Innere Sicherheit - BKA

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Bundesministerium des Innern Bundesministerium der Justiz Erster Periodischer Sicherheitsbericht Berlin, Juli 2001 Erster Periodischer Sicherheit...

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Bundesministerium des Innern

Bundesministerium der Justiz

Erster Periodischer Sicherheitsbericht

Berlin, Juli 2001

Erster Periodischer Sicherheitsbericht

BMI BMJ

Impressum Herausgeber: Bundesministerium des Innern Alt-Moabit 101 D, 10559 Berlin Bundesministerium der Justiz Jerusalemer Str. 27, 10117 Berlin Mitglieder des Gremiums: Norbert Seitz, Dr. Roger Kiel, Uta von Kiedrowski (Bundesministerium des Innern) Christian Lehmann, Dr. Richard Blath (Bundesministerium der Justiz) Prof. Dr. Roland Eckert, Universität Trier Prof. Dr. Wolfgang Heinz, Universität Konstanz Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner, Universität Tübingen Prof. Dr. Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V. (mit Berufung zum Justizminister Niedersachsens im Dezember 2000 aus dem Gremium ausgeschieden) Prof. Dr. Karl F. Schumann, Universität Bremen Dr. Peter Wetzels, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V. (im Dezember 2000 ins Gremium berufen) Prof. Dr. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle e. V. Johann Hahlen, Präsident des Statistischen Bundesamtes Leo Schuster, Erster Direktor im Bundeskriminalamt Geschäftsstelle: Dr. Robert Mischkowitz (Leiter), Bundeskriminalamt Stefan Brings, Statistisches Bundesamt Dr. Bettina Fehlings, Bundeskriminalamt Dr. Martin Kurze, Kriminologische Zentralstelle e. V.

Der Erste Periodische Sicherheitsbericht ist als Kurz- und Langfassung über das Internet unter folgenden Adressen abrufbar: http://www.bmi.bund.de http://www.bmj.bund.de

PSB

Kapitelverzeichnis

Seite III

Kapitelverzeichnis Seite Inhaltsverzeichnis ...............................................................................................................V Verzeichnis der Tabellen ....................................................................................................XIII Verzeichnis der Schaubilder ...............................................................................................XVII Vorwort..............................................................................................................................XXIII 1 2 2.1 2.2 2.2.1 2.2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 2.7 2.8 2.9 2.10 2.11 2.11.1 2.11.2 2.11.3 2.12 3 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 4 5 6

Allgemeiner Teil................................................................................................................1 Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche .................................................................40 Gewaltkriminalität ...........................................................................................................40 Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung..................................................78 Sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder ............................................78 Menschenhandel ...............................................................................................................104 Eigentums- und Vermögensdelikte .................................................................................110 Wirtschaftskriminalität....................................................................................................131 Korruption.........................................................................................................................160 Umweltstraftaten ..............................................................................................................176 Internetkriminalität..........................................................................................................196 Drogen und Kriminalität .................................................................................................205 Organisierte Kriminalität ................................................................................................233 Politisch motivierte Kriminalität.....................................................................................262 Zuwanderung und Kriminalität ......................................................................................305 Zuwanderer ohne deutschen Pass (Ausländer)..............................................................306 Zuwanderer mit deutschem Pass (Aussiedler) ...............................................................322 Schleuser-/Schleusungskriminalität ................................................................................330 Gewaltdarstellungen in den Medien und Nachahmungstaten......................................337 Strafrechtliche Reaktionen ..............................................................................................341 Strafverfahren und strafrechtliche Reaktionen.............................................................341 Staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren ............................................................344 Gerichtliches Verfahren...................................................................................................356 Täter-Opfer-Ausgleich .....................................................................................................385 Strafaussetzung, Bewährungshilfe, Soziale Dienste der Justiz.....................................394 Strafvollzug und Maßregelvollzug ..................................................................................407 Entlassung aus dem Strafvollzug und Strafentlassenenhilfe ........................................431 Rückfallstatistik ................................................................................................................441 Kriminalprävention..........................................................................................................455 Jugendliche als Opfer und Täter: Wissenschaftliche Befunde unter besonderer Berücksichtigung der KFN-Schülerbefragung zur Jugendgewalt ...........473 Kriminal- und rechtspolitische Schlussfolgerungen der Bundesregierung .................597 Anhang Glossar ................................................................................................................................A1 Literaturverzeichnis ............................................................................................................A13

PSB

Inhaltsverzeichnis

Seite V

Inhaltsverzeichnis Seite 1 1.1 1.2 1.3 1.3.1 1.3.2 1.3.2.1 1.3.2.2 1.3.3 1.3.3.1 1.3.3.2 1.3.3.3 1.4 1.4.1 1.4.2 1.4.3 1.4.3.1 1.4.3.2 1.4.3.2.1 1.4.3.2.2 1.4.4 1.5 1.6 2 2.1 2.1.1 2.1.2 2.1.3

Allgemeiner Teil ............................................................................................................... 1 Kriminalität und Innere Sicherheit - Hinführung zu einem neuen Weg amtlicher Berichterstattung ................................................................................................................ 2 Kriminalität und soziale Kontrolle..................................................................................... 6 Kriminalität im Dunkel- und im Hellfeld........................................................................... 7 Empirisch-kriminologische Forschungstechniken zur Messung von Kriminalität ............ 7 Konstituierung von "Kriminalitätswirklichkeit" ................................................................ 8 Stufen der Ausfilterung - das "Trichtermodell" ................................................................. 8 "Kriminalitätswirklichkeit" und "registrierte" Kriminalität in zeitlicher Perspektive........ 10 Kriminalität im Dunkelfeld ................................................................................................ 12 Ergebnisse von Täterbefragungen...................................................................................... 12 Ergebnisse von Opferbefragungen ..................................................................................... 13 Grenzen von Dunkelfeldforschungen................................................................................. 14 "Registrierte Kriminalität" ................................................................................................. 15 Die kriminalstatistischen Erkenntnismittel im Überblick .................................................. 15 Voraussetzungen für verlässliche Aussagen auf kriminalstatistischer Grundlage ............. 17 "Registrierte" Kriminalität - Ergebnisse der PKS im Überblick ........................................ 22 Umfang und Struktur der "registrierten" Kriminalität ....................................................... 22 Entwicklung der "registrierten" Kriminalität ..................................................................... 28 Entwicklung der "registrierten" Häufigkeits-, Tatverdächtigen- und Verurteiltenbelastungszahlen ............................................................................................. 28 Veränderungen der Opfergefährdung................................................................................. 30 Aussagemöglichkeiten und Aussagegrenzen von Kriminalstatistiken............................... 31 Kriminalitätsfurcht ............................................................................................................. 38 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 40

2.1.4 2.1.5 2.1.6 2.1.6.1 2.1.6.2 2.1.6.3 2.1.7 2.1.8 2.1.8.1 2.1.8.2 2.1.8.2.1 2.1.8.2.2 2.1.8.3 2.1.8.4 2.1.9

Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche................................................................. 40 Gewaltkriminalität........................................................................................................... 40 Der Begriff der Gewaltkriminalität nach der Polizeilichen Kriminalstatistik.................... 41 Regionale Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität 1999 ................. 43 Entwicklung der Fallzahlen und Aufklärungsquoten der Gewaltkriminalität in der PKS .......................................................................................................................... 47 Der Einsatz von Schusswaffen bei Gewaltdelikten............................................................ 50 Die polizeilich registrierten Opfer der Gewaltkriminalität ................................................ 52 Die registrierten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität.................................................. 55 Die Entwicklung in den alten und neuen Ländern ............................................................. 55 Gewaltkriminalität von Männern und Frauen .................................................................... 60 Tatverdächtige Deutsche und Nichtdeutsche ..................................................................... 61 Die Sanktionspraxis gegenüber erwachsenen Gewalttätern............................................... 64 Befunde der Dunkelfeldforschung zur Gewaltkriminalität in Deutschland ....................... 69 Verbreitung und Entwicklung der Viktimisierung durch Gewaltdelikte ........................... 70 Das Anzeigeverhalten ........................................................................................................ 71 Regionale Divergenzen des Anzeigeverhaltens ................................................................. 72 Veränderungen des Anzeigeverhaltens .............................................................................. 72 Gewaltkriminalität im Stadt-Land-Vergleich..................................................................... 74 Innerfamiliäre Gewalt ........................................................................................................ 74 Ausblick ............................................................................................................................. 76

2.2 2.2.1 2.2.1.1 2.2.1.2 2.2.1.3 2.2.1.3.1

Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung ................................................. 78 Sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder............................................ 78 Kinder als Opfer sexueller Gewalt im Spiegel polizeilicher Daten ................................... 80 Dunkelfeldstudien zur Viktimisierung durch sexuellen Kindesmissbrauch ...................... 84 Zur Verbreitung von Tathandeln und dessen justizieller Verfolgung ................................ 88 Erkenntnisse aus den polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken ......................................... 90

Seite VI

Inhaltsverzeichnis

PSB

2.2.1.3.2 2.2.1.3.3 2.2.1.3.4 2.2.1.4 2.2.1.4.1 2.2.1.4.2 2.2.1.4.3 2.2.1.4.4 2.2.1.4.5 2.2.1.4.6 2.2.1.5 2.2.1.6

Die Strafverfolgung der Täter sexuellen Kindesmissbrauchs ............................................ 91 Die strafrechtliche Sanktionierung..................................................................................... 94 Die Rückfälligkeit von Sexualstraftätern ........................................................................... 95 Kinderpornographie ........................................................................................................... 98 Das kinderpornographische Material ................................................................................. 98 Die Opfer ........................................................................................................................... 99 Polizeilich registrierte Vorfälle .......................................................................................... 99 Koordinierungs- und Auswertestelle beim Bundeskriminalamt ........................................ 100 Tatverdächtige.................................................................................................................... 101 Justizielle Behandlung ....................................................................................................... 101 Sextourismus und sexueller Missbrauch von Kindern ....................................................... 101 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 103

2.2.2 2.2.2.1 2.2.2.2 2.2.2.3 2.2.2.4

Menschenhandel............................................................................................................... 104 Vorbemerkungen................................................................................................................ 104 Polizeiliche Ebene.............................................................................................................. 105 Justizielle Ebene................................................................................................................. 108 Ausblick ............................................................................................................................. 109

2.3 2.3.1 2.3.2 2.3.3 2.3.4 2.3.4.1 2.3.4.1.1 2.3.4.1.2 2.3.4.2 2.3.5 2.3.5.1 2.3.5.2 2.3.5.3 2.3.5.4 2.3.6 2.3.6.1 2.3.6.2 2.3.7 2.3.8

Eigentums- und Vermögensdelikte................................................................................. 110 Vorbemerkung.................................................................................................................... 110 Opferdaten.......................................................................................................................... 111 Die Entwicklung des registrierten Ladendiebstahls in den alten und neuen Ländern........ 112 Einfacher Diebstahl............................................................................................................ 116 Ladendiebstahl ................................................................................................................... 117 Dunkelfeld und Schäden .................................................................................................... 117 Problemanalyse .................................................................................................................. 118 Taschendiebstahl ................................................................................................................ 120 Diebstahl unter erschwerenden Umständen ....................................................................... 121 Kfz-Diebstahl ..................................................................................................................... 122 Diebstahl aus bzw. in Kraftfahrzeugen .............................................................................. 123 Wohnungseinbruch ............................................................................................................ 124 Fahrraddiebstahl................................................................................................................. 125 Vermögenskriminalität....................................................................................................... 126 Betrugsdelikte .................................................................................................................... 126 Leistungserschleichung (insbesondere "Schwarzfahren") ................................................. 128 Strafverfolgung .................................................................................................................. 129 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 130

2.4 2.4.1 2.4.2 2.4.3 2.4.3.1 2.4.3.2 2.4.3.2.1 2.4.3.2.2

Wirtschaftskriminalität ................................................................................................... 131 Begriff der Wirtschaftskriminalität .................................................................................... 132 Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität............................................................... 133 Wirtschaftskriminalität nach Umfang, Struktur und Entwicklung..................................... 134 Dunkel- und Hellfeld der Wirtschaftskriminalität.............................................................. 134 Wirtschaftskriminalität im Hellfeld ................................................................................... 135 Statistische Erkenntnismittel .............................................................................................. 135 Polizeilich registrierte Wirtschaftskriminalität - Eckdaten zu Fällen und Tatverdächtigen.................................................................................................................. 137 Struktur der amtlich registrierten Wirtschaftskriminalität ................................................. 139 Überblick............................................................................................................................ 139 Betrug als Wirtschaftstraftat .............................................................................................. 140 Insolvenzstraftaten als Wirtschaftsstraftaten...................................................................... 142 Wirtschaftskriminalität im Anlage- und Finanzbereich ..................................................... 143 Wettbewerbsdelikte als Wirtschaftsstraftaten .................................................................... 144 Wirtschaftsstraftaten im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen................................... 144 Wirtschaftstraftaten im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen............... 144 Entwicklung der amtlich registrierten Wirtschaftskriminalität .......................................... 145 Qualitative Bedeutung der Wirtschaftskriminalität............................................................ 146

2.4.3.2.3 2.4.3.2.3.1 2.4.3.2.3.2 2.4.3.2.3.3 2.4.3.2.3.4 2.4.3.2.3.5 2.4.3.2.3.6 2.4.3.2.3.7 2.4.3.2.4 2.4.4

PSB

2.4.4.1 2.4.4.2 2.4.5 2.4.6 2.4.6.1 2.4.6.2 2.4.6.3 2.4.7 2.4.7.1 2.4.7.2 2.4.8 2.5 2.5.1 2.5.2 2.5.3 2.5.3.1 2.5.3.2 2.5.3.3 2.5.4 2.5.4.1 2.5.4.2 2.5.5 2.5.5.1 2.5.5.2 2.5.6 2.5.6.1 2.5.6.2 2.5.7 2.6 2.6.1 2.6.2 2.6.2.1 2.6.2.2

Inhaltsverzeichnis

Seite VII

Materielle Schäden durch Wirtschaftskriminalität............................................................. 146 Immaterielle Schäden durch Wirtschaftskriminalität......................................................... 151 Kriminologische Befunde zur Person des Wirtschaftsstraftäters ....................................... 152 Strafrechtliche Sozialkontrolle von Wirtschaftskriminalität .............................................. 152 Polizeiliche Kontrolle von Wirtschaftskriminalität............................................................ 152 Staatsanwaltschaftliche Erledigungsstrukturen, insbesondere bei "besonderen Wirtschaftsstrafsachen"...................................................................................................... 153 Sanktionspraxis bei Wirtschaftskriminalität ...................................................................... 155 Prävention von Wirtschaftskriminalität ............................................................................. 157 Außerstrafrechtliche Prävention......................................................................................... 157 Prävention von Wirtschaftskriminalität mit strafrechtlichen Mitteln................................. 157 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 159 Korruption ........................................................................................................................ 160 Korruption zwischen Dramatisierung und Verharmlosung................................................ 161 Begriff der Korruption ....................................................................................................... 162 Umfang, Struktur und Entwicklung der Korruption im Hellfeld ....................................... 163 Statistische Erkenntnismittel .............................................................................................. 163 Umfang, Struktur und Entwicklung der Korruption im Spiegel des "Lagebildes Korruption 1997/1998" und der amtlichen Kriminalstatistiken..................... 165 Formen und Strukturen von Korruption............................................................................. 168 Ausmaß und Entwicklung der Korruption im Dunkelfeld ................................................. 169 Ergebnisse von Dunkelfeldbefragungen ............................................................................ 169 Plausibilitätserwägungen zur Größe des Dunkelfeldes ...................................................... 170 Durch Korruption verursachte Schäden ............................................................................. 171 Materielle Schäden............................................................................................................. 171 Immaterielle Schäden......................................................................................................... 172 Prävention von Korruption................................................................................................. 173 Prävention durch Maßnahmen außerhalb des Strafrechts .................................................. 173 Prävention durch strafrechtliche Maßnahmen.................................................................... 174 Ausblick ............................................................................................................................. 175

2.6.2.3 2.6.2.3.1 2.6.2.3.2 2.6.3 2.6.4

Umweltstraftaten.............................................................................................................. 176 Entwicklung des Umweltstrafrechts im Überblick ............................................................ 176 Umweltkriminalität ............................................................................................................ 181 Dunkelfeld der Umweltkriminalität und strafrechtliche Sozialkontrolle ........................... 181 Erfassung von Umweltkriminalität in den amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken ................................................................................................ 183 Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Umweltkriminalität ........................ 184 Polizeilich registrierte Umweltkriminalität ........................................................................ 184 Wegen Umweltkriminalität Angeklagte und Verurteilte ................................................... 189 Umweltschutzpolitik durch Strafrecht ............................................................................... 194 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 195

2.7 2.7.1 2.7.2 2.7.3 2.7.4 2.7.5 2.7.6

Internetkriminalität ......................................................................................................... 196 Vorbemerkung.................................................................................................................... 196 Kriminalität im Internet...................................................................................................... 197 Angriffe auf die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Integrität von Daten .............................. 199 Maßnahmen der Prävention und Repression...................................................................... 201 Rechtliche Probleme der Strafverfolgung .......................................................................... 202 Ausblick ............................................................................................................................. 204

2.8 2.8.1 2.8.2 2.8.2.1 2.8.2.2 2.8.3

Drogen und Kriminalität ................................................................................................. 205 Drogen und Gesellschaft .................................................................................................... 205 Prävalenz von Drogenerfahrung und Drogenkonsum in der Bevölkerung ........................ 207 Alkohol............................................................................................................................... 207 Illegale Drogen................................................................................................................... 209 Alkohol, Drogen und registrierte Kriminalität ................................................................... 212

Seite VIII

2.8.3.1 2.8.3.2 2.8.3.3 2.8.4 2.8.5 2.8.6 2.9 2.9.1 2.9.2 2.9.3 2.9.4 2.9.5 2.9.5.1 2.9.5.2 2.9.5.3 2.9.5.4 2.9.6 2.9.7 2.10 2.10.1 2.10.2 2.10.2.1 2.10.2.2 2.10.2.2.1 2.10.2.2.2 2.10.2.2.3 2.10.2.2.4 2.10.2.2.5 2.10.2.3 2.10.2.3.1 2.10.2.3.2 2.10.3 2.10.3.1 2.10.3.2 2.10.3.3 2.10.3.4 2.10.3.5 2.10.3.6 2.10.3.7 2.10.4 2.10.4.1 2.10.4.2 2.10.4.3

Inhaltsverzeichnis

PSB

Strafrechtliche und sonstige Voraussetzungen................................................................... 212 Alkohol und Kriminalität ................................................................................................... 213 Illegale Drogen und Kriminalität ....................................................................................... 217 Entwicklung und Struktur von registrierten Drogendelikten und von Begleitphänomenen............................................................................................................ 220 Entwicklung der Reaktionen auf Drogenkriminalität und Drogenabhängigkeit ................ 229 Ausblick ............................................................................................................................. 231 Organisierte Kriminalität................................................................................................ 233 Grundsätzliche Probleme der Definition und der Wirklichkeitserfassung von Organisierter Kriminalität (auch) auf internationaler Ebene.............................................. 234 Grundsätzliche Probleme bei der Ermittlung und Aburteilung Organisierter Kriminalität ........................................................................................................................ 237 Befunde aus Untersuchungen zur Organisierten Kriminalität in Deutschland .................. 241 Begriffsbestimmung für Belange der praktischen Strafverfolgung.................................... 246 Polizeiliches Lagebild der Organisierten Kriminalität....................................................... 248 Grundlagen und Aufbau des Lagebildes ............................................................................ 249 Entwicklung der Fallzahlen sowie Merkmale der gemeldeten Fälle.................................. 250 Merkmale der ermittelten Tatverdächtigen ........................................................................ 252 Strukturen (in) der behördlich erfassten Organisierten Kriminalität.................................. 252 Überwachung und Verfolgung der Organisierten Kriminalität in Deutschland sowie grenzüberschreitende Koordination und Kooperation in Europa............................. 254 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 259 Politisch motivierte Kriminalität .................................................................................... 262 Politisch motivierte Kriminalität: Begriffsbestimmung, Gegenstandseingrenzung, Erklärungsansätze .............................................................................................................. 262 Datengrundlage und Datenprobleme.................................................................................. 264 Datengrundlage .................................................................................................................. 264 Polizeiliche Staatsschutzstatistiken und Datenprobleme ................................................... 267 Aussagen zu Opfern politisch motivierter Gewalt ............................................................. 267 Straftatenstatistik: Hellfeld- und Dunkelfeldproblematik .................................................. 267 Polizeiliche Definitionsvorgaben und Ermittlungspraxis (bis 31.12.2000) ....................... 268 Diskrepanzen zwischen PKS-S und KPMD-S ................................................................... 270 Validitätsprobleme der Staatsschutzstatistiken und Probleme der Darstellung langfristiger Trends auf ihrer Basis.................................................................................... 271 Opferstatistiken im Bereich der rechten und fremdenfeindlichen Gewalttaten Darstellung der Probleme an ausgewählten Fällen ............................................................ 271 Typen von Opfern rechter und fremdenfeindlicher Gewalt, die bisher in den offiziellen Statistiken nicht erfasst sind ............................................................................ 273 Kommentar und Resümee .................................................................................................. 274 Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus ....................................... 275 Rechtsextreme und fremdenfeindliche Einstellungen im Zeit- und Ländervergleich........ 275 Strukturen und Aktionsformen im rechtsextremistischen Bereich..................................... 280 Entwicklung rechtsextremistisch, fremdenfeindlich und antisemitisch motivierter Straftaten ......................................................................................................... 282 Der Gewaltdiskurs in der rechten Szene ............................................................................ 288 Struktur und biographische Hintergründe fremdenfeindlicher, rechtsextremistischer und antisemitischer Tatverdächtiger ......................................................... 288 Probleme von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Öffentlichen Dienst .... 290 Erklärungsmuster fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Gewalt ......................... 292 Linksextremistische Gruppierungen .................................................................................. 294 Strukturen und Aktionsformen im linksextremistischen Bereich ...................................... 294 Entwicklung der linksextremistischen Straftaten in den achtziger und neunziger Jahren................................................................................................................. 295 Der Gewaltdiskurs in der linksautonomen Szene............................................................... 297

PSB

2.10.5 2.10.6 2.10.6.1 2.10.6.2 2.10.7

Inhaltsverzeichnis

Seite IX

Interaktions- und Aufschaukelungsprozesse zwischen rechts- und linksextremistischen Gruppen ............................................................................................ 298 Extremismus und politische Kriminalität ausländischer Gruppen in Deutschland ............ 300 Strukturen und Aktionsformen ausländischer extremistischer Gruppen in Deutschland.................................................................................................................... 300 Entwicklung der Straftaten................................................................................................. 301 Entwicklungslinien gesellschaftlicher Konflikte, politisch motivierte Gewalt und Interventionsmöglichkeiten - ein Ausblick ................................................................. 302

2.11 2.11.1 2.11.1.1 2.11.1.2 2.11.1.2.1 2.11.1.2.2 2.11.1.3 2.11.1.4 2.11.1.4.1 2.11.1.4.2 2.11.1.4.3 2.11.1.5 2.11.1.6 2.11.1.7 2.11.1.7.1 2.11.1.7.2 2.11.1.7.3 2.11.1.8

Zuwanderung und Kriminalität ..................................................................................... 305 Zuwanderer ohne deutschen Pass (Ausländer) ............................................................. 306 Begrifflichkeit .................................................................................................................... 306 Statistische Daten über Zuwanderer ohne deutschen Pass................................................. 307 Herkunftsländer, Aufenthaltsstatus, Wohnsitz................................................................... 308 Sozialmerkmale.................................................................................................................. 309 Zuwanderer als Opfer von Straftaten ................................................................................. 310 Zur Erfassung der von Zuwanderern verübten Kriminalität in der PKS............................ 311 Dunkelfeld und selbstberichtete Delikte ............................................................................ 311 Überzeichnungen in der PKS ............................................................................................. 311 Möglichkeiten und Grenzen besserer Vergleichbarkeit ..................................................... 313 Strafverfolgung und Verurteilung durch Gerichte ............................................................. 313 Bilanzierende Einschätzung aufgrund aller Quellen .......................................................... 315 Einzeldelikte mit großer Zuwandererbeteiligung............................................................... 317 Delikte und Aufenthaltsstatus ............................................................................................ 318 Junge Zuwanderer ohne deutschen Pass ............................................................................ 320 Spezielle Delikte mit hoher Zuwandererbeteiligung.......................................................... 321 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 321

2.11.2 2.11.2.1 2.11.2.2 2.11.2.3

Zuwanderer mit deutschem Pass (Aussiedler) .............................................................. 322 Aussiedler als Gruppe deutscher bzw. deutschstämmiger Zuwanderer ............................. 323 Kriminalität von Spätaussiedlern: Erfassungsprobleme und erste Einsichten ................... 324 Problemanalyse und Ausblick............................................................................................ 327

2.11.3 2.11.3.1 2.11.3.2 2.11.3.3 2.11.3.4

Schleuser-/Schleusungskriminalität ............................................................................... 330 Vorbemerkungen................................................................................................................ 330 Die polizeiliche Ebene ....................................................................................................... 331 Die justizielle Ebene .......................................................................................................... 333 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 336

2.12

Gewaltdarstellungen in den Medien und Nachahmungstaten ..................................... 337

3 3.1 3.1.1 3.1.2

Strafrechtliche Reaktionen.............................................................................................. 341 Strafverfahren und strafrechtliche Reaktionen ............................................................ 341 Das Strafverfahren als Bewertungs- und Entscheidungsprozess ....................................... 341 Verfügbare Strafrechtspflegestatistiken ............................................................................. 344

3.2 3.2.1 3.2.2 3.2.2.1 3.2.2.2

Staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren............................................................ 344 Aufgaben und Entscheidungsmöglichkeiten der Staatsanwaltschaft ................................. 345 Der Abschluss des Ermittlungsverfahrens durch die Staatsanwaltschaft........................... 346 Einleitung von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren ......................................... 346 Übersicht über die Erledigungsstruktur der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren im Berichtsjahr 1998....................................................................... 346 Der Anstieg des Geschäftsanfalls und dessen Erledigung im zeitlichen Längsschnitt ...... 347 Wandel der Erledigungsstrukturen im Überblick............................................................... 347 Vermehrte Nutzung von Opportunitätseinstellungen und Strafbefehlsverfahren als verfahrensökonomische Instrumente.................................................................................. 350 Die Erledigungspraxis im regionalen Querschnitt ............................................................. 353 Verfahrensdauer des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens .............................. 355

3.2.2.3 3.2.2.3.1 3.2.2.3.2 3.2.2.4 3.2.3

Seite X

Inhaltsverzeichnis

PSB

3.3 3.3.1 3.3.2 3.3.3 3.3.4 3.3.4.1 3.3.4.2 3.3.4.3 3.3.4.3.1 3.3.4.3.2 3.3.4.4 3.3.4.4.1 3.3.4.4.2 3.3.5 3.3.6 3.3.7 3.3.8

Gerichtliches Verfahren .................................................................................................. 356 Untersuchungshaft.............................................................................................................. 357 Abgeurteilte und Verurteilte .............................................................................................. 358 Maßregeln der Besserung und Sicherung........................................................................... 359 Zu Strafen Verurteilte ........................................................................................................ 361 Das Rechtsfolgensystem im Jugendstrafrecht und im allgemeinen Strafrecht .................. 361 Verurteilte nach Altersgruppen (Jugendliche und Heranwachsende) ................................ 361 Die Sanktionierungspraxis im Jugendstrafrecht................................................................. 363 Informelle Sanktionen (§§ 45, 47 JGG) ............................................................................. 363 Nach Jugendstrafrecht Verurteilte (formelle Sanktionen).................................................. 365 Die Sanktionierungspraxis im allgemeinen Strafrecht....................................................... 371 Informelle Sanktionen (§§ 153, 153a, 153b StGB)............................................................ 371 Nach allgemeinem Strafrecht Verurteilte (formelle Sanktionen)....................................... 373 Straf- und Untersuchungsgefangene - Gefangenenraten im europäischen Vergleich........ 378 Eignung strafrechtlicher Reaktionen zur Reduzierung von Kriminalität ........................... 379 Verfahrensdauer des strafgerichtlichen Hauptverfahrens .................................................. 381 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 382

3.4 3.4.1 3.4.2 3.4.3 3.4.4 3.4.5

Täter-Opfer-Ausgleich..................................................................................................... 385 Allgemeine Bedeutung des Täter-Opfer-Ausgleichs ......................................................... 385 Spezielle Bedeutung des TOA für Opfer, Täter, Gesellschaft und Strafjustiz................... 387 Derzeitiger Stand des TOA in Deutschland ....................................................................... 389 TOA und neue Straftaten ................................................................................................... 392 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 393

3.5 3.5.1

Strafaussetzung, Bewährungshilfe, Soziale Dienste der Justiz .................................... 394 Voraussetzungen von Strafaussetzung zur Bewährung, "Bewährungsstrafe" und Bewährungshilfe ......................................................................................................... 395 Aufgabe und Rolle der Bewährungshilfe ........................................................................... 397 Umfang und Struktur der Bewährungshilfe ....................................................................... 399 Erfolg der Bewährungshilfe im Zeichen vermehrter Probleme der Probanden ................. 402 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 406

3.5.2 3.5.3 3.5.4 3.5.5 3.6 3.6.1 3.6.2 3.6.3 3.6.4 3.6.5 3.6.6 3.6.7

Strafvollzug und Maßregelvollzug.................................................................................. 407 Rechtliche Grundlagen des Vollzugs (Strafvollzug, Maßregelvollzug und Untersuchungshaft) ............................................................................................................ 408 Ausgewählte Daten zu den Gefangenen und Verwahrten.................................................. 411 Ausgewählte Daten zum Vollzug als Organisation............................................................ 419 Belegungsfähigkeit und Überbelegung der Anstalten........................................................ 421 Behandlungsvollzug und Sicherheit der Allgemeinheit vor Straftaten .............................. 423 Sozialtherapeutische Anstalten .......................................................................................... 427 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 430

3.7 3.7.1 3.7.2 3.7.3 3.7.4 3.7.4.1 3.7.4.2 3.7.5

Entlassung aus dem Strafvollzug und Strafentlassenenhilfe........................................ 431 Strafvollzug und Entlassungsvorbereitung......................................................................... 431 Entlassung nach Teilverbüßung und Kontrolle in Freiheit ................................................ 433 Entlassung nach vollständiger Strafverbüßung und Kontrolle in Freiheit ......................... 435 Strafentlassenenhilfe .......................................................................................................... 436 Staatliche Strafentlassenenhilfe.......................................................................................... 438 Private Strafentlassenenhilfe.............................................................................................. 439 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 440

3.8 3.8.1 3.8.2

Rückfallstatistik................................................................................................................ 441 Rückfall als Misserfolgsindikator des Strafrechts in spezialpräventiver Hinsicht ............. 442 Statistische Informationen im gegenwärtigen System der amtlichen Strafrechtspflegestatistiken zu Vorbelastungen und Rückfall............................................................. 444 Statistische Informationen über Vorbelastungen ............................................................... 444 Statistische Informationen über Rückfälle ......................................................................... 446 Übersicht über die Datenlage ............................................................................................. 446

3.8.2.1 3.8.2.2 3.8.2.2.1

PSB

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Seite XI

3.8.2.2.2 3.8.2.2.2.1 3.8.2.2.2.2 3.8.2.2.3 3.8.3 3.8.3.1 3.8.3.2 3.8.3.3 3.8.3.4 3.8.4

Die Rückfallstatistik des Bundeszentralregisters ............................................................... 446 Der Datenbestand des Bundeszentralregisters als Grundlage einer Rückfallstatistik ........ 446 Konzeption der Rückfallstatistik des Bundeszentralregisters ............................................ 447 Die Neukonzeption der Rückfallstatistik auf der Grundlage von BZR-Daten................... 447 Aussagemöglichkeiten einer Rückfallstatistik auf der Grundlage von BZR-Daten........... 448 Bestraftenanteil von jungen Menschen .............................................................................. 448 Mehrfachauffälligkeit von jungen Menschen .................................................................... 450 Deliktsspezifische Rückfallwahrscheinlichkeit.................................................................. 451 Erfolgsmessung von Sanktionierungen.............................................................................. 451 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 454

4 4.1 4.2 4.3 4.3.1 4.3.2 4.3.3

Kriminalprävention ......................................................................................................... 455 Begriff der Kriminalprävention und ihre Bedeutung für die Innere Sicherheit ................. 455 Entwicklung der Kriminalprävention in Deutschland........................................................ 458 Aktuelle bundesweite Initiativen im Überblick.................................................................. 463 Dokumentation kriminalpräventiver Maßnahmen und Projekte ........................................ 463 Programm Polizeiliche Kriminalprävention (ProPK) ........................................................ 464 Deutsche Stiftung für Kriminalprävention und Straffälligenhilfe (DVS) und Deutsche Präventionstage .................................................................................................. 465 Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK) .............................................................. 465 Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention beim Deutschen Jugendinstitut ..................................................................................................................... 466 Aktuelle regionale und örtliche Initiativen bzw. Aktivitäten im Überblick....................... 467 Bestandsaufnahme des Bundeskriminalamtes: Der Infopool Prävention .......................... 467 Bestandsaufnahme der Kriminologischen Zentralstelle: Ergebnisse eines Pilotprojektes...................................................................................................................... 469 Zusammenfassung und Ausblick ....................................................................................... 470

4.3.4 4.3.5 4.4 4.4.1 4.4.2 4.5 5 5.1 5.2 5.2.1 5.2.2 5.2.3 5.3 5.3.1 5.3.2 5.3.2.1 5.3.2.2 5.3.3 5.3.3.1 5.3.3.2 5.3.3.3 5.3.3.4 5.3.3.4.1 5.3.3.4.2 5.3.3.4.3 5.4 5.4.1 5.4.2 5.4.3 5.4.3.1 5.4.3.2

Jugendliche als Opfer und Täter: Wissenschaftliche Befunde unter besonderer Berücksichtigung der KFN-Schülerbefragung zur Jugendgewalt .............................. 473 Einleitung ........................................................................................................................... 473 Delinquenz junger Menschen als Entwicklungsproblem ................................................... 475 Hintergründe von Jugenddelinquenz.................................................................................. 477 Kontextbedingungen von Jugenddelinquenz...................................................................... 482 Spezifische Vulnerabilitäten und differentielle Maßnahmen ............................................. 484 Kinder und Jugendliche als Opfer...................................................................................... 484 Die Entwicklung der polizeilich registrierten Opferzahlen junger Menschen ................... 484 Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung zur Viktimisierung junger Menschen .................. 492 Zur Verbreitung innerfamiliärer körperlicher Gewalt in der Erziehung ............................ 494 Folgen elterlicher Gewalt für Gewalteinstellungen und -handeln junger Menschen ......... 495 Kinder und Jugendliche als Gewaltopfer: Ergebnisse der KFN-Schülerbefragungen ....... 496 Opferraten und Anzeigeverhalten für Gewaltdelikte im Jahr 1999.................................... 498 Angaben der Opfer über die Täter...................................................................................... 499 Entwicklung der Opferraten und des Anzeigeverhaltens zwischen 1997 und 1999 .......... 502 Viktimisierung junger Menschen durch innerfamiliäre physische Gewalt ........................ 503 Opfer elterlicher Gewalt in der Kindheit............................................................................ 504 Konfrontation mit elterlicher Gewalt im Jugendalter......................................................... 505 Die Bedeutung elterlicher Gewalterfahrungen für soziale Kompetenz und Einstellungen............................................................................................................... 508 Kinder und Jugendliche als Täter....................................................................................... 510 Umfang der registrierten Kriminalität junger Menschen ................................................... 510 Die Entwicklung der polizeilich registrierten Kinderdelinquenz: Mehr Fragen als Antworten ............................................................................................... 515 Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität Jugendlicher und Heranwachsender ............................................................................................................... 518 Die Entwicklung in den alten Ländern............................................................................... 518 Jugendkriminalität nach dem Geschlecht der Tatverdächtigen.......................................... 531

Seite XII

Inhaltsverzeichnis

5.4.3.3 5.4.3.4 5.4.4 5.4.4.1 5.4.4.2 5.4.4.2.1 5.4.4.2.2 5.4.4.2.3 5.4.4.2.4 5.4.4.2.5 5.4.4.2.5.1 5.4.4.2.5.2 5.4.4.2.6 5.5

Die Entwicklung der registrierten Kriminalität bei jungen Zuwanderern.......................... 537 Die Entwicklung in den neuen und alten Ländern im Vergleich ....................................... 546 Erkenntnisse zur Delinquenz junger Menschen aus Täterbefragungen ............................. 549 Stand der Dunkelfeldforschung zur Delinquenz junger Menschen.................................... 550 Aktuelle Befunde aus den KFN-Schülerbefragungen ........................................................ 556 Selbstberichtete Eigentums- und Gewaltdelinquenz 1999................................................. 556 Innerfamiliäre Gewalterfahrungen und Gewaltdelinquenz Jugendlicher........................... 562 Ethnische Herkunft, Männlichkeitskonzepte und Gewalt.................................................. 565 Die Bedeutung der Einbindung in Gleichaltrigengruppen ................................................. 570 Schulschwänzen und Jugenddelinquenz ............................................................................ 574 Zur kriminologischen Relevanz des Schulschwänzens...................................................... 576 Befunde der KFN-Schülerbefragung 2000 zum Schulschwänzen ..................................... 578 Veränderungen der selbstberichteten Delinquenz zwischen 1997 und 1999 ..................... 582 Ausblick ............................................................................................................................. 591

6 6.1 6.1.1

Kriminal- und rechtspolitische Schlussfolgerungen der Bundesregierung ................ 597 Deliktsübergreifende Schwerpunkte der Regierungsarbeit ................................................ 597 Intensivierung und Ausbau von Forschung und Statistik im Bereich der Kriminalitätserfassung und -darstellung ................................................................................................. 597 Stärkung der Opferbelange................................................................................................. 599 Stärkung kriminalpräventiver Ansätze............................................................................... 601 Stärkung des Sicherheitsempfindens.................................................................................. 604 Angemessene Erweiterung und differenzierte Anwendung des geltenden Sanktionensystems ............................................................................................................. 605 Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit im Bereich der Strafverfolgung und Kriminalprävention ..................................................................................................... 606 Erkannter Handlungsbedarf und Lösungsansätze in einzelnen Deliktsbereichen.............. 608 Kinder- und Jugenddelinquenz........................................................................................... 608 Politisch motivierte Kriminalität........................................................................................ 611 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ............................................................... 615 Internetkriminalität............................................................................................................. 616 Zuwanderung und Kriminalität .......................................................................................... 617 Organisierte Kriminalität ................................................................................................... 618 Wirtschaftskriminalität....................................................................................................... 619 Drogen und Kriminalität .................................................................................................... 620

6.1.2 6.1.3 6.1.4 6.1.5 6.1.6 6.2 6.2.1 6.2.2 6.2.3 6.2.4 6.2.5 6.2.6 6.2.7 6.2.8

PSB

PSB

Verzeichnis der Tabellen

Seite XIII

Verzeichnis der Tabellen 1 1-1

2 2.1 2.1-1 2.1-2 2.1-3 2.1-4 2.1-5 2.1-6 2.1-7 2.1-8 2.1-9 2.1-10 2.1-11 2.1-12 2.1-13 2.1-14 2.1-15 2.1-16 2.1-17 2.2 2.2.1 2.2.1-1 2.2.1-2 2.2.1-3 2.2.1-4 2.2.1-5 2.2.1-6 2.2.1-7 2.2.1-8 2.2.1-9 2.2.2 2.2.2-1

Allgemeiner Teil Wegen Verbrechen oder Vergehen als tatverdächtig registrierte männliche deutsche Jugendliche und Erwachsene, Tatverdächtige und Tatverdächtigenbelastungszahl im Vergleich, alte Länder 1984 und 1995 Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche Gewaltdelikte Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 nach Deliktsgruppen Häufigkeitszahlen der Gewaltkriminalität nach Ortsgrößenklassen 1999 Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 in fünf Regionen der Bundesrepublik und Berlin, Tatortverteilung nach der Gemeindegröße Längsschnittentwicklung der vorsätzlichen Tötungsdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten Längsschnittentwicklung der Vergewaltigung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten Längsschnittentwicklung der Raubdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten Längsschnittentwicklung der gefährlichen/schweren Körperverletzung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten Opfer der Gewaltkriminalität und ihre Altersstruktur 1973-1999 Opferziffern für weibliche und männliche Opfer der Gewaltkriminalität 1973-1999 Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte der Gewaltkriminalität bei 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1984 und 1998 Reduktion des polizeilichen Tatvorwurfs durch die Strafjustiz bei Gewaltkriminalität von 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1997/1998 Tatverdächtigenbelastungszahlen der Gewaltkriminalität nach Geschlecht, alte Länder 1984, 1990, 1993 und 1999 Anteil der Nichtdeutschen an der Gesamtzahl der wegen Gewaltkriminalität registrierten Tatverdächtigen nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1993 und 1999 Sanktions- und Verfahrenspraxis bei erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984, 1990 und 1998 Anordnung von nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen gegenüber erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1990 und 1998 Opfer von Gewaltdelikten im Jahr 1991 in den alten und neuen Ländern (Befragte zwischen 16 und 60 Jahren) Frauen als Opfer von physischer und sexueller Gewalt 1987-1991 Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt gegen Kinder, Kinderpornographie Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gemäß §§ 176, 176a, 176b StGB nach Begehungsformen Täter-Opfer-Beziehung bei polizeilich aufgeklärtem sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und sexuellem Kindesmissbrauch im Jahr 1999 Kinder als polizeilich registrierte Opfer sexueller Gewalt Opferraten bei sexuellem Kindesmissbrauch nach Missbrauchsart und Schutzaltersgrenzen Männliche deutsche Tatverdächtige sexuellen Kindesmissbrauchs 1987-1999 nach Alter Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern (nur Personen ab 14 Jahre) Wegen sexuellen Kindesmissbrauchs Angeklagte und Verurteilte ab 21 Jahre, alte Länder 1984, 1993 und 1998 Rückfallraten von Sexualstraftätern Erneute Dissexualität bei begutachteten Sexualstraftätern Menschenhandel Abgeurteilte und Verurteilte wegen Menschenhandel gemäß §§ 180b, 181 StGB, alte Länder 1993-1998

Seite XIV

2.3 2.3-1 2.3-2 2.4 2.4-1

2.4-2 2.4-3 2.4-4 2.4-5 2.4-6 2.4-7 2.4-8 2.5 2.5-1 2.6 2.6-1 2.6-2 2.6-3

2.6-4

2.6-5

2.6-6 2.8 2.8-1 2.8-2 2.8-3 2.8-4 2.8-5 2.8-6 2.8-7 2.9 2.9-1 2.9-2

Verzeichnis der Tabellen

PSB

Eigentums- und Vermögensdelikte Häufigkeitszahlen für einfachen Diebstahl in den alten und neuen Ländern 1993-1999, unterschieden nach Ladendiebstahl und übrigen Begehungsformen Verbreitung von Vermögensdelikten und Schadenssummen 1999 Wirtschaftskriminalität Polizeilich registrierte Fälle von Wirtschaftskriminalität, von Straftaten gegen strafrechtliche Nebengesetze auf dem Wirtschaftssektor, darunter Straftaten im Zusammenhang mit Lebensmitteln 1984-1999 Polizeilich registrierte Fälle von Wirtschaftskriminalität 1994-1999 Polizeilich registrierte Fälle von Betrug und hierunter der Wirtschaftskriminalität zugeordnete Fälle 1999 Durch Wirtschaftskriminalität verursachte Schäden im Vergleich mit der allgemeinen Eigentums- und Vermögenskriminalität 1999 (durchschnittliche Schadenssummen) Durch Wirtschaftskriminalität verursachte Schäden im Vergleich mit der allgemeinen Eigentums- und Vermögenskriminalität 1999 (Verteilung auf Schadensklassen) Aufgliederung polizeilich registrierter Fälle von Wirtschaftskriminalität nach dem durchschnittlichen Schaden pro vollendetem Fall 1994-1999 Staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren wegen schwerer Wirtschaftskriminalität nach Zahl der Geschädigten und der Schadenssummen 1974-1981 Staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren wegen schwerer Wirtschaftskriminalität nach Zahl der Beschuldigten, der Einzelfälle und der Art der Verfahrenserledigung 1974-1981 Korruption Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung - Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte 1995-1998 insgesamt (Durchschnittswerte), alte Länder (mit Gesamtberlin) Umweltkriminalität Polizeilich bekannt gewordene Umweltkriminalität - Fälle, Tatortgröße, Tatverdächtige nach Geschlecht und Nationalität 1999 Polizeilich bekannt gewordene Umweltkriminalität - Tatverdächtige nach Alter 1999 Polizeilich registrierte sowie gerichtlich verfolgte und geahndete Umweltkriminalität, bekannt gewordene und aufgeklärte Fälle, Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte, alte Länder 1987-1999 Angeklagte und Verurteilte wegen Umweltkriminalität insgesamt und ausgewählter Umweltverstöße auf jeweils 100 strafmündige Tatverdächtige derselben Gruppe, alte Länder 1987-1998 Von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht und von der Amtsanwaltschaft erledigte Ermittlungsverfahren in besonderen Umweltstrafsachen, von Ermittlungsverfahren in Umweltstrafsachen betroffene Personen; Bayern, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Saarland, Sachsen, Sachen-Anhalt, Thüringen 1998 Sanktionierungspraxis bei Umweltkriminalität und bei Betrugsdelikten im Vergleich bezogen auf je 100 im Jahr 1998 nach allgemeinem Strafrecht Angeklagte, alte Länder 1998 Drogen und Kriminalität Prävalenz des Substanzgebrauchs bei jungen Menschen in Großstädten im Jahr 2000 - Ergebnisse einer Befragung von Schülern der 9. und 10. Klassen Alkoholverteilung bei Fahrern, die zwischen 1992 und 1994 bei Verkehrskontrollen in Unterfranken und Thüringen angehalten und untersucht wurden Anteil von Konsumenten harter Drogen an ausgewählten, im Jahr 1999 aufgeklärten Straftaten Registrierte Drogendelikte (gemäß BtMG) nach Drogenart im Jahr 1999 Registrierte Drogendelikte in den alten und neuen Ländern; Entwicklung der Häufigkeitszahlen 1993-1999 Tatverdächtigenbelastung junger Deutscher mit Drogendelikten in den alten und neuen Ländern 1995 und 1999 Sicherstellungsmengen nach Rauschgiftarten 1999 und 2000 Organisierte Kriminalität Entwicklung der Verfahrenszahlen des Lagebildes Organisierte Kriminalität 1991-1999 Entwicklung der registrierten Geldwäschedelikte 1994-1999

PSB

2.10 2.10-1 2.11 2.11.1 2.11.1-1 2.11.3 2.11.3-1 2.11.3-2 3 3.1 3.1-1 3.2 3.2-1

3.2-2 3.3 3.3-1 3.3-2 3.5 3.5-1 3.6 3.6-1 3.6-2 3.6-3 3.6-4 3.6-5 3.6-6 3.6-7 3.6-8 3.6-9 3.6-10 3.7 3.7-1 3.8 3.8-1 3.8-2a 3.8-2b 3.8-3 4 4-1

Verzeichnis der Tabellen

Seite XV

Politisch motivierte Kriminalität Diskrepanzen zwischen PKS-S und KPMD-S 1997-1999 Zuwanderung und Kriminalität Zuwanderer ohne deutsche Staatsangehörigkeit (Ausländer) Ausländische Bevölkerung in Deutschland (Stand 31.12.1999) Schleuser-/Schleusungskriminalität Entwicklung der Fallzahlen der §§ 92a, 92b AuslG 1996-1999 Verurteilungen aufgrund von §§ 92a, 92b AuslG Strafrechtliche Reaktionen Strafverfahren und strafrechtliche Reaktionen Größenordnungen des Ausfilterungsprozesses: Fälle, Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte 1984 und 1998 Staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren Erledigung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungsverfahren gegen bekannte Tatverdächtige; Anteile bezogen auf "bereinigte Verfahrenszahlen", alte Länder (ohne Berlin, Hessen, Schleswig-Holstein) 1981 und 1998 Maßzahlen zur Sanktionskompetenz der Staatsanwaltschaft bezogen auf anklagefähige Ermittlungsverfahren, alte Länder (ohne Berlin, Hessen Schleswig-Holstein) Gerichtliches Verfahren Erledigte Verfahren nach Spruchkörper und Instanz, alte Länder 1990-1999 Erledigte Verfahren insgesamt nach der Verfahrensdauer, alte und neue Länder Strafaussetzung, Bewährungshilfe, Soziale Dienste der Justiz Unterstellungen unter Bewährungsaufsicht am 31.12.1997 nach dem Grund der Unterstellung, alte Länder einschließlich Gesamtberlin (ohne Hamburg) Strafvollzug und Maßregelvollzug Gefangene und Sicherungsverwahrte in den Justizvollzugsanstalten (Stand: 31.03.2000) Strafgefangene nach Vollzugs- und Strafarten am 31.03.2000 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte in Deutschland, alte Länder 1965-2000, jeweils am 31.3 eines Jahres Strafgefangene und Sicherungsverwahrte am 31.3.2000 nach Art der Straftat Strafgefangene und Sicherungsverwahrte am 31.3.2000 nach Häufigkeit der Vorstrafen Frauen und Männer in verschiedenen Vollzugsarten am 31.3.2000 Haftplätze und Belegung der sozialtherapeutischen Einrichtungen 1997-2000 Gefangene in Sozialtherapeutischen Anstalten nach der für die derzeitige Strafverbüßung maßgeblichen Straftat (Deliktsschwerpunkt) Verteilung der einzelnen Delikte bei Schwerpunkt Sexualdelikte in Sozialtherapeutischen Anstalten Zulassung zu selbständigen Lockerungen in Sozialtherapeutischen Anstalten am Stichtag 31.3., 1997-2000 Entlassung aus dem Strafvollzug und Strafentlassenenhilfe Wiedereinlieferungsabstand bei Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten nach Vollzugsart, Geschlecht und Altersstufe am 31.3.1999 Rückfallstatistik Vorbelastung von Tatverdächtigen, Verurteilten und Gefangenen 1998 Prävalenzraten bei männlichen Jugendlichen der Geburtsjahrgänge 1961 und 1967 am Ende des Jugendalters Prävalenzraten bei weiblichen Jugendlichen der Geburtsjahrgänge 1961 und 1967 am Ende des Jugendalters Anzahl der Eintragungen im BZR (Zentral- und Erziehungsregister) bei Männern und Frauen des Geburtsjahrganges 1967 am Ende des Jugendalters Kriminalprävention Übersicht über die Themen Kriminalpräventiver Gremien 1998/1999 und 1999/2000

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5 5-1 5-2 5-3 5-4 5-5 5-6 5-7 5-8 5-9 5-10 5-11

5-12

5-13 5-14 5-15 5-16 5-17 5-18 5-19 5-20 5-21 5-22 5-23 5-24 5-25 5-26 5-27 5-28 5-29 5-30

Verzeichnis der Tabellen

PSB

Jugendliche als Opfer und Täter: Wissenschaftliche Befunde unter besonderer Berücksichtigung der KFN-Schülerbefragung zur Jugendgewalt Polizeilich registrierte Opfer ausgewählter Delikte nach Altersstufen 1999 Zahl der polizeilich registrierten Opfer und Opferziffern bei Gewaltkriminalität für die verschiedenen Altersgruppen, alte Länder 1984 und 1999 Opferraten für Gewaltdelikte bezogen auf 1999 im Städtevergleich, gewichtete Daten Anzeigequoten bei Gewaltdelikten, gewichtete Daten Täter-Opfer-Kombinationen nach ethnischer Herkunft Anzeigeraten für Einzeldelikte im Vergleich 1997/1999 in drei Städten, gewichtete Daten Rate der Opfer elterlicher Gewalt in der Kindheit, abgestuft nach Intensität Die polizeilich registrierte Schadenshöhe bei verschiedenen Straftaten nach Altersgruppen in % der registrierten Delikte, Niedersachsen 1999 Tatverdächtigenbelastungszahlen von Jugendlichen und Heranwachsenden nach ausgewählten Delikten, alte Länder 1984 und 1999 Absolute Zahlen der Tatverdächtigen für eher leichte, mittelschwere und schwere Delikte bzw. Deliktsgruppen, Jugendliche und Heranwachsende, alte Länder 1984 und 1998 Männliche und weibliche Tatverdächtige im Alter von 14-/15, 16-/17 sowie 18- bis unter 21 Jahre pro 100.000 der entsprechenden Altersgruppe nach ausgewählten Delikten, alte Länder 1984 und 1999 Die Veränderung der Tatverdächtigenbelastungszahl von Doppeljahrgängen 14-/15-jähriger Mädchen und Jungen im Abstand von zwei Jahren nach ausgewählten Delikten, alte Länder 1984-1988 und 1995-1999 Nichtdeutsche und deutsche Tatverdächtige nach ausgewählten Delikten, Jugendliche und Heranwachsende, alte Länder 1984, 1993 und 1999 Tatverdächtigenbelastungszahlen nach ausgewählten Delikten von deutschen 14- bis unter 21Jährigen, Ost-West-Vergleich 1993 und 1999 Zusammenhang zwischen Problembelastung junger Menschen (8- bis unter 18-Jährige) und der Anzahl ihrer polizeilichen Registrierung (Polizeikontakte) Selbstberichtete Straftaten aus ausgewählten deutschen Forschungen Täterraten selbstberichteter Delinquenz in den letzten zwölf Monaten für einzelne Delikte, gewichtete Daten Prävalenz selbstberichteter Delinquenz 1999 nach Bildungsniveau, gewichtete Daten Prävalenz selbstberichteter Delinquenz 1999 nach ethnischer Herkunft, gewichtete Daten Prävalenz selbstberichteter Delinquenz 1999 nach Lebensbedingungen, gewichtete Daten Gewalttäterraten und Deliktfrequenz im letzten Jahr nach ethnischer Herkunft, gewichtete Daten Kontakthäufigkeit und Cliquenzusammensetzung, gewichtete Daten Cliquenaktivitäten Jugendlicher, die in festen Gleichaltrigengruppen sind, Ausmaß der Zustimmung je Item in Prozent, gewichtete Daten, nur Jugendliche aus Cliquen Rate der Jugendlichen, die in den letzten sechs Monaten die Schule geschwänzt haben, gewichtete Daten Häufigeres Schulschwänzen (fünf Tage und mehr) nach Bildungsstufe und Stadt Prävalenz selbstberichteter Delinquenz für Einzeldelikte für den Lebenszeitraum und die letzten 12 Monate in den Erhebungen 1998 und 2000, gewichtete Daten aus vier Städten Prävalenz selbstberichteter Delinquenz in den letzten 12 Monaten in den Untersuchungen 1998 und 2000 nach Städten, gewichtete Daten Täterraten selbstberichteter Gewalt aus den Erhebungen 1998 und 2000 im Vergleich nach ethnischer Herkunft und Städten, gewichtete Daten Items- und Skalenwerte der "Gewaltbefürwortung" in den Erhebungen 1998 und 2000, ungewichtete Daten Wahrgenommene Gewaltablehnung bei relevanten Bezugspersonen von Jugendlichen in den Befragungen 1998 und 2000, gewichtete Daten

PSB

Verzeichnis der Schaubilder

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Verzeichnis der Schaubilder 1 1-1 1-2 1-3 1-4 1-5 1-6 1-7 1-8 1-9 1-10 1-11 1-12 1-13 2 2.1 2.1-1 2.1-2 2.1-3 2.1-4 2.1-5 2.2 2.2.1 2.2.1-1 2.2.1-2 2.2.2 2.2.2-1 2.2.2-2 2.3 2.3-1 2.3-2 2.3-3 2.3-4 2.3-5 2.3-6 2.3-7 2.3-8

Allgemeiner Teil Polizeilich registrierte Straftaten (ohne Straftaten im Straßenverkehr) und ihre strafrechtliche Bewertung 1998, alte Länder mit Gesamtberlin Gewaltkriminalität im Dunkelfeld und polizeilich registrierte Gewaltkriminalität in den USA 1973-1999 Übersicht über die Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken in der Bundesrepublik Deutschland Die Struktur der polizeilich registrierten Straftaten 1999 Quantitative Bedeutung der Wirtschaftskriminalität Alterszusammensetzung der polizeilich registrierten Tatverdächtigen 1999 Anteile männlicher und weiblicher Tatverdächtiger nach Altersgruppen 1999 Anteile der Deutschen/ Nichtdeutschen an den registrierten Tatverdächtigen nach Altersgruppen 1999 Anteile der leichten Delinquenz in den Altersgruppen 1999 Entwicklung der Gesamthäufigkeitszahl polizeilich registrierter Fälle und relative 5-JahresZunahme in %, 1963-1999 Entwicklung der Gesamthäufigkeitszahl polizeilich registrierter und verurteilter strafmündiger Deutscher (Straftaten insgesamt ohne Straßenverkehrsdelikte), 1984-1999 Opferraten bei Raub, räuberischer Erpressung sowie bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung 1999, vollendete Fälle nach Altersgruppe und Geschlecht Opferraten bei Mord/ Totschlag, Vergewaltigung und sexueller Nötigung sowie bei Handtaschenraub 1999, vollendete Fälle nach Altersgruppe und Geschlecht Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche Gewaltdelikte Häufigkeitszahlen der Fälle, in denen geschossen bzw. mit einer Schusswaffe gedroht wurde, 1971-1999 Opferziffern für männliche und weibliche Opfer der Gewaltkriminalität nach Altersgruppen, alte Länder 1973, 1985 und 1999 Tatverdächtigenbelastungszahlen und Opferziffern der Gewaltkriminalität für 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1999 Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte der Gewaltkriminalität pro 100.000 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1998 Entwicklung der absoluten Zahlen verschiedener Gruppen von nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984-1999 Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt gegen Kinder, Kinderpornographie Polizeilich registrierte Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern, Häufigkeitszahlen 1953-1999 Besitz/ Besitzverschaffung von Kinderpornografie gemäß § 184 Abs. 5 StGB (Anzahl der erfassten Fälle) 1996-1999 Menschenhandel Entwicklung der registrierten Fallzahlen bei Menschenhandel 1993-1999 Anzahl der registrierten Tatverdächtigen des Menschenhandels 1993-1999 Eigentums- und Vermögensdelikte Diebstahls- und Vermögensdelikte im Bundesgebiet 1987-1999 Häufigkeitszahlen von Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1987-1999 Häufigkeitszahlen von Diebstahl unter erschwerenden Umständen 1987-1999 Häufigkeitszahlen von Kraftwagen-Diebstahl 1987-1999 Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1999 Diebstahl unter erschwerenden Umständen 1999 Häufigkeitszahlen von Wohnungseinbruch 1987-1999 Häufigkeitszahlen von Waren- und Warenkreditbetrug 1987-1999

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2.4 2.4-1 2.6 2.6-1 2.8 2.8-1 2.8-2 2.8-3 2.8-4 2.8-5 2.8-6 2.10 2.10-1 2.10-2 2.10-3 2.10-4 2.10-5 2.10-6 2.10-7 2.10-8 2.11 2.11.1 2.11.1-1 2.11.1-2 2.11.1-3 2.11.1-4 2.11.1-5 2.11.1-6 2.11.1-7 2.11.1-8 2.11.3 2.11.3-1 2.11.3-2 3 3.1 3.1-1 3.2 3.2-1 3.2-2

3.2-3 3.2-4 3.3 3.3-1

Verzeichnis der Schaubilder

PSB

Wirtschaftskriminalität Die Entwicklung der Sanktionskompetenz der Staatsanwaltschaft 1989-1997 Umweltkriminalität Entwicklung der polizeilich registrierten Straftaten gegen die Umwelt, Häufigkeitszahlen 1987-1999 Drogen und Kriminalität Tatverdächtige unter Alkoholeinfluss, nach Altersgruppen und ausgewählten Straftaten, Nordrhein-Westfalen 1999 Polizeilich registrierte Drogendelikte 1955-1999 Erstauffällige Konsumenten harter Drogen, Entwicklung 1975-1999 Verlauf von Heroinsicherstellungen, Erstkonsumenten von Heroin und harten Drogen gesamt sowie Drogentoten 1977-1999 Tatverdächtige, Erstkonsumenten und Drogentote, Anteil der Altersgruppen 1999 Drogentote nach Altersgruppen, Entwicklung 1980-1999 Politisch motivierte Kriminalität Rechtsextremistische, antisemitische und fremdenfeindliche Straftaten 1980-2000 Rechtsextremistische Straftaten (insgesamt), davon Gewaltdelikte 1997-2000 Fremdenfeindliche Straftaten (insgesamt), davon Gewaltdelikte 1992-2000 Antisemitische Straftaten 1993-2000 Antisemitische Straftaten (insgesamt), davon Gewaltdelikte 1997-2000 Linksextremistische Straftaten 1980-1999 Linksextremistische Straftaten (insgesamt), davon Gewaltdelikte 1997-Juni 2000 Politisch motivierte Ausländerkriminalität 1980-1999 Zuwanderung und Kriminalität Zuwanderer ohne deutsche Staatsangehörigkeit (Ausländer) Wanderungen von Ausländern zwischen Deutschland und dem Ausland Anteil der Verurteilten an den Tatverdächtigen für Deutsche und Nicht-Deutsche, alte Länder (ohne Straßenverkehrsdelikte) 1987-1999 Entwicklung der Tatverdächtigenanteile Nichtdeutscher 1987-1999 Nichtdeutsche Tatverdächtige nach Aufenthaltsstatus, alte Länder 1973-1999 Nichtdeutsche Tatverdächtige nach Aufenthaltsstatus 1999 Aufenthaltsanlass von Nichtdeutschen in den neuen Ländern 1994-1999 Ausgewählte Delikte nichtdeutscher Tatverdächtiger nach Aufenthaltstatus, neue Länder 1999 Straftaten nichtdeutscher Tatverdächtiger nach Art des Aufenthaltsstatus in der Bundesrepublik Deutschland 1999 Schleuser-/Schleusungskriminalität Strafzumessung für den Urteilsjahrgang 1998 Strafzumessung für den Urteilsjahrgang 1998 - Deutsche/ Nichtdeutsche im Vergleich Strafrechtliche Reaktionen Strafverfahren und strafrechtliche Reaktionen Polizeilich registrierte Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte 1963-1998 Staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren Erledigung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungsverfahren 1981-1998 Diversionsraten (StA) in Jugendsachen 1981-1998, Anteil der jugendstaatsanwaltlichen Einstellungen gem. § 45 JGG im Ländervergleich nach der StA-Statistik bezogen auf anklagefähige Verfahren in Jugendsachen Diversionsraten (StA) im allgemeinen Strafrecht 1981-1998, Anteile der staatsanwaltlichen Einstellungen gem. §§ 153I, 153a I, 153b I StPO bezogen auf anklagefähige Verfahren Verfahrensdauer der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren 1997 Gerichtliches Verfahren Untersuchungshaftraten nach Jugendstrafrecht und nach allgemeinem Strafrecht, Anteile bezogen auf nach Jugendstrafrecht bzw. allgemeinem Strafrecht Verurteilte, alte Länder 1975-1998

PSB

3.3-2

3.3-3 3.3-4 3.3-5

3.3-6 3.3-7 3.3-8 3.3-9 3.3-10

3.3-11

3.3-12 3.5 3.5-1 3.5-2 3.7 3.7-1 3.8 3.8-1 3.8-2

5 5-1 5-2 5-3 5-4 5-5 5-6 5-7 5-8 5-9 5-10

Verzeichnis der Schaubilder

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Die strafrechtliche Behandlung der Heranwachsenden nach Hauptdeliktsgruppen 1998, Anteile der nach Jugend- und allgemeinem Strafrecht verurteilten Heranwachsenden, alte Länder einschließlich Gesamtberlin Die strafrechtliche Behandlung der Heranwachsenden nach Ländern 1998, Anteile der nach Jugend- und allgemeinem Strafrecht verurteilten Heranwachsenden Diversionsraten (StA, Gerichte) im Jugendstrafrecht, Anteile der Einstellungen mit/ ohne Auflagen, bezogen auf informell und formell Sanktionierte, alte Länder 1981-1998 Diversionsraten im Jugendstrafrecht nach Ländern 1998, Anteile der staatsanwaltlichen und gerichtlichen Einstellungen gem. §§ 45, 47 JGG bezogen auf informell und formell Sanktionierte insgesamt Schwerste nach Jugendstrafrecht verhängte Sanktion 1998, alte Länder mit Gesamtberlin Entwicklung der Sanktionspraxis im Jugendstrafrecht, Anteile bezogen auf informell und formell Sanktionierte, alte Länder 1981-1998 Dauer der nach Jugendstrafrecht verhängten Jugendstrafen, Anteile bezogen auf nach Jugendstrafrecht informell und formell Sanktionierte, alte Länder 1981-1998 Entwicklung der Sanktionspraxis im allgemeinen Strafrecht, Anteile bezogen auf informell und formell Sanktionierte, alte Länder 1981-1998 Diversionsraten (StA und Gerichte) in Verfahren nach allgemeinem Strafrecht nach Ländern 1998, Anteile der Einstellungen mit und ohne Auflagen bezogen auf informell und formell Sanktionierte Dauer der nach allgemeinem Strafrecht verhängten Freiheitsstrafen (insgesamt), Anteile bezogen auf nach allgemeinem Strafrecht informell und formell Sanktionierte, alte Länder 19811998 Gefangenenraten in westeuropäischen Staaten (Stand 1.9.1998), Gefangene insgesamt pro 100.000 Einwohner Strafaussetzung, Bewährungshilfe, Soziale Dienste der Justiz Entwicklung der Unterstellungen unter Bewährungshilfe, Indexwerte (1963=100), alte Länder 1963-1997 Durch Bewährung beendete Bewährungsaufsichten nach früherer Verurteilung der Probanden Entlassung aus dem Strafvollzug und Strafentlassenenhilfe Wiedereinlieferungsabstand bei Strafgefangenen am 31.3.1999, die nach vorheriger Haftentlassung eine Freiheitsstrafe verbüßen, in Abhängigkeit vom Alter Rückfallstatistik Einstellungsraten gemäß §§ 45, 47 JGG bei einfachem Diebstahl und Legalbewährung, nach Ländern (gemäß BZR-Eintragungen für den Geburtsjahrgang 1961) Erneute Straffälligkeit und Sanktionseskalation nach informeller und formeller Reaktion auf die 1., 2. und 3. Auffälligkeit wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis oder einfachen Diebstahls (gemäß BZR-Eintragungen für den Geburtsjahrgang 1961) Jugendliche als Opfer und Täter: Wissenschaftliche Befunde unter besonderer Berücksichtigung der KFN-Schülerbefragung zur Jugendgewalt Wegen Verbrechen und Vergehen Verurteilte nach Altersgruppen Opfer von Gewaltkriminalität je 100.000 Einwohner der verschiedenen Altersgruppen (Opferziffer), alte Länder 1973-1999 Entwicklung der Opferziffern für vollendete Tötungsdelikte an jungen Menschen der Altersgruppen 0- u. 18 und 18- u. 21 Jahre, alte Länder (ab 1991 einschließlich Gesamtberlin) Opferziffern der Gewaltkriminalität für männliche und weibliche Opfer nach Altersgruppen, alte Länder 1973, 1985 und 1999 Opferziffern der Gewaltkriminalität von Kindern, Jugendlichen, Heranwachsenden und Erwachsenen, neue und alte Länder im Vergleich 1993 und 1999 Opferraten nach Geschlecht, Gesamtstichprobe, gewichtete Daten Rate angezeigter Gewaltdelikte 1997 und 1999 im Städtevergleich, gewichtete Daten Rate der Opfer elterlicher Gewalt in der Kindheit nach ethnischer Herkunft, gewichtete Daten Opfer elterlicher Gewalt in den letzten 12 Monaten, Vergleich der Schülerbefragungen 1998 und 2000, gewichtete Daten aus vier Städten Opfer elterlicher Gewalt im letzten Jahr nach ethnischer Herkunft, gewichtete Daten

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5-11 5-12 5-13 5-14 5-15 5-16 5-17 5-18 5-19 5-20 5-21 5-22 5-23

5-24

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5-27 5-28 5-29 5-30 5-31 5-32 5-33 5-34 5-35 5-36 5-37

Verzeichnis der Schaubilder

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Opferraten für schwere elterliche Gewalt im letzten Jahr nach ethnischer Herkunft unter Kontrolle von Arbeitslosigkeit/Sozialhilfeabhängigkeit, gewichtete Daten Opfer elterlicher physischer Gewalt im letzten Jahr und Aufenthaltsdauer in der Bundesrepublik Deutschland bei jungen Migranten, gewichtete Daten Mittelwerte der Gewalteinstellungen, Empathiefähigkeit, Konfliktkompetenz und Selbstwertgefühl in Abhängigkeit von innerfamiliären Gewalterfahrungen in der Kindheit Belastungsziffern Tatverdächtiger und Verurteilter nach Geschlecht und Altersgruppe 1998, alle Delikte (ohne Straßenverkehrsdelikte), alte Länder einschließlich Gesamtberlin Tatverdächtigenbelastungszahlen der 8- bis unter 14-jährigen Kinder, alte Länder 1984-1999 Tatverdächtigenbelastungszahlen nach ausgewählten Altersgruppen, alle Delikte (ohne Straßenverkehrsdelikte), alte Länder 1984-1999 Tatverdächtigenbelastungszahlen der Diebstahlsdelikte nach ausgewählten Altersgruppen, alte Länder 1984-1999 Tatverdächtige und Verurteilte pro 100.000 Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene (ohne Straßenverkehrsdelikte), alte Länder 1984-1998 Zunahme bzw. Abnahme absoluter Zahlen 14- bis unter 21-jähriger Tatverdächtiger für eher leichte, mittelschwere und eher schwere Delikte, alte Länder 1984 und 1998 Das Verhältnis von 14- bis unter 21-jährigen Verurteilten zu den im selben Jahr registrierten Tatverdächtigen nach ausgewählten Delikten, alte Länder 1984 und 1998 Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte der Gewaltkriminalität pro 100.000 der Altersgruppe bei Jugendlichen und Heranwachsenden, alte Länder 1984-1998 Schadenskategorien der von unter 21-jährigen Beschuldigten begangenen Raubdelikte, Hannover 1993 und 1996 Männliche und weibliche Tatverdächtige im Alter von 14-/15, 16-/17 sowie 18- bis unter 21 Jahren pro 100.000 der entsprechenden Altersgruppe, alle Delikte (ohne Straßenverkehrsdelikte), alte Länder 1984-1999 Die Veränderung der Tatverdächtigenbelastungszahl von Doppeljahrgängen 14-/15-jähriger Mädchen und Jungen im Zeitabstand von zwei Jahren, alte Länder 1984-1988 und 1995-1999, alle Delikte Nichtdeutsche Tatverdächtige der Diebstahlsdelikte nach dem Grund des Aufenthaltes, alte Länder 1984-1998 Die ethnische Zugehörigkeit der 14- bis unter 21-jährigen Angeklagten von Raubdelikten und qualifizierten Körperverletzungen, Hannover 1996, Hamburg 1996 und Stuttgart 1997 zusammengefasst, in Prozent Tatverdächtigenbelastungszahlen von deutschen Jugendlichen und Heranwachsenden für Gewalt-, Diebstahls- und Drogendelikte, Ost-West-Vergleich 1993 und 1999 Prävalenz selbstberichteter Delinquenz 1999 nach Geschlecht, gewichtete Daten Prävalenz selbstberichtete Delinquenz nach Arbeitslosigkeit/ Sozialhilfebezug in der Familie 1999, gewichtete Daten Verteilung von Entwicklungsoptionen nach ethnischer Herkunft, gewichtete Daten Raten aktiver Gewalttäter nach elterlichen Gewalterfahrungen in den letzten 12 Monaten, gewichtete Daten Rate aktiv gewalttätiger Jugendlicher nach elterlicher Gewalt in Kindheit und/oder Jugendalter, gewichtete Daten Raten aktiver Gewalttäter im Jugendalter nach Viktimisierung durch elterliche Gewalt und positiver elterlicher Zuwendung in der Kindheit, gewichtete Daten Selbstberichtete Delinquenz junger Migranten nach Aufenthaltsdauer in der Bundesrepublik Deutschland, gewichtete Daten Rate der Täter mit fünf und mehr Gewaltdelikten in den letzten 12 Monaten für verschiedene ethnische Gruppen nach Geschlecht, gewichtete Daten Mittelwerte traditioneller Männlichkeitsvorstellungen (Kultur der Ehre) nach Ethnizität und Geschlecht, gewichtete Daten Mittelwerte traditioneller Männlichkeitsvorstellungen (Kultur der Ehre) nach Intensität selbstberichteter Delinquenz in den letzten 12 Monaten für männliche Jugendliche, gewichtete Daten

PSB

5-38 5-39 5-40 5-41 5-42 5-43 5-44 5-45 5-46 5-47

Verzeichnis der Schaubilder

Seite XXI

Mitgliedschaft in stark devianten Cliquen nach Bildungsstufe und Geschlecht, gewichtete Daten Anteil Jugendlicher in stark devianten Cliquen nach ethnischer Herkunft und Geschlecht, gewichtete Daten Anteil Jugendlicher in stark devianten Cliquen nach Gewalterfahrungen in der Kindheit und Geschlecht, gewichtete Daten Verteilung der Jugendlichen nach Cliquenarten und Anteil der Cliquen an der Gesamtheit aller selbstberichteten Gewaltdelikte, gewichtete Daten Intensität selbstberichteten Schulschwänzens und Prävalenz selbstberichteter Delinquenz, gewichtete Daten Täterraten selbstberichteter Gewalt nach Stadt und Erhebungsjahr begrenzt auf einheimische deutsche Jugendliche, gewichtete Daten Nach Deliktshäufigkeit kategorisierte Täterraten selbstberichteter Gewalt für verschiedene ethnische Gruppen im Zeitvergleich, gewichtete Daten Täterraten selbstberichteter Gewalt nach Stadt und Erhebungsjahr für männliche und weibliche Jugendliche, gewichtete Daten Rate Jugendlicher mit gewaltbefürwortenden Einstellungen 1998 und 2000 im Städtevergleich, gewichtete Daten Rate der Schüler die angeben, dass Lehrer bei Gewalt unter Schülern lieber wegschauen, nach Stadt und Erhebungszeitpunkt, gewichtete Daten

PSB

Vorwort

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Vorwort Die Bundesregierung sieht in der kontinuierlichen Verbesserung der inneren Sicherheit eine ihrer vordringlichsten Aufgaben. Sie hat dies in der Leitlinie der Koalitionsvereinbarung "Entschlossen gegen Kriminalität und entschlossen gegen ihre Ursachen" deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Entwicklung wirksamer Lösungsansätze im Umgang mit Kriminalität erfordert zuallererst eine möglichst breit gefächerte Bestandsaufnahme der Kriminalitätslage und der damit zusammenhängenden Probleme. Die bestehenden Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken stellen hierfür bereits umfängliche Informationen bereit. Deutlich befriedigendere Antworten auf (aktuelle) Fragen der inneren Sicherheit lassen sich allerdings aus einer vergleichenden Betrachtung dieser Datensammlungen unter Einbeziehung wissenschaftlicher Analysen und Erkenntnisse gewinnen. Die Bundesregierung hat sich deshalb dafür entschieden, einen wissenschaftlich fundierten, umfassenden Bericht über die Sicherheitslage in der Bundesrepublik Deutschland zu erstellen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens haben unsere beiden Häuser ein mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Kriminologie, Soziologie und Psychologie sowie Vertretern des Bundeskriminalamtes, des Statistischen Bundesamtes und der Kriminologischen Zentralstelle besetztes Gremium eingerichtet und mit der Erstellung des Sicherheitsberichts beauftragt. Ziel dieses Berichts ist es, ein möglichst umfassendes Bild der Kriminalitätslage zu erstellen, das Erkenntnisse aus den vorhandenen amtlichen Datensammlungen, insbesondere Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik und der Strafrechtspflegestatistiken, erstmalig in einem Bericht zusammenfasst und zugleich mit Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen zu Erscheinungsformen und Ursachen von Kriminalität verknüpft. Unter Zuhilfenahme weitergehender Erkenntnisse, insbesondere aus dem Bereich der Dunkelfeldforschung und aus Opferbefragungen, wird dieses Lagebild der Kriminalität schließlich wissenschaftlich näher beleuchtet und um Erkenntnisse aus der Opferperspektive ergänzt. Die Analyse des vorhandenen Datenmaterials erfolgt für Deutschland insgesamt. Dabei wurden ausschließlich mit den Ländern bereits abgestimmte Daten herangezogen. Soweit einzelne Berichterstatter des wissenschaftlichen Teils in ihren Beiträgen verstärkt Länderdaten berücksichtigt haben, ist dies von den Verfassern mit den jeweiligen Auftraggebern der zugrundeliegenden Untersuchungen abgestimmt. Der Bericht ist auf eine möglichst langfristige Betrachtung der Kriminalitätslage ausgerichtet, da die Herstellung eines größeren zeitlichen Zusammenhanges wichtige Entwicklungen des Kriminalitätsgeschehens deutlicher werden lässt und eine differenziertere Beurteilung der aktuellen Sicherheitslage ermöglicht. Dies schließt ein, dass seitens der Bundesregierung eine Fortschreibung und Aktualisierung des Berichts in regelmäßigen Abständen vorgesehen ist. Der vom Gremium erarbeitete Berichtsteil geht nach allgemeinen Aussagen zur Sicherheitslage und zu kriminologischen Erkenntnismöglichkeiten und -defiziten im Einzelnen auf ausgewählte Bereiche der Kriminalität, ihre Struktur, Entwicklung und ihre Ursachen ein. Neben klassischen Deliktsfeldern wie Eigentums-, Drogen- und Gewaltkriminalität werden hierbei auch neuere Erscheinungsformen der Kriminalität – im vorliegenden Bericht zum Beispiel Internetkriminalität – erörtert. Die strafrechtliche Verfolgung von Kriminalität wird in einem eigenen Beitrag, der das Verfahren von Ermittlungsbeginn bis zur Erledigung nachzeichnet, behandelt. Den Abschluss bilden Betrachtungen zur Kriminalprävention. Jede Ausgabe des Sicherheitsberichts soll überdies ein spezielles, als besonders dringlich empfundenes Schwerpunktthema ausführlich darstellen. Der vorliegende Bericht beschäftigt sich vertieft mit der Kinder- und Jugenddelinquenz, die in den vergangenen Jahren erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit hervorgerufen hat. Besondere Berücksichtigung findet hierbei die Gewaltdelinquenz junger Menschen.

Seite XXIV

Vorwort

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Der Periodische Sicherheitsbericht stellt auch hinsichtlich des Schwerpunktthemas bewusst sicherheitspolitische und weniger jugend- und sozialpolitische Ansätze in den Vordergrund. Diese sind Gegenstand der Berichterstattungen der Bundesregierung im Jugend-, Familien-, Ausländer-, Sozial- sowie im Armuts- und Reichtumsbericht. Auf diese Berichte wird verwiesen. Dank soll an dieser Stelle insbesondere den Berichterstattern des wissenschaftlichen Teils, Herrn Prof. Dr. Roland Eckert, Herrn Prof. Dr. Wolfgang Heinz, Herrn Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner, Herrn Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Herrn Prof. Dr. Karl F. Schumann und Herrn Dr. Peter Wetzels, der nach dem Ausscheiden von Herrn Prof. Dr. Pfeiffer nachträglich in das Gremium berufen wurde, ausgesprochen werden. Sie haben mit ihrer engagierten und konstruktiven Arbeit an dem Bericht und ihrer Bereitschaft zum kritischen Dialog den Grundstein für die Realisierbarkeit und das Gelingen des Periodischen Sicherheitsberichts gelegt. Dank gebührt auch den Vertretern des Bundeskriminalamtes, des Statistischen Bundesamtes und der Kriminologischen Zentralstelle, die die Fertigstellung des Berichts maßgeblich unterstützt haben. Stets war ein grundlegender Konsens im gesamten Gremium ausschlaggebend für die endgültige Fassung der jeweiligen Beiträge. Selbstverständlich bewerten jedoch Politik und Wissenschaft bestimmte deliktsspezifische Entwicklungen und ihre Ursachen nicht immer übereinstimmend. Dies spiegelt sich bisweilen in den Einzelbeiträgen wider. Der wissenschaftlichen Darstellung der einzelnen Kriminalitätsbereiche schließen sich kriminal- und rechtspolitische Schlussfolgerungen der Bundesregierung an. Dort werden die nach ihrer Auffassung vordringlichen Fragen an die Politik formuliert und bereits eingeleitete Maßnahmen sowie zukünftige Lösungsansätze aufgezeigt. Dabei ist sich die Bundesregierung durchaus bewusst, dass der Bericht auch Schwachstellen beispielsweise im Bereich der Verfügbarkeit von Dunkelfelddaten hervorhebt. Ebenso werden bei der Lektüre Problembereiche deutlich, denen nicht mit einfachen und bündigen politischen Antworten begegnet werden kann. Als erster Teil einer regelmäßigen Berichterstattung erhebt er zudem keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist auf ständige Fortentwicklung und Vervollständigung angelegt. Die vorliegende Ausgabe des Periodischen Sicherheitsberichts versteht sich daher als Grundlagenarbeit, die erstmalig eine derart breit gefächerte Aufbereitung und Analyse des vorhandenen Datenmaterials leisten möchte. Als solche soll sie Anstoß zur öffentlichen Diskussion der angesprochenen Themen geben, den Dialog zwischen Politik und Wissenschaft über die vordringlichen Probleme der inneren Sicherheit fördern, Bewertungshilfe für bisherige und Wegweiser für zukünftige Lösungsansätze im Umgang mit Kriminalität sein.

Otto Schily

Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin

Bundesminister des Innern

Bundesministerin der Justiz

PSB

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Allgemeiner Teil Kernpunkte

♦ Kriminalität und Innere Sicherheit stehen zu Recht im Brennpunkt der Aufmerksamkeit - sowohl der Bürgerinnen und Bürger als auch der Medien. Vor allem spektakuläre, besonders erschreckende Einzelfälle prägen die Wahrnehmung zu diesem Thema. ♦ Eine Bewertung der Sicherheitslage erfordert dagegen, die Gesamtheit der Kriminalität aufgrund der verschiedenen verfügbaren Quellen ins Blickfeld zu nehmen, die Häufigkeit und Qualität der Kriminalität sowohl in ihrer zeitlichen Entwicklung als auch im Vergleich mit anderen Ländern einzuordnen und zu bewerten sowie statistisch vernünftige Maßzahlen zur Einschätzung der tatsächlichen Opfergefährdung und Kriminalitätslage heranzuziehen. Nur so können die Bürgerinnen und Bürger die Sicherheitslage angemessen einschätzen und nur so kann die staatliche Politik auf kriminalpolitische Notwendigkeiten richtig reagieren und die Zweckmäßigkeit rechtspolitischer Maßnahmen nachvollziehbar überprüfen. ♦ Der Periodische Sicherheitsbericht ist ein neuer Weg amtlicher Berichterstattung über die Kriminalitätslage in Deutschland. Er ergänzt die Darstellungen auf der Grundlage von Einzelstatistiken, insbesondere der Polizeilichen Kriminalstatistik und der Strafverfolgungsstatistik, durch ein Gesamtbild, das sämtliche verfügbaren statistischen Informationen sowie wissenschaftliche Befunde berücksichtigt. Stärker als bisher soll vor allem auf das Opfer und dessen Kriminalitätsrisiko eingegangen werden. Einbezogen werden auch die strafrechtlichen Reaktionen sowie die staatlichen Maßnahmen zur Kriminalprävention. ♦ In der amtlichen Kriminalstatistik wird nur ein Ausschnitt der Kriminalitätswirklichkeit erfasst. Was und wie viel der Polizei bekannt wird, hängt weitestgehend vom Anzeigeverhalten ab. Veränderungen der registrierten Kriminalität können deshalb bestimmt sein von Änderungen sowohl der Kriminalitätswirklichkeit als auch des Anzeigeverhaltens. Wie amerikanische Befunde zeigen, ist es sogar möglich, dass die Kriminalstatistiken einen Anstieg ausweisen, obwohl die Kriminalität in Wirklichkeit rückläufig ist. ♦ Die Annahme, die "Kriminalitätswirklichkeit" habe sich ebenso oder zumindest ähnlich wie die "registrierte" Kriminalität entwickelt, ist eine Schlussfolgerung, die auf der (stillschweigenden, aber zumeist unzutreffenden) Annahme beruht, sämtliche neben der Kriminalitätsentwicklung maßgebenden Einflussgrößen auf "registrierte" Kriminalität seien im Vergleichszeitraum konstant geblieben. ♦ Ob, wie stark und in welchen Bereichen sich insbesondere die Anzeigebereitschaft verändert hat, kann im Rahmen von statistikbegleitenden Dunkelfelduntersuchungen für wichtige Teilbereiche gemessen werden. Für Deutschland fehlen bislang, im Unterschied zu den USA, England oder den Niederlanden, repräsentative, periodisch durchgeführte Dunkelfeldstudien. Aussagen über die Kriminalitätsentwicklung im Dunkelfeld sind deshalb empirisch nicht hinreichend abgesichert. ♦ Bisherige Dunkelfeldstudien zeigen zum einen, dass Jugendkriminalität - im statistischen Sinne - im unteren Schwerebereich der Kriminalität "normal" ist, dass es aber - ebenfalls im statistischen Sinne anormal ist, deshalb erwischt und strafrechtlich verfolgt zu werden. Jugendkriminalität ist überwiegend entwicklungsbedingte Auffälligkeit, die mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter abklingt. Schwere Delinquenz ist die Ausnahme, Intensiv- oder Mehrfachtäter sind eine kleine Minderheit. Dunkelfeldstudien zeigen zum anderen, dass - insgesamt gesehen - jüngere Menschen häufiger Opfer von Straftaten werden als ältere Menschen, dass Männer häufiger Opfer werden als Frauen. ♦ Drei von vier polizeilich registrierten Straftaten sind Eigentums- oder Vermögensdelikte. Schwere, die körperliche Integrität des einzelnen Bürgers beeinträchtigende Straftaten sind - quantitativ vergleichend betrachtet - seltene Ereignisse. Auf Raub/räuberische Erpressung entfielen 1999 1% aller polizeilich registrierten Straftaten, auf Vergewaltigung/sexuelle Nötigung 0,1%, auf Mord/Totschlag 0,05%. In den letzten drei Jahrzehnten hat weder die Opfergefährdung durch Vergewaltigung/ sexuelle Nötigung, noch durch Mord/Totschlag zugenommen; dies gilt auch für Sexualmorde an Kindern.

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♦ Aus Globalzahlen zur registrierten Kriminalität können deshalb keine Schlussfolgerungen auf eine Gefährdung durch Kriminalität gezogen werden. Veränderungen von registrierter Kriminalität sind nur sehr bedingt Ausdruck von Veränderungen auf der Verhaltensebene. Globalzahlen verdecken unterschiedliche, z. T. gegenläufige Entwicklungen. Aussagekräftige Gefährdungsanalysen können nur getroffen werden auf der Grundlage von Einzeldeliktanalysen, die über einen längeren Zeitraum erfolgen und die nach Möglichkeit eingebettet sein sollten in Dunkelfeldforschungen sowie in soziale Kontextinformationen. ♦ Die Zunahme polizeilich registrierter Kriminalität beruht weitgehend auf der Entwicklung im Bereich der Eigentums- und Vermögensdelikte. Zugenommen haben freilich auch Gewaltdelikte, nämlich Körperverletzung und Raub. Opfer dieser Delikte sind überwiegend Gleichaltrige. Insgesamt gesehen geht die Gewaltanwendung, wie die Analyse von Täter-Opfer-Konstellationen zeigt, überwiegend zu Lasten von jungen Menschen. Opfer von Gewalt Erwachsener sind häufig junge Menschen, Opfer von Gewalt junger Menschen sind in der Regel Gleichaltrige. Unter Berücksichtigung auch der familiären Gewalt sind junge Menschen sogar weitaus häufiger Gewaltopfer als Gewalttäter. Nicht so sehr als Täter, sondern vor allem als Opfer verdienen deshalb junge Menschen die Aufmerksamkeit und den Schutz der Gesellschaft. ♦ Bei Erstellung eines Kriminalitätslagebildes zeigen sich erhebliche Informationsdefizite. Zum einen fehlt es an periodischen, statistikbegleitenden Dunkelfeldforschungen, zum anderen bedarf das bestehende System der Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken der Überarbeitung, damit es aktuellen kriminalpolitischen Informationsbedürfnissen Rechnung tragen kann. 1.1

Kriminalität und Innere Sicherheit - Hinführung zu einem neuen Weg amtlicher Berichterstattung 1999 registrierte die Polizei in der Bundesrepublik Deutschland alle fünf Sekunden eine Straftat, alle vier Minuten wurde ein Wohnungseinbruch und alle drei Stunden ein vorsätzliches Tötungsdelikt gezählt.1 Ist Deutschland noch sicher? Aber: Besagt der Takt dieser "Verbrechensuhr" überhaupt etwas über "(Un-)Sicherheit" des einzelnen Bürgers? Ihr Takt wird bestimmt von der Zahl der registrierten Delikte. Je größer die berücksichtigte Region ist, umso größer ist die Zahl der Delikte und umso schneller tickt die Uhr. Eine Weltverbrechensuhr tickt deshalb viel schneller als die Verbrechensuhr in Deutschland. Wäre die Verbrechensuhr ein Maß für Sicherheit, dann würde man selbst in Frankfurt a. M., der deutschen Großstadt mit der höchsten Kriminalitätsrate, sicherer als in Deutschland leben, noch sicherer freilich in kleineren Städten, wie z. B. in Konstanz. Denn in Frankfurt a. M. ereignete sich 1999 nur alle 279 Sekunden ein Delikt, in Konstanz gar nur alle 1.703 Sekunden.2 Die Verbrechensuhr weckt Ängste, unbegründete Ängste. Über das Opferrisiko, z. B. hinsichtlich eines Tötungsdelikts oder einer Vergewaltigung/sexuellen Nötigung, besagt sie nämlich nichts. Hierzu bedarf es der Bezugnahme der registrierten Fälle3 bzw. der Straftatenopfer4 auf die Zahl potentieller Opfer.5 1

1999 wurden in Deutschland 6.302.316 Straftaten polizeilich registriert, darunter 149.044 Fälle von Wohnungseinbruch und 2.851 Fälle von Mord/Totschlag (jeweils einschließlich Versuche). 2 In Frankfurt a. M. wurden 1999 113.040 Straftaten polizeilich registriert, in Konstanz 18.519. 3 Spätestens hier ist es notwendig, darauf hinzuweisen, dass die bislang gebrauchten Begriffe "Verbrechen", "Vergehen", "Straftaten", "Delikt", "Vergewaltigung" usw. umgangssprachlich verwendet worden sind. Denn ob aus juristischer Sicht, insbesondere aus Sicht des Gerichts, überhaupt eine Straftat und ggf. welche vorliegt, ist noch nicht entschieden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt lediglich die Verdachtssituation am Ende der polizeilichen Ermittlungsarbeit wieder. In der PKS werden deshalb die diese Verdachtssituation treffender bezeichnenden Begriffe "Fall" und "Tatverdächtiger" verwendet. Unter "Fall" ist eine aus Sicht der Polizei - "rechtswidrige (Straf-)Tat einschließlich der mit Strafe bedrohten Versuche (zu verstehen), der eine polizeilich bearbeitete Anzeige zugrunde liegt." Entsprechend ist ein "Tatverdächtiger" jeder, "der nach dem polizeilichen Ermittlungsergebnis aufgrund zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte verdächtig ist, eine rechtswidrige (Straf-)Tat begangen zu haben. Dazu zählen auch Mittäter, Anstifter und Gehilfen"; BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 12, 17. 4 Die Zahl der "Fälle" ist nicht identisch mit der Zahl der Opfer, d. h. der natürlichen Personen, gegen die sich die mit Strafe bedrohte Handlung unmittelbar richtete. 1999 wurden zu den 1.005 vollendeten vorsätzlichen Tötungsdelikten insgesamt 1.020 Opfer registriert. Da in der PKS die Zahl der Opfer nur bei einigen Deliktsgruppen erfasst wird, kann bei der weit überwiegenden

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Werden diese, der Einfachheit halber, mit der Zahl aller Einwohner der Bundesrepublik gleichgesetzt,6 dann ergibt sich ein weit weniger dramatisches Bild: 1999 wurde von 100.000 Einwohnern einer7 Opfer eines vollendeten vorsätzlichen Tötungsdeliktes, von 100.000 Frauen wurden 138 Opfer einer vollendeten Vergewaltigung/sexuellen Nötigung. Dass jeder Mord ein Mord zuviel ist, jede Straftat eine Straftat zuviel, ist richtig. Für die Beurteilung des Risikos stellt sich gleichwohl die Frage, ob ein bzw. ob 13 Opfer pro 100.000 viel oder wenig sind. Diese Frage lässt sich ohne Vergleichskriterien nicht beurteilen. Als solche könnte z. B. der Vergleich mit früheren Zeiten dienen. Dieser ergibt, dass in den letzten drei Jahrzehnten sowohl die Häufigkeitszahlen9 der polizeilich registrierten, vorsätzlichen Tötungsdelikte (einschließlich der Sexualmorde an Kindern)10 als auch die der Vergewaltigungen nicht gestiegen, sondern - entgegen dem allgemeinen Trend - insgesamt leicht zurückgegangen sind.11 Ein Kriterium könnte ferner der Vergleich mit dem europäischen Ausland12 sein, der zeigt, dass Deutschland sowohl bei vollendeten als auch bei versuchten Tötungsdelikten im unteren, hinsichtlich der Vergewaltigung13 im mittleren Bereich liegt.14 Zur Einordnung des Risikos, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, könnte auch der Vergleich mit anderen Risiken dienen, die tagtäglich eingegangen werden, etwa dem Straßenverkehr. Dieser Vergleich ergibt, dass 1999 7,6-mal so viele Personen durch Straßenverkehrsunfälle getötet wurden wie durch ein vorsätzliches Tötungsdelikt.15 Aber, so lässt sich einwenden: Kriminalität hat doch in den letzten Jahrzehnten, wie die Medien berichten, dramatisch zugenommen und damit auch die Gefährdung. In der Tat zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), dass 196316 1,7 Mio. Fälle registriert wurden, 1999 dagegen 6,3 Mio., also das 3,8fache.

Zahl der Delikte die "Opfergefährdung" nur anhand der registrierten Fallzahlen gemessen werden. 5 Damit wird freilich nur das Ob einer Opfersituation erfasst - die subjektiv empfundene Gefährdung, die Angst, die physischen wie psychischen Verletzungen bleiben hierbei unberücksichtigt. 6 Es handelt sich hierbei nur um ein ungefähres Maß, weil die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, nicht für jeden Einwohner gleich groß ist. Sie ist vielmehr abhängig von verschiedenen Faktoren, u. a. dem Alter, dem Geschlecht, der Beziehung zwischen Täter und Opfer, dem Aufsuchen bestimmter gefahrenträchtiger Örtlichkeiten usw. 7 Die statistisch genaue Zahl lautet 1,2. 8 Statistisch genau: 13,2. 9 Zahl der bekannt gewordenen Fälle pro 100.000 Einwohner. 10 Vgl. Kapitel 5.3.1. 11 Vgl. hierzu Kapitel 2.1.4. 12 "Der internationale Vergleich ist zur Beurteilung von Kriminalitätsentwicklung, -umfang und -struktur im eigenen Lande eigentlich unverzichtbar, jedoch zugleich auch äußerst problematisch. Vergleichende Aussagen über Kriminalitätsniveau und -entwicklung sollten nach Möglichkeit über schlichte Gegenüberstellungen kriminalstatistischer Zahlen hinausgehen und ergänzende oder vertiefende Informationen zu statistischer Erfassung, Strafrecht, Verbrechensbekämpfung, Dunkelfeld und soziokulturellen Hintergrund mit einbeziehen"; DÖRMANN, U., 1991, S. 19. 13 Besonders hier sind freilich die im internationalen Vergleich beachtlichen Unterschiede sowohl in der strafrechtlichen Definition als auch der Anzeigewahrscheinlichkeit zu beachten; vgl. DÖRMANN, U., 1991, S. 20 f.; EUROPEAN SOURCEBOOK OF CRIME AND CRIMINAL JUSTICE, 2000, S. 35 f.). 14 EUROPEAN SOURCEBOOK OF CRIME AND CRIMINAL JUSTICE, 2000, Tabelle 1.B.1.1, B.1.2, B.1.5. 1996, dem letzten Jahr für das Daten aus diesem europäischen Vergleich vorliegen, wurde der Median der Häufigkeitszahl (HZ) für vorsätzliche Tötungsdelikte (einschließlich Versuch) für 36 Staaten mit 4,7 ermittelte, für Deutschland betrug die HZ 4,3; für vollendete vorsätzliche Tötungsdelikte wurde der Median mit 1,9 errechnet, Deutschland hatte eine HZ von 1,5. Bei Vergewaltigung (einschließlich Versuch) lag der Median 1996 bei 6,0, in Deutschland betrug die HZ 7,6. Zu einem weltweiten Vergleich vgl. DÖRMANN, U., 1991. 15 1999 wurden 7.777 Personen durch Straßenverkehrsunfälle getötet (Statistisches Jahrbuch 2000 für die Bundesrepublik Deutschland, 321). Als Straßenverkehrsunfälle werden alle von der Polizei registrierten Unfälle erfasst, bei denen infolge des Fahrverkehrs auf öffentlichen Wegen oder Plätzen entweder Personen getötet oder verletzt oder Sachschaden entstanden ist. Verunglückte werden als Getötete nachgewiesen, wenn sie innerhalb von 30 Tagen nach dem Unfall an den Unfallfolgen gestorben sind. In der PKS wurden 1999 1.020 Opfer von Mord oder Totschlag registriert. Werden auch die 888 Opfer einer fahrlässigen Tötung - nicht in Verbindung mit Verkehrsunfall - berücksichtigt, dann ist das Risiko, im Straßenverkehr tödlich zu verunglücken, immer noch 4 mal so hoch. 16 Ein Zeitreihenvergleich setzt voraus, dass Zahl und Inhalt der Straftatbestände über die Zeit hinweg im Wesentlichen unverändert bleiben. Diese Voraussetzung ist für die Gesamtkriminalität nicht gegeben; sie besteht lediglich für einzelne Deliktsbereiche. Bei einem Vergleich der insgesamt registrierten Fälle wirken sich immer auch gesetzliche Änderungen aus. Dies ist unvermeidbar und in Grenzen hinnehmbar. Ein Vergleich ist jedoch dann nicht mehr sinnvoll, wenn diese Änderungen die Vergleichsbasis quantitativ entscheidend und in nicht kontrollierbarer Weise beeinflussen. Dies war 1963 der Fall, als die bislang in der Sammelgruppe "Alle sonstigen Verbrechen und Vergehen gegen die deutschen Strafgesetze" mit erfassten Straßenverkehrsdelikte aus der Erfassung für die PKS herausgenommen wurden. Die HZ ging von 3.699 (1962) auf 2.914 (1963) zurück.

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Reicht dies jedoch schon aus, um auf einen "dramatischen" Anstieg von Kriminalität zu schließen, insbesondere auf eine erhöhte Gefährdung des Einzelnen? Zu bedenken wäre: - Aufgrund dieser Zahlen wissen wir nur etwas über die Zunahme der polizeilich registrierten Kriminalität, also über das sog. Hellfeld der Kriminalität. Ob tatsächlich mehr geschehen ist oder ob nur mehr angezeigt und mehr registriert wird, darüber gibt die PKS keine Auskunft. Hierzu bedarf es anderer Erkenntnismittel, insbesondere der Dunkelfeldforschungen und der Untersuchungen zum Anzeigeverhalten. - 1963 betrug die Bevölkerungszahl, die durch diese Kriminalität gefährdet werden konnte, 57,6 Mio., 1999 dagegen 82 Mio. Wird dies berücksichtigt, indem die auf 100.000 Einwohner entfallende Zahl der Straftaten berechnet wird,17 dann beträgt der Anstieg "nur" noch das 2,6fache. - Hinter diesen Globalzahlen über "registrierte Fälle" verbergen sich Fallgruppen ganz unterschiedlicher Schwere und ganz unterschiedlicher, z. T. sogar gegenläufiger Entwicklungen. Schon die ersten Kriminalstatistiker warnten vor dem Zerrbild, das Globalzahlen vermitteln. Es ist, als würden "Rindvieh, Schweine und Haushühner addiert werden, um aus der Gesamtsumme auf die Höhe, das Steigen und Fallen des Viehbestandes Schlüsse zu ziehen"18. - Kriminalität ist nicht gleichzusetzen mit Gefährdung eines individuellen Opfers. Es gibt zum einen die so genannten opferlosen Delikte, z. B. die folgenlose Trunkenheitsfahrt, das Rauschgiftdelikt, es gibt Delikte, welche die Allgemeinheit betreffen, wie z. B. die Gewässerverunreinigung, es gibt schließlich Delikte, die ein individuelles Opfer haben. Diese können sein eine juristische Person, wie z. B. beim Ladendiebstahl im Kaufhaus, oder eine natürliche Person, wie z. B. beim Raub. Es wäre also zu prüfen, ob auch jene Straftaten zugenommen haben, durch die der einzelne Bürger unmittelbar "gefährdet" wird. - Weitaus überwiegend handelt es sich bei registrierter Kriminalität um Eigentumsdelikte, insbesondere solche minder schwerer Art.19 Was in den Medien im Vordergrund der Berichterstattung steht und was die Bevölkerung vor allem als Kriminalität wahrnimmt, Tötungsdelikte, Gewaltkriminalität usw., sind qualitative, aber keine quantitativen Probleme. Auf Mord und Totschlag entfielen 1999 0,05% der in der PKS registrierten Delikte, auf Raub und räuberische Erpressung 1%, auf gefährliche/schwere Körperverletzung 1,8%, auf Wirtschaftskriminalität 1,7%, und zwar jeweils unter Einschluss auch der lediglich versuchten Delikte. Vielleicht ist dann doch weniger der Anstieg an sich von besonderer Relevanz als vielmehr der Anstieg in bestimmten Deliktsbereichen? - Überproportionale Zunahmen im Vergleich zur Entwicklung der Gesamtkriminalität finden sich nicht bei der Gewaltkriminalität, sondern vor allem bei der Rauschgift- und bei der Computerkriminalität.20 Ebenso bedeutsam wie die Frage nach der Gefährdung der Inneren Sicherheit durch Kriminalität ist die Frage, wie die Justiz mit Kriminalität umgeht. Was tut der Staat, um Innere Sicherheit zu gewährleisten? Zu wenig, so erfährt mancher Zeitungsleser, fängt doch, so der Vorwurf, die Polizei die Täter und die Justiz lässt sie wieder laufen! Auch hier ist richtig, dass der vordergründige Blick auf die Statistiken (hier: Polizeiliche Kriminalstatistik und Strafverfolgungsstatistik) diesen Vorwurf der Tendenz nach zu bestätigen scheint: 1998 wurden z. B. in den alten Ländern21 2.728 strafmündige Personen ermittelt, welche die

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1963 war die Häufigkeitszahl (Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner) 2.914, 1999 7.682. HOEGEL, H., 1911/1912, S. 659. 19 Von den 1999 registrierten Fällen (Straßenverkehrsdelikte werden in der PKS nicht mitgezählt) waren 50% Diebstähle, davon entfielen etwas mehr als die Hälfte (53%) auf einfachen Diebstahl, davon wiederum 36% auf Ladendiebstahl. 20 Der Anteil der Gewaltkriminalität an den insgesamt registrierten Delikten blieb insgesamt gesehen relativ konstant. Die Schwankungen bewegten sich um einen Wert von 2,5%. Erst in den letzten beiden Jahren wurden die bereits Mitte der siebziger Jahre erreichten Werte von 2,8% mit 2,9% bzw. 3% leicht übertroffen. 21 Die Strafverfolgungsstatistik (StVStat), die Auskunft gibt über die Zahl der rechtskräftig Verurteilten, wird noch nicht in allen neuen Ländern geführt. Der Vergleich muss deshalb auf die alten Länder beschränkt werden. 1998 ist das zeitnächste Jahr, für das aus beiden Statistikbereichen Informationen vorlagen. 18

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Polizei für überführt hielt, ein vorsätzliches Tötungsdelikt22 verübt zu haben; im selben Jahr wurden aber nur 875 rechtskräftige Verurteilungen wegen Mordes/Totschlags gezählt. Zwei Drittel also nicht verurteilt?23 Auch hier zeigt erst die genauere Analyse, dass sich die Messung der strafrechtlichen Sozialkontrolle nicht einfach auf die vergleichende Gegenüberstellung von zwei Zahlen reduzieren lässt, schon gar nicht, indem die Zahlen der PKS zur unbezweifelbaren Messgröße gemacht werden. Denn die Einstellung des Ermittlungsverfahrens mangels hinreichenden Tatverdachts durch die Staatsanwaltschaft, der Freispruch durch das Gericht oder die Verurteilung wegen eines anderen, minder schweren Delikts bedeutet doch, dass die polizeiliche Verdachtsschöpfung im weiteren Verfahren durch die hierzu rechtlich berufenen Organe nicht bzw. so nicht bestätigt und erhärtet werden konnte. Die kriminalstatistischen Zahlen sind Ergebnisse der Tätigkeit und der Bewertung der Strafverfolgungsorgane. Hat die Polizei Recht, wenn sie einen Tatverdacht bejaht, hat die Justiz Recht, wenn sie den Angeklagten freispricht oder wegen eines minder schweren Delikts verurteilt, oder haben beide Recht? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig. Denn sie entscheidet über das Verständnis von Kriminalstatistiken. Aus ihrer jeweiligen Sicht (hier also: Polizei, Justiz) sind beide statistischen Angaben richtig; sie messen nur Verschiedenes. Die PKS misst die Verdachtssituation, wie sie sich aus Sicht der Polizei bei Abgabe der Akten an die Staatsanwaltschaft darstellt. Die Strafverfolgungsstatistik (StVStat) misst das Ergebnis der Überzeugungsbildung der Richter. Beide Statistiken messen an bestimmten Stellen des Strafverfahrens Ergebnisse von Entscheidungsprozessen, ob z. B. ein Sachverhalt einen Straftatbestand erfüllt, ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt, ob freigesprochen oder verurteilt werden soll. Kriminalstatistiken messen unterschiedliche Bewertungen, die zu unterschiedlichen "Wirklichkeiten" führen.24 Diese "Wirklichkeiten" sind nicht unabhängig voneinander, sie sind vielmehr insofern einseitig voneinander abhängig, als es sich um die Abbildung von aufeinander aufbauenden Arbeitsgängen handelt. Was nicht aufgeklärt wird, kann nicht angeklagt werden, was nicht angeklagt wird, kann nicht verurteilt werden. Kriminalität ist ein Thema, das alle Bürgerinnen und Bürger angeht. Deshalb besteht berechtigter Bedarf daran, umfassend und differenziert informiert zu werden, um sich selbständig ein Urteil bilden zu können. Die zuvor aufgeführten Beispiele haben gezeigt, dass Kriminalität und Innere Sicherheit nicht mit wenigen Sätzen und schon gar nicht mit ein paar Zahlen behandelt werden können. Eine realistische Betrachtung und Beurteilung erfordern vielmehr ein Wissen um die Fakten, und zwar nicht nur um "die" Kriminalität, sondern vor allem um die einzelnen Kriminalitätsphänomene, ein Wissen um die Aussagemöglichkeiten und um die Aussagekraft der kriminalstatistischen Daten, ferner ein Wissen um die Faktoren, die statistische Veränderung beeinflussen können, sowie schließlich ein Wissen um mögliche Vergleichsgrößen, damit die kriminalstatistischen Zahlen eingeordnet und bewertet werden können. Einzelne Zahlen allein besagen wenig, sie können nicht selten sogar zu falschen Schlussfolgerungen verleiten. Erforderlich ist eine Zusammenschau der verfügbaren Informationen. An einem derartigen, die verfügbaren statistischen Informationen zusammenführenden Überblick über die Kriminalität fehlt es bislang in Deutschland. Wissenschaftler haben deshalb schon seit längerem die Erstellung eines Sicherheitsberichts gefordert. Die isolierte Berichterstattung aus Sicht einer einzigen Statistik, deren Ergebnisse durch den Bürger nur schwer eingeordnet und bewertet werden kann, sollte

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Mord (§ 211 StGB), Totschlag (§§ 212, 213 StGB), Tötung auf Verlangen (§ 216 StGB), jeweils einschließlich Versuch. Exakte Anteile können nicht berechnet werden, weil die Verurteilten eines Jahres keine Untermenge der Tatverdächtigen desselben Jahres sind. Die weit überwiegende Zahl der polizeilichen Ermittlungsverfahren wird nicht im selben Jahr durch ein rechtskräftiges Urteil abgeschlossen. Der langfristige Vergleich der Tatverdächtigen- und Verurteiltenzahlen, bei dem die Auswirkungen solcher zeitlicher Verschiebungen im Großen und Ganzen berücksichtigt werden können, zeigt indes, dass die genannte Größenordnung zutrifft. 24 Deshalb ist auch die Frage nach richtig oder falsch, nach verzerrter oder genauer Abbildung der "Wirklichkeit" falsch gestellt. Es gibt "die" Wirklichkeit in diesem Bereich nicht, es gibt nur nach unterschiedlichen Kriterien "hergestellte" Wirklichkeiten. 23

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ergänzt werden durch ein Gesamtbild der Kriminalitätslage, das auf der Grundlage kriminalstatistischer Unterlagen und unter Einbeziehung wissenschaftlicher Befunde erstellt wird. Dieser Sicherheitsbericht sollte sich darüber hinaus nicht allein auf den in den amtlichen Statistiken registrierten Ausschnitt der Kriminalität beschränken, sondern, soweit dies die verfügbaren Daten zulassen, auch über die statistisch nicht erfassten, im Dunkelfeld verbliebenen Straftaten informieren. Erst bei einem derartigen Gesamtbild wird überhaupt deutlich, wo Informationsdefizite bestehen und was unternommen werden kann und soll, um diese zu schließen. Des Weiteren sollte die bisherige, stark taten- und täterorientierte amtliche Berichterstattung ergänzt werden um Daten zum Opfer und zum Kriminalitätsrisiko. Schließlich sollte nicht nur über die Tätigkeit der Polizei, sondern auch der Strafrechtspflege berichtet werden, angefangen von der Staatsanwaltschaft über die Gerichte bis hin zum Strafvollzug. Hierzu zählen auch die strafrechtlichen Reaktionen sowie die Bemühungen um Resozialisierung des Täters. Denn diese gehören ebenso zu moderner, folgenorientierter Kriminalpolitik wie die vielfältigen Maßnahmen der Kriminalprävention; Rückfallverhütung ist der beste Opferschutz, den die Justiz mit ihren Mitteln leisten kann. Dieses Gesamtbild kann die Grundlage bilden für eine den Fakten angemessene Beurteilung der Inneren Sicherheit und Ausgangspunkt sein für Maßnahmen zu deren Verbesserung. Vor dem Hintergrund dieses Gesamtbildes sollten nicht zuletzt die bereits getroffenen bzw. in Vorbereitung befindlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheitslage in Deutschland dargestellt werden. Der vorliegende Sicherheitsbericht entwirft erstmals für Deutschland einen derartigen Gesamtüberblick. Im Folgenden sollen die für das Verständnis der Einzelkapitel notwendigen Erkenntnismittel kurz vorgestellt, einige grundlegende methodische Fragen erläutert sowie ein zusammenfassender Überblick gegeben werden über Umfang, Struktur und Entwicklung der Kriminalität sowie der Kriminalitätsfurcht. In den weiteren Kapiteln werden zunächst ausgewählte Kriminalitätsbereiche dargestellt werden, sodann die strafrechtlichen Reaktionen und Aspekte von Kriminalprävention. Die im Mittelpunkt öffentlichen Interesses stehende Problematik der jungen Menschen als Täter und Opfer, insbesondere von Gewaltkriminalität, wird im Schwerpunktthema vertieft. 1.2 Kriminalität und soziale Kontrolle Jeder wird eine bestimmte Vorstellung von Kriminalität vor Augen haben, wenn vom Thema "Kriminalität und Innere Sicherheit" die Rede ist. Was aber meint "Kriminalität" genau? Im strafrechtlichen Sinn ist Kriminalität die Summe der mit Strafe bedrohten Handlungen. Hierbei handelt es sich um einen zeit-, raum- und kulturabhängigen Begriff. Denn manches von dem, was heute strafbar, also kriminell ist, war es vor Jahren nicht - und umgekehrt: Der erzwungene Beischlaf unter Eheleuten ist z. B. erst seit einigen Jahren als Vergewaltigung strafbar, der Ehebruch ist seit 1969 nicht mehr strafbar. Was in Deutschland strafbar ist, ist in anderen Staaten erlaubt - und umgekehrt: Der Konsum von Opium ist in einigen asiatischen Staaten erlaubt, der hier straffreie Konsum von Alkohol ist in einigen islamischen Staaten strafbar. Der deutsch-deutsche Vergleich ergab ähnliche Unterschiede, etwa im Bereich des Schwangerschaftsabbruchs oder des Fahrens unter Alkoholeinfluss, die nach der Vereinigung einer einheitlichen Lösung zugeführt werden mussten. Kriminalität im strafrechtlichen Sinne ist also kein Verhalten, dem das Attribut "kriminell" von Natur aus zukommt; diese Bewertung setzt, in formeller Betrachtung, ein entsprechendes Strafgesetz voraus. Wie wandelbar dieses Urteil ist, zeigen die über 170 Änderungsgesetze, die es seit Inkrafttreten des Strafgesetzbuches von 1871 gab. Dem steht nicht entgegen, dass es einen Kernbestand an strafbedrohten Delikten gab und gibt, der sich als weitgehend zeit- und raumunabhängig erwiesen hat. "Kriminalität" setzt freilich nicht nur voraus, dass bestimmte Verhaltensweisen allgemein unter Strafe gestellt werden, sondern setzt auch voraus, dass eine konkrete Verhaltensweise als "kriminell" bewertet wird. Kriminalität wird in einem Wahrnehmungs- und Bewertungsprozess "hergestellt". Jede Gesellschaft versucht zu gewährleisten, dass ihren Normen Folge geleistet wird. So können z. B. Normen zum Schutz

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der Umwelt vor schädlichen Immissionen dadurch umgesetzt werden, dass von gewerblichen oder industriellen Betreibern der Einbau von Filtern nach dem neuesten Stand der Technik gefordert wird und Einbau und Wirksamkeit der Filter in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Für den Fall der Zuwiderhandlung kann z. B. vorgesehen werden, die Betriebserlaubnis zu entziehen und Schadensersatz zu fordern. Es kann aber auch - zusätzlich - die unerlaubte Luftverschmutzung unter Strafe gestellt werden. Dieses Beispiel zeigt erstens, dass das Strafrecht nur eines von mehreren sozialen Normensystemen, die Strafjustiz nur einer von mehreren Trägern sozialer Kontrolle, die Strafe nur eine von mehreren Sanktionsmöglichkeiten ist. Es zeigt zweitens, dass Strafrecht - wenn es denn angewandt werden muss - immer zu spät kommt, dann nämlich, wenn das "Kind in den Brunnen" gefallen ist. Es zeigt drittens, dass "Innere Sicherheit" nicht nur durch Strafrecht gewährleistet werden kann, sondern auch durch andere Mittel der sozialen Kontrolle, die überdies - weil vielfach im Vorfeld der Deliktsbegehung angesiedelt - viel wirksamer sein können. Auch deshalb ist Strafrecht "ultima ratio" und auch deshalb hat für eine verantwortungsvolle Kriminalpolitik Vorbeugung von Kriminalität Vorrang vor strafrechtlicher Sanktionierung. 1.3 Kriminalität im Dunkel- und im Hellfeld 1.3.1 Empirisch-kriminologische Forschungstechniken zur Messung von Kriminalität Zu den Forschungstechniken, mit denen Kriminalität eingehender untersucht werden kann, zählen vor allem die Dokumentenanalyse, die Befragung, die Beobachtung und das Experiment. Unter dem Oberbegriff der Dokumentenanalyse werden vor allem die Aktenanalyse, namentlich die inhaltliche Auswertung von Strafverfahrensakten sowie die Analyse der Kriminalstatistiken zusammengefasst. Gemeinsam ist beiden Verfahren, dass die ausgewerteten Dokumente nicht - oder jedenfalls nicht in erster Linie - zum Zwecke wissenschaftlicher Auswertungen und zur Beantwortung bestimmter Fragen erstellt worden sind. Dies führt vielfach dazu, dass mit dem Material ein Teil der Fragen nicht oder nicht hinreichend differenziert beantwortet werden kann. Befragungen werden zumeist an Bevölkerungsstichproben durchgeführt, um etwas darüber zu erfahren, ob die Befragten schon einmal Opfer einer Straftat waren (Opferbefragung) oder eine solche schon einmal selbst verübt haben (Täterbefragung) bzw. Zeuge einer Straftat geworden sind (Informantenbefragung25). Im Idealfall werden bei "Täter-" wie bei "Opferbefragungen" repräsentative Stichproben der Bevölkerung befragt,26 also nicht, wie die übliche, jedoch irreführende Bezeichnung vermuten lässt, bekannte Täter bzw. Opfer. Der Unterschied beider Befragungsarten besteht in der Fragestellung. Bei "Täterbefragungen" wird danach gefragt, ob der Befragte selbst (in einem bestimmten Zeitraum) ein Delikt verübt hat. Bei Opferbefragungen soll der Befragte darüber Auskunft geben, ob er (in einem bestimmten Zeitraum) Opfer von bestimmten (angezeigten oder auch nicht angezeigten) Delikten geworden ist. Der Vorteil von Opferbefragungen besteht zum einen darin, dass die Bereitschaft, über selbst erlittene Straftaten Auskunft zu geben, eher gegeben sein wird als bei selbst verübten Straftaten, zum anderen darin, dass auch das Anzeigeverhalten der Opfer untersucht werden kann. Teilnehmende Beobachtung27 und Experiment28 kommen zwar ebenfalls in Betracht, um Dunkelfelduntersuchungen durchzuführen oder um das Registrierverhalten statistikführender Stellen zu untersuchen. Insgesamt werden sie jedoch, nicht zuletzt wegen des damit verbundenen Aufwandes, seltener eingesetzt.

25 Die Informantenbefragung wendet sich an potentielle Zeugen von Straftaten, die über ihre Kenntnis von delinquenten Aktivitäten Dritter befragt werden. Eine solche Informantenbefragung ist dann sinnvoll, wenn der Zugang zu Opfern und Tätern aus bestimmten Gründen erschwert ist. Ein Beispiel ist z. B. die Gewalt unter Ehepartnern ethnischer Minderheiten, soweit sie in Gegenwart anderer Familienmitglieder erfolgte. 26 Zu den bisherigen Täter- und Opferbefragungen vgl. MÜLLER, L., 1978; WEIß, R., 1997; SCHWIND, H.-D. 2001, S. 34 ff. 27 Z. B. Einschleusung von sozialwissenschaftlichen Mitarbeitern in Gruppen von Rockern oder Drogenabhängigen; vgl. hierzu HAFERKAMP, H., 1975; KÜHNE, H. H., 1974; zu einer Übersicht siehe SCHWIND, H.-D., 2001, S. 33. 28 Z. B. der vorgetäuschte Straßenverkehrsunfall, um zu testen, wie viele Verkehrsteilnehmer anhalten, um Hilfe zu leisten, oder der mit Einverständnis des Warenhausinhabers durchgeführte Diebstahl, um die Entdeckungswahrscheinlichkeit des Ladendieb-

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1.3.2 Konstituierung von "Kriminalitätswirklichkeit" 1.3.2.1 Stufen der Ausfilterung - das "Trichtermodell" In den Kriminalstatistiken wird nur ein Teil der Kriminalität erfasst, selbst dieser Teil wird von Verfahrensabschnitt zu Verfahrensabschnitt immer kleiner. Nicht alle Delikte werden als solche von dem Opfer bzw. von Dritten wahrgenommen oder als Delikt bewertet, viele bekannt gewordene Delikte werden nicht angezeigt, zahlreiche angezeigte Delikte werden nicht aufgeklärt und von den ermittelten Tatverdächtigen wird nur ein Teil angeklagt und verurteilt. Am Beispiel der für 1998 aus den alten Ländern vorliegenden statistischen Daten für Verbrechen und Vergehen insgesamt, jedoch ohne Straftaten im Straßenverkehr, können in einem vereinfachten Trichtermodell29 die Größenordnungen dieses Ausfilterungsprozesses verdeutlicht werden (vgl. Schaubild 1-1).30 Schaubild 1-1:

Polizeilich registrierte Straftaten (ohne Straftaten im Straßenverkehr) und ihre strafrechtliche Bewertung 1998, alte Länder mit Gesamtberlin

Polizeilich bekannt gewordene Fälle

aufgeklärte Fälle

strafmündige Tatverdächtige

Abgeurteilte

Verurteilte

zu ambulanten Sanktionen zu stationären Sanktionen

5149955

729

383

2707835

243

1717251

706230

=

100

554127

78

495578

70

58549 8

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Den ersten Filter stellt die Wahrnehmung/Bewertung eines Sachverhalts dar: Viele Vorkommnisse des Alltagslebens, die einen Straftatbestand erfüllen, werden überhaupt nicht wahrgenommen oder als "kriminell" bewertet. Viele Ladendiebstahlsdelikte werden nicht entdeckt (Schätzungen schwanken zwischen 90% und 99%), viele Betrogene merken gar nicht, dass sie betrogen wurden. Viele Delikte, z. B. Rauschgiftdelikte, haben keinen "Anderen" als Opfer, der Anzeige erstatten könnte. Die zweite Filterstufe ist die Anzeigeerstattung: Auf eigene Ermittlungstätigkeit der Polizei gehen nur ca. 5% aller Registrierungen zurück.31 Eines der wichtigsten Beispiele für die Straftatentdeckung aufgrund stahls zu ermitteln; vgl. BLANKENBURG, E., 1973. 29 Vgl. BLANKENBURG, E., 1995, S. 9 ff.; KAISER, G., 1996, S. 362; SCHWIND, H.-D., 2001, S. 50; STEFFEN, W., 1993a, S. 9. 30 Bei den angegebenen absoluten Zahlen handelt es sich nicht um Untermengen. Die Zahlen geben nur an, dass im Jahr 1998 5,1 Mio. Fälle polizeilich bekannt geworden und im gleichen Jahr 2,7 Mio. Fälle aufgeklärt worden sind; entsprechend geben sie an, dass 1,7 Mio. strafmündige Tatverdächtige ermittelt worden sind und im gleichen Jahr 554.127 Verurteilungen erfolgten. Da es sich nicht um Untermengen handelt, können auch keine Anteile berechnet werden. Die Angaben an der rechten Seite des "Trichters" sind dementsprechend keine Prozentsätze, sie dienen lediglich dazu, die Größenordnungen zu verdeutlichen. 31 Vgl. SCHWIND, H.-D., 2001, S. 29 m. w. N. Diese Quote beruht auf Aktenanalysen vor allem aus dem Bereich der Eigentumsund Vermögenskriminalität. Solange in der PKS keine Angaben gemacht werden über Art und Weise der polizeilichen Kenntniserlangung ("Anzeigenerstattung durch ..."), kann diese Quote nur ungefähr angegeben werden.

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von polizeilichen Kontrollaktivitäten ist die Drogenkriminalität. Zahl und Art der entdeckten Delikte hängen hier weitgehend von den polizeilichen Kontrollmaßnahmen ab. Die weitaus überwiegende Zahl aller Delikte wird der Polizei durch Anzeigen bekannt, vornehmlich durch solche des Opfers oder von Zeugen. Aus Bevölkerungsbefragungen ist jedoch bekannt, dass von den persönlich erlittenen Eigentumsund Gewaltdelikten durchschnittlich nur jedes zweite Delikt angezeigt wird. Dass die Anzeigebereitschaft - und damit das Dunkelfeld - u. a. delikts-, täter- und opferspezifisch unterschiedlich groß ist, dass sie in Abhängigkeit von Täter-Opfer-Konstellationen variiert, wurde immer wieder bestätigt. Aus Untersuchungen zur "Betriebskriminalität" ist bekannt, dass nur ein kleiner Teil aller der Unternehmensleitung bekannten Straftaten angezeigt wird.32 Das Dunkelfeld ist deshalb z. B. deliktsspezifisch unterschiedlich groß. Es wird bei Banküberfällen z. B. sehr klein sein, sehr groß sein dagegen bei Delikten, wo Normbewusstsein und gesetzliche Unrechtsbewertung zum Teil nicht deckungsgleich sind und überdies die Täter zusammenarbeiten, wie etwa bei Abtreibung. Wie groß aber das Dunkelfeld der polizeilich nicht bekannt gewordenen Fälle insgesamt ist, kann nicht genau beziffert werden. Manche Kriminologen gehen von jährlich 50 Mio. Taten und mehr aus,33 darunter überwiegend allerdings Bagatellen; aber auch diese Schätzungen sind letztlich spekulativ. Der Polizei dürften 1999 ca. 8 bis 8,5 Mio. Fälle bekannt werden.34 Davon werden 6,3 Mio. in der PKS nachgewiesen. Bei den restlichen Fällen handelt es sich vor allem um Vergehen im Straßenverkehr und um Staatsschutzdelikte35, die in die PKS nicht aufgenommen werden. Hinzu kommen noch solche Vergehen, die von anderen Stellen als der Polizei bearbeitet werden, so die von den Finanzbehörden bearbeiteten Steuerdelikte oder die unmittelbar und abschließend von der Staatsanwaltschaft erledigten Fälle, z. B. der Wirtschaftskriminalität. Diese Fallgruppen sind quantitativ nicht sehr bedeutsam. Wie aus der Staatsanwaltschafts-Statistik hervorgeht, war in rund 80% aller erledigten Ermittlungsverfahren die Polizei Einleitungsbehörde. Rund die Hälfte aller polizeilich bekannt gewordenen Fälle wird an der nächsten Stufe ausgeschieden, weil kein Tatverdächtiger ermittelt werden kann.36 Bei den Tatverdächtigen handelt es sich also um eine Auslese aus einem doppelten Dunkelfeld, des Dunkelfeldes der nicht angezeigten Taten und des Dunkelfeldes der zwar angezeigten Taten, aber der nicht ermittelten Tatverdächtigen.37 Aussagen über "Täter", seien es Tatverdächtige oder Verurteilte, sind also regelmäßig Aussagen über in hohem und unterschiedlichem Maße ausgelesene Gruppen.38

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"Firmen werden vor einer Anzeige ihr Interesse an der Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen prüfen, etwa ihr Interesse an guten Arbeitskräften, Kunden oder Geschäftspartnern. Bei Delikten leitender Angestellter wird der Ruf des Unternehmens in die Überlegungen einbezogen werden"; Blankenburg, E., 1995, S. 14. 33 Vgl. KREUZER, A., 1994, S. 10; KURY, H., 2001, S. 83 f. 34 Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Ausgehend vom Anteil der Straßenverkehrsvergehen an allen Verurteilungen (1998: 30%), käme man 1998 auf 8,2 Mio. polizeilich bekannt gewordene Straftaten. Wegen der vermutlich höheren Einstellungsrate dürfte diese Zahl etwas unterschätzt sein. 35 Staatsschutzdelikte werden in einem polizei-internen besonderen Meldedienst "Staatsschutzkriminalität" (SMD-St) erfasst, der die politisch motivierten Straftaten umfasst und der auch eine zählende Auswertung enthält. Einige wenige Ergebnisse dieser zählenden Auswertung werden zwar als "PKS-S" (PKS-Staatsschutz) in Ziffer 4 des BKA-Jahrbuches für die (allgemeine) PKS abgedruckt, sind inhaltlich jedoch von der allgemeinen PKS unabhängig. Zusätzlich wurde vor einigen Jahren ein besonderer polizeilicher Meldedienst über fremdenfeindliche, antisemitische und rechtsextremistische Straftaten vereinbart. Dessen Ergebnisse werden jedoch ausschließlich vom Bundesinnenministerium und vom Bundesamt für Verfassungsschutz veröffentlicht. Zu den Inhalten, den Datenproblemen und den ab 1.1.2001 vereinbarten Änderungen vgl. unten Kapitel 2.10. 36 1999 betrug die Aufklärungsquote 53%. 37 Diese beiden Dunkelfelder bestehen unabhängig voneinander. Eine hohe Aufklärungsrate ändert nichts an einer bereits durch Unterschiede in der Anzeigeerstattung vorgegebenen Verzerrung der "registrierten Kriminalität". Wenn z. B. nur 1% der Ladendiebstähle entdeckt und der Polizei bekannt wird, dann kann auch eine bei über 95% liegende Aufklärungsquote nichts daran ändern, dass nur über die Tatverdächtigen dieses einen Prozentes etwas ausgesagt werden kann. 38 "So sind z. B. Jugendliche im Allgemeinen eher zu einem Geständnis zu bewegen als Erwachsene. Außerdem spielt sich ihr Verhalten häufiger im öffentlichen Raum ab und ist dadurch sichtbarer als das erwachsener Täter. Schließlich haben sie seltener Zugang zu den ‚verborgeneren‘ Delikten der Betrugs- und Wirtschaftskriminalität. Alles Verhaltensmerkmale, die am Beispiel des Alters von Tatverdächtigen deutlich machen, wie problematisch Schlüsse von den kriminalstatistischen Daten auf die ‚Wirk-

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Ein prozentual nochmals erheblicher Anteil wird im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Prüfung des Sachverhalts ausgeschieden. Von den ermittelten strafmündigen Tatverdächtigen werden ca. 30% angeklagt,39 bei der weit überwiegenden Zahl wird entweder das Verfahren mangels Strafbarkeit des angezeigten Sachverhalts, mangels hinreichenden Tatverdachts oder aber auch aus Opportunitätsgründen wegen geringer Schwere der Tat eingestellt. Die letzte Stufe der Filterung stellt die gerichtliche Entscheidung dar. Von den Angeklagten werden knapp 20% freigesprochen oder aus anderen Gründen nicht verurteilt.40 Bei ungefähr 10% der Verurteilten wird auf eine mit Freiheitsentzug verbundene Strafe erkannt. 1.3.2.2 "Kriminalitätswirklichkeit" und "registrierte" Kriminalität in zeitlicher Perspektive Durch die Anzeigebereitschaft und ihre mögliche Veränderung werden aber nicht nur Umfang und Struktur, sondern auch die Entwicklung "registrierter" Kriminalität bestimmt.41 Die Crux einer jeden Aussage zur Kriminalitätsentwicklung ist, dass unklar ist, ob die statistischen Zahlen die Entwicklung der "Kriminalitätswirklichkeit" widerspiegeln oder ob sie lediglich das Ergebnis einer Verschiebung der Grenze zwischen Hell- und Dunkelfeld sind. Entgegen der früher üblichen Annahme, wonach zwischen Hell- und Dunkelfeld eine im Wesentlichen konstante Relation bestehe, kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die Anzeigebereitschaft über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben ist. Vielmehr wird davon auszugehen sein, dass es über die Zeit hinweg keine feste Relation zwischen begangenen und statistisch erfassten Straftaten gibt und es erhebliche Spielräume für die Verschiebung der Grenze zwischen Hell- und Dunkelfeld gibt.42 "Es kann daher", wie das Bundeskriminalamt in den Vorbemerkungen zur PKS alljährlich formuliert, "nicht von einer feststehenden Relation zwischen begangenen und statistisch erfassten Straftaten ausgegangen werden."43 Dass sich das Anzeigeverhalten (deliktsspezifisch unterschiedlich) geändert hat - teils dürfte es rückläufig, überwiegend indes angestiegen sein -, dafür gibt es eine Fülle von Hinweisen; unklar lichkeit‘ sein können"; STEFFEN, W., 1993b, S. 29, Fn. 83. 39 Durch die in Schaubild 1-1 angegebenen Zahlen wird dieser Sachverhalt unterschätzt, weil die Fälle nicht berücksichtigt werden können, die von der Polizei nicht abschließend bearbeitet werden. Für die angegebene Quote wurde auf die Daten der Staatsanwaltschaftsstatistik zurückgegriffen (vgl. hierzu Kapitel 3.2.2.2). Danach wurden 1998 28% der Verfahren gegen bekannte Tatverdächtige durch Anklage i. w. S. oder durch Antrag auf Erlass eines Strafbefehls erledigt. Wird von der Gesamtzahl der Verfahren noch die Zahl der strafunmündigen Tatverdächtigen aus der PKS in Abzug gebracht, ergibt sich eine Anklagequote von 29%. Andererseits kann die aus der StA-Statistik ermittelbare Quote unterschätzt sein, weil - im Unterschied zur PKS, in der, jedenfalls auf Landesebene, jeder Tatverdächtige nur einmal gezählt wird - in der StA-Statistik Verfahren gezählt werden. Da gegen einen Beschuldigten mehrere Verfahren durchgeführt werden können, kann es zu Mehrfachzählungen kommen, was zu einer Unterschätzung der schwersten Erledigungsart, hier der Anklage, führen kann. 40 Vgl. unten Kapitel 3.3.2. 41 Die Anzeigebereitschaft und ihre Veränderungen können positiv dahin gedeutet werden, dass sie einen Wertewandel zum Ausdruck bringen, z. B. eine höhere Sensibilität gegenüber Gewalt, dass sie der Versuch sind, öffentliche Stellen zu deren Abwehr zu mobilisieren; vgl. STEFFEN, W., 1993b, S. 32. 42 Diese Spielräume bestehen vor allem hinsichtlich einer Veränderung des Entdeckungsrisikos wie der Anzeigebereitschaft. Bei Kontrolldelikten, wie Ladendiebstahl, Schwarzfahren oder Rauschgiftmissbrauch, kann durch Intensivierung der Kontrolle die Grenze zwischen Dunkel- und Hellfeld nachhaltig verschoben werden. Erheblicher Spielraum besteht aber auch hinsichtlich der Anzeigebereitschaft. Aus Opferbefragungen geht hervor, dass die Anzeigebereitschaft bei den persönlich erlittenen Straftaten um die 50% betragen dürfte. In der letzten bundesweiten Opferbefragung im Jahr 1997 wurde (hinsichtlich persönlicher Viktimisierungserfahrungen) eine durchschnittliche Anzeigerate von 60% festgestellt (vgl. HEINZ, W., SPIEß, G., SCHNELL, R. und F. KREUTER, 1998). In der 1992 durchgeführten bundesweiten Opferbefragung des KFN wurden geringere Anzeigeraten festgestellt; für verschiedene Altersgruppen lagen sie zwischen 40% und 58% (WETZELS, P. u. a., 1995, S. 90). In den von der Forschungsgruppe "Kommunale Kriminalprävention in Baden-Württemberg" in drei süddeutschen Städten durchgeführten Opferbefragungen wurde nur eine durchschnittliche Anzeigerate von unter 30% ermittelt; vgl. HEINZ, W. und G. SPIEß, 1995, S. 103. Einige Forschungsergebnisse deuten zudem darauf hin, dass zwischen erfragtem und tatsächlichem Anzeigeverhalten eine beträchtliche Kluft bestehen kann. In einschlägigen Nachuntersuchungen konnte nur ein Teil der in den Befragungen als gemeldet berichteten Fälle auch als tatsächlich erfolgter Polizeikontakt bestätigt werden; in einer schwedischen Untersuchung wurde z. B. festgestellt, dass es lediglich in neun von insgesamt 78 angeblich angezeigten Fällen tatsächlich zu einem Polizeikontakt gekommen war; hiervon führte nur ein Fall zu einer offiziellen Registrierung; vgl. SVERI, K., 1982, S. 164 f. Vgl. ferner KURY, H., 2001, S. 81 ff. 43 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 7.

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ist dagegen das jeweilige Ausmaß. Umfassende empirische Untersuchungen zu Ausmaß und Richtung des Wandels fehlen; lediglich für Einzelbereiche liegen Anhaltspunkte vor. Aus Befragungen von Opfern zu ihrem Anzeigeverhalten sowie aus dem zeitlichen Längsschnittvergleich von Kriminalstatistiken mit Ergebnissen der Dunkelfeldforschung lässt sich schließen, dass z. B. bei Gewaltkriminalität die Anzeigebereitschaft in den letzten Jahren angestiegen sein dürfte.44 Hinsichtlich der Mehrzahl der Delikte kann jedoch mangels einschlägiger Längsschnittuntersuchungen ein Wandel des Anzeigeverhaltens nur vermutet werden. Im Unterschied zu zahlreichen anderen Staaten wurden in der Bundesrepublik Deutschland bislang keine regelmäßigen statistikbegleitenden Dunkelfeldforschungen durchgeführt, mit denen der Wandel der Anzeigebereitschaft näher hätte bestimmt werden können. Aussagen zur Entwicklung der "Kriminalitätswirklichkeit" sind deshalb für die Situation in Deutschland lediglich auf einer empirisch ungesicherten Plausibilitätsebene möglich, nicht aber auf einer Ebene empirisch begründeten Wissens. Es kann nur vermutet werden, dass jedenfalls ein Teil des Anstiegs registrierter Kriminalität auf Veränderungen des Anzeigeverhaltens beruht. Schaubild 1-2:

Gewaltkriminalität im Dunkelfeld und polizeilich registrierte Gewaltkriminalität in den USA 1973-1999 K onstanzer I nventar K riminalitätsentwicklung

Mio. Fälle

Total violent crime 4

KIK:ViolCrUS1999

3

- 30%

2

Crimes recorded by the police 1

+58%

0 1973

1975

1980

1985

1990

1995

1999

Wie belangvoll - und notwendig - derartige empirische Befunde zum Dunkelfeld sein können, zeigt z. B. die vergleichende Gegenüberstellung von Daten der amerikanischen Kriminalstatistik (Uniform Crime Report [UCR]) mit den Ergebnissen einer seit 1973 alljährlich durchgeführten Befragung (National Crime Victimization Survey [NCVS]) (vgl. Schaubild 1-2)45. Schwere "Gewaltkriminalität" (Mord, Vergewaltigung, Raub und schwere Körperverletzung) ist, dem NCVS zufolge, auf dem niedrigsten Stand seit 1973 und ist seitdem um 30% zurückgegangen; nach den Daten der amerikanischen Kriminalstatistik ist sie dagegen gestiegen und lag 1999 um 58% über dem Niveau von 1973. Gäbe es die Befragungsdaten nicht, würde aufgrund der Kriminalstatistik (fälschlich!) auf einen starken Anstieg der schweren "Gewaltkriminalität" geschlossen.

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Vgl. SCHWIND, H.-D., 2001, S. 39. Hierzu Kapitel 2.1.2. Legende zu Schaubild 1-2: Total violent crime: The number of homicides recorded by police plus the number of rapes, robberies, and aggravated assaults from the victimization survey whether or not they were reported to the police. Crimes recorded by the police: The number of homicides, forcible rapes, robberies, and aggravated assaults included in the Uniform Crime Reports of the FBI excluding commercial robberies and crimes that involved victims under age 12. 45

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Die Annahme, die "Kriminalitätswirklichkeit" habe sich ebenso oder zumindest ähnlich wie die "registrierte" Kriminalität entwickelt, ist deshalb eine Schlussfolgerung, die auf der (stillschweigenden, aber zumeist unzutreffenden) Annahme gemacht wird, sämtliche neben der Kriminalitätsentwicklung maßgebenden Einflussgrößen auf "registrierte" Kriminalität seien im Vergleichszeitraum konstant geblieben. Um ein möglichst vollständiges Kriminalitätslagebild zu erhalten, bedarf es deshalb auch der Kenntnis jener Delikte, die der Polizei nicht bekannt werden, die also im Dunkelfeld bleiben. Dies ist nicht nur geboten, um etwas über die Art und Zahl der Delikte zu erfahren, die - aus welchen Gründen auch immer - der Polizei nicht gemeldet werden, sondern auch, um zu ermitteln, ob Veränderungen der kriminalstatistisch registrierten Delikte nicht bloß auf einem geänderten Anzeigeverhalten beruhen. Schließlich haben Polizei und gesellschaftliche Gruppen in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, für Probleme z. B. der Gewalt gegen Frauen, der Gewalt in Schulen und gegen Minderheiten zu sensibilisieren und Opfer zur Anzeigeerstattung zu ermutigen. Zunehmende Anzeigezahlen können deshalb nicht nur durch einen realen Anstieg von Taten, sondern auch durch eine - durchaus erwünschte erhöhte Anzeigebereitschaft der Opfer begründet sein. 1.3.3 Kriminalität im Dunkelfeld 1.3.3.1 Ergebnisse von Täterbefragungen Täterbefragungen richteten sich, zumindest in der Bundesrepublik Deutschland, bislang - auch aus methodischen Gründen46 - überwiegend an leicht erreichbare Zielpopulationen (Schüler, Studenten, Rekruten, Strafanstaltsinsassen). Ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung wurde bislang nicht befragt. Zusammenfassend kann als Ertrag dieser Befragungen festgehalten werden:47 - Bei Jugendkriminalität handelt es sich um ein überaus weit verbreitetes, häufig vorkommendes Geschehen. "Im Schnitt über 90% der mit Befragungen erfassbaren Jungen und jungen Männer geben an (bzw. zu), mindestens einmal in ihrem seitherigen Leben, regelmäßig jedoch wiederholt, Handlungen begangen zu haben, die juristisch unter eine Strafnorm des Strafgesetzbuchs oder eines Gesetzes aus dem sog. Nebenstrafrecht ... subsumiert werden könnten."48 Für den unteren und teilweise für den mittleren Schwerebereich der Kriminalität - einfache Diebstähle, Unterschlagung, Betrügereien, Schlägereien, Schwarzfahren, Hausfriedensbrüche, Vandalismus, Drogenbesitz usw. - gilt, dass es im statistischen Sinne "normal" ist, im Jugendalter strafbare Handlungen zu begehen, dass es aber (erneut im statistischen Sinne) "anormal" ist, erwischt und strafrechtlich verfolgt zu werden. - Erhebliche Unterschiede bestehen aber in Verbreitung, Struktur und Intensität der Delinquenz. Denn die Verübung schwerer Delikte ist die Ausnahme, Intensivtäter sind nur eine kleine Minderheit. Mit steigender Deliktsschwere und -häufigkeit wächst die Wahrscheinlichkeit polizeilicher Registrierung. - Innerhalb der in Täterbefragungen erfragten Delikte dominiert der Diebstahl, insbesondere der Ladendiebstahl. Häufig sind außerdem noch Delikte wie das Hinterziehen von Fahr- und Eintrittsgeldern. - Ihren Gipfel erreicht die erfragte/erfragbare Delinquenz im Alter unter 16 Jahren, also früher als die registrierte Kriminalität. Strafrechtliche Sozialkontrolle scheint demnach erst dann verstärkt einzusetzen, wenn die Delinquenz bereits am Abklingen ist. - Auch nach Dunkelfeldergebnissen ist die Delinquenzbelastung von Mädchen und Frauen wesentlich geringer als die ihrer männlichen Altersgenossen. Sie ist freilich nicht so gering, wie dies nach den Kriminalstatistiken zu sein scheint. Bei einigen Delikten, wie Fahrgeldhinterziehung, Ladendiebstahl, 46 Mündliche Befragungen scheiden bei Täterbefragungen faktisch aus. Die Versendung von schriftlichen Fragebögen zur selbstberichteten Delinquenz verspricht wegen der niedrigen Rücklaufquote wenig Erfolg. Man kann diese Methode deshalb nur dann einsetzen, wenn die Fragebögen nach dem Ausfüllen sofort wieder eingesammelt werden. Diese Möglichkeit bietet sich jedoch in aller Regel nur in Schulen, Universitäten und während Ausbildungskursen der Bundeswehr. 47 Vgl. die zusammenfassenden Analysen bei EISENBERG, U., 2000, S. 621 f.; KAISER, G., 1996, S. 395 ff. ; SESSAR, K., 1997, S. 72; vgl. ferner Kapitel 5.4.4.1. 48 KERNER, H.-J., 1993, S. 29.

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Rauschmittelumgang, gleichen sich die Belastungen der Geschlechter fast völlig. Mit steigender Häufigkeit und Schwere der erfragten Delikte nimmt dagegen der Geschlechterabstand wieder zu. Mit Gewalt verbundene Delikte finden sich fast nur bei Jungen. Daraus folgt, dass, jedenfalls bezogen auf männliche Jugendliche und auf den Gesamtbereich aller Taten, die Unterscheidung in "Kriminelle" und "Nichtkriminelle" nicht haltbar ist. Jugendkriminalität ist nämlich - im statistischen Sinne - "normal". Straffälligkeit ist kein Minderheitenphänomen. "Sie gerät zum üblichen Lebensrisiko junger Männer in unseren spätindustriellen Massengesellschaften."49 Das Hineinwachsen junger Menschen in die Sozial- und Rechtsordnung ist offenbar konfliktbehaftet. Zu diesem Prozess des Hineinwachsens gehört auch der Konflikt in Form des Verstoßes gegen Strafrechtsnormen. Im Bagatellbereich der Delinquenz scheinen alle Jugendlichen schon einmal auffällig geworden zu sein. Entdeckt, verfolgt und sanktioniert wird jedoch nur ein Bruchteil. Auch ohne strafrechtliche Reaktion hört die ganz große Mehrheit mit dieser jugendtypischen Straftatbegehung auf. 1.3.3.2 Ergebnisse von Opferbefragungen Opferbefragungen als wesentliche Methode der Dunkelfeldforschung wurden in groß angelegtem Stil ab Mitte der sechziger Jahre in den USA durchgeführt. Die dortigen Erfahrungen mit der Etablierung eines regelmäßig wiederholten repräsentativen Victim Surveys wurde auch in den achtziger bzw. neunziger Jahren in Großbritannien und den Niederlanden aufgegriffen; seitdem werden dort periodische Opferbefragungen bei national repräsentativen, großen Stichproben50 realisiert.51 Die Befragung von Opfern mit dem Ziel, Ausmaß und Struktur der Kriminalität zu erfassen, ist zwar auch schon seit den sechziger Jahren Bestandteil kriminologischer Forschung in Deutschland. Aber erst in den neunziger Jahren wurden mehrere Opferuntersuchungen bei Stichproben durchgeführt, die entweder repräsentativ waren für das gesamte Gebiet der Bundesrepublik oder für die alten bzw. die neuen Länder.52 Eine periodische Opferuntersuchung, die mit vergleichbarer Methode und vergleichbaren Fragestellungen durchgeführt wird, gibt es indes noch nicht. Wegen unterschiedlicher Grundgesamtheiten, wegen Unterschieden in den Stichprobengrößen, im Stichprobendesign und in der Befragungsform, wegen unterschiedlicher Fragekontexte und Frageformulierungen hinsichtlich der Delikte sowie wegen unterschiedlicher Referenzzeiträume sind die Ergebnisse der bislang durchgeführten Untersuchungen nur bedingt miteinander vergleichbar. Dennoch lässt sich als Ergebnis festhalten: - Das Dunkelfeld ist deliktsspezifisch unterschiedlich groß. - Die Anzeigewahrscheinlichkeit ist delikts-, täter- und opferspezifisch sowie in Abhängigkeit von Täter-Opfer-Konstellationen unterschiedlich groß. Vergewaltigung wird z. B. weitaus seltener angezeigt als ein Wohnungseinbruch; Straftaten in der Familie oder unter Beteiligung von Verwandten bleiben häufiger im Dunkelfeld als vergleichbare Straftaten unter Fremden. Bei Eigentumsdelikten beeinflusst vor allem die Schwere des erlittenen Schadens und das Vorhandensein einer Versicherung die Anzeigebereitschaft, d. h. mit der Schadenshöhe und in Abhängigkeit von Versicherungsbedingungen steigt die Wahrscheinlichkeit der Anzeige.53 - Unter den üblicherweise abgefragten Delikten - Sachbeschädigung, einfacher Diebstahl, Einbruchsdiebstahl, Angriff/Drohung, Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung - dominieren die einfachen

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Ebenda, S. 35. Die Stichprobe des US-amerikanischen "National Crime Victimization Survey" (NCVS) umfasst jährlich rd. 50.000 Haushalte mit ungefähr 100.000 Personen http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/cvict.htm#Programs. Die Stichprobengröße des "British Crime Survey" (BCS) wird von 2001 an auf 40.000 Personen erhöht werden http://www.homeoffice.gov.uk/rds/bsc1.html./ 51 Vgl. die Nachweise bei DÖRMANN, U., 1988; SCHWIND, H.-D., 2001, S. 47 f. 52 Vgl. die Nachweise bei WEIß, R., 1997. 53 Hierzu und zu weiteren anzeigefördernden wie -hemmenden Konstellationen BLANKENBURG 1995, 13 f.; HEINZ, W., 1993; SCHWIND, H.-D., 2001, S. 380 ff. 50

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Fälle von Diebstahl und Sachbeschädigung. Gewaltdelikte sind - auch im Dunkelfeld - relativ seltene Ereignisse. - Männer werden häufiger Opfer als Frauen. - Jüngere Menschen werden häufiger Opfer als ältere Menschen. Die Opferraten nehmen nach dem 35. Lebensjahr deutlich ab. Die auf verschiedene Deliktsgruppen bezogenen Raten zeigen allerdings ein differenziertes Bild. In einer 1995 durchgeführten bundesweiten Opferbefragung wurde festgestellt, dass mit Sachbeschädigung die mittleren Jahrgänge am stärksten belastet sind, während es bei Diebstahlsdelikten die jüngeren Jahrgänge sind. Deliktserfahrung im Nahraum - Wohnungseinbruch und Einbruchsversuch - nimmt bis zur Altersgruppe der bis 64-Jährigen zu, während von Erfahrung mit Gewalt vornehmlich die unter 30-Jährigen, hier besonders die unter 24-Jährigen, berichten.54 In Übereinstimmung mit den kriminalstatistischen Befunden kommen auch Dunkelfeldforschungen zum Ergebnis, dass Viktimisierung durch Gewaltkriminalität ein relativ seltenes Ereignis ist. Zweitens zeigen Opferuntersuchungen, dass junge Menschen nicht nur - wie aus Täterbefragungen hervorgeht - häufiger Täter sind, sie sind insbesondere auch häufiger Opfer. Unter Berücksichtigung auch der familiären Gewalt sind junge Menschen sogar weitaus häufiger Gewaltopfer als Gewalttäter. Nicht so sehr als Täter, sondern vor allem als Opfer verdienen deshalb junge Menschen die Aufmerksamkeit und den Schutz der Gesellschaft. Opfer von Gewalt Erwachsener sind häufig junge Menschen, Opfer von Gewalt junger Menschen sind häufig Gleichaltrige. 1.3.3.3 Grenzen von Dunkelfeldforschungen Durch diese Forschungen lässt sich ein Teil des Dunkelfeldes aufhellen; vollständig und verzerrungsfrei ist dies aber auch hierdurch nicht möglich. Die Grenzen von Dunkelfeldforschungen werden zum einen bestimmt durch die allgemeinen methodischen Probleme von Stichprobenbefragungen, zum anderen durch spezielle Probleme dieses Befragungstyps. Hierzu zählen die beschränkte Erfragbarkeit von Delikten, der Verständlichkeit der Deliktsfragen, die Erinnerungsfähigkeit der Befragten und der Wahrheitsgehalt der Aussagen. Auch für Dunkelfeldforschungen gilt, dass sie Wahrnehmungen und Bewertungen der Betroffenen widerspiegeln.55 - Zu den allgemeinen methodischen Problemen einer jeden Befragung zählt vor allem, dass bestimmte Personengruppen typischerweise nicht oder nicht repräsentativ erfasst werden, wie z. B. Obdachlose, Internierte (etwa in Heimen oder in Strafvollzugsanstalten Untergebrachte) oder in bestimmten subkulturellen Milieus lebende Personen. Ferner werden aus erhebungstechnischen Gründen bestimmte Einheiten der Grundgesamtheit mehr oder weniger systematisch ausgeschlossen werden, wie z. B. der deutschen Sprache nicht mächtige Gruppen, zu junge oder zu alte Personen, ferner Angehörige überdurchschnittlich mobiler Personengruppen, die, sei es aus Gründen des beruflichen oder des privaten Lebensstils, schwieriger an ihrer Wohnanschrift anzutreffen sind als andere, weniger mobile Personengruppen. - Täter- wie Opferbefragungen stehen vor dem Problem, dass es aufwändiger ist, schwerere Delikte zu erfragen, weshalb sich die weit überwiegende Zahl der Untersuchungen auf eher leichtere Delikte beschränken. Bei Opferbefragungen scheiden ferner solche Delikte aus, die im strengen Sinn kein Opfer haben bzw. sich nicht unmittelbar gegen Privatpersonen richten, die das Opfer als solche gar nicht bemerkt hat sowie Delikte, bei denen das Opfer naturgemäß keine Angaben (mehr) machen kann, wie z. B. vollendete Tötungsdelikte. Kaum zuverlässig erfassbar sind Delikte, bei denen Täter und Opfer einverständlich zusammenwirken bzw. Delikte, an denen das Opfer selbst beteiligt oder interessiert ist. Relativ gut erfassbar sind also vor allem Eigentumsdelikte, die sich gegen Privatpersonen richten. Bei 54 55

Vgl. LISBACH, B. und G. SPIESS, 2001. Zusammenfassend und weiterführend WETZELS, P., 1996.

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anderen Delikten gegen Private, wie z. B. Gewalt- und Sexualdelikte, hängt die Aussagekraft davon ab, dass die Stichprobe hinreichend groß genug ist, um noch genügend Opfer zu finden. Delikte wie Wirtschafts- und Umweltkriminalität schließlich werden mit dem Instrumentarium der Opferbefragung nicht erfasst, wenngleich von ihnen für die Gesellschaft wie für den Einzelnen durchaus erhebliche Schäden ausgehen können. - Ein allgemeines, aber sich bei Täter- und Opferbefragungen in besonderer Schärfe stellendes Problem besteht in der Schwierigkeit, strafrechtliche Tatbestände adäquat in die Umgangssprache umzusetzen. Da die subjektive Bewertung, Opfer eines bestimmten Delikts geworden zu sein, nicht unbedingt mit strafrechtlichen Definitionen in Einklang steht, kann dies dazu führen, dass auch Vorfälle, die rechtlich noch nicht die Grenzen der Strafbarkeit überschreiten, in Opferbefragungen als Viktimisierungserfahrungen registriert werden. - Probleme können sich auch aus der unterschiedlichen Fähigkeit der Befragten ergeben, sich an erfragte Sachverhalte zu erinnern: Täter- und Opferbefragungen haben ergeben, dass schwerere Delikte eher erinnert werden als leichte, dass ein Teil der länger zurückliegenden schwereren Delikte in den Befragungszeitraum hinein zeitlich vorverschoben werden (sog. Telescoping-Effekt). - Furcht vor einer möglichen Bestrafung, Schamgefühle, übergroßes Geltungsstreben bis hin zur Verfälschung in Richtung auf die vermeintlich erwartete Antwort können Gründe für unbewusst oder bewusst unwahre Angaben sein. Speziell innerfamiliäre Vorfälle werden aus Gründen der Scham oder aber, weil sie nicht als Straftat, sondern als Privatsache angesehen werden, zu einem erheblichen Anteil nicht mitgeteilt.56 1.4 "Registrierte Kriminalität" 1.4.1 Die kriminalstatistischen Erkenntnismittel im Überblick "Die" Kriminalstatistik, mit der, gleichsam naturalistisch, "Kriminalität" gemessen werden könnte, gibt es nicht, weder im Inland noch im Ausland. In der Bundesrepublik stehen derzeit als kriminalstatistische Erkenntnismittel vor allem zur Verfügung (vgl. Schaubild 1-3):57 (1) Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS): In der auf Bundesebene vom Bundeskriminalamt veröffentlichten PKS werden die "von der Polizei bearbeiteten rechtswidrigen (Straf)Taten einschließlich der mit Strafe bedrohten Versuche registriert. Einbezogen sind auch die vom Zoll bearbeiteten Rauschgiftdelikte. Nicht enthalten sind Ordnungswidrigkeiten, Staatsschutzdelikte und Verkehrsdelikte"58, ferner sind nicht enthalten die von der Staatsanwaltschaft (bedeutsam vor allem im Bereich der Wirtschaftsstraftaten), von den Finanzämtern (Steuervergehen) und den Zollbehörden (außer den Rauschgiftdelikten) unmittelbar und abschließend bearbeiteten Vorgänge sowie die Straftaten von Soldaten der Bundeswehr, deren Ermittlung der Disziplinarvorgesetzte selbständig durchführt. Erhebungseinheiten sind "Fälle", "Tatverdächtige" und - bei bestimmten Straftaten - "Opfer". Die PKS wird seit 1991 auch in den neuen Ländern geführt. (2) Staatsanwaltschaftsstatistik (StA-Statistik). Die seit 198159 auf Bundesebene vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Zählkartenerhebung in Ermittlungsverfahren und Verfahren nach dem Ord56

Vgl. unten Kapitel 2.1.2. Ausführlich HEINZ, W., 1990a; vgl. ferner den Überblick bei STEFFEN, W., 1993b, S. 14 f. 58 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 8. Die Staatsschutzdelikte werden über einen unabhängigen kriminalpolizeilichen Meldedienst erfasst (vgl. hierzu Kapitel 2.10). Als statistisches Erkenntnismittel über Verkehrsdelikte kommt vor allem die vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Statistik der Verkehrsunfälle (Fachserie 8: Verkehr. Reihe 7) in Betracht. 59 Die StA-Statistik wurde in den Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingeführt. 1981 konnten die Ergebnisse für BadenWürttemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland veröffentlicht werden, seit 1985 folgten Berlin-West, 1988 Hessen, 1989 für Schleswig-Holstein. Seit 1991 liegen Ergebnisse für GesamtBerlin vor, seit 1993 auch die Ergebnisse von Sachsen und Sachsen-Anhalt, seit 1994 von Brandenburg und Thüringen und seit 1995 von Mecklenburg-Vorpommern. 57

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nungswidrigkeitengesetz bei den Staats- und Amtsanwaltschaften weist die Geschäftserledigung der Staats- und Amtsanwaltschaften beim Landgericht (LG) und Oberlandesgericht (OLG) nach. Während Anzeigen gegen unbekannte Täter lediglich der Summe nach mitgeteilt werden, werden hinsichtlich der Verfahren gegen bekannte Täter (Js-Register) die Art der Erledigung, die Zahl der beschuldigten Personen (bei bestimmten Erledigungsarten), die Verfahrensdauer und die Art der Einleitungsbehörde nachgewiesen. Bei der StA-Statistik handelt es sich um eine Verfahrensstatistik, die, von eng begrenzten Ausnahmen abgesehen, bis 1998 weder Angaben zum Delikt noch zu den Beschuldigten enthält.60 Seit dem Berichtsjahr 1989 liegen die Ergebnisse für sämtliche (alten) Länder vor; seit 1995 auch für die neuen Länder. Schaubild 1-3:

Übersicht über die Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken in der Bundesrepublik Deutschland Verfahrensabschnitt

Datensammlung

(Erhebungseinheit)

(veröffentlichende Stelle auf Bundesebene)

Ermittlungsverfahren Polizeiliche Ermittlungen (Tatverdacht: Fall, Tatverdächtige, Opfer) Entscheidung der Staatsanwaltschaft über das Ergebnis der Ermittlungen (Geschäftsanfall und Art der Erledigung, bezogen auf Verfahren)

Polizeiliche Kriminalstatistik (Bundeskriminalamt) (seit 1953) Staatsanwaltschaftsstatistik (Statistisches Bundesamt) (seit 1981)

Hauptverfahren Strafgerichtliche Tätigkeit (Geschäftsanfall und Form der Erledigung, bezogen auf Verfahren) Strafgerichtliche Entscheidungen (Aburteilungen, Verurteilung, bezogen auf Personen)

Justizgeschäftsstatistik in Strafsachen (Statistisches Bundesamt) (seit 1959) Strafverfolgungsstatistik (Statistisches Bundesamt) (seit 1950)

Strafvollstreckung/Strafvollzug Strafaussetzung zur Bewährung (mit Unterstellung unter hauptamtlichen Bewährungshelfer) (Erlass/Widerruf der Strafaussetzung, bezogen auf Probanden) Vollzug einer Freiheitsstrafe (Zahl und Art der Justizvollzugsanstalten, Belegung, Belegungsfähigkeit, demographische Merkmale der Gefangenen)

Bewährungshilfestatistik (Statistisches Bundesamt) (seit 1963)

Strafvollzugsstatistik (Statistisches Bundesamt) (seit 1961)

(3) Über die Tätigkeit der Strafgerichte informieren die Strafverfolgungsstatistik und die Justizgeschäftsstatistik der Strafgerichte. (3.1) Strafverfolgungsstatistik (StVStat): In der auf Bundesebene vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten StVStat werden alle Angeklagten nachgewiesen, gegen die rechtskräftig Strafbefehle erlassen wurden bzw. Strafverfahren nach Eröffnung des Hauptverfahrens durch Urteil oder Einstellungsbeschluss rechtskräftig abgeschlossen worden sind. Nicht erfasst werden Ordnungswidrigkeiten, ferner Entscheidungen vor Eröffnung des Hauptverfahrens sowie Entscheidungen nach Rechtskraft des Urteils.61 Von den fünf neuen Ländern haben bislang Brandenburg, Sachsen und Thüringen die StVStat eingeführt, ab 1.1.2001 wird auch in Mecklenburg-Vorpommern mit der Führung der StVStat begon-

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Es wurden bislang nur "besondere Wirtschaftsstrafsachen" und Straßenverkehrsstrafsachen ausgewiesen. Erstmals ab dem Berichtsjahr 1998 wird auch nachgewiesen werden, ob das Ermittlungsverfahren eine Betäubungsmittelstrafsache, Umweltstrafsache, Strafsache gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder eine Strafsache der Organisierten Kriminalität betrifft. Ab dem Berichtsjahr 1998 werden die Erledigungsarten auch für die Beschuldigten nachgewiesen. 61 Ausnahmsweise werden jedoch Entscheidungen gemäß § 59 StGB (Verwarnung mit Strafvorbehalt), §§ 27, 45 Abs. 1 (alt bzw. Abs. 3 neu) JGG (Aussetzung der Verhängung der Jugendstrafe, Absehen von der Verfolgung) erfasst.

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nen. Da noch nicht aus allen neuen Ländern Daten vorliegen, werden vom Statistischen Bundesamt derzeit nur Eckdaten aus den genannten Ländern veröffentlicht. (3.2) In der auf Bundesebene vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zählkartenerhebung in Strafund Bußgeldverfahren (StP/OWi-Statistik/ Justizgeschäftsstatistik der Strafgerichte) werden der Geschäftsanfall und die Erledigung von Strafsachen bei den Amts-, Land- und Oberlandesgerichten nachgewiesen.62 Diese Statistik ist nicht nach Delikten gegliedert; lediglich die Zahl der insgesamt erledigten Verfahren, die eine im Straßenverkehr begangene Straftat betreffen, wird gesondert ausgewiesen. Seit dem Berichtsjahr 1995 sind auch die neuen Länder vollständig einbezogen. (4) Bewährungshilfestatistik (BewH-Statistik): Aus dem großen Bereich der Strafvollstreckung wird lediglich ein Teilausschnitt statistisch erfasst, nämlich jener der Unterstellung unter einen hauptamtlichen Bewährungshelfer. In der auf Bundesebene vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten BewH-Statistik werden - neben den hauptamtlichen Bewährungshelfern - vor allem die diesen zur Betreuung unterstellten Probanden der Bewährungshilfe nachgewiesen. Die BewH-Statistik wird derzeit lediglich in zwei der fünf neuen Länder - Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern - geführt; in Hamburg wurde sie eingestellt - mit der Folge, dass eine langfristig vergleichbare Bundesstatistik nicht mehr möglich ist. (5) Strafvollzugsstatistik (StVollz-Statistik): In ihr werden zum einen (Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 4.1: Demographische und kriminologische Merkmale der Strafgefangenen) zum Stichtag jeweils zum 31.3. eines Berichtsjahres - die Struktur der Strafgefangenen (Alter, Geschlecht, Art der Straftat usw.) im Freiheits- und Jugendstrafvollzug sowie der Sicherungsverwahrten nachgewiesen. Zum anderen (Reihe 4.2: Anstalten, Bestand und Bewegung der Gefangenen) wird rückblickend auf ein Berichtsjahr der Bestand an Gefangenen und Verwahrten in den Justizvollzugsanstalten zu Beginn und zum Ende des Jahres nachgewiesen; ferner werden Untersuchungs- und Abschiebungshäftlinge erfasst sowie die Art der Zugänge und der Abgänge (Gefangenenbewegung). Die StVollz-Statistik wird auch in den neuen Ländern geführt. 1.4.2 Voraussetzungen für verlässliche Aussagen auf kriminalstatistischer Grundlage "Es gibt drei Arten von Lügen - Lügen, verdammte Lügen und Statistiken." Dieser Satz gibt ein verbreitetes Vorurteil gegen Statistiken, auch gegen Kriminalstatistiken, wieder. Die darin zum Ausdruck kommende Abwehrhaltung, die bis zur Faktenresistenz reicht, dürfte u. a. auch darauf beruhen, dass nicht nur die Daten in ihrer Aussagekraft wie ihren -grenzen zu wenig bekannt, sondern auch die Voraussetzungen für realitätsgerechte Aussagen vielfach unbekannt sind und deshalb die Verlässlichkeit eines mit Statistiken untermauerten Befundes nicht beurteilt werden kann. Die methodischen Grundlagen sollten bekannt sein, insbesondere wenn es um vergleichende kriminalstatistische Darstellung geht. Aussagen über "registrierte Kriminalität" werden regelmäßig entweder im zeitlichen Längsschnitt-, im regionalen Querschnitt- oder im internationalen Vergleich gemacht. Diese Vergleiche können durch eine Reihe von Faktoren verfälscht sein, deren Einfluss deshalb berücksichtigt werden sollte. In Betracht kommen insbesondere: 1. Veränderungen der Bevölkerung nach Zahl und Struktur: Für Vergleichszwecke sind absolute Zahlen nur ausnahmsweise aussagekräftig, regelmäßig wird eine Bezugnahme auf eine standardisierte Maßzahl63 erforderlich sein, z. B. auf die Bevölkerung.64 Wie irreführend absolute Zahlen sein können, 62

In ihr werden nachrichtlich auch die Ergebnisse der Geschäftsstatistik des BGH nachgewiesen. In der Kriminalstatistik ist die Bezugnahme auf 100.000 der alters- und geschlechtsgleichen Wohnbevölkerung üblich. Dadurch ist es möglich, kriminalstatistische Ergebnisse unabhängig von der Zu- oder Abnahme der Bevölkerung im zeitlichen Verlauf und unabhängig von unterschiedlicher Bevölkerungsdichte in verschiedenen Regionen (z. B. Länder oder Städte) zu vergleichen. Freilich ist auch diese Maßzahl mit Problemen behaftet, die mit der Ungenauigkeit der Bezugsgröße (hier: Wohnbe63

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kann am Beispiel der Jugendkriminalität im Vergleich zur Kriminalität der Vollerwachsenen (25 Jahre und älter) gezeigt werden. Tabelle 1-1: Wegen Verbrechen oder Vergehen als tatverdächtig registrierte männliche deutsche Jugendliche und Erwachsene, Tatverdächtige und Tatverdächtigenbelastungszahl im Vergleich, alte Länder 1984 und 1995 (1995 mit Gesamtberlin) Jahr

Tatverdächtige VollJugendliche erwachsene

Bevölkerungszahl VollJugendliche erwachsene

Tatverdächtigenbelastungszahl Jugendliche

Vollerwachsene

1984

102.782

442.056

1.872.423

17.528.938

5.489,3

2.521,9

1995

98.986

549.819

1.183.785

20.958.349

8.361,8

2.623,4

Veränderung (%)

-3,7

+24,4

-36,8

19,6

+52,3

+4,0

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die absolute Zahl der in den alten Ländern von der Polizei insgesamt als tatverdächtig registrierten männlichen deutschen Jugendlichen (14 bis unter 18 Jahre) ging zwischen 1984 und 1995 um 3,7% zurück, im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der vollerwachsenen (25 Jahre und älter) Tatverdächtigen um 24,4%. Eine auf absolute Zahlen gestützte Aussage müsste von einem leichten Rückgang der registrierten Jugendkriminalität und von einem Anstieg der Kriminalität der Vollerwachsenen ausgehen. Da sich aber die Bevölkerungszahlen in beiden Altersgruppen deutlich, und zwar gegenläufig verändert haben, ist die auf 100.000 der jeweiligen Altersgruppe bezogene Häufigkeitszahl (hier: Tatverdächtigenbelastungszahl - TVBZ) der Jugendlichen deutlich gestiegen, die der Vollerwachsenen hingegen nur leicht. Eine Betrachtung nur der absoluten Zahlen hätte in die Irre geführt. Ein anderes Beispiel ist die Kriminalität von Zuwanderern.65 Demographische Veränderungen erfolgen nicht nur als Folge von Schwankungen der Geburtenraten, sondern auch durch Wanderungsbewegungen, insbesondere durch Zuwanderungen. Eine Berechnung von TVBZ setzt voraus, dass die Bezugsgröße (hier: die zur Wohnbevölkerung gemeldeten Personen) hinreichend genau bekannt ist.66 In der Wohnbevölkerung sind aber definitionsgemäß nicht berücksichtigt - nicht meldepflichtige Personen, insbesondere ausländische Durchreisende und Touristen sowie grenzüberschreitende Berufspendler, ferner Angehörige der Stationierungsstreitkräfte und der ausländischen diplomatischen und konsularischen Vertretungen mit ihren Familienangehörigen, - zwar meldepflichtige, aber nicht gemeldete Personen, insbesondere sich illegal Aufhaltende. Die hierdurch entstehende Unterschätzung des Bevölkerungsanteils von Zuwanderern ist vermutlich beachtlich. Zumindest waren 1999 nach den Daten der PKS67 zwischen 30% und 40% der im Bundesgebiet insgesamt registrierten Tatverdächtigen melderechtlich nicht erfasst. Je stärker die altersgleiche Bezugsbevölkerung unterschätzt ist, um so höher ist aber die Überschätzung der Kriminalitätsbelastung.68 Deshalb sind verlässliche Häufigkeitszahlen für die nichtdeutschen Tatvölkerung) zusammenhängen, insbesondere hinsichtlich einzelner Teilgruppen, etwa der Zuwanderer ohne deutschen Pass. 64 Deliktsspezifisch kann dies freilich auch eine andere Größe sein, z. B. beim Pkw-Diebstahl die Zahl der zugelassenen Pkw. 65 Vgl. hierzu unten Kapitel 2.11. 66 Unvermeidlich und hinnehmbar sind Fehler, die sich dadurch ergeben, dass es sich um fortgeschriebene Bevölkerungszahlen handelt, d. h. um solche, die seit der jeweils letzten Volkszählung fortgerechnet worden sind. 67 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 116 ("illegaler" Aufenthalt: 21,3%; "Touristen/ Durchreisende": 6,4%; "Sonstige", wie z. B. Flüchtlinge, nicht anerkannte Asylbewerber mit Duldung: 26,8%, von denen ein nicht näher bestimmbarer Teil melderechtlich ebenfalls nicht erfasst sein dürfte). 68 Die TVBZ wird nach der Formel berechnet: (Tatverdächtige*100.000)/Einwohnerzahl. Wäre (der Einfachheit halber gerechnet) jeder zweite nichtdeutsche Tatverdächtige, der sich (auch vorübergehend) im Bundesgebiet aufhielt, nicht zur Wohnbevölkerung gerechnet, dann würde die TVBZ doppelt so hoch ausfallen wie bei vollständiger Einwohnerzahl.

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verdächtigen bzw. Verurteilten nicht ermittelbar, folglich auch nicht für die entsprechende Gesamtzahl aller Tatverdächtigen bzw. Verurteilten. Sowohl Bundeskriminalamt69 als auch Statistisches Bundesamt70 berechnen deshalb schon seit Jahren Häufigkeitszahlen nur noch für die Teilgruppe der deutschen Tatverdächtigen bzw. Verurteilten, weil nur für diese Gruppen die Bezugsgröße, die Wohnbevölkerung, mit hinreichender Genauigkeit bekannt ist. 2. Verfolgungsintensität der Träger informeller oder formeller Sozialkontrolle, d. h. vor allem Anzeigebereitschaft und Kontrollpraxis von Privatpersonen wie der Polizei. Über die Zeit hinweg kann kaum davon ausgegangen werden, dass die Verfolgungsintensität unverändert geblieben ist. Auch im regionalen Vergleich sind in dieser Hinsicht Vorbehalte angebracht: - Die einzige deutsche Studie, in der mit vergleichbarer Methode zu drei verschiedenen, jeweils mindestens zehn Jahre auseinander liegenden Messzeitpunkten (Bochum 1975, 1986, 1998) Daten auch zum Anzeigeverhalten erhoben worden sind, ergab hinsichtlich Diebstahl eine leichte Abnahme und hinsichtlich Körperverletzung eine deutliche Zunahme der Anzeigebereitschaft.71 1975 war die Zahl der im Dunkelfeld verbliebenen Körperverletzungen 7-mal so hoch wie im Hellfeld, 1998 dagegen nur noch dreimal so hoch. Unter der Annahme, dass dieser Befund für die Bundesrepublik in etwa verallgemeinerbar ist, würde dies dafür sprechen, dass die vorsätzliche leichte Körperverletzung, deren registrierte (d. h. angezeigte) Häufigkeit von 1975 bis 1998 laut PKS um mehr als 150% zugenommen hat, in Wirklichkeit nur um weniger als 30% zugenommen hätte - die in der PKS registrierte Zunahme also ganz überwiegend darauf zurückzuführen ist, dass Körperverletzungen inzwischen wesentlich häufiger angezeigt werden als dies früher der Fall war. Ob dies bundesweit so gilt, und ob es auch für andere Deliktsgruppen gilt, lässt sich mangels verallgemeinerbarer empirischer Grundlage zur Veränderung des Anzeigeverhaltens nicht sagen. Immerhin belegt dies zum einen die Notwendigkeit von Studien zum Dunkelfeld und zum Anzeigeverhalten; zum anderen wird deutlich, wie problematisch Schlussfolgerungen auf die Kriminalitätsentwicklung sind, die allein auf Daten über die registrierte Kriminalität gestützt werden. - Zu den Delikten, bei denen die Intensität privater Kontrolle über die Entdeckungswahrscheinlichkeit entscheidet, gehört vor allem der Ladendiebstahl. Ein Anstieg registrierter Ladendiebstahlskriminalität um 20% muss nicht bedeuten, dass 20% mehr "gestohlen" wird, sondern kann auch bedeuten, dass vermehrte oder verbesserte Kontrollen72 dazu geführt haben, dass nicht mehr nur 5%73 der Ladendiebe erwischt werden, sondern 6%. Es kann auch bedeuten, dass gegen Ladendie-

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"Reelle Tatverdächtigenbelastungszahlen können für die nichtdeutschen Tatverdächtigen nicht errechnet werden, weil in der Einwohnerstatistik die amtlich nicht gemeldeten Ausländer fehlen, die sich hier legal (z. B. als Touristen, Geschäftsreisende, Besucher, Grenzpendler, Stationierungsstreitkräfte oder Diplomaten) oder illegal aufhalten"; BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 97. 70 "Die Verurteiltenziffern werden allerdings nur für die deutsche strafmündige Bevölkerung (ab 14 Jahren) berechnet, da aus der Bevölkerungsstatistik lediglich Zahlen über die bei den Einwohnerbehörden registrierten Ausländer zur Verfügung stehen. Dagegen ist die Gesamtzahl von sich illegal in Deutschland aufhaltenden Personen oder nicht-deutschen Touristen, die bei einer Verurteilung in Deutschland in der Strafverfolgungsstatistik mitgezählt werden, nicht bekannt. Eine Ermittlung von Verurteiltenziffern für die strafmündigen Ausländer auf der Grundlage der amtlichen Melderegister würde die tatsächliche Verurteiltenquote der ausländischen Wohnbevölkerung in Deutschland überzeichnen"; STATISTISCHES BUNDESAMT: Fachserie 10: Rechtspflege. Reihe 3: Strafverfolgung 1998, S. 5. 71 Vgl. SCHWIND, H.-D., 2001, S. 39, Übersicht 14. Die Dunkelzifferrelation, d. h. das Verhältnis der Zahl der polizeilich bekannt gewordenen Delikte zu der Anzahl der im Dunkelfeld verbliebenen Delikte, wurde für einfachen Diebstahl (ohne Warenhausdiebstahl) in Bochum 1975 mit 1:6, 1998 mit 1:8 ermittelt. Auf einen der Polizei bekannt gewordenen Diebstahl kamen 1975 sechs weitere Fälle, die nicht angezeigt worden waren, 1998 dagegen acht. Das Dunkelfeld wurde also größer, weil die Anzeigebereitschaft zurückging. Die Anzeigebereitschaft bei vorsätzlicher Körperverletzung hat dagegen zugenommen; die Dunkelzifferrelation betrug 1975 1:7, 1998 dagegen 1:3. 72 TRAULSEN, M., 1994, S. 103, weist auf ein Beispiel aus Freiburg hin, wo der Einsatz privater Sicherungsdienste im Handel dazu geführt haben soll, dass die Zahl der festgenommenen Ladendiebe innerhalb kurzer Zeit von zwei pro Woche auf einen pro Tag gesteigert werden konnte. Die statistischen Auswirkungen wären beträchtlich; die registrierte Ladendiebstahlskriminalität würde sich allein hierdurch um das Sechsfache erhöhen, obwohl sich am Kriminalitätsgeschehen nichts geändert hat . 73 Zu den Dunkelzifferschätzungen beim Ladendiebstahl vgl. unten Kapitel 2.3.4.1.1.

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be "schärfer" vorgegangen und mehr angezeigt wird.74 Entsprechendes gilt für das Kontroll- und Anzeigeverhalten der Verkehrsbetriebe hinsichtlich "Schwarzfahrens". Auch polizeiliche Schwerpunktsetzung kann zu einem vermehrten Fallaufkommen führen. Belegt ist das durch das vielzitierte sog. Lüchow-Dannenberg-Syndrom. 1981 wurde die Kriminalpolizei wegen Demonstrationen in Gorleben personell verstärkt. Auch nach Beendigung der Demonstrationen blieb die personelle Verstärkung erhalten mit der Folge, dass in Lüchow-Dannenberg die Zahl der Tatverdächtigen deutlich stärker als in den umliegenden Landkreisen zunahm.75 "Je mehr Polizei eingesetzt wird, desto mehr Straftaten werden verfolgt bzw. bekannt."76 Von daher müssten also auch die personellen Ressourcen, deren Einsatz sowie die hierbei erfolgende Prioritätensetzung mit in die Überlegung einbezogen werden.77

3. Besonderheiten im Geschäftsanfall: Sämtliche hier relevanten Statistiken sind Arbeitsergebnisse, in denen die Geschäftserledigung im jeweiligen Berichtsjahr nachgewiesen wird. Die PKS informiert über die im jeweiligen Berichtsjahr registrierten oder aufgeklärten Fälle sowie die ermittelten Tatverdächtigen, die StA-Statistik über die erledigten Ermittlungsverfahren, die StVStat über die Verurteilungen. In keiner dieser Statistiken wird nachgewiesen, in welchem Jahr diese Straftaten verübt wurden. Dies ist praktisch unschädlich, sofern nicht aus besonderen Gründen vermehrt Fälle aus der Vergangenheit zu bearbeiten sind. Ein sehr anschauliches Beispiel für den Einfluss von ausnahmsweise eintretenden Veränderungen des Geschäftsanfalls bietet der starke Anstieg der in der PKS ausgewiesenen Tötungsdelikte Anfang der neunziger Jahre. Dies beruhte auf den von der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität erfassten Fällen von Mord und Totschlag Grenzzwischenfälle und ungeklärte Tötungsdelikte in Gefängnissen der DDR -, deren Tatzeiten zwischen 1951 und 1989 lagen.78 4. Gesetzgebung oder Rechtsprechung: Veränderungen hinsichtlich der unter Strafe gestellten Verhaltensweisen schlagen sich zwangsläufig auch in der Statistik nieder. Der erst seit dem 1.1.1975 strafbare Versuch der gefährlichen Körperverletzung führte z. B. zu einer Zunahme der registrierten "Gewaltkriminalität".79 Weniger deutlich wird in der Regel der Einfluss der Rechtsprechung sein, wenn etwa durch die höchstrichterliche Rechtsprechung die Grenze der alkoholbedingten absoluten Fahruntüchtigkeit von 1,3%0 auf 1,1%0 herabgesetzt wird. 5. Registrierverhalten der statistikführenden Stellen: Dass jeder zu erfassende Fall auch statistisch (und auch den Erfassungsrichtlinien entsprechend) erfasst wird, ist nicht immer gesichert; unterschiedliche "Erfassungstraditionen" in den Ländern oder auch in örtlichen Dienststellen sind nicht auszuschließen.80 Eine systematische Fehlerquellenanalyse wurde zwar noch nicht durchgeführt. Einzeluntersuchungen belegen zum einen sowohl Über- als auch Untererfassungen.81 Ferner dürfte von einer syste74

BLANKENBURG und Mitarbeiter untersuchten ab Anfang 1966 für einen Zeitraum von 1½ Jahren aufgrund der internen Unterlagen von dem größten Warenhaus in Freiburg und einem großen dortigen Lebensmittel-Einzelhandels-Unternehmen mit 32 Filialen die Erledigungspraxis bei Ladendiebstahl. In diesem Zeitraum änderten die Unternehmen ihre Reaktionsweise; sie zeigten - auf Drängen der Polizei - mehr an. Daraus ergab sich für die beiden zum Vergleich ausgewählten Zeiträume (1. Quartal 1966 und 1. Quartal 1967): Die intern den Unternehmen bekannt gewordenen Ladendiebstähle ging um 5% zurück. Während aber im ersten Quartal 33% angezeigt wurden, waren es im Vergleichszeitraum des Folgejahres 70%. Die Folge war, dass in der PKS die Zahl der registrierten Ladendiebstähle um 97% zunahm, ein "dramatischer" Anstieg. Vgl. BLANKENBURG, E., 1973, S. 138 ff. 75 Vgl. PFEIFFER, C., 1987, S. 33 ff.; PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1994, S. 33. 76 SCHWIND, H.-D., 2001, S. 47. 77 Änderungen der Rahmenbedingungen polizeilicher Arbeit mit Auswirkungen auf die statistische Erfassung sind, wie PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1994, S. 33 ff. zeigen, nicht selten. 78 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 127; PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1994, S. 32 f. 79 SCHWIND, H.-D., 2001, S. 20. 80 Hierzu PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1994, S. 38. 81 Vgl. GUNDLACH, T. und T. MENZEL, 1993, S. 121 ff.; STADLER, W. und W. WALSER, 1997, S. 221 ff.; STADLER, W. und W. WALSER, 1999; ferner die Nachweise bei JEHLE, J.-M., 1992, S. 96 ff.; Steffen, W., 1993b, S. 36 f.

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matischen Überbewertungstendenz der Polizeilichen Kriminalstatistik auszugehen sein, d. h. davon, dass im Zweifel eher der als schwerer zu beurteilende Sachverhalt angenommen wird. Die so erfolgte statistische Registrierung wird, auch wenn im weiteren Fortgang des Verfahrens Staatsanwaltschaft oder Gericht zu einer anderen Bewertung kommen, nicht korrigiert. - Als Beispiel für eine "Untererfassung" kann auf die Ergebnisse der 1973 auf der Polizeiwache einer südbadischen Mittelstadt durchgeführten teilnehmenden Beobachtung hingewiesen werden. Danach wurden aus Sicht des Beobachters insgesamt 15% der angezeigten, einen Straftatbestand erfüllenden Delikte statistisch nicht registriert.82 Das mögliche Ausmaß von "Mehrerfassungen", also von statistischen Fallerfassungen, die - entsprechend den Richtlinien - nicht hätten erfasst werden dürfen, dokumentiert die Sondererhebung eines Bundeslandes, der zufolge bei insgesamt 6.885 überprüften Fällen in 23 Polizeidienststellen 1.838 Fälle als zuviel gemeldet beanstandet wurden (27%), freilich überwiegend im Bereich der leichten Kriminalität.83 - Von weitaus größerem Einfluss auf die Art des statistischen Ausweises dürften insoweit zum einen Fehler hinsichtlich der strafrechtlichen Bewertung sein, zum anderen die Art des Gebrauchs von Bewertungsspielräumen bei mehrdeutigen Sachverhalten.84 Auf jeder Ebene der Registrierung, auf jener der Polizei wie jener der Gerichte, wird nach jeweils eigenen Maßstäben bewertet, und zwar sowohl die "Tat" als auch der "Täter". Die Erfassung in der PKS tendiert zur "Überschätzung", und zwar sowohl hinsichtlich der Zahl der "Taten" und der "Tatverdächtigen", als auch hinsichtlich der Schwere des Sachverhalts, d. h. im Zweifel wird der als schwerer zu beurteilende Sachverhalt angenommen.85 Richtung und Ausmaß der Abweichungen in diesen Definitionsund Entscheidungsprozessen wurden gerade im Bereich der Gewaltkriminalität eingehend untersucht und dokumentiert.86 Der Generalstaatsanwalt a. D. von Schleswig-Holstein sieht den Grund für diese Überbewertungstendenz nicht nur in einem "berufsmäßigen Anliegen, den Verdacht möglichst hoch anzusetzen, weil damit leichter eingriffsintensivere Ermittlungsmaßnahmen, z. B. Durchsuchung, Beschlagnahme, durchgeführt werden können," sondern auch in "Anforderungen aus der Öffentlichkeit und der Politik. Das Zündeln im Keller eines Mietshauses, in dem auch Ausländer wohnen, ist z. T. ohne weiteres als Mordversuch eingestuft worden, um ja nicht den Eindruck einer ausländerfeindlichen Einstellung aufkommen zu lassen. Ich kenne einen Fall, wo es anschließend eine Verfahrenseinstellung wegen Geringfügigkeit gegeben hat."87 Diese "Überbewertung" wird, wenn sie im weiteren Fortgang des Verfahrens korrigiert wird, im statistischen Ausweis der jeweils vorhergehenden Statistik nicht zurückgenommen. In der PKS ausgewiesen wird das Ergebnis der Beurteilung durch Polizeibeamte im Zeitpunkt der Abgabe der Akten an die Staatsanwaltschaft. Auch wenn der polizeiliche Verdacht später von Staatsanwaltschaft oder Ge82

Vgl. KÜRZINGER, J., 1978, S. 217. Während bei Delikten gegen Eigentum und Vermögen fast immer eine Strafanzeige protokolliert wurde, wurde bei Anzeigen wegen Straftaten gegen die Person, zumeist freilich Bagatellen, nur in rd. einem Drittel eine Anzeige aufgenommen. Weitere Hinweise bei STEFFEN, W., 1993a, S. 10. 83 Vgl. Pressemitteilung der Landesregierung Schleswig-Holstein vom 6.11.96. Der ehemalige Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein kommentierte: "Solange Anzeigen zum Maßstab für die polizeiliche Personalverteilung und die Aufklärungsquote zum Maßstab für polizeilichen Erfolg gemacht werden, liegen solche Fehlerquellen offen"; OSTENDORF, H., 1998, S. 182. 84 Vgl. hierzu auch Kapitel 2.10.2.2. 85 "Bei mehreren vertretbaren Interpretationen eines Verhaltens erscheint es grundsätzlich sachgerecht, zunächst von der gravierenderen Möglichkeit auszugehen, um den Beurteilungsrahmen für die folgende justizielle Wertung nicht von vorneherein unzulässig zu verengen"; LANDESKRIMINALAMT NORDRHEIN-WESTFALEN, o. J., S. 46. Ferner HEROLD, H., 1976, S. 340: "Soweit eine Straftat Interpretationsvarianten zulässt, wird der polizeiliche Sachbearbeiter daher die Bewertung nach dem jeweils schwereren Delikt vornehmen, für das ein Verdacht gegeben ist. ... Diese Bewertung nach der Verdachtslage führt auch dazu, auf einen Sachverhalt das schwerere Strafgesetz unter mehreren denkbaren anzunehmen. Dringt A mit gezogener Waffe in das Schlafzimmer des B ein, ohne dass die Motive zu klären waren, so wird die Polizei stets von der Annahme eines versuchten Tötungsdeliktes und nicht von Bedrohung, räuberischem Diebstahl usw. ausgehen. Zwangsläufig wird dadurch in der polizeilichen Kriminalstatistik der Umfang der schweren Kriminalität im Verhältnis zur weniger gravierenden stark überzeichnet." 86 Vgl. HEINZ, W., 1999a, S. 731 ff. 87 OSTENDORF, H., 1998, S. 182 f.

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richt nicht geteilt wird, ja selbst, wenn ein rechtskräftiger Freispruch erfolgt, bleibt es bei der Registrierung des "Falles" und des "Tatverdächtigen" in der PKS, weil diese nur die Verdachtssituation dokumentiert. Deshalb ist auch darauf hinzuweisen, dass die Polizeiliche "Kriminalstatistik" in erster Linie eine Verdachtsstatistik ist; ob und in welchem Umfang es sich um wirklich als "kriminell" zu bewertende Sachverhalte handelt, das zu beurteilen ist der Justiz vorbehalten. 6. Punktuelle und singuläre Vergleiche. Beim Vergleich einzelner Jahre können immer wieder zufällige Ergebnisse zu einem falschen Bild der Entwicklung führen. Deshalb sind für Trendanalysen lange Zeitreihen erforderlich. Ferner sollte nach Möglichkeit mehr als nur eine Datenquelle verwendet werden, um die Trendaussagen absichern zu können. 1.4.3 "Registrierte" Kriminalität - Ergebnisse der PKS im Überblick 1.4.3.1 Umfang und Struktur der "registrierten" Kriminalität 1999 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 6.302.316 Fälle (ohne Staatsschutz- und ohne Verkehrsdelikte) von der Polizei registriert. Rund die Hälfte hiervon waren Diebstahlsdelikte (49,7%), davon entfiel wieder etwas weniger als die Hälfte auf Diebstahl ohne erschwerende Umstände. Auf Eigentumsund Vermögensdelikte88 - Diebstahl, Unterschlagung (1,3%), Sachbeschädigung (10,4%) und Betrug (11,4%) - entfielen insgesamt 73% aller registrierten Straftaten (vgl. Schaubild 1-4). Schaubild 1-4:

Die Struktur der polizeilich registrierten Straftaten 1999

Vermögens- und 14,5% Fälschungsdelikte

17,5%

Sonstige Straftatbestände nach StGB Strafrechtliche Nebengesetze 8,1% 0,1%

Straftaten gegen das Leben (0,06%)

0,8% Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung 9,2% Roheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit

26,2% Diebstahl unter erschwerenden Umständen §§ 243-244a StGB

23,5% Diebstahl ohne erschwerende Umstände §§ 242, 247, 248a-c StGB

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Obwohl aufgrund selektiver Anzeigepraxis eher die schadensschweren Fälle angezeigt werden, belief sich der Schaden i. S. des Geldwertes des erlangten Gutes bei 20% aller vollendeten Eigentums- und Vermögensdelikte89 auf nicht mehr als 25 DM. Gemessen an der Gesamtzahl der registrierten Straftaten handelt es sich - in quantitativer Betrachtung bei den im Blickfeld der Öffentlichkeit stehenden Fällen der Gewaltkriminalität90 um eher seltene Ereig88

Vgl. hierzu Kapitel 2.3. Anteil der Schäden bis unter 25 DM an den jeweils vollendeten Delikten (BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, Tab. 07): Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer (§§ 249-252, 255, 316a StGB) 22,4%, erpresserischer Menschenraub (§ 239a StGB) 41,0%, Geiselnahme (§ 239b StGB) 75,5%, Diebstahl ohne erschwerende Umstände (§§ 242, 247-148a-c StGB) 27,1%, Diebstahl unter erschwerenden Umständen (§§ 243-244a StGB) 9,4%, Betrug (§§ 263, 263a, 264, 265, 265a, 265b StGB) 25,3%, Veruntreuungen (§§ 266, 266a, 266b StGB) 11,8%, Unterschlagung (§§ 246, 247, 248a StGB) 14,6%, Erpressung (§ 253 StGB) 42,5%. 89

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nisse. Der Anteil an allen polizeilich registrierten Fällen belief sich 1999 bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung auf 1,8%, bei Raub und räuberischer Erpressung zusammen auf 1%, bei Vergewaltigung/sexueller Nötigung auf 0,1%, bei Mord/Totschlag auf 0,05%. Ebenfalls selten wurden von der Polizei Delikte der Wirtschaftskriminalität erfasst (1,7%),91 auf die freilich 61% aller in der PKS registrierten Schäden entfielen (vgl. Schaubild 1-5).92 Während bei Wirtschaftskriminalität die enorme Diskrepanz zwischen der Fallzahl und den unmittelbar verursachten Schäden zumindest erkennbar wird, sind Gefährdungen und Schäden, die durch Gewaltkriminalität bzw. durch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verursacht werden, noch weitaus gravierender. Sie lassen sich freilich aufgrund der gegenwärtigen statistischen Angaben kaum abschätzen und auch nicht ansatzweise bestimmen. Schaubild 1-5:

Quantitative Bedeutung der Wirtschaftskriminalität andere Straftaten 38,6%

Wirtschaftskriminalität

andere Straftaten 97,6%

2,4%

61,4% Fälle

Schaden Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 1999.

Von den registrierten Straftaten wurden 1999 53% aufgeklärt, d. h., dass "nach dem polizeilichen Ermittlungsergebnis ein mindestens namentlich bekannter oder auf frischer Tat ergriffener Tatverdächtiger festgestellt worden ist."93 Die Höhe dieser Gesamtaufklärungsquote besagt freilich wenig über Quantität und Qualität polizeilicher Arbeit.94 - Die (Gesamt-)Aufklärungsquote ist ein rein rechnerischer Wert, der ermittelt wird durch Gegenüberstellung von im jeweiligen Berichtsjahr aufgeklärten zu bekannt gewordenen Fällen, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob die aufgeklärten Fälle auch im selben Berichtsjahr bekannt geworden sind und registriert wurden. Deshalb sind Aufklärungsquoten von weit über 100% möglich, wenn aus Anlass eines bekannt gewordenen Falles eine Vielzahl von bereits in früheren Berichtsjahren registrierten Fällen aufgeklärt wird. - Die Aufklärungsquoten sind deliktsspezifisch höchst unterschiedlich. Sie bewegten sich 1999 zwischen über 300% und unter 5%.95 Sie spiegeln vielfach besondere Entdeckungssituationen wider, wie 90

Vgl. hierzu unten Kapitel 2.1. Vgl. hierzu unten Kapitel 2.4. 92 Grundgesamtheit für die Berechnung der Delikts- und der Schadensanteile ist Tab. 07 der PKS (Aufgliederung der Straftaten nach der Schadenshöhe). In dieser Tabelle werden nur diejenigen Straftaten nachgewiesen, für die ein Schaden zu erfassen ist. Der Schadensausweis beschränkt sich ferner auf vollendete Fälle. Dadurch ergibt sich eine Differenz zur Zahl aller registrierten Fälle, und zwar sowohl bei der Insgesamt-Zahl als auch bei den der Wirtschaftskriminalität zuzuordnenden Straftaten. Registriert wurden 1999 insgesamt 6.302.316 Fälle, davon entfielen 108.890 (1,7%) auf Wirtschaftskriminalität. Dagegen wurden nur 3.694.805 vollendete Fälle mit Schadenserfassung ausgewiesen, davon waren 86.851 (2,4%) der Wirtschaftskriminalität zuzuordnen. 93 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 12. 94 Die Gesamtaufklärungsquote sagt "über Qualität und Quantität der polizeilichen Arbeit unmittelbar nichts aus"; BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 65. Vgl. ferner KRÜGER, H., 1988. 95 Eine AQ von 335,3% wurde bei dem Delikt der "Fälschung von Zahlungskarten und Vordrucken für Euroschecks" (§ 152a StGB) registriert, eine AQ von 4,9% bei Taschendiebstahl; vgl. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, Tab. 91

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etwa beim Ladendiebstahl, bei Beleidigung oder bei Betäubungsmittelkriminalität, wo Tat und Täter regelmäßig gleichzeitig mitentdeckt werden.96 - Dementsprechend wird die Höhe der Gesamtaufklärungsquote wesentlich "mitbestimmt vom jeweiligen Anteil des schwer aufklärbaren Diebstahls insgesamt (aber ohne Ladendiebstahl) an der Gesamtzahl der Straftaten"97 einerseits und vom Anteil des Massendelikts Ladendiebstahls andererseits, der mit die höchsten Aufklärungsraten aufweist.98. - Die Gesamtaufklärungsraten besagen deshalb unmittelbar auch nichts aus über die Eigenaufklärung durch die Polizei99 oder allgemein die Qualität polizeilicher Arbeit. Der Erfolg polizeilicher Ermittlungsarbeit wird bis zu einem gewissen Grad erkennbar bei den Aufklärungsquoten bei schweren Gewaltdelikten. Die hier ersichtlichen hohen Aufklärungsquoten - durchschnittlich 91% bei Mord/Totschlag im Zeitraum 1987 bis 1999 - spiegeln die polizeiliche Konzentration auf diese, das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung erheblich beeinträchtigenden Straftaten wider. Dennoch ist die Kenntnis der Aufklärungsquote wichtig. Selbst bei unveränderten Fallzahlen kann Kriminalität, gemessen an den Tatverdächtigen, allein aufgrund unterschiedlicher Aufklärungsergebnisse steigen oder fallen. 1999 wurden zu diesen 3,3 Mio. aufgeklärten Fällen 2,2 Mio. Tatverdächtige ermittelt, d. h. im Schnitt wurde ein Tatverdächtiger mit rund 1,5 Fällen in Verbindung gebracht.100 Statistisch erfasst werden auch Strafunmündige, insbesondere Kinder. Dies ergibt sich aus der statistischen Systematik, "weil von diesem Personenkreis begangene Taten nicht aus den Fallzahlen ausgeklammert werden können."101 Schaubild 1-6:

Alterszusammensetzung der polizeilich registrierten Tatverdächtigen 1999 Kinder b.u. 14 J. 6,7%

Jugendliche b.u. 18 J 13,1%

Heranwachsende b.u.21 10,6%

Vollerwachsene 25 u.ä. 58,5%

Jungerwachsene b.u.25 11,1%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

01, Schlüsselzahlen 5530, *90*. 96 Geschätzt wird, dass 40% aller Straftaten von vornherein als aufgeklärt gelten können; vgl. KRÜGER, H., 1988, S. 241. 97 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 66. 98 Die hohe Aufklärungsrate beim Ladendiebstahl (1999: 94,9%) beruht darauf, dass die Entdeckung der Tat typischerweise mit der Feststellung des Täters einhergeht. 99 Diese dürfte nämlich bei unter 10% liegen. Eine Quote von lediglich 3% stellte STEFFEN, W., 1995, S. 112 f., bei ihrer 1982 durchgeführten Auswertung von ca. 3.000 polizeilichen Ermittlungsvorgängen in drei Polizeibereichen Bayerns fest: "Die (Kriminal-)Polizei beschäftigt sich...bei der Strafverfolgung im Wesentlichen mit der Fahndung nach bzw. der endgültigen (beweiskräftigen) Überführung von bereits durch Opfer- und Zeugenaussagen identifizierten Tätern und nicht damit, noch völlig unbekannte Täter zu ermitteln". Vgl. auch STEFFEN, W., 1993b, S. 29. 100 Dies ist deliktsspezifisch höchst unterschiedlich. Im Zeitraum 1987-1999 entfielen bei Gewaltkriminalität sowie bei Mord/Totschlag auf einen Tatverdächtigen jeweils 0,8 Fälle, bei Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1,2 Fälle, bei Diebstahl unter erschwerenden Umständen 1,9 Fälle, bei Wirtschaftskriminalität dagegen 3,0 Fälle. 101 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 72.

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Zahlenmäßig am häufigsten registriert werden erwachsene, männliche Deutsche: Von den ermittelten Tatverdächtigen waren 70% 21 Jahre und älter (vgl. Schaubild 1-6). 77% aller Tatverdächtigen waren männlich (vgl. Schaubild 1-7). 73% aller Tatverdächtigen waren Deutsche (vgl. Schaubild 1-8). Schaubild 1-7:

Anteile männlicher und weiblicher Tatverdächtiger nach Altersgruppen 1999

100%

30%

25%

75%

19%

19%

82%

81%

75%

24%

23%

76%

77%

W M

70%

50%

25%

0%

KI

JGDL

HW

21<25

25++

Tatverdächtige insgesamt

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Schaubild 1-8:

Anteile der Deutschen/ Nichtdeutschen an den registrierten Tatverdächtigen nach Altergruppen 1999

100%

75%

18%

20%

82%

80%

28%

39%

72%

27%

27%

nichtdeutsch

73%

73%

deutsch

61% 50%

25%

0%

Kinder

Heranwachsende 25 u. älter Jugendliche 21 b.u. 25 J.

Tatverdächtige insgesamt

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Erst unter Berücksichtigung auch des Bevölkerungsanteils zeigt sich, dass unter den polizeilich ermittelten Tatverdächtigen nicht nur Männer, sondern vor allem junge Menschen102 und Zuwanderer ohne deutschen Pass103 überrepräsentiert sind. Relativiert wird diese Überrepräsentation junger Menschen unter den

102 103

Vgl. hierzu unten Kapitel 5. Vgl. hierzu unten Kapitel 2.11.

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Tatverdächtigen allerdings (wie unter den Verurteilten), wenn Art und Schwere der verübten Delikte betrachtet werden. - Der Anteil der leichten Delikte ist bei Kindern und bei Jugendlichen am höchsten (vgl. Schaubild 19)104. Sowohl nach der PKS als auch nach der StVStat dominieren bei der Jugendkriminalität die leichteren Eigentums- und Vermögensdelikte; ausweislich der StVStat auch noch die Straßenverkehrsdelikte. Einen überproportionalen Anteil der Tatverdächtigen bzw. Verurteilten stellen junge Menschen allerdings auch bei Gewaltkriminalität, insbesondere bei Körperverletzung und bei Raub (wobei die alterstypische Begehungsweise nicht der Bankraub ist, sondern etwa das 'Abziehen' von Schals oder anderen Fan-Erkennungszeichen der gegnerischen Seite im Fußballstadion). Opfer dieser Gewaltkriminalität sind freilich überwiegend Gleichaltrige. Junge Menschen werden demnach überdurchschnittlich häufig wegen Delikten registriert bzw. verurteilt, die entweder von der sozialen Lage und den Zugangschancen bestimmt (Fahren ohne Führerschein bzw. unbefugter Fahrzeuggebrauch) oder durch Bereicherungs-, Gewalt- und Aggressionselemente, häufig innerhalb der eigenen Altersgruppe, ausgezeichnet sind (Diebstahl, Raub, Erpressung). Das Deliktsspektrum erweitert sich erst mit zunehmendem Alter. Schaubild 1-9:

Anteile der leichten Delinquenz in den Altersgruppen 1999 100%

75%

100%

77% 64%

50%

50%

47%

50%

46% 41%

25%

0%

0%

Kinder

Heranwachsende 25 u. älter Jugendliche 21 b.u. 25 J.

Tatverdächtige insgesamt

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

- Im Unterschied zu dieser Deliktsstruktur bei jungen Menschen weist die Erwachsenenkriminalität infolge des höheren Anteils der Delikte aus dem Wirtschaftsleben eine komplexere Struktur auf, die zumeist auch mit höheren Schäden verbunden ist. "Erwachsene, nicht Jugendliche, sind die typischen Täter der Wirtschaftskriminalität, der Umweltkriminalität, des Drogen-, Waffen- und Menschenhandels und weiterer Spielarten der organisierten Kriminalität, der Korruption und der Bestechlichkeit, von Gewalt in der Familie, des Versicherungsbetrugs und der Steuerhinterziehung."105 - Zur Beurteilung der Kriminalität junger Menschen im Vergleich zur Erwachsenenkriminalität kann als weiteres Kriterium die Höhe der verursachten Schäden zugrunde gelegt werden. Bei Straftaten, die typischerweise von Erwachsenen begangen werden, sind die Schäden in der Regel weit höher als bei den

104

Als Fälle "leichter" Delinquenz wurden zusammengefasst: (vorsätzliche leichte) Körperverletzung (§ 223 StGB), fahrlässige Körperverletzung § 229 StGB (nicht i. V. m. Verkehr), Ladendiebstahl, Erschleichen von Leistungen (§ 265a StGB), Beleidigung (§§ 185-187, 189 StGB). 105 HEINZ, W., 1998e, S. 413.

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typischerweise von jungen Menschen verübten Eigentums- und Vermögensdelikten.106 Werden Begehungsformen und Schäden innerhalb einer Deliktsgruppe verglichen, z. B. bei Raubdelikten, dann zeigt sich, dass auf die jugendtypischen Begehungsformen, nämlich Handtaschen- und Straßenraub, 13% aller durch Raub verursachten Schäden, auf die typischerweise von Erwachsenen verübten Raubformen, nämlich Überfälle auf Geldinstitute und Geldtransporte, dagegen 47% entfielen.107 Und selbst hinsichtlich der körperlichen und psychischen Schäden, die etwa Opfern von Raubüberfällen zugefügt werden, deuten die vorliegenden Befunde darauf hin, dass junge Menschen zwar vermehrt Gewalt anwenden, während Erwachsene etwas häufiger "nur" drohen, dass sich dieser höhere Gewaltanteil jedoch nicht in einer größeren Anzahl von Fällen mit erheblich verletzten Opfern niederschlägt.108 Entsprechende Differenzierungsnotwendigkeiten gelten ebenso für die Kriminalität von Zuwanderern ohne deutschen Pass, deren Überrepräsentation unter den Tatverdächtigen und Verurteilten109 zu einem nicht unerheblichen Teil auf statistischen Verzerrungsfaktoren beruht. Im weiteren Ermittlungsverfahren wird der weit überwiegende Teil der Tatverdächtigen - gleich welchen Alters - nicht zur Anklage gebracht. Auf 100 ermittelte strafmündige Tatverdächtige kommen derzeit durchschnittlich etwa 32 Verurteilte. Dies beruht z. T. darauf, dass sich aus Sicht der Staatsanwaltschaft der polizeiliche Verdacht nicht erhärten lässt, und z. T. darauf, dass das Ermittlungs- oder das Hauptverfahren aus Opportunitätsgründen eingestellt wird.110 Das Strafverfahren ist indes nicht nur, wie das Trichtermodell verdeutlicht, ein Prozess der Ausfilterung, sondern auch ein Prozess der verfahrensbedingten Bewertungsänderung ("Umdefinition") infolge einer Neubewertung des fraglichen Sachverhalts auf der Grundlage von u.U. neuen, zusätzlichen Erkenntnissen oder Beweismitteln.111 Insbesondere im Bereich der Schwerkriminalität, und dort vor allem bei den nur versuchten Delikten,112 findet besonders häufig eine solche "Umdefinition" statt, und zwar regelmäßig zu minder schweren Straftatbeständen hin. Art und Ausmaß dieser Umdefinition lassen die gegenwärtigen Kriminalstatistiken nicht erkennen. Über die Größenordnungen, in denen derartige Ausfilterungen/Umdefinitionen vorkommen, geben Aktenanalysen Auskunft, die insbesondere im Bereich der Gewaltkriminalität und der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung durchgeführt worden sind. Danach wird weniger als die Hälfte der ermittelten Tatverdächtigen auch entsprechend der polizeilichen Ausgangsdefinition verurteilt; bei der Mehrzahl kam es zu Umdefinitionen in minder schwere Delikte. - Für Tötungsdelikte wurde bei einer Auswertung sämtlicher Strafverfahren, die in den Jahren 1970 und 1971 in Baden-Württemberg wegen eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes durchgeführt worden waren, festgestellt, dass von den von der Polizei als vorsätzliche Tötungsdelikte definierten Sachverhalten lediglich 22% auch zu einer entsprechenden Verurteilung führten.113 Von den vollendeten tödlichen Gewaltdelikten (einschließlich Körperverletzung mit Todesfolge) führten 46% zu einer Verurteilung entsprechend der polizeilichen Ausgangsdefinition, von den nichttödlichen Gewaltdelikten, also den nach polizeilicher Bewertung versuchten vorsätzlichen Tötungsdelikten, kam es nur bei 16% zu einer diese Bewertung beibehaltenden Verurteilung. 106

Vgl. DÖLLING, D., 1992, S. 49. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, Tabelle 07. 108 Vgl. DÖLLING, D., 1992, S. 53. 109 Vgl. hierzu unten Kapitel 2.11. 110 Vgl. hierzu unten Kapitel 3. 111 Solche Bewertungsänderungen können auch auf polizeilicher Ebene erfolgen in Form z. B. von "Hochstufungen" dergestalt, dass die frühere Klassifikation als "Körperverletzung mit Todesfolge" nunmehr eher als "Totschlag" oder als "Mord" eingestuft wird. 112 Vgl. PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1994, S. 36, die vor allem in unterschiedlichen Bewertungen den Grund für z. T. erhebliche regionale Unterschiede in der Häufigkeit polizeilich registrierter Tötungskriminalität sehen und dies anhand von Zahlenmaterial plausibel machen. 113 Vgl. SESSAR, K., 1981. 107

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- Bestätigt wurde dieser Befund durch eine Aktenanalyse von 250 vorsätzlichen Tötungsdelikten des Jahres 1971 aus sechs deutschen Großstädten.114 Eine Verurteilung in Übereinstimmung mit der polizeilichen Ausgangsdefinition erfolgte lediglich in 34% der Fälle. Die Übereinstimmung war bei vollendeten Delikten mit 45% deutlich höher als bei versuchten Delikten (26%). In 25% erfolgte eine Verurteilung wegen eines anderen, also eines minderschweren Deliktes. - Hinsichtlich Vergewaltigung und sexueller Nötigung wurde durch eine Aktenanalyse sämtlicher in den Jahren 1977 bis 1979 im Regierungsbezirk Detmold wegen §§ 177, 178 StGB durchgeführter Ermittlungsverfahren gegen bekannte Tatverdächtige festgestellt, dass die polizeiliche Ausgangsbewertung nur in rd. 27% auch im Urteil bestätigt wurde.115 Ähnliche Befunde ergab eine Aktenanalyse hinsichtlich Raubkriminalität. Von den 1978 bis 1980 in Lübeck polizeilich wegen versuchten oder vollendeten Raubes registrierten 423 Tatverdächtigen wurden lediglich 156 (37%) auch wegen Raubs verurteilt wurden; 19% der Tatverdächtigen wurden wegen minder schwerer Delikte verurteilt.116 Im Unterschied zu diesen Aktenanalysen lassen die Daten der Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken nicht erkennen, was mit den nicht einschlägig verurteilten Tatverdächtigen geschieht. Es bleibt unklar, ob die Verfahren mangels hinreichenden Tatverdachts, wegen Todes oder Schuldunfähigkeit der Beschuldigten eingestellt wurden oder ob wegen eines anderen, minder schweren Delikts angeklagt und verurteilt wurde. Dies wäre nur dann anders, wenn die statistischen Daten so organisiert wären, dass sie die Messung von Verläufen ermöglichten. 1.4.3.2 1.4.3.2.1

Entwicklung der "registrierten" Kriminalität Entwicklung der "registrierten" Häufigkeits-, Tatverdächtigen- und Verurteiltenbelastungszahlen Die "registrierte" Kriminalität ist, wie in allen westlichen Industriestaaten,117 deutlich angestiegen (vgl. Schaubild 1-10). Die größten Steigerungsraten der Häufigkeitszahlen (Bekannt gewordene Fälle pro 100.000 der Wohnbevölkerung)118 wurden allerdings nicht, wie vielfach angenommen, in den neunziger Jahren verzeichnet, sondern in den sechziger und den siebziger Jahren sowie in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Die unterschiedlichen Ausgangsbasen, die die Höhe der Raten beeinflussen, sind hierbei freilich in Rechnung zu stellen. Aber selbst wenn auf die Veränderungen der Häufigkeitszahlen abgestellt wird, dann zeigt sich, dass die größten Zuwächse zwischen 1975 und 1983 erfolgten. Seit 1995 gehen sowohl die absoluten wie die relativen - auf 100.000 Einwohner bezogenen - Zahlen der von der Polizei registrierten Fälle sogar leicht zurück. Diese (insgesamt gesehen) Zunahme beruht vor allem auf Eigentums- und Vermögensdelikten, auf die zwischen 1963 und 1997 immer 75% oder mehr aller registrierten Straftaten entfielen. Erst in den letzten beiden Jahren ging dieser Anteil auf 74% bzw. 73% zurück. Diese Verschiebungen beruhen vor allem auf den Rauschgiftdelikten sowie auf Computerkriminalität. Der Anteil der Gewaltkriminalität an den insgesamt registrierten Delikten blieb demgegenüber insgesamt gesehen relativ konstant.

114

Vgl. STEITZ, D., 1993. Vgl. STEINHILPER, U., 1986. 116 Vgl. FÖRSTER, H.-J., 1986. 117 Vgl. KAISER, G., 1996. 118 Die Häufigkeitszahl (HZ), also die Zahl der bekannt gewordenen Fälle pro 100.000 Einwohner ist überschätzt, weil in der Einwohnerzahl nicht enthalten sind die zur Wohnbevölkerung nicht Meldepflichtigen (z. B. Touristen) sowie die zwar meldepflichtigen, aber nicht gemeldeten Personen (z. B. illegal im Bundesgebiet sich Aufhaltende). Vgl. hierzu oben 1.4.2. Da bei den bekannt gewordenen Fällen die Nationalität der Tatverdächtigen unbekannt ist, lässt sich diese Verzerrung nicht - wie bei den personenbezogenen Maßzahlen - durch Berechnung von Belastungszahlen für die Teilgruppe der Deutschen lösen. 115

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Schaubild 1-10: Entwicklung der Gesamthäufigkeitszahl polizeilich registrierter Fälle und relative 5-Jahres-Zunahme in %, 1963-1999 8000

6000 Straftaten (ohne Verkehr) insgesamt

4000 Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung, Unterschlagung 2000

HZ Gewaltkriminalität 0 1963 1968 5-Jahres-Zunahme 23,1 Straftaten insg. (%)

1973 15,2

1978 33,5

1983 28,3

1988 0,3

PKS ab 1963 ohne Straftaten im Straßenverkehr u.ohne Staatsschutzdelikte. 1971 Änderungen d.Erfassung 1990 Sonderentwicklung in Berlin-West. 1992: durch Erfassungsfehler überhöht. Gebiet: BRD alt; ab 1991 mit Berlin-Ost, ab 1993 mit neuen Ländern. HZ bezogen auf je 100.000 der Wohnbevölkerung

1991 1993

1999 - 4%

Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung KIK: HZ5yBRD

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Zugenommen hat auch die Kriminalitätsbelastung der deutschen strafmündigen Tatverdächtigen (jeweils pro 100.000 der deutschen Wohnbevölkerung),119 freilich bei weitem nicht so stark wie die Häufigkeitszahlen. Von 1984 bis 1998 nahm die TVBZ lediglich um 14% zu. Die Belastungszahlen für die deutschen Verurteilten zeigen sogar eine rückläufige Entwicklung; 1998 lagen sie um 9% unter dem Niveau von 1984 (vgl. Schaubild 1-11). Dies dürfte vor allem darauf beruhen, dass zunehmend mehr leichtere Delikte von der Justiz eingestellt werden.120 Schaubild 1-11: Entwicklung der Gesamthäufigkeitszahl polizeilich registrierter und verurteilter strafmündiger Deutscher (Straftaten insg. ohne Straßenverkehrsdelikte), 1984-1999 TVBZ: Polizeilich registrierte Tatverdächtige

+ 11,3%

2000

1500

1000 VZ: Gerichtlich Verurteilte

- 10,0%

500

0 1984 1985

1986

1987

1988

1989

1990 1991

1992

1993

1994

1995 1996

TVBZ: Tatverdächtigenbelastungszahl, VZ: Verurteiltenbelastungszahl, bez. auf je 100.000 der strafmündigen deutschen Wohnbevölkerung. Alte Bundesländer mit Berlin-West, ab 1991 mit Gesamtberlin.

1997

1998

1999

Veränderung 1994..1999

K onstanzer I nventar K riminalitätsentwicklung KIK: ZRiHZBRD

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik. 119

Aus den unter 1.4.2. genannten Gründen können valide, also nicht systematisch überhöhte Belastungszahlen nur für die Teilgruppe der deutschen Tatverdächtigen bzw. Verurteilten berechnet werden. 120 Vgl. hierzu unten Kap. 3.1.

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Die nähere Analyse zeigt freilich unterschiedliche Entwicklungen sowohl bei den einzelnen Alters- und Geschlechtsgruppen als auch bei den einzelnen Deliktsgruppen.121 Vor allem bei jungen Menschen sind die Tatverdächtigenbelastungszahlen seit Ende der achtziger Jahre deutlich angestiegen, die Belastungszahlen der über 25-jährigen deutschen Tatverdächtigen weisen dagegen, wenn überhaupt, nur moderate Anstiege auf. Diese altersgruppenspezifische Entwicklung findet auf der Ebene der Verurteiltenbelastungszahlen allerdings keine Entsprechung. Vielmehr öffnet sich die Schere zwischen Tatverdächtigenund Verurteiltenbelastungszahlen, und zwar auch bei schweren Delikten. Die Gründe für diese Auseinanderentwicklung sind derzeit noch nicht eindeutig geklärt.122 Eine der möglichen Erklärungen besteht darin, dass - auch im Bereich der Gewaltkriminalität - vermehrt leichtere, für eine Einstellung aus Opportunitätsgründen geeignete Delikte polizeilich registriert werden. 1.4.3.2.2 Veränderungen der Opfergefährdung Opfer werden derzeit in den amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken nur bei bestimmten Straftaten(gruppen) erfasst. Relativ am ausführlichsten ist die PKS, in der sowohl die Opfer (nach Alter und Geschlecht) bei Straftaten gegen das Leben, gegen die sexuelle Selbstbestimmung, bei Roheitsdelikten, insbesondere Raub, und Straftaten gegen die persönliche Freiheit nachgewiesen werden, als auch die Täter-Opfer-Beziehung. In der StVStat werden die wegen Straftaten an Kindern Abgeurteilten/Verurteilten nach Art der Straftat und Zahl der Opfer ausgewiesen. Schaubild 1-12: Opferraten bei Raub, räuberischer Erpressung sowie bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung 1999, vollendete Fälle nach Altersgruppe und Geschlecht 1000

800

Jugendliche (14 b.u. 18 J.) m Heranw. (18 b.u. 21 J.) m 21 b.u. 60 J. m 60 J. und älter m

K onstanzer I nventar K riminalitätsentwicklung

w w w w

KIK risk1999 6.3.2000

600

400

200

0

Raub, räuberiche Erpressung

Gefährliche und schwere Körperverletzung

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Daten der PKS zeigen deutliche alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede. Die auf 100.000 der jeweiligen Alters- und Geschlechtsgruppe berechneten Opferbelastungszahlen für die wichtigsten Straftatengruppen zeigen (vgl. Schaubilder 1-12 und 1-13): - Männer werden insgesamt gesehen häufiger Opfer als Frauen, ausgenommen Vergewaltigung. - Jugendliche oder Heranwachsende werden häufiger Opfer als Erwachsene, ihre Belastung übersteigt insbesondere bei Raub, räuberischer Erpressung sowie bei gefährlicher/schwerer Körperverletzung die der Erwachsenen um ein Mehrfaches. - Unter den Erwachsenen sind ältere Menschen im Schnitt weniger gefährdet als jüngere. - Deliktsspezifische Unterschiede zeigen im Detail weitere Unterschiede; so ist die Opferbelastung bei Handtaschenraub am höchsten für die über 60-jährigen Frauen. 121 122

Vgl. HEINZ, W., 2000d. Vgl. hierzu HEINZ, W., 1997.

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Schaubild 1-13: Opferraten bei Mord/ Totschlag, Vergewaltigung und sexueller Nötigung sowie bei Handtaschenraub 1999, vollendete Fälle nach Altersgruppe und Geschlecht 70

60

K onstanzer Inventar K riminalitätsentwicklung KIK risk1999 6.3.2000

Jugendliche (14 b.u. 18 J.) m Heranw. (18 b.u. 21 J.) m

w w

21 b.u. 60 J. m 60 J. und älter m

w w

50

40

30

20

10

0

Mord/Totschlag

Vergewaltigung und sexuelle Nötigung

Handtaschenraub

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Eine aufgrund der anonymisierten Einzeldatensätze der PKS Baden-Württemberg zu Tatverdächtigen und Opfern für 1996 durchgeführte Analyse zeigte, "dass - Tatverdächtige und Opfer überwiegend derselben Altersgruppe angehören; die weit überwiegende Zahl sowohl der qualifizierten Körperverletzungen als auch des Raubes wird innerhalb von Gleichaltrigengruppen verübt; - mit zunehmendem Alter der Tatverdächtigen eine Tendenz zur stärkeren Gefährdung von Kindern und Jugendlichen als Opfer zu beobachten ist, namentlich im Bereich der sexuellen Gewaltdelikte; - junge Menschen (im Alter bis zu 21 Jahren) in den Täter-Opfer-Konstellationen insgesamt häufiger als Opfer denn als Tatverdächtige vertreten sind; dies insbesondere auch bei den Fällen besonders schwerwiegender Schädigung, namentlich bei Delikten gegen das Leben, bei Roheitsdelikten und bei Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung."123 1.4.4 Aussagemöglichkeiten und Aussagegrenzen von Kriminalstatistiken Amtliche Statistiken im Bereich der Strafrechtspflege sind für den Gesetzgeber, für Justiz und Justizverwaltung, für die Wissenschaft und für die Öffentlichkeit unverzichtbar. Ein folgenorientiertes Strafrecht wie das der Bundesrepublik setzt voraus, dass die tatsächlichen Grundlagen, Wirkungen und Zielabweichungen kontinuierlich beobachtet werden. Dass amtliche Statistiken "für eine am Sozialstaatsprinzip orientierte staatliche Politik unentbehrliche Handlungsgrundlage"124 sind, hat das Bundesverfassungsgericht bereits in seinem Volkszählungsurteil hervorgehoben. In seinem zweiten Urteil zum Schwangerschaftsabbruch hat es diese Aussage bekräftigt und den Gesetzgeber sogar von Verfassungs wegen in bestimmten Fallkonstellationen für verpflichtet erachtet, verlässliche Statistiken zu führen,125 die Aufschluss geben über die tatsächliche Entwicklung wie über die Bewährung von Gesetzen und Strafverfolgungsmaßnahmen. Dass die verschiedenen Nutzergruppen verschiedene und unterschiedlich weit reichende Informationsbedürfnisse haben, ist verständlich. Wie jede Datensammlung, die auf kontinuierliche, nach einheitlichen Kriterien erfolgende Erhebung angelegt ist und die mit vertretbarem Aufwand durchführbar bleiben muss, so können auch die amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken nicht jede gewünschte Informa-

123

HÖFER, S., 2000, in der Zusammenfassung von HEINZ, W., 1999a, S. 747. BVerfGE 65, 1, S. 47. 125 BVerfGE 88, S. 203, 310 f. 124

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tion enthalten. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der Kriminalität, sondern auch hinsichtlich der Informationen über die strafrechtliche Reaktion hierauf. Jedes Mehr an Information erfordert freilich auch ein Mehr an Finanzierung. Die Feststellung eines Reformerfordernisses bezüglich der Strafrechtspflegestatistiken ist ebenso wie die Forderung nach inhaltlichen Reformen abhängig von der vorherigen Festlegung des Erkenntnisinteresses. Derartige Interessen stehen nicht ein für allemal fest; das sich wandelnde Verständnis von Kriminalität und sozialer Kontrolle führt auch zu veränderten Anschauungen über Aufgaben und Ziele der Strafrechtspflegestatistiken.126 In den letzten Jahrzehnten sind Reformanforderungen vor allem aus zwei Richtungen an die amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken herangetragen worden: - Das klassische Verständnis der Kriminalstatistiken ging davon aus, man könne Kriminalität messen wie andere Lebenssachverhalte - etwa die wirtschaftliche Entwicklung - auch; strittig war allenfalls die Frage, welche der Statistiken hierzu besser geeignet wäre: die unter rechtlichen Gesichtspunkten zuverlässigere StVStat oder die tatnähere und weniger von Ausfilterungsprozessen betroffene PKS. Inzwischen ist einsichtig geworden, dass dieses Modell revidiert werden muss.127 Die begrenzte Abbildungsgenauigkeit ist kein Problem des Messinstruments "Statistik", sondern ein Problem des Messgegenstandes. "Kriminalität" ist nicht "gegeben", Kriminalität kann nicht in Isolierung von sozialer Kontrolle - und damit von Bewertung - gesehen werden. In dem Maße, in dem deutlich wurde, dass registrierte Kriminalität ein Struktur und Intensität der sozialen Kontrolle widerspiegelnder Sachverhalt ist, rückte eine andere Aufgabenstellung in den Vordergrund, nämlich Beobachtung und Untersuchung des gesamten Systems strafrechtlicher Verbrechenskontrolle und der den Verlauf bestimmenden Faktoren. An die Stelle der früheren isolierten Betrachtung von "Kriminalität" einerseits und "Verfahren" andererseits sind Systemanalysen getreten, in deren Blickfeld statt einzelner Abschnitte die vielfältigen Übergänge und Verläufe stehen. Kriminalstatistiken geben Aufschluss über Ergebnisse von Entscheidungsprozessen. Demgemäß sollten sie aber auch in der Lage sein, derartige Entscheidungsprozesse abzubilden. - Folgenorientierte Kriminalpolitik benötigt Informationen über die Umsetzung der gesetzgeberischen Maßnahmen, insbesondere der zur Verfügung gestellten Sanktionsmöglichkeiten, über ihre Wirkungen und über ihre - auch unbeabsichtigten - Nebenfolgen. Zwar bieten die vorhandenen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken bereits eine Fülle von Informationen. Dennoch weisen sie unter den beiden zuvor genannten Gesichtspunkten erhebliche Defizite auf. Die möglichen Aussagen bleiben hinter dem, was im Rahmen einer Massenstatistik möglich und für kriminalpolitische Informationen erforderlich ist, deutlich zurück. Die statistischen Ergebnisse sind untereinander nur begrenzt vergleichbar und damit gegenseitig nur wenig kontrollierbar. In der Wissenschaft wurde deshalb der Vorwurf erhoben, in weiten Bereichen sei nur "Kriminalpolitik im Blindflug"128 möglich. Auch im Hinblick hierauf dient dieser Sicherheitsbericht einer Bestandsaufnahme und der Suche nach Möglichkeiten, die erkannten Mängel zu beseitigen. Die Defizite liegen, Analysen aus Sicht der Wissenschaft129 zufolge, vor allem in folgenden Bereichen:

126

Die um die Mitte des 18. Jahrhunderts in mehreren europäischen Staaten eingeführten "Criminal-Tabellen" sollten zunächst lediglich den Regierungen die Kontrolle über die Organe der Strafrechtspflege ermöglichen und den Justizverwaltungen die notwendigen Unterlagen für die Regelung des Dienstes liefern. Erst unter dem Einfluss des wissenschaftstheoretischen Programms des Positivismus wurde von diesen Geschäftsstatistiken vor allem Aufschluss über Stand, Struktur und Bewegung der Kriminalität und über die Zusammensetzung des Täterkreises erwartet, um aus erkennbaren Regelmäßigkeiten auf die Ursachen des Verbrechens schließen zu können. 127 Hierzu bereits HEINZ, W., 1997. 128 HEINZ, W., 1998e. 129 Vgl. ebenda.

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1. 1.1

1.2

1.4

2. 2.1

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Lücken in regionaler und in inhaltlicher Hinsicht: In regionaler Hinsicht bestehen Lücken. Von den Strafrechtspflegestatistiken wurden nach Herstellung der deutschen Einheit in der ersten Hälfte der neunziger Jahre lediglich die StAStatistik130, die Justizgeschäftsstatistik der Strafgerichte131 sowie die StVollz-Statistik132 in allen neuen Ländern eingeführt; seit 1995 liegen diese Statistiken flächendeckend vor. Eine Ausnahme bilden die Strafverfolgungsstatistik133 und die BewH-Statistik,134 die noch nicht in allen neuen Ländern eingeführt sind. Die amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken beschränken sich auf die Erfassung von Verbrechen oder Vergehen. In der PKS wird nur ein Teil der Vergehen erfasst: Seit 1963 nicht mehr erfasst werden die Straftaten im Straßenverkehr, auf die ein knappes Drittel aller Vergehen135 in der StVSt entfallen; nicht erfasst werden ferner die Vergehen, die nicht von der Polizei abschließend bearbeitet werden, also insbesondere die Steuerdelikte. Ordnungswidrigkeiten werden in der PKS grundsätzlich nicht, in den Strafrechtspflegestatistiken i. e. S. nur ausnahmsweise und lediglich summarisch erfasst.136 Die Ermittlung von Umfang, Struktur und Entwicklung wirtschaftskriminellen Verhaltens (i. w. S.) und darunter auch der Umweltkriminalität, also von Deliktsbereichen mit z. T. außerordentlich hoher Sozialschädlichkeit und mit einer erheblichen Zahl tatsächlich Geschädigter, ist deshalb nur unvollständig möglich, weil qualitativ wie quantitativ bedeutsame Teile des deutschen Wirtschaftsstrafrechts als Ordnungswidrigkeiten ausgestaltet sind.137 Eingeschränkte Vergleichbarkeit und unzulängliche gegenseitige Kontrolle der Daten "Die Daten für die PKS, die StA-Statistik, die StP/OWi-Statistik, die StVSt, die BewH- und die StVollz-Statistik werden jeweils selbständig auf Grund eigener Zählkarten bzw. Buchwerke erhoben. Da weder Erfassungszeiträume, noch Erhebungseinheiten, noch Erhebungsmerkmale, noch Erfassungsgrundsätze übereinstimmen, sind die statistischen Massen der jeweiligen Statistiken nicht miteinander verbunden; Bewertungsverschiebungen hinsichtlich der rechtlichen Wertung des Sachverhalts sind nicht erkennbar. Abgesehen davon, dass erhebliche Lücken im statistischen Ausweis bestehen, erlaubt es bereits die mangelnde Koordination der Strafrechtspflegestatistiken nicht, den Gang des Strafverfahrens von der Einleitung des Ermittlungsverfahrens über Verurteilung und Vollstreckung bis hin zum Vollzug für die Grundgesamtheit eines jeden Jahres zu beschreiben."138 Die schon wiederholt erhobene Forderung nach einer Verlaufsstatistik, in der die Bestandsmassen in aufeinander folgenden Zeitpunkten durch die Zugänge zu, die Abgänge von und die Bewegungen zwischen den einzelnen Merkmalsausprägungen während des jeweiligen Berichtszeitraumes miteinander verknüpft werden, ist schon wegen der in Fällen der Schwerkriminalität

Berlin-Ost ist seit dem 3.10.1990 einbezogen; ab 1993 konnten die Nachweise nicht mehr auf Berlin-West und Berlin-Ost aufgeteilt werden. Ab 1993 konnten Ergebnisse von Sachsen und Sachsen-Anhalt nachgewiesen werden; ab 1994 auch für Brandenburg und Thüringen, ab 1995 auch für Mecklenburg-Vorpommern. 131 Ab dem 3.10.1990 ist Gesamtberlin einbezogen. Seit 1993 liegen Angaben vor aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen, seit 1994 auch für Sachsen, seit 1995 auch für Mecklenburg-Vorpommern. 132 In die Stichtagserhebung (Reihe 4.1) sind die neuen Länder ab 1992 einbezogen, in der Bestands- und Belegungserhebung (Reihe 4.2) seit 1992 Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, seit 1993 auch Brandenburg. 133 Die StVSt wurde in Sachsen zum 1.1.1992, in Brandenburg zum 1.1.1994 und in Thüringen zum 1.1.1997 eingeführt; Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt führen sie noch nicht. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht deshalb, von einigen Eckwerten (seit 1997) für Brandenburg, Sachsen und Thüringen abgesehen, die Ergebnisse der StVStat lediglich für die alten Länder einschließlich Gesamtberlin. 134 Ergebnisse der BewH-Statistik konnten vom Statistischen Bundesamt seit 1993 lediglich für Brandenburg, seit 1995 auch für Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesen werden. 135 Der Anteil der wegen Straßenverkehrsdelikten (i.S. der StVStat) Verurteilten an allen Verurteilten betrug 1998 30%. 136 In der StA-Statistik wird die Geschäftsentwicklung der Verfahren nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz nachgewiesen. In der StP/OWi-Statistik werden Geschäftsanfall, Einleitungsart, Erledigungsart und Hauptverhandlungen in Bußgeldverfahren sowie deren Dauer mitgeteilt. 137 Vgl. hierzu unten Kapitel 2.4. 138 HEINZ, W., 1998d, S. 788 f.

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2.2

3. 3.1

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z. T. sehr langen Verfahrensdauer bis Rechtskrafteintritt kaum als periodische Statistik zu realisieren. Denkbar ist hingegen, die Daten zum Delikt, zur Art der Erledigung sowie zur Person in anonymisierter, jedoch mittels kryptographischer Verschlüsselungsverfahren personenbezogen zuordenbarer Weise zu speichern, so dass für ausgewählte Fragestellungen verlaufsstatistische Analysen möglich wären, wie sie im europäischen Ausland - etwa Schweden, Österreich, Schweiz - regelmäßig durchgeführt werden und eine wichtige Informationsquelle darstellen. Die fehlende Vergleichbarkeit hat z. B. zur Folge, dass es statistisch nicht möglich ist zu erkennen, in welchem Maße aus Sicht von Staatsanwaltschaft oder Gericht tatsächlich eine "Überbewertung" seitens der Polizei vorliegt. Als Beispiel hierfür wurde bereits der Befund genannt, dass nur ca. ein Drittel der wegen eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes polizeilich registrierten Tatverdächtigen auch wegen eines derartigen Delikts verurteilt wird. Die Statistiken lassen nicht erkennen, welche strafrechtliche Reaktion bei den anderen Tatverdächtigen erfolgte. Berücksichtigung kriminalpolitisch relevanter Merkmale Sämtliche Strafrechtspflegestatistiken bauen auf dem Prinzip numerischer Häufigkeitszählung auf.139 Die Schwere der Taten können sie deshalb nicht oder nur unvollständig zum Ausdruck bringen; ein Mord zählt soviel wie ein Ladendiebstahl.140 Dies bedeutet beispielsweise, dass zwar der polizeilich registrierte numerische Anstieg der "Gewaltkriminalität" bekannt ist, aber keine Informationen über die Intensität von Gewalt vorliegen. Es wäre deshalb zu prüfen, wie im Rahmen einer Massenstatistik geeignete und aussagekräftige Schwereindices gebildet werden können. Die Orientierung an strafrechtsdogmatischen Kriterien und die Erfassung unter Straftatbeständen leistet gelegentlich Fehlurteilen Vorschub. So könnte z. B. aus der Tatsache, dass das Tötungsdelikt nicht über das Versuchsstadium hinausgelangt ist, der Schluss auf mindere Schwere gezogen werden. Der Versuch des Tötungsdelikts umfasst aber eine große Bandbreite, angefangen von der Verabreichung eines völlig harmlosen Mittels als angebliches "Gift" bis hin zur Zufügung schwerster Verletzungen, die nur dank ärztlicher Kunst nicht zum Tode führten. Mehr als die Hälfte der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität entfällt auf "gefährliche und schwere Körperverletzung" (§§ 224, 226, 231 StGB). Im Unterschied zur StVStat wird in der PKS nicht zwischen "gefährlicher" und "schwerer" Körperverletzung differenziert. Aber auch der getrennte Ausweis von "gefährlicher Körperverletzung" ist kriminologisch unergiebig. Denn diese Deliktsgruppe umfasst neben der Begehung "mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs" vor allem auch die "gemeinschaftliche" Begehung. Folglich finden sich in dieser Deliktsgruppe neben besonders brutalen und lebensbedrohlichen Begehungsformen undifferenziert auch die jugendtypische Konstellation bei Raufhändeln unter Gruppen ("gemeinschaftlich") Jugendlicher auf dem Schulhof oder in der Freizeit, die sich im Regelfall gerade nicht durch die von der Tatbestandsbezeichnung suggerierte besonders gefährliche Tatintention oder -ausführung auszeichnet. Opferdaten und Täter-Opfer-Beziehungen werden bislang nur unzureichend erfasst. In der PKS werden Opfer und Täter-Opfer-Beziehungen nur bei einigen Delikten und Deliktsgruppen erfasst, namentlich bei Tötungsdelikten, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, bei Roheitsdelikten wie Raub, Körperverletzung sowie bei Straftaten gegen die persönliche Freiheit. In der

Kriminalstatistiken zählen, wägen aber nicht. "Gewogen kann der Verlauf einer bestimmten Kriminalität ein ganz anderes Bild bieten als gezählt" (Weber 1939, 37). Zwar wird seit 1971 in der PKS bei bestimmten Delikten der Geldwert des rechtswidrig erlangten Gutes ("Schaden") ausgewiesen, das feste Tabellenprogramm erlaubt aber keine Verknüpfung mit der Tatverdächtigenzählung: Bei den unter Schweregesichtspunkten besonders relevanten Deliktsgruppen, insbesondere der Gewaltkriminalität, werden derzeit (noch) keine Daten erhoben (z. B. Ausmaß der Verletzung), die als Schwereindikator dienen könnten; zur Kritik zuletzt HAUF, C.-J., 1995a, S. 89 ff. Die StVSt ist wegen des Opportunitätsprinzips zu schwereren Straftaten hin verschoben, so dass die Indikatoren Sanktionsart und -höhe ebenfalls fraglich sind. 140 Zur Entwicklung eines Gewichtungsmaßes für Deutschland vgl. Schindhelm 1972. Vorbehalte gegen die praktische Realisierbarkeit im Rahmen von Massenstatistiken bei DÖRMANN, U., 1990, S. 56.

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3.5

3.6

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StVStat werden die Art der Straftat und die Zahl der Opfer lediglich bei Straftaten an Kindern nachgewiesen. Erfasst werden in der PKS Alter und Geschlecht der Opfer; über die Nationalität fehlen Informationen. Es ist deshalb nicht möglich anhand der PKS festzustellen, inwiefern Zuwanderer Opfer von Straftaten waren. Von allen Ermittlungsverfahren gegen bekannte Tatverdächtige wird weniger als ein Drittel an das Gericht durch Anklage oder durch Antrag auf Erlass eines Strafbefehls weitergegeben.141 Die weit überwiegende Zahl der Ermittlungsverfahren wird von der Staatsanwaltschaft ohne Einschaltung des Gerichts erledigt. Über die diesen Verfahren zugrunde liegenden Straftaten informiert die StAStatistik bis 1998 nur für zwei Deliktsgruppen - Straftaten im Straßenverkehr und "besondere Wirtschaftsstrafverfahren"142. Entscheidungsrelevante Merkmale wie z. B. Art der Straftat, Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit der Beschuldigten werden nicht nachgewiesen. Die Staatsanwaltschaft, die inzwischen nahezu so viel Verfahren aus Opportunitätsgründen einstellt wie sie zur Anklage (einschließlich Strafbefehlsantrag) bringt, verbleibt in einem statistischen "Graufeld". In der StVStat werden Art und Höhe bzw. Dauer der verhängten Sanktionen relativ differenziert bei freiheitsentziehenden Strafen erfasst; die Vollständigkeit und Differenziertheit der Erfassung nimmt jedoch deutlich ab, je eingriffsschwächer die Sanktion ist. Dies führt, in kriminalpolitischer Hinsicht, bis zu partieller Blindheit, wie folgende Beispiele zeigen: - Über die Umsetzung moderner kriminalpolitischer Strömungen wie Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) oder Diversion kennen wir entweder nur die Größenordnungen (Diversion) oder, wie hinsichtlich des TOA, derzeit noch nicht einmal diese. Über die Häufigkeit, in der im Jugendstrafrecht z. B. eine Arbeits- oder eine Betreuungsweisung oder ein sozialer Trainingskurs angeordnet wird, geht aus keiner Statistik etwas hervor.143 Erst recht sind natürlich die Täterbzw. Tatengruppen, auf die diese Sanktionen angewendet werden, völlig unbekannt. Werden auch Diversionsentscheidungen (§§ 45, 47 JGG, §§ 153, 153a, 153b StPO, §§ 31a, 37, 38 Abs. 2 BtMG) berücksichtigt, dann ist für rund zwei Drittel aller Sanktionen nach Jugendstrafrecht und für mehr als jede zweite Sanktion nach allgemeinem Strafrecht aufgrund der Strafrechtspflegestatistiken so gut wie nichts bekannt. - Die genaue Zahl der Personen, die Ersatzfreiheitsstrafen verbüßen, ist - auf Bundesebene ebenso wenig bekannt wie die genaue Quote der Geldstrafen, bei denen es zu Vollstreckungsmaßnahmen gekommen ist. Erst recht unbekannt ist, wie häufig es zur Abwendung von Ersatzfreiheitsstrafen durch die Ableistung von gemeinnütziger Arbeit gekommen ist. - Weder Zahl noch Quote der Widerrufe bzw. Straferlasse nach Strafaussetzung zur Bewährung sind bekannt. Die aus der Bewährungshilfe-Statistik ableitbare Widerrufsquote bezieht sich lediglich auf die Fälle der Unterstellung unter einen hauptamtlichen Bewährungshelfer; zudem ist diese Widerrufsquote systematisch verzerrt.144 In den derzeit geführten Statistiken werden lediglich einige wenige Angaben zu Vorbestrafungen erfasst; rückfallstatistische Informationen fehlen. Derzeit wird allerdings eine Machbarkeitsstudie

Vgl. hierzu unten Kapitel 3.1 und 3.2. Die Nachweise zum Gegenstand des Ermittlungsverfahren wurden zum 1.1.1998 ausgebaut. Vgl. hierzu oben FN 60. 143 Seit dem 1.1.2000 wird in der StP/OWi-Statistik die Zahl der gerichtlichen Verfahrenseinstellungen nach § 153a, Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 (TOA) erhoben, seit dem 1.1.2001 erfolgt über die StA-Statistik eine Erfassung auch der entsprechenden Einstellungen von Ermittlungsverfahren nach TOA. Dabei beschränkt sich die Erfassung in StA- und StP/OWi-Statistik auf TOA nach allgemeinem Strafrecht, über die nach Erfahrungsberichten der Praxis anteilsmäßig wesentlich häufigere Anwendung des TOA im Jugendstrafrecht soll - nach derzeitigem Stand - auch künftig keine statistische Erfassung erfolgen. Ab dem 1.1.2002 wird in der StVStat erhoben, in wie viel Fällen die verfahrensabschließende Entscheidung nach allgemeinem sowie nach Jugendstrafrecht mit einem Täter-Opfer-Ausgleich verbunden war. Im Endergebnis wird damit die Anwendung des TOA gut und auch nach Delikten differenziert erhoben für den Fall der Verurteilung. Für die - nach bisherigen Erfahrungen wesentlich häufigere Anwendung im Ermittlungsverfahren - werden nur Summenzahlen zur Verfügung stehen, also keine nach Einzeldelikten gegliederten Ergebnisse, und dies auch nur für den Bereich von § 153a StPO. 144 Vgl. hierzu unten Kapitel 3.5. 142

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für eine künftige periodische Rückfallstatistik durchgeführt, die aufzeigt, dass die Erkenntnislücken durch Einbeziehung der Daten des Bundeszentralregisters geschlossen werden können.145 4. 4.1

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5. 5.1

5.2

5.3

145

Informationsverluste durch Art der Erhebung, der Aufbereitung und der Dauer der Speicherung Die Informationen werden überwiegend in geschlossenen Kategorien (z. B. Freiheitsstrafe "bis unter 6 Monaten", "mehr als 5 bis einschließlich 10 Jahren", "mehr als 10 Jahre bis einschließlich 15 Jahre") erhoben. Die Berechnung einer durchschnittlichen Strafdauer ist damit von vornherein ausgeschlossen. Eine optimale Nutzung des Datenmaterials setzt voraus, dass die Daten nicht in festen Kategorien erhoben werden; die Bildung von Kategorien sollte der Auswertung vorbehalten bleiben. Nur ein Bruchteil der Auswertungsmöglichkeiten wird derzeit durch die Tabellenprogramme ausgeschöpft. Die festen Tabellenprogramme erlauben keine Verknüpfung der Erhebungsmerkmale (z. B. Tatortgröße, Vorstrafenbelastung, Schaden, Opfer) mit den Tatverdächtigen bzw. Verurteilten entsprechend den einzelnen Altersklassen. Auf Bundesebene verfügen derzeit weder das Bundeskriminalamt noch das Statistische Bundesamt über die Individualdatensätze, die erst derartige weitergehende Auswertungen zuließen. Erhebungseinheiten und Erfassungsgrundsätze der Statistiken: Die Erhebungseinheiten der Statistiken stimmen nur zum Teil überein: - Eine Ereignis- bzw. "Fallzählung" gibt es nur in der PKS. - Personen werden in der PKS ("Tatverdächtige", "Opfer"), in der StVStat ("Abgeurteilte", "Verurteilte"), in der BewH-Stat ("Probanden") und in der StVollzSt ("Gefangene", "Verwahrte"), ferner in der Justizgeschäftsstatistik in Strafsachen und - seit 1998 - auch in der StAStatistik gezählt. - Verfahren werden in der StA-Statistik sowie in der Justizgeschäftsstatistik in Strafsachen gezählt. - Für die vergleichende Gegenüberstellung ergibt sich hieraus die Notwendigkeit, die unterschiedlichen Erhebungseinheiten möglichst auf eine gemeinsame Grundlage "umzurechnen".146 Die Erfassungsgrundsätze der Statistiken stimmen nicht überein: In den beiden für die Beurteilung der "Kriminalität" wichtigsten Statistiken weicht die Zählweise der Erhebungseinheiten voneinander ab. In der PKS gilt, dass ein Tatverdächtiger, werden ihm in einem Ermittlungsverfahren mehrere Fälle verschiedener Straftaten zugeordnet, für jede Untergruppe gesondert registriert wird, für die entsprechenden übergeordneten Straftatengruppen bzw. für die Gesamtzahl der Straftaten aber jeweils nur einmal. In der StVSt wird dagegen - entsprechend dem Prinzip der "Einheit der Person" - jede abgeurteilte Person nur einmal gezählt, es sei denn, ein und dieselbe Person wird in verschiedenen Strafverfahren abgeurteilt. Betrifft die Aburteilung verschiedenartige Straftaten, dann erfolgt eine Erfassung bei dem nach Art und Maß mit der abstrakt schwersten Strafe bedrohten Delikt. Die der Verurteilung zugrunde liegenden Delikte sind deshalb um so ungenauer erfasst, je geringer die Strafdrohung eines Deliktes ist. Speziell für Zeitreihenanalysen ergeben sich Grenzen der Aussagemöglichkeiten aus dem Wechsel von Erhebungs- bzw. Aufbereitungskategorien in den einzelnen Statistiken. So wurden vor 1963 in der PKS auch Straßenverkehrsdelikte miterfasst, die aus der Gesamtzahl der registrierten Delikte nicht herausgerechnet werden können. Zum 1.1.1983 wurden die Fall-147 und die Tatverdächtigen-

Vgl. hierzu unten Kapitel 3.8. Vgl. die Berechnung von Diversionsraten auf der Grundlage sowohl der StA-Statistik als auch der StVStat bei HEINZ, W., 2000c, S. 198 ff. 147 Als Grundsatz gilt , dass jede bekannt gewordene Straftat als ein Fall zu erfassen ist; dies gilt auch für tateinheitliches oder tatmehrheitliches Zusammentreffen. Vor 1983 war z. B. beim Diebstahl aus mehreren Kraftfahrzeugen, die in einer Sammelgarage abgestellt waren und zu der sich der Täter gewaltsam Zutritt verschafft hatte, nur ein Fall zu zählen; seit 1983 ist die Zahl der Kraftfahrzeuge entscheidend, aus denen gestohlen wurde. Entgegen der Annahme, diese Neuregelung führe zu einem Anstieg der 146

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zählung148 geändert. Vor allem die Änderung der Tatverdächtigenzählung führte dazu, dass die Ergebnisse mit jenen der Vorjahre nur eingeschränkt vergleichbar sind. In der StVStat wurden z. B. als Reaktion auf gesetzliche Änderungen die Kategorien, mit denen die Dauer der verhängten Jugend- oder Freiheitsstrafe ausgewiesen ist, mehrfach geändert. Erst seit 1970 ist es deshalb möglich, Zeitreihen für die zeitige Freiheitsstrafe unter neun Monaten nach mehreren und gleichbleibenden Kategorien der Strafdauer zu bilden. Während auf die Änderungen und auf die eingeschränkte oder gar fehlende Vergleichbarkeit in den Berichtsbänden hingewiesen wird, fehlen zumeist Untersuchungen der statistikführenden Stellen, aufgrund derer die quantitativen Auswirkungen der Änderungen abgeschätzt werden könnten. 6. 6.1

6.2

Fehlende bundesgesetzliche Grundlage der Rechtspflegestatistiken Bei den Kriminal- und Rechtspflegestatistiken handelt es sich bislang um koordinierte Länderstatistiken ohne bundesgesetzliche Grundlage. Sie wurden durch aufeinander abgestimmte, übereinstimmende Erlasse der Innenministerien bzw. der Landesjustizverwaltungen eingeführt. Der Bundesdatenschutzbeauftragte hat deshalb schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die personenbezogenen Strafrechtspflegestatistiken aus rechtlichen Gründen nicht mehr fortgeführt werden könnten, wenn sich der sog. Übergangsbonus, den das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber in seinem Volkszählungsurteil vom 15.12.1983149 zugebilligt hat, seinem Ende zuneige.150 Eine Konsequenz der fehlenden bundesgesetzlichen Grundlage besteht darin, dass weder dem Bundeskriminalamt noch dem Statistischen Bundesamt Einzeldatensätze übermittelt werden. Ihnen werden vielmehr die aufbereiteten statistischen Ergebnisse der Länder mitgeteilt, die zu Bundesergebnissen addiert werden. Damit sind die Auswertungsmöglichkeiten dieser Stellen auf die festen Tabellenprogramme begrenzt; eine optimale Nutzung des Datenmaterials für kriminalpolitische Zwecke ist nicht möglich. Schließlich haben landesinterne Maßnahmen nicht nur Einfluss darauf, ob und wann die Führung einer Statistik aufgenommen wird, sondern auch darauf, ob die Daten aufbereitet werden. So führt beispielsweise Hamburg seit 1992 die Bewährungshilfestatistik nicht mehr durch; infolgedessen kann seitdem kein vollständiges Bundesergebnis mehr erstellt werden.

Die Notwendigkeit einer Reform des jetzigen Systems der Kriminal- und Rechtspflegestatistiken ist nach alledem unbestreitbar.151 Die zentralen Punkte, an denen eine Reform ansetzen muss, werden sein: 1. Kurz- und mittelfristig: 1.1 Schaffung einer bundesgesetzlichen Grundlage für die personenbezogenen Strafrechtspflegestatistiken (Strafverfolgungsstatistik, Bewährungshilfestatistik), in der auch Belange der wissenschaftlichen Forschung benannt und berücksichtigt werden sollten. 1.2 Ergänzung des bisherigen Systems der Kriminal- und Rechtspflegestatistiken durch eine inhaltlich voll ausgebaute Statistik der staatsanwaltschaftlichen Entscheidungen und verbesserte Vollstreckungs- und Vollzugsstatistiken. Fallzahlen, war dies offenbar nicht der Fall. "Praxisfremde Regelungen wurden nämlich bei der Erfassung erfahrungsgemäß ignoriert"; DÖRMANN, U., 1983, S. 185. 148 In der PKS wurden - wie auch gegenwärtig noch in der StVStat - Tatverdächtige im Berichtszeitraum so oft erfasst, wie gegen sie selbständige Verfahren durchgeführt wurden. Dies führte zu Mehrfachzählung von durchschnittlich 20 bis 25%. Da aber die jungen Delinquenten häufiger Mehrfachtäter sind als Erwachsene, Männer häufiger wiederholt in Erscheinung treten als Frauen, wiederholte Tatbegehung sich bei Eigentumsdelikten häufiger findet als im Bereich der Tötungskriminalität, gab es erhebliche alters-, geschlechts- und deliktsspezifische Unterschiede (vgl. HEINZ, W., 1984b, S. 63). Deshalb wurde 1983 die sog. "echte" Tatverdächtigenzählung eingeführt. Danach wird ein Tatverdächtiger, gegen den im Berichtszeitraum mehrere Ermittlungsverfahren durchgeführt wurden, in demselben Land nur einmal gezählt, bei Straftatenbegehung in verschiedenen Ländern dagegen mehrmals. 149 BVerfGE 65, S. 1 ff. 150 Vgl. HOCH, P. und R. BLATH, 1992, S. 154. Ein Teil der Länder hält allerdings die jeweilige landesgesetzliche Grundlage für ausreichend. 151 Zu Reformvorschlägen aus jüngster Zeit: BUNDESMINISTERIUM DER JUSTIZ, KRIMINOLOGISCHE ZENTRALSTELLE E. V. (Hg.), 1992; HEINZ, W., 1998e; JEHLE, J.-M., 1992;. JEHLE, J.-M. und C. LEWIS, 1995.

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1.3 Grundsätzliche Überarbeitung sowohl der Einzelstatistiken als auch des Systems amtlicher Strafrechtspflegestatistiken mit dem Ziel der Schaffung eines Systems integrierter, aufeinander abgestimmter Teilstatistiken (PKS, StA-Statistik, StVStat, Strafvollstreckungs- und StVollz-Statistik). 1.4 Größere Flexibilität der Datenerhebung durch Differenzierung in einen fortlaufend zu erhebenden Grunddatenbestand152 und in Zusatzdaten, die für bestimmte Regionen und/oder Zeiträume erhoben werden und der Klärung aktueller Fragen dienen sollen. 1.5 Ergänzung des Systems der Strafrechtspflegestatistiken durch periodische, statistikbegleitende Dunkelfelduntersuchungen mit dem Ziel, Opfer von Straftaten und Opfersituationen zu erkennen, das Anzeigeverhalten sowie die Gründe für Anzeige und Nichtanzeige zu bestimmen sowie Kriminalitätsfurcht zu messen.153 2. Langfristig sollte die Schaffung eines Datenpools von langfristig vorzuhaltenden Individualdatensätzen für Zwecke wissenschaftlicher Auswertungen angestrebt werden, wobei datenschutzrechtlichen Belangen in geeigneter Weise, etwa durch Verfahren der kryptographischen Verschlüsselung, Rechnung getragen werden könnte. 1.5 Kriminalitätsfurcht Die objektive Kriminalitätslage ist, soviel dürfte, trotz der Entwicklungen im Bereich der Gewaltkriminalität und der rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Straftaten, gesagt werden können, besser als das Kriminalitätsbild, das durch die Vielzahl Aufsehen erregender Einzelfalldarstellungen in den Medien entsteht. Innere Sicherheit hat aber nicht nur diese objektive Komponente "Kriminalität"; Innere Sicherheit hat auch eine subjektive Komponente "Kriminalitätsfurcht". Politik muss auch Kriminalitätsfurcht ernst nehmen, wie unzutreffend sie - im Lichte des tatsächlichen Risikos - auch sein mag, denn in ihren Konsequenzen ist diese Furcht für die Betroffenen real. Kriminalitätsfurcht mindert objektiv Lebensqualität, weil sie zu Schutzvorkehrungen und zu Vermeideverhalten führt, insbesondere zur Reduzierung von Aktivitäten, zur Lockerung sozialer Beziehungen bis hin zur Isolation. Das Meiden von als gefährlich eingestuften Straßen, Plätzen oder Verkehrsmitteln kann sogar dazu führen, dass diese später einmal tatsächlich unsicher werden. Kriminalitätsfurcht verdient schließlich wegen weiterer (vermuteter) unerwünschter Effekte - Verlust des Vertrauens in den Rechtsstaat und Förderung von Selbstjustiz/Bürgerwehren - besondere kriminalpolitische Aufmerksamkeit.154 Die "Gewaltkommission" der Bundesregierung hat deshalb in ihrem Abschlussbericht 1990 zutreffend festgestellt: "Die in der Bevölkerung festzustellende Verbrechensfurcht stellt jedenfalls bereits als solche, d. h. in ihrer bloßen Existenz, ein sozial- und kriminalpolitisches Problem dar, weil sie die Lebensqualität der Bürger beeinträchtigt. Von daher gehört es auch zu den staatlichen Aufgaben, dafür zu sorgen, 'dass die Bürger nicht nur tatsächlich abends auf die Straße gehen können, sondern es auch glauben, dass sie es können'".155 Die Erhebung von Indikatoren der Kriminalitätsfurcht gehört seit Anbeginn zu den Forschungsthemen von Opferbefragungen. Die im Verlauf des Forschungsprozesses erfolgte Ausdifferenzierung der Indikatoren für Kriminalitätsfurcht zeigt, dass es "die" Kriminalitätsfurcht ebenso wenig gibt - weder begrifflich, noch theoretisch, noch empirisch - wie "die" Kriminalität. Es hat sich gezeigt, dass unterschieden werden muss zwischen der Besorgnis des Einzelnen über Kriminalität als soziales oder gesellschaftliches Problem einerseits und andererseits einer personalen Komponente, also dem persönlich empfundenen Gefühl der Verunsicherung oder Bedrohung, auf die u. U. mit Schutz- oder Vermeideverhalten rea152

Ein "Mehr" an Daten geht häufig auf Kosten von Fehleranfälligkeit. Deshalb sollte genau geprüft werden, welcher Grunddatenbestand fortlaufend benötigt wird und für welche Daten es ausreicht, wenn sie in Form von zeitlich oder regional begrenzten Zusatzerhebungen zur Verfügung stehen. Diese Differenzierung setzt allerdings voraus, dass die erforderliche Flexibilität seitens der datenerfassenden Stellen auch besteht. 153 Zu Möglichkeiten und Alternativen vgl. DÖRMANN, U., 1988; STEFFEN, W., 1993a, S. 43 f. 154 Vgl. hierzu SCHWIND, H.-D., 2001, S. 387 f. 155 SCHWIND, H.-D. u.a., 1990, S. 45 Rdnr. 61, unter Zitierung von KERNER, H.-J., 1986a, S. 155.

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giert wird. Innerhalb dieser personalen Komponente wird in der Forschung zwischen der allgemeinen Kriminalitätsfurcht (emotionale Komponente) und einer kognitiven Komponente unterschieden, womit die Wahrnehmung und Bewertung des persönlichen Risikos gemeint ist, Opfer einer Straftat zu werden. Hiervon wiederum ist die Verhaltenskomponente zu unterscheiden, insbesondere das Vermeide- und Schutzverhalten. Hinsichtlich Ausmaß und Entwicklung von Kriminalitätsfurcht kann nach dem gegenwärtigen Forschungsstand als gesichert angesehen werden: - Die Wahrnehmung und Bewertung von Kriminalität als soziales Problem wird regelmäßig weit überschätzt, wenn durch die Art der Fragestellung an latente Besorgnisse appelliert wird, weil entweder bei geschlossenen Fragen - nur eine geringe Bandbreite an sozialen Problemen vorgegeben wird oder bei offenen Fragen - ein entsprechender Zusammenhang mit Kriminalität als Problem nahe gelegt wird. Neuere Repräsentativbefragungen, bei denen die vorgegebene Bandbreite sozialer Probleme hinreichend groß ist, zeigen, dass Kriminalität im Vergleich zu anderen allgemeinen Lebensrisiken (etwa im Straßenverkehr, bezüglich Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit) und aktuellen gesellschaftlichen Problemen (wie der Besorgnis wegen steigender Arbeitslosigkeit, Teuerung, politischem Extremismus, Krieg usw.) deutlich nachrangige Bedeutung hat. So kam eine im Jahr 2000 in privatem Auftrag156 durchgeführte Repräsentativbefragung zum Ergebnis, dass "die Angst der Deutschen, einer Straftat zum Opfer zu fallen, ... im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht zugenommen (hat). Im Bedrohungsprofil der Nation spielt sie aber eher eine untergeordnete Rolle: Unter den 16 abgefragten Ängsten rangiert sie erst an zwölfter Position."157 In der Wahrnehmung und Bewertung durch die Bevölkerung kommt danach den Kriminalitätsrisiken im Vergleich zu sonstigen Risiken keineswegs eine extreme Sonderstellung zu. - Die allgemeine Kriminalitätsfurcht ist deutlich stärker ausgeprägt als die Befürchtung, persönlich Opfer einer Straftat zu werden. Die allgemeine Kriminalitätsfurcht weist offenbar eher auf eine allgemeine Verunsicherung oder auf eine gesellschaftsbezogene Beunruhigung hin als auf konkrete persönliche Besorgnis. - Frauen weisen bezüglich der verschiedenen Komponenten von Kriminalitätsfurcht durchweg ein höheres Furchtniveau auf als Männer. - Kriminalitätsfurcht und objektive Kriminalitätsbelastung bzw. persönliche Viktimisierungserfahrungen weisen nur einen schwachen statistischen Zusammenhang auf. - Im zeitlichen Längsschnitt zeigen die neueren Untersuchungen in Deutschland eine relativ einheitliche Tendenz. Sowohl Wahrnehmung und Bewertung der Kriminalität als soziales Problem als auch die emotionale bzw. kognitive Komponente der personalen Kriminalitätseinstellung weisen seit Mitte der neunziger Jahre abnehmende Ausprägungen auf. Dies gilt in den neuen wie in den alten Ländern. 1.6 Zusammenfassung und Ausblick Mit dem Sicherheitsbericht wird ein neuer Weg amtlicher Berichterstattung über die Kriminalitätslage beschritten. Das Gesamtbild ist trotz der Vielzahl bereits verfügbarer statistischer Informationen in mehrfacher Hinsicht lückenhaft. Dies beruht vor allem auf fehlenden oder nicht unmittelbar miteinander ver156

Das R+V-Infocenter für Sicherheit und Vorsorge, eine Initiative der R+V Versicherung, führt seit mehreren Jahren bundesweit repräsentative Befragungen zu den Besorgnissen der Deutschen durch (http://www.ruv.de/infos/index.htm). 157 http://www.ruv.de/infos/studien/angstddt/zufass.html. Größere Angst als die, Opfer einer Straftat zu werden, hatten die Befragten (in dieser Reihenfolge) vor einem Anstieg der Lebenshaltungskosten, einer schweren Erkrankung, im Alter Pflegefall zu werden, vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage, vor Arbeitslosigkeit in Deutschland, vor politischem Extremismus, vor Spannungen durch Zuzug von Ausländern, vor eigener Arbeitslosigkeit, vor einem Verkehrsunfall, vor der Drogensucht der eigenen Kinder und vor einem geringeren Lebensstandard im Alter. Nach der Angst, Opfer einer Straftat zu werden, kamen die Angst vor Vereinsamung im Alter, vor Umweltzerstörung, vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung und vor Zerbrechen der Partnerschaft. Die Untersuchung über die Ängste der Deutschen 2000 ist im Internet veröffentlicht: http://www.ruv.de/infos/ studien/angstddt/einstieg.html.

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gleichbaren Daten. Eine Ergänzung und Überarbeitung des Systems der amtlichen Kriminal- und Rechtspflegestatistiken ist deshalb notwendig, damit es den aktuellen Informationsbedürfnissen der Strafverfolgungspraxis sowie der Kriminal- und Strafrechtspolitik Rechnung tragen kann. Dazu gehören neben einer bundesgesetzlichen Grundlage vor allem die Ergänzung und Überarbeitung des Systems der amtlichen Statistiken in diesem Bereich sowie die Durchführung periodischer, statistikbegleitender Dunkelfeldforschung. Soweit es um die Reform der amtlichen Kriminal- und Rechtspflegestatistiken geht, sind bei einem Ausbau Einsparpotentiale zu nutzen. Durch eine Reorganisation der Datenerfassung und der Meldewege lassen sich die derzeit noch vielfach erfolgenden Mehrfacherfassungen vermeiden, die Einzelstatistiken ausbauen und zugleich die Zuverlässigkeit der Datenerfassung erhöhen. Dies setzt eine Datenerfassung auf EDV-Basis voraus, aus der verschiedene Datensätze für unterschiedliche Meldewege gebildet werden können. Eine am Gesetzeszweck orientierte, die Evaluation ermöglichende Reform der Strafrechtspflegestatistiken würde deshalb die Justiz nicht belasten, sondern - von Mehrfacherhebungen und ad-hocZusatzerhebungen - entlasten, zugleich jedoch den Wirkungsgrad der Aufwendungen für die Statistik erhöhen und letztlich dem Gesetzgeber zu einer effizienteren Gesetzgebung verhelfen. Wie dieser Sicherheitsbericht zeigt, ist es weder auf der Grundlage des jetzigen, noch auf der Grundlage eines besser ausgebauten Systems der Kriminal- und Rechtspflegestatistiken möglich, Verläufe zu messen, also die Frage nach dem Verfahrensausgang bei den z. B. wegen Mordes oder Totschlags ermittelten Tatverdächtigen zu beantworten. Eine Verlaufsstatistik wird, weil technisch sehr aufwändig und wegen der großen Zeitdauer zwischen Ermittlung und rechtskräftigem Verfahrensabschluss, kaum realisierbar sein. Das mit einer Verlaufsstatistik angestrebte Ziel kann jedoch realisiert werden durch Schaffung eines Datenpools von langfristig vorzuhaltenden Individualdatensätzen der Einzelstatistiken für Zwecke wissenschaftlicher Auswertung. Die derzeit bereits existierenden Verfahren der kryptographischen Verschlüsselung der Personendaten erlauben es, die Daten so zu anonymisieren, dass für die Wissenschaft zwar noch die Möglichkeit besteht, die Einzeldatensätze personenbezogen zuzuordnen, es aber faktisch unmöglich ist, einen Bezug zu einer bestimmten Person herzustellen. Damit kann berechtigten Belangen des Datenschutzes Rechnung getragen werden. Diese Möglichkeit verdient nähere Prüfung.

2 2.1

Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche Gewaltkriminalität

Im Folgenden wird auf Umfang und Entwicklung der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität sowie auf Resultate kriminologischer Dunkelfeldforschung zu diesem Kriminalitätsbereich eingegangen. Der spezielle Bereich der Gewalt durch und gegen junge Menschen wird nicht an dieser Stelle abgehandelt, sondern im Schwerpunktkapitel 5, das sich mit jungen Menschen als Opfern und Täter von Kriminalität, darunter auch Gewaltkriminalität, befasst. Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird in Kapitel 2.2.1 behandelt, das Problem des Menschenhandels in Kapitel 2.2.2 Zum Problem der fremdenfeindlichen sowie allgemein der politisch motivierten Gewalt erfolgen umfangreiche Darlegungen in Kapitel 2.10, weshalb darauf an dieser Stelle ebenfalls nicht eingegangen wird.

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2.1.1

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Der Begriff der Gewaltkriminalität nach der Polizeilichen Kriminalstatistik Kernpunkte

♦ In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfolgt eine an den Erfordernissen einer eindeutigen Erfassung orientierte Eingrenzung des Gewaltbegriffs auf bestimmte Straftatbestände. Dadurch werden eine Reihe durchaus schwerwiegender, mit Gewalt verbundener Einzelfälle, die nicht von dieser Definition umfasst sind, aus der Betrachtung ausgeblendet. ♦ 1999 wurden 186.655 Gewaltdelikte polizeilich registriert, was einer Häufigkeitszahl von 228 Fälle je 100.000 der Wohnbevölkerung entspricht. Diese Gewaltdelikte machen etwa 3% aller im Jahre 1999 polizeilich registrierten Straftaten aus. Würde man entgegen der polizeilichen Definition auch die einfache Körperverletzung hinzuzählen, läge die Quote bei etwa 9%. ♦ Tötungsdelikte machen etwa 1,5% der polizeilich registrierten Gewaltdelikte aus. Den größten Anteil an den Gewaltdelikten haben die gefährlichen bzw. schweren Körperverletzungen mit 61,4% sowie Raub- und räuberische Erpressung, die etwa ein Drittel ausmachen. ♦ Bei etwa 13% der Gewaltdelikte handelte es sich 1999 um versuchte Tatbegehungen. Am höchsten liegt die Versuchsquote bei den vorsätzlichen Tötungsdelikten (ca. 65%), am niedrigsten bei den qualifizierten Körperverletzungen (7%). Die nachfolgenden Darlegungen knüpfen an den im Jahr 1990 veröffentlichten Untersuchungsbericht der Gewaltkommission der Bundesregierung zu den Entstehungsursachen, der Entwicklung, der Prävention und der Bekämpfung von Gewalt an.158 Wie dieser orientieren sich auch die folgenden Ausführungen im Hinblick auf den zugrunde gelegten Gewaltbegriff an einer Bund-Länder-Vereinbarung des Jahres 1983. Derzufolge werden unter dem Begriff "Gewaltkriminalität" eine Reihe von Delikten zusammengefasst, die der schweren oder zumindest mittelschweren Kriminalität zuzurechnen sind. Im Einzelnen sind dies folgende Straftatbestände: Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luft- und Seeverkehr. Mit dieser Definition werden nicht alle Straftaten erfasst, bei denen Gewalt angewandt wird. So fehlen etwa im Hinblick auf die personenbezogenen Gewaltdelikte die Nötigung oder die einfache Körperverletzung. Auch der sexuelle Kindesmissbrauch ist nicht Bestandteil dieser Gewaltdefinition. Gegen Sachen gerichtete Gewalt, beispielsweise Sachbeschädigung nach § 303 StGB, wird von dieser polizeilichen Definition nicht umfasst. Derartige Delikte wurden 1983 vor allem deswegen nicht in den Begriff der Gewaltkriminalität einbezogen, weil ihre durchschnittliche Tatschwere insgesamt betrachtet deutlich hinter der der oben genannten Straftaten zurückbleibt. In Kauf genommen wurde damit auch, dass etwa eine einfache Körperverletzung, bei der dem Opfer mit bloßen Fäusten ein Nasenbeinbruch, blutende Wunden und schwere Prellungen zugefügt werden, nicht als Gewaltkriminalität definiert wird. Auf der anderen Seite wird die eher harmlose Rangelei von zwei 15-jährigen Fußballfans, bei der der Stärkere dem Schwächeren die Fan-Mütze vom Kopf reißt, um sie als Siegestrophäe behalten zu können, strafrechtsdogmatisch als Raub und damit als Gewaltdelikt gewertet. Man kann das kritisieren, weil auf diese Weise nicht die jeweilige Tatschwere des einzelnen Falles zum entscheidenden Kriterium gewählt worden ist, sondern die juristische Zuordnung zu einem bestimmten Straftatbestand. Auf der anderen Seite muss beachtet werden, dass die der Polizei übertragene kriminalstatistische Erfassung von Straftaten möglichst klar und eindeutig geregelt werden muss. Wenn seitens der Polizei in jedem einzelnen Fall am Ende der Ermittlungen abgewogen werden sollte, wie schwer die Tatausführung und wie gravierend ihre 158

Vgl. SCHWIND, H. D., BAUMANN, J. u. a. (Hg.), 1990.

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Folgen für Opfer gewesen sind, so wäre die Zuordnung zur Kategorie der Gewaltdelikte in Anbetracht der individuell stark variierenden Bewertungsmaßstäbe mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet. Die Polizei ist in diesem Stadium ihrer Ermittlungsarbeit auf routinemäßig abzuwickelnde Arbeitsabläufe angewiesen. Es erscheint deshalb durchaus nachvollziehbar, dass man sich im Hinblick auf die statistische Registrierung a priori für eine Auswahl bestimmter Straftatbestände entschieden hat. Die Nachteile dieses juristischen Gewaltbegriffes werden im Interesse einer pragmatisch handhabbaren Lösung in Kauf genommen. Die Eingrenzung der Gewaltdefinition auf die oben genannten Delikte bedeutet, und dessen sollte man sich bewusst sein, eine Beschränkung auf einen Teilbereich der personenbezogenen Gewalt. 1999 wurden insgesamt 186.655 Gewaltvorfälle polizeilich registriert. Dies sind 228 Fälle bezogen auf 100.000 der Wohnbevölkerung. 209.471 Personen waren als Opfer betroffen, davon waren etwa 70% männlichen Geschlechts. 6,5% der Opfer waren Kinder unter 14 Jahren, weitere 15,4% waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, 12% waren Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren und mit 58,6% stellen die Erwachsenen zwischen 21 und 60 Jahren die Hauptgruppe der Opfer, wiewohl sie in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil damit unterrepräsentiert sind. Ältere Menschen ab 60 Jahre haben an den Opfern der Gewaltkriminalität einen Anteil von lediglich 6,3%. Die Aufklärungsquote lag bei 72,9%. Von den Tatverdächtigen waren 88,4% männlich. 56,3% waren Erwachsene ab 21 Jahre. Jugendliche (21,7%) und Heranwachsende (15,9%) sind unter den Tatverdächtigen überrepräsentiert. Kinder stellen einen Anteil von 6,1% der Tatverdächtigen, Nichtdeutsche Tatverdächtige machen einen Anteil von 37,7% aus. In 3,4% der Gewaltvorfälle war mit einer Schusswaffe gedroht worden, in 1,6% geschossen. Der Anteil der Gewaltkriminalität an den ca. 6,5 Millionen polizeilich registrierten Straftaten des Jahres 1999 beträgt 3%. Würde man auch die einfache Körperverletzung hinzurechnen, läge die Quote bei 9%. Tabelle 2.1-1 informiert über die Zusammensetzung der Straftaten, die in der PKS dem Oberbegriff Gewaltkriminalität zugeordnet werden. Es wird erkennbar, dass die im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehenden Tötungsdelikte nur 1,5% der insgesamt erfassten Gewalttaten ausmachen. Der Anteil der Vergewaltigung liegt mit 4,1% nur wenig höher. Bei drei Fünftel der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität handelt es sich um gefährliche/schwere Körperverletzungen. Etwa ein Drittel waren im Jahr 1999 Raubdelikte. Tabelle 2.1-1: Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 nach Deliktsgruppen Straftat

Fälle

davon Versuche in % von N

Gewaltkriminalität

186.655

12,7%

-

2.851 1,5% 7.565 4,1% 61.420 32,9% 114.516 61,4%

64,7%

-

Mord/Totschlag, Tötung a. Verl. Anteil an Gewalt Vergewaltigung* Anteil an Gewalt Raubdelikte Anteil an Gewalt gef./schwere Körperverletzung Anteil an Gewalt

24,2% 19,4% 7,3%

* und besonders schwere Fälle der sexuellen Nötigung Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Bei der gefährlichen Körperverletzung ist ferner zu beachten, dass diese neben der Begehung "mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs" vor allem auch die "gemeinschaftliche" Tatausübung umfasst. Damit gehören zu dieser Deliktsgruppe neben besonders brutalen Begehungsformen

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undifferenziert auch die jugendtypischen Konstellationen bei Raufhändeln unter Gruppen Jugendlicher. Diese sind im Regelfall gerade nicht durch besonders gefährliche Tatintentionen oder Tatausführungen gekennzeichnet. Zu beachten ist, dass es sich bei den vorsätzlichen Tötungsdelikten zu fast zwei Drittel um versuchte Tatbegehungen handelt. Auch bei Vergewaltigung und Raubdelikten fällt der Versuchsanteil mit etwa einem Viertel bzw. einem Fünftel relativ hoch aus. Nur zu den gefährlichen/schweren Körperverletzungen ergibt sich mit 7% eine sehr niedrige Versuchsquote. Zu beachten ist außerdem, dass auf der Ebene der Polizei gerade im Bereich der Gewaltkriminalität im Hinblick auf die strafrechtliche Einordnung eine Tendenz besteht, von der gravierenderen rechtlichen Wertung auszugehen und mithin den Schweregrad zu überschätzen.159 Dies ist bei den Versuchsdelikten zudem stärker ausgeprägt als im Falle vollendeter Tatbestände. Das konnte für Raub160, Vergewaltigung161 und Tötungsdelikte auch insofern empirisch gezeigt werden, als dass die rechtliche Qualifikation auf Ebene der Polizei nur zu einem sehr geringen Anteil im Gerichtsurteil Bestätigung fand. So wurden beispielsweise von den vollendeten Tötungsdelikten 46% auch auf der Gerichtsebene entsprechend der polizeiliche Ausgangsdefinition bewertet. Bei den versuchten Tötung belief sich dieser Anteil hingegen nur auf 16%.162 Eine Konsequenz dieser Zusammensetzung der als Gewaltkriminalität registrierten Straftaten liegt auf der Hand. Die Dominanz der gefährlichen/schweren Körperverletzung und der Raubdelikte führt dazu, dass sich selbst starke Veränderungen in der Häufigkeit der anderen Gewalttaten in der Gesamtzahl der registrierten Fälle von Gewaltkriminalität kaum niederschlagen. Sollten beispielsweise die polizeilich registrierten Tötungsdelikte und Vergewaltigungen innerhalb der nächsten zehn Jahre jeweils um die Hälfte zurückgehen, die Raubdelikte und gefährlichen/schweren Körperverletzungen sich aber jeweils um 5% erhöhen, dann hätte die Zahl der insgesamt registrierten Gewalttaten immer noch um etwa 2% zugenommen. Die Tatsache, dass die beiden für die Bürger bedrohlichsten Formen der Gewaltkriminalität drastisch abgenommen haben, würde bei einer Konzentration auf die Gesamtzahl der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität völlig in den Hintergrund treten. Es erscheint deshalb nötig, bei Längsschnittanalysen auch auf die Entwicklung einzelner Gewaltarten einzugehen. 2.1.2

Regionale Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität 1999 Kernpunkte

♦ Die polizeilichen Daten zeigen ein deutliches Stadt-Land-Gefälle der Gewaltbelastung. Dieser Unterschied ist allerdings aus mehreren Gründen überzeichnet. So ist zu beachten, dass ein beachtlicher Anteil der Opfer und Täter seinen Wohnsitz nicht in der Stadt hat. Die Gewaltvorfälle, an denen sie beteiligt sind, erscheinen zwar in der polizeilichen Statistik, die involvierten Personen werden jedoch nicht als Stadtbewohner in der Bevölkerungsstatistik erfasst, mit der Konsequenz, dass die Häufigkeitszahlen für Städte überhöht erscheinen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass in Großstädten auch die Anzeigebereitschaft höher ausfällt. ♦ Nach der PKS besteht ein Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung. Dieses beruht im Westen Deutschlands primär auf starken Unterschieden der jeweiligen Anteile der ländlichen bzw. großstädtischen Bevölkerung. Eine gewichtige Rolle spielt ferner die in Norddeutschland höhere Anzeigebereitschaft. Im Osten Deutschlands fällt das Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung weit stärker aus als im Westen. Hier spielen auch erhebliche Unterschiede der sozioökonomischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle.

159

Vgl. Kapitel 1, dort FN 85. Vgl. FÖRSTER, H.-J., 1986. 161 Vgl. STEINHILPER, U., 1986. 162 Vgl. SESSAR, K., 1981; s. a. Kapitel 1, FN 113. 160

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♦ Die regionalen Divergenzen der Gewaltbelastung stehen generell in einem Zusammenhang mit regionalen Unterschieden der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Menschen. Regionen mit hohen Gewaltbelastung sind durch höhere Quoten an Arbeitslosen, Scheidungen und Sozialhilfeempfänger gekennzeichnet. Je enger soziale Netzwerke geknüpft sind und je besser die Menschen in das Arbeitsleben integriert sind, umso niedriger fällt die Gewaltrate aus. In Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern wurden 1999 mit 486 Gewalttaten pro 100.000 der Bevölkerung 4,2mal soviel registriert wie in Dörfern und Kleinstädten bis zu 20.000 Einwohnern (HZ=115). Am ausgeprägtesten ist das Stadt-Land-Gefälle bei den Raubdelikten. Hier übersteigt die Häufigkeitszahl der Taten die der Dörfer und Kleinstädte um das 8,6fache, bei Tötungsdelikten bzw. den gefährlichen/ schweren Körperverletzungen dagegen nur um das Doppelte bzw. Dreifache. Vergewaltigungen wurden 1999 in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern dreieinhalb mal so oft registriert wie auf dem Lande. Zu beachten ist allerdings, dass die Anzeigebereitschaft der Gewaltopfer in Großstädten höher ausfällt als auf dem Lande oder in Kleinstädten. Hinzu kommt als weiterer Verzerrungsfaktor, dass in den größeren Städten zwar die entsprechenden Vorfälle geschehen und auch registriert werden, ein beachtlicher Teil der Gewaltopfer und Täter aber ihren Wohnsitz außerhalb haben (Pendler, Touristen und Durchreisende). Diese werden in der Bevölkerungsstatistik, die sich am Wohnort orientiert, nicht erfasst, mit der Folge, dass die pro 100.000 der Wohnbevölkerung berechneten Häufigkeitszahlen in Großstädten überhöht ausfallen. Auf der anderen Seite dürften die durch repräsentative Opferbefragungen ermittelten StadtLand-Unterschiede der Gewaltbelastung tendenziell zu niedrig liegen. Sie begünstigen die Großstädte, weil dort bestimmte Bevölkerungsgruppen mit hohen Opferrisiken, die von Befragungen meist nicht erreicht werden, einen höheren Anteil der Wohnbevölkerung ausmachen als auf dem Land (Obdachlose, Personen aus dem Rotlichtmilieu und der Drogenszene, Migranten, soziale Randgruppen). Der StadtLand-Unterschied der Gewaltbelastung wird vermutlich zwischen dem liegen, was die PKS ausweist (4:1) und dem, was durch repräsentative Opferbefragungen ermittelt wurde (etwa 2:1). Tabelle 2.1-2: Häufigkeitszahlen der Gewaltkriminalität nach Ortsgrößenklassen 1999 Tatortverteilung in % bzw. pro 100.000 Einwohner Straftat

Gewaltkriminalität Taten pro 100.000 Einwohner -

Mord/Totschl., Töt. auf Verl.

-

Raubdelikte gef./schw. Körperverletzung

-

Vergewaltigung

bis 20.000

20.000 bis

100.000 bis

500.000 und

Einwohner

100.000 Einw.

500.000 Einw.

mehr Einw.

42,7*

26,6*

16,3*

14,4*

21,6%

25,3%

22,3%

30,8%

114,9

216,0

311,1

486,1

2,6

3,7

3,9

5,2

5,4

8,9

10,5

18,9

23,7 82,8

65,8 137,3

108,8 187,4

204,0 257,5

Körperverl. m. tödl. Ausg.

0,3

0,4

0,4

0,4

erpress. Menschenraub Geiselnahme

0,1 0,1

0,1 0,1

0,1 0,1

0,2 0,2

* prozentualer Anteil dieser Gemeindegrößenklasse an der Wohnbevölkerung der gesamten Bundesrepublik am 1.1.1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

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In der nachfolgenden Tabelle 2.1-3 werden die verschiedenen Ortsgrößen in unterschiedlichen Regionen der Bundesrepublik verglichen. Den Nord-Westen bilden die Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen; Nordrhein-Westfalen und Hessen werden zur Region Mitte-Westen zusammengefasst, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern zur Region Süd-Westen. In den neuen Ländern bilden Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Region Nord-Osten und Thüringen sowie Sachsen den Süd-Osten. Berlin wird in Anbetracht seiner Bevölkerungszusammensetzung (zu etwa 60% West und 40% Ost) sowie seiner geographischen Lage gesondert ausgewiesen. Tabelle 2.1-3: Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 in fünf Regionen der Bundesrepublik und Berlin, Tatortverteilung nach der Gemeindegröße NW

MW

SW

NO

SO

Be

Gewaltkriminalität

Insgesamt

HZ

westl. Bundesländer Nord-Westen Mitte-Westen Süd-Westen 273,1 230,9 158,5

neue Bundesländer Nord-Osten Süd-Osten 263,3 179,8

bis 20.000 Einwohner

HZ % der Bev

125,2 40,6%

112,1 22,1%

98,4 59,3%

174,5 59,3%

109,8 56,2%

bis 100.000 Einwohner

HZ % der Bev

250,9 25,8%

191,4 37,6%

195,3 21,8%

339,0 25,7%

220,4 22,7%

bis 500.000 Einwohner

HZ % der Bev

368,9 12,4%

291,3 24,1%

258,9 12,5%

484,5 15,0%

323,2 21,0%

ab 500.000 Einwohner

HZ % der Bev

522,9 21,2%

394,1 16,2%

391,2 6,4%

Berlin Be 613,7 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 613,7 # 100,0% 1

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Im Vergleich der fünf Regionen zeigt sich ein beachtliches Nord-Süd-Gefälle der polizeilich registrierten Gewaltbelastung. Im Jahr 1999 wurden pro 100.000 Einwohner in der Region Nord-Westen fast drei Viertel mehr Gewalttaten registriert als im Süd-Westen der Republik. Für die neuen Länder zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gewaltbelastung der Region Nord-Osten übersteigt die des Süd-Ostens um den Faktor 1,5. Die Region Mitte-Westen weicht mit ihrer Häufigkeitszahlen nur geringfügig vom Durchschnitt der Bundesrepublik ab. Im Westen der Republik relativiert sich das Nord-Süd-Gefälle der Gewaltkriminalität erheblich, wenn man die Siedlungsstrukturen berücksichtigt. In der Region Mitte-Westen lebt nur gut ein Fünftel in den relativ niedrig belasteten Dörfern und Kleinstädten, im Nord-Westen sind es zwei Fünftel, im Süden sowie den beiden ostdeutschen Regionen dagegen fast drei Fünftel. Zwar ergibt sich auch für diesen Siedlungstyp im Westen Deutschlands ein beachtliches Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung. Es fällt aber bei weitem nicht so groß aus, wie das, was sich für die neuen Länder abzeichnet. Die hohe Gewaltbelastung des Nord-Westens beruht in starkem Maße darauf, dass dort gut ein Fünftel der Menschen in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern leben. Im Süd-Westen trifft das nur für 6,4% der Bevölkerung zu. Unterstellt man, der Nord-Westen und die Region Mitte-Westen hätten dieselbe Siedlungsstruktur wie der Süd-Westen, würde sich die NW-Höherbelastung gegenüber dem Süden vom 1,7fachen auf das 1,3fache reduzieren. Die Region Mitte-Westen wäre dann im Verhältnis zum SüdWesten nur um den Faktor 1,1 höher belastet. Im Westen Deutschlands beruhen die großen Divergenzen, der Regionen also überwiegend auf Unterschieden der Siedlungsstruktur. Für den Osten Deutschlands ergibt sich dagegen ein umgekehrtes Bild. Das Nord-Süd-Gefälle ist in den neuen Ländern im Vergleich der Siedlungstypen noch stärker ausgeprägt als es sich im Vergleich der beiden Regionen zeigt. Dies ist die Folge davon, dass dort im Süden ein höherer Anteil der Bevölkerung in den hoch belasteten Städten

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mit 100.000 bis 500.000 Menschen lebt als im Norden. Der größte Unterschied der Häufigkeitszahl der Gewalt ergibt sich hier im Vergleich der Dörfer und Kleinstädte. Sie sind in der Region Nord-Osten um fast drei Fünftel höher belastet als im Süd-Osten. Im Ost-West-Vergleich wird erst durch die Differenzierung nach Ortsgrößen erkennbar, dass die ausgeprägtesten regionalen Unterschiede der Gewaltbelastung im Verhältnis des Nord-Ostens zum Süd-Westen bestehen. Die Häufigkeitszahlen der drei Siedlungstypen übersteigen hier die des Süd-Westens um etwa das 1,8fache. Aber auch im Vergleich der beiden Nordgebiete zeigt sich bei der Gegenüberstellung der Zahlen zu den Ortsgrößen für den Osten eine deutlich höhere Gewaltbelastung. Am stärksten divergieren hier die Häufigkeitszahlen der Dörfer und Kleinstädte bis 20.000 Einwohner. Die Tatsache, dass sich insgesamt für den Nord-Westen eine höhere Belastung ergibt als für den Nord-Osten, ist ausschließlich die Folge der unterschiedlichen Siedlungsstrukturen sowie davon, dass Berlin trotz seiner geographischen Lage nicht dem Nord-Osten zugerechnet wurde. Berlin selber weist im Vergleich der Großstädte mit 613,7 Gewalttaten pro 100.000 Einwohner die höchste Belastung auf. Die Frage, wie diese regionalen Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltbelastung zu erklären sind, ist bisher nicht systematisch untersucht worden. Dies gilt sowohl im Hinblick auf das starke StadtLand-Gefälle wie auch in Bezug auf die großen Unterschiede, die sich insbesondere im Vergleich der Häufigkeitszahlen von Städten und Gemeinden im Nord-Osten der Republik mit denen derselben Ortsgrößenklasse im Süd-Westen gezeigt haben. Es gibt allerdings Einzeluntersuchungen, die verschiedene Erklärungsangebote nahe legen. Mehrere Studien bieten empirische Anhaltspunkte dafür, dass die festgestellten Divergenzen zumindest teilweise auf regionalen Unterschieden der ökonomischen Strukturen sowie der Stärke und Bindungskraft sozialer Netzwerke beruhen.163 So fand OHLEMACHER bei einer Analyse von Landkreisen, Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen neben einem Effekt von Armut auf die Rate registrierter Raubdelikte auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Urbanisierung sowie sozialer Desorganisation (Scheidung und Mobilität) einerseits und Raub sowie personalen Gewaltdelikten andererseits, womit multivariat ein erheblicher Anteil der Varianz der registrierten Delikte zwischen den untersuchten Regionen aufgeklärt werden konnte. Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind damit freilich nicht nachgewiesen. Da den Berechnungen nicht Individual-, sondern Aggregatdaten von Regionen zugrunde liegen, ist eine Schluss auf die Ebene von Personen nicht zulässig; dies wäre ein so genannter ökologischer Fehlschluss. Es liegen jedoch weitere empirische Befunde vor, die im Zusammenhang mit theoretischen Überlegungen die These stützen, dass soziale Belastungen mit einer Erhöhung des Risikos von Gewaltdelikten einhergehen. So zeigt sich, dass eingeschränkte ökonomische Ressourcen bei den betroffenen Familien das Ausmaß gemeinsamer familiärer Tätigkeiten reduzieren und gleichzeitig das innerfamiliäre Klima erheblich belasten.164 Armut ist ein Stressfaktor, der Konflikte schafft und deren Bewältigung erschwert. Die vor diesem Hintergrund entstehenden emotionalen Belastungen, aggressive wie auch depressive Tendenzen, erschweren es Jugendlichen aus solchen Familien, den schulischen und betrieblichen Anforderungen gerecht zu werden. Mit schulischem Scheitern wird auch Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher. Der Anschluss an deviante Cliquen, in dem Bestreben, fehlende Anerkennung und Gefühle der Benachteiligung zu kompensieren, wird subjektiv sinnvoll. Die aggregierten Daten der unterschiedlichen Regionen lassen vermuten, dass sich dieser Zusammenhang von ökonomischen Problemen, familiären Konflikte und Jugenddelinquenz, insbesondere auch Gewaltdelinquenz, nicht nur in speziellen Wohngebieten, sondern in ganzen Regionen etabliert hat. In diesem Zusammenhang ist ergänzend auf einen Problembereich hinzuweisen, der vor allem in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert wird: Kriminalität als Standortfaktor bei ökonomisch relevanten 163

Vgl. PFEIFFER, C. und T. OHLEMACHER, 1995, sowie OHLEMACHER, T., 1995, der zugleich einen Überblick über die internationale Literatur bietet. 164 BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (Hg.), Zehnter Kinder- und Jugendbericht, S. 92 f., 113.

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Planungen und Entscheidungen. Hohe Gewaltbelastung bzw. generell hohe Belastung mit Kriminalität überhaupt kann ein relevantes Kriterium für Investitionsentscheidungen von Unternehmen in bestimmten Regionen sein. ENTORF und SPENGLER gehen anhand ökonometrischer Modellrechnungen davon aus, dass entsprechende Wirkungen für Deutschland angenommen werden dürfen.165 Die empirische Evidenz ist freilich unsicher. Allerdings zeigen multivariate Analysen für andere europäische Staaten und Regionen einen Zusammenhang der registrierten Kriminalität mit Indikatoren der wirtschaftlichen Lage und des sozialen Zusammenhalts.166 Die dargestellten regionalen Unterschiede der registrierten Gewaltdelikte sind im Sinne dieser theoretischen Erwägungen konsistent mit einigen ökonomischen Indikatoren. So lässt sich sowohl für die alten als auch für die neuen Länder ein deutliches Nord-Süd-Gefälle der Arbeitslosenraten feststellen. Im Westen belief sich die Arbeitslosenquote der männlichen erwerbsfähigen Bevölkerung in den norddeutschen Ländern (Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen) im Jahresdurchschnitt 1999 auf 10,4%. In der Region Mitte (Nordrhein-Westfalen und Hessen) betrug diese Rate 9,6%, während sie im südlichen Bereich der alten Länder (Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland) bei 6,5% lag. In den neuen Ländern finden sich jeweils höhere Arbeitslosenraten, wobei auch dort ein NordSüd-Gefälle zu konstatieren ist. So liegt die Arbeitslosenquote in den nördlichen Gebieten (MecklenburgVorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt) bei 16,4%, in den südlichen Gebieten (Sachsen, Thüringen) hingegen bei 13,9%.167 Die oben dargestellten regionalen Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltbelastung sind aber nicht nur ein Ausdruck erhöhter Belastung mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen, sondern offenkundig auch die Folge regionaler Unterschiede der Anzeigebereitschaft, wie Dunkelfeldbefunde zeigen.168 Menschen, die in relativ intakten sozialen Netzwerken leben, tendieren offenbar eher dazu, auf Gewalttaten mit informellen Konfliktlösungsstrategien zu reagieren. Ferner erscheint es plausibel, dass es in der größeren Anonymität von städtischen Lebensverhältnissen häufiger zu förmlichen Anzeigen kommt, wenn das Opfer in seinem Umfeld wenig soziale Unterstützung erfährt und wenn ihm der oder die Täter völlig fremd sind. 2.1.3

Entwicklung der Fallzahlen und Aufklärungsquoten der Gewaltkriminalität in der PKS Kernpunkte

♦ Nach einer achtjährigen Phase weitgehender Stabilität ist für die Zeit von 1990 bis 1997 eine Zunahme der polizeilich registrierten Gewaltbelastung um knapp ein Drittel zu verzeichnen. In den letzten drei Jahren zeigen sich jedoch wieder stabile Häufigkeitszahlen. ♦ Die polizeiliche Aufklärungsquote ist vom Anfang der siebziger Jahre bis 1993 stark gesunken. Seitdem ist sie jedoch wieder angestiegen (von 66% auf 72%). ♦ Die polizeilich registrierten Tötungsdelikte weisen seit 1993 eine sinkende Tendenz auf. Im Hinblick auf die angezeigten Vergewaltigungen ist bis Mitte der neunziger Jahre ein Rückgang zu verzeichnen; seitdem ist es wieder zu Anstiegen gekommen. Gerade bei Vergewaltigungen muss jedoch von einem beachtlichen Dunkelfeld ausgegangen und beachtet werden, dass es zu Gesetzesänderungen gekommen ist sowie im Zuge der öffentlichen Sensibilisierung ein Anstieg der Anzeigebereitschaft anzunehmen ist.

165

Vgl. ENTORF, H. und H. SPENGLER, 2000a. Vgl. ENTORF, H. und H. SPENGLER, 2000b. 167 Eigene Berechnungen auf Basis von Daten der Bundesanstalt für Arbeit. 168 Vgl. dazu weiter unten. 166

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♦ Der registrierte Anstieg der Gewaltbelastung beruht vor allem darauf, dass die Zahl der Raubdelikte, die pro 100.000 Einwohner gezählt wurde, zwischen 1980 und 1997 um etwa das Doppelte zugenommen hat. Für die letzten beiden Jahre ist hier allerdings ein Rückgang zu verzeichnen. Ferner ist die Häufigkeitszahl der gefährlichen/schweren Körperverletzung im Verlauf der neunziger Jahre um gut ein Viertel angewachsen. ♦ Es gibt Hinweise darauf, dass der insgesamt eingetretene Anstieg der registrierten Gewaltkriminalität auch auf einer Zunahme der Anzeigebereitschaft der Gewaltopfer beruht. In Westdeutschland hat die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten pro 100.000 der Bevölkerung zwischen 1971 und 1980 von 97,8 auf 161,7 zugenommen. In den achtziger Jahren gab es demgegenüber nur einen moderaten Anstieg der Häufigkeitszahl um 13,8 Taten. In den neunziger Jahren ist dann jedoch wieder eine deutliche Zunahme zu verzeichnen (HZ: +53,2 Taten). Auffallend ist allerdings, dass die Häufigkeitszahlen während der letzten drei Jahre fast konstant geblieben sind. In den neuen Ländern lag die Häufigkeitszahl der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität im Jahr 1993 zunächst noch deutlich unter den Zahlen des Westens. Die Gewaltbelastung stieg dann aber bis 1999 fast auf Westniveau an und dies, obwohl es in den neuen Ländern keine Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern gibt. Im Hinblick auf die festgestellte Zunahme der Gewaltkriminalität in Ost- und Westdeutschland muss jedoch auf die Bedeutung der Anzeigequote hingewiesen werden. Sowohl die Anfang 2000 in vier Städten wiederholte Schülerbefragung des KFN wie auch Längsschnittanalysen für Bochum169 legen nahe, dass die Anzeigebereitschaft gegenüber Gewalttaten in den letzten Jahren angestiegen ist. Diese Befunde relativieren insoweit die Aussagekraft der PKS-Daten. Gesicherte Erkenntnisse zu der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Gewaltkriminalität real angestiegen oder gesunken, ließen sich freilich nur dann treffen, wenn in der Bundesrepublik, nach dem Vorbild einiger anderer Staaten, regelmäßig wiederholte, repräsentative Opferbefragungen durchgeführt würden.170 Die Aufklärungsquoten der Gewaltkriminalität sind in den alten Ländern vom Höchststand des Jahres 1971 (77,5%) laufend gesunken und erreichten im Jahr 1993 im Westen ihren Tiefpunkt von 66,4%. Seitdem ist jedoch wieder eine Aufwärtsentwicklung zu beobachten (1999: 72, %). In den neuen Ländern ist im gleichen Zeitraum ein noch deutlicherer Anstieg der Aufklärungsquote zu verzeichnen (von 60,1% auf 75,4%). Allein diese Zunahmen haben, selbst wenn die Fallzahlen real konstant wären, zur Folge, dass in Ostdeutschland die Zahl der polizeilich registrierten Tatverdächtigen zwischen 1993 und 1999 um etwa ein Viertel ansteigt.171 Die nachfolgenden Tabellen 2.1-4 bis 2.1-7 zeigen für die vier zentralen Delikte bzw. Deliktgruppen der Gewaltkriminalität, dass die seit 1971 zu beobachtende Längsschnittentwicklung recht unterschiedlich verlaufen ist. Pro 100.000 der Wohnbevölkerung ist die Zahl der polizeilich registrierten Tötungsdelikte seit 1971 fast unverändert geblieben. Der zwischen 1990 und 1993 zu beobachtende Anstieg der Häufigkeitszahl steht dazu nicht im Widerspruch. Bis 1997 hatte die zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität zu einer beachtlichen Zahl von früheren Fällen des Schusswaffengebrauches durch Staatsbedienstete der ehemaligen DDR an der Grenze zu West-Berlin und zur Bundesrepublik ihre Ermittlungen abgeschlossen und diese dann als vorsätzliche Tötungsdelikte in der PKS dieser Jahre regist169

SCHWIND, H. D., FETCHENHAUER, D., AHLBORN, W. und R. WEIß, 2000; PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1999. So etwa der British Crime-Survey, der von der Research- and Planning-Unit des Home-Office seit 1982 bislang achtmal durchgeführt wurde (1982, 1984, 1988, 1992, 1994, 1996, 1998 und 2000); vgl. KERSHAW, C., BUDD, T., KINSHOTT, G., MATTINSON, J., MAYHEW, P. und A. MYHILL, 2000. 171 Tatsächlich ist eine Zunahme der Tatverdächtigen um 57,3% zu verzeichnen. Der im Vergleich zur Erhöhung der Aufklärungsquote noch stärkere Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass sich im gleichen Zeitraum auch die Zahl der registrierten Gewalttaten von 25.461 auf 31.096 erhöht hat (+22,1%). 170

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riert. Die genaue Anzahl dieser Fälle lässt sich allerdings nicht beziffern. Beachtung verdient schließlich bei den Tötungsdelikten die Tatsache, dass deren Häufigkeitszahl in den letzten beiden Jahren mit 3,5 Fällen pro 100.000 Einwohner den niedrigsten Stand erreicht hat, der seit 1971 gemessen wurde. Tabelle 2.1-4: Längsschnittentwicklung der vorsätzlichen Tötungsdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Mord, Totschlag, Tötung auf Verl. erfaßte Fälle HZ Aufkl. in %

1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2.464 4,0 95,1%

2.705 4,4 95,5%

2.387 3,8 94,6%

4.230 5,2 82,0%

3.725 4,6 87,3%

3.928 4,8 88,3%

3.500 4,3 92,1%

3.288 4,0 92,9%

2.877 3,5 95,4%

2.851 3,5 94,5%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Häufigkeitszahl der Vergewaltigung ist seit Anfang der siebziger Jahre bis 1996 - von geringen Schwankungen abgesehen - kontinuierlich gesunken. Der zuletzt eingetretene Anstieg kann nicht als Anzeichen einer Trendwende gewertet werden. Er dürfte zum einen die Folge des 33. Strafrechtsänderungsgesetzes sein, das den Anwendungsbereich der Strafvorschrift gegen Vergewaltigung mit Wirkung vom 5. Juli 1997 erheblich erweitert hat. Zudem ist anzunehmen, dass die Anzeigebereitschaft der Opfer dieses Deliktes zugenommen hat, wie beispielsweise die Resultate der KFN-Schülerbefragung nahe legen.172 Besonders erfreulich ist, dass die Aufklärungsquote der Vergewaltigung im Jahr 1999 den höchsten Stand erreicht hat, den es in der Bundesrepublik Deutschland je gegeben hat. Dies dürfte auch Folge der bundesweiten Einführung von DNA-Analysen sein, welche die Möglichkeit verbessert haben, Tatverdächtige der Vergewaltigung zu überführen. Gleiches gilt im Hinblick auf vorsätzliche Tötungsdelikte. Tabelle 2.1-5: Längsschnittentwicklung der Vergewaltigung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) 1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998*

1999

erfaßte Fälle

6.555

6.904

5.112

6.376

6.095

6.175

6.228

6.636

7.914

7.565

HZ Aufkl. in %

10,7 73,2%

11,2 72,0%

8,2 70,3%

7,9 70,3%

7,5 73,6%

7,6 73,5%

7,6 75,9%

8,1 76,0%

9,6 77,8%

9,2 79,0%

Vergewaltigung

*Gesetzliche Änderungen durch das Inkrafttreten des 6. Strafrechtsreformgesetzes (Einbeziehung der besonders schweren Fälle der sexuellen Nötigung und der in der Ehe begangenen Taten) schränken die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren ein. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Tabelle 2.1-6 zeigt, dass der insgesamt registrierte Anstieg der Gewaltkriminalität in hohem Maße auf einer Zunahme der Raubdelikte beruht. Ihre Häufigkeitszahl hat sich zwischen 1971 und 1997 um etwa das Dreifache erhöht, wobei der starke Anstieg, der zwischen 1990 und 1997 eingetreten ist, besonders auffällt. In den letzten beiden Jahren ist es allerdings zu einem Rückgang der registrierten Raubtaten gekommen mit der Folge, dass 1999 die niedrigste Häufigkeitszahl seit dem Jahr 1994 erreicht wurde. Auch zu den Raubdelikten zeichnet sich im Übrigen eine positive Entwicklung der Aufklärungsquote ab. Mit 50,4% wurde im Jahr 1999 ein Anteil erreicht, der um etwa ein Fünftel über dem Tiefstand des Jahres 1993 liegt.

172

Vgl. dazu das Schwerpunktkapitel 5 zur Jugendkriminalität.

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Tabelle 2.1-6: Längsschnittentwicklung der Raubdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschl. Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Raubdelikte erfaßte Fälle HZ Aufkl. in %

1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

15.531 25,5

24.193 39,4

35.111 56,0

61.757 76,3

57.752 71,0

63.470 77,8

67.578 82,6

69.569 84,8

64.405 78,5

61.420 74,9

56,5%

53,0%

43,7%

42,6%

43,9%

45,8%

47,4%

48,4%

49,9%

50,4%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Tabelle 2.1-7: Längsschnittentwicklung der gefährlichen/schweren Körperverletzung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993 bis 1999) 1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

erfaßte Fälle

35.133

65.479

67.095

87.784

88.037

95.759

101.333

106.222

110.277

114.516

HZ Aufkl. in %

57,6 86,2%

106,6 84,5%

107,0 82,6%

108,4 80,1%

108,2 81,3%

117,4 81,7%

123,9 82,3%

129,5 82,5%

134,4 83,6%

139,6 83,9%

gef./schw. Körperverletzung

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Zu den qualifizierten Körperverletzungsdelikten verzeichnet die PKS den größten Anstieg während der siebziger Jahre. In den achtziger Jahren gab es dagegen hier weitgehende Stabilität. Während der neunziger Jahre ist erneut eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Auffallend ist dabei, dass sich dieser Anstieg der Häufigkeitszahl um gut ein Viertel abweichend von dem, was sich zu vorsätzlichen Tötungsdelikten und den Raubdelikten gezeigt hat, auch während der letzten beiden Jahre ergeben hat. Dies kann auch eine Folge des 6. Strafrechtsreformgesetzes sein. Seit dem 1. April 1998 kommt bei gefährlichen Körperverletzungen eine Verweisung auf den Privatklageweg nicht mehr in Betracht. Das Opfer hat dadurch stets den Staatsanwalt an seiner Seite und ist nicht mehr darauf angewiesen, sich zur Vertretung seiner Interessen einen Anwalt zu nehmen, der eine Privatklage einreicht. Man wird davon ausgehen können, dass dies die Anzeigebereitschaft der Opfer von qualifizierten Körperverletzungen erhöht hat. 2.1.4

Der Einsatz von Schusswaffen bei Gewaltdelikten Kernpunkte

♦ Der Einsatz von Schusswaffen bei der Verübung von Gewaltdelikten ist mit etwa 5% der Gewaltvorfälle im Jahre 1999 insgesamt sehr selten. ♦ Der polizeilich registrierte, illegale Schusswaffengebrauch ist im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte weitgehend konstant geblieben. Für das Schießen einerseits und das Drohen andererseits zeichnen sich jedoch sehr unterschiedliche Trends ab. Während das illegale Schießen deutlich zurückgegangen ist, hat das Drohen mit Schusswaffen zu Beginn der neunziger Jahre um etwa die Hälfte zugenommen. Seit 1993 ist es dann weitgehend auf diesem Niveau geblieben. ♦ Trotz der deutlichen Zunahme der polizeilich registrierten Fälle von Gewaltkriminalität haben sich die Zahlen des Schusswaffengebrauches bei solchen Delikten nicht erhöht. Der Anteil der Gewalttaten, die unter Einsatz von Schusswaffen verübt worden sind, ist dadurch im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte deutlich zurückgegangen. Ein relativ kleiner Teil der polizeilich registrierten Gewalttaten wird unter Einsatz von Schusswaffen verübt. 1999 war das bei 5,0% der Gewaltdelikte der Fall. Das nachfolgende Schaubild 2.1-2 vermittelt einen Überblick, wie sich die Häufigkeit des polizeilich registrierten Schusswaffengebrauchs seit 1971

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entwickelt hat. In den jeweils pro 100.000 der Bevölkerung berechneten Zahlen sind dabei auch Straftaten miterfasst, die nicht zu den Gewaltdelikten zählen wie etwa die Wilderei oder die Nötigung. Ab 1993 beziehen sich die Häufigkeitszahlen auf Gesamtdeutschland einschließlich der neuen Länder. Zu beachten ist, dass die Frage, ob eine Schusswaffe eingesetzt worden ist, bei der polizeilichen Registrierung aus der Sicht des Opfers bewertet wird. Es werden also auch Fälle erfasst, in denen der Täter eine Schreckschusswaffe oder Spielzeugpistole verwendet hat, sofern die bedrohte Person von der Echtheit der Waffe ausgegangen ist. Schaubild 2.1-1: Häufigkeitszahlen der Fälle, in denen geschossen bzw. mit einer Schusswaffe gedroht wurde, alte Länder (1971 bis 1992) bzw. Deutschland (1993 bis 1999) 25

20

m it S c h u ß w a ff e g e d r o h t

15

10

m it S c h u ß w a ff e g e s c h o s s e n 5

0 1971

1974

1977

1980

1984

1987

1990

1993

1996

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Für das Drohen mit einer Schusswaffe zeigen die Daten für die Zeit von 1971 bis 1990 eine relative Stabilität mit nur marginalen Schwankungen. Ab 1991 steigen die Raten jedoch bis 1997 deutlich an, um von da an wieder abzusinken. Für das Schiessen mit Waffen sehen die Entwicklungen hingegen völlig anders aus. Hier ist zwischen 1971 und 1990 ein deutlicher Rückgang der Raten zu verzeichnen, der so weit geht, dass ab 1985 das Schiessen mit einer Waffe seltener auftritt als das Drohen. Ab 1990 kommt es, ähnlich wie beim Drohen, zu einem Anstieg, der bis etwa 1996 andauert. Allerdings wird in dieser Zeit das Ausgangsniveau der Raten der siebziger Jahre bei weitem nicht wieder erreicht. Ab 1997 zeigt sich wieder ein Abwärtstrend. Im Jahre 1999 liegt die Rate mit etwa acht Fällen je 100.000 auf einem Niveau, das in den 29 Jahren zuvor nur in der Zeit von 1988 bis 1992 unterschritten wurde. Bei der Interpretation ist zu berücksichtigen, dass nach der Wiedervereinigung auch jene Vorfälle Eingang in die Statistik fanden, die Delikte im Zusammenhang mit Schusswaffen an der früheren Grenze zur DDR betreffen. Diese wurden erst nach 1990 von der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität erfasst. Das ist einer der Fälle, in denen der Tatzeitpunkt einerseits und der Zeitpunkt der Registrierung in der PKS andererseits auseinanderfallen, wodurch das aktuelle Lagebild verzerrt werden kann.173 Betrachtet man ergänzend die Längsschnittentwicklung zu den verschiedenen Delikten, bei denen eine Schusswaffe eingesetzt wurde, fällt zunächst eine weitgehende Stabilität zu den Raubdelikten auf. Deren oben berichteter Anstieg um mehr als das Dreifache betrifft gerade nicht solche Fälle, bei denen während der Begehung der Tat auch geschossen wurde. Die Häufigkeitszahl solcher besonders schwerer Raubtaten ist seit 1980 weitgehend konstant geblieben mit der Folge, dass ihr Anteil an allen Raubdelikten im Verlauf der letzten 20 Jahre von 1% auf 0,6% zurückgegangen ist. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch zu 173

Vgl. auch Kapitel 1, FN 78.

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den vorsätzlichen Tötungsdelikten und der gefährlichen/schweren Körperverletzung ab. In den siebziger und achtziger Jahren ist bei beiden Deliktgruppen die Zahl der Fälle, in denen geschossen wurde, stark zurückgegangen. Mit dem Beitritt der neuen Länder ist es dann zwar bis 1995 zu einem Anstieg gekommen. Der danach eingetretene Rückgang der Zahlen hat jedoch bewirkt, dass für beide Deliktgruppen die Zahl solcher Fälle pro 100.000 der Bevölkerung im Jahr 1999 etwa das Niveau erreicht hat, das sich Mitte der achtziger Jahre ergeben hatte.174 Die beschriebene Entwicklung bedeutet, dass auch hier der Anteil der Taten, bei denen geschossen wurde, zwischen 1971 und 1999 deutlich abgenommen hat - bei Tötungsdelikten von 26,1% auf 13,4%, bei gefährlichen/schweren Körperverletzungen von 6,6% auf 2%. Zum Drohen mit Schusswaffen zeichnet sich eine andere Entwicklung ab. Nach weitgehend konstanten Zahlen während der siebziger Jahre ist es bereits während der achtziger Jahre zu einem leichten Anstieg der Häufigkeitszahlen gekommen. Anfang der neunziger Jahre ist dann eine deutliche Zunahme um etwa die Hälfte des früheren Niveaus zu beobachten. Seit 1993 hat sich insgesamt betrachtet die Häufigkeitszahl dann nur noch geringfügig verändert. Für die letzten beiden Jahre ist ein leichter Rückgang festzustellen mit dem Ergebnis, dass die Häufigkeitszahlen von 1999 mit 15,2 fast auf gleicher Höhe mit der des Jahres 1993 liegt (15,3). Auffallend ist der unterschiedliche Trend, der sich für die alten und neuen Länder ergibt. Für den Westen zeichnet sich von 1990 bis 1997 ein kontinuierlicher Anstieg bis auf 17,2 Fälle pro 100.000 Bürger ab. Danach gab es einen leichten Rückgang. Im Osten Deutschlands dagegen hat das Drohen mit Schusswaffen seit 1993 kontinuierlich abgenommen und 1999 mit 13 Delikten pro 100.000 Einwohner ein Niveau erreicht, das unter dem des Westens liegt. Während der letzten 15 Jahre handelt es sich bei etwa der Hälfte der Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde, um Raubdelikte. Deren Häufigkeitszahl hat sich zwischen 1971 und 1997 um etwa das Dreifache erhöht (von 2,7 auf 8). Aber auch hier ist in den letzten beiden Jahren ein Rückgang festzustellen (HZ 1999: 6,7). 2.1.5

Die polizeilich registrierten Opfer der Gewaltkriminalität Kernpunkte

♦ Die Zahl der Gewaltopfer, die pro 100.000 der Wohnbevölkerung registriert werden, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre um mehr als das Doppelte erhöht. Dies ist ausschließlich die Folge davon, dass die Zahl der Opfer von Raubdelikten und gefährlichen/schweren Körperverletzungen stark zugenommen hat; die der Tötungsdelikte und der Vergewaltigung ist dagegen leicht gesunken. ♦ Differenziert man bei den polizeilichen Opferdaten nach Alter und Geschlecht, zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Zahlen vor allem bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern. Die nachfolgende Tabelle 2.1-8 gibt die Gesamtzahl der Gewaltopfer wieder, die seit 1973175 polizeilich erfasst wurden. Die Opferziffer hat sich danach in den alten Ländern bis 1999 mehr als verdoppelt. Sie ist etwas stärker angestiegen als die Häufigkeitszahl der insgesamt polizeilich registrierten Gewaltdelikte, was eine Folge davon ist, dass die Zahl der Opfer pro Fall geringfügig angestiegen ist - von 1,05 im Jahr 1973 über 1,07 im Jahr 1980 bis auf 1,12 Opfer im Jahr 1999. Offenkundig hat der Anteil der Gewaltdelikte etwas zugenommen, in denen eine Gruppe von Menschen gleichzeitig angegriffen wurde. Diese Entwicklung ist mit einer deutlichen Verjüngung der Gewaltopfer einhergegangen. So ist der Anteil der unter 21-jährigen Gewaltopfer176 in den neunziger Jahren stark angestiegen. 1990 gehörte jedes vierte polizeilich registrierte Gewaltopfer dieser Altersgruppe an, 1999 dagegen etwas mehr 174

Die Häufigkeitszahl der Tötungsdelikte, bei denen geschossen wurde, liegt sowohl 1985 wie auch 1999 bei 0,5; die der gefährlichen/schweren Körperverletzungen ist von 3,1 auf 2,8 zurückgegangen. 175 Das Jahr 1971 kann anders als in den bisherigen Tabellen nicht als Ausgangsjahr gewählt werden, weil die gefährliche/ schwere Körperverletzung erst seit 1973 in der Opferstatistik geführt wird. 176 Eine noch weitergehende Differenzierung nach Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden folgt im Schwerpunktkapitel zur Kinder- und Jugendkriminalität.

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als jedes Dritte. Dies ist die Folge davon, dass sich in den neunziger Jahren insbesondere die Zahl der jungen Gewaltopfer stark erhöht hat. Pro 100.000 dieser Altersgruppe wurden 1990 210 Gewaltopfer gezählt. 1999 waren es mit 400 fast doppelt so viele. Im gleichen Zeitraum hat sich dagegen die Opferziffer der 21- bis 60-Jährigen nur um ein knappes Fünftel erhöht. Für die Altersgruppe der ab 60-Jährigen ergibt sich nach der polizeilichen Opferstatistik seit 1990 ein weitgehend stabiles Viktimisierungsrisiko mit einem Rückgang im Jahr 1999. Tabelle 2.1-8: Opfer der Gewaltkriminalität und ihre Altersstruktur 1973-1999, alte Länder (1973-1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Opfer insg.

n OZ

1973 72.942 118,0

1980 106.009 172,5

1990 120.726 192,6

1993 174.180 215,1

1995 187.115 229,5

1997 208.249 256,6

1999 209.471 255,3

unter 21 J.

n OZ

17.880 94,0

28.054 160,4

29.441 209,8

44.665 243,2

56.393 306,3

70.495 380,0

73.848 399,6

21 bis u. 60 J.

n OZ

49.274 160,9

70.383 218,9

82.265 231,3

117.230 254,3

118.308 255,8

124.683 276,8

122.876 271,9

60 J. u. älter

n OZ

5.788 47,6

7.572 64,1

9.020 69,0

12.285 74,5

12.414 73,6

13.071 74,5

12.747 69,4

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Es ist freilich zu berücksichtigen, dass die Anzeigebereitschaft in dem hier betrachteten Zeitraum gerade bei Gewalttaten gegen junge Menschen zugenommen hat.177 Ein Indiz bietet hierfür die Entwicklung der polizeilich registrierten Schadenssumme bei vollendeten Raubdelikten. Seit 1980 hat sich die Opferziffer der Raubdelikte fast verdoppelt. In dieser Zeit stieg der Anteil der vollendeten Raubtaten mit einer Schadenssumme von unter 25 DM von 12% im Jahr 1980 über 14,3% im Jahr 1990 auf 22,3% im Jahr 1999. Die Bedeutung dieser Zunahme von Raubtaten mit geringer Schadenshöhe wird noch augenfälliger, wenn man berücksichtigt, dass 25 DM heutzutage in Folge der zwischenzeitlich eingetretenen Inflation im Vergleich zu 1980 weniger als die Hälfte wert sind. Die Tatsache, dass ihr Anteil an allen Raubtaten trotzdem erheblich angestiegen ist, weist darauf hin, dass vermutlich zunehmend auch solche Delikte angezeigt worden sind, bei denen die Opfer früher keine Veranlassung gesehen haben, zur Polizei zu gehen. Da in Deutschland keine in regelmäßigen Abständen wiederholten Repräsentativbefragungen von Kriminalitätsopfern zur Verfügung stehen, kann nicht ermittelt werden, in welchem Ausmaß das Risiko junger Menschen, Opfer einer Gewalttat zu werden, seit Mitte der achtziger Jahre tatsächlich angewachsen ist.178 In Schaubild 2.1-2 wird im Hinblick auf das Opferrisiko der verschiedenen Altersgruppen nach Männern und Frauen unterschieden. Der seit Mitte der achtziger Jahre eingetretene Anstieg der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität ist demnach stärker zu Lasten der männlichen als der weiblichen Bevölkerung gegangen. Besonders deutlich wird das in Bezug auf die Entwicklung der Opferziffern der unter 21Jährigen. Sie lag bei den männlichen Angehörigen dieser Altersgruppe im Jahr 1985 um 129 über der der weiblichen. Bis 1999 ist dieser Unterschied um das 1,7fache auf 355 angewachsen. Dies ist die Folge davon, dass Jungen und junge Männer nach den Feststellungen der Polizei erheblich häufiger Opfer vor allem von Raubdelikten oder gefährlichen/schweren Körperverletzungen geworden sind.179 177

Vgl. dazu weiter unten die Ergebnisse der Dunkelfeldforschung unter 2.7 sowie Kapitel 5. Zu der in den Städten Hamburg, Hannover, München und Leipzig in den Jahren 1998 und 2000 durchgeführten Opferbefragung von Schülerinnen und Schülern 9. Klassen vgl. unten Kapitel 5. 179 Die Opferziffern von Raubdelikten haben sich bei männlichen unter 21-Jährigen zwischen 1985 und 1999 von 42,1 auf 221,6 erhöht, die der weiblichen unter 21-Jährigen dagegen nur von 17,6 auf 38,2. Zu gefährlichen/schweren Körperverletzung zeichnet 178

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Schaubild 2.1-2: Opferziffern für männliche und weibliche Opfer der Gewaltkriminalität nach Altersgruppen, alte Länder 1973, 1985 und 1999*

Anzahl der OPfer je 100.000 Einwohner

600

500

400

Frauen

300

Männer 200

100

0 1973

1985

1999

unter 21 Jahre

1973

1985

1999

21 bis unter 60 Jahre

1973

1985

1999

60 Jahre und älter

* 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Opferziffern der ab 60-Jährigen haben sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen seit 1985 nur geringfügig verändert. Im Ergebnis führt dies dazu, dass der Anteil der Frauen, die in Westdeutschland Opfer einer polizeilich registrierten Gewalttat geworden sind, zwischen 1985 und 1999 von 33% auf 30,1% gesunken ist. Offenkundig hat die Aggressivität in solchen Szenen und Lebenswelten zugenommen, in denen junge Männer und männliche Jugendliche aufeinander treffen.180 Soweit die polizeilichen Daten erkennen lassen, hat sich dagegen für ältere Menschen das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr erhöht. Der zuvor zwischen 1973 und 1985 für ältere Frauen eingetretene Anstieg der Opferziffer beruhte fast ausschließlich darauf, dass in dieser Zeit der Handtaschenraub um etwa das Doppelte zugenommen hatte. Bei diesem Delikt stellen Frauen im Alter von 60 und mehr Jahren etwa die Hälfte aller polizeilich registrierten Opfer. Seit Mitte der achtziger Jahre ist jedoch für sie ein leichter Rückgang dieses ohnehin sehr niedrigen Opferrisikos festzustellen. Wurden 1985 pro 100.000 ab 60-jähriger Frauen von der Polizei noch 59,7 Opfer eines Handtaschenraubes gezählt, waren es im Jahr 1999 56,3, d. h. gemessen an Hellfelddaten ist das Opferrisiko extrem gering und hat sich weiter verringert. Die starke Zunahme der Opferziffer der männlichen Wohnbevölkerung beruht zu knapp zwei Drittel auf einem Anstieg der ihnen gegenüber verübten gefährlichen/schweren Körperverletzungen. Auch die Opferziffer der Raubdelikte hat sich bei der männlichen Wohnbevölkerung stark erhöht. Die Opferziffern der Frauen haben demgegenüber bei diesen beiden Deliktgruppen in weit geringerem Maß zugenommen. Auch hier ist der Anstieg der gefährlichen/schweren Körperverletzungen ausgeprägter als der der Raubdelikte. Zu den Tötungsdelikten ist sowohl bei Männern wie Frauen eine Abnahme des Opferrisikos zu verzeichnen. Ein entsprechendes Bild zeichnet sich auch für die Opferziffer der Frauen bei der Vergewaltigung ab. Der Anstieg, der sich Ende der neunziger Jahre ergeben hat, beruht auf der bereits oben ersich ein entsprechendes Bild ab: Männliche unter 21-Jährige 1985: 197,9 - 1999: 367,8; weibliche unter 21-Jährige 1985: 50,6 und 1999: 114,9. 180 Eine abschließende Aussage wird dazu allerdings erst möglich werden, wenn auch die Daten zu den Tatverdächtigen sowie die neueren Erkenntnisse aus den beiden KFN-Schülerbefragungen der Jahre 1998 und 2000 in die Analyse einbezogen worden sind.

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wähnten Erweiterung des Straftatbestandes um die sexuelle Nötigung und dürfte wohl auch mit vermehrten Anzeigen in Zusammenhang stehen. Tabelle 2.1-9: Opferziffern für weibliche und männliche Opfer der Gewaltkriminalität 1973-1999, alte Länder (1973, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993 und 1999)

Gewaltkriminalität Tötungsdelikte* Vergewaltigung** Raubdelikte gef./schw. Körperverletzung

1973

1980

1990

1993

1999

m w m w w

173,8 67,1 6,2 3,3 22,2

251,0 100,9 5,8 3,3 21,4

276,8 115,2 5,5 2,9 15,9

310,9 124,8 8,0 3,8 15,4

368,9 147,3 4,7 2,4 17,5

m w m w

43,7 18,6 123,1 22,7

52,1 30,5 192,5 45,4

75,7 45,8 195,0 50,1

107,8 55,5 195,0 50,1

114,8 53,1 247,7 73,8

*Die Zahlen enthalten für die Jahre ab 1993 auch die von der Zentralen Ermittlungsgruppe Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) erfassten Fälle von Mord und Totschlag. ** Seit dem 5. Juli 1997 sind Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in einer Vorschrift zusammengefasst. Durch Wegfall des Merkmals "außerehelich" wurde ferner sexuelle Nötigung und Vergewaltigung auf in der Ehe begangene Handlungen erstreckt. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Ein Vergleich zwischen den neuen und alten Ländern zeigt für den Westen höhere Opferziffern. Eine Ausnahme bilden lediglich die männlichen unter 21-Jährigen, für die sich 1999 im Osten eine höhere Opferziffer findet als im Westen. Für Frauen im Alter von mehr als 60 Jahren zeigen sich etwa gleich hohe Opferziffern. Ansonsten jedoch liegen die Zahlen im Westen durchweg etwas höher. Ferner fällt auf, dass die Divergenzen der Opferziffern von Männern und Frauen im Osten insgesamt betrachtet noch stärker ausfallen als im Westen. Im Ergebnis führt dies dazu, dass der Anteil der weiblichen Gewaltopfer in den neuen Ländern im Jahr 1999 mit 26,5% niedriger liegt als im Westen (30,1%). 2.1.6 2.1.6.1

Die registrierten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität Die Entwicklung in den alten und neuen Ländern Kernpunkte

♦ Die zwischen 1984 und 1999 eingetretene Zunahme der registrierten Gewaltkriminalität ist ganz überwiegend auf einen starken Anstieg der jugendlichen und heranwachsenden Tatverdächtigen zurückzuführen. ♦ Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass diese Verjüngung der Tatverdächtigen mit einer Reduzierung der durchschnittlichen Tatschwere einhergeht. ♦ Die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der 14- bis unter 21-Jährigen ist deutlich höher als die der Erwachsenen. Seit Ende der achtziger Jahre sind die TVBZ der Jugendlichen und Heranwachsenden, im Unterschied zu denen der Erwachsenen, zudem deutlich angestiegen. Die Verurteiltenziffern (VBZ) der unter 21-Jährigen sind zwar auch angestiegen, aber nicht im selben Maße wie die TVBZ; TVBZ und VBZ haben sich auseinanderentwickelt. ♦ In beiden Altersgruppen ist der Anteil der Fälle angewachsen, in denen die Staatsanwälte das Verfahren wegen einer nicht ausreichenden Beweislage oder wegen geringer Schuld eingestellt oder den Tatvorwurf in der Anklage reduziert haben. ♦ Etwa jeder dritte Tatverdächtige der Gewaltkriminalität wurde wegen der ihm zur Last gelegten Tat angeklagt, etwa jeder vierte wurde verurteilt. Bei Jugendlichen und Heranwachsenden fallen diese Quoten etwas höher aus als bei Erwachsenen.

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PSB

Die nachfolgende Gegenüberstellung von polizeilichen Daten zu Tätern und Opfern der Gewaltkriminalität181 lässt zwei Trends erkennen, die für das Verständnis der seit Mitte der achtziger Jahre zu beobachtenden Längsschnittentwicklung von grundlegender Bedeutung sind. Zum ersten hat sich die polizeilich registrierte Gewaltbelastung der jungen Menschen weit stärker erhöht als die der ab 21-Jährigen. Zwischen 1984 und 1999 ist die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der 14- bis unter 21-Jährigen von knapp 400 auf etwa 1.000 angestiegen, die der ab 21-Jährigen dagegen hat nur von 138 auf 156 zugenommen. Soweit die Polizei die ihr bekannt gewordenen Gewalttaten aufklären konnte, ist der im Verlauf der letzten 15 Jahre eingetretene Anstieg der Zahlen also primär jungen Menschen zuzurechnen. Zum zweiten ergibt sich für die Opfer der Gewalt, wenn man nach ihrem Alter differenziert, eine weitgehend entsprechende Entwicklung. Dies gibt Anlass zu der These, dass der polizeilich registrierte Anstieg der Gewaltkriminalität junger Menschen primär zu Lasten Gleichaltriger und Jüngerer gegangen ist. Pro 100.000 der 14- bis unter 21-Jährigen hat sich die Zahl der Opfer seit 1984 ähnlich wie die der Tatverdächtigen um etwa 600 und damit um das 2,8fache erhöht. Die Opferziffer der ab 21-Jährigen ist dagegen seit 1985 nur von 180 auf 218 und damit um etwa ein Fünftel angestiegen. Schaubild 2.1-3: Tatverdächtigenbelastungszahlen und Opferziffern der Gewaltkriminalität für 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1999*

Anzahl der Tatverdächtigen/Opfer je 100.000 Einwohner

1200

1000

T a tv e r d ä c h tig e 1 4 b is u n t e r 2 1 J a h r e

800

600

O p f e r 1 4 b is u n t e r 2 1 J a h r e

400

O p fe r a b 2 1 J a h re 200

T a tv e r d ä c h tig e a b 2 1 J a h r e 0 1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Bei der in Schaubild 2.1-3 dargestellten Längsschnittentwicklung der TVBZ und der Opferziffern ist zu beachten, dass es sich hier um aggregierte Daten handelt. Die Parallelität der Kurvenverläufe von Tatverdächtigen und Opfern der beiden Altersgruppen kann deshalb noch nicht als ausreichender Beleg für die 181

Im folgenden werden, falls nichts anderes gesondert vermerkt ist, die Tatverdächtigenbelastungszahlen für die Gesamtpopulation unter Einschluss der Nichtdeutschen berechnet. Dabei ist zu beachten, dass diese Raten grundsätzlich etwas überhöht sind, weil sich unter den polizeilich registrierten Tätern auch Nichtdeutsche befinden, die sich in Deutschland illegal oder nur vorübergehend aufhalten. Diese Gruppen werden als Täter gezählt, sind jedoch in der Bevölkerungsstatistik nicht erfasst. Dadurch stehen zur Berechnung der Tatverdächtigenbelastungszahlen den jeweiligen Täterzahlen zu niedrige Bevölkerungszahlen gegenüber. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, weil zum einen bei Beschränkung auf deutsche Tatverdächtige ein wichtiger Anteil der Bevölkerung wie auch der Tatverdächtigen komplett aus der Betrachtung ausgenommen würde. Zudem ist diese Art der Berechnung bei den Opferzahlen ohnedies nicht zu vermeiden, da hier eine Differenzierung nach der Nationalität der Opfer nicht vorliegt.

PSB

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obige These angesehen werden. Für die Annahme, dass der Anstieg der Jugendgewalt primär zu Lasten der unter 21-Jährigen gegangen ist, hat jedoch eine Sonderauswertung der PKS Baden-Württemberg, bei der den Tatverdächtigen der Jahre 1995 und 1996 die opferbezogenen Daten individuell zugeordnet wurden, deutliche Belege erbracht. Die Auswertung dieser Täter-Opfer-Konstellationen in Bezug auf die Merkmale Alter und Geschlecht ergab, dass Täter und Opfer sich in ihrem demographischen Profil häufig sehr ähnlich sind. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden. Es gilt in der Tendenz aber auch für die Erwachsenen. Im Übrigen konnte eine besondere Gefährdung älterer Menschen durch junge Täter nicht festgestellt werden.182 Die bisherige Datenanalyse zur Längsschnittentwicklung der Gewaltkriminalität stützt sich im Hinblick auf die Täterseite nur auf Daten zu Tatverdächtigen. Bei einem beachtlichen Teil dieser Fälle zeigt sich später jedoch, dass die Staatsanwaltschaft bzw. das mit der Sache befasste Gericht zu einer anderen Bewertung des Sachverhaltes kommen. Im nachfolgenden Schaubild werden deshalb den Daten zu den Tatverdächtigen der beiden Altersgruppen auch die zu Angeklagten bzw. Verurteilten gegenüber gestellt. Bei der Interpretation ist zunächst zu beachten, dass die Aufklärungsquote der Gewaltkriminalität in den alten Ländern zwischen 1984 und 1993 kontinuierlich gesunken ist - von 74,4% auf 66,4%. Dies hat dazu beigetragen, dass in dieser Zeit die Gesamtzahl der wegen Gewalttaten ermittelten Tatverdächtigen nur von 91.934 auf 109.500 angestiegen ist. Dieser Zuwachs bleibt damit deutlich hinter dem Anstieg der Gewalttaten zurück, die in diesem Zeitraum registriert worden sind. Schaubild 2.1-4: Tatverdächtige, Angeklagte* und Verurteilte der Gewaltkriminalität pro 100.000 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1998** 1 .0 0 0

T V 1 4 b is u . 2 1 J . 900

Anzahl der Tatverd., Angekl. u. Verurt. je 100.000 Einwohner

800

700

600

500

A n g e k l. 1 4 b is u . 2 1 J .

400

300

V e r u r t . 1 4 b is u . 2 1 J .

200

TV ab 21 J. 100

A n g e k l. a b 2 1 J . V e ru rt. a b 2 1 J .

0

1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

* Der allgemein verständliche Begriff des Angeklagten wird hier anstelle des von der Strafverfolgungsstatistik verwendeten Begriffs des Abgeurteilten eingesetzt. Die seltenen Fälle, in denen das Verfahren vor Eröffnung der Hauptverhandlung gegenüber einem bereits Angeklagten eingestellt worden ist, werden hier also nicht erfasst. **Tatverdächtige seit 1991, Angeklagte und Verurteilte seit 1995 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Für die restlichen sechs Jahre ab 1993 ergibt sich ein umgekehrtes Bild. Hier steigt die Zahl der Tatverdächtigen stärker an als die Zahl der registrierten Gewalttaten. Dies beruht vor allem darauf, dass sich das 182

Vgl. HÖFER, S., 2000.

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Risiko der Täter, als Tatverdächtige ermittelt zu werden, von 66,4% auf 72,3% erhöht hat. Ferner hat in dieser Zeit die Zahl der Tatverdächtigen leicht zugenommen, die in einer Gruppe agiert haben. Pro aufgeklärtem Fall wurden 1993 in den alten Ländern 1,22 Tatverdächtige registriert, 1999 waren es 1,25 Tatverdächtige. Beides hat offenkundig dazu beigetragen, dass sich für die Jahre 1994 bis 1999 für 14- bis unter 21-Jährige ein besonders steiler Anstieg der TVBZ zeigt. Die Daten der Strafverfolgungsstatistik vermitteln ein ähnliches Gesamtbild, wie es sich oben bereits zu den Tatverdächtigen und Opfern ergeben hat. Die Zahl der ab 21-jährigen Erwachsenen, die pro 100.000 der Altersgruppe wegen einer Gewalttat angeklagt oder verurteilt wurden, hat sich in dem Untersuchungszeitraum kaum verändert. Völlig anders stellt sich dagegen die Entwicklung bei den 14- bis 21Jährigen dar. Die Zahl der Jugendlichen und Heranwachsenden, die wegen einer Gewalttat angeklagt bzw. verurteilt wurden, hat sich pro 100.000 der Altersgruppe zwischen 1984 und 1998 um das 2,2fache erhöht. Der Abstand zwischen den TVBZ und den Verurteiltenzahlen (VBZ) ist vor allem bei den 14- bis unter 21-Jährigen seit Ende der achtziger Jahre angewachsen. 1984 überstieg die TVBZ der Jugendlichen und Heranwachsenden die Verurteiltenzahlen dieser Altersgruppe um das 2,9fache, 1998 dagegen um das 3,4fache. Bei den ab 21-Jährigen ist dieser Trend einer wachsenden Diskrepanz zwischen TVBZ und VBZ auch festzustellen. Tabelle 2.1-10: Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte der Gewaltkriminalität bei 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1984 und 1998* 14 bis unter 21 Jahre HZ Gewaltkriminalität

Raubdelikte

Vergewaltigung

HZ

Relation zu VBZ

1984

1998

1984

1998

1984

1998

1984

TVBZ

383,5

970,2

2,9

3,4

137,8

155,5

4,3

5,0

ABZ

185,5

415,0

1,4

1,4

46,1

45,0

1,5

1,4

1998

1,0

VBZ

133,2

287,7

1,0

1,0

31,7

31,2

1,0

TVBZ

104,4

313,3

2,3

2,6

22,9

26,4

3,0

3,3

ABZ

51,7

158,7

1,1

1,3

9,1

10,0

1,2

1,3

VBZ

45,7

120,3

1,0

1,0

7,6

8,0

1,0

1,0

gef./ schwere Körperverl. TVBZ

Mord/ Totschlag

Erwachsene 21 Jahre

Relation zu VBZ

277,2

678,0

3,4

4,2

106,2

119,0

5,3

6,0

ABZ

125,6

247,2

1,6

1,5

32,0

30,7

1,6

1,6

VBZ

80,5

159,9

1,0

1,0

20,1

19,7

1,0

1,0

TVBZ

5,9

9,1

2,9

3,9

5,1

4,3

3,3

3,0

ABZ

2,2

2,7

1,1

1,2

1,9

1,8

1,2

1,2

VBZ

2,0

2,3

1,0

1,0

1,5

1,4

1,0

1,0

TVBZ

12,8

17,7

2,8

3,9

7,4

8,0

3,4

4,8

ABZ

5,6

5,7

1,2

1,3

2,8

2,0

1,3

1,2

VBZ

4,6

4,5

1,0

1,0

2,2

1,6

1,0

1,0

* 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Die Staatsanwälte haben demnach offenbar zunehmend Anlass dazu gesehen, Verfahren wegen einer nicht ausreichenden Beweislage oder wegen geringer Schuld einzustellen oder zwar Anklage zu erheben, aber dann wegen eines weniger schweren strafrechtlichen Vorwurfs. Bei den Gerichten setzt sich diese Reduzierung des Tatvorwurfs bei einem beachtlichen Teil der Fälle weiter fort. Die Zahl der wegen Gewaltdelikten Angeklagten liegt bei beiden Altersgruppen um ca. 40-50% über der Zahl der entsprechend dem staatsanwaltschaftlichen Schuldvorwurf Verurteilten. Insoweit hat sich jedoch seit 1984 nur wenig verändert. Im Hinblick auf die verschiedenen Delikte bzw. Deliktgruppen der Gewaltkriminalität zeigt sich, dass 1998 dieser Trend zur Reduzierung des polizeilichen Tatvorwurfs bei den qualifizierten Körperverletzungsdelikten und der Vergewaltigung beider Altersgruppen sowie den Tötungsdelikten der Jugendlichen

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und Heranwachsenden besonders ausgeprägt ist. Aber auch für alle anderen Gewalttaten zeichnet sich ab, dass ein hoher Anteil der Verfahren bereits von der Staatsanwaltschaft eingestellt oder mit einem weniger gravierenden Tatvorwurf angeklagt wird. Tabelle 2.1-11 vermittelt dazu für 1997/98 einen Überblick. Ein Doppeljahr wurde deshalb gewählt, weil sich dadurch der Anteil der Tatverdächtigen erheblich vergrößert, deren Strafverfahren in dem Untersuchungszeitraum abgeschlossen worden ist. Tabelle 2.1-11: Reduktion des polizeilichen Tatvorwurfs durch die Strafjustiz bei Gewaltkriminalität von 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1997/1998* Gewaltdelikte

Mord/ Totschlag

Vergewaltigung

Raubdelikte

insgesamt 14 bis u. 21 J. Tatverdächtige (TV) Abgeurteilte in % der TV Verurteilte in % der TV ab 21 J.

Tatverdächtige (TV) Abgeurteilte in % der TV Verurteilte in % der TV

gef./ schw. Körperverletzung

94 869

909

1 654

32 193

65 144

40 083

259

502

15 340

23 896

42,3%

28,5%

30,4%

47,7%

36,7%

27 601

214

391

11 708

15 218

29,1%

23,5%

23,6%

36,4%

23,4%

161 168

4 850

7 639

27 888

123 304 32 254

47 148

1 812

2 180

10 366

29,3%

37,4%

28,5%

37,2%

26,2%

32 520

1 471

1 711

8 209

20 651

20,2%

30,3%

22,4%

29,4%

16,7%

* einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Angesichts der eingeschränkten Vergleichbarkeit von Daten der PKS und der Strafverfolgungsstatistik können die in Tabelle 2.1-11 angegebenen Prozentwerte nur als Näherungswerte interpretiert werden. Die Daten zeigen, dass im Doppeljahr 1997/98 nur etwa 42% der Jugendlichen und Heranwachsenden, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, entsprechend angeklagt wurden. Die Verurteilungsquote lag bei 29%. Die höchste Anklagequote ergibt sich für die Tatverdächtigen der Raubkriminalität mit 48%, die niedrigste bei den Tötungsdelikten mit 28%.183 Bei den Erwachsenen fallen sowohl die Quoten der Angeklagten wie die der Verurteilten durchweg niedriger aus. Einzige Ausnahme bilden die Tötungsdelikte. Diese Reduktion des polizeilichen Tatvorwurfs ist zunächst die Folge davon, dass die Staatsanwaltschaft in einem beachtlichen Teil der Fälle die vorgelegten Beweise nicht für ausreichend erachtet und das Verfahren deswegen nach § 170 Abs. 2 StPO einstellt. Ferner gelangt sie nicht selten zu einer anderen rechtlichen Bewertung des Geschehens mit der Folge, dass die Anklage nicht wegen eines Gewaltdeliktes, sondern wegen eines weniger schweren strafrechtlichen Vorwurfs erfolgt.184 Und schließlich wird häufig deswegen keine Anklage erhoben, weil die Staatsanwaltschaft es in Anbetracht der geringen Schuld des Täters für ausreichend erachtet, das Verfahren in Verbindung mit einer Ermahnung, einer erzieherischen Maßnahme oder einer Auflage einzustellen, vgl. §§ 45 ff. JGG und §§ 153 ff. StPO. Im Ergebnis führt 183

In Bezug auf die polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 14- bis unter 21-Jähriger liegt eine Aktenanalyse vor, die Aufschluss darüber gibt, was in vier Großstädten in den Fällen geschehen ist, in denen die Staatsanwaltschaft den Tatverdacht nicht bestätigen konnte. Die Untersuchung zeigt, dass ein erheblicher Teil der Verfahren (46,2% bei den qualifizierten Körperverletzungs- und 33,7% bei den Raubdelikten) von der Staatsanwaltschaft wegen eines Verfahrenshindernisses für nicht anklagefähig erachtet und daher nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt wurde. 19,4% der Verfahren wegen qualifizierten Körperverletzungsdelikten und 14,3% der Raubverfahren wurden schließlich eingestellt, weil die Staatsanwaltschaft aus Diversions- oder Opportunitätsgesichtspunkten von der Anklageerhebung abgesehen hat (vgl. § 45 JGG und §§ 153 ff. StPO). Letztlich wurden von den wegen eines qualifizierten Körperverletzungsdeliktes registrierten Jugendlichen und Heranwachsenden 34% angeklagt; im Bereich der Raubdelikte lag die Anklagequote bei 52%. Vgl. DELZER, I., 2000. 184 Dies wurde in Bezug auf Tötungsdelikte bereits in den achtziger Jahren nachgewiesen. An die Stelle des Tatvorwurfs des versuchten Mordes oder Totschlags tritt häufig eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung; aus vollendeten Tötungsdelikten wird in der Anklage nicht selten eine Körperverletzung mit Todesfolge. Vgl. SESSAR, K., 1981; KREUZER, A., 1982.

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dies dazu, dass nur etwa jeder dritte Tatverdächtige der Gewaltkriminalität wegen des von der Polizei angenommenen Straftatbestandes angeklagt wird. Etwa jeder Vierte wird entsprechend verurteilt. Bei der Interpretation der Daten von Tabelle 2.1-11 ist zu beachten, dass sich die Polizei zunächst mit dem Opfer und seiner Darstellung des Geschehens auseinandersetzt. Der Sachverhalt wird deshalb unter der Tatbezeichnung bearbeitet, die sich aus dieser ersten, noch stark von Emotionen und Ängsten des Opfers oder seiner Angehörigen geprägten Interaktion ergibt. Es erscheint plausibel, dass aus dieser Perspektive in vielen Fällen eine andere Bewertung entsteht als bei der aus größerer Distanz operierenden Justiz, die zudem bei der Beweiswürdigung dem Grundsatz "in dubio pro reo" verpflichtet ist. Gerade bei Gewaltstraftaten dürfte ferner der Anteil der Fälle nicht gering sein, in denen der Tatverdächtige bei der Polizei die Aussage verweigert und erst gegenüber der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht im Beisein seines Anwalts Entlastendes vorbringt.185 In solchen Fällen wird es der Polizei erschwert, eine objektive Beurteilung des Tatgeschehens abzugeben. Für die hier angebotene Interpretation spricht ferner, dass nach Tabelle 2.1-11 das Verurteilungsrisiko der Erwachsenen fast durchweg niedriger ausfällt als das der Jugendlichen und Heranwachsenden. Die Annahme erscheint plausibel, dass in Ermittlungsverfahren gegenüber 14- bis unter 21-Jährigen, aufgrund der größeren Geständnisbereitschaft junger Menschen, geringere Beweisprobleme auftreten als bei den erwachsenen Beschuldigten, die möglicherweise häufiger bei der Polizei von ihrem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen. Trotz dieser notwendigen Relativierungen bleibt festzuhalten, dass es auch nach den Daten der Strafverfolgungsstatistik seit Mitte der achtziger Jahre zu einem starken Anstieg der qualifizierten Körperverletzungsdelikte und Raubdelikte junger Menschen gekommen ist. 2.1.6.2

Gewaltkriminalität von Männern und Frauen

Kernpunkte ♦ Die seit 1984 festzustellende Zunahme der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität ist zu 84 % der männlichen Bevölkerung zuzurechnen. ♦ Es gibt deutliche Indizien dafür, dass die von Frauen verübten Gewaltdelikte im Durchschnitt weniger schwerwiegend sind als die der Männer. ♦ Der Anteil der Frauen, die als Angeklagte bzw. Verurteilte der Gewaltkriminalität eine strafrechtliche Vorbelastung mit mindestens fünf früheren Verurteilungen aufweisen, ist wesentlich geringer als bei den Männern. In den alten Ländern hat sich im Verlauf von 15 Jahren die Zahl der Männer, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, pro 100.000 der ab achtjährigen männlichen Bevölkerung um 103 erhöht, die der weiblichen Bevölkerung dagegen "nur" um 22. Der zwischen den Geschlechtern bestehende Abstand der Gewaltbelastung ist also zulasten der Männer weiter angewachsen. Dies zeigt sich auch im Vergleich der absoluten Zahlen. Die Zunahme der Gewaltkriminalität ist, soweit die Polizei die angezeigten Fälle aufklären konnte, zu 84,3% der männlichen Bevölkerung zuzurechnen und zu 15,7% der weiblichen. Zu beachten ist ferner, dass bei weiblichen Tatverdächtigen das weitere Verfahren deutlich seltener mit einer Anklage oder einer förmlichen Verurteilung abgeschlossen wird als das für männliche Tatverdächtige gilt. Bei einer Gegenüberstellung der Daten von Männern und Frauen errechnet sich für das Doppeljahr 1997/98 für männliche Tatverdächtige eine Anklagequote von 37,1%, für weibliche dagegen von 24,3%. Von den männlichen Tatverdächtigen wurden 26% verurteilt, von den weiblichen dagegen 14,9%. Dies spricht für die Annahme, dass die Tatschwere der von Frauen verübten Gewaltdelikte im Durch185

Vgl. DÖLLING, D., 1987.

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schnitt unter der der Männer liegt. Dies bestätigt auch eine von DELZER durchgeführte Aktenanalyse zur Strafverfolgung von Gewaltdelikten Jugendlicher und Heranwachsender.186 Tabelle 2.1-12: Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) der Gewaltkriminalität nach Geschlecht, alte Länder 1984, 1990, 1993 und 1999* Männer Frauen

n TVBZ n TVBZ

1984

1990

1993

1999

1984/1999

82.980 308,7 8.954 30,2

83.206 301,7 9.657 32,3

97.937 333,4 11.563 36,9

124.334 411,5 16.667 52,0

+49,8% +33,3% +86,1% +72,4%

* 1993 und 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Analysen von Einzeldatensätze der Strafverfolgungsstatistik aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein lassen einen weiteren bedeutsamen Unterschied der Gewaltkriminalität von Männern und Frauen erkennen.187 Differenziert man bei den Angeklagten nach der Zahl der früheren Verurteilungen, dann zeigt sich für das Jahr 1998, das von allen Männern, die wegen einer Gewalttat angeklagt wurden, 58,4% keine frühere Verurteilung aufwiesen. Bei den Frauen waren es 75,4%. Auf der anderen Seite zeigt sich zu den angeklagten Männern eine Quote von 14,6%, die mindestens fünf frühere Verurteilungen aufweisen. Bei den Frauen waren es dagegen nur 6,9%. Dies lässt die Folgerung zu, dass straffällige Frauen seltener als Männer in eine kriminelle Karriere geraten und als Mehrfachverurteilte dann mit einer Gewalttat auffällig werden. Zu den neuen Ländern können entsprechende Vergleiche nicht angestellt werden, weil zu ihnen bisher noch keine Strafverfolgungsstatistik zur Verfügung steht. 2.1.6.3

Tatverdächtige Deutsche und Nichtdeutsche Kernpunkte

♦ Unter den Nichtdeutschen Tatverdächtigen befinden sich auch Touristen, Durchreisende sowie illegal in Deutschland lebende Personen, die von der Bevölkerungsstatistik nicht erfasst werden. Da exakte Zahlen der sich in Deutschland aufhaltenden Nichtdeutschen nicht vorliegen (können), lassen sich keine auf die jeweilige Bevölkerungszahl relativierten Tatverdächtigenbelastungszahlen bestimmen. Aus diesem Grunde sind sowohl Vergleiche der Tatverdächtigenzahlen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen als auch Längsschnittanalysen der Gewaltkriminalität nicht mit der nötigen Verlässlichkeit möglich. ♦ Eine Ausnahme bilden die ausländischen Arbeitnehmer, für die Bevölkerungszahlen vorliegen. Von ihnen wurden 1984 0,5% als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert. Diese Quote stieg bis 1999 auf 0,6% an, womit der Anstieg der TVBZ für diese Gruppe geringer ausfällt, als der insgesamt zu registrierende Anstieg der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität. ♦ Der Anteil der Nichtdeutschen an den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität nahm zwischen 1984 und 1993 von 18,8% auf 35,9% zu. Danach ist er bis 1999 auf 32,3% abgesunken. Der zunächst eingetretene Anstieg ist primär die Folge der starken Zuwanderung von Nichtdeutschen, die sich durch die seit 1989 nach Osten offenen Grenzen ergeben hat. Die Reform des Asylrechts hat diese Zuwanderung abgeschwächt und damit zu dem Sinken der Quote nichtdeutscher Tatverdächtiger seit 1993 beigetragen.

186 187

Vgl. dazu Kapitel 5. Es handelt sich um Daten aus einem laufenden, noch nicht publizierten Strafzumessungsprojekt des KFN.

Seite 62

PSB

Im Kapitel 2.11 zur Bedeutung der Zuwanderung für das Kriminalitätsgeschehen wird dargelegt, welche Probleme die polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken im Hinblick auf die spezielle Gruppe der Zuwanderer, hier insbesondere der Nichtdeutschen hat, die bei der Interpretation zu beachten sind. Dies ist zu berücksichtigen, wenn im folgenden die Daten zur registrierten Gewaltkriminalität der Nichtdeutschen dargestellt werden. Die Viktimisierung von Nichtdeutschen kann, weil die polizeiliche Opferstatistik nicht nach der Nationalität der Betroffenen differenziert, auf dieser Datenbasis nicht analysiert werden. Insoweit stehen nur begrenzte Erkenntnisse aus einzelnen Forschungsprojekten188 oder aus speziellen polizeilichen Meldediensten zur fremdenfeindlichen Gewalt zur Verfügung.189 Schaubild 2.1-5 zeigt für die alten Länder, wie sich die absoluten Zahlen der verschiedenen Gruppen von nichtdeutschen Tatverdächtigen zwischen 1984 bis 1999 entwickelt haben. Sie wird ergänzt durch Daten der Tabelle 2.1-13 Es ist festzustellen, dass der Anteil der Nichtdeutschen an allen polizeilich registrierten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität zwischen 1984 und 1993 von 18,8% auf 35,9% angestiegen ist. Zwischen 1993 und hat sich danach ein Rückgang auf 32,5% ergeben. Die zwischen 1984 und 1993 eingetretene Zunahme der nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität beruht zu etwa zwei Fünftel auf der in dieser Zeit sehr starken Zuwanderung von Asylbewerbern.190 Der Anteil der Asylbewerber an allen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität wuchs zwischen 1984 und 1993 von 1,3% auf 9,9%. Nach dem Inkrafttreten der Reform des Asylrechts kam es ab 1994 zu einer starken Reduzierung der Zuwanderung von Asylbewerbern.191 Es kann deshalb nicht überraschen, dass auch die absolute Zahl der als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registrierten Asylbewerber zwischen 1993 und 1999 um mehr als ein Drittel zurückging. Ihr Anteil an allen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität reduzierte sich von 9,9% auf 5,1%. Schaubild 2.1-5: Entwicklung der absoluten Zahlen verschiedener Gruppen von nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984-1999* 14.0 00

12.0 00

absolute TV Zahl

10.0 00

8.0 00

6.0 00 A rb eitne hm er S tud ente n/ Schü ler A sylbe w erb er T o uristen / D u rchre isen de Illeg ale

4.0 00

2.0 00

0 1 984

1 98 5

19 86

1 98 7

19 88

19 89

1 99 0

19 91

1 99 2

19 93

19 94

1 99 5

19 96

1 99 7

19 98

19 99

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik. 188

Vgl. z.B. STROBL, R., 1998. Zur fremdenfeindlichen und politisch motivierten Gewalt siehe Kapitel 2.10. 190 1984 betrug die Zahl der einreisenden Asylbewerber 35.278 und stieg 1993 auf eine Zahl von 322.599 an. 191 1994 ging die Zahl der einreisenden Asylbewerber auf 127.210 zurück. 1999 haben in Deutschland noch ca. 95.000 Personen Asyl beantragt. 189

PSB

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Der in den neunziger Jahren hohe Anteil der Asylbewerber unter den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität ist in Zusammenhang mit der sozialen Randlage zu sehen, in der sie sich nach ihrer Ankunft in Deutschland zwangsläufig befinden. Ihre Situation ist von relativer Armut, von beengten Wohnverhältnissen sowie schlechten Perspektiven gekennzeichnet, sich aus eigener Kraft aus der aktuellen Misere herauszuarbeiten. Hinzu kommen für die große Mehrheit Sprachprobleme, welche eine isolierte Lebenslage noch verstärken und nicht selten die Erfahrung, dass man ihnen im sozialen Umfeld nicht sehr freundlich oder teilweise sogar feindlich gesonnen ist. Dies alles sind Rahmenbedingungen, die eine gesellschaftliche Integration der Asylbewerber behindern und die Entstehung von Gewalt fördern. Tabelle 2.1-13: Anteil der Nichtdeutschen an der Gesamtzahl der wegen Gewaltkriminalität registrierten Tatverdächtigen nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1993 und 1999* 1984

1993

1999

%

N n von N n von N n von N n von N

92 004 17 275 18,8% 8 624 9,4% 1 207 1,3% 2 083 2,3%

109 563 39 343 35,9% 11 667 10,6% 10 831 9,9% 4 753 4,3%

141 184 45 916 32,5% 12 579 8,9% 7 206 5,1% 8 165 5,8%

% % % %

N n von N von N von N von N

2 759 600 21,7% 11,1% 2,4% 0,7%

3 458 1 247 36,1% 9,0% 12,9% 1,2%

2 638 936 35,5% 9,4% 7,4% 1,6%

% % % %

N n von N von N von N von N

4 302 1 133 26,3% 12,7% 2,5% 2,2%

3 979 1 598 40,2% 11,9% 13,7% 1,7%

5 015 1 824 36,4% 12,2% 7,1% 2,4%

N N n % von N % von N % von N

18 691 3 435 18,4% 6,0% 1,4% 4,2%

24 807 10 567 42,6% 7,6% 13,0% 6,8%

31 302 11 782 37,6% 5,4% 6,4% 9,9%

N n von N von N von N von N

69 216 12 585 18,2% 9,9% 1,2% 1,8%

80 281 27 110 33,8% 11,5% 8,6% 4,0%

106 437 32 879 30,9% 9,6% 4,6% 5,0%

Gewaltkriminalität TV insgesamt Nichtdeutsche TV % - Arbeitn. % - Asylb. % - Schüler/Stud./Auszub. Mord/Totschlag TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. Vergewaltigung TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. Raubdelikte TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. gef./schw. KVL TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub.

% % % %

* 1993 und 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Auffallend ist weiter der starke Anstieg der nichtdeutschen Tatverdächtigen, die von der Polizei als Schüler, Studenten und Auszubildende registriert wurden. Ihre absolute Zahl hat sich zwischen 1984 und 1999 um fast das Vierfache erhöht und hat damit weit stärker zugenommen als die Zahl der 14- bis unter 30-jährigen Nichtdeutschen, die in der Wohnbevölkerungsstatistik erfasst wurden. Schaubild 2.1-5 lässt sich ferner entnehmen, dass die Touristen und Durchreisenden sowie die illegal eingewanderten Tatver-

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PSB

dächtigen das Gesamtgeschehen der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität nur geringfügig beeinflusst haben. Ihr Anteil an allen Tatverdächtigen lag in dem Untersuchungszeitraum maximal bei 1,5%. In Anbetracht der marginalen Bedeutung, die diese beiden Gruppen von Nichtdeutschen für die Entwicklung der Gewaltkriminalität haben, wurden sie in der Tabelle 2.1-13 nicht gesondert erfasst. Die bis 1993 eingetretene Zunahme der absoluten Zahlen beruht aber auch, wie Schaubild 2.1-5 in Verbindung mit Tabelle 2.1-13 deutlich macht, teilweise darauf, dass die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, zwischen 1984 und 1999 um fast die Hälfte zugenommen hat. Da aber die Gesamtzahl aller registrierten Tatverdächtigen noch etwas stärker angestiegen ist, ist der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer an allen Tatverdächtigen von 9,4% auf 8,9% gesunken. Zu dieser Teilgruppe der Nichtdeutschen liegen dank der vierteljährlich erfolgenden Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit Bevölkerungszahlen vor. Sie ermöglichen es, TVBZ zu berechnen und damit auch Veränderungen in den Bevölkerungszahlen zu berücksichtigen. Danach zeigt sich, dass die Quote der ausländischen Arbeitnehmer, die in der Zeit zwischen 1984 und 1993 als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, relativ konstant bei 0,5% lag. Bis 1997 ist sie dann auf 0,6% angestiegen und seitdem etwa gleich geblieben. Die TVBZ der ausländischen Arbeitnehmer liegt damit etwa auf dem Niveau, das sich für deutsche Jungerwachsene der Altersgruppe 18 bis 25 ergibt. Die TVBZ der nichtdeutschen Arbeitnehmer hat sich also im Vergleich von 1984 und 1999 nur in sehr begrenztem Maß erhöht hat . Im gleichen Zeitraum ist pro 100.000 der Wohnbevölkerung in den alten Ländern die Zahl der aufgeklärten Fälle von Gewaltkriminalität etwa doppelt so stark angestiegen. Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass sich die mit einem Arbeitsplatz verbundene soziale Integration der ausländischen Arbeitnehmer und die Verfügbarkeit eines festen Einkommens stabilisierend auswirken. Gesicherte Erkenntnisse können freilich aus diesen Daten nicht abgeleitet werden, weil sie keinerlei Informationen zu Alters- und Geschlechtsstruktur der ausländischen Arbeitnehmer enthalten und weil zudem nicht kontrolliert werden kann, zu welchem Anteil es sich bei den Arbeitnehmern um Personen handelt, die sich nur saisonal als Arbeitskräfte in der Bundesrepublik Deutschland aufgehalten haben. Noch problematischer ist eine Analyse der Kriminalitätsentwicklung für weitere in der PKS getrennt erfasste Tatverdächtigengruppen auf dem Hintergrund der Bevölkerungsstatistik. So ist davon auszugehen, dass die Kategorie etwa der Schüler und Studenten in der PKS, die auf den Aufenthaltsgrund der Tatverdächtigen abstellt, nicht vollständig mit den entsprechenden bevölkerungsstatistischen Kategorien übereinstimmt. 2.1.7

Die Sanktionspraxis gegenüber erwachsenen Gewalttätern Kernpunkte

♦ Die Sanktionspraxis gegenüber Gewalttätern ist im Verlauf der letzten 15 Jahre durch eine Abnahme der Geldstrafe gekennzeichnet, der ein starker Anstieg der zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen gegenüber steht. Unbedingte Freiheitsstrafen waren bis 1990 zunächst zurückgegangen, sind aber seitdem mit zunehmender Häufigkeit angeordnet worden. Auch die Dauer der Freiheitsstrafe hat seit 1990 zugenommen. Die Quote der Freisprüche ist mit etwa 10% höher als im Durchschnitt aller Strafverfahren, blieb aber seit 1984 unverändert. ♦ Der verstärkte Einsatz der unbedingten Freiheitsstrafe ist vor allem gegenüber Körperverletzungsdelikten und Tötungsdelikten zu beobachten, schwächer ausgeprägt auch gegenüber der Vergewaltigung. Leicht rückläufige Zahlen zur Häufigkeit und Dauer des Freiheitsentzuges ergeben sich dagegen bei Angeklagten der Raubdelikte. Beides ist möglicherweise auf Veränderungen in der Zusammensetzung der Angeklagten zurückzuführen.

PSB

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♦ Bei der Strafverfolgung nichtdeutscher Tatverdächtiger der Gewaltkriminalität ist in den neunziger Jahren eine deutlich stärkere Zunahme der Verurteilungen zu Haftstrafen eingetreten als das für die deutschen Tatverdächtigen dieses Deliktes gilt. ♦ Analysen von Individualdatensätzen der Strafverfolgungsstatistik der Länder Schleswig-Holstein und Niedersachsen zeigen, dass in den neunziger Jahren die Quote der ausländischen Tatverdächtigen von Gewaltkriminalität, die angeklagt und verurteilt wurden, weit stärker zugenommen hat als das für die Deutschen gilt. Ferner ist bei den ausländischen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität sowohl der Anteil der zu unbedingten Freiheitsstrafe Verurteilten wie auch die durchschnittliche Dauer der Haftstrafen erheblich stärker angestiegen als bei den Deutschen. Die Ursachen dieser Unterschiede sind jedoch nicht abschließend geklärt. Der nachfolgende Abschnitt bietet einen Überblick zur Sanktionspraxis gegenüber erwachsenen Angeklagten der Gewaltkriminalität. Tabelle 2.1-14 beschränkt sich bei der Darstellung der seit Mitte der achtziger Jahre eingetretenen Längsschnittentwicklung der Verfahrens- und Sanktionspraxis auf Eckdaten zu den Jahren 1984, 1990 und 1998. Dies erscheint deshalb vertretbar, weil die Zahlen der dazwischen liegenden Jahre sich jeweils in dem Trend bewegen, der durch diese drei ausgewählten Jahrgänge erkennbar wird. Es zeigt sich, dass bei Strafverfahren gegen Gewalttäter die Freispruchquote unverändert während des gesamten Zeitraums zwischen 9% und 10% liegt. Sie ist damit deutlich höher, als das im Durchschnitt der Strafverfahren verzeichnet wird (1998: 2,7%). Dies dürfte damit zusammenhängen, dass das Ermittlungsergebnis der Polizei hier häufiger als bei anderen Delikten primär auf den Aussagen von Zeugen oder Opfern beruht. Wenn sich dann bei Gericht Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben ergeben oder Erinnerungsprobleme auftauchen, ist häufiger dem Grundsatz "in dubio pro reo" zu folgen und freizusprechen. Die Quote der Angeklagten, die förmlich verurteilt wurden, ist während des Untersuchungszeitraums weitgehend konstant geblieben. Etwas zurückgegangen ist der Anteil der Angeklagten, die zu einer Geldstrafe verurteilt wurden. Dies korrespondiert mit einer Zunahme der insgesamt verhängten Freiheitsstrafen. Insoweit zeigt sich allerdings zunächst für die Jahre 1984 bis 1990 ein leichter Abwärtstrend. In den neunziger Jahren hat sich dann jedoch sowohl die Quote der zur Bewährung ausgesetzten als auch der nicht ausgesetzten Freiheitsstrafen erhöht. Angestiegen ist in dieser Zeit ferner die durchschnittliche Dauer der bei unbedingten Freiheitsstrafen verhängten Haftjahre. Sie betrug im Jahr 1990 3,7 Jahre.192 Bis zum Jahr 1998 ist dieser Wert auf 3,9 Jahre angewachsen. Dies ist die Folge davon, dass vor allem Freiheitsstrafen ab einer Dauer von drei Jahren zugenommen haben. Ihre absolute Zahl hat sich zwischen 1990 und 1998 um den Faktor 1,5 erhöht und ist damit erheblich stärker angewachsen als die Gesamtzahl der Angeklagten. Im Widerspruch zu der weit verbreiteten Einschätzung, in den neunziger Jahren hätte der Gebrauch freiheitsentziehender Sanktionen gegenüber Gewalttätern abgenommen, demonstrieren die Daten das Gegenteil. Insbesondere die Quote, aber auch die Dauer der verhängten Freiheitsstrafen ist angestiegen. Dies bedeutet freilich noch nicht, dass die Strafhärte gegenüber gerichtlich abgeurteilten Gewalttätern angestiegen wäre. Denkbar wäre auch, dass sich die Zusammensetzung der Fälle in Richtung auf eher schwere Taten verändert hat. Nachfolgend wird daher geprüft, wie sich die Entwicklung der Sanktionspraxis für die einzelnen Hauptdeliktsgruppen der Gewaltkriminalität darstellt.

192

Zur Ermittlung der Haftjahre wurde bei Angaben, die zwischen zwei Grenzwerten liegen, jeweils der Mittelwert zugrunde gelegt (z. B. drei bis fünf Jahre entspricht vier Jahre); für Freiheitsstrafen von fünf und mehr Jahren wurden zehn Jahre als Mittel angesetzt.

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Tabelle 2.1-14: Sanktions- und Verfahrenspraxis gegenüber erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984, 1990 und 19981) Gewaltkriminalität* Angeklagte (Abgeurteilte)

N

1984

1990

1998

90-98

20.708

18.998

23.474

23,6%

Freispruch**

% von N

9,3%

9,5%

9,5%

Verfahrenseinstellung ***

% von N

22,1%

24,7%

21,5%

Verurteilte

% von N

68,6%

65,9%

69,0%

Geldstrafen Freiheitsstrafe m. Bew. Freiheitsstrafe m. Bew. Freiheitsstrafe o. Bew. Freiheitsstrafe o. Bew.

% von N n % von N n % von N

28,1% 3.566 17,2% 4.820 23,3%

29,4% 3.398 17,9% 3.540 18,6%

22,5% 5.847 24,9% 5.062 21,6%

davon >= 3 Jahre FS

n

1.939

1.349

2.047

davon >= 3 Jahre FS

% von N

9,4%

7,1%

8,7%

3,9

3,7

3,9

durchschn. Dauer der Haftjahre****

72,1% 43,0% 51,7%

* errechnet aus gef./schw. KVL, Raub, Mord/Totschlag, Vergewaltigung ** Bezieht sich auf das Allgemeine Strafrecht insgesamt (incl. Heranwachsende, auf die Allgemeines Strafrecht angewandt wurde) *** Einschl. sonstige Entscheidungen. **** Zur Ermittlung der Haftjahre wurde bei Angaben, die zwischen zwei Grenzwerten liegen, jeweils der Mittelwert zugrunde gelegt (also z.B. drei bis fünf Jahre entspricht vier Jahre); für Freiheitsstrafen von 5 und mehr Jahren wurden 10 Jahre als Mittel angesetzt 1)

1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Die Tabelle 2.1-15 zeigt für diese einzelnen Delikte bzw. Deliktgruppen ein unterschiedliches Bild. Bei den Tötungsdelikten hat sich von 1990 zu 1998 sowohl die Quote der zu unbedingten Freiheitsstrafe Verurteilten wie auch die durchschnittliche Dauer der Freiheitsstrafe jeweils um etwa ein Zehntel erhöht. Weit stärker fällt allerdings ins Gewicht, dass sich für die Angeklagten von qualifizieren Körperverletzungen, die fast zwei Drittel aller angeklagten Gewalttäter ausmachen, ein noch deutlicherer Wandel der Sanktionspraxis abzeichnet. Die Rate derer, die zu einer nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verurteilt zu wurden, hat sich bei dieser Deliktsgruppe um etwa ein Viertel erhöht, die durchschnittliche Dauer der Freiheitsstrafen fast um ein Drittel. Bei der Vergewaltigung fällt im Vergleich von 1990 zu 1998, bei einer gleichbleibenden Anzahl der Angeklagten und einer nur geringen Zunahme der zu unbedingter Freiheitsstrafe Verurteilten, eine Steigerung der durchschnittlichen Dauer der verhängten Freiheitsstrafe auf. Gegenüber Raubdelikten hat in den neunziger Jahren sowohl die Quote der unbedingten Freiheitsstrafen wie deren durchschnittliche Dauer leicht abgenommen. Damit setzt sich in abgeschwächter Form ein Trend fort, der zwischen 1984 und 1990 sehr deutlich ausgeprägt war. Möglicherweise ist dies eine Folge einer sinkenden Tatschwere der Delikte. Auffallend ist jedenfalls, dass nach der Polizeilichen Kriminalstatistik der Anteil der Raubdelikte mit einer Schadenssumme von unter 25 DM seit 1984 stark angestiegen ist.

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Tabelle 2.1-15: Anordnung von nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen gegenüber erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1990 und 1998* Angeklagte der Tötungsdelikte davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

1984

1990

1998

845

644

940

645

433

693

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

76,3%

67,2%

73,7%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

64,9%

57,5%

65,7%

7,36

7,38

7,93

1.258

994

1.079

715

484

539

Durchschnitt der Haftjahre Angeklagte der Vergewaltigung davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

56,8%

48,7%

50,0%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

24,6%

24,6%

28,4%

3,82

3,99

4,40

Durchschnitt der Haftjahre Angeklagte der Raubdelikte

4.103

3.571

5.271

davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

2.359

1.696

2.469

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

57,5%

47,5%

46,8%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

25,6%

19,3%

19,1%

4,28

3,95

3,87

Durchschnitt der Haftjahre

14.502

13.789

16.184

davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

1.101

927

1.361

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten Durchschnitt der Haftjahre

7,6% 0,2% 1,23

6,7% 0,3% 1,23

8,4% 0,7% 1,62

Angeklagte der gef./schw. Körperverletzung

* 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Zwischen 1990 und 1999 hat in den alten Ländern die Gesamtzahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen um den Faktor 1,4 zugenommen. Dem steht nach der Strafvollzugsstatistik ein deutlich höherer Anstieg der nichtdeutschen Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten um das 2,6fache gegenüber. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der deutschen Tatverdächtigen auf das 1,2fache, die der deutschen Strafgefangenen dagegen nur um das 1,1fache angewachsen.193 Der Gesamtanstieg um 11.369 Gefangene beruht zu 85,5% auf einem Zuwachs inhaftierter Ausländer oder Staatenloser. Leider ist es nicht möglich, für den Bereich der Gewaltkriminalität diese Entwicklung auf der Basis der Strafverfolgungsstatistik des Bundes im Detail nachzuvollziehen, da sie keine Differenzierung für die einzelnen Deliktgruppen nach Deutschen und Nichtdeutschen enthält. Etwas anderes gilt, wenn man die Einzeldatensätze der Strafverfolgungsstatistik verwendet. Darauf basierend wurde am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen für die Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein u. a. analysiert, welche Bedeutung die Sanktionspraxis gegenüber Deutschen und Nichtdeutschen Gewalttätern für den überproportionalen Anstieg der Gefangenenzahlen Nichtdeutscher hat.194 Dabei bestätigte sich im Hinblick auf die Sanktionspraxis gegenüber Angeklagten der Gewaltkriminalität das Bild, das sich bereits im Hinblick auf die Entwicklung von Tatverdächtigenzahlen und Gefangenenzahlen insgesamt gezeigt hat. In den beiden Ländern hat sich im Vergleich der Doppeljahre 1990/91 und 193

1990 wurden zum Stichtag 31. März. 34.027 deutsche sowie 5.151 nichtdeutsche Strafgefangene und Sicherungsverwahrte gezählt, 1999 waren es 37.067 Deutsche und 13.480 Nichtdeutsche. 194 Vgl. PFEIFFER, C., SUHLING, S. und T. SCHOTT, 2000.

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1997/98 die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität auf das 1,5fache erhöht. Dem steht ein Anstieg der gegenüber nichtdeutschen Gewalttätern insgesamt angeordneten Haftjahre um mehr als das dreifache gegenüber. Für die Deutschen ergeben sich folgende Vergleichszahlen: Einer relativen Zunahme der Anzahl der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität um den Faktor 1,1 steht ein Anstieg der Summe der gegen deutsche Angeklagte der Gewaltkriminalität ausgeurteilten Haftjahre um den Faktor 1,2 gegenüber. Für diese unterschiedliche Entwicklung des Inputs der Tatverdächtigen zum Output der Haftjahre wurden folgende Faktoren ermittelt: a) Die Quote der erwachsenen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität, die angeklagt wurden, hat sich bei Nichtdeutschen im Vergleich der Doppeljahre von 20,8% auf 26,1% erhöht, mithin stärker als bei den Deutschen wo sie von 27,4% auf 27,8% stieg, also nahezu unverändert blieb. b) Der Anteil der nichtdeutschen Angeklagten dieser Tätergruppe, die zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, ist in dem untersuchten Zeitraum von 15,6% auf 22,1% angestiegen, die der Deutschen hingegen nur von 18,7% auf 19,9%. c) Die durchschnittliche Dauer der verhängten Freiheitsstrafen hat bei den nichtdeutschen Verurteilten von 3,5 auf 4,3 Jahre zugenommen (Deutsche unverändert 3,6 Jahre). Als Folge dieser Veränderungen der Strafverfolgungspraxis hat sich pro 100 deutsche Angeklagte die Zahl der verhängten Haftjahre von 67,1 auf 71,6 erhöht. Bei den Nichtdeutschen ist dagegen ein Anstieg von 55 auf 95,7 Jahre zu verzeichnen.195 Die Tatsache, dass 1997/98 die nichtdeutschen im Vergleich zu den deutschen Angeklagten der Gewaltkriminalität zum einen häufiger und zum anderen für erheblich längere Dauer zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, erscheint auch deshalb überraschend, weil beträchtliche Unterschiede zur Anzahl der früheren Verfahren auftreten. Von allen erwachsenen deutschen Angeklagten dieser Tätergruppe hatten 16,4% ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis, bei den nichtdeutschen Angeklagten waren das 28,6%.196 Auf der anderen Seite wiesen 14,6% der deutschen Angeklagten eine beachtliche Vorbelastung mit fünf und mehr früheren Verurteilungen auf, bei den nichtdeutschen waren das nur 5,7%.197 Die Divergenzen der Strafzumessung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen werden von daher noch größer, wenn man die Zahl der früheren Verurteilungen konstant hält. Beispielsweise ergeben sich für Angeklagte mit ein bis zwei früheren Verurteilungen dann pro 100 nichtdeutscher Angeklagte zwei- bis dreimal so viel Haftjahre wie bei 100 deutschen Angeklagten.198 Die Hypothese einer gegenüber nichtdeutschen Angeklagten härteren Sanktionspraxis ist allerdings mit diesen Befunden noch nicht hinreichend belegt. Es fehlen Informationen zu anderen Faktoren, die für die Strafzumessung von Bedeutung sind. Dies gilt z.B. im Hinblick auf eine etwaige Bewaffnung des Täters, die Höhe des finanziellen Schadens oder das Ausmaß der beim Opfer eingetretenen Verletzungen. Diese Aspekte sollen im weiteren Fortgang des KFN-Projektes im Wege von Aktenanalysen überprüft werden. Sollte sich auch bei Kontrolle dieser Einflussfaktoren für nichtdeutsche Angeklagte eine höhere Rate der zu Freiheitsentzug Verurteilten ergeben, so schließen sich daran folgende bislang offene Fragestellungen an: - Ist die Kommunikation vor Gericht bei Nichtdeutschen häufig durch sprachliche Verständigungsprobleme belastet? Welche Bedeutung hat dies gegebenenfalls für die Strafzumessung? 195

Vgl. ebenda, S. 32 ff. Die hohe Ersttäterquote der nichtdeutschen Angeklagten dürfte auch damit zusammen hängen, dass Vorstrafen, die im Ausland verhängt wurden, in der Regel nicht bekannt werden. 197 Dies dürfte auch daraus folgen, dass mehrfach auffällige nichtdeutsche Gewalttäter mit einer Ausweisung zu rechnen haben. 198 Gegenüber 100 wegen Raubdelikten angeklagten Deutschen mit ein bis zwei früheren Verurteilungen errechnen sich für die Jahre 1997/98 128,3 Haftjahre; bei den Nichtdeutschen sind es 294,6 Haftjahre. Bei Angeklagten der gefährlichen/schweren Körperverletzung stehen 6,9 Haftjahre, die gegenüber deutschen Angeklagten verhängt wurden, bei den nichtdeutschen 18,5 Haftjahre gegenüber. Vgl. PFEIFFER, C., SUHLING, S. und T. SCHOTT, 2000, S. 56. 196

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Wie wirken sich schlechte Deutschkenntnisse auf die Chance aus, einem Bewährungshelfers unterstellt zu werden? Können derartige Kommunikationsprobleme indirekt dazu beitragen, dass häufiger Freiheitsstrafen ohne Bewährung ausgesprochen werden? Besteht für nichtdeutsche Angeklagte eine höhere Wahrscheinlichkeit der Untersuchungshaft? Erhöht dies gegebenenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen gegenüber eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung ausgesprochen wird? Werden nichtdeutsche Angeklagte der Gewaltkriminalität häufiger durch Pflichtverteidiger vertreten? Hat dies Bedeutung für den Ausgang des Verfahrens? Wird der starke Anstieg der Nichtdeutschen, die wegen Gewalttaten vor Gericht stehen, von den Richtern und Staatsanwälten eher als Indiz für eine steigende Gewaltbereitschaft dieser Bevölkerungsgruppe gesehen oder als normale Konsequenz der Zunahme des Wohnbevölkerungsanteils der Nichtdeutschen? Welche Bedeutung hat dies jeweils für die Strafzumessung?

2.1.8

Befunde der Dunkelfeldforschung zur Gewaltkriminalität in Deutschland Kernpunkte

♦ Opferbefragungen zeigen, dass etwa 1-2% der Bevölkerung im Laufe eines Jahres Opfer eines Raubdeliktes bzw. einer Körperverletzung werden. Die leichteren Formen sind deutlich häufiger als die schweren (z. B. die mit einer Waffe verübten). ♦ Mehrere Untersuchungen stützen die These, dass es von Anfang bis Mitte der neunziger Jahre in den neuen Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Raub- und Körperverletzungsdelikte gekommen ist. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre kam es jedoch bundesweit zu einem Rückgang der Gewaltopferraten. ♦ Großstädte weisen im Vergleich zu ländlichen Regionen eine höhere Quote von Gewaltopfern auf. Die Unterschiede sind allerdings bei weitem nicht so ausgeprägt wie die, die sich aus der Polizeilichen Kriminalstatistik ergeben, was auf eine geringere Anzeigebereitschaft der Opfer in ländlichen Gebieten zurückzuführen ist. ♦ Die Anzeigebereitschaft der Opfer fällt gegenüber fremden Tätern höher aus als gegenüber Bekannten oder gar Tätern aus dem Kreis der Familienangehörigen. Sie ist bei Raubtaten ausgeprägter als bei Körperverletzungen. ♦ Für eine exakte Analyse der Entwicklung des Anzeigeverhaltens fehlen in der Bundesrepublik derzeit die erforderlichen repräsentativen, landesweiten Längsschnittdaten. Die verfügbaren Informationen aus regional begrenzten Untersuchungen und Jugendstudien deuten jedoch darauf hin, dass die Anzeigebereitschaft wahrscheinlich zugenommen hat. ♦ Innerfamiliäre Gewalt gegen Frauen ist wesentlich häufiger als Gewalt im öffentlichen Raum. Im Laufe eines Jahres werden etwa 10% der Frauen Opfer innerfamiliärer körperlicher Gewalt. Innerfamiliäre Gewaltdelikte werden aber weit überwiegend nicht angezeigt. ♦ Im Falle wirtschaftlicher und sozialer Belastungen ist das Risiko der Gewalt im häuslichen Bereich erhöht. Ferner ist die innerfamiliäre Gewalt bei ausländischen Familien häufiger. Ergänzend zu den Erkenntnissen aus den vorliegenden Hellfeldstatistiken werden im folgenden die Befunde aus bundesdeutschen Opferbefragungen zur Verbreitung von Gewaltkriminalität dargelegt.199 In Deutschland wurden zwischen 1989 und 1998 insgesamt 11 überregionale repräsentative Opferbefragungen durchgeführt, die teilweise Deutschland insgesamt erfassten oder auf die alten bzw. die neuen Länder begrenzt waren.200 Die Studien der verschiedenen Forschergruppen sind jedoch nicht exakt vergleichbar. 199

Zur Geschichte und Methodenentwicklung in den USA vgl. CANTOR und LYNCH, 2000, m. w. Nachw. Vgl. zum Überblick auch WEIß, R., 1997. 200 Neben der bundesdeutschen Beteiligung am ICS (vgl. VAN DIJK, J. J. M. u. a., 1990; KURY, H., 1991) durch die Forschungsgruppe um KURY, die allerdings wegen ihrer extremen niedrigen Ausschöpfungsquote kaum interpretationsfähig erscheint,

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Längsschnittliche Analysen sind deshalb nur sehr eingeschränkt möglich. Das entscheidende Ziel, in Ergänzung zu den Hellfeldstatistiken kontinuierlich Daten zur Entwicklung der Opferraten201 und den Veränderungen des Anzeigeverhaltens202 zu erheben, ist bis heute nicht erreicht. Für die Interpretation der Daten aus diesen Opferbefragungen ist zu beachten, dass die subjektive Wahrnehmung, Opfer eines bestimmten Delikts geworden zu sein, nicht unbedingt mit strafrechtlichen Definitionen in Einklang steht. Das kann sowohl dazu führen, dass Vorfälle, die rechtlich noch nicht die Grenzen der Strafbarkeit überschreiten, als Viktimisierungserfahrungen registriert werden, als auch dazu, dass strafrechtlich relevante Ereignisse von einigen Befragten als irrelevant angesehen und deshalb nicht berichtet werden.203 Diese Diskrepanz zwischen strafrechtlich-normativen Bewertungen einerseits und subjektiven Erlebnissen andererseits bedingt, dass eine Rekonstruktion des Hellfeldes polizeilicher Daten unter Rückgriff auf in Opferbefragungen berichtete und angezeigte Vorfälle nicht möglich ist. International hat sich diesbezüglich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Gegenüberstellung von Opferbefragungen und polizeilichen Statistiken im Sinne der Untersuchung der Fehlerhaftigkeit einer der beiden Datenquellen nicht sinnvoll ist. Diskrepanzen sind vielmehr als erklärungsbedürftiges Phänomene anzusehen, die eine für die Einschätzung der Kriminalitätslage wichtige Informationsquelle darstellen.204 2.1.8.1 Verbreitung und Entwicklung der Viktimisierung durch Gewaltdelikte Trotz der genannten Einschränkungen lässt sich den bundesdeutschen repräsentativen Studien einiges zum Ausmaß, der regionalen Verteilung und der Entwicklung der Viktimisierung durch Gewalt entnehmen.205 So ist es vom Anfang bis zur Mitte der neunziger Jahre in den neuen Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Gewaltdelinquenz gekommen.206 So lagen die Raten der Opfer von Raub und Körperverletzungsdelikten in den neuen Ländern im Jahr 1991 signifikant höher als im Jahr 1990.207 Wie Tabelle 2.1-16 zeigt, wurden 1991 in den neuen Ländern fast durchweg höhere Werte als im Westen festgestellt. Die einzige Ausnahme bildet die Opferrate für Vergewaltigung, die im Westen höher war. Tabelle 2.1-16: Opfer von Gewaltdelikten im Jahr 1991 in den alten und neuen Ländern (Befragte zwischen 16 und 60 Jahren)

Alte Länder n=7318) Neue Länder (n=1679)

Handtaschenraub Opfer Delikte je 100 je 100 0,5 0,6 0,7

0,8

sonstiger Raub Opfer je 100 0,4 0,7

Körperverl. mit Waffen Delikte Opfer Delikte je 100 je 100 je 100 0,5 0,6 0,8 0,8

0,9

1,3

Körperverl. ohne Waffen Opfer Delikte je 100 je 100 1,3 2,4 2,2

4,3

Vergewaltigung/ sex. Nötigung Opfer Delikte je 100 je 100 0,5 0,7 0,2

0,9

Datenquelle: WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S.61.

handelt es sich um zehn Untersuchungen, die in folgenden Veröffentlichungen dargestellt sind: BOERS, K. u. a., 1997; EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994; KURY, H. u. a., 1992; WETZELS, P. u. a., 1995; WETZELS, P., 1997; SWB, 1996 und 1997; HEINZ, W. u. a., 1998. 201 So weichen die Fragen der einzelnen Projekte voneinander ab; vgl. zum Überblick HEINZ, W. u. a., 1998; EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994. Die in Bezug genommenen Referenzzeiträume unterscheiden sich gleichfalls erheblich. 202 Die Veränderung des Anzeigeverhaltens kann bislang nicht zufriedenstellend untersucht werden. So haben lediglich die Studie des KFN (vgl. WETZELS, P. u. a., 1995) sowie ein Teil der Untersuchungen von HEINZ, W. u. a., 1998, nach dem Anzeigeverhalten bezogen auf Vorfälle aus den letzten 12 Monaten, dem entscheidenden Zeitraum zur Kontrastierung mit PKS-Daten, gefragt. Nur die KFN-Studie hat das Anzeigeverhalten bezogen auf alle Vorfälle im fraglichen Zeitraum erfasst. Andere Studien, wie KURY, H. u. a., 1992, haben sich auf das Anzeigeverhalten beim letzten derartigen Vorfall beschränkt und diesen zudem auf die letzten fünf Jahre bezogen. 203 VGL. dazu BILSKY, W., WETZELS, P., MECKLENBURG, E. und C. PFEIFFER, 1995; WETZELS, P., 1997. 204 Vgl. CANTOR und LYNCH, 2000. 205 Vgl. zum Überblick auch HEINZ, W. u. a., 1998. 206 Vgl. BOERS, K. u. a., 1994; BOERS, K., 1996; EWALD, U. u. a., 1994; GUTSCHE, G., 1995; KURY, H., 1991; KURY, H. u. a., 1992. 207 Vgl. WETZELS, P. u. a., 1995.

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Auch 1994 wurde in Ostdeutschland ein Gewaltniveau gemessen, das über dem des Westens liegt. Jüngere Studien aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre kommen tendenziell ebenfalls zu der Feststellung, dass in den Stichproben aus den neuen Ländern etwas höhere Opferraten festzustellen sind.208 Allerdings sind diese Unterschiede zwischen den alten und den neuen Ländern statistisch nicht signifikant. Seit 1995 ist es bundesweit bei den Gewaltdelikten zu Rückgängen gekommen. So fallen in den SWBStudien209 die Opferraten bei allen analysierten Gewaltdelikten im Jahre 1997 niedriger aus als im Vorjahr. Nach den MTU-Studien210, hat von 1995 bis 1997 die Raubopferrate von 1,4% auf 0,8% und die Rate der Opfer tätlicher Angriffe von 2,8% auf 1,5% abgenommen. Die Opferrate für sexuelle Gewaltdelikte ist von 0,6% auf 0,2% zurückgegangen.211 Der Befund einer Abnahme der Opferraten bei sexuellen Gewaltdelikten wird auch durch die Ergebnisse wiederholter Untersuchungen studentischer Stichproben für frühere Referenzzeiträume gestützt. Danach war die Viktimisierung von Studienanfängerinnen durch vollzogene oder versuchte Vergewaltigungen im Zeitraum von 1980 bis 1992 rückläufig. Im Unterschied dazu hatte die Viktimisierung durch obszöne Telefonanrufe von 1976 bis 1991 deutlich zugenommen.212 In diesen Studien wurden auch die Lebenszeitprävalenzraten für sexuelle Gewaltdelikte bei Befragten aus den alten und den neuen Ländern verglichen. Während im Westen 14,3% der Studienanfängerinnen berichteten, schon einmal zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen gezwungen worden zu sein, waren dies im Osten mit 12,6% erkennbar weniger. Ein ähnlicher Befund ergab sich zur vollendeten Vergewaltigung (Westen 1,4%, Osten 0,4%), womit sich der Befund der KFN-Befragung des Jahres 1992 in Bezug auf dieses Delikt bestätigt. Für den Zeitraum ab 1998 liegen keinerlei national-repräsentative Daten zu Opfererfahrungen durch Gewaltdelikte für die Allgemeinbevölkerung vor, so dass aktuellere Trendaussagen nicht möglich sind.213 2.1.8.2 Das Anzeigeverhalten Dem Anzeigeverhalten kommt eine entscheidende Bedeutung für die Beurteilung der Struktur, der räumlichen Verteilung und der Veränderungen registrierter Gewaltkriminalität zu. Die deutschen Untersuchungen zeigen dazu, im Einklang mit internationalen Erkenntnissen, dass das Anzeigeverhalten deliktspezifisch unterschiedlich ist, weshalb die Struktur der Gewaltdelinquenz im Hellfeld nicht den Relationen der verschiedenen Gewaltformen im Dunkelfeld entspricht. So werden Raubdelikte am häufigsten (zu etwa 50-60%) angezeigt. Die Anzeigequote für Körperverletzungsdelikte (ca. 20-30%) ist demgegenüber deutlich niedriger.214 Die aktuellsten Daten zur Anzeigebereitschaft bei Opfern von Gewaltdelikten sind Studien zu entnehmen, die sich auf das Jahr 1997 beziehen. Auch hier zeigt sich, dass die Anzeigequote bei Raubdelikten (59,3%) deutlich höher ist als bei Körperverletzungsdelikten (33,6%).215 Für Sexualdelikte sind die Forschungsergebnisse uneinheitlich und aus mehreren Gründen schwierig zu interpretieren. Nach den Erkenntnissen der KFN-Opferbefragung beläuft sich die Anzeigequote für Vergewaltigung/sexuelle Nötigung auf ca. 15%. Unter Verwendung anderer Frageformulierungen und bezogen auf Delikte aus einem Fünfjahreszeitraum stellen BOERS, K. u. a. für sexuelle Gewaltdelikte eine 208

Vgl. die Studien der Forschungsgruppe um HEINZ, W. u. a., 1998, S. 2–9. SWB=Sozialwissenschaften Bus; diese Studien beziehen sich auf die Jahre 1996 und 1997. 210 MTU=Mehrthemenumfragen; diese Studien beziehen sich auf die Jahre 1995 und 1997. 211 Es ist allerdings fraglich, ob diese sich andeutenden Trends auch für Jugendliche gelten, die in den aufgeführten repräsentativen Studien nur eine kleine Teilgruppe bilden. 212 Vgl. KREUZER, u. a., 1993, S. 185. 213 Speziell für den Jugendbereich kann hier auf die KFN-Schülerbefragungen der Jahre 1998 und 2000 Bezug genommen werden, auf die in Kapitel 5 noch im Detail eingegangen wird. 214 Eine geringere Anzeigequote für Körperverletzungsdelikte ergibt sich auch aus der ersten Untersuchung der Arbeitsgruppe um Boers für die neuen Länder. Während 52,5% der Raub- und 60,5% der Handtaschenraubdelikte angezeigt wurden, liegt die Anzeigequote bei Körperverletzungen ohne Waffe mit 15,4% und bei Körperverletzungen mit Waffe mit 21,0% erheblich niedriger; vgl. EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994, S. 155. 215 Vgl. HEINZ, W., SPIEß, G., SCHNELL, R. und F. KREUTER, 1998. 209

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Anzeigequote von 60% fest. HEINZ, W. u. a. berichten bezogen auf das Jahr Anzeigequoten von 44,4% (SWB) und 61,4% (MTU). Neben unterschiedlichen Referenzzeiträumen und Berechnungsarten bei der Bestimmung der Anzeigequote216 ist zu beachten, dass nach den Ergebnissen der KFN-Befragung ein großer Teil der Delikte im sozialen Nahraum von Partnerbeziehungen stattfindet, was von den gängigen Methoden der Opferbefragungen kaum erfasst wird, wo aber zugleich die Anzeigebereitschaft der Opfer extrem niedrig liegt.217 Die hauptsächlichen Gründe für eine Nichtanzeige sind in der Bundesrepublik Deutschland und international recht ähnlich. So findet sich nach den jüngsten deutschen Untersuchungen218 bei Raubdelikten am häufigsten die Angabe, dass die Opfer die Angelegenheit selbst regeln wollen (29,3%) und die Einschätzung, dass die Polizei nichts hätte machen können (24%). Etwa ein Fünftel der Befragten hält die Opfererfahrung zudem nicht für so schwerwiegend. Bei den Körperverletzungsdelikten sind die Verhältnisse vergleichbar.219 2.1.8.2.1 Regionale Divergenzen des Anzeigeverhaltens Für die Bundesrepublik sind regionale Unterschiede des Anzeigeverhaltens bei der Beurteilung der polizeilichen Hellfelddaten zu berücksichtigen. So wurde festgestellt, dass 1991 das Dunkelfeld der nicht angezeigten Gewaltdelikte mit 71,8% in den neuen Ländern erheblich größer war als im Westen (62,9%). Besonders große Unterschiede zeigten sich bei den Körperverletzungsdelikten und dem Handtaschenraub, die im Westen etwa doppelt so häufig zur Anzeige gebracht wurden wie im Osten. Dementsprechend war Anfang der neunziger Jahre das Potenzial für eine Zunahme des Anzeigeverhaltens in den neuen Ländern größer als im Westen. Ferner finden sich in den alten Ländern deutliche Nord-Süd-Unterschiede. So hat die KFNOpferbefragung des Jahres 1992 gezeigt, dass schwere Gewaltdelikte in Norddeutschland (SchleswigHolstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen) zu 51,6% angezeigt wurden, im Süden (BadenWürttemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Saarland) lag die Anzeigequote dagegen bei 35,4%.220 Eine entsprechende Tendenz zeigen auch die Befunde der KFN-Schülerbefragungen. So wurden von den jugendlichen Gewaltopfern aus allgemeinbildenden Schulen in Hamburg 13,8% aller Gewaltvorfälle des Jahres 1997 angezeigt, in München hingegen nur 8%.221 Die Nord-Süd-Divergenzen polizeilich registrierter Gewaltkriminalität sind von daher zumindest teilweise auf regional unterschiedliche Dunkelfeldanteile zurückzuführen. 2.1.8.2.2 Veränderungen des Anzeigeverhaltens National wie international zeigt sich, dass der größere Teil der Gewaltdelikte von den betroffenen Opfern den Strafverfolgungsbehörden nicht angezeigt wird. Besonders groß ist dieses Dunkelfeld im Bereich der Jugendgewaltdelikte.222 Daraus resultiert ein erheblicher Spielraum für Veränderungen des Anzeigeverhaltens, weshalb regelmäßige Dunkelfeldstudien zur Analyse möglicher Zu- oder Abnahmen der Anzei216

BOERS, K. u. a. fragten dazu nach dem Anzeigeverhalten bei letzten Delikt aus den vergangenen fünf Jahren. WETZELS, P u. a. hingegen erfragten das Anzeigeverhalten für alle Vorfälle aus den letzten 12 Monaten während HEINZ, W. u. a. bei den Opfern nach dem Anzeigeverhalten bezogen auf die letzten 12 Monate fragten, ohne dabei jeden einzelnen Vorfall explizit zu spezifizieren. 217 Die Anzeigequote liegt hier deutlich unter 10%; vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995. 218 Vgl. HEINZ, W., SPIEß, G., SCHNELL, R. und F. KREUTER, 1998. 219 Bei den Opfern sexueller Gewalt erfolgte hingegen kein einziges Mal die Angabe, dass der Vorfall nicht so schwerwiegend gewesen sei. Hier wurde vielmehr am häufigsten Angst vor Vergeltung (28,6%) sowie andere Gründe (33,3%) genannt. 220 Bei leichten Gewaltdelikten lag die Anzeigequote im Norden bei 24%, im Süden hingegen 16,9%. Aufgrund der kleinen Fallzahlen war dieser Unterschied zwar statistisch nicht signifikant, wurde gleichwohl als Indiz für ein im Süden ausgeprägteres Dunkelfeld interpretiert, da sich auch zu den häufigeren Diebstahlsdelikten im Norden mit 27,7% eine statistisch auch signifikant höhere Anzeigequote ergeben hat als im Süden mit 10%; vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1996, S. 400. 221 Im Jahr 2000 liegt die Anzeigequote in Hamburg bei 14,6%, während sie in München nur 10,3% beträgt. 222 Vgl. PFEIFFER, C., DELZER, I., ENZMANN, D. und P. WETZELS, 1998.

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gebereitschaft für eine adäquate Beurteilung der Entwicklungen im Hellfeld der registrierten Gewaltkriminalität dringend erforderlich wären. Daten, die eine Analyse der Entwicklung des Anzeigeverhaltens im Zeitverlauf erlauben würden, stehen für die Bundesrepublik auf national-repräsentativer Ebene bisher nicht zur Verfügung.223 Wie wichtig dies wäre, dokumentieren Erkenntnisse aus den USA und Großbritannien. So konnte in den USA gezeigt werden, dass nach den Befunden des seit 1973 kontinuierlich durchgeführten National Crime Victimization Survey (NCVS) die schwere Gewaltkriminalität im Jahre 1999 den niedrigsten Stand seit 1973 erreicht und um 53% zurückgegangen war. In demselben Zeitraum hatte die polizeilich registrierte schwere Gewaltkriminalität nach den Daten des Uniform Crime Report (UCR) um mehr als das Doppelte zugenommen.224 Ähnlich zeigen die Ergebnisse des British Crime Survey für England und Wales, dass zwischen 1987 und 1991 die polizeilich registrierten Gewaltdelikte wesentlich stärker zugenommen haben als die von den Opfern insgesamt erlittenen Vorfälle, was auf eine Zunahme des Anzeigeverhaltens in diesem Zeitraum zurückzuführen ist.225 Im jüngsten British Crime Survey aus dem Jahr 2000 wird festgestellt, dass die Polizeidaten zwischen 1997 und 1999 einen Kriminalitätsrückgang bezogen auf alle Delikte von 5% nahe legen, die Opferbefragungsdaten hingegen einen doppelt so starken Rückgang von 10% annehmen lassen.226 Für qualifizierte Körperverletzungen weisen die Daten des Dunkelfeldes für die Zeit zwischen 1997 und 1999 auf einen Rückgang um 11% hin, während die Polizeidaten hier nur eine Abnahme um 2% erkennen lassen. Diese Differenz wird für Großbritannien auf ein verändertes Anzeigeverhalten zurückgeführt.227 Wenn auch keine repräsentativen Längsschnittdaten für Gesamtdeutschland zur Verfügung stehen, so lassen gleichwohl die Befunde einzelner deutscher Studien erste vorsichtige Einschätzungen zu. So zeigen die im Abstand von jeweils mehr als zehn Jahren (1975, 1986 und 1998) wiederholt durchgeführten Bochumer Opferbefragungen, dass es in dieser Stadt eine deutlich Zunahme der Anzeigequote bei Körperverletzungsdelikten gegeben hat.228 Während im Jahr 1975 auf eine angezeigte Körperverletzung sieben nicht angezeigte Delikte festzustellen waren, belief sich diese Relation 1986 auf 1:6 und im Jahr 1998 auf 1:3. Eine Zunahme der registrierten Körperverletzungen könnte danach in Bochum zumindest zu einem erheblichen Anteil auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen sein, die sich dort etwa verdoppelt hat. Würde dies auf die Bundesrepublik übertragen, so wäre der Anstieg der polizeilich registrierten Körperverletzungen zwischen 1975 und 1998 von 150% real wesentlich niedriger und würde sich auf lediglich 30% belaufen.229 Die KFN-Schülerbefragung, die 1998 in neun Städten mit insgesamt 16.190 Jugendlichen durchgeführt wurde, hat weiter gezeigt, dass bei Gewaltdelikten die Anzeigequote dann erhöht ist, wenn es sich bei Opfern und Tätern um Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen handelt.230 Im Rahmen von Aktenanalysen zur Jugendgewalt wurde festgestellt, dass gerade die Konstellation bei Gewaltdelikten

223

Die dazu vorliegenden Angaben aus den Publikationen der Arbeitsgruppe um BOERS sind diesbezüglich wenig ergiebig und teilweise widersprüchlich; vgl. KERNER, H.-J., 1997, S. 358 und BOERS, K., 1996, S. 320. Aus den wiederholten Erhebungen der Arbeitsgruppe um HEINZ sind keine Anhaltspunkte für die Entwicklung des Anzeigeverhaltens zu entnehmen. 224 Vgl. Kapitel 1, Schaubild 1-2; siehe auch RAND, M. R., LYNCH, J. P. und D. CANTOR, 1997. 225 Vgl. MIRRLEES-BLACK, C., MAYHEW, P. und A. PERCY, 1996. 226 Vgl. KERSHAW, C. u. a., 2000, S. 9. 227 Vgl. ebenda, S. 15. 228 Vgl. SCHWIND, H. D., FETCHENHAUER, D., AHLBORN, W. und R. WEIß, 2000. 229 Vgl. Kapitel 1.4.2. 230 Entstammten Täter und Opfer unterschiedlichen ethnischen Gruppen, so lag die Anzeigequote bei 26,8%. Demgegenüber wurden Delikte dann, wenn Täter und Opfer der gleichen ethnischen Herkunft waren, nur zu 20,7% angezeigt; vgl. dazu ENZMANN, D. und P. WETZELS, 2000.

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erheblich angestiegen ist231, bei der aufgrund der unterschiedlichen ethnischen Herkunft von Täter und Opfer die Anzeigewahrscheinlichkeit erhöht ist. Es lässt sich folgern, dass mit der Zuwanderung junger Migranten in den letzten Jahren auch ein Anstieg genau dieser Art interethnischer Gewaltdelikte stattgefunden hat, weshalb es im Gesamtdurchschnitt zu einer Erhöhung der Anzeigewahrscheinlichkeit bei Gewaltdelikten unter jungen Menschen gekommen ist. Die Schülerbefragung erbrachte zudem, dass die Anzeigequoten im Jahre 2000 an allen Erhebungsorten höher ausfielen als 1998. Die oben dargestellten Bochumer Erkenntnisse lassen sich zwar vor dem Hintergrund der regionalen und deliktspezifischen Divergenzen des Anzeigeverhaltens wie auch seiner ethnischen Selektivität nicht ohne weiteres verallgemeinern. Im Zusammenhang mit den Erkenntnissen über die abnehmenden Opferraten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, einer entsprechenden Divergenz zur PKS sowie den Feststellungen aus den KFN-Schülerbefragungen zum Anzeigeverhalten liegt jedoch die Annahme nahe, dass Gewaltkriminalität in der Bundesrepublik gegenwärtig häufiger zur Kenntnis der Strafverfolgungsorgane gelangt als das in früheren Jahren der Fall war. 2.1.8.3 Gewaltkriminalität im Stadt-Land-Vergleich Nach der PKS finden sich erhebliche Unterschiede der Gewaltopferraten zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Pro 100.000 Einwohner werden von der Polizei in den Großstädten etwa viermal so viel Gewalttaten registriert wie in den ländlichen Regionen und Kleinstädten. Eine solche höhere Gewaltbelastung der Großstädte wird auch durch die vorliegenden Opferbefragungen bestätigt. So wurde Anfang der neunziger Jahre für West- und Ostdeutschland gleichermaßen die niedrigsten Opferquoten in Gemeindegrößenklassen mit unter 10.000 Einwohnern festgestellt.232 Für Großstädte lagen die Raten demgegenüber deutlich höher. Die regionalen Unterschiede erreichten jedoch bei weitem nicht das Ausmaß, wie es sich in den polizeilichen Statistiken zeigt. Zu entsprechenden Befunden ist die KFN-Opferbefragung des Jahres 1992 gelangt. Die Häufigkeit von Gewaltdelikten war danach sowohl im Westen wie auch im Osten in den Städten mit 500.000 und mehr Einwohnern relativ betrachtet am höchsten. Für die alten Länder ergab sich im Vergleich zu kleinen Gemeinden und Städten mit unter 20.000 Einwohnern eine etwa doppelt so hohe Opferrate. In den neuen Ländern lag sie im großstädtischen Bereich im Vergleich zu den ländlichen Gebieten um etwa 50% höher.233 Diese älteren Befunde werden durch aktuellere Analysen aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bestätigt.234 Es zeigte sich, dass die Opferrisiken in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern signifikant niedriger ausfallen. Insbesondere junge Männer, die in größeren Städten leben, weisen danach die höchsten Opferrisiken auf. Durchgehend zeigt sich ferner, dass die Stadt-Land-Unterschiede des Opferrisikos in den repräsentativen Befragungen geringer ausfallen als in den polizeilichen Daten. Dies ist wahrscheinlich eine Folge dessen, dass derartige Taten in ländlichen Regionen seltener angezeigt werden als in den Großstädten.235 2.1.8.4 Innerfamiliäre Gewalt Ein Bereich, der von den konventionellen kriminologischen Opferbefragungen nicht adäquat erfasst werden konnte, betrifft Ereignisse im Privatraum von Familie und Partnerschaft.236 Die KFN231

Zwischen 1990 und 1996 hat die Zahl von Vorfällen, bei denen die wegen Raubdelikten und gefährlichen/schweren Körperverletzungen Angeklagten 14- bis 21-Jährigen derselben ethnischen Gruppen angehören in Hannover von 65,1% auf 41,9% abgenommen. 232 Vgl. KURY, H., DÖRMANN, U., RICHTER, H. und M. WÜRGER, 1992. 233 Vgl. WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S. 79 ff. 234 Vgl. FORSCHUNGSGRUPPE KOMMUNALE KRIMINALPRÄVENTION IN BADEN-WÜRTTEMBERG, 1998. 235 Darauf deuten beispielsweise die aktuellen Ergebnisse der KFN-Schülerbefragung 2000 hin. Im Vergleich der Daten des Landkreises Friesland mit denen der Stadt Hannover zeigt sich, dass die Anzeigequote bei Gewaltvorfällen des Jahres 1999 in Friesland mit 11,2% deutlich niedriger ausfiel als im ebenfalls niedersächsischen Hannover mit 15,1%. 236 Zu innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder vgl. Kapitel 5.

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Opferbefragung 1992 ist bislang die einzige repräsentative bundesdeutsche Opferbefragung, in der besondere methodische Vorkehrungen getroffen wurden, um speziell auch Gewalterfahrungen in solchen engen sozialen Beziehungen von Haushalt und Familie zu erfassen. Innerfamiliäre Gewalterfahrungen wurden auch hier in der ansonsten in Opferbefragungen üblichen Form des persönlich-mündlichen Interviews von den Betroffenen überwiegend nicht berichtet, sondern erst im Zuge einer speziell für diese Problematik entwickelten schriftlichen Zusatzbefragung. Tabelle 2.1-17: Frauen als Opfer von physischer und sexueller Gewalt 1987-1991 Physische Gewalt/ Körperverletzung n Opfer außerhalb des häuslichen Bereiches Opfer im häuslichen Bereich, die im mündlichen Interview erkannt werden konnten Opfer im häuslichen Bereich, die nur im schriftlichen Zusatzinterview erkannt wurden Gesamtzahl der Opfer Opfer im häuslichen Bereich total Gültige Angaben

%aller Fälle

Vergewaltigung/ sexuelle Nötigung n

% aller Fälle

25 48

1,2% 2,3%

19 9

0,9% 0,4%

289

13,8%

45

2,1%

362 337 2.089

17,3% 16,1%

73 54 2.103

3,5% 2,6%

Datenquelle: WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995, S. 10 ff.

Die Befunde zeigten, dass männliche und weibliche Befragte etwa gleich häufig über Opfererfahrungen im familiären Kontext berichteten. Der Schweregrad der Gewalt, den weibliche Befragte erlitten, war im Durchschnitt jedoch höher. Zudem waren im Bereich der sexuellen Gewalt Frauen die nahezu alleinigen Betroffenen. In der obigen tabellarischen Übersicht wird für jene weiblichen Befragten, die sowohl an dem standardmäßigen mündlichen Interview als auch an der schriftlichen Zusatzbefragung zu häuslicher Gewalt teilgenommen haben, aufgezeigt, wie viele Opfer häuslicher Gewalt nur durch diese besonderen methodischen Vorkehrungen erkannt werden konnten. So gaben insgesamt 73 Frauen (3,5% der erreichten Stichprobe) an, in den letzten fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung/sexuellen Nötigung gewesen zu sein. 54 Frauen waren dabei durch einen Täter aus dem sozialen Nahbereich von Familie/Haushalt betroffen. Davon wurden 5/6 (n=45) nur durch das schriftliche Zusatzinterview identifiziert. In 76% aller im Bereich von Familie/Haushalt betroffenen Frauen handelte es sich beim Täter um den Ehemann. Weitere 16,7% nannten einen nichtehelichen Lebenspartner als Täter. 93,3% der Vorfälle aus dem familiären Bereich wurden der Polizei nicht angezeigt. Von den Fällen, in denen es sich beim Täter um den Ehemann handelte, gelangte nur einer von 23 Fällen zur Anzeige. Für körperliche Gewalt war bezogen auf den Zeitraum 1987-1991 eine Opferrate von 16,1% festzustellen. Mehr als 80% dieser Opfer konnten erst in der zusätzlichen schriftlichen Befragung überhaupt erkannt werden. 4,6% aller Frauen waren dabei Opfer schwerwiegender physischer Gewalt in Form von Faustschlägen, Tritten oder der Verletzung mit Gegenständen oder Waffen.237 Für Frauen unter 60 Jahren, die das höchste Risiko der Viktimisierung durch innerfamiliäre Gewalt aufweisen, ergab sich für den Einjahreszeitraum (hier 1991) eine Opferrate von 10,8%.238 Die Viktimisierung durch innerfamiliäre Gewalt war bei Personen aus Familien mit niedrigem Einkommen sowie niedrigem Bildungsniveau signifikant häufiger. Danach ist innerfamiliäre Gewalt zwar in allen sozialen Schichten anzutreffen; es ist jedoch von einem signifikant erhöhten Opferrisiko bei Frauen aus den unteren sozioökonomischen Statusgruppen auszugehen. 237 238

Vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995, S. 11. Vgl. WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S. 158.

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In der KFN-Schülerbefragung 1998 waren die 16.190 teilnehmenden Jugendlichen auch als Informanten dazu befragt worden, wie häufig sie im letzten Jahr beobachtet hatten, dass ein Elternteil den anderen geschlagen oder getreten hatte. Insgesamt gaben 13,7% der Jugendlichen an, im letzten Jahr derartiges beobachtet zu haben, was eine mit der KFN-Opferbefragung 1992 durchaus vergleichbare Größenordnung der Verbreitung physischer Gewalt unter erwachsenen Partnern im familiären Kontext darstellt. Eine Analyse der beobachteten Verbreitung elterlicher Partnergewalt für verschiedene ethnischen Gruppen zeigte weiter, dass diese Form der innerfamiliären Gewalt bei ausländischen Familien signifikant häufiger zu registrieren ist. So hatten 9,8% der deutschen Jugendlichen derartige Beobachtungen in den letzten 12 Monaten gemacht, während Jugendliche Aussiedler aus der früheren Sowjetunion mit 20,7% sowie Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 21,6% etwa die doppelte Prozentrate aufwiesen. Am höchsten war die Quote mit 32,5% bei den Jugendlichen aus türkischen Familien. Ferner zeigte sich im Einklang mit den Befunden des Jahres 1992, dass bei den unteren sozioökonomischen Statusgruppen derartige Beobachtungen häufiger auftraten. Insbesondere dann, wenn die Familien von Arbeitslosigkeit betroffen oder von Sozialhilfe abhängig waren, war die Prozentrate der jugendlichen Beobachter elterlicher Partnergewalt deutlich erhöht. Entsprechende Befunde erbrachte auch die Wiederholung der Schülerbefragung im Jahre 2000.239 Im Wege von Opferbefragungen kann die schwerste Form innerfamiliärer Gewalt allerdings nicht aufgeklärt werden - die vorsätzliche Tötung von Familienangehörigen. Nach den Ergebnissen einer multizentrischen Studie von 23 rechtsmedizinischen Einrichtungen in Deutschland240 gibt es hier offenkundig ein hohes Dunkelfeld.241 Vor allem Kinder und ältere Menschen seien häufig Opfer solcher Straftaten, die primär von Familienangehörigen verübt werden. Als Ursachen der Nichtentdeckung dieser Tötungsdelikte werden eine zu geringe Häufigkeit von Leichensektionen und Mängel in der Kooperation von Polizei und Staatsanwaltschaft mit der Gerichtsmedizin genannt. 2.1.9 Ausblick Unter dem Begriff der Gewaltkriminalität wird in der PKS eine Teilmenge der gegen Personen gerichteten Straftaten zusammengefasst, die vor allem den Bereich der Delikte von mittlerem und hohem Schweregrad erfasst, wobei allerdings der tatsächliche Schweregrad in Einzelfällen durchaus sehr gering sein kann. Einige Delikte, wie beispielsweise die einfache Körperverletzung, die Sachbeschädigung oder der sexuelle Missbrauch, werden von dieser polizeilichen Gewaltdefinition nicht umfasst. Die summarische Kategorie der Gewaltkriminalität, die mit etwa 3% nur einen sehr kleinen Ausschnitt des gesamten Kriminalitätsgeschehens ausmacht, wird zu mehr als 60% durch die Fälle der gefährlichen bzw. schweren Körperverletzung und zu einem Drittel durch Raubdelikte bestimmt; Vergewaltigung und Tötungsdelikte tragen in erfreulich geringem Maße zu den Gesamtzahlen bei. Die verschiedenen in die Gesamtkategorie eingehenden Delikte weisen zudem unterschiedliche Tendenzen auf: Während der registrierte Raub seit 1997 rückläufig ist, nehmen die polizeilich registrierten qualifizierten Körperverletzungsdelikte in den letzten beiden Jahren weiterhin leicht zu. Diese gegenläufigen Trends haben in der Summe die Folge, dass die polizeilich registrierte Gewaltkriminalität in den letzten drei Jahren insgesamt bundesweit nicht mehr zugenommen hat. Unter Berücksichtigung der im 6. StrRG 1998 erfolgten Weichenstellung zur konsequenten Verfolgung von Gewaltdelikten ist ein weiterer gesetzgeberischer Handlungsbedarf nicht zu erkennen. Beachtlich ist allerdings die Wirkung dieser Neuregelungen auf das Hellfeld. Nachdem der Strafrahmen für die gefährliche Körperverletzung 1998 erhöht und dieser Tatbestand zum Offizialdelikt wurde, ist es 239

Vgl. dazu Kapitel 5. BRINKMANN, B., BANASCHKE, S., BRATZKE, H. u. a., 1997. 241 Vgl. dazu auch RÜCKERT, S., 2000. 240

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vermutlich zu einem Anstieg der registrierten Fälle gekommen. Regional begrenzte Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung deuten ferner auf eine größere gesellschaftliche Sensibilisierung und eine gestiegene Anzeigebereitschaft hin. Hinsichtlich der qualitativen Entwicklung der registrierten Gewaltdelikte liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass der durchschnittliche Schweregrad der Vorfälle rückläufig ist. In diese Richtung deuten auch die Erkenntnisse zum Schusswaffengebrauch, bei dem sich ebenfalls Rückgänge zeigen. Diese bestätigen zudem die Zweckmäßigkeit der in Deutschland bestehenden gesetzlichen Beschränkungen und Kontrollen bezüglich Waffenbesitz und Waffenführung. Gleichwohl ist die derzeitige Lage nicht ohne weiteres als unproblematisch zu bezeichnen. Auch wenn Zuwächse der registrierten Gewaltkriminalität in jüngster Zeit in qualitativer wie quantitativer Hinsicht nicht mehr zu verzeichnen sind, ist unverkennbar, dass deren Niveau derzeit noch relativ hoch ist. Gesellschaftspolitisch sind dabei mehrere Gesichtspunkte zu beachten. Zum ersten findet Gewaltdelinquenz vor allem zwischen Jugendlichen und Heranwachsenden untereinander statt. Anstiege der Opferrisiken für ältere Menschen sind im Bereich der Gewaltkriminalität nicht festzustellen. Die jugendtümliche Qualität der Körperverletzungsdelikte führt zum zweiten auch dazu, dass diese eher als bei Erwachsenen als qualifizierte Körperverletzung Eingang in die Kategorie der Gewaltdelikte finden. Dies ergibt sich beispielsweise aus dem Tatbestandsmerkmal der gemeinschaftlichen Begehungsweise (§ 224 Abs.1 Nr. 4 StGB), das unabhängig vom jeweils verursachten Gesundheitsschaden auf Opferseite zu einer Qualifizierung einer Tat als gefährliche Körperverletzung führt. Da speziell Jugendliche häufiger aus Cliquen heraus agieren, werden sie auch eher in diesem Deliktsbereich registriert. Schließlich ist wesentlich, dass gefährliche Körperverletzungen und Raub vorrangig Formen der Delinquenz männlicher Jugendlicher und Heranwachsender sind, denen es stets auch um Darstellung von Männlichkeit und Dominanz geht. Insoweit wird die Auseinandersetzung damit, dass Gewalt für viele noch ein Bestandteil männlicher Identität ist, zunehmend wichtig. Festzuhalten ist, dass die kriminalpräventiven Ansätze, die sich in den neunziger Jahren auf dem Hintergrund des Berichts der Gewaltkommission der Bundesregierung entwickelt haben, auf der Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes weiterverfolgt werden müssen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade die Vielfalt dieser Präventionsstrategien die Entwicklung der Gewaltkriminalität gedämpft hat. Man sollte generell davon ausgehen, dass kurzfristige Prävention nur begrenzt wirksam sein kann. Bei mittelfristigen Perspektiven spielen Maßnahmen zur Reduzierung von familialer Gewalt eine wesentliche Rolle. Häusliche Gewalt stellt allerdings ein Problem dar, das in den Hellfelddaten von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten kaum repräsentiert ist. Wie die wenigen hierzu verfügbaren Dunkelfelddaten zeigen, ist die Familie der Ort, an dem Frauen dem höchsten Risiko ausgesetzt sind, Opfer von physischer und sexueller Gewalt zu werden. Über 90% derartiger Vorfälle werden den Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt. Die vorliegende Forschungsarbeiten zeigen weiter, dass Gewalt zwischen Erwachsenen in erheblichem Umfange auch in diesen Familien lebende Kinder mit betrifft. Zudem treten derartige Gewaltvorfälle in sozial benachteiligten Familien, die mit wirtschaftlichen Belastungen zu kämpfen haben, vermehrt auf. Gewalt stellt speziell in Zuwandererfamilien häufiger ein Problem dar, was zumindest partiell mit deren sozialer Lage sowie den mit Migrationsprozessen verbundenen Belastungen in Zusammenhang zu sehen ist. Bislang liegen allerdings keine bundesdeutschen Untersuchungen vor, die Aufschluss über längerfristige Entwicklungen sowie besondere Risikogruppen in diesem Bereich der häuslichen Gewalt bieten und die Situation in der Bundesrepublik mit der diesbezüglichen Lage in unseren europäischen Nachbarländern kontrastieren könnten.

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Gewaltbereitschaften, die in der Familie entstanden sind, werden unter Schülern insbesondere dann zur persönlichen Durchsetzung eingesetzt, wenn andere Quellen der Selbstbestätigung für sie nicht so leicht zugänglich sind. Insofern sind schulische Projekte sinnvoll, die es den Jugendlichen ermöglichen, Anerkennung auch jenseits der curricular geforderten Leistungen zu gewinnen. Vor allem aber sollte die Einübung von Schlichtungsverfahren (peer-mediation) Alternativen zum körperlichen Kampf als Mittel der Konfliktlösung eröffnen. Im letzten Jahrzehnt wurden in Schulen und Jugendzentren eine Vielzahl von Projekten begonnen. Allerdings ist in Deutschland, anders als beispielsweise in den USA und Norwegen, eine Evaluierung und Erfolgskontrolle kaum üblich. Auch ist bisher ganz ungeklärt, inwieweit ein Transfer schulisch trainierter Fähigkeiten in die Freizeit erfolgt. Hier dürfte viel von der Einbindung der Schule in die Nachbarschaft abhängen. Da Gewaltprävention eine gesellschaftliche Aufgabe ist, muss der Wissenstand über erfolgversprechende Maßnahmen und Strategien auf den verschiedenen Ebenen präventiver Intervention verbessert werden. Angesichts der Relevanz des Sektors Gewaltkriminalität sollte der Evaluation, die bislang weitgehend fehlt, in Zukunft Priorität eingeräumt werden. Zwar kann im begrenztem Umfang auf entsprechende Evaluationsergebnisse im Ausland zurückgegriffen werden.242 Deren Übertragbarkeit ist begrenzt, da die Gewaltproblematik auch kulturell bedingt und von sozial- und jugendpolitischen Kontextbedingungen abhängig ist.

2.2 2.2.1

Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder Kernpunkte

♦ Die Daten der polizeilichen Statistik weisen langfristig auf Rückgänge im Bereich der gegen Kinder gerichteten Sexualdelinquenz hin. Die Opferziffern sind in den letzten Jahren relativ konstant und lassen für die jüngste Zeit leichte Rückgänge erkennen. ♦ Die polizeilich registrierten Täter sexuellen Kindesmissbrauchs haben zwar in den neunziger Jahren bis 1997 zugenommen. Dies ist jedoch zum einen auf gestiegene Aufklärungsquoten und zum anderen auf eine im Zuge der öffentlichen Sensibilisierung vermutlich gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen. Seit 1997 sind wieder Rückgänge der Tatverdächtigenbelastungszahlen zu konstatieren, obschon die Aufklärungsquoten weiter gestiegen sind. ♦ Die wenigen vorliegenden Daten aus Opferbefragungen weisen darauf hin, dass auch im Dunkelfeld langfristig ein Rückgang sexueller Gewaltdelikte gegen Kinder anzunehmen ist. Der weit überwiegende Teil sexueller Missbrauchsfälle wird nicht angezeigt. Dies zeigen sowohl retrospektive Opferbefragungen als auch Studien an registrierten Sexualstraftätern. ♦ Nach den Resultaten von Dunkelfeldstudien stammen die meisten Täter sexuellen Kindesmissbrauchs aus dem Bekanntenkreis der Kinder und ihrer Familien. Inzestdelikte sowie Taten völlig fremder Täter machen einen geringeren Anteil aus. Die Tathandlungen bestehen oftmals in exhibitionistischen Verhaltensweisen. Vorfälle mit Penetrationen sind deutlich seltener. ♦ In mehr als der Hälfte der aufgeklärten Fälle wird kein Gerichtsverfahren durchgeführt. Die Rate der aufgeklärten Vorfälle, bei denen kein hinreichender Tatverdacht nachweisbar ist, ist höher als bei anderen Deliktsarten. Diese Quote hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. ♦ Sofern Anklage erhoben wird, kommt es in wachsendem Maße zu einer Verurteilung, zu einer Freiheits- bzw. Jugendstrafe. Zusätzlich hat sich in den letzten Jahren die durchschnittliche Dauer der ausgeurteilten Freiheits-/Jugendstrafen vor allem gegenüber erwachsenen Tätern erhöht. Dies deutet auf einen möglichen Anstieg der Strafhärte bei diesem Delikt hin.

242

Vgl. SHERMAN, L. W. u. a., 1997; U.S. DEPARTMENT OF HEALTH AND HUMAN SERVICES, OFFICE OF SURGEON GENERAL, 2001.

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♦ Die Einschätzung der Rückfallgefährdung von Sexualstraftätern ist wegen der hohen Dunkelfeldanteile sehr schwierig. Einschlägige, gerichtlich sanktionierte Rückfälligkeit ist mit einer Quote zwischen 13% und 20% deutlich seltener, als in der Öffentlichkeit vermutet. Werden Dunkelfelddelikte einbezogen, so zeigen sich über einen sehr langen Zeitraum betrachtet jedoch deutlich höhere Rückfallwahrscheinlichkeiten, die allerdings - je nach Art des Sexualdeliktes - sehr unterschiedlich sind. ♦ Die technologische Entwicklung hat mit dem Internet und der Verfügbarkeit von Videotechniken die Risiken des sexuellen Missbrauch von Kindern im Zusammenhang mit der Herstellung und Verbreitung kinderpornographischen Materials erhöht. Die verfügbaren Erkenntnisse über die Entwicklungen, das Ausmaß der Herstellung, Verbreitung und des Besitzes kinderpornographischer Darstellungen sind derzeit jedoch auf die Hellfelddaten begrenzt. ♦ Seit 1996 werden die im Bereich Kinderpornografie gemeldeten Erkenntnisse länderübergreifend gesammelt. Seitdem hat es eine deutliche Zunahme der registrierten Fälle gegeben. Es ist jedoch unklar, ob dies mit einer realen Zunahme der Fallzahlen zusammenhängt oder damit, dass die Bereitschaft, Kinderpornografie den Strafverfolgungsbehörden mitzuteilen, zugenommen hat. Genauere Erkenntnisse über das Dunkelfeld sowie die Entwicklung der Mitteilungsbereitschaft liegen mangels entsprechender empirischer Studien bislang jedoch nicht vor. ♦ Parallel zum Anstieg der gemeldeten Fälle und Tatverdächtigen hat auch die Anzahl der rechtskräftig verurteilten Personen deutlich zugenommen. Die weit überwiegende Mehrzahl wird zu Geldstrafen verurteilt. ♦ Das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Ausland durch Deutsche, so genannte Sexoder Prostitutionstouristen, ist in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene gewesen. Bislang ist jedoch die Forschung über Ausmaß und Entwicklung dieser Form der sexuellen Gewalt noch unzureichend. Die Daten der Ermittlungsbehörden und Justiz zeigen, dass bislang nur sehr wenige Fälle strafrechtlich erfasst und sanktioniert werden. Seit Mitte der achtziger Jahre wird in der Bundesrepublik die Problematik des sexuellen Kindesmissbrauchs ausführlich in Wissenschaft und Öffentlichkeit debattiert.243 In den letzten Jahren haben einige sehr spektakuläre Fälle sexuell motivierter Tötungsdelikte an Kindern die bundesdeutsche Öffentlichkeit in hohem Maße bewegt und teilweise auch verunsichert.244 Aber auch die Fachdebatten waren oft stark emotionalisiert und entsprachen nicht immer dem kriminologischen sowie sexualwissenschaftlichen Kenntnisstand.245 So lässt sich bezüglich der sexuell motivierten Tötung von Kindern, entgegen massenmedial vermittelten Eindrücken, ein deutlicher Rückgang konstatieren.246 Seitens des Gesetzgebers wurde in den letzten Jahren durch mehrere Gesetzesvorhaben in diesem Bereich das Ziel verfolgt, den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch zu verbessern.247 Mit dem 27. Strafrechtsänderungsgesetz vom 23.7.1993 (in Kraft seit dem 1.9.1993) wurde durch Änderung von § 5 Nr. 8 StGB die Anwendbarkeit deutschen Strafrechts auf Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgedehnt, der durch Deutsche im Ausland begangen wurde, auch wenn die Tat dort nicht mit Strafe bedroht ist. Auf diese Weise sollten Strafbarkeitslücken geschlossen werden, die den "Sextourismus" Deutscher zum Nachteil ausländischer Kinder betreffen. Ferner wurde der Strafrahmen für die Herstellung und Verbreitung kinderpornographischer Schriften gem. § 184 Abs. 3 StGB erhöht und in einem neuen § 184 Abs. 4 StGB eine erhöhte Strafe für Fälle gewerbs- und bandenmäßigen Handelns angedroht. Es wurde ein neuer § 184 Abs. 5 StGB eingefügt, wonach auch der Besitz und die Besitzverschaffung unter Strafe gestellt ist.

243

Siehe dazu: WOLFF, R., 1994; ENDRES, J. und O. B. SCHOLZ, 1994; AMANN, G. und R. WIPPLINGER, 1997; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997; kritisch dazu auch SCHETSCHE, M., 1993. 244 Eine genauere Darstellung eines solchen Falles findet sich bei BOETTICHER, A., 2000a. 245 Kritisch dazu z. B. KRÖBER, H.-L., 1999. 246 Vgl. PEIFFER, C., DELZER, D., ENZMANN, D. und P. WETZELS, 1998, S. 4; KRÖBER, H.-L., 1999. 247 Vgl. Dölling, D., 1999.

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Mit dem 6. Strafrechtsreformgesetz vom 26.1.1998 wurden zahlreiche Veränderungen von Strafrahmen vorgenommen.248 Im Hinblick auf den sexuellen Kindesmissbrauch wurde eine Ausdifferenzierung der Strafrahmen durch die neuen §§ 176a und 176b realisiert und dabei für erschwerte Fälle eine Erhöhung der Strafandrohung vorgenommen und insbesondere in § 176a Abs. 1 Nr. 4 für Rückfalltäter des einfachen sexuellen Kindesmissbrauchs gem. § 176 Abs. 1 und 2 StGB eine Erhöhung der Strafandrohung vorgesehen. Zudem wurde die Höchststrafe in § 184 Abs. 4 StGB von fünf auf zehn Jahre erhöht.249 Das zeitgleich dazu entstandene Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten vom 26.1.1998250 enthält eine Änderung fast aller in diesem Deliktsbereich einschlägigen Einzelgesetze mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Therapie für Sexualstraftäter zu erweitern, die Qualität von Prognosen für Entscheidungen über Strafaussetzungen zu verbessern und für Täter, bei denen weiterhin eine erhebliche Rückfallgefahr besteht, die Möglichkeiten der Sicherung und des Schutzes der Allgemeinheit zu verbessern. Dies betrifft im Schwerpunkt die zwingende Verlegung von Sexualstraftätern in die Sozialtherapie gem. § 9 StVollzG, die Möglichkeit der Therapieweisung ohne Zustimmung gem. § 56c StGB, erhöhte Anforderungen für die nachträgliche Aussetzung von freiheitsentziehenden Strafen und Maßregeln (§§ 57 Abs. 1 StGB, 67 d Abs. 2 StGB und § 454 StPO) sowie Erweiterungen im Bereich der Anordnung und Dauer von Führungsaufsicht (§ 68 c Abs. 2 StGB) und Sicherungsverwahrung (§ 66 Abs. 3 StGB).251 Mit dem Zeugenschutzgesetz vom 30.4.1998 wurde die Situation kindlicher Zeugen in wesentlichen Aspekten neu gestaltet mit dem Ziel, deren Belastung durch ein Strafverfahren zu reduzieren.252 So wurde die Möglichkeit der Videoaufzeichnung von Zeugenvernehmungen im Ermittlungsverfahren geschaffen (§ 58a StPO), die bei Zeugen unter 16 Jahren durchgeführt werden soll. Handelt es sich um Opfer von Sexualdelikten kann nach dem neuen § 255a Abs. 2 StPO die Vernehmung in der Hauptverhandlung durch die Wiedergabe der per Video aufgezeichneten richterlichen Vernehmung ersetzt werden. Ferner wurde die Möglichkeit der audiovisuellen Simultanübertragung sowohl im Ermittlungsverfahren (§ 168c StPO) als auch in der Hauptverhandlung (§ 247a StPO) eingeführt. Außerdem wurden die Regelungen über den anwaltlichen Beistand für Zeugen verbessert.253 2.2.1.1 Kinder als Opfer sexueller Gewalt im Spiegel polizeilicher Daten Sexuelle Gewaltdelikte gegen Kinder sind in mehreren Straftatbeständen erfasst, die entweder altersunabhängig dem Schutz der sexuellen Selbstbestimmung vor gewaltsamen Übergriffen dienen254 oder anknüpfend an bestimmte Schutzaltersgrenzen - ohne auf den Einsatz von Gewalt oder Nötigungsmitteln abzuheben - die ungestörte sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sichern sollen.255 Sexualstraftaten gegen Kinder können von daher in recht verschiedenen Rubriken der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst sein,256 und nicht in allen Fällen ist in den polizeilichen Statistiken gesondert ausgewiesen, ob sich diese Delikte gegen Kinder richteten.

248

Vgl. dazu KREß, C., 1998. Vgl. dazu auch DESSECKER, A., 1998. 250 Vgl. zustimmend dazu HAMMERSCHLAG, H. und O. SCHWARZ, 1998; skeptisch SCHÖCH, H., 1998; ablehnend EISENBERG, U. und A. HACKETHAL, 1998. 251 Für eine detaillierte Darstellung und Kommentierung vgl. DESSECKER, A., 2000a. 252 Vgl. dazu RIEß, P., 1998. 253 Vgl. dazu auch DÖLLING, D., 1999, S. 38 ff. 254 Z. B. §§ 177, 178 StGB. 255 Z. B. §§ 174, 176, 176a, 176b, 180, 180a Abs. 2, 182 StGB. 256 Vgl. BAURMANN, M., 1983; OSTENDORF, H., 1986; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997. 249

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Tabelle 2.2.1-1: Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gemäß §§ 176, 176a, 176b StGB nach Begehungsformen 1999 Jungen Sexueller Missbrauch von Kindern insgesamt darunter: - sex. Handlungen nach § 176 Abs. 1 und 2 (Handlungen des Täters an dem Kind oder des Kindes am Täter) - exhibitionistische/sexuelle Handlungen vor Kindern, § 176 Abs. 3 Nr. 1 - sex. Handlungen nach § 176 Abs. 2 Nr. 2 (Bestimmung des Kindes, sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen) - Einwirkungen auf Kinder nach § 176 Abs. 3 Nr. 3 (durch Präsentation von Pornografie) - Vollzug des Beischlafs oder sonstiger Penetration mit einem Kind oder andere Handlungen nach § 176a Abs. 1 Nr. 1 - schw. sex. Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften, § 176a Abs. 2 -

sonst. schwerer sex. Missbrauch nach § 176a sex. Missbrauch von Kindern mit Todesfolge, § 176b

Mädchen n % 14.594 100,0%

n 4.837

% 100,0%

2.253

46,6%

6.332

43,4%

1.180

24,4%

4.525

31,0%

142

2,9%

369

2,5%

327

6,8%

865

5,9%

218

4,5%

643

4,4%

42

0,9%

56

0,4%

226 3

4,7% 0,1%

451 3

3,1% 0,1%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Erkenntnisse zur Täter-Opfer-Beziehung bietet die PKS nur begrenzt. So kann bei der Frage, welcher Anteil der Vorfälle innerfamiliär geschieht, nur auf die umfassendere Kategorie des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen Täter und Opfer zurückgegriffen werden. Ferner enthält die PKS keine zugleich nach Altersstufe und Täter-Opfer-Beziehung differenzierten Aufschlüsselungen. Lediglich für den sexuellen Kindesmissbrauch, der ohnehin an die Altersgrenze von 14 Jahren anknüpft, sowie den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, für den die betroffenen Opfer unter 14 Jahren in der PKS gesondert ausgewiesen sind, liegen entsprechende Daten vor. Für die Vergewaltigung und die sexuelle Nötigung bietet die PKS zudem nach Alter und Geschlecht differenzierte, opferbezogene Informationen für einen längeren Zeitraum, die es erlauben, die Entwicklung der Anzahl der kindlichen Opfer unter 14 Jahren zu analysieren. Im Jahre 1999 wurden bundesweit 125 Jungen und 550 Mädchen im Alter unter 14 Jahren Opfer einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung. Von diesen insgesamt 675 Opfern betrafen 582 vollendete Delikte, nur in 13,8% handelte es sich um Versuchshandlungen. Weitere 352 Jungen und 1.057 Mädchen unter 14 Jahren wurden Opfer eines sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Hier ist der Versuchsanteil mit 4,6% gleichfalls sehr niedrig. Zusätzlich wurden 4.837 Jungen und 14.594 Mädchen unter 14 Jahren Opfer eines sexuellen Kindesmissbrauchs. Der Versuchsanteil liegt hier bei 8%. Seit 1999 gliedert die polizeiliche Statistik die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gemäß §§ 176, 176a, 176b StGB auch nach den unterschiedlichen Begehungsformen dieses Deliktes auf. Diese Untergliederung zeigt, dass knapp die Hälfte der sexuellen Missbrauchsopfer von sexuellen Handlungen mit Körperkontakt betroffen waren, ohne dass es zu Penetrationen oder anderen Formen schweren sexuellen Missbrauchs (etwa gemeinschaftlich begangener Missbrauch oder Missbrauch mit der Gefahr schwerer Gesundheitsschädigungen) gekommen ist. Etwas mehr als ein weiteres Viertel der Opfer war von exhibitionistischen Vorfällen betroffen. Der schwere sexuelle Kindesmissbrauch nach § 176a StGB

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macht etwa 10% der registrierten Opfer aus. Opfer eines sexuellen Missbrauchs mit Todesfolge gemäß § 176b StGB sind extrem selten. Hier waren 1999 sechs Kinder betroffen. Bezogen auf alle Sexualdelikte einschließlich der Tatbestände, die keine spezielle Schutzaltersgrenze vorsehen257 (§§ 177, 178 StGB), wurden im Jahr 1999 5.314 Jungen und 16.201 Mädchen als kindliche Opfer registriert. Von diesen insgesamt 21.515 kindlichen Opfern waren lediglich 1.715 (8%) durch versuchte Delikte betroffen. Insgesamt wurde in der Opferstatistik der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die nur für einen Ausschnitt aller Straftaten geführt wird, im Jahr 1999 eine Gesamtzahl von 78.882 Kindern als Opfer verschiedenster Straftaten registriert. Mithin machen die kindlichen Opfer von Sexualdelikten 27,3% aller in dieser Opferstatistik registrierten Kinder aus. Allerdings unterscheiden sich diese Anteile der Opfer von Sexualdelikten zwischen den Geschlechtern erheblich: So war 1999 die Gesamtopferzahl der Jungen unter 14 Jahren mit 44.279 deutlich höher als die der gleichaltrigen Mädchen mit 34.603. Der Anteil der Opfer von Sexualdelikten an allen kindlichen Opfern jedoch ist bei den Mädchen mit 46,8% deutlich höher als bei den Jungen, bei denen der Anteil bei 12% liegt. Tabelle 2.2.1-2: Täter-Opfer-Beziehung bei polizeilich aufgeklärtem sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und sexuellem Kindesmissbrauch im Jahr 1999 Täter-Opfer-Beziehung verwandt Mädchen Jungen Insgesamt

2.199 14,0% 619 11,9% 2.818 13,5%

bekannt 3.513 22,4% 1.593 30,7% 5.106 24,5%

Landsmann 42 0,3% 11 0,2% 53 0,3%

flüchtige Vorbeziehung 1.011 6,5% 475 9,2% 1.486 7,1%

keine Vorbeziehung 7.584 48,4% 1.969 37,9% 9.553 45,8%

ungekl. 1.308 8,4% 524 10,1% 1.832 8,8%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Hinsichtlich der Täter-Opfer-Beziehung bietet Tabelle 2.2.1-2 Informationen über die kindlichen Opfer polizeilich aufgeklärter Fälle des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und des sexuellen Kindesmissbrauchs. Danach stellen Fälle, in denen keine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer bestand, mit 45,8% den relativ größten Anteil. Verschiedene Autoren haben die Entwicklung der PKS-Zahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch analysiert.258 Langfristig ist demzufolge von 1955 bis Anfang 1960 ein Zuwachs und anschließend bis etwa 1985 ein stetiger Rückgang des polizeilich registrierten sexuellen Kindesmissbrauchs zu beobachten. Zwischen 1985 und 1990 kommt es dann zu einem Anstieg der Häufigkeitszahlen, die allerdings nicht mehr das Niveau der fünfziger oder sechziger Jahre erreichen. Schaubild 2.2.1-1, welches die Entwicklung der Fallzahlen relativiert auf die Gesamtbevölkerung darstellt, ist zu ergänzen um eine opferbezogene Darstellung, da infolge der Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung der Anteil der potentiellen Opfer an der Gesamtpopulation rückläufig ist. In Tabelle 2.2.1-3 sind dazu für Kinder unter 14 Jahren die Opferzahlen und die entsprechenden Opferziffern dieser Altersgruppe der Bevölkerung für die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung sowie den sexuellen Kindesmissbrauch für die Zeit von 1984 bis 1999 dargelegt.259

257

Darunter sind alle Sexualdelikte gefasst, für die Opferzahlen ausgewiesen werden. Das betrifft die Schlüsselzahlen 1110, 1120, 1131 und 1310 der PKS. 258 Vgl. UNDEUTSCH, U., 1993; WILMER, T., 1996; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997; EGG, R., 1999a. 259 Relativierungsbasis ist jeweils die Bevölkerungszahl der Kinder unter 14 Jahren in dem Gebiet, auf das sich auch die polizei-

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Schaubild 2.2.1-1: Polizeilich registrierte Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern, Häufigkeitszahlen 1953-1999*

Anzahl der Fälle je 100.000 Einwohner

40

30

20

10

0 1953

1955

1960

1965

1970

1975

1980

1985

1990

1995

1999

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Tabelle 2.2.1-3: Kinder als polizeilich registrierte Opfer sexueller Gewalt

a

1984 1985 a 1986 a 1987 a 1988 a 1989 a 1990 b 1991 b 1992 c 1993 c 1994 c 1995 c 1996 c 1997 c 1998e c 1999 a

Vergewaltigung, sexuelle Nötigung (§§ 177, 178 StGB a. F. bzw. § 177 StGB n. F.) Opferzahl Opferzifferd 265 3,00 233 2,73 249 2,98 209 2,51 236 2,83 223 2,62 285 3,22 315 3,35 379 3,92 527 4,25 566 4,55 612 4,94 589 4,78 600 4,89 711 5,83 675 5,59

sexueller Kindesmissbrauch (§§ 176-176b StGB) Opferzahl 13.277 13.469 13.332 12.933 14.739 15.256 15.922 16.622 18.275 18.485 18.400 19.617 19.522 21.122 20.981 19.431

Opferzifferd 150,50 157,85 159,61 155,32 177,05 179,14 180,15 176,63 188,91 149,05 147,81 158,44 158,40 172,23 172,02 160,79

a

Daten für alte Länder; b Daten für alte Länder mit Gesamtberlin; Daten für Deutschland; d Opfer je 100.000 der Bevölkerung unter 14 Jahren; e § 177 StGB neue Fassung von 1997. c

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Opferziffer für die Vergewaltigung/sexuelle Nötigung von Kindern ist danach stetig angestiegen. Der deutliche Anstieg von 600 Opfern im Jahr 1997 (Opferziffer: 4,89) auf 711 Opfer (Opferziffer: 5,83) kann aber teilweise auf die Neufassung des § 177 StGB durch das 33. Strafrechtsänderungsgesetz vom 1.7.1997 zurückgeführt werden, demzufolge die Tatbestände der Vergewaltigung (§ 177 StGB a. F.) und der sexuellen Nötigung (§ 178 StGB a. F.) zur neuen Strafvorschrift "Sexuelle Nötigung, Vergewaltiliche Erfassung bezieht.

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gung" zusammengefasst wurden, bei gleichzeitiger Erweiterung der Tatbestände. Für den sexuellen Kindesmissbrauch ist ab etwa 1988 ein Anstieg festzustellen. Nach 1992 fallen die Opferziffern der Jahre 1993 bis 1995 deutlich niedriger aus. 1995 wurde für Gesamtdeutschland eine Opferziffer festgestellt, die etwa der des Jahres 1985 in den alten Ländern entsprach. Einem anschließenden Zuwachs bis 1997 folgte von 1998 auf 1999 wiederum ein Rückgang. Im Ergebnis lag die Opferziffer, sofern man die Vergewaltigungen und den sexuellen Kindesmissbrauch zusammenfasst, im Jahr 1992 mit 192,8 Opfern je 100.000 der Altersgruppe (alte Länder und Berlin) am höchsten. 1999 liegt diese Rate mit 166,4 für Gesamtdeutschland etwa auf einem Niveau, wie es 1986 mit 163,6 für die alten Länder festgestellt wurde. Auffallend ist jedoch, dass eine Verschiebung in Richtung auf die rechtlich schwerwiegenderen Tatbestände der Vergewaltigung/sexuellen Nötigung stattgefunden hat. Es ist allerdings unklar, ob sich das Tatverhalten, die rechtliche Bewertung oder das Anzeigeverhalten speziell bei schwerwiegenden Vorfällen gewandelt hat. 2.2.1.2 Dunkelfeldstudien zur Viktimisierung durch sexuellen Kindesmissbrauch Eine Methode, über die polizeilich erfassten Fälle hinaus Aufschluss über die Verbreitung der sexuellen Gewalt gegen Kinder zu gewinnen, besteht in der direkten Befragung von Personen zu ihren Opfererfahrungen. Speziell zur sexuellen Gewalt gegen Kinder stützen sich die national wie international vorliegenden Dunkelfelduntersuchungen in erster Linie auf Befragungen von Erwachsenen zu Opfererlebnissen.260 Eine Schwierigkeit dieser Vorgehensweise besteht darin, dass zwischen Opfererfahrung und Befragung viele Jahre liegen. Erlebnisse können zwischenzeitlich vergessen oder aber umgedeutet sein. Erst in jüngster Zeit wurden zwei Studien durchgeführt, in denen auch jüngere Jugendliche zu diesbezüglichen Erlebnissen befragt wurden.261 Ausländische Untersuchungen Beginnend mit der US-Studie aus dem Jahr 1979 finden sich ab Ende der siebziger Jahre zahlreiche Studien zur Verbreitung sexueller Missbrauchserfahrungen, die mit nicht-klinischen Stichproben durchgeführt wurden.262 Bis Mitte der achtziger Jahre waren diese empirischen Arbeiten auf Befragungen studentischer sowie regional begrenzter Stichproben beschränkt. Deren Ergebnisse sind sehr heterogen. Die festgestellten Opferraten variieren für Frauen zwischen 6% und 62% und für Männer zwischen 3% und 31%.263 FINKELHOR hat in einem Überblick insgesamt neun national-repräsentative Untersuchungen mit Zufallsstichproben beschrieben.264 Die dabei festgestellten Prävalenzraten schwanken für Frauen zwischen 9% und 33%, bei Männern zwischen 3% und 16%. Der Anteil innerfamiliärer Vorfälle an der Gesamtzahl der Missbrauchserfahrungen liegt für Frauen zwischen 14% und 44%, für Männer zwischen 0% und 25%.265 Die Erklärungen dieser enormen Spannbreiten verweisen auf methodische und definitorische Aspekte.266 So wurden schriftliche, telefonische und persönlich-mündliche standardisierte Befragungen, aber auch Tiefeninterviews verwendet. Die Anzahl der zur Erhebung von Missbrauchserlebnissen verwendeten Fragen waren ebenso wie deren Formulierung sehr unterschiedlich. Auch die Rücklaufquoten variieren be-

260

Eine Befragung von Eltern über Erfahrungen ihrer Kinder führten FINKELHOR, D., MOORE, D., HAMBY, S. L. und M. A. STRAUS, 1997, durch. Diese Methode hat sich jedoch nicht bewährt. 261 Vgl. SARIOLA, H. und A. UUTELA ,1994 und 1996; HALPERIN, D. S. u. a., 1996. 262 Zum Überblick vgl. BANGE, D., 1995; PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986. 263 Vgl. PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986. 264 Vgl. FINKELHOR, D., 1994. 265 In einer neueren, in FINKELHORS Überblick noch nicht erfassten national repräsentativen Studie mit etwa 1.000 Frauen aus den USA wird festgestellt, dass in Abhängigkeit von den verwendeten Definitionen die Rate der weiblichen Opfer sexuellen Missbrauchs zwischen 15% und 32% schwankt; vgl. VOGELTANZ, et al. 1999. 266 Vgl. ERNST, C., ANGST, J. und M. FÖLDENYI, 1993; PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986; ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; JULIUS, H. und U. BÖHME, 1994.

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trächtlich, was zu erheblichen Verzerrungen der Prävalenzschätzungen führen kann.267 Entscheidend scheinen aber die Unterschiede der definitorischen Eingrenzung zu sein. So schwankt die Altersgrenze, oberhalb derer Erlebnisse nicht mehr als sexueller Missbrauch qualifiziert werden, zwischen 14 und 18 Jahren, teilweise wird gar keine explizite Altersgrenze verwendet. Einige Untersuchungen beziehen nur Handlungen Erwachsener in ihre Definition sexuellen Kindesmissbrauchs ein, andere auch solche von Jugendlichen, sofern sie mindestens fünf bzw. zehn Jahre älter sind, wiederum andere auch die Handlungen Gleichaltriger. Manche Forschungsprojekte berücksichtigen die Konfrontation mit Exhibitionisten als sexuelles Missbrauchserlebnis, andere wiederum beschränken sich auf Vorfälle mit Körperkontakt.268 In Finnland und in der Schweiz wurden in jüngerer Zeit erstmals auch Jugendliche zu sexuellen Erfahrungen und Missbrauch befragt. Solche Studien haben den Vorteil, dass sich die Angaben der Befragten auf eine nicht so weit zurückliegende Epoche beziehen. Damit werden die Ergebnisse weniger von Vergessens- und Kohorteneffekten überlagert. In Finnland wurde auf Basis einer für die Schülerpopulation des Landes repräsentative Stichprobe festgestellt, dass 8% der Mädchen und 3% der Jungen Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs waren.269 In der Schweizer Untersuchung aus fanden sich bei einer Altersdifferenz von fünf Jahren zwischen Täter und Opfer 2,5% männliche und 11% weibliche Opfer von sexuellen Missbrauchshandlungen mit Körperkontakt.270 Angesichts der gravierenden Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und der Tatsache, dass auch innerhalb nationaler Befragungen regionale Abweichungen gefunden wurden, verbietet sich eine einfache Übertragung ausländischer Befunde auf die Bundesrepublik. Bundesdeutsche Opferbefragungen zur sexuellen Viktimisierung in der Kindheit Bis Anfang der neunziger Jahre lagen für die Bundesrepublik keine methodisch angemessenen Studien vor, die eine Einschätzung der Verbreitung sexuellen Missbrauchs erlaubt hätten. Erst ab Beginn der neunziger Jahre wurden auch in Deutschland mehrere Befragungen an nicht-klinischen Stichproben durchgeführt.271 Diese waren weit überwiegend nicht repräsentativ, sondern bezogen sich entweder auf Studenten oder aber waren auf eine spezielle Region begrenzt. Die erste und bislang einzige national-repräsentative Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch wurde 1992 mit etwa 3.200 Personen im Alter zwischen 16 und 59 Jahren durchgeführt.272 Diese Studie ist zwar für die Allgemeinbevölkerung repräsentativ. Gleichwohl werden mit einer solchen Methode bestimmte Teilgruppen (z. B. Prostituierte, Heimbewohner, Inhaftierte, Personen in Drogenszenen, Obdachlose) nicht adäquat erfasst, weshalb die Schätzungen vermutlich zu niedrig ausfallen.273 Weiter ist mit einer solchen

267

Vgl. HAUGAARD, J. J. und R. E. EMERY, 1989. Differenzen bestehen auch darin, ob nur von den Betroffenen negativ bewertete Erlebnisse berücksichtigt oder aber alle Erlebnisse mit sexuellem Gehalt vor einer bestimmten Altersgrenze als missbräuchlich klassifiziert werden. Vgl. FROMUTH und BURKHART 1987; ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; JULIUS, H. und U. BÖHME, 1994; KUTCHINSKY, B., 1994; BANGE, D. UND G. DEEGENER, 1996. 269 Vgl. SARIOLA, H. und A. UUTELA, 1994 und 1996. Bei Anwendung einer Schutzaltersgrenze von 14 Jahren lag die Opferrate der Mädchen bei 4,8%, die der Jungen bei 1,6%. 270 Vgl. HALPERIN, D. S. u. a., 1996. 271 Vgl. ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; SCHÖTENSACK, K., ELLIGER, T. J., GROSS, A. und G. NISSEN, 1992; BANGE, D., 1992; RAUPP, U. und C. EGGERS, 1993; BANGE, D. und G. DEEGENER, 1996; RICHTER-APPELT, H. und J. TIEFENSEE, 1996a, 1996b. 272 Vgl. dazu WETZELS; P., 1997a, 1997b, 1999; WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1998. 273 Zudem werden besonders schwerwiegende und damit zumeist sehr seltene Fälle in repräsentativen Stichproben kaum erfasst. Während Studien mit klinischen Untersuchungsgruppen zwar schwere Vorfälle enthalten, aber aufgrund der institutionellen Selektion verzerrt sind, erfassen große repräsentative Erhebungen in höherem Maße die häufigeren und leichteren Fälle, blenden also das andere Ende des Fallspektrums tendenziell aus. STRAUS, M. A., 1990, S. 86, bezeichnet diesbezüglich den fehlerhaften Schluss von einem selektiven Ausschnitt klinischer Fälle auf die Grundgesamtheit aller Fälle als „clinical sample fallacy“. Dem korrespondiere - quasi am anderen Ende des Fallspektrums - der „representative sample fallacy“, die fehlerhafte Annahme, dass Ergebnisse repräsentativer Bevölkerungsbefragungen auch Gültigkeit im Bereich der seltenen, gravierenden Fälle haben müssten. 268

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Untersuchung, die retrospektiv nach Kindheitserfahrungen fragt, keine Aussage über das aktuelle Lagebild in diesem Deliktsbereich möglich. In Tabelle 2.2.1-4 sind die in dieser Studie ermittelten Opferraten für Männer und Frauen bezogen auf verschiedene Schutzaltersgrenzen sowie Eingriffsintensitäten (hier mit und ohne Körperkontakt) wiedergegeben. Die Opferraten liegen für Männer danach zwischen 2% und 7,3%, für Frauen zwischen 6,2% und 18,1%. Tabelle 2.2.1-4: Opferraten bei sexuellem Kindesmissbrauch nach Missbrauchsart und Schutzaltersgrenzen Männer

Frauen

7,3%

18,1%

Sexueller Missbrauch inkl. Exhibitionismus (ohne sonstige sexuelle Handlungen) Schutzalter: < 18 J. < 16 J. < 14 J.

4,7% 4,3% 3,4%

15,3% 13,8% 10,7%

Sexueller Missbrauch mit Körperkontakt (ohne sonstige sex. Handlungen und ohne Exhibitionismus) Schutzalter: < 18 J. < 16 J. < 14 J.

3,2% 2,8% 2,0%

9,6% 8,6% 6,2%

Sexuelle Übergriffe in Kindheit/Jugend (alle Handlungen, inkl. „sonstige“) Keine explizite Altersgrenze: (Vorgabe „Kindheit/Jugend“)

Datenquelle: WETZELS, P., 1997a.

Begrenzt auf Vorfälle vor dem 16. Lebensjahr liegen die Opferraten für Jungen im Vergleich zu Mädchen im Verhältnis von ca. 1:3. Etwa ein Drittel der Opfer berichteten ausschließlich über exhibitionistische Erlebnisse. Etwa die Hälfte (46,2%) waren mehrfach Betroffene. Es findet sich kein Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status. Das durchschnittliche Alter der Erstviktimisierung liegt für beide Geschlechter bei etwa 11 Jahren. Von den Missbrauchserlebnissen mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr bestand der größere Teil der Vorfälle aus sexuellen Berührungen. Die Rate der Opfer sexueller Missbrauchshandlungen mit Penetration beträgt bei Männern 0,9% und bei Frauen 3,3%. Diese Befunde stimmen mit den Ergebnissen der übrigen deutschen Studien an studentischen Stichproben weitgehend überein. Die relativen Anteile der Opfer von Exhibitionisten an allen Opfern ähneln den Strukturen, wie sie sich in der polizeilichen Kriminalstatistik finden. Das gilt jedoch nicht für den Anteil der Opfer von Handlungen mit Penetrationen, die in der PKS etwa 10% der Opfer, im Dunkelfeld hingegen mehr als 20% der Opfer ausmacht. Dies weist darauf hin, dass die Anzeigewahrscheinlichkeit je nach Begehungsmodalität des Deliktes vermutlich unterschiedlich ausfällt. Täter sexuellen Kindesmissbrauchs waren nahezu ausschließlich Männer (94,7%). Bei 25,7% aller Täter handelt es sich um dem Opfer unbekannte Personen. Bei 41,9% waren Bekannte und bei 27,1% Familienangehörige die Täter. Für innerfamiliäre Delikte beträgt die Opferrate bei Frauen 2,6% und bei Männern 0,9%. Bis auf die Studie von RAUPP und EGGERS von 1993 kommen die übrigen deutschen Studien hier ebenfalls zu ähnlichen Resultaten. Im Vergleich zu den polizeilich registrierten Vorfällen ist damit im Dunkelfeld der Anteil der Opfer von Tätern aus dem sozialen Nahraum der Familie deutlich höher.

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Mehrere Untersuchungen fanden, dass der Anteil der Betroffenen aus strukturell unvollständigen Familien („broken home“) erhöht ist.274 Dies bestätigte sich auch in der hier angeführten bundesdeutschen Repräsentativstudie. Während von den Befragten, die bis zu ihrem 14. Lebensjahr bei beiden leiblichen Eltern aufwuchsen 5,2% bis zu ihrem 16. Lebensjahr Opfer wurden, liegt die Opferrate für Personen, die bei Adoptiv-, Pflege- oder Stiefeltern bzw. in einem Heim aufwuchsen bei 9,3%. Im Einklang mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen wurde ferner festgestellt, dass die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs signifikant häufiger körperlich gezüchtigt oder misshandelt worden waren und dass in ihren Familien das Klima stärker konfliktbehaftet war. Hinsichtlich des Anzeigeverhaltens wurde in der bundesdeutschen Repräsentativstudie die subjektiv schwerste Missbrauchserfahrung in der Kindheit als Bezugstat analysiert. 42,5% der Opfer hatten vor dieser Untersuchung noch nie mit jemandem über ihre Missbrauchserlebnisse gesprochen. Lediglich 9,5% erklärten, die Polizei sei informiert worden. Die Anzeigequote war bei exhibitionistischen Handlungen mit 14,1% am höchsten, während sie bei Delikten mit Körperkontakt erheblich niedriger ausfiel (im Falle erwachsener Täter 7,4%). Innerfamiliäre Delikte wurden mit 2% extrem selten angezeigt, Delikte außerhalb des familiären Kontextes mit 11,4% hingegen häufiger. Da die Vorfälle zum Teil mehrere Jahrzehnte zurückliegen, kann ein Rückschluss auf das exakte Ausmaß des Dunkelfeldes daraus allerdings kaum gezogen werden. Es lässt sich jedoch annehmen, dass in der polizeilichen Statistik, wie auch in den anderen Rechtspflegestatistiken, die Deliktsstruktur in Richtung auf weniger schwerwiegende Delikte durch eher fremde Täter verzerrt sein dürfte.275 Sofern einheitliche Schutzaltersgrenzen angelegt werden, führen in der Summe die deutschen Studien zu recht ähnlichen Schätzungen. Danach liegt die Rate der Opfer sexueller Missbrauchserfahrungen (inkl. Exhibitionismus) vor dem 14. Lebensjahr für die Gruppe der 16- bis 29-Jährigen bei ca. 12% für Frauen und 4% für Männer. Da die vorliegenden deutschen Untersuchungen überwiegend zu Beginn bis Mitte der neunziger Jahre durchgeführt wurden, sind Aussagen über Veränderungen im Zeitverlauf durch Vergleiche zwischen verschiedenen Studien nicht möglich. Erste Hinweise erlauben hierzu die Befragungen von KREUZER276, in der seit 1980 bei Studienanfängerinnen der Rechtswissenschaft erhoben wurde, ob sie Opfer vollzogener oder versuchter Vergewaltigungen waren. Es zeigte sich ein kontinuierlich abnehmender Trend. Die Frage, inwieweit das auf sexuelle Missbrauchserlebnisse in der Kindheit übertragen werden kann, ist allerdings offen. Weitere Hinweise sind einem Vergleich von Alterskohorten auf Basis der Daten der bundesweit repräsentativen Befragung aus dem Jahr 1992 zu entnehmen.277 Hier zeigte sich, dass die Opferraten für sexuelle Missbrauchsdelikte bei den älteren Kohorten etwas höher ausfielen als bei den jüngeren. Für die jüngste Gruppe der 16- bis unter 21-Jährigen lag danach die Rate der Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr für weibliche Befragte bei 9,0% und für männliche Befragte bei 2,9%. Bei den 30- bis 40-Jährigen liegen die Opferquoten bei den Frauen bei 10% und bei den Männern unverändert bei 2,9%. Da gedächtnispsychologisch bei den älteren Befragten davon auszugehen ist, dass bei ihnen die Quote nicht mehr erinnerter Vorfälle höher ist als bei den jüngeren Untersuchungsteilnehmern, deutet dieses Ergebnis geringerer Opferraten bei den jüngeren Frauen darauf hin, dass auch bei Einbeziehung des Dunkelfeldes vermutlich eine Abnahme der Verbreitung sexueller Gewalt gegen Kin274 Vgl. FINKELHOR, D. und L. BARON, 1986; BANGE, D., 1992, RICHTER-APPELT, H. und J. TIEFENSEE, 1996a; BANGE, D. und G. DEEGENER, 1996; MULLEN, P. E. u. a., 1996. 275 Die geringe Anzeigequote ist auch für die Bewertung der weiter unten aufgeführten Rückfallstudien von Bedeutung, da eine Beschränkung auf registrierte einschlägige Rückfälligkeit wahrscheinlich eine hohe Unterschätzung des tatsächlichen delinquenten Verhaltens implizieren dürfte. 276 Vgl. KREUZER, A., GÖRGEN, T., KRÜGER, R., MÜNCH, V. und H. SCHNEIDER, 1993. 277 Vgl. WETZELS, P., 1997a, S. 161.

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der in den vergangen Jahrzehnten stattgefunden hat. Über kurzfristigere Entwicklungen sind auf dieser Basis allerdings keine Aussagen möglich. Hier wären gleichartige Wiederholungsstudien erforderlich, um zuverlässige Einschätzungen vornehmen zu können. Folgen sexuellen Kindesmissbrauchs Sexuelle Missbrauchserfahrungen können bei den davon betroffenen Kindern Folgen in den unterschiedlichsten Formen auslösen.278 Neben psychischen Schädigungen, die sich in Ängsten, Depressionen, Schul- und Leistungsproblemen sowie in Form eines sexualisierten Verhaltens und Aggressionen zeigen können, sind auch unmittelbare körperliche Schädigungen zu nennen. Derartige Schädigungen können unterschieden werden in einerseits kurzfristige, in der Kindheit auftauchende Probleme und langfristige, bis in das Erwachsenenalter reichende Störungen.279 So wurde in der oben erwähnten bundesdeutschen Repräsentativstudie festgestellt, dass für weibliche Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs das Risiko, als Erwachsene erneut Opfer sexueller Gewalt zu werden, signifikant erhöht war. Diese auch international empirisch gestützte Reviktimisierungsthese280 wurde in einer weiteren bundesdeutschen Untersuchung in jüngster Zeit nochmals bestätigt.281 Allerdings existiert keine für den sexuellen Kindesmissbrauch spezifische Symptomatik.282 Insbesondere ist zu beachten, dass sexueller Kindesmissbrauch oft mit einer größeren Anzahl weiterer Belastungsfaktoren einhergeht, wie beispielsweise der körperlichen Misshandlung oder der emotionalen Vernachlässigung, die gleichfalls zu Schädigungsfolgen beitragen können.283 Insofern können unterschiedlichste Schädigungsursachen zusammentreffen. Außerdem ist aus der Forschungsliteratur bekannt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Opfer weder kurz- noch langfristige Folgen erkennen lässt, wobei hier allerdings auch mit noch unerkannten, zum Teil zeitlich erst später eintretenden Störungen gerechnet werden muss.284 Neben den mit der Viktimisierung unmittelbar verbundenen Folgen ist auch auf das Risiko einer so genannten sekundären Viktimisierung durch ein Strafverfahren zu verweisen.285 Zwar können solche sekundären Schädigungen in der Tat eintreten, dies hängt jedoch sehr stark von individuellen Eigenarten auf Seiten der Kinder ab. Keinesfalls kann davon ausgegangen werden, dass ein Strafverfahren für Kinder in jedem Falle eine schädigende Erfahrung darstellt. Vielmehr zeigen Untersuchungen, das Kinder durchaus auch durch ein Verfahren Entlastung erleben können. Wie sich die Situation des Strafverfahrens auf Kinder auswirkt hängt in hohem Maße von der konkreten Ausgestaltung des Verfahrensablaufs ab, für den durchaus Möglichkeiten einer kind- und verfahrensgerechten Vorbereitung und Ausgestaltung bestehen.286 2.2.1.3 Zur Verbreitung von Tathandeln und dessen justizieller Verfolgung Im Unterschied zu Opferbefragungen, die eine etablierte Methode der kriminologisch-epidemiologischen Untersuchung der sexuellen Gewalt gegen Kinder darstellen, dienen Erhebungen bei amerikanischen inhaftierten Sexualstraftätern287 primär der Prüfung ätiologischer Hypothesen zur Erklärung sexueller

278

Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; JUMPER, S. A., 1995. Vgl. BEITCHMAN, J. H., ZUCKER, K. J., HOOD, J. E., DACOSTA, G. A., AKMAN, D. A. und E. CASSAVIA, 1992. 280 Vgl. GIDYCZ, C. A. u. a., 1993; KOSS, M. P. und T. E. DINERO, 1989. 281 Vgl. KRAHE, B. u. a., 1999. 282 Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; DEEGENER, G., 2000, S. 197 ff. 283 Vgl. MOELLER, T. P., BACHMANN, G. A. und J. R. MOELLER, 1993; MULLEN, P. E., MARTIN, J. L., ANDERSON, J. C., ROMANS, S. E. und G. P. HERBISON, 1996; WETZELS, P., 1997a. 284 Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; DEEGENER, G., 2000. 285 Vgl. VOLBERT, R. und V. PIETERS, 1993; BUSSE, D., VOLBERT, R. und M. STELLER, 1997. 286 Vgl. BUSSE, D. und R. VOLBERT, 1998. 287 Vgl. BRIGGS, F. und R. M. F. HAWKINS, 1996; DHAWAN, S. und W. L. MARSHALL, 1996; GRAHAM, K. R., 1996; GROTH, A. N., 1979. 279

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Devianz, wie z. B. der Frage, ob Sexualstraftäter in ihrer Kindheit selbst Opfer sexueller Gewalt waren.288 Es handelt sich um Studien, die zur Analyse der quantitativen Verbreitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Täterperspektive nicht geeignet sind, da diese Gruppe nur einen recht kleinen und vermutlich in Relation zur Grundgesamtheit aller Täter verzerrten Ausschnitt repräsentiert. Interessant sind jedoch die Befunde zur Deliktshäufung. So wurde in den USA festgestellt, dass inhaftierte Sexualstraftäter zwei- bis fünfmal mehr Sexualdelikte begangen hatten, als von ihnen polizeibekannt waren.289 Weiter liegen für die Bundesrepublik Deutschland eine Reihe von Rückfallstudien vor.290 Diese Untersuchungen haben allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass angesichts einer niedrigen Anzeigequote die Operationalisierung von Rückfälligkeit als einschlägige strafrechtliche Neuverurteilung die Dunkelfelddelikte vollständig ausblendet und von daher mit dem Risiko einer Fehlschätzung verbunden ist. Täterbefragungen zu selbstberichteter Delinquenz außerhalb der institutionell registrierten Fälle wiederum, ansonsten eine gängige Form der Dunkelfeldforschung, liegen für Sexualdelikte nur wenige vor. Beispielsweise wurden in den USA Studenten zu selbst ausgeübten sexuellen Gewalthandlungen befragt291 oder aber zu der Wahrscheinlichkeit, unter bestimmten Bedingungen eine Vergewaltigung zu begehen.292 Nach einer derartigen Studie an 582 amerikanischen Studenten gaben 3% dieser Stichprobe sexuelle Kontakte zu Kindern an, die als missbräuchlich klassifiziert wurden.293 Eine aktuelle Studie aus der Schweiz stellte auf der Basis einer Befragung von mehr als 21.000 Rekruten fest, dass etwa 14% der im Schnitt 20-Jährigen innerhalb der letzten 12 Monate nach eigenen Angaben einen sexuellen Übergriff (von exhibitionistischen Handlungen bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr) begangen hatten. Die Handlungen richteten sich mehrheitlich gegen Partnerinnen oder andere bekannte Frauen. Etwa 1% der Rekruten räumte jedoch ein, innerhalb der letzten 12 Monate ein Kind sexuell missbraucht zu haben. Insgesamt kommt die Schweizer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Täter sexueller Übergriffe, die auch Gewalt oder Nötigungsmittel einsetzten, ein sehr kleine, gleichzeitig aber auch sehr aktive Gruppe darstellen, die vermutlich für einen überproportional großen Anteil sexueller Gewaltdelikte verantwortlich sind. Unter ihnen findet sich gleichzeitig ein hoher Anteil an Personen, die ihrerseits in der Kindheit schwere Traumatisierungserfahrungen, darunter auch sexuelle Übergriffe, erlebt haben.294 In der Bundesrepublik wurde ein in der Größenordnung ähnliches Ergebnis herausgefunden.295 Aus einer Befragung von 111 Medizinstudenten des ersten Semesters berichtet DEEGENER, dass 3-5% sexuelle Phantasien im Hinblick auf Kinder hegten. 9% hatten nach eigenen Angaben einen Jungen sexuell belästigt und 8% erklärten, mehr als ein Kind sexuell belästigt zu haben.296 International wendet sich die Forschung in den letzten Jahren auch vermehrt dem Problem sexueller Delinquenz durch Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zu.297 DEEGENER verweist dazu auf interna288

Zum Überblick vgl. HANSON, R. K. und SLATER, 1988; SCHNEIDER, H. J., 1999a, 1999b; KRÖBER, H.-L. und K.-P. DAHLE, 1998. 289 Vgl. GROTH, A. N., LONGO, R. E. und J. B. MCFADIN, 1982; WEINROTT, M. R. und M. SAYLOR, 1991. 290 Vgl. EGG, R., 1999a, 2000a; LÖSEL, F., 1999a. 291 Vgl. KOSS, M. P., LEONARD, K. E., BEEZLEY, D. A. und C. J. OROS, 1985; GAVEY, N., 1991. 292 Vgl. MALAMUTH, N. M., HABER, S. uns S. FESHBACH, 1980; MALAMUTH, N. M., 1981. 293 Vgl. FROMUTH, M. E., BURKHARDT, B. R. und W. JONES, 1991. 294 Vgl. HAAS, H. und M. KILLIAS, 2000. 295 Bei einer Befragung von 920 Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren zu ihrem Delinquenzverhalten wurde festgestellt, dass 1,2% nach eigenem Bekunden im letzten Jahr sexuelle Handlungen an einem Kind vorgenommen hatten. Es ist jedoch fraglich, ob die verwendete Frageformulierung - es wurde allgemein nach sexuellen Handlungen gefragt - nicht dazu geführt hat, dass auch einverständliche frühe sexuelle Erfahrungen hier von den Befragten angegeben wurden. Vgl. VILMOW, B. UND E. STEPHAN, 1983. 296 DEEGENER, G., 2000, S. 203. 297 Vgl. dazu die umfangreiche Literaturzusammenstellung des OJJDP in den USA: Juvenile Sex Offender Research Bibliography, A Comprehensive Bibliograhy of Scholarly Research and Literature Relating to Juvenile Sex Offenders, http.//ojjdp.

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tionale Schätzungen, wonach 20-25% der Vergewaltigungen und 30-50% des sexuellen Kindesmissbrauchs durch solche jungen Täter begangen würden.298 Angesichts kulturell stark unterschiedlicher Auffassungen darüber, was angemessenes und sozial abweichendes Verhalten im Bereich der Sexualität jeweils ist, verbieten sich einfache Übertragungen solcher Zahlen auf die Bundesrepublik. Gleichwohl sind Befunde amerikanischer Studien, wonach ein nicht unerheblicher Teil der erwachsenen Sexualstraftäter bereits als Jugendliche mit sexuellen Übergriffen aufgefallen waren, bedenkenswerte Hinweise auf die Notwendigkeit, derartiges Verhalten Minderjähriger als Hinweis auf mögliche Entwicklungsprobleme ernst und zum Anlass abklärender und helfender Maßnahmen zu nehmen, zumal sich bei den frühauffälligen Jugendlichen regelmäßig Kumulationen von Risiken erkennen lassen.299 2.2.1.3.1 Erkenntnisse aus den polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken Wichtige Hinweise über die Täter sexueller Gewaltdelikte gegen Kinder sind im Längsschnitt in erster Linie den polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken zu entnehmen. Hier besteht allerdings das Problem, dass bei Delikten, deren Tatbestand keine Altersgrenze vorsieht (wie die Vergewaltigung) keine nach dem Alter der Opfer differenzierten Angaben zu den Tatverdächtigen vorliegen. Von daher beschränkt sich die folgende Tabelle auf Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs (§§ 176-176b StGB). Ferner wird die Darstellung auf männliche Tatverdächtige beschränkt, da diese in diesem Deliktsbereich die weit überwiegende Mehrheit bilden. Tabelle 2.2.1-5:Männliche deutsche Tatverdächtige sexuellen Kindesmissbrauchs 1987-1999 nach Alter unter 14 Jahre

a

1987 a 1988 a 1989 a 1990 b 1991 b 1992 c 1993 c 1994 c 1995 c 1996 c 1997 c 1998 c 1999

n 147 144 126 164 169 149 252 272 219 286 355 360 392

TVBZ 9,4 9,2 7,9 10,0 9,7 8,4 10,4 11,1 8,9 11,4 14,0 14,1 15,1 a

14 bis unter 18 Jahre n TVBZ 386 26,4 435 32,6 400 32,7 429 37,6 403 35,6 415 36,6 574 38,4 561 36,5 641 40,4 704 43,3 818 49,2 834 49,4 828 49,1

18 bis unter 21 Jahre n TVBZ 297 20,5 258 18,5 276 21,4 232 19,3 255 22,6 266 26,1 315 27,1 335 30,3 336 30,3 355 31,4 403 34,6 397 33,4 415 33,8

ab 21 Jahre n 2.743 3.055 3.257 3.620 3.874 4.319 5.208 5.143 5.377 5.339 5.854 5.851 5.431

TVBZ 13,7 14,9 15,7 17,1 17,6 19,5 19,1 18,8 19,6 19,4 21,3 21,2 19,6

total n 3.573 3.892 4.059 4.445 4.701 5.149 6.349 6.311 6.573 6.684 7.430 7.442 7.066

TVBZ 14,6 15,7 16,3 17,7 18,1 19,8 19,6 19,5 20,2 20,4 22,6 22,5 21,3

Aufklärungsquote 60,2 59,9 58,8 60,4 60,7 61,9 63,4 67,2 67,2 67,6 69,8 70,5 72,4

Daten für alte Länder; b Daten für alte Länder mit Gesamtberlin; c Daten für Deutschland. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Tatverdächtigenbelastungszahlen sind insgesamt in der Zeit von 1987 bis 1999 auf etwa das 1,5fache angestiegen. Allerdings zeigt sich seit 1997, trotz steigender Aufklärungsquoten, ein leichter Rückgang der TVBZ. In der Zeit von 1987 bis 1999 wurde die Aufklärungsquote um 12,2 Prozentpunkte gesteigert. Schon dadurch wäre, bei Konstanz aller übrigen Rahmenbedingungen, ein Anstieg der Tatverdächtigenbelastungszahlen um den Faktor 1,2 zu erwarten. Von 1993 bis 1999, also in dem Zeitraum, für den Daten aus Gesamtdeutschland vorliegen, stieg die Aufklärungsquote um neun Prozentpunkte (relativer Anstieg um 14,2%). Die TVBZ veränderte sich hingegen nur um 1,7 Fälle je 100.000 (relativer Anstieg um

ncrjs.org/juvsexoff/sexbibtopic.html. 298 Vgl. DEEGENER, G., 2000, S. 202. 299 Vgl. RYAN, G., MIYOSHI, T. J., METZNER, J. L., KRUGMAN, R. D. und G. E. FRYER, 1996.

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8,7%).300 Von daher fallen die Anstiege der registrierten Tatverdächtigen seit 1993 geringer aus als aufgrund der Zunahme der Aufklärungsquote, bei ansonsten angenommener Konstanz der übrigen Bedingungen, zu erwarten wäre. Anders ausgedrückt: Wäre die Aufklärungsquote konstant geblieben, dann hätte ein Rückgang der registrierten Tatverdächtigen festgestellt werden müssen. Insofern geben die Hellfelddaten für die letzten Jahre keinen Hinweis darauf, dass es tatsächlich zu einer Zunahme des sexuellen Kindesmissbrauchs gekommen wäre; eher ist von einer Abnahme auszugehen. Die Diskrepanz zwischen den oben dargestellten Opferstatistiken einerseits, nach denen die höchste Opferziffer 1992 zu verzeichnen war, und den Daten zu den registrierten Tatverdächtigen andererseits, die für 1997 die höchste TVBZ zeigen, verweist gleichfalls auf die Bedeutung der gestiegenen Aufklärungsquoten. Ferner ist vor dem Hintergrund der Hinweise aus Dunkelfeldstudien, die auf einen langfristigen Rückgang sexueller Gewalt gegen Kinder schließen lassen, und dem Anstieg registrierter Tatverdächtiger im Hellfeld auch eine Zunahme der Anzeigebereitschaft zu vermuten, was auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Problematisierung und Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Öffentlichkeit sowie der gestiegenen Verfügbarkeit entsprechender Beratungsstellen und Betroffenengruppe plausibel erscheint.301 Auffallend ist weiter, dass sich für männliche deutsche Tatverdächtige im Jugendalter 1998 mit 49,4 je 100.000 der Altersgruppe die höchste Tatverdächtigenbelastungszahl ergibt. Hier sind auch seit 1993 deutliche Steigerungen zu erkennen. 1999 lag die TVBZ bei den männlichen deutschen Jugendlichen fast unverändert bei 49,1. Demgegenüber lag 1999 die Quote bei den Erwachsenen mit 19,6 erheblich niedriger. Es ist hier allerdings nicht auszuschließen, dass die Erhöhung der Aufklärungsquote vor allen Dingen die von jüngeren Tatverdächtigen begangenen Delikte betrifft, weshalb die altersgruppenbezogenen Steigerungsquoten möglicherweise irreführend sein können. Zudem ist zu beachten, dass nach wie vor aufgrund der Bevölkerungsstruktur die Erwachsenen etwa drei Viertel der männlichen Tatverdächtigen beim sexuellen Kindesmissbrauch stellen, während die Jugendlichen hier nur etwa ein Achtel ausmachen. 2.2.1.3.2 Die Strafverfolgung der Täter sexuellen Kindesmissbrauchs Verschiedentlich wurde in der Literatur darauf hingewiesen, dass im Falle von Sexualdelikten gegen Kinder ein besonders ausgeprägter Ausfilterungsprozess stattfindet, aufgrund dessen nur ein sehr kleiner Teil der Tatverdächtigen überhaupt angeklagt und verurteilt werde.302 Bezüglich des Verlaufs der justiziellen Handhabung von Fällen besteht allerdings in der Bundesrepublik Deutschland das Problem der mangelnden Vergleichbarkeit von polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken einerseits und Strafverfolgungsstatistiken andererseits303, weshalb diese verfügbaren Aggregatstatistiken nur sehr eingeschränkte Erkenntnisse ermöglichen. In Köln fand WOLKE, die die Hälfte der 1991 bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Köln zum sexuellen Kindesmissbrauch vorliegenden Aktenvorgänge analysierte, dass von 115 Vorgängen mit 196 Geschädigten insgesamt 45,2% zur Anklageerhebung führten.304 In einer empirischen Verlaufsstudie zur Strafverfolgung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland, die sich auf sämtliche Fälle des Jahres 1991 in Berlin bezieht, konnte gezeigt werden, dass unter den 1.090 untersuchten Fällen nur bei 18,3% Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens oder Antrag auf Erlass eines Strafbefehls gestellt wurden.305 Tatsächlich eröffnet wurde ein Hauptverfahren in 15,8% der Fälle.306 Begrenzt man die 300

Der Höchststand der Tatverdächtigenziffern wurde im Jahre 1997 erreicht mit 22,6 männlichen deutschen Tatverdächtigen je 100.000 der Bevölkerung und ist seitdem auf 21,3 zurückgegangen, obschon im selben Zeitraum die Aufklärungsquote von 69,8% auf 72,4% weiter gesteigert werden konnte. 301 Vgl. dazu auch SCHETSCHE, M., 1993. 302 Vgl. SCHNEIDER, H. J., 1999a. 303 Vgl. VOLBERT R. und D. BUSSE, 1995, S. 151 m. w. N. 304 Vgl. Wolke, A., 1995. 305 Vgl. VOLBERT, R. und D. BUSSE, 1995.

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Betrachtung auf die 477 polizeilich aufgeklärten Fälle, so wurde davon in 190 Fällen Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens und in 10 Fällen Antrag auf Strafbefehl oder vereinfachtes Jugendverfahren gestellt, was einem Anteil von 41,9% der polizeilich aufgeklärten Fälle entspricht. 162 gelangten zur Hauptverhandlung und in 10 Fällen wurde ein Strafbefehlsverfahren bzw. ein vereinfachtes Jugendverfahren durchgeführt. Im Einzelnen stellt sich der Ausfilterungsprozess wie folgt dar: Von 1.090 Fällen wurden 613 polizeilich nicht aufgeklärt (56,2%). In weiteren 224 Fällen (20,6%) erfolgte eine Einstellung gem. § 170 Abs. 2 StPO, weil es sich entweder herausstellte, dass die fragliche Tat keine Straftat war, eine solche nur vorgetäuscht war, persönliche Strafausschließungsgründe vorlagen, ein Strafantrag fehlte oder aber die vorliegenden Beweise für eine Anklageerhebung nicht ausreichend erschienen. Von den 477 polizeilich aufgeklärten Fällen verblieben somit 253, bei denen ein dringender Tatverdacht bejaht wurde. Davon wurden 36 Fällen nach § 153 StPO als Bagatellsache folgenlos eingestellt, was einem Anteil von 14,2% der Fälle dringenden Tatverdachts entspricht. In vier weiteren Fällen erfolgte eine vorläufige Einstellung nach § 205 StPO. In 25 Fällen erfolgte eine Einstellung des Verfahrens nach § 154 StPO, weil der sexuelle Missbrauch neben anderen, wesentlich schwerwiegenderen Straftaten stand. Eine mit Auflagen oder Weisungen verbundene Einstellung des Verfahrens gem. § 153a StPO, §§ 45, 47 JGG erfolgte in 43 Fällen, was 17% der Fälle dringenden Tatverdachts ausmacht. In 19 Fällen kam es nach dem Hauptverfahren zu einem Freispruch, in 126 Fällen hingegen zu einer Verurteilung. Somit machen die Verurteilungen 49,8% aller Fälle mit dringendem Tatverdacht sowie 11,6% aller 1.090 angezeigten Fälle aus. Dabei war der Anteil der Freiheitsstrafen an allen Aburteilungen mit 41,3%, bei denen eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde und 15,1% bei denen eine Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde, zusammen also 56,4% aller Urteile, höher als in der Studie von WOLKE in Köln, wo dieser Anteil der Freiheitsstrafen insgesamt bei 46,4% aller Entscheidungen nach dem Hauptverfahren lag. Eine neuere Studie, die auch Vorgänge aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre einbezieht, wurde in Niedersachsen durchgeführt.307 In einer Stichprobe von 286 staatsanwaltlichen Akten (ohne UJs-Sachen), die je zur Hälfte aus dem Jahr 1994 sowie den Jahrgängen 1995 und 1996 stammten, wurden 55,9% der Verfahren wegen fehlenden Tatverdachts oder Verfahrenshindernissen eingestellt. Bei 29,7% wurde Anklage erhoben und in weiteren 7% Antrag auf Erlass eines Strafbefehls gestellt. 7,3% wurden auf der Ebene der Staatsanwaltschaft eingestellt, darunter 16 Fälle (5,6%) folgenlos und fünf Fälle (1,7%) gemäß § 153a StPO unter Auflagen. Die Quote von 36,7% Anklageerhebungen oder Strafbefehlen entspricht in etwa den Resultaten von VOLBERT und BUSSE aus Berlin. In 83 Fällen (29%) wurden ein Hauptverfahren eröffnet, und in 14 Fällen ein Strafbefehl erlassen. Eine Ablehnung der Eröffnung des Hauptverfahrens fand sich in zwei Fällen und in vier Fällen erfolgte eine Einstellung des Verfahrens, davon in einem Fall gemäß § 153a StPO unter Auflagen. In 72 Fällen kam es nach dem Hauptverfahren zu einer Verurteilung (25,2% aller Fälle). Einen Freispruch gab es in sieben Fällen, eine Einstellung in drei Fällen (davon zwei gemäß § 153a StPO unter Auflagen) sowie in einem Fall eine Einstellung gem. § 205 StPO wegen Abwesenheit. Freiheitsstrafen wurden in 60 Fällen verhängt, darunter in 40 Fällen mit Bewährung. Der Anteil der Freiheitsstrafen beläuft sich demnach auf 72,2% aller Entscheidungen nach einem Hauptverfahren und 21% aller insgesamt analysierten Fälle.

306 307

Allerdings befanden sich in der Gesamtstichprobe 613 Fälle, in denen kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Vgl. GUNDER, T., 1998.

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Fasst man Verurteilungen und Strafbefehle zusammen, so wurde in 30,6% der Fälle eine Sanktion ausgesprochen. In weiteren 2,4% der Fälle erfolgte entweder auf Ebene der Staatsanwaltschaft (1,7%) oder des Gerichts (0,7%) eine Einstellung nicht folgenlos, sondern gemäß § 153a StPO unter Auflagen. Insgesamt wird ein großer Teil der Verfahren bei sexuellem Kindesmissbrauch bereits im Ermittlungsstadium ausgefiltert. Insbesondere die Rate der Verfahrenseinstellungen mangels Tatverdacht ist, beispeilsweise in dieser niedersächsischen Studie mit 47,9%, erheblich höher, als die staatsanwaltliche Erledigungsstatistik dies für die Gesamtheit aller Fälle der Jahre 1994 bis 1996 ausweist. Dort liegt die Quote zwischen 18,7% und 19,7%.308 Wie stellt sich nun die Entwicklung im Längsschnitt dar? Eine Gegenüberstellung von Daten der polizeilichen Tatverdächtigenstatistik einerseits und der Strafverfolgungsstatistik andererseits erlaubt diesbezüglich, abgesehen von den Problemen der unterschiedlichen Erfassungsmodalitäten beider Statistiken, auch deshalb nur begrenzte Schlussfolgerungen, da Daten über Tatverdächtige von Sexualdelikten gegen Kinder in der PKS nur für jene Tatbestände vorliegen, die selbst schon eine Altersgrenze als Tatbestandsmerkmal enthalten. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Vergewaltigung/sexuelle Nötigung von Kindern ein Problem. Um gleichwohl einen Überblick über mögliche Entwicklungen zu gewinnen, werden im Folgenden die Entwicklung der Tatverdächtigenzahlen einerseits sowie der Angeklagten- und der Verurteiltenzahlen andererseits für den sexuellen Kindesmissbrauch gegenübergestellt. Da für die neuen Länder bislang keine vollständige Strafverfolgungsstatistik geführt und publiziert wird, erfolgt das begrenzt auf die alten Länder. Tabelle 2.2.1-6 ist auf strafmündige Tatverdächtige ab 14 Jahre beschränkt. Tabelle 2.2.1-6:Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern* (nur Personen ab 14 Jahre) TVBZ

1984

Tatverdächtige ab 14 J. 4.482

Angeklagte

ABZ

1993 1998

Verurteilte

VBZ

3,7

% der TV 43,0%

1.535

2,9

% der TV 34,2%

8,5

1.926

5.946

10,7

2.369

4,3

39,8%

1.913

3,4

32,2%

6.649

11,5

2.691

4,7

40,0%

2.229

3,9

33,5%

* Tatverdächtige 1993 und 1998, Angeklagte und Verurteilte 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Von 1984 bis 1998 haben - parallel zu einem Anstieg der TVBZ (bei den Strafmündigen beider Geschlechter von 8,5 auf 11,5) - die Quoten der Angeklagten je 100.000 der Bevölkerung (ABZ) von 3,7 auf 4,7 und die Quoten der Verurteilten je 100.000 der Bevölkerung (VBZ) von 2,7 auf 3,9 jeweils zugenommen. 1984 wurden 34,2% aller Tatverdächtigen verurteilt, 1998 waren es 33,5%, also ein kaum veränderter Anteil. Bei einer detaillierten längsschnittlichen Betrachtung für die Jahre 1985 bis 1998 zeigt sich für das frühere Bundesgebiet, dass die Abgeurteilten etwa 36% bis 43% der Tatverdächtigen des sexuellen Missbrauchs ausmachen. Bei den Verurteilten liegt diese Rate bei 29% bis 35%. Außerdem ist festzustellen, dass nach einem gewissen Sinken der Verurteiltenraten von 1985 bis zum Tiefpunkt im Jahr 1992 anschließend wieder ein Anstieg stattgefunden hat, so dass die aktuellen Werte wieder denen in der Mitte der achtziger Jahre ähnlich sind. Der Anteil von Abgeurteilten und Verurteilten an den Tatverdächtigen hat sich seit 1985 weitgehend parallel entwickelt; seit 1996 ist die Differenz zwischen diesen beiden Raten allerdings leicht zurückgegangen.

308

Vgl. GUNDER, T., 1998, S. 217.

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Insgesamt ist also beim sexuellen Kindesmissbrauch auf Basis der Aktenanalysen zwar eine vergleichsweise geringe Quote der Eröffnung von Hauptverfahren zu konstatieren. Die Daten dieser Analysen lassen jedoch in Kombination mit den Erkenntnissen aus den Strafverfolgungsstatistiken keine Anhaltspunkte für eine Reduzierung der Strafverfolgungsintensität im Laufe der neunziger Jahre erkennen. 2.2.1.3.3 Die strafrechtliche Sanktionierung Hinsichtlich der Sanktionspraxis bieten die Daten der Strafverfolgungsstatistik Aufschluss. Im Folgenden sind die entsprechenden Befunde der Jahre 1984, 1993 und 1998 für Verfahren gegen Personen ab 21 Jahre dargestellt. Bei den erwachsenen Tätern sexuellen Kindesmissbrauchs ist danach, parallel zum Anstieg der Angeklagten, auch ein leichter Zuwachs der letztendlich auch Verurteilten sowie ein Anstieg der Freiheitsstrafen, insbesondere auch der Anteile der nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen, zu konstatieren (von 22% im Jahr 1984 auf 24% im Jahr 1998). Ferner hat sich auch die Rate derer, die zu Freiheitsstrafen von über einem Jahr verurteilt wurden, deutlich erhöht (von 373 Fälle, was 25% der Abgeurteilten im Jahr 1983 entspricht, auf 932 Fälle in 1998, was 39% der Abgeurteilten entspricht). Mithin hat sich die durchschnittliche Dauer der ausgeurteilten Freiheitsstrafen in dieser Zeit erhöht. Tabelle 2.2.1-7: Wegen sexuellen Kindesmissbrauchs Angeklagte und Verurteilte ab 21 Jahre, alte Länder, 1984, 1993 und 1998* 1984 % der Abgeurteilten 1.510 100,0% 1.239 82,1%

Anzahl Abgeurteilte Verurteilte

1993 Anzahl

1998

2.076 1.711

% der Abgeurteilten 100,0% 82,4%

Anzahl 2.364 2.001

% der Abgeurteilten 100,0% 84,6%

darunter Freiheitsstrafe

962

63,7%

1.300

62,6%

1.596

67,5%

davon ohne Strafaussetzung Höhe der Freiheitsstrafen unter 6 Monate 6 Monate 6-9 Monate 9-12 Monate 1-2 Jahre 2-5 Jahre mehr als 5 Jahre

325

21,5%

399

19,2%

576

24,4%

83 74 164 268 237 130 6

5,5% 4,9% 10,9% 17,8% 15,7% 8,6% 0,4%

62 111 165 253 453 229 27

3,0% 5,4% 8,0% 12,2% 21,8% 11,0% 1,3%

94 120 171 279 527 335 70

4,0% 5,1% 7,2% 11,8% 22,3% 14,2% 3,0%

Anmerkung: Vor 1998 § 176 Abs. 1-5 StGB; ab 1998 §§ 176 Abs. 1-3, 176a, 176b StGB * 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Diese Entwicklung ist auch bei den jüngeren Tätern unter 21 Jahren festzustellen, hier aber hinsichtlich der freiheitsentziehenden Jugendstrafe erwartungsgemäß auf einem wesentlich niedrigeren Niveau. Dabei ist zu beachten, dass bei den jüngeren Tätern wesentlich häufiger kein Hauptverfahren stattfindet, weshalb - trotz der speziell in dieser Altersgruppe steigenden Zahlen registrierter Täterverdächtiger - die Anzahl der Angeklagten rückläufig ist. Sofern es jedoch zu einer Verurteilung kommt, steigt von 1983 bis 1998 auch hier der Anteil der längeren Jugendstrafen an. So wurden 1984 insgesamt 416 Personen unter 21 Jahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angeklagt. Von diesen wurden 22% zu einer Jugend- oder Freiheitsstrafe verurteilt. Im Jahr 1998 wurden 327 Personen wegen dieses Deliktes angeklagt. Die Quote der zur Jugend- oder Freiheitsstrafe Verurteilten lag mit 35% deutlich höher. Auf der Ebene der Gerichte deutet sich von daher gegenüber erwachsenen wie auch jugendlichen Tätern sexueller Gewalt gegen

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Kinder ein Anstieg der ausgeurteilten Strafen an. Sofern die sonstigen strafzumessungsrelevanten Tatsachen konstant sein sollten, was anhand der Strafverfolgungsstatistik so nicht im Detail geprüft werden kann, würde dies auf einen Anstieg der Strafhärte bei diesem Delikt hindeuten. 2.2.1.3.4 Die Rückfälligkeit von Sexualstraftätern Den amtlichen Rechtspflegestatistiken ist nicht zu entnehmen, ob es sich bei wegen sexuellem Kindesmissbrauchs verurteilten Straftätern um eine besonders rückfallgefährdete Tätergruppe handelt. Zwar ergibt sich für sie eine nicht unerhebliche strafrechtliche Vorbelastung. Dies erlaubt jedoch keine Aussage über deliktsspezifische Rückfallwahrscheinlichkeiten. Wissenschaftliche Untersuchungen, mit denen sich diese Erkenntnislücke schließen ließen, sind zumindest im deutschsprachigen Raum relativ selten. Die vorliegenden Rückfall- und Behandlungsstudien waren lange Zeit auf sehr kleine und selektive Stichproben begrenzt und sind deshalb zum größten Teil kaum geeignet, verallgemeinerungsfähige Erkenntnisse über spätere Auffälligkeiten der wegen sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilten Personen zu liefern.309 Aufschlussreich ist eine in Kanada durchgeführte Meta-Evaluation, in die 61 Rückfallstudien für den übergreifenderen Bereich der gesamten Sexualdelinquenz aus sechs Ländern einbezogen wurden, darunter allerdings keine Arbeit aus Deutschland.310 Die Autoren berechneten für ca. 23.000 Sexualstraftäter eine einschlägige Rückfallquote (also ein neues Sexualdelikt) von 13,4%, wobei ein Zeitraum von vier bis fünf Jahren berücksichtigt wurde. Insgesamt ergab sich eine erneute Verurteilungsquote für jedes beliebige neue Delikt innerhalb dieses Zeitraums von 36,3%. In Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs betrug die einschlägige Rückfallquote 12,7%. Damit ist die Gefahr einschlägigen Rückfalls bei Sexualdelikten im Vergleich zu anderen Deliktsgruppen niedriger.311 Allerdings wird kritisch auch darauf verwiesen, dass in dieser Meta-Analyse wie in den meisten Rückfallstudien keine Differentialtypologie der unterschiedlichen Arten sexueller Devianz innerhalb der verschiedenen groben Deliktskategorien vorgenommen wurde, was deren Aussagewert im Hinblick auf die Prognose von Rückfälligkeit einschränke.312 Über Rückfallquoten hinaus wurden auch Merkmale der Erhöhung von Rückfallgefahr analysiert. Dazu zählen neben einigen biographischen Daten vor allem Art und Umfang einer kriminellen Vorbelastung sowie Aspekte der sexuellen Devianz. Niedriges Lebensalter, Zahl einschlägiger Vorstrafen, frühe psychiatrische Auffälligkeit, fremdes (außerfamiliäres) Opfer, männliches Opfer sowie primäres sexuelles Interesse an Kindern zeigten sich als prognostisch ungünstig im Hinblick auf eine spätere erneute Sexualdelinquenz. Indessen erwiesen sich Schichtzugehörigkeit, Bildungsstand, Umgang mit Alkohol- oder Drogen aber auch eigene Missbrauchserfahrungen in der Kindheit nicht als Variablen, mit denen eine spätere einschlägige Rückfälligkeit erklärt werden konnte. Für den deutschsprachigen Raum liegen erst seit kurzem aus den Rückfalluntersuchungen, die an der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden durchgeführt werden, ausführlichere Erkenntnisse über die weitere Entwicklung von Sexualstraftätern vor, darunter auch über Personen, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilt wurden.313 Im Kern entsprechen die Befunde den Erkenntnissen der internationalen Forschung. Die Untersuchungen stützen sich auf Registerauswertungen von wegen Sexualdelikten verurteilten Straftätern aus dem Jahr 1987, für die zehn Jahre nach der Verurteilung Auskünfte beim Bundeszentralregister wegen neuer Straftaten eingeholt wurden. Bei den Tätern sexuellen Kindesmissbrauchs handelt es sich überwiegend um Ersttäter (43,7%) oder nicht einschlägig vorbestrafte Personen (37,9%). Lediglich rund 18% waren bereits zuvor wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden. Etwa die Hälfte dieser Personen (51,5%) 309

Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b; BEIER, K. M., 1997, S. 22 m. w. N.. Vgl. HANSON, R. K. und M. T. BUSSIÈRE, 1998. 311 Vgl. LÖSEL, F., 1999a. 312 Vgl. BEIER, K. M., 1997, S. 22. 313 Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b, 2000a; BLOCK, P. und P. HOCH, 1997; ELZ, J., 1999. 310

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wurden innerhalb dieser zehn Jahre erneut wegen einer Straftat verurteilt. Einschlägig rückfällig im Sinne einer erneuten Sexualstraftat zeigten sich indessen lediglich ca. 20%. Die Mehrzahl der Rückfälle betraf somit andere Straftaten, vorwiegend im Bereich der Eigentums- und Vermögensdelikte. Weitere Analysen wurden für die Täter schweren sexuellen Kindesmissbrauchs (N=73), die Täter von exhibitionistischen Handlungen (N=86) sowie Vergewaltigungstäter (N=168) durchgeführt. Tabelle 2.2.1-8 bietet eine für die verschiedenen Teilstichproben dieser Registerauswertung getrennte Übersicht. Als rückfallgefährdet erwiesen sich vor allem Personen, die 1987 wegen einer Straftat im Bereich des Exhibitionismus verurteilt wurden. Ansonsten ist das Vorliegen von einschlägigen Vorstrafen - analog zu den international vorliegenden Befunden - als entscheidendes Merkmal im Hinblick auf eine spätere erneute Rückfälligkeit hervorzuheben. Befunde aus Aktenauswertungen komplettieren das Bild im Hinblick auf Prädiktoren einer einschlägigen Rückfälligkeit: Neben den Vorstrafen sind frühe psychiatrische Auffälligkeit, Suchtprobleme oder Gewalttätigkeiten in der Herkunftsfamilie relevant. Ferner ist bei jüngeren Tätern die Rückfallgefahr erhöht. Im Hinblick auf die Tatbegehung und das Opfer zeigten sich Personen, die Kinder ohne Körperkontakte, fremde Kinder oder (auch) Jungen als Opfer missbrauchten, als stärker rückfallgefährdet.314 Diese Studie ist allerdings mit der Einschränkung zu betrachten, dass nicht entdeckte Sexualdelinquenz nicht berücksichtigt werden konnte. Tabelle 2.2.1-8: Rückfallraten von Sexualstraftätern Täter sexuellen Kindesmissbrauchs gem. § 176 StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=103 Fälle aus allen Fällen des Jahres 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt)

56,3% 18,5% 51,5% 20,4%

Täter sexuellen Kindesmissbrauchs in einem schweren Fall gem. § 176 III StGB a.F. (Totalerhebung aller Fälle des Jahres 1987; n=73) Frühere Verurteilung wegen Sexualdelikt nach BZR Rückfälligkeit mit Sexualdelikt

15,0% 12,3%

Täter von Exhibitionismus oder Erreg. öff. Ärgernisses gem. §§ 183, 183a StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=86 Fällen aus 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt

77,9% 48,8%

Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt) Täter einer Vergewaltigung gem. § 177 StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=168 Fällen aus 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt)

81,4% 54,7%

73,2% 18,5% 60,1% 13,7%

Datenquelle: BLOCK, P. und P. HOCH, 1997; EGG, R., 1999b, 2000.

Eine im Hinblick auf diese Dunkelfeldproblematik besonders aufschlussreiche Untersuchung wurde in Deutschland von BEIER vorgelegt.315 Es handelt sich um eine Nachuntersuchung an 510 in der Zeit von 1945 bis 1981 begutachteten Sexualstraftätern der Geburtsjahrgänge 1915 bis 1945. Für alle diese Fälle wurden die vorliegenden psychiatrischen Gutachten ausgewertet und eine Auswertung der Eintragungen 314 315

Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b, 2000a. Vgl. BEIER, K. M., 1995, 1997.

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im Bundeszentralregister vorgenommen. Ferner wurden in 302 Fällen katamnestische Nachuntersuchungen durchgeführt. Der Katamnesezeitraum, für den eine Rückfälligkeit analysiert werden konnte, betrug mindestens zehn Jahre und belief sich im Durchschnitt auf über 25 Jahre. Im Rahmen der persönlichen Katamnesegespräche wurden auch Fragen zum Sexualverhalten nach der Entlassung gestellt. Tabelle 2.2.1-9: Erneute Dissexualität bei begutachteten Sexualstraftätern Hauptdeliktgruppe Inzesttäter Exhibitionisten Dissexuelle Gewalttäter Pädophile (bi/homosexuell) Pädophile (heterosexuell)

N 37 54 60 59 62

Weiterhin dissexuell 21,6% 46,3% 30,0% 50,8% 24,2%

Strafverfolgt 5,4% 31,5% 13,3% 25,4% 12,9%

Datenquelle: BEIER, K. M.,1997, S. 17.

BEIER untersucht dabei die so genannte "Dissexualität" mit der das sich "im sexuellen ausdrückende Sozialversagen" kennzeichnet, womit vor allem der sich in sexueller Delinquenz ausdrückende Aspekt gestörter sozialer Bedeutung von Sexualität hervorgehoben und dessen Analogie zum Begriff der "Dissozialität" betont werden soll. Auf Basis der Daten der Probanden aus den persönlichen Katamnesegesprächen bestimmt BEIER die Raten der weiterhin als "dissexuell" aktiven Personen. Zu beachten ist dabei, dass die zeitlichen Intervalle, in denen ein möglicher Rückfall im Sinne der erneuten bzw. fortbestehenden Dissexualität sich ereignet haben könnte, bei den einzelnen Untersuchungsteilnehmern eine sehr große und zudem unterschiedliche Spanne von 10 bis 28 Jahren aufweisen. Zwar ist in der Tat fraglich, inwieweit sich weit zurückliegende Begutachtungsfälle auf die heutige Situation übertragen lassen.316 Gleichwohl ist es bemerkenswert und stimmt in der Tendenz mit den internationalen Befunden überein, dass eine fortbestehende sexuelle Auffälligkeit in der Mehrheit der Fälle nicht festzustellen ist. Allerdings zeigt sich auch, dass unterschiedliche Formen sexueller Devianz hier zu trennen sind, und zwar sowohl im Hinblick auf erneute sexuelle Auffälligkeit als auch bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer erneuten Strafverfolgung. So war beispielsweise bei den Inzesttätern festzustellen, dass etwa ein Fünftel erneut dissexuell war, wovon aber nur jeder Vierte strafverfolgt wurde. Demgegenüber war die erneute Auffälligkeit bei Exhibitionisten zwar höher, zugleich wurden aber auch etwa drei Viertel von ihnen wieder strafverfolgt. Dieser Befund korrespondiert mit den Hinweisen auf deliktspezifisch unterschiedlich große Dunkelfeldanteile, die ihrerseits wiederum mit der Täter-Opfer-Beziehung im Zusammenhang stehen. Besonders auffallend ist, dass etwa die Hälfte der bi- oder homosexuellen Pädophilen weiterhin dissexuelle Verhaltensweisen zeigten, wovon jedoch nur die Hälfte auch strafverfolgt wurde. Weitere Binnendifferenzierungen lassen zudem erkennen, dass auch innerhalb der Deliktsgruppen wichtige Unterschiede bestehen. So zeigt sich beispielsweise für Inzestdelikte, dass pädophil motivierte Inzesttäter eine deutlich höhere Rückfälligkeit aufwiesen als die so genannten Konstellationstäter. Bei den pädophilen Tätern sind die Raten erneuter Dissexualität sowohl bei den bi- und homosexuell orientierten als auch bei den heterosexuell orientierten Pädophilen dann wesentlich höher (Rückfallquote 85%), wenn es sich bei der Pädophilie um eine Hauptströmung handelt, nicht aber jugendlichen unerfahrenen Tätern ohne eine derartige Ausrichtung (Rückfallquote 8%). Insgesamt verweisen diese Resultate darauf, dass eine Binnendifferenzierung der Art des sexuell abweichenden Verhaltens sehr bedeutsam ist, wenn es um die Einschätzung von Rückfallgefährdungen geht. Außerdem ist angesichts der Befunde zur Strafverfolgung weiter bestehender Dissexualität offenkundig 316

Vgl. LÖSEL, F., 1999a, S. 284.

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geboten, in der Interpretation von Rückfallanalysen, die sich alleine auf einschlägige Rückfälligkeit im Sinne entsprechender Verurteilungen gründen, recht zurückhaltend zu sein. 2.2.1.4 Kinderpornografie Kinderpornografie ist eine Form des sexuellen Missbrauchs, bei der sexuelle Missbrauchshandlungen von und mit Kindern gefilmt bzw. fotografiert werden.317 Die Herstellung kinderpornographischen Materials impliziert also von daher regelmäßig einen sexuellen Missbrauch von Kindern, der unter Strafe gestellt ist. Für diese Art der pornographischen Darstellungen in Form des sexuellen Missbrauchs von Kindern, die ebenso wie die Darstellung sexueller Handlungen von Menschen mit Tieren oder die Darstellung von sexuellen Gewalttätigkeiten, als "harte Pornografie" bezeichnet wird, galt schon vor den Änderungen durch das 27. Strafrechtsänderungsgesetz ein absolutes Verbreitungsverbot.318 Mit der Gesetzesänderung durch die Vorschriften des 27. Strafrechtsänderungsgesetzes vom 23.7.1993 wurde der Strafrahmen für die Herstellung und Verbreitung von kinderpornografischem Material erhöht. Ferner wurde auch der Besitz und das Beschaffen entsprechender Darstellungen unter Strafe gestellt.319 Der Gesetzgeber ist zu dieser Erweiterung des § 184 StGB veranlasst worden, nachdem sich durch den Videomarkt hier eine neue Form sexuellen Missbrauchs von Kindern entwickelt hat. Schon die bis dato geltenden Strafrechtsvorschriften verboten die Veröffentlichung und Verbreitung von Kinderpornografie und die dazu gehörenden Vorbereitungshandlungen; ein wirksames Vorgehen gegen die Täter scheiterte jedoch häufig am Nachweis des Verbreitungsvorsatzes.320 Seit 1995 nehmen nach den Erkenntnissen der polizeilichen Ermittlungspraxis die Fälle der Verbreitung kinderpornografischer Darstellungen im Internet kontinuierlich zu. Die Verwendung von digitalen Fotound Videokameras sowie von Scannern ermöglichen den Tätern heute eine kaum kontrollierbare Weitergabe von Kinderpornografie über das Internet ohne Zeit- und Qualitätsverluste. Preiswerte PC-Software erlaubt es auch dem wenig geübten Anwender, die abgespeicherten Bilder zu verändern oder neu zusammenzusetzen. Das Internet ist auf diese Weise zu dem vorherrschenden Medium für den Austausch von kinderpornografischen Bildern, Videosequenzen und sonstigen Darstellungen geworden.321 In Ermangelung entsprechender wissenschaftlicher Untersuchungen zur Herstellung, Verbreitung, Besitzverschaffung, Besitz und Nutzung kinderpornographischen Materials, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf die Erkenntnisse aus den polizeilichen Lagebildern zu diesem Problemkomplex. 2.2.1.4.1 Das kinderpornographische Material Die in den siebziger Jahren dominierenden Super- und Normal-8-Filme, die über dänische Firmen noch vor der Änderung des dänischen Strafrechts im Jahr 1980 legal in den Handel gelangten, wurden auf verschiedene Videosysteme überspielt und stellen - immer wieder kopiert und weiterverkauft - nach wie vor einen hohen Anteil des kinderpornografischen Materials heutiger Sicherstellungen dar. Aber auch die in Form von semi-professionellen Nachdrucken, Fotokopien oder Scans gehandelten Bilder aus "Lolita"Magazinen, die in der gleichen Zeit entstanden, zeigen, dass einmal veröffentlichte Kinderpornografie nicht wieder vom Markt verschwindet. Seit längerem wird auch eine Übernahme dieser Materialien auf digitale Speichermedien (PC-Festplatten, Disketten und CD-ROM) festgestellt. Der Markt wird jedoch immer noch - trotz der zunehmenden Nutzung des Internet - von Videofilmen dominiert. 317

Vgl. auch im Folgenden SCHNIEDERS, P. und M. LENZEN, 1995, S. 322. Vgl. Schroeder, F. C., 1993, S. 2581. 319 Unabhängig vom Recht des Tatortes gelten diese Vorschriften des deutschen Strafrechts im Hinblick auf Kinderpornografie nach § 184 Abs. 3, 4 StGB gemäß § 6 StGB auch für im Ausland begangene Taten, unabhängig von der Nationalität der Täter. Im Hinblick auf die §§ 176 bis 176b StGB gilt zudem gem. § 5 Nr. 8 StGB, dass diese Taten für deutsche Täter auch dann, wenn die Handlungen im Ausland begangen werden und dort nicht mit Strafe bedroht sind. 320 Vgl. BT-Drs. 12/3001 und BT-Drs. 12/4883. 321 Vgl. PAULUS, M., 2000; BERGER-ZEHNPFUND, P., 1996. 318

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Die Vermischung zwischen alten, neuen und nicht pornografischen Bildern, die beliebig oft kopiert werden, macht einerseits konkrete Aussagen über die Menge des tatsächlich vorhandenen Materials nahezu unmöglich. Andererseits wird auch das Erkennen neuer Bilder als Sachbeweis für die Bekämpfung eines möglicherweise noch andauernden sexuellen Missbrauchs von Kindern erschwert. In letzter Zeit wurden Videos aus japanischer Produktion festgestellt, die überwiegend sehr brutale Handlungen zeigten und offensichtlich gewerblich hergestellt und verbreitet wurden. Die Bekämpfung der Kinderpornografie stellte in Japan aufgrund fehlender Strafgesetze ein großes Problem dar und war auch der Grund für eine Vielzahl von japanischen Internetadressen, unter denen Kinderpornografie unverschlüsselt erreicht werden konnte. Inzwischen ist jedoch auch in Japan ein Gesetz zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern verabschiedet worden, das Herstellung, Verkauf, Verteilung sowie Ein- und Ausfuhr von Kinderpornografie untersagt. 2.2.1.4.2 Die Opfer Über jene kindlichen Opfer, die in den sechziger und siebziger Jahren in Super-8-Technik gefilmt oder fotografiert und in Magazinen veröffentlicht wurden, fehlen gesicherte Angaben fast vollständig. Aus den - nach den Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes vorliegenden - dargestellten Situationen lässt sich aber schließen, dass sie unter Beteiligung von Eltern, nahen Angehörigen oder anderen Personen aus dem engen persönlichen Umfeld missbraucht wurden. Diese Merkmale treffen auf die meisten der deutschen und europäischen Opfer zu, die in den letzten Jahren identifiziert werden konnten. Alle polizeilich bekannt gewordenen kinderpornografischen Filme mit Opfern europäischer Herkunft entstanden in einer über längere Zeit bestehenden Abhängigkeitssituation. Die Täter sind in einer Position, die es ihnen erlaubt, mit Autorität auf das Opfer einzuwirken. In der Mehrheit der in den letzten 15 Jahren in Deutschland aufgedeckten Fälle, die eine länger andauernde Produktion kinderpornografischen Bildmaterials zum Gegenstand hatten, sind die vor der Kamera missbrauchten Kinder auch an interessierte Kunden zum Missbrauch vermittelt und somit zuhälterisch ausgebeutet worden. Abweichend hiervon stellen sich Videos über den Missbrauch von Knaben dar. Hier scheint das Interesse der Täter und der Konsumenten der Bilder auf eine Altersgruppe gerichtet zu sein, die bereits eigene sexuelle Aktivitäten entwickelt, und deren eigene Sexualität schon weiter entwickelt sein "darf", als dies bei missbrauchten Mädchen der Fall ist. Schon anhand der Filme sind nicht selten Situationen zu erkennen, die die Herkunft der Opfer aus dem so genannten "Strichermilieu" vermuten lassen und deren Zugehörigkeit zur Altersgruppe unter 14 Jahren (Kinder) sich nur in wenigen Fällen eindeutig feststellen lässt. Bei den direkt in Videotechnik erstellten Filmen spielen Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern aus der Dritten Welt, vorwiegend aus Thailand und den Philippinen, noch immer eine wesentliche Rolle. Diese Filme werden zwischenzeitlich von Filmen und Fotos aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks zahlenmäßig überholt, in denen - ähnlich wie in Asien und Südamerika - das Strafverfolgungsrisiko für den Täter gering ist. 2.2.1.4.3 Polizeilich registrierte Vorfälle Auslöser für die in früheren Jahren eingeleiteten Ermittlungsverfahren waren mehrheitlich Fotolabors und Entwicklungsstudios, die entsprechendes Bildmaterial im Rahmen von Qualitätsstichproben hinsichtlich der Farbqualität der entwickelten Bilder feststellen. Zur Anzeigenerstattung werden jedoch immer häufiger die Homepages der im Internet vertretenen Polizeipräsidien und Landeskriminalämter sowie des Bundeskriminalamtes genutzt. Die seitens der Strafverfolgungsbehörden festzustellende zunehmende Zahl von Privatpersonen, die solche Delikte, die im Internet verhältnismäßig leicht zu entdecken sind, anzeigen, kann als Indiz für eine wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit hinsichtlich der Herstel-

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lung und Verbreitung kinderpornografischen Materials gewertet werden. Exakte Zahlen über die Anzeigebereitschaft und deren Wandel liegen bislang jedoch nicht vor. In der PKS werden Fälle "schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornographischer Schriften § 176a Abs. 2 StGB" gesondert erfasst. Hierbei dürfte es sich vermutlich regelmäßig um die Herstellung von Filmen oder sonstigen Bildmaterialien handeln. 1999 wurden 106 derartiger Fälle registriert. Sofern der sexuelle Missbrauch für die Produktion pornographischen Materials im Ausland stattgefunden hat, ist eine Erfassung ohnehin ausgeschlossen. Es ist jedoch für die Zukunft geplant, in der PKS künftig das Tatmittel Internet auszuweisen, so dass der Internetanteil an der polizeilich festgestellten Kinderpornografie beziffert werden kann. Seit 1995 werden der Besitz und die Besitzverschaffung von Kinderpornografie gemäß § 184 Abs. 5 StGB gesondert in der PKS ausgewiesen. Dies erlaubt zumindest für diesen Teilaspekt eine sachliche Einschätzung. Danach ist die Anzahl der registrierten Fälle von 1996 bis 1999 um etwa das Dreifache angestiegen. Inwieweit damit ein tatsächlicher Anstieg der Fälle verbunden ist oder hier in erster Linie eine erhöhte Kontrollintensität ihren Niederschlag findet, ist ungeklärt. Schaubild 2.2.1-2: Besitz/ Besitzverschaffung von Kinderpornografie gemäß § 184 Abs. 5 StGB (Anzahl der erfassten Fälle) 1996-1999 2.000

1.869 1.742

1.800

1.628

1.600 1.400 1.200 1.000 800

663

600 400 200 0 1996

1997

1998

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Zusätzlich wurden im Jahr 1999 insgesamt 245 Fälle nach § 184 Abs. 4 StGB registriert, in denen die Täter gewerbsmäßig oder als Bande kinderpornographisches Material hergestellt, verbreitet oder zugänglich gemacht haben. 1998 wurden 191 Fälle, 1997 wurden 253 Fälle und 1996 wurden 344 derartige Fälle polizeilich registriert. Diese Entwicklung zeigt also, anders als bei dem polizeilich registrierten Besitz und der Besitzverschaffung, zumindest im Hellfeld keine Zunahme an, eher Schwankungen im Bereich relativ niedriger Fallzahlen, im Vergleich zwischen 1996 und 1999 sogar einen gewissen Rückgang, wobei unklar ist, ob dies auf tatsächliche Rückgänge oder erhöhte Schwierigkeiten der Ermittlung und Aufdeckung zurückzuführen ist. 2.2.1.4.4 Koordinierungs- und Auswertestelle beim Bundeskriminalamt Im Rahmen der Zentralstellenfunktion wurde Anfang 1996 eine "Koordinierungs- und Auswertestelle für kinderpornographische Medien beim Bundeskriminalamt" eingerichtet, welche die gemeldeten Erkenntnisse länderübergreifend sammelt und auswertet. Die Zahl der seit 1996 zur Auswertung von den Länderdienststellen an das Bundeskriminalamt gesandten Videofilme (überwiegend Kinderpornografie, auch

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vermischt mit Tier-, Gewalt- und gewerbliche Pornografie sowie zweifelhaften FKK-Videos) ist von 75 Filmen im Jahr 1996 (321 Filme in 1997, 344 Filme in 1998) auf 807 Filme in 1999 angestiegen. Über die in den Jahren 1996 bis 1999 insgesamt in Deutschland sichergestellten kinderpornografischen Videofilme können keine Angaben gemacht werden, da nicht alle kinderpornografischen Videofilme von den Länderdienststellen und Justizbehörden dem Bundeskriminalamt zugänglich gemacht werden. 2.2.1.4.5 Tatverdächtige Eine Typisierung der Konsumenten von Kinderpornografie ist kaum möglich. Im Rahmen von Ermittlungsverfahren wurden Personen aus verschiedenen sozialen Milieus und gesellschaftlichen Schichten festgestellt. Aus der PKS 1999 zu Besitz und Verschaffung von Kinderpornografie nach § 184 Abs. 5 StGB lässt sich entnehmen, dass 96,5% der ermittelten Tatverdächtigen männlich und mehr als 90% erwachsen, d. h. älter als 21 Jahre sind. 96,7 % besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften handelt es sich in der Regel um männliche deutsche Erwachsene. 2.2.1.4.6 Justizielle Behandlung Die Anzahl der wegen Verbreitung oder Besitzes pornographischer Schriften angeklagten Personen hat in den letzten Jahren, parallel zu der gestiegenen Zahl registrierter Fälle, deutlich zugenommen. So stieg die Anzahl der wegen § 184 Abs. 4, 5 StGB angeklagten Personen von 24 im Jahr 1994 in den beiden Folgejahren deutlich an (1995: 94 Angeklagte; 1996: 79 Angeklagte) und erhöhte sich in den darauf folgenden beiden Jahren nochmals drastisch (1997: 156 Angeklagte; 1998: 252 Angeklagte). Fast alle Angeklagten wurden nach allgemeinem Strafrecht verurteilt (236 von 238 Verurteilten). Weit überwiegend wurden dabei Geldstrafen verhängt (in 211 von 236 nach allgemeinem Strafrecht verurteilten Fällen). Die Quote der zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten steig leicht an von 5% im Jahr 1995 über 8% im Jahr 1997 auf knapp 11% im Jahr 1998, wobei allerdings zu beachten ist, dass die Verurteilung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe in diesem Deliktsbereich die Ausnahme darstellt. So wurden 1998 zwei Angeklagte zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt, in den übrigen 23 Fällen wurden die Freiheitsstrafen zur Bewährung ausgesetzt. 2.2.1.5 Sextourismus und sexueller Missbrauch von Kindern Nach § 5 Nr. 8 StGB sind seit dem 27. Strafrechtsänderungsgesetz auch sexuelle Missbrauchshandlungen (gemäß §§ 176 bis 176b StGB) deutscher Täter, die im Ausland zu Lasten ausländischer Kinder begangen werden, nach den bundesdeutschen strafrechtlichen Bestimmungen unter Strafe gestellt, auch wenn am jeweiligen Tatort solches Handeln strafrechtlich nicht sanktioniert wird. Diese Regelung, mit der eine Strafbarkeitslücke geschlossen werden sollte, hat bislang jedoch offenkundig nicht zu einer größeren Anzahl von Verfahren geführt. So berichtet das Informationszentrum Kindesmisshandlung/ Kindesvernachlässigung, dass im Jahr 1998 lediglich 33 Strafverfahren gegen so genannte Prostitutionstouristen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs durchgeführt wurden, in denen es in acht Fällen zu einer Verurteilung kam. Nach Informationen der Kriminologischen Zentralstelle wurden für den Zeitraum von Oktober 1993 bis Januar 1998 51 Ermittlungsverfahren betreffend den sexuellen Kindesmissbrauch ausländischer Kinder durch Deutsche im Ausland eingeleitet. Die Verfahren betrafen 59 Tatverdächtige. Bis Januar 1998 wurden 13 der Beschuldigten verurteilt, bei 16 wurden die Verfahren eingestellt und bei 30 dauern die Verfahren noch an. Von den Verurteilungen erfolgen sieben in Deutschland und sechs im Tatortland. Die insgesamt nach diesen Informationen bislang geringe Zahl von Verfahren resultiert vermutlich aus Schwierigkeiten bei der Ermittlung und den relativ seltenen Anzeigen, die in einem Viertel der durch die Kriminologische Zentralstelle erfragten Fälle nur durch Fotos oder Videoaufzeichnungen veranlasst wurden. Ferner bestehen Probleme bei der Vernehmung von Zeugen. Teilweise fehlen auch noch Rechts-

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hilfeabkommen.322 Eine Anfrage der Kriminologischen Zentralstelle beim Bundeszentralregister erbrachte für im Ausland sanktionierten sexuellen Missbrauch Deutscher an Kindern für Thailand und die Philippinen, dass fünf Fälle im Register aufgeführt sind, bei denen teilweise sehr hohe Freiheitsstrafen von bis zu 50 Jahren ausgeurteilt wurden. Nach einer Studie der ESCAP323 nimmt der Sextourismus und der Missbrauch von Kindern im Osten und Süden Asiens zu.324 Genaue Zahlen darüber, wie viele Deutsche Männer als Sextouristen reisen und dabei in den aufgesuchten Ländern Kinder sexuell missbrauchen und wie sich diese Zahlen entwickelt haben, liegen indes nicht vor. Eine vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierte Studie zum Thema Sextourismus und Aids bietet hier erste Anhaltspunkte. In dieser Untersuchung wurde eine Verfügbarkeitsstichprobe 807 Sextouristen befragt, welche die Länder Thailand, Philippinen, Kenia, Brasilien und die Dominikanische Republik bereisten. Von den darunter erfassten 661 männlichen heterosexuellen Sextouristen gaben zwei Drittel an, für Sex Geld bezahlt zu haben. Etwa ein Fünftel erklärte, Sexualverkehr mit unter 19-Jährigen gehabt zu haben.325 Eine Umrechnung dieser Anfang der neunziger Jahre erhobenen, nicht repräsentativen Daten in eine Schätzung der jährlichen Zahl von Touristen, die in den jeweiligen Ländern Kinder sexuell missbrauchen, ist mit zahlreichen Unsicherheitsfaktoren behaftet. Die Autoren der Studie gelangen zu der Einschätzung, dass von etwa 200.000 bis 400.000 Sextouristen auszugehen sei, von denen 2.400 bis 4.800 sexuelle Beziehungen zu unter 16-jährigen Prostituierten aufgenommen hätten, wobei sie allerdings darauf hinweisen, dass diese Schätzung konservativ und vermutlich korrekturbedürftig sei.326 Sextourismus und damit verbundener Missbrauch von Kindern, die in zahlreichen Ländern Asiens, Afrikas, Südamerikas und Osteuropas zur Prostitution gezwungen und ausgebeutet werden, ist in den neunziger Jahren Gegenstand mehrerer internationaler und in der Bundesrepublik auch nationaler Kampagnen gewesen.327 Vom 27. bis 31. August 1996 fand in Stockholm der erste internationale Kongress gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern statt. Im Gefolge dieser Konferenz wurde seitens der Bundesregierung ein Arbeitsprogramm gegen Kindesmissbrauch, Kinderprostitution und Sextourismus vorgestellt, in dem Maßnahmen zu Prävention, Aufklärung, Opferschutz sowie zur internationalen Strafverfolgung vorgestellt werden.328 Auf europäischer Ebene wurde am 19.9.1996 durch das europäische Parlament eine Entschließung zur Bekämpfung von Pädophilie, Kinderprostitution und Kinderhandel verabschiedet, in denen unter anderem die Mitgliedstaaten aufgefordert werden, konkrete Maßnahmen gegen den Sextourismus sowohl in den Ausgangs- als auch in den Zielländern zu ergreifen.329 Im April 1998 fand in der Nachfolge des Stockholmer Weltkongresses eine Tagung des Europarates ins Straßburg statt, in der eine Bestandsaufnahme der seit Stockholm erfolgten Umsetzungen des Aktionsprogramms erfolgen und die internationale Kooperation vertieft werden sollte. Im Dezember 2001 findet, nach einer nationalen bundesdeutschen Konferenz im März 2001 in Berlin, der 2. Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in Jokohama/ Japan statt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass das Problem der kommerziellen Ausbeutung von Kindern national wie international eine hohes Maß an Beachtung gefunden hat und sich zahlreiche Organisationen mit diesem Thema befassen. In der Strafrechtspraxis ist bislang die in Deutschland erreichte Anzahl erfasster Fälle, soweit entsprechende Informationen zu diesem speziellen Deliktsbereich überhaupt zugänglich sind,

322

Vgl. IKK-Nachrichten, Nr. 1/2001, S. 12. Economic and Social Commission for Asia and the Pacific. 324 Vgl. DAMMERMANN, C., 2001. 325 Vgl. KLEIBER, D. und M. WILKE, 1995, S. 189. 326 Vgl. ebenda, S. 286. 327 Vgl. WUTTKE, G., 1998, S. 12 ff. 328 Vgl. Pressemitteilung des BMFSFJ Nr. 42 vom 29.7.1997. 329 Vgl. WUTTKE, G., 1998, S. 244. 323

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demgegenüber sehr gering. Die Forschungslage ist als unbefriedigend zu bezeichnen. Zwar liegen Berichte von Praktikern in größerer Zahl vor, wissenschaftlich fundierte Analysen sind mit Ausnahme der Studie von KLEIBER und WILKE, die sich auf den Anfang der neunziger Jahre bezieht, aktuell nicht verfügbar. Vor dem Hintergrund der von politischer Seite mehrfach betonten nationalen und internationalen Relevanz dieses Problems sind hier vermehrte Forschungsbemühungen dringend geboten. 2.2.1.6 Zusammenfassung und Ausblick In den neunziger Jahren hat der Gesetzgeber eine Vielzahl von gesetzgeberischen Maßnahmen durchgeführt, deren erklärtes Ziel die Verbesserung des Schutzes von Kindern vor sexueller Gewalt waren. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse aus Hell- und Dunkelfeldstudien zeigen dazu, dass dies zumindest nicht mit gestiegenen Fallzahlen im Bereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder innerhalb Deutschlands zu begründen ist, eher ist hier von rückläufigen Zahlen auszugehen. Von daher ist an erster Stelle zu betonen, dass eine die Schutzinteressen der Bevölkerung und insbesondere der Kinder ernst nehmende Form des Umgangs mit diesem Problem auch darauf verwiesen ist, aufklärend im Hinblick auf die tatsächlichen Risiken zu wirken und nicht zusätzliche Befürchtungen zu schüren, die sich unter Umständen nachteilig auf Kinder auswirken könnten, beispielsweise in einer aus Angst motivierten Beschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten. Aber auch die nach bisherigem Kenntnisstand eher rückläufigen Zahlen für Vorfälle innerhalb der Bundesrepublik sind kein Anlass zur Bagatellisierung des Problems. Vor diesem Hintergrund sind jene Maßnahmen, die auf eine Verbesserung therapeutischer Angebote für Sexualstraftäter gerichtet sind, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der Prävention und des Opferschutzes begrüßenswert. Die Realisierung der damit anvisierten Ziele macht es erforderlich, dass die Kapazitäten im Bereich der Sozialtherapie und der Versorgung mit ambulanten therapeutischen Angeboten auch tatsächlich bereitgestellt werden. Falsch wäre es, gerade in diesem Deliktsbereich unter der Perspektive knapper Ressourcen Opfer- und Täterinteressen als quasi antagonistisch zu betrachten. Unabhängig von der strafrechtlichen Bewertung der Reformen und Neuerungen der vergangenen Jahre ist festzuhalten, dass eine möglichst erfolgreiche Behandlung nicht nur für den Täter, sondern vor allem auch für die Allgemeinheit und deren Schutzinteresse von zentraler Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass die Orientierung an den Sicherheitsinteressen der Allgemeinheit, die in den jüngsten Gesetzesreformen eine besondere Betonung erfahren hat, nicht dahingehend wirkt, dass die für eine effektive Behandlung und Therapie erforderlichen Entlassungsvorbereitungen und die Aussicht auf Strafrestaussetzungen, die ein wesentliches Element von Therapiemotivation darstellen, zu sehr zurückgedrängt werden. Es liegen zahlreiche internationale aber auch nationale Studien über die Behandlung von Sexualstraftätern vor, an die anknüpfend Behandlungsprogramme konzipiert und deren Wirksamkeit evaluiert werden sollten.330 Dazu wird es neben den erforderlichen Angeboten auch entsprechende Ressourcen für eine begleitende Forschung geben müssen, da nur auf dieser Grundlage eine begründete Weiterentwicklung der Intervention erfolgreich initiiert werden kann. Ob die durch den Gesetzgeber vorgenommene Erhöhung der Strafrahmen im Bereich der Sexualdelikte gegen Kinder eine präventive Wirkung entfalten werden, erscheint indes zweifelhaft, insbesondere angesichts der nach allen vorliegenden Erkenntnissen geringen Anzeigequoten. Im Bereich des Opferschutzes wurden hingegen mit der Verbesserung der Situation kindlicher Zeugen wichtige Schritte in Richtung auf Vermeidung sekundärer Viktimisierungen getan. Was derzeit jedoch nicht ausreichend vorliegt, sind Untersuchungen zum Prozess der Bewältigung erlittener Schäden im Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch und die Konzipierung daran anknüpfender helfender und unterstützender Maßnahmen 330

Vgl. z. B. im Überblick LÖSEL, F., 1995, 1999.

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für Opfer. Angesichts internationaler Befunde, die zeigen, dass insbesondere junge Täter sexueller Gewalt gegen Kinder selbst in erheblichem Maße Opfer waren,331 sind derartige Bemühungen um Maßnahmen zur Verbesserung der Bewältigung solcher Erfahrungen auch unter präventiven Gesichtspunkten langfristig bedeutsam. Insgesamt ist der Stand der kriminologischen Forschung im Bereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder in mehrfacher Hinsicht als verbesserungsbedürftig anzusehen. So fehlen wiederholte Dunkelfeldstudien, um beurteilen zu können, inwieweit die im Hellfeld registrierten Veränderungen Entwicklungen des tatsächlichen deliktischen Geschehens widerspiegeln. Unzureichend erscheint derzeit auch noch der Kenntnisstand im Bereich langfristiger Untersuchungen zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern. Die Untersuchungen der Kriminologischen Zentralstelle haben hier dazu beigetragen, Lücken zu schließen. Gleichwohl sind weitere Studien vonnöten, mit denen auch der Bereich der im Dunkelfeld verbleibenden Sexualdelikte bei der Untersuchung beachtet wird. Völlig unzureichend ist die Forschungslage im Bereich der Kinderpornografie und des grenzübergreifenden sexuellen Kindesmissbrauchs im Zusammenhang mit Sextourismus. Hier ist der Kenntnisstand über die Verbreitung entsprechenden Verhaltens sowie die sozialen und psychologischen Merkmale von Tätern bzw. Konsumenten weitgehend auf das beschränkt, was aus dem Hellfeld bekannt wurde, was gleichfalls nur sehr dürftig erscheint.

2.2.2

Menschenhandel Kernpunkte

♦ Menschenhandel im Sinne des § 180b Strafgesetzbuch (StGB) umfasst Sachverhalte bei denen der Täter auf sein Opfer einwirkt, um es zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution bzw. zu sonstigen sexuellen Handlungen zu bestimmen. ♦ Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt, das ohne polizeiliche Aktivitäten in der Regel nicht erkannt wird. Die Anzeigebereitschaft ist als gering einzuschätzen. ♦ Die Opfer, fast ausnahmslos Frauen, stammen überwiegend aus wirtschaftlich schwächeren Ländern mit teilweise problematischen sozial-strukturellen Verhältnissen. ♦ Die Anzahl der in der PKS erfassten Fälle des Menschenhandels gemäß §§ 181, 180b StGB ist zwischen 1993 und 1996 erheblich angestiegen; danach ist allerdings ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. 1999 hat die Anzahl der registrierten Fälle, nach einem Rückgang um 67% im Vergleich zum Vorjahr, einen Tiefstand erreicht. ♦ Die schwierige Beweisführung im Zusammenhang mit Menschenhandelsdelikten führt oftmals zur Einstellung der Verfahren oder zu Verurteilungen wegen geringfügigeren, aber leichter zu beweisenden Straftatbeständen. Durch ein Kooperationskonzept zwischen Fachberatungsstellen und der Polizei, das speziell zum Schutz von Opferzeuginnen des Menschenhandels entwickelt wurde, wird versucht, diesem Problem entgegen zu wirken. ♦ Die Zahl der überwiegend zu Freiheitsstrafen Verurteilten hat zwischen 1993 und 1998 zugenommen. 2.2.2.1 Vorbemerkungen Menschenhandel ist eine besonders menschenverachtende Form der Kriminalität. Statistische Erhebungen belegen, dass sich das Delikt als Teil eines weltweiten illegalen Marktes auch in Deutschland etabliert hat. Dabei werden zunehmend Strukturen organisierter Kriminalität erkennbar. Erhebungen belegen, dass 77 der insgesamt 257 in der in der Bundesrepublik Deutschland geführten Ermittlungsverfahren von Dienststellen bearbeitet wurden, die für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zuständig sind.332

331 332

Vgl. z. B. RYAN, G., MIYOSHI, T. J., METZNER, J. L., KRUGMAN, R. D. und G. E. FRYER, 1996. Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, 2000d.

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Sowohl die Anwerbung der Frauen als auch die illegale Einreise werden in der Regel von internationalen Banden geplant und durchgeführt. Durch das 26. Strafrechtsänderungsgesetz vom 14.7.1992 wurde der Straftatbestand des § 181 Strafgesetzbuch (StGB) geändert (jetzt: schwerer Menschenhandel) und der Straftatbestand des § 180b (Menschenhandel) in das StGB eingeführt. Dadurch wurde das Delikt Menschenhandel, das Sachverhalte umfasst, bei denen der Täter auf sein Opfer einwirkt, um es zur Aufnahme und/oder Fortsetzung der Prostitution bzw. zu sonstigen sexuellen Handlungen zu bestimmen, weiter gefasst und unter schärfere Strafandrohungen gestellt. 2.2.2.2 Polizeiliche Ebene Menschenhandel gehört neben Delikten wie Zuhälterei, Prostitution und illegales Glücksspiel zur so genannten Milieukriminalität oder Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben und ist ein Delikt, bei dem sich Fahndungsansätze insbesondere durch Kontrollen im "Milieu" ergeben (Kontrolldelikt). Unterschiedliche Prioritätensetzungen bei der Kriminalitätsbekämpfung der Länder und verstärkter bzw. verdünnter Personalansatz einzelner Fachdienststellen können daher auch ursächlich für veränderte Verfahrenszahlen sein. Die Opfer kommen nur in Ausnahmefällen als Anzeigeerstatter in Betracht, da sie nicht nur als Opfer des Menschenhandels, sondern auch Täter u. a. der unerlaubten Einreise einzustufen sind. Zudem ist die Anzeigebereitschaft aufgrund von Drohungen der Täter mit Gewalt und Repressalien gegenüber den Frauen und ihren Angehörigen nach Rückkehr in ihre Heimat in der Regel gering. Opfer des Menschenhandels In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wurden 1999 insgesamt 831 Opfer des Menschenhandels registriert (1998: 1.189, 1997: 1.425, 1996: 1.473, 1995: 1.196, 1994: 938). Die Opfer, fast ausnahmslos Frauen, stammen überwiegend aus wirtschaftlich schwächeren Ländern mit teilweise problematischen sozial-strukturellen Verhältnissen. Während bis Ende der achtziger Jahre die Opfer überwiegend aus Südamerika, Thailand, Afrika und den Philippinen stammten, werden seit der Öffnung der Grenzen nach Osteuropa zu Beginn der neunziger Jahre und der damit verbundenen Reiseerleichterungen überwiegend Frauen aus Mittel- und Osteuropa Opfer des Menschenhandels. 1999 kamen fast 90% der Opfer aus den mittel- und osteuropäischen Staaten, darunter etwa 22% aus der Ukraine, 14% aus Polen, 11% aus Russland, 11% aus Litauen und 7% aus der Tschechischen Republik.333 Mittlerweile hat sich die Herkunft der Frauen von den direkt an Deutschland angrenzenden Ländern wie Polen und Tschechische Republik weiter nach Osten verschoben. Nunmehr stammt die Mehrzahl der Frauen aus der Ukraine. Polen und die Tschechische Republik sind inzwischen selbst zu Zielländer des Menschenhandels geworden. Auffallend hoch in Relation zur Bevölkerungszahl ist nach wie vor der Anteil der Frauen aus den baltischen Staaten Litauen und Lettland. Zum rechtlichen Status beim Grenzübertritt lagen zu 670 Opfern Angaben vor. Bei 280 Frauen erfolgte ein legaler Grenzübertritt. Die übrigen 390 Opfer reisten illegal in die Bundesrepublik ein. Frauen aus Ländern mit Visumpflicht werden meist mit gefälschten Papieren ausgestattet oder es werden bei deutschen Auslandsvertretungen Visa unter Vorspiegelung eines Reisezwecks erschlichen, für den auch falsche Unterlagen (fingierte Einladungen etc.) vorgelegt werden.334 Die Mehrzahl der Opfer (63%) ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Behauptungen, wonach Opfer des Menschenhandels „immer jünger werden“, lassen sich nicht belegen. Vermutet werden kann, dass die Domi-

333

Vgl. auch im Folgenden BUNDESKRIMINALAMT, 2000d. Wesentlich für die rechtliche Begründung der Illegalität der Einreise ist nicht entscheidend, ob die Frauen über ein gültiges Visum verfügen, sondern vielmehr die subjektive Absicht, eine Arbeit aufzunehmen. Dies ist zum Zeitpunkt der Einreise kaum objektiv feststellbar.

334

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nanz der Opfer zwischen 18 und 25 Jahren auf die einfachere Beschaffung von Ausweisdokumenten und Visa sowie die einfachere Einreise volljähriger Personen zurückzuführen ist. Durch den politischen und wirtschaftlichen Umbruch in den Staaten Mittel- und Osteuropas sind vor allem Frauen von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen.335 Die Bereitschaft der Opfer aufgrund vager Versprechungen nach Deutschland zu reisen, ist deshalb außerordentlich hoch. Nur bei 41 (7%) von 579 Opfern, zu denen entsprechende Angaben vorliegen, wurde bei der Anwerbung Gewalt ausgeübt. Die Täter nutzen die soziale Notlage und Perspektivlosigkeit der Frauen bewusst aus und locken sie meist unter Vorspiegelung seriöser Verdienstmöglichkeiten, z. B. im Hotel- und Gaststättengewerbe oder als Haushaltshilfe und Reinigungskraft, nach Westeuropa. Zu 579 der 801 Opfer liegen Angaben über die Art der Anwerbung vor. Knapp 43% der Opfer geben an, über den wahren Grund der Anwerbung getäuscht worden zu sein. Von 742 Opfern, zu denen entsprechende Angaben vorliegen, übten fast drei Viertel die Prostitution in Bars bzw. Bordellen aus. In 23% der Fälle waren die Frauen mit der Ausübung der Prostitution einverstanden, jedoch wurden viele der Opfer über die tatsächlichen Bedingungen der Prostitutionsausübung getäuscht. Den Frauen wurden meist enorme Verdienstmöglichkeiten und selbstbestimmtes Arbeiten in Aussicht gestellt. Zunächst hatten sie jedoch ihre "Schulden" (für Kauf, Unterbringung etc.) bei den Tätern abzuarbeiten; hierdurch wurde ganz gezielt ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen. Teilweise wurden die Opfer auch nach Rückkehr in ihre Heimat mit diesen "Schulden" konfrontiert, so dass eine erneute Prostitutionsausübung im Ausland als einziger Ausweg erschien. Teilweise wurden die Opfer mittels physischer oder psychischer Gewalt, wie schwere Körperverletzungen und Vergewaltigungen, Essensentzug, Verabreichung von Drogen und massiven Drohungen gefügig gemacht, um sie in die Prostitution zu zwingen oder dort zu halten. Gewalteinwirkung im Zusammenhang mit der Prostitutionsausübung wurde von 281 Opfern (53,2%) angegeben. Von 65 Opfern wurde bekannt, dass sie oder ihre Angehörigen bedroht worden sind. Entwicklung der Fallzahlen Die Anzahl der in der PKS erfassten Menschenhandelsdelikte ist zwischen 1993 und 1996 erheblich angestiegen; danach ist allerdings ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Vor allem 1999 ist die Anzahl der registrierten Fälle, im Vergleich zum Vorjahr, um 67% zurückgegangen (vgl. Schaubild 2.2.2-1). Schaubild 2.2.2-1: Entwicklung der registrierten Fallzahlen bei Menschenhandel 1993-1999 1.200

1.094

1.091 1.011

1.000

919 767

800 600

678 517

400 200 0 1993

1994

1995

1996

1997

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

335

Vgl. DREIXLER, M., 1998, S. 250 ff.

1998

1999

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Die Abnahme der registrierten Fallzahlen bedeutet allerdings nicht, dass Menschenhandel in der Bundesrepublik tatsächlich rückläufig sein muss. Zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang zwischen Menschenhandel im engeren Sinne, wie er in den Tatbeständen der §§ 180b, 181 StGB rechtlich definiert ist, und Menschenhandel im weiteren Sinne, der eine Vielzahl anderer Fallgestaltungen umfasst. Eine Abfrage bei den Landeskriminalämtern nach den Gründen für die seit 1995 zurückgehenden Zahlen polizeilicher Ermittlungsverfahren ergab, dass die Strafverfolgungsbehörden aufgrund des hohen Ermittlungsaufwands oder aufgrund von Schwierigkeiten in der Beweisführung bei Menschenhandel im engeren Sinne häufig wegen anderer Straftatbestände ermitteln. In solchen Fällen ist Menschenhandel in einem weiteren Sinne gegeben und wird z. B. als Verstoß gegen § 92 a AuslG (Schleusung), § 92b AuslG (gewerbs- und bandenmäßige Schleusung), § 180a StGB (Förderung der Prostitution) oder § 181a StGB (Zuhälterei) strafrechtlich definiert und verfolgt, so dass nicht alle aufgedeckten Straftaten in diesem Deliktsbereich auch unter der entsprechenden Rubrik in der PKS erfasst werden.

Tatverdächtige 1999 wurden in der PKS 734 Tatverdächtige des Menschenhandels registriert; das entspricht einem Rückgang von 33% gegenüber 1998. Nach Erkenntnissen aus dem Lagebild Menschenhandel336 des Bundeskriminalamtes dominieren bei den Tatverdächtigen - wie in den Vorjahren - deutsche (38,9%) und türkische (15,3%) Staatsangehörige.337 Von insgesamt 313 ermittelten deutschen Tatverdächtigen wurden 20% nicht in Deutschland geboren, sondern stammen hauptsächlich aus Russland, der Türkei, aus Polen und aus Kasachstan. Der Anteil der Frauen an den insgesamt ermittelten Tatverdächtigen betrug 16% und ist damit im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert. Schaubild 2.2.2-2: Anzahl der registrierten Tatverdächtigen des Menschenhandels 1993-1999 1.400 1.228 1.200

1.062

1.000

1.091

1.088

866 734

800 600

565

400 200 0 1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

336

Grundlage der Erhebungen zum Lagebild Menschenhandel sind ausschließlich die bei der Polizei wegen Verdachts des Menschenhandels im Sinne der §§ 180b und 181 StGB geführten Ermittlungsverfahren zum Nachteil ausländischer Staatsangehöriger. 337 Allerdings werden die im Ausland agierenden Tatverdächtigen in den meisten Fällen nicht zu Beschuldigten in Ermittlungsverfahren und sind deshalb im Lagebild überwiegend nicht erfasst.

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2.2.2.3 Justizielle Ebene Die Anstrengungen der Polizeien von Bund und Ländern zur Bekämpfung des Menschenhandels haben sich zeitweise in einer Erhöhung der ermittelten Fallzahlen niedergeschlagen. Auch die Zahl der nach §§ 180b, 181 StGB Abgeurteilten und Verurteilten hat sich seit 1993 in etwa verdreifacht. Bei den im Falle einer Verurteilung verhängten Sanktionen dominieren Freiheitsstrafen sehr deutlich. Die verhältnismäßig große Diskrepanz zwischen der Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen und der Anzahl der wegen Menschenhandels verurteilten Personen resultiert zu einem großen Teil aus den Beweisschwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Menschenhandel, die oftmals zur Einstellung der Verfahren oder zu Verurteilungen wegen geringfügigeren, aber leichter zu beweisenden Straftatbeständen führen.338 So bleibt von einer Anklage aufgrund von § 181 StGB oftmals nur eine Strafbarkeit wegen Förderung der Prostitution nach § 180a StGB, wegen Zuhälterei nach § 181a StGB oder auch wegen eines Vergehens nach § 92 AuslG übrig.339 Allerdings hat sich diese Diskrepanz verringert, wie aus der obigen Tabelle ersichtlich ist. Tabelle 2.2.2-1: Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte wegen Menschenhandel gemäß §§ 180b, 181 StGB, alte Länder 1993-1998* 1993

1994

1995

1996

1997

1998

Tatverdächtige

528

806

962

996

1.043

993

Abgeurteilte

75

97

164

205

184

220

Verurteilte Verurteilte in % der Tatverdächtigen Verurteilte in % der Abgeurteilten, davon verurteilt zu

47

80

120

153

147

164

9%

10%

12%

15%

14%

17%

63%

82%

73%

75%

80%

75%

- Freiheitsstrafe

39

70

109

138

134

157

- Geldstrafe

2

2

3

5

6

3

- Jugendstrafe

6

6

7

10

6

3

- Sonstige Sanktionen

0

2

1

0

1

1

* Tatverdächtige seit 1993, Abgeurteilte und Verurteilte seit 1995 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Die Beweisführung gestaltet sich deshalb häufig schwierig, weil bei Menschenhandel die Aussage des Opfers vor Gericht letztlich dafür entscheidend ist, ob es zu einer Überführung und Sanktionierung des Täters kommen kann. Dieses Delikt ist jedoch gekennzeichnet durch den weitgehenden Ausfall der Opfer als Anzeigeerstatter und Zeugen. Zum einen wird die Aussagebereitschaft durch Drohungen der Täter mit Gewalt und Repressalien gegenüber den Frauen und ihren Angehörigen nach Rückkehr in ihre Heimat beeinträchtigt. Aus diesem Grunde ist in entsprechenden Fällen ein Schutz der Frauen auch nach Rückkehr in ihr Heimatland erforderlich. Zum anderen erscheint den Frauen eine Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden kein Ausweg zu sein, da das Vertrauen in offizielle Behörden aufgrund schlechter Erfahrungen im Heimatland der Opfer oftmals fehlt. Zeugenschutzprogramme, welche die besondere Situation der Frauen berücksichtigen, kommt aus diesem Grunde eine wesentliche Bedeutung zu. Erfolg versprechende Ansätze hierfür bieten Kooperationskonzepte zwischen Fachberatungsstellen und der Polizei, die speziell für die Opferzeuginnen des Menschenhandels entwickelt worden sind.

338 339

Vgl. DREIXLER, M., 1998, S. 253. Vgl. DERN, H., 1991, S. 329 ff.

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Problematisch ist zudem, dass die betroffenen Frauen nicht nur als Opfer des Menschenhandels gelten, sondern auch gegen Bestimmungen des Ausländerrechtes verstoßen, da sie sich überwiegend illegal in Deutschland aufhalten. Selbst im Falle einer Anzeige oder Aussage gegen die Menschenhändler droht ihnen deshalb eine Abschiebung oder Ausweisung. Einmal in ihr Heimatland abgeschobene oder freiwillig zurückgekehrte Frauen sind häufig nicht mehr aufzufinden, und nur wenige Frauen sind bereit, wegen einer Gerichtsverhandlung nach Deutschland zurückzukommen. Nach deutschem Ausländerrecht besteht jedoch die Möglichkeit, den Frauen eine Duldung zu erteilen, wenn erhebliche öffentliche Interessen, z. B. eine Zeugenaussage vor Gericht, die vorübergehende Anwesenheit im Bundesgebiet erfordern. Eine solche Duldung ist 1999 in 109 Fällen erteilt worden. Zudem sind 27 der Opfer in den polizeilichen Zeugenschutz aufgenommen worden; 157 Opfer wurden durch eine Fachberatungsstelle betreut. Diese Betreuung durch Fachberatungsstellen hat Einfluss auf den Verbleib der Opfer. 83,5% der Opfer, bei denen eine Betreuung erfolgte, erhielten eine Duldung; dagegen wurden 88,7% der Opfer, bei denen keine Betreuung erfolgte, abgeschoben.340 2.2.2.4 Ausblick Die Bekämpfung des Menschenhandels ist kein ausschließlich polizeiliches Problem, sondern erfordert ein koordiniertes Vorgehen aller betreffenden Institutionen, sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene. Menschenhandel kann in den meisten Fällen nur dann effektiv verfolgt und zur Anklage gebracht werden, wenn aussagebereite und aussagefähige Zeugen/Zeuginnen zur Verfügung stehen. Zum Schutz und zur Betreuung von aussagewilligen Opferzeuginnen hat sich die Zusammenarbeit der Polizei mit qualifizierten Fachberatungsstellen bewährt. Die personelle und materielle Ausstattung der Fachberatungsstellen stellt in der Praxis jedoch häufig ein Problem dar. So können die von den einzelnen Ländern finanzierten Stellen den Bedarf oft nicht sachgerecht decken. Auch die Mittel aus dem Asylbewerberleistungsgesetz, die in der Regel zur Finanzierung des Opferaufenthaltes verwendet werden, sind zu gering und decken die entstehenden Kosten nicht. Hier besteht Handlungsbedarf. Dabei sollte die Forderung zur Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Opfer, die hier in Deutschland eine Duldung haben, geprüft werden. Bisher konnten die Frauen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nur in den seltensten Fällen eine Arbeitserlaubnis erhalten. Nach Auffassung von Fachleuten wäre die Gewährung einer Arbeitserlaubnis allerdings eine geeignete Maßnahme, die Frauen zu stabilisieren, ihnen ein Selbstwertgefühl zu geben und sie vor einem Abgleiten ins "Milieu" zu bewahren. Die Bekämpfung des Menschenhandels wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Täterstrukturen sowohl im Ziel- als auch im Herkunftsland aufzudecken. Da ein Schwerpunkt der Opfer- und Täterherkunft sowie der Täterstrukturen in den mittel- und osteuropäischen Staaten liegt, ist die Zusammenarbeit mit diesen Staaten vorrangig. Die Kooperation mit einigen MOE-Staaten hat sich in der letzten Zeit deutlich verbessert. Dies betrifft sowohl den alltäglichen Informationsaustausch als auch den Austausch operativer Erkenntnisse. Bewährt hat sich vor allem die Zusammenarbeit mit den Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes, die inzwischen in fast allen von Menschenhandel betroffenen Herkunftsstaaten eingesetzt sind. Die Zusammenarbeit mit den Staaten Mittel- und Osteuropas zur Bekämpfung des Menschenhandels wird zudem durch internationale und supranationale Organisationen wie die Vereinten Nationen (UN), die Europäische Union, Interpol, Europol, die Baltic Sea Task-Force on Organised Crime sowie die Southeast European Cooperative Initiative (SECI) fachlich unterstützt.

340

Berücksichtigt wurden nur die Fälle, in denen Angaben zum Verbleib der Opfer vorlagen.

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gleichbaren Daten. Eine Ergänzung und Überarbeitung des Systems der amtlichen Kriminal- und Rechtspflegestatistiken ist deshalb notwendig, damit es den aktuellen Informationsbedürfnissen der Strafverfolgungspraxis sowie der Kriminal- und Strafrechtspolitik Rechnung tragen kann. Dazu gehören neben einer bundesgesetzlichen Grundlage vor allem die Ergänzung und Überarbeitung des Systems der amtlichen Statistiken in diesem Bereich sowie die Durchführung periodischer, statistikbegleitender Dunkelfeldforschung. Soweit es um die Reform der amtlichen Kriminal- und Rechtspflegestatistiken geht, sind bei einem Ausbau Einsparpotentiale zu nutzen. Durch eine Reorganisation der Datenerfassung und der Meldewege lassen sich die derzeit noch vielfach erfolgenden Mehrfacherfassungen vermeiden, die Einzelstatistiken ausbauen und zugleich die Zuverlässigkeit der Datenerfassung erhöhen. Dies setzt eine Datenerfassung auf EDV-Basis voraus, aus der verschiedene Datensätze für unterschiedliche Meldewege gebildet werden können. Eine am Gesetzeszweck orientierte, die Evaluation ermöglichende Reform der Strafrechtspflegestatistiken würde deshalb die Justiz nicht belasten, sondern - von Mehrfacherhebungen und ad-hocZusatzerhebungen - entlasten, zugleich jedoch den Wirkungsgrad der Aufwendungen für die Statistik erhöhen und letztlich dem Gesetzgeber zu einer effizienteren Gesetzgebung verhelfen. Wie dieser Sicherheitsbericht zeigt, ist es weder auf der Grundlage des jetzigen, noch auf der Grundlage eines besser ausgebauten Systems der Kriminal- und Rechtspflegestatistiken möglich, Verläufe zu messen, also die Frage nach dem Verfahrensausgang bei den z. B. wegen Mordes oder Totschlags ermittelten Tatverdächtigen zu beantworten. Eine Verlaufsstatistik wird, weil technisch sehr aufwändig und wegen der großen Zeitdauer zwischen Ermittlung und rechtskräftigem Verfahrensabschluss, kaum realisierbar sein. Das mit einer Verlaufsstatistik angestrebte Ziel kann jedoch realisiert werden durch Schaffung eines Datenpools von langfristig vorzuhaltenden Individualdatensätzen der Einzelstatistiken für Zwecke wissenschaftlicher Auswertung. Die derzeit bereits existierenden Verfahren der kryptographischen Verschlüsselung der Personendaten erlauben es, die Daten so zu anonymisieren, dass für die Wissenschaft zwar noch die Möglichkeit besteht, die Einzeldatensätze personenbezogen zuzuordnen, es aber faktisch unmöglich ist, einen Bezug zu einer bestimmten Person herzustellen. Damit kann berechtigten Belangen des Datenschutzes Rechnung getragen werden. Diese Möglichkeit verdient nähere Prüfung.

2 2.1

Darstellung einzelner Kriminalitätsbereiche Gewaltkriminalität

Im Folgenden wird auf Umfang und Entwicklung der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität sowie auf Resultate kriminologischer Dunkelfeldforschung zu diesem Kriminalitätsbereich eingegangen. Der spezielle Bereich der Gewalt durch und gegen junge Menschen wird nicht an dieser Stelle abgehandelt, sondern im Schwerpunktkapitel 5, das sich mit jungen Menschen als Opfern und Täter von Kriminalität, darunter auch Gewaltkriminalität, befasst. Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird in Kapitel 2.2.1 behandelt, das Problem des Menschenhandels in Kapitel 2.2.2 Zum Problem der fremdenfeindlichen sowie allgemein der politisch motivierten Gewalt erfolgen umfangreiche Darlegungen in Kapitel 2.10, weshalb darauf an dieser Stelle ebenfalls nicht eingegangen wird.

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2.1.1

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Der Begriff der Gewaltkriminalität nach der Polizeilichen Kriminalstatistik Kernpunkte

♦ In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfolgt eine an den Erfordernissen einer eindeutigen Erfassung orientierte Eingrenzung des Gewaltbegriffs auf bestimmte Straftatbestände. Dadurch werden eine Reihe durchaus schwerwiegender, mit Gewalt verbundener Einzelfälle, die nicht von dieser Definition umfasst sind, aus der Betrachtung ausgeblendet. ♦ 1999 wurden 186.655 Gewaltdelikte polizeilich registriert, was einer Häufigkeitszahl von 228 Fälle je 100.000 der Wohnbevölkerung entspricht. Diese Gewaltdelikte machen etwa 3% aller im Jahre 1999 polizeilich registrierten Straftaten aus. Würde man entgegen der polizeilichen Definition auch die einfache Körperverletzung hinzuzählen, läge die Quote bei etwa 9%. ♦ Tötungsdelikte machen etwa 1,5% der polizeilich registrierten Gewaltdelikte aus. Den größten Anteil an den Gewaltdelikten haben die gefährlichen bzw. schweren Körperverletzungen mit 61,4% sowie Raub- und räuberische Erpressung, die etwa ein Drittel ausmachen. ♦ Bei etwa 13% der Gewaltdelikte handelte es sich 1999 um versuchte Tatbegehungen. Am höchsten liegt die Versuchsquote bei den vorsätzlichen Tötungsdelikten (ca. 65%), am niedrigsten bei den qualifizierten Körperverletzungen (7%). Die nachfolgenden Darlegungen knüpfen an den im Jahr 1990 veröffentlichten Untersuchungsbericht der Gewaltkommission der Bundesregierung zu den Entstehungsursachen, der Entwicklung, der Prävention und der Bekämpfung von Gewalt an.158 Wie dieser orientieren sich auch die folgenden Ausführungen im Hinblick auf den zugrunde gelegten Gewaltbegriff an einer Bund-Länder-Vereinbarung des Jahres 1983. Derzufolge werden unter dem Begriff "Gewaltkriminalität" eine Reihe von Delikten zusammengefasst, die der schweren oder zumindest mittelschweren Kriminalität zuzurechnen sind. Im Einzelnen sind dies folgende Straftatbestände: Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luft- und Seeverkehr. Mit dieser Definition werden nicht alle Straftaten erfasst, bei denen Gewalt angewandt wird. So fehlen etwa im Hinblick auf die personenbezogenen Gewaltdelikte die Nötigung oder die einfache Körperverletzung. Auch der sexuelle Kindesmissbrauch ist nicht Bestandteil dieser Gewaltdefinition. Gegen Sachen gerichtete Gewalt, beispielsweise Sachbeschädigung nach § 303 StGB, wird von dieser polizeilichen Definition nicht umfasst. Derartige Delikte wurden 1983 vor allem deswegen nicht in den Begriff der Gewaltkriminalität einbezogen, weil ihre durchschnittliche Tatschwere insgesamt betrachtet deutlich hinter der der oben genannten Straftaten zurückbleibt. In Kauf genommen wurde damit auch, dass etwa eine einfache Körperverletzung, bei der dem Opfer mit bloßen Fäusten ein Nasenbeinbruch, blutende Wunden und schwere Prellungen zugefügt werden, nicht als Gewaltkriminalität definiert wird. Auf der anderen Seite wird die eher harmlose Rangelei von zwei 15-jährigen Fußballfans, bei der der Stärkere dem Schwächeren die Fan-Mütze vom Kopf reißt, um sie als Siegestrophäe behalten zu können, strafrechtsdogmatisch als Raub und damit als Gewaltdelikt gewertet. Man kann das kritisieren, weil auf diese Weise nicht die jeweilige Tatschwere des einzelnen Falles zum entscheidenden Kriterium gewählt worden ist, sondern die juristische Zuordnung zu einem bestimmten Straftatbestand. Auf der anderen Seite muss beachtet werden, dass die der Polizei übertragene kriminalstatistische Erfassung von Straftaten möglichst klar und eindeutig geregelt werden muss. Wenn seitens der Polizei in jedem einzelnen Fall am Ende der Ermittlungen abgewogen werden sollte, wie schwer die Tatausführung und wie gravierend ihre 158

Vgl. SCHWIND, H. D., BAUMANN, J. u. a. (Hg.), 1990.

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Folgen für Opfer gewesen sind, so wäre die Zuordnung zur Kategorie der Gewaltdelikte in Anbetracht der individuell stark variierenden Bewertungsmaßstäbe mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet. Die Polizei ist in diesem Stadium ihrer Ermittlungsarbeit auf routinemäßig abzuwickelnde Arbeitsabläufe angewiesen. Es erscheint deshalb durchaus nachvollziehbar, dass man sich im Hinblick auf die statistische Registrierung a priori für eine Auswahl bestimmter Straftatbestände entschieden hat. Die Nachteile dieses juristischen Gewaltbegriffes werden im Interesse einer pragmatisch handhabbaren Lösung in Kauf genommen. Die Eingrenzung der Gewaltdefinition auf die oben genannten Delikte bedeutet, und dessen sollte man sich bewusst sein, eine Beschränkung auf einen Teilbereich der personenbezogenen Gewalt. 1999 wurden insgesamt 186.655 Gewaltvorfälle polizeilich registriert. Dies sind 228 Fälle bezogen auf 100.000 der Wohnbevölkerung. 209.471 Personen waren als Opfer betroffen, davon waren etwa 70% männlichen Geschlechts. 6,5% der Opfer waren Kinder unter 14 Jahren, weitere 15,4% waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, 12% waren Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren und mit 58,6% stellen die Erwachsenen zwischen 21 und 60 Jahren die Hauptgruppe der Opfer, wiewohl sie in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil damit unterrepräsentiert sind. Ältere Menschen ab 60 Jahre haben an den Opfern der Gewaltkriminalität einen Anteil von lediglich 6,3%. Die Aufklärungsquote lag bei 72,9%. Von den Tatverdächtigen waren 88,4% männlich. 56,3% waren Erwachsene ab 21 Jahre. Jugendliche (21,7%) und Heranwachsende (15,9%) sind unter den Tatverdächtigen überrepräsentiert. Kinder stellen einen Anteil von 6,1% der Tatverdächtigen, Nichtdeutsche Tatverdächtige machen einen Anteil von 37,7% aus. In 3,4% der Gewaltvorfälle war mit einer Schusswaffe gedroht worden, in 1,6% geschossen. Der Anteil der Gewaltkriminalität an den ca. 6,5 Millionen polizeilich registrierten Straftaten des Jahres 1999 beträgt 3%. Würde man auch die einfache Körperverletzung hinzurechnen, läge die Quote bei 9%. Tabelle 2.1-1 informiert über die Zusammensetzung der Straftaten, die in der PKS dem Oberbegriff Gewaltkriminalität zugeordnet werden. Es wird erkennbar, dass die im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehenden Tötungsdelikte nur 1,5% der insgesamt erfassten Gewalttaten ausmachen. Der Anteil der Vergewaltigung liegt mit 4,1% nur wenig höher. Bei drei Fünftel der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität handelt es sich um gefährliche/schwere Körperverletzungen. Etwa ein Drittel waren im Jahr 1999 Raubdelikte. Tabelle 2.1-1: Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 nach Deliktsgruppen Straftat

Fälle

davon Versuche in % von N

Gewaltkriminalität

186.655

12,7%

-

2.851 1,5% 7.565 4,1% 61.420 32,9% 114.516 61,4%

64,7%

-

Mord/Totschlag, Tötung a. Verl. Anteil an Gewalt Vergewaltigung* Anteil an Gewalt Raubdelikte Anteil an Gewalt gef./schwere Körperverletzung Anteil an Gewalt

24,2% 19,4% 7,3%

* und besonders schwere Fälle der sexuellen Nötigung Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Bei der gefährlichen Körperverletzung ist ferner zu beachten, dass diese neben der Begehung "mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs" vor allem auch die "gemeinschaftliche" Tatausübung umfasst. Damit gehören zu dieser Deliktsgruppe neben besonders brutalen Begehungsformen

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undifferenziert auch die jugendtypischen Konstellationen bei Raufhändeln unter Gruppen Jugendlicher. Diese sind im Regelfall gerade nicht durch besonders gefährliche Tatintentionen oder Tatausführungen gekennzeichnet. Zu beachten ist, dass es sich bei den vorsätzlichen Tötungsdelikten zu fast zwei Drittel um versuchte Tatbegehungen handelt. Auch bei Vergewaltigung und Raubdelikten fällt der Versuchsanteil mit etwa einem Viertel bzw. einem Fünftel relativ hoch aus. Nur zu den gefährlichen/schweren Körperverletzungen ergibt sich mit 7% eine sehr niedrige Versuchsquote. Zu beachten ist außerdem, dass auf der Ebene der Polizei gerade im Bereich der Gewaltkriminalität im Hinblick auf die strafrechtliche Einordnung eine Tendenz besteht, von der gravierenderen rechtlichen Wertung auszugehen und mithin den Schweregrad zu überschätzen.159 Dies ist bei den Versuchsdelikten zudem stärker ausgeprägt als im Falle vollendeter Tatbestände. Das konnte für Raub160, Vergewaltigung161 und Tötungsdelikte auch insofern empirisch gezeigt werden, als dass die rechtliche Qualifikation auf Ebene der Polizei nur zu einem sehr geringen Anteil im Gerichtsurteil Bestätigung fand. So wurden beispielsweise von den vollendeten Tötungsdelikten 46% auch auf der Gerichtsebene entsprechend der polizeiliche Ausgangsdefinition bewertet. Bei den versuchten Tötung belief sich dieser Anteil hingegen nur auf 16%.162 Eine Konsequenz dieser Zusammensetzung der als Gewaltkriminalität registrierten Straftaten liegt auf der Hand. Die Dominanz der gefährlichen/schweren Körperverletzung und der Raubdelikte führt dazu, dass sich selbst starke Veränderungen in der Häufigkeit der anderen Gewalttaten in der Gesamtzahl der registrierten Fälle von Gewaltkriminalität kaum niederschlagen. Sollten beispielsweise die polizeilich registrierten Tötungsdelikte und Vergewaltigungen innerhalb der nächsten zehn Jahre jeweils um die Hälfte zurückgehen, die Raubdelikte und gefährlichen/schweren Körperverletzungen sich aber jeweils um 5% erhöhen, dann hätte die Zahl der insgesamt registrierten Gewalttaten immer noch um etwa 2% zugenommen. Die Tatsache, dass die beiden für die Bürger bedrohlichsten Formen der Gewaltkriminalität drastisch abgenommen haben, würde bei einer Konzentration auf die Gesamtzahl der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität völlig in den Hintergrund treten. Es erscheint deshalb nötig, bei Längsschnittanalysen auch auf die Entwicklung einzelner Gewaltarten einzugehen. 2.1.2

Regionale Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität 1999 Kernpunkte

♦ Die polizeilichen Daten zeigen ein deutliches Stadt-Land-Gefälle der Gewaltbelastung. Dieser Unterschied ist allerdings aus mehreren Gründen überzeichnet. So ist zu beachten, dass ein beachtlicher Anteil der Opfer und Täter seinen Wohnsitz nicht in der Stadt hat. Die Gewaltvorfälle, an denen sie beteiligt sind, erscheinen zwar in der polizeilichen Statistik, die involvierten Personen werden jedoch nicht als Stadtbewohner in der Bevölkerungsstatistik erfasst, mit der Konsequenz, dass die Häufigkeitszahlen für Städte überhöht erscheinen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass in Großstädten auch die Anzeigebereitschaft höher ausfällt. ♦ Nach der PKS besteht ein Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung. Dieses beruht im Westen Deutschlands primär auf starken Unterschieden der jeweiligen Anteile der ländlichen bzw. großstädtischen Bevölkerung. Eine gewichtige Rolle spielt ferner die in Norddeutschland höhere Anzeigebereitschaft. Im Osten Deutschlands fällt das Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung weit stärker aus als im Westen. Hier spielen auch erhebliche Unterschiede der sozioökonomischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle.

159

Vgl. Kapitel 1, dort FN 85. Vgl. FÖRSTER, H.-J., 1986. 161 Vgl. STEINHILPER, U., 1986. 162 Vgl. SESSAR, K., 1981; s. a. Kapitel 1, FN 113. 160

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♦ Die regionalen Divergenzen der Gewaltbelastung stehen generell in einem Zusammenhang mit regionalen Unterschieden der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Menschen. Regionen mit hohen Gewaltbelastung sind durch höhere Quoten an Arbeitslosen, Scheidungen und Sozialhilfeempfänger gekennzeichnet. Je enger soziale Netzwerke geknüpft sind und je besser die Menschen in das Arbeitsleben integriert sind, umso niedriger fällt die Gewaltrate aus. In Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern wurden 1999 mit 486 Gewalttaten pro 100.000 der Bevölkerung 4,2mal soviel registriert wie in Dörfern und Kleinstädten bis zu 20.000 Einwohnern (HZ=115). Am ausgeprägtesten ist das Stadt-Land-Gefälle bei den Raubdelikten. Hier übersteigt die Häufigkeitszahl der Taten die der Dörfer und Kleinstädte um das 8,6fache, bei Tötungsdelikten bzw. den gefährlichen/ schweren Körperverletzungen dagegen nur um das Doppelte bzw. Dreifache. Vergewaltigungen wurden 1999 in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern dreieinhalb mal so oft registriert wie auf dem Lande. Zu beachten ist allerdings, dass die Anzeigebereitschaft der Gewaltopfer in Großstädten höher ausfällt als auf dem Lande oder in Kleinstädten. Hinzu kommt als weiterer Verzerrungsfaktor, dass in den größeren Städten zwar die entsprechenden Vorfälle geschehen und auch registriert werden, ein beachtlicher Teil der Gewaltopfer und Täter aber ihren Wohnsitz außerhalb haben (Pendler, Touristen und Durchreisende). Diese werden in der Bevölkerungsstatistik, die sich am Wohnort orientiert, nicht erfasst, mit der Folge, dass die pro 100.000 der Wohnbevölkerung berechneten Häufigkeitszahlen in Großstädten überhöht ausfallen. Auf der anderen Seite dürften die durch repräsentative Opferbefragungen ermittelten StadtLand-Unterschiede der Gewaltbelastung tendenziell zu niedrig liegen. Sie begünstigen die Großstädte, weil dort bestimmte Bevölkerungsgruppen mit hohen Opferrisiken, die von Befragungen meist nicht erreicht werden, einen höheren Anteil der Wohnbevölkerung ausmachen als auf dem Land (Obdachlose, Personen aus dem Rotlichtmilieu und der Drogenszene, Migranten, soziale Randgruppen). Der StadtLand-Unterschied der Gewaltbelastung wird vermutlich zwischen dem liegen, was die PKS ausweist (4:1) und dem, was durch repräsentative Opferbefragungen ermittelt wurde (etwa 2:1). Tabelle 2.1-2: Häufigkeitszahlen der Gewaltkriminalität nach Ortsgrößenklassen 1999 Tatortverteilung in % bzw. pro 100.000 Einwohner Straftat

Gewaltkriminalität Taten pro 100.000 Einwohner -

Mord/Totschl., Töt. auf Verl.

-

Raubdelikte gef./schw. Körperverletzung

-

Vergewaltigung

bis 20.000

20.000 bis

100.000 bis

500.000 und

Einwohner

100.000 Einw.

500.000 Einw.

mehr Einw.

42,7*

26,6*

16,3*

14,4*

21,6%

25,3%

22,3%

30,8%

114,9

216,0

311,1

486,1

2,6

3,7

3,9

5,2

5,4

8,9

10,5

18,9

23,7 82,8

65,8 137,3

108,8 187,4

204,0 257,5

Körperverl. m. tödl. Ausg.

0,3

0,4

0,4

0,4

erpress. Menschenraub Geiselnahme

0,1 0,1

0,1 0,1

0,1 0,1

0,2 0,2

* prozentualer Anteil dieser Gemeindegrößenklasse an der Wohnbevölkerung der gesamten Bundesrepublik am 1.1.1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

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In der nachfolgenden Tabelle 2.1-3 werden die verschiedenen Ortsgrößen in unterschiedlichen Regionen der Bundesrepublik verglichen. Den Nord-Westen bilden die Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen; Nordrhein-Westfalen und Hessen werden zur Region Mitte-Westen zusammengefasst, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern zur Region Süd-Westen. In den neuen Ländern bilden Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Region Nord-Osten und Thüringen sowie Sachsen den Süd-Osten. Berlin wird in Anbetracht seiner Bevölkerungszusammensetzung (zu etwa 60% West und 40% Ost) sowie seiner geographischen Lage gesondert ausgewiesen. Tabelle 2.1-3: Polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 1999 in fünf Regionen der Bundesrepublik und Berlin, Tatortverteilung nach der Gemeindegröße NW

MW

SW

NO

SO

Be

Gewaltkriminalität

Insgesamt

HZ

westl. Bundesländer Nord-Westen Mitte-Westen Süd-Westen 273,1 230,9 158,5

neue Bundesländer Nord-Osten Süd-Osten 263,3 179,8

bis 20.000 Einwohner

HZ % der Bev

125,2 40,6%

112,1 22,1%

98,4 59,3%

174,5 59,3%

109,8 56,2%

bis 100.000 Einwohner

HZ % der Bev

250,9 25,8%

191,4 37,6%

195,3 21,8%

339,0 25,7%

220,4 22,7%

bis 500.000 Einwohner

HZ % der Bev

368,9 12,4%

291,3 24,1%

258,9 12,5%

484,5 15,0%

323,2 21,0%

ab 500.000 Einwohner

HZ % der Bev

522,9 21,2%

394,1 16,2%

391,2 6,4%

Berlin Be 613,7 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 613,7 # 100,0% 1

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Im Vergleich der fünf Regionen zeigt sich ein beachtliches Nord-Süd-Gefälle der polizeilich registrierten Gewaltbelastung. Im Jahr 1999 wurden pro 100.000 Einwohner in der Region Nord-Westen fast drei Viertel mehr Gewalttaten registriert als im Süd-Westen der Republik. Für die neuen Länder zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gewaltbelastung der Region Nord-Osten übersteigt die des Süd-Ostens um den Faktor 1,5. Die Region Mitte-Westen weicht mit ihrer Häufigkeitszahlen nur geringfügig vom Durchschnitt der Bundesrepublik ab. Im Westen der Republik relativiert sich das Nord-Süd-Gefälle der Gewaltkriminalität erheblich, wenn man die Siedlungsstrukturen berücksichtigt. In der Region Mitte-Westen lebt nur gut ein Fünftel in den relativ niedrig belasteten Dörfern und Kleinstädten, im Nord-Westen sind es zwei Fünftel, im Süden sowie den beiden ostdeutschen Regionen dagegen fast drei Fünftel. Zwar ergibt sich auch für diesen Siedlungstyp im Westen Deutschlands ein beachtliches Nord-Süd-Gefälle der Gewaltbelastung. Es fällt aber bei weitem nicht so groß aus, wie das, was sich für die neuen Länder abzeichnet. Die hohe Gewaltbelastung des Nord-Westens beruht in starkem Maße darauf, dass dort gut ein Fünftel der Menschen in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern leben. Im Süd-Westen trifft das nur für 6,4% der Bevölkerung zu. Unterstellt man, der Nord-Westen und die Region Mitte-Westen hätten dieselbe Siedlungsstruktur wie der Süd-Westen, würde sich die NW-Höherbelastung gegenüber dem Süden vom 1,7fachen auf das 1,3fache reduzieren. Die Region Mitte-Westen wäre dann im Verhältnis zum SüdWesten nur um den Faktor 1,1 höher belastet. Im Westen Deutschlands beruhen die großen Divergenzen, der Regionen also überwiegend auf Unterschieden der Siedlungsstruktur. Für den Osten Deutschlands ergibt sich dagegen ein umgekehrtes Bild. Das Nord-Süd-Gefälle ist in den neuen Ländern im Vergleich der Siedlungstypen noch stärker ausgeprägt als es sich im Vergleich der beiden Regionen zeigt. Dies ist die Folge davon, dass dort im Süden ein höherer Anteil der Bevölkerung in den hoch belasteten Städten

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mit 100.000 bis 500.000 Menschen lebt als im Norden. Der größte Unterschied der Häufigkeitszahl der Gewalt ergibt sich hier im Vergleich der Dörfer und Kleinstädte. Sie sind in der Region Nord-Osten um fast drei Fünftel höher belastet als im Süd-Osten. Im Ost-West-Vergleich wird erst durch die Differenzierung nach Ortsgrößen erkennbar, dass die ausgeprägtesten regionalen Unterschiede der Gewaltbelastung im Verhältnis des Nord-Ostens zum Süd-Westen bestehen. Die Häufigkeitszahlen der drei Siedlungstypen übersteigen hier die des Süd-Westens um etwa das 1,8fache. Aber auch im Vergleich der beiden Nordgebiete zeigt sich bei der Gegenüberstellung der Zahlen zu den Ortsgrößen für den Osten eine deutlich höhere Gewaltbelastung. Am stärksten divergieren hier die Häufigkeitszahlen der Dörfer und Kleinstädte bis 20.000 Einwohner. Die Tatsache, dass sich insgesamt für den Nord-Westen eine höhere Belastung ergibt als für den Nord-Osten, ist ausschließlich die Folge der unterschiedlichen Siedlungsstrukturen sowie davon, dass Berlin trotz seiner geographischen Lage nicht dem Nord-Osten zugerechnet wurde. Berlin selber weist im Vergleich der Großstädte mit 613,7 Gewalttaten pro 100.000 Einwohner die höchste Belastung auf. Die Frage, wie diese regionalen Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltbelastung zu erklären sind, ist bisher nicht systematisch untersucht worden. Dies gilt sowohl im Hinblick auf das starke StadtLand-Gefälle wie auch in Bezug auf die großen Unterschiede, die sich insbesondere im Vergleich der Häufigkeitszahlen von Städten und Gemeinden im Nord-Osten der Republik mit denen derselben Ortsgrößenklasse im Süd-Westen gezeigt haben. Es gibt allerdings Einzeluntersuchungen, die verschiedene Erklärungsangebote nahe legen. Mehrere Studien bieten empirische Anhaltspunkte dafür, dass die festgestellten Divergenzen zumindest teilweise auf regionalen Unterschieden der ökonomischen Strukturen sowie der Stärke und Bindungskraft sozialer Netzwerke beruhen.163 So fand OHLEMACHER bei einer Analyse von Landkreisen, Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen neben einem Effekt von Armut auf die Rate registrierter Raubdelikte auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Urbanisierung sowie sozialer Desorganisation (Scheidung und Mobilität) einerseits und Raub sowie personalen Gewaltdelikten andererseits, womit multivariat ein erheblicher Anteil der Varianz der registrierten Delikte zwischen den untersuchten Regionen aufgeklärt werden konnte. Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind damit freilich nicht nachgewiesen. Da den Berechnungen nicht Individual-, sondern Aggregatdaten von Regionen zugrunde liegen, ist eine Schluss auf die Ebene von Personen nicht zulässig; dies wäre ein so genannter ökologischer Fehlschluss. Es liegen jedoch weitere empirische Befunde vor, die im Zusammenhang mit theoretischen Überlegungen die These stützen, dass soziale Belastungen mit einer Erhöhung des Risikos von Gewaltdelikten einhergehen. So zeigt sich, dass eingeschränkte ökonomische Ressourcen bei den betroffenen Familien das Ausmaß gemeinsamer familiärer Tätigkeiten reduzieren und gleichzeitig das innerfamiliäre Klima erheblich belasten.164 Armut ist ein Stressfaktor, der Konflikte schafft und deren Bewältigung erschwert. Die vor diesem Hintergrund entstehenden emotionalen Belastungen, aggressive wie auch depressive Tendenzen, erschweren es Jugendlichen aus solchen Familien, den schulischen und betrieblichen Anforderungen gerecht zu werden. Mit schulischem Scheitern wird auch Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher. Der Anschluss an deviante Cliquen, in dem Bestreben, fehlende Anerkennung und Gefühle der Benachteiligung zu kompensieren, wird subjektiv sinnvoll. Die aggregierten Daten der unterschiedlichen Regionen lassen vermuten, dass sich dieser Zusammenhang von ökonomischen Problemen, familiären Konflikte und Jugenddelinquenz, insbesondere auch Gewaltdelinquenz, nicht nur in speziellen Wohngebieten, sondern in ganzen Regionen etabliert hat. In diesem Zusammenhang ist ergänzend auf einen Problembereich hinzuweisen, der vor allem in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert wird: Kriminalität als Standortfaktor bei ökonomisch relevanten 163

Vgl. PFEIFFER, C. und T. OHLEMACHER, 1995, sowie OHLEMACHER, T., 1995, der zugleich einen Überblick über die internationale Literatur bietet. 164 BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (Hg.), Zehnter Kinder- und Jugendbericht, S. 92 f., 113.

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Planungen und Entscheidungen. Hohe Gewaltbelastung bzw. generell hohe Belastung mit Kriminalität überhaupt kann ein relevantes Kriterium für Investitionsentscheidungen von Unternehmen in bestimmten Regionen sein. ENTORF und SPENGLER gehen anhand ökonometrischer Modellrechnungen davon aus, dass entsprechende Wirkungen für Deutschland angenommen werden dürfen.165 Die empirische Evidenz ist freilich unsicher. Allerdings zeigen multivariate Analysen für andere europäische Staaten und Regionen einen Zusammenhang der registrierten Kriminalität mit Indikatoren der wirtschaftlichen Lage und des sozialen Zusammenhalts.166 Die dargestellten regionalen Unterschiede der registrierten Gewaltdelikte sind im Sinne dieser theoretischen Erwägungen konsistent mit einigen ökonomischen Indikatoren. So lässt sich sowohl für die alten als auch für die neuen Länder ein deutliches Nord-Süd-Gefälle der Arbeitslosenraten feststellen. Im Westen belief sich die Arbeitslosenquote der männlichen erwerbsfähigen Bevölkerung in den norddeutschen Ländern (Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen) im Jahresdurchschnitt 1999 auf 10,4%. In der Region Mitte (Nordrhein-Westfalen und Hessen) betrug diese Rate 9,6%, während sie im südlichen Bereich der alten Länder (Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland) bei 6,5% lag. In den neuen Ländern finden sich jeweils höhere Arbeitslosenraten, wobei auch dort ein NordSüd-Gefälle zu konstatieren ist. So liegt die Arbeitslosenquote in den nördlichen Gebieten (MecklenburgVorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt) bei 16,4%, in den südlichen Gebieten (Sachsen, Thüringen) hingegen bei 13,9%.167 Die oben dargestellten regionalen Unterschiede der polizeilich registrierten Gewaltbelastung sind aber nicht nur ein Ausdruck erhöhter Belastung mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen, sondern offenkundig auch die Folge regionaler Unterschiede der Anzeigebereitschaft, wie Dunkelfeldbefunde zeigen.168 Menschen, die in relativ intakten sozialen Netzwerken leben, tendieren offenbar eher dazu, auf Gewalttaten mit informellen Konfliktlösungsstrategien zu reagieren. Ferner erscheint es plausibel, dass es in der größeren Anonymität von städtischen Lebensverhältnissen häufiger zu förmlichen Anzeigen kommt, wenn das Opfer in seinem Umfeld wenig soziale Unterstützung erfährt und wenn ihm der oder die Täter völlig fremd sind. 2.1.3

Entwicklung der Fallzahlen und Aufklärungsquoten der Gewaltkriminalität in der PKS Kernpunkte

♦ Nach einer achtjährigen Phase weitgehender Stabilität ist für die Zeit von 1990 bis 1997 eine Zunahme der polizeilich registrierten Gewaltbelastung um knapp ein Drittel zu verzeichnen. In den letzten drei Jahren zeigen sich jedoch wieder stabile Häufigkeitszahlen. ♦ Die polizeiliche Aufklärungsquote ist vom Anfang der siebziger Jahre bis 1993 stark gesunken. Seitdem ist sie jedoch wieder angestiegen (von 66% auf 72%). ♦ Die polizeilich registrierten Tötungsdelikte weisen seit 1993 eine sinkende Tendenz auf. Im Hinblick auf die angezeigten Vergewaltigungen ist bis Mitte der neunziger Jahre ein Rückgang zu verzeichnen; seitdem ist es wieder zu Anstiegen gekommen. Gerade bei Vergewaltigungen muss jedoch von einem beachtlichen Dunkelfeld ausgegangen und beachtet werden, dass es zu Gesetzesänderungen gekommen ist sowie im Zuge der öffentlichen Sensibilisierung ein Anstieg der Anzeigebereitschaft anzunehmen ist.

165

Vgl. ENTORF, H. und H. SPENGLER, 2000a. Vgl. ENTORF, H. und H. SPENGLER, 2000b. 167 Eigene Berechnungen auf Basis von Daten der Bundesanstalt für Arbeit. 168 Vgl. dazu weiter unten. 166

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♦ Der registrierte Anstieg der Gewaltbelastung beruht vor allem darauf, dass die Zahl der Raubdelikte, die pro 100.000 Einwohner gezählt wurde, zwischen 1980 und 1997 um etwa das Doppelte zugenommen hat. Für die letzten beiden Jahre ist hier allerdings ein Rückgang zu verzeichnen. Ferner ist die Häufigkeitszahl der gefährlichen/schweren Körperverletzung im Verlauf der neunziger Jahre um gut ein Viertel angewachsen. ♦ Es gibt Hinweise darauf, dass der insgesamt eingetretene Anstieg der registrierten Gewaltkriminalität auch auf einer Zunahme der Anzeigebereitschaft der Gewaltopfer beruht. In Westdeutschland hat die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten pro 100.000 der Bevölkerung zwischen 1971 und 1980 von 97,8 auf 161,7 zugenommen. In den achtziger Jahren gab es demgegenüber nur einen moderaten Anstieg der Häufigkeitszahl um 13,8 Taten. In den neunziger Jahren ist dann jedoch wieder eine deutliche Zunahme zu verzeichnen (HZ: +53,2 Taten). Auffallend ist allerdings, dass die Häufigkeitszahlen während der letzten drei Jahre fast konstant geblieben sind. In den neuen Ländern lag die Häufigkeitszahl der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität im Jahr 1993 zunächst noch deutlich unter den Zahlen des Westens. Die Gewaltbelastung stieg dann aber bis 1999 fast auf Westniveau an und dies, obwohl es in den neuen Ländern keine Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern gibt. Im Hinblick auf die festgestellte Zunahme der Gewaltkriminalität in Ost- und Westdeutschland muss jedoch auf die Bedeutung der Anzeigequote hingewiesen werden. Sowohl die Anfang 2000 in vier Städten wiederholte Schülerbefragung des KFN wie auch Längsschnittanalysen für Bochum169 legen nahe, dass die Anzeigebereitschaft gegenüber Gewalttaten in den letzten Jahren angestiegen ist. Diese Befunde relativieren insoweit die Aussagekraft der PKS-Daten. Gesicherte Erkenntnisse zu der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Gewaltkriminalität real angestiegen oder gesunken, ließen sich freilich nur dann treffen, wenn in der Bundesrepublik, nach dem Vorbild einiger anderer Staaten, regelmäßig wiederholte, repräsentative Opferbefragungen durchgeführt würden.170 Die Aufklärungsquoten der Gewaltkriminalität sind in den alten Ländern vom Höchststand des Jahres 1971 (77,5%) laufend gesunken und erreichten im Jahr 1993 im Westen ihren Tiefpunkt von 66,4%. Seitdem ist jedoch wieder eine Aufwärtsentwicklung zu beobachten (1999: 72, %). In den neuen Ländern ist im gleichen Zeitraum ein noch deutlicherer Anstieg der Aufklärungsquote zu verzeichnen (von 60,1% auf 75,4%). Allein diese Zunahmen haben, selbst wenn die Fallzahlen real konstant wären, zur Folge, dass in Ostdeutschland die Zahl der polizeilich registrierten Tatverdächtigen zwischen 1993 und 1999 um etwa ein Viertel ansteigt.171 Die nachfolgenden Tabellen 2.1-4 bis 2.1-7 zeigen für die vier zentralen Delikte bzw. Deliktgruppen der Gewaltkriminalität, dass die seit 1971 zu beobachtende Längsschnittentwicklung recht unterschiedlich verlaufen ist. Pro 100.000 der Wohnbevölkerung ist die Zahl der polizeilich registrierten Tötungsdelikte seit 1971 fast unverändert geblieben. Der zwischen 1990 und 1993 zu beobachtende Anstieg der Häufigkeitszahl steht dazu nicht im Widerspruch. Bis 1997 hatte die zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität zu einer beachtlichen Zahl von früheren Fällen des Schusswaffengebrauches durch Staatsbedienstete der ehemaligen DDR an der Grenze zu West-Berlin und zur Bundesrepublik ihre Ermittlungen abgeschlossen und diese dann als vorsätzliche Tötungsdelikte in der PKS dieser Jahre regist169

SCHWIND, H. D., FETCHENHAUER, D., AHLBORN, W. und R. WEIß, 2000; PFEIFFER, C. und P. WETZELS, 1999. So etwa der British Crime-Survey, der von der Research- and Planning-Unit des Home-Office seit 1982 bislang achtmal durchgeführt wurde (1982, 1984, 1988, 1992, 1994, 1996, 1998 und 2000); vgl. KERSHAW, C., BUDD, T., KINSHOTT, G., MATTINSON, J., MAYHEW, P. und A. MYHILL, 2000. 171 Tatsächlich ist eine Zunahme der Tatverdächtigen um 57,3% zu verzeichnen. Der im Vergleich zur Erhöhung der Aufklärungsquote noch stärkere Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass sich im gleichen Zeitraum auch die Zahl der registrierten Gewalttaten von 25.461 auf 31.096 erhöht hat (+22,1%). 170

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riert. Die genaue Anzahl dieser Fälle lässt sich allerdings nicht beziffern. Beachtung verdient schließlich bei den Tötungsdelikten die Tatsache, dass deren Häufigkeitszahl in den letzten beiden Jahren mit 3,5 Fällen pro 100.000 Einwohner den niedrigsten Stand erreicht hat, der seit 1971 gemessen wurde. Tabelle 2.1-4: Längsschnittentwicklung der vorsätzlichen Tötungsdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Mord, Totschlag, Tötung auf Verl. erfaßte Fälle HZ Aufkl. in %

1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2.464 4,0 95,1%

2.705 4,4 95,5%

2.387 3,8 94,6%

4.230 5,2 82,0%

3.725 4,6 87,3%

3.928 4,8 88,3%

3.500 4,3 92,1%

3.288 4,0 92,9%

2.877 3,5 95,4%

2.851 3,5 94,5%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Häufigkeitszahl der Vergewaltigung ist seit Anfang der siebziger Jahre bis 1996 - von geringen Schwankungen abgesehen - kontinuierlich gesunken. Der zuletzt eingetretene Anstieg kann nicht als Anzeichen einer Trendwende gewertet werden. Er dürfte zum einen die Folge des 33. Strafrechtsänderungsgesetzes sein, das den Anwendungsbereich der Strafvorschrift gegen Vergewaltigung mit Wirkung vom 5. Juli 1997 erheblich erweitert hat. Zudem ist anzunehmen, dass die Anzeigebereitschaft der Opfer dieses Deliktes zugenommen hat, wie beispielsweise die Resultate der KFN-Schülerbefragung nahe legen.172 Besonders erfreulich ist, dass die Aufklärungsquote der Vergewaltigung im Jahr 1999 den höchsten Stand erreicht hat, den es in der Bundesrepublik Deutschland je gegeben hat. Dies dürfte auch Folge der bundesweiten Einführung von DNA-Analysen sein, welche die Möglichkeit verbessert haben, Tatverdächtige der Vergewaltigung zu überführen. Gleiches gilt im Hinblick auf vorsätzliche Tötungsdelikte. Tabelle 2.1-5: Längsschnittentwicklung der Vergewaltigung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) 1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998*

1999

erfaßte Fälle

6.555

6.904

5.112

6.376

6.095

6.175

6.228

6.636

7.914

7.565

HZ Aufkl. in %

10,7 73,2%

11,2 72,0%

8,2 70,3%

7,9 70,3%

7,5 73,6%

7,6 73,5%

7,6 75,9%

8,1 76,0%

9,6 77,8%

9,2 79,0%

Vergewaltigung

*Gesetzliche Änderungen durch das Inkrafttreten des 6. Strafrechtsreformgesetzes (Einbeziehung der besonders schweren Fälle der sexuellen Nötigung und der in der Ehe begangenen Taten) schränken die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren ein. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Tabelle 2.1-6 zeigt, dass der insgesamt registrierte Anstieg der Gewaltkriminalität in hohem Maße auf einer Zunahme der Raubdelikte beruht. Ihre Häufigkeitszahl hat sich zwischen 1971 und 1997 um etwa das Dreifache erhöht, wobei der starke Anstieg, der zwischen 1990 und 1997 eingetreten ist, besonders auffällt. In den letzten beiden Jahren ist es allerdings zu einem Rückgang der registrierten Raubtaten gekommen mit der Folge, dass 1999 die niedrigste Häufigkeitszahl seit dem Jahr 1994 erreicht wurde. Auch zu den Raubdelikten zeichnet sich im Übrigen eine positive Entwicklung der Aufklärungsquote ab. Mit 50,4% wurde im Jahr 1999 ein Anteil erreicht, der um etwa ein Fünftel über dem Tiefstand des Jahres 1993 liegt.

172

Vgl. dazu das Schwerpunktkapitel 5 zur Jugendkriminalität.

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Tabelle 2.1-6: Längsschnittentwicklung der Raubdelikte 1971-1999, erfasste Fälle (einschl. Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Raubdelikte erfaßte Fälle HZ Aufkl. in %

1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

15.531 25,5

24.193 39,4

35.111 56,0

61.757 76,3

57.752 71,0

63.470 77,8

67.578 82,6

69.569 84,8

64.405 78,5

61.420 74,9

56,5%

53,0%

43,7%

42,6%

43,9%

45,8%

47,4%

48,4%

49,9%

50,4%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Tabelle 2.1-7: Längsschnittentwicklung der gefährlichen/schweren Körperverletzung 1971-1999, erfasste Fälle (einschließlich Versuche), Häufigkeitszahlen und Aufklärungsquoten, alte Länder (1971, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993 bis 1999) 1971

1980

1990

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

erfaßte Fälle

35.133

65.479

67.095

87.784

88.037

95.759

101.333

106.222

110.277

114.516

HZ Aufkl. in %

57,6 86,2%

106,6 84,5%

107,0 82,6%

108,4 80,1%

108,2 81,3%

117,4 81,7%

123,9 82,3%

129,5 82,5%

134,4 83,6%

139,6 83,9%

gef./schw. Körperverletzung

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Zu den qualifizierten Körperverletzungsdelikten verzeichnet die PKS den größten Anstieg während der siebziger Jahre. In den achtziger Jahren gab es dagegen hier weitgehende Stabilität. Während der neunziger Jahre ist erneut eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Auffallend ist dabei, dass sich dieser Anstieg der Häufigkeitszahl um gut ein Viertel abweichend von dem, was sich zu vorsätzlichen Tötungsdelikten und den Raubdelikten gezeigt hat, auch während der letzten beiden Jahre ergeben hat. Dies kann auch eine Folge des 6. Strafrechtsreformgesetzes sein. Seit dem 1. April 1998 kommt bei gefährlichen Körperverletzungen eine Verweisung auf den Privatklageweg nicht mehr in Betracht. Das Opfer hat dadurch stets den Staatsanwalt an seiner Seite und ist nicht mehr darauf angewiesen, sich zur Vertretung seiner Interessen einen Anwalt zu nehmen, der eine Privatklage einreicht. Man wird davon ausgehen können, dass dies die Anzeigebereitschaft der Opfer von qualifizierten Körperverletzungen erhöht hat. 2.1.4

Der Einsatz von Schusswaffen bei Gewaltdelikten Kernpunkte

♦ Der Einsatz von Schusswaffen bei der Verübung von Gewaltdelikten ist mit etwa 5% der Gewaltvorfälle im Jahre 1999 insgesamt sehr selten. ♦ Der polizeilich registrierte, illegale Schusswaffengebrauch ist im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte weitgehend konstant geblieben. Für das Schießen einerseits und das Drohen andererseits zeichnen sich jedoch sehr unterschiedliche Trends ab. Während das illegale Schießen deutlich zurückgegangen ist, hat das Drohen mit Schusswaffen zu Beginn der neunziger Jahre um etwa die Hälfte zugenommen. Seit 1993 ist es dann weitgehend auf diesem Niveau geblieben. ♦ Trotz der deutlichen Zunahme der polizeilich registrierten Fälle von Gewaltkriminalität haben sich die Zahlen des Schusswaffengebrauches bei solchen Delikten nicht erhöht. Der Anteil der Gewalttaten, die unter Einsatz von Schusswaffen verübt worden sind, ist dadurch im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte deutlich zurückgegangen. Ein relativ kleiner Teil der polizeilich registrierten Gewalttaten wird unter Einsatz von Schusswaffen verübt. 1999 war das bei 5,0% der Gewaltdelikte der Fall. Das nachfolgende Schaubild 2.1-2 vermittelt einen Überblick, wie sich die Häufigkeit des polizeilich registrierten Schusswaffengebrauchs seit 1971

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entwickelt hat. In den jeweils pro 100.000 der Bevölkerung berechneten Zahlen sind dabei auch Straftaten miterfasst, die nicht zu den Gewaltdelikten zählen wie etwa die Wilderei oder die Nötigung. Ab 1993 beziehen sich die Häufigkeitszahlen auf Gesamtdeutschland einschließlich der neuen Länder. Zu beachten ist, dass die Frage, ob eine Schusswaffe eingesetzt worden ist, bei der polizeilichen Registrierung aus der Sicht des Opfers bewertet wird. Es werden also auch Fälle erfasst, in denen der Täter eine Schreckschusswaffe oder Spielzeugpistole verwendet hat, sofern die bedrohte Person von der Echtheit der Waffe ausgegangen ist. Schaubild 2.1-1: Häufigkeitszahlen der Fälle, in denen geschossen bzw. mit einer Schusswaffe gedroht wurde, alte Länder (1971 bis 1992) bzw. Deutschland (1993 bis 1999) 25

20

m it S c h u ß w a ff e g e d r o h t

15

10

m it S c h u ß w a ff e g e s c h o s s e n 5

0 1971

1974

1977

1980

1984

1987

1990

1993

1996

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Für das Drohen mit einer Schusswaffe zeigen die Daten für die Zeit von 1971 bis 1990 eine relative Stabilität mit nur marginalen Schwankungen. Ab 1991 steigen die Raten jedoch bis 1997 deutlich an, um von da an wieder abzusinken. Für das Schiessen mit Waffen sehen die Entwicklungen hingegen völlig anders aus. Hier ist zwischen 1971 und 1990 ein deutlicher Rückgang der Raten zu verzeichnen, der so weit geht, dass ab 1985 das Schiessen mit einer Waffe seltener auftritt als das Drohen. Ab 1990 kommt es, ähnlich wie beim Drohen, zu einem Anstieg, der bis etwa 1996 andauert. Allerdings wird in dieser Zeit das Ausgangsniveau der Raten der siebziger Jahre bei weitem nicht wieder erreicht. Ab 1997 zeigt sich wieder ein Abwärtstrend. Im Jahre 1999 liegt die Rate mit etwa acht Fällen je 100.000 auf einem Niveau, das in den 29 Jahren zuvor nur in der Zeit von 1988 bis 1992 unterschritten wurde. Bei der Interpretation ist zu berücksichtigen, dass nach der Wiedervereinigung auch jene Vorfälle Eingang in die Statistik fanden, die Delikte im Zusammenhang mit Schusswaffen an der früheren Grenze zur DDR betreffen. Diese wurden erst nach 1990 von der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität erfasst. Das ist einer der Fälle, in denen der Tatzeitpunkt einerseits und der Zeitpunkt der Registrierung in der PKS andererseits auseinanderfallen, wodurch das aktuelle Lagebild verzerrt werden kann.173 Betrachtet man ergänzend die Längsschnittentwicklung zu den verschiedenen Delikten, bei denen eine Schusswaffe eingesetzt wurde, fällt zunächst eine weitgehende Stabilität zu den Raubdelikten auf. Deren oben berichteter Anstieg um mehr als das Dreifache betrifft gerade nicht solche Fälle, bei denen während der Begehung der Tat auch geschossen wurde. Die Häufigkeitszahl solcher besonders schwerer Raubtaten ist seit 1980 weitgehend konstant geblieben mit der Folge, dass ihr Anteil an allen Raubdelikten im Verlauf der letzten 20 Jahre von 1% auf 0,6% zurückgegangen ist. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch zu 173

Vgl. auch Kapitel 1, FN 78.

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den vorsätzlichen Tötungsdelikten und der gefährlichen/schweren Körperverletzung ab. In den siebziger und achtziger Jahren ist bei beiden Deliktgruppen die Zahl der Fälle, in denen geschossen wurde, stark zurückgegangen. Mit dem Beitritt der neuen Länder ist es dann zwar bis 1995 zu einem Anstieg gekommen. Der danach eingetretene Rückgang der Zahlen hat jedoch bewirkt, dass für beide Deliktgruppen die Zahl solcher Fälle pro 100.000 der Bevölkerung im Jahr 1999 etwa das Niveau erreicht hat, das sich Mitte der achtziger Jahre ergeben hatte.174 Die beschriebene Entwicklung bedeutet, dass auch hier der Anteil der Taten, bei denen geschossen wurde, zwischen 1971 und 1999 deutlich abgenommen hat - bei Tötungsdelikten von 26,1% auf 13,4%, bei gefährlichen/schweren Körperverletzungen von 6,6% auf 2%. Zum Drohen mit Schusswaffen zeichnet sich eine andere Entwicklung ab. Nach weitgehend konstanten Zahlen während der siebziger Jahre ist es bereits während der achtziger Jahre zu einem leichten Anstieg der Häufigkeitszahlen gekommen. Anfang der neunziger Jahre ist dann eine deutliche Zunahme um etwa die Hälfte des früheren Niveaus zu beobachten. Seit 1993 hat sich insgesamt betrachtet die Häufigkeitszahl dann nur noch geringfügig verändert. Für die letzten beiden Jahre ist ein leichter Rückgang festzustellen mit dem Ergebnis, dass die Häufigkeitszahlen von 1999 mit 15,2 fast auf gleicher Höhe mit der des Jahres 1993 liegt (15,3). Auffallend ist der unterschiedliche Trend, der sich für die alten und neuen Länder ergibt. Für den Westen zeichnet sich von 1990 bis 1997 ein kontinuierlicher Anstieg bis auf 17,2 Fälle pro 100.000 Bürger ab. Danach gab es einen leichten Rückgang. Im Osten Deutschlands dagegen hat das Drohen mit Schusswaffen seit 1993 kontinuierlich abgenommen und 1999 mit 13 Delikten pro 100.000 Einwohner ein Niveau erreicht, das unter dem des Westens liegt. Während der letzten 15 Jahre handelt es sich bei etwa der Hälfte der Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde, um Raubdelikte. Deren Häufigkeitszahl hat sich zwischen 1971 und 1997 um etwa das Dreifache erhöht (von 2,7 auf 8). Aber auch hier ist in den letzten beiden Jahren ein Rückgang festzustellen (HZ 1999: 6,7). 2.1.5

Die polizeilich registrierten Opfer der Gewaltkriminalität Kernpunkte

♦ Die Zahl der Gewaltopfer, die pro 100.000 der Wohnbevölkerung registriert werden, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre um mehr als das Doppelte erhöht. Dies ist ausschließlich die Folge davon, dass die Zahl der Opfer von Raubdelikten und gefährlichen/schweren Körperverletzungen stark zugenommen hat; die der Tötungsdelikte und der Vergewaltigung ist dagegen leicht gesunken. ♦ Differenziert man bei den polizeilichen Opferdaten nach Alter und Geschlecht, zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Zahlen vor allem bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern. Die nachfolgende Tabelle 2.1-8 gibt die Gesamtzahl der Gewaltopfer wieder, die seit 1973175 polizeilich erfasst wurden. Die Opferziffer hat sich danach in den alten Ländern bis 1999 mehr als verdoppelt. Sie ist etwas stärker angestiegen als die Häufigkeitszahl der insgesamt polizeilich registrierten Gewaltdelikte, was eine Folge davon ist, dass die Zahl der Opfer pro Fall geringfügig angestiegen ist - von 1,05 im Jahr 1973 über 1,07 im Jahr 1980 bis auf 1,12 Opfer im Jahr 1999. Offenkundig hat der Anteil der Gewaltdelikte etwas zugenommen, in denen eine Gruppe von Menschen gleichzeitig angegriffen wurde. Diese Entwicklung ist mit einer deutlichen Verjüngung der Gewaltopfer einhergegangen. So ist der Anteil der unter 21-jährigen Gewaltopfer176 in den neunziger Jahren stark angestiegen. 1990 gehörte jedes vierte polizeilich registrierte Gewaltopfer dieser Altersgruppe an, 1999 dagegen etwas mehr 174

Die Häufigkeitszahl der Tötungsdelikte, bei denen geschossen wurde, liegt sowohl 1985 wie auch 1999 bei 0,5; die der gefährlichen/schweren Körperverletzungen ist von 3,1 auf 2,8 zurückgegangen. 175 Das Jahr 1971 kann anders als in den bisherigen Tabellen nicht als Ausgangsjahr gewählt werden, weil die gefährliche/ schwere Körperverletzung erst seit 1973 in der Opferstatistik geführt wird. 176 Eine noch weitergehende Differenzierung nach Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden folgt im Schwerpunktkapitel zur Kinder- und Jugendkriminalität.

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als jedes Dritte. Dies ist die Folge davon, dass sich in den neunziger Jahren insbesondere die Zahl der jungen Gewaltopfer stark erhöht hat. Pro 100.000 dieser Altersgruppe wurden 1990 210 Gewaltopfer gezählt. 1999 waren es mit 400 fast doppelt so viele. Im gleichen Zeitraum hat sich dagegen die Opferziffer der 21- bis 60-Jährigen nur um ein knappes Fünftel erhöht. Für die Altersgruppe der ab 60-Jährigen ergibt sich nach der polizeilichen Opferstatistik seit 1990 ein weitgehend stabiles Viktimisierungsrisiko mit einem Rückgang im Jahr 1999. Tabelle 2.1-8: Opfer der Gewaltkriminalität und ihre Altersstruktur 1973-1999, alte Länder (1973-1990) bzw. Deutschland (1993-1999) Opfer insg.

n OZ

1973 72.942 118,0

1980 106.009 172,5

1990 120.726 192,6

1993 174.180 215,1

1995 187.115 229,5

1997 208.249 256,6

1999 209.471 255,3

unter 21 J.

n OZ

17.880 94,0

28.054 160,4

29.441 209,8

44.665 243,2

56.393 306,3

70.495 380,0

73.848 399,6

21 bis u. 60 J.

n OZ

49.274 160,9

70.383 218,9

82.265 231,3

117.230 254,3

118.308 255,8

124.683 276,8

122.876 271,9

60 J. u. älter

n OZ

5.788 47,6

7.572 64,1

9.020 69,0

12.285 74,5

12.414 73,6

13.071 74,5

12.747 69,4

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Es ist freilich zu berücksichtigen, dass die Anzeigebereitschaft in dem hier betrachteten Zeitraum gerade bei Gewalttaten gegen junge Menschen zugenommen hat.177 Ein Indiz bietet hierfür die Entwicklung der polizeilich registrierten Schadenssumme bei vollendeten Raubdelikten. Seit 1980 hat sich die Opferziffer der Raubdelikte fast verdoppelt. In dieser Zeit stieg der Anteil der vollendeten Raubtaten mit einer Schadenssumme von unter 25 DM von 12% im Jahr 1980 über 14,3% im Jahr 1990 auf 22,3% im Jahr 1999. Die Bedeutung dieser Zunahme von Raubtaten mit geringer Schadenshöhe wird noch augenfälliger, wenn man berücksichtigt, dass 25 DM heutzutage in Folge der zwischenzeitlich eingetretenen Inflation im Vergleich zu 1980 weniger als die Hälfte wert sind. Die Tatsache, dass ihr Anteil an allen Raubtaten trotzdem erheblich angestiegen ist, weist darauf hin, dass vermutlich zunehmend auch solche Delikte angezeigt worden sind, bei denen die Opfer früher keine Veranlassung gesehen haben, zur Polizei zu gehen. Da in Deutschland keine in regelmäßigen Abständen wiederholten Repräsentativbefragungen von Kriminalitätsopfern zur Verfügung stehen, kann nicht ermittelt werden, in welchem Ausmaß das Risiko junger Menschen, Opfer einer Gewalttat zu werden, seit Mitte der achtziger Jahre tatsächlich angewachsen ist.178 In Schaubild 2.1-2 wird im Hinblick auf das Opferrisiko der verschiedenen Altersgruppen nach Männern und Frauen unterschieden. Der seit Mitte der achtziger Jahre eingetretene Anstieg der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität ist demnach stärker zu Lasten der männlichen als der weiblichen Bevölkerung gegangen. Besonders deutlich wird das in Bezug auf die Entwicklung der Opferziffern der unter 21Jährigen. Sie lag bei den männlichen Angehörigen dieser Altersgruppe im Jahr 1985 um 129 über der der weiblichen. Bis 1999 ist dieser Unterschied um das 1,7fache auf 355 angewachsen. Dies ist die Folge davon, dass Jungen und junge Männer nach den Feststellungen der Polizei erheblich häufiger Opfer vor allem von Raubdelikten oder gefährlichen/schweren Körperverletzungen geworden sind.179 177

Vgl. dazu weiter unten die Ergebnisse der Dunkelfeldforschung unter 2.7 sowie Kapitel 5. Zu der in den Städten Hamburg, Hannover, München und Leipzig in den Jahren 1998 und 2000 durchgeführten Opferbefragung von Schülerinnen und Schülern 9. Klassen vgl. unten Kapitel 5. 179 Die Opferziffern von Raubdelikten haben sich bei männlichen unter 21-Jährigen zwischen 1985 und 1999 von 42,1 auf 221,6 erhöht, die der weiblichen unter 21-Jährigen dagegen nur von 17,6 auf 38,2. Zu gefährlichen/schweren Körperverletzung zeichnet 178

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Schaubild 2.1-2: Opferziffern für männliche und weibliche Opfer der Gewaltkriminalität nach Altersgruppen, alte Länder 1973, 1985 und 1999*

Anzahl der OPfer je 100.000 Einwohner

600

500

400

Frauen

300

Männer 200

100

0 1973

1985

1999

unter 21 Jahre

1973

1985

1999

21 bis unter 60 Jahre

1973

1985

1999

60 Jahre und älter

* 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Opferziffern der ab 60-Jährigen haben sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen seit 1985 nur geringfügig verändert. Im Ergebnis führt dies dazu, dass der Anteil der Frauen, die in Westdeutschland Opfer einer polizeilich registrierten Gewalttat geworden sind, zwischen 1985 und 1999 von 33% auf 30,1% gesunken ist. Offenkundig hat die Aggressivität in solchen Szenen und Lebenswelten zugenommen, in denen junge Männer und männliche Jugendliche aufeinander treffen.180 Soweit die polizeilichen Daten erkennen lassen, hat sich dagegen für ältere Menschen das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr erhöht. Der zuvor zwischen 1973 und 1985 für ältere Frauen eingetretene Anstieg der Opferziffer beruhte fast ausschließlich darauf, dass in dieser Zeit der Handtaschenraub um etwa das Doppelte zugenommen hatte. Bei diesem Delikt stellen Frauen im Alter von 60 und mehr Jahren etwa die Hälfte aller polizeilich registrierten Opfer. Seit Mitte der achtziger Jahre ist jedoch für sie ein leichter Rückgang dieses ohnehin sehr niedrigen Opferrisikos festzustellen. Wurden 1985 pro 100.000 ab 60-jähriger Frauen von der Polizei noch 59,7 Opfer eines Handtaschenraubes gezählt, waren es im Jahr 1999 56,3, d. h. gemessen an Hellfelddaten ist das Opferrisiko extrem gering und hat sich weiter verringert. Die starke Zunahme der Opferziffer der männlichen Wohnbevölkerung beruht zu knapp zwei Drittel auf einem Anstieg der ihnen gegenüber verübten gefährlichen/schweren Körperverletzungen. Auch die Opferziffer der Raubdelikte hat sich bei der männlichen Wohnbevölkerung stark erhöht. Die Opferziffern der Frauen haben demgegenüber bei diesen beiden Deliktgruppen in weit geringerem Maß zugenommen. Auch hier ist der Anstieg der gefährlichen/schweren Körperverletzungen ausgeprägter als der der Raubdelikte. Zu den Tötungsdelikten ist sowohl bei Männern wie Frauen eine Abnahme des Opferrisikos zu verzeichnen. Ein entsprechendes Bild zeichnet sich auch für die Opferziffer der Frauen bei der Vergewaltigung ab. Der Anstieg, der sich Ende der neunziger Jahre ergeben hat, beruht auf der bereits oben ersich ein entsprechendes Bild ab: Männliche unter 21-Jährige 1985: 197,9 - 1999: 367,8; weibliche unter 21-Jährige 1985: 50,6 und 1999: 114,9. 180 Eine abschließende Aussage wird dazu allerdings erst möglich werden, wenn auch die Daten zu den Tatverdächtigen sowie die neueren Erkenntnisse aus den beiden KFN-Schülerbefragungen der Jahre 1998 und 2000 in die Analyse einbezogen worden sind.

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wähnten Erweiterung des Straftatbestandes um die sexuelle Nötigung und dürfte wohl auch mit vermehrten Anzeigen in Zusammenhang stehen. Tabelle 2.1-9: Opferziffern für weibliche und männliche Opfer der Gewaltkriminalität 1973-1999, alte Länder (1973, 1980, 1990) bzw. Deutschland (1993 und 1999)

Gewaltkriminalität Tötungsdelikte* Vergewaltigung** Raubdelikte gef./schw. Körperverletzung

1973

1980

1990

1993

1999

m w m w w

173,8 67,1 6,2 3,3 22,2

251,0 100,9 5,8 3,3 21,4

276,8 115,2 5,5 2,9 15,9

310,9 124,8 8,0 3,8 15,4

368,9 147,3 4,7 2,4 17,5

m w m w

43,7 18,6 123,1 22,7

52,1 30,5 192,5 45,4

75,7 45,8 195,0 50,1

107,8 55,5 195,0 50,1

114,8 53,1 247,7 73,8

*Die Zahlen enthalten für die Jahre ab 1993 auch die von der Zentralen Ermittlungsgruppe Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) erfassten Fälle von Mord und Totschlag. ** Seit dem 5. Juli 1997 sind Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in einer Vorschrift zusammengefasst. Durch Wegfall des Merkmals "außerehelich" wurde ferner sexuelle Nötigung und Vergewaltigung auf in der Ehe begangene Handlungen erstreckt. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Ein Vergleich zwischen den neuen und alten Ländern zeigt für den Westen höhere Opferziffern. Eine Ausnahme bilden lediglich die männlichen unter 21-Jährigen, für die sich 1999 im Osten eine höhere Opferziffer findet als im Westen. Für Frauen im Alter von mehr als 60 Jahren zeigen sich etwa gleich hohe Opferziffern. Ansonsten jedoch liegen die Zahlen im Westen durchweg etwas höher. Ferner fällt auf, dass die Divergenzen der Opferziffern von Männern und Frauen im Osten insgesamt betrachtet noch stärker ausfallen als im Westen. Im Ergebnis führt dies dazu, dass der Anteil der weiblichen Gewaltopfer in den neuen Ländern im Jahr 1999 mit 26,5% niedriger liegt als im Westen (30,1%). 2.1.6 2.1.6.1

Die registrierten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität Die Entwicklung in den alten und neuen Ländern Kernpunkte

♦ Die zwischen 1984 und 1999 eingetretene Zunahme der registrierten Gewaltkriminalität ist ganz überwiegend auf einen starken Anstieg der jugendlichen und heranwachsenden Tatverdächtigen zurückzuführen. ♦ Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass diese Verjüngung der Tatverdächtigen mit einer Reduzierung der durchschnittlichen Tatschwere einhergeht. ♦ Die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der 14- bis unter 21-Jährigen ist deutlich höher als die der Erwachsenen. Seit Ende der achtziger Jahre sind die TVBZ der Jugendlichen und Heranwachsenden, im Unterschied zu denen der Erwachsenen, zudem deutlich angestiegen. Die Verurteiltenziffern (VBZ) der unter 21-Jährigen sind zwar auch angestiegen, aber nicht im selben Maße wie die TVBZ; TVBZ und VBZ haben sich auseinanderentwickelt. ♦ In beiden Altersgruppen ist der Anteil der Fälle angewachsen, in denen die Staatsanwälte das Verfahren wegen einer nicht ausreichenden Beweislage oder wegen geringer Schuld eingestellt oder den Tatvorwurf in der Anklage reduziert haben. ♦ Etwa jeder dritte Tatverdächtige der Gewaltkriminalität wurde wegen der ihm zur Last gelegten Tat angeklagt, etwa jeder vierte wurde verurteilt. Bei Jugendlichen und Heranwachsenden fallen diese Quoten etwas höher aus als bei Erwachsenen.

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Die nachfolgende Gegenüberstellung von polizeilichen Daten zu Tätern und Opfern der Gewaltkriminalität181 lässt zwei Trends erkennen, die für das Verständnis der seit Mitte der achtziger Jahre zu beobachtenden Längsschnittentwicklung von grundlegender Bedeutung sind. Zum ersten hat sich die polizeilich registrierte Gewaltbelastung der jungen Menschen weit stärker erhöht als die der ab 21-Jährigen. Zwischen 1984 und 1999 ist die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der 14- bis unter 21-Jährigen von knapp 400 auf etwa 1.000 angestiegen, die der ab 21-Jährigen dagegen hat nur von 138 auf 156 zugenommen. Soweit die Polizei die ihr bekannt gewordenen Gewalttaten aufklären konnte, ist der im Verlauf der letzten 15 Jahre eingetretene Anstieg der Zahlen also primär jungen Menschen zuzurechnen. Zum zweiten ergibt sich für die Opfer der Gewalt, wenn man nach ihrem Alter differenziert, eine weitgehend entsprechende Entwicklung. Dies gibt Anlass zu der These, dass der polizeilich registrierte Anstieg der Gewaltkriminalität junger Menschen primär zu Lasten Gleichaltriger und Jüngerer gegangen ist. Pro 100.000 der 14- bis unter 21-Jährigen hat sich die Zahl der Opfer seit 1984 ähnlich wie die der Tatverdächtigen um etwa 600 und damit um das 2,8fache erhöht. Die Opferziffer der ab 21-Jährigen ist dagegen seit 1985 nur von 180 auf 218 und damit um etwa ein Fünftel angestiegen. Schaubild 2.1-3: Tatverdächtigenbelastungszahlen und Opferziffern der Gewaltkriminalität für 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1999*

Anzahl der Tatverdächtigen/Opfer je 100.000 Einwohner

1200

1000

T a tv e r d ä c h tig e 1 4 b is u n t e r 2 1 J a h r e

800

600

O p f e r 1 4 b is u n t e r 2 1 J a h r e

400

O p fe r a b 2 1 J a h re 200

T a tv e r d ä c h tig e a b 2 1 J a h r e 0 1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Bei der in Schaubild 2.1-3 dargestellten Längsschnittentwicklung der TVBZ und der Opferziffern ist zu beachten, dass es sich hier um aggregierte Daten handelt. Die Parallelität der Kurvenverläufe von Tatverdächtigen und Opfern der beiden Altersgruppen kann deshalb noch nicht als ausreichender Beleg für die 181

Im folgenden werden, falls nichts anderes gesondert vermerkt ist, die Tatverdächtigenbelastungszahlen für die Gesamtpopulation unter Einschluss der Nichtdeutschen berechnet. Dabei ist zu beachten, dass diese Raten grundsätzlich etwas überhöht sind, weil sich unter den polizeilich registrierten Tätern auch Nichtdeutsche befinden, die sich in Deutschland illegal oder nur vorübergehend aufhalten. Diese Gruppen werden als Täter gezählt, sind jedoch in der Bevölkerungsstatistik nicht erfasst. Dadurch stehen zur Berechnung der Tatverdächtigenbelastungszahlen den jeweiligen Täterzahlen zu niedrige Bevölkerungszahlen gegenüber. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, weil zum einen bei Beschränkung auf deutsche Tatverdächtige ein wichtiger Anteil der Bevölkerung wie auch der Tatverdächtigen komplett aus der Betrachtung ausgenommen würde. Zudem ist diese Art der Berechnung bei den Opferzahlen ohnedies nicht zu vermeiden, da hier eine Differenzierung nach der Nationalität der Opfer nicht vorliegt.

PSB

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obige These angesehen werden. Für die Annahme, dass der Anstieg der Jugendgewalt primär zu Lasten der unter 21-Jährigen gegangen ist, hat jedoch eine Sonderauswertung der PKS Baden-Württemberg, bei der den Tatverdächtigen der Jahre 1995 und 1996 die opferbezogenen Daten individuell zugeordnet wurden, deutliche Belege erbracht. Die Auswertung dieser Täter-Opfer-Konstellationen in Bezug auf die Merkmale Alter und Geschlecht ergab, dass Täter und Opfer sich in ihrem demographischen Profil häufig sehr ähnlich sind. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden. Es gilt in der Tendenz aber auch für die Erwachsenen. Im Übrigen konnte eine besondere Gefährdung älterer Menschen durch junge Täter nicht festgestellt werden.182 Die bisherige Datenanalyse zur Längsschnittentwicklung der Gewaltkriminalität stützt sich im Hinblick auf die Täterseite nur auf Daten zu Tatverdächtigen. Bei einem beachtlichen Teil dieser Fälle zeigt sich später jedoch, dass die Staatsanwaltschaft bzw. das mit der Sache befasste Gericht zu einer anderen Bewertung des Sachverhaltes kommen. Im nachfolgenden Schaubild werden deshalb den Daten zu den Tatverdächtigen der beiden Altersgruppen auch die zu Angeklagten bzw. Verurteilten gegenüber gestellt. Bei der Interpretation ist zunächst zu beachten, dass die Aufklärungsquote der Gewaltkriminalität in den alten Ländern zwischen 1984 und 1993 kontinuierlich gesunken ist - von 74,4% auf 66,4%. Dies hat dazu beigetragen, dass in dieser Zeit die Gesamtzahl der wegen Gewalttaten ermittelten Tatverdächtigen nur von 91.934 auf 109.500 angestiegen ist. Dieser Zuwachs bleibt damit deutlich hinter dem Anstieg der Gewalttaten zurück, die in diesem Zeitraum registriert worden sind. Schaubild 2.1-4: Tatverdächtige, Angeklagte* und Verurteilte der Gewaltkriminalität pro 100.000 14- bis unter 21-Jährige und Erwachsene, alte Länder 1984-1998** 1 .0 0 0

T V 1 4 b is u . 2 1 J . 900

Anzahl der Tatverd., Angekl. u. Verurt. je 100.000 Einwohner

800

700

600

500

A n g e k l. 1 4 b is u . 2 1 J .

400

300

V e r u r t . 1 4 b is u . 2 1 J .

200

TV ab 21 J. 100

A n g e k l. a b 2 1 J . V e ru rt. a b 2 1 J .

0

1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

* Der allgemein verständliche Begriff des Angeklagten wird hier anstelle des von der Strafverfolgungsstatistik verwendeten Begriffs des Abgeurteilten eingesetzt. Die seltenen Fälle, in denen das Verfahren vor Eröffnung der Hauptverhandlung gegenüber einem bereits Angeklagten eingestellt worden ist, werden hier also nicht erfasst. **Tatverdächtige seit 1991, Angeklagte und Verurteilte seit 1995 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Für die restlichen sechs Jahre ab 1993 ergibt sich ein umgekehrtes Bild. Hier steigt die Zahl der Tatverdächtigen stärker an als die Zahl der registrierten Gewalttaten. Dies beruht vor allem darauf, dass sich das 182

Vgl. HÖFER, S., 2000.

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Risiko der Täter, als Tatverdächtige ermittelt zu werden, von 66,4% auf 72,3% erhöht hat. Ferner hat in dieser Zeit die Zahl der Tatverdächtigen leicht zugenommen, die in einer Gruppe agiert haben. Pro aufgeklärtem Fall wurden 1993 in den alten Ländern 1,22 Tatverdächtige registriert, 1999 waren es 1,25 Tatverdächtige. Beides hat offenkundig dazu beigetragen, dass sich für die Jahre 1994 bis 1999 für 14- bis unter 21-Jährige ein besonders steiler Anstieg der TVBZ zeigt. Die Daten der Strafverfolgungsstatistik vermitteln ein ähnliches Gesamtbild, wie es sich oben bereits zu den Tatverdächtigen und Opfern ergeben hat. Die Zahl der ab 21-jährigen Erwachsenen, die pro 100.000 der Altersgruppe wegen einer Gewalttat angeklagt oder verurteilt wurden, hat sich in dem Untersuchungszeitraum kaum verändert. Völlig anders stellt sich dagegen die Entwicklung bei den 14- bis 21Jährigen dar. Die Zahl der Jugendlichen und Heranwachsenden, die wegen einer Gewalttat angeklagt bzw. verurteilt wurden, hat sich pro 100.000 der Altersgruppe zwischen 1984 und 1998 um das 2,2fache erhöht. Der Abstand zwischen den TVBZ und den Verurteiltenzahlen (VBZ) ist vor allem bei den 14- bis unter 21-Jährigen seit Ende der achtziger Jahre angewachsen. 1984 überstieg die TVBZ der Jugendlichen und Heranwachsenden die Verurteiltenzahlen dieser Altersgruppe um das 2,9fache, 1998 dagegen um das 3,4fache. Bei den ab 21-Jährigen ist dieser Trend einer wachsenden Diskrepanz zwischen TVBZ und VBZ auch festzustellen. Tabelle 2.1-10: Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte der Gewaltkriminalität bei 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1984 und 1998* 14 bis unter 21 Jahre HZ Gewaltkriminalität

Raubdelikte

Vergewaltigung

HZ

Relation zu VBZ

1984

1998

1984

1998

1984

1998

1984

TVBZ

383,5

970,2

2,9

3,4

137,8

155,5

4,3

5,0

ABZ

185,5

415,0

1,4

1,4

46,1

45,0

1,5

1,4

1998

1,0

VBZ

133,2

287,7

1,0

1,0

31,7

31,2

1,0

TVBZ

104,4

313,3

2,3

2,6

22,9

26,4

3,0

3,3

ABZ

51,7

158,7

1,1

1,3

9,1

10,0

1,2

1,3

VBZ

45,7

120,3

1,0

1,0

7,6

8,0

1,0

1,0

gef./ schwere Körperverl. TVBZ

Mord/ Totschlag

Erwachsene 21 Jahre

Relation zu VBZ

277,2

678,0

3,4

4,2

106,2

119,0

5,3

6,0

ABZ

125,6

247,2

1,6

1,5

32,0

30,7

1,6

1,6

VBZ

80,5

159,9

1,0

1,0

20,1

19,7

1,0

1,0

TVBZ

5,9

9,1

2,9

3,9

5,1

4,3

3,3

3,0

ABZ

2,2

2,7

1,1

1,2

1,9

1,8

1,2

1,2

VBZ

2,0

2,3

1,0

1,0

1,5

1,4

1,0

1,0

TVBZ

12,8

17,7

2,8

3,9

7,4

8,0

3,4

4,8

ABZ

5,6

5,7

1,2

1,3

2,8

2,0

1,3

1,2

VBZ

4,6

4,5

1,0

1,0

2,2

1,6

1,0

1,0

* 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Die Staatsanwälte haben demnach offenbar zunehmend Anlass dazu gesehen, Verfahren wegen einer nicht ausreichenden Beweislage oder wegen geringer Schuld einzustellen oder zwar Anklage zu erheben, aber dann wegen eines weniger schweren strafrechtlichen Vorwurfs. Bei den Gerichten setzt sich diese Reduzierung des Tatvorwurfs bei einem beachtlichen Teil der Fälle weiter fort. Die Zahl der wegen Gewaltdelikten Angeklagten liegt bei beiden Altersgruppen um ca. 40-50% über der Zahl der entsprechend dem staatsanwaltschaftlichen Schuldvorwurf Verurteilten. Insoweit hat sich jedoch seit 1984 nur wenig verändert. Im Hinblick auf die verschiedenen Delikte bzw. Deliktgruppen der Gewaltkriminalität zeigt sich, dass 1998 dieser Trend zur Reduzierung des polizeilichen Tatvorwurfs bei den qualifizierten Körperverletzungsdelikten und der Vergewaltigung beider Altersgruppen sowie den Tötungsdelikten der Jugendlichen

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und Heranwachsenden besonders ausgeprägt ist. Aber auch für alle anderen Gewalttaten zeichnet sich ab, dass ein hoher Anteil der Verfahren bereits von der Staatsanwaltschaft eingestellt oder mit einem weniger gravierenden Tatvorwurf angeklagt wird. Tabelle 2.1-11 vermittelt dazu für 1997/98 einen Überblick. Ein Doppeljahr wurde deshalb gewählt, weil sich dadurch der Anteil der Tatverdächtigen erheblich vergrößert, deren Strafverfahren in dem Untersuchungszeitraum abgeschlossen worden ist. Tabelle 2.1-11: Reduktion des polizeilichen Tatvorwurfs durch die Strafjustiz bei Gewaltkriminalität von 14- bis unter 21-Jährigen und Erwachsenen, alte Länder 1997/1998* Gewaltdelikte

Mord/ Totschlag

Vergewaltigung

Raubdelikte

insgesamt 14 bis u. 21 J. Tatverdächtige (TV) Abgeurteilte in % der TV Verurteilte in % der TV ab 21 J.

Tatverdächtige (TV) Abgeurteilte in % der TV Verurteilte in % der TV

gef./ schw. Körperverletzung

94 869

909

1 654

32 193

65 144

40 083

259

502

15 340

23 896

42,3%

28,5%

30,4%

47,7%

36,7%

27 601

214

391

11 708

15 218

29,1%

23,5%

23,6%

36,4%

23,4%

161 168

4 850

7 639

27 888

123 304 32 254

47 148

1 812

2 180

10 366

29,3%

37,4%

28,5%

37,2%

26,2%

32 520

1 471

1 711

8 209

20 651

20,2%

30,3%

22,4%

29,4%

16,7%

* einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Angesichts der eingeschränkten Vergleichbarkeit von Daten der PKS und der Strafverfolgungsstatistik können die in Tabelle 2.1-11 angegebenen Prozentwerte nur als Näherungswerte interpretiert werden. Die Daten zeigen, dass im Doppeljahr 1997/98 nur etwa 42% der Jugendlichen und Heranwachsenden, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, entsprechend angeklagt wurden. Die Verurteilungsquote lag bei 29%. Die höchste Anklagequote ergibt sich für die Tatverdächtigen der Raubkriminalität mit 48%, die niedrigste bei den Tötungsdelikten mit 28%.183 Bei den Erwachsenen fallen sowohl die Quoten der Angeklagten wie die der Verurteilten durchweg niedriger aus. Einzige Ausnahme bilden die Tötungsdelikte. Diese Reduktion des polizeilichen Tatvorwurfs ist zunächst die Folge davon, dass die Staatsanwaltschaft in einem beachtlichen Teil der Fälle die vorgelegten Beweise nicht für ausreichend erachtet und das Verfahren deswegen nach § 170 Abs. 2 StPO einstellt. Ferner gelangt sie nicht selten zu einer anderen rechtlichen Bewertung des Geschehens mit der Folge, dass die Anklage nicht wegen eines Gewaltdeliktes, sondern wegen eines weniger schweren strafrechtlichen Vorwurfs erfolgt.184 Und schließlich wird häufig deswegen keine Anklage erhoben, weil die Staatsanwaltschaft es in Anbetracht der geringen Schuld des Täters für ausreichend erachtet, das Verfahren in Verbindung mit einer Ermahnung, einer erzieherischen Maßnahme oder einer Auflage einzustellen, vgl. §§ 45 ff. JGG und §§ 153 ff. StPO. Im Ergebnis führt 183

In Bezug auf die polizeilich registrierte Gewaltkriminalität 14- bis unter 21-Jähriger liegt eine Aktenanalyse vor, die Aufschluss darüber gibt, was in vier Großstädten in den Fällen geschehen ist, in denen die Staatsanwaltschaft den Tatverdacht nicht bestätigen konnte. Die Untersuchung zeigt, dass ein erheblicher Teil der Verfahren (46,2% bei den qualifizierten Körperverletzungs- und 33,7% bei den Raubdelikten) von der Staatsanwaltschaft wegen eines Verfahrenshindernisses für nicht anklagefähig erachtet und daher nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt wurde. 19,4% der Verfahren wegen qualifizierten Körperverletzungsdelikten und 14,3% der Raubverfahren wurden schließlich eingestellt, weil die Staatsanwaltschaft aus Diversions- oder Opportunitätsgesichtspunkten von der Anklageerhebung abgesehen hat (vgl. § 45 JGG und §§ 153 ff. StPO). Letztlich wurden von den wegen eines qualifizierten Körperverletzungsdeliktes registrierten Jugendlichen und Heranwachsenden 34% angeklagt; im Bereich der Raubdelikte lag die Anklagequote bei 52%. Vgl. DELZER, I., 2000. 184 Dies wurde in Bezug auf Tötungsdelikte bereits in den achtziger Jahren nachgewiesen. An die Stelle des Tatvorwurfs des versuchten Mordes oder Totschlags tritt häufig eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung; aus vollendeten Tötungsdelikten wird in der Anklage nicht selten eine Körperverletzung mit Todesfolge. Vgl. SESSAR, K., 1981; KREUZER, A., 1982.

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dies dazu, dass nur etwa jeder dritte Tatverdächtige der Gewaltkriminalität wegen des von der Polizei angenommenen Straftatbestandes angeklagt wird. Etwa jeder Vierte wird entsprechend verurteilt. Bei der Interpretation der Daten von Tabelle 2.1-11 ist zu beachten, dass sich die Polizei zunächst mit dem Opfer und seiner Darstellung des Geschehens auseinandersetzt. Der Sachverhalt wird deshalb unter der Tatbezeichnung bearbeitet, die sich aus dieser ersten, noch stark von Emotionen und Ängsten des Opfers oder seiner Angehörigen geprägten Interaktion ergibt. Es erscheint plausibel, dass aus dieser Perspektive in vielen Fällen eine andere Bewertung entsteht als bei der aus größerer Distanz operierenden Justiz, die zudem bei der Beweiswürdigung dem Grundsatz "in dubio pro reo" verpflichtet ist. Gerade bei Gewaltstraftaten dürfte ferner der Anteil der Fälle nicht gering sein, in denen der Tatverdächtige bei der Polizei die Aussage verweigert und erst gegenüber der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht im Beisein seines Anwalts Entlastendes vorbringt.185 In solchen Fällen wird es der Polizei erschwert, eine objektive Beurteilung des Tatgeschehens abzugeben. Für die hier angebotene Interpretation spricht ferner, dass nach Tabelle 2.1-11 das Verurteilungsrisiko der Erwachsenen fast durchweg niedriger ausfällt als das der Jugendlichen und Heranwachsenden. Die Annahme erscheint plausibel, dass in Ermittlungsverfahren gegenüber 14- bis unter 21-Jährigen, aufgrund der größeren Geständnisbereitschaft junger Menschen, geringere Beweisprobleme auftreten als bei den erwachsenen Beschuldigten, die möglicherweise häufiger bei der Polizei von ihrem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen. Trotz dieser notwendigen Relativierungen bleibt festzuhalten, dass es auch nach den Daten der Strafverfolgungsstatistik seit Mitte der achtziger Jahre zu einem starken Anstieg der qualifizierten Körperverletzungsdelikte und Raubdelikte junger Menschen gekommen ist. 2.1.6.2

Gewaltkriminalität von Männern und Frauen

Kernpunkte ♦ Die seit 1984 festzustellende Zunahme der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität ist zu 84 % der männlichen Bevölkerung zuzurechnen. ♦ Es gibt deutliche Indizien dafür, dass die von Frauen verübten Gewaltdelikte im Durchschnitt weniger schwerwiegend sind als die der Männer. ♦ Der Anteil der Frauen, die als Angeklagte bzw. Verurteilte der Gewaltkriminalität eine strafrechtliche Vorbelastung mit mindestens fünf früheren Verurteilungen aufweisen, ist wesentlich geringer als bei den Männern. In den alten Ländern hat sich im Verlauf von 15 Jahren die Zahl der Männer, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, pro 100.000 der ab achtjährigen männlichen Bevölkerung um 103 erhöht, die der weiblichen Bevölkerung dagegen "nur" um 22. Der zwischen den Geschlechtern bestehende Abstand der Gewaltbelastung ist also zulasten der Männer weiter angewachsen. Dies zeigt sich auch im Vergleich der absoluten Zahlen. Die Zunahme der Gewaltkriminalität ist, soweit die Polizei die angezeigten Fälle aufklären konnte, zu 84,3% der männlichen Bevölkerung zuzurechnen und zu 15,7% der weiblichen. Zu beachten ist ferner, dass bei weiblichen Tatverdächtigen das weitere Verfahren deutlich seltener mit einer Anklage oder einer förmlichen Verurteilung abgeschlossen wird als das für männliche Tatverdächtige gilt. Bei einer Gegenüberstellung der Daten von Männern und Frauen errechnet sich für das Doppeljahr 1997/98 für männliche Tatverdächtige eine Anklagequote von 37,1%, für weibliche dagegen von 24,3%. Von den männlichen Tatverdächtigen wurden 26% verurteilt, von den weiblichen dagegen 14,9%. Dies spricht für die Annahme, dass die Tatschwere der von Frauen verübten Gewaltdelikte im Durch185

Vgl. DÖLLING, D., 1987.

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schnitt unter der der Männer liegt. Dies bestätigt auch eine von DELZER durchgeführte Aktenanalyse zur Strafverfolgung von Gewaltdelikten Jugendlicher und Heranwachsender.186 Tabelle 2.1-12: Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) der Gewaltkriminalität nach Geschlecht, alte Länder 1984, 1990, 1993 und 1999* Männer Frauen

n TVBZ n TVBZ

1984

1990

1993

1999

1984/1999

82.980 308,7 8.954 30,2

83.206 301,7 9.657 32,3

97.937 333,4 11.563 36,9

124.334 411,5 16.667 52,0

+49,8% +33,3% +86,1% +72,4%

* 1993 und 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Analysen von Einzeldatensätze der Strafverfolgungsstatistik aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein lassen einen weiteren bedeutsamen Unterschied der Gewaltkriminalität von Männern und Frauen erkennen.187 Differenziert man bei den Angeklagten nach der Zahl der früheren Verurteilungen, dann zeigt sich für das Jahr 1998, das von allen Männern, die wegen einer Gewalttat angeklagt wurden, 58,4% keine frühere Verurteilung aufwiesen. Bei den Frauen waren es 75,4%. Auf der anderen Seite zeigt sich zu den angeklagten Männern eine Quote von 14,6%, die mindestens fünf frühere Verurteilungen aufweisen. Bei den Frauen waren es dagegen nur 6,9%. Dies lässt die Folgerung zu, dass straffällige Frauen seltener als Männer in eine kriminelle Karriere geraten und als Mehrfachverurteilte dann mit einer Gewalttat auffällig werden. Zu den neuen Ländern können entsprechende Vergleiche nicht angestellt werden, weil zu ihnen bisher noch keine Strafverfolgungsstatistik zur Verfügung steht. 2.1.6.3

Tatverdächtige Deutsche und Nichtdeutsche Kernpunkte

♦ Unter den Nichtdeutschen Tatverdächtigen befinden sich auch Touristen, Durchreisende sowie illegal in Deutschland lebende Personen, die von der Bevölkerungsstatistik nicht erfasst werden. Da exakte Zahlen der sich in Deutschland aufhaltenden Nichtdeutschen nicht vorliegen (können), lassen sich keine auf die jeweilige Bevölkerungszahl relativierten Tatverdächtigenbelastungszahlen bestimmen. Aus diesem Grunde sind sowohl Vergleiche der Tatverdächtigenzahlen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen als auch Längsschnittanalysen der Gewaltkriminalität nicht mit der nötigen Verlässlichkeit möglich. ♦ Eine Ausnahme bilden die ausländischen Arbeitnehmer, für die Bevölkerungszahlen vorliegen. Von ihnen wurden 1984 0,5% als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert. Diese Quote stieg bis 1999 auf 0,6% an, womit der Anstieg der TVBZ für diese Gruppe geringer ausfällt, als der insgesamt zu registrierende Anstieg der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität. ♦ Der Anteil der Nichtdeutschen an den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität nahm zwischen 1984 und 1993 von 18,8% auf 35,9% zu. Danach ist er bis 1999 auf 32,3% abgesunken. Der zunächst eingetretene Anstieg ist primär die Folge der starken Zuwanderung von Nichtdeutschen, die sich durch die seit 1989 nach Osten offenen Grenzen ergeben hat. Die Reform des Asylrechts hat diese Zuwanderung abgeschwächt und damit zu dem Sinken der Quote nichtdeutscher Tatverdächtiger seit 1993 beigetragen.

186 187

Vgl. dazu Kapitel 5. Es handelt sich um Daten aus einem laufenden, noch nicht publizierten Strafzumessungsprojekt des KFN.

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PSB

Im Kapitel 2.11 zur Bedeutung der Zuwanderung für das Kriminalitätsgeschehen wird dargelegt, welche Probleme die polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken im Hinblick auf die spezielle Gruppe der Zuwanderer, hier insbesondere der Nichtdeutschen hat, die bei der Interpretation zu beachten sind. Dies ist zu berücksichtigen, wenn im folgenden die Daten zur registrierten Gewaltkriminalität der Nichtdeutschen dargestellt werden. Die Viktimisierung von Nichtdeutschen kann, weil die polizeiliche Opferstatistik nicht nach der Nationalität der Betroffenen differenziert, auf dieser Datenbasis nicht analysiert werden. Insoweit stehen nur begrenzte Erkenntnisse aus einzelnen Forschungsprojekten188 oder aus speziellen polizeilichen Meldediensten zur fremdenfeindlichen Gewalt zur Verfügung.189 Schaubild 2.1-5 zeigt für die alten Länder, wie sich die absoluten Zahlen der verschiedenen Gruppen von nichtdeutschen Tatverdächtigen zwischen 1984 bis 1999 entwickelt haben. Sie wird ergänzt durch Daten der Tabelle 2.1-13 Es ist festzustellen, dass der Anteil der Nichtdeutschen an allen polizeilich registrierten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität zwischen 1984 und 1993 von 18,8% auf 35,9% angestiegen ist. Zwischen 1993 und hat sich danach ein Rückgang auf 32,5% ergeben. Die zwischen 1984 und 1993 eingetretene Zunahme der nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität beruht zu etwa zwei Fünftel auf der in dieser Zeit sehr starken Zuwanderung von Asylbewerbern.190 Der Anteil der Asylbewerber an allen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität wuchs zwischen 1984 und 1993 von 1,3% auf 9,9%. Nach dem Inkrafttreten der Reform des Asylrechts kam es ab 1994 zu einer starken Reduzierung der Zuwanderung von Asylbewerbern.191 Es kann deshalb nicht überraschen, dass auch die absolute Zahl der als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registrierten Asylbewerber zwischen 1993 und 1999 um mehr als ein Drittel zurückging. Ihr Anteil an allen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität reduzierte sich von 9,9% auf 5,1%. Schaubild 2.1-5: Entwicklung der absoluten Zahlen verschiedener Gruppen von nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984-1999* 14.0 00

12.0 00

absolute TV Zahl

10.0 00

8.0 00

6.0 00 A rb eitne hm er S tud ente n/ Schü ler A sylbe w erb er T o uristen / D u rchre isen de Illeg ale

4.0 00

2.0 00

0 1 984

1 98 5

19 86

1 98 7

19 88

19 89

1 99 0

19 91

1 99 2

19 93

19 94

1 99 5

19 96

1 99 7

19 98

19 99

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik. 188

Vgl. z.B. STROBL, R., 1998. Zur fremdenfeindlichen und politisch motivierten Gewalt siehe Kapitel 2.10. 190 1984 betrug die Zahl der einreisenden Asylbewerber 35.278 und stieg 1993 auf eine Zahl von 322.599 an. 191 1994 ging die Zahl der einreisenden Asylbewerber auf 127.210 zurück. 1999 haben in Deutschland noch ca. 95.000 Personen Asyl beantragt. 189

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Der in den neunziger Jahren hohe Anteil der Asylbewerber unter den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität ist in Zusammenhang mit der sozialen Randlage zu sehen, in der sie sich nach ihrer Ankunft in Deutschland zwangsläufig befinden. Ihre Situation ist von relativer Armut, von beengten Wohnverhältnissen sowie schlechten Perspektiven gekennzeichnet, sich aus eigener Kraft aus der aktuellen Misere herauszuarbeiten. Hinzu kommen für die große Mehrheit Sprachprobleme, welche eine isolierte Lebenslage noch verstärken und nicht selten die Erfahrung, dass man ihnen im sozialen Umfeld nicht sehr freundlich oder teilweise sogar feindlich gesonnen ist. Dies alles sind Rahmenbedingungen, die eine gesellschaftliche Integration der Asylbewerber behindern und die Entstehung von Gewalt fördern. Tabelle 2.1-13: Anteil der Nichtdeutschen an der Gesamtzahl der wegen Gewaltkriminalität registrierten Tatverdächtigen nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1993 und 1999* 1984

1993

1999

%

N n von N n von N n von N n von N

92 004 17 275 18,8% 8 624 9,4% 1 207 1,3% 2 083 2,3%

109 563 39 343 35,9% 11 667 10,6% 10 831 9,9% 4 753 4,3%

141 184 45 916 32,5% 12 579 8,9% 7 206 5,1% 8 165 5,8%

% % % %

N n von N von N von N von N

2 759 600 21,7% 11,1% 2,4% 0,7%

3 458 1 247 36,1% 9,0% 12,9% 1,2%

2 638 936 35,5% 9,4% 7,4% 1,6%

% % % %

N n von N von N von N von N

4 302 1 133 26,3% 12,7% 2,5% 2,2%

3 979 1 598 40,2% 11,9% 13,7% 1,7%

5 015 1 824 36,4% 12,2% 7,1% 2,4%

N N n % von N % von N % von N

18 691 3 435 18,4% 6,0% 1,4% 4,2%

24 807 10 567 42,6% 7,6% 13,0% 6,8%

31 302 11 782 37,6% 5,4% 6,4% 9,9%

N n von N von N von N von N

69 216 12 585 18,2% 9,9% 1,2% 1,8%

80 281 27 110 33,8% 11,5% 8,6% 4,0%

106 437 32 879 30,9% 9,6% 4,6% 5,0%

Gewaltkriminalität TV insgesamt Nichtdeutsche TV % - Arbeitn. % - Asylb. % - Schüler/Stud./Auszub. Mord/Totschlag TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. Vergewaltigung TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. Raubdelikte TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub. gef./schw. KVL TV insgesamt Nichtdeutsche TV - Arbeitn. - Asylb. - Schüler/Stud./Auszub.

% % % %

* 1993 und 1999 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Auffallend ist weiter der starke Anstieg der nichtdeutschen Tatverdächtigen, die von der Polizei als Schüler, Studenten und Auszubildende registriert wurden. Ihre absolute Zahl hat sich zwischen 1984 und 1999 um fast das Vierfache erhöht und hat damit weit stärker zugenommen als die Zahl der 14- bis unter 30-jährigen Nichtdeutschen, die in der Wohnbevölkerungsstatistik erfasst wurden. Schaubild 2.1-5 lässt sich ferner entnehmen, dass die Touristen und Durchreisenden sowie die illegal eingewanderten Tatver-

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dächtigen das Gesamtgeschehen der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität nur geringfügig beeinflusst haben. Ihr Anteil an allen Tatverdächtigen lag in dem Untersuchungszeitraum maximal bei 1,5%. In Anbetracht der marginalen Bedeutung, die diese beiden Gruppen von Nichtdeutschen für die Entwicklung der Gewaltkriminalität haben, wurden sie in der Tabelle 2.1-13 nicht gesondert erfasst. Die bis 1993 eingetretene Zunahme der absoluten Zahlen beruht aber auch, wie Schaubild 2.1-5 in Verbindung mit Tabelle 2.1-13 deutlich macht, teilweise darauf, dass die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer, die als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, zwischen 1984 und 1999 um fast die Hälfte zugenommen hat. Da aber die Gesamtzahl aller registrierten Tatverdächtigen noch etwas stärker angestiegen ist, ist der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer an allen Tatverdächtigen von 9,4% auf 8,9% gesunken. Zu dieser Teilgruppe der Nichtdeutschen liegen dank der vierteljährlich erfolgenden Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit Bevölkerungszahlen vor. Sie ermöglichen es, TVBZ zu berechnen und damit auch Veränderungen in den Bevölkerungszahlen zu berücksichtigen. Danach zeigt sich, dass die Quote der ausländischen Arbeitnehmer, die in der Zeit zwischen 1984 und 1993 als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden, relativ konstant bei 0,5% lag. Bis 1997 ist sie dann auf 0,6% angestiegen und seitdem etwa gleich geblieben. Die TVBZ der ausländischen Arbeitnehmer liegt damit etwa auf dem Niveau, das sich für deutsche Jungerwachsene der Altersgruppe 18 bis 25 ergibt. Die TVBZ der nichtdeutschen Arbeitnehmer hat sich also im Vergleich von 1984 und 1999 nur in sehr begrenztem Maß erhöht hat . Im gleichen Zeitraum ist pro 100.000 der Wohnbevölkerung in den alten Ländern die Zahl der aufgeklärten Fälle von Gewaltkriminalität etwa doppelt so stark angestiegen. Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass sich die mit einem Arbeitsplatz verbundene soziale Integration der ausländischen Arbeitnehmer und die Verfügbarkeit eines festen Einkommens stabilisierend auswirken. Gesicherte Erkenntnisse können freilich aus diesen Daten nicht abgeleitet werden, weil sie keinerlei Informationen zu Alters- und Geschlechtsstruktur der ausländischen Arbeitnehmer enthalten und weil zudem nicht kontrolliert werden kann, zu welchem Anteil es sich bei den Arbeitnehmern um Personen handelt, die sich nur saisonal als Arbeitskräfte in der Bundesrepublik Deutschland aufgehalten haben. Noch problematischer ist eine Analyse der Kriminalitätsentwicklung für weitere in der PKS getrennt erfasste Tatverdächtigengruppen auf dem Hintergrund der Bevölkerungsstatistik. So ist davon auszugehen, dass die Kategorie etwa der Schüler und Studenten in der PKS, die auf den Aufenthaltsgrund der Tatverdächtigen abstellt, nicht vollständig mit den entsprechenden bevölkerungsstatistischen Kategorien übereinstimmt. 2.1.7

Die Sanktionspraxis gegenüber erwachsenen Gewalttätern Kernpunkte

♦ Die Sanktionspraxis gegenüber Gewalttätern ist im Verlauf der letzten 15 Jahre durch eine Abnahme der Geldstrafe gekennzeichnet, der ein starker Anstieg der zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen gegenüber steht. Unbedingte Freiheitsstrafen waren bis 1990 zunächst zurückgegangen, sind aber seitdem mit zunehmender Häufigkeit angeordnet worden. Auch die Dauer der Freiheitsstrafe hat seit 1990 zugenommen. Die Quote der Freisprüche ist mit etwa 10% höher als im Durchschnitt aller Strafverfahren, blieb aber seit 1984 unverändert. ♦ Der verstärkte Einsatz der unbedingten Freiheitsstrafe ist vor allem gegenüber Körperverletzungsdelikten und Tötungsdelikten zu beobachten, schwächer ausgeprägt auch gegenüber der Vergewaltigung. Leicht rückläufige Zahlen zur Häufigkeit und Dauer des Freiheitsentzuges ergeben sich dagegen bei Angeklagten der Raubdelikte. Beides ist möglicherweise auf Veränderungen in der Zusammensetzung der Angeklagten zurückzuführen.

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♦ Bei der Strafverfolgung nichtdeutscher Tatverdächtiger der Gewaltkriminalität ist in den neunziger Jahren eine deutlich stärkere Zunahme der Verurteilungen zu Haftstrafen eingetreten als das für die deutschen Tatverdächtigen dieses Deliktes gilt. ♦ Analysen von Individualdatensätzen der Strafverfolgungsstatistik der Länder Schleswig-Holstein und Niedersachsen zeigen, dass in den neunziger Jahren die Quote der ausländischen Tatverdächtigen von Gewaltkriminalität, die angeklagt und verurteilt wurden, weit stärker zugenommen hat als das für die Deutschen gilt. Ferner ist bei den ausländischen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität sowohl der Anteil der zu unbedingten Freiheitsstrafe Verurteilten wie auch die durchschnittliche Dauer der Haftstrafen erheblich stärker angestiegen als bei den Deutschen. Die Ursachen dieser Unterschiede sind jedoch nicht abschließend geklärt. Der nachfolgende Abschnitt bietet einen Überblick zur Sanktionspraxis gegenüber erwachsenen Angeklagten der Gewaltkriminalität. Tabelle 2.1-14 beschränkt sich bei der Darstellung der seit Mitte der achtziger Jahre eingetretenen Längsschnittentwicklung der Verfahrens- und Sanktionspraxis auf Eckdaten zu den Jahren 1984, 1990 und 1998. Dies erscheint deshalb vertretbar, weil die Zahlen der dazwischen liegenden Jahre sich jeweils in dem Trend bewegen, der durch diese drei ausgewählten Jahrgänge erkennbar wird. Es zeigt sich, dass bei Strafverfahren gegen Gewalttäter die Freispruchquote unverändert während des gesamten Zeitraums zwischen 9% und 10% liegt. Sie ist damit deutlich höher, als das im Durchschnitt der Strafverfahren verzeichnet wird (1998: 2,7%). Dies dürfte damit zusammenhängen, dass das Ermittlungsergebnis der Polizei hier häufiger als bei anderen Delikten primär auf den Aussagen von Zeugen oder Opfern beruht. Wenn sich dann bei Gericht Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben ergeben oder Erinnerungsprobleme auftauchen, ist häufiger dem Grundsatz "in dubio pro reo" zu folgen und freizusprechen. Die Quote der Angeklagten, die förmlich verurteilt wurden, ist während des Untersuchungszeitraums weitgehend konstant geblieben. Etwas zurückgegangen ist der Anteil der Angeklagten, die zu einer Geldstrafe verurteilt wurden. Dies korrespondiert mit einer Zunahme der insgesamt verhängten Freiheitsstrafen. Insoweit zeigt sich allerdings zunächst für die Jahre 1984 bis 1990 ein leichter Abwärtstrend. In den neunziger Jahren hat sich dann jedoch sowohl die Quote der zur Bewährung ausgesetzten als auch der nicht ausgesetzten Freiheitsstrafen erhöht. Angestiegen ist in dieser Zeit ferner die durchschnittliche Dauer der bei unbedingten Freiheitsstrafen verhängten Haftjahre. Sie betrug im Jahr 1990 3,7 Jahre.192 Bis zum Jahr 1998 ist dieser Wert auf 3,9 Jahre angewachsen. Dies ist die Folge davon, dass vor allem Freiheitsstrafen ab einer Dauer von drei Jahren zugenommen haben. Ihre absolute Zahl hat sich zwischen 1990 und 1998 um den Faktor 1,5 erhöht und ist damit erheblich stärker angewachsen als die Gesamtzahl der Angeklagten. Im Widerspruch zu der weit verbreiteten Einschätzung, in den neunziger Jahren hätte der Gebrauch freiheitsentziehender Sanktionen gegenüber Gewalttätern abgenommen, demonstrieren die Daten das Gegenteil. Insbesondere die Quote, aber auch die Dauer der verhängten Freiheitsstrafen ist angestiegen. Dies bedeutet freilich noch nicht, dass die Strafhärte gegenüber gerichtlich abgeurteilten Gewalttätern angestiegen wäre. Denkbar wäre auch, dass sich die Zusammensetzung der Fälle in Richtung auf eher schwere Taten verändert hat. Nachfolgend wird daher geprüft, wie sich die Entwicklung der Sanktionspraxis für die einzelnen Hauptdeliktsgruppen der Gewaltkriminalität darstellt.

192

Zur Ermittlung der Haftjahre wurde bei Angaben, die zwischen zwei Grenzwerten liegen, jeweils der Mittelwert zugrunde gelegt (z. B. drei bis fünf Jahre entspricht vier Jahre); für Freiheitsstrafen von fünf und mehr Jahren wurden zehn Jahre als Mittel angesetzt.

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Tabelle 2.1-14: Sanktions- und Verfahrenspraxis gegenüber erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) der Gewaltkriminalität, alte Länder 1984, 1990 und 19981) Gewaltkriminalität* Angeklagte (Abgeurteilte)

N

1984

1990

1998

90-98

20.708

18.998

23.474

23,6%

Freispruch**

% von N

9,3%

9,5%

9,5%

Verfahrenseinstellung ***

% von N

22,1%

24,7%

21,5%

Verurteilte

% von N

68,6%

65,9%

69,0%

Geldstrafen Freiheitsstrafe m. Bew. Freiheitsstrafe m. Bew. Freiheitsstrafe o. Bew. Freiheitsstrafe o. Bew.

% von N n % von N n % von N

28,1% 3.566 17,2% 4.820 23,3%

29,4% 3.398 17,9% 3.540 18,6%

22,5% 5.847 24,9% 5.062 21,6%

davon >= 3 Jahre FS

n

1.939

1.349

2.047

davon >= 3 Jahre FS

% von N

9,4%

7,1%

8,7%

3,9

3,7

3,9

durchschn. Dauer der Haftjahre****

72,1% 43,0% 51,7%

* errechnet aus gef./schw. KVL, Raub, Mord/Totschlag, Vergewaltigung ** Bezieht sich auf das Allgemeine Strafrecht insgesamt (incl. Heranwachsende, auf die Allgemeines Strafrecht angewandt wurde) *** Einschl. sonstige Entscheidungen. **** Zur Ermittlung der Haftjahre wurde bei Angaben, die zwischen zwei Grenzwerten liegen, jeweils der Mittelwert zugrunde gelegt (also z.B. drei bis fünf Jahre entspricht vier Jahre); für Freiheitsstrafen von 5 und mehr Jahren wurden 10 Jahre als Mittel angesetzt 1)

1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Die Tabelle 2.1-15 zeigt für diese einzelnen Delikte bzw. Deliktgruppen ein unterschiedliches Bild. Bei den Tötungsdelikten hat sich von 1990 zu 1998 sowohl die Quote der zu unbedingten Freiheitsstrafe Verurteilten wie auch die durchschnittliche Dauer der Freiheitsstrafe jeweils um etwa ein Zehntel erhöht. Weit stärker fällt allerdings ins Gewicht, dass sich für die Angeklagten von qualifizieren Körperverletzungen, die fast zwei Drittel aller angeklagten Gewalttäter ausmachen, ein noch deutlicherer Wandel der Sanktionspraxis abzeichnet. Die Rate derer, die zu einer nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verurteilt zu wurden, hat sich bei dieser Deliktsgruppe um etwa ein Viertel erhöht, die durchschnittliche Dauer der Freiheitsstrafen fast um ein Drittel. Bei der Vergewaltigung fällt im Vergleich von 1990 zu 1998, bei einer gleichbleibenden Anzahl der Angeklagten und einer nur geringen Zunahme der zu unbedingter Freiheitsstrafe Verurteilten, eine Steigerung der durchschnittlichen Dauer der verhängten Freiheitsstrafe auf. Gegenüber Raubdelikten hat in den neunziger Jahren sowohl die Quote der unbedingten Freiheitsstrafen wie deren durchschnittliche Dauer leicht abgenommen. Damit setzt sich in abgeschwächter Form ein Trend fort, der zwischen 1984 und 1990 sehr deutlich ausgeprägt war. Möglicherweise ist dies eine Folge einer sinkenden Tatschwere der Delikte. Auffallend ist jedenfalls, dass nach der Polizeilichen Kriminalstatistik der Anteil der Raubdelikte mit einer Schadenssumme von unter 25 DM seit 1984 stark angestiegen ist.

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Tabelle 2.1-15: Anordnung von nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen gegenüber erwachsenen Angeklagten (ab 21 Jahren) nach Deliktsgruppen, alte Länder 1984, 1990 und 1998* Angeklagte der Tötungsdelikte davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

1984

1990

1998

845

644

940

645

433

693

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

76,3%

67,2%

73,7%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

64,9%

57,5%

65,7%

7,36

7,38

7,93

1.258

994

1.079

715

484

539

Durchschnitt der Haftjahre Angeklagte der Vergewaltigung davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

56,8%

48,7%

50,0%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

24,6%

24,6%

28,4%

3,82

3,99

4,40

Durchschnitt der Haftjahre Angeklagte der Raubdelikte

4.103

3.571

5.271

davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

2.359

1.696

2.469

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten

57,5%

47,5%

46,8%

Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten

25,6%

19,3%

19,1%

4,28

3,95

3,87

Durchschnitt der Haftjahre

14.502

13.789

16.184

davon Verurteilte zu Freiheitsstrafe ohne Strafaussetzung

1.101

927

1.361

Anteil der ohne Strafaussetzung Verurteilten an den Angeklagten Anteil der zu 3 oder mehr Jahren Verurt. an den Angeklagten Durchschnitt der Haftjahre

7,6% 0,2% 1,23

6,7% 0,3% 1,23

8,4% 0,7% 1,62

Angeklagte der gef./schw. Körperverletzung

* 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Zwischen 1990 und 1999 hat in den alten Ländern die Gesamtzahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen um den Faktor 1,4 zugenommen. Dem steht nach der Strafvollzugsstatistik ein deutlich höherer Anstieg der nichtdeutschen Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten um das 2,6fache gegenüber. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der deutschen Tatverdächtigen auf das 1,2fache, die der deutschen Strafgefangenen dagegen nur um das 1,1fache angewachsen.193 Der Gesamtanstieg um 11.369 Gefangene beruht zu 85,5% auf einem Zuwachs inhaftierter Ausländer oder Staatenloser. Leider ist es nicht möglich, für den Bereich der Gewaltkriminalität diese Entwicklung auf der Basis der Strafverfolgungsstatistik des Bundes im Detail nachzuvollziehen, da sie keine Differenzierung für die einzelnen Deliktgruppen nach Deutschen und Nichtdeutschen enthält. Etwas anderes gilt, wenn man die Einzeldatensätze der Strafverfolgungsstatistik verwendet. Darauf basierend wurde am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen für die Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein u. a. analysiert, welche Bedeutung die Sanktionspraxis gegenüber Deutschen und Nichtdeutschen Gewalttätern für den überproportionalen Anstieg der Gefangenenzahlen Nichtdeutscher hat.194 Dabei bestätigte sich im Hinblick auf die Sanktionspraxis gegenüber Angeklagten der Gewaltkriminalität das Bild, das sich bereits im Hinblick auf die Entwicklung von Tatverdächtigenzahlen und Gefangenenzahlen insgesamt gezeigt hat. In den beiden Ländern hat sich im Vergleich der Doppeljahre 1990/91 und 193

1990 wurden zum Stichtag 31. März. 34.027 deutsche sowie 5.151 nichtdeutsche Strafgefangene und Sicherungsverwahrte gezählt, 1999 waren es 37.067 Deutsche und 13.480 Nichtdeutsche. 194 Vgl. PFEIFFER, C., SUHLING, S. und T. SCHOTT, 2000.

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1997/98 die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität auf das 1,5fache erhöht. Dem steht ein Anstieg der gegenüber nichtdeutschen Gewalttätern insgesamt angeordneten Haftjahre um mehr als das dreifache gegenüber. Für die Deutschen ergeben sich folgende Vergleichszahlen: Einer relativen Zunahme der Anzahl der Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität um den Faktor 1,1 steht ein Anstieg der Summe der gegen deutsche Angeklagte der Gewaltkriminalität ausgeurteilten Haftjahre um den Faktor 1,2 gegenüber. Für diese unterschiedliche Entwicklung des Inputs der Tatverdächtigen zum Output der Haftjahre wurden folgende Faktoren ermittelt: a) Die Quote der erwachsenen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität, die angeklagt wurden, hat sich bei Nichtdeutschen im Vergleich der Doppeljahre von 20,8% auf 26,1% erhöht, mithin stärker als bei den Deutschen wo sie von 27,4% auf 27,8% stieg, also nahezu unverändert blieb. b) Der Anteil der nichtdeutschen Angeklagten dieser Tätergruppe, die zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, ist in dem untersuchten Zeitraum von 15,6% auf 22,1% angestiegen, die der Deutschen hingegen nur von 18,7% auf 19,9%. c) Die durchschnittliche Dauer der verhängten Freiheitsstrafen hat bei den nichtdeutschen Verurteilten von 3,5 auf 4,3 Jahre zugenommen (Deutsche unverändert 3,6 Jahre). Als Folge dieser Veränderungen der Strafverfolgungspraxis hat sich pro 100 deutsche Angeklagte die Zahl der verhängten Haftjahre von 67,1 auf 71,6 erhöht. Bei den Nichtdeutschen ist dagegen ein Anstieg von 55 auf 95,7 Jahre zu verzeichnen.195 Die Tatsache, dass 1997/98 die nichtdeutschen im Vergleich zu den deutschen Angeklagten der Gewaltkriminalität zum einen häufiger und zum anderen für erheblich längere Dauer zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, erscheint auch deshalb überraschend, weil beträchtliche Unterschiede zur Anzahl der früheren Verfahren auftreten. Von allen erwachsenen deutschen Angeklagten dieser Tätergruppe hatten 16,4% ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis, bei den nichtdeutschen Angeklagten waren das 28,6%.196 Auf der anderen Seite wiesen 14,6% der deutschen Angeklagten eine beachtliche Vorbelastung mit fünf und mehr früheren Verurteilungen auf, bei den nichtdeutschen waren das nur 5,7%.197 Die Divergenzen der Strafzumessung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen werden von daher noch größer, wenn man die Zahl der früheren Verurteilungen konstant hält. Beispielsweise ergeben sich für Angeklagte mit ein bis zwei früheren Verurteilungen dann pro 100 nichtdeutscher Angeklagte zwei- bis dreimal so viel Haftjahre wie bei 100 deutschen Angeklagten.198 Die Hypothese einer gegenüber nichtdeutschen Angeklagten härteren Sanktionspraxis ist allerdings mit diesen Befunden noch nicht hinreichend belegt. Es fehlen Informationen zu anderen Faktoren, die für die Strafzumessung von Bedeutung sind. Dies gilt z.B. im Hinblick auf eine etwaige Bewaffnung des Täters, die Höhe des finanziellen Schadens oder das Ausmaß der beim Opfer eingetretenen Verletzungen. Diese Aspekte sollen im weiteren Fortgang des KFN-Projektes im Wege von Aktenanalysen überprüft werden. Sollte sich auch bei Kontrolle dieser Einflussfaktoren für nichtdeutsche Angeklagte eine höhere Rate der zu Freiheitsentzug Verurteilten ergeben, so schließen sich daran folgende bislang offene Fragestellungen an: - Ist die Kommunikation vor Gericht bei Nichtdeutschen häufig durch sprachliche Verständigungsprobleme belastet? Welche Bedeutung hat dies gegebenenfalls für die Strafzumessung? 195

Vgl. ebenda, S. 32 ff. Die hohe Ersttäterquote der nichtdeutschen Angeklagten dürfte auch damit zusammen hängen, dass Vorstrafen, die im Ausland verhängt wurden, in der Regel nicht bekannt werden. 197 Dies dürfte auch daraus folgen, dass mehrfach auffällige nichtdeutsche Gewalttäter mit einer Ausweisung zu rechnen haben. 198 Gegenüber 100 wegen Raubdelikten angeklagten Deutschen mit ein bis zwei früheren Verurteilungen errechnen sich für die Jahre 1997/98 128,3 Haftjahre; bei den Nichtdeutschen sind es 294,6 Haftjahre. Bei Angeklagten der gefährlichen/schweren Körperverletzung stehen 6,9 Haftjahre, die gegenüber deutschen Angeklagten verhängt wurden, bei den nichtdeutschen 18,5 Haftjahre gegenüber. Vgl. PFEIFFER, C., SUHLING, S. und T. SCHOTT, 2000, S. 56. 196

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Wie wirken sich schlechte Deutschkenntnisse auf die Chance aus, einem Bewährungshelfers unterstellt zu werden? Können derartige Kommunikationsprobleme indirekt dazu beitragen, dass häufiger Freiheitsstrafen ohne Bewährung ausgesprochen werden? Besteht für nichtdeutsche Angeklagte eine höhere Wahrscheinlichkeit der Untersuchungshaft? Erhöht dies gegebenenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen gegenüber eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung ausgesprochen wird? Werden nichtdeutsche Angeklagte der Gewaltkriminalität häufiger durch Pflichtverteidiger vertreten? Hat dies Bedeutung für den Ausgang des Verfahrens? Wird der starke Anstieg der Nichtdeutschen, die wegen Gewalttaten vor Gericht stehen, von den Richtern und Staatsanwälten eher als Indiz für eine steigende Gewaltbereitschaft dieser Bevölkerungsgruppe gesehen oder als normale Konsequenz der Zunahme des Wohnbevölkerungsanteils der Nichtdeutschen? Welche Bedeutung hat dies jeweils für die Strafzumessung?

2.1.8

Befunde der Dunkelfeldforschung zur Gewaltkriminalität in Deutschland Kernpunkte

♦ Opferbefragungen zeigen, dass etwa 1-2% der Bevölkerung im Laufe eines Jahres Opfer eines Raubdeliktes bzw. einer Körperverletzung werden. Die leichteren Formen sind deutlich häufiger als die schweren (z. B. die mit einer Waffe verübten). ♦ Mehrere Untersuchungen stützen die These, dass es von Anfang bis Mitte der neunziger Jahre in den neuen Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Raub- und Körperverletzungsdelikte gekommen ist. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre kam es jedoch bundesweit zu einem Rückgang der Gewaltopferraten. ♦ Großstädte weisen im Vergleich zu ländlichen Regionen eine höhere Quote von Gewaltopfern auf. Die Unterschiede sind allerdings bei weitem nicht so ausgeprägt wie die, die sich aus der Polizeilichen Kriminalstatistik ergeben, was auf eine geringere Anzeigebereitschaft der Opfer in ländlichen Gebieten zurückzuführen ist. ♦ Die Anzeigebereitschaft der Opfer fällt gegenüber fremden Tätern höher aus als gegenüber Bekannten oder gar Tätern aus dem Kreis der Familienangehörigen. Sie ist bei Raubtaten ausgeprägter als bei Körperverletzungen. ♦ Für eine exakte Analyse der Entwicklung des Anzeigeverhaltens fehlen in der Bundesrepublik derzeit die erforderlichen repräsentativen, landesweiten Längsschnittdaten. Die verfügbaren Informationen aus regional begrenzten Untersuchungen und Jugendstudien deuten jedoch darauf hin, dass die Anzeigebereitschaft wahrscheinlich zugenommen hat. ♦ Innerfamiliäre Gewalt gegen Frauen ist wesentlich häufiger als Gewalt im öffentlichen Raum. Im Laufe eines Jahres werden etwa 10% der Frauen Opfer innerfamiliärer körperlicher Gewalt. Innerfamiliäre Gewaltdelikte werden aber weit überwiegend nicht angezeigt. ♦ Im Falle wirtschaftlicher und sozialer Belastungen ist das Risiko der Gewalt im häuslichen Bereich erhöht. Ferner ist die innerfamiliäre Gewalt bei ausländischen Familien häufiger. Ergänzend zu den Erkenntnissen aus den vorliegenden Hellfeldstatistiken werden im folgenden die Befunde aus bundesdeutschen Opferbefragungen zur Verbreitung von Gewaltkriminalität dargelegt.199 In Deutschland wurden zwischen 1989 und 1998 insgesamt 11 überregionale repräsentative Opferbefragungen durchgeführt, die teilweise Deutschland insgesamt erfassten oder auf die alten bzw. die neuen Länder begrenzt waren.200 Die Studien der verschiedenen Forschergruppen sind jedoch nicht exakt vergleichbar. 199

Zur Geschichte und Methodenentwicklung in den USA vgl. CANTOR und LYNCH, 2000, m. w. Nachw. Vgl. zum Überblick auch WEIß, R., 1997. 200 Neben der bundesdeutschen Beteiligung am ICS (vgl. VAN DIJK, J. J. M. u. a., 1990; KURY, H., 1991) durch die Forschungsgruppe um KURY, die allerdings wegen ihrer extremen niedrigen Ausschöpfungsquote kaum interpretationsfähig erscheint,

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Längsschnittliche Analysen sind deshalb nur sehr eingeschränkt möglich. Das entscheidende Ziel, in Ergänzung zu den Hellfeldstatistiken kontinuierlich Daten zur Entwicklung der Opferraten201 und den Veränderungen des Anzeigeverhaltens202 zu erheben, ist bis heute nicht erreicht. Für die Interpretation der Daten aus diesen Opferbefragungen ist zu beachten, dass die subjektive Wahrnehmung, Opfer eines bestimmten Delikts geworden zu sein, nicht unbedingt mit strafrechtlichen Definitionen in Einklang steht. Das kann sowohl dazu führen, dass Vorfälle, die rechtlich noch nicht die Grenzen der Strafbarkeit überschreiten, als Viktimisierungserfahrungen registriert werden, als auch dazu, dass strafrechtlich relevante Ereignisse von einigen Befragten als irrelevant angesehen und deshalb nicht berichtet werden.203 Diese Diskrepanz zwischen strafrechtlich-normativen Bewertungen einerseits und subjektiven Erlebnissen andererseits bedingt, dass eine Rekonstruktion des Hellfeldes polizeilicher Daten unter Rückgriff auf in Opferbefragungen berichtete und angezeigte Vorfälle nicht möglich ist. International hat sich diesbezüglich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Gegenüberstellung von Opferbefragungen und polizeilichen Statistiken im Sinne der Untersuchung der Fehlerhaftigkeit einer der beiden Datenquellen nicht sinnvoll ist. Diskrepanzen sind vielmehr als erklärungsbedürftiges Phänomene anzusehen, die eine für die Einschätzung der Kriminalitätslage wichtige Informationsquelle darstellen.204 2.1.8.1 Verbreitung und Entwicklung der Viktimisierung durch Gewaltdelikte Trotz der genannten Einschränkungen lässt sich den bundesdeutschen repräsentativen Studien einiges zum Ausmaß, der regionalen Verteilung und der Entwicklung der Viktimisierung durch Gewalt entnehmen.205 So ist es vom Anfang bis zur Mitte der neunziger Jahre in den neuen Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Gewaltdelinquenz gekommen.206 So lagen die Raten der Opfer von Raub und Körperverletzungsdelikten in den neuen Ländern im Jahr 1991 signifikant höher als im Jahr 1990.207 Wie Tabelle 2.1-16 zeigt, wurden 1991 in den neuen Ländern fast durchweg höhere Werte als im Westen festgestellt. Die einzige Ausnahme bildet die Opferrate für Vergewaltigung, die im Westen höher war. Tabelle 2.1-16: Opfer von Gewaltdelikten im Jahr 1991 in den alten und neuen Ländern (Befragte zwischen 16 und 60 Jahren)

Alte Länder n=7318) Neue Länder (n=1679)

Handtaschenraub Opfer Delikte je 100 je 100 0,5 0,6 0,7

0,8

sonstiger Raub Opfer je 100 0,4 0,7

Körperverl. mit Waffen Delikte Opfer Delikte je 100 je 100 je 100 0,5 0,6 0,8 0,8

0,9

1,3

Körperverl. ohne Waffen Opfer Delikte je 100 je 100 1,3 2,4 2,2

4,3

Vergewaltigung/ sex. Nötigung Opfer Delikte je 100 je 100 0,5 0,7 0,2

0,9

Datenquelle: WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S.61.

handelt es sich um zehn Untersuchungen, die in folgenden Veröffentlichungen dargestellt sind: BOERS, K. u. a., 1997; EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994; KURY, H. u. a., 1992; WETZELS, P. u. a., 1995; WETZELS, P., 1997; SWB, 1996 und 1997; HEINZ, W. u. a., 1998. 201 So weichen die Fragen der einzelnen Projekte voneinander ab; vgl. zum Überblick HEINZ, W. u. a., 1998; EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994. Die in Bezug genommenen Referenzzeiträume unterscheiden sich gleichfalls erheblich. 202 Die Veränderung des Anzeigeverhaltens kann bislang nicht zufriedenstellend untersucht werden. So haben lediglich die Studie des KFN (vgl. WETZELS, P. u. a., 1995) sowie ein Teil der Untersuchungen von HEINZ, W. u. a., 1998, nach dem Anzeigeverhalten bezogen auf Vorfälle aus den letzten 12 Monaten, dem entscheidenden Zeitraum zur Kontrastierung mit PKS-Daten, gefragt. Nur die KFN-Studie hat das Anzeigeverhalten bezogen auf alle Vorfälle im fraglichen Zeitraum erfasst. Andere Studien, wie KURY, H. u. a., 1992, haben sich auf das Anzeigeverhalten beim letzten derartigen Vorfall beschränkt und diesen zudem auf die letzten fünf Jahre bezogen. 203 VGL. dazu BILSKY, W., WETZELS, P., MECKLENBURG, E. und C. PFEIFFER, 1995; WETZELS, P., 1997. 204 Vgl. CANTOR und LYNCH, 2000. 205 Vgl. zum Überblick auch HEINZ, W. u. a., 1998. 206 Vgl. BOERS, K. u. a., 1994; BOERS, K., 1996; EWALD, U. u. a., 1994; GUTSCHE, G., 1995; KURY, H., 1991; KURY, H. u. a., 1992. 207 Vgl. WETZELS, P. u. a., 1995.

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Auch 1994 wurde in Ostdeutschland ein Gewaltniveau gemessen, das über dem des Westens liegt. Jüngere Studien aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre kommen tendenziell ebenfalls zu der Feststellung, dass in den Stichproben aus den neuen Ländern etwas höhere Opferraten festzustellen sind.208 Allerdings sind diese Unterschiede zwischen den alten und den neuen Ländern statistisch nicht signifikant. Seit 1995 ist es bundesweit bei den Gewaltdelikten zu Rückgängen gekommen. So fallen in den SWBStudien209 die Opferraten bei allen analysierten Gewaltdelikten im Jahre 1997 niedriger aus als im Vorjahr. Nach den MTU-Studien210, hat von 1995 bis 1997 die Raubopferrate von 1,4% auf 0,8% und die Rate der Opfer tätlicher Angriffe von 2,8% auf 1,5% abgenommen. Die Opferrate für sexuelle Gewaltdelikte ist von 0,6% auf 0,2% zurückgegangen.211 Der Befund einer Abnahme der Opferraten bei sexuellen Gewaltdelikten wird auch durch die Ergebnisse wiederholter Untersuchungen studentischer Stichproben für frühere Referenzzeiträume gestützt. Danach war die Viktimisierung von Studienanfängerinnen durch vollzogene oder versuchte Vergewaltigungen im Zeitraum von 1980 bis 1992 rückläufig. Im Unterschied dazu hatte die Viktimisierung durch obszöne Telefonanrufe von 1976 bis 1991 deutlich zugenommen.212 In diesen Studien wurden auch die Lebenszeitprävalenzraten für sexuelle Gewaltdelikte bei Befragten aus den alten und den neuen Ländern verglichen. Während im Westen 14,3% der Studienanfängerinnen berichteten, schon einmal zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen gezwungen worden zu sein, waren dies im Osten mit 12,6% erkennbar weniger. Ein ähnlicher Befund ergab sich zur vollendeten Vergewaltigung (Westen 1,4%, Osten 0,4%), womit sich der Befund der KFN-Befragung des Jahres 1992 in Bezug auf dieses Delikt bestätigt. Für den Zeitraum ab 1998 liegen keinerlei national-repräsentative Daten zu Opfererfahrungen durch Gewaltdelikte für die Allgemeinbevölkerung vor, so dass aktuellere Trendaussagen nicht möglich sind.213 2.1.8.2 Das Anzeigeverhalten Dem Anzeigeverhalten kommt eine entscheidende Bedeutung für die Beurteilung der Struktur, der räumlichen Verteilung und der Veränderungen registrierter Gewaltkriminalität zu. Die deutschen Untersuchungen zeigen dazu, im Einklang mit internationalen Erkenntnissen, dass das Anzeigeverhalten deliktspezifisch unterschiedlich ist, weshalb die Struktur der Gewaltdelinquenz im Hellfeld nicht den Relationen der verschiedenen Gewaltformen im Dunkelfeld entspricht. So werden Raubdelikte am häufigsten (zu etwa 50-60%) angezeigt. Die Anzeigequote für Körperverletzungsdelikte (ca. 20-30%) ist demgegenüber deutlich niedriger.214 Die aktuellsten Daten zur Anzeigebereitschaft bei Opfern von Gewaltdelikten sind Studien zu entnehmen, die sich auf das Jahr 1997 beziehen. Auch hier zeigt sich, dass die Anzeigequote bei Raubdelikten (59,3%) deutlich höher ist als bei Körperverletzungsdelikten (33,6%).215 Für Sexualdelikte sind die Forschungsergebnisse uneinheitlich und aus mehreren Gründen schwierig zu interpretieren. Nach den Erkenntnissen der KFN-Opferbefragung beläuft sich die Anzeigequote für Vergewaltigung/sexuelle Nötigung auf ca. 15%. Unter Verwendung anderer Frageformulierungen und bezogen auf Delikte aus einem Fünfjahreszeitraum stellen BOERS, K. u. a. für sexuelle Gewaltdelikte eine 208

Vgl. die Studien der Forschungsgruppe um HEINZ, W. u. a., 1998, S. 2–9. SWB=Sozialwissenschaften Bus; diese Studien beziehen sich auf die Jahre 1996 und 1997. 210 MTU=Mehrthemenumfragen; diese Studien beziehen sich auf die Jahre 1995 und 1997. 211 Es ist allerdings fraglich, ob diese sich andeutenden Trends auch für Jugendliche gelten, die in den aufgeführten repräsentativen Studien nur eine kleine Teilgruppe bilden. 212 Vgl. KREUZER, u. a., 1993, S. 185. 213 Speziell für den Jugendbereich kann hier auf die KFN-Schülerbefragungen der Jahre 1998 und 2000 Bezug genommen werden, auf die in Kapitel 5 noch im Detail eingegangen wird. 214 Eine geringere Anzeigequote für Körperverletzungsdelikte ergibt sich auch aus der ersten Untersuchung der Arbeitsgruppe um Boers für die neuen Länder. Während 52,5% der Raub- und 60,5% der Handtaschenraubdelikte angezeigt wurden, liegt die Anzeigequote bei Körperverletzungen ohne Waffe mit 15,4% und bei Körperverletzungen mit Waffe mit 21,0% erheblich niedriger; vgl. EWALD, U., HENNIG, C. und E. LAUTSCH, 1994, S. 155. 215 Vgl. HEINZ, W., SPIEß, G., SCHNELL, R. und F. KREUTER, 1998. 209

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Anzeigequote von 60% fest. HEINZ, W. u. a. berichten bezogen auf das Jahr Anzeigequoten von 44,4% (SWB) und 61,4% (MTU). Neben unterschiedlichen Referenzzeiträumen und Berechnungsarten bei der Bestimmung der Anzeigequote216 ist zu beachten, dass nach den Ergebnissen der KFN-Befragung ein großer Teil der Delikte im sozialen Nahraum von Partnerbeziehungen stattfindet, was von den gängigen Methoden der Opferbefragungen kaum erfasst wird, wo aber zugleich die Anzeigebereitschaft der Opfer extrem niedrig liegt.217 Die hauptsächlichen Gründe für eine Nichtanzeige sind in der Bundesrepublik Deutschland und international recht ähnlich. So findet sich nach den jüngsten deutschen Untersuchungen218 bei Raubdelikten am häufigsten die Angabe, dass die Opfer die Angelegenheit selbst regeln wollen (29,3%) und die Einschätzung, dass die Polizei nichts hätte machen können (24%). Etwa ein Fünftel der Befragten hält die Opfererfahrung zudem nicht für so schwerwiegend. Bei den Körperverletzungsdelikten sind die Verhältnisse vergleichbar.219 2.1.8.2.1 Regionale Divergenzen des Anzeigeverhaltens Für die Bundesrepublik sind regionale Unterschiede des Anzeigeverhaltens bei der Beurteilung der polizeilichen Hellfelddaten zu berücksichtigen. So wurde festgestellt, dass 1991 das Dunkelfeld der nicht angezeigten Gewaltdelikte mit 71,8% in den neuen Ländern erheblich größer war als im Westen (62,9%). Besonders große Unterschiede zeigten sich bei den Körperverletzungsdelikten und dem Handtaschenraub, die im Westen etwa doppelt so häufig zur Anzeige gebracht wurden wie im Osten. Dementsprechend war Anfang der neunziger Jahre das Potenzial für eine Zunahme des Anzeigeverhaltens in den neuen Ländern größer als im Westen. Ferner finden sich in den alten Ländern deutliche Nord-Süd-Unterschiede. So hat die KFNOpferbefragung des Jahres 1992 gezeigt, dass schwere Gewaltdelikte in Norddeutschland (SchleswigHolstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen) zu 51,6% angezeigt wurden, im Süden (BadenWürttemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Saarland) lag die Anzeigequote dagegen bei 35,4%.220 Eine entsprechende Tendenz zeigen auch die Befunde der KFN-Schülerbefragungen. So wurden von den jugendlichen Gewaltopfern aus allgemeinbildenden Schulen in Hamburg 13,8% aller Gewaltvorfälle des Jahres 1997 angezeigt, in München hingegen nur 8%.221 Die Nord-Süd-Divergenzen polizeilich registrierter Gewaltkriminalität sind von daher zumindest teilweise auf regional unterschiedliche Dunkelfeldanteile zurückzuführen. 2.1.8.2.2 Veränderungen des Anzeigeverhaltens National wie international zeigt sich, dass der größere Teil der Gewaltdelikte von den betroffenen Opfern den Strafverfolgungsbehörden nicht angezeigt wird. Besonders groß ist dieses Dunkelfeld im Bereich der Jugendgewaltdelikte.222 Daraus resultiert ein erheblicher Spielraum für Veränderungen des Anzeigeverhaltens, weshalb regelmäßige Dunkelfeldstudien zur Analyse möglicher Zu- oder Abnahmen der Anzei216

BOERS, K. u. a. fragten dazu nach dem Anzeigeverhalten bei letzten Delikt aus den vergangenen fünf Jahren. WETZELS, P u. a. hingegen erfragten das Anzeigeverhalten für alle Vorfälle aus den letzten 12 Monaten während HEINZ, W. u. a. bei den Opfern nach dem Anzeigeverhalten bezogen auf die letzten 12 Monate fragten, ohne dabei jeden einzelnen Vorfall explizit zu spezifizieren. 217 Die Anzeigequote liegt hier deutlich unter 10%; vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995. 218 Vgl. HEINZ, W., SPIEß, G., SCHNELL, R. und F. KREUTER, 1998. 219 Bei den Opfern sexueller Gewalt erfolgte hingegen kein einziges Mal die Angabe, dass der Vorfall nicht so schwerwiegend gewesen sei. Hier wurde vielmehr am häufigsten Angst vor Vergeltung (28,6%) sowie andere Gründe (33,3%) genannt. 220 Bei leichten Gewaltdelikten lag die Anzeigequote im Norden bei 24%, im Süden hingegen 16,9%. Aufgrund der kleinen Fallzahlen war dieser Unterschied zwar statistisch nicht signifikant, wurde gleichwohl als Indiz für ein im Süden ausgeprägteres Dunkelfeld interpretiert, da sich auch zu den häufigeren Diebstahlsdelikten im Norden mit 27,7% eine statistisch auch signifikant höhere Anzeigequote ergeben hat als im Süden mit 10%; vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1996, S. 400. 221 Im Jahr 2000 liegt die Anzeigequote in Hamburg bei 14,6%, während sie in München nur 10,3% beträgt. 222 Vgl. PFEIFFER, C., DELZER, I., ENZMANN, D. und P. WETZELS, 1998.

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gebereitschaft für eine adäquate Beurteilung der Entwicklungen im Hellfeld der registrierten Gewaltkriminalität dringend erforderlich wären. Daten, die eine Analyse der Entwicklung des Anzeigeverhaltens im Zeitverlauf erlauben würden, stehen für die Bundesrepublik auf national-repräsentativer Ebene bisher nicht zur Verfügung.223 Wie wichtig dies wäre, dokumentieren Erkenntnisse aus den USA und Großbritannien. So konnte in den USA gezeigt werden, dass nach den Befunden des seit 1973 kontinuierlich durchgeführten National Crime Victimization Survey (NCVS) die schwere Gewaltkriminalität im Jahre 1999 den niedrigsten Stand seit 1973 erreicht und um 53% zurückgegangen war. In demselben Zeitraum hatte die polizeilich registrierte schwere Gewaltkriminalität nach den Daten des Uniform Crime Report (UCR) um mehr als das Doppelte zugenommen.224 Ähnlich zeigen die Ergebnisse des British Crime Survey für England und Wales, dass zwischen 1987 und 1991 die polizeilich registrierten Gewaltdelikte wesentlich stärker zugenommen haben als die von den Opfern insgesamt erlittenen Vorfälle, was auf eine Zunahme des Anzeigeverhaltens in diesem Zeitraum zurückzuführen ist.225 Im jüngsten British Crime Survey aus dem Jahr 2000 wird festgestellt, dass die Polizeidaten zwischen 1997 und 1999 einen Kriminalitätsrückgang bezogen auf alle Delikte von 5% nahe legen, die Opferbefragungsdaten hingegen einen doppelt so starken Rückgang von 10% annehmen lassen.226 Für qualifizierte Körperverletzungen weisen die Daten des Dunkelfeldes für die Zeit zwischen 1997 und 1999 auf einen Rückgang um 11% hin, während die Polizeidaten hier nur eine Abnahme um 2% erkennen lassen. Diese Differenz wird für Großbritannien auf ein verändertes Anzeigeverhalten zurückgeführt.227 Wenn auch keine repräsentativen Längsschnittdaten für Gesamtdeutschland zur Verfügung stehen, so lassen gleichwohl die Befunde einzelner deutscher Studien erste vorsichtige Einschätzungen zu. So zeigen die im Abstand von jeweils mehr als zehn Jahren (1975, 1986 und 1998) wiederholt durchgeführten Bochumer Opferbefragungen, dass es in dieser Stadt eine deutlich Zunahme der Anzeigequote bei Körperverletzungsdelikten gegeben hat.228 Während im Jahr 1975 auf eine angezeigte Körperverletzung sieben nicht angezeigte Delikte festzustellen waren, belief sich diese Relation 1986 auf 1:6 und im Jahr 1998 auf 1:3. Eine Zunahme der registrierten Körperverletzungen könnte danach in Bochum zumindest zu einem erheblichen Anteil auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen sein, die sich dort etwa verdoppelt hat. Würde dies auf die Bundesrepublik übertragen, so wäre der Anstieg der polizeilich registrierten Körperverletzungen zwischen 1975 und 1998 von 150% real wesentlich niedriger und würde sich auf lediglich 30% belaufen.229 Die KFN-Schülerbefragung, die 1998 in neun Städten mit insgesamt 16.190 Jugendlichen durchgeführt wurde, hat weiter gezeigt, dass bei Gewaltdelikten die Anzeigequote dann erhöht ist, wenn es sich bei Opfern und Tätern um Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen handelt.230 Im Rahmen von Aktenanalysen zur Jugendgewalt wurde festgestellt, dass gerade die Konstellation bei Gewaltdelikten

223

Die dazu vorliegenden Angaben aus den Publikationen der Arbeitsgruppe um BOERS sind diesbezüglich wenig ergiebig und teilweise widersprüchlich; vgl. KERNER, H.-J., 1997, S. 358 und BOERS, K., 1996, S. 320. Aus den wiederholten Erhebungen der Arbeitsgruppe um HEINZ sind keine Anhaltspunkte für die Entwicklung des Anzeigeverhaltens zu entnehmen. 224 Vgl. Kapitel 1, Schaubild 1-2; siehe auch RAND, M. R., LYNCH, J. P. und D. CANTOR, 1997. 225 Vgl. MIRRLEES-BLACK, C., MAYHEW, P. und A. PERCY, 1996. 226 Vgl. KERSHAW, C. u. a., 2000, S. 9. 227 Vgl. ebenda, S. 15. 228 Vgl. SCHWIND, H. D., FETCHENHAUER, D., AHLBORN, W. und R. WEIß, 2000. 229 Vgl. Kapitel 1.4.2. 230 Entstammten Täter und Opfer unterschiedlichen ethnischen Gruppen, so lag die Anzeigequote bei 26,8%. Demgegenüber wurden Delikte dann, wenn Täter und Opfer der gleichen ethnischen Herkunft waren, nur zu 20,7% angezeigt; vgl. dazu ENZMANN, D. und P. WETZELS, 2000.

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erheblich angestiegen ist231, bei der aufgrund der unterschiedlichen ethnischen Herkunft von Täter und Opfer die Anzeigewahrscheinlichkeit erhöht ist. Es lässt sich folgern, dass mit der Zuwanderung junger Migranten in den letzten Jahren auch ein Anstieg genau dieser Art interethnischer Gewaltdelikte stattgefunden hat, weshalb es im Gesamtdurchschnitt zu einer Erhöhung der Anzeigewahrscheinlichkeit bei Gewaltdelikten unter jungen Menschen gekommen ist. Die Schülerbefragung erbrachte zudem, dass die Anzeigequoten im Jahre 2000 an allen Erhebungsorten höher ausfielen als 1998. Die oben dargestellten Bochumer Erkenntnisse lassen sich zwar vor dem Hintergrund der regionalen und deliktspezifischen Divergenzen des Anzeigeverhaltens wie auch seiner ethnischen Selektivität nicht ohne weiteres verallgemeinern. Im Zusammenhang mit den Erkenntnissen über die abnehmenden Opferraten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, einer entsprechenden Divergenz zur PKS sowie den Feststellungen aus den KFN-Schülerbefragungen zum Anzeigeverhalten liegt jedoch die Annahme nahe, dass Gewaltkriminalität in der Bundesrepublik gegenwärtig häufiger zur Kenntnis der Strafverfolgungsorgane gelangt als das in früheren Jahren der Fall war. 2.1.8.3 Gewaltkriminalität im Stadt-Land-Vergleich Nach der PKS finden sich erhebliche Unterschiede der Gewaltopferraten zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Pro 100.000 Einwohner werden von der Polizei in den Großstädten etwa viermal so viel Gewalttaten registriert wie in den ländlichen Regionen und Kleinstädten. Eine solche höhere Gewaltbelastung der Großstädte wird auch durch die vorliegenden Opferbefragungen bestätigt. So wurde Anfang der neunziger Jahre für West- und Ostdeutschland gleichermaßen die niedrigsten Opferquoten in Gemeindegrößenklassen mit unter 10.000 Einwohnern festgestellt.232 Für Großstädte lagen die Raten demgegenüber deutlich höher. Die regionalen Unterschiede erreichten jedoch bei weitem nicht das Ausmaß, wie es sich in den polizeilichen Statistiken zeigt. Zu entsprechenden Befunden ist die KFN-Opferbefragung des Jahres 1992 gelangt. Die Häufigkeit von Gewaltdelikten war danach sowohl im Westen wie auch im Osten in den Städten mit 500.000 und mehr Einwohnern relativ betrachtet am höchsten. Für die alten Länder ergab sich im Vergleich zu kleinen Gemeinden und Städten mit unter 20.000 Einwohnern eine etwa doppelt so hohe Opferrate. In den neuen Ländern lag sie im großstädtischen Bereich im Vergleich zu den ländlichen Gebieten um etwa 50% höher.233 Diese älteren Befunde werden durch aktuellere Analysen aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bestätigt.234 Es zeigte sich, dass die Opferrisiken in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern signifikant niedriger ausfallen. Insbesondere junge Männer, die in größeren Städten leben, weisen danach die höchsten Opferrisiken auf. Durchgehend zeigt sich ferner, dass die Stadt-Land-Unterschiede des Opferrisikos in den repräsentativen Befragungen geringer ausfallen als in den polizeilichen Daten. Dies ist wahrscheinlich eine Folge dessen, dass derartige Taten in ländlichen Regionen seltener angezeigt werden als in den Großstädten.235 2.1.8.4 Innerfamiliäre Gewalt Ein Bereich, der von den konventionellen kriminologischen Opferbefragungen nicht adäquat erfasst werden konnte, betrifft Ereignisse im Privatraum von Familie und Partnerschaft.236 Die KFN231

Zwischen 1990 und 1996 hat die Zahl von Vorfällen, bei denen die wegen Raubdelikten und gefährlichen/schweren Körperverletzungen Angeklagten 14- bis 21-Jährigen derselben ethnischen Gruppen angehören in Hannover von 65,1% auf 41,9% abgenommen. 232 Vgl. KURY, H., DÖRMANN, U., RICHTER, H. und M. WÜRGER, 1992. 233 Vgl. WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S. 79 ff. 234 Vgl. FORSCHUNGSGRUPPE KOMMUNALE KRIMINALPRÄVENTION IN BADEN-WÜRTTEMBERG, 1998. 235 Darauf deuten beispielsweise die aktuellen Ergebnisse der KFN-Schülerbefragung 2000 hin. Im Vergleich der Daten des Landkreises Friesland mit denen der Stadt Hannover zeigt sich, dass die Anzeigequote bei Gewaltvorfällen des Jahres 1999 in Friesland mit 11,2% deutlich niedriger ausfiel als im ebenfalls niedersächsischen Hannover mit 15,1%. 236 Zu innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder vgl. Kapitel 5.

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Opferbefragung 1992 ist bislang die einzige repräsentative bundesdeutsche Opferbefragung, in der besondere methodische Vorkehrungen getroffen wurden, um speziell auch Gewalterfahrungen in solchen engen sozialen Beziehungen von Haushalt und Familie zu erfassen. Innerfamiliäre Gewalterfahrungen wurden auch hier in der ansonsten in Opferbefragungen üblichen Form des persönlich-mündlichen Interviews von den Betroffenen überwiegend nicht berichtet, sondern erst im Zuge einer speziell für diese Problematik entwickelten schriftlichen Zusatzbefragung. Tabelle 2.1-17: Frauen als Opfer von physischer und sexueller Gewalt 1987-1991 Physische Gewalt/ Körperverletzung n Opfer außerhalb des häuslichen Bereiches Opfer im häuslichen Bereich, die im mündlichen Interview erkannt werden konnten Opfer im häuslichen Bereich, die nur im schriftlichen Zusatzinterview erkannt wurden Gesamtzahl der Opfer Opfer im häuslichen Bereich total Gültige Angaben

%aller Fälle

Vergewaltigung/ sexuelle Nötigung n

% aller Fälle

25 48

1,2% 2,3%

19 9

0,9% 0,4%

289

13,8%

45

2,1%

362 337 2.089

17,3% 16,1%

73 54 2.103

3,5% 2,6%

Datenquelle: WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995, S. 10 ff.

Die Befunde zeigten, dass männliche und weibliche Befragte etwa gleich häufig über Opfererfahrungen im familiären Kontext berichteten. Der Schweregrad der Gewalt, den weibliche Befragte erlitten, war im Durchschnitt jedoch höher. Zudem waren im Bereich der sexuellen Gewalt Frauen die nahezu alleinigen Betroffenen. In der obigen tabellarischen Übersicht wird für jene weiblichen Befragten, die sowohl an dem standardmäßigen mündlichen Interview als auch an der schriftlichen Zusatzbefragung zu häuslicher Gewalt teilgenommen haben, aufgezeigt, wie viele Opfer häuslicher Gewalt nur durch diese besonderen methodischen Vorkehrungen erkannt werden konnten. So gaben insgesamt 73 Frauen (3,5% der erreichten Stichprobe) an, in den letzten fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung/sexuellen Nötigung gewesen zu sein. 54 Frauen waren dabei durch einen Täter aus dem sozialen Nahbereich von Familie/Haushalt betroffen. Davon wurden 5/6 (n=45) nur durch das schriftliche Zusatzinterview identifiziert. In 76% aller im Bereich von Familie/Haushalt betroffenen Frauen handelte es sich beim Täter um den Ehemann. Weitere 16,7% nannten einen nichtehelichen Lebenspartner als Täter. 93,3% der Vorfälle aus dem familiären Bereich wurden der Polizei nicht angezeigt. Von den Fällen, in denen es sich beim Täter um den Ehemann handelte, gelangte nur einer von 23 Fällen zur Anzeige. Für körperliche Gewalt war bezogen auf den Zeitraum 1987-1991 eine Opferrate von 16,1% festzustellen. Mehr als 80% dieser Opfer konnten erst in der zusätzlichen schriftlichen Befragung überhaupt erkannt werden. 4,6% aller Frauen waren dabei Opfer schwerwiegender physischer Gewalt in Form von Faustschlägen, Tritten oder der Verletzung mit Gegenständen oder Waffen.237 Für Frauen unter 60 Jahren, die das höchste Risiko der Viktimisierung durch innerfamiliäre Gewalt aufweisen, ergab sich für den Einjahreszeitraum (hier 1991) eine Opferrate von 10,8%.238 Die Viktimisierung durch innerfamiliäre Gewalt war bei Personen aus Familien mit niedrigem Einkommen sowie niedrigem Bildungsniveau signifikant häufiger. Danach ist innerfamiliäre Gewalt zwar in allen sozialen Schichten anzutreffen; es ist jedoch von einem signifikant erhöhten Opferrisiko bei Frauen aus den unteren sozioökonomischen Statusgruppen auszugehen. 237 238

Vgl. WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1995, S. 11. Vgl. WETZELS, P, GREVE, W., MECKLENBURG, E., BILSKY, W. und C. PFEIFFER, 1995, S. 158.

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In der KFN-Schülerbefragung 1998 waren die 16.190 teilnehmenden Jugendlichen auch als Informanten dazu befragt worden, wie häufig sie im letzten Jahr beobachtet hatten, dass ein Elternteil den anderen geschlagen oder getreten hatte. Insgesamt gaben 13,7% der Jugendlichen an, im letzten Jahr derartiges beobachtet zu haben, was eine mit der KFN-Opferbefragung 1992 durchaus vergleichbare Größenordnung der Verbreitung physischer Gewalt unter erwachsenen Partnern im familiären Kontext darstellt. Eine Analyse der beobachteten Verbreitung elterlicher Partnergewalt für verschiedene ethnischen Gruppen zeigte weiter, dass diese Form der innerfamiliären Gewalt bei ausländischen Familien signifikant häufiger zu registrieren ist. So hatten 9,8% der deutschen Jugendlichen derartige Beobachtungen in den letzten 12 Monaten gemacht, während Jugendliche Aussiedler aus der früheren Sowjetunion mit 20,7% sowie Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 21,6% etwa die doppelte Prozentrate aufwiesen. Am höchsten war die Quote mit 32,5% bei den Jugendlichen aus türkischen Familien. Ferner zeigte sich im Einklang mit den Befunden des Jahres 1992, dass bei den unteren sozioökonomischen Statusgruppen derartige Beobachtungen häufiger auftraten. Insbesondere dann, wenn die Familien von Arbeitslosigkeit betroffen oder von Sozialhilfe abhängig waren, war die Prozentrate der jugendlichen Beobachter elterlicher Partnergewalt deutlich erhöht. Entsprechende Befunde erbrachte auch die Wiederholung der Schülerbefragung im Jahre 2000.239 Im Wege von Opferbefragungen kann die schwerste Form innerfamiliärer Gewalt allerdings nicht aufgeklärt werden - die vorsätzliche Tötung von Familienangehörigen. Nach den Ergebnissen einer multizentrischen Studie von 23 rechtsmedizinischen Einrichtungen in Deutschland240 gibt es hier offenkundig ein hohes Dunkelfeld.241 Vor allem Kinder und ältere Menschen seien häufig Opfer solcher Straftaten, die primär von Familienangehörigen verübt werden. Als Ursachen der Nichtentdeckung dieser Tötungsdelikte werden eine zu geringe Häufigkeit von Leichensektionen und Mängel in der Kooperation von Polizei und Staatsanwaltschaft mit der Gerichtsmedizin genannt. 2.1.9 Ausblick Unter dem Begriff der Gewaltkriminalität wird in der PKS eine Teilmenge der gegen Personen gerichteten Straftaten zusammengefasst, die vor allem den Bereich der Delikte von mittlerem und hohem Schweregrad erfasst, wobei allerdings der tatsächliche Schweregrad in Einzelfällen durchaus sehr gering sein kann. Einige Delikte, wie beispielsweise die einfache Körperverletzung, die Sachbeschädigung oder der sexuelle Missbrauch, werden von dieser polizeilichen Gewaltdefinition nicht umfasst. Die summarische Kategorie der Gewaltkriminalität, die mit etwa 3% nur einen sehr kleinen Ausschnitt des gesamten Kriminalitätsgeschehens ausmacht, wird zu mehr als 60% durch die Fälle der gefährlichen bzw. schweren Körperverletzung und zu einem Drittel durch Raubdelikte bestimmt; Vergewaltigung und Tötungsdelikte tragen in erfreulich geringem Maße zu den Gesamtzahlen bei. Die verschiedenen in die Gesamtkategorie eingehenden Delikte weisen zudem unterschiedliche Tendenzen auf: Während der registrierte Raub seit 1997 rückläufig ist, nehmen die polizeilich registrierten qualifizierten Körperverletzungsdelikte in den letzten beiden Jahren weiterhin leicht zu. Diese gegenläufigen Trends haben in der Summe die Folge, dass die polizeilich registrierte Gewaltkriminalität in den letzten drei Jahren insgesamt bundesweit nicht mehr zugenommen hat. Unter Berücksichtigung der im 6. StrRG 1998 erfolgten Weichenstellung zur konsequenten Verfolgung von Gewaltdelikten ist ein weiterer gesetzgeberischer Handlungsbedarf nicht zu erkennen. Beachtlich ist allerdings die Wirkung dieser Neuregelungen auf das Hellfeld. Nachdem der Strafrahmen für die gefährliche Körperverletzung 1998 erhöht und dieser Tatbestand zum Offizialdelikt wurde, ist es 239

Vgl. dazu Kapitel 5. BRINKMANN, B., BANASCHKE, S., BRATZKE, H. u. a., 1997. 241 Vgl. dazu auch RÜCKERT, S., 2000. 240

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vermutlich zu einem Anstieg der registrierten Fälle gekommen. Regional begrenzte Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung deuten ferner auf eine größere gesellschaftliche Sensibilisierung und eine gestiegene Anzeigebereitschaft hin. Hinsichtlich der qualitativen Entwicklung der registrierten Gewaltdelikte liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass der durchschnittliche Schweregrad der Vorfälle rückläufig ist. In diese Richtung deuten auch die Erkenntnisse zum Schusswaffengebrauch, bei dem sich ebenfalls Rückgänge zeigen. Diese bestätigen zudem die Zweckmäßigkeit der in Deutschland bestehenden gesetzlichen Beschränkungen und Kontrollen bezüglich Waffenbesitz und Waffenführung. Gleichwohl ist die derzeitige Lage nicht ohne weiteres als unproblematisch zu bezeichnen. Auch wenn Zuwächse der registrierten Gewaltkriminalität in jüngster Zeit in qualitativer wie quantitativer Hinsicht nicht mehr zu verzeichnen sind, ist unverkennbar, dass deren Niveau derzeit noch relativ hoch ist. Gesellschaftspolitisch sind dabei mehrere Gesichtspunkte zu beachten. Zum ersten findet Gewaltdelinquenz vor allem zwischen Jugendlichen und Heranwachsenden untereinander statt. Anstiege der Opferrisiken für ältere Menschen sind im Bereich der Gewaltkriminalität nicht festzustellen. Die jugendtümliche Qualität der Körperverletzungsdelikte führt zum zweiten auch dazu, dass diese eher als bei Erwachsenen als qualifizierte Körperverletzung Eingang in die Kategorie der Gewaltdelikte finden. Dies ergibt sich beispielsweise aus dem Tatbestandsmerkmal der gemeinschaftlichen Begehungsweise (§ 224 Abs.1 Nr. 4 StGB), das unabhängig vom jeweils verursachten Gesundheitsschaden auf Opferseite zu einer Qualifizierung einer Tat als gefährliche Körperverletzung führt. Da speziell Jugendliche häufiger aus Cliquen heraus agieren, werden sie auch eher in diesem Deliktsbereich registriert. Schließlich ist wesentlich, dass gefährliche Körperverletzungen und Raub vorrangig Formen der Delinquenz männlicher Jugendlicher und Heranwachsender sind, denen es stets auch um Darstellung von Männlichkeit und Dominanz geht. Insoweit wird die Auseinandersetzung damit, dass Gewalt für viele noch ein Bestandteil männlicher Identität ist, zunehmend wichtig. Festzuhalten ist, dass die kriminalpräventiven Ansätze, die sich in den neunziger Jahren auf dem Hintergrund des Berichts der Gewaltkommission der Bundesregierung entwickelt haben, auf der Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes weiterverfolgt werden müssen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade die Vielfalt dieser Präventionsstrategien die Entwicklung der Gewaltkriminalität gedämpft hat. Man sollte generell davon ausgehen, dass kurzfristige Prävention nur begrenzt wirksam sein kann. Bei mittelfristigen Perspektiven spielen Maßnahmen zur Reduzierung von familialer Gewalt eine wesentliche Rolle. Häusliche Gewalt stellt allerdings ein Problem dar, das in den Hellfelddaten von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten kaum repräsentiert ist. Wie die wenigen hierzu verfügbaren Dunkelfelddaten zeigen, ist die Familie der Ort, an dem Frauen dem höchsten Risiko ausgesetzt sind, Opfer von physischer und sexueller Gewalt zu werden. Über 90% derartiger Vorfälle werden den Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt. Die vorliegende Forschungsarbeiten zeigen weiter, dass Gewalt zwischen Erwachsenen in erheblichem Umfange auch in diesen Familien lebende Kinder mit betrifft. Zudem treten derartige Gewaltvorfälle in sozial benachteiligten Familien, die mit wirtschaftlichen Belastungen zu kämpfen haben, vermehrt auf. Gewalt stellt speziell in Zuwandererfamilien häufiger ein Problem dar, was zumindest partiell mit deren sozialer Lage sowie den mit Migrationsprozessen verbundenen Belastungen in Zusammenhang zu sehen ist. Bislang liegen allerdings keine bundesdeutschen Untersuchungen vor, die Aufschluss über längerfristige Entwicklungen sowie besondere Risikogruppen in diesem Bereich der häuslichen Gewalt bieten und die Situation in der Bundesrepublik mit der diesbezüglichen Lage in unseren europäischen Nachbarländern kontrastieren könnten.

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Gewaltbereitschaften, die in der Familie entstanden sind, werden unter Schülern insbesondere dann zur persönlichen Durchsetzung eingesetzt, wenn andere Quellen der Selbstbestätigung für sie nicht so leicht zugänglich sind. Insofern sind schulische Projekte sinnvoll, die es den Jugendlichen ermöglichen, Anerkennung auch jenseits der curricular geforderten Leistungen zu gewinnen. Vor allem aber sollte die Einübung von Schlichtungsverfahren (peer-mediation) Alternativen zum körperlichen Kampf als Mittel der Konfliktlösung eröffnen. Im letzten Jahrzehnt wurden in Schulen und Jugendzentren eine Vielzahl von Projekten begonnen. Allerdings ist in Deutschland, anders als beispielsweise in den USA und Norwegen, eine Evaluierung und Erfolgskontrolle kaum üblich. Auch ist bisher ganz ungeklärt, inwieweit ein Transfer schulisch trainierter Fähigkeiten in die Freizeit erfolgt. Hier dürfte viel von der Einbindung der Schule in die Nachbarschaft abhängen. Da Gewaltprävention eine gesellschaftliche Aufgabe ist, muss der Wissenstand über erfolgversprechende Maßnahmen und Strategien auf den verschiedenen Ebenen präventiver Intervention verbessert werden. Angesichts der Relevanz des Sektors Gewaltkriminalität sollte der Evaluation, die bislang weitgehend fehlt, in Zukunft Priorität eingeräumt werden. Zwar kann im begrenztem Umfang auf entsprechende Evaluationsergebnisse im Ausland zurückgegriffen werden.242 Deren Übertragbarkeit ist begrenzt, da die Gewaltproblematik auch kulturell bedingt und von sozial- und jugendpolitischen Kontextbedingungen abhängig ist.

2.2 2.2.1

Sonstige Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder Kernpunkte

♦ Die Daten der polizeilichen Statistik weisen langfristig auf Rückgänge im Bereich der gegen Kinder gerichteten Sexualdelinquenz hin. Die Opferziffern sind in den letzten Jahren relativ konstant und lassen für die jüngste Zeit leichte Rückgänge erkennen. ♦ Die polizeilich registrierten Täter sexuellen Kindesmissbrauchs haben zwar in den neunziger Jahren bis 1997 zugenommen. Dies ist jedoch zum einen auf gestiegene Aufklärungsquoten und zum anderen auf eine im Zuge der öffentlichen Sensibilisierung vermutlich gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen. Seit 1997 sind wieder Rückgänge der Tatverdächtigenbelastungszahlen zu konstatieren, obschon die Aufklärungsquoten weiter gestiegen sind. ♦ Die wenigen vorliegenden Daten aus Opferbefragungen weisen darauf hin, dass auch im Dunkelfeld langfristig ein Rückgang sexueller Gewaltdelikte gegen Kinder anzunehmen ist. Der weit überwiegende Teil sexueller Missbrauchsfälle wird nicht angezeigt. Dies zeigen sowohl retrospektive Opferbefragungen als auch Studien an registrierten Sexualstraftätern. ♦ Nach den Resultaten von Dunkelfeldstudien stammen die meisten Täter sexuellen Kindesmissbrauchs aus dem Bekanntenkreis der Kinder und ihrer Familien. Inzestdelikte sowie Taten völlig fremder Täter machen einen geringeren Anteil aus. Die Tathandlungen bestehen oftmals in exhibitionistischen Verhaltensweisen. Vorfälle mit Penetrationen sind deutlich seltener. ♦ In mehr als der Hälfte der aufgeklärten Fälle wird kein Gerichtsverfahren durchgeführt. Die Rate der aufgeklärten Vorfälle, bei denen kein hinreichender Tatverdacht nachweisbar ist, ist höher als bei anderen Deliktsarten. Diese Quote hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. ♦ Sofern Anklage erhoben wird, kommt es in wachsendem Maße zu einer Verurteilung, zu einer Freiheits- bzw. Jugendstrafe. Zusätzlich hat sich in den letzten Jahren die durchschnittliche Dauer der ausgeurteilten Freiheits-/Jugendstrafen vor allem gegenüber erwachsenen Tätern erhöht. Dies deutet auf einen möglichen Anstieg der Strafhärte bei diesem Delikt hin.

242

Vgl. SHERMAN, L. W. u. a., 1997; U.S. DEPARTMENT OF HEALTH AND HUMAN SERVICES, OFFICE OF SURGEON GENERAL, 2001.

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♦ Die Einschätzung der Rückfallgefährdung von Sexualstraftätern ist wegen der hohen Dunkelfeldanteile sehr schwierig. Einschlägige, gerichtlich sanktionierte Rückfälligkeit ist mit einer Quote zwischen 13% und 20% deutlich seltener, als in der Öffentlichkeit vermutet. Werden Dunkelfelddelikte einbezogen, so zeigen sich über einen sehr langen Zeitraum betrachtet jedoch deutlich höhere Rückfallwahrscheinlichkeiten, die allerdings - je nach Art des Sexualdeliktes - sehr unterschiedlich sind. ♦ Die technologische Entwicklung hat mit dem Internet und der Verfügbarkeit von Videotechniken die Risiken des sexuellen Missbrauch von Kindern im Zusammenhang mit der Herstellung und Verbreitung kinderpornographischen Materials erhöht. Die verfügbaren Erkenntnisse über die Entwicklungen, das Ausmaß der Herstellung, Verbreitung und des Besitzes kinderpornographischer Darstellungen sind derzeit jedoch auf die Hellfelddaten begrenzt. ♦ Seit 1996 werden die im Bereich Kinderpornografie gemeldeten Erkenntnisse länderübergreifend gesammelt. Seitdem hat es eine deutliche Zunahme der registrierten Fälle gegeben. Es ist jedoch unklar, ob dies mit einer realen Zunahme der Fallzahlen zusammenhängt oder damit, dass die Bereitschaft, Kinderpornografie den Strafverfolgungsbehörden mitzuteilen, zugenommen hat. Genauere Erkenntnisse über das Dunkelfeld sowie die Entwicklung der Mitteilungsbereitschaft liegen mangels entsprechender empirischer Studien bislang jedoch nicht vor. ♦ Parallel zum Anstieg der gemeldeten Fälle und Tatverdächtigen hat auch die Anzahl der rechtskräftig verurteilten Personen deutlich zugenommen. Die weit überwiegende Mehrzahl wird zu Geldstrafen verurteilt. ♦ Das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Ausland durch Deutsche, so genannte Sexoder Prostitutionstouristen, ist in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene gewesen. Bislang ist jedoch die Forschung über Ausmaß und Entwicklung dieser Form der sexuellen Gewalt noch unzureichend. Die Daten der Ermittlungsbehörden und Justiz zeigen, dass bislang nur sehr wenige Fälle strafrechtlich erfasst und sanktioniert werden. Seit Mitte der achtziger Jahre wird in der Bundesrepublik die Problematik des sexuellen Kindesmissbrauchs ausführlich in Wissenschaft und Öffentlichkeit debattiert.243 In den letzten Jahren haben einige sehr spektakuläre Fälle sexuell motivierter Tötungsdelikte an Kindern die bundesdeutsche Öffentlichkeit in hohem Maße bewegt und teilweise auch verunsichert.244 Aber auch die Fachdebatten waren oft stark emotionalisiert und entsprachen nicht immer dem kriminologischen sowie sexualwissenschaftlichen Kenntnisstand.245 So lässt sich bezüglich der sexuell motivierten Tötung von Kindern, entgegen massenmedial vermittelten Eindrücken, ein deutlicher Rückgang konstatieren.246 Seitens des Gesetzgebers wurde in den letzten Jahren durch mehrere Gesetzesvorhaben in diesem Bereich das Ziel verfolgt, den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch zu verbessern.247 Mit dem 27. Strafrechtsänderungsgesetz vom 23.7.1993 (in Kraft seit dem 1.9.1993) wurde durch Änderung von § 5 Nr. 8 StGB die Anwendbarkeit deutschen Strafrechts auf Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgedehnt, der durch Deutsche im Ausland begangen wurde, auch wenn die Tat dort nicht mit Strafe bedroht ist. Auf diese Weise sollten Strafbarkeitslücken geschlossen werden, die den "Sextourismus" Deutscher zum Nachteil ausländischer Kinder betreffen. Ferner wurde der Strafrahmen für die Herstellung und Verbreitung kinderpornographischer Schriften gem. § 184 Abs. 3 StGB erhöht und in einem neuen § 184 Abs. 4 StGB eine erhöhte Strafe für Fälle gewerbs- und bandenmäßigen Handelns angedroht. Es wurde ein neuer § 184 Abs. 5 StGB eingefügt, wonach auch der Besitz und die Besitzverschaffung unter Strafe gestellt ist.

243

Siehe dazu: WOLFF, R., 1994; ENDRES, J. und O. B. SCHOLZ, 1994; AMANN, G. und R. WIPPLINGER, 1997; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997; kritisch dazu auch SCHETSCHE, M., 1993. 244 Eine genauere Darstellung eines solchen Falles findet sich bei BOETTICHER, A., 2000a. 245 Kritisch dazu z. B. KRÖBER, H.-L., 1999. 246 Vgl. PEIFFER, C., DELZER, D., ENZMANN, D. und P. WETZELS, 1998, S. 4; KRÖBER, H.-L., 1999. 247 Vgl. Dölling, D., 1999.

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Mit dem 6. Strafrechtsreformgesetz vom 26.1.1998 wurden zahlreiche Veränderungen von Strafrahmen vorgenommen.248 Im Hinblick auf den sexuellen Kindesmissbrauch wurde eine Ausdifferenzierung der Strafrahmen durch die neuen §§ 176a und 176b realisiert und dabei für erschwerte Fälle eine Erhöhung der Strafandrohung vorgenommen und insbesondere in § 176a Abs. 1 Nr. 4 für Rückfalltäter des einfachen sexuellen Kindesmissbrauchs gem. § 176 Abs. 1 und 2 StGB eine Erhöhung der Strafandrohung vorgesehen. Zudem wurde die Höchststrafe in § 184 Abs. 4 StGB von fünf auf zehn Jahre erhöht.249 Das zeitgleich dazu entstandene Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten vom 26.1.1998250 enthält eine Änderung fast aller in diesem Deliktsbereich einschlägigen Einzelgesetze mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Therapie für Sexualstraftäter zu erweitern, die Qualität von Prognosen für Entscheidungen über Strafaussetzungen zu verbessern und für Täter, bei denen weiterhin eine erhebliche Rückfallgefahr besteht, die Möglichkeiten der Sicherung und des Schutzes der Allgemeinheit zu verbessern. Dies betrifft im Schwerpunkt die zwingende Verlegung von Sexualstraftätern in die Sozialtherapie gem. § 9 StVollzG, die Möglichkeit der Therapieweisung ohne Zustimmung gem. § 56c StGB, erhöhte Anforderungen für die nachträgliche Aussetzung von freiheitsentziehenden Strafen und Maßregeln (§§ 57 Abs. 1 StGB, 67 d Abs. 2 StGB und § 454 StPO) sowie Erweiterungen im Bereich der Anordnung und Dauer von Führungsaufsicht (§ 68 c Abs. 2 StGB) und Sicherungsverwahrung (§ 66 Abs. 3 StGB).251 Mit dem Zeugenschutzgesetz vom 30.4.1998 wurde die Situation kindlicher Zeugen in wesentlichen Aspekten neu gestaltet mit dem Ziel, deren Belastung durch ein Strafverfahren zu reduzieren.252 So wurde die Möglichkeit der Videoaufzeichnung von Zeugenvernehmungen im Ermittlungsverfahren geschaffen (§ 58a StPO), die bei Zeugen unter 16 Jahren durchgeführt werden soll. Handelt es sich um Opfer von Sexualdelikten kann nach dem neuen § 255a Abs. 2 StPO die Vernehmung in der Hauptverhandlung durch die Wiedergabe der per Video aufgezeichneten richterlichen Vernehmung ersetzt werden. Ferner wurde die Möglichkeit der audiovisuellen Simultanübertragung sowohl im Ermittlungsverfahren (§ 168c StPO) als auch in der Hauptverhandlung (§ 247a StPO) eingeführt. Außerdem wurden die Regelungen über den anwaltlichen Beistand für Zeugen verbessert.253 2.2.1.1 Kinder als Opfer sexueller Gewalt im Spiegel polizeilicher Daten Sexuelle Gewaltdelikte gegen Kinder sind in mehreren Straftatbeständen erfasst, die entweder altersunabhängig dem Schutz der sexuellen Selbstbestimmung vor gewaltsamen Übergriffen dienen254 oder anknüpfend an bestimmte Schutzaltersgrenzen - ohne auf den Einsatz von Gewalt oder Nötigungsmitteln abzuheben - die ungestörte sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sichern sollen.255 Sexualstraftaten gegen Kinder können von daher in recht verschiedenen Rubriken der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst sein,256 und nicht in allen Fällen ist in den polizeilichen Statistiken gesondert ausgewiesen, ob sich diese Delikte gegen Kinder richteten.

248

Vgl. dazu KREß, C., 1998. Vgl. dazu auch DESSECKER, A., 1998. 250 Vgl. zustimmend dazu HAMMERSCHLAG, H. und O. SCHWARZ, 1998; skeptisch SCHÖCH, H., 1998; ablehnend EISENBERG, U. und A. HACKETHAL, 1998. 251 Für eine detaillierte Darstellung und Kommentierung vgl. DESSECKER, A., 2000a. 252 Vgl. dazu RIEß, P., 1998. 253 Vgl. dazu auch DÖLLING, D., 1999, S. 38 ff. 254 Z. B. §§ 177, 178 StGB. 255 Z. B. §§ 174, 176, 176a, 176b, 180, 180a Abs. 2, 182 StGB. 256 Vgl. BAURMANN, M., 1983; OSTENDORF, H., 1986; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997. 249

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Tabelle 2.2.1-1: Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gemäß §§ 176, 176a, 176b StGB nach Begehungsformen 1999 Jungen Sexueller Missbrauch von Kindern insgesamt darunter: - sex. Handlungen nach § 176 Abs. 1 und 2 (Handlungen des Täters an dem Kind oder des Kindes am Täter) - exhibitionistische/sexuelle Handlungen vor Kindern, § 176 Abs. 3 Nr. 1 - sex. Handlungen nach § 176 Abs. 2 Nr. 2 (Bestimmung des Kindes, sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen) - Einwirkungen auf Kinder nach § 176 Abs. 3 Nr. 3 (durch Präsentation von Pornografie) - Vollzug des Beischlafs oder sonstiger Penetration mit einem Kind oder andere Handlungen nach § 176a Abs. 1 Nr. 1 - schw. sex. Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften, § 176a Abs. 2 -

sonst. schwerer sex. Missbrauch nach § 176a sex. Missbrauch von Kindern mit Todesfolge, § 176b

Mädchen n % 14.594 100,0%

n 4.837

% 100,0%

2.253

46,6%

6.332

43,4%

1.180

24,4%

4.525

31,0%

142

2,9%

369

2,5%

327

6,8%

865

5,9%

218

4,5%

643

4,4%

42

0,9%

56

0,4%

226 3

4,7% 0,1%

451 3

3,1% 0,1%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Erkenntnisse zur Täter-Opfer-Beziehung bietet die PKS nur begrenzt. So kann bei der Frage, welcher Anteil der Vorfälle innerfamiliär geschieht, nur auf die umfassendere Kategorie des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen Täter und Opfer zurückgegriffen werden. Ferner enthält die PKS keine zugleich nach Altersstufe und Täter-Opfer-Beziehung differenzierten Aufschlüsselungen. Lediglich für den sexuellen Kindesmissbrauch, der ohnehin an die Altersgrenze von 14 Jahren anknüpft, sowie den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, für den die betroffenen Opfer unter 14 Jahren in der PKS gesondert ausgewiesen sind, liegen entsprechende Daten vor. Für die Vergewaltigung und die sexuelle Nötigung bietet die PKS zudem nach Alter und Geschlecht differenzierte, opferbezogene Informationen für einen längeren Zeitraum, die es erlauben, die Entwicklung der Anzahl der kindlichen Opfer unter 14 Jahren zu analysieren. Im Jahre 1999 wurden bundesweit 125 Jungen und 550 Mädchen im Alter unter 14 Jahren Opfer einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung. Von diesen insgesamt 675 Opfern betrafen 582 vollendete Delikte, nur in 13,8% handelte es sich um Versuchshandlungen. Weitere 352 Jungen und 1.057 Mädchen unter 14 Jahren wurden Opfer eines sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Hier ist der Versuchsanteil mit 4,6% gleichfalls sehr niedrig. Zusätzlich wurden 4.837 Jungen und 14.594 Mädchen unter 14 Jahren Opfer eines sexuellen Kindesmissbrauchs. Der Versuchsanteil liegt hier bei 8%. Seit 1999 gliedert die polizeiliche Statistik die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs gemäß §§ 176, 176a, 176b StGB auch nach den unterschiedlichen Begehungsformen dieses Deliktes auf. Diese Untergliederung zeigt, dass knapp die Hälfte der sexuellen Missbrauchsopfer von sexuellen Handlungen mit Körperkontakt betroffen waren, ohne dass es zu Penetrationen oder anderen Formen schweren sexuellen Missbrauchs (etwa gemeinschaftlich begangener Missbrauch oder Missbrauch mit der Gefahr schwerer Gesundheitsschädigungen) gekommen ist. Etwas mehr als ein weiteres Viertel der Opfer war von exhibitionistischen Vorfällen betroffen. Der schwere sexuelle Kindesmissbrauch nach § 176a StGB

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macht etwa 10% der registrierten Opfer aus. Opfer eines sexuellen Missbrauchs mit Todesfolge gemäß § 176b StGB sind extrem selten. Hier waren 1999 sechs Kinder betroffen. Bezogen auf alle Sexualdelikte einschließlich der Tatbestände, die keine spezielle Schutzaltersgrenze vorsehen257 (§§ 177, 178 StGB), wurden im Jahr 1999 5.314 Jungen und 16.201 Mädchen als kindliche Opfer registriert. Von diesen insgesamt 21.515 kindlichen Opfern waren lediglich 1.715 (8%) durch versuchte Delikte betroffen. Insgesamt wurde in der Opferstatistik der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die nur für einen Ausschnitt aller Straftaten geführt wird, im Jahr 1999 eine Gesamtzahl von 78.882 Kindern als Opfer verschiedenster Straftaten registriert. Mithin machen die kindlichen Opfer von Sexualdelikten 27,3% aller in dieser Opferstatistik registrierten Kinder aus. Allerdings unterscheiden sich diese Anteile der Opfer von Sexualdelikten zwischen den Geschlechtern erheblich: So war 1999 die Gesamtopferzahl der Jungen unter 14 Jahren mit 44.279 deutlich höher als die der gleichaltrigen Mädchen mit 34.603. Der Anteil der Opfer von Sexualdelikten an allen kindlichen Opfern jedoch ist bei den Mädchen mit 46,8% deutlich höher als bei den Jungen, bei denen der Anteil bei 12% liegt. Tabelle 2.2.1-2: Täter-Opfer-Beziehung bei polizeilich aufgeklärtem sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und sexuellem Kindesmissbrauch im Jahr 1999 Täter-Opfer-Beziehung verwandt Mädchen Jungen Insgesamt

2.199 14,0% 619 11,9% 2.818 13,5%

bekannt 3.513 22,4% 1.593 30,7% 5.106 24,5%

Landsmann 42 0,3% 11 0,2% 53 0,3%

flüchtige Vorbeziehung 1.011 6,5% 475 9,2% 1.486 7,1%

keine Vorbeziehung 7.584 48,4% 1.969 37,9% 9.553 45,8%

ungekl. 1.308 8,4% 524 10,1% 1.832 8,8%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Hinsichtlich der Täter-Opfer-Beziehung bietet Tabelle 2.2.1-2 Informationen über die kindlichen Opfer polizeilich aufgeklärter Fälle des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und des sexuellen Kindesmissbrauchs. Danach stellen Fälle, in denen keine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer bestand, mit 45,8% den relativ größten Anteil. Verschiedene Autoren haben die Entwicklung der PKS-Zahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch analysiert.258 Langfristig ist demzufolge von 1955 bis Anfang 1960 ein Zuwachs und anschließend bis etwa 1985 ein stetiger Rückgang des polizeilich registrierten sexuellen Kindesmissbrauchs zu beobachten. Zwischen 1985 und 1990 kommt es dann zu einem Anstieg der Häufigkeitszahlen, die allerdings nicht mehr das Niveau der fünfziger oder sechziger Jahre erreichen. Schaubild 2.2.1-1, welches die Entwicklung der Fallzahlen relativiert auf die Gesamtbevölkerung darstellt, ist zu ergänzen um eine opferbezogene Darstellung, da infolge der Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung der Anteil der potentiellen Opfer an der Gesamtpopulation rückläufig ist. In Tabelle 2.2.1-3 sind dazu für Kinder unter 14 Jahren die Opferzahlen und die entsprechenden Opferziffern dieser Altersgruppe der Bevölkerung für die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung sowie den sexuellen Kindesmissbrauch für die Zeit von 1984 bis 1999 dargelegt.259

257

Darunter sind alle Sexualdelikte gefasst, für die Opferzahlen ausgewiesen werden. Das betrifft die Schlüsselzahlen 1110, 1120, 1131 und 1310 der PKS. 258 Vgl. UNDEUTSCH, U., 1993; WILMER, T., 1996; WALTER, M. und A. WOLKE, 1997; EGG, R., 1999a. 259 Relativierungsbasis ist jeweils die Bevölkerungszahl der Kinder unter 14 Jahren in dem Gebiet, auf das sich auch die polizei-

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Schaubild 2.2.1-1: Polizeilich registrierte Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern, Häufigkeitszahlen 1953-1999*

Anzahl der Fälle je 100.000 Einwohner

40

30

20

10

0 1953

1955

1960

1965

1970

1975

1980

1985

1990

1995

1999

* seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Tabelle 2.2.1-3: Kinder als polizeilich registrierte Opfer sexueller Gewalt

a

1984 1985 a 1986 a 1987 a 1988 a 1989 a 1990 b 1991 b 1992 c 1993 c 1994 c 1995 c 1996 c 1997 c 1998e c 1999 a

Vergewaltigung, sexuelle Nötigung (§§ 177, 178 StGB a. F. bzw. § 177 StGB n. F.) Opferzahl Opferzifferd 265 3,00 233 2,73 249 2,98 209 2,51 236 2,83 223 2,62 285 3,22 315 3,35 379 3,92 527 4,25 566 4,55 612 4,94 589 4,78 600 4,89 711 5,83 675 5,59

sexueller Kindesmissbrauch (§§ 176-176b StGB) Opferzahl 13.277 13.469 13.332 12.933 14.739 15.256 15.922 16.622 18.275 18.485 18.400 19.617 19.522 21.122 20.981 19.431

Opferzifferd 150,50 157,85 159,61 155,32 177,05 179,14 180,15 176,63 188,91 149,05 147,81 158,44 158,40 172,23 172,02 160,79

a

Daten für alte Länder; b Daten für alte Länder mit Gesamtberlin; Daten für Deutschland; d Opfer je 100.000 der Bevölkerung unter 14 Jahren; e § 177 StGB neue Fassung von 1997. c

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Opferziffer für die Vergewaltigung/sexuelle Nötigung von Kindern ist danach stetig angestiegen. Der deutliche Anstieg von 600 Opfern im Jahr 1997 (Opferziffer: 4,89) auf 711 Opfer (Opferziffer: 5,83) kann aber teilweise auf die Neufassung des § 177 StGB durch das 33. Strafrechtsänderungsgesetz vom 1.7.1997 zurückgeführt werden, demzufolge die Tatbestände der Vergewaltigung (§ 177 StGB a. F.) und der sexuellen Nötigung (§ 178 StGB a. F.) zur neuen Strafvorschrift "Sexuelle Nötigung, Vergewaltiliche Erfassung bezieht.

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gung" zusammengefasst wurden, bei gleichzeitiger Erweiterung der Tatbestände. Für den sexuellen Kindesmissbrauch ist ab etwa 1988 ein Anstieg festzustellen. Nach 1992 fallen die Opferziffern der Jahre 1993 bis 1995 deutlich niedriger aus. 1995 wurde für Gesamtdeutschland eine Opferziffer festgestellt, die etwa der des Jahres 1985 in den alten Ländern entsprach. Einem anschließenden Zuwachs bis 1997 folgte von 1998 auf 1999 wiederum ein Rückgang. Im Ergebnis lag die Opferziffer, sofern man die Vergewaltigungen und den sexuellen Kindesmissbrauch zusammenfasst, im Jahr 1992 mit 192,8 Opfern je 100.000 der Altersgruppe (alte Länder und Berlin) am höchsten. 1999 liegt diese Rate mit 166,4 für Gesamtdeutschland etwa auf einem Niveau, wie es 1986 mit 163,6 für die alten Länder festgestellt wurde. Auffallend ist jedoch, dass eine Verschiebung in Richtung auf die rechtlich schwerwiegenderen Tatbestände der Vergewaltigung/sexuellen Nötigung stattgefunden hat. Es ist allerdings unklar, ob sich das Tatverhalten, die rechtliche Bewertung oder das Anzeigeverhalten speziell bei schwerwiegenden Vorfällen gewandelt hat. 2.2.1.2 Dunkelfeldstudien zur Viktimisierung durch sexuellen Kindesmissbrauch Eine Methode, über die polizeilich erfassten Fälle hinaus Aufschluss über die Verbreitung der sexuellen Gewalt gegen Kinder zu gewinnen, besteht in der direkten Befragung von Personen zu ihren Opfererfahrungen. Speziell zur sexuellen Gewalt gegen Kinder stützen sich die national wie international vorliegenden Dunkelfelduntersuchungen in erster Linie auf Befragungen von Erwachsenen zu Opfererlebnissen.260 Eine Schwierigkeit dieser Vorgehensweise besteht darin, dass zwischen Opfererfahrung und Befragung viele Jahre liegen. Erlebnisse können zwischenzeitlich vergessen oder aber umgedeutet sein. Erst in jüngster Zeit wurden zwei Studien durchgeführt, in denen auch jüngere Jugendliche zu diesbezüglichen Erlebnissen befragt wurden.261 Ausländische Untersuchungen Beginnend mit der US-Studie aus dem Jahr 1979 finden sich ab Ende der siebziger Jahre zahlreiche Studien zur Verbreitung sexueller Missbrauchserfahrungen, die mit nicht-klinischen Stichproben durchgeführt wurden.262 Bis Mitte der achtziger Jahre waren diese empirischen Arbeiten auf Befragungen studentischer sowie regional begrenzter Stichproben beschränkt. Deren Ergebnisse sind sehr heterogen. Die festgestellten Opferraten variieren für Frauen zwischen 6% und 62% und für Männer zwischen 3% und 31%.263 FINKELHOR hat in einem Überblick insgesamt neun national-repräsentative Untersuchungen mit Zufallsstichproben beschrieben.264 Die dabei festgestellten Prävalenzraten schwanken für Frauen zwischen 9% und 33%, bei Männern zwischen 3% und 16%. Der Anteil innerfamiliärer Vorfälle an der Gesamtzahl der Missbrauchserfahrungen liegt für Frauen zwischen 14% und 44%, für Männer zwischen 0% und 25%.265 Die Erklärungen dieser enormen Spannbreiten verweisen auf methodische und definitorische Aspekte.266 So wurden schriftliche, telefonische und persönlich-mündliche standardisierte Befragungen, aber auch Tiefeninterviews verwendet. Die Anzahl der zur Erhebung von Missbrauchserlebnissen verwendeten Fragen waren ebenso wie deren Formulierung sehr unterschiedlich. Auch die Rücklaufquoten variieren be-

260

Eine Befragung von Eltern über Erfahrungen ihrer Kinder führten FINKELHOR, D., MOORE, D., HAMBY, S. L. und M. A. STRAUS, 1997, durch. Diese Methode hat sich jedoch nicht bewährt. 261 Vgl. SARIOLA, H. und A. UUTELA ,1994 und 1996; HALPERIN, D. S. u. a., 1996. 262 Zum Überblick vgl. BANGE, D., 1995; PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986. 263 Vgl. PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986. 264 Vgl. FINKELHOR, D., 1994. 265 In einer neueren, in FINKELHORS Überblick noch nicht erfassten national repräsentativen Studie mit etwa 1.000 Frauen aus den USA wird festgestellt, dass in Abhängigkeit von den verwendeten Definitionen die Rate der weiblichen Opfer sexuellen Missbrauchs zwischen 15% und 32% schwankt; vgl. VOGELTANZ, et al. 1999. 266 Vgl. ERNST, C., ANGST, J. und M. FÖLDENYI, 1993; PETERS, S. D., WYATT, G. E. und D. FINKELHOR, 1986; ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; JULIUS, H. und U. BÖHME, 1994.

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trächtlich, was zu erheblichen Verzerrungen der Prävalenzschätzungen führen kann.267 Entscheidend scheinen aber die Unterschiede der definitorischen Eingrenzung zu sein. So schwankt die Altersgrenze, oberhalb derer Erlebnisse nicht mehr als sexueller Missbrauch qualifiziert werden, zwischen 14 und 18 Jahren, teilweise wird gar keine explizite Altersgrenze verwendet. Einige Untersuchungen beziehen nur Handlungen Erwachsener in ihre Definition sexuellen Kindesmissbrauchs ein, andere auch solche von Jugendlichen, sofern sie mindestens fünf bzw. zehn Jahre älter sind, wiederum andere auch die Handlungen Gleichaltriger. Manche Forschungsprojekte berücksichtigen die Konfrontation mit Exhibitionisten als sexuelles Missbrauchserlebnis, andere wiederum beschränken sich auf Vorfälle mit Körperkontakt.268 In Finnland und in der Schweiz wurden in jüngerer Zeit erstmals auch Jugendliche zu sexuellen Erfahrungen und Missbrauch befragt. Solche Studien haben den Vorteil, dass sich die Angaben der Befragten auf eine nicht so weit zurückliegende Epoche beziehen. Damit werden die Ergebnisse weniger von Vergessens- und Kohorteneffekten überlagert. In Finnland wurde auf Basis einer für die Schülerpopulation des Landes repräsentative Stichprobe festgestellt, dass 8% der Mädchen und 3% der Jungen Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs waren.269 In der Schweizer Untersuchung aus fanden sich bei einer Altersdifferenz von fünf Jahren zwischen Täter und Opfer 2,5% männliche und 11% weibliche Opfer von sexuellen Missbrauchshandlungen mit Körperkontakt.270 Angesichts der gravierenden Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und der Tatsache, dass auch innerhalb nationaler Befragungen regionale Abweichungen gefunden wurden, verbietet sich eine einfache Übertragung ausländischer Befunde auf die Bundesrepublik. Bundesdeutsche Opferbefragungen zur sexuellen Viktimisierung in der Kindheit Bis Anfang der neunziger Jahre lagen für die Bundesrepublik keine methodisch angemessenen Studien vor, die eine Einschätzung der Verbreitung sexuellen Missbrauchs erlaubt hätten. Erst ab Beginn der neunziger Jahre wurden auch in Deutschland mehrere Befragungen an nicht-klinischen Stichproben durchgeführt.271 Diese waren weit überwiegend nicht repräsentativ, sondern bezogen sich entweder auf Studenten oder aber waren auf eine spezielle Region begrenzt. Die erste und bislang einzige national-repräsentative Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch wurde 1992 mit etwa 3.200 Personen im Alter zwischen 16 und 59 Jahren durchgeführt.272 Diese Studie ist zwar für die Allgemeinbevölkerung repräsentativ. Gleichwohl werden mit einer solchen Methode bestimmte Teilgruppen (z. B. Prostituierte, Heimbewohner, Inhaftierte, Personen in Drogenszenen, Obdachlose) nicht adäquat erfasst, weshalb die Schätzungen vermutlich zu niedrig ausfallen.273 Weiter ist mit einer solchen

267

Vgl. HAUGAARD, J. J. und R. E. EMERY, 1989. Differenzen bestehen auch darin, ob nur von den Betroffenen negativ bewertete Erlebnisse berücksichtigt oder aber alle Erlebnisse mit sexuellem Gehalt vor einer bestimmten Altersgrenze als missbräuchlich klassifiziert werden. Vgl. FROMUTH und BURKHART 1987; ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; JULIUS, H. und U. BÖHME, 1994; KUTCHINSKY, B., 1994; BANGE, D. UND G. DEEGENER, 1996. 269 Vgl. SARIOLA, H. und A. UUTELA, 1994 und 1996. Bei Anwendung einer Schutzaltersgrenze von 14 Jahren lag die Opferrate der Mädchen bei 4,8%, die der Jungen bei 1,6%. 270 Vgl. HALPERIN, D. S. u. a., 1996. 271 Vgl. ELLIGER, T. J. und K. SCHÖTENSACK, 1991; SCHÖTENSACK, K., ELLIGER, T. J., GROSS, A. und G. NISSEN, 1992; BANGE, D., 1992; RAUPP, U. und C. EGGERS, 1993; BANGE, D. und G. DEEGENER, 1996; RICHTER-APPELT, H. und J. TIEFENSEE, 1996a, 1996b. 272 Vgl. dazu WETZELS; P., 1997a, 1997b, 1999; WETZELS, P. und C. PFEIFFER, 1998. 273 Zudem werden besonders schwerwiegende und damit zumeist sehr seltene Fälle in repräsentativen Stichproben kaum erfasst. Während Studien mit klinischen Untersuchungsgruppen zwar schwere Vorfälle enthalten, aber aufgrund der institutionellen Selektion verzerrt sind, erfassen große repräsentative Erhebungen in höherem Maße die häufigeren und leichteren Fälle, blenden also das andere Ende des Fallspektrums tendenziell aus. STRAUS, M. A., 1990, S. 86, bezeichnet diesbezüglich den fehlerhaften Schluss von einem selektiven Ausschnitt klinischer Fälle auf die Grundgesamtheit aller Fälle als „clinical sample fallacy“. Dem korrespondiere - quasi am anderen Ende des Fallspektrums - der „representative sample fallacy“, die fehlerhafte Annahme, dass Ergebnisse repräsentativer Bevölkerungsbefragungen auch Gültigkeit im Bereich der seltenen, gravierenden Fälle haben müssten. 268

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Untersuchung, die retrospektiv nach Kindheitserfahrungen fragt, keine Aussage über das aktuelle Lagebild in diesem Deliktsbereich möglich. In Tabelle 2.2.1-4 sind die in dieser Studie ermittelten Opferraten für Männer und Frauen bezogen auf verschiedene Schutzaltersgrenzen sowie Eingriffsintensitäten (hier mit und ohne Körperkontakt) wiedergegeben. Die Opferraten liegen für Männer danach zwischen 2% und 7,3%, für Frauen zwischen 6,2% und 18,1%. Tabelle 2.2.1-4: Opferraten bei sexuellem Kindesmissbrauch nach Missbrauchsart und Schutzaltersgrenzen Männer

Frauen

7,3%

18,1%

Sexueller Missbrauch inkl. Exhibitionismus (ohne sonstige sexuelle Handlungen) Schutzalter: < 18 J. < 16 J. < 14 J.

4,7% 4,3% 3,4%

15,3% 13,8% 10,7%

Sexueller Missbrauch mit Körperkontakt (ohne sonstige sex. Handlungen und ohne Exhibitionismus) Schutzalter: < 18 J. < 16 J. < 14 J.

3,2% 2,8% 2,0%

9,6% 8,6% 6,2%

Sexuelle Übergriffe in Kindheit/Jugend (alle Handlungen, inkl. „sonstige“) Keine explizite Altersgrenze: (Vorgabe „Kindheit/Jugend“)

Datenquelle: WETZELS, P., 1997a.

Begrenzt auf Vorfälle vor dem 16. Lebensjahr liegen die Opferraten für Jungen im Vergleich zu Mädchen im Verhältnis von ca. 1:3. Etwa ein Drittel der Opfer berichteten ausschließlich über exhibitionistische Erlebnisse. Etwa die Hälfte (46,2%) waren mehrfach Betroffene. Es findet sich kein Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status. Das durchschnittliche Alter der Erstviktimisierung liegt für beide Geschlechter bei etwa 11 Jahren. Von den Missbrauchserlebnissen mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr bestand der größere Teil der Vorfälle aus sexuellen Berührungen. Die Rate der Opfer sexueller Missbrauchshandlungen mit Penetration beträgt bei Männern 0,9% und bei Frauen 3,3%. Diese Befunde stimmen mit den Ergebnissen der übrigen deutschen Studien an studentischen Stichproben weitgehend überein. Die relativen Anteile der Opfer von Exhibitionisten an allen Opfern ähneln den Strukturen, wie sie sich in der polizeilichen Kriminalstatistik finden. Das gilt jedoch nicht für den Anteil der Opfer von Handlungen mit Penetrationen, die in der PKS etwa 10% der Opfer, im Dunkelfeld hingegen mehr als 20% der Opfer ausmacht. Dies weist darauf hin, dass die Anzeigewahrscheinlichkeit je nach Begehungsmodalität des Deliktes vermutlich unterschiedlich ausfällt. Täter sexuellen Kindesmissbrauchs waren nahezu ausschließlich Männer (94,7%). Bei 25,7% aller Täter handelt es sich um dem Opfer unbekannte Personen. Bei 41,9% waren Bekannte und bei 27,1% Familienangehörige die Täter. Für innerfamiliäre Delikte beträgt die Opferrate bei Frauen 2,6% und bei Männern 0,9%. Bis auf die Studie von RAUPP und EGGERS von 1993 kommen die übrigen deutschen Studien hier ebenfalls zu ähnlichen Resultaten. Im Vergleich zu den polizeilich registrierten Vorfällen ist damit im Dunkelfeld der Anteil der Opfer von Tätern aus dem sozialen Nahraum der Familie deutlich höher.

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Mehrere Untersuchungen fanden, dass der Anteil der Betroffenen aus strukturell unvollständigen Familien („broken home“) erhöht ist.274 Dies bestätigte sich auch in der hier angeführten bundesdeutschen Repräsentativstudie. Während von den Befragten, die bis zu ihrem 14. Lebensjahr bei beiden leiblichen Eltern aufwuchsen 5,2% bis zu ihrem 16. Lebensjahr Opfer wurden, liegt die Opferrate für Personen, die bei Adoptiv-, Pflege- oder Stiefeltern bzw. in einem Heim aufwuchsen bei 9,3%. Im Einklang mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen wurde ferner festgestellt, dass die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs signifikant häufiger körperlich gezüchtigt oder misshandelt worden waren und dass in ihren Familien das Klima stärker konfliktbehaftet war. Hinsichtlich des Anzeigeverhaltens wurde in der bundesdeutschen Repräsentativstudie die subjektiv schwerste Missbrauchserfahrung in der Kindheit als Bezugstat analysiert. 42,5% der Opfer hatten vor dieser Untersuchung noch nie mit jemandem über ihre Missbrauchserlebnisse gesprochen. Lediglich 9,5% erklärten, die Polizei sei informiert worden. Die Anzeigequote war bei exhibitionistischen Handlungen mit 14,1% am höchsten, während sie bei Delikten mit Körperkontakt erheblich niedriger ausfiel (im Falle erwachsener Täter 7,4%). Innerfamiliäre Delikte wurden mit 2% extrem selten angezeigt, Delikte außerhalb des familiären Kontextes mit 11,4% hingegen häufiger. Da die Vorfälle zum Teil mehrere Jahrzehnte zurückliegen, kann ein Rückschluss auf das exakte Ausmaß des Dunkelfeldes daraus allerdings kaum gezogen werden. Es lässt sich jedoch annehmen, dass in der polizeilichen Statistik, wie auch in den anderen Rechtspflegestatistiken, die Deliktsstruktur in Richtung auf weniger schwerwiegende Delikte durch eher fremde Täter verzerrt sein dürfte.275 Sofern einheitliche Schutzaltersgrenzen angelegt werden, führen in der Summe die deutschen Studien zu recht ähnlichen Schätzungen. Danach liegt die Rate der Opfer sexueller Missbrauchserfahrungen (inkl. Exhibitionismus) vor dem 14. Lebensjahr für die Gruppe der 16- bis 29-Jährigen bei ca. 12% für Frauen und 4% für Männer. Da die vorliegenden deutschen Untersuchungen überwiegend zu Beginn bis Mitte der neunziger Jahre durchgeführt wurden, sind Aussagen über Veränderungen im Zeitverlauf durch Vergleiche zwischen verschiedenen Studien nicht möglich. Erste Hinweise erlauben hierzu die Befragungen von KREUZER276, in der seit 1980 bei Studienanfängerinnen der Rechtswissenschaft erhoben wurde, ob sie Opfer vollzogener oder versuchter Vergewaltigungen waren. Es zeigte sich ein kontinuierlich abnehmender Trend. Die Frage, inwieweit das auf sexuelle Missbrauchserlebnisse in der Kindheit übertragen werden kann, ist allerdings offen. Weitere Hinweise sind einem Vergleich von Alterskohorten auf Basis der Daten der bundesweit repräsentativen Befragung aus dem Jahr 1992 zu entnehmen.277 Hier zeigte sich, dass die Opferraten für sexuelle Missbrauchsdelikte bei den älteren Kohorten etwas höher ausfielen als bei den jüngeren. Für die jüngste Gruppe der 16- bis unter 21-Jährigen lag danach die Rate der Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr für weibliche Befragte bei 9,0% und für männliche Befragte bei 2,9%. Bei den 30- bis 40-Jährigen liegen die Opferquoten bei den Frauen bei 10% und bei den Männern unverändert bei 2,9%. Da gedächtnispsychologisch bei den älteren Befragten davon auszugehen ist, dass bei ihnen die Quote nicht mehr erinnerter Vorfälle höher ist als bei den jüngeren Untersuchungsteilnehmern, deutet dieses Ergebnis geringerer Opferraten bei den jüngeren Frauen darauf hin, dass auch bei Einbeziehung des Dunkelfeldes vermutlich eine Abnahme der Verbreitung sexueller Gewalt gegen Kin274 Vgl. FINKELHOR, D. und L. BARON, 1986; BANGE, D., 1992, RICHTER-APPELT, H. und J. TIEFENSEE, 1996a; BANGE, D. und G. DEEGENER, 1996; MULLEN, P. E. u. a., 1996. 275 Die geringe Anzeigequote ist auch für die Bewertung der weiter unten aufgeführten Rückfallstudien von Bedeutung, da eine Beschränkung auf registrierte einschlägige Rückfälligkeit wahrscheinlich eine hohe Unterschätzung des tatsächlichen delinquenten Verhaltens implizieren dürfte. 276 Vgl. KREUZER, A., GÖRGEN, T., KRÜGER, R., MÜNCH, V. und H. SCHNEIDER, 1993. 277 Vgl. WETZELS, P., 1997a, S. 161.

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der in den vergangen Jahrzehnten stattgefunden hat. Über kurzfristigere Entwicklungen sind auf dieser Basis allerdings keine Aussagen möglich. Hier wären gleichartige Wiederholungsstudien erforderlich, um zuverlässige Einschätzungen vornehmen zu können. Folgen sexuellen Kindesmissbrauchs Sexuelle Missbrauchserfahrungen können bei den davon betroffenen Kindern Folgen in den unterschiedlichsten Formen auslösen.278 Neben psychischen Schädigungen, die sich in Ängsten, Depressionen, Schul- und Leistungsproblemen sowie in Form eines sexualisierten Verhaltens und Aggressionen zeigen können, sind auch unmittelbare körperliche Schädigungen zu nennen. Derartige Schädigungen können unterschieden werden in einerseits kurzfristige, in der Kindheit auftauchende Probleme und langfristige, bis in das Erwachsenenalter reichende Störungen.279 So wurde in der oben erwähnten bundesdeutschen Repräsentativstudie festgestellt, dass für weibliche Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs das Risiko, als Erwachsene erneut Opfer sexueller Gewalt zu werden, signifikant erhöht war. Diese auch international empirisch gestützte Reviktimisierungsthese280 wurde in einer weiteren bundesdeutschen Untersuchung in jüngster Zeit nochmals bestätigt.281 Allerdings existiert keine für den sexuellen Kindesmissbrauch spezifische Symptomatik.282 Insbesondere ist zu beachten, dass sexueller Kindesmissbrauch oft mit einer größeren Anzahl weiterer Belastungsfaktoren einhergeht, wie beispielsweise der körperlichen Misshandlung oder der emotionalen Vernachlässigung, die gleichfalls zu Schädigungsfolgen beitragen können.283 Insofern können unterschiedlichste Schädigungsursachen zusammentreffen. Außerdem ist aus der Forschungsliteratur bekannt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Opfer weder kurz- noch langfristige Folgen erkennen lässt, wobei hier allerdings auch mit noch unerkannten, zum Teil zeitlich erst später eintretenden Störungen gerechnet werden muss.284 Neben den mit der Viktimisierung unmittelbar verbundenen Folgen ist auch auf das Risiko einer so genannten sekundären Viktimisierung durch ein Strafverfahren zu verweisen.285 Zwar können solche sekundären Schädigungen in der Tat eintreten, dies hängt jedoch sehr stark von individuellen Eigenarten auf Seiten der Kinder ab. Keinesfalls kann davon ausgegangen werden, dass ein Strafverfahren für Kinder in jedem Falle eine schädigende Erfahrung darstellt. Vielmehr zeigen Untersuchungen, das Kinder durchaus auch durch ein Verfahren Entlastung erleben können. Wie sich die Situation des Strafverfahrens auf Kinder auswirkt hängt in hohem Maße von der konkreten Ausgestaltung des Verfahrensablaufs ab, für den durchaus Möglichkeiten einer kind- und verfahrensgerechten Vorbereitung und Ausgestaltung bestehen.286 2.2.1.3 Zur Verbreitung von Tathandeln und dessen justizieller Verfolgung Im Unterschied zu Opferbefragungen, die eine etablierte Methode der kriminologisch-epidemiologischen Untersuchung der sexuellen Gewalt gegen Kinder darstellen, dienen Erhebungen bei amerikanischen inhaftierten Sexualstraftätern287 primär der Prüfung ätiologischer Hypothesen zur Erklärung sexueller

278

Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; JUMPER, S. A., 1995. Vgl. BEITCHMAN, J. H., ZUCKER, K. J., HOOD, J. E., DACOSTA, G. A., AKMAN, D. A. und E. CASSAVIA, 1992. 280 Vgl. GIDYCZ, C. A. u. a., 1993; KOSS, M. P. und T. E. DINERO, 1989. 281 Vgl. KRAHE, B. u. a., 1999. 282 Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; DEEGENER, G., 2000, S. 197 ff. 283 Vgl. MOELLER, T. P., BACHMANN, G. A. und J. R. MOELLER, 1993; MULLEN, P. E., MARTIN, J. L., ANDERSON, J. C., ROMANS, S. E. und G. P. HERBISON, 1996; WETZELS, P., 1997a. 284 Vgl. KENDALL-TACKETT, K. A., MEYER-WILLIAMS, L. und D. FINKELHOR, 1993; DEEGENER, G., 2000. 285 Vgl. VOLBERT, R. und V. PIETERS, 1993; BUSSE, D., VOLBERT, R. und M. STELLER, 1997. 286 Vgl. BUSSE, D. und R. VOLBERT, 1998. 287 Vgl. BRIGGS, F. und R. M. F. HAWKINS, 1996; DHAWAN, S. und W. L. MARSHALL, 1996; GRAHAM, K. R., 1996; GROTH, A. N., 1979. 279

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Devianz, wie z. B. der Frage, ob Sexualstraftäter in ihrer Kindheit selbst Opfer sexueller Gewalt waren.288 Es handelt sich um Studien, die zur Analyse der quantitativen Verbreitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Täterperspektive nicht geeignet sind, da diese Gruppe nur einen recht kleinen und vermutlich in Relation zur Grundgesamtheit aller Täter verzerrten Ausschnitt repräsentiert. Interessant sind jedoch die Befunde zur Deliktshäufung. So wurde in den USA festgestellt, dass inhaftierte Sexualstraftäter zwei- bis fünfmal mehr Sexualdelikte begangen hatten, als von ihnen polizeibekannt waren.289 Weiter liegen für die Bundesrepublik Deutschland eine Reihe von Rückfallstudien vor.290 Diese Untersuchungen haben allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass angesichts einer niedrigen Anzeigequote die Operationalisierung von Rückfälligkeit als einschlägige strafrechtliche Neuverurteilung die Dunkelfelddelikte vollständig ausblendet und von daher mit dem Risiko einer Fehlschätzung verbunden ist. Täterbefragungen zu selbstberichteter Delinquenz außerhalb der institutionell registrierten Fälle wiederum, ansonsten eine gängige Form der Dunkelfeldforschung, liegen für Sexualdelikte nur wenige vor. Beispielsweise wurden in den USA Studenten zu selbst ausgeübten sexuellen Gewalthandlungen befragt291 oder aber zu der Wahrscheinlichkeit, unter bestimmten Bedingungen eine Vergewaltigung zu begehen.292 Nach einer derartigen Studie an 582 amerikanischen Studenten gaben 3% dieser Stichprobe sexuelle Kontakte zu Kindern an, die als missbräuchlich klassifiziert wurden.293 Eine aktuelle Studie aus der Schweiz stellte auf der Basis einer Befragung von mehr als 21.000 Rekruten fest, dass etwa 14% der im Schnitt 20-Jährigen innerhalb der letzten 12 Monate nach eigenen Angaben einen sexuellen Übergriff (von exhibitionistischen Handlungen bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr) begangen hatten. Die Handlungen richteten sich mehrheitlich gegen Partnerinnen oder andere bekannte Frauen. Etwa 1% der Rekruten räumte jedoch ein, innerhalb der letzten 12 Monate ein Kind sexuell missbraucht zu haben. Insgesamt kommt die Schweizer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Täter sexueller Übergriffe, die auch Gewalt oder Nötigungsmittel einsetzten, ein sehr kleine, gleichzeitig aber auch sehr aktive Gruppe darstellen, die vermutlich für einen überproportional großen Anteil sexueller Gewaltdelikte verantwortlich sind. Unter ihnen findet sich gleichzeitig ein hoher Anteil an Personen, die ihrerseits in der Kindheit schwere Traumatisierungserfahrungen, darunter auch sexuelle Übergriffe, erlebt haben.294 In der Bundesrepublik wurde ein in der Größenordnung ähnliches Ergebnis herausgefunden.295 Aus einer Befragung von 111 Medizinstudenten des ersten Semesters berichtet DEEGENER, dass 3-5% sexuelle Phantasien im Hinblick auf Kinder hegten. 9% hatten nach eigenen Angaben einen Jungen sexuell belästigt und 8% erklärten, mehr als ein Kind sexuell belästigt zu haben.296 International wendet sich die Forschung in den letzten Jahren auch vermehrt dem Problem sexueller Delinquenz durch Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zu.297 DEEGENER verweist dazu auf interna288

Zum Überblick vgl. HANSON, R. K. und SLATER, 1988; SCHNEIDER, H. J., 1999a, 1999b; KRÖBER, H.-L. und K.-P. DAHLE, 1998. 289 Vgl. GROTH, A. N., LONGO, R. E. und J. B. MCFADIN, 1982; WEINROTT, M. R. und M. SAYLOR, 1991. 290 Vgl. EGG, R., 1999a, 2000a; LÖSEL, F., 1999a. 291 Vgl. KOSS, M. P., LEONARD, K. E., BEEZLEY, D. A. und C. J. OROS, 1985; GAVEY, N., 1991. 292 Vgl. MALAMUTH, N. M., HABER, S. uns S. FESHBACH, 1980; MALAMUTH, N. M., 1981. 293 Vgl. FROMUTH, M. E., BURKHARDT, B. R. und W. JONES, 1991. 294 Vgl. HAAS, H. und M. KILLIAS, 2000. 295 Bei einer Befragung von 920 Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren zu ihrem Delinquenzverhalten wurde festgestellt, dass 1,2% nach eigenem Bekunden im letzten Jahr sexuelle Handlungen an einem Kind vorgenommen hatten. Es ist jedoch fraglich, ob die verwendete Frageformulierung - es wurde allgemein nach sexuellen Handlungen gefragt - nicht dazu geführt hat, dass auch einverständliche frühe sexuelle Erfahrungen hier von den Befragten angegeben wurden. Vgl. VILMOW, B. UND E. STEPHAN, 1983. 296 DEEGENER, G., 2000, S. 203. 297 Vgl. dazu die umfangreiche Literaturzusammenstellung des OJJDP in den USA: Juvenile Sex Offender Research Bibliography, A Comprehensive Bibliograhy of Scholarly Research and Literature Relating to Juvenile Sex Offenders, http.//ojjdp.

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tionale Schätzungen, wonach 20-25% der Vergewaltigungen und 30-50% des sexuellen Kindesmissbrauchs durch solche jungen Täter begangen würden.298 Angesichts kulturell stark unterschiedlicher Auffassungen darüber, was angemessenes und sozial abweichendes Verhalten im Bereich der Sexualität jeweils ist, verbieten sich einfache Übertragungen solcher Zahlen auf die Bundesrepublik. Gleichwohl sind Befunde amerikanischer Studien, wonach ein nicht unerheblicher Teil der erwachsenen Sexualstraftäter bereits als Jugendliche mit sexuellen Übergriffen aufgefallen waren, bedenkenswerte Hinweise auf die Notwendigkeit, derartiges Verhalten Minderjähriger als Hinweis auf mögliche Entwicklungsprobleme ernst und zum Anlass abklärender und helfender Maßnahmen zu nehmen, zumal sich bei den frühauffälligen Jugendlichen regelmäßig Kumulationen von Risiken erkennen lassen.299 2.2.1.3.1 Erkenntnisse aus den polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken Wichtige Hinweise über die Täter sexueller Gewaltdelikte gegen Kinder sind im Längsschnitt in erster Linie den polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken zu entnehmen. Hier besteht allerdings das Problem, dass bei Delikten, deren Tatbestand keine Altersgrenze vorsieht (wie die Vergewaltigung) keine nach dem Alter der Opfer differenzierten Angaben zu den Tatverdächtigen vorliegen. Von daher beschränkt sich die folgende Tabelle auf Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs (§§ 176-176b StGB). Ferner wird die Darstellung auf männliche Tatverdächtige beschränkt, da diese in diesem Deliktsbereich die weit überwiegende Mehrheit bilden. Tabelle 2.2.1-5:Männliche deutsche Tatverdächtige sexuellen Kindesmissbrauchs 1987-1999 nach Alter unter 14 Jahre

a

1987 a 1988 a 1989 a 1990 b 1991 b 1992 c 1993 c 1994 c 1995 c 1996 c 1997 c 1998 c 1999

n 147 144 126 164 169 149 252 272 219 286 355 360 392

TVBZ 9,4 9,2 7,9 10,0 9,7 8,4 10,4 11,1 8,9 11,4 14,0 14,1 15,1 a

14 bis unter 18 Jahre n TVBZ 386 26,4 435 32,6 400 32,7 429 37,6 403 35,6 415 36,6 574 38,4 561 36,5 641 40,4 704 43,3 818 49,2 834 49,4 828 49,1

18 bis unter 21 Jahre n TVBZ 297 20,5 258 18,5 276 21,4 232 19,3 255 22,6 266 26,1 315 27,1 335 30,3 336 30,3 355 31,4 403 34,6 397 33,4 415 33,8

ab 21 Jahre n 2.743 3.055 3.257 3.620 3.874 4.319 5.208 5.143 5.377 5.339 5.854 5.851 5.431

TVBZ 13,7 14,9 15,7 17,1 17,6 19,5 19,1 18,8 19,6 19,4 21,3 21,2 19,6

total n 3.573 3.892 4.059 4.445 4.701 5.149 6.349 6.311 6.573 6.684 7.430 7.442 7.066

TVBZ 14,6 15,7 16,3 17,7 18,1 19,8 19,6 19,5 20,2 20,4 22,6 22,5 21,3

Aufklärungsquote 60,2 59,9 58,8 60,4 60,7 61,9 63,4 67,2 67,2 67,6 69,8 70,5 72,4

Daten für alte Länder; b Daten für alte Länder mit Gesamtberlin; c Daten für Deutschland. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Tatverdächtigenbelastungszahlen sind insgesamt in der Zeit von 1987 bis 1999 auf etwa das 1,5fache angestiegen. Allerdings zeigt sich seit 1997, trotz steigender Aufklärungsquoten, ein leichter Rückgang der TVBZ. In der Zeit von 1987 bis 1999 wurde die Aufklärungsquote um 12,2 Prozentpunkte gesteigert. Schon dadurch wäre, bei Konstanz aller übrigen Rahmenbedingungen, ein Anstieg der Tatverdächtigenbelastungszahlen um den Faktor 1,2 zu erwarten. Von 1993 bis 1999, also in dem Zeitraum, für den Daten aus Gesamtdeutschland vorliegen, stieg die Aufklärungsquote um neun Prozentpunkte (relativer Anstieg um 14,2%). Die TVBZ veränderte sich hingegen nur um 1,7 Fälle je 100.000 (relativer Anstieg um

ncrjs.org/juvsexoff/sexbibtopic.html. 298 Vgl. DEEGENER, G., 2000, S. 202. 299 Vgl. RYAN, G., MIYOSHI, T. J., METZNER, J. L., KRUGMAN, R. D. und G. E. FRYER, 1996.

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8,7%).300 Von daher fallen die Anstiege der registrierten Tatverdächtigen seit 1993 geringer aus als aufgrund der Zunahme der Aufklärungsquote, bei ansonsten angenommener Konstanz der übrigen Bedingungen, zu erwarten wäre. Anders ausgedrückt: Wäre die Aufklärungsquote konstant geblieben, dann hätte ein Rückgang der registrierten Tatverdächtigen festgestellt werden müssen. Insofern geben die Hellfelddaten für die letzten Jahre keinen Hinweis darauf, dass es tatsächlich zu einer Zunahme des sexuellen Kindesmissbrauchs gekommen wäre; eher ist von einer Abnahme auszugehen. Die Diskrepanz zwischen den oben dargestellten Opferstatistiken einerseits, nach denen die höchste Opferziffer 1992 zu verzeichnen war, und den Daten zu den registrierten Tatverdächtigen andererseits, die für 1997 die höchste TVBZ zeigen, verweist gleichfalls auf die Bedeutung der gestiegenen Aufklärungsquoten. Ferner ist vor dem Hintergrund der Hinweise aus Dunkelfeldstudien, die auf einen langfristigen Rückgang sexueller Gewalt gegen Kinder schließen lassen, und dem Anstieg registrierter Tatverdächtiger im Hellfeld auch eine Zunahme der Anzeigebereitschaft zu vermuten, was auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Problematisierung und Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Öffentlichkeit sowie der gestiegenen Verfügbarkeit entsprechender Beratungsstellen und Betroffenengruppe plausibel erscheint.301 Auffallend ist weiter, dass sich für männliche deutsche Tatverdächtige im Jugendalter 1998 mit 49,4 je 100.000 der Altersgruppe die höchste Tatverdächtigenbelastungszahl ergibt. Hier sind auch seit 1993 deutliche Steigerungen zu erkennen. 1999 lag die TVBZ bei den männlichen deutschen Jugendlichen fast unverändert bei 49,1. Demgegenüber lag 1999 die Quote bei den Erwachsenen mit 19,6 erheblich niedriger. Es ist hier allerdings nicht auszuschließen, dass die Erhöhung der Aufklärungsquote vor allen Dingen die von jüngeren Tatverdächtigen begangenen Delikte betrifft, weshalb die altersgruppenbezogenen Steigerungsquoten möglicherweise irreführend sein können. Zudem ist zu beachten, dass nach wie vor aufgrund der Bevölkerungsstruktur die Erwachsenen etwa drei Viertel der männlichen Tatverdächtigen beim sexuellen Kindesmissbrauch stellen, während die Jugendlichen hier nur etwa ein Achtel ausmachen. 2.2.1.3.2 Die Strafverfolgung der Täter sexuellen Kindesmissbrauchs Verschiedentlich wurde in der Literatur darauf hingewiesen, dass im Falle von Sexualdelikten gegen Kinder ein besonders ausgeprägter Ausfilterungsprozess stattfindet, aufgrund dessen nur ein sehr kleiner Teil der Tatverdächtigen überhaupt angeklagt und verurteilt werde.302 Bezüglich des Verlaufs der justiziellen Handhabung von Fällen besteht allerdings in der Bundesrepublik Deutschland das Problem der mangelnden Vergleichbarkeit von polizeilichen Tatverdächtigenstatistiken einerseits und Strafverfolgungsstatistiken andererseits303, weshalb diese verfügbaren Aggregatstatistiken nur sehr eingeschränkte Erkenntnisse ermöglichen. In Köln fand WOLKE, die die Hälfte der 1991 bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Köln zum sexuellen Kindesmissbrauch vorliegenden Aktenvorgänge analysierte, dass von 115 Vorgängen mit 196 Geschädigten insgesamt 45,2% zur Anklageerhebung führten.304 In einer empirischen Verlaufsstudie zur Strafverfolgung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland, die sich auf sämtliche Fälle des Jahres 1991 in Berlin bezieht, konnte gezeigt werden, dass unter den 1.090 untersuchten Fällen nur bei 18,3% Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens oder Antrag auf Erlass eines Strafbefehls gestellt wurden.305 Tatsächlich eröffnet wurde ein Hauptverfahren in 15,8% der Fälle.306 Begrenzt man die 300

Der Höchststand der Tatverdächtigenziffern wurde im Jahre 1997 erreicht mit 22,6 männlichen deutschen Tatverdächtigen je 100.000 der Bevölkerung und ist seitdem auf 21,3 zurückgegangen, obschon im selben Zeitraum die Aufklärungsquote von 69,8% auf 72,4% weiter gesteigert werden konnte. 301 Vgl. dazu auch SCHETSCHE, M., 1993. 302 Vgl. SCHNEIDER, H. J., 1999a. 303 Vgl. VOLBERT R. und D. BUSSE, 1995, S. 151 m. w. N. 304 Vgl. Wolke, A., 1995. 305 Vgl. VOLBERT, R. und D. BUSSE, 1995.

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Betrachtung auf die 477 polizeilich aufgeklärten Fälle, so wurde davon in 190 Fällen Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens und in 10 Fällen Antrag auf Strafbefehl oder vereinfachtes Jugendverfahren gestellt, was einem Anteil von 41,9% der polizeilich aufgeklärten Fälle entspricht. 162 gelangten zur Hauptverhandlung und in 10 Fällen wurde ein Strafbefehlsverfahren bzw. ein vereinfachtes Jugendverfahren durchgeführt. Im Einzelnen stellt sich der Ausfilterungsprozess wie folgt dar: Von 1.090 Fällen wurden 613 polizeilich nicht aufgeklärt (56,2%). In weiteren 224 Fällen (20,6%) erfolgte eine Einstellung gem. § 170 Abs. 2 StPO, weil es sich entweder herausstellte, dass die fragliche Tat keine Straftat war, eine solche nur vorgetäuscht war, persönliche Strafausschließungsgründe vorlagen, ein Strafantrag fehlte oder aber die vorliegenden Beweise für eine Anklageerhebung nicht ausreichend erschienen. Von den 477 polizeilich aufgeklärten Fällen verblieben somit 253, bei denen ein dringender Tatverdacht bejaht wurde. Davon wurden 36 Fällen nach § 153 StPO als Bagatellsache folgenlos eingestellt, was einem Anteil von 14,2% der Fälle dringenden Tatverdachts entspricht. In vier weiteren Fällen erfolgte eine vorläufige Einstellung nach § 205 StPO. In 25 Fällen erfolgte eine Einstellung des Verfahrens nach § 154 StPO, weil der sexuelle Missbrauch neben anderen, wesentlich schwerwiegenderen Straftaten stand. Eine mit Auflagen oder Weisungen verbundene Einstellung des Verfahrens gem. § 153a StPO, §§ 45, 47 JGG erfolgte in 43 Fällen, was 17% der Fälle dringenden Tatverdachts ausmacht. In 19 Fällen kam es nach dem Hauptverfahren zu einem Freispruch, in 126 Fällen hingegen zu einer Verurteilung. Somit machen die Verurteilungen 49,8% aller Fälle mit dringendem Tatverdacht sowie 11,6% aller 1.090 angezeigten Fälle aus. Dabei war der Anteil der Freiheitsstrafen an allen Aburteilungen mit 41,3%, bei denen eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde und 15,1% bei denen eine Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde, zusammen also 56,4% aller Urteile, höher als in der Studie von WOLKE in Köln, wo dieser Anteil der Freiheitsstrafen insgesamt bei 46,4% aller Entscheidungen nach dem Hauptverfahren lag. Eine neuere Studie, die auch Vorgänge aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre einbezieht, wurde in Niedersachsen durchgeführt.307 In einer Stichprobe von 286 staatsanwaltlichen Akten (ohne UJs-Sachen), die je zur Hälfte aus dem Jahr 1994 sowie den Jahrgängen 1995 und 1996 stammten, wurden 55,9% der Verfahren wegen fehlenden Tatverdachts oder Verfahrenshindernissen eingestellt. Bei 29,7% wurde Anklage erhoben und in weiteren 7% Antrag auf Erlass eines Strafbefehls gestellt. 7,3% wurden auf der Ebene der Staatsanwaltschaft eingestellt, darunter 16 Fälle (5,6%) folgenlos und fünf Fälle (1,7%) gemäß § 153a StPO unter Auflagen. Die Quote von 36,7% Anklageerhebungen oder Strafbefehlen entspricht in etwa den Resultaten von VOLBERT und BUSSE aus Berlin. In 83 Fällen (29%) wurden ein Hauptverfahren eröffnet, und in 14 Fällen ein Strafbefehl erlassen. Eine Ablehnung der Eröffnung des Hauptverfahrens fand sich in zwei Fällen und in vier Fällen erfolgte eine Einstellung des Verfahrens, davon in einem Fall gemäß § 153a StPO unter Auflagen. In 72 Fällen kam es nach dem Hauptverfahren zu einer Verurteilung (25,2% aller Fälle). Einen Freispruch gab es in sieben Fällen, eine Einstellung in drei Fällen (davon zwei gemäß § 153a StPO unter Auflagen) sowie in einem Fall eine Einstellung gem. § 205 StPO wegen Abwesenheit. Freiheitsstrafen wurden in 60 Fällen verhängt, darunter in 40 Fällen mit Bewährung. Der Anteil der Freiheitsstrafen beläuft sich demnach auf 72,2% aller Entscheidungen nach einem Hauptverfahren und 21% aller insgesamt analysierten Fälle.

306 307

Allerdings befanden sich in der Gesamtstichprobe 613 Fälle, in denen kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Vgl. GUNDER, T., 1998.

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Fasst man Verurteilungen und Strafbefehle zusammen, so wurde in 30,6% der Fälle eine Sanktion ausgesprochen. In weiteren 2,4% der Fälle erfolgte entweder auf Ebene der Staatsanwaltschaft (1,7%) oder des Gerichts (0,7%) eine Einstellung nicht folgenlos, sondern gemäß § 153a StPO unter Auflagen. Insgesamt wird ein großer Teil der Verfahren bei sexuellem Kindesmissbrauch bereits im Ermittlungsstadium ausgefiltert. Insbesondere die Rate der Verfahrenseinstellungen mangels Tatverdacht ist, beispeilsweise in dieser niedersächsischen Studie mit 47,9%, erheblich höher, als die staatsanwaltliche Erledigungsstatistik dies für die Gesamtheit aller Fälle der Jahre 1994 bis 1996 ausweist. Dort liegt die Quote zwischen 18,7% und 19,7%.308 Wie stellt sich nun die Entwicklung im Längsschnitt dar? Eine Gegenüberstellung von Daten der polizeilichen Tatverdächtigenstatistik einerseits und der Strafverfolgungsstatistik andererseits erlaubt diesbezüglich, abgesehen von den Problemen der unterschiedlichen Erfassungsmodalitäten beider Statistiken, auch deshalb nur begrenzte Schlussfolgerungen, da Daten über Tatverdächtige von Sexualdelikten gegen Kinder in der PKS nur für jene Tatbestände vorliegen, die selbst schon eine Altersgrenze als Tatbestandsmerkmal enthalten. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Vergewaltigung/sexuelle Nötigung von Kindern ein Problem. Um gleichwohl einen Überblick über mögliche Entwicklungen zu gewinnen, werden im Folgenden die Entwicklung der Tatverdächtigenzahlen einerseits sowie der Angeklagten- und der Verurteiltenzahlen andererseits für den sexuellen Kindesmissbrauch gegenübergestellt. Da für die neuen Länder bislang keine vollständige Strafverfolgungsstatistik geführt und publiziert wird, erfolgt das begrenzt auf die alten Länder. Tabelle 2.2.1-6 ist auf strafmündige Tatverdächtige ab 14 Jahre beschränkt. Tabelle 2.2.1-6:Tatverdächtige, Angeklagte und Verurteilte sexuellen Kindesmissbrauchs in den alten Ländern* (nur Personen ab 14 Jahre) TVBZ

1984

Tatverdächtige ab 14 J. 4.482

Angeklagte

ABZ

1993 1998

Verurteilte

VBZ

3,7

% der TV 43,0%

1.535

2,9

% der TV 34,2%

8,5

1.926

5.946

10,7

2.369

4,3

39,8%

1.913

3,4

32,2%

6.649

11,5

2.691

4,7

40,0%

2.229

3,9

33,5%

* Tatverdächtige 1993 und 1998, Angeklagte und Verurteilte 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Von 1984 bis 1998 haben - parallel zu einem Anstieg der TVBZ (bei den Strafmündigen beider Geschlechter von 8,5 auf 11,5) - die Quoten der Angeklagten je 100.000 der Bevölkerung (ABZ) von 3,7 auf 4,7 und die Quoten der Verurteilten je 100.000 der Bevölkerung (VBZ) von 2,7 auf 3,9 jeweils zugenommen. 1984 wurden 34,2% aller Tatverdächtigen verurteilt, 1998 waren es 33,5%, also ein kaum veränderter Anteil. Bei einer detaillierten längsschnittlichen Betrachtung für die Jahre 1985 bis 1998 zeigt sich für das frühere Bundesgebiet, dass die Abgeurteilten etwa 36% bis 43% der Tatverdächtigen des sexuellen Missbrauchs ausmachen. Bei den Verurteilten liegt diese Rate bei 29% bis 35%. Außerdem ist festzustellen, dass nach einem gewissen Sinken der Verurteiltenraten von 1985 bis zum Tiefpunkt im Jahr 1992 anschließend wieder ein Anstieg stattgefunden hat, so dass die aktuellen Werte wieder denen in der Mitte der achtziger Jahre ähnlich sind. Der Anteil von Abgeurteilten und Verurteilten an den Tatverdächtigen hat sich seit 1985 weitgehend parallel entwickelt; seit 1996 ist die Differenz zwischen diesen beiden Raten allerdings leicht zurückgegangen.

308

Vgl. GUNDER, T., 1998, S. 217.

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Insgesamt ist also beim sexuellen Kindesmissbrauch auf Basis der Aktenanalysen zwar eine vergleichsweise geringe Quote der Eröffnung von Hauptverfahren zu konstatieren. Die Daten dieser Analysen lassen jedoch in Kombination mit den Erkenntnissen aus den Strafverfolgungsstatistiken keine Anhaltspunkte für eine Reduzierung der Strafverfolgungsintensität im Laufe der neunziger Jahre erkennen. 2.2.1.3.3 Die strafrechtliche Sanktionierung Hinsichtlich der Sanktionspraxis bieten die Daten der Strafverfolgungsstatistik Aufschluss. Im Folgenden sind die entsprechenden Befunde der Jahre 1984, 1993 und 1998 für Verfahren gegen Personen ab 21 Jahre dargestellt. Bei den erwachsenen Tätern sexuellen Kindesmissbrauchs ist danach, parallel zum Anstieg der Angeklagten, auch ein leichter Zuwachs der letztendlich auch Verurteilten sowie ein Anstieg der Freiheitsstrafen, insbesondere auch der Anteile der nicht zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen, zu konstatieren (von 22% im Jahr 1984 auf 24% im Jahr 1998). Ferner hat sich auch die Rate derer, die zu Freiheitsstrafen von über einem Jahr verurteilt wurden, deutlich erhöht (von 373 Fälle, was 25% der Abgeurteilten im Jahr 1983 entspricht, auf 932 Fälle in 1998, was 39% der Abgeurteilten entspricht). Mithin hat sich die durchschnittliche Dauer der ausgeurteilten Freiheitsstrafen in dieser Zeit erhöht. Tabelle 2.2.1-7: Wegen sexuellen Kindesmissbrauchs Angeklagte und Verurteilte ab 21 Jahre, alte Länder, 1984, 1993 und 1998* 1984 % der Abgeurteilten 1.510 100,0% 1.239 82,1%

Anzahl Abgeurteilte Verurteilte

1993 Anzahl

1998

2.076 1.711

% der Abgeurteilten 100,0% 82,4%

Anzahl 2.364 2.001

% der Abgeurteilten 100,0% 84,6%

darunter Freiheitsstrafe

962

63,7%

1.300

62,6%

1.596

67,5%

davon ohne Strafaussetzung Höhe der Freiheitsstrafen unter 6 Monate 6 Monate 6-9 Monate 9-12 Monate 1-2 Jahre 2-5 Jahre mehr als 5 Jahre

325

21,5%

399

19,2%

576

24,4%

83 74 164 268 237 130 6

5,5% 4,9% 10,9% 17,8% 15,7% 8,6% 0,4%

62 111 165 253 453 229 27

3,0% 5,4% 8,0% 12,2% 21,8% 11,0% 1,3%

94 120 171 279 527 335 70

4,0% 5,1% 7,2% 11,8% 22,3% 14,2% 3,0%

Anmerkung: Vor 1998 § 176 Abs. 1-5 StGB; ab 1998 §§ 176 Abs. 1-3, 176a, 176b StGB * 1998 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Strafverfolgungsstatistik.

Diese Entwicklung ist auch bei den jüngeren Tätern unter 21 Jahren festzustellen, hier aber hinsichtlich der freiheitsentziehenden Jugendstrafe erwartungsgemäß auf einem wesentlich niedrigeren Niveau. Dabei ist zu beachten, dass bei den jüngeren Tätern wesentlich häufiger kein Hauptverfahren stattfindet, weshalb - trotz der speziell in dieser Altersgruppe steigenden Zahlen registrierter Täterverdächtiger - die Anzahl der Angeklagten rückläufig ist. Sofern es jedoch zu einer Verurteilung kommt, steigt von 1983 bis 1998 auch hier der Anteil der längeren Jugendstrafen an. So wurden 1984 insgesamt 416 Personen unter 21 Jahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angeklagt. Von diesen wurden 22% zu einer Jugend- oder Freiheitsstrafe verurteilt. Im Jahr 1998 wurden 327 Personen wegen dieses Deliktes angeklagt. Die Quote der zur Jugend- oder Freiheitsstrafe Verurteilten lag mit 35% deutlich höher. Auf der Ebene der Gerichte deutet sich von daher gegenüber erwachsenen wie auch jugendlichen Tätern sexueller Gewalt gegen

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Kinder ein Anstieg der ausgeurteilten Strafen an. Sofern die sonstigen strafzumessungsrelevanten Tatsachen konstant sein sollten, was anhand der Strafverfolgungsstatistik so nicht im Detail geprüft werden kann, würde dies auf einen Anstieg der Strafhärte bei diesem Delikt hindeuten. 2.2.1.3.4 Die Rückfälligkeit von Sexualstraftätern Den amtlichen Rechtspflegestatistiken ist nicht zu entnehmen, ob es sich bei wegen sexuellem Kindesmissbrauchs verurteilten Straftätern um eine besonders rückfallgefährdete Tätergruppe handelt. Zwar ergibt sich für sie eine nicht unerhebliche strafrechtliche Vorbelastung. Dies erlaubt jedoch keine Aussage über deliktsspezifische Rückfallwahrscheinlichkeiten. Wissenschaftliche Untersuchungen, mit denen sich diese Erkenntnislücke schließen ließen, sind zumindest im deutschsprachigen Raum relativ selten. Die vorliegenden Rückfall- und Behandlungsstudien waren lange Zeit auf sehr kleine und selektive Stichproben begrenzt und sind deshalb zum größten Teil kaum geeignet, verallgemeinerungsfähige Erkenntnisse über spätere Auffälligkeiten der wegen sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilten Personen zu liefern.309 Aufschlussreich ist eine in Kanada durchgeführte Meta-Evaluation, in die 61 Rückfallstudien für den übergreifenderen Bereich der gesamten Sexualdelinquenz aus sechs Ländern einbezogen wurden, darunter allerdings keine Arbeit aus Deutschland.310 Die Autoren berechneten für ca. 23.000 Sexualstraftäter eine einschlägige Rückfallquote (also ein neues Sexualdelikt) von 13,4%, wobei ein Zeitraum von vier bis fünf Jahren berücksichtigt wurde. Insgesamt ergab sich eine erneute Verurteilungsquote für jedes beliebige neue Delikt innerhalb dieses Zeitraums von 36,3%. In Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs betrug die einschlägige Rückfallquote 12,7%. Damit ist die Gefahr einschlägigen Rückfalls bei Sexualdelikten im Vergleich zu anderen Deliktsgruppen niedriger.311 Allerdings wird kritisch auch darauf verwiesen, dass in dieser Meta-Analyse wie in den meisten Rückfallstudien keine Differentialtypologie der unterschiedlichen Arten sexueller Devianz innerhalb der verschiedenen groben Deliktskategorien vorgenommen wurde, was deren Aussagewert im Hinblick auf die Prognose von Rückfälligkeit einschränke.312 Über Rückfallquoten hinaus wurden auch Merkmale der Erhöhung von Rückfallgefahr analysiert. Dazu zählen neben einigen biographischen Daten vor allem Art und Umfang einer kriminellen Vorbelastung sowie Aspekte der sexuellen Devianz. Niedriges Lebensalter, Zahl einschlägiger Vorstrafen, frühe psychiatrische Auffälligkeit, fremdes (außerfamiliäres) Opfer, männliches Opfer sowie primäres sexuelles Interesse an Kindern zeigten sich als prognostisch ungünstig im Hinblick auf eine spätere erneute Sexualdelinquenz. Indessen erwiesen sich Schichtzugehörigkeit, Bildungsstand, Umgang mit Alkohol- oder Drogen aber auch eigene Missbrauchserfahrungen in der Kindheit nicht als Variablen, mit denen eine spätere einschlägige Rückfälligkeit erklärt werden konnte. Für den deutschsprachigen Raum liegen erst seit kurzem aus den Rückfalluntersuchungen, die an der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden durchgeführt werden, ausführlichere Erkenntnisse über die weitere Entwicklung von Sexualstraftätern vor, darunter auch über Personen, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilt wurden.313 Im Kern entsprechen die Befunde den Erkenntnissen der internationalen Forschung. Die Untersuchungen stützen sich auf Registerauswertungen von wegen Sexualdelikten verurteilten Straftätern aus dem Jahr 1987, für die zehn Jahre nach der Verurteilung Auskünfte beim Bundeszentralregister wegen neuer Straftaten eingeholt wurden. Bei den Tätern sexuellen Kindesmissbrauchs handelt es sich überwiegend um Ersttäter (43,7%) oder nicht einschlägig vorbestrafte Personen (37,9%). Lediglich rund 18% waren bereits zuvor wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden. Etwa die Hälfte dieser Personen (51,5%) 309

Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b; BEIER, K. M., 1997, S. 22 m. w. N.. Vgl. HANSON, R. K. und M. T. BUSSIÈRE, 1998. 311 Vgl. LÖSEL, F., 1999a. 312 Vgl. BEIER, K. M., 1997, S. 22. 313 Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b, 2000a; BLOCK, P. und P. HOCH, 1997; ELZ, J., 1999. 310

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wurden innerhalb dieser zehn Jahre erneut wegen einer Straftat verurteilt. Einschlägig rückfällig im Sinne einer erneuten Sexualstraftat zeigten sich indessen lediglich ca. 20%. Die Mehrzahl der Rückfälle betraf somit andere Straftaten, vorwiegend im Bereich der Eigentums- und Vermögensdelikte. Weitere Analysen wurden für die Täter schweren sexuellen Kindesmissbrauchs (N=73), die Täter von exhibitionistischen Handlungen (N=86) sowie Vergewaltigungstäter (N=168) durchgeführt. Tabelle 2.2.1-8 bietet eine für die verschiedenen Teilstichproben dieser Registerauswertung getrennte Übersicht. Als rückfallgefährdet erwiesen sich vor allem Personen, die 1987 wegen einer Straftat im Bereich des Exhibitionismus verurteilt wurden. Ansonsten ist das Vorliegen von einschlägigen Vorstrafen - analog zu den international vorliegenden Befunden - als entscheidendes Merkmal im Hinblick auf eine spätere erneute Rückfälligkeit hervorzuheben. Befunde aus Aktenauswertungen komplettieren das Bild im Hinblick auf Prädiktoren einer einschlägigen Rückfälligkeit: Neben den Vorstrafen sind frühe psychiatrische Auffälligkeit, Suchtprobleme oder Gewalttätigkeiten in der Herkunftsfamilie relevant. Ferner ist bei jüngeren Tätern die Rückfallgefahr erhöht. Im Hinblick auf die Tatbegehung und das Opfer zeigten sich Personen, die Kinder ohne Körperkontakte, fremde Kinder oder (auch) Jungen als Opfer missbrauchten, als stärker rückfallgefährdet.314 Diese Studie ist allerdings mit der Einschränkung zu betrachten, dass nicht entdeckte Sexualdelinquenz nicht berücksichtigt werden konnte. Tabelle 2.2.1-8: Rückfallraten von Sexualstraftätern Täter sexuellen Kindesmissbrauchs gem. § 176 StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=103 Fälle aus allen Fällen des Jahres 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt)

56,3% 18,5% 51,5% 20,4%

Täter sexuellen Kindesmissbrauchs in einem schweren Fall gem. § 176 III StGB a.F. (Totalerhebung aller Fälle des Jahres 1987; n=73) Frühere Verurteilung wegen Sexualdelikt nach BZR Rückfälligkeit mit Sexualdelikt

15,0% 12,3%

Täter von Exhibitionismus oder Erreg. öff. Ärgernisses gem. §§ 183, 183a StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=86 Fällen aus 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt

77,9% 48,8%

Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt) Täter einer Vergewaltigung gem. § 177 StGB a.F. (Zufallsstichprobe von N=168 Fällen aus 1987) Vorstrafen nach BZR (alle Delikte) einschlägige Vorstrafen wegen Sexualdelikt Rückfälligkeit bis 1996 (alle Delikte) Rückfälligkeit bis 1996 (Sexualdelikt)

81,4% 54,7%

73,2% 18,5% 60,1% 13,7%

Datenquelle: BLOCK, P. und P. HOCH, 1997; EGG, R., 1999b, 2000.

Eine im Hinblick auf diese Dunkelfeldproblematik besonders aufschlussreiche Untersuchung wurde in Deutschland von BEIER vorgelegt.315 Es handelt sich um eine Nachuntersuchung an 510 in der Zeit von 1945 bis 1981 begutachteten Sexualstraftätern der Geburtsjahrgänge 1915 bis 1945. Für alle diese Fälle wurden die vorliegenden psychiatrischen Gutachten ausgewertet und eine Auswertung der Eintragungen 314 315

Vgl. EGG, R., 1999a, 1999b, 2000a. Vgl. BEIER, K. M., 1995, 1997.

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im Bundeszentralregister vorgenommen. Ferner wurden in 302 Fällen katamnestische Nachuntersuchungen durchgeführt. Der Katamnesezeitraum, für den eine Rückfälligkeit analysiert werden konnte, betrug mindestens zehn Jahre und belief sich im Durchschnitt auf über 25 Jahre. Im Rahmen der persönlichen Katamnesegespräche wurden auch Fragen zum Sexualverhalten nach der Entlassung gestellt. Tabelle 2.2.1-9: Erneute Dissexualität bei begutachteten Sexualstraftätern Hauptdeliktgruppe Inzesttäter Exhibitionisten Dissexuelle Gewalttäter Pädophile (bi/homosexuell) Pädophile (heterosexuell)

N 37 54 60 59 62

Weiterhin dissexuell 21,6% 46,3% 30,0% 50,8% 24,2%

Strafverfolgt 5,4% 31,5% 13,3% 25,4% 12,9%

Datenquelle: BEIER, K. M.,1997, S. 17.

BEIER untersucht dabei die so genannte "Dissexualität" mit der das sich "im sexuellen ausdrückende Sozialversagen" kennzeichnet, womit vor allem der sich in sexueller Delinquenz ausdrückende Aspekt gestörter sozialer Bedeutung von Sexualität hervorgehoben und dessen Analogie zum Begriff der "Dissozialität" betont werden soll. Auf Basis der Daten der Probanden aus den persönlichen Katamnesegesprächen bestimmt BEIER die Raten der weiterhin als "dissexuell" aktiven Personen. Zu beachten ist dabei, dass die zeitlichen Intervalle, in denen ein möglicher Rückfall im Sinne der erneuten bzw. fortbestehenden Dissexualität sich ereignet haben könnte, bei den einzelnen Untersuchungsteilnehmern eine sehr große und zudem unterschiedliche Spanne von 10 bis 28 Jahren aufweisen. Zwar ist in der Tat fraglich, inwieweit sich weit zurückliegende Begutachtungsfälle auf die heutige Situation übertragen lassen.316 Gleichwohl ist es bemerkenswert und stimmt in der Tendenz mit den internationalen Befunden überein, dass eine fortbestehende sexuelle Auffälligkeit in der Mehrheit der Fälle nicht festzustellen ist. Allerdings zeigt sich auch, dass unterschiedliche Formen sexueller Devianz hier zu trennen sind, und zwar sowohl im Hinblick auf erneute sexuelle Auffälligkeit als auch bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer erneuten Strafverfolgung. So war beispielsweise bei den Inzesttätern festzustellen, dass etwa ein Fünftel erneut dissexuell war, wovon aber nur jeder Vierte strafverfolgt wurde. Demgegenüber war die erneute Auffälligkeit bei Exhibitionisten zwar höher, zugleich wurden aber auch etwa drei Viertel von ihnen wieder strafverfolgt. Dieser Befund korrespondiert mit den Hinweisen auf deliktspezifisch unterschiedlich große Dunkelfeldanteile, die ihrerseits wiederum mit der Täter-Opfer-Beziehung im Zusammenhang stehen. Besonders auffallend ist, dass etwa die Hälfte der bi- oder homosexuellen Pädophilen weiterhin dissexuelle Verhaltensweisen zeigten, wovon jedoch nur die Hälfte auch strafverfolgt wurde. Weitere Binnendifferenzierungen lassen zudem erkennen, dass auch innerhalb der Deliktsgruppen wichtige Unterschiede bestehen. So zeigt sich beispielsweise für Inzestdelikte, dass pädophil motivierte Inzesttäter eine deutlich höhere Rückfälligkeit aufwiesen als die so genannten Konstellationstäter. Bei den pädophilen Tätern sind die Raten erneuter Dissexualität sowohl bei den bi- und homosexuell orientierten als auch bei den heterosexuell orientierten Pädophilen dann wesentlich höher (Rückfallquote 85%), wenn es sich bei der Pädophilie um eine Hauptströmung handelt, nicht aber jugendlichen unerfahrenen Tätern ohne eine derartige Ausrichtung (Rückfallquote 8%). Insgesamt verweisen diese Resultate darauf, dass eine Binnendifferenzierung der Art des sexuell abweichenden Verhaltens sehr bedeutsam ist, wenn es um die Einschätzung von Rückfallgefährdungen geht. Außerdem ist angesichts der Befunde zur Strafverfolgung weiter bestehender Dissexualität offenkundig 316

Vgl. LÖSEL, F., 1999a, S. 284.

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geboten, in der Interpretation von Rückfallanalysen, die sich alleine auf einschlägige Rückfälligkeit im Sinne entsprechender Verurteilungen gründen, recht zurückhaltend zu sein. 2.2.1.4 Kinderpornografie Kinderpornografie ist eine Form des sexuellen Missbrauchs, bei der sexuelle Missbrauchshandlungen von und mit Kindern gefilmt bzw. fotografiert werden.317 Die Herstellung kinderpornographischen Materials impliziert also von daher regelmäßig einen sexuellen Missbrauch von Kindern, der unter Strafe gestellt ist. Für diese Art der pornographischen Darstellungen in Form des sexuellen Missbrauchs von Kindern, die ebenso wie die Darstellung sexueller Handlungen von Menschen mit Tieren oder die Darstellung von sexuellen Gewalttätigkeiten, als "harte Pornografie" bezeichnet wird, galt schon vor den Änderungen durch das 27. Strafrechtsänderungsgesetz ein absolutes Verbreitungsverbot.318 Mit der Gesetzesänderung durch die Vorschriften des 27. Strafrechtsänderungsgesetzes vom 23.7.1993 wurde der Strafrahmen für die Herstellung und Verbreitung von kinderpornografischem Material erhöht. Ferner wurde auch der Besitz und das Beschaffen entsprechender Darstellungen unter Strafe gestellt.319 Der Gesetzgeber ist zu dieser Erweiterung des § 184 StGB veranlasst worden, nachdem sich durch den Videomarkt hier eine neue Form sexuellen Missbrauchs von Kindern entwickelt hat. Schon die bis dato geltenden Strafrechtsvorschriften verboten die Veröffentlichung und Verbreitung von Kinderpornografie und die dazu gehörenden Vorbereitungshandlungen; ein wirksames Vorgehen gegen die Täter scheiterte jedoch häufig am Nachweis des Verbreitungsvorsatzes.320 Seit 1995 nehmen nach den Erkenntnissen der polizeilichen Ermittlungspraxis die Fälle der Verbreitung kinderpornografischer Darstellungen im Internet kontinuierlich zu. Die Verwendung von digitalen Fotound Videokameras sowie von Scannern ermöglichen den Tätern heute eine kaum kontrollierbare Weitergabe von Kinderpornografie über das Internet ohne Zeit- und Qualitätsverluste. Preiswerte PC-Software erlaubt es auch dem wenig geübten Anwender, die abgespeicherten Bilder zu verändern oder neu zusammenzusetzen. Das Internet ist auf diese Weise zu dem vorherrschenden Medium für den Austausch von kinderpornografischen Bildern, Videosequenzen und sonstigen Darstellungen geworden.321 In Ermangelung entsprechender wissenschaftlicher Untersuchungen zur Herstellung, Verbreitung, Besitzverschaffung, Besitz und Nutzung kinderpornographischen Materials, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf die Erkenntnisse aus den polizeilichen Lagebildern zu diesem Problemkomplex. 2.2.1.4.1 Das kinderpornographische Material Die in den siebziger Jahren dominierenden Super- und Normal-8-Filme, die über dänische Firmen noch vor der Änderung des dänischen Strafrechts im Jahr 1980 legal in den Handel gelangten, wurden auf verschiedene Videosysteme überspielt und stellen - immer wieder kopiert und weiterverkauft - nach wie vor einen hohen Anteil des kinderpornografischen Materials heutiger Sicherstellungen dar. Aber auch die in Form von semi-professionellen Nachdrucken, Fotokopien oder Scans gehandelten Bilder aus "Lolita"Magazinen, die in der gleichen Zeit entstanden, zeigen, dass einmal veröffentlichte Kinderpornografie nicht wieder vom Markt verschwindet. Seit längerem wird auch eine Übernahme dieser Materialien auf digitale Speichermedien (PC-Festplatten, Disketten und CD-ROM) festgestellt. Der Markt wird jedoch immer noch - trotz der zunehmenden Nutzung des Internet - von Videofilmen dominiert. 317

Vgl. auch im Folgenden SCHNIEDERS, P. und M. LENZEN, 1995, S. 322. Vgl. Schroeder, F. C., 1993, S. 2581. 319 Unabhängig vom Recht des Tatortes gelten diese Vorschriften des deutschen Strafrechts im Hinblick auf Kinderpornografie nach § 184 Abs. 3, 4 StGB gemäß § 6 StGB auch für im Ausland begangene Taten, unabhängig von der Nationalität der Täter. Im Hinblick auf die §§ 176 bis 176b StGB gilt zudem gem. § 5 Nr. 8 StGB, dass diese Taten für deutsche Täter auch dann, wenn die Handlungen im Ausland begangen werden und dort nicht mit Strafe bedroht sind. 320 Vgl. BT-Drs. 12/3001 und BT-Drs. 12/4883. 321 Vgl. PAULUS, M., 2000; BERGER-ZEHNPFUND, P., 1996. 318

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Die Vermischung zwischen alten, neuen und nicht pornografischen Bildern, die beliebig oft kopiert werden, macht einerseits konkrete Aussagen über die Menge des tatsächlich vorhandenen Materials nahezu unmöglich. Andererseits wird auch das Erkennen neuer Bilder als Sachbeweis für die Bekämpfung eines möglicherweise noch andauernden sexuellen Missbrauchs von Kindern erschwert. In letzter Zeit wurden Videos aus japanischer Produktion festgestellt, die überwiegend sehr brutale Handlungen zeigten und offensichtlich gewerblich hergestellt und verbreitet wurden. Die Bekämpfung der Kinderpornografie stellte in Japan aufgrund fehlender Strafgesetze ein großes Problem dar und war auch der Grund für eine Vielzahl von japanischen Internetadressen, unter denen Kinderpornografie unverschlüsselt erreicht werden konnte. Inzwischen ist jedoch auch in Japan ein Gesetz zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern verabschiedet worden, das Herstellung, Verkauf, Verteilung sowie Ein- und Ausfuhr von Kinderpornografie untersagt. 2.2.1.4.2 Die Opfer Über jene kindlichen Opfer, die in den sechziger und siebziger Jahren in Super-8-Technik gefilmt oder fotografiert und in Magazinen veröffentlicht wurden, fehlen gesicherte Angaben fast vollständig. Aus den - nach den Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes vorliegenden - dargestellten Situationen lässt sich aber schließen, dass sie unter Beteiligung von Eltern, nahen Angehörigen oder anderen Personen aus dem engen persönlichen Umfeld missbraucht wurden. Diese Merkmale treffen auf die meisten der deutschen und europäischen Opfer zu, die in den letzten Jahren identifiziert werden konnten. Alle polizeilich bekannt gewordenen kinderpornografischen Filme mit Opfern europäischer Herkunft entstanden in einer über längere Zeit bestehenden Abhängigkeitssituation. Die Täter sind in einer Position, die es ihnen erlaubt, mit Autorität auf das Opfer einzuwirken. In der Mehrheit der in den letzten 15 Jahren in Deutschland aufgedeckten Fälle, die eine länger andauernde Produktion kinderpornografischen Bildmaterials zum Gegenstand hatten, sind die vor der Kamera missbrauchten Kinder auch an interessierte Kunden zum Missbrauch vermittelt und somit zuhälterisch ausgebeutet worden. Abweichend hiervon stellen sich Videos über den Missbrauch von Knaben dar. Hier scheint das Interesse der Täter und der Konsumenten der Bilder auf eine Altersgruppe gerichtet zu sein, die bereits eigene sexuelle Aktivitäten entwickelt, und deren eigene Sexualität schon weiter entwickelt sein "darf", als dies bei missbrauchten Mädchen der Fall ist. Schon anhand der Filme sind nicht selten Situationen zu erkennen, die die Herkunft der Opfer aus dem so genannten "Strichermilieu" vermuten lassen und deren Zugehörigkeit zur Altersgruppe unter 14 Jahren (Kinder) sich nur in wenigen Fällen eindeutig feststellen lässt. Bei den direkt in Videotechnik erstellten Filmen spielen Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern aus der Dritten Welt, vorwiegend aus Thailand und den Philippinen, noch immer eine wesentliche Rolle. Diese Filme werden zwischenzeitlich von Filmen und Fotos aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks zahlenmäßig überholt, in denen - ähnlich wie in Asien und Südamerika - das Strafverfolgungsrisiko für den Täter gering ist. 2.2.1.4.3 Polizeilich registrierte Vorfälle Auslöser für die in früheren Jahren eingeleiteten Ermittlungsverfahren waren mehrheitlich Fotolabors und Entwicklungsstudios, die entsprechendes Bildmaterial im Rahmen von Qualitätsstichproben hinsichtlich der Farbqualität der entwickelten Bilder feststellen. Zur Anzeigenerstattung werden jedoch immer häufiger die Homepages der im Internet vertretenen Polizeipräsidien und Landeskriminalämter sowie des Bundeskriminalamtes genutzt. Die seitens der Strafverfolgungsbehörden festzustellende zunehmende Zahl von Privatpersonen, die solche Delikte, die im Internet verhältnismäßig leicht zu entdecken sind, anzeigen, kann als Indiz für eine wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit hinsichtlich der Herstel-

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lung und Verbreitung kinderpornografischen Materials gewertet werden. Exakte Zahlen über die Anzeigebereitschaft und deren Wandel liegen bislang jedoch nicht vor. In der PKS werden Fälle "schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornographischer Schriften § 176a Abs. 2 StGB" gesondert erfasst. Hierbei dürfte es sich vermutlich regelmäßig um die Herstellung von Filmen oder sonstigen Bildmaterialien handeln. 1999 wurden 106 derartiger Fälle registriert. Sofern der sexuelle Missbrauch für die Produktion pornographischen Materials im Ausland stattgefunden hat, ist eine Erfassung ohnehin ausgeschlossen. Es ist jedoch für die Zukunft geplant, in der PKS künftig das Tatmittel Internet auszuweisen, so dass der Internetanteil an der polizeilich festgestellten Kinderpornografie beziffert werden kann. Seit 1995 werden der Besitz und die Besitzverschaffung von Kinderpornografie gemäß § 184 Abs. 5 StGB gesondert in der PKS ausgewiesen. Dies erlaubt zumindest für diesen Teilaspekt eine sachliche Einschätzung. Danach ist die Anzahl der registrierten Fälle von 1996 bis 1999 um etwa das Dreifache angestiegen. Inwieweit damit ein tatsächlicher Anstieg der Fälle verbunden ist oder hier in erster Linie eine erhöhte Kontrollintensität ihren Niederschlag findet, ist ungeklärt. Schaubild 2.2.1-2: Besitz/ Besitzverschaffung von Kinderpornografie gemäß § 184 Abs. 5 StGB (Anzahl der erfassten Fälle) 1996-1999 2.000

1.869 1.742

1.800

1.628

1.600 1.400 1.200 1.000 800

663

600 400 200 0 1996

1997

1998

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Zusätzlich wurden im Jahr 1999 insgesamt 245 Fälle nach § 184 Abs. 4 StGB registriert, in denen die Täter gewerbsmäßig oder als Bande kinderpornographisches Material hergestellt, verbreitet oder zugänglich gemacht haben. 1998 wurden 191 Fälle, 1997 wurden 253 Fälle und 1996 wurden 344 derartige Fälle polizeilich registriert. Diese Entwicklung zeigt also, anders als bei dem polizeilich registrierten Besitz und der Besitzverschaffung, zumindest im Hellfeld keine Zunahme an, eher Schwankungen im Bereich relativ niedriger Fallzahlen, im Vergleich zwischen 1996 und 1999 sogar einen gewissen Rückgang, wobei unklar ist, ob dies auf tatsächliche Rückgänge oder erhöhte Schwierigkeiten der Ermittlung und Aufdeckung zurückzuführen ist. 2.2.1.4.4 Koordinierungs- und Auswertestelle beim Bundeskriminalamt Im Rahmen der Zentralstellenfunktion wurde Anfang 1996 eine "Koordinierungs- und Auswertestelle für kinderpornographische Medien beim Bundeskriminalamt" eingerichtet, welche die gemeldeten Erkenntnisse länderübergreifend sammelt und auswertet. Die Zahl der seit 1996 zur Auswertung von den Länderdienststellen an das Bundeskriminalamt gesandten Videofilme (überwiegend Kinderpornografie, auch

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vermischt mit Tier-, Gewalt- und gewerbliche Pornografie sowie zweifelhaften FKK-Videos) ist von 75 Filmen im Jahr 1996 (321 Filme in 1997, 344 Filme in 1998) auf 807 Filme in 1999 angestiegen. Über die in den Jahren 1996 bis 1999 insgesamt in Deutschland sichergestellten kinderpornografischen Videofilme können keine Angaben gemacht werden, da nicht alle kinderpornografischen Videofilme von den Länderdienststellen und Justizbehörden dem Bundeskriminalamt zugänglich gemacht werden. 2.2.1.4.5 Tatverdächtige Eine Typisierung der Konsumenten von Kinderpornografie ist kaum möglich. Im Rahmen von Ermittlungsverfahren wurden Personen aus verschiedenen sozialen Milieus und gesellschaftlichen Schichten festgestellt. Aus der PKS 1999 zu Besitz und Verschaffung von Kinderpornografie nach § 184 Abs. 5 StGB lässt sich entnehmen, dass 96,5% der ermittelten Tatverdächtigen männlich und mehr als 90% erwachsen, d. h. älter als 21 Jahre sind. 96,7 % besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften handelt es sich in der Regel um männliche deutsche Erwachsene. 2.2.1.4.6 Justizielle Behandlung Die Anzahl der wegen Verbreitung oder Besitzes pornographischer Schriften angeklagten Personen hat in den letzten Jahren, parallel zu der gestiegenen Zahl registrierter Fälle, deutlich zugenommen. So stieg die Anzahl der wegen § 184 Abs. 4, 5 StGB angeklagten Personen von 24 im Jahr 1994 in den beiden Folgejahren deutlich an (1995: 94 Angeklagte; 1996: 79 Angeklagte) und erhöhte sich in den darauf folgenden beiden Jahren nochmals drastisch (1997: 156 Angeklagte; 1998: 252 Angeklagte). Fast alle Angeklagten wurden nach allgemeinem Strafrecht verurteilt (236 von 238 Verurteilten). Weit überwiegend wurden dabei Geldstrafen verhängt (in 211 von 236 nach allgemeinem Strafrecht verurteilten Fällen). Die Quote der zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten steig leicht an von 5% im Jahr 1995 über 8% im Jahr 1997 auf knapp 11% im Jahr 1998, wobei allerdings zu beachten ist, dass die Verurteilung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe in diesem Deliktsbereich die Ausnahme darstellt. So wurden 1998 zwei Angeklagte zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt, in den übrigen 23 Fällen wurden die Freiheitsstrafen zur Bewährung ausgesetzt. 2.2.1.5 Sextourismus und sexueller Missbrauch von Kindern Nach § 5 Nr. 8 StGB sind seit dem 27. Strafrechtsänderungsgesetz auch sexuelle Missbrauchshandlungen (gemäß §§ 176 bis 176b StGB) deutscher Täter, die im Ausland zu Lasten ausländischer Kinder begangen werden, nach den bundesdeutschen strafrechtlichen Bestimmungen unter Strafe gestellt, auch wenn am jeweiligen Tatort solches Handeln strafrechtlich nicht sanktioniert wird. Diese Regelung, mit der eine Strafbarkeitslücke geschlossen werden sollte, hat bislang jedoch offenkundig nicht zu einer größeren Anzahl von Verfahren geführt. So berichtet das Informationszentrum Kindesmisshandlung/ Kindesvernachlässigung, dass im Jahr 1998 lediglich 33 Strafverfahren gegen so genannte Prostitutionstouristen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs durchgeführt wurden, in denen es in acht Fällen zu einer Verurteilung kam. Nach Informationen der Kriminologischen Zentralstelle wurden für den Zeitraum von Oktober 1993 bis Januar 1998 51 Ermittlungsverfahren betreffend den sexuellen Kindesmissbrauch ausländischer Kinder durch Deutsche im Ausland eingeleitet. Die Verfahren betrafen 59 Tatverdächtige. Bis Januar 1998 wurden 13 der Beschuldigten verurteilt, bei 16 wurden die Verfahren eingestellt und bei 30 dauern die Verfahren noch an. Von den Verurteilungen erfolgen sieben in Deutschland und sechs im Tatortland. Die insgesamt nach diesen Informationen bislang geringe Zahl von Verfahren resultiert vermutlich aus Schwierigkeiten bei der Ermittlung und den relativ seltenen Anzeigen, die in einem Viertel der durch die Kriminologische Zentralstelle erfragten Fälle nur durch Fotos oder Videoaufzeichnungen veranlasst wurden. Ferner bestehen Probleme bei der Vernehmung von Zeugen. Teilweise fehlen auch noch Rechts-

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hilfeabkommen.322 Eine Anfrage der Kriminologischen Zentralstelle beim Bundeszentralregister erbrachte für im Ausland sanktionierten sexuellen Missbrauch Deutscher an Kindern für Thailand und die Philippinen, dass fünf Fälle im Register aufgeführt sind, bei denen teilweise sehr hohe Freiheitsstrafen von bis zu 50 Jahren ausgeurteilt wurden. Nach einer Studie der ESCAP323 nimmt der Sextourismus und der Missbrauch von Kindern im Osten und Süden Asiens zu.324 Genaue Zahlen darüber, wie viele Deutsche Männer als Sextouristen reisen und dabei in den aufgesuchten Ländern Kinder sexuell missbrauchen und wie sich diese Zahlen entwickelt haben, liegen indes nicht vor. Eine vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierte Studie zum Thema Sextourismus und Aids bietet hier erste Anhaltspunkte. In dieser Untersuchung wurde eine Verfügbarkeitsstichprobe 807 Sextouristen befragt, welche die Länder Thailand, Philippinen, Kenia, Brasilien und die Dominikanische Republik bereisten. Von den darunter erfassten 661 männlichen heterosexuellen Sextouristen gaben zwei Drittel an, für Sex Geld bezahlt zu haben. Etwa ein Fünftel erklärte, Sexualverkehr mit unter 19-Jährigen gehabt zu haben.325 Eine Umrechnung dieser Anfang der neunziger Jahre erhobenen, nicht repräsentativen Daten in eine Schätzung der jährlichen Zahl von Touristen, die in den jeweiligen Ländern Kinder sexuell missbrauchen, ist mit zahlreichen Unsicherheitsfaktoren behaftet. Die Autoren der Studie gelangen zu der Einschätzung, dass von etwa 200.000 bis 400.000 Sextouristen auszugehen sei, von denen 2.400 bis 4.800 sexuelle Beziehungen zu unter 16-jährigen Prostituierten aufgenommen hätten, wobei sie allerdings darauf hinweisen, dass diese Schätzung konservativ und vermutlich korrekturbedürftig sei.326 Sextourismus und damit verbundener Missbrauch von Kindern, die in zahlreichen Ländern Asiens, Afrikas, Südamerikas und Osteuropas zur Prostitution gezwungen und ausgebeutet werden, ist in den neunziger Jahren Gegenstand mehrerer internationaler und in der Bundesrepublik auch nationaler Kampagnen gewesen.327 Vom 27. bis 31. August 1996 fand in Stockholm der erste internationale Kongress gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern statt. Im Gefolge dieser Konferenz wurde seitens der Bundesregierung ein Arbeitsprogramm gegen Kindesmissbrauch, Kinderprostitution und Sextourismus vorgestellt, in dem Maßnahmen zu Prävention, Aufklärung, Opferschutz sowie zur internationalen Strafverfolgung vorgestellt werden.328 Auf europäischer Ebene wurde am 19.9.1996 durch das europäische Parlament eine Entschließung zur Bekämpfung von Pädophilie, Kinderprostitution und Kinderhandel verabschiedet, in denen unter anderem die Mitgliedstaaten aufgefordert werden, konkrete Maßnahmen gegen den Sextourismus sowohl in den Ausgangs- als auch in den Zielländern zu ergreifen.329 Im April 1998 fand in der Nachfolge des Stockholmer Weltkongresses eine Tagung des Europarates ins Straßburg statt, in der eine Bestandsaufnahme der seit Stockholm erfolgten Umsetzungen des Aktionsprogramms erfolgen und die internationale Kooperation vertieft werden sollte. Im Dezember 2001 findet, nach einer nationalen bundesdeutschen Konferenz im März 2001 in Berlin, der 2. Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in Jokohama/ Japan statt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass das Problem der kommerziellen Ausbeutung von Kindern national wie international eine hohes Maß an Beachtung gefunden hat und sich zahlreiche Organisationen mit diesem Thema befassen. In der Strafrechtspraxis ist bislang die in Deutschland erreichte Anzahl erfasster Fälle, soweit entsprechende Informationen zu diesem speziellen Deliktsbereich überhaupt zugänglich sind,

322

Vgl. IKK-Nachrichten, Nr. 1/2001, S. 12. Economic and Social Commission for Asia and the Pacific. 324 Vgl. DAMMERMANN, C., 2001. 325 Vgl. KLEIBER, D. und M. WILKE, 1995, S. 189. 326 Vgl. ebenda, S. 286. 327 Vgl. WUTTKE, G., 1998, S. 12 ff. 328 Vgl. Pressemitteilung des BMFSFJ Nr. 42 vom 29.7.1997. 329 Vgl. WUTTKE, G., 1998, S. 244. 323

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demgegenüber sehr gering. Die Forschungslage ist als unbefriedigend zu bezeichnen. Zwar liegen Berichte von Praktikern in größerer Zahl vor, wissenschaftlich fundierte Analysen sind mit Ausnahme der Studie von KLEIBER und WILKE, die sich auf den Anfang der neunziger Jahre bezieht, aktuell nicht verfügbar. Vor dem Hintergrund der von politischer Seite mehrfach betonten nationalen und internationalen Relevanz dieses Problems sind hier vermehrte Forschungsbemühungen dringend geboten. 2.2.1.6 Zusammenfassung und Ausblick In den neunziger Jahren hat der Gesetzgeber eine Vielzahl von gesetzgeberischen Maßnahmen durchgeführt, deren erklärtes Ziel die Verbesserung des Schutzes von Kindern vor sexueller Gewalt waren. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse aus Hell- und Dunkelfeldstudien zeigen dazu, dass dies zumindest nicht mit gestiegenen Fallzahlen im Bereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder innerhalb Deutschlands zu begründen ist, eher ist hier von rückläufigen Zahlen auszugehen. Von daher ist an erster Stelle zu betonen, dass eine die Schutzinteressen der Bevölkerung und insbesondere der Kinder ernst nehmende Form des Umgangs mit diesem Problem auch darauf verwiesen ist, aufklärend im Hinblick auf die tatsächlichen Risiken zu wirken und nicht zusätzliche Befürchtungen zu schüren, die sich unter Umständen nachteilig auf Kinder auswirken könnten, beispielsweise in einer aus Angst motivierten Beschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten. Aber auch die nach bisherigem Kenntnisstand eher rückläufigen Zahlen für Vorfälle innerhalb der Bundesrepublik sind kein Anlass zur Bagatellisierung des Problems. Vor diesem Hintergrund sind jene Maßnahmen, die auf eine Verbesserung therapeutischer Angebote für Sexualstraftäter gerichtet sind, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der Prävention und des Opferschutzes begrüßenswert. Die Realisierung der damit anvisierten Ziele macht es erforderlich, dass die Kapazitäten im Bereich der Sozialtherapie und der Versorgung mit ambulanten therapeutischen Angeboten auch tatsächlich bereitgestellt werden. Falsch wäre es, gerade in diesem Deliktsbereich unter der Perspektive knapper Ressourcen Opfer- und Täterinteressen als quasi antagonistisch zu betrachten. Unabhängig von der strafrechtlichen Bewertung der Reformen und Neuerungen der vergangenen Jahre ist festzuhalten, dass eine möglichst erfolgreiche Behandlung nicht nur für den Täter, sondern vor allem auch für die Allgemeinheit und deren Schutzinteresse von zentraler Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass die Orientierung an den Sicherheitsinteressen der Allgemeinheit, die in den jüngsten Gesetzesreformen eine besondere Betonung erfahren hat, nicht dahingehend wirkt, dass die für eine effektive Behandlung und Therapie erforderlichen Entlassungsvorbereitungen und die Aussicht auf Strafrestaussetzungen, die ein wesentliches Element von Therapiemotivation darstellen, zu sehr zurückgedrängt werden. Es liegen zahlreiche internationale aber auch nationale Studien über die Behandlung von Sexualstraftätern vor, an die anknüpfend Behandlungsprogramme konzipiert und deren Wirksamkeit evaluiert werden sollten.330 Dazu wird es neben den erforderlichen Angeboten auch entsprechende Ressourcen für eine begleitende Forschung geben müssen, da nur auf dieser Grundlage eine begründete Weiterentwicklung der Intervention erfolgreich initiiert werden kann. Ob die durch den Gesetzgeber vorgenommene Erhöhung der Strafrahmen im Bereich der Sexualdelikte gegen Kinder eine präventive Wirkung entfalten werden, erscheint indes zweifelhaft, insbesondere angesichts der nach allen vorliegenden Erkenntnissen geringen Anzeigequoten. Im Bereich des Opferschutzes wurden hingegen mit der Verbesserung der Situation kindlicher Zeugen wichtige Schritte in Richtung auf Vermeidung sekundärer Viktimisierungen getan. Was derzeit jedoch nicht ausreichend vorliegt, sind Untersuchungen zum Prozess der Bewältigung erlittener Schäden im Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch und die Konzipierung daran anknüpfender helfender und unterstützender Maßnahmen 330

Vgl. z. B. im Überblick LÖSEL, F., 1995, 1999.

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für Opfer. Angesichts internationaler Befunde, die zeigen, dass insbesondere junge Täter sexueller Gewalt gegen Kinder selbst in erheblichem Maße Opfer waren,331 sind derartige Bemühungen um Maßnahmen zur Verbesserung der Bewältigung solcher Erfahrungen auch unter präventiven Gesichtspunkten langfristig bedeutsam. Insgesamt ist der Stand der kriminologischen Forschung im Bereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder in mehrfacher Hinsicht als verbesserungsbedürftig anzusehen. So fehlen wiederholte Dunkelfeldstudien, um beurteilen zu können, inwieweit die im Hellfeld registrierten Veränderungen Entwicklungen des tatsächlichen deliktischen Geschehens widerspiegeln. Unzureichend erscheint derzeit auch noch der Kenntnisstand im Bereich langfristiger Untersuchungen zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern. Die Untersuchungen der Kriminologischen Zentralstelle haben hier dazu beigetragen, Lücken zu schließen. Gleichwohl sind weitere Studien vonnöten, mit denen auch der Bereich der im Dunkelfeld verbleibenden Sexualdelikte bei der Untersuchung beachtet wird. Völlig unzureichend ist die Forschungslage im Bereich der Kinderpornografie und des grenzübergreifenden sexuellen Kindesmissbrauchs im Zusammenhang mit Sextourismus. Hier ist der Kenntnisstand über die Verbreitung entsprechenden Verhaltens sowie die sozialen und psychologischen Merkmale von Tätern bzw. Konsumenten weitgehend auf das beschränkt, was aus dem Hellfeld bekannt wurde, was gleichfalls nur sehr dürftig erscheint.

2.2.2

Menschenhandel Kernpunkte

♦ Menschenhandel im Sinne des § 180b Strafgesetzbuch (StGB) umfasst Sachverhalte bei denen der Täter auf sein Opfer einwirkt, um es zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution bzw. zu sonstigen sexuellen Handlungen zu bestimmen. ♦ Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt, das ohne polizeiliche Aktivitäten in der Regel nicht erkannt wird. Die Anzeigebereitschaft ist als gering einzuschätzen. ♦ Die Opfer, fast ausnahmslos Frauen, stammen überwiegend aus wirtschaftlich schwächeren Ländern mit teilweise problematischen sozial-strukturellen Verhältnissen. ♦ Die Anzahl der in der PKS erfassten Fälle des Menschenhandels gemäß §§ 181, 180b StGB ist zwischen 1993 und 1996 erheblich angestiegen; danach ist allerdings ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. 1999 hat die Anzahl der registrierten Fälle, nach einem Rückgang um 67% im Vergleich zum Vorjahr, einen Tiefstand erreicht. ♦ Die schwierige Beweisführung im Zusammenhang mit Menschenhandelsdelikten führt oftmals zur Einstellung der Verfahren oder zu Verurteilungen wegen geringfügigeren, aber leichter zu beweisenden Straftatbeständen. Durch ein Kooperationskonzept zwischen Fachberatungsstellen und der Polizei, das speziell zum Schutz von Opferzeuginnen des Menschenhandels entwickelt wurde, wird versucht, diesem Problem entgegen zu wirken. ♦ Die Zahl der überwiegend zu Freiheitsstrafen Verurteilten hat zwischen 1993 und 1998 zugenommen. 2.2.2.1 Vorbemerkungen Menschenhandel ist eine besonders menschenverachtende Form der Kriminalität. Statistische Erhebungen belegen, dass sich das Delikt als Teil eines weltweiten illegalen Marktes auch in Deutschland etabliert hat. Dabei werden zunehmend Strukturen organisierter Kriminalität erkennbar. Erhebungen belegen, dass 77 der insgesamt 257 in der in der Bundesrepublik Deutschland geführten Ermittlungsverfahren von Dienststellen bearbeitet wurden, die für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zuständig sind.332

331 332

Vgl. z. B. RYAN, G., MIYOSHI, T. J., METZNER, J. L., KRUGMAN, R. D. und G. E. FRYER, 1996. Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, 2000d.

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Sowohl die Anwerbung der Frauen als auch die illegale Einreise werden in der Regel von internationalen Banden geplant und durchgeführt. Durch das 26. Strafrechtsänderungsgesetz vom 14.7.1992 wurde der Straftatbestand des § 181 Strafgesetzbuch (StGB) geändert (jetzt: schwerer Menschenhandel) und der Straftatbestand des § 180b (Menschenhandel) in das StGB eingeführt. Dadurch wurde das Delikt Menschenhandel, das Sachverhalte umfasst, bei denen der Täter auf sein Opfer einwirkt, um es zur Aufnahme und/oder Fortsetzung der Prostitution bzw. zu sonstigen sexuellen Handlungen zu bestimmen, weiter gefasst und unter schärfere Strafandrohungen gestellt. 2.2.2.2 Polizeiliche Ebene Menschenhandel gehört neben Delikten wie Zuhälterei, Prostitution und illegales Glücksspiel zur so genannten Milieukriminalität oder Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben und ist ein Delikt, bei dem sich Fahndungsansätze insbesondere durch Kontrollen im "Milieu" ergeben (Kontrolldelikt). Unterschiedliche Prioritätensetzungen bei der Kriminalitätsbekämpfung der Länder und verstärkter bzw. verdünnter Personalansatz einzelner Fachdienststellen können daher auch ursächlich für veränderte Verfahrenszahlen sein. Die Opfer kommen nur in Ausnahmefällen als Anzeigeerstatter in Betracht, da sie nicht nur als Opfer des Menschenhandels, sondern auch Täter u. a. der unerlaubten Einreise einzustufen sind. Zudem ist die Anzeigebereitschaft aufgrund von Drohungen der Täter mit Gewalt und Repressalien gegenüber den Frauen und ihren Angehörigen nach Rückkehr in ihre Heimat in der Regel gering. Opfer des Menschenhandels In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wurden 1999 insgesamt 831 Opfer des Menschenhandels registriert (1998: 1.189, 1997: 1.425, 1996: 1.473, 1995: 1.196, 1994: 938). Die Opfer, fast ausnahmslos Frauen, stammen überwiegend aus wirtschaftlich schwächeren Ländern mit teilweise problematischen sozial-strukturellen Verhältnissen. Während bis Ende der achtziger Jahre die Opfer überwiegend aus Südamerika, Thailand, Afrika und den Philippinen stammten, werden seit der Öffnung der Grenzen nach Osteuropa zu Beginn der neunziger Jahre und der damit verbundenen Reiseerleichterungen überwiegend Frauen aus Mittel- und Osteuropa Opfer des Menschenhandels. 1999 kamen fast 90% der Opfer aus den mittel- und osteuropäischen Staaten, darunter etwa 22% aus der Ukraine, 14% aus Polen, 11% aus Russland, 11% aus Litauen und 7% aus der Tschechischen Republik.333 Mittlerweile hat sich die Herkunft der Frauen von den direkt an Deutschland angrenzenden Ländern wie Polen und Tschechische Republik weiter nach Osten verschoben. Nunmehr stammt die Mehrzahl der Frauen aus der Ukraine. Polen und die Tschechische Republik sind inzwischen selbst zu Zielländer des Menschenhandels geworden. Auffallend hoch in Relation zur Bevölkerungszahl ist nach wie vor der Anteil der Frauen aus den baltischen Staaten Litauen und Lettland. Zum rechtlichen Status beim Grenzübertritt lagen zu 670 Opfern Angaben vor. Bei 280 Frauen erfolgte ein legaler Grenzübertritt. Die übrigen 390 Opfer reisten illegal in die Bundesrepublik ein. Frauen aus Ländern mit Visumpflicht werden meist mit gefälschten Papieren ausgestattet oder es werden bei deutschen Auslandsvertretungen Visa unter Vorspiegelung eines Reisezwecks erschlichen, für den auch falsche Unterlagen (fingierte Einladungen etc.) vorgelegt werden.334 Die Mehrzahl der Opfer (63%) ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Behauptungen, wonach Opfer des Menschenhandels „immer jünger werden“, lassen sich nicht belegen. Vermutet werden kann, dass die Domi-

333

Vgl. auch im Folgenden BUNDESKRIMINALAMT, 2000d. Wesentlich für die rechtliche Begründung der Illegalität der Einreise ist nicht entscheidend, ob die Frauen über ein gültiges Visum verfügen, sondern vielmehr die subjektive Absicht, eine Arbeit aufzunehmen. Dies ist zum Zeitpunkt der Einreise kaum objektiv feststellbar.

334

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nanz der Opfer zwischen 18 und 25 Jahren auf die einfachere Beschaffung von Ausweisdokumenten und Visa sowie die einfachere Einreise volljähriger Personen zurückzuführen ist. Durch den politischen und wirtschaftlichen Umbruch in den Staaten Mittel- und Osteuropas sind vor allem Frauen von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen.335 Die Bereitschaft der Opfer aufgrund vager Versprechungen nach Deutschland zu reisen, ist deshalb außerordentlich hoch. Nur bei 41 (7%) von 579 Opfern, zu denen entsprechende Angaben vorliegen, wurde bei der Anwerbung Gewalt ausgeübt. Die Täter nutzen die soziale Notlage und Perspektivlosigkeit der Frauen bewusst aus und locken sie meist unter Vorspiegelung seriöser Verdienstmöglichkeiten, z. B. im Hotel- und Gaststättengewerbe oder als Haushaltshilfe und Reinigungskraft, nach Westeuropa. Zu 579 der 801 Opfer liegen Angaben über die Art der Anwerbung vor. Knapp 43% der Opfer geben an, über den wahren Grund der Anwerbung getäuscht worden zu sein. Von 742 Opfern, zu denen entsprechende Angaben vorliegen, übten fast drei Viertel die Prostitution in Bars bzw. Bordellen aus. In 23% der Fälle waren die Frauen mit der Ausübung der Prostitution einverstanden, jedoch wurden viele der Opfer über die tatsächlichen Bedingungen der Prostitutionsausübung getäuscht. Den Frauen wurden meist enorme Verdienstmöglichkeiten und selbstbestimmtes Arbeiten in Aussicht gestellt. Zunächst hatten sie jedoch ihre "Schulden" (für Kauf, Unterbringung etc.) bei den Tätern abzuarbeiten; hierdurch wurde ganz gezielt ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen. Teilweise wurden die Opfer auch nach Rückkehr in ihre Heimat mit diesen "Schulden" konfrontiert, so dass eine erneute Prostitutionsausübung im Ausland als einziger Ausweg erschien. Teilweise wurden die Opfer mittels physischer oder psychischer Gewalt, wie schwere Körperverletzungen und Vergewaltigungen, Essensentzug, Verabreichung von Drogen und massiven Drohungen gefügig gemacht, um sie in die Prostitution zu zwingen oder dort zu halten. Gewalteinwirkung im Zusammenhang mit der Prostitutionsausübung wurde von 281 Opfern (53,2%) angegeben. Von 65 Opfern wurde bekannt, dass sie oder ihre Angehörigen bedroht worden sind. Entwicklung der Fallzahlen Die Anzahl der in der PKS erfassten Menschenhandelsdelikte ist zwischen 1993 und 1996 erheblich angestiegen; danach ist allerdings ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Vor allem 1999 ist die Anzahl der registrierten Fälle, im Vergleich zum Vorjahr, um 67% zurückgegangen (vgl. Schaubild 2.2.2-1). Schaubild 2.2.2-1: Entwicklung der registrierten Fallzahlen bei Menschenhandel 1993-1999 1.200

1.094

1.091 1.011

1.000

919 767

800 600

678 517

400 200 0 1993

1994

1995

1996

1997

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

335

Vgl. DREIXLER, M., 1998, S. 250 ff.

1998

1999

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Die Abnahme der registrierten Fallzahlen bedeutet allerdings nicht, dass Menschenhandel in der Bundesrepublik tatsächlich rückläufig sein muss. Zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang zwischen Menschenhandel im engeren Sinne, wie er in den Tatbeständen der §§ 180b, 181 StGB rechtlich definiert ist, und Menschenhandel im weiteren Sinne, der eine Vielzahl anderer Fallgestaltungen umfasst. Eine Abfrage bei den Landeskriminalämtern nach den Gründen für die seit 1995 zurückgehenden Zahlen polizeilicher Ermittlungsverfahren ergab, dass die Strafverfolgungsbehörden aufgrund des hohen Ermittlungsaufwands oder aufgrund von Schwierigkeiten in der Beweisführung bei Menschenhandel im engeren Sinne häufig wegen anderer Straftatbestände ermitteln. In solchen Fällen ist Menschenhandel in einem weiteren Sinne gegeben und wird z. B. als Verstoß gegen § 92 a AuslG (Schleusung), § 92b AuslG (gewerbs- und bandenmäßige Schleusung), § 180a StGB (Förderung der Prostitution) oder § 181a StGB (Zuhälterei) strafrechtlich definiert und verfolgt, so dass nicht alle aufgedeckten Straftaten in diesem Deliktsbereich auch unter der entsprechenden Rubrik in der PKS erfasst werden.

Tatverdächtige 1999 wurden in der PKS 734 Tatverdächtige des Menschenhandels registriert; das entspricht einem Rückgang von 33% gegenüber 1998. Nach Erkenntnissen aus dem Lagebild Menschenhandel336 des Bundeskriminalamtes dominieren bei den Tatverdächtigen - wie in den Vorjahren - deutsche (38,9%) und türkische (15,3%) Staatsangehörige.337 Von insgesamt 313 ermittelten deutschen Tatverdächtigen wurden 20% nicht in Deutschland geboren, sondern stammen hauptsächlich aus Russland, der Türkei, aus Polen und aus Kasachstan. Der Anteil der Frauen an den insgesamt ermittelten Tatverdächtigen betrug 16% und ist damit im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert. Schaubild 2.2.2-2: Anzahl der registrierten Tatverdächtigen des Menschenhandels 1993-1999 1.400 1.228 1.200

1.062

1.000

1.091

1.088

866 734

800 600

565

400 200 0 1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

336

Grundlage der Erhebungen zum Lagebild Menschenhandel sind ausschließlich die bei der Polizei wegen Verdachts des Menschenhandels im Sinne der §§ 180b und 181 StGB geführten Ermittlungsverfahren zum Nachteil ausländischer Staatsangehöriger. 337 Allerdings werden die im Ausland agierenden Tatverdächtigen in den meisten Fällen nicht zu Beschuldigten in Ermittlungsverfahren und sind deshalb im Lagebild überwiegend nicht erfasst.

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2.2.2.3 Justizielle Ebene Die Anstrengungen der Polizeien von Bund und Ländern zur Bekämpfung des Menschenhandels haben sich zeitweise in einer Erhöhung der ermittelten Fallzahlen niedergeschlagen. Auch die Zahl der nach §§ 180b, 181 StGB Abgeurteilten und Verurteilten hat sich seit 1993 in etwa verdreifacht. Bei den im Falle einer Verurteilung verhängten Sanktionen dominieren Freiheitsstrafen sehr deutlich. Die verhältnismäßig große Diskrepanz zwischen der Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen und der Anzahl der wegen Menschenhandels verurteilten Personen resultiert zu einem großen Teil aus den Beweisschwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Menschenhandel, die oftmals zur Einstellung der Verfahren oder zu Verurteilungen wegen geringfügigeren, aber leichter zu beweisenden Straftatbeständen führen.338 So bleibt von einer Anklage aufgrund von § 181 StGB oftmals nur eine Strafbarkeit wegen Förderung der Prostitution nach § 180a StGB, wegen Zuhälterei nach § 181a StGB oder auch wegen eines Vergehens nach § 92 AuslG übrig.339 Allerdings hat sich diese Diskrepanz verringert, wie aus der obigen Tabelle ersichtlich ist. Tabelle 2.2.2-1: Tatverdächtige, Abgeurteilte und Verurteilte wegen Menschenhandel gemäß §§ 180b, 181 StGB, alte Länder 1993-1998* 1993

1994

1995

1996

1997

1998

Tatverdächtige

528

806

962

996

1.043

993

Abgeurteilte

75

97

164

205

184

220

Verurteilte Verurteilte in % der Tatverdächtigen Verurteilte in % der Abgeurteilten, davon verurteilt zu

47

80

120

153

147

164

9%

10%

12%

15%

14%

17%

63%

82%

73%

75%

80%

75%

- Freiheitsstrafe

39

70

109

138

134

157

- Geldstrafe

2

2

3

5

6

3

- Jugendstrafe

6

6

7

10

6

3

- Sonstige Sanktionen

0

2

1

0

1

1

* Tatverdächtige seit 1993, Abgeurteilte und Verurteilte seit 1995 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik, Strafverfolgungsstatistik.

Die Beweisführung gestaltet sich deshalb häufig schwierig, weil bei Menschenhandel die Aussage des Opfers vor Gericht letztlich dafür entscheidend ist, ob es zu einer Überführung und Sanktionierung des Täters kommen kann. Dieses Delikt ist jedoch gekennzeichnet durch den weitgehenden Ausfall der Opfer als Anzeigeerstatter und Zeugen. Zum einen wird die Aussagebereitschaft durch Drohungen der Täter mit Gewalt und Repressalien gegenüber den Frauen und ihren Angehörigen nach Rückkehr in ihre Heimat beeinträchtigt. Aus diesem Grunde ist in entsprechenden Fällen ein Schutz der Frauen auch nach Rückkehr in ihr Heimatland erforderlich. Zum anderen erscheint den Frauen eine Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden kein Ausweg zu sein, da das Vertrauen in offizielle Behörden aufgrund schlechter Erfahrungen im Heimatland der Opfer oftmals fehlt. Zeugenschutzprogramme, welche die besondere Situation der Frauen berücksichtigen, kommt aus diesem Grunde eine wesentliche Bedeutung zu. Erfolg versprechende Ansätze hierfür bieten Kooperationskonzepte zwischen Fachberatungsstellen und der Polizei, die speziell für die Opferzeuginnen des Menschenhandels entwickelt worden sind.

338 339

Vgl. DREIXLER, M., 1998, S. 253. Vgl. DERN, H., 1991, S. 329 ff.

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Problematisch ist zudem, dass die betroffenen Frauen nicht nur als Opfer des Menschenhandels gelten, sondern auch gegen Bestimmungen des Ausländerrechtes verstoßen, da sie sich überwiegend illegal in Deutschland aufhalten. Selbst im Falle einer Anzeige oder Aussage gegen die Menschenhändler droht ihnen deshalb eine Abschiebung oder Ausweisung. Einmal in ihr Heimatland abgeschobene oder freiwillig zurückgekehrte Frauen sind häufig nicht mehr aufzufinden, und nur wenige Frauen sind bereit, wegen einer Gerichtsverhandlung nach Deutschland zurückzukommen. Nach deutschem Ausländerrecht besteht jedoch die Möglichkeit, den Frauen eine Duldung zu erteilen, wenn erhebliche öffentliche Interessen, z. B. eine Zeugenaussage vor Gericht, die vorübergehende Anwesenheit im Bundesgebiet erfordern. Eine solche Duldung ist 1999 in 109 Fällen erteilt worden. Zudem sind 27 der Opfer in den polizeilichen Zeugenschutz aufgenommen worden; 157 Opfer wurden durch eine Fachberatungsstelle betreut. Diese Betreuung durch Fachberatungsstellen hat Einfluss auf den Verbleib der Opfer. 83,5% der Opfer, bei denen eine Betreuung erfolgte, erhielten eine Duldung; dagegen wurden 88,7% der Opfer, bei denen keine Betreuung erfolgte, abgeschoben.340 2.2.2.4 Ausblick Die Bekämpfung des Menschenhandels ist kein ausschließlich polizeiliches Problem, sondern erfordert ein koordiniertes Vorgehen aller betreffenden Institutionen, sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene. Menschenhandel kann in den meisten Fällen nur dann effektiv verfolgt und zur Anklage gebracht werden, wenn aussagebereite und aussagefähige Zeugen/Zeuginnen zur Verfügung stehen. Zum Schutz und zur Betreuung von aussagewilligen Opferzeuginnen hat sich die Zusammenarbeit der Polizei mit qualifizierten Fachberatungsstellen bewährt. Die personelle und materielle Ausstattung der Fachberatungsstellen stellt in der Praxis jedoch häufig ein Problem dar. So können die von den einzelnen Ländern finanzierten Stellen den Bedarf oft nicht sachgerecht decken. Auch die Mittel aus dem Asylbewerberleistungsgesetz, die in der Regel zur Finanzierung des Opferaufenthaltes verwendet werden, sind zu gering und decken die entstehenden Kosten nicht. Hier besteht Handlungsbedarf. Dabei sollte die Forderung zur Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Opfer, die hier in Deutschland eine Duldung haben, geprüft werden. Bisher konnten die Frauen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nur in den seltensten Fällen eine Arbeitserlaubnis erhalten. Nach Auffassung von Fachleuten wäre die Gewährung einer Arbeitserlaubnis allerdings eine geeignete Maßnahme, die Frauen zu stabilisieren, ihnen ein Selbstwertgefühl zu geben und sie vor einem Abgleiten ins "Milieu" zu bewahren. Die Bekämpfung des Menschenhandels wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Täterstrukturen sowohl im Ziel- als auch im Herkunftsland aufzudecken. Da ein Schwerpunkt der Opfer- und Täterherkunft sowie der Täterstrukturen in den mittel- und osteuropäischen Staaten liegt, ist die Zusammenarbeit mit diesen Staaten vorrangig. Die Kooperation mit einigen MOE-Staaten hat sich in der letzten Zeit deutlich verbessert. Dies betrifft sowohl den alltäglichen Informationsaustausch als auch den Austausch operativer Erkenntnisse. Bewährt hat sich vor allem die Zusammenarbeit mit den Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes, die inzwischen in fast allen von Menschenhandel betroffenen Herkunftsstaaten eingesetzt sind. Die Zusammenarbeit mit den Staaten Mittel- und Osteuropas zur Bekämpfung des Menschenhandels wird zudem durch internationale und supranationale Organisationen wie die Vereinten Nationen (UN), die Europäische Union, Interpol, Europol, die Baltic Sea Task-Force on Organised Crime sowie die Southeast European Cooperative Initiative (SECI) fachlich unterstützt.

340

Berücksichtigt wurden nur die Fälle, in denen Angaben zum Verbleib der Opfer vorlagen.

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2.3

Eigentums- und Vermögensdelikte Kernpunkte

♦ Der Anteil der Eigentums- und Vermögensdelikte an der polizeilich registrierten Kriminalität (ohne Straßenverkehrsdelikte) betrug 1999 63%. ♦ Während die Häufigkeitszahl der Eigentumsdelikte von Jahr zu Jahr sinkt, nehmen Vermögensdelikte zu. Auch Opferbefragungen bestätigen den Rückgang der Eigentumskriminalität. ♦ In den neuen Ländern ist Diebstahl (insbesondere Kfz-Diebstahl und Ladendiebstahl) ausweislich der Häufigkeitsziffern verbreiteter. Dieser Unterschied zu den alten Ländern dürfte wenigstens teilweise auf unterschiedlichen Gelegenheitsstrukturen bzw. geringeren Sicherheitsvorkehrungen beruhen. ♦ Einfacher Diebstahl geschieht weitgehend als Ladendiebstahl. Tatverdächtig sind zu 70% unbescholtene Bürger, darunter Frauen, Rentner, Kinder. Als Kontrolldelikt ist die Entdeckung von Tätern in erster Linie Resultat verdachtsgeleiteter Überwachung durch Sicherheitspersonal. ♦ Der wachsende Einsatz von Sicherungstechniken hat das Ausmaß an Ladendiebstahl reduziert. Stärker als in Strafverfolgungsmaßnahmen liegt hier der Ansatz zu weiterer Prävention. ♦ Kfz-Diebstahl ist in den letzten Jahren erfreulich stark zurückgegangen; dies ist u. a. eine Folge der Einführung der elektronischen Wegfahrsperre und geänderter Versicherungsbedingungen. ♦ Auch Wohnungseinbruch ist zurückgegangen, ebenso wie Fahrraddiebstahl. Hier scheinen sich bessere Vorbeugungsinvestitionen und Objektregistrierung auszuwirken, die auch die Aufklärungsquote erhöhen können. ♦ Vermögenskriminalität, insbesondere im Zusammenhang mit unbarer Zahlungsweise, steigt an. ♦ Registrierte Leistungserschleichung, in der Regel „Schwarzfahren“, ist als Kontrolldelikt abhängig vom wechselnden Umfang der Fahrscheinkontrollen durch Verkehrsbetriebe. Prävention wäre durch wahrnehmbare Intensivierung der Kontrollen möglich. ♦ Die Ahndung von Eigentumskriminalität prägt stark die gesamte Strafverfolgung. Deshalb trifft die in Kapitel 3 des Berichtes gegebene positive Bewertung der Akzentsetzung in der Strafverfolgung auf Diversion, rasche Erledigung durch Strafbefehl sowie möglichst vorsichtigen Rückgriff auf kurze Freiheitsstrafen besonders auf diesen Deliktbereich zu. 2.3.1 Vorbemerkung Die große Mehrzahl aller Straftaten, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) registriert sind341, richtet sich gegen Eigentum oder Vermögen anderer. Die vielfältigen Varianten des Diebstahls und der Vermögensdelikte (ohne Fälschungsdelikte) machten im Jahr 1999 zusammengenommen 63% aller in der PKS erfassten Delikte aus. Die Zahl der Eigentumsdelikte insgesamt sinkt kontinuierlich am Ende der neunziger Jahre (vgl. Schaubild 2.3-1). Der Rückgang beruht vor allem auf dem Nachlassen der Diebstähle unter erschwerenden Umständen seit 1993, insbesondere von, in und aus Kraftfahrzeugen. Dagegen nehmen Vermögensdelikte von Jahr zu Jahr zu. Von den unterschiedlichen Formen der Verletzung fremden Eigentums und Vermögens sollen in diesem Abschnitt insbesondere Diebstahlsvarianten erörtert werden. Vermögensdelikte werden mit der Ausnahme des Massendelikts der Leistungserschleichung aus Zeit- und Raumgründen nur kursorisch behandelt. Diejenigen Betrugsformen, die zur Wirtschaftskriminalität zählen und hinsichtlich ihres Schadens volkswirtschaftlich von größter Bedeutung sind, werden im Abschnitt 2.4 genauer untersucht.

341

Straßenverkehrsdelikte werden in der PKS nicht erfasst; sie weisen in der Verurteiltenstatistik einen Anteil von etwa 25% auf, dürften also die zweithäufigste Deliktart sein.

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Schaubild 2.3-1: Diebstahls- und Vermögensdelikte im Bundesgebiet 1987-1999* 3.500,0 3.143,7

3.000,0

2.828,0 2.625,4 2.450,3 2.464,8

2.500,0

Häufigkeitszahlen

2.922,7

2.897,1

2.842,2 2.581,2

2.574,1

Diebstahl ohne erschwerende Umstände (3***)

2.396,0 2.191,3

2.000,0

1.962,9 1.982,7 1.734,4 1.697,7

1.830,5 1.848,3

1.830,7 1.877,4

1.907,6 1.917,5

2.014,7 1.859,5 1.804,9

1.697,6

1.500,0 1.000,0

753,1

775,1

830,6

753,2

751,7

809,9

853,4

923,4

981,4

1.095,9 1.114,1 1.021,3 1.054,8

Diebstahl unter erschwerd enden Umständen (4***) Vermögens- und Fälsch ungsdelikte (5000)

500,0 0,0 87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

Jahr

* 1987 bis 1992 alte Länder, davon 1991 und 1992 einschließlich Gesamtberlin; seit 1993 Deutschland Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

2.3.2 Opferdaten Diebstahl ist eines jener Delikte, dessen Erfolg davon abhängt, dass es unbeobachtet durchgeführt werden kann. Im Gegensatz dazu fügen Täter von Gewalthandlungen - oder genereller: von Kontaktdelikten - in direkter Konfrontation dem Opfer Schaden zu. Misslingt beim Diebstahl die Verheimlichung, wird also das Tatgeschehen bemerkt, kann der Diebstahl oft verhindert, zumindest aber der Täter später leichter identifiziert werden. Erfolgreiche Diebstähle bleiben nicht selten unerkannt; eine nicht mehr auffindbare Sache kann z. B. als verloren gelten, obwohl sie in Wirklichkeit gestohlen wurde. Keineswegs jeder Diebstahlsverdacht führt zur Anzeige. Oft geschieht dies nur, weil Versicherungen sonst keinen Ersatz leisten würden. Durch die Anzeige wird der Versicherung gegenüber der Schadensfall nachgewiesen. Weniger steht das Interesse an der Bestrafung des Täters im Vordergrund. Auch ist weitgehend bekannt, dass die Aufklärung bei schwerem Diebstahl selten, nämlich bestenfalls in jedem siebten Fall gelingt (1999: 14%). Vor allem bei schweren Diebstählen von Fahrrädern (7%) und aus Kraftfahrzeugen (10%) wird selten ein Täter identifiziert. Bei Autodiebstahl (22%) und Wohnungseinbruch (18%) sind die Chancen etwas besser. Die relativ geringe Aufklärungschance hält manche Opfer von einer Anzeige ab, insbesondere wenn keine Versicherungsleistung davon abhängt. Dies kann auch bei Bagatellschäden der Fall sein, wenn die Versicherungsbedingungen Selbstbeteiligung vorsehen. Die Entwicklung der registrierten Diebstahlsfälle ist daher wesentlich vom Umfang bestehender Versicherungen und Änderungen der Leistungsvoraussetzungen im Schadensfall abhängig. Inwieweit die zahlenmäßige Entwicklung des registrierten Diebstahls durch solche Einflüsse verzerrt ist, lässt sich - wenn die Opfer Privatpersonen sind - anhand von Viktimisierungsstudien abschätzen. In den neunziger Jahren wurden verschiedene Opferbefragungen bei repräsentativen Bevölkerungsstichproben durchgeführt, die mit den PKS-Daten für die Erhebungsjahre vorsichtig verglichen werden können. Solche Befragungen von Opfern erfassen - wie oben ausgeführt - nur natürliche Personen; Schädigungen von Organisationen (wie regelmäßig beim Ladendiebstahl oder Einbruch in Geschäfte und Lagerhallen, aber auch Diebstahl oder Unterschlagung von Autos der Verleihfirmen) sind ausgeklammert. Trotz gewisser methodischer Schwächen von Opferbefragungen sind sie geeignet zu überprüfen, inwieweit registrierte Diebstahlsraten durch Anzeigeverzicht reduziert sind, und ob in der PKS festgestellte Trends auf reale Diebstahlsentwicklungen oder Modifikationen der Anzeigebereitschaft zurückgehen. Bei solchen Ver-

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gleichen muss berücksichtigt werden, dass Opferstudien nicht danach unterscheiden, ob die Taten im Inland oder Ausland geschahen; gerade im Urlaub ist man zuweilen unvorsichtig und kann leicht Opfer eines Diebstahls werden. Soweit sich die PKS auf deutsche Tatorte beschränkt, wäre im Vergleich mit Viktimisierungsdaten ein geringerer Wert zu erwarten. Die aktuellsten Opferstudien für Deutschland liegen für die Jahre 1995 und 1997 vor. Sie erlauben auch Vergleiche zwischen Ost und Westdeutschland. 1995 stellte sich heraus, dass - gegenüber einer Studie für das Jahr 1990342 - die Viktimisierungsrate bei Kfz-Diebstahl von 0,2% in den neuen und 0,4% in den alten Ländern auf 1,3% gestiegen war.343 Diese Zahlen liegen erheblich über den PKS-Häufigkeitszahlen dieses Delikts (1995: 697 = 0,7% für Ostdeutschland, 0,2% für den Westen, vgl. Schaubild 2.3-4), bilden aber gleichwohl den Anstieg ab. Auch Diebstahl von persönlichem Eigentum (außer Kfz) wird 1995 mit höherer Quote angegeben (4,2% gegenüber 2,3%); ein Anstieg dieses Ausmaßes lässt sich in PKS-Daten ebenfalls nicht finden (HZ 1990: 4295 = 4,3%, 1995: 4720= 4,7%), was auf geringere Anzeigeneigung schließen lässt.344 Für das Jahr 1997 wurden zwei unterschiedliche Befragungen durchgeführt, deren Ergebnisse voneinander etwas abweichen. Konsistent stellen aber beide fest, dass für alle erfassten Diebstahlsvarianten (außer Fahrraddiebstahl) das Viktimisierungsrisiko 1997 gegenüber 1995 geringer geworden ist.345 Zusätzliche Bestätigung erhält dieser Befund durch die Langzeit-Dunkelfeldvergleichsstudie Bochum. Die gerade veröffentlichten Ergebnisse der Befragung 1998 zeigen, dass die Werte für Diebstahl "sich mittlerweile - sowohl im Hell- als auch im Dunkelfeld - wieder auf die Werte von 1975 einpendeln"346. Insofern kann verlässlich davon ausgegangen werden, dass Diebstahl in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre beständig zurückgegangen ist und weiter sinkt. 2.3.3 Die Entwicklung des registrierten Diebstahls in den alten und neuen Ländern Die Diebstahlsvarianten werden strafrechtlich und statistisch danach unterschieden, ob sie allein Wegnahme (§ 242 StGB) darstellen, oder zusätzlich, z. B. durch Überwinden besonderer Schutzmaßnahmen und Sicherungen, Merkmale des besonders schweren Falles bzw. Qualifikationsmerkmale347 aufweisen. Der "einfache" Diebstahl kam 1999 mit einer Häufigkeitszahl von 1.805 vor und sank damit erstmalig wieder unter das Niveau des Jahres 1990 (HZ für das alte Bundesgebiet: 1.831), dem Jahr der Grenzöffnungen in Europa. Welche Bedeutung die Wende für die Entwicklung der Diebstahlsraten hatte, zeigt eine Zeitreihe der Häufigkeitszahlen des einfachen Diebstahls für die Zeit davor und im Verlauf der neunziger Jahre (Schaubild 2.3-2). Erkennbar wird, dass die Situation in den alten und neuen Ländern unterschiedlichen Trends folgt. Für die Bundesrepublik insgesamt war der Maximalwert im Jahr 1993 erreicht; neue und alte Länder wiesen die gleiche Belastung auf (HZ Ost: 1.982, HZ West 1.983). Danach sank in den alten Ländern die Diebstahlshäufigkeit ab, drastisch im Jahr 1994 und - nach leichtem Anwachsen bis 1997 (HZ 1.886) - immer weiter. In den neuen Ländern sank die Zahl der Diebstahlsdelikte zwar auch 1994, doch schon im Jahr 1995 stiegen die Häufigkeitszahlen wieder an und zwar über das Niveau von 1993 mit einem Gipfel im Jahr 1997 (HZ 2.067), um erst danach zu sinken. Seit 1994 sind die Häufigkeitszahlen bei einfachem Diebstahl im Osten stets höher als im Westen.

342

KURY, H. u. a., 1992, S. 51 f. Vgl. FORSCHUNGSGRUPPE KOMMUNALE KRIMINALPRÄVENTION IN BADEN-WÜRTTEMBERG, 1998, S. 71. 344 Die Differenzen sind größer als die Konfidenzintervalle der jeweiligen Stichproben. 345 Vgl. HEINZ, W. u. a., 1998. 346 SCHWIND, H. D., 2000, S. 9. 347 Die hier wie auch in der PKS verwendete Begrifflichkeit bezieht sich auf § 243 StGB oder eine Qualifikation (§ 244 Abs.1 Nr.3 StGB). 343

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Schaubild 2.3-2: Häufigkeitszahlen von Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1987-1999

1957 1805 1774

1860 1819

2054

2067

2055 1917 1886

2012

1908 1877

1877 1849

1983 1983 1982

1963 1963

1831 1820 1881

1831 1831 1698 1698

1703 1703

1736 1736

2000

1848 1848

2500

1500

Bundesgebiet Alte Län der* Neue Länder

1000

500

0 87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

Jahr

* Seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Diese unterschiedlichen Trends werfen die Frage nach den Gründen der Differenz auf. Liegen sie in einer höheren Diebstahlsneigung der Bevölkerung? Oder zeigen sich darin eher unterschiedliche Strukturen der Tatgelegenheiten? Da einfacher Diebstahl zu einem beträchtlichen Anteil (40%) als Ladendiebstahl begangen wird (vgl. Schaubild 2.3-5), könnte die Umstellung der Verkaufsform auf Selbstbedienung für den Anstieg von Bedeutung sein. Die von Selbstbedienung erwartete Selbstkontrolle könnte auf dem Hintergrund einer größeren Situation des Mangels und geringerer finanzieller Ressourcen bei der Bevölkerung der neuen Länder eine größere Verlockung zum Diebstahl darstellen. Dann wäre das Anwachsen der Tatgelegenheiten ein wichtiger Grund für den relativ dauerhaften Anstieg bis ins Jahr 1997 und den Trendunterschied zum Westen. In Tabelle 2.3-1 wird dieser Zusammenhang erkennbar. Bei einer Gegenüberstellung der Häufigkeitszahlen für die alten und neuen Länder ist eine erhebliche Höherbelastung bei Ladendiebstahl im Osten gegeben, während bei allen übrigen Formen des einfachen Diebstahls die Häufigkeitszahlen in den alten und neuen Ländern jedenfalls ab 1996 fast identisch sind. Tabelle 2.3-1: Häufigkeitszahlen für einfachen Diebstahl in den alten und neuen Ländern 1993-1999*, unterschieden nach Ladendiebstahl und übrigen Begehungsformen Jahr

Ladendiebstahl

Einfacher Diebstahl

Einfacher Diebstahl

(LD)

(ohne LD)

(insgesamt)

1993

Alte Länder 852

Neue Länder 661

Alte Länder 1.131

Neue Länder 1.321

Alte Länder 1.983

Neue Länder 1.982

1994

717

692

1.103

1.189

1.820

1.881

1995

730

818

1.119

1.194

1.849

2.012

1996

766

933

1.111

1.122

1.877

2.055

1997

786

968

1.100

1.098

1.886

2.066

1998

749

986

1.070

1.068

1.819

2.054

1999

678

913

1.096

1.044

1.774

1.957

* Gesamtberlin ist in den Ergebnissen für die alten Länder enthalten. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

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Die höhere Häufigkeitszahl von Ladendiebstahl ab 1995 ist für die erhöhte Gesamtbelastung verantwortlich. In den neunziger Jahren ist in den neuen Ländern durch den Bau großer Verbrauchermärkte am Rande der Städte sowie die weitgehende Umstellung der Verkaufsstrategie der Anteil von Verkaufsflächen mit Selbstbedienung erheblich gewachsen. Dadurch wurden Tatanreize geschaffen und Tatmöglichkeiten erweitert. Bei Eigentumsdelikten kann aufgrund eines soliden Forschungsstandes über Möglichkeiten der Prävention348 davon ausgegangen werden, dass die Prämissen des so genannten Routine-ActivitiesAnsatzes349 weitgehend gegeben sind. Danach hängt die Deliktbegehung von drei Faktoren ab: fähigen und tatgeneigten Tätern, geeigneten Opfern und dem Grad der Kontrolle der Tatsituation durch Dritte. Der Blick dieses Ansatzes ist nicht in erster Linie auf potenzielle Täter gerichtet, sondern einerseits auf Zustand (und Verringerung) geeigneter Opfersituationen und andererseits auf Unterschiede der Kontrolle des Tatorts (z. B. im Rahmen des alltäglichen Betriebs). Auf solche Zusammenhänge ist näher einzugehen. Allerdings soll die Frage der Diebstahlsbereitschaft in der Bevölkerung nicht ausgeklammert werden. Vergleichsstudien bei Studienanfängern in Gießen und Jena haben ergeben, dass in West und Ost ein nahezu identischer Anteil (bei Männern 45% bzw. 46%, bei Frauen 38% bzw. 37%) berichtet, schon jemals einen Ladendiebstahl begangen zu haben. Wurden sie aber gefragt, ob sie dies in den letzten 12 Monaten taten, war die Prävalenz im Osten erheblich höher. Die Erklärung wird "in der Einführung neuer, 'diebstahlsfreundlicherer' Verkaufstechniken gesehen"350. Ob diese Erklärung über Studierende hinaus verallgemeinert werden kann, muss offen bleiben. Wäre im Osten eine höhere Diebstahlsneigung gegeben, müsste sie allerdings bei allen Varianten des Diebstahls zu höheren Häufigkeitsziffern im Osten führen. Dies trifft nicht zu, wie z. B. die geringere Häufigkeit von Wohnungseinbruch zeigt (siehe unten). Gerade die Entwicklung des Diebstahls unter erschwerenden Bedingungen zeigt die Relevanz des Routine-Activities-Ansatzes. Darunter sind Tatbestände erfasst wie Diebstähle in, aus und von Autos, Fahrraddiebstahl sowie Einbruch in Gebäude und Wohnungen. Bei den Gesamtzahlen fallen wiederum beachtliche Unterschiede zwischen den alten und neuen Ländern auf. Sie lassen vermuten, dass sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung unterschiedlich hohe Investitionen in Sicherheitsvorkehrungen z. B. bei Kraftfahrzeugen auf die Diebstahlsziffer ausgewirkt haben. Erst in den letzten Jahren gleicht sich die Situation in beiden Landesteilen stärker an (vgl. Schaubild 2.3-3). Ostdeutschland ist zwar nach wie vor häufiger Tatort für Diebstahl von Kraftfahrzeugen und Fahrrädern sowie von Wertgegenständen aus Büros und Lagerräumen. Im Gegensatz dazu werden die dort lebenden Bürger aber seltener von Wohnungseinbrüchen heimgesucht als die Wohnbevölkerung der westlichen Länder. Zusammenfassend: In den neuen Ländern existiert eine erheblich höhere Diebstahlsbelastung, gemessen an der Häufigkeitszahl. Vieles spricht dafür, dass diese Unterschiede von Differenzen der Gelegenheitsstrukturen beeinflusst sind. Teilweise sind Sicherungsmaßnahmen laxer. Ein Indiz dafür ist, dass die Häufigkeitszahl des einfachen Diebstahls von Kraftfahrzeugen und Fahrrädern - also solchen, die ungesichert waren - im Osten diejenige der alten Länder um 50% übersteigt. Teilweise expandieren dort aber auch Tatgelegenheiten: die Ausweitung von Selbstbedienungsflächen wurde schon erwähnt. Aber auch Diebstähle aus Neubauten geschehen doppelt so oft wie in den alten Ländern, eine mögliche Konsequenz stärkerer Bautätigkeit und damit vermehrter Angriffsobjekte.

348

Vgl. z. B. CLARKE, R., 1992 und 1998. Vgl. hierzu FELSON, M., 1998. 350 KREUZER, A. u. a., 1993, S.87. 349

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Schaubild 2.3-3: Häufigkeitszahlen von Diebstahl unter erschwerenden Umständen 1987-1999 5000 4609

4490

4416

4500

3903

4000 3500

3353 3144

3000

2966 2897

2829 2829 2633 2450 2450

2500

2464 2464

3108

2827

2923

2842

2588

2574

2752

2510

2337

2581 2304

2396 2197

2191 2001

2000

Bundesgebiet Alte Länder*

2015 1863

Neue Länder

1500 1000 500 0 87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

Jahr

* Seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Dagegen werden in den neuen Ländern erheblich seltener Diebstähle von unbaren Zahlungsmitteln registriert. Auch aus Gaststätten und Hotels sowie aus Kraftfahrzeugen wird in den neuen Ländern weniger gestohlen. Diebstähle unter erschwerenden Bedingungen gelten im Osten auffallend oft Kraftfahrzeugen (vgl. Schaubild 2.3-4). Schaubild 2.3-4: Häufigkeitszahlen von Kraftwagen-Diebstahl 1987-1999 800 729 697

700

659

600

549

500 Bundesgebiet

384

400

Alte Länder* Neue Länder

289

300

265

260

247

216

200

176 106

124 106

100

100

100

95

95

102

221

209 180 160

152

124

168 138

124

137 106

97

98

102

114 92

0 87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

99

Jahr

* Seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Höher waren dort auch 1999 die Häufigkeitszahlen bei Diebstahl von Krafträdern (um 100% über denen im Westen) sowie bei Einbrüchen in Keller, Neubauten und Lagerräumen (150%). Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die hohen Diebstahlsraten auch davon beeinflusst sind, dass in den neuen Ländern im letzten Jahrzehnt die aus der DDR vertraute relative Egalität der sozialen Lage der Bevölke-

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rung einer stärkeren Differenzierung gewichen ist, und dass vor diesem Hintergrund die verbreitete Arbeitslosigkeit Tendenzen zur Normerosion und Anomie fördert. Allerdings fehlen dafür Belege aus der empirischen Forschung. Und - wie gesagt - sind Zweifel deshalb angezeigt, weil die Häufigkeitszahl der Wohnungseinbrüche in den neuen Ländern um 60% unter derjenigen der alten Länder liegt. Auch bei Taschendiebstählen beträgt das Risiko nur ein Drittel desjenigen im Westen (HZ 1999 41 gegenüber 120); soweit für dieses Delikt überregional aktive Personen verantwortlich sind, wählen sie offenbar stärker die alten Länder als Tatort. Die für 1999 aufgeführten Unterschiede der Risiken für das Eigentum sind mit leichten Schwankungen seit 1993 gegeben und bilden somit relativ dauerhaft divergente Gelegenheitsstrukturen ab. Andere Tatrisiken (Automatendiebstahl, Diebstahl von Sachen aus Kfz) haben sich dagegen im Lauf der Zeit bis heute angeglichen. Wie die Schaubilder zeigen, zeigt sich spätestens seit 1998 in beiden Landesteilen ein Rückgang der Häufigkeitszahl von Diebstahl. Allerdings liegt sie 1999 im Osten mit 4.709 immer noch höher als in Westdeutschland (HZ 3.636). 2.3.4 Einfacher Diebstahl Einfacher Diebstahl ereignet sich insbesondere in Warenhäusern; allerdings werden als einfacher Diebstahl auch jene Fälle eingestuft, in denen die Sicherung der dann abhanden gekommenen Sachen (Auto, Fahrrad, Gegenstände im Auto usw.) irrtümlich versäumt wurde. Ferner machen Trickdiebstähle aus Wohnungen sowie Wegnahme von Sachen aus Gärten, auf Straßen, in Parks, in öffentlichen Verkehrsmitteln usw. einen beträchtlichen Anteil dieses Delikts aus, der in der PKS unspezifiziert bleibt. Die Relationen zeigt Schaubild 2.3-5. Schaubild 2.3-5: Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1999 unspezifisch 27%

Fahrraddiebstahl 4%

Diebstahl von unbaren Zahlungsmitteln 4% Diebstahl aus Dienst- u. a. Räumen 5%

Taschendiebstahl 6%

Diebstahl aus Gaststätten u.a. 2% Diebstahl aus Warenhäusern (ohne LD) 3%

sonstige 4% Diebstahl in/aus Kfz 2% Diebstahl in/aus Wohnungen 3% Ladendiebstahl 40%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Taschendiebstahl (6%) sowie Diebstähle aus Büros und Lagern (5%) werden etwas häufiger registriert. Diebstahl von unbaren Zahlungsmitteln und von Fahrrädern machen jeweils 4%, Diebstähle aus Gaststätten und Hotels, Autos und Wohnungen etwa 2 bzw. 3% der Fälle aus. Dominiert wird das Delikt aber - neben den nicht weiter spezifizierten Wegnahmen im Alltag und im öffentlichen Raum - durch Anzeigen wegen Ladendiebstahls (40%). Damit sind "alle Diebstahlsfälle von ausgelegten Waren durch Kunden während der Geschäftszeit"351 gemeint. Diebstähle in Warenhäusern und Selbstbedienungsläden -

351

Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 13.

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insbesondere durch das Personal - fallen mit 3% zahlenmäßig kaum ins Gewicht, wohl aber bezogen auf den Schaden. Durch das Personal werden oft höherwertige Gegenstände und zwar über längere Zeiträume gestohlen. Allein im Hellfeld wurde 1999 ein Schaden durch sonstigen einfachen Diebstahl in Warenhäusern - meist Personaldelikte - in Höhe von immerhin ca. 40 Mio. DM registriert. Der Gesamtschaden durch einfachen Ladendiebstahl wird dagegen mit 73 Mio. DM angegeben. Es lohnt sich, die Problematik des Ladendiebstahls etwas genauer zu analysieren, zumal sie wiederkehrend Gegenstand kriminalpolitischer Kontroversen ist. 2.3.4.1 Ladendiebstahl Ladendiebstahl stellt einen Sonderfall innerhalb des Kriminalitätsgeschehens dar. Die Sozialstruktur der Täter entspricht weitgehend dem Bevölkerungsquerschnitt. An kaum einer anderen Deliktart sind Frauen (40%) so stark beteiligt. Jeder sechste entdeckte Täter ist ein Kind, jeder zehnte Rentner. 70% der Täter sind bislang im selben Land unauffällig gewesen.352 In den letzten Jahren wurden somit jährlich zwischen 350.000 und 450.000 Bürger erstmalig polizeilich auffällig, indem sie in Warenhäusern und Supermärkten Sachen stahlen, die sie sich vom Preis her meist ohne weiteres hätten kaufen können. Der Wert der gestohlenen Ware macht in der Mehrheit der Fälle (51,5%) weniger als 25 DM aus; in vier von fünf Fällen liegt er unter 100 DM.353 2.3.4.1.1 Dunkelfeld und Schäden Die Dimension dieses Delikts deutet sich in der PKS nur an; man muss bei Ladendiebstahl von einem beträchtlichen Dunkelfeld ausgehen. Dessen Größe wird unterschiedlich eingeschätzt. Empirische Anhaltspunkte sind rar. Aus einer repräsentativen Stichprobe 16 - bis 17-jähriger Jugendlicher in Bremen berichteten 30%, während der vergangenen 12 Monate einen oder mehrere Diebstähle (nicht nur Ladendiebstähle) begangen zu haben; 2,5% von ihnen waren für einfachen Diebstahl im Erziehungsregister des Bundeszentralregisters (BZR) erfasst354; das entspricht einer Relation von 1:12. Eine noch laufende Längsschnittstudie über Abgänger von Haupt- und Sonderschulen deutet auf engere Relationen hin. Wiederum ergab sich für Jugendliche im Alter von etwa 16 Jahren eine Prävalenz für Diebstahl, gemessen durch Selbstbericht, von 30%. Für den gleichen Zeitraum wegen Diebstahls im Erziehungsregister des BZR erfasst waren nun 10%. Die zugunsten des Hellfeldes bessere Relation von 1:3 (statt 1:12) kann auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Stichprobe (nur Haupt- und Sonderschüler, keine Realschüler und Gymnasiasten) zurückgehen, aber auch auf Verschärfung der Kontrollen in den neunziger Jahren. Die Dunkelfeld-Hellfeld-Relation verändert sich übrigens im Lebenslauf; mit zunehmendem Alter bleiben mehr Täter im Dunkelfeld. Als die gleiche Kohorte in das Alter von etwa 20 Jahren kam, betrug die Relation nur noch 1:9.355 In der Literatur wird der Anteil unentdeckter Ladendiebstähle zwischen 90 und 95% geschätzt; das entspricht Tat-Relationen zwischen 1:9 und 1:19. Eine konservative Schätzung, die alle Altersgruppen der Bevölkerung einbezieht und von mehr als einer Tat je Täter ausgeht, könnte eine Täterrelation von 1:10 ansetzen. Für 1999 käme man bei 497 963 Tatverdächtigen dann auf etwa 5 Millionen Täter. Setzt man diese Zahl in Relation zur Wohnbevölkerung von ca. 82 Mio., wären jährlich etwa 6% der Bürger als Ladendiebe aktiv, und zwar in jedem Jahr überwiegend andere.

352

Vgl. ebenda, Tabelle 87, S. 124. Vgl. ebenda, S. 158 f. 354 Vgl. SCHUMANN, K. F. u. a., 1987, S. 156, 35. 355 Die Bremer Haupt- und Sonderschulabgänger-Studie wird von Karl F. Schumann am Sonderforschungsbereich 186 durchgeführt; die mitgeteilten Ergebnisse sind bislang noch unveröffentlicht. 353

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Bei der repräsentativen Bevölkerungsumfrage ALLBUS 1990 räumte jeder sechste Befragte ein, schon mal einen Ladendiebstahl begangen zu haben. Dabei wurden nur Erwachsene befragt; Jugendliche und Kinder, deren Anteil regelmäßig mehr als ein Drittel der Tatverdächtigen ausmacht, waren nicht einbezogen. Eine Ausweitung der Befragung auf die Altersgruppe Minderjähriger hätte zu einem höheren Prozentsatz geführt. Bei der Bestimmung des Schadens kann nicht der Wert der bei den gefassten Tätern gefundenen Waren in Ansatz gebracht werden, weil regelmäßig die von ihnen gestohlenen Gegenstände dem Geschäft zurückgegeben werden. Es muss vielmehr um die Schätzung des durch nicht entdeckten Ladendiebstahl verursachten Schadens gehen. Dafür werden zwei Ansätze benutzt. Entweder wird der Gesamtwert der von gefassten Ladendieben an sich genommenen Waren (1999: 73.350.311 DM) als Basis herangezogen. Durch Multiplikation mit einer geschätzten Dunkelfeld-Relation kann der Gesamtschaden kalkuliert werden. Oder die Inventurdifferenz des Handels (etwa 1,2% des Bruttoumsatzes) wird als Ausgangspunkt genommen, und der Anteil verschiedener Verlustquellen daran geschätzt. Neben Diebstahl durch Kunden und Personal gehören dazu Bruch, Verderb der Waren, Fehler bei Wareneingang, falsche Preisauszeichnung und Irrtümer beim Verkauf sowie logistische Mängel. Über den Anteil, den Personaldelikte ausmachen, variieren Schätzungen zwischen 20 und 40 Prozent.356 Entsprechend bewegen sich die Schätzungen des Anteils von Kundendiebstahl zwischen 40 und 55%.357 Diese zweite Schätzmethode ergibt ein Vielfaches der ersten und ist deshalb umstritten. Wie der Handel diese regelmäßig auftretende und daher seit längerem bekannte Inventurdifferenz von etwa 1,2% durch Gegenmaßnahmen zu senken versucht, ist eine Frage der Investitionen in Sicherheitstechnik. Mit Hilfe von elektronischen Sicherheitstechnologien wird eine Halbierung der Inventurdifferenzen für möglich gehalten. 2.3.4.1.2 Problemanalyse Da Ladendiebstahl jährlich etwa 10% der Gesamtkriminalität und fast 20% aller Diebstähle überhaupt ausmacht, und somit durch bessere Prävention die Kriminalitätsrate erheblich gesenkt werden könnte, lohnt ein näheres Eingehen auf die Rahmenbedingungen dieser Straftat. (1) Ladendiebstahl ist ein Kontrolldelikt. Er wird nur entdeckt, wenn der Spürsinn von Personal und Detektiven erfolgreich eingesetzt wurde. Dies hat zweierlei Konsequenzen. Erstens hängt die Zahl registrierter Delikte weitgehend von den Überwachungsstrategien der Mitarbeiter und Detektive ab sowie von dem Aufwand, der technischen Sicherheitsvorkehrungen eingeräumt wird. Je besser die relative Kontrolldichte, desto höher ist die Zahl entdeckter Täter.358 Zweitens hängt bei Kontrolldelikten die soziale Zusammensetzung der Tatverdächtigen von Verdachtsstrategien der Detektive ab. Deren Selektionskriterien leiten die gezielte Überwachung von Kunden an. Gesteigerte Aufmerksamkeit für bestimmte Personenkreise (z. B. mutmaßliche Asylbewerber) erhöht deren Anteil unter den gefassten Dieben. Es ist nicht auszuschließen, dass deshalb in den letzten Jahren (nach Rückgang der Asylbewerberzahlen) in wachsendem Maße Kinder als Tatverdächtige identifiziert wurden. Mittlerweile werden mehr als die Hälfte der insgesamt einer Tat verdächtigten Kinder wegen Ladendiebstahls der Polizei gemeldet. Es bedarf weiterer Recherche, ob sich darin eine Tendenz niederschlägt, die als "Lüchow-Dannenberg-Syndrom" bekannt ist: Je günstiger die Relation „Taten je Polizist“ ausfällt, desto mehr Bagatellen und Taten von Kindern werden verfolgt359. Auch eine gesunkene Toleranz gegenüber Normbrüchen der Kinder kann eine Rolle spielen.

356

Vgl. VON POGRELL, H., 1999, S. 45; SCHMECHTIG, B., 1982, S. 4. Vgl. PETERSEN, O., 1997, S. 16. 358 Vgl. MICHAELIS, J., 1991, S. 35. 359 Vgl. PFEIFFER, C., 1987, S. 34. 357

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(2) Ladendiebstahl wird überwiegend von Gelegenheitsdieben begangen; 70% der registrierten Täter waren zuvor unbescholtene Bürger. Bei allen anderen Diebstahlsdelikten weist die PKS einen - teilweise erheblich - höheren Anteil an Tätern auf, die bereits in Erscheinung getreten sind360. Die hohe Quote von Kindern, Jugendlichen im Alter bis 16 Jahren und von Frauen, aber auch von Rentnern bei den Tatverdächtigen lässt ja bereits erwarten, dass die große Mehrzahl der gefassten Täter zuvor polizeilich nicht auffällig geworden ist. Es mag zwar sein, dass unter den im Dunkelfeld verbliebenen Tätern ein etwas höherer Anteil von Mehrfachtätern zu finden ist. Allerdings wächst nach kriminologischer Erfahrung mit der Häufung der Taten auch das Entdeckungsrisiko361, so dass gerade Wiederholungsdiebe mit größerer Wahrscheinlichkeit registriert werden dürften, wenn auch wohl nur für einen kleinen Teil ihrer Taten. (3) Ladendiebstahl wird überdurchschnittlich oft von Jugendlichen begangen: 43% aller Tatverdächtigen waren 1999 jünger als 21 Jahre. Viele ihrer Diebstähle gelten nicht in erster Linie der Aneignung bestimmter Waren, sondern dem Nervenkitzel, dem Abenteuer362, oder der Abhilfe von Langeweile. Die Vermutung, Ladendiebstahl sei ein Einstiegsdelikt für kriminelle Karrieren, ist empirisch nicht begründet. Internationale Forschung hat gezeigt, dass Ladendiebstähle vielfach während kurzer Phasen in der Kindheit und frühen Jugend begangen werden, die entweder aufgrund von Reifeprozessen, der Suche nach anderen Abenteuern oder auch aufgrund einer Tatentdeckung (z. B. auch bei Freunden) beendet werden.363 Allerdings bedarf es weiterer Forschung zu klären, inwieweit Ladendiebstahl zugleich mit anderen Normbrüchen (z. B. Schulschwänzen) für eine deviante Lebensphase charakteristisch wird. (4) Relative Armut kann eine gewisse Rolle bei jenen Dieben spielen, die sich modische und aktuelle Produkte (Textilien, Kosmetika) nicht leisten können.364 Andererseits bezahlen etliche Ladendiebe Waren mit relativ hohem Wert und versuchen gleichzeitig, kleine Artikel mit niedrigem Wert an der Kasse vorbei zu mogeln.365 Insoweit beruht Ladendiebstahl überwiegend nicht auf wirtschaftlicher Not, sondern ist eher als Wohlstandsdelikt aufzufassen. (5) Für eine kleine Zahl von Mehrfachtätern können allerdings ökonomisch-defizitäre Lebenssituationen maßgeblich sein. Dazu gehören beispielsweise Drogenabhängige, die im Rahmen der Beschaffungskriminalität zur Finanzierung des Drogenkonsums gezielt und mit teilweise raffinierten Techniken auf dem Schwarzmarkt verkäufliche Produkte stehlen.366 Einige Alkoholkranke und Obdachlose fallen wiederholt als Diebe von Genussmitteln auf. Eher selten wird Ladendiebstahl von Personen - überwiegend Frauen in Phasen psychischer Störung bzw. Depression wiederholt begangen; der früher verwendete Begriff Kleptomanie wird von der Psychiatrie jetzt abgelehnt.367 Unter den Mehrfachtätern befinden sich auch professionelle Diebe; ihr Anteil am Ladendiebstahl ist aber geringer als oft in der Öffentlichkeit vermutet wird. Nach Angaben aus dem Sicherheitsgewerbe sollen professionelle Diebe etwa für fünf bis acht Prozent der Diebstähle, insbesondere auch in der Schmuckbranche, verantwortlich sein.368 (6) Bestimmte Produkte sind als attraktives Diebesgut bekannt. Dazu gehören Kondome, Kosmetika, Textilien, Elektroartikel (z. B. Batterien) und Tabakwaren. Der Handel kennt diese "Hitlisten" als Artikel mit besonders großen Inventurdifferenzen.369 Solche Produkte können so platziert werden, dass gute Kontrollmöglichkeiten bestehen. Allerdings stellt sich dieses Problem als betriebswirtschaftliche Kosten-

360

Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik für verschiedene Jahre, Tabelle 22. In der ALLBUS-Studie gaben 45% der Täter mehr als eine Tat an. 362 Vgl. OSTENDORF, H., 1999a, S. 355. 363 Vgl. KIVIVUORI, J., 1998, S. 674. 364 Vgl. MICHAELIS, J., 1991, S. 51. 365 Vgl. KRUPP, M. und H. BRINKE, 1995, S. 145. 366 Vgl. KREUZER, A., 1991, S. 250 f. 367 Vgl. OSBURG, S., 1992. 368 Vgl. LOITZ, R. und K.-M. LOITZ, 1987, S. 192. 369 Vgl. HORST, F., 2000, S. 5. 361

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frage dar: Wie ist das Verhältnis der Investitionskosten für den Schutz vor Diebstahl und dem Nutzen, der durch eine Verringerung der Inventurdifferenzen erhalten werden kann?370 (7) Die Ladendiebstahlsquote ist präventiv beeinflussbar. Mitarbeiterschulungen gelten im Handel als die wirksamste Präventionsstrategie.371 Dabei ist das Ansprechen von Kunden besonders wirksam, weil dadurch die Anonymität der Kunden durchbrochen wird; das wirkt präventiv. Ferner haben Untersuchungen gezeigt, dass die Sicherung der Waren durch elektronische Artikelsicherung (EAS) die Bestandsdifferenzen um die Hälfte reduzieren kann.372 Verstärkte Investitionen in diese elektronischen Sicherungstechniken in den letzten Jahren haben zweifellos zur Senkung der Ladendiebstahlsziffern beigetragen. Dabei spielt eine Rolle, dass Sicherheitsschleusen ein halo-effect, d. h. eine über die faktische Sicherung hinausgehende Breitenwirkung auch für ungesicherte Güter zukommt. Die Unkenntnis der Funktionsweise des jeweils eingesetzten Systems fördert bei Kunden eine generelle Zurückhaltung, Diebstähle zu begehen.373 Bei einer umfassenden Problemanalyse ist zu beachten, dass die Verkaufstechnik der freien Warendarbietung verbunden mit der Erwartung, dass Kunden für den Erwerb ins Auge gefasster Waren Kassen aufsuchen, in starkem Maße von der Geltung des Wertes Redlichkeit abhängt. Während nach wie vor wertvolle Waren nur unter der Kontrolle von Verkäufern vom Kunden geprüft werden können, ist Massenware frei zugänglich. Dabei beruht die Verkaufsbeziehung auf einem Vertrauensvorschuss, der möglicherweise immer weniger gerechtfertigt ist. Die Geltung von Normen ist in der Wahrnehmung insbesondere von Kindern und Jugendlichen - aber keineswegs nur bei ihnen - entsprechend des Entwicklungsstandes ihres moralischen Bewusstseins abhängig davon, inwieweit Normen durch Kontrolle durchgesetzt werden.374 Laxe Sicherheitsvorkehrungen werden in dieser Sicht als Autoritätsschwäche und Verzicht auf Normdurchsetzung gewertet. Daraus ergibt sich eine Schere: Einerseits wird zunehmend an Personal bei Verkauf und Kassen zugunsten der Selbstbedienung gespart, wodurch der Vertrauensvorschuss auf immer größere Probe gestellt wird. Andererseits impliziert die Preisgabe der Warensicherung bei Massenartikeln in der Optik der Kunden eine wachsende Risikofreudigkeit zu Lasten des Eigentumsanspruchs. Dieses Auseinanderklaffen bewirkt eine Legitimitätsbedrohung von Normen. Ihr kann nur vom Warenbesitzer selbst, kaum durch Strafverfolgung allein entgegengewirkt werden. Im Ergebnis bedeutet das, dass zur Lösung dieses, aus der Umstellung der Verkaufsstrategie auf Selbstbedienung resultierenden Kriminalitätsproblems umfassendere Ansätze erforderlich sind, als sie Strafverfolgung bieten kann. Ein Delikt, für das die gesamte Bevölkerung anfällig ist, verlangt eine Prüfung der Frage, wieweit die Steuerungsmöglichkeiten durch Strafverfolgung reichen, unter welchen Bedingungen diese überfordert sind, und inwieweit sie verstärkt durch präventive Maßnahmen ergänzt werden müssen. Wahrscheinlich können für jedermann erkennbare Präventionsbemühungen seitens der potenziellen Opfer der Normenerosion entgegenwirken. 2.3.4.2 Taschendiebstahl Eine weitere geläufige Form des einfachen Diebstahls ist Taschendiebstahl, der lange Zeit rückläufig war, aber in den neunziger Jahren wieder zunahm und in den Jahren 1995 und 1996 Maximalwerte erreichte. Seither sinkt die Häufigkeit, ist aber noch doppelt so hoch wie im Jahr 1988, der Zeit vor Beginn der großen binneneuropäischen Migration. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Zuwanderung in den neunziger Jahren Auswirkungen auf diese Zunahme von Taschendiebstahl hatte. Unter den Tatverdächtigen ist

370

Zur Problemanalyse vgl. CLARKE, R., 1999, Kapitel 4. Vgl. VON POGRELL, H., 1999, S. 45 f. 372 Vgl. HORST, F., 2000, S. 6. 373 Vgl. SCHERDIN, M. J., 1992, S. 137. 374 Zum konventionellen Moralverständnis vgl. KOHLBERG, L., und E. TURIEL, 1978, S. 19. 371

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der Anteil von Zuwanderern ohne deutschen Pass mit 56% im Jahr 1999 höher als bei jedem anderen Diebstahlsdelikt. Allerdings lässt sich diese Zahl nicht hochrechnen, weil die Aufklärungsquote bei Taschendiebstahl mit nur 5% die geringste überhaupt ist. Auch ist Selektivität in der Verdächtigung von bestimmten Personengruppen als potenzielle Täter nicht unwahrscheinlich. Opfer sind überwiegend Frauen375, denen die Geldbörse aus der Handtasche gestohlen wird. Vorbeugungsmaßnahmen sind bei diesem Delikt in der Bevölkerung weitgehend eingeübt. Dennoch können polizeiliche Warnungen in den Medien dann, wenn Taschendiebstähle gehäuft aufgetreten sind, der Gefahr der Vernachlässigung von Vorkehrungen wenigstens zeitweise gegensteuern. 2.3.5 Diebstahl unter erschwerenden Umständen Diebstahl unter erschwerenden Umständen wird in der PKS einerseits mit Blick auf Diebesgüter (Kraftwagen, Fahrräder usw.), andererseits auf Tatorte (aus Kfz, Wohnungen, Büros etc.) untergliedert. Die Anteile unterschiedlicher Tatvarianten ergeben sich aus Schaubild 2.3-6. Schaubild 2.3-6: Diebstahl unter erschwerenden Umständen 1999 sonstige 9%

unspezifisch 8%

Diebstahl von Kfz 5%

Fahrraddiebstahl 21%

Diebstahl in/aus Kfz 27% Diebstahl von/aus Automaten 3%

aus Boden/Keller 7%

Wohnungseinbruch 9%

Diebstahl aus Dienst- u.a. Räumen 7% Diebstahl in/aus Warenhäusern 4%

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Ersichtlich sind die häufigsten Varianten Fahrraddiebstahl und Diebstahl in und aus Kraftfahrzeugen. Nach dem verursachten Schaden geordnet, steht allerdings Kraftwagen-Diebstahl an erster Stelle (1999: 757 Mio. DM), gefolgt von Wohnungseinbruch (593 Mio.), Diebstahl aus Kfz (406 Mio.), aus Büros und Lagern (384 Mio.), aus Warenhäusern (241 Mio.) und Fahrraddiebstahl (237 Mio.). Bei diesen Schadensangaben bleibt allerdings die Wiedererlangung der gestohlenen Güter bzw. der Ausgleich durch Versicherungsleistungen unberücksichtigt.376 Im übrigen beruhen die Schadensangaben auf Schätzungen bei Anzeige der Tat, die nicht immer vom Zeitwert ausgehen. Der Diebstahl unter erschwerenden Umständen ist in den letzten Jahren kontinuierlich, teilweise sogar markant, zurückgegangen. Nimmt man das Jahr 1993 als Bezugsjahr (es ist das erste, das auch für die neuen Länder verlässliche Statistiken ausweist), so haben sich die Häufigkeitszahlen im Westen zurückentwickelt von 2.827 auf 1.863, ein Rückgang von 34%. In den neuen Ländern sank die Häufigkeitszahl von 4609 auf 2.752, d. h. um 40%. Das Jahr 1993 wies bei fast allen Tatvarianten in den neunziger Jahren

375 376

Vgl. SCHÄFER, H., 1994, S. 115. Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 64.

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die höchste registrierte Belastung durch Diebstahl unter erschwerenden Umständen auf. Demgegenüber sind 1999 die Häufigkeitszahlen bei einigen Delikten um mehr als die Hälfte im Vergleich zu 1993 zurückgegangen (Diebstahl aus Automaten 62%, Kfz-Diebstahl 59%), bei Diebstahl aus Kfz sowie aus Warenhäusern immerhin um 40-50%. Bedeutsam war der Rückgang auch bei Wohnungseinbruch (35%) und Fahrraddiebstahl (26%), dem Delikt, das zahlenmäßig besonders stark die Quote des Diebstahls unter erschwerenden Umständen beeinflusst. Bei Diebstahl aus Kellerräumen und der Wegnahme unbarer Zahlungsmittel ist kein Rückgang zu erkennen. Sie sind im Hinblick auf Präventionsmaßnahmen künftig stärker zu beachten, während etwa Diebstähle aus Vitrinen oder Automaten eine immer geringere Rolle zu spielen scheinen. Diese Trendanalyse steht allerdings unter dem Vorbehalt gleichgebliebener Anzeigebereitschaft der Geschädigten. Änderungen der Versicherungsbedingungen können Änderungen des Anzeigeverhaltens bewirken, dieser Effekt kann sich insbesondere beim Diebstahl in und aus Kraftfahrzeugen bemerkbar gemacht haben. Denn hier sind Selbstbeteilungen eingeführt worden, die unter Umständen eine als Schadensnachweis verlangte Strafanzeige ökonomisch nicht mehr lohnend erscheinen lassen. Ob der Rückgang real, oder nur Folge von geringerer Anzeigebereitschaft ist, können nur Viktimisierungsdaten klären. Bezogen auf verschiedene Formen von Diebstahl weisen die schon erwähnten Viktimisierungsstudien eine Reduktion zwischen 1995 und 1997 nach. Die Werte liegen allerdings relativ nahe beieinander, so dass keine eindeutige Klärung der Frage, ob ein Rückgang vorliegt oder nicht, möglich ist.377 Doch spricht die Tatsache, dass bei sehr vielen Diebstahlsformen übereinstimmend eine Tendenz zum Rückgang erkennbar ist, dafür, dass die Diebstähle unter erschwerenden Umständen in der Tat gesunken sind. 2.3.5.1 Kfz-Diebstahl Die Häufigkeitszahl dieses Delikts sinkt in den alten Ländern seit 1993 und in den neuen seit 1994 kontinuierlich, wobei allerdings im Osten die Häufigkeitszahl höher geblieben ist. In nahezu jedem dritten Fall bleibt die Tat im Versuchsstadium stecken, im Osten häufiger als im Westen. Insofern machen sich verstärkte Sicherungsmaßnahmen bemerkbar; sie tragen auch zur - für Diebstahl unter erschwerenden Umständen relativ hohen - Aufklärungsrate bei. Kfz-Diebstahl bedeutet nicht in jedem Fall Totalverlust. Ein beträchtlicher Teil der Fahrzeuge taucht später wieder auf. Sie wurden nicht entwendet, um sie sich anzueignen, sondern als Transportmittel, aus Abenteuerlust, um Rennen auszutragen, oder als Fluchtfahrzeug bzw. zur Begehung anderer Straftaten. Später werden sie nach Gebrauch irgendwo verlassen und aufgrund der Sachfahndung dem Eigentümer zurückgeführt, teilweise allerdings stark beschädigt. Sie können aber auch gestohlen werden, um umgerüstet und verkauft zu werden, z. B. für organisiert betriebenen illegalen Export, oder sie dienen als Reservoir für Autoteile. Die polizeiliche Erfassung der Autodiebstähle in der PKS unterscheidet nicht zwischen diesen Begehungsformen, also zwischen der Gebrauchsentwendung (§ 248b StGB) und dem Diebstahl im eigentlichen Sinne. Die Schätzung des Kfz-Diebstahls könnte vom Anteil dauerhaft verlorengegangener Kfz ausgehen; dieser lag im Jahr 1999 bei 46%378 aller angezeigten Kfz-Verluste. Die Aufklärung gelingt bei diesem Delikt in etwa jedem vierten Fall (bei Diebstahl unter erschwerenden Umständen sonst nur in jedem sechsten). Das hängt sicher auch damit zusammen, dass unter den Tätern viele Jugendliche sind. Markant ist dies in den neuen Ländern, wo die Attraktion des Autofahrens für Jugendliche besonders groß zu sein scheint. Solche Gebrauchsanmaßung ist, auch wenn sie wegen des Abenteuers wiederholt begangen wird, nicht notwendig der Beginn einer Karriere als Autodieb.379 Der Anteil von Autodiebstählen, die gezielt in organisierter Kooperation mit Werkstätten (zum Umarbeiten) 377

Vgl. HEINZ, W., 1998, S. 1-6. Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, 1998, bezogen auf INPOL-Fahndungsausschreibungen. 379 Vgl. NEE, C., 1993, S. 2. 378

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und Hehlern erfolgt, ist eher gering; allerdings geht es dabei um hochwertige Kfz, neuerdings vermehrt Gelände-Fahrzeuge.380 Auch hat sich - in Reaktion auf die Effektivität der elektronischen Wegfahrsperren - eine Umlenkung des organisierten Kfz-Diebstahls auf betrügerische Anmietung von Kfz bei Autovermietern ergeben: Die angemieteten Pkw werden ins Ausland verbracht und anschließend, nach Rückgabe der Autopapiere und Schlüssel, als gestohlen gemeldet.381 Der drastische Rückgang der Kfz-Diebstähle ist Beleg für den Nutzen, den eine Zusammenarbeit zwischen Polizei, Versicherungen und Autoherstellern für die Prävention von Kriminalität haben kann. Der Einbau elektronischer Wegfahrsperren seit 1995 hat die Diebstähle von Pkws erheblich stärker reduziert als den Diebstahl von Krafträdern und Lkws, bei denen der Einbau technisch erschwert ist. Der Vorteil dieser Kooperation wird im Ausland mit Interesse beobachtet.382 Inzwischen hat die EG durch eine Richtlinie die elektronische Wegfahrsperre für alle Neufahrzeuge vorgeschrieben. Dass durch die Änderung der Versicherungsbedingungen (seit 1993 wird grundsätzlich nur der Zeitwert des Kfz durch die Versicherungen ersetzt; ferner besteht bei Fehlen einer Wegfahrsperre ein Abzug von 10%) der Anreiz zum betrügerischen Vortäuschen eines Diebstahls geringer geworden ist, mag allerdings auch einen - eher geringen - Beitrag zum Rückgang des Kfz-Diebstahls geleistet haben. 2.3.5.2 Diebstahl aus bzw. in Kraftfahrzeugen Die häufigste Variante des Diebstahls unter erschwerenden Umständen ist Diebstahl aus bzw. in Kraftfahrzeugen. Seit dem Jahr 1992 mit seiner extrem hohen Häufigkeitszahl (1.149) ging diese Diebstahlsform allerdings kontinuierlich zurück. In den neuen Ländern ist die Belastung etwas geringer (1999: 594; alte Länder: 606). Dieses Delikt ist eine wichtige Form der indirekten Beschaffungskriminalität für Drogenabhängige.383 Der jährlich wachsende Kfz-Bestand in Deutschland vermehrt die Zahl im Freien geparkter Kfz, da die Zahl der Garagenplätze nicht in gleichem Maße mitwächst. Trotz dieser gewachsenen Gelegenheitsstrukturen ist Diebstahl in und aus Kraftfahrzeugen rückläufig. Der Rückgang dieser Diebstahlsform dürfte einerseits beeinflusst sein von wachsenden Sicherungsmaßnahmen (z. B. Einbau von Alarmanlagen), andererseits von verändertem Anzeigeverhalten, weil zunehmend mehr Kaskoversicherungsverträge mit einer Selbstbeteiligung mit 300 DM abgeschlossen werden, weshalb Geschädigte bei kleinen Verlusten auf Anzeigen eher verzichten. Diebstahl in und aus Kraftfahrzeugen ist insbesondere in Großstädten zu registrieren. Unter den Tatverdächtigen sind Jugendliche und Heranwachsende überrepräsentiert; jeder zweite Tatverdächtige ist jünger als 21 Jahre. Für die Opfer steht die Frage im Vordergrund, inwieweit Versicherungen den Schaden decken. Wenn Deckungslücken gegeben sind, wächst die Einsicht in die Notwendigkeit eigener Prävention.384 Hier liegt ein möglicher Ansatzpunkt für Verhaltensbeeinflussung durch Versicherungsschutz. Als präventiv wirksam haben sich Codierungen von Autoradios erwiesen; auch der wachsende Gebrauch von Alarmanlagen und anderer Sicherheitstechnik erhöht die präventive Wirkung. Schließlich zeigte eine regionale Studie, dass niedrigschwellige Hilfsangebote an Drogenabhängige Diebstahl aus Kfz als Form indirekter Beschaffungskriminalität reduzieren können.385

380

Vgl. LANDESKRIMINALAMT NORDRHEIN-WESTFALEN, o. J., S. 17. Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, 1996, S. 44 f. 382 Vgl. MAYHEW, P., CLARKE, R. und M. HOUGH, 1992. 383 Es hat einen Anteil von 45% an der Beschaffungskriminalität, vgl. KREUZER, A. u. a., 1991, S. 337. 384 Vgl. SCHÄFER, H., 1994, S. 63. 385 Vgl. LEGGE, I. und M. BATHSTEEN, 2000, S. 67, 92. 381

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2.3.5.3 Wohnungseinbruch Im Bereich der Eigentumskriminalität entsteht durch Einbruch in Wohnungen nach Kfz-Diebstahl der größte Schaden. Dabei ist allein das Diebesgut eingerechnet, nicht die Kosten der beim Einbruch verursachten Sachbeschädigung. Der immaterielle Schaden durch Verlust persönlicher Gegenstände und Erinnerungsstücke kann meistens nicht ersetzt werden. Nicht selten sind Wohnungseinbrüche mit Verwüstungen der Einrichtungsgegenstände verbunden. Vor allem aber dringen beim Wohnungseinbruch Fremde in die Intimsphäre der Opfer ein. Dies kann dazu führen, dass sich die Opfer in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher fühlen und unter ernsten psychischen Störungen, z. B. langwierigen Angstzuständen, leiden.386 Dem hat der Gesetzgeber im 6. Strafrechtsreformgesetz 1998 durch Anhebung der Mindeststrafe für Wohnungseinbruchsdiebstahl auf sechs Monate Rechnung getragen (§ 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB). Gestohlen werden vorrangig Bargeld, Kreditkarten, Schmuck, Briefmarken- und Münzsammlungen, Video- und HiFi-Elektronik, Fotoapparate und Antiquitäten. Gängigste Einbruchsformen sind Aufhebeln/ Aufbohren und Einschlagen von Fenstern und Türen. Die Aufklärung von Wohnungseinbrüchen ist seit 1993 wieder leicht gestiegen. Dazu mag beigetragen haben, dass aufgrund verstärkter Sicherungsmaßnahmen der Anteil der Versuche allmählich steigt. Anders gesagt: Taten bleiben häufiger im Versuchsstadium stecken, Täter werden gestört und dadurch eher identifizierbar. Dennoch bleibt eine Aufklärungsquote von 18% (1999) immer noch zu gering angesichts des Bedürfnisses vieler Opfer, über den Täter wenigstens einen Teil der verloren gegangenen Wertgegenstände wieder zu erlangen. Unter den als tatverdächtig identifizierten Personen überwiegen mit zwei Dritteln die Ortsansässigen;387 Jugendliche und Heranwachsende sind dabei überproportional vertreten. Soweit es sich um Tageswohnungseinbruch handelt, ist der Anteil drogenabhängiger Täter (etwa 20%) bemerkenswert. Zwei Drittel der Wohnungseinbrüche ereignen sich allerdings nachts zwischen 21 und 6 Uhr. Versicherungsdaten und PKS bezeugen seit 1993 übereinstimmend den Rückgang von Wohnungseinbruch (vgl. Schaubild 2.3-7). Schaubild 2.3-7: Häufigkeitszahlen von Wohnungseinbruch 1987-1999

203,2 215,0

181,7 194,7

Bundesgebiet Alte Länder*

146,1

200,0

181,7

194,7

221,9 230,3

239,3 248,7

259,0 265,6 227,9

259,4 262,3 245,8

280,4 276,4 299,3

264,0 264,0 233,5 233,5

250,0

242,5 242,5

253,1 253,1

275,2 275,2

300,0

269,5 269,5

350,0

118,4

150,0

100,0

50,0

0,0 87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

Jahr

* Seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

386 387

Vgl. DEEGENER, G., 1996; SCHÄFER, H., 1994. Vgl. LANDESKRIMINALAMT NORDRHEIN-WESTFALEN, 1995.

97

98

99

Neue Länder

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Da bei diesem emotional stark belastenden Delikt häufig Anzeige erstattet wird, kann de facto von einer Verringerung des Risikos ausgegangen werden. Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland recht günstig ab.388 Dennoch sind die Präventionsmöglichkeiten keineswegs erschöpft. Dazu gehören Einbruchsicherungen wie etwa Glasbruchmelder und Alarmanlagen, die nach Befragungen von Einbrechern durchaus abweisend wirken.389 Untersuchungen über gescheiterte Einbruchsversuche bestätigen die Wirksamkeit von Alarmanlagen und besonders gesicherter Türen. Die Versicherungen könnten den Einbau solcher Schutzeinrichtungen durch Prämienanpassungen bei Hausrats- und Einbruchversicherungen stärker als bisher fördern. Doch bietet eine bessere Absicherung Schutz vor allem gegenüber jüngeren Gelegenheitstätern, nicht aber generell. Auch darf nicht verkannt werden, dass durch Sicherung bestimmter Objekte der Angriff oft auf andere Ziele umgelenkt wird, so dass Einbruch insgesamt nur eingeschränkt vermindert werden kann.390 Deshalb sollte Prävention flächendeckend erfolgen und darf nicht allein von privater Investitionsbereitschaft in Sicherungssysteme abhängen; staatliche Förderung solcher Vorsorge wäre erwägenswert. Täterbezogen ist zumindest für Städte mit substantieller Drogenszene festzuhalten, dass in dem Maße, in dem Einbrüche eine indirekte Form der Beschaffungskriminalität Drogenabhängiger darstellen, niedrigschwellige Hilfsangebote durchaus präventiv wirken können. 2.3.5.4 Fahrraddiebstahl Dieses Delikt wird auch als "ungeliebtes Stiefkind der Polizei" bezeichnet391: die Aufklärungsquote ist minimal - 1999: 9%. Fahrraddiebstahl ist nach Ladendiebstahl das häufigste Diebstahlsdelikt. Seit 1994 ist ein beachtlicher Rückgang zu vermerken, der teilweise auf Verbesserung der Sicherungsmaßnahmen zurückgehen dürfte. So werden vermehrt Bügelschlösser verwendet; auch haben Kommunen mehr Möglichkeiten zum Anschließen von Fahrrädern auf speziellen Stellplätzen geschaffen. Zweifellos hat aber auch die Änderung der Versicherungsbedingungen (Ausklammerung aus der Hausratsversicherung) dazu geführt, dass die Anzeigebereitschaft nachlässt bei Geschädigten, die ihr Rad nicht speziell versichert haben. Präventionsmaßnahmen wie Registrierung der Fahrraddaten dienen der Aufklärung von Taten (Krefeld 1999: 36%), teilweise auch der Verringerung der Diebstähle selbst.392 Die Codierung von Fahrrädern ähnlich der Kfz-Kennzeichen (Ort, Straße, Hausnummer, Initialen des Besitzers) soll zum Rückgang des Diebstahls codierter Fahrräder geführt haben.393 Die Zahl der Kommunen, die diese Codierung unterstützen, wächst. Der Einfluss des Versicherungsschutzes, der Leistungen von besonderen Sicherungsmaßnahmen abhängig macht, könnte im Falle abhanden gekommener Fahrräder regelmäßig die Anzeige als schweren Diebstahl nahe legen, unabhängig vom faktischen Sicherungsgrad. Versicherungen befürchten eine Vortäuschungsquote in Höhe von 20-30% aller angezeigten Diebstähle.394 Inwieweit diese Schätzungen zutreffen, ist nur ansatzweise feststellbar. Die Differenz der Aufklärungsquote von einfachen und schweren Diebstählen könnte ein Indiz liefern. Bei einfachen Fahrraddiebstählen betrug die Aufklärungsrate 1999 21,4%, bei (Fahrrad-)Diebstahl unter erschwerenden Umständen (also z. B. nach Zerstörung des Schlosses) dagegen nur 6,7%. Da die Deliktklassifikation für die PKS erst nach Abschluss der Ermittlungen erfolgt, wird die Einstufung des Diebstahls als einfach oder schwer entsprechend dem Ergebnis der Aufklärung möglicherweise korrigiert. Stellt sich nach Vernehmung des Täters und bei Überprüfung des Fahrrades das Fehlen von Sicherungen 388

Vgl. VAN DIJK, F. und J. DE WAARD, 2000, S. 20; COUNCIL OF EUROPE, 1999, S. 66: für 1996 unterhalb des europäischen Mittelwerts. 389 Vgl. KRAINZ , K., 1991, S. 250. 390 Vgl. etwa ALLAT, P., 1984. 391 KLAPPER, N., 1996, S. 41. 392 Aus Bergisch-Gladbach wird ein Rückgang um 25% mitgeteilt; vgl. GEURTZ, J., 1995, S. 413. 393 Vgl. ALLGEMEINER DEUTSCHER FAHRRAD-CLUB, 1998. 394 Vgl. REINHARDT, A., 1996, S. 574.

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heraus und somit der angezeigte Diebstahl als einfach dar, so erfolgt eine Korrektur. Da sie nur nach Aufklärung möglich ist, wäre allerdings auch zu vermuten, dass sich unter den nicht-aufgeklärten schweren Diebstahlsfällen wohl auch etliche einfache befinden müssen. Wenn diese Überlegung trägt, muss das Zahlenverhältnis zwischen einfachen und schweren" Fahrraddiebstählen, das allgemein 1:6 beträgt, stärker der in der Nähe der Relation bei den aufgeklärten Fällen (1:2) vermutet werden. Die Polizei zeigt schwere Diebstähle, die sich nach Aufklärung als leicht erweisen, von Amts wegen als Betrug an.395 Ähnliche Korrekturerfordernisse der Einstufung könnten sich auch bei Wohnungseinbruch ergeben, weil hier die Aufklärungsraten extrem divergieren: bei einfachem Diebstahl aus der Wohnung 57%, bei Wohnungseinbruch 18%. Indiziert wird, dass in angezeigten Einbuchsdiebstählen ein gewisser, allerdings nicht eindeutig bestimmbarer Anteil von Betrug zum Nachteil von Versicherungen enthalten ist, der im Dunkelfeld verbleibt. 2.3.6 Vermögenskriminalität 2.3.6.1 Betrugsdelikte Zur Vermögenskriminalität gehören insbesondere Betrugstatbestände sowie Veruntreuung und Unterschlagung. Konkursstraftaten sowie einige Betrugsvarianten werden in diesem Bericht im Kapitel Wirtschaftskriminalität erörtert. Die kriminologische Beschreibung stößt auf eigentümliche Probleme. Zwar wäre es leicht, die Häufigkeit einzelner Tatvarianten anzugeben. Deren Zahl steht aber in einem charakteristischen Missverhältnis zum verursachten Schaden. Jedes fünfte Betrugsdelikt war eine Leistungserschleichung. Der durch diese 146.264 Fälle verursachte Schaden wird mit 7,8 Mio. DM angegeben; das sind 0,002% des durch Betrug insgesamt verursachten Schadens. Demgegenüber verursachten die mit 9.041 doch vergleichsweise wenigen Fälle von Anlagebetrug (0,01%) einen Schaden von 661,6 Mio. DM (entspricht 13,8% des registrierten Gesamtschadens bei Betrugsdelikten). Es ist deshalb nötig, Häufigkeit und Schadenssumme zugleich im Blick zu behalten (vgl. Tab.2.3-2). Die 717.333 Betrugsdelikte des Jahres 1999 haben mit 4,8 Mrd. DM einen höheren Schaden verursacht als alle 3,1 Mio. Diebstähle zusammen genommen (4,3 Mrd. DM). Schon daran wird das Gewicht dieser Taten deutlich, auch wenn die Schadensangaben im Stadium der polizeilichen Ermittlung insoweit Unsicherheiten aufweisen, als sie auf Schätzungen des Vermögensverlustes seitens der Geschädigten beruhen. Hier wird nur kursorisch auf einige Betrugskonstellationen eingegangen werden können. Noch fehlt das kriminologische Wissen, um die Frage zu beantworten, warum die Verbreitung von Betrugshandlungen steigt, während die Eigentumskriminalität sinkt. Dabei werden vermutlich ganz unterschiedliche Effekte wirksam sein. Einerseits ergeben sich durch die Ausweitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs neue Betrugsgelegenheiten. Andererseits könnte aber auch die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Vermögensdeliktbegehung gewachsen sein. Aus Umfragen ist für Betrug zum Nachteil von Versicherungen eine zunehmende (selbstberichtete) Täterquote innerhalb der Bevölkerung festgestellt worden. Dabei spielen vor allem die Sparten Private Haftpflicht, Hausrat und Kfz-Teilkasko eine Rolle.396 Selbstberichtete Tatprävalenzen weisen eine Größenordnung von bis zu 7% der Befragten auf. Dennoch geht die wachsende registrierte Betrugskriminalität nur eingeschränkt auf Versicherungsbetrug zurück, weil die Versicherungen - auch angesichts der hohen Beweisanforderungen - nur relativ selten Anzeige erstatten.

395 396

Vgl. KLAPPER, N., 1996, S. 41-43. Vgl. GFK MARKTFORSCHUNG, 1994, S. 6.

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Tabelle 2.3-2: Verbreitung von Vermögensdelikten und Schadenssummen 1999 Schlüsselzahl der Tat 5100 Betrug, darunter: 5110 Waren- und Warenkreditbetrug 5120 Grundstücks- und Baubetrug 5130 Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug, darunter: 5132 Anlagebetrug 5140 Geldkreditbetrug, darunter: 5142 Subventionsbetrug 5143 Kreditbetrug 5150 Leistungserschleichung 5160 Betrug mittels rechtswidrig erlangter unbarer Zahlungsmittel, darunter: 5163 Karten für Geldausgabe-Automaten 5164 Kreditkarten 5165 sonstige unbare Zahlungsmittel 5170 sonstiger Betrug, darunter: 5171 Leistungsbetrug 5172 Leistungskreditbetrug 5174 Betrug z. N. von Versicherungen 5177 Sozialversicherungsbetrug 5178 sonstiger Sozialleistungsbetrug 5179 Betrug mit Zugangsberechtigung zu Kommunikationsdiensten 5200 Veruntreuungen 5300 Unterschlagung 5600 Konkursstraftaten

erfasste Häufigkeitsziffer Schadenssumme Fälle 717333 874,4 4.798.315.734 137182 835 17526

167,2 1,0 21,4

436.520.697 104.304.065 740.500.837

9041 10853 665 9034 146264 92704

11,0 13,2 0,8 11,0 178,3 113,0

661.641.209 511.217.010 180.182.430 293.241.747 7.799.604 186.019.935

36613 36198 4805 311880 30654 25062 8489 21835 24262 1412

44,6 44,1 5,9 380,2 37,4 30,5 10,3 26,6 29,6 1,7

40.080.787 28.073.672 59.498.611 2.810.017.306 171.443.508 339.614.138 87.915.263 109.839.932 128.734.083 14.946.394

33272 82744 4371

40,6 100,9 5,3

4.244.842.364 497.339.512 899.054.290

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

An dieser Stelle soll kurz auf einzelne Betrugstatbestände aufmerksam gemacht werden, die in der Öffentlichkeit häufiger thematisiert werden oder die wegen spezifischer Entwicklungen ins Auge fallen. Dazu gehört der Waren- und Warenkreditbetrug, der kontinuierlich zunimmt. Dabei ist der Unterschied zwischen den neuen und alten Ländern bedeutsam (Schaubild 2.3-8). Verantwortlich sind insbesondere nicht erfüllte Ratenkaufverträge, die seit Mitte der neunziger Jahre zu einer Überschuldung der Haushalte geführt haben.397 Von der Schadenshöhe fällt der Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug auf. Hier steht eine Vielzahl von Opfern einer kleinen Täterzahl gegenüber. Die Verbreiterung des Interesses in der Bevölkerung an Beteiligungen, Aktien und Steuersparmodellen in den letzten Jahren schafft ein wachsendes Gefährdungspotential. Viele Opfer werden auch durch betrügerische Handlungen bei Kreditverträgen geschädigt; Geldkreditbetrug steigt kontinuierlich an und dürfte im Zusammenhang mit Insolvenzproblemen stehen (auffallend ist ein Anwachsen der Fälle in den Jahren 1998 und 1999 in den neuen Ländern). Für die Bevölkerung besonders Besorgnis erregend sind Betrugshandlungen im Zusammenhang mit unbaren Zahlungsmitteln. Mit diesem Delikt sind die alten Länder (HZ 1999: 121) erheblich höher belastet als die neuen (HZ 1999: 75). Der Unterschied beruht vor allem auf der unterschiedlichen Verbreitung von Kreditkarten und Akzeptanzstellen; bezogen auf Scheckkarten sind die Unterschiede gering. Die Anzahl der Betrugsdelikte im Zusammenhang mit Benutzung von Geldausgabeautomaten wächst dabei kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Beim Missbrauch von Kreditkarten war 1995 ein erstes Maximum erreicht; nach 397

Vgl. ARBEITSGEMEINSCHAFT DER VERBRAUCHERVERBÄNDE, 1998.

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einem leichten Rückgang setzte sich 1999 der Anstieg weiter fort. Zu den wachsenden Betrugsformen gehören auch Unredlichkeiten im Dienstleistungssektor (vor allem Leistungskreditbetrug) und der Betrug zum Nachteil von Sozialversicherungen sowie das unberechtigte Beziehen von Sozialleistungen. Als neue Betrugsvariante im Anwachsen begriffen sind betrügerische Nutzungen der Kommunikationsdienste. Schaubild 2.3-8: Häufigkeitszahlen von Waren- und Warenkreditbetrug 1987-1999

294

350 300 255

Bund esgeb iet

193

203

Neue Länder

214

214

Alte Länder*

250

94

95

96

167 162

151 140

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84 84

82 82

82 82

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200

50 0 87

88

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Jahr

* Seit 1991 einschließlich Gesamtberlin Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Außer den Betrugsdelikten stiften vor allem Untreuetatbestände großen wirtschaftlichen Schaden (1999: 4,243 Mrd. DM durch nur 33.272 Taten). Ähnlich gravierend sind die wirtschaftlichen Konsequenzen von Konkursdelikten (3.000 Fälle mit 899 Mio. DM Schaden). 2.3.6.2 Leistungserschleichung (insbesondere "Schwarzfahren") Abschließend soll auf ein Betrugsdelikt eingegangen werden, das massenhaft begangen wird, aber völlig untypisch ist. Trotz des geringen jeweils verursachten Schadens ergeben sich wiederkehrend Debatten über seine adäquate kriminalpolitische Regelung.398 Allerdings steht eine Schätzung des Schadens vor erheblichen Problemen, denn bei diesem Delikt ist im Gegensatz zu vielen Betrugsdelikten von einem großen Dunkelfeld auszugehen. Die PKS weist 146.264 Fälle für das Jahr 1999 aus. Dies dürften fast durchweg Fälle von Beförderungserschleichung („Schwarzfahren“) sein, weil andere Leistungserschleichungen kaum angezeigt werden. Die Verkehrsbetriebe der Großstädte - und insbesondere dort wird dieses Delikt begangen - haben ganz unterschiedliche Abmachungen mit den örtlichen Staatsanwaltschaften getroffen. Meist erfolgt keine Anzeige, wenn eine Person erstmalig ohne gültigen Fahrschein angetroffen wird und das „erhöhte Beförderungsentgelt“ entrichtet. In etwa jedem sechsten Fall handelt es sich dabei um Fahrlässigkeit, so dass die Voraussetzungen des § 265a StGB nicht erfüllt sind. Erst bei mehrfacher Deliktwiederholung, oder wenn es beim Aufgriff zu weiteren Straftaten gekommen ist, erfolgt eine Anzeige. Für Stuttgart und Frankfurt wird eine Anzeigequote von 4% berichtet, für Bremen immerhin von 16%.399 Solche Unterschiede der Relationen zwischen Aufgriffen und Anzeigen erklären, warum in Städten über 200.000 Einwohnern die Häufigkeitszahlen des Delikts zwischen 39 (Saarbrücken) und 1322 (Aachen) im Jahr 1999 differieren können. Darüber hinaus können sich diese Häufigkeitszahlen von ei-

398 399

Vgl. ALBRECHT, P. A. u. a., 1992, S. 34; FUNKE, R., 1995, S. 10. Vgl. STAHLKNECHT, J., 1995, S. 9 f.; FALKENBACH, T., 1983, S. 86; HAUF, C. J., 1995b, S. 23.

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nem Jahr zum anderen dramatisch ändern; z. B. halbierten sie sich im Jahr 1999 gegenüber 1998 für Erfurt, Oberhausen, Lübeck und Stuttgart und verdoppelten sich für Hagen oder Magdeburg.400 In solchen Zahlensprüngen erweist sich der Charakter der Beförderungserschleichung als Kontrolldelikt: Wenn die Verkehrsbetriebe Kampagnen der Fahrscheinüberprüfung durchführen, steigt die registrierte Deliktbelastung teilweise drastisch. Von den bei Kontrollen entdeckten Fahrgästen ohne gültigen Fahrausweis wird das erhöhte Beförderungsentgelt verlangt; insofern entsteht den Betrieben durch die ertappten Täter tatsächlich kein Schaden. Wohl aber durch im Dunkelfeld verbleibende Taten, dessen Größe sich ungefähr durch Hochrechnung aus der Dichte der Kontrollen schätzen lässt. Kontrolliert werden etwa 2-3% der Beförderungsfälle; entsprechend können die entdeckten Fälle von Beförderungserschleichung in einer Relation von 1:33 bzw. 1:50 hochgerechnet werden. Die Delikthäufigkeit ist in den neuen Ländern nur etwa halb so hoch wie im alten Bundesgebiet. Bei diesem Kontrolldelikt ist als Grund dafür in erster Linie an seltenere Überprüfungen zu denken. Nach Studien zur selbstberichteten Delinquenz ist im Osten tatsächlich von höherer Prävalenz auszugehen.401 Präventionskonzepte müssen wohl entweder auf Verdichtung der Kontrollen und damit erkennbare Erhöhung des Entdeckungsrisikos abstellen, oder auf technische Prävention bzw. Sichtkontrolle der Fahrscheine.402 Dass auch für Massenverkehrsmittel wie U- und S-Bahnen durch Wertmarkensysteme oder elektronische Zugangsschranken dieses Delikt relativ wirksam eingeschränkt werden kann, ist aus dem Ausland (z. B. den USA) bekannt. 2.3.7 Strafverfolgung Jede zweite Aburteilung bzw. Verurteilung (ohne Straßenverkehrsdelikte) erfolgt in Deutschland wegen eines Deliktes der Fallgruppen Diebstahl und Unterschlagung bzw. Betrug und Untreue. Insofern ist kaum überraschend, dass die allgemeinen Darstellungen über die strafrechtlichen Reaktionen, die im dritten Abschnitt dieses Berichtes gegeben werden, im Wesentlichen auch für die Eigentums- und Vermögensdelikte zutreffen. Bedeutsam ist, dass die Verurteilungsziffern (berechnet auf 100.000 der jeweiligen deutschen Altersgruppe) bei Eigentumsdelikten seit dem Jahr 1996 leicht zugenommen haben. In den Altersgruppen unter 25 Jahren ist diese Steigerung insbesondere bei einfachem Diebstahl erkennbar. Damit wird deutlich, dass die Strafverfolgung von Ladendiebstahl in jüngster Zeit intensiviert wurde. Bei sinkender Häufigkeitszahl der Eigentumsdelikte, aber steigender Aufklärungsrate bei Diebstahl der verschiedenen Varianten, impliziert eine wachsende Verurteilungsziffer eine erhöhte Kontrolldichte. Damit scheint die unterschiedliche kriminalpolitische Ausrichtung, die in einzelnen Ländern zu einer zurückhaltenden Reaktion bis hin zu formularmäßiger Verfahrenseinstellung bei Ersttätern vor allem des Ladendiebstahls neigte, in anderen dagegen zum Prinzip der "Null-Toleranz" auch im Bagatellbereich, tendenziell zugunsten der letzteren Position verschoben zu werden. Ob solche Ansätze präventiv wirksam sind, könnten detaillierte Untersuchungen zu Umfang und Effektivität klären.403 Bezüglich der Sanktionierung gilt: Wegen Diebstahl und Unterschlagung wurden im Jahre 1998 auf jugendliche und heranwachsende Verurteilte, soweit letztere nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) verurteilt wurden, in ganz ähnlicher Relation wie bei den Straftaten insgesamt die Sanktionen des Jugendrechts

400

Vgl. BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, Tabelle 176, S. 192. Vgl. KREUZER, A. u. a., 1993. 402 Vgl. VAN ANDEL, H., 1992, S. 154 f. 403 So wird z. B. der Modellversuch „Soforteinbehalt“ im Bereich der Polizeidirektion Nürnberg von der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden vergleichend untersucht. 401

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angewendet. So wurde nur geringfügig seltener Jugendstrafe verhängt (17% gegenüber 19%); Zuchtmittel (75%) und Erziehungsmaßregeln (8%) entsprachen mit minimaler Abweichung dem generellen Muster. Allerdings hat sich in der Forschung über Diversion eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft der Staatsanwaltschaft zur Verfahrenseinstellung bei einfachem Diebstahl erwiesen.404 Soweit die Strafverfolgung von Diebstahl und Unterschlagung nach dem allgemeinen Strafrecht erfolgte, waren geringe Abweichungen von den generellen Sanktionsmuster gegeben. Geldstrafe kam etwas seltener (76% gegenüber 81%), unbedingt verhängte Freiheitsstrafe deutlich häufiger (10% gegenüber 6%) zur Anwendung. Soweit Geldstrafen verhängt wurden, variierte die Zahl der Tagessätze in 65% der Fälle zwischen fünf und 30; dies waren insbesondere Fälle des einfachen Diebstahls, in der Regel wohl von Ladendiebstahl. Die Reaktionen auf Einbruchsdiebstahl fielen in der Regel gemäß der Mindeststrafdrohung des § 243 StGB a.F. von drei Monaten (die für Wohnungseinbruch mit Wirkung vom 1. April 1998 auf sechs Monate erhöht wurde, § 244 StGB n.F.) erheblich schärfer aus. Geldstrafe wurde 1998 nur in 22% der Verurteilungen verhängt, wobei es sich oft um Fälle des Versuchs handeln dürfte. 34% der Verurteilungen erfolgten zu unbedingt zu verbüßender Freiheitsstrafe, 43% erkannten auf Bewährung. Sofern wegen Einbruchdiebstahls nach JGG verurteilt wurde, wo die Mindeststrafen des StGB keine Geltung besitzen, war gleichfalls eine erheblich schärfere Sanktionspraxis erkennbar: in jedem dritten Fall wurde auf Jugendstrafe erkannt, bei jedem achten Verurteilten (12%) war sie direkt anzutreten. Betrugs- und Untreuedelikte waren insbesondere bei Erwachsenen Gegenstand der Strafverfolgung. Hier wurde etwas häufiger (85%) Geldstrafe verhängt; die Aussetzungsquote der Freiheitsstrafe war mit 77% gleichfalls höher als der für alle Straftaten gültige Wert (68%). Die Strafverfolgung der Eigentums- und Vermögensdelikte unterscheidet sich schon aufgrund ihrer großen quantitativen Bedeutung nicht wesentlich von den Strukturen, die für die Strafverfolgung allgemein gelten. Insofern ist den im dritten Teil des Berichtes dargelegten Bewertungen der Strafverfolgung allgemein und ihres Potentials zur Kriminalitätsprävention insbesondere durch Spezialprävention nichts hinzuzufügen. Dies gilt insbesondere für die Überlegungen zur Eindämmung des Gebrauchs der kurzen Freiheitsstrafe einerseits, zur Anwendung von Bewährungsstrafen andererseits (vgl. 3.3.5.4 unten). 2.3.8 Zusammenfassung und Ausblick Spezifische Aspekte der Entwicklung der Eigentums- und Vermögenskriminalität sind Konsequenzen sowohl der Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft und als auch der zunehmenden sozioökonomischen Differenzierung. Der Überfluss an Wertgegenständen wächst. Die Geschwindigkeit, mit der Produkte durch technische Neuerungen ersetzt werden, nimmt zu. Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen können an diesem Wohlstand in gleicher Weise teilnehmen. Das entstehende Gefälle fördert Tendenzen zu illegalem Eigentumserwerb. Gleichzeitig bewirkt die Schnelligkeit, mit der Produkte durch Neuerungen abgelöst werden, eine Erosion der Bindungen an Eigentum. Vor diesem Hintergrund sind die Entwicklungen von Eigentums- und Vermögenskriminalität einzuschätzen. Die Beobachtung, dass Eigentumskriminalität kontinuierlich zurückgeht, ist zwar beruhigend. Da dies allerdings auf immer noch hohem Niveau geschieht, ist eine Entwarnung unangebracht. Es ist davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Umfang an Eigentumskriminalität anhaltendes Charakteristikum der Wohlstandsgesellschaft bleibt. Spezifische Deliktformen, und zwar insbesondere auch jene, die größeren materiellen und immateriellen Schaden verursachen, lassen mehr Prävention zu, als gegenwärtig praktiziert wird; darauf wurde jeweils hingewiesen.

404

Vgl. STORZ, R., 1992, S. 149 ff.

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Um eine weitere Senkung der beiden Massendelikte Ladendiebstahl und Beförderungserschleichung zu erreichen, sind insbesondere Formen technischer Prävention auszuweiten. Wo immer dies geschieht, muss auf Erkennbarkeit der höheren Risiken einer Deliktbegehung für den Bürger geachtet werden. Nur wenn Indizien der Verfolgungswahrscheinlichkeit sichtbar sind, können sie Einschränkung der Tathäufigkeit bewirken. Generalprävention durch Erhöhung des Verfolgungsrisikos setzt effektive Informationsverbreitung darüber voraus. Dieser Mechanismus wirkt am ehesten noch bei Bagatelldelikten; sie werden bei erkennbarer Entdeckungsgefahr leichter unterlassen als schwerere Delikte405, an deren Begehung auch bei erkennbaren Risiken eher festgehalten wird.

2.4

Wirtschaftskriminalität Kernpunkte

♦ Wirtschaftskriminalität ist kein quantitatives, sondern ein qualitatives Problem. Auf Wirtschaftskriminalität entfielen 1999 in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr als 1,7% aller polizeilich bekannt gewordenen Straftaten. ♦ Dieser vergleichsweise geringen Fallzahl steht jedoch eine "außerordentlich hohe Qualität an Deliktspotential" gegenüber: Wenige Beschuldigte schädigen viele Opfer und verursachen - im Vergleich zur "klassischen" Vermögenskriminalität - relativ hohe Schäden. Noch gravierender als die materiellen Schäden könnten freilich die immateriellen Schäden sein, die in Ansteckungs-, Nachahmungs-, Sog-, Spiral- und Fernwirkungen, in Kettenreaktionen sowie in gesundheitlichen Gefährdungen und Schädigungen gesehen werden. Befürchtet wird darüber hinaus ein Schwinden des Vertrauens in die Funktionsfähigkeit der geltenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. ♦ Wirtschaftskriminalität ist, im Unterschied zur "klassischen" Vermögenskriminalität, zu einem erheblichen Teil Verbandskriminalität, d. h., dass es sich weitaus häufiger als sonst um Delikte handelt, die unter dem Mantel einer Einzelfirma oder einer handelsrechtlichen Gesellschaft - vornehmlich einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), einer offenen Handelsgesellschaft (OHG) oder einer Kommanditgesellschaft (KG) - begangen werden. ♦ Bei den registrierten Delikten der Wirtschaftskriminalität handelt es sich - ebenfalls im Unterschied zur "klassischen" Vermögenskriminalität - weitgehend um sog. Überwachungs- und Kontrolldelikte. Damit ist gemeint, dass ein Strafverfahren überwiegend nicht von einem betroffenen Opfer, sei es einer Privatperson oder einer staatlichen Institution, eingeleitet wird, sondern nur dann, wenn die Tat von den Strafverfolgungsorganen selbst entdeckt und aufgeklärt wird. Dies beruht zum einen auf der besonderen Opferstruktur bei Wirtschaftskriminalität: Der Anteil der Kollektivopfer ist sehr viel höher als bei "klassischer" Vermögenskriminalität. Dort aber, wo sich die Täter-Opfer-Beziehung "verflüchtigt", bedarf es verstärkter Anstrengungen der Instanzen formeller Sozialkontrolle, also insbesondere der Polizei, der Wirtschaftskontrolldienste usw., um die fehlende Kontrolle durch die Opfer auszugleichen. ♦ Die Erledigungspraxis der Staatsanwaltschaften in "besonderen Wirtschaftsstrafverfahren" unterscheidet sich von der sonst vorherrschenden Erledigungspraxis: Die Einstellungsraten wegen fehlenden Tatverdachts sind deutlich höher; niedriger sind sowohl die Anklageraten als auch die Anteile der aus Opportunitätsgründen eingestellten Verfahren. Die Komplexität der Verfahren, die Schwierigkeit des Tatnachweises, die "Beschwerdemacht" des Beschuldigten, das sind einige der Gründe, die dazu führen, dass es häufiger zu einer Verfahrenseinstellung kommt als in Fällen der "klassischen" Eigentums- und Vermögenskriminalität mit vergleichsweise wesentlich geringerem Schadensumfang. ♦ Die Sanktionspraxis bei Wirtschaftskriminalität lässt sich für die Mehrzahl aller Aburteilungen wegen nicht hinreichend differenzierter statistischer Informationen nicht messen.

405

Vgl. SCHUMANN, K. F. u. a., 1987, S. 165 ff.

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2.4.1 Begriff der Wirtschaftskriminalität Wirtschaftskriminalität verdient unter verschiedenen Gesichtspunkten erhöhte Aufmerksamkeit. Seine Brisanz verdankt das Thema zunächst und vor allem der Annahme, Wirtschaftskriminalität verursache zwar ernorme Schäden, deren negative Auswirkungen vielfach nicht auf einen Einzelnen beschränkt blieben, mit Mitteln des (Straf-)Rechts sei aber den Tätern nur sehr schwer beizukommen. Dabei wurde die Notwendigkeit intensiver sozialer einschließlich strafrechtlicher Kontrolle auch mit dem verfassungsrechtlichen Gebot der Gleichbehandlung und einer sozialstaatlichen Gerechtigkeitsvorstellungen entsprechenden Neugewichtung der Straftatbestände begründet. So hob auch die Bundesregierung 1975 hervor, dass "eine Rechtsordnung, die dem Fehlverhalten des durchschnittlichen Bürgers ohne Schwierigkeiten begegnen" könne, "jedoch vor Manipulationen von Intelligenztätern im Wirtschaftsverkehr allzu oft die Waffen strecken"406 müsse, "nicht dem Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz" genüge. Dieser sozialkritische Ansatz lag auch dem berühmten "white-collar"-Konzept des amerikanischen Kriminologen E. H. SUTHERLAND zugrunde, der mit Nachdruck auf die Tatsache der "Weiße-KragenKriminalität" aufmerksam machte, also auf "Delikte, begangen von einer ehrbaren Person mit hohem sozialem Ansehen im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit"407. Vor diesem Hintergrund hat der Gesetzgeber durch die beiden Gesetze zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität von 1976 und 1986, durch die beiden Gesetze zur Bekämpfung der Umweltkriminalität von 1980 und 1994 sowie durch zahlreiche Gesetze im Nebenstrafrecht das materielle Wirtschaftsstrafrecht grundlegend reformiert und durch prozessuale Regelungen auch die Voraussetzungen für eine effektivere Aufklärung und Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten geschaffen.408 Trotz der gesteigerten Aufmerksamkeit für das Problemfeld Wirtschaftskriminalität und trotz einer intensiven Diskussion ist es bislang nicht gelungen, einen allgemein anerkannten und trennscharfen Begriff der Wirtschaftskriminalität zu entwickeln.409 Im Kern geht es um Bereicherungskriminalität, die verübt wird im Zusammenhang mit der (tatsächlichen oder auch nur vorgetäuschten) Erzeugung, Herstellung und Verteilung von Gütern oder der Erbringung und Entgegennahme von Leistungen des wirtschaftlichen Bedarfs. Einbezogen ist dabei nicht nur die Phase der aktiven Wirtschaftstätigkeit, sondern auch die der Gründung (z. B. Gründungsschwindel durch Angabe falscher Vermögensverhältnisse) wie des Ausscheidens aus dem Wirtschaftsverkehr (z. B. Konkursdelikte).410 Zur Eingrenzung dieser immer noch weiten Definition wird im wirtschaftsstrafrechtlichen Schrifttum überwiegend gefordert, die wirtschaftliche Betätigung müsse unter Missbrauch des im Wirtschaftsleben nötigen Vertrauens begangen werden und über eine individuelle Schädigung hinaus Belange der Allgemeinheit (überindividuelles Rechtsgut) berühren.411 Die in Betracht kommenden Deliktsformen sind, wie in sonst keinem Deliktsbereich, überaus vielfältig und vielgestaltig. Allein die Tatsache, dass schon Anfang der achtziger Jahre über 200 Bundesgesetze zu dem Bereich wirtschaftsdeliktischen Verhaltens gerechnet wurden, gibt bereits eine ungefähre Vorstellung von der enormen Breite des Deliktsspektrums. Auch die polizeiliche Definition der "Wirtschaftskriminalität", die sich an der in § 74c Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) enthaltenen Zuständigkeitsregelung

406

Regierungsentwurf eines Ersten Gesetzes zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität vom 1.4.1975, BT-Drs. 7/3441, S. 14. SUTHERLAND, E. H., 1949, S. 2: "A crime committed by a person of respectability and high social status in the course of his occupation". 408 Zu einem Überblick über die wesentlichen gesetzlichen Regelungen vgl. DANNECKER, G., 2000, Rn. 54 ff. 409 Zu Nachweisen über die zahlreichen Definitionen vgl. BERCKHAUER, F., 1977, S. 22 ff.; DANNECKER, G., 2000, Rn. 5 ff.; GEERDS, D., 1990, S. 6 ff.; HEINZ, W., 1998c, S. 13 ff.; LIEBL, K., 1983, S. 408 ff.; OPP, K.-D., 1975, S. 45 ff. 410 Folgerichtig unterscheiden MÜLLER-GUGENBERGER, C. und K. BIENECK bei Anlegung der „Sicht eines Unternehmens“ (S. V) die „Pflichtverstöße bei Gründung des Unternehmens“, die „Pflichtverstöße beim Betrieb des Unternehmens“ und die „Pflichtverstöße bei Beendigung und Sanierung des Unternehmens“. 411 Zusammenfassend DANNECKER, G., 2000, Rn. 9. 407

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der Wirtschaftsstrafkammern orientiert, zeigt diese Bandbreite.412 Danach zählen derzeit zur Wirtschaftskriminalität: "1. Die Gesamtheit (Ausn. Computerbetrug) der in § 74c Abs. 1 Nr. 1-6 GVG aufgeführten Straftaten a) nach dem Patentgesetz, dem Gebrauchsmustergesetz, dem Halbleiterschutzgesetz, dem Sortenschutzgesetz, dem Markengesetz, dem Geschmacksmustergesetz, dem Urheberrechtsgesetz, dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, dem Aktiengesetz, dem Gesetz über die Rechnungslegung von bestimmten Unternehmen und Konzernen, dem Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung, dem Handelsgesetzbuch, dem Gesetz zur Ausführung der EWG-Verordnung über die Europäische wirtschaftliche Interessenvereinigung, dem Genossenschaftsgesetz und dem Umwandlungsgesetz, b) nach den Gesetzen über das Bank-, Depot-, Börsen- und Kreditwesen, dem Versicherungsaufsichtsgesetz sowie dem Wertpapierhandelsgesetz, c) nach dem Wirtschaftsstrafgesetz 1954, dem Außenwirtschaftsgesetz, den Devisenbewirtschaftungsgesetzen sowie dem Finanzmonopol-, Steuer- und Zollrecht, auch soweit dessen Strafvorschriften nach anderen Gesetzen anwendbar sind; dies gilt nicht, wenn dieselbe Handlung eine Straftat nach dem Betäubungsmittelgesetz darstellt und nicht für Steuerstraftaten, welche die Kraftfahrzeugsteuer betreffen, d) nach dem Weingesetz und dem Lebensmittelrecht, e) des Subventionsbetruges, des Kapitalanlagebetruges, des Kreditbetruges, des Bankrotts, der Gläubigerbegünstigung und der Schuldnerbegünstigung, f) der wettbewerbsbeschränkenden Absprachen bei Ausschreibungen sowie der Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr, g) des Betruges, des Computerbetruges, der Untreue, des Wuchers, der Vorteilsgewährung und der Bestechung, soweit zur Beurteilung des Falles besondere Kenntnisse des Wirtschaftslebens erforderlich sind. 2. Delikte, die im Rahmen tatsächlicher oder vorgetäuschter wirtschaftlicher Betätigung begangen werden und über eine Schädigung von Einzelnen hinaus das Wirtschaftsleben beeinträchtigen oder die Allgemeinheit schädigen können und/oder deren Aufklärung besondere kaufmännische Kenntnisse erfordert."413 2.4.2 Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität Die Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität werden bestimmt durch Wirtschaftssystem und -verfassung, durch Sozialstruktur, technischen Stand und Wirtschaftsentwicklung. Veränderungen in diesen Bereichen beeinflussen Umfang und Formen der Wirtschaftskriminalität, führen zu neuen Delinquenzphänomenen und lassen andere nahezu bedeutungslos werden. Neben alte Formen, wie Buchhaltungsund Bilanzdelikte, Schutzgelderpressungen und Korruption, Steuerhinterziehung, Bankrottdelikte, Wucher und Bestechung, Nahrungs- und Genussmittelverfälschungen, Wirtschaftsspionage und Insidergeschäfte treten neue Formen, die erst durch Entwicklungen in Wirtschaft und Technik möglich geworden sind, wie Computerkriminalität und illegale Arbeitnehmerüberlassung, Produktpiraterie und betrügerische Warenterminoptionen, Geldwäsche, Waffenhandel, grenzüberschreitende und organisierte Wirtschaftskriminalität. 412

Im Unterschied zu diesem strafprozessual-kriminaltaktisch orientierten Ansatz werden im wirtschaftsstrafrechtlichen Schrifttum überwiegend Ansätze vertreten, die - entsprechend der Orientierung des deutschen Tatstrafrecht - vom jeweils geschützten Rechtsgut ausgehen; vgl. DANNECKER, G., 2000, Rn. 10; HEINZ, W., 1995a, S. 167 ff.; HEINZ, W., 1998c, S. 20 F.; KAISER, G., 1996, S. 858; LAMPE, E.-J., 1981. 413 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 15.

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Schon diese Aufzählung einiger weniger Erscheinungsformen zeigt zum einen, dass es "die" Wirtschaftskriminalität und "den" Wirtschaftskriminellen nicht gibt, dass sich vielmehr hinter diesem Sammelbegriff eine "verwirrend bunte Palette"414 von verschiedenartigsten Sachverhalten und von Handlungsweisen unterschiedlichster Schwere verbirgt. Es handelt sich um keine homogene, sondern eine höchst heterogene Gruppe krimineller Erscheinungsformen. Die Aufzählung zeigt zum anderen aber auch, dass die Erscheinungsformen - teilweise jedenfalls - dem zeitlichen Wandel unterworfen sind, der sich so rasch vollzieht wie bei kaum einer anderen Form der Delinquenz. Angesichts des beschränktem Raums ist im Folgenden eine differenzierte, auf die einzelnen Deliktsformen eingehende Darstellung, angefangen vom Anlagebetrug über Insolvenzdelikte bis hin zum Wettbewerbsverstoß, nicht möglich. Dies müsste einem künftigen Sicherheitsbericht vorbehalten bleiben. Hier sollen nur einige allgemeine Eckdaten zur Wirtschaftskriminalität vorgestellt werden, um die Besonderheiten dieser Deliktsgruppe zu verdeutlichen, die ihre besondere Sozialschädlichkeit ausmachen. 2.4.3 Wirtschaftskriminalität nach Umfang, Struktur und Entwicklung 2.4.3.1 Dunkel- und Hellfeld der Wirtschaftskriminalität Wie auch sonst, so stellen die in den Kriminalstatistiken registrierten Fälle von Wirtschaftskriminalität nur einen Ausschnitt dar. Unbekannt ist, wie groß dieser Ausschnitt ist, weil die zur Bestimmung des tatsächlichen Umfangs und der realen Entwicklung der Wirtschaftskriminalität erforderlichen Forschungen zum Dunkelfeld weitgehend fehlen und, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, mit den herkömmlichen kriminologischen Instrumenten zur Aufhellung des Dunkelfeldes (Täter- und Opferbefragungen, Experiment, teilnehmende Beobachtung) auch kaum durchführbar sind. Es kann deshalb derzeit lediglich begründet vermutet werden, das Dunkelfeld sei relativ groß. Einige der Gründe, die die Größe des Dunkelfeldes bestimmen, wie z. B. die Abschottung durch einen Geheimnisschutz oder die Befürchtung nachteiliger Folgen bei Aufdeckung und Verfolgung, führen dazu, dass die Kooperation der von Wirtschaftskriminalität Betroffenen mit der Wissenschaft, die für die klassische Dunkelfeldforschung erforderlich ist, insgesamt sehr zurückhaltend ist. Dies kann dazu führen, dass die Ergebnisse systematisch verzerrt sind, weil z. B. vornehmlich von diesen Delikten Betroffene kooperieren mit der Folge, dass die Deliktshäufigkeit überschätzt wird. Meist wird freilich das Gegenteil der Fall sein, nämlich die fehlende Kooperation. Wie schwierig es grundsätzlich ist, in diesem Feld kooperative Betroffene zu finden, zeigt beispielhaft die Befragung deutscher und ausländischer Gastronomen zum Thema Korruption durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen.415 Das Ausmaß und die deliktsspezifisch unterschiedliche Größe des Dunkelfeldes der Wirtschaftskriminalität hat strukturelle Gründe. Wirtschaftsstraftaten sind häufig so angelegt, dass das Delikt mangels eines unmittelbar und persönlich Geschädigten gar nicht bemerkt wird. Beispiele hierfür sind die Steuerhinterziehung, der Subventionsbetrug, die Nichtabführung von Beiträgen zur Sozialversicherung, die Preisabsprachen bei Kartellbildungen. Nicht selten sind die Mitwisser zugleich die Mittäter bzw. die am Delikt Beteiligten, wie bei Korruption. Hinzu kommt, dass die üblichen Mechanismen sozialer Kontrolle weitgehend versagen. Wie die "Bundesweite Erhebung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten" (BWE) gezeigt hat, handelt es sich bei knapp 50% der von schwerer Wirtschaftskriminalität Geschädigten um Kollektivopfer (Staat, soziale Einrichtungen), von den Individualopfern wiederum waren die Hälfte Unternehmen. Die Opfereigenschaft "verflüchtigt" sich bei Kollektivopfern.416 Dementsprechend ist die Anzeigebereitschaft zumeist geringer als bei einem unmittelbaren, persönlich betroffenen

414

KAISER, G., 1996, S. 856. Vgl. OHLEMACHER, T., 1998, S. 46: Am telefonischen Interview nahmen nur 21% und an einer postalischen Befragung nur 13% der kontaktierten Gastwirte teil. 416 KAISER, G., 1996, S. 539. 415

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Opfer. Sie dürfte ferner dort geringer sein, wo der Geschädigte sich selbst der Gefahr der Strafverfolgung aussetzt, so bei der Anlage von nicht versteuerten Einkünften. Schließlich dürften viele Geschädigte zivilrechtliche Mittel vorziehen. Selbst dort, wo sie damit keinen Erfolg haben, besteht häufig kein Interesse daran, das Geschehen durch Einleitung eines Strafverfahrens öffentlich werden zu lassen. Der hierdurch eintretende Rufschaden wird vielfach höher eingeschätzt als das Ergebnis eines Strafverfahrens. 2.4.3.2 Wirtschaftskriminalität im Hellfeld 2.4.3.2.1 Statistische Erkenntnismittel Aber nicht nur über das Dunkelfeld ist der Wissensstand gering, sondern auch über Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Wirtschaftskriminalität, jedenfalls gemessen an dem, was aus anderen Kriminalitätsbereichen an Informationen vorliegt. Das Hellfeld der Wirtschaftskriminalität lässt sich aufgrund der derzeit verfügbaren statistischen Erkenntnismittel bestenfalls "ungefähr" bestimmen. Dies beruht zum einen darauf, dass es an einer trennscharfen Definition fehlt. Dies beruht zum anderen aber auch darauf, dass Wirtschaftskriminalität aufgrund der gegenwärtigen Konzeption der amtlichen Statistiken entweder so gut wie gar nicht - so in der Strafverfolgungsstatistik (StVSt) - oder - so für die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) - in quantitativer Hinsicht nur für Teilbereiche, in qualitativer Hinsicht nur sehr unvollkommen erfasst werden kann. Spezielle statistische Erhebungen werden nur für Teilbereiche, z. B. für die Bußgeldverfahren wegen Kartellordnungswidrigkeiten, durchgeführt. (1)

417

Die amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken, insbesondere die PKS und die StVSt, informieren nur unvollständig, nicht hinreichend zuverlässig bzw. zu wenig differenziert über Wirtschaftsstraftaten. (1.1) In ihnen werden nur Verbrechen und Vergehen erfasst, jedoch keine Ordnungswidrigkeiten. Quantitativ wie qualitativ bedeutsame Teile des deutschen Wirtschaftsstrafrecht sind lediglich als Ordnungswidrigkeiten ausgestaltet, obgleich es sich hierbei um teilweise gravierende Verstöße handelt, wie z. B. Kartellabsprachen. Informationen zu wirtschaftsbezogenen Ordnungswidrigkeiten417 stehen nur für Teilbereiche zur Verfügung (Steuerstrafsachenstatistik, Tätigkeitsberichte des Bundeskartellamtes). (1.2) In der PKS werden nur jene Fälle erfasst, die von der Polizei bearbeitet werden. Im Bereich der Wirtschaftskriminalität fehlen deshalb jene Fälle, die von den Schwerpunktstaatsanwaltschaften in Wirtschaftsstrafsachen oder von den Steuerbehörden unmittelbar und abschließend bearbeitet werden. (1.3) Obwohl es eine Vielzahl von wirtschaftsstrafrechtlichen Normen gibt, kommen einige wenige Straftatbestände besonders häufig zur Anwendung, insbesondere Betrug, Untreue, Urkundenfälschung sowie Steuerstraftatbestände. Statistiken, wie die StVSt, in der lediglich erfasst wird, wie häufig z. B. diese Straftatbestände einer Verurteilung zugrunde lagen, erlauben keine Differenzierung zwischen wirtschaftskriminellen und nichtwirtschaftskriminellen Handlungen.418 Hierzu bedarf es der Ergänzung des Straftatenkatalogs durch einen phänomenologischen Ansatz, wie er derzeit lediglich in der PKS erfolgt. In ihr werden insbesondere bei den typischen wirtschaftsstrafrechtlichen Auffangstraftatbeständen mehrere Hauptgruppen mit zahlreichen Untergruppen getrennt ausgewiesen. Selbst durch diese Auffächerung lässt sich nur ein Teil der Erscheinungsformen selbständig erfassen. So werden knapp zwei Drittel der bei Betrug ausgewiesenen Wirtschaftsstraftaten in der Sammelkategorie

Gesamtübersichten zu den Ordnungswidrigkeiten, soweit sie zu einen gerichtlichen Verfahren führten, finden sich zwar in der Justizgeschäftsstatistik der Strafgerichte (StPOWi-Statistik). In ihr wird aber hinsichtlich der Ordnungswidrigkeiten nur zwischen Verkehrsordnungswidrigkeiten und sonstigen Ordnungswidrigkeiten unterschieden. 418 Die strafrechtliche Reaktion auf Wirtschaftskriminalität ist deshalb nur für jene Fälle erkennbar, in denen ein selbständiger, eindeutig der Wirtschaftskriminalität zuordenbarer Straftatbestand (z. B. Kredit- oder Subventionsbetrug) verwirklicht wurde.

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„sonstiger Betrug“ registriert, weil sie keiner selbständigen Fallgruppe zugeordnet werden konnten. Erscheinungsformen im Nebenstrafrecht werden ohnedies zumeist in Sammelgruppen erfasst. Da nicht alle dieser Erscheinungsformen, z. B. Kreditbetrug, als Wirtschaftskriminalität anzusehen sind, wird seit 1984 über eine Sonderkennung erfasst, ob eine polizeilich registrierte Straftat der "Wirtschaftskriminalität" i. S. der polizeilichen Definition zuzuordnen ist.419 Freilich ist auch diese Zuordnungsregel durch die beiden Generalklauseln der Definition - Eignung zur Beeinträchtigung des Wirtschaftslebens bzw. der Schädigung der Allgemeinheit einerseits, des Erfordernisses besonderer kaufmännischer Kenntnisse zur Fallaufklärung - offen und vage; sie hat sich deshalb in der polizeilichen Praxis als "fehleranfällig"420 erwiesen.421 Hinsichtlich der wirtschaftsstrafrechtlichen Tatbestände des Nebenstrafrechts ist dagegen die StVSt differenzierter als die PKS,422 wobei sich allerdings dieser Nachweis auf die wegen Verstößen gegen diese Nebengesetze Abgeurteilten beschränkt. (2)

Auf der Ebene der Staatsanwaltschaften wurde die Erledigung der schweren Wirtschaftskriminalität im Rahmen einer Sondererhebung erfasst. Diese 1974 begonnene BWE wurde aufgrund eines Beschlusses der Konferenz der Justizminister und -senatoren zum 31.12.1985 eingestellt.423 Die seitdem im Rahmen der StA-Statistik erfolgende Erhebung über "besondere Wirtschaftsstrafverfahren"424 ist wegen der - gegenüber der BWE - erheblich reduzierten Zahl der Erhebungsmerkmale425 kein äquivalenter Ersatz und bleibt deutlich hinter dem mit der BWE erreichten Stand zurück.426

(3)

Nicht so sehr die Quantität, als vielmehr das Maß der mit Wirtschaftskriminalität verbundenen Sozialschädlichkeit macht die Besonderheit von Wirtschaftskriminalität aus. Derzeit ist aber als qualitatives Maß lediglich der in der PKS erfolgende Ausweis über den deliktischen Schaden ver-

419

Bei allen Straftatenschlüsseln, bei denen es nicht durch eine Plausibilität (= keine Wikri möglich) ausgeschlossen wird, ist die Anwendbarkeit der Sonderkennung zu prüfen und gegebenenfalls durch Ankreuzen von "Wikri = ja" zu erfassen. „Art und Ausmaß der sich in der PKS widerspiegelnden Wirtschaftskriminalität hängt unmittelbar von der Entscheidung des kriminalpolizeilichen Sachbearbeiters ab. Bei ihm liegt weitestgehend die Definitionsmacht darüber, was Wirtschaftskriminalität ist.“ (STÜLLENBERG, H. und V. STEPHAN, 1994, S. 22). 420 BUNDESKRIMINALAMT, Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 229. 421 Mangels Fehleranalyse ist unbekannt, in welche Richtung der Fehler geht und wie groß er sein könnte. 422 Im Wirtschaftsnebenstrafrecht werden u. a. derzeit ausgewiesen: Straftaten nach dem Wirtschaftsstrafgesetz, dem Außenwirtschaftsgesetz, dem Kriegswaffenkontrollgesetz, dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, der Gewerbeordnung, dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz, dem Gesetz über das Kreditwesen, dem Wertpapierhandelsgesetz, dem Jugendarbeitsschutzgesetz, der Abgabenordnung, dem Gesetz betr. die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG), dem Urheberrechtsgesetz, dem Markengesetz, dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. 423 Die ausführlichen Ergebnisse wurden bis 1981 einschließlich veröffentlicht; vgl. LIEBL, K., 1984. Für die Jahre 1982 bis 1985 liegen lediglich die in den Pressemitteilungen des Bundesministeriums des Justiz veröffentlichten Teilergebnisse vor; die ausführlichen Ergebnisse sind nicht zugänglich. 424 Darunter sind diejenigen Ermittlungsverfahren zu verstehen, "die Vergehen im Sinne des § 74c Abs. 1 Nr. 1 bis 3, 5 und 6 GVG oder Vergehen gemäß §§ 266a, 283b StGB zum Gegenstand haben". Ausgenommen hiervon sind Ermittlungsverfahren, "in denen allein Anklagen zum Strafrichter und Strafbefehlsanträge, falls bei diesen nach Einspruch der Strafrichter entscheiden soll, in Betracht kommen; bei Einstellungen ist maßgeblich, ob die Sache nach Art und Umfang mindestens zur Zuständigkeit des Schöffengerichts gehört hätte" (vgl. AV d. JuM Baden-Württemberg vom 29.7.1987 - Die Justiz S. 361). Die Abgrenzungsschwierigkeiten, die insbesondere mit § 74c Abs. 1 Nr. 6 GVG verbunden sind, werden damit in die Statistik übernommen. Wegen Umstellungsproblemen sind die Ergebnisse erst ab 1987 vergleichbar. 425 In der BWE wurden folgende Variablen erfasst: Tag des Eingangs und der Erledigung, die Rechtsform der Firma des Schädigers, die Branche, die Zahl der Einzelfälle und der Geschädigten sowie die Höhe des Gesamtschadens. Ab 1977 wurden des Weiteren die Einleitung der Ermittlung, Geschlecht und Vorbelastung der Beschuldigten, Registrierung im Gewerbezentralregister, Zusammenhang der Straftat des Beschuldigten mit seiner Tätigkeit im Unternehmen, Art der Geschädigten, geschätzter Gesamtschaden erhoben; vgl. LIEBL, K., 1984, S. 82. In der StA-Statistik beschränkt sich der Nachweis auf die Gesamtzahl der erledigten Verfahren und der Erledigungsart; die Art der den Verfahren zugrunde liegenden Straftaten wird nicht erhoben. 426 „Eine solche rückschrittliche Entwicklung bei der Erhebung wirtschaftsstrafrechtlich sowie wirtschaftskriminalistisch/kriminologisch interessanter Rechtstatsachen läuft dem allseits beklagten Mangel an aussagekräftigem Datenmaterial über und Untersuchungen zur Wirtschaftskriminalität zuwider.“ (STÜLLENBERG, H und V. STEPHAN, 1994, S. 20).

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fügbar. Damit ist freilich nur eine von mehreren Dimensionen erfasst. (4)

Sonderstatistiken, die diese Lücken der amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken schließen könnten, liegen nur für Teilbereiche vor. Hierzu zählen insbesondere (4.1) die seit 1970 veröffentlichte Steuerstrafsachenstatistik,427 wobei sich die veröffentlichten Informationen auf die Wiedergabe der Gesamtzahl der Urteile und Strafbefehle bzw. Bußgeldbescheide und der Summe der insgesamt verhängten Geld- und Freiheitsstrafen beschränken; eine Aufgliederung nach Straftatbeständen erfolgt nicht. (4.2) die Tätigkeitsberichte des Bundeskartellamtes, in denen sowohl über die Zahl der anhängigen und abgeschlossenen Bußgeldverfahren, die wegen Verdachts eines Verstoßes gegen Verbote des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) durchgeführt worden sind, sowie über die hierfür einschlägigen Rechtsgrundlagen und über die Art des Verfahrensabschlusses informiert wird auch als Bußgeldverfahren von Bedeutung textlich dargestellt werden, (4.3) die vom Bundeszentralregister veröffentlichten Statistiken aus dem Datenbestand des Gewerbezentralregisters (GZR), nämlich Gewerbezentralregisterdaten und GZR-Daten zur Schwarzarbeit.

(5)

Wirtschaftsstatistiken, wie die Jahresstatistik über die rechtskräftig gewordenen Mehrergebnisse der steuerlichen Betriebsprüfung, die Statistik über die Ermittlungsergebnisse der Steuer- und Zollfahndung, die Arbeitsergebnisse der Lohnsteuer-Außenprüfung, die Ergebnisse der Betriebsprüfung Zoll, die Statistik über Zahlungsschwierigkeiten (Insolvenzen bzw. Scheck- und Wechselproteste) sowie die Statistik der Wechselproteste und nicht eingelösten Schecks geben zwar grobe Anhaltspunkte; den auf kriminelle Manipulationen entfallenden Anteil lassen sie aber nicht erkennen.

Die Informationen über Wirtschaftskriminalität, die derzeit in den amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken sowie in einigen Sonderstatistiken verfügbar sind, lassen danach weder die Quantität noch die Qualität von amtlich bekannt gewordener Wirtschaftskriminalität vollständig und hinreichend zuverlässig erkennen. Als Planungs- und Informationsinstrument für den Gesetzgeber sind sie deshalb nur bedingt geeignet. Dieses Defizit soll nunmehr verringert werden. Erstmals für das Jahr 2000 soll vom Bundeskriminalamt ein "Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität" erstellt werden, in dem die Ergebnisse der PKS, die Ergebnisse der Auswertungen des polizeilichen Meldedienstes "Wirtschaftskriminalität" berücksichtigt sowie Daten und Erkenntnisse anderer Behörden einbezogen werden sollen. Ergänzend wurden die bestehenden Melderichtlinien überarbeitet. 2.4.3.2.2 Polizeilich registrierte Wirtschaftskriminalität - Eckdaten zu Fällen und Tatverdächtigen Unter dem Vorbehalt, dass derzeit die Zuordnung zur Sonderkennung "Wirtschaftskriminalität" "fehleranfällig" ist, lässt sich hinsichtlich der polizeilich registrierten Wirtschaftskriminalität in der Bundesrepublik Deutschland feststellen: 1. 1999 wurden von der Polizei insgesamt 6,3 Mio. Fälle (ohne Straßenverkehrs- und ohne Staatsschutzdelikte) registriert. Darunter befanden sich 108.890 Fälle, die der Wirtschaftskriminalität zugeordnet wurden, also 1,7% (Tabelle 2.4-1).

427

Die Steuerstrafsachenstatistik der Steuerverwaltungen der Länder und der Bundesfinanzverwaltung wird aus den Steuerstrafsachenstatistiken der Länder (Besitz- und Verkehrssteuern) und der Bundesfinanzverwaltung (Zölle und Verbrauchssteuern) vom Bundesfinanzministerium zusammengestellt.

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Tabelle 2.4-1: Polizeilich registrierte Fälle von Wirtschaftskriminalität1), von Straftaten gegen strafrechtliche Nebengesetze auf dem Wirtschaftssektor, darunter Straftaten im Zusammenhang mit Lebensmitteln 1984-1999* Bekannt gewordene Straftaten insgesamt

Jahr 1984 1985 1986 1987 1988 19894) 1990 1991 1992 19934) 19944) 19954) 19964) 19974) 19984) 19994)

N 4.132.783 4.215.451 4.367.124 4.444.108 4.356.726 4.358.573 4.455.333 4.752.175 5.209.060 6.750.613 6.537.748 6.668.717 6.647.598 6.586.165 6.456.996 6.302.316

Wirtschaftskriminalität insgesamt (SZ: 8930)

N 46.805 41.675 38.926 38.769 34.404 56.940 33.392 25.669 31.964 46.055 62.037 74.177 91.827 106.053 86.232 108.890

HZ3) 77 68 64 63 56 92 53 39 49 57 76 91 112 129 105 133

darunter: Betrug als Wirtschaftsstraftat (SZ: 8931) HZ 51 46 38 41 37 75 38 25 32 43 56 64 73 88 64 80

Straftaten gg. strafr. NebenG auf Wirtsch.Sektor2) (SZ: 7100) HZ 20 23 27 27 32 36 26 22 26 29 29 34 57 43 38 46

Straftaten i. Z. m. Lebensmitteln2) (SZ: 7160)

HZ 0 0 0 7 9 12 7 8 11 8 8 9 30 9 10 9

* 1984 bis 1992 alte Länder, davon 1991 und 1992 einschließlich Gesamtberlin; seit 1993 Deutschland. 1)

Als Wirtschaftskriminalität i. S. der Polizeilichen Kriminalstatistik (Summenschlüssel 8930) sind "anzusehen: 1. Die Gesamtheit (Ausnahme: Computerbetrug) der in § 74c Abs. 1 Nr. 1-6 GVG aufgeführten Straftaten ... 2. Delikte, die im Rahmen tatsächlicher oder vorgetäuschter wirtschaftlicher Betätigung begangen werden und über eine Schädigung von Einzelnen hinaus das Wirtschaftsleben beeinträchtigen oder die Allgemeinheit schädigen können und/oder deren Aufklärung besondere kaufmännische Kenntnisse erfordert." BUNDESKRIMINALAMT (Hg.), Polizeiliche Kriminalstatistik 1999, S. 15. 2) Bekannt gewordene Fälle, unabhängig von ihrer Einordnung als "Wirtschaftskriminalität". 3) Polizeilich bekannt gewordene Fälle pro 100.000 Einwohner. 4) In Spalten 2 und 3: Komplexe Ermittlungsverfahren mit zahlreichen Einzelfällen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

2. Die Aufklärungsquote für die Sammelgruppe Wirtschaftskriminalität lag im Schnitt der letzten zehn Jahre bei über 90%. Dies zeigt, dass bei Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zumeist auch die Tatverdächtigen benannt werden können. Allerdings setzt sich, wie der Vergleich mit den Daten der StAStatistik (unten 2.4.6.2) zeigt, der polizeiliche Verdacht nicht in hohen Anklageraten um. Die Einstellungsrate wegen fehlenden hinreichenden Tatverdachts ist höher als in Verfahren der allgemeinen Kriminalität. 3. Die durch Wirtschaftskriminalität verursachten Schäden sind weitaus höher als die der klassischen Eigentums- und Vermögenskriminalität. Trotz des niedrigen Fallaufkommens entfielen 1999 61% aller in der PKS registrierten Schäden auf Wirtschaftskriminalität. 4. Entsprechend der geringen Fallzahl beträgt der Anteil der wegen Wirtschaftskriminalität polizeilich ermittelten Tatverdächtigen lediglich 1,5%. Die Zusammensetzung der Tatverdächtigen der Wirtschaftskriminalität weist eine andere Struktur auf als der Durchschnitt der anderen Straftaten. Wirt-

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schaftskriminalität wird überdurchschnittlich häufig von Erwachsenen428 und von Deutschen429 verübt. Wirtschaftskriminalität ist demnach kein quantitatives, sondern ein qualitatives Problem. Durch Wirtschaftskriminalität entstehen hohe Schäden; der registrierte Gesamtschaden ist weitaus höher als der für die gesamte sonstige Eigentums- und Vermögenskriminalität registrierte Schaden. Wirtschaftskriminalität ist nicht Jugend-, sondern Erwachsenenkriminalität. Tatverdächtige von Wirtschaftskriminalität sind überproportional häufig Deutsche. 2.4.3.2.3 Struktur der amtlich registrierten Wirtschaftskriminalität 2.4.3.2.3.1 Überblick Die durch die Sonderkennung der Wirtschaftskriminalität zugeordneten Fälle werden in der PKS u. a. in sechs Hauptgruppen (mit Untergruppen) dargestellt.430 Wie Tabelle 2.4-2 zeigt, weisen die auf die einzelnen Deliktsgruppen entfallenden Anteile keine allzu große Konstanz auf. Dies kann als Indiz dafür verstanden werden, dass einzelne Ermittlungsvorgänge mit einer Vielzahl von Fällen das Bild erheblich beeinflussen können. Ferner zeigt sich, dass der Betrug unter den polizeilich registrierten Fällen der Wirtschaftskriminalität dominiert. Seit 1994 standen durchschnittlich zwei Drittel aller Fälle von Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Betrug. Relativ häufig - zwischen 25% und 30% - betrafen die Ermittlungsverfahren "Wirtschaftskriminalität im Anlage- und Finanzierungsbereich" sowie "Betrug und Untreue im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen". Deutlich seltener waren - im Schnitt weniger als 10% - die anderen Hauptgruppen, nämlich Insolvenzstraftaten, Wettbewerbsdelikte und Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen. Die durch das 1. und 2. WiKG neu eingeführten Vorfeldtatbestände des Betruges (Kapitalanlagebetrug [§ 264a StGB], Kreditbetrug [§ 265b StGB], Subventionsbetrug [§ 264 StGB], Computerbetrug [§ 263a StGB] i. e. S. der Sonderkennung als Wirtschaftskriminalität) spielen quantitativ keine Rolle. Diese vier Delikte machten 1999 gerade 1,5% aller polizeilich registrierten Fälle der Wirtschaftskriminalität aus. Außerhalb der nach polizeilicher Definition der Wirtschaftskriminalität zugeordneten Delikte haben die Verstöße gegen strafrechtliche Nebengesetze auf dem Wirtschaftssektor, einschließlich der Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz, in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen (vgl. Tabelle 2.4-1). Im Unterschied zu den amtlichen Kriminalstatistiken wurde für die in der BWE erfassten Fälle der schweren Wirtschaftskriminalität431 auch die Unternehmensform erfasst. Bei rund zwei Drittel der Fälle schwerer Wirtschaftsdelikte handelte es sich damals um eine Art Verbandskriminalität, d. h. um Delikte, die unter dem Mantel einer Einzelfirma oder einer handelsrechtlichen Gesellschaft - vornehmlich einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), einer offenen Handelsgesellschaft (OHG) oder einer Kom-

428

1999 waren 69,6% aller registrierten Tatverdächtigen Erwachsene, bei Wirtschaftskriminalität belief sich der Erwachsenenanteil dagegen auf 96,6%. 429 1999 waren insgesamt 74,4% der Tatverdächtigen Deutsche, bei Wirtschaftskriminalität waren es 84,3%. 430 Da die einzelnen Gruppen nicht überschneidungsfrei sind, lassen sie sich nicht zu einer Gesamtsumme aufaddieren; entsprechend ist die Summe der Anteile höher als 100%. Die in Tabelle 2 ausgewiesenen Anteile zeigen gleichwohl zum einen die relative Häufigkeit des Vorkommens der einzelnen Hauptgruppen im Verhältnis zueinander, zum anderen, wie häufig bestimmte Fallgruppen die Polizei mindestens auch beschäftigten. 431 Zu berücksichtigen ist, dass für die BWE nur die „schadensschweren“ Wirtschaftsstraftaten im Sinne von § 74c GVG erfasst wurden, weil nur die von den Staatsanwaltschaften bearbeiteten Delikte mit Schäden über 1.000 DM Gegenstand der Erhebung waren (zu diesem bis 1981 geltenden Ausschlusskriterium vgl. BERCKHAUER, F., 1977, S. 122; LIEBL, K., 1984, S. 96 Anm. 14). Nicht erfasst wurden dementsprechend die Ordnungswidrigkeiten (z. B. Kartelldelikte) und die nicht von der Staatsanwaltschaft erledigten Wirtschaftsstraftaten (z. B. ein Teil der Steuerdelikte). Nicht erfasst wurde ferner die leichtere Wirtschaftskriminalität, bei der entweder eine Anklage zum Einzelrichter erfolgte oder der Erlass eines Strafbefehls beantragt wurde.

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manditgesellschaft (KG) - begangen worden waren.432 Inwieweit dies heute noch zutrifft, ist mangels entsprechender Erhebungen unbekannt. Tabelle 2.4-2: Polizeilich registrierte Fälle von Wirtschaftskriminalität1) 1994-1999

insges. SZ: 8930 Jahr N 1994 62.037 1995 74.177 1996 91.827 1997 106.053 1998 86.232 1999 108.890 1)

Wirtschaftskriminalität insgesamt (ohne Computerkriminalität) darunter (auch mehrfach zugeordnet): Betrug als i. Z. m. WirtschaftsArbeitsInsolvenzim Anlage- u. Wettbewerbsstraftat straftaten Finanzbereich delikte verhältnissen 8931 8932 8933 8934 8935 N % N % N % N % N % 45.815 73,9 4.096 6,6 23.456 37,8 1.738 2,8 12.326 19,9 51.895 70,0 5.364 7,2 28.264 38,1 3.208 4,3 3.584 4,8 59.749 65,1 6.786 7,4 23.530 25,6 4.650 5,1 6.515 7,1 72.128 68,0 8.472 8,0 36.106 34,0 9.864 9,3 7.004 6,6 52.604 61,0 9.773 11,3 18.536 21,5 6.833 7,9 6.722 7,8 65.857 60,5 9.970 9,2 20.562 18,9 14.405 13,2 8.351 7,7

i. Z. m. Beteiligungen u. Kapitalanlagen 8936 N % 20.583 33,2 25.245 34,0 22.028 24,0 33.771 31,8 15.068 17,5 13.858 12,7

Zur Definition von „Wirtschaftskriminalität" (8930) i. S. der PKS siehe Tabelle 2.4-1, Anm. 1. Die Straftatenschlüssel umfassen (Stand: 1999) folgende Straftaten (jeweils nur Fälle mit Sonderkennung WiKri=ja): 8931: Wirtschaftskriminalität bei Betrug (Schlüssel 5100 des Straftatenkatalogs) 8932: Insolvenzstraftaten umfasst die folgenden Straftaten 5600: Konkursstraftaten nach dem StGB (mit allen Unterschlüsseln) 7121: Konkursverschleppung nach dem GmbH-Gesetz 7122: Konkursverschleppung nach HGB 8933: Wirtschaftskriminalität im Anlage- und Finanzierungsbereich pp. umfasst die folgenden Straftaten 5130: Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug (mit allen Unterschlüsseln) 5141: Kreditbetrug (§ 265b StGB) 5143: Kreditbetrug (§ 263 StGB) 5144: Wechselbetrug 5145: Wertpapierbetrug 7140: Straftaten i.V.m.d. Bankgewerbe sowie Wertpapierhandelsgesetz 8934: Wettbewerbsdelikte (Änderungen in der Zusammensetzung dieses Summenschlüssels erfolgten 1994, 1995 und 1998, die Vergleichbarkeit ist insoweit eingeschränkt) 6560: Wettbewerbsbeschränkende Absprachen bei Ausschreibung 7150: Straftaten gegen Urheberrechtsbestimmungen (mit allen Unterschlüsseln) 7192: Straftaten nach UWG (ohne § 17 UWG) 8935: Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen umfasst die folgenden Straftaten 5173: Arbeitsvermittlungsbetrug 5177: Betrug z.N. von Sozialversicherungen und Sozialversicherungsträgern 5220: Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt (§ 266a StGB) 7130: Delikte i.V.m. illegaler Arbeitnehmerüberlassung 8936: Betrug und Untreue im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen umfasst die folgenden Straftaten 5131: Prospektbetrug (§ 264a StGB) 5132: Anlagebetrug (§ 263 StGB) 5133: Betrug bei Börsenspekulationen 5134: Beteiligungsbetrug 5211: Untreue bei Kapitalgeschäften Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

2.4.3.2.3.2 Betrug als Wirtschaftsstraftat 1999 waren 9,2% aller registrierten Betrugsfälle der Wirtschaftskriminalität zuzuordnen (vgl. Tab. 2.4-3). Die nähere Analyse zeigt ein Dreifaches: Erstens erfüllten lediglich die als Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug zusammengefassten Fallgruppen, ferner der Kreditbetrug (§ 265b StGB) sowie der Subventionsbetrug (§ 264 StGB) aus polizeilicher Sicht (fast) ausnahmslos die Zuordnungskriterien für "Wirtschaftskriminalität".

432

Vgl. LIEBL, K., 1984, S. 141 ff.; S. 469 ff.

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Tabelle 2.4-3: Polizeilich registrierte Fälle von Betrug und hierunter der Wirtschaftskriminalität (SZ 8930) zugeordnete Fälle 1999 davon der Wirtschaftskriminalität zugeordnet Polizeilich registrierte Anteil Wirtschafts- (Sp. 3) in % (Sp. 3) in % Betrugsfälle (Sp. 3) in % kriminalität von 5100 d. jew. insgesamt von Sp. 1 Untergr.

SZ 5100 5110 5111 5112 5113 5120 5130 5131 5132 5133 5134 5135 5136 5140 5141 5142 5143 5144 5145 5160 5161 5162 5163 5164 5165 5170 5171 5172 5173 5174 5175 5176 5177 5178 5179 5181 5183 5189

Spalte: Delikts(-unter)gruppe Betrug Waren- und Warenkreditbetrug - betrügerisches Erlangen von Kfz - sonstiger Warenkreditbetrug - Warenbetrug Grundstücks- und Baubetrug Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug - Prospektbetrug § 264a StGB - Anlagebetrug nach § 263 StGB - Betrug bei Börsenspekulation - Beteiligungsbetrug - Kautionsbetrug - Umschuldungsbetrug Geldkreditbetrug - Kreditbetrug § 265b StGB - Subventionsbetrug § 264 StGB - Kreditbetrug § 263 StGB - Wechselbetrug - Wertpapierbetrug Betrug mittels rechtswidrig erlangter unbarer Zahlungsmittel - Euroschecks - sonstige Schecks - Karten für Geldausgabe- bzw. Kassenautomaten - Kreditkarten - sonstige unbare Zahlungsmittel sonstiger Betrug - Leistungsbetrug - Leistungskreditbetrug - Arbeitsvermittlungsbetrug - Betrug z.N.v. Versicherungen §§ 263, 265 StGB - Computerbetrug § 263a StGB - Provisionsbetrug - Betrug z.N.v. Sozialversicherungen und Sozialversicherungsträgern - (sonstiger) Sozialleistungsbetrug (soweit nicht unt. Schl.Z. 5177 erfasst) - Betrug mit Zugangsberechtigung zu Kommunikationsdiensten - Abrechnungsbetrug - Kontoeröffnungs- und Überweisungsbetrug - sonstige weitere Betrugsarten

(1) N 717.333 137.182 3.115 118.832 15.235 835

(2) % 9,2 2,4 6,3 2,4 1,8 24,4

(3) N 65.836 3.294 197 2.819 278 204

(4) % 100,0 5,0

17.526 118 9.041 920 3.168 4.228 51 10.853 525 665 9.034 592 37

100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 31,5 100,0 99,8 23,6 13,3 51,4

17.526 118 9.041 920 3.168 4.228 51 3.419 525 664 2.132 79 19

26,6

92.704 10.605 4.483

0,7 0,5 6,8

637 50 306

1,0

36.613 36.198 4.805 311.880 30.654 25.062 1.561

0,5 0,4 0,6 13,0 13,4 5,0 2,4

167 129 30 40.689 4.117 1.265 37

8.489 4.474 2.146

1,6 8,0 13,8

139 360 297

0,3 0,9 0,7

21.835

2,8

608

1,5

24.262

7,8

1.898

4,7

1.412 13.476

3,2 0,3

45 41

0,1 0,1

3.296 104.016

1,7 3,6

56 3.703

0,1 9,1

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

(5) % 100,0 6,0 85,6 8,4

0,3

5,2

61,8

100,0 0,7 51,6 5,2 18,1 24,1 0,3 100,0 15,4 19,4 62,4 2,3 0,6 100,0 7,8 48,0 26,2 20,3 4,7 100,0 10,1 3,1 0,1

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Zweitens weisen lediglich noch der "Grundstücks- und Baubetrug" sowie der allgemeine Kreditbetrug (§ 263 StGB) mit Anteilen von um die 25% an den jeweiligen Betrugsfällen eine gewisse Affinität zur Wirtschaftskriminalität auf. In allen anderen Fällen scheint es nach Einschätzung der polizeilichen Sachbearbeiter keine für Wirtschaftskriminalität typischen Fallgestaltungen betrügerischen Handelns zu geben. Drittens zeigt die Tatsache, dass 62% der der Wirtschaftskriminalität zugeordneten Betrugsfälle der Restkategorie "sonstiger Betrug" zugewiesen wurden, dass der gegenwärtige Katalog, mit der praxisrelevante Erscheinungsformen des Betrugs erfasst werden sollen, nicht sonderlich trennscharf ist. Fallbeispiel: "Anfang 1999 wurden sechs mutmaßliche Betrüger im Alter zwischen 27 und 44 Jahren festgenommen, die im Verdacht standen, bundesweit Banken in zweistelliger Millionenhöhe geschädigt zu haben. Der in der Immobilienbranche als "Überfinanzierung" bekannten Betrugsmasche lag folgende Vorgehensweise zugrunde: Eigentumswohnungen, die aufgrund ihres baulichen Zustandes und ihrer Lage am regulären Wohnungsmarkt schwer verkäuflich waren, wurden zu weit überhöhten Preisen an Kunden mit finanziellen Engpässen verkauft, denen im Gegenzug erhebliche Bargeldzahlungen in Aussicht gestellt wurden. Anschließend wurden Banken gesucht, die bereit waren, große Teile des überhöhten Kaufpreises zu finanzieren. Diese wurden über den wirklich vereinbarten Kaufpreis sowie den wahren Wert der Wohnungen und über die finanziellen Verhältnisse der Kunden getäuscht. Regelmäßig wurden den getäuschten Banken gefälschte Gehaltsunterlagen und Steuerbescheinigungen vorgelegt. Auf diese Weise wurden beispielsweise aus Arbeitslosen aus Sicht der Banken höhere Angestellte oder Selbstständige mit sechsstelligen Jahreseinkommen. Signalisierte die jeweilige Bank für die Finanzierung grünes Licht, war der Coup gelaufen, an dem zunächst alle Beteiligten profitierten. Nach Abzug der meist geringen Kosten für die Anschaffung der Wohnung wurde der verbleibende "Gewinn" (meist weit über 100.000 DM) unter Verkäufern, diversen Vermittlern und dem jeweiligen Kunden aufgeteilt. Erst einige Zeit später, nachdem die Kredite notleidend wurden, realisierten die Banken ihren Schaden. Regelmäßig erbrachten Wohnungen, die unter den genannten Umständen finanziert wurden, in der Zwangsversteigerung nur einen geringen Bruchteil, Ausfälle in Höhe von über 200.000 DM pro Wohnung waren keine Seltenheit. Aber auch für die beteiligten Käufer endete die Mitwirkung an dem dargelegten Konzept fatal. Denn diesen blieb auch nach der Zwangsversteigerung ihrer Wohnung ein entsprechender Schuldenberg. Weiter müssen sie, insbesondere wenn sie sich mehrfach an Konzepten der dargelegten Art beteiligt haben, selbst wegen Teilnahme am Betrug mit Bestrafung rechnen. Allein im Zusammenhang mit den nunmehr festgenommenen Personen konnten mehr als 150 Wohnungen im ganzen Bundesgebiet ermittelt werden, die auf die dargelegte Weise betrügerisch finanziert wurden. Die Schäden, die der Kreditwirtschaft aus diesem Konzept erwachsen, belaufen sich auf ca. 18 Mio. DM. Beschuldigte wurden zwischenzeitlich vom Landgericht Stuttgart rechtskräftig zu Freiheitsstrafen zwischen zwei und vier Jahren verurteilt. Gegen die drei Hauptbeschuldigten wird von einer Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart in Kürze das Verfahren eröffnet."433 2.4.3.2.3.3 Insolvenzstraftaten als Wirtschaftsstraftaten Die in der PKS ausgewiesenen Insolvenzstraftaten umfassen die Konkursstraftaten nach dem StGB (§§ 283 ff. StGB) sowie die Konkursverschleppung (§ 84 GmbH-Gesetz, §§ 130, 170a HGB). Knapp 60% der 1999 registrierten Fälle entfielen auf die Konkursverschleppung nach GmbH-Gesetz, weitere 40% auf die eigentlichen Konkursstraftaten. Insolvenzstraftaten sind häufig verbunden mit der Nichtabführung von Sozialversicherungsbeiträgen, dem Vorenthalten von Löhnen und Gehältern sowie mit Steuerhinterziehung.

433

LANDESKRIMINALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (Hg.), 2000a, S. 42 f.

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Die Entwicklung der Insolvenzstraftaten ist weitgehend abhängig von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. Deshalb ist nachvollziehbar, dass der Anteil der Insolvenzstraftaten in den neuen Ländern überproportional hoch ist. Fallbeispiel: "Im Gefängnis lernten sich 1993 die 51- bzw. 54-jährigen Deutschen M. und B. kennen. Als M. entlassen wurde, vereinbarten sie, dass dieser zunächst eine Baufirma als Einzelunternehmer und später als GmbH in Gründung eröffnet. Im Dezember 1996 wurde mittels Gesellschaftsvertrag die M. GmbH gegründet. M. und B. wurden als alleinvertretungsberechtigte Geschäftsführer bestellt. Das Stammkapital betrug 200.000 DM. Aufgrund von Zweifeln des zuständigen Amtsgerichts am Gegenstand der Sacheinlage und wegen eines nicht ausreichenden Sachgründungsberichts, kam es nicht zur Eintragung der GmbH in das Handelsregister. Von 1996 bis zur Konkurs-Antragsstellung im April 1997 wurden bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigt und ein Umsatz über der Millionengrenze erwirtschaftet. Durch Missmanagement und Untreuehandlungen z. N. der Gesellschaft kam es in der Folgezeit zu Liquiditätsproblemen. Miete, Löhne und Sozialabgaben konnten nicht mehr oder nur verspätet entrichtet werden. Im November 1996 wurden Lastschriften der Hausbank nicht mehr eingelöst, im Januar 1997 blieben Pfändungsversuche erfolglos. M. wurde zweimal wegen Bankrotts, wegen unordentlicher Buchführung und Nichterstellens der Bilanz sowie wegen Vorenthaltens des Arbeitnehmerentgelts (ca. 240.000 DM) zu zwei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Das Ermittlungsverfahren gegen B. wurde eingestellt."434 2.4.3.2.3.4 Wirtschaftskriminalität im Anlage- und Finanzbereich In dieser Straftatengruppe werden für die PKS zusammengefasst Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug, Kreditbetrug (§§ 263, 265b StGB), Wechselbetrug, Wertpapierbetrug sowie Straftaten in Verbindung mit dem Bankgewerbe. 1999 entfielen von den registrierten Fällen in den alten Ländern 93% auf den Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug. In den neuen Ländern wurden wegen dieser beiden Delikte nur 8% der Straftaten dieser Gruppe registriert; hier stand mit 79% der Kreditbetrug im Vordergrund.435 Schwerpunktbereiche des Kapitalanlagebetrugs sind, einer Darstellung des Landeskriminalamtes BadenWürttemberg zufolge: - "Dubiose Anlageobjekte in wertlosen Diamanten oder durch manipulierte Gutachten überbewertete Farbedelsteine, - Beteiligungen am in Wirklichkeit nicht existenten internationalen Handel mit Bankgarantien, so genannten "stand by letter of credit" (SLC), "prime bank promissory notes" (PBN) oder "prime bank guarantees" (PBG), - Spekulationen mit Waren-, Finanz- und Devisentermingeschäften, - Beteiligung an Zinsdifferenzgeschäften, - Beteiligung an so genannten Wertdifferenzgeschäften im Zusammenhang mit der angeblichen Kreditierung von Grundschuldbriefen zur Kapitalschöpfung für die Beteiligung am "Bankgarantiehandel", - Handel mit mehr oder weniger wertlosen Pfennigaktien, so genannten "Penny Stocks", - Anlagen in Pools, unabhängig von der Bestückung dieser Pools. - In verschiedenen Fällen ersparen sich die Initiatoren betrügerischer Anlagegeschäfte die Nennung von Details der angeblichen Anlage und propagieren ihr Konzept geheimnisvoll mit dem Lockmittel angeblich sehr hoher Renditen. Letztlich funktionieren all diese Konzepte nach dem Prinzip des Schneeballsystems. Die Anlagegelder werden meist überhaupt nicht angelegt sondern veruntreut, eventuelle Renditezahlungen oder Anlagerückzahlungen werden aus Neuanlagen bestritten. Auch Folgebetrugshandlungen zum doppelten "Abzocken" von Opfern sind weiterhin aktuell. Dabei wird Op434

LANDESKRIMINALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (Hg.), 1999, S. 20. Die genauen Gründe für diese Unterschiede sind unbekannt. Vermutet werden können Unterschiede in der Aufhellung des Dunkelfeldes, Zuordnungsunterschiede, aber auch Auswirkungen der langen Vertragslaufzeiten beim Kapitalanlagebetrug, weshalb in den neuen Ländern möglicherweise erst in einigen Jahren vermehrt mit Anzeigen zu rechnen sein könnte.

435

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fern die Wiederbeschaffung der verlorenen Anlagegelder angeboten. Die Anbieter dieser Aktionen sind in der Regel die eigentlichen Täter oder ehemalige Mittäter des vorausgegangenen Anlagebetruges selbst. Sie haben es nur auf die im Voraus verlangten Gebühren beziehungsweise Provisionen abgesehen."436 2.4.3.2.3.5 Wettbewerbsdelikte als Wirtschaftsstraftaten Wettbewerbsdelikte i. S. der PKS umfassen neben den 1998 neu aufgenommenen wettbewerbsbeschränkenden Absprachen bei Ausschreibung die Straftaten gegen Urheberrechtsbestimmungen sowie die Straftaten nach UWG (ohne § 17 UWG). Vier von fünf registrierten Fällen entfielen 1999 auf die UWGDelikte. 2.4.3.2.3.6 Wirtschaftsstraftaten im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen Unter "Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen" werden zusammengefasst Arbeitsvermittlungsbetrug, Betrug zum Nachteil von Sozialversicherungen und Sozialversicherungsträgern (§ 263 StGB), Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt (§ 266a StGB) sowie Delikte in Verbindung mit illegaler Arbeitnehmerüberlassung (§§ 15, 15a AÜG, §§ 227, 227a AFG). Quantitativ standen 1999 unter den registrierten Straftaten dieser Gruppe Verstöße gegen § 266a StGB im Vordergrund. Deutlich überproportional wurden diese Straftaten in den neuen Ländern polizeilich registriert. Fallbeispiel: "Der Beschuldigte war geschäftsführender Gesellschafter und alleiniger Verantwortlicher einer Firma mit dem Gewerbezweck "Mechanische Bearbeitung, Montage von Baugruppen". In dieser Eigenschaft beschäftigte er sowohl feste Arbeitnehmer als auch geringfügig Beschäftigte. Hinsichtlich der geringfügig beschäftigten Personen splittete er bei insgesamt 102 Arbeitnehmern die Arbeitsstunden auf Scheinnamen, um so die Geringfügigkeitsgrenze der Stundenzahlen sowie des Arbeitslohnes nicht zu überschreiten. Bei den Scheinnamen handelte es sich überwiegend um Namen von Familienangehörigen der tatsächlich beschäftigten Personen. In sämtlichen Fällen wurden die Arbeitsstunden/Löhne auf einen und teilweise auf bis zu drei weitere Scheinnamen verteilt. Diese Vorgehensweise wurde im Zeitraum von 1990 bis 1996 praktiziert. Nach Prüfung und Schadensberechnung wurde eine Schadenssumme in Gesamthöhe von 1.014.624,50 DM errechnet. Hierbei handelte es sich um nachzuzahlende Gesamtsozialversicherungsbeiträge aller Beschäftigten. Gegen die 102 Beschäftigten, bei denen der Lohn gesplittet wurde, wurde Anzeige wegen Beihilfe erstattet, da diese dem Verantwortlichen Namen von Familienangehörigen benannten, die nicht als geringfügig beschäftigte Arbeitnehmer registriert waren. Durch weitere Ermittlungen konnte festgestellt werden, dass der Beschuldigte drei Beschäftigten Bescheinigungen über geringfügigen Verdienst für das Arbeitsamt ausstellte, weshalb diese zu Unrecht ungekürzte Leistungen an Arbeitslosenhilfe erhielten. Hierdurch entstanden Nachforderungen des Arbeitsamtes in Höhe von mind. 20.000 DM. Die Steuerfahndung und das Finanzamt wurden wegen des Verdachts der Lohnsteuerhinterziehung zur Berechnung der nachzufordernden Lohnsteuer in das Verfahren einbezogen. Es dürfte sich hierbei um Nachzahlungen in 6-stelliger Höhe handeln."437 2.4.3.2.3.7 Wirtschaftsstraftaten im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen Betrug und Untreue im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen umfasst die folgenden Straftaten: Kapitalanlagebetrug (§ 264a StGB), Anlagebetrug (§ 263 StGB), Betrug bei Börsenspekulationen, Beteiligungsbetrug sowie Untreue bei Kapitalgeschäften. Quantitativ im Vordergrund stand unter den 1999 polizeilich registrierten Fällen der Anlagebetrug, auf den 65% dieser Gruppe entfielen. An zweiter Stelle folgt der Betrug bei Börsenspekulationen mit einem Anteil von 23%.

436 437

LANDESKRIMINALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (Hg.), 2000a, S. 17 f. LANDESKRIMINALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (Hg.), 1999, S. 36.

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Schäden der Anleger sind vor allem eingetreten bei den auf dem so genannten "Grauen Kapitalmarkt" vermittelten Finanzprodukten, wie z. B. beim Handel mit dem Phantasieprodukt "Bankgarantien", ferner dem sog. zins- und tilgungsfreien Kredit (Depositendarlehen) oder dem Erwerb geschlossener Immobilienanteile, bei Anlagen in Waren- und Devisentermingeschäften sowie beim Kauf von so genannten "penny stocks", also Aktien mit einem sehr geringen Wert.438 Angelockt durch angeblich weit überdurchschnittlich hohe Renditen und/oder Steuervorteile sind offenbar immer noch Anlagewillige bereit, trotz umfassender Hinweise in den Medien, in Risikoanlagen zu investieren. Anlagebetrüger nutzen hierbei nicht selten auch die in wirtschaftlicher Hinsicht bestehenden Zukunftsängste der Opfer aus. Dadurch dass die Anleger in Sicherheit gewiegt werden, weil es sich vielfach um Schneeballsysteme handelt, bei denen mit den Geldern von "Neu-Anlegern" Renditen bezahlt werden, werden Anzeigen oft sehr spät erstattet. Dies gibt den Betrügern relativ viel zeitlichen Spielraum, die betrügerischen Geschäfte auszudehnen und die Gelder in Sicherheit zu bringen. Soweit, wie gelegentlich vermutet wird, nicht versteuerte Gelder (Schwarzgeld) im Spiel sind, ist dies ein weiterer Grund, der Opfer dazu veranlassen kann, auf Anzeige zu verzichten.439 Da ein Teil der Anleger jedoch Anzeige erstattet, wird im Rahmen der Ermittlungen zumeist das gesamte Geschäftsgebaren aufgedeckt. Fallbeispiel: "Ein 43-jähriger Kaufmann zeichnete für mehrere Kapitalanlagefirmen mit Domiziladressen in den USA, der Schweiz und der Bundesrepublik verantwortlich. Ab Ende 1993 bis zu seiner Festnahme im Mai 1998 spiegelte er insgesamt 2.800 Anlegern vor, über ein renommiertes Brokerhaus in den USA einen Aktienhandel an den amerikanischen Börsen zu betreiben. Dadurch könnten überdurchschnittliche, meist zweistellige monatliche Renditen erzielt werden. So sei bei einer Einzahlung von 10.000 DM zuzüglich 5% Agio im Januar 1994 bis Ende 1996 ein Vermögen von 773.739 DM erwirtschaftet worden. Jeder Anleger erhalte angeblich ein eigenes Depot, das über den Broker gegen Betrug und Konkurs versichert sei. Tatsächlich existierte diese Versicherung jedoch nicht. Ab Mitte 1996 fungierte eine Heilbronner Firma als Service- und Treuhandbüro. Die beiden Geschäftsführer - ein 48-jähriger Elektromonteur und ein 57-jähriger Versicherungskaufmann - zeichneten hauptsächlich für den Vertrieb der Kapitalanlagen und die Betreuung der Anleger verantwortlich. Mit den Anlagegeldern wurde jedoch kein Aktienhandel betrieben. Vielmehr wurden Forderungen von Altkunden nach dem Schneeballsystem mit Anlagegeldern von Neukunden beglichen. Der Gefährdungsschaden beträgt über 60 Mio. DM, wobei der tatsächliche Schaden bei etwa 35 Mio. DM liegt. Von den Verantwortlichen wurde ein hoher Teilbetrag zur Bestreitung ihres aufwändigen Lebensstils persönlich verbraucht. Die Projektgruppe Vermögensabschöpfung des Landeskriminalamts Baden-Württemberg konnte Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von über 6 Mio. DM zur Sicherung der Ansprüche der Geschädigten sichern."440 2.4.3.2.4 Entwicklung der amtlich registrierten Wirtschaftskriminalität Hinsichtlich der Entwicklung der Wirtschaftskriminalität wurde in der Vergangenheit eine überproportionale Zunahme vermutet. So prognostizierte ein im Auftrag des Bundeskriminalamtes durchgeführtes Forschungsprojekt, ausgehend von einer Querschnittsanalyse für 1994/95, für das Jahr 2000 einen Anstieg um 20-25%, einen Anteil der Wirtschaftskriminalität an der Gesamtkriminalität von 7-8%441 und

438

Vgl. hierzu den Bericht der Bundesregierung vom 17.09.1999 (BT-Drs. 14/1633). Ob und inwieweit dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich nur schwer feststellen. In einer nicht repräsentativen Umfrage von 40 Opfern des Kapitalanlagebetrugs stellten LIEBEL, H. J. und J. OEHMICHEN, 1992, S. 253, fest: "Bei den Befragten stammte das investierte Geld bei mehr als der Hälfte aus privaten Ersparnissen, was auf den ersten Blick der oft anzutreffenden Meinung, die Betrogenen seien selber Betrüger bzw. das investierte Geld sei 'Schwarzgeld', widerspricht. Es könnte aber auch sein, dass nur solche Geschädigte zur Mitarbeit an der Befragung bereit waren, die 'nichts zu verbergen' hatten." Die Annahme, dass ein Großteil des Anlagekapitals aus legalen Gewinnen Besserverdienender bzw. den Ersparnissen des Durchschnittsverdieners stammt, widerspricht jedenfalls nicht polizeilichen Einschätzungen. 440 LANDESKRIMINALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (Hg.), 2000a, S. 41 f. 441 WITTKÄMPER, G. W. u. a., 1996, S. 372. Die genannten Relationen der Steigerungsraten sind nicht nachvollziehbar. 1994 entfielen auf Wirtschaftskriminalität 0,95% der Gesamtkriminalität. Bei unveränderter Gesamtkriminalität hätte Wirtschaftskri439

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eine Schadenssumme "von mindestens 30-35 Mrd. DM".442 Bei vielen dieser so genannten Prognosen handelt es sich freilich um bloße Spekulationen, in denen weder die Schätzbasis noch das Schätzverfahren mitgeteilt werden können. Für den Zeitraum bis 1994 lassen sich der PKS zwar erhebliche Schwankungen der absoluten wie der Häufigkeitszahlen entnehmen, die vor allem auf einzelnen Ermittlungsvorgängen mit zahlreichen Einzelfällen beruhen. Es zeigt sich aber kein eindeutigen Trend in Richtung Anstieg (vgl. Tabelle 2.4-1). Erst seit Mitte der neunziger Jahre sind die (absoluten und relativen) Fallzahlen deutlich angestiegen, freilich erneut mit erheblichen Schwankungen. Da im Vergleichszeitraum die Häufigkeitszahlen für Straftaten insgesamt relativ konstant geblieben sind, hat sich der Anteil der Wirtschaftskriminalität an der gesamten, polizeilich registrierten Kriminalität erhöht. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre lag er noch unter 1%, derzeit liegt er bei 1,7%. Das Bundeskriminalamt betont deshalb zu Recht den starken Einfluss einiger weniger Ermittlungsverfahren mit einer Vielzahl von Einzelfällen. Dieser Anstieg beruht weitgehend auf der allgemeinen Entwicklung beim Betrug. Insolvenzstraftaten und Wettbewerbsdelikte haben zwar deutlich zugenommen, wegen ihres insgesamt niedrigen Niveaus hat dies aber nur geringe Auswirkungen auf die Gesamtzahlen. Wirtschaftskriminalität im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen ist sogar deutlich rückläufig. Dies zeigt, dass - jedenfalls im Hellfeld - keine gleichgerichtete Entwicklung besteht. Aus diesen Zahlen über polizeilich registrierte Wirtschaftskriminalität kann nicht auf eine entsprechende Veränderung im Dunkelfeld geschlossen werden. Umfang und Entwicklung der Wirtschaftskriminalität sind nicht nur davon abhängig, was tatsächlich geschieht, sondern auch, was angezeigt oder der Polizei durch eigene Ermittlungstätigkeit bekannt wird. Ein Rückschluss würde voraussetzen, dass, abgesehen von der Wirtschaftskriminalität selbst, alle anderen Faktoren über die Zeit hinweg unverändert geblieben sind. Diese Annahme ist nicht berechtigt. In den letzten Jahren stattgefundene Neuorganisationen auf Länderebene mit dem Ziel, überregional handelnden, spezialisierten Tätern überregional handelnde, spezialisierte polizeiliche Organisationseinheiten entgegenzusetzen,443 sind unzweifelhaft auch erfolgreich. Erfolg heißt hier aber auch: Anstieg der Fallzahlen. 2.4.4 Qualitative Bedeutung der Wirtschaftskriminalität 2.4.4.1 Materielle Schäden durch Wirtschaftskriminalität Kennzeichnend für Wirtschaftskriminalität soll ihre hohe Sozialschädlichkeit sein, insbesondere wegen der Höhe der durch sie verursachten materiellen Schäden. Wie zum Umfang der Wirtschaftskriminalität, so fehlen aber auch diesbezüglich verlässliche Angaben. Anfang der siebziger Jahre wurde z. B. für die Bundesrepublik Deutschland der jährliche materielle Schaden auf 15-20 Mrd. DM, teilweise sogar auf bis zu 55 Mrd. DM geschätzt. Würden dieselben Schätzfaktoren, nämlich 10% des Bruttosozialprodukts,444 heute verwendet, käme man auf einen Betrag von 385 Mrd. DM. Andere Schätzungen gehen von 2% des Bruttosozialprodukts aus.445 Diese Global-Schätzungen sind weder hinsichtlich der Höhe noch hinsichtlich des behaupteten Anstiegs der Schadenssummen hinreichend begründet; es handelt sich um "Spekulationen"446. Entsprechend große Varianz findet sich auch bei den Schadensschätzungen zu einzelnen Wirt-

minalität um den Faktor 7,5 ansteigen müssen, also nicht um 20-25%, sondern um mehr als 600%, um auf den von WITTKÄMPER, G. W. u. a. geschätzten Anteil von 7% zu kommen. 442 Hierbei stützten sich die Autoren auf eine schriftliche Befragung von Polizei- (n=115, 43%) und Justizangehörigen (n=8, 12%), Politik/Verwaltung (n=19; 15%), Wirtschaft (n=4; 5%) und Wissenschaft (n=5; 12%). Die (in Klammern jeweils angegebene, vgl. WITTKÄMPER, G. W. u. a., 1996, S. 159 ff.) Zahl der auswertbaren Fragebogen und die Rücklaufquote waren indes so niedrig, dass hierauf gestützt keine empirisch begründete Aussage erstellt werden konnte. 443 Vgl. BERTHEL, R., 1998, S. 61. 444 Vgl. ZYBON, A., 1972, S. 32. 445 Vgl. POERTING, P., 1981, S. 111; ihm folgt SCHWIND, H.-D., 2001, § 21 Rn. 9. 446 DANNECKER, G., 2000, Rn. 15.

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schaftsbereichen, etwa zum Ausschreibungsbetrug, zur Schwarzarbeit oder zur Steuerhinterziehung. "So wurde z. B. der Umfang der Steuerhinterziehung schon zu Beginn der siebziger Jahre auf 1,5 bis 2 Mrd. DM beziffert. Inzwischen geht man von mindestens 150 Mrd. DM hinterzogenen Steuern pro Jahr aus. Die durch Schwarzarbeit entstehenden Schäden sollen bereits im Jahre 1985 rund 80 Mrd. ausgemacht haben."447 Nach neuesten Schätzungen wird angenommen, durch illegale Beschäftigung gingen ca. 500.000 Arbeitsplätze und jährlich etwa 125 Mrd. DM Steuereinnahmen und rd. 110 Mrd. DM an Sozialversicherungsbeiträgen verloren.448 Tabelle 2.4-4: Durch Wirtschaftskriminalität verursachte Schäden im Vergleich mit der allgemeinen Eigentums- und Vermögenskriminalität 1999 (durchschnittliche Schadenssummen) SZ der Tat 0110 2100 2330 2340 3*** 4*** 5100 5200 5300 5600 6100 7120 7130 7140 7150

8930 8931 8932 8933 8934 8935 8936

Deliktsgruppe Raubmord Raub erpresserischer Menschenraub Geiselnahme Einfacher Diebstahl Schwerer Diebstahl Betrug Veruntreuung Unterschlagung Konkursstraftaten Erpressung nach AktG, GmbH-G, HBG u. a. Illegale Beschäftigung i. V. m. Bank/Wertpapiergeschäften Urheberrechtsdelikte GESAMT, darunter Nicht der Wirtschaftskriminalität zugeordnet Wirtschaftskriminalität insgesamt darunter: Betrug als Wirtschaftsstraftat Insolvenzstraftaten im Anlage- u. Finanzbereich Wettbewerbsdelikte i. Z. m. Arbeitsverhältnissen i. Z. m. Beteiligungen u. Kapitalanlagen

Vollendete Fälle GESAMT 45 49.528 83 73 1.457.643 1.370.661 680.370 33.272 81.997 2.984 3.518 6.967 2.285 280 5.099 3.694.805

3.607.954 97,6 86.851 2,4 62.233 8.977 18.962 2.406 8.319 13.303

% 0,0 0,7 0,0 0,0 4,6 16,2 23,5 20,8 2,4 4,4 0,2 14,2 0,1 0,3 12,3 100,0

Durchschnittl. Schaden pro vollendeter Fall 8.617 2.898 50.103 29.573 650 2.415 7.053 127.580 6.065 301.292 11.735 416.609 13.062 198.633 493.519 5.519

7.869.803.955 38,6 12.523.376.934 61,4

2.181 144.194

2.568.173.050 12,6 3.600.249.872 17,7 1.014.068.137 5,0 2.508.217.744 12,3 164.081.168 0,8 1.239.315.310 6,1

41.267 401.053 53.479 1.042.485 19.724 93.161

Schadenssumme in DM % 0,0 387.748 1,3 143.522.543 0,0 4.158.514 0,0 2.158.814 39,5 948.105.757 37,1 3.309.581.126 18,4 4.798.315.734 0,9 4.244.842.364 2,2 497.339.512 0,1 899.054.290 0,1 41.284.283 0,2 2.902.515.310 0,1 29.845.643 0,0 55.617.140 0,1 2.516.452.111 100,0 20.393.180.889

1,7 0,2 0,5 0,1 0,2 0,4

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Anhaltspunkte über die Größenordnungen der deliktisch verursachten Schäden enthält - beschränkt auf das Hellfeld - die PKS. In ihr wird bei ausgewählten (vollendeten) Delikten der Schaden erfasst, wobei als Schaden grundsätzlich der Geldwert des rechtswidrig erlangten Gutes bzw. - bei Vermögensdelikten die Wertminderung des Vermögens angesehen wird. Schadenshöhen und Schadenskategorien werden

447

Ebenda. Vgl. auch SCHWIND, H.-D., 2001, § 21 Rn. 11. Pressemitteilung des Bundesministeriums der Finanzen vom 21.02.2000: „Zoll intensiviert die Bekämpfung der illegalen Beschäftigung“ (http://www.bundesfinanzministerium.de).

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auch ausgewiesen beim Summenschlüssel "Wirtschaftskriminalität".449 Es handelt sich hierbei also nur um die unmittelbare Wertminderung, nicht um die Folgeschäden und nicht um die mittelbaren Schäden. Tabelle 2.4-5: Durch Wirtschaftskriminalität verursachte Schäden im Vergleich mit der allgemeinen Eigentums- und Vermögenskriminalität 1999 (Verteilung auf Schadensklassen) SZ der Tat 0110 2100 2330 2340 3*** 4*** 5100 5200 5300 5600 6100 7120 7130 7140 7150

8930

8931 8932 8933 8934 8935 8936

Deliktsgruppe Raubmord Raub erpress. Menschenraub Geiselnahme einfacher Diebstahl schwerer Diebstahl Betrug Veruntreuung Unterschlagung Konkursstraftaten Erpressung nach AktG, GmbH-G, HBG u. a. illegale Beschäftigung i.V.m. Bank/Wertpapiergeschäften Urheberrechtsdelikte GESAMT darunter: nicht der Wirtschaftskriminalität zugeordnet Wirtschaftskriminalität insgesamt darunter: Betrug als Wirtschaftsstraftat ) Insolvenzstraftaten* im Anlage- u. Finanzbereich Wettbewerbsdelikte i. Z. m. Arbeitsverhältnissen i. Z. m. Beteiligungen u. Kapitalanlagen

Vollendete Fälle GESAMT N 45 49.528 83 73 1.457.643 1.370.661 680.370 33.272 81.997 2.984 3.518

Schaden 25 DM 1 TDM 5 TDM 10 TDM 50 TDM unter bis unter bis unter bis unter bis unter bis unter 100TDM 25 DM *) 1 TDM 5 TDM 10 TDM 50 TDM 100TDM und mehr % % % % % % % 46,7 26,7 6,7 4,4 11,1 2,2 2,2 22,4 60,3 11,3 2,0 3,0 0,5 0,5 41,0 7,2 15,7 6,0 13,3 4,8 12,0 75,3 4,1 5,5 2,7 5,5 1,4 5,5 27,1 63,2 7,6 1,1 0,9 0,1 0,0 9,4 58,5 22,9 4,2 4,5 0,4 0,2 25,3 47,2 16,2 3,9 5,4 0,8 1,2 11,8 15,4 23,5 13,6 24,4 4,9 6,4 14,6 54,6 15,5 4,1 8,8 1,6 0,8 55,2 0,4 1,8 2,0 9,9 6,8 24,0 42,5 33,9 9,9 3,8 6,6 1,7 1,5

6.967 2.285

42,0 74,8

0,6 10,9

2,3 8,2

2,3 1,4

10,5 1,4

10,4 0,2

31,9 3,2

280 5.099 3.694.805

78,2 35,6 19,8

1,8 26,8 57,5

1,1 10,6 15,3

2,1 3,5 2,9

8,6 4,7 3,5

1,4 1,3 0,4

6,8 17,5 0,5

3.607.954

20,0

57,9

15,3

2,9

3,2

0,4

0,3

86.851

11,9

42,9

11,7

5,2

15,0

4,2

9,1

62.233 8.977

6,2 46,8

57,6 0,5

11,7 2,2

3,7 2,2

13,1 9,8

3,1 7,2

4,6 31,3

18.962 2.406

7,7 18,9

33,1 21,9

22,0 10,3

3,1 4,4

23,6 6,1

5,0 1,7

5,5 36,7

8.319

11,0

6,8

24,8

18,5

30,2

5,1

3,6

13.303

9,0

14,9

23,2

4,4

34,7

7,1

6,6

)

* Delikte mit ungeklärter - bei Wirtschaftsdelikten häufig erst im Zuge weiterer Ermittlungen zu bestimmender - Schadenshöhe werden mit einer symbolischen Schadenshöhe von DM 1 erfasst. Dies erklärt die auffällige Verteilung insbesondere bei Insolvenzdelikten. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Andererseits bleibt es auch dann ein Schaden i. S. der PKS, wenn die Vermögensverschiebung sofort wieder rückgängig gemacht wird. Der Schaden wird bei Abschluss der polizeilichen Ermittlungen erfasst, d. h., dass unter Umständen mehrjährige Ermittlungen, in deren Rahmen ein über mehrere Jahre entstandener Gesamtschaden festgestellt wird, dem Berichtsjahr des Ermittlungsabschlusses zugeschlagen wer449

Die Fehleranfälligkeit der polizeilichen Sonderkennung "Wirtschaftskriminalität" wiederholt und verstärkt sich möglicherweise hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Ermittlung der Schadenshöhe. Ermittelt werden kann nur die Höhe der Schäden im Hellfeld; die Höhe der Schäden der im Dunkelfeld bleibenden Wirtschaftskriminalität muss naturgemäß ebenso offen bleiben wie die Schäden in den Fällen, die nicht der polizeilichen Definition von "Wirtschaftskriminalität" zuzuordnen sind.

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den. Komplexe Ermittlungsverfahren mit zahlreichen Einzelfällen führen also nicht nur bei der Fallzählung zu teilweise außergewöhnlich großen Schwankungen, sonder auch bei der Schadenserfassung. Diese ist deshalb nicht mehr als eine erste Orientierungsgröße. Unter diesen Einschränkungen zeigt die PKS (vgl. Tabelle 2.4-4), dass sich 1999 der Schaden bei sämtlichen in der PKS mit Schadenssummen zu erfassenden 3,7 Mio. Fällen auf rd. 20,4 Mrd. DM belief. 2,4% dieser Fälle waren der "Wirtschaftskriminalität" zuzuordnen; hierdurch wurden jedoch 61% aller Schäden verursacht, nämlich 12,5 Mrd. DM. Alle anderen Straftaten zusammen verursachten "nur" einen Schaden von 7,2 Mrd. DM. Wirtschaftskriminalität ist - im Vergleich zur klassischen Eigentumskriminalität - zu den schwereren Schadenskategorien hin verschoben, d. h., wenige Fälle verursachen hohe Schäden. Wie Tabelle 2.4-5 zeigt, entfielen 1999 bei den nicht der Wirtschaftskriminalität zuzuordnenden Fälle 78% auf die Schadenskategorien bis zu 1.000 DM, bei Wirtschaftskriminalität lediglich 55%. Je höher die Schäden sind, um so stärker überwiegt der Anteil von Wirtschaftskriminalität.450 Auf Schadenskategorien von mehr als 50.000 DM pro Einzeldelikt entfielen bei Wirtschaftskriminalität 13%, bei allen anderen Delikten lediglich 0,6%. Schäden in sechsstelliger Höhe sind allerdings auch bei Wirtschaftskriminalität die Ausnahme; 1999 entfielen auf die Schadenskategorie von mehr als 100.000 DM lediglich 9% aller Fälle. Die Entwicklung der durch Wirtschaftskriminalität verursachten Schäden (vgl. Tabelle 2.4-6) zeigt keinen eindeutigen Trend, und zwar auch nicht bei einer der Untergruppen. Die z. T. erheblichen Schwankungen werden offenbar durch einzelne Großverfahren verursacht. Dies ist Folge der bereits erwähnter Erfassungsregel, die Fall- und Schadenserfassung insgesamt dem Berichtsjahr zuschlagen, in dem das polizeiliche Ermittlungsverfahren abgeschlossen wird. Tabelle 2.4-6: Aufgliederung polizeilich registrierter Fälle von Wirtschaftskriminalität nach dem durchschnittlichen Schaden pro vollendetem Fall 1994-1999 Durchschnittlicher Schaden in Mio DM Wirtschafts- Betrug als kriminalität Wirtschaftsstraftat insgesamt

Insolvenzstraftaten

im Anlage- u. WettbewerbsFinanzbereich delikte

i. Z. m. Arbeitsverhältnissen

i. Z. m. Beteiligungen u. Kapitalanlagen 8936

SZ:

8930

8931

8932

8933

8934

8935

Jahr

Mio. DM

Mio. DM

Mio. DM

Mio. DM

Mio. DM

Mio. DM

Mio. DM

1994

281.443

177.358

1.162.910

270.412

49.308

15.142

210.281

1995

103.941

63.906

344.286

75.285

50.030

33.934

77.900

1996

111.625

80.643

384.993

59.402

26.006

21.319

49.179

1997

99.694

55.986

379.229

77.917

238.900

23.279

32.814

1998

95.493

49.889

327.302

76.285

59.245

28.598

75.198

1999

144.194

41.267

401.053

53.479

1.042.485

19.724

93.161

Mittel

139.398

78.175

499.962

102.130

244.329

23.666

89.756

Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik.

Einen weiteren Anhaltspunkt über die durch Wirtschaftskriminalität verursachten Schäden lieferte ferner die BWE für die Jahre 1974-1985. Auch sie zeigt einerseits, dass die in der öffentlichen Diskussion vermuteten Schäden um ein Mehrfaches höher angesetzt werden als die von der Staatsanwaltschaft regi-

450

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Schadenserfassung bei Wirtschaftskriminalität eher zu der untersten Schadensgruppe hin verschoben ist. Denn bei nicht bezifferbarem Schaden wird ein ideeller Schaden von 1 DM registriert. Dies erklärt z. B. den hohen Anteil der Schadensklasse "1 bis unter 25 DM" bei Insolvenzstraftaten (47%).

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strierten Schäden der schweren Wirtschaftskriminalität. Sie zeigt andererseits das hohe Delikts- und Schädigungspotential, das jenes der klassischen Kriminalität weit übersteigt. -

Nach den - sogar eher überhöhten451 - Daten der BWE betrug - jedenfalls im Durchschnitt der Jahre 1974-1981 - der jährliche Schaden in den erledigten Verfahren rund 3,6 Mrd. DM, wovon knapp 1,3 Mrd. DM angeklagt wurden (vgl. Tabelle 2.4-7, Sp. 4, 5).452

-

Den Angaben der BWE kann ferner entnommen werden, dass für Wirtschaftskriminalität nicht Millionenschäden die Regel sind, sondern eine Vielzahl von Einzelfällen mit Schäden bis zu 100.000 DM. Im Jahresdurchschnitt 1974-1981 lagen knapp drei Fünftel aller Verfahren - selbst bei "schwerer" Wirtschaftskriminalität - im Bereich bis zu 100.000 DM.453

Tabelle 2.4-7: Staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren wegen schwerer Wirtschaftskriminalität nach Zahl der Geschädigten und der Schadenssummen; Daten der bundesweiten Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten 1974-1981

Jahr

Erledigte Verfahren (1)

Geschädigte angeklagte Verfahren (2)

Anklagequote

erledigte Verfahren

Schaden (Mio DM) angeklagte Verfahren

(3)

(4)

(5)

Anklagequote (6)

1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981

173.321 89.558 186.202 102.934 103.242 66.145 156.004 153.159

33.724 30.976 147.814 37.339 39.011 26.440 44.153 47.991

19,5 34,6 79,4 36,3 37,8 40,0 28,3 31,3

1.380,6 3.085,6 3.722,0 4.598,8 5.477,4 3.933,6 2.616,0 3.592,5

399,7 1.040,2 2.153,1 1.220,5 1.174,0 1.149,3 960,5 2.217,6

29,0 33,7 57,8 26,5 21,4 29,2 36,7 61,7

Mittel:

128.821

50.931

39,5

3.550,8

1.289,4

36,3

Datenquelle: LIEBL, K., Die bundesweite Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten, Freiburg 1984, S. 161, Tabelle 53; S. 249, Tabelle 72; S. 150, Tabelle 48; S. 251, Tabelle 73.

-

451

Im Vergleich zur klassischen Eigentums- und Vermögenskriminalität weist Wirtschaftskriminalität eine "außerordentlich hohe Qualität an Deliktspotential"454 auf. Im Jahresdurchschnitt 1974-1981 wurden in der BWE rund 3.300 Wirtschaftsstrafverfahren erfasst, in denen - bezogen auf die insgesamt erledigten Verfahren - von relativ wenigen Beschuldigten (rd. 6.100) zahlreiche Einzelfälle (rd. 78.000) verursacht und eine Vielzahl von Opfern (1974-1981: rd. 128.800) geschädigt wurden (vgl. Tabelle 2.4-7, Sp. 1, Tabelle 2.4-8, Sp. 1, 4). Wenige Beschuldigte schädigten danach viele Opfer und verursachten einen überdurchschnittlich hohen Schaden.

Aufgrund der Ergebnisse eines Vergleichs einer Aktenanalyse mit Daten der BWE besteht Grund zur Annahme, dass bei der Meldung zur BWE hinsichtlich der Höhe des geschätzten Schadens ein großzügiger Maßstab angelegt worden war (vgl. BERCKHAUER, F., 1981, S. 50, Tabelle 2.6). Andererseits wurde auch beobachtet, dass sich die Staatsanwaltschaften bei den großen Verfahren mit schwieriger Beweislage auf den Nachweis von Teilschadenssummen beschränkten. 452 Bedacht werden muss erneut, dass in der BWE nicht alle schadensschweren Fälle der Wirtschaftskriminalität erfasst sind, insbesondere nicht die Kartelldelikte, dass ferner nicht erfasst ist die Vielzahl der leichten Wirtschaftsdelikte mit Schäden unter 1.000 DM. 453 Vgl. LIEBL, K., 1984, S. 152, Tab. 49. 454 KAISER, G., 1996, S. 862.

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Tabelle 2.4-8: Staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren wegen schwerer Wirtschaftskriminalität nach Zahl der Beschuldigten, der Einzelfälle und der Art der Verfahrenserledigung; Daten der bundesweiten Erfassung von Wirtschaftsstraftaten n. einheitl. Gesichtspunkten 1974-1981 Einzelfälle

Verfahren

Beschuldigte

Angeklagte

Anklagequote

erledigte Verfahren

angeklagte Verfahren

Anklagequote

erledigte Verfahren

angeklagte Verfahren

Anklagequote

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

(7)

(8)

(9)

1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981

5.058 5.798 6.270 6.663 6.630 6.879 5.896 5.370

2.207 2.588 2.958 3.341 3.171 2.701 2.772 2.995

43,6 44,6 47,2 50,1 47,8 39,3 47,0 55,8

51.150 49.484 44.113 59.547 82.245 61.706 145.209 127.843

15.467 19.417 20.889 24.368 35.447 27.204 24.810 85.203

30,2 39,2 47,4 40,9 43,1 44,1 17,1 66,6

2.888 3.089 3.647 3.727 3.562 3.087 3.226 3.102

1.447 1.656 2.094 2.300 2.228 1.881 2.009 2.139

50,1 53,6 57,4 61,7 62,5 60,9 62,3 69,0

Mittel:

6.071

2.842

46,8

77.662

31.601

40,7

3.291

1.969

59,8

Jahr

Datenquelle: LIEBL, K., Die bundesweite Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten, Freiburg 1984, S. 129, Tabelle 38; S. 243, Tabelle 70; S. 139, Tabelle 44; S. 246, Tabelle 71; S. 240, Tabelle 68, 69.

Ob und inwieweit sich seither Änderungen ergeben haben, kann mit den gegenwärtig verfügbaren statistischen Instrumentarien nicht (mehr) geprüft werden. 2.4.4.2 Immaterielle Schäden durch Wirtschaftskriminalität Noch gravierender als die materiellen Schäden könnten freilich die immateriellen, durch Wirtschaftskriminalität verursachten Schäden sein.455 Als solche werden angesehen: -

-

-

die Folgewirkungen von Wettbewerbsverzerrungen, die entstehen durch Wettbewerbsvorsprünge des mit unlauteren Mitteln arbeitenden Wirtschaftsstraftäters. Es wird befürchtet, auf Mitbewerber ginge eine Ansteckungs- oder Sogwirkung aus, auf gleiche oder ähnliche Weise illegalen Gewinn zu erzielen bzw. Wettbewerbsvorsprünge aufzuholen. Eine zweite Folgewirkung wird darin gesehen, dass Dritte veranlasst werden, durch kriminelle Handlungen, wie z. B. Urkundenfälschung oder Bestechung, Wirtschaftsstraftaten zu unterstützen (Fernwirkung); die Kettenreaktion, d. h. die Gefahr, dass infolge finanzieller Abhängigkeiten und Verflechtungen bei einem wirtschaftlichen Zusammenbruch auch jene Geschäftspartner mitgerissen werden, die an den kriminellen Handlungen der Täter keinen Anteil hatten; die gesundheitlichen Gefährdungen und Schädigungen als Folge von Verstößen gegen das Lebensmittel- und Arzneimittelgesetz, gegen das Arbeitsschutzrecht und das Umweltstrafrecht. Als allgemeine Folge der Wirtschaftskriminalität wird befürchtet, auf Dauer schwinde sowohl bei den am wirtschaftlichen Wettbewerb Beteiligten als auch bei den Verbrauchern nicht nur das Vertrauen in die Redlichkeit einzelner Berufs- und Handlungszweige, sondern auch "das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der geltenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung".456

Der empirische Nachweis zu Art und Ausmaß dieser immateriellen Schäden, insbesondere der Sog- und Spiralwirkung, steht jedoch, nach Ansicht einiger Forscher457, noch weithin aus, zumindest für Delikte außerhalb des engeren Bereichs der Wettbewerbs- und der Nachahmungskriminalität.

455

Hierzu zuletzt DANNECKER, G., 2000, Rn. 16; SCHWIND, H.-D., 2001, § 21 Rn. 12. BUNDESMINISTERIUM DER JUSTIZ (Hg.), 1980, S. 15. 457 BOTTKE, W., 1991, S. 3; HEINZ, W., 1984a, S. 435; KAISER, G., 1996, S. 843. 456

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2.4.5 Kriminologische Befunde zur Person des Wirtschaftsstraftäters Die in den siebziger Jahren im Zusammenhang mit den Folgeuntersuchungen zur BWE gewonnenen Befunde zum Sozialprofil des Wirtschaftsstraftäters zeigen, dass es sich hier um eine anders strukturierte Tätergruppe handelt als bei der klassischen Kriminalität. Die Beschuldigten sind danach überwiegend männlich, verheiratet, knapp 40 Jahre alt und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie verfügen zumeist über eine gute bis sehr gute Ausbildung. Sie gehören zumeist der mittleren und oberen Mittelschicht an. Weniger als die Hälfte ist vorbestraft.458 Diese Unterschiede im Sozialprofil sind durch die wirtschaftskriminellen Straftaten (mit)bedingt. Denn die hierbei vorausgesetzten Deliktsfähigkeiten und Deliktsgelegenheiten korrespondieren mit dem Beruf, d. h. das Sozialprofil belegt nur die These der unterschiedlichen Zugangschancen bzw. die These von Wirtschaftsstraftaten als "economic special-opportunity crimes"459. 2.4.6 Strafrechtliche Sozialkontrolle von Wirtschaftskriminalität 2.4.6.1 Polizeiliche Kontrolle von Wirtschaftskriminalität Im Unterschied zur klassischen Eigentumskriminalität handelt es sich bei Wirtschaftskriminalität überwiegend um so genannte Überwachungs- und Kontrolldelikte, d. h. die Anzeigen beruhen ganz überwiegend auf der Überwachungstätigkeit der spezialisierten Polizei der Wirtschaftskontrolldienste.460 Regelmäßig bestimmen die personellen und sachlichen Ressourcen sowie die Verfolgungsstrategie der Polizei, ob und wie viel Wirtschaftsstraftaten entdeckt werden. Lediglich bei schwerer Wirtschaftskriminalität, durch die Rechtsgüter Privater betroffen sind, hängt die Verfahrensinitiierung vom Anzeigeverhalten der Betroffenen ab. Um die Intensivierung der Strafverfolgung zu erreichen, werden in zunehmendem Maße Mitteilungspflichten für dritte Stellen statuiert. Seit 1967 sind Konkurs- und Vergleichsrichter verpflichtet, der Staatsanwaltschaft die Eröffnung eines Konkurs- oder Anschlusskonkursverfahrens mitzuteilen. Gemäß § 116 Abgabenordnung461 haben Gerichte und Behörden von Bund, Ländern und kommunalen Trägern der öffentlichen Verwaltung die Pflicht, Tatsachen, die sie dienstlich erfahren und die den Verdacht einer Steuerstraftat begründen, den Finanzbehörden mitzuteilen; eine entsprechende Regelung sieht § 6 Subventionsgesetz hinsichtlich der den Verdacht eines Subventionsbetrugs begründenden Tatsachen vor. Die Nichtanzeige einer geplanten Fälschung von Vordrucken für Euroschecks oder Euroscheckkarten wurde durch das 2. WiKG von 1986 unter Strafe gestellt und 1998 durch das 6. StrRG auf die Fälschung von Zahlungskarten erweitert (§ 138 Abs. 1 Nr. 4 StGB). Das Gesetz über den Wertpapierhandel von 1994 sieht in § 18 eine Anzeigepflicht des Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel bei Verdacht eines verbotenen Insidergeschäfts vor. Zahlreiche Behörden auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene erlangen im Rahmen ihrer gesetzlichen Kontroll-, Überwachungs- und Genehmigungsaufgaben Informationen, die für Prävention von Wirtschaftskriminalität relevant sind. Im Rahmen des vom Bundeskriminalamt zusammen mit den Landeskriminalämtern erarbeiteten Konzepts "Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität im Vorfeld" soll die Zusammenarbeit mit anderen Behörden sowie öffentlichen und privaten Institutionen verbessert werden.

458

Vgl. LIEBL, K., 1984, S. 132, Tab. 39; vgl. ferner DANNECKER, G., 2000, Rn. 18; KAISER, G., 1996, S. 852; SCHWIND, H.-D., 2001, § 21 Rn. 19 ff. 459 HOROSZOWSKI, P., 1980. 460 Vgl. BLANKENBURG, E., SESSAR, K. und W. STEFFEN, 1978, S. 283. 461 Vgl. auch § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 10 Einkommensteuergesetz.

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2.4.6.2

Staatsanwaltschaftliche Erledigungsstrukturen, insbesondere bei "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" Hinsichtlich der Erledigung amtlich bekannt gewordener Wirtschaftskriminalität hat die Auswertung der BWE ergeben, dass der Ausgang des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens in erster Linie durch tatbezogene Merkmale (Deliktsgruppe, Schadenshöhe, Rechtsform der Branche des Unternehmens) und durch Merkmale der Opfer (Zahl und Art, Verfahrensinitiative) bestimmt wurde. Anschluss- und Vertiefungsuntersuchungen462, die in den siebziger Jahren durchgeführt wurden, haben ergeben, dass sich - zumindest bei den Schwerpunktstaatsanwaltschaften - eigene Maßstäbe bei der Verfolgung durchsetzten. Während bei Schäden über 500 DM kein Fall des einfachen Diebstahls mehr eingestellt wurde,463 wurden in Wirtschaftsstrafverfahren Verfahren mit weit höheren Schäden wegen Geringfügigkeit eingestellt. In einer Aktenanalyse von Wirtschaftsstrafverfahren wurde festgestellt, dass sich der durchschnittliche, festgestellte Gesamtschaden bei den gem. § 153 Abs. 1 StPO eingestellten Wirtschaftsstrafverfahren auf rd. 22.000 DM belief.464 Die Komplexität von Wirtschaftsstraftaten führt ferner dazu, dass in Wirtschaftsstrafverfahren besonders häufig "Absprachen" vorkommen.465 Bei manchen Wirtschaftsstrafkammern soll die Quote der Absprachen bei über 80% liegen;466 eine repräsentative empirische Untersuchung zur Praxis der Absprachen im Allgemeinen, in Wirtschaftsstrafverfahren im Besonderen gibt es jedoch nicht.467 Aktuelle Daten über die staatsanwaltschaftliche Erledigung enthält die StA-Statistik, allerdings nicht nach Delikten differenziert und beschränkt auf den Nachweis des Rechtsgrundes der Erledigung. Seit 1986 wird in der StA-Statistik zusätzlich festgestellt, ob es sich um Ermittlungen in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" handelt. Die vergleichende Gegenüberstellung der Ermittlungsverfahren in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" mit allen anderen Ermittlungsverfahren, die nicht Wirtschaftsstrafsachen betreffen, zeigt für die Jahre 1989-1997 (vgl. Schaubild 2.4-1):468 -

-

462

Der Anteil der Ermittlungsverfahren gegen bekannte Tatverdächtige in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" an allen Ermittlungsverfahren - ohne Wirtschaftsstrafsachen - ("allgemeine Verfahren") ist sehr gering. Er beträgt im Schnitt der alten Länder zwischen 0,8% und 0,5%; seit 1993 gehen die Anteile kontinuierlich leicht zurück. Die Anklagerate469 betrug 1997 in "allgemeinen Verfahren" 35%, in Verfahren wegen "besonderer Wirtschaftsstrafsachen" noch weniger, nämlich 29%. In beiden Verfahrensgruppen ging die Anklage-

Vgl. BERCKHAUER, F., 1977; BERCKHAUER, F., 1981; KIEßNER, F., 1985; MEINBERG, V., 1985; SCHÖNHERR, R., 1985; SICKENBERGER, M., 1985. 463 Vgl. BLANKENBURG, E. u. a., 1978, S. 149, Tab. 13. 464 Vgl. MEINBERG, V., 1985, S. 119, Tab. 28, 30, 31. Werden noch die Verfahren berücksichtigt, bei denen die Schadenshöhe wegen der Komplexität der Fälle (auch im Schadensbereich) nicht genau festgestellt werden konnte, dann ergibt sich ein durchschnittlicher (geschätzter) Gesamtschaden der gem. § 153 Abs. 1 StPO eingestellten Verfahren von rd. 32.000 DM. Selbst wenn dieses Bild korrigiert wird, indem der "verzerrende" Einfluss der extrem hohen Schadenssummen außer Betracht bleibt, ist es im Vergleich zur Einstellungspraxis bei "klassischen" Eigentums- und Vermögensdelikten - noch beeindruckend genug: 4.000 DM (festgestellte) bzw. 6.000 DM geschätzte Durchschnittsschadenswerte bei einer Einstellung gem. § 153 Abs. 1 StPO. 465 Über den quantitativen Umfang der Absprachenpraxis generell bzw. in Wirtschaftsstrafverfahren ist nichts bekannt. 466 Vgl. SCHÜNEMANN, B., 1992, S. 368. Vgl. ferner die Nachweise bei GIEG, G., 2000, S. 1332 f. 467 Vgl. NESTLER, C., 2000, S. 100. 468 Die Ergebnisse der Ermittlungen in besonderen Wirtschaftsstrafsachen wurden ab 1986 im Rahmen der StA-Statistik erhoben. Wegen der zeitlich erst danach erfolgten Einführung der StA-Statistik in Berlin (1987), Hessen (1988) und Schleswig-Holstein (1989) und der erst Mitte der neunziger Jahre erfolgten Einführung in den neuen Ländern (Sachsen und Sachsen-Anhalt 1993, Brandenburg und Thüringen 1994, Mecklenburg-Vorpommern 1995) wurde der Vergleich auf die alten Länder ab 1989 beschränkt. Die 1998 erfolgte Erfassung von weiteren Sondersachgebieten führte zu Umstellungsschwierigkeiten in einigen Ländern. Für besondere Ermittlungsverfahren in Wirtschaftsstrafsachen liegen 1998 lediglich Ergebnisse vor für Bayern, Berlin und Bremen sowie für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Es wurde deshalb darauf verzichtet, diese Ergebnisse darzustellen. 469 Anteil von: Anklagen vor dem Amts- oder Landgericht, Anträgen auf Durchführung eines objektiven Verfahrens/ Sicherungsverfahrens, auf Entscheidung im beschleunigten Verfahren, auf vereinfachtes Jugendverfahren (=Anklagen i.w.S.) sowie Anträ-

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rate in den letzten zehn Jahren zurück; der Rückgang der Anklagerate in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" war freilich deutlich stärker. In Wirtschaftsstrafsachen wurden 1997 12%-Punkte weniger angeklagt als noch 1989, in allgemeinen Verfahren lediglich 6%-Punkte. Der Rückgang erfolgte in Wirtschaftsstrafsachen sowohl bei den Anklagen als auch bei den Anträgen auf Erlass eines Strafbefehls. Schaubild 2.4-1: Die Entwicklung der Sanktionskompetenz der Staatsanwaltschaft 1989-1997 100%

80%

Einstellungen gemäß § 170II

60%

Einstellungen ohne Auflage

40%

Einstellungen mit Auflage Strafbefehl

20% Anklage im weiteren Sinne 0% 1989 91 93 Wirtschaftsstrafsachen

95

1997

1989 91 93 Allgemeine Strafsachen

95

1997 Gebiet: Früheres Bundesgebiet *

Summe der Ermittlungsverfahren insgesamt, die erledigt worden sind durch (1) Anklage i.w.S., d.h. durch Anklage vor dem Amts- oder Landgericht, einschließlich Antrag auf Durchführung eines objektiven Verfahrens/Sicherungsverfahrens, auf Entscheidung im beschleunigten Verfahren, auf vereinfachtes Jugendverfahren. (2) Antrag auf Erlass eines Strafbefehls (3) Einstellung mit Auflage gem. § 153a StPO, § 45 Abs. 3 JGG, § 37 Abs. 1 BtMG bzw. § 38 Abs. 2 i.V.m. § 37 Abs. 1 BtMG. (4) Einstellung ohne Auflage gem. §§ 153 Abs. 1 StPO, 153b Abs. 1 StPO, 153c StPO, 154 Abs. 1 StPO, 154b Abs. 1-3 StPO, 154c StPO, 154d und e StPO, § 45 Abs. 1 und 2 JGG, (seit 1994) § 31a Abs. 1 BtMG. (5) Zurückweisung oder Einstellung gem. § 170 Abs. 2 StPO, Tod oder Schuldunfähigkeit des Beschuldigten. Datenquelle: Staatsanwaltschaftsstatistik.

-

-

Dieser Rückgang der Anklagerate wird nicht durch einen höheren Anteil von Einstellungen unter Auflagen ausgeglichen. Auch die Rate der unter Auflagen erfolgenden Einstellungen ist in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" geringer geworden. Seit 1995 liegt sie sogar geringfügig unter der vergleichbaren Rate bei "allgemeinen Verfahren". Die Interventionsrate, d. h. der Anteil der Verfahren, die die StA unter Auflagen einstellt, in denen sie einen Strafbefehl beantragt oder Anklage erhebt,470 ist in "besonderen Wirtschaftsstrafsachen" um 15%-Punkte (1989: 50%; 1997: 35%) und damit deutlich stärker zurückgegangen als in "allgemeinen Verfahren" (1989: 48%, 1997: 42%).

gen auf Erlass eines Strafbefehls an allen durch vorgenannte Erledigungsarten oder durch Einstellung unter Auflagen gem. Einstellung gem. § 153a StPO, § 45 Abs. 3 JGG, § 37 Abs. 1 BtMG bzw. § 38 Abs. 2 i.V.m. § 37 Abs. 1 BtMG, durch Einstellungen ohne Auflagen gem. §§ 153 Abs. 1 StPO, 153b Abs. 1 StPO, 153c StPO, 154 Abs. 1 StPO, 154b Abs. 1-3 StPO, 154c StPO, 154d und e StPO, § 45 Abs. 1 und 2 JGG, § 31a Abs. 1 BtMG, oder durch Einstellung nach § 170 Abs. 2 StPO sowie wegen Tod oder Schuldunfähigkeit des Beschuldigten erledigten Verfahren. 470 Bezogen auf alle durch Anklage i.w.S./Strafbefehlsantrag, Einstellung gem. Opportunitätsvorschriften, § 170 Abs. 2 StPO erledigte Verfahren.

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Deutlich zugenommen, und zwar stärker als in "allgemeinen Verfahren", haben dagegen die Einstellungen ohne Auflagen, ferner - dies im Unterschied zu den "allgemeinen Verfahren" - die Einstellungen gem. § 170 Abs. 2 StPO. Letztere erfolgten zu rd. 80%, weil "Täterschaft, Tat oder Tatumstände nicht nachweisbar sind oder die Tat unter keinen Straftatbestand fällt".

Gründe für diese Sonderentwicklung der staatsanwaltschaftlichen Erledigungspraxis bei besonderen Wirtschaftsstrafverfahren sind den statistischen Daten nicht zu entnehmen. Mit der Zahl der Verfahren471 dürfte dies nicht zusammenhängen, denn diese sind zurückgegangen. Aus den älteren Untersuchungen im Zusammenhang mit der BWE ist ferner bekannt, dass Beschränkungen des Prozessstoffes gem. §§ 154, 154a StPO häufiger als in anderen Strafverfahren erfolgen. Wie ferner BERCKHAUER anhand seiner in den siebziger Jahren durchgeführten Aktenanalyse zeigen konnte, sind die niedrigen Anklage-, Verurteilungsund Sanktionsquoten mit eine Folge der Tatbestandsfassungen von Wirtschaftsstraftaten. Es besteht nämlich "ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Tatbestandsmuster und der Anklagehäufigkeit. Die Anklagehäufigkeit ist am geringsten beim Vorkommen von konkretisierungsbedürftigen Tatbestandsmerkmalen, insbesondere dann, wenn zur Erfüllung des Tatbestandes der Täter in einer bestimmten Absicht handeln muss. Die Anklagehäufigkeit erhöht sich leicht, wenn zwar ein konkretisierungsbedürftiges Tatbestandsmerkmal enthalten ist, aber nur Vorsatz vom Täter hinsichtlich sämtlicher Tatbestandsmerkmale gefordert wird. Dagegen ist die Anklagehäufigkeit schon größer als 50%, wenn der Tatbestand kein konkretisierungsbedürftiges Tatbestandsmerkmal enthält."472 Entsprechendes statistisches Material oder neuere Untersuchungen fehlen. 2.4.6.3 Sanktionspraxis bei Wirtschaftskriminalität Die Sanktionspraxis bei Wirtschaftskriminalität, also insbesondere Art und Höhe der verhängten Strafen, lässt sich anhand der StVSt nur sehr eingeschränkt messen, weil lediglich Verurteilungen wegen Verstößen gegen wirtschaftsstrafrechtliche Nebengesetze und gegen die durch das 1. und 2. WiKG geschaffenen Sondertatbestände eindeutig der Wirtschaftskriminalität zuordenbar sind. Hinsichtlich der Allgemeindelikte, wie Betrug oder Untreue, ist dagegen eine Zuordnung zu Wirtschaftsstraftaten nicht möglich. Bei den wirtschaftsstrafrechtlichen Nebengesetzen überwiegt mit Anteilen zwischen 80 und 90% die Geldstrafe, ausgenommen Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Außenwirtschaftsgesetz. So erhielten z. B.1998 86% der wegen Verstoßes gegen die Abgabeordnung Verurteilten eine Geldstrafe. Soweit Freiheitsstrafe verhängt wurde, wurde sie zu 77% zur Bewährung ausgesetzt. Geldstrafenanteile von über 80% weisen von den Wirtschaftsstraftaten des StGB die Veruntreuung von Arbeitnehmerentgelt, die Konkurs- und die Umweltdelikte auf. Die wirtschaftsstrafrechtlichen Betrugsformen, wie Subventionsbetrug oder der Missbrauch von Scheck- und Kreditkarten, wurden 1998 ebenfalls zu über 60% mit Geldstrafe geahndet. Soweit bei Wirtschaftsstraftaten eine Freiheitsstrafe verhängt wurde, wurde sie überwiegend zur Bewährung ausgesetzt. Mit Ausnahme der Geld- und Wertzeichenfälschung, wo rd. ein knappes Drittel der Urteile auf unbedingte, d. h. nicht zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe lautete, wurde bei fast allen sonstigen, in der StVSt der Wirtschaftskriminalität zuordenbaren Delikten in weniger als 10% der jeweiligen Urteile eine unbedingte Freiheitsstrafe verhängt. Von den Maßregeln der Besserung und Sicherung (§§ 61 ff. StGB) ist im Wirtschaftsstrafrecht vor allem das Berufsverbot (§§ 70 ff. StGB) - theoretisch - bedeutsam. Die hohe Einschätzung der "Prävention von Wirtschaftsdelikten durch Berufsverbote"473 hat nichts daran zu ändern vermocht, dass die strafgerichtli471

Statistisch nicht erfasst ist die Zahl der Einzelfälle pro Verfahren. BERCKHAUER, F., 1977, S. 205. 473 MÜHLEMANN, D., 1987. 472

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che Praxis in zunehmend geringer werdendem Maße von dieser Maßregel Gebrauch macht. Angesichts spezieller verwaltungsrechtlicher Berufsverbote (z. B. §§ 35, 39 GewO, § 15 Gaststättengesetz), berufsrechtlicher Maßnahmen (z. B. Ausschließung aus der Rechtsanwaltschaft gem. § 114 Abs. 1 Nr. 5 Bundesrechtsanwaltsordnung) und der - allerdings eher theoretischen Bedeutung der - verfassungsmäßigen Verwirkung von Grundrechten sieht offenbar die strafrechtliche Maßregelpraxis nur noch geringen Bedarf für diese Sicherungsmaßregel. Von der Maßregel der Sicherung des Berufsverbots machen die deutschen Strafgerichte relativ selten Gebrauch. 1998 wurde in weniger als 200 Fällen ein Berufsverbot angeordnet. Weniger als die Hälfte dieser Anordnungen erfolgte im Zusammenhang mit einer Verurteilung wegen Betruges oder Untreue. Von den sonstigen Maßnahmen sind praktisch vor allem wichtig Verfall und Einziehung (§§ 73 ff. StGB). Die Länder haben in den letzten Jahren ihre Anstrengungen zur Abschöpfung der aus Straftaten erlangten Vermögenswerte durch personelle Verstärkungen und durch Schulungsmaßnahmen intensiviert, was sich nun auch an den Zahlen über die entsprechenden Sicherstellungen ablesen lässt. So wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes im Jahre 1999 Vermögenswerte im Wert von insgesamt ca. 440 Mio. DM sichergestellt. Auch wenn statistisch nicht ausgewiesen wird, wie viele dieser Abschöpfungsmaßnahmen auf Wirtschaftsdelikte fallen, so ist doch in diesem Bereich ein Anstieg ebenfalls naheliegend, nicht zuletzt weil das geltende Recht zwar die endgültige Abschöpfung zugunsten des Staates (Verfallserklärung gem. §§ 73 bis 73e StGB) bei Ersatzansprüchen der Opfer ausschließt, dies aber gerade nicht Sicherstellungen hindert, damit sich diese Opfer aus dem sichergestellten Vermögen befriedigen können (sog. Zurückgewinnungshilfe nach § 111g StPO). Beispielhaft zu nennen sind z. B. Angaben aus NRW, wo 1998 allein in zwei Fällen von Kapitalanlagebetrug Gelder in Höhe von knapp 14 Mio. DM sichergestellt wurden,474 sowie die Angaben von Baden-Württemberg, das seine Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität personell deutlich verstärken will, um die Abschöpfung der Verbrechensgewinne weiter zu intensivieren, und wo allein 1999 Vermögenswerte in Höhe von 40 Mio. zugunsten der Opfer sichergestellt werden konnten.475 Daneben gestattet das geltende Recht die Einziehung von Gegenständen, die durch eine vorsätzliche Tat "hervorgebracht oder zu ihrer Begehung oder Vorbereitung gebraucht worden oder bestimmt gewesen sind" (§ 74 Abs. 1 StGB). Aus wirtschaftsstrafrechtlicher Sicht kommt die Einziehung vor allem im Lebensmittelrecht und im gewerblichen Rechtsschutz in Betracht, z. B. hinsichtlich Raubkopien von Computerprogrammen. Sondervorschriften, z. B. im Lebensmittelgesetz oder im Weingesetz, lassen auch die Einziehung sog. Beziehungsgegenstände gem. § 74 Abs. 4 StGB zu. Zu nennen ist schließlich auch die Verbandsgeldbuße nach § 30 OWiG, die gerade im Bereich des Kartellrechts eine nicht unerhebliche praktische Bedeutung hat. Da die Verbandsgeldbuße den wirtschaftlichen Vorteil, den das Unternehmen aus der Straftat oder Ordnungswidrigkeit gezogen hat, übersteigen soll (§ 30 Abs. 3 i.V.m. § 17 Abs. 4 OWiG) und das GWB selbst bereits gegenüber der natürlichen Person Geldbußen bis zur dreifachen Höhe des erlangten Mehrerlöses gestattet (§ 81 Abs. 2 GWB), können und werden hier in der Praxis auch erhebliche Bußgelder verhängt.476

474

Pressemitteilung des Innenministeriums Nordrhein-Westfalen vom 26.08.1999. Pressemitteilung des Justizministeriums Baden-Württemberg vom 12.12.2000. 476 So wurden z. B. gegen die Hersteller von Starkstromkabeln wegen eines bundesweiten Gebiets-, Ausschreibungs- und Quotenkartells Geldbußen in einer Gesamthöhe von 284 Mio. DM verhängt, gegen zehn Hersteller von Verkehrszeichen und Verkehrsleitzeichen in Höhe von 3,7 Mio. DM (Tätigkeitsbericht des Bundeskartellamtes 1997/98, BT-Drs. 14/1139, S. 34). 475

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2.4.7 Prävention von Wirtschaftskriminalität 2.4.7.1 Außerstrafrechtliche Prävention In Wissenschaft und Praxis besteht Einigkeit darüber, dass Prävention das Strafrecht in hohem Maße wird ergänzen müssen. Als Ebenen der Prävention kommen in Betracht:477 - Prävention von Wirtschaftskriminalität durch Änderung des ökonomischen Bezugsrahmens (z. B. Abschaffung von Subventionen, Einsatz positiver Verstärker durch ökonomische Anreize in Form von Prämien oder Steuererleichterungen, insbesondere im Bereich von Landwirtschaft und Umweltschutz478), - Stärkung des Selbstschutzes durch Aufklärung und Beratung der Verbraucher, - Einsatz präventiver Kontrollen (z. B. durch Einsatz der innerbetrieblichen Kontrolle und ihrer strafrechtlichen Inpflichtnahme, durch Stärkung der Effizienz externer Abschlussprüfer, durch öffentlichrechtliche Überwachung) und Mittel technischer Prävention (z. B. im Bereich elektronischer Zahlungskarten), - Steigerung der Deliktskosten für den bzw. die Täter, insbesondere durch Gewinnabschöpfung479. Präventiv-außerstrafrechtliche Akte der Gesetzgebung und der Wirtschaftsaufsicht werden vielfach als wirksamer eingeschätzt. Der Gesetzgeber hat dementsprechend in den vergangenen Jahrzehnten den zivilrechtlichen Schutz, insbesondere im Bereich des Handels- und des Gesellschaftsrechts, weiter ausgebaut und den Einsatz des Verwaltungsrechts, namentlich auf den Gebieten der Wirtschaftsüberwachung, verstärkt. An Bedeutung gewonnen haben ferner die privatwirtschaftlichen Träger der Prävention, die Selbstverwaltungsorgane und Selbstschutzeinrichtungen der Wirtschaft und die Verbände der Wirtschaftsteilnehmer, die in Form von Aufklärung, Beratung, Warnung, Begutachtung, Abmahnung und Unterlassungsklagen tätig werden. Prävention von Wirtschaftskriminalität ist auch Aufgabe der Polizei. Zum Zeitpunkt des polizeilichen Einschreitens im Rahmen eines staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens können nicht nur bereits eine Vielzahl von Personen geschädigt sein, sondern auch die Ermittlungs- und Beweisführung sowie der sichernde Zugriff auf Gelder erheblich erschwert sein. Nicht selten liegen zwischen Tathandlung und Kenntnisnahme durch die Polizei Zeiträume von zum Teil mehreren Jahren. Durch Prävention sollen hingegen Straftaten verhütet oder bereits in der Entstehungsphase erkannt werden. Zu diesem Zweck erarbeitet derzeit das Bundeskriminalamt mit den Landeskriminalämtern ein Konzept zur "Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität im Vorfeld" mit dem Ziel, polizeirechtliche Handlungsspielräume besser als bisher zu nutzen, um frühzeitig betrügerisch handelnde Personen erkennen zu können. Hierzu sollen Defizite insbesondere in der Zusammenarbeit mit anderen Behörden480 sowie öffentlichen und privaten Institutionen, in der Anwendung des Polizeirechtes, der Medienauswertung, in der Koordination länderübergreifender Öffentlichkeitsarbeit sowie in der internationalen Zusammenarbeit beseitigt werden. 2.4.7.2 Prävention von Wirtschaftskriminalität mit strafrechtlichen Mitteln Rolle und Funktion des Strafrechts zur Prävention der Wirtschaftskriminalität sind umstritten. Überwiegend wird davon ausgegangen, auch hier komme dem Strafrecht nur eine subsidiäre Rolle als ultima ratio zu. Demgegenüber wird geltend gemacht, Strafrecht stelle gegenüber der "verwaltungsrechtlichen Einfüh-

477 Vgl. SCHÜNEMANN, B., 1989, S. 629 ff.; Ferner den Bericht der Bundesregierung zum "Grauen Kapitalmarkt" vom 17.9.1999 (BT-Drs. 14/1633), der in diesem Bereich Möglichkeiten wie Grenzen des Anlegerschutzes in einer Wettbewerbswirtschaft beispielhaft aufzeigt. 478 Als Beispiel sei die Steuerermäßigung für den Katalysator genannt. 479 Vgl. KAISER, G., 2000. 480 In Betracht kommen insbesondere das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel, das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, das Bundeskartellamt, der Bundesrechnungshof, die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher, die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft e. V., der Deutsche Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität e.V.

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rung umfassender Anmeldungs-, Bewilligungs- und Kontrollpflichten" eine geringere Belastung dar, weil "der Einzelne dem staatlichen Eingriff durch normkonformes Verhalten ausweichen" könne.481 Solange Steuerungsfunktion und -möglichkeiten durch das Recht weithin ungeklärt sind, wird dieser Streit nicht entschieden werden können. Erst durch Empirie wird geklärt werden können, in welchen wirtschaftlichen Konstellationen eher zivil-, eher verwaltungs- oder eher strafrechtliche Regeln bzw. Kombinationen hieraus wirksam sind. Andererseits dürfte schon jetzt die Problematik strafrechtlicher Regelungen feststehen, die eine rechtsstaatlichen Grundsätzen genügende Prävention von Wirtschaftskriminalität mit strafrechtlichen Mitteln zum "Prüfstein des Strafrechtssystems"482 werden lässt. Denn hierdurch sollen die folgenden konfligierenden Ziele gleichermaßen erreicht werden: -

Erstens sollen die Gleichbehandlung sozialschädlicher Verhaltensweisen und die Gleichmäßigkeit der Strafrechtsordnung erreicht bzw. verbessert werden, zweitens sollen Praktikabilität und Effizienz des materiellen Rechts - auch und gerade im Hinblick auf dessen leichtere prozessuale Anwendung - erhöht werden, drittens soll das Wirtschaftsstrafrecht unverändert allgemeinen rechtsstaatlichen Grundsätzen genügen.

Die Grenzen des Strafrechts als Mittel der Prävention von Wirtschaftskriminalität zeigen sich daran, dass sich Beschuldigte in Wirtschaftsstrafverfahren vergleichsweise häufiger als Beschuldigte in Verfahren wegen "klassischer" Formen der Kriminalität der Bestrafung zu entziehen vermögen. Gründe hierfür dürften weniger in der Person und in den Verteidigungsmöglichkeiten liegen, als vielmehr in strukturellen Besonderheiten des Strafrechts: -

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Ein rechtsstaatliches Strafrecht muss das strafbare Verhalten tatbestandlich bestimmt umschreiben. Zum Repertoire wirtschaftlichen Handelns gehört aber gerade auch das Ausnützen der Lücke im Gesetz; juristischer Rat wird nicht selten mit dem Ziel gesucht, die Grenze des noch Zulässigen zu ermitteln. Wirtschaftskriminalität ist vielfach "Verbandskriminalität"; das deutsche Strafrecht ist aber darauf angelegt, einer individualisierbaren Person gegenüber den sozialethischen Vorwurf zu machen. In einer arbeitsteilig-hierarchisch organisierten Wirtschaft werfen jedoch Fragen der Täterschaft und Teilnahme besonders schwierige Probleme auf. Mehr als sonst bestehen Schwierigkeiten im Nachweis der subjektiven Tatseite, nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit von Prognosen und Erwartungen in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung. Schließlich greift auch das strafrechtliche Sanktionensystem nur begrenzt. Der Gedanke an eine als kalkulierbarer Kostenfaktor in die Preisgestaltung einfließende Geldstrafe schreckt nicht. Entgegen den das gegenwärtige deutsche Strafrecht auszeichnenden Tendenzen wird deshalb im Wirtschaftsstrafrecht von einigen Autoren die kurze Freiheitsstrafe als Abschreckungsmittel empfohlen.483

Der Gesetzgeber hat sich der Aufgabe einer Reform des Wirtschaftsstrafrechts gestellt. Auf organisatorischem Gebiet war die seit 1968 erfolgte Einrichtung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften und von Wirtschaftsstrafkammern die wohl wichtigste Präventionsmaßnahme. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaften sind Ausdruck der Idee der Spezialisierung und Konzentration bei den Staatsanwaltschaften. Auf Gerichtsebene wurde 1971 durch § 74c GVG als besondere Strafkammer die Wirtschaftstrafkammer eingeführt, die für die Verhandlung und Entscheidung von Wirtschaftsstraftaten im Sinne von § 74 c GVG zuständig ist. 481

TIEDEMANN, K., 1993, S. 530 f. JUNG, H., 1979. 483 So z. B. TIEDEMANN, K., 1974, S. 73, 248. 482

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Zur Verbesserung des materiellen Wirtschaftsstrafrechts wurde 1972 vom Bundesministerium der Justiz eine Sachverständigenkommission zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität berufen. Auf der Grundlage der Vorschläge dieser Kommission wurde der Gesetzgeber in den vergangenen Jahrzehnten tätig. Im Wesentlichen wurden die Weichen durch das 1. und 2. Gesetz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität von 1976 und 1986 gestellt.484 Künftige Ergänzungen ergeben sich insbesondere aus der Umsetzung internationaler Rechtsinstrumente etwa im Bereich der Korruption, der Zahlungskarten-, Internet- und Computerkriminalität. 2.4.8 Zusammenfassung und Ausblick Im Unterschied zu zahlreichen anderen Kriminalitätsfeldern bestehen erhebliche Wissenslücken vor allem und zunächst mit Blick auf das Dunkelfeld der Wirtschaftskriminalität. Deshalb kann derzeit lediglich begründet vermutet werden, das Dunkelfeld sei relativ groß. Erhebliche Wissenslücken bestehen ferner hinsichtlich der theoretischen Erklärung von Wirtschaftskriminalität und damit sowohl für eine theoriegeleitete Analyse der Verhaltensphänomene als auch der Steuerungsmöglichkeiten durch das Recht. Das Wissen über die Häufigkeit des Vorkommens von Wirtschaftskriminalität sowie über die dadurch verursachten Schäden beschränkt sich fast ausschließlich auf die sog. Hellfeldkriminalität, d. h. auf die den Strafverfolgungsbehörden bekannt gewordenen Delikte. Hinzu kommt, dass die offizielle Kenntnis der meisten Delikte, im Gegensatz zu den in der Regel von Privatpersonen angezeigten Delikten der klassischen Eigentums- und Vermögenskriminalität, auf eigenen Ermittlungen der Strafverfolgungsorgane beruht. Umfang und Entwicklung registrierter Wirtschaftskriminalität sind deshalb in ganz erheblichem Maße von diesbezüglicher Schwerpunktsetzung und Ressourcenzuweisung abhängig. Rückschlüsse von Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität auf das Dunkelfeld sind deshalb kaum möglich. Die erheblichen jährlichen Schwankungen sowohl im Fallaufkommen als auch bei den registrierten Schadenssummen beruhen weitgehend auf Großverfahren mit zahlreichen Einzelfällen. Kennzeichnend für Wirtschaftskriminalität (im Hellfeld) sind vor allem der hohe materielle Schaden, die beträchtliche Zahl der Einzelfälle, die Vielzahl der Geschädigten und der relativ kleine Täterkreis. Zu vermuten sind ferner erhebliche immaterielle Schäden. Deshalb kommt der Prävention von Wirtschaftskriminalität besondere Bedeutung zu. Grundlegende Voraussetzung für eine lageangepasste Prävention ist, dass die Deliktsfelder und Kriminalitätsformen möglichst frühzeitig, zuverlässig und vollständig erfasst werden. Derzeit besteht eine erhebliche Kluft zwischen dem empirischen/theoretischen Wissensstand und dem in der Rechtspolitik diskutierten Handlungsbedarf. Zumindest hinsichtlich der Hellfeldkriminalität kann diese Wissenslücke verringert werden. Wirtschaftskriminalität ist in den amtlichen Kriminal- und Strafrechtspflegestatistiken nur unvollständig und nicht hinreichend differenziert erfasst. Als Planungs- und Informationsinstrument sind diese Nachweise (im besten Fall) nur bedingt tauglich. Deshalb muss die derzeit unzulängliche Datenbasis verbessert werden. Dem dient auf der Ebene der Polizei die Erstellung des erstmals für das Berichtsjahr 2000 geplanten Bundeslagebildes Wirtschaftskriminalität. Es wird zu prüfen sein, inwieweit eine Erstreckung auf die Ebenen von Staatsanwaltschaft und Gericht erforderlich ist, um Schwierigkeiten in der strafrechtlichen Verfolgung von Wirtschaftskriminalität besser erkennen und beseitigen zu können. Wirtschaftskriminalität ist in hohem Maße Kontrollkriminalität. Deshalb ist es erforderlich, dass die Voraussetzung sowohl für eine wirksame Prävention als auch für eine effektive Anwendung des Strafrechts verbessert werden. Die Bestandsaufnahme hinsichtlich der Nutzung präventiver Möglichkeiten durch die Strafverfolgungsorgane, insbesondere durch die Polizei, hat erhebliche Defizite erkennen lassen. Das vom

484

Zu einem Überblick über die Reformen auf dem Gebiet des materiellen Wirtschaftsstrafrechts vgl. DANNECKER, G., 2000, S. 27 ff.; HEINZ, W., 1998c, S. 32 ff.

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Bundeskriminalamt mit den Landeskriminalämtern erarbeitete Konzept zur "Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität im Vorfeld" mit dem Ziel, polizeirechtliche Handlungsspielräume besser als bisher zu nutzen, um frühzeitig betrügerisch handelnde Personen erkennen zu können, ist deshalb ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Außerstrafrechtliche präventive Maßnahmen müssen strafrechtliche Prävention in hohem Maße ergänzen. Aufklärungsmaßnahmen, Maßnahmen der Selbstkontrolle und des Selbstschutzes müssen gleichberechtigt neben einer intensiven Nutzung zivilrechtlicher und polizeirechtlicher Handlungsspielräume stehen. Initiierung und Förderung von Maßnahmen des Selbstschutzes wird nicht ausreichen. Erforderlich wird auch die Prüfung sein, wie Anreizstrukturen für wirtschaftsdelinquentes Handeln verändert werden können, insbesondere durch Änderung des ökonomischen Bezugsrahmens, und wie präventive privatwirtschaftliche Kontrollen gefördert und die Deliktskosten für die Täter gesteigert werden können. Die mit dem Wirtschaftsstrafrecht angestrebten general- und spezialpräventiven Ziele setzen eine effektive und konsequente Anwendung des Strafrechts voraus. Insoweit werden von der Praxis vor allem eine verbesserte und verstärkte Aus- und Fortbildung gefordert, eine Intensivierung des Er