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Der lange Weg nachhause Von Berlin n a c h H a m b u r g – i m K a j a k Text und Fotos: Lars Schneider

Zwischen Berlin und Hamburg gibt es viel Wasser. So viel, das s m a n s e i n Kajak auf fast 470 Kilometern nicht ein einziges Mal über Land t r a g e n m u s s u n d trotzdem von der grössten in die schönste Stadt Deutschlands g e l a n g t – ü b e r ein wundersames Geflecht von Kanälen, Flüssen und Seen. Ein z i g e H i n d e r n i s s e a u f der vielleicht schönsten Reise Deutschlands: beinahe drei Dutz e n d S c h l e u s e n .

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5 Regen gibt es viel zwischen Berlin und Hamburg. Gut, wenn man es zumindest trocken ins Boot und am Abend ins Zelt schafft.

Der Regen. Unser treuer Begleiter. Wie eine nasse Wolldecke klatscht er auf uns nieder. Zum dritten Mal schon heute. Die Wasseroberfläche brodelt, Tropfen zerplatzen auf dem Deck der Kajaks. Die Kapuze tief in der Stirn, die Schultern unwillkürlich angezogen, das Kreuz krumm, ziehen wir unsere Paddel durch das dunkle Wasser des Nieder Neuendorfer Sees. Auf einem Baumstamm, der vom Ufer ins Wasser ragt, entdecken wir einen Reiher. Auch er steht gebeugt da. Wenn wir uns nicht verzählt haben, ist das – nach 100 Minuten im Boot – heute schon Reiher Nummer 23. Dabei befinden wir uns noch fast in Berlin, gerade erst haben wir die Landesgrenze nach Brandenburg überquert. Ein betongrauer Wachturm am linken Ufer erinnert an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Noch vor 25 Jahren wäre unser Projekt – eine Reise auf dem Wasser von Berlin nach Hamburg – durch die Teilung Deutschlands unmöglich gewesen. Heute ist es die vielleicht aufregendste Bootsfahrt des Landes. Es ist ja ohnehin schon ein Wunder, dass die Tour tatsächlich

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möglich ist: auf rund 470 Kilometern müssen die Boote kein einziges Mal aus dem Wasser gehoben werden – ein wundersam verzweigtes Netz aus Flüssen, Kanälen und Seen überzieht weite Teile von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen und verbindet so die Metropolen auf geniale Weise. Erst gestern sind Katrin und ich in Kreuzberg gestartet, hatten mitten in Berlin unsere Boote zu Wasser gelassen und waren über verschiedene Kanäle, vorbei an der Galerie der Baukräne am Potsdamer Platz, vorbei an den Vogelvolieren des Tiergartens, aus dem Lärm und Getümmel der Stadt nach Spandau gepaddelt, um die erste Nacht im Gymnastikraum eines Kanuvereins zu verbringen. Ein Freund hatte uns am Morgen in drei Stunden von Hamburg nach Berlin gebracht. Und während er schon am selben Nachmittag wieder daheim war, lagen vor uns mindestens 14 Tage strammer Armarbeit auf dem Wasser.

5 Die Fahrt beginnt mitten in Berlin. Auf der ersten Etappe geht es von Kreuzberg nach Spandau. Was ser – allüb erall Vom Nieder Neuendorfer See fahren wir auf die Obere ­Havel Wasserstrasse. Gen Norden wird sie uns irgendwann zur Müritz bringen. Von dort wollen wir über den Plauer See und die Elde-Müritz-Wasserstrasse zur Elbe gelangen, die uns letztendlich nach Hamburg führen wird. So viele Paddelschläge entfernt, dass die Vorstellung schwerfällt. Während am linken Ufer des Kanals noch einmal Industrie-Betriebe zu sehen sind und Metallschrott aus Schuten angeliefert, zerschreddert und kleingehäxelt wieder verladen wird, öffnet der Himmel nach einem kurzen Sonnenloch seine Schleusen erneut. Während die Metallschnipsel von ­einem gigantischen Magneten mit lautem Krachen in den Bauch der Schuten verladen werden, prasselt Regen auf uns herab. Ein doppeltes Sommergewitter, das sich gerade mit einem Monsunsturm gepaart hat, fühlt sich vielleicht ähnlich an. Es dauert keine Minute, bis Wasser in Rinnsälen über mein Gesicht fliesst

und sich seinen Weg in die Paddeljacke sucht. Es dauert nicht lange und ich bin nass bis auf die Haut und sitze inmitten einer Pfütze. Ein prächtiges Gefühl bei 12°C, im Juni, am Rande eines Schrottplatzes irgendwo in Brandenburg. Rettung kommt wenig später mit dem Gasthaus zum weissen Schwan in Höhenschopping. Drinnen, wo Chefkoch und Oberkellner zusammen eine Zigarette rauchen, die Chefin ihre Buchhaltung macht und wir die einzigen Gäste sind, frage ich zuerst nach dem Wetterbericht. «Der stimmt. Die ham jesacht, dat soll regnen.» Berlin ist auch sprachlich noch nicht weit entfernt. Zum heissen Tee ­hören wir im Radio die Vorhersage: «Starkregen, Sturmböen bis 90 km/h und Gewitter.» Am Abend, nur 35 Kilometer vom Stadtzentrum Berlins entfernt, paddeln wir durch Oranienburg und auf den Lehnitzsee hinaus, als ich stutzig werde. Mit erstaun­l icher Zielstrebigkeit quert ein Birkenast den Kanal. Plötzlich, kurz vor einer Kollision, schaut ein Kopf aus dem Was-

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5 34 Schleusen liegen zwischen Berlin und Hamburg: Theoretisch muss man das Boot deshalb nie aus dem Wasser heben.

ser, taucht wieder ab. «Ein Biber», rufe ich. «Katrin, da, ein Biber!» Dann knallt sein platter Schwanz aufs Wasser und er ist fort. Als ich 50 Meter weiter einem Angler von meiner Beobachtung erzähle, meint dieser nur: «Ach da ist der. Hab mich schon gewundert, wo er sich heute rumtreibt.»

War ten auf Grün Die Schleuse von Liebenwalde, erbaut im Jahre 1834, bildet die Verbindung vom Havelkanal zum Vosskanal. Sie hebt uns um zwei Meter und alles per Selbstbedienung. Über verschiedene Hebel, die nach Anweisungen von auto­matisierten Anzeigen betätigt werden, öffnen sich die Schleusentore wie von Geisterhand, es steigt das Wasser. Doch wehe, wenn man aus der Kammer ausfahren möchte, bevor die Ampel auf grün umspringt – man steht unter Beobachtung. «An die Nutzer der Anlage»,

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Mit Kreativität ist alles in Reichweite

scheppert es dann aus einem Lautsprecher. «Erst wenn dass Signal auf grün springt, dürfen Sie die Anlage verlassen.» Wir werden es uns merken – zwischen Hamburg und Berlin liegen 34 Schleusen. Auf dem Vosskanal wird es einsamer. An den Ufern wuchert dichtes Grün, Kiefern, Eichen und Linden fassen das schmale Wasserband ein, auf dem keine Schute mehr Platz hätte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Kanal ein wichtiger Transportweg in die deutsche Hauptstadt. Rund 30 Ziegeleien produzierten etwas weiter nördlich, in der Umgebung des Städtchens Zehdenick, Baumate­r ial, das sehr gefragt war. In Zehdenick, das wir am nächsten Tag, einem Samstag, 30 Minuten vor Ladenschluss erreichen, haben wir eine wichtige Mission zu erfüllen: Am Vorabend hat unser Benzinkocher seinen Dienst quittiert. Wir brauchen einen neuen. Bei Tom’s Angelwelt, wo alle ringsum nur Maden und Tauwürmer kaufen, haben wir Glück und finden ­einen Gaskocher. Die dazugehörigen Kartuschen sind aus, «die gibts im Sportladen die Strasse hoch». Wir

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5 Schöne Plätze für die Nacht gibt es viele. An der Müritz sollte man aus Naturschutzgründen aber offizielle Zeltplätze nutzen.

laufen an Kosmetikstudios und dem Friseur «Kamm-In» vorbei – bis 100 Strähnen 250 Euro – und auch die «Fun Factory», ein Restpostenmarkt der jedem Klischee entspricht, ist fantastisch. Hier gibts nur Mist, Regal um Regal voll sonderbarem Schrott, der mich so verwirrt, dass ich mit einer Packung Batterien den Laden verlasse ohne zu zahlen. Immerhin winke ich der Verkäuferin noch mit der Packung in der Hand zum Abschied. Es gelingt ihr, mich in die Realität zurückzuholen. Die Schleuse von Zehdenick nutzen wir diesmal in Gesellschaft. Das Motorboot Chiara ist dabei und ein holländisches Zeeschouw-Boot, die Vriesevaer aus Haarlem. Yvonne – mit betontem «e» – und Hans sind schon seit sieben Wochen damit unterwegs. An ihrem quer gelegten Mast baumeln eine Geranie und zwei gigantische Kiefernzapfen aus Frankreich. «Da waren wir letztes Jahr.» Die beiden haben zwar keinen Stress mit ihrem Kocher, Probleme mit dem Treibstoff kann es aber auch bei ­ihnen

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geben. «Unser Tank ist so klein, dass wir die nächste Tankstelle manchmal nicht erreichen. Dann nehmen wir unsere Klappräder, verstauen zwei Kanister im Rucksack und fahren los.» Am Nachmittag in Burgwall haben wir unser Tagespensum noch nicht ganz erreicht, Zeit für eine Pause ist trotzdem – das Gasthaus zur Fähre sieht vielversprechend aus. Der Rhabarberkuchen, der wenig später vor uns steht und kaum auf die Teller passt, zeigt, dass wir einen guten Riecher hatten. Am Nebentisch sitzen zwei junge Männer, die ihre rechte Gesinnung zumindest optisch nicht zu verbergen versuchen. Trotzdem entbehren sie nicht gewisser Komik: Das Baby des einen quäkt dann und wann aus dem Kinderwagen, ihren Chihuahua, der Tobias heisst, haben sie kaum im Griff. Sie unterhalten sich über ihre Arbeitslosen-Selbsthilfegruppe – ihr Kollege ohne Führerschein bekommt immer Jobs als Kurierfahrer angeboten – und plötzlich sagt der Eine von ihnen mit Blick auf die Havel: «Ey, Wasser is geil, wa?» Antwortet der andere: «Ick liebe Wasser, wa!»

5 Ein Traum für Ziegenkäsefreunde: Die Highlights der Ziegenkäserei an der Schleuse von Regow an der Havel.

Unseren Lagerplatz finden wir später am Abend als niemand mehr auf dem Wasser ist, ausser uns. In einer gros­ sen Linkskurve der Havel legen wir am rechten Ufer an, steigen eine aus einem Kiefernwald abfallende Böschung hinauf und schlagen auf einer natürlichen Terrasse unser Zelt auf. Ein Havelbogen liegt uns zu Füssen, der Blick reicht über brach liegende Wiesen. Auf unserem neuen Gaskocher zaubern wir Spaghetti mit Tomatensauce, eine Flasche Rotwein – ein Viertel unseres jeweils in den Bootsspitzen verstauten Vorrats – wird entkorkt.

K äse von der S chleuse Nicht alle Schleusen sind erinnerungswürdig. Die von Regow, beim Kilometer 42 der Havel, ist es alleweil. Zum einen, weil wir beim Warten von der Besatzung eines Hausboots – drei Generationen einer Familie aus Bayern – mit Schweinebraten, Semmelknödel und Sauerkraut

verpflegt werden, zum anderen, weil wir beim Hofladen im früheren Haus des Schleusewärters vorbeischauen. Hans-Peter Dill, ein Schweizer, und seine Frau Sabine Denell, eine Norddeutsche, haben hier vor zehn Jahren den Grundstein für eine Käserei gelegt. «Heute verkaufen wir unseren Ziegenkäse nicht nur Besuchern hier im Hofladen, sondern auch auf Berliner Wochenmärkten und im KadeWe». Sie besitzen drei Böcke und 120 Ziegen, die 50 Liter Milch am Tag geben. Umgerechnet sind das rund ein bis eineinhalb Kilogramm Käse. Wir probieren verschiedene Sorten Ziegenkäse. Neben Elfenbrüstlein sind die Hosenknöppe unsere Favoriten. Nur der hausgemachte Ziegenkäsekuchen kann das toppen. Gerade hat Hans-Peter Dill uns einen besonders reifen Käse in Verbindung mit ­einem Schluck Portwein zu kosten gegeben, unsere Augen leuchten angesichts dieses Geschmackserlebnisses noch verzückt, da klingelt sein Handy. «Das war meine Frau, ich soll zum Mittagessen kommen. Es gibt Spaghetti Bolognese – aus Zicklein-Hack.»

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5 Wunderwelt aus Wasser zwischen Hamburg und Berlin: Da bleibt den Paddlern nur noch ein breites Grinsen.

Über Fürstenberg und ein Konglomerat an Seen nähern wir uns der Müritz. Unsere Reisezeit liegt bewusst aus­ serhalb der Schulferien und doch spüren wir den zunehmenden Verkehr auf dem Wasser. Paddler sehen wir wenige, dafür umso mehr gecharterte Motor- und Hausboote. Ein grosser Spass ist es, an einer gut frequentierten Schleuse eine Rast einzulegen und dem Treiben zuzusehen. Wie auch im Strassenverkehr merkt man schnell: auf den grösseren Schiffen gibt es nicht unbedingt auch die besseren Kapitäne. Ruhiger wird es erst auf der Alten Fahrt, dem letzten Stück vor der Müritz: Motorboote sind hier verboten. Die Ufer werden schilfiger, die Vogeldichte nimmt zu. Gleich mehrere Kuckucke schreien im Liebesrausch nach Partnerinnen und plötzlich schiesst ein Fischadler hinab, um sich einen Fisch zu greifen. Er verfehlt ihn knapp. Nachdem wir über das Granzower Möschen, den Grossen Kotzower See und den Leppinsee nach Norden gepaddelt

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sind, schwenken wir auf dem Woterfitzsee nach Westen ab. Wir sind als Paddler nur geduldet hier, müssen uns bei der Überquerung an eine Bojenreihe halten, der Rest des Sees ist tabu. Genau hier war mir auf einer Tagestour vor drei Jahren eine Blindschleiche gegen das Boot geschwommen. Durch einen Urwald aus Birken und Erlen, die einem Sumpf entwachsen, erreichen Katrin und ich die einzige Stelle der Tour, an der wir unsere Boote doch noch aus dem Wasser heben müssen. Auf einer Nebenroute wäre uns das erspart geblieben, doch wir wollten uns die Alte Fahrt nicht entgehen lassen. 200 Meter weiter gleiten wir schon wieder über das klare Wasser des Bolter Kanals. Kiesel und Steine, Muscheln, Sand und Pflanzen, ein Fisch und noch einer, all dies läuft unter uns ab wie ein Film. Die Bäume zu beiden Seiten wiegen sich im immer stärker blasenden Wind. Wir sind gespannt, was uns auf der Müritz erwartet.

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5 Aktive Vogelwelt rund um die Müritz. Wer Glück hat, sieht nebst Schwänen und Reihern auch Fisch- und Seeadler.

Das kleine Meer, wie sich ihr Name aus dem slawischen ableitet, ist bekannt für seine gefährlichen Wellen. Durch die Topographie des Seebodens und die grosse Wasser­ fläche – von Norden nach Süden sind es fast 30 Kilometer, von West nach Ost immerhin 13 – können sich schnell Wogen von über einem Meter Höhe aufbauen, in regelmässigen Abständen kommt es zu Unfällen von Seglern oder Kanuten, die immer wieder auch tödlich enden. Als wir aus dem Kanal auf den See hinausfahren, klemmen wir unsere Oberschenkel fester ins Boot, greifen das Paddel energischer und versuchen Fahrt aufzunehmen, um die Lage zu beherrschen. Aus westlicher Richtung rollt eine unregelmässige Dünung heran, die sich chaotisch und ohne Rhythmus bricht. Wellen vermählen sich, gehen auseinander, versprühen Gischt, die der Wind aufgreift und mitnimmt. Wir haben es nicht weit zum Campingplatz am Bolter Ufer, doch der Kilometer am Ende eines langen Tages macht klar, dass mit der Müritz nicht zu spassen ist.

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Talfahr t nach Hamburg Auch der Plauer See, der letzte grosse See unserer Reise, versucht uns mit kräftigem Westwind einzuschüchtern. Wenn wir auf der fünf Kilometer langen Querung aufhören zu paddeln, treiben wir zurück. Als wir nach eineinhalb Stunden auf dem See in die Elde-Müritz Wasserstrasse einfahren, ist plötzlich alles ganz still. Kein Sturm mehr, kein Wind, wir müssen nicht mehr schreien um uns zu verständigen, die Paddeljacke ist auf einmal viel zu warm. Einen Kilometer paddeln wir an Bootsschuppen und Villen, Haus- und Fischerbooten vorbei, bis wir die Schleuse von Plau erreichen. Sie markiert den Startpunkt unserer Talfahrt nach Hamburg. Bis zur Elbe werden wir einen Höhenunterschied von 49 Metern überwinden. Leider hat das aber keinen Einfluss auf die Strömung: wie auf der Havel gleichen auch an der Elde Schleusen das Niveau aus, 17 insgesamt. Vier Tage später haben wir sie alle hinter uns gebracht. Ein weiterer Grund zu feiern ist

5 Seekajaks sind das ideale Fortbewegungsmittel für diese Reise. Schlank und schnell, auch bei Gegenwind und Wellen.

die Tatsache, dass nun 350 strömungslose Kilometer hinter uns liegen. Für den Rest der Strecke wird uns die Elbe unterstützen. Voller Vorfreude gleiten wir 500 Meter weiter auf den mächtigen Strom hinaus. Ruhig aber kraftvoll strömt ihr Wasser vorbei, das von der Quelle in Tchechien schon über 800 Kilometer zurückgelegt hat. Sofort werden wir mitgenommen, müssen nichts mehr tun und kommen trotzdem voran. Unglaublich! Wir jauchzen, dass es weit übers Wasser schallt, grinsen vom einem Ohr zum anderen. «Bei diesem Tempo sind wir in zwei Tagen in Hamburg», rufe ich zu Katrin herüber. Und weil der Moment so schön ist und gegenüber ein Sandstrand liegt, schlage ich vor, gleich hier unser Lager aufzuschlagen. «Gute Idee», meint Katrin. «Ich glaube, in meinem Heck steckt noch eine Flasche Wein.»

5 6 K ilometer: Rekord Am nächsten Morgen klingelt der Wecker früh. Wir wollen viel Strecke machen und das Wetter sieht schon seit dem gestrigen Nachmittag aus, als wäre es endlich einmal auf unserer Seite. Um sieben Uhr gleiten wir aus unserer Bucht in die Strömung und lassen uns weiter mitnehmen. Links und rechts zieht grünes Land vorbei, blauer Himmel und weisse Wolken beginnen an der Oberkante der Deiche. Graureiher warten im seichten Uferwasser auf den nächsten Fisch, zwei Seeadler lassen sich hoch oben blicken. Für sieben Kilometer bildet die Elbe nun die Grenze zwischen Niedersachsen und Mecklenburg. Ein Wachturm erinnert an die DDR-Zeiten. Früher musste man sich als Paddler hier streng ans linke Ufer halten. Wir passieren den Ort Hitzacker und erreichen zur Mittagszeit die Fähre, die Neu Darchau mit Darchau verbindet. Im Café Rosenkranz in der Nähe soll es hausge-

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5 Auch wenn man mitunter auf alten Kanälen unterwegs ist – das Naturerlebnis kommt an keinem Tag der Tour zu kurz.

machten Kuchen geben, da lohnt es anzulegen. Doch wir stehen vor verschlossener Tür. «Montag Ruhetag». Und das an einem so sonnigen Tag, dem schönsten seit beinah zwei Wochen. Mit leeren Händen und vor allem leeren Mägen wollen wir nicht zu den Booten zurückkehren und so versuchen wir es im Hof des offensichtlich auch als Wohnhaus genutzten Backsteingebäudes. Ein Baby liegt auf einer Decke im Schatten, eine ältere Frau hängt Wäsche auf, ein kleiner Hund beginnt bei unserem Anblick zu kläffen. Man hat Mitleid mit uns. An der Hintertür erstehen wir ein Stück Käsekuchen, Himbeer-SchmandTorte und eine Stachelbeer-Baiser-Schnitte. So gestärkt wundert es uns auch gar nicht mehr, als wir am Abend die Kilometer zählen und feststellen, dass es 56 sind, die wir geschafft haben. Das ist Rekord.

5 Nach 470 Kilometern und 14 Tagen die Einfahrt in den Hamburger Hafen: Gänsehaut im Lichterglanz.

das Atomkraftwerk Krümmel, Gegenwind und Wellen und irgendwann die grosse Schleuse von Geesthacht. Ja und dann, dann liegen plötzlich die letzten 35 Kilometer unserer Reise vor uns. Nur ein klitzekleines Problem gibt es da noch: die Gezeiten. Wer die Elbe nicht kennt, wird sich wundern, aber trotz einer Entfernung von 150 Kilometern zur Nordsee reicht der Einfluss von Ebbe und Flut bis hierher. Im Klartext heisst das: Hat man Glück oder rechtzeitig einen Blick in den Tidenkalender geworfen und seinen Start sorgfältig geplant, fährt man in Geesthacht genau dann aus der Schleuse, wenn das Wasser seinen Höchststand erreicht hat. Dann trägt einen nicht nur die Grundströmung westwärts, dann nimmt wenig später auch das ablaufende Wasser Paddler in einer rauschenden Fahrt mit. Zehn, zwölf Kilometer schafft man da leicht in einer Stunde.

Stadtgebiets. Hier kennen wir einen kleinen Strand auf dem wir den Nachmittag über ausharren wollen, hier gibt es einen Imbiss, der im Sommer nicht ohne Grund belagert wird. Für uns bedeutet die Zwangsrast Pommes und Bratwurst, Kartoffelsalat und Frikadelle und dann ein Nicker­chen und noch eines.

Wir sind nicht ganz pünktlich und schaffen nur die ersten 15 Kilometer. Dann stoppt die Strömung, erlischt und dreht sich und das Wasser fliesst wie alle zwölf Stunden vom Meer zurück ins Land. Wir haben es bis nach Zollenspieker geschafft, dem südlichsten Punkt des Hamburger

Die Sonne ist untergegangen, mehrere Kirchen und der Fernsehturm zeichnen sich zwischen Containern und Hafengebäuden im rötlichen Nachglühen vom Himmel ab. Als wir um 22 Uhr im letzten Licht unter den Elbbrücken hindurch fahren und auf völlig ruhigem Wasser

Um 19 Uhr hält uns nichts mehr. Die Elbe hat ihre Talfahrt begonnen, wir steigen zu und nehmen die letzten Kilometer in Angriff. Wir paddeln der tief stehenden Sonne entgegen, eine unbändige Freude im Bauch. Es geht flott voran, man winkt uns zu, immer wieder. Es ist, als wüssten die Leute, dass wir zurückkehren in die Hansestadt. Eine Gruppe Teenies sitzt an einem Strand. Als wir vorbeikommen, erklärt der eine seinen Freunden: «Das sind Reisekajaks, mit denen kann man lange Touren machen.»

in den Hafen gleiten, sind wir ganz still. Jeder Paddelschlag scheint heilig, will gehört werden. Es überrascht uns selbst, wie bewegend dieser Moment für uns ist. Alle Strapazen der letzten 14 Tage sind plötzlich vergessen, staunend betrachten wir kleine Schiffe und grosse Schiffe, das Kreuzfahrt-Terminal, die Baustelle der Elbphilharmonie, die vielen, vielen Lichter. An der Kehrwiederspitze, deren Name noch nie so schön klang wie gerade jetzt, paddeln wir vorbei in den Sportboothafen an die Landungsbrücken. Wir sind zuhause.  ]

Mehr Infos Beim outdoor guide kann ein ausführliches Infoblatt zur Kajaktour Berlin – Hamburg mit vielen nützlichen Tipps

Die let z ten K ilometer Ein langer letzter Tag bringt uns 12 °C als der Wecker klingelt, Sonnenschein ein halbe Stunde später, Schafe am Deich, Reiher und Adler, die Stadt Lauenburg und

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bezogen werden. Anfragen per Post mit frankiertem Antwortcouvert an: outdoor guide, Fleubenstrasse 6, 9450 Altstätten. Via Website www.outdoor-guide.ch oder per E-Mail: [email protected]

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