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Hans-Christoph Seidel. Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg: Zechen –Bergarbeiter – Zwangsarbeiter. Essen: Klartext Verlag, 2010. 640 S. (gebunden), I...

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Hans-Christoph Seidel. Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg: Zechen –Bergarbeiter – Zwangsarbeiter. Essen: Klartext Verlag, 2010. 640 S. (gebunden), ISBN 978-3-8375-0017-2. Reviewed by Thomas Irmer Published on H-Soz-u-Kult (January, 2011)

H.-C. Seidel: Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg suchen. Er erweitert dabei den Blick auf die BergbauVerbände als bislang wenig beachtete Akteure. Außerdem bezieht er einen Vergleich der Lebens- und Arbeitsbedingungen von deutschen Zivilarbeitern mit denen von ausländischen Arbeitskräften und Zwangsarbeitern in seine Untersuchung ein. Nicht weniger anspruchsvoll ist das Ziel der Arbeit, ausgehend von der ” Frage der Zwangsarbeit und immer wieder auf sie hinführend, eine breiter angelegte (wirtschaftsgeschichtlich informierte) Organisations- und Sozialgeschichte des Ruhrbergbaus während des Zweiten Weltkrieges“ zu lieSeidel untersucht mit dem Ruhrbergbau eine Bran- fern (S. 29). Für diese Untersuchung hat Seidel zahlreiche, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts einer der bedeu- che Quellen durchgesehen, darunter Unterlagen von 26 tendsten deutschen Industriezweige war. Für die natioUnternehmen und Zechen des Ruhrgebiets sowie Übernalsozialistische Kriegswirtschaft war die Steinkohle ein lieferungen industrieller Organe und Verbände wie der Schlüsselrohstoff. Das wichtigste Instrument der Förder- Reichsvereinigung Kohle und der Absatzorganisation steigerung war der Arbeitseinsatz, der seit 1941 zuneh- Rheinisch-Westfälisches Kohlensyndikat. Diese Bestände mend auf ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbei- wurden im Hinblick auf die Organisation von Arbeit und ter zurückgriff. Ohne ihren Einsatz hätte sich die Stein- Zwangsarbeit erstmals intensiv ausgewertet. kohleförderung nicht in der erfolgten Form aufrechterhalten oder steigern lassen. Im September 1944, auf Die seit Ende 1938 zunehmende Rekrutierung von dem quantitativen Höhepunkt des Ausländereinsatzes, Ausländern wurde von Zechenbetreibern, ihren Verbänarbeiteten Seidel zufolge in den Gruben an Rhein und den und deutschen Beschäftigten zunächst nur als ein Ruhr mehr als 163.000 Fremdarbeiter“ und Kriegsgefan- Notbehelf angesehen. Auch nach Kriegsbeginn wurden, ” gene, was einem Anteil von knapp 42 Prozent an der Ar- ähnlich wie in anderen Branchen, zunächst ausländische Arbeitskräfte insbesondere aus Westeuropa eingestellt. beiterbelegschaft entsprach. Den entscheidenden Wendepunkt datiert Seidel auf den In seiner Branchenanalyse will Seidel die ZwangsarHerbst 1941, als der Einsatz von Ostarbeitern, sowjetibeit im Zusammenhang mit der Produktion und Produkschen Kriegsgefangenen und später italienischen Militärtionspolitik, dem gesamten Arbeitseinsatz, der Sozialpo- internierten begann. Der Russeneinsatz“ ab 1942 mar” litik des NS-Staates und der Zechen sowie den Arbeits- kierte einen weiteren tiefen Einschnitt in der Arbeitseinund Sozialbeziehungen auf betrieblicher Ebene unter- satzpolitik: Zwangsarbeiter wurden nun nicht mehr nur Nachdem in den letzten Jahren zahlreiche regionalund unternehmensgeschichtliche Einzelstudien zur NSZwangsarbeit entstanden sind, lässt sich ein steigendes Interesse an einordnenden und vergleichenden Fragestellungen feststellen. Hans-Christoph Seidel zeigt mit seiner an der Ruhr-Universität Bochum eingereichten, umfangreichen Habilitationsschrift zum Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg, dass sich diese Auseinandersetzung auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes lohnt.

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zu Hilfsarbeiten, sondern zum Beispiel auch als Hauer in den Gruben eingesetzt. Außerdem wurde der Einsatz von Zwangsarbeitern insbesondere aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion ausgeweitet: Ende 1944 arbeiteten in den Ruhrzechen etwa 90.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 30.000 Ostarbeiter, zwei Drittel aller zu diesem Zeitpunkt eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte.

der deutschen Stammbelegschaft unter anderem durch sozialpolitische Maßnahmen interessiert; die deutschen Bergleute sollten Nutznießer der nationalsozialistischen Sozialpolitik sein, um sie langfristig an die Arbeit zu binden. Anhand von Kriterien wie Ernährung, Entlohnung, Unterbringung oder Gesundheitsversorgung vergleicht Seidel die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen deutscher Bergmänner und der untertage eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte und Zwangsarbeitern. Einige Zechen setzten die Zuteilung von Nahrungsmitteln gezielt als Disziplinierungsmaßnahme ein. Gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen bedeutete dies eine Selektion der Kranken und Schwachen, bei denen ” man bewusst eine prinzipielle lebensbedrohliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes in Kauf nahm, um sie als arbeitsunfähig in die Stalag zurückführen zu können“ (S. 568). Seidel verdeutlicht zugleich, dass es nicht nur strukturelle Gründe waren, die deutsche und ausländische Arbeiter voneinander trennten. Konkurrenz, Angst vor dem Verlust von Privilegien oder nationalistische und rassistische Ressentiments führten auch zu gewalttätigen Übergriffen deutscher auf ausländische Arbeiter. Unter den vielfältigen Ergebnissen der Studie ist dieser Befund einer der ernüchterndsten.

Der Ruhrbergbau nahm Seidel zufolge keine Vorreiterrolle beim Einsatz von ausländischen Arbeitskräften im Altreich ein, aber eine regionale Führungsrolle für das Ruhrgebiet. Zu den Besonderheiten zählte, dass in den Zechen keine polnischen Kriegsgefangenen und offenbar auch keine deutschen Juden im Geschlossenen Ar” beitseinsatz“ Zwangsarbeit leisten mussten. Außerdem wurden in den Steinkohlegruben des Ruhrgebiets, anders als in Oberschlesien, keine KZ-Häftlinge eingesetzt. Seidel hat schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass dies unter anderem an der ablehnenden Haltung der Reichsvereinigung Kohle lag. Hans-Christoph Seidel, Ein buntes Völkergemisch hat eine Wanderung durch ” unsere Gruben gemacht.“ Ausländereinsatz und Zwangsarbeit im Ruhrbergbau 1940 bis 1945, in: Klaus Tenfelde / Hans-Christoph Seidel (Hrsg.), Zwangsarbeit im Bergwerk. Der Arbeitseinsatz im Kohlenbergbau des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete im Ersten und Abschließend bleibt festzuhalten, dass HansZweiten Weltkrieg, Bd. 1/2, Essen 2005, S. 75-159, hier Christoph Seidel mit diesem Buch ein spezifisches Profil S. 86. der Entwicklung des Ruhrbergbaus während des ZweiSeidel zeichnet nicht nur in diesem Punkt ein de- ten Weltkriegs herausarbeitet. Er zeigt einen Weg auf, tailliertes Bild der Handlungsspielräume der Zechenbe- die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von deutschen Zitreiber und ihrer Organisationen, denen es beispielswei- vilarbeitern, ausländischen Arbeitskräften und Zwangsse gelang, die Absetzung des vom NS-Regime eingesetz- arbeitern differenziert zu vergleichen. Die Studie schließt ten Reichskohlenkommissars durchzusetzen. Dem Ein- eine gravierende Lücke, sie ist eine überzeugende Bransatz von ausländischen Arbeitskräften standen sie an- chenanalyse und wird zu einem Standardwerk über den fangs zurückhaltend gegenüber. Sie befürchteten eine Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg werden. Für die ForAbwertung der Arbeit unter Tage, die die Absetzbewe- schung bleibt zu hoffen, dass weitere solcher Branchengungen von Deutschen, die Flucht aus dem Bergbau“, analysen entstehen. ” verstärken würde. Der Bergbau war vor allem am Erhalt If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/ Citation: Thomas Irmer. Review of Seidel, Hans-Christoph, Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg: Zechen –Bergarbeiter –Zwangsarbeiter. H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews. January, 2011. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=32281 Copyright © 2011 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For 2

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