Humanwissenschaftliche Wohnqualitäts-Expertise

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Humanwissenschaftliche Wohnqualitäts-Expertise über menschengerechtes Wohnen anhand der Projekte "arche 38" und "Ressidorf"

EINLEITUNG: Allgemeine Beschreibung Grundlegendes zur "Arche 38": Diese umfasst einen Gebäudekomplex (mit künftig 5 überirdischen Geschossen) samt Innenhof und beherbergt im Prinzip 3 unterschiedliche Funktionen: (1) Beratungsstellen samt Arbeitsplätze für das Personal, (2) Notschlafstelle samt Speiseraum und Sanitärräume, (3) Wohngemeinschaften in den beiden obersten Geschossen Die Notschlafstelle bietet quasi "Bed&Breakfast" für die Ärmsten. Sie dient ausschließlich zum Übernachten und wird tagsüber nicht bewohnt. Stellt also im eigentlichen Sinne kein Habitat dar, sondern ein nächtliches Notquartier für unterkunftslose und mittellose Personen. Die Analyse konzentriert sich daher auf die beiden Wohngeschosse (3.OG und 4.OG), die jeweils eine Wohngemeinschaft mit jeweils maximal 7 Personen beherbergen. Die Klientel setzt sich aus Personen zusammen, deren Leben in finanzieller, sozialer und/oder beruflicher und in der Folge auch in wohnlicher Hinsicht in eine Notlage geraten ist. Das erklärte "Ziel ist eine nachhaltige und selbstständige Wohnfähigkeit der Bewohner im Anschluss an die Zeit in der Wohngemeinschaft." Grundlegendes zum "Ressidorf": Dieses gilt als Obdachlosensiedlung und besteht aus einer Reihe von kleinerer Baukörper-Module: 7 Wohnmodule für jeweils 2 Personen, die entweder gemeinsam einen Raum oder getrennt 2 kleinere Räume bewohnen; ein größeres Wohnmodul mit 3 Doppelzimmern; ein Aufenthaltsmodul für gemeinschaftliches Essen etc.; ein Sanitärmodul mit WC, Dusche, Waschgelegenheit etc., sowie ein Verwaltungsmodul mit Büro für Betreuer, Besprechungsraum etc. Einen wesentlichen Bestandteil der Siedlung bilden auch die Freiräume, die (wie sich noch zeigen wird) entscheidend zur Aufenthaltsqualität beitragen können. Die Module wie auch die Freiräume sind funktionell derart stark miteinander verwoben, dass die Siedlung insgesamt den Charakter einer großen Wohngemeinschaft bekommt. Die Zielgruppe sind (lt. Infobroschüre der Caritas): "Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, Alkoholproblemen, hohem Aggressionspotential sowie mangelnder Anpassungsfähigkeit." 1

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EINLEITUNG: Spezielle wohnqualitative Betrachtung Die Grundeinschätzung der menschlichen Qualität erfolgt nach humanwissenschaftlichen Gesichtspunkten und beinhaltet Aspekte aus allen relevanten Teilbereichen der Psychologie und Physiologie sowie der Wohnbautheorie (z.B. Wohn- und Umweltpsychologie, Wahrnehmungs-, Gestalt-, Entwicklungs- und Sozialpsychologie, humanistische Psychologie, Neurophysiologie, Wohnphysiologie, Raumlogistik etc.) Die Wohnpsychologie beschäftigt sich prinzipiell mit der Frage nach dem "menschengerechten Habitat" bzw. wie Wohnumwelten konzipiert und gestaltet sein müssen, damit sich menschliches Leben darin bestmöglich entfalten kann. Es geht in erster Linie um Themen und Kriterien, die für alle Lebewesen der Gattung Homo Sapiens Gültigkeit besitzen. Individuelle und sozialspezifische Besonderheiten werden bei Bedarf bzw. im Anlassfall zusätzlich berücksichtigt. Die menschliche Qualität eines Habitats ist für jeden Menschen von Relevanz. Wenn man bereits mit gröberen Problemen zu kämpfen hat, wenn man belastende Themen aus der Vergangenheit mit sich trägt, wenn einem der Lebenssinn oder Lebensmut abhanden gekommen ist, wenn man krank oder rekonvaleszent ist, wenn man sich in einer psychisch instabilen Phase befindet, seelisch oder körperlich beeinträchtigt ist usw., dann kommt dem eigenen Lebensumfeld nicht eine geringere sondern eine noch weitaus größere Bedeutung zu. Menschen, deren Leben (aus welchen Gründen auch immer) etwas aus den Fugen geraten ist, bedürfen noch mehr eines gut funktionierenden Lebensraums. Ein Habitat funktioniert aus humanwissenschaftlicher Sicht dann, wenn es den grundlegenden menschlichen Wohnbedürfnissen nachzukommen vermag. (Die Hauptbedürfnisgruppen werden in den nachfolgenden Kapiteln abgehandelt und anhand der untersuchten Beispiele veranschaulicht.) Vorwiegend geht es hier um die grundlegende Bedeutung des Lebensraums für alle Ebenen der menschlichen Existenz. Die Analyse gliedert sich dabei in mehrere Hauptebenen, die jeweils eine spezielle Fachthematik behandeln.

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HAUPTTEIL:

Wohnspektralyse – Objektbetrachtung – Interpretation Objekte: (a) Wohnanlage "Arche 38" Eggenbergergürtel 38, 8020 Graz Umbau, in Planung Notschlafstelle und betreute Wohngemeinschaften

(b) Wohnanlage "Ressidorf" Herrgottwiesgasse 67, 8020 Graz Neubau bewohnt Notschlafstelle samt Begegnungsraum (Wohnsiedlung / Notunterkünfte für Obdachlose) Auftraggeber: Caritas Graz-Seckau Raimundgasse 16, 8011 Graz

verwendete Raumkürzel: WE ... Wohneinheit WG ... Wohngemeinschaft Kü ... Küche AbR ... Abstellraum WZI ... Wohnzimmer Esspl. ... Essplatz SZI ... Schlafzimmer AZI ... Arbeits-Zimmer Terr. ... Terrasse Balk. ... Balkon Vorpl. ... Vorplatz / Zugangsbereich STH ... Stiegenhaus

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EBENE 1 "Wahrnehmung" / Sensorische Ebene (Wahrnehmungspsychologie und kognitive Psychologie) Die sensorische / kognitive Ebene beschäftigt sich mit den menschlichen Wahrnehmungsprozessen, deren Verarbeitung und deren Wirkung auf alle kognitiven Vorgänge (Denken, Fühlen, Handeln) - insbesondere mit der Wahrnehmung der eigenen Lebens- / Wohnumwelt - umfasst hauptsächlich die Sinne: visuell, akustisch/auditiv, olfaktorisch, sensomotorisch. Die sensorischen Stimuli (=sinnliche Reize), die wir aus der Umwelt - in diesem Fall aus unserer Wohnumwelt - aufnehmen, bilden gleichsam die "Grundnahrungsmittel" nicht nur für unsere Sinne sondern auch für unser gesamtes neuronales und kognitives System (Nervensystem und Gehirn). Auch auf sensorischer Ebene kann es, bildlich gesprochen, zu "Fehlernährungen" oder Mangelerscheinungen kommen (mit charakteristischen ersten Begleiterscheinungen wie Unwohlsein, innere Unruhe, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen und vieles andere mehr). All das, was wir über unsere Sinne wahrnehmen, wirkt nicht nur auf unsere momentane Stimmung ein, sondern beeinflusst damit auch unsere Gedanken und Gefühle, unser Handeln und Verhalten - teils bewusst und deutlich spürbar, teils unbewusst, unterschwellig, schleichend. A Sensorische Protektion Schallbelastung / Schallschutz o Schall von außen (außerhalb LR I): Einschätzung der Luftschalldämmung durch die bauliche Hülle etc. im Verhältnis zur lokalen Schallbelastung Arche Straßenseitig gelegene Zimmer massive Schallbelastung durch motorisierten Verkehr. Bei den WG-Wohnungen werden 2 Faktoren mildernd: Zum einen befinden sie sich in den obersten Geschossen (also ein wenig weiter weg von den Lärmquellen). Zum anderen würde der Balkonrücksprung (falls er auch umgesetzt wird) die direkte Schalleinwirkung etwas abschwächen. Empf.: Insbesondere im Deckenbereich über den Balkonen schallschluckende Materialien verwenden (am besten auch am Boden und seitlich und an der Brüstungsrückseite). Hofseitig deutlich ruhiger. Dadurch, dass die Hofstruktur nach hinten hin offen ist, wird auch die Gefahr von verstärkenden Schallreflexionen deutlich verringert (wie es häufig bei einer geschlossenen Blockrandbebauung der Fall ist - Echo-Effekt). Lediglich der Bahnverkehr wird in den oberen Geschossen vorauss. stärker akustisch spürbar.

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Ressidorf Von außen in den Siedlungsbereich Stark befahrene Verkehrskreuzung in unmittelbarer Nähe, daher beträchtliche Lärmbelastung. Diese wird jedoch abgemindert durch das vorgelagerte Nachbargebäude im Norden und die geschlossene und ca. 3m hohe Holzwand an der Grundstücksgrenze Richtung Westen. Verkehrslärm kann lediglich durch die Öffnung in dieser Wand (Zufahrt) sowie von südwestlicher Richtung über das Nachbargrundstück ungehindert eindringen. Im Inneren des Siedlungsbereichs Die Siedlung selbst bleibt naturgemäß verkehrsfrei. Auch sonst keine besondere Schallbelastung erkennbar; außer jenem der durch die Bewohner selbst verursacht werden könnte. Gemeinschaftsraum befindet sich in einem eigenen Gebäude - daher ist von hier keine Schallbelastung zu erwarten. Begrünung und ihre Wirkung: Empf.: möglichst viele Grünflächen plus den einen oder anderen Baum (soweit möglich) - wirken zum einen schallschluckend, und mehr noch: Pflanzen und begrünte Flächen fungiert nachweislich auch als psychologischer "Schalldämpfer" und wirken als "Antistressoren" potentiellen Stressfaktoren entgegen. o Schall von innen / von (gebäudeinternen) wohnungsinternen Quellen: Arche WG-Bereich (3OG und 4OG) Zwischen den Schlafzimmern und den Gemeinschaftsbereichen bzw. Fernsehraum befinden sich 2 Türen - daher guter interner Schallschutz. Trennwände zwischen den Zimmern: Aufbau dzt. nicht bekannt. Ressidorf Trennwände zwischen den WE bieten ein Minimum an Schallschutz. keine Wasserinstallationen in den Wänden verlaufen ist aus Sicht des Schallschutzes ein Vorteil. Allgemeines zum Thema Schallschutz: Warum ist Schutz vor Schallbelastung auch bei der sogenannten niederschwelligen Wohnversorgung von Bedeutung? Auch hier sind wie in allen andern vergleichbaren Belastungszonen Menschen betroffen, die im Prinzip mit der gleichen physiologischen Grundkonstitution ausgestattet sind. Unerwünschte Schallbelastung (z.B. in Form von Verkehrslärm) kann vielerlei Konsequenzen mit sich führen: beginnend bei eingeschränktem Wohlbefinden, kognitiven Leistungsstörungen, Schlafstörungen, Gereiztheit bis hin zu verstärkter Neigung zu aggressiven Verhaltensweisen etc..

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o Vegetative Reizwirkung: Erhöhung des Blutdrucks, Beschleunigung der Herztätigkeit, Abnahme der Tätigkeit der Verdauungsorgane, Steigerung der Spannung der Muskulatur, erhöhte Nervosität, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Kreislaufstörungen etc.1 o Chronische Lärmbelastung (wie andauernder Verkehrslärm) korreliert mit einem erhöhten Medikamentenverbrauch.2 Rauschmittel wie Alkohol haben nicht selten eine - zwar nicht zu empfehlende aber dennoch wirksame - "Schlafmittel-Funktion". Stressreaktionen: "Chronische Lärmbelastung führt zu einer verstärkten Aktivierung des Organismus und - vermittelt durch physiologische Stressreaktionen - zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen"3 Schlafstörungen: "Die Schlafqualität vermindert sich durch verlängerte Einschlafphasen, verkürzte Tiefschlaf- und Traumphasen und häufigeres Erwachen"4 o Soziale Auswirkungen: "Sozialpsychologische Untersuchungen konnten nachweisen, dass Menschen unter Lärm soziale Kontakte verringern, aggressiver reagieren und weniger hilfsbereit sind."5

Olfaktorischer Schutz (Geruchsbelästigung) bezeichnet den Schutz vor unangenehmen oder unerträglichen Gerüchen (Gestank). o von außen / von äußeren Quellen straßenseitig lediglich Abgase vom motorisierten Verkehr, derzeit keine weiteren Belastungen erkennbar ev. gelegentliche Belastungen (durch östlich gelegenen Wirtschaftsbetrieb oder Straßenverkehr.) o im Inneren / interne Quellen In fast allen Räumen gute bzw. ausreichende Durchlüftung möglich. Straßenseitig gelegene Zimmer etwas benachteiligt - "Frischluft"-Zufuhr nur über stark befahrene Straße möglich. Zwischen WCs und Aufenthaltsbereiche sind zumindest 2 Türen - daher keine Geruchsbelästigung zu erwarten. In allen Räumen/Baukörpern gute bzw. ausreichende Durchlüftung möglich. Die Toiletten befinden sich in einem eigenen Baukörper.

B Sensorische Isolation  Offenheit und sinnliche Wahrnehmung raumpsychologische und wahrnehmungsbezogene Offenheit (rp/wb Off.) Die raumpsychologische Offenheit steht nicht nur für die räumliche Offenheit / für offene räumliche Strukturen sondern vor allem für die sensorische, wahrnehmungsbezogene Offenheit. 6

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Leitfragen dazu: Wie offen sind die räumlichen Strukturen für Wahrnehmungen (vor allem visueller Art)? Wo und in welchem Ausmaß erweitert und vervielfältigt sich die Raumwirkung im Inneren wie auch nach außen hin? Arche WG (3.OG/4.OG) Bereich Kü-Esspl-Wohnzimmer Kü: mittleres Maß an rp/wb Off.; hohe interne Offenheit zum Esspl. hin, sowie zum WZi, + Blick zum Balkon Wohnecke: mittlere interne Off. zu Kü. nach außen hin mittelhohe Offenheit. raumhohe Verglasung Esspl.: mittlere interne Off. zu Kü., Wohnecke gutes Maß an rp/wb Off. nach außen hin, raumhohe Verglasung off. Raum zw. EssZI., Kü. und WZi. (+) Balkon: erweitert den persönlichen Wahrnehmungsraum beträchtlich (sowie auch den Gestaltungs-/Nutzungsraum) Freibereiche erreichen i.d.R. ein Höchstmaß an rp/wb Off., die jene in Innenräumen deutlich übertreffen kann. Bei einem Aufenthalt im Freien werden meist alle Sinne stimuliert. Betrifft die Sinne: akustisch, olfaktorisch, taktil (Wind), thermisch (wärmende Sonnenstrahlen, kühle Luft), haptisch, sensomotorisch Generell: Die Sinne stellen den Kontakt zum Hier und Jetzt her, unterstützen die Verankerung in der Gegenwart, das eigene Bewusst-Sein sowie die Wahrnehmung der eigenen Umwelt. Vorr.: mäßige interne Off. nach außen hin geringe Offenheit Zimmer : großzügige Fenster (+) bzw. raumhohe Verglasung Empf.: Balkone nach Möglichkeit belassen bzw. begehbar gestalten - erhöht die Wahrnehmungsvielfalt und den Wahrnehmungsraum beträchtlich Ressidorf: Gemeinschaftsraum / Aufenthaltsraum / Essraum: geringes Maß an rp/wb Off. Jedoch auch Gemeinschaftsbereich im Freien mit einem naturgemäß hohem Maß an Off. (++): Laube inkl. Tisch-Bank-Gruppe Zimmer/Wohnmodule: mittlere Off. nach außen hin.

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Freiflächen: die vorgelagerten Terrassen und unmittelbar zugänglichen Grünflächen bieten naturgemäß ein sehr hohes Maß an rp/wp Off. (++) C Wahrnehmungsumraum Der Wahrnehmungsumraum umschreibt jene Sphäre, die ein Mensch in seinem Habitat und von diesem ausgehend wahrnehmen kann. Hier sind 2 Fragen entscheidend: (1) Wie groß ist der Wahrnehmungsraum? (2) Welche Vielfalt bzw. welche Monotonie bietet er? Arche: WG (3.OG / 4.OG) Das Volumen des Wahrnehmungsumraum ist aufgrund der Lage in den oberen Geschossen sehr hoch. Balkon, Dachterrasse sowie der Innenhof bieten unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten bzw. unterschiedliche Wahrnehmungsräume. Generell: Aufenthaltsbereiche im Freien (wie Terrassen, Balkone etc.) bieten naturgemäß einen sehr großen Wahrnehmungsraum mit einem Maximum an Offenheit und sensorischen Wahrnehmungsmöglichkeiten für alle Sinne. Jedoch sollten diese Bereiche auch eine entsprechende Aufenthaltsqualität bieten, damit sie nicht nur zur Verfügung stehen, sondern auch angenommen werden. Empf.: Dachterr.: Teilbereiche jedenfalls begrünen! Innenhof: soviel Grün wie möglich - auch "vertikales" Grün (Bäume). Dachflächen über den Seitentrakten nach Möglichkeit begrünen - zumindest teilweise in Nähe der Aufenthalts- / Arbeitsbereiche. Arche: Der siedlungsinterne Wahrnehmungsraum, der fast zu Gänze gemeinschaftlich organisiert ist, d.h. für alle begehbar und für alle unmittelbar zugänglich ist, stellt jedenfalls eine senorische Bereicherung dar. Freiflächen, insbesondere auch Grünflächen bieten naturgemäß einen sehr reichhaltigen Wahrnehmungsraum. Monotonie oder gar Deprivation samt ihren negativen Begleiterscheinungen sind hier nicht zu erwarten.

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EBENE 2 "Gestaltung" und "Personalisierung" (Humanistische Psychologie) Die humanistische Psychologie sieht den Menschen nicht nur als "Spielball" der Einflüsse von außen (Umwelt, Gesellschaft etc.), nicht nur determiniert durch Erbgut (Genom) oder vergangene Erfahrungen (Traumata, Erziehung, Kindheit etc.) sondern auch als selbstbestimmender und selbstgestaltender Akteur, fähig zu Reflexion und Veränderung, Wachstum und Entfaltung. Sie sieht den Menschen primär als ein Wesen, das sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten vermag. Homo sapiens als gestaltendes Wesen Jeder Mensch hat von Natur aus ein Gestaltungsbedürfnis - ein Bedürfnis, seine Umwelt insbesondere seinen Lebensraum oder zumindest Teile davon zu gestalten. Dies kann geradezu als ein typisches Wesensmerkmal der Gattung "Homo Sapiens" betrachtet werden. Gestalttherapie ... beschreibt die positiven bzw. therapeutische Effekte des Gestaltens auf das mentale und emotionale Befinden des Menschen. Sie bezieht sich dabei nicht nur auf seelisch beeinträchtigte oder in Mitleidenschaft gezogene Personen sondern ausdrücklich auf alle Menschen. So ist es aus gestalttherapeutischer Sicht für jedes Individuum empfehlenswert, die Gestaltung des eigenen Lebensraums selbst in die Hand zu nehmen. Ein zentrales Anliegen ist es, sich selbst als veränderbar zu erleben und zu begreifen, dass man der eigenen Angst, Langeweile, Hilflosigkeit oder Sinnlosigkeit nicht hilflos ausgeliefert ist. Für Personen, die wieder auch die Beine kommen möchten, ist es von umso größerer Bedeutung, in ein Lebensumfeld eingebettet zu sein, das sie auch gestalten und verändern können. Personalisierung Der Prozess der Personalisierung läuft in erster Linie über Gestaltungsprozesse ab. Über diese (- vorwiegend über individuelles Gestalten, Dekorieren, Markieren, Einrichten etc.) beginnt sich eine Person nach und nach verstärkt mit der selbst gestalteten Umwelt zu identifizieren. Personalisierung bedeutet, dass vormals neutrale bauliche Strukturen und Räume zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit werden. Sie repräsentieren damit die Persönlichkeit auch nach außen hin, geben Informationen nach außen hin preis, geben Möglichkeit zur Identifikation und damit auch zur stärksten Form der emotionalen Verbindung zur jeweiligen Wohnung, zum jeweiligen Wohnort. Dies ist nicht zuletzt für heimat- bzw. obdachlose Personen von besonderer Bedeutung. Das Gefühl "nirgends hin zugehören" oder "sich unerwünscht und ausgesondert zu fühlen" etc. wird durch Möglichkeiten zur Personalisierung zumindest gelindert oder gänzlich eliminiert. Arche: WG (3.OG / 4.OG) o Innenräume (im Zuge der Innenraumgestaltung): Empf.: Gestaltungen ermöglichen / erlauben 9

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- der Wände (Farbanstriche, Bilder etc.). - der Böden (Teppiche etc.) - der Beleuchtungskörper und Lichtführung - durch Möbel und deren Gestaltung - durch sonstige Einrichtungsgegenstände, Dekorationen etc. o Außenbereiche und Freiräume: Empf.: Balkone als erweiterter gestaltbarer, personalisierbarer Bereich. Empf.: auch die Dachterrasse für die Bewohnenden nicht nur zugänglich sondern auch gestaltbar machen. Ressidorf o Innenräume Empf.: Gestaltungen ermöglichen / erlauben, je mehr Möglichkeiten desto besser. - Wände (Farbanstriche, Bilder etc.). - Böden (Teppiche etc.) - Beleuchtungskörper und Lichtführung - Möbel und deren Gestaltung - sonstige Einrichtungsgegenstände, Dekorationen etc. o Außenbereiche und Freiräume: Freiräume weisen i.d.R. einen sehr hohen Grad an gestalterischer Off. auf - natürlich nur dort, wo diese Freiräume von den Bewohnenden auch gestaltet und personalisiert werden können. Genau dies scheint hier der Fall zu sein. Es sind zwar keine persönlich zugeordneten aber reichlich kollektive Grünflächen vorhanden, die von den Bewohnenden in unterschiedlicher Form gestaltet werden können; Bepflanzung, kleiner Garten, "Lagerfeuer"-Ecke etc. Terrassenflächen vor den Wohnkabinen bilden ebenfalls einen gestaltbaren Bereich (z.B. als Fotogalerie) All dies ist aus wohnpsychologischer Sicht sehr empfehlenswert, da es ein Gefühl des "Beheimatet Seins" zu erzeugen vermag. Aus gestaltpsychologischer Sicht vermag dies wiederum, die emotionale, seelische Gesundheit, die persönliche Entwicklung als auch das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Garten: Erkenntnisse aus der sogenannten "Garten-Therapie" zeigen, dass die Beschäftigung mit Pflanzen eine signifikant positiven Effekt auf das menschliche Befinden und die psychische Gesundheit hat. Ein Garten ist in gestalterischinteraktiver Hinsicht offen und gibt auch ein gewisses "Feedback". Doch er beantwortet nicht nur unser Wirken, sondern er belohnt es fallweise sogar - indem Pflanzen gedeihen und Blüten oder Früchte tragen. In dieser Hinsicht ist der kleine Garten, selbst wenn er nicht sonderlich groß ist, äußerst positiv zu bewerten.

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EBENE 3 "Aneignung" und "Entwicklung" (Umweltpsychologie, Entwicklungspsychologie) Der Begriff der "Aneignung" wird hier im (umwelt-)psychologischem Sinn verstanden und umfasst jede Nutzung der materiellen räumlichen Gegebenheiten in unterschiedlichster Form - z.B. Durchschreiten, Sich-Aufhalten, Verweilen, Spielen, Sport Betreiben, (soziales oder physisches) Interagieren welcher Art auch immer, Gestalten, Umformen, Adaptieren etc. Mit jeder Aneignung wird zugleich auch eine Beziehung zwischen der Person und dem jeweiligen Raum bzw. dem jeweiligen Objekt hergestellt. Jeder Aneignungsprozess erzeugt eine emotionale Verbindung zum Ort. Ein "Heimatgefühl", ein Gefühl des "Zuhause-Seins" entsteht erst über ein Abfolge von verschiedenen Aneignungsprozessen. Dabei spielt nicht nur die WE selbst sondern vor allem das Wohnumfeld eine bedeutende Rolle. Zu diesem Punkt ist die Bestimmung des Aneignungsumraumes samt Aneignungsmöglichkeiten von großer Bedeutung. Der Aneignungsumraum beschreibt jene Räume und Flächen, die sich ein Mensch in irgendeiner Form aneignen kann. Arche: Wohnumfeld: Das Wohnumfeld gliedert sich im Prinzip in zwei Teile: (1) der innenliegende Hof und (2) der außenliegende Straßenraum. Letzterer bildet jedoch keinen Aneignungsraum, sondern viel mehr eine Gefahrenquelle, die weder zu Aufenthalt noch zu einer anderen Form der Benutzung einlädt. Ad (1) der Innenhof hingegen bildet ein ruhiges Kleinod, das derzeit lediglich als Raucherecke und als Parkplatz genutzt wird. Empf.: Nicht zuletzt aus dem Grund, dass rund um das Gebäude keine weiteren aneigenbaren Flächen erkennbar sind, sollte das Potential des Innenhofs weiter ausbaut werden: sprich mehr attraktive Aufenthaltsbereiche (vorzugsweise Grünflächen) samt Sitzgelegenheiten. (Positive Auswirkungen sowohl für Mitarbeiter/innen als auch für die Bewohnenden sind dabei durchaus zu erwarten.) WG (3.OG / 4.OG) Dadurch dass sich die WGs im 3.OG bzw. 4.OG befinden, sind sie relativ isoliert vom Wohnumfeld und so weit entfernt vom Innenhof, dass dieser voraussichtlich nur selten aufgesucht werden wird. Umso begrüßenswerter sind demnach "Ersatz-Wohnumfelder" bzw. zusätzliche Aneignungsräume wie die Dachterrasse. Diese kann bei entsprechender Gestaltung ein hohe Aufenthaltsqualität bieten. Mit jeder Aneignung entsteht zugleich eine emotionale Verbindung zum Ort. Dass Aneignungsprozesse stattfinden können, bildet somit die Basis für ein Gefühl, "beheimatet" zu sein, emotional aufgehoben zu sein. Aneignungsbezogene Isolation: Wenn keinerlei Aneignungsmöglichkeiten vorhanden sind, fühlt man sich sehr schnell isoliert, abgeschoben, abgeschottet oder gar in die eigene Wohnung eingesperrt. 11

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Mit jeder Aneignung steigt jedoch nicht nur die emotionale Verbundenheit zum Wohnort, sondern zugleich auch das Gefühl (zumindest ein Stück) dafür verantwortlich zu sein. Positiv besetzte emotionale Ortsverbundenheit und Verantwortungsbereitschaft / Verantwortungsgefühl korrelieren stark zueinander. Verantwortung-Lernen heißt zu aller erst Aneignungsprozesse-Zulassen. (So bilden beispielsweise ein Garten oder Pflanzen ein gutes Medium um Verantwortung zu lernen.) Kontaktprozesse sind die Basis für jede Entwicklung (seien es soziale Interaktionen, Gestaltungen, Wahrnehmungen oder Aneignungen jedweder Form). Das Verhindern von Kontakt (bzw. ein eklatanter Mangel an Kontakt) hemmt die menschliche Entwicklung, verzerrt das Selbstbild und das Selbstwertgefühl, fördert die Entstehung von Neurosen (nach Erkenntnissen der Gestalttherapie). Ressidorf Der siedlungsinterne Aneignungsumraum bietet mit der aufgelockerten Gebäudestellung, deren schlichten aber attraktiven Gestaltung, den Grünflächen samt Bepflanzungen ein relativ einladendes Ambiente. Das Angebot an Aneignungsmöglichkeiten umfasst u.a. eine Laube samt Sitzgelegenheit, eine "Lagerfeuerecke" respektive Sitzecke für Raucher, einen Gemüsegarten und sonstige Grün- und Terrassenflächen. Das siedlungsexternes Wohnumfeld wird großteils von stark befahrenen Verkehrsflächen sowie von Betriebs- und Gewerbeflächen bestimmt. Weitere Aneignungsmöglichkeiten sind hier kaum zu erkennen. Eine umso größere Bedeutung kommt daher dem siedlungsinternen Bereich zu. Aufgrund der genannten Aneignungsmöglichkeiten innerhalb des Siedlung und deren einladenden Gestaltung kann davon ausgegangen werden, das dies eine positiv besetzte emotionale Bindung zum Ort entstehen lässt. Das Gefühl, ein Zuhause zu haben, ist einem stabilen emotionalen Zustand sehr zuträglich. Handlungs- und nutzungsbezogene Offenheit Vielfältige Nutzungs- und Handlungsmöglichkeiten (Nutzungsvariabilität) bedeuten, dass eine Wohnung auf die aktuellen Bedürfnisse und individuellen Anforderungen der Bewohnenden besser eingehen kann. Wohnzufriedenheit korreliert in hohem Maße mit den wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten. Handlungs- und nutzungsbezogene Offenheit führt tendenziell zu eine höheren Kongruenz zwischen dem Menschen und seinem Habitat, zu einer höheren Wohnund Lebenszufriedenheit, unterstützt Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten. Ein Mangel an handlungs- und nutzungsbezogener Offenheit führt in der Regel zu folgenden Symptomen: Frustration, (erzwungene, ungewollte) Passivität, Resignation, bisweilen auch aggressives Verhalten (- quasi als gewaltsames Schaffen von handlungsbezogener Offenheit) etc.

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Arche: WG (3.OG / 4.OG) WoZi: mittelhohe nutzungs- und handlungsbezogene Offenheit (nh Off.), (Fernsehen, Unterhaltung, Arbeitsecke/PC-Ecke ...) Empf.: flexible Trennung zw. Wohnecke und PC/Arbeitsecke andenken. (potentieller Konfliktpunkt) Kü-Esspl monofunktional Empf.: Trennwand zw. Kü. und WZi überdenken sowie die 2 nebeneinander liegenden Eingänge zu diesem Bereich. Vorr.: könnte aufgrund seiner Größe bereits als kleiner Empfangsraum gesehen werden (+) Zi 1-6: mittelhohe nh Off. (+) Balkon/Terr. - erweitert den Gestaltungs-/Nutzungsraum (Essen, Aufenthalt, Unterhaltung ...) Selektionspotential Bad / WC: für 7 Pers. am unteren Limit, insbesondere bei Waschgelegenheiten! Empf.: Doppelwaschbecken andenken, ev. alternativer Platz für Waschmaschine(?) - würde pot. Konflikten vorbeugen. Ressidorf Wohnkabinen: mittelhohe nh Off. Gemeinschaftsgebäude hohe nutzungs- und handlungsbezogene Offenheit; vielseitig nutzbar (Essen, Unterhaltung etc.) Freiflächen (Terr. und Grünflächen) die unmittelbar zugänglich sind, erweitern die Nutzungs- und Handlungsmöglichkeiten beträchtlich. Adaptionspotential (= habituelles Regulationspotential) Beschreibt die Anpassbarkeit einer WE auf geänderte Lebensumstände, neue Lebensabschnitte und veränderte Anforderungen der Bewohnenden. Arche: WG (3.OG / 4.OG) Bauweise (Holz massiv / KLH; ): Die wohnungsinternen Trennwände bestehen zu großen Teilen aus nichttragenden Wänden (GKP?). Dadurch ergäbe sich ein sehr hohes Adaptionspotential. Sprich spätere Adaptionen (z.B. punkto Grundrissaufteilung) an geänderte Anforderungen sind zwar mit einem gewissen baulichen Aufwand verbunden aber jedoch gut möglich. Ressidorf: Die einzelnen WE sind als solitäre Baukörper konzipiert bzw. auf eine minimale Dimensionierung abgestimmt, sodass hier nur geringes Adaptionspotential erkennbar ist. Die Siedlung insgesamt besitzt jedoch aufgrund der modularen Konzeption und Bauweise ein hohes Adaptionspotential.

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EBENE 4 A "Soziale Interaktion" und "Individualität" Sozialpsychologische Ebene Die Ebene beschäftigt sich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen, den Möglichkeiten für soziale Interaktionen sowie mit der angemessenen Zonierung von privat bis öffentlich von intim bis extim. ZONIERUNGEN – im Überblick A. Persönlicher Bereich: beschreibt einen Raum oder räumlichen Bereich, der einer einzelnen bestimmten Person zugeordnet werden kann (=persönliche Nische). B. Gemeinschaftsbereiche im Wohnungsverband (für Bewohnende samt Gäste) C. Intimitätsbereiche: kennzeichnen sich durch ein Höchstmaß an Schutz- und Regulationsbedürfnis. Dazu zählen klassischerweise die Sanitärräume wie WC oder Bad sowie die Schlafzimmer. Es können im Prinzip aber auch noch weitere Räume einen (temporären) Intimitätsanspruch erhalten. D. Private Bereiche: sind Bereiche, die nicht nur einer einzelnen Person sondern einer ganzen Personengruppe (den jeweiligen Bewohnenden) zugeordnet sein können. Dazu zählen i.d.R. das Wohnungsinnere sowie die dazugehörenden Außenbereiche. Charakteristisches Bedürfnis ist der Schutz vor Fremdaneignung. E. Halbprivater Bereich: befindet sich im Übergang zwischen privaten und (halb)öffentlichen Zonen; kennzeichnet sich jedoch noch verstärkt durch privatem Charakter. Meist sind auch deutliche Zeichen privater Aneignung erkennbar. F. Gemeinschaftsbereiche im Siedlungsverband / Gebäudekomplex für alle Anwohnenden samt Besucher. G. Halböffentliche Bereiche: befindet sich im Übergang zwischen (halb)privatem und öffentlichem Bereich, die "Öffentlichkeit" ist jedoch noch meist auf die unmittelbaren Anwohner beschränkt, trägt daher eher noch gemeinschaftliche Charakterzüge. Dazu zählen häufig Grün- und Erschließungsflächen, die sich durch die gesamte Wohnsiedlung hindurchziehen können (u.U. bestückt mit Sitzgelegenheiten, Spielplätzen, Müllsammel- und Fahrradabstellplätzen, Garagenplätzen etc.) H. Öffentlicher Bereich I. Naturräume J. Sonstige: z.B. EFH-Flächen, Agrarflächen etc. Arche: WG (3.OG / 4.OG) Wohnungsbezogene Zonierung A. Persönliche Bereiche : mit den Einzel-Zi gibt es klar definierte persönliche Bereiche (eigene Zimmer), optisch und räumlich eindeutig von den anderen Bereichen abgegrenzt. 14

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Beim Doppel-Zi ist eine Aufteilung in klar definierte und erkennbare persönliche Bereiche gut möglich. Zur Bedeutung der "persönlichen Nische": Insbesondere bei einer Wohngemeinschaft, wenn ein und dieselbe Wohnung längerfristig von mehreren Personen bewohnt wird, kommt den persönlichen Bereichen eine besondere Bedeutung zu. Dabei ist vor allem darauf Bedacht zu nehmen, dass jeder einzelnen Person zumindest eine persönliche Nische zur eigenen freien Verfügung steht. Diese Forderung kann durch einen eigenen Raum erfüllt werden oder durch einen individuell gestalt- und benutzbarem Bereich mit ausschließlicher Aneignung und Kontrolle durch das jeweilige Individuum. Die Ausbildung einer persönlichen Nische bildet (nicht nur aus therapeutischer Sicht) die räumliche Basis für psychische Gesundheit und Rekonvaleszenz. J. Willi definiert die persönliche Nische als die "von der Person gestaltete Umwelt".6 Sie "umfasst die Gesamtheit der Objekte, auf welche die Person gestaltend einwirkt."7 "Die tätige Auseinandersetzung mit den Objekten ihrer Nische ist ein wichtiger teil ihres Lebenslaufs [...] und der Persönlichkeitsentwicklung (Entwicklung von Ich-Funktion, Realitätsprüfung, Selbstwertgefühl, Identität durch Tätigsein)."8 Er betont dabei insbesondere die Relevanz für die persönliche Entwicklung eines Menschen: "Eine Person kann ihr Potential nur so weit verwirklichen, wie ihr die Nische das ermöglicht."9 Dazu hält J. Willi fest, „[...] dass eine der sensibelsten Folgen von psychischen Störungen aller Art die Beeinträchtigung der Fähigkeit ist, sich einen reichhaltigen und dynamischen Beziehungsraum zu schaffen. Chronisch psychisch Kranke verfügen nur über eine defiziente geschrumpfte persönliche Nische.“ Und etwas drastischer: „Kann sich eine Person keine Nische mehr schaffen, ist sie psychisch tot.“ „Zur persönlichen Nische gehören mehr als die sozialen Beziehungen, nämlich auch die Beziehungen zu materiellen Dingen, zur Wohnung, zur Wohnungseinrichtung [...]. Die Möglichkeit, über eine eigene Wohnung zu verfügen als Privatbereich, wurde von der Psychiatrie lange unterschätzt und wird erst neuerdings in der Rehabilitation von chronisch psychisch Schwerkranken vermehrt beachtet.“ (!) B. Gemeinschaftliche Bereiche in der WG: B1. Bereiche, die für gemeinschaftliche Aktivitäten und soziale Interaktionen, Kommunikation etc. dienen (WGintern oder mit Gästen) ausreichend vorhanden: Esspl., Wohngruppe; Balkon, (Dachterr.) gute Aufenthaltsqualität möglich. Empf.: Balkone etwas breiter ausführen (mind. ca. 240cm) oder anders proportionieren, sodass zumindest in einem Bereich ein Tisch samt Sessel Platz finden können. B2. gemeinschaftlich genutzte Bereiche (Bad, WC, Küche, Abstellräume etc.) Gemeinschaftliche Bereiche sind in einer Wohngemeinschaft von besonders sensibler Bedeutung. Zum einen ist es wichtig, dass es diese sozialen Interaktionsräume überhaupt gibt.

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Zum anderen müssen sie gewisse Kriterien erfüllen, damit sie gut "funktionieren". Sie müssen an der richtigen Stelle liegen (klar getrennt von den persönlichen Bereichen), eine adäquate Größe und Ausstattung aufweisen sowie ein ansprechendes Ambiente bieten (passende Affordanz). Dann können sie die Gemeinschaft / das Zusammenleben fördern und somit auch zur Konfliktvermeidung beitragen (- das Miteinander fördern und somit dem Gegeneinader oder einem teilnahmslosen Nebeneinader entgegenwirken). Darüber hinaus können sie aber auch das Befinden und die Entwicklung des Einzelnen positiv unterstützen. Nicht zuletzt sind es soziale Kontakte, der Austausch mit anderen Menschen, die dem Einzelnen in seiner jeweiligen Lebenssituation Halt und teils auch Erfüllung geben können. C. Intimitätsbereiche: zu den klar zuordenbaren Intimitätsbereichen zählen: o SZI: gegenüber anderen Räumen abtrennbar (Regul./Protekt. gegeben), Ausnahme DoppelZi. o WCs und Bäder: nicht eindeutig einer Person zugeordnete Intimitätsbereiche; Regul. und Protekt. durchführbar, d.h. abtrennbar gegenüber den restlichen Räumen, Schutzfunktion ausreichend vorhanden. D. Private Bereiche : umfassen A bis C: - plus Außenbereiche: außer Balkon keine, E. Halbprivate Bereiche: Zugangsbereiche über Stiegenhaus in eigener Etage - repräsentiert quasi eine Schwelle von halböff. zu privat. Das Stiegenhaus selbst bildet jedoch bis ins 2.OG einen halböffentlichen Bereich. Empf.: gut wahrnehmbare Trennung d.h. "spürbarer" Übergang (im STH) zwischen den privaten Wohngeschossen (3.OG - 4.OG) und den halböffentlichen Geschossen (2.OG bis EG) F. Gemeinschaftsbereiche: Dachterrasse: dadurch dass diese in erster Linie für die Bewohner der beiden WGs gedacht ist, erhält sie einen gemeinschaftlichen Charakter, kennzeichnet sich quasi durch eine kollektive Privatheit. Kann in mehrerlei Hinsicht als eine wertvolle Bereicherung gesehen werden: - in sensorischer Hinsicht: als Wahrnehmungsraum - in sozial interaktiver Hinsicht Vorausgesetzt, sie erhält die entsprechende Aufenthaltsqualität (eine kahle Betonfläche alleine wäre zu wenig) mit Sitzgelegenheiten sowie Teilbereiche die Schutz vor Wind und/oder Wetter und/oder Sonne bieten. Innenhof: stellt ebenfalls einen Gemeinschaftsbereich dar, der jedoch etwas weniger private sondern bereits leichte halböffentliche Züge trägt. Mit Rauchereck und Sitzgelegenheiten bietet er Raum für ungezwungene soziale Interaktionen (auch unter Mitarbeiter/innen). Des Weiteren ermöglicht er den Aufenthalt in einer Umgebung, die etwas mehr Naturnähe bieten kann (zumindest einem "Hauch" von Natur). Selbst eine noch so bescheidene Bepflanzung vermag bereits eine positive Wirkung zu entfalten. 16

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Je mehr natürliche Elemente und Flächen desto besser - unter anderem aus folgenden Gründen: o Erholungseffekt: Der Aufenthalt in solchen bewirkt nachweislich den größten Erholungseffekt insbesondere für seelisch belastete Menschen als auch für arbeitende Personen. Allein der Anblick derselben lässt einen arbeitenden Menschen schneller erholen. Er ist dann (nachweisbar) wieder eher konzentrationsfähig und leistungsbereit. o Pflanzen wirken als "Anti-Stressoren": Natur generell und Bepflanzungen im Besonderen besitzen die Eigenschaft, menschliches Wohlbefinden zu unterstützen indem sie Stressoren unterschiedlichster Art (Lärm, Crowding etc.) eindämmen und deren Wirkung auf den Menschen deutlich abschwächen können. G. Halböffentlicher Bereich: Nicht vorhanden (bzw. konzentriert auf ein Minimum im Zugangsbereich an der Straßenfront). Dadurch erschwert sich die soziale Interaktion nach außen. Jedoch bekommt das Gebäudeinnere (insbesondere die Erschließungszonen, Wartebereiche sowie u.U. auch der Innenhof) aufgrund des Parteienverkehrs und der "Übernachtungsgäste" zumindest teilweise einen halböffentlichen Charakter. H. Öffentlicher Bereich: lediglich Verkehrsflächen, Straße samt Parkplätze und Gehsteig In unmittelbarer Nähe jedoch keine aneigenbaren Bereiche oder sozialen Interaktionsräume erkennbar. Etwas weiter betrachtet gibt es natürlich eine Vielzahl an öffentlichen Flächen über den ganzen Stadtraum verteilt. I. Naturräume in unmittelbarer Nähe keine öffentlich zugänglichen Naturräume vorhanden. D.h. keine Bereiche die Rekreation zulassen würden. Umso höhere Bedeutung bekommen dadurch Innenhof und Dachterrasse (s.o.). Naturräume bieten ein deutlich höheres Maß an Entspannung und Regeneration als bebaute/naturferne Umgebungen. Bei psychisch wie physisch (in Mitleidenschaft gezogenen) mitgenommenen Personen (oder bei Personen, die psychischen wie physischen Belastungen ausgesetzt wurden oder werden) ist dieser Effekt noch verstärkt wirksam. Naturnahe Räume bzw. Ausblicke in dieselben erhöhen signifikant die Chancen für Genesung und Verbesserung des persönlichen Zustandes. J. Sonstige: Die unmittelbare Umgebung wird dominiert von Blockrandbebauungen (im N und W) sowie von Bahngelände und Friedhof (W) und Gewerbeflächen/Bauten im S.

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Ressidorf A. Persönliche Bereiche : In einigen Wohnmodulen gibt es mit Einzel-Zi klar definierte persönliche Bereiche, optisch und räumlich eindeutig von den anderen Bereichen abgegrenzt. Bei den DoppelZi ist eine Ausbildung von persönlichen Nischen schwieriger aber noch möglich. C. Intimitätsbereiche: zu den klar zuordenbaren Intimitätsbereichen zählen: o SZi: bei EinzelZi fallweise identisch mit diesem d.h. die Anforderung bezüglich Regul./Protekt. ist erfüllbar. Ausnahme DoppelZi: schwieriger aber dennoch akzeptabel bei entsprechendem Verhältnis und gegenseitigem Respekt der beiden Bewohner. o WCs und Duschen (im gemeinsamen Sanitärmodul): nicht eindeutig einer Person zugeordnete Intimitätsbereiche; Regul. und Protekt. durchführbar, d.h. temporäre Schutzfunktion ausreichend erfüllbar. D. Private Bereiche (Z3) : umfassen jeweils die Wohnmodule. (Außenbereiche: der gesamte Außenbereich der Siedlung entspricht gleichsam einem kollektiven Privatbereich - siehe Gemeinschaftsbereiche) E. Halbprivate Bereiche (Z4): Die den Wohnmodulen vorgelagerten Terrassen bilden klassische halbprivate Bereiche, Hauptaufgabe dieser wäre es, einen spürbaren und kontrollierbaren Übergang zwischen (halb-)öffentlichen / gemeinschaftlichen Flächen und privaten Bereichen zu schaffen. Im Gegensatz zu den privaten Bereichen ist hier visuelle Kontrolle von außen (andere Bewohner und Betreuer) wie auch von innen (den Bewohnern selbst) erwünscht und vorteilhaft. Selbst wenn hier mangels lohnenswerter Objekte eine Einbruchgefahr nicht sehr relevant erscheint, vermag dies dennoch das Sicherheitsgefühl der Bewohner i.d.R. beträchtlich zu erhöhen. (Einsehbarkeit und Zugangskontrolle) F.(B.) Gemeinschaftsbereiche: Bereiche, die der ganzen Personengruppe zugeordnet sind (z.B. der "Dorfgemeinschaft" oder "Wohngemeinschaft): B1. Bereiche für gemeinschaftliche Aktivitäten und soziale Interaktionen, Kommunikation etc. (dorfintern oder mit Gästen) Mit dem Aufenthaltsmodul gibt es eine klar ausgewiesenen Gemeinschaftsraum im Inneren (mit einer schlichten aber hinreichenden Aufenthaltsqualität). Nahezu der gesamte Außenraum stellt gleichsam einen Gemeinschaftsbereich dar, der von allen benutzt werden kann. Insbesondere mit der Laube samt Sitzgruppe und der "Lagerfeuerecke" gibt es zwei klar erkennbare Bereiche für soziale Interaktion mit stark soziopetalem Charakter. Beide bieten eine durchaus ansprechende Aufenthaltsqualität (bei geeigneter Witterung). Gemeinschaftsbereiche mit der entsprechenden Affordanz (einem einladenden positiven Ambiente und einer soziopetalen Struktur) unterstützen den Prozess der Sozialisation (bzw. prosoziales Verhalten) sowie die Entstehung eines Gemeinschaftsgefühls. 18

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Die (Re-)Sozialisation ist ohne adäquat strukturierte und ausgestattete Gemeinschaftsbereiche deutlich schwieriger. B2. gemeinschaftlich genutzte Bereiche (Sanitärmodul, Küche etc.) OK G. Halböffentlicher Bereich: Der gemeinschaftliche Bereich geht mit zunehmender Nähe zum Eingangstor fließend in den halböffentlichen Bereich über. Das Eingangstor bildet selbst im geöffneten Zustand eine spürbare Schwelle zwischen der öffentlichen Zone (Gehsteig/Straße etc.) und den halböffentlichen Flächen, die bereits eindeutig der Siedlung zugeordnet sind. Die Siedlung zeichnet sich insgesamt durch eine sehr gute Zonierung aus. Dies beginnt mit der Anordnung der Gebäude: das Büromodul (als Kontaktstelle nach außen) und das Aufenthaltsmodul (als sozialer Interaktionsraum) befinden sich nahe dem Zugang; die Wohnmodule mit einer höheren Privatheit / Intimität in den hinteren Bereichen. Somit ergibt sich ein fließender aber deutlich spürbarer Übergang von öffentlich über halböffentlich und gemeinschaftlich bis hin zu halbprivat und privat/persönlich. Das Sanitärmodul wiederum mit einem hohen Intimitätsanspruch wurde in einem etwas abgeschiedenen Eck angeordnet. H. Öffentlicher Bereich: hauptsächlich Fahr-Verkehrsflächen, wenig attraktiv, in unmittelbarer Nähe keine aneigenbaren Bereiche oder sozialen Interaktionsräume erkennbar. I. Naturräume in unmittelbarer Nähe keinerlei begehbare Naturräume vorhanden. Eine umso höhere Bedeutung kommt dadurch dem siedlungsinternen Grünbereich zu. J. Sonstige: Im N und W: Straßenraum plus begleitende Gebäude Im S und O: Gewerbebau samt Firmenparkplatz und Betriebsgelände, nicht öff. zugänglich. Isolation :: Offenheit Soziale / kommunikative Isolation  Sozial interaktive / kommunikative Offenheit 3 relevante Ebenen (1) Isolation des Einzelnen innerhalb einer WE (2) Isolation der WE von benachbarten WE (Wohnungen oder Gebäuden) Isolation innerhalb der eigenen Nachbarschaft (3) Isolation der Siedlung nach außen (zu benachbarten Flächen oder Gebäuden) Isolation gegenüber siedlungsexterner Nachbarschaft (Ghettobildung) Arche: WG (3.OG / 4.OG) ad (1) Innerhalb der WG ist Gefahr der sozialen Isolation gering - durch das Angebot an gemeinschaftlichen Räumen (WZi und Esspl.) und Fleiflächen (Balkon, Terr.), 19

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wenn letztere auch die entsprechende Ausstattung und ein angenehmes Ambiente mitbringen. Dachterr. und Innenhof ermöglichen auch ungezwungene Kontakte zwischen den Bewohnern beider WGs und ev. auch mit Mitarbeitern. ad (2) Trotz des öffentlichen Parteienverkehrs im Haus kennzeichnen sich die beiden WGs durch einen hohen Grad an Isoliertheit. Bedingt einerseits durch die Lagen in den obersten Geschossen aber auch durch den Mangel an Interaktionsräumen in der Umgebung mit der entsprechenden Affordanz. Ressidorf ad (1) Gefahr der sozialen Isolation durch den großen zentralen gemeinschaftlichen Bereich kaum gegeben. Auch sämtliche Verbindungswege führen über diesen. Insbesondere bei entsprechender Ausstattung der gemeinschaftlichen Bereiche (Sitzgelegenheiten etc.) ist von einer relativ hohen sozial interaktiven Offenheit auszugehen. ad (3) Nach außen hin ist die Siedlung jedoch relativ isoliert (selbst bei geöffnetem Tor). Allein aufgrund der Lage - umringt von Verkehrs- und Betriebsflächen. Kontakt zu den Bewohnenden der benachbarten Wohnanlagen ist (selbst wenn er von diesen gewollt wäre) kaum zu erwarten.

EBENE 4B "Kontrolle" und "Privatheit" (Sozial- und Umweltpsychologie) Hier geht es um Themen wie: - Schutz der eigenen Person und des eigenen Lebensraums samt Inhalt vor anderen Personen und deren Handlungen. - Schutz vor Fremdaneignung: Schutz vor fremden Zugriff (Einbruch, Diebstahl) oder ungewollte Fremdgestaltung: (z.B. Vandalismus, "stiller" Vandalismus, unsachgemäße Benutzung ...) - Schutz vor Fremdkontrolle respektive Schutz der eigenen Privat- und Intimsphäre - Schutz vor "Crowding", einem Übermaß an unerwünschten Sozialkontakten. Beinhaltet auch das Bedürfnis nach sozialer Regulation, d.h. selbst bestimmen zu können, wann ich wo mit wem in Kontakt treten kann oder nicht. - Vermeidung von "Angsträumen" Protektion / Schutzbedürfnisse (1) Wohnungsbezogen: z.B. Einbruchschutz etc. Grundeinschätzung des Gefährdungspotentials aus wohnbaustruktureller Sicht. (a) Schutz durch baulich planerische Maßnahmen: Gebäude- und Siedlungsstruktur, Lage der Wohnung, insbesondere der Öffnungen nach außen; Bewertungsschwerpunkt: soziale Kontrolle, Zugänglichkeit, Zonierung

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(b) Schutz durch zusätzliche Maßnahmen: Alarmanlage, Sicherheitstüren, Verriegelungen etc. ( ... diese stellen jedoch eher Notmaßnahmen dar, wenn (a) versagt und sonst nichts mehr hilft.) (2) Siedlungsbezogen: Vermeidung von Angsträumen, Vandalismus etc. im Wohnumfeld, im Gebäudekomplex, im Siedlungsverband Schutz kann hier umgesetzt werden durch: kollektive soziale Kontrolle und die richtige Zonierung (Wegeführung und Aufenthaltsbereiche) etc. Arche: o Zugangskontrolle (soziale Regulation) Das gesamt Gebäude ist nur über einen gemeinsamen Zugang erschließbar, der permanent von Mitarbeitern kontrolliert wird. Auch der Zugang über das Hoftor ist nur für Berechtigte möglich. o Innenhof gut einsehbar (visuelle kontrollierbar) von allen Seiten – und kontrollierter Zugang daher keinerlei Angsträume zu erwarten o Innerhalb des Gebäudekomplexes in den beiden unteren Geschossen sowie im STH eingeschränkte visuelle Kontrolle. Insbesondere das STH ist kaum visuell kontrollierbar. Die Glastüren zum STH hin sind aus dieser Sicht positiv zu bewerten, da sie einem drohenden Kontrollmangel entgegenwirken. o WG (3.OG / 4.OG) keine weitere Zwischenzone zw. h-öff. und privat. Da es sich jedoch um eine Wohngemeinschaft mit mehreren Personen handelt, trägt der Empfangsbereich im W-Inneren gemeinschaftlichen Charakter mit einem geringeren Intimitätsanspruch als in anderen privaten Räumen (- bzw. im Vergleich etwa zu einem 1- oder 2-Pers.Haushalt). D.h. der Übergang zwischen halb-öffentlich und gemeinschaftlich stellt hier keine allzu große Diskrepanz dar. Ressidorf o Visuelle Kontrolle WE innerhalb der Siedlung: Einsehbarkeit der Zugangsbereiche durchwegs gegeben. Der zentrale Außenbereich, über den sämtliche Wege führen ist mehrfach visuell kontrollierbar, von mehreren verschiedenen Seiten aus. Somit ist von einem relativ hohen Sicherheitsgefühl auszugehen. o Zugangskontrolle (soziale Regulation) WE innerhalb der Siedlung: Durch die ausgewogene Zonierung ergibt sich die soziale Regulation fast von selbst - allein aufgrund der entsprechenden Affordanz. 21

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o Siedlung insgesamt Aufgrund der guten Zonierung und der kollektiven sozialen Kontrollmöglichkeiten ist kaum mit der Entstehung von sogenannten Angsträumen zu rechnen. (3) Schutz vor unerwünschten Sozialkontakten: (bzw. Möglichkeit zur selbstbestimmten sozialen Regulation) Dies beinhaltet auch den Schutz vor dem sogenannten Crowding -Effekt, einem Gefühl der Beengtheit, des Bedrängtwerdens durch die Anwesenheit oder die Handlungen anderer Personen. Im Vordergrund stehen hier folgende Bereiche: o In erster Linie wollen die privaten Freibereiche vor Crowding geschützt sein. o Der zweite Schwerpunkt liegt auf den gemeinschaftlichen Erschließungsflächen in und außerhalb von Gebäuden. o Crowding kann auch innerhalb einer Wohnung vorkommen, z.B.: - bei Durchgangszimmern (z.B. in einer Mehr-Personen-WG), sofern diese einen persönlichen Bereich darstellen. - bei Zimmern für mehrere Personen ist die Gefahr von Crowding durchaus gegeben, wenn die persönlichen Bereiche nicht klar getrennt werden können. - wenn persönliche oder intime Bereiche in Gemeinschaftsräumen (wie Wohnzimmer oder Essraum) untergebracht sind, dann ist Crowding nahezu vorprogrammiert (natürlich nur, wenn es sich um einen Mehr-Personen-Haushalt handelt). Mögliche Folgen von Crowding: - Rückzug und generelle Kontaktvermeidung, Tendenz zu asozialem Verhalten - Kontrollverlust, Ohnmachtsgefühle - Stresssymptome, Gereiztheit, Ärgerneigung oder aggressives Verhalten Crowding ist in erster Linie von 3 Faktoren abhängig (1) Exponiertheit gegenüber direkten Sozialkontakten (Nähe/Distanz und Zugänglichkeit) (2) Personenanzahl: bzw. Wahrscheinlichkeit für das Zustandekommen von Sozialkontakten, (3) Mangel an sozialen Regulationsmöglichkeiten Arche: o Innenhof soz. Regulation mögl., wenn es mehrere Aufenthaltsbereiche gibt. Ansonsten Crowding-Gefahr sowohl für Personal als auch Klienten/Bewohnende o Innerhalb des Gebäudekomplexes in den beiden unteren Geschossen sowie im STH eingeschränkte soziale Regulationsmöglichkeiten. Dies ist in einer (halb-)öffentlichen Institution mit Parteienverkehr noch kein großes Problem - bei Wohnungen hingegen sehrwohl. Bei den gemeinschaftlichen Erschließungsflächen (STH) ist eine Gefahr von Crowding durchaus latent.

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Empf.: klare Trennung zu den beiden Wohngeschossen (3.OG und 4.OG inkl. DG) ansonsten besteht eine relevante Crowding-Gefahr (aus Sicht der WG-Bewohner). o Innerhalb der WGs Hinreichend persönliche Räume (Einzelzimmer), regulierbar. Lediglich das Doppelzimmer könnte fallweise Probleme aufwerfen (z.B. wenn ein Mitbewohner Besucher empfängt). Außerhalb der persönlichen Zimmer gibt es mehrere Aufenthaltsmöglichkeiten (Esspl., WZi, Balkon, PC-Ecke, u.U. auch DG) daher relative gute soziale Regulationsmöglichkeiten. Ressidorf o Innenräume / Wohnmodule / Persönliche Bereiche In den 1-Personen-Räumen soziale Regulation gut möglich. In den 2-Personen-Räumen ist soziale Regulation nur eingeschränkt möglich. Latente Crowding-Gefahr. o Terr. / Halbprivate Bereiche Keine soziale Regulation möglich, daher besteht hier eine relevante CrowdingGefahr. o Im Siedlungsgebiet: durch Wahl des Aufenthältsbereichs im Freien oder im Aufenthaltsmodul ist soziale Regulation gut möglich. Crowding-Phänomene samt negativen Begleiterscheinungen sind in Anbetracht der Personenanzahl hier nicht sehr wahrscheinlich. (4) Schutz vor Fremdkontrolle: Ein Schwerpunkt liegt dabei im Schutz der eigenen Intimsphäre vor visueller Kontrolle durch andere Personen. Die Bewertung resultiert aus drei Faktoren: 1.) protektorale Anforderung / Intimitätsanspruch: ist in unterschiedlichen Räumen unterschiedlich hoch, je nach aktueller Raumnutzung. Am höchsten i.d.R. in den Sanitärräumen (Bad, WC) und Schlafräumen, die zugleich auch Bereiche für Intimität darstellen; gefolgt von den persönlichen Bereichen, den Wohn- und anderen Aufenthaltsbereichen, Arbeitsbereiche, Küche ... In den privaten Freibereichen herrscht in der Regel nur in Teilbereichen ein Intimitätsanspruch: z.B. Sonnenterrasse, Sitzgruppe etc. 2.) Exponiertheit; Wie sehr ist ein Bereich der sozialen Fremdkontrolle ausgesetzt? 3.) Regulationsmöglichkeiten; Sind Möglichkeiten vorhanden, um regulativ eingreifen zu können (z.B. Vorhänge, Rollos, Lamellen, Schiebeelemente etc.)? Mögliche Folgen bei einem Übermaß an Fremdkontrolle: Reaktanzverhalten kann sich in dreierlei Hinsicht manifestieren: (1) Abschottungstendenzen: der Mensch beginnt sich vor der Fremdkontrolle abzuschotten. (2) Vermeidungsverhalten: die entsprechend exponierten Plätze werden gemieden (3) Verlassen der Wohnung: krasseste Konsequenz als letzter Ausweg, wenn die Situation die Lebensqualität zu sehr beeinträchtigt.

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Arche: o Persönliche Bereiche / Wohnungsinneres aufgrund der Lage der WE im 3.OG / 4.OG und der Situierung der Zimmer ist der Schutz vor visueller Fremdkontrolle großteils gegeben. Ausnahme: hofseitig gelegene Zimmer - visuelle Fremdkontrolle vom südlich gelegenen Nachbargebäude möglich (abmindernd wirkt, dass es sich um keine "Frontalopposition" handelt sondern um ca. 90° über Eck.) Ressidorf o Innenräume / Wohnmodule / Persönliche Bereiche Insbesondere in den Modulen 1, 3-7 sowie dem mittleren Zi im Ost-Modul starke Exponiertheit gegenüber visueller Fremdkontrolle. Selbst wenn, wie in diesem Fall, der Intimitätsanspruch der Bewohner selbst (allesamt männlichen Geschlechts) etwas niedriger als im Schnitt zu sein scheint, ein gewisses Grundbedürfnis nach Schutz der eigenen Privat- und Intimsphäre ist in jedem Menschen immanent vorhanden. o Sanitärräume (DU., WC) Diese sind hingegen ausreichend vor visueller Fremdkontrolle geschützt.

Zusatz - EBENE 5 Systemische Ebene (1) Raumlogistische Kongruenz (Raum-Nutzungs-Kongruenz) Im Vordergrund stehen die operationale Verknüpfungen aus logistischer Sicht. Die Beschreibung beinhaltet den Vergleich zwischen räumlicher Anordnung, räumlichen Verbindungen und operationalen (handlungs- / benutzungsbedingte) Verbindungen. Es folgt damit die Einschätzung der handlungs- und nutzungsbezogenen Kongruenz (bzw. der Raum-Nutzungs-Kongruenz). Arche: WGs (3.OG / 4.OG) o Wohnungsinneres klare Anordnung der operational zusammenhängenden Raum- und Funktionsgruppen: Schlafen-Kleideraufbewahrung-Körperpflege/WC sowie KüEsspl-WZi-Balkon hohe raumlogistische Kongruenz Ressidorf o Wohnmodule Bei Einraum-Modulen ist die Raumlogistik noch kein großes Thema. Die RaumNutzungs-Kongruenz hingegen schon, denn aufgrund der minimalen Raumgrößen 24

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sind auch die Nutzungsmöglichkeiten stark eingeschränkt - was jedoch in Anbetracht der besonderen Umstände nachvollziehbar ist. o Siedlung Aufgrund der raumlogistischen Verknüpfungen über das gesamte Areal hinweg, könnte die ganze Siedlung als eine Art Groß-WG mit hohem Freiflächenanteil betrachtet werden. In Anbetracht dessen kann noch von einer passablen raumlogistischen Kongruenz gesprochen werden. Das Sanitär-Modul liegt etwas im Abseits insbesondere von den südlichen Wohnmodulen aus betrachtet. (2) Bewegungsstrukturelle Kongruenz Es geht dabei um die Frage inwieweit die die zu erwartenden alltäglichen Bewegungs- und Handlungsmuster mit den räumlichen Strukturen (samt Inventar) übereinstimmen oder nicht. Einen wichtigen Punkt dabei bilden die wohnungsinternen Verkehrswege und natürlich auch die Anbindungen von außerhalb bzw. die Verbindungen / Wegeführung im unmittelbaren Wohnumfeld. (3) Quantitative Kongruenz (Steht in enger Verbindung mit Raum-Nutzungskongruenz) Sind die einzelnen Bereiche (sämtliche Bereiche, Wohnräume, Nutz- und Bewegungsflächen) zu groß oder zu klein? Oder sind die vorhandenen räumlichen Strukturen mit den Nutzungs- und Bewohnerstrukturen kongruent? Arche: WG (3.OG/4.OG) Zimmer: quantitative Kongruenz gut möglich Bad/WC Inkongruenz erkennbar, angesichts der Personenanzahl und der zu erwartenden Frequentierung eher klein und wenig Waschgelegenheiten. (Potentieller Konfliktpunkt, da WC, Du und Waschb. jeweils in einem Raum) Bereich Kü-Esspl-Wohnecke und hohe handlungs- und bewegungsstrukturelle Kongruenz noch möglich, Küchenecke: angesichts der Personenanzahl Platzmangel zu erwarten Balkon: optimale Anbindung an Wohnräume Empf.: Balkon zumindest in einem Teilbereich etwas mehr Tiefe geben (mind.240cm) sodass ein Tisch samt Sessel Platz finden können. Der derzeitige Balkon lässt keine Sitzgruppe samt Tisch für mehrere Personen zu; eher Klassischer "Raucherbalkon" samt Platz für vereinzelte Sitzgelegenheiten. Ressidorf Wohnmodule sind in sich bewegungsstrukturell kongruent, quantitativ nicht (was in Anbetracht der Umstände natürlich nicht verwundert.) 25

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Die Einzelzimmer lassen eine höhere bewegungs- und handlungsstrukturelle Kongruenz zu (weniger rauminterne Verkehrsflächen). Siedlung Die alltäglichen Wege verlaufen - vor allem aufgrund der Lage von Sanitärmodul und Aufenthaltsmodul - über das ganze Gelände verteilt. Die Wege außerhalb der Wohnmodule sind relativ weit (handlungsstrukturelle Inkongruenz). Jedoch muss dies in diesem Fall nicht unbedingt nur Nachteile mit sich bringen: veranlasst dies doch - ähnlich einem Campingplatz - zu mehr Bewegung im Freien. Freiflächen: der hohe Freiflächenanteil bewirkt eine sehr hohe quantitative Kongruenz. Dies kompensiert zumindest teilweise die quantitative Inkongruenz in den Wohnmodulen.

Zusatz - EBENE 6 Physiologische Ebene Diese Ebene erfasst all jene Faktoren, die sich primär auf die menschliche Physis / den menschlichen Körper beziehen. Aufgrund der engen und untrennbaren Verbindung zwischen Körper und Psyche wirken physiologische Faktoren stets direkt oder indirekt auch auf psychologischer Ebene. Die wichtigsten Kriterien lauten: o PROTEKTION Thermische Protektion: Schutz vor zu hohen bzw. zu niedrigen Temperaturen, also vor thermischen Verhältnissen, die dem Wohlbefinden abträglich sind respektive die menschliche Gesundheit gefährden (Unterkühlung/Überhitzung) Meteorologischer Schutz: Schutz vor meteorologischen Einflüssen, Niederschlägen aller Art (Schnee, Regen, Hagel etc.) oder allgemein vor widrigen Witterungsverhältnissen Aeriler oder aerodynamischer Schutz: Schutz vor zu hohen oder unangenehmen Luftströmungen (Luftbewegungen) wie Luftzug, Wind ... Luft bildet das Medium in dem wir uns aufhalten, von dementsprechender Bedeutung ist der dynamische Zustand dieses Mediums. Chemisch-physiologischer oder wohnmedizinischer Schutz: Umfasst den Schutz vor Schadstoffen, Staub oder Schwebeteilchen aller Art, welche die menschliche Gesundheit gefährden oder das Wohlbefinden beeinträchtigen. Hauptpunkte: (a) Heizungssystem und (b) Auswahl und Einsatz der Materialen o ISOLATION (Isolation aus physiologischer Sicht) Dabei geht es vor allem um 3 Hauptthemen (1) Öffnungsmöglichkeiten: (Fenster, Türen u.dgl.) v.a. um frische Luft zu erhalten (2) Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien (3) Licht und Sonneneinstrahlung Motto: Wohnen mit der Sonne und nicht gegen die Sonne. Das natürlich Licht ist das "beste Licht", nicht nur aus einem Energiespar-Gedanken 26

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heraus, sondern auch weil der Mensch aus evolutionärer Sicht daran angepasst ist. D.h. die Zusammensetzung / das Spektrum des natürlichen Lichts wird vom menschlichen Auge in den meisten Fällen am angenehmsten empfunden (die gilt nicht nur bei Wohn- sondern auch bei Arbeitplätzen). Natürliches Licht vermittelt ein Gefühl für Tageszeit und steuert die Biorhythmen. Darüber hinaus wirkt Sonnenlicht gleichsam als natürliches "Antidepressivum" - entscheidend ist dabei weniger die direkte Sonneneinstrahlung sondern der Blick auf Flächen, die von der Sonne bestrahlt werden. o REGULATION bezieht sich auf die Regulation des Innenraumklimas durch die Bewohnenden selbst entsprechend ihren jeweiligen aktuellen Wünschen und Befindlichkeiten. Dazu gehören in erster Linie die Faktoren Raumtemperatur und Frischluft. Bewertet wird die Regulationsfähigkeit eines jeden einzelnen Raumes, der zumindest für temporären Aufenthalt gedacht ist. Ausschlaggebend sind dabei Faktoren wie eine regulierbare Heizung, Lüftung/Luftwechsel, Licht- und Wärmeeinstrahlung (Sonneneinstrahlung), Arche: Balkon 3.OG: Witterungsschutz / Sonnenschutz gegeben; Empf.: u.U. Windschutz gegen N andenken Balkon 4.OG: Witterungsschutz fehlt; Empf.: Wind- und Witterungsschutz empfehlenswert, des Weiteren auch regulierbarer Sonnenschutz Dachterrasse: Empf. unterschiedliche Bereiche anbieten, mit Schutz vor Witterung und/oder Wind und/oder Sonne/Überhitzung (Regul. durch Wahlmöglichkeiten) Zumindest Teilbereiche jedenfalls begrünen! Innenhof: ev. auch einen witterungsgeschützten Platz anbieten Ressidorf Wohnmodule: Der Schutz vor Kälte, Hitze und Witterung gegeben. in den südlichen Modulen Mangel an direktem Sonnenlicht. Aufenthaltsmodul: etwas mehr Sonne / natürliches Tageslicht wäre vorteilhaft. Laube: Schutz vor Hitze und Niederschläge, jedoch nicht windgeschützt. Lagerfeuerecke: Schutz vor Wind, jedoch kein Witterungsschutz. Empf.: Aufenthaltsbereiche im Freien noch ausbaufähig, z.B. einen witterungs- und windgeschützten Sonnenplatz andenken, der insbesondere in den Übergangszeiten zum Aufenthalt im Freien einlädt. (Platz wäre hinreichend vorhanden.) o Chemisch-physiologischer Schutz oder wohnmedizinischer Schutz: Arche: Heizungssystem derzeit k.A.

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Zu den Wand und Decken-Aufbauten liegen derzeit keine genauen Informationen vor, jedoch lässt sich nach dem derzeitigen Wissensstand folgendes festhalten: Die Verwendung von KLH Platten in Decken und Wänden dürfte sich positiv auf das Raumklima auswirken, jedoch abhängig von der raumseitigen Beschichtung / Verkleidung. PVC-Böden insbesondere in Wohn- und Arbeitsräumen bitte unbedingt vermeiden! Und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen: - große Umweltbelastung bei Herstellung, Verarbeitung und Entsorgung - elektrostatische Aufladung - "Vinylchlorid ist krebserzeugend. Es kann bei langanhaltender Exposition Harnblasenkrebs, Leberkarzinome, Haut- und Knochenveränderungen sowie Störungen der Zentralnervensystem verursachen." - Weichmacher Anteil bis zu 30%. Phthalsäureester, gast aus, toxisch beim Einatmen und bei der Nahrungsaufnahme.10 - "Bei der Verbrennung PVC-haltiger Materialien entstehen ätzende Chlorverbindungen sowie hochtoxische Dioxine und Furane."11 - "Die Abgabe von Schad- und Geruchsstoffen kann hoch sein und über einen längeren Zeitraum anhalten."12 Empfehlung: z.B. Linoleum wäre eine kostengünstige Alternative, die jedoch in baubiologischer, wohnphysiologischer und ökologischer Hinsicht ungleich positiver zu bewerten ist. PVC-Böden haben hingegen in Wohn- und Arbeitsräumen nichts verloren, von der verheerenden ökologischen Perspektive ganz zu schweigen. Linoleum besteht aus einem Gemisch aus Leinöl, Kork- und Holzmehl, Kreide, Pigmente etc, aufgebracht auf einem Jutegewebe. Linoleumböden gibt es mit unterschiedlichen Farben und Mustern (wird optisch häufig mit PVC verwechselt), pflegeleicht, lange Lebensdauer ... Wirkt sich auch positiv auf das Raumklima aus: feuchtigkeitsregulierend, fußwarm, antistatisch und antibakteriell ...

EBENE 7 Verhaltenspsychologische Ebene (A) Ökobehaviorale Kongruenz entspricht der soziolokalen Verhaltenskongruenz und umschreibt die Übereinstimmung zwischen Verhaltensmuster und räumlichen Strukturen. Jedes Setting (jede baulich räumliche Situation samt Ausstattung und Gestaltungselementen) veranlasst bzw. favorisiert ein bestimmtes Verhalten, zieht bestimmte Verhaltensmuster an (standing patterns of behavior) - und darüber hinaus auch bestimmte Denk- und Empfindungsmuster, Haltungen und Einstellungen.

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Das Kongruenzprinzip: Das System Mensch-Habitat-Umwelt strebt stets nach Kongruenz (nach Übereinstimmung / Passung ...), sei es indem sich der Mensch der Umwelt anpasst oder indem die Umweltgegebenheiten dem Menschen angepasst werden können. (Kongruenz kann als Fernziel betrachtet werden, das - sei es bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt - stets angestrebt wird.) Als zentrale Aufgabe gilt es hier, die sogenannten Attraktionsmuster ausfindig zu machen. Mit Attraktionsmuster werden in diesem Kontext die wahrscheinlichsten respektive die bevorzugtesten Verhaltens- und Benutzungsmuster (Haltungs-, Denkund Empfindungsmuster) beschrieben, die in einer bestimmten baulich-räumlichen Struktur zu erwarten sind bzw. dort wahrscheinlich sind. Dahingehend können folgende Hauptfragen formuliert werden: Welche Bewohnerstruktur (diese umfasst all jene Personen, die ein Habitat bewohnen) entspricht welcher baulichen Struktur in welchem Ausmaß und in welcher Hinsicht? Welche Attraktionsmuster lassen sich in konkreten Wohnbaustrukturen (seien sie planlich-virtuell oder bereits baulich-physisch existent) erkennen? (B) Affordanz (Aufforderungscharakter) Welchen Aufforderungscharakter haben die jeweiligen räumlichen Bereiche bzw. die Siedlung insgesamt? Zu was motiviert bzw. demotiviert sie? Jedes räumliche Setting / jede aktuelle räumliche Umwelt besitzt durch ihre Positionierung, Ausstattung und ihrem Ambiente stets in der einen oder anderen Form einen Aufforderungscharakter (Affordanz). Dieser Aufforderungscharakter kann im Prinzip so vielfältig sein wie das menschliche Verhalten selbst: Eine bestimmte Umweltsituation kann zu spezifischen Aktivitäten anregen oder auch zum Ruhen und Entspannen, ein räumliches Umfeld kann zum Verweilen anregen oder auch zum möglichst schnell Vorbeigehen. Eine Umwelt kann zu bewusster Wahrnehmung anregen oder zum Wegschauen, zur Kontaktaufnahme zu anderen Personen animieren oder zur Kontaktvermeidung und vieles andere mehr. Eine benutzbare oder aneigenbare Umwelt sollte die Benutzenden zumindest in zweierlei Hinsicht ansprechen. Zum einen sollte sie selbsterklärend sein und damit die kognitive Ebene erreichen. Dies bedeutet, dass ein bestimmtes räumliches Setting auch ohne Benutzerhandbuch verständlich und benutzbar sein sollte. Zum anderen sollte es sogenannte "Expressivität" aufweisen und zwar in dem Sinne, dass wir uns emotional angesprochen fühlen. Diese Expressivität sollte natürlich den Zweck des Settings unterstützen und nicht untergraben. Arche: Attraktionsmuster für WG-Bewohner (3.OG/4.OG) Die WE kennzeichnen sich durch eine geringe Verknüpfung nach draußen. Das "Drinnen-Bleiben" wird eher gefördert als das "Nach-Draußen-Gehen". Die "Patterns-of-Behavior" bleiben größtenteils auf die WE beschränkt. Die Bewegungsmuster erfassen (v.a. im 4.OG) u.U. noch das Dachgeschoss, doch aufgrund der isolierten Lage der WG werden die Bewohner die Wohnung voraussichtlich eher selten verlassen ohne ein bestimmtes Ziel zu haben (z.B. Einkauf). Umso wichtiger ist es daher, die Dachterrasse und vor allem den Innenhof einladend zu gestalten - mit einer entsprechenden Attraktivität auszustatten. Ansonsten ist die Isolationsgefahr nicht unbeträchtlich (oder wie der Volksmund es 29

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ausdrückt, dass einem "die Decke auf den Kopf fällt" oder drinnen "dicke Luft" vorherrscht.) Bewohnerstruktur entspricht der baulichen Struktur, im Prinzip WG-gerechte Konzipierung. Die Gemeinschaftsbereiche dürften zur sozialen Interaktion animieren. Die Gesamtanlage weist eine eher geringe ökobehaviorale / soziolokale Kongruenz auf. (Da viele unterschiedliche Funktionen mit unterschiedlichen Funktionen unter einem Hut gebracht werden müssen.) Affordanz und Expressivität für Besucher / Außenstehende: Wird in erster Linie als Institution wahrgenommen mit einer starken Zugangskontrolle am Eingang. Zu den Wohnungen muss man erst hingelotst werden. Ressidorf Die Siedlung kommt im Großen und Ganzen dem Charakter eines kleinen intimen Campingplatzes nahe und trägt mehr Merkmale einer größeren Wohngemeinschaft denn jene eines Dorfes. Die Siedlung kennzeichnet sich dadurch, dass sie zwei Pole in sich vereint. Zum einen wird das individuelle Wohnen in bescheidenem Maßstab betont. Zum andern jedoch können sich die Bewohnenden in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen ohne eine erzwungene Gemeinschaft leben zu müssen. Starke Attraktion zur Bewegung nach draußen - außerhalb der WE jedoch innerhalb der Siedlung. Nahezu die ganze Siedlung ist Teil des Handlungs- und Bewegungsraums. Es besteht wenig Attraktion, die Siedlung in Richtung Umland zu verlassen - die Bewegung ins Siedlungsumfeld wird jedoch auch nicht blockiert. Deutliche Affordanz zum Aufenthalt im Freien - wäre jedoch noch weiter ausbaufähig: halbprivate Bereiche/Terrassenzone und weitere attraktive, witterungsgeschützte Bereiche Sitzgelegenheiten. Auch die Bewegung im Freien wird gefördert und teils erzwungen - ähnlich einem Campingplatz - was sich durchaus nicht nachteilig auswirken muss. Aus wohnpsychologischer und -physiologischer (insbesondere sensorischer und auch sozialer) Sicht ist dies sogar positiv zu bewerten (Isolations- und Deprivationsgefahren werden reduziert). Kontakt zur Natur (bzw. zu naturnahen Bereichen) wird gefördert, sei es durch Aufenthalt oder durch Gestaltung von Teilen derselben (Garten). Empf.: Dieser Aspekt könnte noch weiter ausgebaut / stärker genutzt werden ohne dass dafür viel Geld aufgewendet werden müsste. Motto: die ganze Siedlung zu einem blühenden Garten / einer "Grünoase" machen. Das Ambiente der Siedlung dürfte positive nachbarschaftliche Kontakte (innerhalb der Siedlung) durchaus unterstützen. In Anbetracht der geringen Kosten des Wohnprojekts ist die Qualität aus wohnpsychologischer Sicht erstaunlich hoch. Affordanz und Expressivität für Besucher / Außenstehende:

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Als Besucher / Außenstehender erkennt man sofort wo die Anlaufstelle ist bzw. wird zu dieser hingeleitet. In Richtung privater Räume geht man nicht einfach ohne weiteres. Die Expressivität des Aufenthaltsmoduls ist weniger deutlich. Die richtige Expressivität scheint also vorhanden zu sein. Insgesamt relativ hohe ökobehaviorale Kongruenz erkennbar.

Resümee: Das beste Habitat kann zwar allein noch keine Wunder wirken, jedoch beeinflusst uns unsere Wohnumwelt in jedem Fall - sei es unterstützend, fördernd oder beeinträchtigend, schädigend. Von herausragender Bedeutung ist erfahrungsgemäß die soziale Wohnumwelt (unsere Mitmenschen und unsere Beziehung zu diesen.) Die Wirkung der baulich räumlichen Umwelt ist hingegen nicht immer so offensichtlich und klar zu erkennen, jedoch sollte man sie gerade deshalb nicht unterschätzen. Sie beeinflusst uns permanent auf allen Ebenen, teils deutlich spürbar teils unterschwellig und unbewusst. Ein menschengerechtes Habitat mit all den genannten Qualitäten bildet die unabdingbare Basis für eine positive menschliche Entwicklung. Im gegenteiligen Fall kann es den Menschen auch demotivieren, deprimieren oder im Extremfall auch zugrunde richten. Wie jedes andere Lebewesen auch, kann der Mensch nur in einem "artgerechten" Lebensraum wachsen, gedeihen und aufblühen. Für Menschen in einer schwierigen Lebenssituation hat dies eine noch größere Bedeutung. Wenn man möchte, dass sich die Personen in eine positive Richtung entwickeln, das sie gestärkt und nicht geschwächt werden, gesund und nicht krank werden, dass ihr Leben stabilisiert, wieder ins Lot und nicht weiter aus den Fugen gerät, dann muss auch die Wohnumwelt passen, d.h. die richtigen humanwissenschaftlichen Qualitäten aufweisen. Ansonsten muss erwartet werden, dass die Entwicklung gehemmt wird oder sich gar ins Gegenteil verkehrt.

Verfasser: Harald Deinsberger-Deinsweger

Datum: 01.07.2012

Dr. DI. Univ.-Lektor, Wohnpsychologe & Baubiologe IBO Lehraufträge für Wohnbau & Psychologie, Architekturpsychologie, Wohnbautheorie & Entwurf (TU Graz, FH Kärnten, Österr. Akademie für Psychologie Wien, Donauuni Krems) Leitung von Wohnspektrum: Wohnqualitäts-Forschung, Analyse & Optimierung Franziskanerplatz 10 / II, A - 8010 Graz, Österreich +43 / 316 / 77 43 40 [email protected] www.wohnspektrum.at

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"Wohnphysiologie" Grundlagen gesunden Wohnens, S.281ff, Etienne Grandjean von Artemis & Winkler Verlag, Zürich 1989 2 "Umweltpsychologie", S.38, Jürgen Hellbrück, Elisabeth Kals; VS Verlag für Sozialwissenschaften; Wiesbaden, 2012 3 "Lexikon der Psychologie" (digitale Ausgabe) (c) 2002 Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg 4 ebda. 5 "Lexikon der Psychologie" (digitale Ausgabe) (c) 2002 Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg 6 in "Wendepunkte im Lebenslauf" Persönliche Entwicklung unter veränderten Umständen – die ökologische Sicht der Psychotherapie, s.79, Jürg Willi, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2007 7 ebda. S.80 8 ebda. S.81 9 ebda. S.83, Dazu muss angemerkt werden, dass die persönliche Nische eines Individuums nach J. Willi nicht nur die räumliche Umgebung samt Inhalt umfasst, sondern auch die Personen, die sich dort aufhalten und in einer Beziehung zum Individuum stehen. 10 Quelle: "Ökologischer Bauteilkatalog", Hg.: IBO Österrr. Inst. für Baubiologie und-ökologie & Donauuniversität Krems, Springer Verlag, Wien 1999 11 Quelle: "Alles über gesundes Wohnen" Wohnmedizin im Alltag, S.186, Klaus Fiedler, C.H.Beck Verl., München 1997 12 Quelle: Wegweiser für eine gesunde Raumluft. Die Chemie des Wohnens. Eine Information des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft in Kooperation mit dem IBO – Österreichisches Institut für Baubiologie und –ökologie Weitere Literaturangaben auf Anfrage.