Halbe Miete - Die Onleihe

Halbe Miete - Die Onleihe

erst mal flach, das Land fällt zum Wasser hin sanft ab. Bis zur Steilküste sind es noch ein paar Kilometer.« Die Frau nickte. »Da weht es bestimmt no...

645KB Sizes 1 Downloads 19 Views

erst mal flach, das Land fällt zum Wasser hin sanft ab. Bis zur Steilküste sind es noch ein paar Kilometer.« Die Frau nickte. »Da weht es bestimmt noch stärker.« »Möchtest du lieber umkehren?«, fragte er fürsorglich. »Nein, ist doch schön hier. Hauptsache, es regnet nicht mehr.« Seit dem dritten Lebensjahr war die Frau blind, man hatte ihr die von Krebs befallenen Augäpfel entfernt. So hatte sie gelernt, ihre übrigen Sinne zu nutzen. Auch in fremder Umgebung fand sie sich gut zurecht. Zusammen mit ihrem Mann war sie vor ein paar Jahren in Rente gegangen, seitdem wanderten die beiden leidenschaftlich gern. An diesem Vormittag wollten sie die

Zickerschen Berge umrunden, eine der schönsten Wanderstrecken auf der Insel. Die Frau folgte ihrem Mann auf zwei Metern, für sie der günstigste Abstand. Sie orientierte sich am Geräusch seiner Schritte, und er konnte sie rechtzeitig vor Unebenheiten warnen. Der Weg verlief in südwestlicher Richtung. Je näher sie dem Ende des Höfts kamen, umso stärker wurden die Böen. Der Himmel blieb die meiste Zeit bedeckt, manchmal brach für einige Minuten die Sonne durch. Seit knapp zwei Stunden waren sie nun unterwegs. Bis zum Ausgangspunkt der Wanderung, ihrem Ferienbungalow in Groß Zicker, würden sie noch einmal so lange brauchen. An einer Gruppe von Sträuchern, die den

Blick auf den Bodden verdeckten, drehte der Mann sich wieder um. »Alles in Ordnung?« Im Gehen zog die Frau die Kordel am Jackenkragen fester. »Ja sicher.« »Na, dann weiter«, meinte er zufrieden. Am Bodden schmeckte die Luft nach Regenwasser und frischem Grün. Die nasse Sandschicht auf dem Weg wurde dicker, die Sohlen der Wanderschuhe sanken tiefer ein, das Laufen strengte an. Vor der nächsten Wegbiegung blieb der Mann schweigend stehen. Die Frau ging auf ihn zu und schmiegte sich an seine Seite, er strich ihr durchs Haar, sie vergrub das Gesicht an seinem Hals. Dies war ihr Ritual. Mit dem Kinn berührte die Frau den Rucksack, darin trug der Mann ihren zusammenschiebbaren Blindenstab. Nur zur Vorsicht nahmen sie

ihn mit, bislang hatten sie ihn nicht gebraucht. Sie richtete ihren Kopf wieder auf. »Erzählst du mir was?«, fragte sie herausfordernd. Er lächelte. »Was möchtest du denn wissen?« »Irgendwas hübsches Geografisches.« Wie vor jedem Urlaub hatte er sich ausführlich über die Besonderheiten der Landschaft belesen. Dass seine Frau sich manchmal darüber lustig machte, nahm er ihr nicht übel. »Gut, dann ein bisschen Erdkunde für dich: Ursprünglich waren die Zickerschen Berge bewaldet. Nach der Abholzung blieben hohe Wiesenhügel zurück, und weil es hier relativ wenig regnet, bildete sich eine

Trockenrasenlandschaft. In heißen Sommern erreicht das Innere des Bodens bis zu siebzig Grad Celsius. So was findet man in Europa nur selten, darum hat die UNESCO das zum Biosphärenreservat erklärt.« Sie nickte begeistert. »Dann mach doch mal bei den Wiesen weiter. Welche Pflanzen erkennst du denn so?« Er lachte, denn von Botanik verstand sie mehr als er. »Also: Links ist Weißklee, rechts gelber Löwenzahn und in der Mitte irgendwas, das erinnert an Kornblumen. Aber nicht blau, sondern rosa.« »Das sind Flockenblumen«, entgegnete die Frau milde. »Na gut, dann eben Flockenblumen. Und wenn der Wind durch das Gras geht, sieht es aus, als hätte die Wiese silberne Streifen.«