Johnson-Jahrbuch - Uwe Johnson-Gesellschaft

Johnson-Jahrbuch - Uwe Johnson-Gesellschaft

Johnson-Jahrbuch Band 10/2003 Herausgegeben von Ulrich Fries, Holger Helbig und Irrngard Müller Vandenhoeck & Ruprecht R edaktion: Holger H elbig ...

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Johnson-Jahrbuch Band 10/2003

Herausgegeben von Ulrich Fries, Holger Helbig und Irrngard Müller

Vandenhoeck & Ruprecht

R edaktion: Holger H elbig Umsch/agbild: Andreas Lemberg, UweJohnson V, 01 aufLeinwand

Die Deutsche Bibliothek- CIP-Einheitsaufuahme

]ohnson-]ahrbuch. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Erscheint jährl. - Aufnahme nach Bd. 1. 1994 ISSN 0945-9227 Bd. 10. 2003ISBN 3-525-20909-6

© 2003, Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Internet: www. vandenhoeck-ruprecht.de Alle Rechte vorbehalten. Das W erk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere fiir Vervielfaltigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Satz: Competext, Heidenrod Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen

Thomas Geiser

>>Alles ist Ironie. Er ist keine<<' Zu: Uwe Johnson. Befreundungen. Gespräche, Dokumente, Essays Herausgegeben von Roland Berbig, gemeinsam mit Thomas Herold, Gesine Treptow und Thomas Wild

Ein schön gemachtes Buch, ein Buch von einladender Fülle. »Die Beiträge [...] eint Misstrauen an Vorgefertigtem«, steht im Vorwort. »Sie laden in geziemender Zurückhaltung ein, der Übermacht schillernder, aber wirkungsvoller Klischees entgegenzutreten. [...] Die >Befreundungen< sind ein Plädoyer fur Unvereinbarkeiten, aus denen ein Leben besteht.« 2 Solches zu lesen über den Umgang mit einem Menschen, der ja nun fast zwanzig Jahre tot ist, tut gut. Natürlich könnte sich ergeben, dass gerade durch einen Sammelband wie diesen Legenden geboren werden; genügt es doch, dass mehrere der Gefragten Gleiches sagen oder eben auch nur weitersagen. Marianne Frisch geben wir nachträglich Recht, wenn sie meint: »Ich kann das ewige Gerede von der schwarzen Lederjacke nicht mehr hören!<( (332) Für Wiederholungen dieser Art können die Herausgeber freilich nichts. Sie haben bei der Auswahl aus Johnsons Freundeskreis auch »eigenen Vorlieben und Neigungen« nachgegeben und danken weiteres »dem glücklichen Zufall« (11). Dass Walser und Enzensberger immer noch schweigen wollen, erfahren wir (wiederum im Vorwort) mit Bedauern, während Grass überhaupt nicht erwähnt

1 Wolfgang Neuss in: Salvatore, Gaston: Wolfgang N euss - Ein fultenreiches Kind, Frankfurt am Main 1974, S. 237. 2 Uwe Johnson. Befreundungen. Gespräche, Dokumente, Essays, hg. von Roland Berbig, gemeinsam mit Thomas Herold, Gesine Treptow und Thomas Wild, Berlin 2002, S. 8. Bei Zitaten daraus stehen die Seitenzahlen in Klammern im Text.

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wird, der doch auch mehr sagen könnte als das, was wir kennen. 3 Und Kempowski? Hat er den Herausgebern nur Auskünfte gegeben, aber keine Druckerlaubnis fiir das ganze Gespräch? Sicher: Über den Menschen Johnson ist mittlerweile wohl alles aufgeschrieben, was er selber hat preisgeben wollen. Aber über den Dichter? Müssen wir uns damit abfinden, dass sich die wichtigsten Kollegen verweigern? Zurück zur Fülle. Versammelt sind acht Gespräche, gefi.ihrt zwischen Herbst 1998 und Frühjahr 2001, nämlich mit Toni Richter, Klaus Wagenbach, Reinhard Baumgart, Peter Wapnewski, Peter Rühmkorf (von ihm stammt das Wort ,.Befreundungen«), Tankred Dorst, Hans Dieter Zimmermann und Thomas Brasch; weiter fiinf Berichte über Arbeitsbeziehungen oder Freundschaften (Wolfgang Neuss, Reinhard Baumgart, Marianne Frisch, Walter Kempowski und Margret Boveri); der Briefwechsel mit Lotte Köhler; je ein Text von Wolfgang Neuss und Martina Düttmann sowie die redigierte Mitschrift des Salon-Gesprächs mit Franz JosefStrauß von 1964, an dem neben Hans Werner Richter, Ernst Schnabel und Theo Pirker auch Johnson teilgenommen hat. Roland Berbig ist vorweg sehr zu danken dafi.ir, dass (endlich) auch Frauen zu Wort kommen, wenn wir einmal vergleichen mit den bekannten vier Suhrkamp Taschenbüchern und mit» Wo ich her bin ...« von 1993. Denn es f'allt auf, dass sich Johnson nur mit Männern verkracht hat (streiten konnte er nicht; das wird hier mehrfach ersichtlich), während er ,.Befreundungen« mit Frauen- und mit Eheleuten- über alle Jahre pflegte. Das Gespräch mit Toni Richter, Zitate von Marianne Frisch, die Briefe an Frau Köhler und der wunderbare Text von Martina Düttrnann: Von diesen Seiten scheint ein warmes Licht auf den gewiss schwierigen Menschen, etwa, wenn Toni Richter sa:gt: »Es war nicht einfach mit ihm. Andererseits ging von ihm dabei auch eine Hilflosigkeit aus, dass man doch für ihn war.« (115) Beim Lesen wird uns dann bewusst, wie weit zurück die Begebenheiten mittlerweile liegen, von denen die befragten Personen berichten, denn viele dieser Beziehungen wurzeln in der Gruppe 47. An deren 21. Tagung, 1959 aufSchloss Elmau bei Mittenwald, war Johnson zum ersten Mal dabei: Vor über 40 Jahren ... Die Erinnerung, das ist verständlich, hat Lücken bekommen und kann trügen. In zwei, drei Fällen wird ihr denn auch in einer Fußnote widersprochen. 3 Vgl. Grass, Günter: Distanz, heftige Nähe, Fremdwerden und Fremdbleiben. Gespräch über Uwe Johnson, in: Roland Berbig/Erdmut Wizisla (Hg.), •Wo ich her bin ...«. UweJohnson in der D.D.R., Berlin 1993, S. 99-121.

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Berlin, anfangs der sechziger Jahre. Unmittelbar nach dem Mauerbau gab es, so Klaus Wagenbach, »große Hoffimngen in der DDR, bei vielen Autoren. Die haben gesagt ma gut, jetzt steht die Mauer, jetzt ist der Abfluss der Intelligenz gestoppt, jetzt muss es hier, im abgeschlossenen Raum, freier werden< [...] Entsprechende Hoffimngen gab es auch im Westen. Dass da zwar die Mauer sei, aber doch auch erste Hoffuungen einer Annäherung« (136f.). Man traf sich. Grass undJohnson lebten bereits in Berlin, Höllerer auch, Hans Wemer und Toni Richtel' bezogen die Villa von Samuel Fischer im Grunewald, Klaus Roehler war Lektor beim Luchterhand-Verlag, es kamen Enzensberger, Frisch, Ingeborg Bachmann. Etwas wie eine solidarische, politisch-intellektuelle Gemeinschaft war entstanden. ))[A]berJohnson kam immer als Individuum, und er blieb es auch. [... ]Er hat die richtig politischen Aktionen mehr beobachtend begleitet, als sie zu betreiben. Zuhören und Notizen machen, so sehe ich ihn vor mir.« (Toni Richter, 107) Was nicht heißen muss, dass dieses »kollegiale Verhalten einer [linken] Minorität« (Klaus Wagenbach, 142) seinem Verständnis von Zeitgenossenschaft nicht entsprochen hätte; denn tatsächlich engagierte er sich zu der Zeit noch: Zuerst schreibend (1961 und 1964 mit den beiden Texten über die Berliner Stadtbahn), dann auch öffentlich (1962 in der Spiegel-Affäre), aber auch handelnd (1963 im Prozess der Gruppe 47 gegenJosef-Hermann Dufhues). »Weder vorher noch später hat sich Uwe Johnson in vergleichbarem Maße als Schriftsteller unmittelbar politisch verhalten<< (Roland Berbig, 45). Den Schlussstrich unter diese Erfahrungen zog er wiederum schreibend, da war er schon in New York: ))Über eine Haltung des Protestierens« wurde gedruckt im Kursbuch 9 von 1967 und wie zur Sicherheit gleich nochmals, 1968 im ersten Jahrgang des Tintenfischs. Damit wären wir wieder bei W agenbach. Er erinnert sich: >>Vor 1968 war das Verhältnis der Linken untereinander ein vollständig anderes als später« (142). Da ging der Zusammenhalt unter den Intellektuellen verloren, die Gemeinschaft zerfiel. Wagenbach zerstritt sich mit Grass und Johnson überwarf sich mit Enzensberger. Noch einmal Wagenbach: >>Er hatte die Schnauze voll vom Kommunismus. Er hatte aber auch keine Lust, sich im >Kalten Krieg< instrumentalisieren zu lassen. Ich kann das gut verstehen. Er hatte ganz andere Erfahrungen mit dem Kommunismus als wir.<< (143) Während der größten Turbulenzen warJohnson noch in New York; seine Rückkehr nach Berlin mag ihm dann vorgekommen sein wie die Ankunft in einer Fremde, wo die guten Leute das Maul nicht hielten. Die Folge war ein Rückzug ins Private. In den Jahrestagen sagt Gesine schon im ersten Band: »Es ist was mir übriggeblieben ist: Be-

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scheid zu lernen. Wen~stens mit Kenntnis zu leben.« 4 Wer so redet, hat die

Bühne verlassen. Vielleicht müsste man beim Rätseln nach den Gründen fiir den Umzug nach Sheerness auch daran denken. Alle hier gedruckten Gespräche vermögen zu fesseln; jedes hat seine eigene Farbe und Qualität, darauf gründen Reichtum und Lesenswert des Buches. Die Namen, die es vereint, sind ein Versprechen, das gehalten wird. Freuen darf man sich über gutes, kompetentes Fragen und darüber, dass fast nie unterbrochen wird. (Für die zweite Auflage wünsche ich mir aus Neugier und als einziges, Toni Richter möge den Satz auf Seite 107 noch beenden können.) Trotzdem: An mancher Stelle hätte sich, spätestens beim Redigieren, nachhaken gelohnt, um wirklich eine Antwort auf die gestellte Frage zu bekommen. Denn die Gefahr des Abschweifens ist ja dort am größten, wo aus dem Vollen geschöpft wird. Interessant ist am Rande, wie wenig eigentlich bei den Befragten herauskommt darüber, was ihnen die Bekanntschaft mit Johnson bedeutet hat, denn einmütig wird ja hervorgehoben, wie verschlossen er war. Manche fanden bei ihm HilfSbereitschaft und Schutz; gleichzeitig wird etwas vage und doch befremdend von Angst geredet;5 da ist der Leser besser bedient bei Kempowski, der sich von Mann zu Mann traute, wenn auch nur brieflich: »Ich würde Sie auch gerne einmal besuchen, lieber Herr Johnson, aber ich habe immer etwas >Schiß< vor Ihnen. Sie haben so etwas Strenges an sich, das mir zwar vertraut ist, aber mir den Mund verschließt.« (386) So hatte jeder seine eigenen Schwierigkeiten im Umgang mit diesem Menschen, nicht zuletzt wohl, weil der »im Grunde seine Literatur, seine eigene literarische Welt war« (238), wie Peter Wapnewski treffend sagt. Wapnewski? Sein Gespräch mit Thomas Herold gehört zu den Glanzstücken des Buches. 6 Wir erfahren (zum ersten Mal) von dieser Duz-Freundschaft auf Augenhöhe, von Briefen, in denen Johnson in hohen Tönen fiktive Geschichten ausfabuliert und solchen, wo er sehr direkt und unverstellt über sich berichtet. Bei W apnewski erkundigt sich Johnson 1975 nach dem Androgynen-Mythos aus Platons Symposion - und fUgt dessen Antwort weitgehend wörtlich ein in die Skizze eines Verunglückten. Wohl möglich, dass Johnson Gefühle (der

4 Johnson, Uwe: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Bd. I-IV, Frankfurt am Main 197Q-1983, S. 209f. 5 •So hatte man denn auch Angst vor ihm«, Thomas Herold, S. 249; •diese finstere Gestalt, von der Luise Rinser sich beängstigt fiihlte«, Peter Rühmkorf, S. 267. 6 •Ein Stein, aus dem keine Quelle schießt, wirklich nicht.• Peter Wapnewsk.i und UweJohnson, von Thomas Herold, S. 237-260.

))Alles ist Ironie. Er ist keine«

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Freundschaft und Zuneigung) nicht artikulieren konnte. Wohl wahr, dass er sie ausdrückte, auf seine Weise. Vom Gespräch mit Reinhard Baumgart7 weht ein frischer Wind in die Sekundärliteratur. Da wird nicht seziert und eingeteilt, sondern in großen Räumen gedacht. •Sie wissen, dass das ein Motiv der ~ahrestage< ist, das Reinnölen der Toten, dass er in Stimmen lebte und sein Erzählen auch aus diesem Stimmengewirr kommt. (...]Das Dokumentarische und dieses Realiengerüst, was so fasziniert und den Büchern einen Halt in der Wirklichkeit, und der Gegenwart und auf der Erde gibt, musste wohl sein. Die Kontrolle, diese Besorgtheit und Haftbarmachung des Fiktiven in der Wirklichkeit, brauchte er, um nicht einfach zu implodieren oder zu explodieren in der Fiktion, ins Phantastische.« (177) Wir lesen aber auch (endlich sagt es jemand) von Johnsons »ungeheure(r] Emotionalität<< (168) und von >>eine[m] der inständigsten Versuche im 20.Jahrhundert, [im Erzählen] sehr nah an das Mündliche heranzukommen« (162). Der nachfolgende Essay von Thomas Wild8 beleuchtet eine geglückte Arbeitsbeziehung und eine Freundschaft auf dünnem Eis, das dank Baumgarts standhafter Behutsamkeit nie zerbrach. Ausruhrlieh zitiert wird aus dem Briefwechsel, »der rein am Umfang gemessen einen der wichtigsten in der Korrespondenz Uwe Johnsons darstellt<< (191). Da warten wir gerne auf mehr. Nicht ganz befriedigen kann die Form jener Beiträge, in denen lediglich über ein Gespräch berichtet wird. Von Marianne Frisch zum Beispiel9 erfahren wir nur Bruchstücke dessen, was sie gesagt hat. Zudem stehen diese teils in indirekter Rede, teils zwischen Anflihrungszeichen (Einzelwörter, Wortpaare und Satzteile) und oft leider auch im Indikativ. Dieser wird naturgemäß aber auch von den Verfassern gebraucht, so dass an manchen Stellen nicht erkennbar ist, ob jetzt da ein Satz von Frau Frisch steht oder eine Meinung der letzteren. Auch Gesine Treptow dankt Walter Kempowski zu Beginn ihres fast fiinfzigseitigen Essays10 »fiir zwei ausruhrliehe Gespräche« (346). Dazu passt nicht, dass im Text 7 »Aber es gibt ein Schweigen, das nicht ganz unvemehmbar ist.« Ein Gespräch mit Reinhard Baumgart über Uwe Johnson, gefiihrt von Gesine Treptow und Thomas Wild, S. 157-190. 8 •Drittens vertraue ich Ihnen aus vollem Halse.• Uwe Johnson und Reinhard Baumgart, eine Begegnung in Büchern und Briefen, S. 191-236. 9 Der fremde Freund. Marianne Frisch und Uwe Johnson, von Th.omas Herold und Thomas Schulz, S. 325-344. 10 »Ruhe! Walter Kempowski soll weiterschreiben!• Wie zwei Mecklenburge Schriftsteller ein Auge aufeinander haben, sich lesen und lektorieren, S. 345-391.

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weiterhin Vermutungen geäußert und Fragen offen gelassen werden; ganz abgesehen davon, dass wir auch in diesem Fall nicht wissen, was Kempowski wirklich gesagt hat. Das wüssten wir aber gerne. (Es geht hier ja um Johnson. Dieser hat, das belegen die erhaltenen Interviews, auf gute Fragen klare Auskünfte gegeben; mit Reinhard Baumgart bedauern wir, dass das nicht öfter geschehen ist.) 11 Andererseits kämen wir bei den vielen Zitaten aus den Briefwechseln meist von selber drauf, was sie meinen und wie sie wirken; da wird zuviel erklärt und zu vieles wiederholt- etwa: »In der prägnanten Schilderung von Sheerness gewährt Johnson einen kurzen intimen Einblick in sein Leben und öffuet sich Kempowski ein Stück« (378).- Na ja ... Wir können uns also selber prüfen: Sind wir bereit, unser >>Vorgefertigtes« zu hinterfragen, wenn wir auf andere Meinungen treffen und ohne zu unterscheiden, von wem diese kommen? Mit Uwe ]ohnson. Befteundungen halten wir ein willkommenes Buch in der Hand. Noch ein Kompliment zum Schluss: Es gilt den sinnig eingestreuten, gut ausgewählten Fotografien.

Thomas Geiser, Untere LeihofStrasse 21 ,CH 8820 Wädenswil

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11 Vgl. das Gespräch mit Reinhard Baumgart, S. 185, wo er sagt: •solche Dinge hätte man ihn fragen können•.