgl. Liste der Umbenennungen im Kapitel 2.2. 30 vgl. Liste der Umbenennungen im Kapitel 2.2. 31 Maas, Herbert (1994), S.169. 26

7

Straßennamen mit militaristischem Hintergrund zusammengestellt.32

Auch im Kölner Rat

entspann sich nach einer ersten Umbenennungswelle direkt nach Kriegsende, im Jahr 1947, eine Debatte um die noch verbliebenen militaristischen und monarchischen Straßennamen. „Die Tatsache, dass in diesen 32 Straßen 5.819 Familien mit 17.210 Personen wohnten, die alle von der Umbenennung betroffen gewesen wären, schreckte die Sonderkommission wohl davon ab“, vermutet Werner.33 Für die vier Besatzungszonen lässt sich in der Tendenz ausmachen, dass die französischen Besatzer zumeist lediglich auf marginale Änderungen drangen, während die Briten und Amerikaner weitaus rigider vorgingen. Am weitgehendsten wurden Umbenennungen allerdings in der sowjetischen Zone durchgeführt. Hier wurden trotz des 1. August 1914 als Stichtag der Direktive auch Bismarck und Kaiser Wilhelm aus dem Stadtbild getilgt.

34

2. Radolfzell 2.1 Straßenbenennung während der NS-Zeit in Radolfzell35 Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden bereits im März 1933 die ersten drei Straßen umbenannt.36 Die Umbenennung weiterer 16 Straßen erfolgte nach einer Ortsbegehung des Gemeinderats am 11. Mai 1934. Darunter fiel auch die Umbenennung der kompletten „Schützenstraße“ in „Adolf Hitler-Straße“.37 Dies hatte die NSDAP Ortsgruppe Radolfzell gefordert, da „die Verdienste des Führers […] derart außergewöhnlich (seien), dass die Benennung der größten die Stadt durchziehenden Straße nach ihm mehr als gerechtfertigt“ erscheine. So hatten sich vor dem Erlass des Ministeriums des Innern vom 5.Oktober 1934, wonach Straßenbenennungen nach Lebenden künftig unterbleiben sollten, auch in Radolfzell nationalsozialistische Funktionsträger auf den Radolfzeller Straßenschildern verewigt. Indes zeigte sich die Praxis der Benennung nach Lebenden auch hier problematisch. Am 2. Juli 1934 wurde die in „Ernst Röhm-Straße“ umbenannte „Mooserstraße“ wieder rückgängig gemacht, da – so das von NS-Sprache durchtränkte Protokoll - „die Vorgänge in der Obersten SA-Führung und die hierbei festgestellte Tatsache des Verrats des früheren Stabchefs Ernst Röhm an seinem Führer und der Bewegung veranlassen den Gemeinderat, 32

Darin enthalten waren: 1.Sachbezeichnungen wie Schießplatz o. Fliegerstraße, 2. nach Generälen benannte Straßen wie Blücher-, Moltke- o. Clausewitz, 3. nach Staatsmännern getaufte Straßen wie Bismarck- o. Hardenbergstraße, 4. nach germanischen Volksstämmen benannte Straßen wie Alemannen- und Teutonenstraße, 5. Straßennamen wie Arminius-, Kaiser- oder Königsstraße, 6 Herrführer u. Obristen des Dreißigjährigen Krieg, wie Wallenstein- o. Tillystraße, 7. Straßennamen, die an den Ersten Weltkrieg erinnern, wie Immelmann- u. Richthofen, 8. Schlachtennamen wie Masuren u. Tannenberg; vgl. Maas, Herbert (1994), S.168f. 33 Dies ist insofern interessant, denn diese Liste enthält als einzige, die hier noch zu untersuchende „Werderstraße“. Weitere Hinweise auf Umbenennungen von Werderstraßen konnten nicht ermittelt werden; vgl. Werner, Marion (2008), S. 55ff. 34 Sänger, Johanna (2006), S.78 35 Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Quellen des Stadtarchivs: 661/73 Gebäudenummerierung / Straßenbenennung 1894-1951; 661/73 a Gebäudenummerierung / Straßenbenennung 19331956, Adressbuch der Stadt Radolfzell von 1938 36 vgl. Tabelle 37 1933 war lediglich der Teil der Schützenstraße bis zur „Schiesserstraße“ in „Adolf Hitler-Straße“ umbenannt worden

8

die frühere Mooserstraße, die mit Beschluß vom 5. April 1934 auf den Namen „Ernst-RöhmStraße“ umbenannt worden ist, des Namens zu entkleiden und ihr den früheren Namen wieder zurückzugeben. Das Taktgefühl verbietet es dem Gemeinderat, dieser Straße den Namen einer verdienten Persönlichkeit aus der Bewegung zu geben“.38

Ohne die Angabe von

Gründen39 erwog der Gemeinderat im November 1935 zudem die Rückbenennung der „Hermann Esser-Strasse“. Dies erachtete das Bezirksamt Konstanz jedoch für unzweckmäßig und so wurde von der Umbenennung Abstand genommen. War die Umbenennung bestehender Straßen mit dem Jahr 1935 abgeschlossen, benötigte die Stadt im Zuge des Ausbaus der Altbohlsiedlung in den Folgejahren Namen für die neu angelegten Straßen. In seinem Schreiben vom 25. Juni 1936 stellte der Minister des Innern die Straßenbenennung in das Ermessen der Stadt, äußerte sich jedoch dahingehend: „Vielleicht lässt sich ja eine Lösung dadurch finden, dass die nächste neu gebaute Straße nach Dr. Ludwig Finckh benannt wird“. Diesem Ansinnen erteilte der Bürgermeister Jöhle am 29. Juli 1936 eine Absage40 und stellte dagegen den Antrag auf „Benennung der mit der Mooserstraße parallel laufenden Straße als Immelmannstraße sowie der von der Mooserstraße aus beim Anwesen Zinsmaier nach Norden zum Mühlbach verlaufenden Straße als Boelckestraße“. Im Schreiben vom 13.August 1936 teilte das Bezirksamt Konstanz mit, dass dagegen „nichts einzuwenden“ sei. 1938 erhielten drei Straßen um das Kasernengelände die Namen gefallenener Helden der NSBewegung. Für die Straßen in der Altbohlsiedlung entschied sich der Rat in seiner Sitzung am 5. Dezember 1939 - neben den unverfänglichen Straßennamen wie Weidenweg, Erlenweg, Tennweg (alter Gewannname), auch für Lettow-Vorbeck-Straße und Heinrich-KoeppenStraße. Bürgermeister Jöhle sicherte zu, die notwenige Zustimmung der NSDAP und des Bezirksamtes einzuholen. Zeitgleich (22. Dezember 1939) erreichte Bürgermeister Jöhle die Anfrage der NSDAP Ortsgruppe Radolfzell auf Umbenennung des Platzes vor dem Haus der Partei in „Platz der SA“ bzw. die Umbenennung der „Friedrich Werber-Straße“ in „Straße der SA“.41 Dieses Ansinnen wurde von Jöhle in seinem Schreiben vom 10. Januar 1940 mit dem Verweis auf die Verfügungen des Minister des Innern abgelehnt, nach der bestehende Straßennamen wegen des hohen Verwaltungsaufwands und der Belastungen für die Anwohner nicht mehr geändert werden sollten. Außerdem verwies er auf eine Aussage des Landrats Engelhardt, dass „nicht einmal mehr die Briefträger wissen, wo die umbenannten Straßen“ seien. Hinsichtlich der Straßenbenennungen im Altbohl teilte der Landrat am 14. Februar 1940 mit, dass er gegen die 38

Der letzte Satz wurde durchgestrichen. Vermutl. wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten u. der gescheiterten Intrige gegen den bayerischen Innenminister und Gauleiter Adolf Wagner. 40 „der Gemeinderat hat das Schreiben zur Kenntnis genommen, von einer Benennung einer Straße nach Dr. Ludwig Finckh ist aber vorläufig abzusehen“. 41 Platz am Forsteibrunnen. 39

9

Benennung der neuen Straßen grundsätzlich keine Einwände habe. Lediglich die Benennung „Lettow-Vorbeck-Straße“ sei unzulässig, da der Träger dieses Namens noch lebe. Anstelle der Benennung „Heinrich-Koeppenstraße“ empfahl er „Koeppenstraße“. Hierzu solle aber außerdem noch der Beauftragte der NSDAP sowie die zuständige Stelle der SS-Standarte Germania gehört werden, die schließlich am 23. Februar 1940 ihre Zustimmung gab. Bezüglich der geplanten Lettow-Vorbeck-Straße teilte hingegen die NSDAP – Gauleitung Baden am 8. April 1940 Bürgermeister Jöhle mit: „Da nach ihrer fernmündlichen Auskunft, die Benennung der Straßen bereits durchgeführt ist, sehe ich keinen Anlaß, in weitere Erörterung einzutreten“.42 Dazu vermeldet die Deutsche Bodenseezeitung am 18. Juli 1940: „Nachdem wir seit einiger Zeit eine Heinrich-Koeppenstraße besitzen, ist eine weitere neue Straße und zwar die LettowVorbeckstraße in der Altbohlsiedlung entstanden. Diese ist benannt nach dem ruhmvollen Verteidiger Deutsch-Ostafrikas 1914/18. Die Heinrich Koeppen-Straße ehrt das Andenken des im Polenkrieg gefallenen SS-Sturmbandführers Heinrich Koeppen, nachdem die Kaserne von der mit der Truppe ausgezogen, bereits seinen Namen trägt- sein Name wird für alle Zeiten mit der Geschichte der Stadt Radolfzell verknüpft bleiben“. Am 14. August wendet sich wiederum der Landrat an Bürgermeister Jöhle mit der Frage, wie es denn um die Straßenbenennung stünde. Da Landrat wohl keine Antwort erhielt, fasste er in einem weiteren Schreiben (8.11.1940) nach und wies nochmals auf seine Verfügungen vom 12.2.1940 (Ablehnung der Lettow-Vorbeck-Straße) hin. Er erhielt die Antwort, dass hier ein anderes Handeln nicht möglich war, weil er „bei einem Vortrag des Generals Lettow-Vorbeck in Radolfzell vor etwa 1 1/2 Jahren diesem bereits offiziell von der Benennung einer Straße nach seinem Namen Mitteilung gemacht habe“.

2.2 Umbenennungen nach 1945 Nach dem Einmarsch der französischen Truppen am 25.April 1945 und der Einsetzung von Otto Blesch als Bürgermeister durch den französischen Oberkommandanten erhielten die umbenannten Straßen wieder ihre früheren Namen. Die einzige Ausnahme bildete die „Bismarckstraße“, die ihren Namen behielt.43 Durch die Tilgung der nach Nationalsozialisten benannten Straßen, verblieben nun einige namenlos. Davon betroffen waren die bisherige Dietrich-Eckardstraße, die Heinrich-Koeppenstraße sowie die drei Straßen um das Kasernengelände. Letztere wurden ersatzlos gestrichen und die Häuser in der ehemaligen SS-Wohnsiedlung künftig nur durchnummeriert. Die Dietrich-Eckardstraße erhielt den Namen Weinburgstraße und aus der Heinrich-Koeppenstraße wurde die Brunnenstraße. Die „Herbert-

42

Siehe Abbildung in der Arbeit von Max, Uhlemann (2011), S.13. vgl o.g. Direktive Nr. 30 nach der eine Tilgung von militärischen oder kriegerischen Ereignissen vor dem 1.8.1914 nicht notwendig war. 43

10

Norkusstraße“, die vor 1934 noch Stürzkreutweg hieß, erhielt ihren Namen nicht zurück, sondern sollte den Namen „Kappellenweg“ erhalten. Dafür musste für den bisherigen, von der Konstanzerstraße abgehenden Kappellenweg, eine neue Benennung gefunden werden. Da die Straßen in der näheren Umgebung alle nach Dichtern benannt waren, erschien dem Rat „Schillerstraße“ geeignet. Zu den hier untersuchten Straßennamen finden sich keine Eintragungen. Im Hinblick auf die „Lettow-Vorbeckstraße“ erscheint allerdings das Schreiben des Landrats vom 1. April 1946 interessant. Verwiesen wird hier auf den Runderlass des Ministeriums des Innern vom 18. März 1946 Nr. 7106 und die Unzulässigkeit von Straßenbenennungen nach Lebenden. Dies wird von Bürgermeister Blesch am 4. April 1946 dahingehend beantwortet, dass in Radolfzell „keine Straßen nach Lebenden benannt“ seien. Es muss allerdings offen bleiben, ob Blesch hier wissentlich eine falsche Angabe tätigte oder ob er nach den Kriegswirren einfach nicht wusste, dass Lettow-Vorbeck noch lebte. Hervorzuheben ist

in

diesem Zusammenhang, dass

Blesch im

Mai

1947

ein

Straßenverzeichnis an die Militärregierung in Konstanz übermittelte, die weder gegen LettowVorbeck noch die beiden Kriegsflieger Immelmann und Boelcke keinen Einspruch erhob. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die französischen Besatzer im Hinblick auf die Entnazifizierung der Straßenschilder weniger rigide vorgingen, als Amerikaner und die Briten.44 An Lettow-Vorbeck erinnerte man sich in Radolfzell erst 1950 wieder, als am 23. März die Deutsche Bodenseezeitung eine Kurzmeldung über den 80.Geburtstag verlauten ließ. Dies wurde vom Bürgermeister zum Anlass genommen, schriftlich zu gratulieren und erhielt von Lettow-Voreck am 2. April ein Dankesschreiben für die Glückwunsche und auch die Ehre der Straßenbenennung.45

Zusammenfasssung Seit dem Übergang von frei entstandenen Straßenbezeichnungen zu einer konkreten Benennung durch ein städtisches Organ, erfüllen Straßennamen mehr als nur eine nominative Funktion. Sie können ideologische und erzieherische Werte verkörpern und werden so zum Medium der Verbreitung von Ideen und Vorstellungen ihrer Namensgeber, also zu Instrumenten offener oder verdeckter politischer Propaganda. Das hervorstechendste Beispiel stellt die Benennungspraxis während der Zeit des Nationalsozialismus dar. Der politischen Wirksamkeit der Straßennamen sind jedoch Grenzen gesetzt: Wenn die Kenntnis um die Bedeutung und Ehrung eines Namens verloren geht, erlischt auch ihre politische Wirksamkeit. Im 44 45

Hinblick auf

Umsetzung der

Richtlinien für

Straßennamen während

des

Pöppinghege, Rainer (2007), S.81 Siehe Abbildung in der Arbeit von Max, Uhlemann (2011), S.14.

11

Nationalsozialismus wurde in der Stadt Radolfzell nicht anders verfahren als in anderen Städten und Gemeinden.46 Betrachtet man die heute diskutierten Straßen aus der Perspektive der Gesetzeslage zwischen 1933 und 1945 sowie den von den Alliierten herausgegebenen Richtlinien nach 1945, lässt sich feststellen: 1. Die Lettow-Vorbeck-Straße hätte gemäß dem Erlass des Ministerium des Innern vom 4. Oktober 1934 nicht nach Lettow-Vorbeck benannt werden dürfen, da dieser noch lebte. Dementsprechend erhob der Landrat Einwände. Dass die Kreisleitung der NSDAP trotzdem auf die Benennung bestand, kann als Beleg für die Nähe Paul von Lettow-Vorbecks zu den Nationalsozialisten angesehen werden. Demgegenüber wurde z.B. in Nürnberg die Ehrung des Autopioniers Ferdinand Porsche im Jahre 1939 mit Verweis auf oben genannten Erlass abgelehnt.47 2. Nach der Kontrollratsdirektive Nr. 30 sollten alle Ereignisse oder Personen, die mit Kriegshandlungen nach dem 1. August 1914 in unmittelbarem Zusammenhang standen aus den öffentlichen Symbolen getilgt werden. Demnach hätten neben der Lettow-Vorbeck-Straße (und diese in doppelter Hinsicht) auch die Straßennamen Immelmann und Boelcke getilgt werden müssen, wie z.B. in der Nachbarstadt Konstanz geschehen. Allerdings stellt auch diesbezüglich Radolfzell keinen Sonderfall dar, wie die noch existierenden 8 Lettow-Vorbeck-, 54 Boelcke- sowie 36 Immelmannstraßen in Deutschland zeigen.48

Übersicht über die Um und Neubenennungen von 1933 bzw. die Rück- und Umbenennungen nach 1945 in Radolfzell Umbenennungen bestehender Straßen von 1933-1945 49

ALTER NAME

UMBENENNUNG NEUER NAME

ERKLÄRUNG

Seestraße

1933

Schlageterstraße

k.A.

Hindenburgplatz

„nach unserem Reichspräsidenten“

Marktplatz

50

Schützenstraße

1933/ 34

Adolf Hitler-Straße

„nach unserem Führer und Reichskanzler“

Luisenplatz

1934

Horst Wesselplatz

„nach dem im Kampfe um die nationale Erhebung gefallenen Sturmführers“

46

Für ein abschließendes Urteil, wäre hier event. noch eine nähere Betrachtung des Bürgermeisters Eugen Speer sinnvoll. 47 Maas, Herbert (1994), S.161. 48 Das ergab eine Anfrage bei der Post im Mai 2012. Emailkorrespondenz mit Frank Crämer ([email protected]) 49 Erläuterungen zu den Straßenbenennungen aus dem Adressbuch der Stadt Radolfzell von 1938 50 A.L. Schlageter war Soldat im Ersten Weltkrieg und Angehöriger verschiedener Freikorps. Außerdem war er Mitglied der NSDAP. Während des Ruhrbesetzung war er militanter Aktivist und wurde von einem franz. Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Im Nationalsozialismus machte die Propaganda aus Schlageter den „ersten Soldaten des »Dritten Reiches« und begründete damit den »Schlageter-Kult«

12

Böhringerstraße

Hermann Göring-Straße

„nach dem preußischen Ministerpräsidenten“

Brühlstraße

Paul Billet-Straße

„einem Vorkämpfer für den Nationalsozialismus, der bei einem SA-Aufmarsch im Jahre 1931 niedergeschlagen wurde“

Gartenstraße

Hermann Esser-Straße

„nach dem Staatsminister für Wirtschaftswesen“

Haselbrunnstraße

Dr. Wilhelm Frick-Straße

„nach dem Reichsminister des Inneren“

Jacobstraße

Rudolf Heß-Straße

„nach dem Reichsminister Rudolf Heß“

Konstanzerstraße

Dr. Josef Göbbels-Straße

„nach dem Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung“

Mooserstraße

Ernst Röhm-Straße

wurde am 2.Juni 1936 getilgt u. in Mooserstraße zurück benannt

Schießhüttenweg

Dr. Robert Ley-Straße

„nach dem Leiter der deutschen Arbeitsfront“

Schwertstr.

Walter Darré-Straße

„“nach dem Reichsernährungsminister u. Reichsbauernführer“

Stürzkreutweg

Herbert Norkus-Straße

„nach dem im Kampfe für die Befreiung Deutschlands gefallenen Hitlerjungen“

Bleichwiesenstraße

Fritz Plattner-Straße

„nach dem Bezirkswart der deutschen Arbeitsfront Südwest“

Mettnaustraße (von der Abzweigung der Scheffelstraße bis zum Strandbad)

Walter Köhler-Straße

„nach dem Badischen Ministerpräsidenten“

Martinstraße

Dr. Otto Wacker-Straße

„nach dem badischen Justiz-, Kultus- und Unterrichtsminister“

Güttingerstraße

Karl Pflaumer-Straße

„nach dem badischen Innenminister“

Fürstenbergstraße

Robert Wagner-Straße

„nach dem Reichshalter von Baden“

Mühlbachweg

Verbindung Teggingerstraße zur Hölltraße

Kaiserpassage

1935

Neubenennungen zwischen 1933 und 1945

Die von der Straße von der Kapelle zum Buchhof unmittelbar nördlich der Weinburg nach Osten abzweigende Straße bis zur Gemarkungsgrenze

JAHR

NAME

1934

Dietrich Eckart-Straße

Straße westlich der Seerose nach Norden

Franz Anton Mesmer-Straße

Benennung der mit der Mooserstraße parallel laufenden Straße als Benennung der von der Mooserstraße aus bei Anwesen Zinsmaier nach Norden zum Mühlbach laufenden Straße als

1936

Immelmannstraße Boelckestraße

51

Neue Straßen an der SS-Kaserne Radolfzell :

51

Dietrich Eckart (23.3.1868-26.12.1923), Publizist, Verleger, früher Anhänger des Nationalsozialismus und Ideengeber Adolf Hitlers. Kurt von der Ahé, ein SS-Scharführer, wurde am 19.2.1933 in Berlin erschossen. Trotz Mangels an Beweisen, wurde der KPD-Mann Richard Hüttig 16. Februar 1934 wegen schweren Landfriedensbruchs und versuchten Mordes zum Tode verurteilt und am 14. Juni 1934 hingerichtet. Hans Cyranka (1919-1932). Ursprünglich Mitglied des Reichsbanners (ein paramilitärischer Verband der SPD). Später schloß sich Hans Cyranka der Hamburger SS an. Am 31.10.1932 wurde Hans Cyranka von einem Rollkommando des Reichsbanners im Hamburger Stadtteil St. Georg durch einen Bauchschuß lebensgefährlich verletzt. Edmund Behnke, SS-Mitglied.

13

Platz vor dem Führerheim

1938

Kurt von der Ahéplatz

Straße entlang der Wohnsiedlung bis zum Eingang der Kaserne

Hans Cyranka-Straße

Erste Querstraße der Siedlung

Arnold Guse-Straße

Zweite Querstraße der Siedlung

Edmund Behnke-Straße

Neue Altbohlsiedlung

1939

Heinrich Koeppen-Straße Heinrich Koeppen-Platz

Zweite Parallelstraße

Tennweg

Dritte Parallelstraße

Altbohlstraße

obere Querstraße (v. d. Güttingerstraße zum Bahndurchgang)

Lettow-Vorbeckstraße

erste untere Querstraße

Weidenweg

zweite untere Querstraße

Erlenweg

Um-/Rückbenennungen nach 1945 „ALTER“ NAME

UMBENENNUNG

„NEUER“ NAME

A..L Schlageter-Straße

1945

Seestraße

Hindenburgplatz

1945

Marktplatz

Adolf Hitler-Straße

1945

Schützenstraße

Horst Wesselplatz

1945

Luisenplatz

Hermann Göring-Straße

1945

Böhringerstraße

Paul Billet-Straße

1945

Brühlstraße

Hermann Esser-Straße

1945

Gartenstraße

Dr. Wilhelm Frick-Straße

1945

Haselbrunnstraße

Rudolf Heß-Straße

1945

Jacobstraße

Dr. Josef Göbbels-Straße

1945

Konstanzerstraße

Dr. Robert Ley-Straße

1945

Strandbadstraße

Walter Darré-Straße

1945

Schwertstraße

Herbert Norkus-Straße

1945

Kapellenweg

Fritz-Plattner-Straße

1945

Bleichwiesenstraße

Walter Köhler-Straße

1945

Mettnaustraße

Dr. Otto Wacker-Straße

1945

Martinstraße

Karl Pflaumer-Straße

1945

Güttingerstraße

Robert Wagner-Straße

1945

Fürstenbergstraße

Literatur Grossteinbeck, Klaus/Behring, Dietz (1994): Die ideologische Dimension der Kölner Straßennamen von 1870 bis 1945, in: Jaworski, Rudolf/ Stachel, Peter (Hg.): Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich, S. 311-335, S. 311-335. Heuser, Rita (2008): Namen der Mainzer Straßen und Örtlichkeiten. Sammlung, Deutung, sprach- und motivgeschichtliche Auswertung. Stuttgart. Landeshauptstadt Stuttgart (hg.): Die Stuttgarter Straßennamen. Tübingen 2007. 14

Kettner, Bernd-Ulrich (1988): Politische Straßennamen in der Stadt Marburg. In: Wolfgang Brandt (Hrsg.): Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Beiträge aus dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Hitzeroth/Marburg. S.141-154. Maas, Herbert (1994): Nürnberger Straßennamen. Die Problematik der Straßenbenennung einer modernen Großstadt. In Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg. 81. Band 1994. Nürnberg. S.119-203. Martens, Matthias (2009): Straßennamen – Lesezeichen im kulturellen Gedächtnis. In: Sabine Horn/ Michael Sauer (Hg.): Geschichte und Öffentlichkeit. Orte-MedienInstitutionen. Göttingen. S.61-69. Philipps, Sören (2002): Hildesheimer Gedächtnisorte: Eine Lokalstudie zum kollektiven Gedächtnis von der Kaiserzeit bis heute. Berlin. Pöppinghege, Rainer (2007): Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsbewusstsein aussagen. Münster. Sänger, Johanna (2006): Heldenkult und Heimatliebe. Straßen- und Ehrennamen im offiziellen Gedächtnis der DDR. Berlin. Schwinghammer, Gerhard/ Makowski, Reiner (2005): Die Heilbronner Straßennamen. Tübingen Stadt Karlsruhe (1994): Straßennamen in Karlsruhe. Karlsruhe Beiträge. 7. Band 1994. Karlsruhe. Uhlemann, Max (2011): Weiße Schrift auf blauem Grund – wie Radolfzeller Straßennamen die Zeit überdauern. Radolfzell. Werner, Marion (2008): Vom Adolf-Hitler-Platz zum Ebertplatz. Eine Kulturgeschichte der Kölner Straßennamen seit 1933. Köln/Weimar/Wien.

Quellen Adressbuch der Stadt Radolfzell von 1938. 661/73a Gebäudenummerierung / Straßenbenennung 1894 – 1951. 661/ 73 Gebäudenummerierung / Straßenbenennung 1933 – 1956.

15

Teil 2

Paul von Lettow-Vorbeck Inhaltsverzeichnis Einleitung

2

1. Literatur und Quellen

2

2. Jugend, Ausbildung

3

3. Militärische Stationen

4

3.1 Der Boxerkrieg

4

3.2 Der Krieg in Namibia/Südwestafrika 1904-1908

6

3.3 Kommandeur in Ostafrika während des I. Weltkriegs

8

3.4 Die »Sülze-Unruhen« und die Besetzung Hamburgs im Juli 1919

11

3.5 Teilnahme am Kapp-Lüttwitz Putsch 1920

13

3.6 Im Dienste des Nationalsozialismus

16

4. Zusammenfassung

18

Ergebnis

20

5. Lettow-Vorbeck-Straßen in der Diskussion

21

5.1 Bünde

21

5.2 Cuxhaven

22

5.3 Delmenhorst

22

5.4 Halle (Westfalen)

23

5.5 Kaiserslautern

24

5.6 Mönchengladbach

24

5.7 Völkingen

24

5.8 Wuppertal

25

5.9 Hannover

26

5.10 Saarlouis

28

Übersicht über bereits umbenannte Lettow-Vorbeck-Straßen

29

Literaturverzeichnis

30

Einleitung Als Paul von Lettow-Vorbeck im März 1964 hochbetagt in Hamburg starb, gewährte ihm die Bundeswehr ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren. In seiner Traueransprache betonte der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel der Verstorbene habe das „Gesetz der Menschlichkeit, der Sitte und des Rechts“ stets eingehalten und sei daher „eine der großen Gestalten, die das Recht beanspruchen dürfen, Leitbild genannt zu werden“.1 Gegen von Hassels Glorifizierung erhob sich in der Bundesrepublik zunächst kaum Widerspruch in Öffentlichkeit und Wissenschaft. Erst in den späten sechziger Jahren setzte eine kurze Phase des kritischen Umgangs mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands ein, die sich in öffentlichen Aktionen wie dem berühmten Sturz des Wissmann-Denkmals in Hamburg 1968, in der Publizistik, aber auch im Bereich der Geschichtswissenschaft manifestierte. Insbesondere Geschichtswissenschaftler der DDR setzten sich kritisch mit Lettow-Vorbeck auseinander, ihre Arbeiten waren aber im Kontext des Kalten Krieges stark ideologisch geprägt. Seit den 100-Jahr-Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Kolonialkriege im damaligen „DeutschSüdwestafrika“ und „Deutsch-Ostafrika“ (heute Namibia und Tanzania) erfolgt die kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte nicht nur in Wissenschaft, sondern auch in der Öffentlichkeit.2 Besonders auf kommunaler Ebene rücken die noch existierenden kolonialen Spuren im Stadtplan in den Blickpunkt, wie vielerorts die Diskussionen um Straßenumbenennungen zeigen. Im Auftrag der Stadt Radolfzell galt es, auf geschichtswissenschaftlicher Grundlage ein Gutachten über das militärische Handeln Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) zu erarbeiten und zu überprüfen, ob 1. Lettow-Vorbeck Ziele und Wertvorstellungen verkörpert, die im Widerspruch zu den Grundsätzen der Verfassung und der Menschenrechte stehen? 2. Lettow-Vorbeck eine persönliche Verantwortung anzulasten ist? 3. Lettow-Vorbeck heute noch geeignet ist, einer Straße als Namensgeber zu dienen?

Quellen und Literatur Als Grundlage dieser Arbeit dienen die auf sehr umfangreichem Archivmaterial aufbauenden Lettow-Vorbeck-Biographien von Uwe Schulte-Varendorff (2006) und Eckard Michels (2008) 1

Mitteilungsblatt des Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/ Freunde der früheren Schutzgebiete e.V., 77/ 1995, S.35; Zit. Nach Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.126 2 Hier eine Auswahl anWebsites entsprechender Initiativen, Projekte sowie Aktivitäten von Wissenschaftlern, Künstlern und NGO´s wie www.maji-maji.de; www.hamburg-postkolonial.de; afrika-hamburg.de; www.koloniale-spuren.de; freiburg-postkolonial.de ; http://www.freedom-roads.de/frrd/willkom.htm

2

sowie die 1957 veröffentlichten Memoiren von Lettow-Vorbeck selbst. Da er sich hier, also nach dem Erlass des Grundgesetzes und der Verabschiedung der UN-Menschenrechte 1948, in allen im Einzelnen zu betrachtenden Taten und Bewertungen seiner aktiven Zeit ausdrücklich und eindeutig äußert, kommt diesen besondere Bedeutung zu. Zudem liegt das Gutachten vor, das anlässlich der Umbenennungsdiskussion der „Lettow-Vorbeck-Allee“ in Hannover von Prof. Dr. Helmut Bley angefertigt wurde. Ferner erfolgte ein telefonischer Austausch mit Dr. Andrea Frey, die als Gutachterin für die Stadt Halle (Westfalen) fungierte. Außerdem soll angeblich noch ein Gutachten des Militär-Historischen Instituts in Potsdam existieren, in dem Lettow-Vorbeck wohl entlastet wird. Eine Anfrage beim Institut um Einsichtnahme wurde jedoch abgelehnt.3 Darüber hinaus ist zu allen militärischen Stationen, die Paul von Lettow-Vorbeck während seiner Karriere durchlief, eine umfangreiche Forschungsliteratur vorhanden, die in den jeweiligen Abschnitten aufgeführt ist.

2. Jugend und Ausbildung Paul von Lettow-Vorbeck wurde am 20. März 1870 in Saarlouis geboren. Die Geschichte der zum pommerischen Kleinadel gehörenden Familie Lettow-Vorbeck besticht durch die große Gleichförmigkeit der Lebensläufe ihrer männlichen Mitglieder. Aus der Familie seien zwar „keine Feldherren von geschichtlicher Bedeutung hervorgegangen“, wohl aber „eine große Zahl tüchtiger Offiziere, die die Schlachten der Könige von Preußen geschlagen und viel Blut geopfert haben“.4 Sein Vater war Generaloffizier und so stand die militärische Laufbahn seines Sohnes außer Frage. Mit elf Jahren besuchte Lettow-Vorbeck das Kadettenkorps in Potsdam. 1888 folgte auf der Kadettenschule das Abitur mit kaiserlicher Belobigung. Sein Leben wurde durch den militärischen Drill durch die Offiziere bestimmt. Das schloss auch den selbstverständlichen Umgang mit dem Soldatentod ein und so hatte es für ihn etwas »Ergreifendes«, wenn die Kadetten ihren Namen nannten und anschließend in ganzen Ahnenreihen hinzufügten „Großvater gefallen in...., Vater gefallen in...“5 Auch seine weitere Laufbahn orientierte sich an der klassischen militärischen Karriere: Fähnrichdienst, Kriegsschule, Kriegsakademie. Nach seinem Abschluss an der Akademie 1899 wurde er zum Großen Generalstab berufen, wo er vor allem für Südafrika und den Burenkrieg sowie für England und seine Kolonien zuständig war. Hier sammelte er seine ersten Erfahrungen mit Kolonialkriegen.

3

Aus der Emailkorrespondenz mit dem MGFA: „Fragen der aktuellen Traditionssetzung und Namensgebung gehören nicht zu den Aufgaben des MGFA, sie liegen vielmehr in der Zuständigkeit des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg). Das besagte Gutachten ist ein internes Arbeitspapier, das dem BMVg nur für den Dienstgebrauch zugearbeitet wurde. Das hier im Hause erstellte Kurzgutachten zu Lettow-Vorbeck zirkuliert zwar in einschlägigen Medien und Foren im Internet, ist jedoch nicht für eine Veröffentlichung bestimmt und wird daher von uns nicht herausgegeben“. 4 Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.51. 5 Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.24.

3

3. Militärische Stationen 3.1 Der Boxerkrieg6 Im Jahr 1900 entlud sich die wachsende Erbitterung Chinas über die Hilflosigkeit und ständige Demütigung durch ausländische Mächte im sogenannten »Boxeraufstand«. In ihrem Hass auf die »fremden Teufel« ermordete der Geheimbund der Boxer Missionare, chinesische Christen und schließlich auch den deutschen Gesandten in Peking, Clemens Freiherr von Ketteler. Daraufhin sah sich das Deutsche Reich veranlasst, ein »Expeditionskorps«, bestehend aus Freiwilligen des Heeres, nach China zu entsenden. Unter dem Deckmantel, die Tat mit einer großangelegten Strafaktion zu sühnen, ging es dem Deutschen Reich jedoch vornehmlich darum, im Wettstreit zwischen den Großmächten bei der Aufteilung Chinas nicht zurückstehen.7 In dieser Hinsicht war das »Expeditionskorps« dezidiert dazu gedacht, Erfahrungen für zukünftige militärische Einsätze in Übersee zu sammeln, die im Sinne der neuen „Weltpolitik des Deutschen Reiches“ folgen sollten. Im Juli 1900 meldete sich LettowVorbeck freiwillig für das »Expeditionskorps« und schied damit frühzeitig aus dem Großen Generalstab aus. Für Michels eine strategische Entscheidung: „Für einen Offizier wie LettowVorbeck, der noch am Beginn seiner Karriere stand und keine Familie besaß, war es angesichts von Familientradition, des Wertekanons des Offizierskorps, mentaler Aufrüstung durch die Verherrlichung der vergangenen Kriege und persönlicher Situation nur konsequent, bei dieser ersten seit 30 Jahren sich bietenden Gelegenheit zum Einsatz nicht abseits zu stehen“8. Anlässlich der Verabschiedung der Truppen in Bremerhaven hielt Wilhelm II. am 27. Juli 1900 seine berühmt-berüchtigte »Hunnenrede«, die sich schließlich in den oft zitierten und kritisierten Worten gipfelte: „Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tode des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird es nicht geben; Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht haben, der sie jetzt noch in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschlands in China in solcher Weise bekannt werden, dass niemals mehr ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen“.9

6

einschlägige Literatur: Leutner, Mechthild /Mühlhahn, Klaus (Hg.) (2002): Der Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung des Boxerbewegung 1900-1901, Berlin; Kuß, Susanne / Martin, Bernd (2002): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand, München; Kaminski, Gerd (2000): Der Boxeraufstand – entlarvter Mythos. Mit Beiträgen österreichischer Augenzeugen, Wien; Mainzer, Hubert / Sieberg, Herward (Hg.) (2001): Der Boxerkrieg in China 19001901, Hildesheim; Meisner, Heinrich Otto (Hg.) (1967): Die Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls von Waldersee, Band III 1900-1904, Osnabrück. 7 Michels, Eckard (2008), S.62f.; Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.14f. 8 Michels, Eckard (2008), S.63. 9 zitiert nach Bernd Sösemann: Die so genannte Hunnenrede Wilhelm II. Textkritische und interpretatorische Bemerkungen zur Ansprache des Kaisers vom 27.7.1900 in Bremerhaven, in: Historische Zeitschrift, Bd. 222 (1976), S.342-358, hier S.349f.

4

Die Parole „Pardon wird es nicht geben“ fand sich auch auf den Eisenbahnwaggons wieder, die die Truppen in China transportierten. Vom Kaiser aufgestachelt, zeichneten sich die deutschen Truppen im Vergleich zu den übrigen Kontingenten in der Tat durch extreme Härte und Rücksichtslosigkeit gegen alle Chinesen aus.10 Da die Besetzung und Plünderung Pekings durch amerikanische, britische und französische Truppen bereits erfolgt war, machte sich nach Ankunft in Ermangelung eines greifbaren Gegners und dem Fehlen des erwarteten „frisch und fröhlichen Krieges“ rasch Unzufriedenheit breit. Die Oberkommandierenden Alfred Graf von Waldersee und Emil von Lessel schickten ihr Kontingent daher als eine Art Beschäftigungstherapie zwischen Herbst und Frühjahr 1900/1 auf zahlreiche Erkundungs- und Strafexpeditionen gegen vermeintliche oder tatsächliche Boxerstützpunkte.11 Einen Einblick wie dieser Krieg von den deutschen und verbündeten Truppen geführt wurde, geben die Aufzeichnungen und Berichte des Grafen von Waldersee: „Es wird dann eine kleine Expedition hinausgeschickt, der entsprechende Ort umzingelt und das Ende ist regelmäßig die Erschießung der Übeltäter“.12 „Nur wenn man so scharf vorgeht wie möglich und rücksichtslos ist, kann man mit ihnen [den Chinesen] weiter kommen“.13 „Es ist leider auch nicht ausgeblieben, dass die aus Plünderungen sich ergebenen Ausschreitungen in Vergewaltigung von Frauen, Grausamkeiten verschiedenster Art, Mord und unnützer Brandlegung in nicht geringem Umfange zur Ausführung gekommen sind und auch in dieser Hinsicht Elend über die Bevölkerung gebracht haben“.14 „Die Zahl der dabei ums Leben gekommenen Chinesen ist eine sehr erhebliche“15. Gleichzeitig spricht er jedoch warnend aus, dass „die bei uns gebräuchlichen Begriffe von Humanität und Eigentum auf schwere Proben gestellt werden.“ „Leider muss ich sagen, dass die Mannschaften nicht besser zurückkehren werden, als sie bei Abgang waren. Sie haben zuviel gesehen von Rücksichtslosigkeit, Rohheit, Raub, Hinrichtungen“.16 Schließlich drängt er sogar warnend darauf, die Truppen möglichst rasch aus China abzuziehen. Auch der britische Verbindungsoffizier im deutschen Hauptquartier, Oberst James Grierson, hatte mehrfach vergeblich gegen die willkürliche und grausame Behandlung aller Chinesen als Boxer durch deutsche Truppen protestiert.17 Durch die Veröffentlichung der so genannten "Hunnenbriefe", in welchen deutsche Soldaten die Greueltaten an der chinesischen Zivilbevölkerung schilderten, war auch die im Reich anfänglich vorhandene Begeisterung für den China-Einsatz stark abgeebbt.18

10

Michels (2008), S.65 mit Verweis auf die Berichte des britischen Verbindungsoffiziers im deutschen Hauptquartier, Oberst James Grierson; vgl. dazu auch, Kuss, Susanne (2002), S.165-183, hier S.178. 11 Nach Michels (2008) wurden von 76 Expeditionen dieser Art 51 von deutschen Truppen durchgeführt, vgl. S.73. 12 Meisner, Heinrich Otto (Hg.) (1967), S.60. 13 ebd., S.66. 14 ebd., S.39. 15 ebd., S.74. 16 ebd., S.68 u. S.108. 17 Michels, Eckard (2008), S.65 u. S.74f. 18 ebd., S.76; Schulte-Varendorff (2006), S.16f.

5

Lettow-Vorbeck schweigt in seinen Memoiren vollständig darüber und erwähnt nur die durch alliierte Truppen erfolgte Plünderung Pekings. Stattdessen verteidigt und legitimiert er die Rachegelüste und Empörung des Kaisers: „Der Kaiser war gekommen, empört über den Mord am deutschen Gesandten und betonte, dass kein Pardon gegeben werden sollte. Ein willkommener Anlass für

Opposition und

Ausland, das

Wort als

„Hunnenrede“

auszuschlachten.19 Allerdings nahm er an auch den Strafexpeditionen teil und schildert in seinen Memoiren ein Standgericht sowie Plünderungen zur Lebensmittelbeschaffung für die deutschen Truppen.20 Schulte-Varendorff resümiert: „Was hier als Methode der Kriegsführung begann, vervollkommnete Lettow-Vorbeck während des Ersten Weltkriegs in Ostafrika“.21 Auch Bley kommt in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass „die Langzeitwirkung auf den damals 31-jährigen [...] im Sinne der Warnung Waldersees offenkundig“ sei. „Er erfuhr Guerillakrieg in exzessiver Form, wie er ihn in den späteren Kolonialkriegen praktizierte“.22

3.2 Der Krieg in Namibia/Südwestafrika23 Als sich im Jahr 1904 die Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, zu einem Befreiungskrieg gegen die deutschen Kolonialherren erhoben, meldete sich Lettow-Vorbeck erneut freiwillig für die Schutztruppe. Unter dem nicht unumstrittenen Kommandeur Lothar von Trotha24, der den bis dato eher erfolglosen Gouverneur Theodor Leutwein ablöste, wurde er Erster Adjutant und war für die Personalangelegenheiten der Offiziere sowie das Führen des Kriegstagebuchs des Stabes zuständig.25 Der Stab Trothas zeigte sich hinsichtlich der Niederschlagung des Aufstands äußerst zuversichtlich. Nach Auffassung Trothas sollten die in der wasserreichen Gegend am

Waterberg versammelten Herero in einer großen

Zangenbewegung eingekesselt und anschließend vernichtet werden. Während LettowVorbeck diese Vernichtungsstrategie unterstützte und lediglich zu einem langsameren Vorgehen riet, drängten Leutwein sowie einige erfahrene Schutztruppenoffiziere wie Estorff und Viktor Franke auf eine Verhandlungslösung. Nachdem die Einkesslung und anschließende Vernichtungsschlacht misslungen war, ließ Trotha die fliehenden Herero in die Wüste treiben und unterband durch die nachsetzenden Truppen die Wasserversorgung, so 19

Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.49. Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.59. „Bei einer anderen Gelegenheit begleitete ich eine Expedition österreichischer Marine südlich von Peking, wo Boxer in ihren Quartieren festgenommen und kriegsrechtlich erschossen wurden.“ 21 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.17. 22 Bley, Helmut (2008),S.175. 23 Einschlägige Literatur: Zimmerer, Jürgen/ Zeller, Joachim (Hg.) (2003): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin. Unter Einbeziehung der namibischen Perspektiven: Krüger, Gesine (1999): Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkrieges in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen; Becker, Felicitas / Beez ,Jigal (Hg.) (2005): Der MajiMaji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin. Unter dem wichtigen Aspekt von Gender: Maß, Sandra (2006): Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland, Köln. 24 Trotha wurde von den Zeitgenossen als stattliche Erscheinung mit selbstbewußtem Auftreten geschildert, von welcher sich viele blenden ließen. Doch zeichnete er sich durch militärische Einseitigkeit, Unbelehrbarkeit sowie einem Rassismus und eine Brutalität aus, die, wie seine Zeit in Ostafrika gezeigt hatte, sogar über das übliche Maß hinausging“ vgl. Hull (2005), S.24-27; zitiert nach Michels, Eckard (2008), S.81. 25 vgl. Schulte-Varendorff, Uwe(2006), S.18f.; Michels, Eckard (2008), S.81. 20

6

dass große Teile des Hererovolkes „in Massen zugrunde gegangen“ sind.26 Jene Herero, die im Herbst 1904 noch nicht an Hunger oder Durst gestorben waren und aus der Wüste zurückkamen, befahl General von Trotha in seinem berüchtigten »Vernichtungsbefehl« zu erschießen oder in die Wüste zurück zu jagen. Letzteres traf vor allem Frauen und Kinder. Michels fasst zusammen: „Die deutsche Kriegsführung gegen die Herero wird angesichts dieses rücksichtslosen Vorgehens auch gegen Nichtkombattanten und das bewusst in Kauf genommene Massensterben von einigen Historikern als erster Völkermord in der deutschen Geschichte angesehen. Die Brutalität und Rücksichtslosigkeit des deutschen Vorgehens schockierte jedenfalls schon Kolonialmächte“.27

Selbst

damals, zumindest kurzzeitig, selbst

Reichskanzler Bülow

hatte

beim

Kaiser

die

anderen

gegen

den

Vernichtungsbefehl Trothas mit den Worten interveniert: er stünde „im Widerspruch zu allen Prinzipien des Christentums und der Menschlichkeit“.28 Die schon zeitgenössische Kritik an der Kriegsführung seines ehemaligen Kommandeurs hielt Lettow-Vorbeck für ungerechtfertigt: „Dem General von Trotha sind wegen seines rücksichtlosen Durchgreifens von mancher Seite Vorwürfe gemacht worden. Ich glaube, dass ein Aufstand solchen Umfanges erstmal mit allen Mitteln ausgebrannt werden muss. Der Schwarze würde Weichheit nur als Schwäche sehen“.29 Die das Kriegsrecht verletzenden Erschießungen der Herero sowie die Vertreibung und Ermordung der Zivilbevölkerung hielt Lettow-Vorbeck noch in seinen 1957 veröffentlichten Memoiren für legitim.30 Nach der Schlacht am Waterberg wurde Lettow-Vorbeck zum Niederkämpfen der Nama abkommandiert. Diese hatten zunächst auf deutscher Seite gekämpft, wurden aber durch die Androhung sie zu vernichten oder zumindest zu entwaffnen, in die Rebellion getrieben.31 Die Nama hatten ihre kämpferischen Fähigkeiten als Guerillakrieger bereits 1892-1895 gegen die Deutschen bewiesen und erfolgreich ihre Unabhängigkeit verteidigt. Nach dem Tode von Oberhäuptling Hendrik Witbooi wurden die Nama nun von Jakob Morenga geführt, dessen überlegener Guerillakriegsführung auch Lettow-Vorbeck militärischen Respekt zollte. Das Gefecht, bei dem der Bruder Morengas getötet wurde und in dem Lettow-Vorbeck trotz schwerer Augenverletzung weiterkämpfte, brachte ihm hohe militärische Anerkennung und Orden ein. Seine Biographen urteilen, dass der Einsatz in Deutsch-Südwestafrika, LettowVorbeck nicht nur eine Vertiefung der praktischen Erfahrung in der Guerillakriegsführung

26

Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.81, vgl. auch Michels, Eckard (2008), S.90, Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.20 sowie Maas, Sandra (2006), S.41. 27 Michels, Eckard (2008), S.92; vgl. insbesondere auch Zimmerer,/Zeller (2003). 28 Bley, Helmut (2008) , S.177 mit Verweis auf die Korrespondenz Bülow und Wilhelm II von 22.11.1904. 29 Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.81. 30 Maas, Sandra (2006), S.42, Michels, Eckard (2008), S.86, Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.21. 31 Für das Folgende: Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.21-23 mit einschlägigen Belegstellen bei Lettow, Vorbeck (1957); vgl. außerdem Michels, Eckard (2008), S.93-96 und Bley, Helmut (2008), S.177.

7

einbrachte, die seine spätere Kriegsführung in Ostafrika prägen sollte, sondern auch entscheidend seine Karriere beförderte.32

3.3 Kommandeur in Ostafrika während des I. Weltkriegs Im Oktober 1913 wurde Lettow-Vorbeck von Kaiser Wilhelm II. zum Kommandeur der Schutztruppe in Kamerun und in Deutsch-Ostafrika ernannt. Nach der Beendigung dieser Doppelaufgabe, verblieb er ab April 1914 als Kommandeur in Deutsch-Ostafrika. Es ist bereits bezeichnend, dass seine Ernennung anfänglich umstritten war. So zweifelte das Reichskolonialamt an seiner Eignung für diese Aufgabe und wies die Bewerbung ab. Dieses Urteil scheint vollkommen haltlos, konnte Lettow-Vorbeck doch im Vergleich zu den üblichen militärischen Laufbahnen des Kaiserreichs auf eine reiche Übersee-Erfahrung zurückblicken. Schulte-Varendorff und Bührer mutmaßen, dass dem Reichskolonialamt seine „Einstellung zur bedingungslos offensiven Kriegsführung“ wohl hinreichend bekannt war und sich keineswegs mit der für den Kriegsfall ausgearbeiteten Defensivstrategie vertrug.33 Zur Wahrung der inneren Sicherheit und zum Schutz der weißen Bevölkerung sollte die Schutztruppe über die Kolonie verteilt werden, um im Kriegsfall ggf. Aufstände der afrikanischen Bevölkerung niederzuschlagen. Letztlich ging es also darum, die Kolonie möglichst unbeschadet durch den Krieg zu bringen. Während Gouverneur Heinrich Schnee - unterstützt durch die Offiziere der Schutztruppe – sich an diesen Vorgaben des Reichskolonialamtes orientierte, setzte LettowVorbeck entgegen Schnees Befehlen eine umfassende Kriegsführung durch. Vor dem britischen Angriff auf Daressalam, befahl er am 6. August 1914 den Angriff auf die Ugandabahn mit dem ausdrücklichen Hinweis, die „Kongo-Akte“ von 1885 nicht zu beachten. Ebenso eigenmächtig und entgegen den Befehlen des Gouverneurs ordnete er die militärischen Maßnahmen an der Grenze zu Kenia an. Bührer konstatiert: „Er war sich sehr wohl bewusst, dass er widerrechtlich handelte. Die Debatten mit dem Gouverneur, dessen Telegramme noch während des Gefechts die vordersten Fronten erreichten, hatte er bloß zur Aufrechterhaltung einer Scheinlegalität geführt“.34 Weiter führt sie aus: „ Wie unreflektiert Lettow-Vorbecks unautorisiertes präventives Drauflosschlagen zuweilen war, wird anhand seiner Reaktion auf das Ende 1914 im Schutzgebiet kursierende Gerücht der Kriegsteilnahme Portugals deutlich. Während Schnee zur Abklärung einen Beamten nach der portugiesischen Kolonie entsandte, zeigte sich der Kommandeur unwillig, irgendeine Verzögerung zu riskieren, und ließ kurzerhand ein portugiesisches Fort jenseits des Grenzflusses Rovuma stürmen. Als sich herausstellte, dass die Portugiesen nach wie vor neutral waren, bedurfte es zahlreicher formeller Entschuldigungen des Gouverneurs bis sich die Beziehungen wieder normalisierten.

32

Michels, Eckard (2008), S.98f., Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.21ff. vgl. Bührer, Tanja (2006), S.287.ff; Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.26.f. 34 Bührer, Tanja (2006), S.296; vgl. auch Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.29ff. sowie Michels, Eckard (2008), S.158ff. 33

8

Der Zwischenfall war umso ärgerlicher, als die Kolonialbehörden gerade im Begriff waren, mit den Portugiesen einen Verbindungsweg für Informationen und Nachrichten auszuhandeln“.35 Michels resümiert, dass die „ostafrikanische humanitäre Katastrophe der Jahre 1914 bis 1918“ zu einem erheblichen Teil der Verantwortung Lettow-Vorbecks anzulasten sind.36 Signifikant wurde dies insbesondere ab 1916 mit dem Beginn der Entente-Offensive: indem die alliierten Truppen von drei Seiten ins Land eindrangen und somit konzentrierte militärische Aktionen unmöglich machten, ging Lettow-Vorbeck nun zum Guerillakrieg über. „Lettow-Vorbeck vermied bewusst eine Entscheidungsschlacht, da diese unweigerlich zur Niederlage und somit zum Zusammenbruch der Verteidigung Deutsch-Ostafrikas geführt hätte“, urteilt auch SchulteVarendorff.37

Dem

von

Lettow-Vorbeck stets

angeführten

Argument,

mittels

Offensivoperationen die deutsche Kriegsführung in Europa entlastet zu haben, halten Bley und Michels entgegen: „Bis zuletzt verschloss sich Lettow-Vorbeck der Tatsache, dass er im Wesentlichen gegen einen Gegner kämpfte, den er sich selbst durch seinen anhaltenden Widerstand geschaffen hatte“.38 Kriegsschauplatz

Das Argument des Fernhaltens vom europäischen

sei „angesichts der relativ kleinen Zahlen und der Konzentration auf

südafrikanische und indische Truppen, die nur im Empire eingesetzt wurden, zumindest weit übertrieben“.39 Michels resümiert: „Mit seiner Weigerung, den Krieg im Herbst 1917 trotz der aussichtslosen Situation der Schutztruppe zu beenden und stattdessen ihn mit seiner Strategie der »verbrannten Erde« und den gleichen fatalen Folgen für die Zivilbevölkerung Mozambiks südlich des Rovumas weiterzuführen und schließlich noch nach Nordrhodesien zu tragen, wurde Lettow-Vorbeck endgültig zur Geisel Ostafrikas“.40 Durch Hungersnöte, Entbehrungen und Seuchen waren allein 300 000 Tote unter den nicht an den

Kampfhandlungen beteiligten Afrikanern zu

verzeichnen, veröffentlichte der

Regierungsarzt Moesta bereits 1919 in der Kolonialen Rundschau. Die Todesrate für die zwangsrekrutierten Träger bezifferte er vorsichtig mit 100 000 bis 120 000.41 Entflohene und wieder ergriffene Träger wurden körperlich schwer misshandelt oder zur Abschreckung öffentlich hingerichtet. Um weiteren Desertionen vorzubeugen, wurden die Gefangenen in

35

ebd., S. 295. Michels, Eckard (2008), S.236. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.35. 38 Michels, Eckard (2008), S.236. 39 Bley, Helmut (2008), S.178, außerdem Fußnote 19 mit Verweis auf die Zahlen bei Illiffe, John (1979) „A Modern History of Tanganyika. Danach waren nur 218 deutsche Soldaten, 2542 „Askari“, afrikanische Soldaten sowie 2219 Polizisten und ca. 3000 Siedler auf deutscher Seite. Auf britischer Seite waren die Zahlen ähnlich. Lediglich die Truppen der belgischen Force Publique für Ruanda Burundi und die Truppen in Mocambique erreichen 20000.Belgische Truppen kämpften teilweise auch in Tanganyika, waren sonst aber auf ihre Regionen beschränkt. 1916 hatte Lettow-Vorbeck ca. 11000 Mann, von denen über 3400 krank waren, während die Dominion Truppen von 4300 1916 auf 35000 am Ende des Krieges anstiegen; vgl. außerdem Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.48. 40 Michels, Eckard (2008), S.236. 41 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.59. 36 37

9

Ketten und Halseisen gelegt.42 Ebenso konsequent wie brutal wurde der Widerstand der afrikanischen Bevölkerung mit Strafexpeditionen niedergekämpft.43 Auch mit der Legende der zu den „treuen Askari“ hochstilisierten afrikanischen Söldner gehen Lettow-Vorbecks Biographen ins Gericht: Michels wendet sich besonders gegen die Aussage von zwei renommierten Afrikahistorikern, nach denen Schutztruppe die „erste rassisch integrierte Streitmacht der modernen Kolonialkriegsführung“ darstelle.44 Sicherlich habe Lettow-Vorbeck Respekt für die farbigen Söldner und deren Fähigkeiten gehabt, dennoch seien die Askari „stets Soldaten zweiter Klasse hinsichtlich Ernährung medizinischer Versorgung, Bewaffnung, Bezahlung und Verantwortlichkeiten“ gewesen.45 Schulte-Varendorff ergänzt: „Bezeichnend für diese »Wertschätzung« der Askari war eine Anweisung des Chefarztes der Schutztruppe vom 10.Mai 1917, die ohne Zustimmung des Kommandeurs Lettow-Vorbecks nicht hätte erlassen werden können. Darin heißt es: „Es ist allgemein nicht mehr angezeigt, Farbige in Behandlung zu nehmen und sie für Sanitätsmaterial zu verbrauchen, wenn nicht ihre Wiederherstellung in kurzer Zeit gewährleistet ist und feststeht, dass sie der Truppe noch von Nutzen sein werden.“46 Nicht umsonst bekam Lettow-Vorbeck von den Askari den Beinamen „Der Herr, der unser Leichentuch schneidert“.47 Bley weist in seinem Gutachten für die Stadt Hannover außerdem auf die zunehmende Verrohung der Kriegsführung hin: „Es wurden auch vom deutschen Militär die von der Haager Landkriegsordnung verbotenen Dum-Dum Geschosse eingesetzt. Indische und portugiesische Kriegsgefangene wurden erschossen. Es kam zu Tötungen von Verwundeten. Lettow-Vorbeck wiederholte in diesem Kontext die Formel von Wilhelm II zum Boxerkrieg, dass »kein Pardon« gegeben wird“.48 Michels ergänzt: „Als »ritterlich«, wie es seine britischen Gegner taten, welche sich im übrigen ebenso wenig an einer Neutralisierung Ostafrikas interessiert gezeigt hatten, konnte man diese Kriegsführung nur ansehen, wenn man die durch sie hervorgerufenen Leiden der schwarzen Zivilbevölkerung ignorierte und sich in der Beurteilung der Lettow´schen Methoden der Kriegsführung auf die völkerrechtskonforme Behandlung der weißen Kriegsgefangenen, Verwundeten und Parlamentäre beschränkte“.49 Als Lettow-Vorbeck Anfang 1919 nach Deutschland zurückkehrte, hatte er unbestritten Heldenstatus. Der Marsch durch das Brandenburger Tor stellte schließlich den Höhepunkt einer Reihe von Festivitäten dar, die seine Rückreise über Rotterdam nach Berlin begleitet hatten. „Es war ein großer Empfang, und dann ging es mit Musik und Spielleuten, in straffer, 42

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S. 59ff. Gestützt auf die Berichte deutscher Kriegsteilnehmer (Fußnote 116-126) schildert er hier ausführlich weitere Einzelheiten über grausamen Methoden im Umgang mit den Zwangsrekrutierten, außerdem Bührer, Tanja (2006), S.302f. 43 Vgl. Schulte-Varendorff, Uwe, S.54ff., Michels, Eckard (2008), Kap. IX., Bührer, Tanja (2006), S.299ff. 44 Michels, Eckard (2008), S.241. Er zitiert hier aus Gann/Duignan, The Rulers of German Africa, S.219. 45 ebd., S.241. 46 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.64. 47 ebd. S.60; außerdem Klauck, Hans-Peter (2007), S.83. 48 Bley, Helmut (2008) , S. 179f. 49 Michels, Eckard (2008), S.236.

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soldatischer Haltung durch das Brandenburger Tor auf den Pariser Platz. Berlin hatte andere Bilder gesehen: disziplinlose Truppen mit abgerissenen Kokarden, kreischende Weiber, die mit Blumen überschüttet auf den Kanonen saßen. Seit langem war das Berliner Bürgertum zum erstenmal in Massen auf die Straßen gekommen. Es war wie ein Erwachen aus der Betäubung“ erinnert sich Lettow-Vorbeck in seinen Memoiren.50 Sein Biograph SchulteVarendorff stellt hingegen ernüchternd fest: „diese Einschätzung insgesamt verdeutlicht nur zu gut, dass er von der Revolution bzw. den neuen Verhältnissen nichts hielt“.51 Michels ist differenzierter: „Die neuen Verhältnisse erschienen ihm wegen seiner mangelnden intellektuellen Differenzierungsfähigkeit und seinem autoritären, an klaren Hierarchien orietierten Weltbild nur als unübersichtlich und bedrohlich. Er reagierte mit Hass und Ablehnung auf sie“.52 Dennoch meldete sich Lettow-Vorbeck noch am selben Tage bei Reichswehrminister Noske und erhielt von diesem den Auftrag, eine Freiwilligendivision aufzustellen, die später in die entstehende Reichswehr überführt werden sollte. Dieser Division traten auch die später am Kapp-Lüttwitz-Putsch führend beteiligten Marinebrigaden Erhardt und Loewenfeldt bei. Bley resümiert: „Der sozialdemokratische Reichswehrminister stützte sich damit auf die aggressivsten Feinde der werdenden Republik in seinem Affekt gegen die Spartakisten.53

3.4 Die »Sülze-Unruhen« und die Besetzung Hamburgs im Juli 191954 Im Frühjahr 1919 führten Lebensmittelteuerungen und Kürzungen der ErwerbslosenUnterstützung zu schweren Unruhen unter der Hamburger Zivilbevölkerung, die sich wiederholt in Plünderungen und Straßenschlachten entluden. Die ohnehin angespannte Situation eskalierte schließlich am 23. Juni 1919, nachdem bekannt wurde, dass in den Fleischkonserven der Firma Heil Ratten verarbeitet worden waren. Daraufhin setzte der Hamburger Senat Bahrenfelder Zeitfreiwillige ein, die den bürgerkriegsähnlichen Zuständen aber nichts entgegensetzen konnten. In den als »Sülzeunruhen« in die Geschichte eingegangenen Tumulten wurden Gefängnisse, Polizeireviere, Gerichte und Ämter gestürmt und verwüstet. Noch am 25. Juni verhängte der Senat den Belagerungszustand über die Stadt und erbat die Unterstützung der Reichswehr.55 In dieser dramatischen Situation beauftragte Noske Lettow-Vorbeck mit der Aufstellung einer Freiwilligendivision und die „Wiederherstellung gesetzmäßiger Zustände“ in Hamburg. Michels 50

Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.172f. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.68. 52 Michels, Eckard (2008), S.358. 53 Bley, Helmut (2008) , S.181 mit Verweis auf die Analyse bei: Kluge, Ulrich (1985), S. 152-158; vgl. außerdem SchulteVarendorf, Uwe (2006), S.70 sowie Michels, Eckard (2008), S. 262-265. 54 Einschlägige Literatur: Jochmann, Werner (Hg.) (1986): Vom Kaiserreich zur Gegenwart, Bd.2, Hamburg; Philipski (2002): Ernährungsnot und sozialer Protest. Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, Hamburg; Büttner, Ursula (1985): Politischer Gerechtigkeit und Sozialer Geist. Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik, Hamburg. 55 Für die ausführliche Darstellung der Unruhen siehe Michels, Eckard (2008), S.271-276; Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.78-82. 51

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vermutet, dass die Wahl des Reichswehrministers möglicherweise in der Hoffnung auf LettowVorbeck fiel, dass „das Renommee des Kolonialoffiziers reichen werde, um eine weitgehend widerstandslose Besetzung Hamburgs sicherzustellen“.56 Dies ist nicht von der Hand zu weisen, denn Lettow-Vorbeck äußerte später in seinen Memoiren: „Gottlob ging mir als Afrikaner der Ruf von Rücksichtslosigkeit voraus“.57 Obwohl sich am 27. Juni die Lage wieder beruhigt hatte und eine Kommission aus Bürgerschaft und Senat versuchte, Lettow-Vorbeck von der Besetzung Hamburgs abzuhalten, ließ dieser am 28. Juni erneut den Belagerungszustand ausrufen, der vom Reichspräsident und Noske am 30. Juni bestätigt wurde. Damit ging die vollziehende Gewalt in Hamburg auf Lettow-Vorbeck über.58 Im Gegensatz zu Lettow-Vorbecks Ausführungen59 über den Einsatz in Hamburg, zeigt sein Biograph ein anderes Bild, nach dem „sich das »Korps Lettow« wie in einer besetzten Stadt im Feindesland verhielt“. So wurden trotz politischer Immunität willkürliche Verhaftungen von Bürgerschaftsabgeordneten durchgeführt, die Meinungsfreiheit beschnitten, die Pressefreiheit drakonisch beschränkt und Gewerkschaftshäuser besetzt. Es kam zu Übergriffen und Gewalttaten gegenüber der Hamburger Zivilbevölkerung. In einigen Fällen seien sogar unbeteiligte Passanten, welche die

Straßen nicht rechtzeitig räumten, von

den

Reichswehrverbänden niedergeschossen worden.60 Nach zweimonatiger Dauer des Ausnahmezustands endete die Willkürherrschaft am 1. September 1919 mit der Auflösung des »Korps Lettow« und Lettow-Vorbeck wurde als Befehlshaber der Reichswehrbrigade 9 nach Schwerin abkommandiert. Im Hinblick auf die Geschehnisse in Hamburg sind sich seine Biographen erst und einmalig uneinig. So führt Michels abschließend aus: „Weder ging es im Sommer 1919 in Hamburg um die Verhinderung einer Revolution nach sowjetischem Muster, sondern höchstens darum, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Noch zeichneten sich Lettow-Vorbecks Truppen in Hamburg durch ein Übermaß an Gewaltanwendung aus, wie es die angebliche Kontinuitätslinie der Verrohung vom vermeintlich besonders grausamen Kolonialkrieg in Afrika über den Einsatz in Hamburg bis hin zum Kapp-Putsch suggerierte“.61 Dem hält SchulteVarendorff entgegen: „Hierbei handelt es sich um eine geradezu zynische Verharmlosung seines rücksichtslosen und willkürlichen Einsatzes in Hamburg, der in seiner Härte und

56

Michels, Eckard (2008), S.273. Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.183. 58 Bley, Helmut (2008) , S.182; Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.183. 59 „Kein Widerstand regte sich. Die Ordnung wurde fast ohne Gewaltmaßnahmen aufgestellt, und der sozialdemokratische Polizeisenator sprach für die menschliche Erledigung der schwierigen Aufgabe sogar offiziell seinen besonderen Dank aus“, Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.184. 60 ausführlich bei Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S. 81f. 61 Michels, Eckard (2008), S.276f. 57

12

Brutalität seinem Vorgehen in Ostafrika glich und sich während des Kapp-Lüttwitz-Putsches wiederholen sollte“.62

3.5 Teilnahme am Kapp-Lüttwitz-Putsch Die Empörung über die im Versailler Vertrag enthaltene alleinige Kriegsschuld Deutschlands, vielmehr aber noch die daraus resultierende erzwungene Abrüstung, die faktisch das Aus für zehntausende von Berufssoldaten bedeutete, machten die entstehende Reichswehr seit dem Sommer 1919 zu einem Hort der Unzufriedenheit. Noch während der Besetzung Hamburgs fand am 26. Juli eine Besprechung bei General Lüttwitz statt, an der neben anderen Generälen auch Lettow-Vorbeck teilnahm. Man einigte sich auf folgende Leitsätze: Es dürfe weder eine Auslieferung der angeblichen Kriegsverbrecher stattfinden, noch zu einer Verringerung der Reichswehrtruppen kommen, solange die Gefahr des Bolschewismus herrsche; ein Eintritt der USPD in die Regierung sei zu verhindern; darüber hinaus müsse mehr für die materielle Versorgung der aktiven wie der zu entlassenen Soldaten getan werden. Außerdem sei die Reichseinheit zu wahren.63 Es ist umstritten, inwiefern bei den Anwesenden Einigkeit darüber herrschte, ob

diesem Katalog gegebenenfalls mit

Gewaltmaßnahmen Nachdruck verliehen werden sollte oder ob es bei einer bloßen Eingabe belassen werden sollte. In seinen 1934 erschienenen Memoiren schrieb Lüttwitz, dass nur die Hälfte der anwesenden Generäle zu radikalen Maßnahmen bereit gewesen sei. In seinem Hochverratsprozess behauptete er hingegen, dass fast alle Generäle zu notfalls radikalen Mitteln bereit gewesen wären.64 Lettow-Vorbeck hingegen verteidigte sich nach dem fehlgeschlagenen Putsch gegenüber dem Reichsgericht stets als Abwiegler und Bremser. An dieser Version hielt er auch in seinen Memoiren fest.65 Inwiefern er tatsächlich zum engsten Kreis der Umstürzler zählte und Kenntnis von dem geplanten detaillierten Ablauf des Putsches hatte, konnte laut Schulte-Varendorff anhand der vorhandenen Quellen nicht nachgewiesen werden. Sicher ist jedoch, dass er mehrere Gespräche mit Kapp und Lüttwitz führte und ihm ein Umsturzversuch im Hinblick auf seine Einstellung zum neuen politischen System entgegenkam.66

„Die sozialdemokratische Regierung war nicht mehr und ich hatte keinen

Grund, ihr nachzutrauern“, äußert sich Lettow-Vorbeck später in seinen Memoiren.67 Daher sei für ihn die einzige Richtlinie als Soldat der Gehorsam gegenüber seinem direkten Vorgesetzten gewesen. Seine Biographen kommen zu

dem Schluss, dass diese

62

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.82. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.83; Michels, Eckard (2008), S.278 Beide stützen sich auf: Lüttwitz, Walter Freiherr von (1934): Im Kampf gegen die Novemberrevolution. Berlin. 64 Michels, Eckard (2008), S.278. Er vermutet, dass die Darstellung in Lüttwitz Memoiren hauptsächlich dazu diente, sich als alleiniger Vorreiter im Kampf gegen die verhasste Novemberrepublik zu stilisieren. 65 Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.186ff. 66 In seinen Memoiren gibt Lettow-Vorbeck an, dass er sowohl mit Lüttwitz als auch mit Kapp Gespräche geführt habe. Letzter habe ihn wiederholt im Hotel Esplanade aufgesucht. Lettow- Vorbeck, Paul von (1957), S.187; vgl. auch SchulteVarendorff, Uwe (2006), S.84 u. Michels, Eckard (2008), S.281 67 Lettow-Vorbeck, Paul von (1957), S.189. 63

13

Rechtfertigung „bei einer näheren Betrachtung auf schwachen Füßen“ stehe: So erscheint die Argumentation auf die unbedingte Gehorsamspflicht eines Soldaten im Hinblick auf sein Verhalten in Ostafrika mehr als fragwürdig. Außerdem, so Michels, habe Lettow-Vorbeck von der unmittelbar vor dem Putsch erfolgten Absetzung Lüttwitz gehört und hätte mithin daran zweifeln können, ob „in Lüttwitz tatsächlich noch sein rechtmäßiger Vorgesetzter am 13. März vor ihm stand oder ob er nicht viel mehr als ein Usurpator war. Lettow-Vorbeck hätte sich im März 1920 zudem fragen können, ob Lüttwitz` Aktionen und Befehle im Sinne des Oberbefehlshabers der Reichswehr, also des Reichspräsidenten Ebert waren. Doch statt sich wie die Mehrheit der Reichswehrkommandeure für eine abwartende Haltung zu entscheiden, nahm er bereitwillig die Befehle des obersten Putschisten entgegen und setzte sie in den folgenden Tagen mit der ihm eigenen Energie und Rücksichtslosigkeit um“.68 So ließ er, nach der Weigerung der Schweriner Landesregierung sich den Putschisten zu unterstellen, diese kurzerhand verhaften und übernahm am 14. März die vollziehende Gewalt in Mecklenburg. Auch die Kommandeure der Sicherheitspolizei ließ er unter Arrest stellen. Die Regierung Mecklenburg-Strelitz hatte sich den Putschisten hingegen bereits unterstellt und verblieb daher im Amt. Als weitere Maßnahmen untersagte er die Veröffentlichung aller Mitteilungen und

Bekanntmachungen der

vermeintlich ehemaligen Reichs-

und

Landesregierungen, den Telegraphen- und Telefonverkehr, Versammlungen unter freiem Himmel sowie das Erscheinen links-oppositioneller Zeitungen.69 „Lettow-Vorbeck musste also Kenntnis gehabt haben, dass die rechtmäßige Regierung nicht zurückgetreten war, sondern sich nach wie vor im Amt befand“, urteilt Schulte-Varendorff.70 Als schließlich die legitime Reichsregierung zum Generalstreik aufrief, der in Mecklenburg auch “weitestgehend befolgt und von Demonstrationen begleitet wurde“, eskalierte die Situation. In Schwerin wurden 15 Menschen von »Roßbachern« und Reichswehrtruppen erschossen. Auch in anderen Orten wie Rostock, Neustrelitz, Güstrow und Bützow kam es zu Schießereien. Schon bei Ausbruch des Putsches hatte sich Lettow-Vorbeck Freikorpsführer Gerhard Rossbach71

zur

Unterstützung nach Berlin geordert: „Dann nehmen Sie an Kräften, was Sie kriegen können, und kommen Sie her. Hier ist die rote Hölle los“.72 Nachdem sich bereits am 15. März die Nachrichten mehrten, dass die alte Reichsregierung noch existiere und der Putsch vor dem Aus stünde, erklärte sich am 16. März der Rat der Stadt Wismar mit dieser solidarisch. Daraufhin ließ Lettow-Vorbeck Reichswehrtruppen und das Freikorps Roßbach gegen die Stadt Wismar vorgehen. Sein Befehl lautete, dass anstelle von Verhandlungen in „schärfster Weise« gegen „bewaffnete Banden“ vorzugehen sei. Davon waren insbesondere vermeintliche Streikposten und sonstige „Rädelsführer“ betroffen. 68

Michels, Eckard (2008), S.281. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.85f.; Michels, Eckhard (2008), S.280ff. 70 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.85 mit Verweis auf LHAS 5.12-3/I, Nr 21194. 71 Rossbach galt als einer der brutalsten Freikorpsführer. 72 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.87; Michels, Eckard (2008), S.284. 69

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Standgerichte sollten bei jedem, der mit der Waffe angetroffen wurde, innerhalb von 24 Stunden die Aburteilung und Erschießung sicherstellen. Als Folge dieses Befehls exekutierten die »Roßbacher« beim Vormarsch auf die Stadt drei Arbeiter.73 Nachdem Lettow-Vorbeck am 17. März erkennen musste, dass der Putsch gescheitert war, erkannte er die Regierung Ebert-Bauer wieder an und appellierte an die Mecklenburger sich vorbehaltlos hinter die Regierung zu stellen. Opportunistisch forderte er darüber hinaus von der Schweriner Landesregierung, dass weder an ihm noch seinen Truppen keine Kritik geäußert werden dürfe.74 Eine für Lettow-Vorbeck bezeichnende Reaktion meint SchulteVarendorff: „Als Mann, der sich vorübergehend als Militärherrscher in Mecklenburg aufgeschwungen hatte, verbat sich jegliche Kritik an seiner Person und Handlungsweise“.75 Nach dem Scheitern des Putsches wurde aufgrund des Antrags des Schweriner Staatsministeriums, Lettow-Vorbeck wegen Hochverrats anzuklagen, dessen geplante Abkommandierung nach Breslau zunächst hinfällig. Das Staatsministerium maß ihm für die Vorgänge in Mecklenburg die alleinige Verantwortung zu. Schließlich sei er von mehreren Seiten dazu gedrängt worden, sich dem Putsch entgegen zustellen. Dennoch habe er aber gehandelt und trüge somit de Verantwortung für die Toten und Verletzten sowie für den wirtschaftlichen Schaden. Die Anklagepunkte lauteten: a) Versuch, die Verfassung des Deutschen Reiches gewaltsam zu ändern, b) Versuch, die Verfassung des Landes Mecklenburg-Schwerin gewaltsam zu ändern, c) Versuch, die Verfassung des Landes Mecklenburg-Strelitz gewaltsam zu ändern76 Von der von der Landesregierung Ende April 1920 geforderten Verhaftung Lettow-Vorbecks, nahm das Reichsjustizministerium hingegen Abstand, da dies außerordentliches Aufsehen erregt

hätte.

Das

Reichsgericht stellte

schließlich auf

der

Grundlage

des

»Straffreiheitsgesetzes« des Reichstages vom 4. August 1920 das Verfahren gegen LettowVorbeck ein. Gemäß diesem könne Personen Straffreiheit gewährt werden, „die an einem hochverräterischen Unternehmen gegen das Reich mitgewirkt haben, sofern sie nicht Urheber oder Führer des Unternehmens“ gewesen seien.77 Der Tatbestand des Hochverrats wurde also bestätigt, letztlich aber nur die Hauptputschisten Kapp und Lüttwitz für verantwortlich erklärt. Die Reichswehrführung, die Reichsregierung und der Reichspräsident erhofften sich dadurch eine innenpolitische Befriedung. Reichswehr und Republik sollten nicht noch weiter 73

Michels, Eckard (2008), S.284; Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.87ff.; Der Befehl Lettow-Vorbecks, in Gumbel, Emil Julius (1980): Vier Jahre politischer Mord. Heidelberg, S. 140; Bley, Helmut (2008) , S.184. 74 „Dem Mecklenburg-Schwerinschen Staatsministerium beehre ich mich mitzuteilen, dass ich mit meinen Truppen hinter dem jetztigen Reichswehrministerium stehe und dass ich alles tun werde, um Ruhe und Ordnung im Lande wieder herzustellen. Ich darf, um neue Unsicherheit und Unruhen in der Bevölkerung zu vermeiden, erwarten, dass bei den heutigen Verhandlungen im Landtag weder von Abgeordneten noch von der Regierung eine abfällige Kritik an der Haltung, die das Militär in den letzten Tagen gezeigt hat, geübt wird“. Zit. nach Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.88. 75 ebd., S.88. 76 ebd., S.89, basierend auf dem Eröffnungsbeschluss des Oberreichsanwalts 19.6.1920 in Bundesarchiv BA-MA N 103/55. 77 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.90, Michels, Eckard (2008), S.288 mit Hinweis auf Reichsgesetzblatt, Jahrgang 1920, Nr.163, S.1487.

15

entfremdet werden.78 Als „angeblicher Mitläufer und bloßer Befehlsempfänger“ entging LettowVorbeck zwar der strafrechtlichen Verfolgung, wurde aber bei Gewährung der vollen Pension eines Generalmajors aus der Reichswehr entlassen. Im Hinblick auf einen Artikel in der „Norddeutschen Zeitung“ vom 23. März 1920 merkt Maas an: „Für eine kurze Zeit war aus dem Helden ein Verbrecher geworden, der den „afrikanischen Buschkrieg“ nach Mecklenburg gebracht“ hat.79 Michels resümiert: „Lettow-Vorbeck war für den Tod von mehr als 50 Menschen in den beiden mecklenburgischen Staaten verantwortlich [..] Lettow-Vorbecks Entschluss sich Lüttwitz anzuschließen war nicht nur Folge bloßen Ungehorsams, sondern eine bewusste politische Entscheidung [..]. Seine Rücksichtslosigkeit, seine dynamische, aggressive Auslegung von Befehlen und sein einfaches Weltbild, das nur Freund oder Feind kannte, minderten die Chancen zur Deeskalation in Mecklenburg, als sich hier der Widerstand gegen den Staatsstreich formierte. Folglich kann man für Mecklenburg von einem KappLüttwitz-Lettow-Putsch sprechen“.80 Auch Bley kommt zu dem Urteil: „Hochverrat und Verantwortung für illegale Standgerichte und Todesurteile und Morde durch Aufforderung zum rücksichtslosen Schusswaffengebrauch, Verantwortung von Tötung insbesondere von Streikenden sind dementsprechend von LettowVorbeck persönlich zu verantworten.81

3.6 Im Dienst der Nationalsozialisten Die Quellen zu Lettow-Vorbecks Denken und Handeln in den Jahren 1933 bis 1945 sind spärlich gesät, vermutlich weil er oder seine Erben nach 1945 seinen Nachlass für diesen Lebensabschnitt wohl gründlich gesäubert haben.82 Die Machtübernahme Hitlers und die NSHerrschaft hatten für Lettow-Vorbeck weitgehend positive Auswirkungen. Am 25. September 1933 wurde er vom Regierenden Bürgermeister in den bremischen Staatsrat berufen. Wenngleich mit dieser Position keine Machtbefugnisse verbunden waren, genoss er doch die gesellschaftlichen Kontakte zu den regionalen NS-Größen.83 Angesichts seiner vergeblichen Bemühungen bei Hitler und Röhm, die Überführung des »Stahlhelms« in die SA wieder rückgängig zu machen, geriet er 1934 jedoch in einen gewissen Konflikt mit den Nationalsozialisten. Auch seine Bemühungen bei Reichspräsident Hindenburg um den Kommandeur der Bremer Schutzpolizei, Oberst Walter Caspari waren erfolglos geblieben.

78

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), Anmerk. 117, S.170, Michels, Eckard (2008), S.288. Maß, Sandra (2006), S.44f. mit Auszug aus dem Artikel: “Dieser General ist uns immer als Bild des strahlenden Himmels erschienen. Hier trat plötzlich aus dem Rahmen die gestalt eines Meuterers, dem es vorbehalten war, das mecklenburgische Volk in einer Stunde des jungen Friedensglücks zu überfallen. Für Mecklenburg und besonders für die Landeshauptstadt begann jetzt eine Zeit, die mit dem afrikanischen Buschkrieg keine allzu großen Gegensätze hatte“. 80 Michels, Eckard (2008), S. 287. 81 Bley, Helmut (2008), S.185. 82 Michels, Eckard (2008), S.317. 83 In seinen Memoiren resümiert er: „Überhaupt hat mich der nationalsozialistische Senat mich stets sehr achtungsvoll behandelt, während der frühere bürgerliche Senat mich nicht einmal einlud, als Feldmarschall von Hindenburg seinen Besuch machte.“; Lettow-Vorbeck (1957), S.212; vgl. auch Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.108. 79

16

Aber „sein Mut, sich für einen von den Nationalsozialisten aus dem Amt entfernten Mann einzusetzen, spricht für ihn. Persönliche Konsequenzen wie den Austritt aus der SA oder der Rückzug aus dem bremischen Senat, zog Lettow-Vorbeck aber nicht, und diese Konsequenzlosigkeit spricht wiederum gegen ihn“, merkt Schulte-Varendorff an, vom dem die geschilderten Meinungsverschiedenheiten jedoch nicht als grundsätzliche Differenzen gewertet werden.84 Für Lettow-Vorbeck hatte die nationalsozialistische Herrschaft – wie bereits erwähnt – äußerst positive Auswirkungen. Hatte die Reichswehr nach dem KappLüttwitz-Putsch seiner Person gegenüber eine gewisse Zurückhaltung gezeigt, wurde er im Zuge der Aufbauphase der Wehrmacht 1936 wieder reaktiviert und zum Generalleutnant befördert, ohne allerdings ein aktives Kommando zu erhalten. Vom 25. September bis 24. Oktober nahm er an einer Mobilmachungsübung teil und wurde im Anschluss in Ehren verabschiedet. Seine Biographen resümieren einhellig, dass Lettow-Vorbeck für die Nationalsozialisten eine Propagandafunktion erfüllte.85 Zur ideologischen Vorbereitung auf den Krieg stilisierte man den Afrikakämpfer zum Idealbild des deutschen Soldaten. 1938 und 1939 wurden die Kasernen in Leer, Bremen und Hamburg nach ihm benannt. Unterstützt wurde diese Heldenverehrung durch eine Reihe von Neuveröffentlichungen aus dem Bereich der kolonialen Erinnerungsliteratur. Davon

erhofften sich

die

Nationalsozialisten die

Wiederbelebung der kolonialen Wunschvorstellungen in der Bevölkerung. Die Glorifizierung Lettow-Vorbecks kumulierte schließlich in einer regelrechten Flut an Straßenbenennungen. Die heute noch existierenden Lettow-Vorbeck-Straßen sind nahezu ausnahmslos Produkte der Nationalsozialisten.86 „Er selbst ließ sich nur allzu gern vor den nationalsozialistischen Karren spannen, da die ihm in vielfältigster Weise entgegen gebrachte Aufmerksamkeit seinem Ego schmeichelte. Das lässt Lettow-Vorbecks Behauptung, dass er 1934 bei der Partei schon stark in Ungnade gefallen sei, unglaubwürdig erscheinen; auch der Eintrag im Deutschen Führerlexikon, in dem die herausragenden und »verdienten« Männer des Staates aufgenommen wurden, spricht nicht dafür“, urteilt Schulte-Varendorff.87 Auch Michels merkt an, dass trotz seiner Verabschiedung Lettow-Vorbeck auch nach Kriegsbeginn in engen Kontakt zur Wehrmacht stand. Dies beweise seine rege Vortragstätigkeit und Reisen für die Wehrmacht, die Michels unter die Rubrik „Truppenbetreuung“ subsumiert.88 Im Juni 1940 und im Herbst 1941 fielen seine Söhne Rüdiger und Arnd. 1944 wurde bei einem Luftangriff sein Haus in Bremen zerstört. Das Kriegsende verbrachte er auf dem Gut der befreundeten Familie des Grafen von Waldersee. Trotz menschlicher wie materieller Verluste befürwortete Lettow-Vorbeck den Krieg und das Regime bis zum Ende. Nach Michels wird dies vor allem daran deutlich, dass er selbst „in seiner in den fünfziger Jahren veröffentlichten 84

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.109. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.112ff., Michels, Eckard (2008), S.324ff. 86 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.118-122, vgl. auch Pöppinghege, Rainer (2007), S.72. 87 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.328. 88 Michels, Eckard (2008), S.326. 85

17

Autobiograhie , als die vom Regime begangenen Verbrechen durch die Nürnberger Prozesse und andere Enthüllungen allgemein bekannt waren, lediglich die Tatsache bedauerte, dass Hitler den Sieg, der selbst in einem Mehrfrontenkrieg noch möglich gewesen sei, durch eine Reihe strategischer Fehlentscheidungen verschenkt habe. Der Krieg und insbesondere die Tatsache, dass Deutschland seine Nachbarn überfallen und millionenfachen Mord an der jüdischen wie nicht-jüdischen Zivilbevölkerung begangen hatte, wurde in Lettow-Vorbecks Memoiren mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn verurteilt“.89

4. Zusammenfassung Betrachtet man die von Michels und Schulte-Varendorff auf breiter Quellen- und Literaturbasis zusammengetragenen Ergebnisse, lässt sich feststellen, dass der gesamte militärische Lebensweg Paul von Lettow-Vorbecks im Widerspruch zu dem bis in die späten sechziger Jahre vorherrschenden Mythos steht. Aufgewachsen in einer preußischen Junkersfamilie war seine militärische Laufbahn geradezu vorgezeichnet. Offizier hieß für ihn nicht nur, einen Beruf auszuüben, sondern war seine Lebenswelt, deren Inhalte sich unter asketischer Lebensführung, Pflichterfüllung, Kaisertreue und tiefes Misstrauen gegenüber der Welt der Politik subsumieren lassen. Ehrgeiziges Verfolgen seiner Karriere in den Militärhierarchien stand für ihn stets im Vordergrund. Seine freiwillige Meldung zum Boxerkrieg in China und die Niederschlagung des Herero- und NamaAufstandes ermöglichten ihm schnelle Aufstiegschancen, so dass er kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit nur 43 Jahren, also drei bis fünf Jahre früher als üblich, zum Oberstleutnant befördert wurde.90 Außerdem gehörte er zu der Generation preußischer Offiziere, die die Kriege von 1871 nur aus Erzählungen kannten und nun regelrecht auf eigene Kriegserfahrungen brannten. Dabei wurden weder Sinn und Zweck militärischer Gewalt hinterfragt, noch die humanitären und wirtschaftlichen oder politischen Folgen militärischen Handelns einbezogen. „Als »Kind des Wilhelminismus« und seiner militaristischen und nationalistischen Ausrichtung propagierte er die Auffassung, dass im Krieg alle Mittel erlaubt seien und ihm, aber vor allem dem Krieg unterzuordnen“ seien, resümiert Schulte-Varendorff91 So reduzierte er die Träger und die afrikanische Zivilbevölkerung auf militärisches Menschenmaterial. Nicht umsonst erhielt er von »seinen Askari« den Beinamen »Der Herr, der unser Leichentuch schneidert«. Forderte er von seinen Untergebenen unbedingten Gehorsam, war er selbst geradezu unfähig, Befehlen Folge zu leisten. Im Hinblick auf seine Zeit in Ostafrika hebt Schulte-Varendorff hervor, dass ein kriegsgerichtliches Verfahren aufgrund seiner Verhaltensweise und wiederholten Befehlsverweigerungen „mehr als 89

Michels, Eckard (2008), S.329, dazu auch Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.124. Beide beziehen sich auf LettowVorbecks Memoiren. Zur Anerkennung von Hitlers Aufbauleistungen, S. 218, Zustimmung zu den Annexionen S.218220, zum Vorwurf v. Hitlers „militärischen Dilettantismus“, S.241-243. 90 Michels, Eckard (2008), S.116. 91 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.147.

18

angemessen“ gewesen wäre und lediglich der Umstand, dass Lettow-Vorbeck nach dem verlorenen Krieg als Held und strahlender Sieger für die Öffentlichkeit gebraucht wurde, Gouverneur Schnee davon abhielten.92 Auch Bley urteilt: „Er gehörte auf keinen Fall zu dem Personenkreis, der sich hinter Befehlsnotstände zurückzog [..] Auch im Kapp-Lüttwitz-Putsch beachtete er die Entlassung seines Vorgesetzten Lüttwitz nicht“.93 „Das besondere an LettowVorbecks Leben waren zweifellos die fünf Jahre als Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika. Hier – und in gewissem Maße noch während des Kapp-Lüttwitz-Putsches 1920 – war er ein entfesselter, geschichtsmächtiger Akteur, dessen Handeln buchstäblich mörderische Konsequenzen für seine Mitmenschen zeitigte“, fasst Michels abschließend zusammen. Hinsichtlich der Vorwürfe des Kriegsverbrechens und Massenmörder ist er zurückhaltender und hält diese Vorwürfe „für überzogen, da sie vollkommen ahistorisch moralisch aufgeladene bzw. völkerrechtlich definierte Kategorien der Jetztzeit auf eine Person anwenden, die in einem ganz anderen historischen Kontext handelte. Zumindest damals sind Lettow-Vorbeck nicht einmal von seinen Kriegsgegnern Massenmord oder Kriegsverbrechen vorgeworfen worden. Auch die Linke in der Weimarer Republik der 20er Jahre attackierte ihn nicht wegen seiner Kolonialvergangenheit, sondern wegen seiner antirepublikanischen Umtriebe“.94Dem halten Bley und Schulte-Varendorff entgegen, dass Lettow-Vorbeck weit mehr als der Durchschnitt der deutschen Offiziere im deutschen Kaiserreich von Rassismus und genozidaler Gewaltbereitschaft geleitet war. Schon seine Zeitgenossen standen ihm zum Teil kritisch gegenüber.95 Der Oberbefehl für die Schutztruppe wurde zunächst verweigert. Bleys Urteil fällt direkter aus: „Insgesamt ist festzustellen, dass Lettow-Vorbeck persönlich an Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen in Afrika und Deutschland, wahrscheinlich auch in China beteiligt war“.96 Sicherlich war Lettow-Vorbecks Denk- und Verhaltensmuster durch die adelige und militärische Führungselite des Wilhelminismus geprägt.97 Dennoch muss die gesellschaftliche Prägung nicht zwangläufig ein ganzes Leben herrschen, wie bspw. die Lebensläufe Berthold von Deimlings oder anderer Offiziere belegen, die später ihre eigene Handlungsweise kritisch hinterfragten.98 Demgegenüber hat Lettow-Vorbeck die Fähigkeit zur kritischen Reflexion seiner politisch-militärischen Vergangenheit nicht entwickelt. Im Gegenteil propagierte er noch nach Verabschiedung des Grundgesetzes und der UN-Menschenrechte in seinen 1957 publizierten Memoiren das gewaltsame Handeln der deutschen Kolonialmacht in Afrika und China als gerechtfertigt. Dies gilt sowohl für die Hunnenrede von Wilhelm II (1900), 92

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.45. Bley, Helmut (2008) , S.171. 94 Interview mit Eckard Michels in der Saarbrücker Zeitung vom 05.12.2009. http://www.saarbruecker-zeitung.de/szberichte/saarlouis/Lettow-Vorbeck-Saarlouis-Strasse-Stadtrat-Schulte-Varendorff-Michels;art2807,3123918 95 Bley, Helmut (2008), S.186f. 96 ebd. S.171. 97 Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.8. 98 wie z.B. Moritz von Egidy (1847-1898), Kurt von Tepper-Laski (1859-1931), Max Graf Montgelas (1860-1944), Kapitän zur See a.D. Lothar Persius (1864-1944), vgl. dazu auch: Wette, Wolfram (1999); außerdem: Deimling, Berthold von (1930): Aus der alten in die neue Zeit. Lebenserinnerungen. Berlin. 93

19

die schon seinerzeit weithin und von den meisten Parteien im Reichstag kritisiert wurde, als auch die exzessive Kriegsführung bei den sogenannten Strafexpeditionen in China unter dem Befehl Generalfeldmarschalls von Waldersee. Bereits Reichskanzler Bülow hatte die Vernichtungsstrategie von Trothas in Südwestafrika/Namibia als Verstöße gegen alle „Prinzipien des Christentums und der Menschlichkeit“ verurteilt. Lettow-Vorbeck hingegen verteidigt noch 1957 diese Vernichtungspolitik seines Vorgesetzten, ebenso wie seine eigene rücksichtlose Kriegsführung im östlichen und südlichen Afrika. Der Zusammenbruch 1918 kam für Lettow-Vorbeck einem Trauma gleich und durch den Verlust der klaren Ordnung und Hierarchien wirkte die

Nachkriegszeit wie

eine permanente Bedrohung auf ihn.

Dementsprechend reagierte er auf die neuen Verhältnisse unbelehrbar mit Hass und Ablehnung. Ausdruck dessen war nicht zuletzt seine aktive Beteiligung am Kapp-LüttwitzPutsch 1920. Der Verfassungsbruch und der Hochverrat im Kapp-Putsch wurden in der Anklage vom Reichsanwalt festgestellt, das Verfahren aber auf Grund der Amnestie auch bei „hochverräterischen“ Tätigkeiten eingestellt. Demgegenüber stehen seine Rechtfertigungsversuche und der Bruch auf die Reichsverfassung. Michels und Schulte-Varendorffs einhelliges Urteil lautet: „Allein schon wegen seines Handelns in Afrika als preußischer Kolonialoffizier, ganz abgesehen von Lettow-Vorbecks politischem Engagement zwischen 1919 und 1945, ist er nicht geeignet heute noch als Vorbild zu dienen“.99 „Es gibt nichts an Lettow-Vorbeck, das heute noch verehrungswürdig wäre“.100

Ergebnis Seine Biographen wie auch Gutachter kommen einstimmig überein, dass Lettow-Vorbeck weder als Namensgeber für Kasernen noch für Straßen in heutiger Zeit geeignet ist. Schon allein seine aktive Teilnahme am Kapp-Putsch 1920 gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung hat ihn politisch vollkommen diskreditiert. Er steht als Sinnbild für ein Berufsverständnis des deutschen Militärs, das den Krieg an sich als Daseinsform verherrlichte ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung in Afrika und anderswo. Er verkörpert darüber hinaus eine Elite, die jegliche politische Verantwortung für ihr Handeln abstritt. Eben diese Haltung prägte den größten Teil der Wehrmachtselite bis 1945 mit den bekannten Folgen. Letztendlich ist Lettow-Vorbeck als Kolonialoffizier in Erinnerung geblieben. Die Koordinaten des deutschen wie auch des Kolonialismus anderer Nationen bildeten stets Rassismus und Fremdherrschaft. Dies sind Voraussetzungen, die keineswegs in Einklang mit einem demokratischen Staatsgebilde wie der Bundesrepublik stehen und indirekt noch durch Namenspatenschaften gewürdigt werden sollten. Eine Straßenbenennung soll eine Person

99

Michels, Eckard (2008), S.361. Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.152.

100

20

würdigen, die sich um die Stadt, den Staat, die Demokratie oder für das Allgemeinwohl verdient gemacht hat. Davon ist bei Paul von Lettow-Vorbeck nichts zu erkennen.

5. «Lettow-Vorbeck-Straßen» in der Diskussionen Derzeit existieren noch acht Lettow-Vorbeck-Straßen in Deutschland.101 Kaum eine der Städte hat es sich mit der Umbenennung ihrer Lettow-Vorbeck-Straße leicht gemacht, wie die folgenden Diskussionsverläufe zeigen.

Überblick über die existierenden Lettow-Vorbeck-Straßen in Deutschland ORT

ALTER NAME

UMBEN.

NEUER NAME

UMBEN.

Bünde

Heidestraße

1937

1946 1946

Cuxhaven

-

Delmenhorst

Zeppelinstraße

1936 resp. 1950 1937

L.-V.-Str. Klinkenkolkstr. L.-V.-Str. L.-V.-Str.

1946 1965

Halle (Westfalen) Kaiserslautern

NAME BIS HEUTE Heidestraße Lettow-Vorbeckstraße

ERLÄUTERUNGSTAFELN nein nein

Steller Straße Lettow-Vorbeck-Straße

nein

1935

L.-V.-Str.

nein

1935

L.-V.-Str.

nein

Mönchengladbach

-

1935

L.-V.-Str.

nein

Radolfzell

-

1939

L.-V.-Str.

nein

1938

L.-V.-Str.

Völklingen

1945 1956

Rabenstraße Lettow-Vorbeck-Straße

nein

5.1 Bünde102 In Bünde wurde 1937 die „Heidestraße“ Lettow-Vorbeck gewidmet.103 Nach dem Zweiten Weltkrieg (1946) wurde im Rahmen einer größeren Umbenennungsaktion der Straßen, die nach NS-Persönlichkeiten benannt waren, die „Lettow-Vorbeck-Straße“ in „Heidestraße“ zurückbenannt, dafür nun aber die Klinkenkolkstraße mit dem Namen Lettow-Vorbecks bedacht.104 Über eine mögliche Umbenennung wurde in den Jahren 1965 und 1979 diskutiert. 1979 regte der „Arbeitskreis für Demokratie gegen Neonazismus“ die Umbenennung der Hindenburg-, Lettow-Vorbeck- und Sedanstraße an: „Auch Lettow-Vorbeck steht für finstere Stunden der Geschichte dieses Landes [...] Wir können nicht verstehen, daß eine solche Person durch die Benennung einer Straße geehrt wird.“105 Der Arbeitskreis fügte eine Vorschlagsliste mit

101

Das ergab eine Anfrage bei der Post im Mai 2012. Emailkorrespondenz mit Frank Crämer ([email protected]) Die Ausführungen zu Bünde stammen von Dr. Andrea Frey, die als Gutachterin für Halle Westfalen fungierte und ihre Ergebnisse im 97. Jahresbericht des Historischen Vereins der Grafschaft Ravensberg veröffentlichen wird, vgl. Literaturverzeichnis. 103 Pressemitteilung des Bürgermeisters Richard Moes vom 1.2.1937, Privatarchiv Militzer, Bünde. 104 Bereits 1938 hatte der Furnierfabrikant Edwin Kranz, der durch „Arisierung“ Eigner der von Rosenberg & Rosenbaum gegründeten Firma in der Klinkenkolkstraße geworden war, einen „Antrag auf Umbenennung des für ihn unschön klingenden Straßennamens.“ Seinem Antrag, diese Straße in Lettow-Vorbeck-Straße umzubenennen, wurde nicht stattgegeben; vgl. Mitteilung des Stadtdirektors an die Rheinisch-Westfälische-Lebensversicherungs AG in WuppertalBarmen, 29.11.1946, Privatarchiv Militzer, Bünde. 105 Schreiben des Arbeitskreis für Demokratie gegen Neonazismus an die Stadt Bünde, 20.3.1979. 102

21

Namen von Widerstandskämpfern gegen die NS-Diktatur bei. Die Stadt führte daraufhin im März 1980 eine Anwohnerbefragung durch; gleichzeitig entspann sich in der Neuen Westfälischen Zeitung eine Leserbriefdebatte, in der die Gegner der Umbenennung zum Teil unsachlich und reaktionär argumentierten. Die Zeitung kündigte schließlich Ende März an, zu dem Thema keine weiteren Leserbriefe mehr abzudrucken „da die Diskussion zuletzt ausuferte und keine neuen Gesichtspunkte mehr brachte“.106 Obwohl 60% der betroffenen Anwohner der drei Straßen auf das Schreiben der Stadt nicht reagiert hatten, nahm der Rat der Stadt die Befragung zur Grundlage der Entscheidung, die Straße nicht umzubenennen: Die Anlieger der betroffenen Straßen hätten sich „bis auf geringe Ausnahmen gegen eine Umbenennung ausgesprochen“. Die vom Arbeitskreis vorgeschlagenen Straßennamen sollten „bei der Ausweisung neuer Straßen Berücksichtigung finden“.107 Des weiteren sei es aber ratsam, „so wurde ausdrücklich betont, Straßen möglichst nicht nach Politikern zu benennen, besser sei es, alte Flurzeichen dafür zu nehmen“.108 Seitdem gab es in Bünde keine weiteren Anläufe, die Lettow-Vorbeck-Straße umzubenennen.

5.2 Cuxhaven In Cuxhaven wurde der Name „Lettow-Vorbeck-Straße“ bereits 1936 im Zuge des Ausbaus des sogenannten "Afrikaviertels" festgelegt. Der anschließende Krieg verhinderte jedoch den Ausbau der Straße zu Wohnzwecken. Noch 1949 wird von einer "geplanten" Lettow-VorbeckStraße gesprochen. Der tatsächliche Ausbau und somit die Benennung erfolgte schließlich zu Beginn der 1950er Jahre. Diskussionen um eine mögliche Umbenennung gab es bisher nicht.109

5.3 Delmenhorst In Delmenhorst wurde 1937 die „Zeppelinstraße“ in Lettow-Vorbeck-Straße umbenannt. Diese Benennung wurde 1946 getilgt und die Straße in „Steller Straße“ umbenannt. Am 31. August 1965 erfolgte die Benennung einer von der „Carl-Peters-Straße“ abgehenden Planstraße in „Lettow-Vorbeck-Straße“.110

Im Jahr 2009 entbrannte eine rege Diskussion um die

Umbenennung der „Carl-Peters-Straße“. Im Rahmen dieser Debatte regte der Stadtarchivar Werner Garbas an, weitere Personen, die Delmenhorster Straßen Pate standen, zu überprüfen. Besonders kritisch erschienen ihm – neben dem bereits zur Änderung anstehenden und schließlich auch umbenannten Carl Peters – die beiden 1946 getilgten und in den sechziger Jahren wieder auf den Straßenschildern installierten Namensgeber Paul von 106

Rubrik „Leserbriefe“, Neue Westfälische vom 29.3.1980. Auszugsweise Abschrift aus der Sitzungsniederschrift des Bauausschusses vom 13.5.1980, Rathaus der Stadt Bünde, Akte 642-01. 108 Straßennamen werden in Bünde nicht geändert, Bünder Zeitung vom 20.6.1980. 109 Auskünfte zur Lettow-Vorbeck-Straße in Völkingen von Torsten Thees, Stadtarchiv Cuxhaven. 110 Auskünfte zur Lettow-Vorbeck-Straße in Delmenhorst von Werner Garbas, Stadtarchivar. 107

22

Lettow-Vorbeck und Franz Adolf Lüderitz. Darüber hinaus sprach er sich für die kritische Auseinandersetzung mit Gustav Nachtigal (1834-1885), Gerhard Rohlfs (1831-1896), Heinrich Vogelsang (1862-1914) und Hermann von Wissmann (1853-1905) aus. Das Thema wurde seinerzeit aber nicht weiter verfolgt. In Delmenhorst sind keine zusätzlichen Erläuterungen an den Straßenschildern angebracht.111

5.4 Halle Westfalen112 Im westfälischen Halle benannte man 1938 eine neu angelegte Straße nach Lettow-Vorbeck, angeblich um „Schlimmeres zu verhindern“. Nach dem Krieg erfolgte die Rückbenennung der zwischenzeitlich nach NS-Persönlichkeiten benannten Straßen. Die Straßen mit den Namen preußischer Generäle blieben jedoch bestehen. In Halle Westfalen stößt der Namensgeber Lettow-Vorbeck seit den 1980er Jahren immer wieder auf: 1985 beantragte die SPD-Fraktion anlässlich des

40.

Jahrestages des

Endes

nationalsozialistischen Herrschaft, eine

Straße

des

Zweiten Weltkriegs und

nach

einem

der

Widerstandskämpfer

umzubenennen. In zwei Ratssitzungen wurde die Umbenennung der Lettow-Vorbeck in Carlvon-Ossietzky Straße diskutiert und mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Im Hinblick auf das kirchliche Engagement und die Verbindung zu afrikanischen Partnerkirchen, die „in bezug auf die Kolonialzeit sehr empfindlich“ seien, beantragte die Ev. Luth Kirchengemeinde 1988 die Umbenennung in „Martin-Luther-Straße“.113 Dieser Antrag stieß bei den Anwohnern auf wenig Verständnis, wie Leserbriefe im Haller Kurier zeigen „Was schon immer dagewesen ist, das sollte auch so bleiben“ hieß es z.B. dort. Außerdem seien seit der letzten Diskussion 1985 „keine wesentlichen neuen Erkenntnisse in bezug auf die Person Lettow-Vorbeck gewonnen worden [...], die es rechtfertigen könnten, erneut an der Richtigkeit des Straßennamens zu zweifeln.“ 114 Im März 1989 wurde der Antrag, wiederum mit einer Gegenstimme Mehrheit, im Rat der Stadt abgelehnt.115 Als im Jahr 2006 erneut auf die politische Tagesordnung kam, berief man sich „auf die früheren Beratungen“. Lediglich die SPD-Fraktion stimmte für die Umbenennung.116 Im November 2011 beantragte die SPD erneut die Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Straße. Die Bürger wurden aufgefordert, Vorschläge für Straßennamen einzureichen. Die Ev. Kirche schlug erneut vor, die Straße nach Martin Luther zu benennen. Im März 2012 debattierte der 111

Die Carl-Peters-Straße wurde 2009 umbenannt. Emailkorrespondenz mit Werner Garbas, Stadtarchiv der Stadt Delmenhorst, Juli-Sept. 2012 sowie Delmenhorster Kurier, 30.03.2009 112 Die Ausführungen stammen von Dr. Andrea Frey, die als Gutachterin für Halle Westfalen fungierte und ihre Ergebnisse im 97. Jahresbericht des Historischen Vereins der Grafschaft Ravensberg veröffentlichen wird, vgl. Literaturverzeichnis. 113 So unterstützte die anliegende Kindergarten-Fachberatung der Ev. Kirche beispielsweise die Aktion „Kein Kriegsspielzeug“; Brief des Superintendenten Walter Schmeling an den Rat der Stadt vom 11.1.1989, aus: Gemeindebrief Halle, Sommer 1989. 114 Haller Kreisblatt vom 13.1.1989 und 20.1.1989. 115 Protokoll der Sitzung des Rates Stadt Halle vom 8.3.1989. 116 Protokoll der Sitzung des Rates Stadt Halle vom 22.8.2006.

23

Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Halle „kontrovers und leidenschaftlich“ über die Frage, ob es „sich die Stadt Halle leisten [kann und soll], dass eine Straße weiterhin nach dem General

Lettow-Vorbeck

benannt“

bliebe.

Die

CDU

wehrte

sich

gegen

„Straßennamenänderungen »auf dem Altar der politischen Korrektheit«“. Bezeichnungen wie Lettow-Vorbeck seien „ein guter Anlass für geschichtliche Diskussionen“, man sähe ansonsten die Gefahr, dass alle anderen geschichtsträchtigen Straßen, wie z.B. Bismarck, auch aus dem Stadtbild verschwänden.117 Nach einer Informationsveranstaltung zur Person Lettow-Vorbecks und dem Umgang mit Straßenumbenennungen stimmte der Rat der Stadt erneut am 4.7.2012 ab. Die SPD Fraktion und die Grünen argumentierten, „dass der Name ‚Lettow-Vorbeck’ nach heutigem Wissen und jetziger Bewertung auf Grund des militärischen Vorgehens während der Kolonialzeit in Afrika für eine Straße nicht mehr tragbar sei.“ Darüber hinaus „müsse dringend die Debatte darüber geführt werden, wie die Politik mit der Erinnerungskultur umgehen wolle: Erinnert werden sollte an die Opfer von Unrecht – nicht an die Täter.“ Die übrigen Fraktionen der CDU, UWG und FDP hielten dagegen den Willen der Anwohner für maßgeblich, von denen sich „viele Befragte“ gegen eine Umbenennung ausgesprochen hätten. Die Abstimmung endete mit 20 gegen 16 Stimmen (1 Enthaltung) für die Beibehaltung der LettowVorbeck-Straße.118

5.5 Kaiserslautern In Kaiserslautern gab es bisher zwar eine Diskussion um die dortige „Carl-Peters-Straße“ nicht aber um die „Lettow-Vorbeck-Straße“.

5.6 Mönchengladbach Auch in Mönchengladbach stand die „Lettow-Vorbeck-Straße“ immer wieder in der Diskussion. Den letzten Versuch machten die Grünen im November 2011 – warten noch auf Antwort der Verwaltung, ob für Lettow-Vorbeck in Mönchengladbach das gilt, was auch in Hannover und Wuppertal zu der Umbenennung führte. Derzeit befindet sich keine Erläuterung zu LettowVorbeck am Straßenschild.119

5.7 Völkingen Hier erfolgte die Benennung in „Lettow-Vorbeck-Straße“ im Jahr 1938. Getilgt wurde der Name 1945 und durch „Rabenstraße“ ersetzt. Eine Rückwidmung in „Lettow-Vorbeck-Straße“ wurde wiederum am 19. November 1956 im Völklinger Stadtrat beschlossen, nachdem von der Regierung des Saarlandes, Ministerium des Innern am 21. Juni 1956 ein Erlass ergangen

117

Reformator statt Reaktionär?, Haller Kreisblatt vom 14.3.2012. Auszug aus der Niederschrift über die Sitzung des Rates Stadt Halle am 4.7.2012. 119 Emailkorrespondenz mit Christian Wolfsberger, Stadtoberarchivrat Mönchengladbach. 118

24

war, die nach 1945 vorgenommenen Änderungen von Straßennamen zu überprüfen und Umbenennungen vorzunehmen.120 In Völkingen wurden im Zuge der aktuellen Debatte um die mögliche Umbenennung des Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe auch Stimmen laut, zweifelhafte Straßenamen, u.a. Lettow-Vorbeck überprüfen zu lassen. Im Gegensatz zur öffentlich geführten Diskussion über eine Umbenennung des Stadtteils Hermann-RöchlingHöhe sind diese Bestrebungen zur Zeit eher verstummt, wie der dortige Stadtarchiv mitteilte.

5.8 Wuppertal Über die Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Straße wurde in der Bezirksvertretung des Stadtteils Vohwinkel bereits im Jahre 2004 diskutiert. Der Antrag der GRÜNEN auf Änderung des Straßennamens wurde jedoch mit den Stimmen der CDU, SPD und WfW abgelehnt. Angeregt durch die Empfehlung der „Kommission zur Kultur des Erinnerns“ auf Umbenennung, gelangte die Thematik im Jahr 2008, erneut auf die politische Agenda der Stadt.121 Die Bezirksvertretung Vohwinkel blieb jedoch bei ihrer Entscheidung, da sie die 2006 angebrachten Erläuterungstafeln und angemessenen geschichtlichen Einordnung zu LettowVorbeck und anderen Militärführern des Vohwinkeler Generalviertels für ausreichend erachtete. Da sich inzwischen nicht nur die Kommission, sondern auch die Kirchengemeinde (Gemeinderat der katholischen Pfarrgemeinden Wuppertaler Westen) für eine Umbenennung aussprach, wurde die Diskussion 2010 wieder neu entfacht und spaltete nun den Stadtteil. Die Argumente reichten von der „Umbenennung aus historischen Gründen“ bis zur „Beibehaltung aufgrund zu hoher Kosten“ für die Umbenennung. In einer Befragung der Straßenanwohner sprachen diese sich die mehrheitlich gegen eine Umbenennung aus.122 Auch in der Frage eines eventuell neuen Straßennamens schieden sich die Geister. Während die katholische Kirchengemeine

„Edith-Stein-Straße“ präferierte, sprach sich die FDP

für

„Alte

Friedrichstraße“ aus, „weil sie Bezug nimmt auf den ursprünglichen Straßennamen und wegführt von der ideologischen Debatte“ so Georg Schröder, FDP. Angelehnt ist dieser Name an Friedrich Feuerstein, der sich Anfangs des letzten Jahrhunderts um das Wohl Vohwinkels verdient gemacht hatte. Da es in Wuppertal aber bereits eine Friedrichstraße und eine Neue Friedrichstraße gibt, schlug schließlich der CDU-Ratsmitglied Horst Hombrecher „GrafBaudissin-Straße“123 vor. Damit würde „ein untadliger Offizier“ und „Friedensforscher“ an die Stelle Lettow-Vorbecks gesetzt.124 120

Auskünfte zur Lettow-Vorbeck-Straße in Völkingen von Christian Reuther, Stadtarchivar. http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/lettow-vorbeck-wird-die-strasse-jetzt-doch-umbenannt-1.178474 (Artikel vom 06.09.2010). 122 http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/stadtteile/vohwinkel/lettow-vorbeck-ein-strassenname-spaltet-denstadtteil-1.178894 (Artikel vom 9.9.2010). 123 Wolf Stefan Traugott Graf von Baudissin (* 8. Mai 1907 in Trier; † 5. Juni 1993 in Hamburg) war ein deutscher General, Militärtheoretiker und Friedensforscher. Baudissin war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr und insbesondere an der Entwicklung der Inneren Führung beteiligt. 124 http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/vorschlag-baudissin-statt-lettow-vorbeck-1.180343 (Artikel vom 21.9.2010). 121

25

Nachdem die Entscheidung zugunsten der Umbenennung gefallen war, strebte nun eine Gruppe von Bürgern eine Klage gegen die Umbenennung an. Die Anwohner beriefen sich dabei auf Verfahrensfehler und vor allem die ihnen entstehenden Kosten. Besonders bemängelt wurde jedoch, dass sie in den Prozess der Namensfindung nicht eingebunden wurden.125 In der erneuten Diskussion um einen geeigneten Namen wurden jetzt die Bürger aufgerufen, Namensvorschläge einzureichen. Diese Diskussion dauerte bis März 2011. Neben den bereits genannten, wiesen viele der neuen Namensvorschläge einen lokalen Bezug auf.126 Für viele überraschend einigte sich die Bezirksvertretung Vohwinkel im März 2011 schließlich – aufgrund des lokalen Bezugs - auf den Künstler Ernst Oberhoff. Der 1906 ins Ronsdorf geborene Maler, Plastiker und Grafiker unterrichtete fast zwei Jahrzehnte an der Werkschule Wuppertal.127

Jedoch Vorsicht bei der Namensfindung! Kurz nach der Einigung auf den

Namen Ernst-Oberhoff-Straße stellte sich nach den Informationen des Landesarchivs Düsseldorf heraus, dass Oberhoff seit 1938 Mitglied der NSDAP war. Zwar wurde er 1948 durch den Entnazifizierungs-Ausschuss Wuppertal entlastet, erschien dem Rat nun aber dennoch gänzlich ungeeignet als Namenspatron. Schließlich kehrte der Rat zum Vorschlag Edith-Stein-Straße zurück. Jedoch nicht ohne weitere Diskussionen, da der Name eigentlich bereits aus dem engeren Favoritenkreis ausgeschieden war („Hier wird einfach so lange gewählt, bis einem das Ergebnis passt“, CDU- Fraktionsmitglied Steffen Hombrecher).128

5.9 Hannover In Hannover schwelte die Frage um die Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Allee bereits seit dem Jahr 2007. Als 2009 mit der Elkartallee129, Wissmannstraße130 und der Lettow-Vorbeck125

http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/stadtteile/vohwinkel/lettow-vorbeck-anwohner-klagt-gegen-neuenstrassennamen-1.492498 (Artikel vom 11.11.2010). 126 http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/viele-vorschlaege-heute-gibt-es-einen-neuen-strassennamen-1.600115 (Artikel vom 8.3.2011). Zur Diskussion standen unter anderem: Ulrich Passiepen, ehemaliger Vohwinkeler Bezirksvorsteher. Edith Stein, Philosophin und Nonne (1891 bis 1942), setzte sich gegen die Judenverfolgung ein, wurde 1942 in Auschwitz ermordet und 1998 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Ernst Oberhoff, Wuppertaler Maler und Bildhauer (1906 bis 1980), unter anderem Lehrer von Joseph Beuys, ab 1970 als Professor tätig. Udo Optenhögel, Vohwinkeler Kaufmann (1928 bis 2009), Gründer der Aktion V, Werbegemeinschaft Vohwinkel, und Initiator des Trödelmarktes, bekannt auch für seine Erfolge im Segeln und als Sportpromoter. Horst Mohr, Architekt. Polizist Adam im Stadtteil bekannter Ordnungshüter. Adolf Scheu Politiker (1907 bis 1978), neun Jahre für die SPD im Stadtrat, sieben im Bundestag. Er soll Johannes Rau zur Politik gebracht haben. Johanniter: Das Johanniter-Stift ist Anlieger der Straße. Uwe Herder, Wuppertaler Politiker (1942 bis 1998), 14 Jahre für die SPD im Stadtrat, 18 Jahre im Landtag, unter anderem Mitverantwortlich für den Bau des Burgholztunnels. Friedrich Feuerstein, Vohwinkeler Kaufmann, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts um Vohinkel verdient gemacht hat. Nach ihm war die Lettow-Vorbeck-Straße früher bereits als Alte Friedrichstraße benannt. Otto Volkmann Gastwirt, in Vohwinkel. Friedrich Dickel (1913 bis 1993), gebürtiger Vohwinkeler, war von 1963 bis 1989 Innenminister der DDR. 127 http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/stadtteile/vohwinkel/die-entscheidung-steht-aus-lettow-vorbeck-wirdernst-oberhoff-1.605526 (Artikel vom 15.3.2011) 128 http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/stadtteile/vohwinkel/polit-posse-in-vohwinkel-eklat-um-strassennamen1.633576 (Artikel vom 14.4.2011) 129 Prof. Karl Elkart, Stadtbaurat von 1925 bis 1945, habe nach neuen historischen Untersuchungen „in hervorgehobener Position die Verfolgungspolitik des NS-Regimes“ ausgeführt. Er habe die Notsituation der Juden ausgenutzt, um von ihnen „günstig“ Eigentum für die Stadt zu erwerben, und sich schon 1933 dafür eingesetzt, dass an Juden keine städtischen Aufträge mehr vergeben werden. Damit werde ihm zwar nicht persönliche Bereicherung vorgeworfen, er habe aber „eilfertig und zum Teil mit Eigeninitiative die unmenschliche Politik des NS-Regimes unterstützt“. 130 nach dem Afrikaforscher und Kolonialisten Hermann von Wissmann. Künftig sollte die Straße eigentlich nach dem indogermanischen Sprachwissenschaftler Wilhelm Wißmann (1899-1966) benannt werden. Allerdings stellte sich heraus, dass dessen Schriften in der Zeit des NS-Regimes höchst umstritten sind. Die Umbenennung wurde sofort gestoppt.

26

Allee gleich mehrere Straßennamen in die Diskussion gerieten, verschärfte der Rat der Stadt die Richtlinien für die Umbenennung. Künftig solle einer Person die Ehre eines Straßennamens nicht nur dann entzogen werden, wenn sie eindeutig kriminell gewesen sei, sondern auch, wenn es sich „bei der namensgebenden Person um einen aktiven Unterstützer eines Umrechtssystems“ gehandelt habe.131 Im Hinblick auf das Umbenennungsverfahren wurden daraufhin zunächst die Anlieger informiert und um Stellungsnahme zur geplanten Namensänderung gebeten. Desweiteren wurden sie angeregt - unter der Vorgabe, der künftige Name solle zum Afrika-Viertel passen - eigene Vorschläge einzureichen. Die städtische Geoinformation machte indes einige Vorschläge wie „Miriam-Makeba-Straße“, „Namibiastraße“ und „Anita-Augspurg-Straße“.132 Einige Anwohner sprachen sich darüber hinaus für den Vorschlag „Sonnenallee“ aus. Gegen eine Umbenennung wurden wie in Wuppertal vornehmlich die Kosten einer Umbenennung angeführt und „weil man sich an den Namen gewöhnt habe“.133

Insgesamt führten alle die im Jahr 2009 diskutierten

Straßenumbenennungen zu Protesten. So demonstrieren 60 Südstädter gegen die Umbenennung der „Elkartallee“ in „Hilde-Schneider-Allee“. Die Debatte hatte sich im Jahr 2006 entzündet, nachdem der Historiker Rüdiger Fleiter in seiner Dissertation über die „Stadtverwaltung im Dritten Reich“ nachgewiesen hatte, dass der frühere Stadtbaurat Karl Elkart in der NS-Zeit zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen tausende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene für die Stadt ausbeutete. Ein geeigneter Kandidat gleichen Namens ließ sich in diesem Fall nicht finden. Die Umwidmung vom Straßennamen hatte sich in Hannover in einigen Fällen als „versöhnende“ Lösung erwiesen. So wurde z.B. die Nachtigalstraße, die bisher nach dem Afrikaforscher und Kolonialisten Gustav Nachtigal benannt war, nun nach Volksmärchenforscher Johann Christoph Nachtigal umbenannt. Selbiges Verfahren wurde für die Wissmannstrasse angewandt. Nach einer ersten „peinlichen Panne“, wurde schließlich mit dem Kommunist Hermann Wissmann doch noch ein geeigneter Namenspatron gefunden.134 Im Mai 2010 spitzen sich die Diskussionen um die „Lettow-Vorbeck-Allee“ zu. Wegen möglichen Rufmords an Lettow-Vorbeck stellte sein Enkel Hans Caspar Graf von Rantzau Anzeige gegen den OB Stephan Weil, mehrere Verwaltungsmitarbeiter, Ratspolitiker sowie gegen den als Gutachter tätigen Historiker. Die Strafanzeige lautete auf Verletzung des Paragrafen 189 im Strafgesetzbuch: Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Die Ratsmehrheit hatte das Verfahren zur Umbenennung eingeleitet, nachdem das Gutachten von Prof. Dr. Helmut Bley gezeigt hatte, dass Lettow-Vorbeck bei den China- und Ostafrika131

http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Elkartallee-soll-neuen-Namen-haben (Artikel vom 21.5.2009) http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/West/Lettow-Vorbeck-soll-verschwinden (Artikel vom 3.6.2009) 133 http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/West/Strassenumbenennung-Anwohner-schlagen-Sonnenallee-vor (Artikel vom 31.7.2009) 134 Der Kolumnist Hermann Wissman starb 1933 im Konzentrationslager Heuberg. http://www.haz.de/Hannover/Aus-derStadt/Uebersicht/Elkartallee-soll-neuen-Namen-haben 132

27

Feldzügen „extreme Verhaltensweisen“ und Amoralität gezeigt sowie Kriegsverbrechen und Hochverrat begangen haben soll. Auch in seinen 1957 erschienenen Memoiren habe LettowVorbeck keine Distanz zu seinem Handeln erkennen lassen. Eine Klage wurde darüber hinaus von den Anwohnern der „Lettow-Vorbeck-Straße“ vor dem Verwaltungsgericht eingereicht, da die Mehrheit der 348 befragten Anwohner sich gegen eine Umbenennung ausgesprochen hatte.135 In Hannover wurden die Diskussionen um Straßennamen mit kolonialem oder militärischem Hintergrund teilweise sehr lange und erbittert geführt. Im März 2011 entschied das Verwaltungsgericht in Hannover, die „Lettow-Vorbeck-Allee“ dürfe in „Namibia-Allee“ umbenannt werden.136 Im Mai 2011 stellten die Gegner der Umbenennung jedoch einen Antrag auf Zulassung zur Berufung beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg.137 Inzwischen ist die Umbenennung in „Namibia-Allee“ erfolgt, wie eine Anfrage bei der Stadt Hannover ergab. Durch eine Reihe von Straßenumbenennungen bzw. -umwidmungen konnte sich die Hannoveraner Südstadt sozusagen von ihrem „kolonialen Erbe“ befreien. Mit der Frage nach „zuviel Militarismus“ auf den Straßenschildern beschäftigt sich seit 2010 eine hannoversche Initiative, die diese Frage öffentlich diskutieren möchte. Siehe dazu: http://www.deinestrassen.blogspot.de/.

5.10 Saarlouis Auch in der Stadt Saarlouis, die 2010 die „Lettow-Vorbeck-Straße“ teilte und in „Walter-BlochStraße“ und „Hubert-Schreiner-Straße“ umbenannte, war die „Lettow-Vorbeck-Straße“ ein Produkt der Nationalsozialisten (benannt 1935), der 1945 getilgt und durch „Peter-BergerStraße“ ersetzt wurde, um 1957 wieder in „Von-Lettow-Vorbeck-Straße“ zurück zu benennen. Während noch im August 1956 die Abstimmung im Stadtrat, Paul von Lettow-Vorbeck die Ehrenbürgerrechte zuzuerkennen, mit 33 Ja und 1 Nein Stimme ausging, regten sich in Saarlouis in den 1980er Jahren erstmals Zweifel. In der Ratsperiode 1984 bis 1989 erreichten die Grünen, dass die Lettow-Vorbeck-Brücke in „Peter-Neis-Brücke“ umbenannt wurde. Im Jahr 2009 flammte die Diskussion um die Umbenennung der „Lettow-Vorbeck-Straße“ erneut auf, nachdem der Historiker Uwe Schulte-Varendorff die Ergebnisse seiner Lettow-Vorbeck Biographie präsentiert hatte. Zu diesem Vortrag hatten die Aktion 3. Welt, die Heinrich-BöllStiftung und die Stiftung Demokratie Saarland eingeladen. Daraufhin wurde eine Umbenennung in allen politischen Lagern diskutiert. Auch innerhalb der Bürgerschaft wurde 135

http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Anzeige-gegen-Hannovers-OB-Weil-wegen-Rufmordes (Artikel vom 4.5.2010) 136 http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Lettow-Vorbeck-Allee-in-Hannover-darf-umbenannt-werden (Artikel vom 3.3.2011). 137 http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/West/Anwohner-legen-Berufung-gegen-Umbenennung-ein (Artikel von 20.10.2011)

28

die Umbenennung in Leserbriefen in der Saarbrücker Zeitung und einer öffentlich geführten Debatte sehr kontrovers diskutiert. Im April 2010 beschloss der Stadtrat einstimmig die Umbenennung, wenngleich diese Einstimmigkeit „ein wesentlich bunteres Meinungsbild“ verdeckt habe, so die Saarbrücker Zeitung.138 Weitere Umbenennungen von Lettow-Vorbeck-Straßen

139

STADT

JAHR

NEUER NAME

ANMERKUNGEN

Bad Oeynhausen

1945

-

Euskirchen

1945

Kolpingstraße

Als einzige der ausgemachten Lettow-Vorbeck-Straßen, die sich allesamt als Produkte der NS-Zeit auswiesen, erhielt die Lettow-Vorbeck-Straße hier ihren Namen bereits 1919140 benannt 1937

Köln

1945

Innere Kanalstraße

benannt 1938

Plettenberg

1945

Ratsschelle

Karlsruhe

1946

Kopernikusstraße

benannt 1937

Bremen

1946

Hermann-Böse-Straße

benannt 1938

Frankfurt a M.

1947

Stephan-Heise-Straße

zw. 1935-1938

Kiel

1947

Hertzstraße

benannt 1939 141

Heilbronn

1947/48

Virchowstraße

Gotha

1951

Georg-Herwegh-Straße

Hannover

1980

Enger

1990

Fürstenfeldbruck

2007

Zum Krebsenbach

Saarlouis

2010

Walter-Bloch-Straße u.

1935 Antrag der DKP Ahlem-Linden-Nord, die Lettow-Vorbeck-Allee umzubenennen, scheitert. Die Verlängerung der Allee wird dann doch nicht, wie zuvor geplant, nach Lettow-Vorbeck benannt, sondern in Fränkische Straße. In Enger trug der Lichtensteinplatz bis kurz nach der Wende ebenfalls den Namen Lettow-Vorbecks. 1979 schrieben die Jungdemokraten Enger/ Spenge an den Bürgermeister, dass ihrer Meinung nach ein solcher Platz „eines republikanischdemokratischen Staates unwürdig sei.“142 1985 beantragte die Fraktion der Grünen die Umbenennung des Platzes, dem Antrag wurde jedoch nicht stattgegeben. Als Enger 1990 eine Partnerschaft mit der sächsischen Stadt Lichtenstein aufgenommen hatte, wurde eine Straße gesucht, die man der Partnerstadt widmen könne. Die Wahl fiel auf den LettowVorbeck-Platz,143 denn hier gab es zum einen keine Anwohner und keine Hausnummern; zum anderen erinnerte man sich der Debatte sechs Jahre zuvor und konnte so das Problem mit dem unliebsamen Straßennamen zur allseitigen Zufriedenheit lösen.

Hubert-Schreiner-Straße

„Von-Lettow-Vorbeck-Straße“ wird auf Beschluss des Stadtrats in zwei Teilstücke geteilt und nach früheren Bürgermeistern benannt: Walter-Bloch-Straße und Hubert Schreiner-Straße.144

138

http://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-berichte/saarland/Saarland-saarlouis-Von-Lettow-Vorbeck-Strasse-von-lettowvorbeck-strasse-umbenennung;art2814,3279923 (Artikel vom 03.05.2010) 139 Die Tabelle wurde weitgehend zusammengestellt aus den Informationen der Website http://www.freedomroads.de/frrd/umbenenn.htm 140 Das Bad Oeynhausener Tageblatt vermeldet am 15.11.1919 unter der Rubrik „Neue Straßennamen“: „Der unvergleichlichen Heldentaten unserer bewaffneten Macht und ihrer Führer dauernd zu gedenken, ist Pflicht des ganzen Volkes. Diese Erinnerungen wachzuhalten, dazu bieten Straßennamen beste Gelegenheit. Deshalb haben auch die Straßen der im Kriege entstandenen Heimstättensiedlung solche Namen erhalten“. Um jeder Streitkraft gerecht zu werden, wurde das Landheer nach Hindenburgstraße, die Luftflotte mit Zeppelinstraße, die Seestreitkräfte mit Tirpitzplatz und ... mit dem Namen Von-Lettow-Vorbeck-Straße an die ruhmreiche Verteidigung unserer ebenfalls unbesiegten Kolonialmacht unter ihrem heldenhaften Führer gemahnen“; zit nach. Pöppinghege, Rainer (2007), S.52f. u. S.82 141 Schwinghammer, G./ Makowski, R. (2005): Die Heilbronner Straßennamen.S. 209. 142 Gegen den Namen „Lettow-Vorbeck-Platz“, Neue Westfälische, Enger/ Spenge vom 1.6.1979. 143 Sitzungsprotokoll des Partnerschaftsausschusses Lichtenstein vom 17.6.1991, Rathaus Enger. 144 http://www.saar-nostalgie.de/Strassennamen.htm.

29

Hannover

2009-2011

Namibia-Allee

Wuppertal

2011

Edith-Stein-Straße

Außerdem zw. 1935-1938 noch in Altenburg/Thüringen, Breslau, Gleiwitz, Hamburg, Berlin benannt, getilgt zw. 1945-47145

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145

Schulte-Varendorff, Uwe (2006), S.120 u. Anmerk. 145, S.178.

30

Kuß, Susanne (2010): Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin. Kuß, Susanne; Bernd Martin (2002): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. München. Lettow-Vorbeck, Paul von (1957): Mein Leben. Biberach/Riß. Leutner, Mechthild/ Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) (2007): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Berlin. Maß, Sandra (2006): Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918-1964. Köln/ Weimar/ Wien. Meisner, Heinrich Otto (Hg) (1976): Die Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls von Waldersee, Band III 1900-1904, Osnabrück. Michels, Eckard (2008): „Der Held von Deutsch-Ostafrika“: Paul von Lettow-Vorbeck. Ein preußischer Kolonialoffizier. Paderborn. Pesek, Michael (2010): Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg. Frankfurt a. Main. Philipski (2002): Ernährungsnot und sozialer Protest. Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, Hamburg. Pöppinghege, Rainer (2007): Wege des Erinnerns. Münster. Schwinghammer, G./ Makowski, R. (2005): Die Heilbronner Straßennamen. Sösemann, Bernd (1976): Die so genannte Hunnenrede Wilhelm II. Textkritische und interpretatorische Bemerkungen zur Ansprache des Kaisers vom 27.7.1900 in Bremerhaven, in: Historische Zeitschrift, Bd.222 (1976), S.342-358. Schulte-Varendorff, Uwe (2006): Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck – Eine Biographie. Berlin. Wette, Wolfram (1988): Gustav Noske. Eine politische Biographie. Düsseldorf. Wette, Wolfram (1999): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1971-1933. Bremen. Zimmerer, Jürgen / Zeller, Joachim (Hg.) (2003): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin.

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31

Teil 3

Oswald Boelcke und Max Immelmann Inhaltsverzeichnis Einleitung

2

1. Literatur und Quellen

2

2. Kurzbiographien

3

2.1 Max Immelmann

3

2.2 Oswald Boelcke

4

3. Bedeutung der Luftwaffe im Ersten Weltkrieg

5

4. „Fliegerhelden“ in der Erinnerung

5

4.1 Erster Weltkrieg: Die „Ritter der Lüfte“, 1916 - 1918

6

4.2 Weimarer Republik: Zwischen „Luftakrobat“ und „soldatischem Fliegerheld“

10

4.3 »Drittes Reich«: „Fliegen als Gemeinschaftserlebnis“

12

5. Zusammenfassung

15

Ergebnis

17

6. Boelcke- und Immelmann-Straßen in der Diskussion

18

Übersicht über bereits umbenannte Boelcke-Straßen

19

Übersicht über bereits umbenannte Immelmann-Straßen

19

Übersicht über die noch existierenden Boelcke- und Immelmann-Straßen

21

Literaturverzeichnis

22

Einleitung „Als während des Kosovo-Krieges deutsche Piloten zum ersten Mal seit 1945 wieder Kampfeinsätze flogen, feierte die hiesige Boulevardpresse begeistert ihre neuen, noch namenlosen »Helden«, reihte sie sogleich in eine Ahnengalerie der deutschen Flieger ein und zog so eine ungebrochene Traditionslinie vom Ersten Weltkrieg bis in den Himmel von Belgrad“.1 Die Flieger aus dem Ersten Weltkrieg prägen die Vorstellungen vom Luftkrieg als »ritterlichem Duell« bis auf dem heutigen Tag. Zu diesem Ergebnis kommt auch Rainer Pöppinghege: „Die Weltkriegsflieger galten auch in bundesrepublikanischen Zeiten als Vertreter eines »sauberen«, weil technisch geführten Krieges. Dies erklärt, warum sie bis in die neunziger Jahre vereinzelt als Namenspatrone gewählt wurden“.2 Ihre höchste Popularität genossen Piloten jedoch während der NS-Zeit. Im Folgenden soll überprüft werden, ob die beiden Erste Weltkriegsflieger Max Immelmann (1890 – 1916) und Oswald Boelcke (1891 – 1916) heute noch geeignet sind, einer Straße als Namensgeber zu dienen. Angesichts des frühen Todes Boelckes und Immelmanns und deren posthumer Verklärung als »Kriegshelden« darf sich die Untersuchung nicht nur auf deren Biographien konzentrieren, sondern muss vielmehr nach der Entstehung, Veränderung und Bedeutung des »Fliegerkults« in Deutschland zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg fragen.

1. Literatur und Quellen Die wissenschaftliche Aufarbeitung der militärischen Luftfahrt in Deutschland steckt noch in den Kinderschuhen. Dies zeigt die Diskrepanz zwischen einer populären, von der Faszination an unterschiedlichen Kriegstechniken geprägten Beschäftigung und einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der unterschiedlichsten Aspekte der Geschichte der Luftfahrt. In der Sachbuchlandschaft und Memoirenliteratur wie auch im Internet zeugen viele Publikationen davon, dass die Thematik der Militärpiloten populär und weit verbreitet ist. Mythen, Anekdoten und Heldenbilder werden hier jedoch nicht kritisch reflektiert. Darüber hinaus hat die Geschichtswissenschaft der Renaissance den »Fliegerhelden« und ihrer Rezeption während des Nationalsozialismus bisher kaum Rechnung getragen.3

Aufgrund ihrer großen

symbolischen und medialen Aufladung hat die neuere Kulturgeschichte Militärpiloten als Untersuchungsgegenstand entdeckt, so dass die Frage nach einem »modernen Heldenkult« nicht mehr als ganz unerforschtes Gebiet gelten kann.4 Neben den Feldberichten und 1

Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.208 mit Bezug auf: Berliner Zeitung, Ausgabe vom 26. März 1999, S.1-3. Pöppinghege, Rainer (2007), S.71. 3 Bisher konzentrierten sich die Studien vor allem auf die „Helden der Bewegung“. Dabei standen die „Helden“ des Ersten Weltkriegs wie auch die Heroen der Freiheitskriege für den Kampf gegen die äußeren Feinde. Vgl. Schilling, René (2002), S. 318f. 4 weitere Arbeiten : Siegfried, Detlef (2001): Der Fliegerblick. Intellektuelle, Radikale und Flugzeugproduktion bei Junkers 1914 bis 1934, Bonn; Fuchs, Burkhard (1994): Fliegende Helden der Gewalt am Beispiel von Kampfpiloten und ihren Maschinen, in Brednich, Rolf R. / Hartinger, Walter (Hg.): Gewalt in der Kultur. Vorträge des 29. Deutschen 2

2

Biographien sowie Publikationen über Immelmann und Boelcke, die im Zeitraum zwischen 1916 und 1939 erschienen sind, dienten insbesondere folgende Studien als Grundlage für diese Arbeit: Während René Schilling in seiner Studie „Kriegshelden“ die verschiedenen Deutungsmuster von »Helden« und »Heldentod« zwischen dem Ende der antinapoleonischen Kriege und dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersucht, hebt die Arbeit „Moderne Krieger“ von Christian Kehrt auf die Erfahrungen von Militärpiloten mit Technik und Krieg ab, und schließt damit ein zentrales Themenfeld in der Luftfahrtgeschichte. Stefanie SchülerSpringorum untersucht

in

ihren

Beitrag

»Vom

Fliegen

und

Töten«

unter

geschlechtergeschichtlichen Aspekten die militärische Männlichkeit in der deutschen Fliegerliteratur von 1914 bis 1939. Die Arbeit von Peter Fritzsche „A Nation of Fliers“ fragt schließlich nach dem Zusammenhang von Flugbegeisterung und Nationalismus.

2. Kurzbiographien5 2.1 Max Immelmann (1890 – 1916) 1890

Sept.

Max Immelmann wird am 21. September in Dresden als Sohn des Kartonagefabrikanten Franz Immelmann geboren.

1905 - 1911

Immelmann besucht das Kadettenkorps in Dresden, das er mit der Reifeprüfung abschließt.

1911

Eintritt in das Eisenbahnregiment 2 in Berlin.

1912

Besuch der Kriegsschule in Anklam.

1912-1914

Studium des Maschinenbaus, u.a. an der Technischen Hochschule Dresden.

1914-1915

Meldung zur Fliegertruppe und Ausbildung zum Fluzeugführer in Adlerhof und Johannistal.

1915

Mai

Wechsel zur neu aufgestellten Feldfliegerabteilung 62 an die Fliegerschule Döberitz. Die Abteilung wurde kurz darauf nach Douai (Frankreich) verlegt.

August

Erster Luftsieg. Zusammen mit Oswald Boelcke (1891-1916) entwickelt er durch eine neue Form des Luftkampfs eine effektivere Flugkampfstrategie, die durch kleine Flugzeugverbände anstelle der bis dahin üblichen Einzelflieger gekennzeichnet ist.

1916

Januar

Immelmann erhält nach seinem achten Luftsieg gemeinsam mit Boelcke den Orden Pour le Mérite.

April

Beförderung zum Oberleutnant und Übernahme in das aktive Offizierskorps.

Volkskundekongresses, Bd. II, Passau, S.705-720.; Rieger, Bernhard (2005): Technology and the Culture of Modernity in Britain and Germany 1890-1945, Cambridge. 5 Für die ausführlicheren Biographien s. Uhlemann, Max (2011), S.20-25.

3

Offizierskorps. Mai

Führer des Kampf-Einsitzer-Kommandos (KEK) 3.

Juni

Der wegen seiner außergewöhnlichen Erfolge als "Der Adler von Lille" bekannte Max Immelmann stirbt am 18. Mai bei einem Luftgefecht über Sallaumines bei Douai (Nordfrankreich).

2.1 Oswald Boelcke (1891 – 1916) 1891

Oswald Boelcke wird am 19. Mai 1891 als Sohn eines Gymnasialprofessors in Giebichenstein bei Halle/Saale geboren

1911 -1914 1914

Offiziersausbildung Mai

Wechsel zu den Fliegern und Ausbildung zum Flugzeugführer an der Fliegerschule in Halberstadt.

August

Versetzung zur Feldfliegerabteilung 13. An der Westfront flog er mit seinem Bruder Wilhelm als Beobachter.

1915

April

Wechsel zur neu aufgestellten Feldfliegerabteilung 62 an die Fliegerschule Döberitz. Die Abteilung wurde kurz darauf nach Douai (Frankreich) verlegt.

Juli

Erster Luftsieg. Den eigentlichen Abschuss erzielte sein Flugbeobachter von Wülisch, da in dieser frühen Phase des Luftkriegs die Flugzeugführer noch keine Waffen bedienten.

1916

Sept.

Erster Luftsieg als Flugzeugführer.

Januar

Boelcke erhält nach seinem achten Luftsieg gemeinsam mit Immelmann den Orden Pour le Mérite.

Mai

Nach seinem 18. Luftsieg Beförderung zum Hauptmann

August

Ernennung zum Kommandeur der Jagdstaffel 2.

Sept. -

Flugausbilder und Entwicklung der Dicta Boelcke;

Oktober

Verdopplung der Anzahl seiner Luftsiege von 20 auf 40.

Oktober

Am 28. Oktober 1916 kollidierten während eines Luftkampfs die Flugzeuge von Boelcke und Böhme. Dabei wurde die Tragfläche von Boelckes Maschine zur Hälfte abgerissen. Er konnte die zu Boden trudelnde Maschine nicht mehr abfangen und wurde beim Aufprall getötet

3. Bedeutung der Luftwaffe in Ersten Weltkrieg Die Militärluftfahrt war zu Beginn des Ersten Weltkriegs kaum entwickelt. Hauptsächlich wurden Ballons und Luftschiffe zur Aufklärung, vor allem für die Artillerie, eingesetzt. Im Kriegsverlauf gewann das Flugzeug zunehmend an Bedeutung und wurde zum eigentlichen

4

Luftkampfmittel. In den ersten Kriegsjahren dienten sie jedoch vorrangig zur Fernaufklärung. Geflogen wurde zu zweit und die Beobachter schossen mit Pistolen und Karabinern, um den Gegner bei der Luftaufklärung zu behindern. Die Entwicklung eines Kampfflugzeugs mit integriertem Maschinengewehr sicherte der französischen Luftwaffe zunächst für lange Zeit die Luftherrschaft. Erst mit dem einsitzigen Fokker-Jagdflugzeug, welches ein mit dem Propeller synchronisiertes Maschinengewehr in Flugrichtung besaß, konnten die Deutschen im Luftkrieg die Oberhand gewinnen. Die Entwicklung und der Ausbau der Luftkriegsrüstung wurden stark

vorangetrieben und

ermöglichten schließlich auch

den

Bau

von

Ganzmetallflugzeugen. Ab 1916 wurde der Einzelflug vom Luftkampf in bestimmten Gruppenformationen abgelöst, es entstanden feste Fliegerstaffeln. Am 8. Oktober 1916 wurden offiziell die »Deutschen Luftstreitkräfte« als eigenständige Waffengattung geschaffen.6 Die schwache Ausbildung der Luftwaffe bei Kriegsbeginn stilisierten die damaligen Autoren gerne als Argument für die deutsche Friedfertigkeit: „Im Vergleich zu anderen Staaten baute man die Fliegertruppe überhaupt nur ganz allmählich so aus, wie es die Stärke der deutschen Armee verlangt hätte. Auch das beweißt, wie wenig Deutschland im Gegensatz zu anderen Mächten kriegerische Absichten hatte“.7

4. »Fliegerhelden« in der Erinnerung Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde eine schier unüberschaubare Menge an Publikationen verschiedener Genres veröffentlicht, die sich weithin unter dem Terminus »Fliegerliteratur« zusammenfassen lassen. Neben Romanen handelt es sich dabei primär um Biographien, biographische Skizzen und Autobiographien, aber auch um Anthologien von Zeitungsausschnitten, Briefen oder Tagebuchausschnitten, die Flieger selbst oder ihre Angehörigen, Journalisten und Schriftsteller für eine vorwiegend mittelständische Leserschaft publizierten.8 Die Grenzen zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten sind allerdings keineswegs so deutlich zu ziehen, wie es der jeweilige Charakter der Veröffentlichung suggeriert. Die Rekonstruktion der unmittelbaren Kriegserfahrung der Protagonisten ist aufgrund dieser Quellenproblematik daher deutlich eingeschränkt.9 Dass diese Literatur sowie der eng mit ihr verknüpfte Kult um die Weltkriegsflieger indes auf breite Resonanz in der Bevölkerung stießen, belegen die außerordentlich hohen Auflagezahlen bereits während des Ersten Weltkriegs.10

6

Knab, Jakob (1995), S.38. Bahrt, Otto (1935), S.3. 8 Fritzsche, Peter (1992), S.100, Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.208. 9 So unterlagen Briefe und Tagebücher nicht nur der Zensur und den Konventionen der Selbstdarstellung, sondern wurden häufig auch noch von Familienangehörigen für die Veröffentlichung überarbeitet. 10 Boelckes Feldbriefe erreichten bereits 1917 eine zweite Auflage in Höhe von 150.000, Autobiographie Richthofens wurde bis 1920 500.000 mal verkauft; vgl. dazu auch: Kehrt, Christian (2010), S.91; Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.209. 7

5

Eine Analyse der »Fliegerliteratur« zeigt sich daher im Hinblick auf die Rekonstruktion des Fliegerbildes im öffentlichen Diskurs als äußerst lohnend.

4.1 Erster Weltkrieg: Die Ritter der Lüfte, 1916-1918 Im Jahr 1915 erfuhr der Luftkrieg durch die fortschreitende Technik eine fundamentale Veränderung. Die neuen einsitzigen Flugzeuge mit einem vom Piloten selbst zu bedienenden Maschinengewehr machten nun den Zweikampf am Himmel möglich. Dies war sozusagen die »Geburtstunde« des Fliegerhelden, zu dessen wichtigsten Voraussetzungen gerade seine Individualität und die Unterscheidbarkeit seines Handelns auch im kriegerischen Geschehen gehörte.11 Auf den darauf einsetzenden »Fliegerkult« um Boelcke, Immelmann oder Richthofen reagierte der Buchmarkt mit der Abkehr von denen bis dato sehr beliebten Sammelbänden zugunsten von Biographien, Briefsammlungen oder Tagebüchern, die eben jene Individualität und Taten der Piloten besonders herausstellen sollten. Kindheit: Charakteristisch ist, dass sich bei nahezu allen späteren Fliegerhelden ihr besonderes Talent und ihre Neigung für alles, was sie „hoch hinaus“ führte, bereits in frühster Jugend abzeichnete. So berichtet Boelckes Vater, sein Sohn habe das Bergsteigen schon von Kindesbeinen an geliebt. Auch Immelmanns Biograph konstatiert, Max habe sein erstes wegweisendes Erlebnis im Alter von vier Jahren während einer Sommerfrische in den Alpen gehabt, und auch später habe „alles, was Leibesübung hieß [...] ihn Freund“ nennen dürfen.12 Außerdem verbinden alle späteren Fliegerhelden ihre mittelmäßigen schulischen Leistungen, aber dies beweise einmal mehr, „daß aus schwachen Schülern oft bedeutsame Männer des Lebens werden“.13 Soziale Beziehungen: Die frühen Selbstzeugnisse lesen sich im wahrsten Sinne des Wortes als reine »EgoDokumente«, in denen die Beziehungen zu anderen Staffelmitgliedern oder gar in der Gruppe als Ganzes kaum thematisiert werden. Die einzige Ausnahme bilden die »Aufklärer«, die zu zweit flogen, ihre Beziehung als „Fliegerehe“ bezeichneten und sich mit standardisierten Spitznamen ansprachen, wie etwa: »Franz« - Beobachter, »Emil« - Flugzeugführer.14 Im Vordergrund stehen fast ausschließlich ihre eigenen Taten und der damit verbundene Erfolg. „Private Dinge wie das leibliche Wohlbefinden, Familienangelegenheiten, Themen, die im Wesentlichen private Feldpostbriefe bestimmten, waren für die Inszenierung öffentlicher 11

Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S. 211 Väterliche Einleitung in: Hauptmann Bölckes Feldberichte (1917). Mit einer Einleitung von der Hand des Vaters, Gotha, S.5-16; ähnlich auch in: Rudolf Oskar Gottschalk (1916): Boelcke, Deutschlands Fliegerheld. Schilderung seines Lebensweges und seiner Heldentaten im Luftkampf, Leipzig; Bezwinger der Luft im Weltkrieg, Siegreiche Fliegerkämpfe und Luftschifffahrten unserer großen Helden, volkstümlich zusammengestellt von Wilhelm Kranzler, Berlin, S.38. 13 Bezwinger der Luft (ca. 1916), S.8, zit. nach Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.212. 14 Auch Boelcke flog anfänglich mit seinem älteren Bruder Wilhelm als >>Beobachter<<, vgl. Whitehouse, Arch (1970), S367; Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.214. 12

6

Heldenfiguren nebensächlich“, hebt Kehrt hervor und verweist auf einen wichtigen Aspekt: die Feldbriefe waren keineswegs nur für die Familie bestimmt, sondern für die Veröffentlichung. In gewisser Weise waren sie es also selbst, die ihren Mythos initiierten und laufend fortschrieben.15 Todesangst Im Hinblick auf die mit dem Kriegsflug einhergehenden Belastungen und Gefahren gibt es kaum Andeutungen. So lässt Boelcke selten durchblicken, dass „dieses Fliegen [..] sowohl Führer wie Beobachter sehr an(strengt), da man immer genau aufpassen muß“.16 Seine Eltern versucht er durch „sein Plus an Erfahrung und Routine und andere flug- und schießtechnische Vorteile“ zu beruhigen.17 Ausführlicher schildert dagegen Immelmann die Gefahren des Luftkampfes: „Es war ein abscheuliches Gefühl, warten zu müssen, bis man vielleicht getroffen wird, ohne selbst schießen zu können“ beschreibt er z.B. den Kontrollverlust bei einer Ladehemmung.18 Gedanken an den eigenen Tod werden durch Ironie verdrängt: „Ein Fall aus 500 Meter dauert aber 10 Sekunden, also hat man völlig Zeit genug, um einmal »Heil dir im Siegerkranz« zu singen und ein »Hoch auf SM« auszubringen“.19 Tötungshandeln Die Feldberichte Boelckes beschreiben den Luftkampf als nüchterne und äußerst schnell ablaufende Angelegenheit: „Ich hatte ihn gleich ordentlich in der Zange, die Operation war kurz und bündig. Er drehte und wandte sich noch ein paar mal, dann war er erledigt und kippte um, worauf ich befriedigt nach Hause flog. Das ganze dauerte höchstens zwei Minuten“.20 Das Töten des Gegners wird unter dem Ausklammern jedweder Gefahr und Schreckens hier mit Worten wie ihn sich »vornehmen«, ihn »wickeln«, mit dem Maschinengewehr »bearbeiten« paraphrasiert und somit zum einfachen Handwerk stilisiert: „Der Kampf war verhältnismäßig kurz, ich griff ihn an, er verteidigte sich, ich traf, er nicht“.21 Weitere banalisierte Umschreibungen lauten etwa „lustige Knallerei“, „Komödie“ oder „Schauspiel“.22

Zur

Demonstration der eigenen Überlegenheit im Luftkampf und zur Verharmlosung des Tötungshandelns bedienten sich die Piloten gerne Tier – und Jagdmethaphern. Man ging auf die »Jagd« und hoffte auf »Waidmannsheil«. Der Luftraum glich dabei einem Jagdrevier. Zusammen mit Immelmann flog Boelcke an die Front, um „Franzosen zu jagen“.23 „Bei einigermaßen gutem Wetter hängt der Himmel voller Engländer“. »Beute« gemacht zu haben, 15

Kehrt, Christian (2010), S.92. So nimmt z.B. Immelmann auf seine eigene Heldenfigur Bezug, wenn er davon spricht, dass die Engländer bislang keinen „Boelcke oder Immelmann“ in ihren Reihen hätten. Siehe Immelmann, Max (1916), S.111; Kehrt, Christian (2010), S.24. 17 Boelckes Feldberichte (1917), S.123 18 ebd., S. 46. 19 SM = seine Majestät; Immelmann, Max (1916), S.12. 20 Boelcke, Oswald (1916), S.70. 21 ebd., S.55. u. S.112. 22 Boelcke, Oswald (1916), S.73. 23 ebd., S.46. Auch Immelmann benutzt die Jagdmetaphorik und spricht davon, wie ein Habicht seinen Gegner anzugreifen; vgl. dazu Immelmann, Max (1916): S.57 u. 62. 16

7

erfüllte die Flieger mit großer Freude: „Wir freuten uns sehr über die Möglichkeit, einen Franzosen ungesehen von hinten angreifen zu können, denn die Franzosen kommen in letzter Zeit selten und ungern an unsere Front“. „Er fällt, er fällt! Und er schlug mich vor Freude auf die Schulter“, „ein lustiges Geschisse“, „es war eine reine Pracht wie er ausriss“.24 Außerdem finden sich in den Feldberichten auch Momente einer Ästhetisierung der Gewalterfahrung. So empfindet Boelcke etwa den Absturz bei Nr. 31 „schauerlich-schön“ und vergleicht ihn mit dem Brennen einer Fackel – „ein grausig schönes Bild“.25 Die ästhetische Wahrnehmung des Krieges kann hier als Beleg für eine technisch ermöglichte Überlegenheit gedeutet werden, die sich aus der hinreichenden Distanz zum bedrohlichen Stellungskrieg ergab.26 Entpersonalisierung des Gegners Die Gegner blieben für die deutschen Militärpiloten eher abstrakt. Für Boelcke und Immelmann wurden die

abgeschossenen Feinde zu

Nummern in

der

eigenen

Erfolgsgeschichte. „Das war also die Nr. 27!“ Diese Verharmlosung des Tötungshandelns stieß nicht nur auf Zustimmung: „Mutter wird angesichts dieser vielen »Nummern« wieder finden, dass es doch nicht recht sei, dass wir unsere gefallenen Opfer so gefühllos nummerieren. Das tun wir ja gar nicht – wir nummerieren doch nicht die gefallenen Opfer, sondern die Flugzeuge. Das seht Ihr schon daraus, daß, wenn zwei Insassen getötet sind, es nur als ein Sieg zählt wird“.27 Das schnell ablaufende Tötungshandeln entzog sich meist der Wahrnehmung des Piloten. „Beide Insassen war tot, die Maschine völlig zertrümmert. Von allen Seiten wurde ich beglückwünscht. Nachdem den Toten alles abgenommen war, was militärischen Wert hatte, wurden sie zur Beerdigung weggefahren, ich stieg auf, um nach Hause zu fliegen. Dort wurde ich noch mehr gefeiert.“28 „Diese brutale wie nüchterne Beschreibung des besiegten Gegners, die in unmittelbare Siegesfeiern übergehen, lässt kein Raum für dessen Anerkennung. Sie bildet vielmehr einen Kontrast zur Inszenierung der eigenen Piloten als unversehrte und erhabene Kriegshelden“, konstatiert Kehrt

29

. Diese

werden in der Tat meist nicht nur als »unbesiegt« und durch »heimtückisches Geschick« umgekommen dargestellt, auch ihre Körper bleiben dabei stets unversehrt, was bei einer Absturzhöhe von bis zu 4000 Metern höchst unwahrscheinlich ist.30 Um die Erfolge der Militärpiloten auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde 1916 eine »Luftkriegsbeuteausstellung« veranstaltet, in der Bilder von Immelmann und Boelcke mit ihren Errungenschaften aus dem Luftkampf zu sehen waren. Den Mittelpunkt der 24

ebd. S.37, S.40, S.62, S.64 Boelcke, Oswald (1916), S.119. 26 Kehrt, Christian (2010), S.98. 27 Boelckes Feldbriefe (1917), S. 64, auch Immelmann, Max (1917), S.107. 28 Immelmann, Max (1916), S.84. 29 Kehrt, Christian (2010), S.101. 30 Erst Pfleger sprach aus, dass Immelmann „bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht“ gewesen sei, vgl. Pfleger, Arthur (1930), S.64. 25

8

Ausstellung bildete ein 450 Quadratmeter großes Diorama, welches eine möglichst dreidimensionale Vorstellung vom Luftkampf der beiden Helden vermitteln sollte. Auf diese Weise wurde der Luftkampf als ein öffentliches Erlebnis von nationaler Bedeutung inszeniert.31 Der Mythos der »Ritterlichkeit« Der Topos der »Ritterlichkeit« gilt als das Kernelement des Fliegerbildes. Betrachtet man jedoch die Selbstzeugnisse, so sind diese keineswegs vom Topos der Ritterlichkeit bestimmt und treten höchstens in Bezug auf Todesfeierlichkeiten und den Umgang mit dem bereits besiegten Gegner auf.32 „Hier ermöglichte die Personalisierung des Gegners einen Schein der Moral aufrechtzuhalten und an ältere Ehrbegriffe anzuknüpfen. Die Inszenierung des Kriegs als Art bürgerliches Duell zweier Gentlemen, nach festen Regeln und Sitten, stand in unmittelbarem Kontrast zum massenhaften, anonymen Sterben im Stellungskrieg und stellte damit Sinnressourcen zur Kriegsdeutung zur Verfügung“, stellt Kehrt heraus.33 Auch wenn Immelmann »ritterlich« die ärztliche Versorgung seines Gegners veranlasste,34 ging es nicht darum einen sportlichen Zweikampf zu gewinnen. Der Erfolg als deutscher Soldat war das zentrale Element. In den ersten Kriegstagen wurde wohl noch davon abgesehen, den Kontrahenten weiter zu anzugreifen, wenn dessen Maschine defekt war und ihm weitere Gegenwehr nicht mehr möglich war.35 Mit zunehmender Intensität des Luftkrieges – so auch die Schilderungen Boelckes und Immelmanns - wurden offensichtlich auch wehrlose und bereits geschlagene Gegner abgeschossen und ihre Flugzeuge möglichst noch in der Luft in Brand gesetzt.36 Schüler-Springorum verweist auf einen wichtigen Zusammenhang: „Da auch Orden nach der Zahl der Abschüsse verliehen wurden, entstand eine veritable - und im Vergleich zu anderen Kriegshandlungen »objektiv« messbare – Konkurrenz“.37 Mit der von Boelcke initiierten Einführung der offensiv orientierten Jagdstaffeln gipfelte sich die Rücksichtslosigkeit schließlich selbst gegen eigene, unerfahrene Staffelmitglieder, die den Abschüsse sammelnden »Assen« den Rücken freizuhalten hatten.38 Schüler-Springorum bringt es auf den Punkt: „all dies steht in eklatantem Widerspruch zum Mythos der

31

Kehrt, Christian (2010), S.101. So etwa war in Rudolf Oskar Gottschalks Werk „Boelcke. Deutschlands Fliegerheld. Schilderung seines Lebensweges und seiner Heldentaten im Luftkampf“ von 1916 ein englischer Ehrenkranz mit einem Begleitschreiben abgedruckt: „Zur Erinnerung an Hauptmann Boelcke, unserem tapferen und ritterlichen Gegner, vom englischen Offizierskorps“. Auch zu Immelmanns Tod finden sich solche Hinweise: „Wir sind herüber gekommen, um diesen Kranz abzuwerfen, als ein Achtungsattribut des britischen Fliegerkorps gegenüber Leutnant Immelmann. Wir betrachten es als eine Ehre, für diesen Auftrag besonders zugeteilt worden zu sein. Leutnant Immelmann war von allen britischen Fliegern mit Rücksicht 32 darauf, dass er durch und durch Sportsmann war, geachtet“. DTMB Krupp Luftfahrtsammlung, NL 78, zit. nach Kehrt, Christian (2010), S.98. 33 Kehrt, Christian (2010), S.99. 34 „Ich stellte mich vor und sagte ihm er sei mein achtes Opfer. Da fragte er: >>You are Immelmann Eimelmänn)? Sie sind uns wohlbekannt. Ach ihr heutiger Sieg war ein schöner sportlicher Erfolg für Sie<<. Ich übergab dann den Verwundeten einem Arzt, die Maschine mit Inhalt dem Führer einer in der Nähe liegenden Fliegerabteilung und stieg von neuem auf“, so Immelmann (1916), S.99. 35 Schilling, René (2002), S.267. 36 Boelcke, Oswald (1917), S.64,75 u. 121; Immelmann, Max (1916), S.107 37 Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S217. 38 Fritzsche, Peter (1992), S.82-101. 32

9

»Ritterlichkeit« des Luftkampfes.39 Auch Schilling findet klare Worte: „Der Krieg schuf seine eigenen moralisch nur schwer zu legitimierenden Gesetze, die für humanitäre Erwägungen keinen Platz ließen. Die noch heute anzutreffende Verklärung der Jagdflieger des Ersten Weltkriegs als »Ritter der Lüfte« ist daher völlig unangemessen und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, den Krieg zu glorifizieren“.40 Genealogie Das wesentliche Merkmal des Fliegerkultes zwischen den Weltkriegen bildet die gegenseitige Bezugnahme auf die Heldenfiguren. Zwischen den berühmten Jagdfliegern bildete sich ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, das jeweils den Mythos und Geist des Lehrers durch den Schüler tradieren sollte. So äußert von Richthofen in seiner Autobiographie: „Was Boelcke uns sagte, war uns daher ein Evangelium“. Die rituelle Rahmung des Todes stellte den zentralen Aspekt dieser mythischen Erzählung dar, denn erst der Tod vollendete die Heldenvita (Sterben fürs Vaterland). „Diese Genealogie der „Heldenflieger“ wurde bei den Todesfeierlichkeiten dadurch inszeniert, dass die jeweils berühmtesten Jagdflieder anwesend waren, um diese Tradition zu befestigen“ und das Motto für die nachrückenden Piloten auszugeben, wie etwa: „Ein Boelcke will ich werden“.41 So stand Boelcke am Grab von Immelmann. Auch Richthofen schrieb über den Tod Boelckes und berief sich auf eine mythisch fundierte Genealogie, wenn er davon berichtet, dass angeblich Boelcke ihn persönlich in seine Jagdfliegerabteilung holte. Auf diese Genealogie stützten sich später die Nationalsozialisten, denn letzter Kommandeur des Richthofengeschwaders und somit „Erbe“ Richthofens war Hermann Göring. So ist dem ausgeprägten »Richthofenkult« während der NS-Zeit eindeutig eine traditionsstiftende Funktion zuzuschreiben. Das neu gegründete Richthofen-Geschwader setzte die Tradition als Elite der Luftwaffe also nunmehr unter nationalsozialistischer Prämisse fort.42

4.2 Weimarer Republik: Zwischen „Luftakrobat“ und „soldatischem Fliegerheld“ Das Fliegerbild der zwanziger Jahre ist geprägt von Diskontinuitäten und Brüchen. Gerade in den ersten Jahren der Weimarer Republik ist ein starker Rückgang des Interesses an Luftkriegsthemen und deren »Helden« zu verzeichnen, was angesichts der katastrophalen Kriegsfolgen mit über 2 Millionen Kriegstoten kaum verwundert. Im Laufe der zwanziger Jahre ist dagegen die Entwicklung einer großen zivilen Luftfahrtbegeisterung zu verzeichnen, die im Sinne einer allgemeinen Technikbegeisterung und als Ausdruck von Modernität zu verstehen ist. „In der Weimarer Republik wurden zentrale Luftfahrtpolitische Motive begründet, die dann den Luftfahrtdiskurs in den dreißiger Jahren prägten. Das Fliegen als Volkssport wurde 39

Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.217. Schilling, Rene (2002, S.267. So der Titel von Oskar Brüssaus 1916 erschienenem Boelcke Portrait: »Ein Boelcke will ich werden«. Ein Lebensbild unseres Fliegerhauptmanns Oswald Boelcke für das deutsche Heer und das Deutsche Volk, Leipzig; vgl. Kehrt, Christian (2010), S.93. 42 Kehrt, Christian (2010), S.224ff. 40 41

10

ebenso propagiert wie die Idee eines »Volkflugzeuges« oder die Position einer »Luftgeltung«“, stellt Kehrt fest.43 Mit den spektakulären transatlantischen Flugrekorden rückten zunächst Männer wie Charles Lindbergh und Hermann Köhl als „neue Fliegerhelden“ im Sinne von Abenteurern oder „Luftakrobaten“ wie Ernst Udet in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Darüber hinaus inszenierten Bildbände mit Luftfotographien, Romanerzählungen und Spielfilme über Expeditionen in die Antarktis oder nach Afrika das Fliegen als Abenteuer und beglückendes Erlebnis. Aber auch Sammelbände mit Kriegsgeschichten erfreuten noch die Leserschaft, die zum Teil sachlich-informativ sein konnten oder von nationalistischer Färbung waren, vereinzelt auch parzifistische Aussagen enthielten bzw. auf Völkerverständigung abzielten.44 Die heroische Verklärung des Krieges erlebte erst Mitte der zwanziger Jahren wieder einen Aufschwung, nicht zuletzt durch die von der Reichswehr und anderen militärischen VeteranenOrganisationen spektakulär inszenierte »Heimholung« der Leiche Manfred von Richthofens.45 An einen einheitlichen, staatlich getragenen und verordneten Heldenkult, der an die Tradition vor 1918 anknüpfte, war zum Unwillen der Rechten zu Beginn der Weimarer Republik nicht zu denken gewesen.46 Durch den Versailler Vertrag war die Vormachtstellung der militärischen Eliten stark beschnitten und bestimmte Waffengattungen wie die Luftwaffe und eine U-BootFlotte verboten worden. Mit dem 1928 einsetzenden Kriegsbücherboom gerieten die Flieger immer mehr ins Fahrwasser des

Jüngerschen männerbündlerischen »Soldatischen

Nationalismus«. Unter den portraitierten 44 Helden in der von Ernst Jünger herausgegebenen Sammlung von Heldenbiographien sind allein vier Flieger. Auch die Neuauflagen von Memoiren und Tagebüchern der Weltkriegspiloten sollten die Heldenflieger wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein bringen.47 Indes zeichnet sich bereits eine Verlagerung unter den Protagonisten ab, die vermutlich mit einem gewollten Wandel in den Charakterbeschreibungen korrespondiert. Jüngers Anthropologie hebt zwar noch das »große Dreigestirn am deutschen Fliegerhimmel« (Immelmann, Boelcke, Richthofen) hervor, rückt als Novum darüber hinaus aber den während des Krieges kaum beachteten Rudolf Berthold in den Blick. Gemessen an der Anzahl der Monographien blieb Oswald Boelcke jedoch der eindeutig beliebteste und »volkstümlichste« Fliegerheld in der Weimarer Republik, während das Interesse an Max Immelmann etwas abebbte.48 Angesichts der zunehmenden Nationalisierung verwundert es kaum, dass die Flieger nun zu »vaterländischen Lichtgestalten« stilisiert wurden. „Insbesondere Immelmann hatte auf diesem Gebiet angesichts des völligen Mangels an 43

ebd., S.216. So z.B. der 1925 vom Deutschen Werkbund herausgegebene Band »Deutschland aus der Vogelschau«; außerdem Wilhelm, Richard (1920): Zwischen Himmel und Erde. Von Luftfahrtzeugen, von ihrer Erfindung, ihrer Entwicklung und Verwendung. Ein Buch für die Jugend und das Volk, Charlottenburg; Gellert, Georg (1920): Flieger- und Luftschiffkämpfe im Weltkriege, Berlin; Neumann, Paul (1923): In der Luft unbesiegt, München. 45 Rene Schilling (2010) schildert ausführlich das „zweite“ Richthofen Begräbnis, S.295-311. 46 Schilling, René (2002), S.293. 47 So z.B. die Publikation von: Jünger, Ernst (1928): Die Unvergessenen; Werner, Johannes (1932): „Boelcke. Der Mensch, der Flieger, der Führer der deutschen Jagdfliegerei; vgl. auch Kehrt, Christian (2010), S.204; SchülerSpringorum, Stefanie (2002), S.218. 48 Fritzsche, Peter (1992), S.82. 44

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patriotischem Pathos in seinen Selbstzeugnissen außer einem »gestählten Körper« und »Orden« mehr als ein Mensch tragen kann« nicht viel vorzuweisen. Dies war sicher einer der Gründe, warum er in den Hintergrund treten musste“, vermutet Schüler-Springorum.49 Die zunehmende Nationalisierung könnte im Umkehrschluss auch die zunehmende Bedeutung von Rudolf Berthold erklären. Dieser hatte nach dem Ersten Weltkrieg ein »Freikorps« im Baltikum geführt und wurde während des Kapp-Putsch erschlagen. Kindheit Im Hinblick auf die prägenden Kindheitseinflüsse zeigt die Fliegerliteratur der späten Weimarer Republik bereits eine zunehmende Nationalisierung. So war die Karriere nun vorbestimmt, weil man »mit dem Duft des deutschen Waldes, die unbeirrbare Liebe zur deutschen Heimat« aufsog oder – wie Immelmann ein »kerndeutsches Wesen« besaß. Auch Boelckes Herkunft aus den deutschen »Kernlanden« Thüringen und Havelland und »die gute alte schlichte Sitte im echten deutschen Vaterhaus« erzogen worden zu sein, spielten nun eine immense Rolle.50 „So oder ähnlich wurden alle Fliegerhelden in der späten Weimarer Republik stereotyp beschrieben. Mit

der

Einführung des

Adjektivs »deutsch«

als

dominierende

Charakterbeschreibung ging die Einebnung der im Weltkrieg noch deutlich herausgestellten Wesensunterschiede einher“, resümiert Schüler-Springorum.51 Soziale Beziehungen Thematisieren die frühen Veröffentlichungen lediglich das eigene Handeln, deutet sich Ende der zwanziger Jahre immer mehr die Hinwendung zum Gruppenerlebnis an. Trotz manch einem auf Gemeinschaft hindeutenden Titel wie „Die Jagdstaffel, unsere Heimat“ oder „Fliegerschule 4“ blieben Freundschaften oder Kameradschaften, im Gegensatz zur Darstellung der eigenen Taten, eher ein untergeordnetes Thema.52 Tötungshandeln Gegenüber den noch während des Krieges erschienenen Publikationen, bedarf es in den späten zwanziger Jahren keiner bildlichen Beschreibungen mehr: „Eine – angebliche oder wirkliche – dämonisch-lustvolle Freude am Töten war Ende der zwanziger Jahre also nicht mehr diskutiert, man musste sich nicht mehr in heiteren Jagdszenen camouflieren, sondern sie brachte zumindest in Einzelfällen die Aura des Helden noch stärker zum Strahlen“.53 4.3 »Drittes Reich«: „Fliegen als Gemeinschaftserlebnis“ Die frühe politische Vereinnahmung des »Fliegerkults« und Bedeutung der Luftfahrt im neuen nationalsozialistischen Herrschaftssystem findet ihren Ausdruck in spektakulär inszenierten 49

Schüler-Springorum (2002), S.218. Otfried Fuchs über Oswald Boelcke, S.24-28 u. Georg Schröder über Max Immelmann, S.168-174, in: Jünger, Ernst (1928); Boelcke, der Mensch (1932), S.219; außerdem Lübke, Anton (1934). 51 Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.218f. 52 Stark, Rudolf (1932), Euringer, Richard (1929). 53 Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.219. 50

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öffentlichen Flugveranstaltungen sowie in propagandistischen Slogans wie „Deutschlands Zukunft liegt in der Luft“ oder „Deutschland muss ein Volk von Fliegern“ werden.54 Dementsprechend wurde insbesondere bei der Jugend Segelfliegen als zeitgemäße und vor allem angeblich für jedermann zugängliche Freizeitbeschäftigung propagiert. Unzählige Sammelbände und Sachbücher – jedes Mal mit Vorwort von Hermann Göring versehen – transportierten die nationalsozialistische Fliegerbotschaft unter das Jungvolk: „Jeder richtige deutsche Junge will Flieger werden“ oder „Flieger werden heißt Persönlichkeit werden“.55 Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ist zudem eine weitere Veränderung in der »Fliegerliteratur« zu beobachten. Anstelle der bislang herausgestellten Individualität, wird die Geschichte der Weltkriegsflieger nun zunehmend als Geschwader- und Staffelgeschichte geschrieben. Dies eröffnete die Möglichkeit die Erfahrungen der Flieger zum Gruppenerlebnis zu stilisieren.56 „Die nationalsozialistische »Kampfgemeinschaft der Lüfte« war geboren. »Selbstdisziplin, Kameradschaft, Pflichterfüllung und unbedingter Wille« waren die Bausteine des nationalistischen Fliegerbildes“, fasst Schüler-Spingorum zusammen.57 Eine Neuerung ist zudem im Hinblick auf die Protagonisten festzustellen: War Oswald Boelcke während der Weimarer Republik noch der unangefochtene Liebling unter den »Fliegerhelden«, avancierte nun erstaunlicherweise gerade der adelige Manfred von Richthofen zum „faschistischen Fliegerhelden par excellence“. Es muss offen bleiben, ob sich wohl die Familie Boelcke gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung Oswalds wehrte. Angesichts des bisherigen Verhaltens der Familie, erscheint dies Schüler-Springorum allerdings äußerst fraglich.58 Die Aktivitäten der Familie von Richthofen sind demgegenüber eindeutig Beleg für die bewusste Unterstützung des nun einsetzenden Kults um Manfred.59 Im Gegensatz zu dem mitunter moralisch-nachdenklichen, »bildungsbürgerlichen« Gestus in den Erinnerungen Boelckes, war jetzt der »frisch-fröhliche« Ton der Erinnerungen Richthofens gefragt. Eine entscheidende Rolle spielte außerdem die Nähe zu Hermann Göring, der als Nachfolger Richthofens die Staffel übernommen hatte.60 Darüber hinaus war Manfred von Richthofen mit 80 Abschüssen unangefochten der erfolgreichste Kampfflieger des Ersten Weltkriegs. Zudem bemühte sich das nationalsozialistische Regime gerade in den ersten Jahren um den Brückenschlag zwischen »altem« Adel und neuen »Volkshelden« mit vermeintlich

54

Kehrt, Christian (2010), S.221 mit Bezug auf zeitgenössische Zeitschriften wie „Der deutsche Sportflieger“, „Flugwelt“ und „Der Adler““ 55 Brand, Fritz (1936), S.10. 56 Fritzsche, Peter (1992), S. 185-219. 57 ebd., S.223. 58 So hatte Johannes Werner für seine 1932 erschienene Boelcke-Biographie noch die volle Unterstützung der Familie. Vgl. Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.222. 59 So richtete seine Mutter in ihrem schlesischen Heimatort ein Richthofen-Museum ein. Zu sehen waren dort Devotionalien, die unmittelbar an seine Kampftätigkeit erinnerten. Außerdem hielt sie eine Radioansprache zu seinem Todestag, der ab 1935 zum „Tag der Luftwaffe“ erklärt wurde. Darüber hinaus veröffentlichte sie sein – von ihr stark überarbeitetes – Kriegstagebuch; vgl. auch Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.222 u. Schilling, René (1999),S. 551. 60 Kehrt, Christian (2010), S.224.

13

naturgegebenen Führungsqualitäten.61 Dem abebbenden Interesse an Max Immelmann versuchte seine Familie indes vergeblich mit einer Neuedition seiner Kriegsbriefe zu begegnen. „Doch die Konflikte des vegetarischen und abstinenten Kadetten, seine enge und gefühlvolle Mutterbindung, kurz Immelmanns »weicher Kern« waren in Zeiten soldatischer Männlichkeit nicht mehr gefragt“, resümiert Schüler-Springorum.62 1938 schrieb Walter Zuerl in seinem biographisch angelegten Sammelwerk die Luftfahrtgeschichte endgültig zu ungunsten Immelmanns um, indem er den ersten deutschen Fliegerhelden zum Schüler des »großen Meisters« Boelcke mutieren ließ.63 Kindheit In diesem Zusammenhang ist interessant, dass in einigen Publikationen keine Familienvorgeschichte mehr vorangestellt ist, es sei denn, dass bereits im Kindesalter eine paramilitärische Erziehung stattgefunden hat. Stattdessen wird der Leser sozusagen sofort an die Front und ins Kriegsgeschehen befördert. Die Ende der zwanziger Jahre einsetzende Nationalisierung wird fortgeführt und nun mit dem für den NS-typischen Körperkult (siegreicher nordischer Heldenkörper) durchsetzt. So wurde der charismatisch-kriegerische Volksheld etwa als „edelste Verkörperung heldischen Germanentums“ oder als das „Sinnbild des nordischen Menschen in Gestalt, Wesen und Charakter“ beschrieben.64 Soziale Beziehungen Im Vordergrund stehen nun Männerfreundschaften und die Beziehungen innerhalb der Fliegertruppe. So thematisiert der 1938 erschienene Roman „...Rangehen ist alles“ von Thor Goote verschiedene Freundschaften unter den Jagdfliegern wie z.B. die zwischen Erwin Böhme und Oswald Boelcke. Die Beziehungen der Staffelmitglieder sind trotz rauem Umgangston hoch emotionalisiert: So war Böhme nach dem Tod Boelckes, den er unabsichtlich mitverschuldet hatte, angeblich so verzweifelt, dass er sich das Leben nehmen wollte und nur durch die Besonnenheit seiner Kameraden von dieser Idee abgebracht werden konnte.65 Im Hinblick auf die ausgeprägte Kameradschaftsideologie im Nationalsozialismus war die Menschlichkeit des »Helden« zumindest gegenüber seinen Kameraden eine gewünschte Eigenschaft, wenn sonst eher das Bild eines kühl kalkulierenden Soldaten und Kämpfers gezeichnet wurde, der sich weder Zweifel noch Schwächen oder gar humanistische Grundsätze erlauben sollte und mitleidlos mit seinem Gegner umging.66 Tötungshandeln:

61

ebd. S22; Kehrt, Christian (2010), S. 222ff. Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.222. 63 Zuerl, Walter (1938), S.53; vgl. außerdem Immelmann, Max (1934): hier Vorwort und Einleitung, der „untröstlich...darüber war, dass das deutsche Volk seiner augenscheinlich vergessen hatte“, S.6; Deutscher Luftsportverband (Hg.) (1939): Deutsche Jugend fliege....., Frankfurt a.M.; Fliegerbuch (1933), S.17-34; 64 So Möller über Richhofen in: Möller, Hanns (1935): Geschichte der Ritter des Ordens „pour le mérite“ im Weltkrieg, Berlin; zit. nach Schilling, René (2010), S.327. 65 Goote Theodor (1938); Whitehouse, Arch (1970), S.376; vgl. außerdem: Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.223. 66 Schilling, René (2002), S. 330. 62

14

Im

Vergleich zu

den

verharmlosenden „lustigen Jagdmethaphern“ der

frühen

Veröffentlichungen wird das Tötungshandeln nun dramatisiert und ins Psychologische gewendet. Anfängliche Misserfolge werden nicht mehr durch technische Defekte erklärt, sondern nun auf eine mangelnde Entschlussfähigkeit des Piloten zurückgeführt. Die Beschreibung des kritischen Moments des Nichthandelns fungierte somit als Lehrstück: „Soldat sein heißt an den Feind denken und an den Sieg und sich selbst darüber zu vergessen“.67 Der Luftkrieg wird als harte Arbeit dargestellt, die getan werden muss »für die Männer in den Schützengräben«. Das Tötungshandeln erfolgt dementsprechend kalt und nüchtern. Hingegen werden Angst oder die Gedanken an den eigenen Tod nicht mehr verschwiegen, sondern in der Gemeinschaft überwunden. „Dem Kameraden Geborgenheit zu vermitteln war eine besondere Qualität des »Helden«.68 Mit der nüchternen, kalten Beschreibung des Tötungshandelns geht die bedrohliche Beschreibung und Dehumanisierung des Gegners einher.69 Auch die Darstellung der körperlichen Unversehrtheit verschwindet zugunsten von Wunden und Narben. Sinn dieser expliziten Schilderung der Verwundung war jedoch nicht die Herausstellung der Verletzlichkeit, sondern die Betonung der soldatischen Überwindung körperlicher Beeinträchtigungen, die den neuen Kämpfertypus auszeichnen sollte.70 Dementsprechend wurde auch auf das Ethos der Ritterlichkeit verzichtet. Die gewünschten Eigenschaften des Jagdfliegers waren Angriffsgeist und Vernichtungswillen. Ritterlichkeit war nach Kehrt „allerdings aus militärischer Sicht auch im Ersten Weltkrieg nicht maßgeblich und diente hier nur als Kontrastbild zur Betonung des bedingungslosen Vernichtungswillens“.71 5. Zusammenfassung Der »Fliegerkult« hatte während des Ersten Weltkriegs nicht nur aus aktuellen Gründen Hochkonjunktur. Mit dem im Kriegsverlauf zunehmend an Bedeutung gewinnenden Flugzeug als militärisches Kampfmittel ging die ideologische und politische Instrumentalisierung der Piloten einher. Zu ihrer Stilisierung als »Ritter der Lüfte« trugen sie durch die Veröffentlichungen ihrer Feldbriefe allerdings selbst bei, denn diese waren keineswegs nur für die Familie bestimmt. Die posthumen Heldenbilder Boelckes, Immelmanns oder von 67

Udet, Ernst (1935): S. 35. Die ideologische Neuinterpretation des Fliegerbildes im Nationalsozialismus wird besonders im diachronen Vergleich zweier autobiographischer Schriften Ernst Udets aus den Jahren 1918 und 1935 deutlich, vgl. dazu auch Kehrt, Christian (2010), S.227ff. 68 So beschreibt der Artikel „Schreiber, Flieger, Mensch großen Stils“, der am 20.4.1941 anlässlich des 25. Todestages Manfred von Richthofens in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung veröffentlicht wurde, Richthofen als „Soldat, Flieger und Mensch besonderen Stils, dessen menschliche Eigenschaften ohne jede Spur von Ueberheblichkeit“ gewesen sei und ein „unbedingtes Uebergewicht im Kameradenkreise“ gaben. Vgl. Schilling, René (2002), S.330. 69 Schilling zitiert z.B. hier aus dem Beitrag von Wilhelm Müller-Rüdersdorf „Manfred von Richthofen – Der rote Kampfflieger“, dass „die feindlichen Unmenschen“ bzw. „vertierten Menschen“, die „verschlagen und brennend vor Haß“ die deutschen „Helden“ bedrohten. Dies diente der Begründung dem mit Recht die „nordische Kampfwut“ entgegenzusetzen sei. Schilling René (2002), S.327; Udet hingegen greift auf Tiermethaphern zurück und nennt den Gegner „bösartiges Insekt“ oder „Insektenschwärme“, gegen den/die er sich verteidigen muss. Vgl. die Interpretation bei Kehrt, Christian (2010), S.229. 70 Schüler-Springorum, Stefanie (2002), S.223. 71 Kehrt, Christian (2010), S.227.

15

Richthofens wurden noch während des Krieges publiziert und zum nachzueifernden Vorbild für junge, technikbegeisterte Männer stilisiert. Im Medium der veröffentlichten Kriegsbriefe und weiterer Publikationen konnte nun die gesamte Nation an Immelmanns und Boelckes Kriegserfahrungen teilnehmen. Der Krieg wurde als erzählbare und damit sinnvoll deutbare Erfahrung angesehen. Die verklärenden Bilder vom Luftkampf ließen dabei eher an Abenteuerlust und Sportlichkeit denken, als an Tötung und Gewalt. Derartige Assoziationen waren im „anonymen“ Sterben im Stellungskrieg der Jahre 1914-1918 nicht mehr auszumachen. In der Weimarer Republik sank zunächst das Interesse an den Fliegerhelden, was angesichts der katastrophalen Kriegsfolgen mit über 2 Millionen Toten kaum verwundert. Darüber hinaus war durch den Versailler Vertrag die Vormachtstellung der militärischen Eliten stark beschnitten. Somit war ein einheitlicher staatlich getragener Heldenkult zum Unwillen der Rechten nicht mehr möglich. Das Fliegerbild erfuhr zunächst eine Wandlung zum Abenteurer wie Charles Lindbergh oder zum kosmopolitischen Luftakrobat – Ernst Udet ist hier sicher das bekannteste Beispiel. Nicht zuletzt auch durch die Bemühungen der Reichswehr und anderer militärischen Veteranen-Organisationen geriet der Flieger ab Mitte der zwanziger Jahre immer mehr ins Fahrwasser des Jüngerschen männerbündischen „Soldatischen Nationalismus“. Ein eindruckvolles Beispiel, den Helden- und damit auch den Fliegerkult wieder zu beleben, stellt das zweite Begräbnis Manfred von Richthofens dar. Im Hinblick auf die Straßenbenennungen lässt sich feststellen, dass während der Weimarer Republik nur vereinzelt Straßen nach Immelmann und Boelcke benannt wurden. Der »Fliegerkult« im Nationalsozialismus knüpfte an bereits bestehende Positionen aus den späten zwanziger Jahren an, wie etwa Ernst Jüngers „Fliegen tut Not“. Das Fliegen als Volkssport wurde ebenso propagiert wie die Position einer »Luftgeltung«. Mit dem Aufbau der Luftwaffe im

Frühjahr 1935 verband sich in

politischer Hinsicht nicht nur

die

Wiederauferstehungsmythologie des »Dritten Reiches«, diese wurde darüber hinaus zum Symbol der Stärke, Macht und Modernität des nationalsozialistischen Staates. Der staatlich geförderte Kult um die »berühmten Weltkriegsflieger« sollte dabei eine identitätsstiftende Traditionslinie vom Ersten Weltkrieg bis zum »Dritten Reich« suggerieren. Neben Immelmann und Boelcke wurde insbesondere Manfred von Richthofen zum leuchtenden Vorbild für die junge, willensstarke Generation des neuen Deutschland stilisiert. Die besondere Verehrung Richthofens ist im Sinne der gewünschten Genealogie zu verstehen, denn letzter Kommandeur des Richthofengeschwaders und somit „Erbe“ Richthofens war Hermann Göring. Das neu gegründete Richthofen-Geschwader sollte unter der politischen Führung Görings die Tradition Immelmanns, Boelckes und Richthofens als Elite der Luftwaffe nunmehr

16

unter nationalsozialistischen Prämissen fortsetzen und in eine „bessere Zukunft“ führen. „Was ich tun kann, werde ich tun, das Geschwader muss und wird neu erstehen“.72 „Auf diese Weise wurde eine Kontinuitätslinie erfunden und

eine ungebrochene

Erfolgsgeschichte bzw. Wiederauferstehung des heldenhaft kriegerischen Geistes unter der Führung der Nationalsozialisten konstruiert“.73 Die meisten Straßenbenennungen nach Immelmann und Boelcke erfolgten während der Zeit des Nationalsozialismus.

Ergebnis Sind Max Immelmann und Oswald Boelcke heute noch geeignet einer Straße als Namensgeber zu dienen? Nach heutigen Kriterien verdient eine Person die Würdigung auf einem Straßenschild, wenn sie sich um eine Stadt, den Staat, die Demokratie oder um das Allgemeinwohl verdient gemacht hat. Dies trifft auf beide nicht zu. Die durch sie selbst initiierte und heute noch anzutreffende Verklärung der Jagdflieger des Ersten Weltkriegs als »Ritter der Lüfte« ist vollkommen unangemessen und glorifiziert den Krieg. Auch ihre posthume Stilisierung zu »modernen Helden« blendet die tatsächlichen Gefahren des Luftkrieges aus und sorgte dafür, dass Fliegen im Kontext von Krieg und Gewalt auch angesichts geringer Überlebenschancen attraktiv blieb. Ihre ausgeprägte Vereinnahmung im »Fliegerkult« des nationalsozialistischen Systems ist ein Beleg dafür. Die Fischer-Kontroverse Anfang der sechziger Jahre entzog der Legende von der Kriegsunschuld des Deutschen Reiches am Ausbruch des Ersten Weltkriegs jeglichen Boden. Vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als fraglich an einem Angriffskrieg beteiligte Personen zu ehren. Eine Kontinuitätslinie zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sahen die Alliierten bereits 1945. Nicht ohne Grund ordnete die Direktive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 die Tilgung aller kriegerischen und militärischen Ereignisse bzw. Personen nach dem 1. August 1914 aus dem öffentlichen Leben an. Daher wurden Immelmann und Boelcke in vielen Städten wie u.a. in Konstanz aus dem Stadtbild entfernt. Bei dem dabei „vergessenen“ von Otto von Emmich wurde sich jüngst für die Umbenennung ausgesprochen. Demgegenüber steht die Frage, ob man zwei jungen Männern, die in ihrer Erziehung und Einstellung ganz »Kinder des

Wilhelminismus« waren, den

Vorwurf persönlicher

Verantwortung machen kann? René Schilling bemerkt zu Recht, dass die Soldaten, ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft in unterschiedlichem Maße Täter und Opfer zugleich waren.74 Legt man ihrer Bewertung zeitgenössische Moral- und Rechtsprinzipien zugrunde, so ist hier beiden – im Gegensatz zu Lettow-Vorbeck – persönlich nichts vorzuwerfen. Sie zeichneten sich weder durch ein Übermaß an Gewaltbereitschaft aus, noch enthalten ihre 72

Tag der Luftwaffe, in Flugsport, 30 (1938) 6, S.137; zit. nach Kehrt, Christian (2010), S.226. Kehrt, Christian (2010), S.226. 74 Schilling, René (2002), S.267. 73

17

Selbstzeugnisse, die allerdings mit der gebotenen Vorsicht zu betrachten sind, rassistische oder menschenverachtende Äußerungen. Auch ihre posthume Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten kann man ihnen persönlich schwer zum Vorwurf machen, sollte aber entscheidend in die Diskussion miteinbezogen werden. Legt man der Beurteilung dieser Personen nicht die heutigen Kriterien an, so könnten die Straßennamen bestehen bleiben, allerdings nur um den „Preis“ einer angemessenen Einordnung auf zusätzlichen erläuternden Tafeln. Diese sollten sich aber – wie gern praktiziert - keinesfalls nur auf die „neutralen Fakten“ beschränken, wie etwa „Oswald Boelcke (18911916), deutscher Jagdflieger des Ersten Weltkriegs“ Angemessen wäre viel mehr eine Einordnung im folgenden Stil: Oswald Boelcke (1891-1916), deutscher Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, der vom Deutschen Reich als Angriffskrieg geführt wurde. Der Erste Weltkrieg wurde von 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika und Ostasien geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben. Insbesondere durch die Nationalsozialisten posthum zum „Kriegshelden“ verklärt. Die Straßenbenennung erfolgte im Jahr 1936. Max Immelmann (1890-1916), deutscher Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, der vom Deutschen Reich als Angriffskrieg geführt wurde. Der Erste Weltkrieg wurde von 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika und Ostasien geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben. Insbesondere durch die Nationalsozialisten posthum zum „Kriegshelden“ verklärt. Die Straßenbenennung erfolgte im Jahr 1936. Abschließend sei darauf verwiesen, dass es neben dem Kriegsflieger Max Immelmann noch seinen Onkel gleichen Namens (Max Immelmann 1864–1923) gibt, der als ein Pionier auf dem Gebiet der medizinischen Radiologie gilt. Eventuell könnte hier auch über eine Umwidmung der Straße nachgedacht werden.75

6. Boelcke- und Immelmannstraßen in der Diskussion Derzeit existieren noch 54 Boelcke- und 36 Immelmann-Straßen in Deutschland, die wahrscheinlich auf die hier untersuchten Kriegsflieger zurückgehen.76 Aktuelle Diskussionen um konkret diese Straßennamen wurden nicht gefunden.

75

Ich verweise darauf, dass mir der Name bei meinen Recherchen begegnet ist, aber nicht weiter verfolgt und auf ein Infragekommen als möglicher Namensgeber überprüft wurde. 76 Das ergab eine Anfrage bei der Post im Mai 2012. Emailkorrespondenz mit Frank Crämer ([email protected])

18

Übersicht über bereits umbenannte Boelcke-Straßen STADT JAHR DER ALTER NAME BENENNUNG Homburg Boelckestraße Celle Boelckestraße Würzburg Boelckestraße Meißen 1936 Boelckestraße Heilbronn 1938 Boelckestraße Herford Boelckestraße Konstanz Boelckestraße Karlsruhe Boelckestraße Dresden bis 1926 Boelckestraße Wilhelm-Straße 86 Ludwigsburg Boelckestraße 87 Langenau Boelckestraße Garmisch-P. Boelckestraße Oberhausen 1937 Boelckestraße Hannover 1937 Boelckestraße

JAHR DER UMBENENNUNG 1946 1945 1945 1945 1945 1947 1945 1946 1946

NEUER NAME

1945 1947 1950

Ludwig-Thoma-Straße 89 Heinestraße Gerhart-Hauptmann-Straße

77

Kastanienstraße 78 Kiebitzkamp 79 Am Galgenberg 80 Schillerstraße 81 Grünewaldstraße 82 Brahmsstraße 83 Reutestraße 84 Friedrich Hecker 85 Freischützstraße

88

Übersicht über bereits umbenannte Immelmann-Straßen STADT

BENENNUNG ALTER NAME

JAHR DER

NEUER NAME

UMBENENNUNG 90

Homburg

Immelmannstraße

1946

Fichtenstraße

Celle

Immelmannstraße

1945

Imkerstieg

Dresden /Stadtteil Klotzsche Heilbronn

Immelmannplatz

1945

?

Immelmannstraße

1945

Hans-Sachs-Straße 92

Meißen

1935

Immelmannstraße

1945

Goethestraße

Weingarten

1936

Immelmannweg

1945

Barbarossaweg

Würzburg Konstanz

93

Eisenbahnstraße 1945

91

94

95

Bücklestraße

77

http://www.saar-nostalgie.de/Strassennamen.htm (02.07.2012) Straßenverzeichnis der Stadt Celle, Referat 70 zentrale Vergabe und Bauverwaltung, Stand 11.04.2011 79 Fries, Bruno et al.(1983): Würzburg im Dritten Reich. Ausstellungskatalog, S.58 80 Am 6.8.1936 erhielt die neu angelegte Straße den Namen „Boelckestraße“. Am 16.5.1945 wurde dieser geändert in Schillerstraße. Naumann, Günter (2009): Stadtlexikon Meißen, S. 290. 81 Erstbenennung 1907 Kreuzstraße, ab 1920 Alleenstraße, ab 1938 Boelckestraße, ab 1945 Alleenstraße, ab 1947/48 Grünewaldstraße. Schwinghammer, G./ Makowski, R. (2005): Die Heilbronner Straßennamen. 82 Schilling, René (2010), S.384. 83 Moser, Anulf (2012): Im Wechsel liegt die Beständigkeit. Konstanzer Straßennamen im Wandel der politischen Systeme, in: Konstanzer Almanach 2012. 84 Vor der Umbennung im Drittes Reich hieß die Straße „Hildastraße“. http://ka.stadtwiki.net/index.php?title=Spezial%3ASuche&search=boelcke&go=Seite (02.07.2012) 85 http://dresden.stadtwiki.de/wiki/Freisch%C3%BCtzstra%C3%9Fe 86 Pöppinghege, Rainer (2007), S.82 87 ebd., S.83 88 Adam, Peter/ Jocher, Anton (2001): Die Straßennamen von Garmisch-Partenkirchen. Namenherkunft und historische, zeitgeschichtliche sowie volkskundliche Begebenheiten rund um unsere Straßen. Garmisch-Patenkirchen. 89 Vor der Umbenennung in Boelckestraße hieß die Straße „Schulenstraße“. http://www.osterfeldwestfalen.de/strassen.html#drei (02.07.2012) 90 http://www.saar-nostalgie.de/Strassennamen.htm (02.07.2012) 91 Schwinghammer, G./ Makowski, R. (2005): Die Heilbronner Straßennamen.S. 209 92 1935 erhielt die neu angelegte Straße den Namen „Immelmannstraße“. Am 16.5.1945 wurde dieser geändert in Goethestraße. Naumann, Günter (2009): Stadtlexikon Meißen, S. 107. 93 Kruse, Norbert (2009): Weingartens Straßennamen im „Dritten Reich“. Bergatreute/Aulendorf. 94 Fries, Bruno et al.(1983): Würzburg im Dritten Reich. Ausstellungskatalog, S.58 78

19

Garmisch-P. Völkingen

bis 1936

Immelmannstraße

Viktoriastr 98

Ludwigsburg 99

Langenau Karlsruhe

1938

St. Wendel

1936

Straße F.

96

1945

von-Kobell-Straße

1945-1957

Auf den Feldern

1957-

Viktoriastraße

1946

?

1946

?

1947

Alexiusstraße

1945 (?)

97

100

101

?

95

Moser, Anulf (2012): Im Wechsel liegt die Beständigkeit. Konstanzer Straßennamen im Wandel der politischen Systeme, in: Konstanzer Almanach 2012. 96 Adam, Peter/ Jocher, Anton (2001): Die Straßennamen von Garmisch-Partenkirchen. Namenherkunft und historische, zeitgeschichtliche sowie volkskundliche Begebenheiten rund um unsere Straßen. Garmisch-Patenkirchen. 97 http://www.saar-nostalgie.de/Strassennamen.htm (02.07.2012) 98 Pöppinghege, Rainer (2007), S.82 99 ebd., S.83 100 http://ka.stadtwiki.net/Alexiusstra%C3%9Fe_%28Ettlingen%29 (02.07.2012) 101 http://www.widerdasvergessen.de/index.php/st-wendel/strassennamen (20.06.2012)

20

Übersicht über noch existierende Boelcke- und Immelmannstraßen Max-Immelmann-Allee

Oswald-Boelcke-Straße

79427 Eschbach

77654 Offenburg

79258 Hartheim

31515 Wunstorf

79423 Heitersheim

Boelckestraße

Max-Immelmann-Straße

24161 Altenholz

77654 Offenburg

91438 Bad Windsheim

Immelmannstraße

12101 Berlin/Tempelhof

86159 Augsburg

76831 Billigheim-Ingenheim

49661 Cloppenburg

26757 Borkum

27755 Delmenhorst

49661 Cloppenburg

71254 Ditzingen

56812 Cochem

73054 Eislingen/Fils

27755 Delmenhorst

45309 Essen

32756 Detmold

70839 Gerlingen

49356 Diepholz

82166 Gräfelfing

71254 Ditzingen

89312 Günzburg

41540 Dormagen

30419 Hannover

78234 Engen

31137 Hildesheim

79100 Freiburg im Breisgau

85051 Ingolstadt

52511 Geilenkirchen

24159 Kiel

70839 Gerlingen

76829 Landau

73312 Geislingen a.d. Steige

86899 Landsberg am Lech

30163 Hannover

89340 Leipheim

31137 Hildesheim

55124 Mainz

85051 Ingolstadt

85077 Manching

24159 Kiel

48157 Münster

50171 Kerpen

41069 Mönchengladbach

56073 Koblenz

52388 Nörvenich

32791 Lage (Lippe)

90478 Nürnberg

76829 Landau i.d. Pfalz

78315 Radolfzell

89340 Leipheim

93051 Regensburg

64653 Lorsch

53757 Sankt Augustin

23570 Lübeck

88239 Wangen

88074 Meckenbeuren

27793 Wildeshausen

31535 Neustadt am Rübenberge

26409 Wittmund

52388 Nörvenich

Immelmannplatz

90478 Nürnberg

81247 München

78315 Radolfzell

Immelmannweg

93051 Regensburg

73061 Ebersbach an der Fils

42281 Remscheid

90478 Nürnberg

24768 Rendsburg

49088 Osnabrück

91154 Roth

88214 Ravensburg

53757 Sankt Augustin

48291 Telgte

86830 Schwabmünchen

78532 Tuttlingen

21680 Stade 73079 Süßen

Immelmann Court, Fair Oaks, CA, United States

86836 Untermeitingen

21

88239 Wangen im Allgäu 92637 Weiden i.d. OPF 55252 Wiesbaden 27793 Wildeshausen 42281 Wuppertal (NRW) Boelckeweg 29328 Faßberg 48155 Münster 49088 Osnabrück 88214 Ravensburg Hauptmann-Boelcke-Weg 14473 Bad Pyrmont

Literatur Adam, Peter/ Jocher, Anton (2001): Die Straßennamen von Garmisch-Partenkirchen. Namenherkunft und historische, zeitgeschichtliche sowie volkskundliche Begebenheiten rund um unsere Straßen. Garmisch-Patenkirchen. Fries, Bruno et al.(1983): Würzburg im Dritten Reich. Ausstellungskatalog, Würzburg. Fritsche, Peter (1992): A Nation of Fliers. German Aviation and the popular Imagination, Cambridge/London. Fuchs, Burkhard (1994): Fliegende Helden der Gewalt am Beispiel von Kampfpiloten und ihren Maschinen, in Brednich, Rolf R. / Hartinger, Walter (Hg.): Gewalt in der Kultur. Vorträge des 29. Deutschen Volkskundekongresses, Bd. II, Passau, S.705-720.; Kehrt, Christian (2010): Moderne Krieger. Die Technikerfahrungen deutscher Militärpiloten 1910 – 1945, Paderborn. Knab, Jakob (1995): Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr, Berlin. Kruse, Norbert (2009): Weingartens Straßennamen im „Dritten Reich“. Bergatreute/Aulendorf. Moser, Anulf (2012): Im Wechsel liegt die Beständigkeit. Konstanzer Straßennamen im Wandel der politischen Systeme, in: Konstanzer Almanach 2012. Naumann, Günter (2009): Stadtlexikon Meißen, S. 290. Pöppinghege, Rainer (2007): Wege des Erinnerns. Münster. Rieger, Bernhard (2005): Technology and the Culture of Modernity in Britain and Germany 1890-1945, Cambridge. Schilling, René (2002): »Kriegshelden«. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813 – 1945, Paderborn. Schüler-Springorum, Stefanie (2002): Vom Fliegen und Töten. Militärische Männlichkeit in der deutschen Fliegerliteratur, 1914-1939, in: Hagemann, Karen/Schüler-Springorum, Stefanie(Hg.): Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege. Frankfurt a. M., S.208-233.

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