Junge Menschen und Schulden - Infodienst Schuldnerberatung

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Ausgerechnet – Jugend-Schulden-Beratung Tübingen Vortrag zur Eröffnung von Cash-Flow 30.06.2016 Junge Menschen und Schulden – Ursachen, Auswirkungen ...

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Junge Menschen und Schulden – Ursachen, Auswirkungen und erste Erfahrungen aus der Beratung Es ist schön, nach nun gerade 2 ½ Jahren eigener Tätigkeit und Erfahrung als JugendSchulden-Berater hier eines Vortrags für würdig befunden zu sein – ich hoffe mal, ich werde der Verantwortung auch gerecht. Meine Aufgabe für heute ist, einen Blick auf die Ursachen der Verschuldung junger Menschen zu richten, Auswirkungen zu skizzieren und Ihnen einige erste eigene Erfahrungen zu präsentieren. „Es ist ein wenig wie Sätze, die normal anfangen, aber dann plötzlich… Das könnte einen ärgern, bloß… Denn irgendwie versteht man trotzdem, was derjenige… Also ist es vielleicht gar kein? Dieser Text könnte ewig weitergehen, nur….“ (Till Krause; SZ-Magazin 20/2016 vom 26.5.2016, S. 22) So beschreibt Till Krause ein Phänomen heutiger Sprache – und vor allem junger Sprache –, das darin gipfelt: „Ich wollte kommen – aber netflix“. Unvollendete Sätze. Man kann im Gesicht des Adressaten lesen, ob das noch Unausgesprochene bereits verstanden wurde und spart sich den Rest und die dazugehörige Atemluft. Junge Menschen brechen Zahlungen ab, wenn ihnen der monetäre Atem stockt, finanziell die Luft wegbleibt. Dabei beginnt der Satz zunächst als vollständiger Gedanke. Junge Menschen gehen Verträge ein in der sicheren Erwartung, sie auch zu erfüllen. Sie sind voller Zukunftshoffnung. Sie träumen von Gütern, die ihr Leben angenehmer und stylischer machen, ihnen Anerkennung sichern. Sie träumen davon, mithalten zu können mit anderen auch im Konsum, im Lebensstil, in der Sicherheit und beim Spaß. Sie träumen davon, unabhängig von Bildungskarriere, Alter, Einkommen der Eltern oder ihren Zukunftschancen. Die allermeisten sind sehr vorsichtig und konservativ, wenn sie ihre Träume und deren finanzielle Umsetzung beschreiben. Die Forschungsgruppe Jugend und Schulden in Mainz unterstreicht, dass Kommunikation und Mobilität elementare Bedürfnisse der heute heranwachsenden Generation darstellen und für deren Sicherstellung auch Risiken in Kauf genommen werden. Und sie verweisen darauf, dass der Jugendalltag insgesamt kostenpflichtig geworden ist. „Geld ist ein notwendiges Mittel zur Bewältigung der Jugendphase und zentral für die damit verbundenen Bildungs- Sozialisations- und Entwicklungsprozesse und Übergänge“(vgl.: Braun, A./ Lanzen, V. / Schweppe, C.: Junge Menschen, Geld und Schulden; S. 39 in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66. Jahrgang, 1-2/2016, Schulden). Seien dies jugendkulturelle Aktivitäten, Freizeiterlebnisse (selbst Freibadbesuche kosten alleine für den Eintritt relativ viel Geld), die Ablösung vom Elternhaus, oder, wie schon erwähnt, Mobilität und mediale Kommunikation.

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Geld (Haben oder nicht Haben) gewinnt für die Identitätsentwicklung und die Auseinandersetzung mit den Peers an Bedeutung. Konsum schafft Differenz, drückt kulturelle Zugehörigkeit aus (vgl. bspw. Streamingdienste). Nicht zu konsumieren ist kaum vorstellbar, schließt aus dem jugendlichen Leben aus. Wenn wir in Jugendhäusern nach Freizeitorten ohne Geld fragen, dann nennen die Jungs den Bolzplatz. Auf den ersten Blick ermöglicht dieser tatsächlich kostenlose Vergesellschaftung und Teilhabe – dann fällt der Blick auf die Fußballschuhe und die Trikots und wieder entsteht Differenz. Zur Notwendigkeit, Geld zu haben, gesellt sich auch bei jungen Menschen zunehmend die Notwendigkeit oder Normalität von Dauerschuldverhältnissen dazu. Dies auch und gerade dann, wenn der finanzielle Spielraum eng ist. Handyverträge, erste Wohnungseinrichtung, Online-Ratenkauf, 0-%-Finanzierung. Aber auch Bildungskredite, Bausparverträge, Versicherungen, Altersabsicherungen, Fitnessverträge. Sie werden umworben, auch mit riskanten Produkten, die gleichzeitig Sicherheit und Flexibilität versprechen („Wie für mich gemacht“). Geht etwas schief, dann gibt es oft keinen Plan B. Die Eltern waren eh dagegen, die fragt man besser nicht, die beste Freundin, der Freund, der Onkel haben abgeraten oder sind gerade selbst nicht flüssig. Die Korrektur des Lebensstils, die man aufgrund des schlechten Gefühls längst hätte einleiten sollen, kommt nun zu spät. Vodafone, Base, die Deutsche Bahn, Amazon, Otto, Advanzia, Fitnesstudios und regionale Banken, sie alle können ein Lied davon singen, dass junge Menschen Ratenverträge eingehen und ein Teil von ihnen später für ihre Verbindlichkeiten nicht aufkommt – oder nicht aufkommen kann – und sich dann nicht melden, nicht anrufen, auf Schreiben nicht reagieren und sich auch den Inkassobüros gegenüber taub stellen oder Raten nicht zuverlässig bedienen. Nicht alle aber doch einige von ihnen. Dann kommen die Scham, Selbstentwertung, vor allem aber der Verlust von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. Diese Menschen sind unsere Zielgruppe. Die, die es aus eigener Kraft und mit den eigenen Mittel nicht schaffen, sich aus der Überschuldung wieder herauszuarbeiten. Auch die Inkassoindustrie ist ein Indiz, dass fehllaufende Verschuldung als Massenphänomen existiert – zumindest lässt sich offenkundig Geld damit verdienen. Das betrifft aber nicht nur junge Leute. Wie viele der jungen Menschen grenzwertig verschuldet sind, ist umstritten. 15 oder 25, oder doch nur 6 oder gar 2 Prozent? Wann genau beginnt jugendliche Ver-, wann Überschuldung? Bei Schulden höher als ein Monatseinkommen? Die Messlatten werden unterschiedlich angelegt und sind oft streng. Mit Jugendverschuldung und der Dramatisierung von jugendlichem Konsum wird auch Politik gemacht, werden Dienstleistungen verkauft. Auch Soziale Arbeit formuliert Bedarfe und ist in der Gefahr, die

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Kompetenzen junger Menschen als mangelhaft oder unzureichend zu beschreiben, in der Hoffnung auf Gelder für Prävention und Unterstützung. Auf dieses Minenfeld möchte ich mich nicht begeben. Fakt ist, es gibt sie und Fakt ist meines Erachtens auch, dass sie ein gezieltes Angebot brauchen, wenn man sie unterstützen und einen Neustart ins Erwachsenenleben ermöglichen möchte und Fakt ist drittens, dass es sich lohnt, das zu tun. Die Ursachen für Verschuldung junger Erwachsener oder Jugendlicher sind sehr unterschiedlich. Sowohl individuell als auch strukturell. Ich mache das deutlich anhand von ein paar Fallbeispielen aus unserer Praxis. Es gibt junge Menschen wie Thomas, Er zieht mit seiner Freundin nach Abschluss der Malerlehre in die erste eigene Wohnung auf dem Land. Die Miete ist billig, sie verdient während der Ausbildung schon mit, sie gönnen sich Luxusgüter: Beamer, Surroundanlage, Küchengeräte und aufgrund der verkehrstechnisch gelegenen Abseitigkeit des Ortes natürlich auch ein tolles Auto. Das Gesellengehalt ist ordentlich, zudem kann Thomas jederzeit Überstunden machen, wenn es mit Raten oder gekündigten Verträgen Schwierigkeiten gibt. Oder er lässt sich Urlaub ausbezahlen. Das geht über viele Jahre gut. Bis er Ärger mit seinem Chef bekommt und keine Überstunden mehr machen kann. Alkohol spielt als Bewältigungsmuster zunehmend eine Rolle, dann kommt der Verlust des Führerscheins, eine hohe Geldstrafe muss abbezahlt werden, die Freundin trennt sich, die Wohnung ist für ihn alleine zu teuer. Er reagiert nicht. Am Ende stehen 24.000 € Schulden. Bemerkenswert, dass er die Arbeit behält, trotzdem er morgens 45 Minuten mit dem Bus braucht – zeitweise findet er wieder bei den Eltern Unterschlupf, zeitweise nächtigt er in deren Garage. Man kann sagen, Thomas Verschuldung resultiert aus unbedachtem Konsum, aus Leben auf großem Fuß. Man kann sagen, er hatte keine Mechanismen und Strategien, als es richtig schief lief. Man kann sagen, dass die Trennung ihn aus der Bahn warf. Man kann sagen, dass er sich weder auf sie noch auf den Chef hätte so verlassen dürfen. Es gibt junge Menschen wie Halima. Sie ruft an, weil eigentlich ihr Vater eine Schuldnerberatung braucht. Am Ende gesteht sie, dass sie auch Schulden hat – nur eben nicht viele und fragt, ob sie auch Beratung haben könne. Sie hat einen Fitness-StudioVertrag, den sie letztlich nie genutzt hat und nicht mehr bezahlen konnte, die Schreiben des Inkassobüros werden immer dramatischer. Außerdem einen Handyvertrag, der Schwierigkeiten macht und ein paar unbezahlte Rechnungen – Amazon, H&M, Zalando – darunter auch etliche Anschaffungen für die Geschwister, deren Handyverträge selbstverständlich auch über sie laufen. Sie hat die Lehre zur Zahnarzthelferin nach 8 Monaten abgebrochen, weil sie sich in dem Betrieb nicht wohlfühlt und kann nun die diversen Ratenverpflichtungen nicht mehr bedienen. Eine neue Lehrstelle hat sie schon gefunden, die greift aber erst in 4 Monaten. Sie hat versucht, alle auf den Herbst zu

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vertrösten, stößt aber auf taube Ohren. Die immer drängenderen Inkassoschreiben machen ihr Angst. Man kann sagen, Halima hat eine Lehre unbedacht abgebrochen und die Konsequenzen vorher nicht durchgerechnet hat. Man kann sagen, Halima ist zu viele Verträge und Verpflichtungen eingegangen, hat unbedacht eingekauft. Man kann sagen, dass Halima viel Verantwortung in ihrer Herkunftsfamilie übernimmt, viele Verpflichtungen jongliert. Man kann sagen, dass Halima sehr vorsichtig kalkuliert hat und mit dem, dass die Lehrstelle nicht klappt, nicht rechnen musste. Man kann sagen, dass in Halimas Familie niemand gut mit Geld umgehen kann, dass sie arm sind in einem reichen Land und Halima vergleichsweise viel Geld verdient, die Generationenbeziehungen auf dem Kopf stehen. Es gibt junge Menschen wie Paul. Er ist 16 und kommt mit seinem Jugendhilfebetreuer in die Beratung. Er lebte lange beim Vater in Balingen, musste dann plötzlich zur Mutter nach Tübingen umziehen. Die BEJ-Berufsschule, die er nach der Förderschule besuchen sollte, war aber in Balingen. Er hielt den Schulbesuch aufrecht, wurde aber regelmäßig beim Schwarzfahren erwischt – eine Monatsfahrkarte konnte die Familie sich nicht leisten, es hat sie wohl auch nicht ausreichend gekümmert, sie hatten andere Probleme. Sonst fragen konnte er niemand oder traute er sich nicht. Paul ist ein schüchterner junger Mann. Resultat waren 6 titulierte und 3 untitulierte Schwarzfahrten im Gesamtwert von 1.200€. Man kann sagen, dass Paul wusste was er tat, als er in den Zug stieg. Man kann sagen, dass Paul nur die Wahl hatte zwischen zwei Übeln und sich für den Schulbesuch entschied. Es gibt junge Menschen wie Robert. Seine Eltern, ein Unternehmensberater und eine Bankkauffrau kommen verzweifelt in die Beratung. Sie haben ihn schon drei mal entschuldet mit Beträgen von insgesamt über 10.000,- € und die Situation ist weiterhin nicht stabil. Er lebt auf zu großem Fuß, sie vermuten, er braucht den Lebensstil, um sich den Freundeskreis zu erhalten. Sie sind uneins darüber, was nun richtig ist. Nochmals unterstützten, unterstützen mit Bedingungen, ihm das Leben eine Lektion erteilen lassen, weil es sowieso irgendwann dazu kommen muss. Man kann sagen, dass Roberts Eltern ihn zu lange vor der wirklichen Realität bewahrt haben, zu nachsichtig waren. Man kann sagen, dass sie die neue Realität der verführerischen Angebote trotz Sachverstand nicht verstehen, keine modernen Antworten wissen. Man kann sagen, dass sie alles versucht haben, ihren Sohn vor Schaden zu bewahren. Es gibt junge Menschen wie Max, der – einen gewissen Lebensstandard von zuhause gewohnt – nach dem kaufmännischen Abitur in Ulm zu Studieren beginnt. Er gönnt sich ein 1Zimmer-Apartment. Und achtet auch sonst sehr auf den Stil, den er ausstrahlt. Als es zum ersten Mal knapp wird mit der elterlichen Apanage auszukommen, beantragt er eine Kreditkarte mit 1.500,- € Verfügungsrahmen – und bekommt sie zu seinem Erstaunen. Diese Methode wendet er danach noch zweimal an – und endet konsequent mit 3 voll ausgeschöpften Kreditlinien – plus Dispo der Hausbank. Die Prüfung des Studiums schafft er

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nicht – wiewohl nach außen cool belastet ihn die Verschuldung mit gesamt 9.000,- € so sehr, dass er nur noch damit beschäftigt ist, Geld für die Raten aufzutreiben, die er ausgehandelt hat, die er sich aber in der Summe nicht leisten kann. Mit dem Abtragen ist er sehr erfolgreich. Als er zu uns kommt sind noch knapp über 5.000 € übrig – aber keine Nerven mehr um mit dem bisherigen Verhandeln fortzufahren. Da hat er sich dann auch den Eltern endlich offenbart, vorher verhindert es die Scham. Und selbst bei ihm mit Abitur die Angst, dass er bei Nichtbezahlung irgendwann mit Haft bestraft wird. Hätten Stoßseufzer der Erleichterung, dass man für Handy- und Schwarzfahr-Schulden nicht ins Gefängnis kommen kann, dass auch Schuldner Rechte haben, die sie wahrnehmen können, hätten diese Stoßseufzer reales Gewicht, mein Büro bräuchte längst zusätzliche Tragbalken, so schwer wäre mittlerweile der Bodenbelag aus zurückgelassener Angst. Man kann sagen, dass Max sich leichtsinnig verschuldete, man kann sagen, dass es ihm sehr leicht gemacht wurde. Man kann sagen, dass Scham über die Fehler eine schnelle Lösung verhinderte, man kann sagen, dass er sich selbst überschätzte und man kann sagen, dass selbst eine kaufmännische Ausbildung nicht vor Rechenfehlern bei Bedürfnissen, Gefühlen und Geld schützt. Es gibt noch andere Wege in die Überschuldung: Selten ist es nur ein Faktor sondern ein Mix aus Zutaten: Arbeitslosigkeit, Abstieg aus guter Arbeit in Zeitarbeit, Unfälle, Spielsucht der Mutter oder des Partners. Eigene Spielsucht und/oder Drogenmissbrauch, Depression. Frühe Schwangerschaft, Trennung, Todesfälle von Eltern oder wichtigen Bezugspersonen. Schnelle Kaufentscheidungen, Konsumlust, Kaufsucht. Unvorhergesehen Ausgaben, andauerndes Niedrigeinkommen, ausbleibendes oder unzuverlässiges Einkommen. Ausbeutende Arbeitssituationen, widerständiges Sozialsystem, die Unfähigkeit, sich dauerhaft an Stellen zu halten, zuverlässig Fristen und Termine einzuhalten. Die Unfähigkeit, sich rechtzeitig arbeitslos zu melden oder der Krankenkasse Bescheid zu geben, Mangelnde Bildung unzureichendes Wissen über Rechte und Pflichten. Strangulierende Geldstrafen, Elternhäuser, die keine Unterstützung mehr leisten können oder wollen. Eigentlich gibt es nichts was es nicht gibt. Rückblickend geben jungen Menschen dann vor allem sich selbst die Schuld: dumm seien sie gewesen, mangelnde Übersicht oder Voraussicht hätten sie gehabt. Sie sehen die strukturellen Faktoren meist nicht und haben vergessen, dass sie in bester Absicht Risiken eingingen. Die meisten wollen es – oft beinahe verzweifelt – wieder gut machen. Auch sich selbst wieder gut machen nach dem gescheiterten ersten Versuch. Thomas stellt nach einigen Monaten Verhandlung und Stabilisierung Insolvenzantrag und wird nach 3 Jahren schuldenfrei sein. Max hat 9 Monate bei Mc Donalds gearbeitet und die Schulden in Raten abbezahlt. Unregelmäßigkeiten hat er nach Anrufen bei uns immer selbst geklärt. Er ist froh um die Erfahrung und dass er sich durchgekämpft hat. Heute studiert er Jura.

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Paul bekommt für den Besuch des BVB Bundesausbildungsbeihilfe, die auf seinem Konto landet und nicht mehr im Familieneinkommen vergesellschaftet und den unkalkulierbaren Bedürfnisstrukturen seiner Mutter untergeordnet wird. Er zahlt einen Vergleich ab und ist schuldenfrei. Aus eigener Kraft! Als er sich verliebt und mit der Freundin das Zusammenwohnen ausprobiert, kaufen sie ein Sofa zusammen – und er leistet sich eine Jacke. Alles in einem Monat, alles perfekt ausgerechnet. Dann ist plötzlich die Handy Karte gesperrt. Weil er sich nicht umgemeldet und keiner Stelle mitgeteilt hat, dass er faktisch umgezogen ist erreichen ihn Rechnungen und Mahnungen nicht. Ein Drittanbieterabo erhöhte die Handyrechnung, die Rücklastschrift merkt er nicht – er merkt nur, dass er sich die Jacke tatsächlich leisten konnte. Im dritten Monat unbeantworteter Mahnungen und einer Rechnung von über 400 € sperrt der Handyanbieter. Das merkt Paul – und legt uns die Briefe nun vor. Die Drittanbieterabos belaufen sich auf über 220 €. Wir helfen ihm dabei, sie zu bestreiten und den Vertrag wieder zum Laufen zu bringen. Ohne Begleitung und auch finanzielle Unterstützung wäre der Grundstein für eine jugendliche Überschuldung gelegt. Wegen eines halben Sofas und einer Jacke und einem Klick auf ein Drittanbieterangebot. Raten zahlen hat er bei uns schon gelernt. Diese zuverlässig zu beherrschen und auf Rechnungen achtzugeben, damit tut er sich noch schwer. Mit Halima und ihrer Familie sind wir seit 2 Jahren in regelmäßigem Kontakt. Immer wieder hat die Familie finanzielle Probleme. Schnelle Entschuldung ist hier unmöglich, selbst das schrittweise Erlernen finanzieller Selbstständigkeit misslingt, es entwickelt sich eine kontinuierliche Begleitung der Bewältigung eines Alltags am Rande des Existenzminimums. Kleine Raten, um Schwarzfahrschulden der jüngeren Geschwister zu bezahlen, die Umwandlung eines Bußgelds wegen zu großer Fehlzeiten des Bruders in der Schule in Arbeitsstunden, die Begleitung des Vaters in die Insolvenz, das Überbrücken, als er wegen eines Diebstahls für einige Monate ins Gefängnis muss und sie das aus Scham dem Jobcenter nicht mitteilen. Eine Sanktion, die der nächsten folgt. Immer wieder zusammen mit der ganzen Familie nach kreativen Wegen suchen, um die dauernde Unterdeckung aufzufangen. Halima ist die einzige in der Familie, die mit den Ämtern einigermaßen zuverlässig verhandeln kann - und oft genug die Ämterlogik nicht versteht. Dann wieder müssen Pässe beschafft und dafür Dokumente übersetzt werden, damit die Aufenthaltserlaubnis länger gilt und die Weiterbewilligung nicht Mitte des Monats endet. Widerstände des Vaters gegen diese aus seiner Sicht entwürdigenden Prozeduren, starker seine Alkohol- und Tabakkonsum machen alles nicht einfacher Dazu kommen auch bei Halima sehr spontane Entscheidungen, wie zum Beispiel trotz der vielen offenen Rechnungen unbedingt mit dem Führerschein zu beginnen. Das eigene Gehalt würde nur für die eigenen Verpflichtungen gut ausreichen. Es muss aber immer wieder zur Überbrückung der familiären Engpässe oder Notwendigkeiten in der Versorgung der jüngeren Geschwister eingesetzt werden. Ähnlich wie bei Paul sind die Eltern nicht in der Lage die ersten eigenständigen Gehversuche der erwachsenen Kinder unterstützend zu begleiten, sondern funken teilweise unberechenbar dazwischen, bringen zusätzliches Chaos in die ohnehin prekäre Planung. Sie kennen es aus der eigenen Kultur und Geschichte oft 6

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nicht anders, Loyalitäten, Prioritäten und auch die Aushandlungsprozesse und Konflikte verlaufen ganz anders, als wir das kennen. Paul und Halima stehen nach unserer Erfahrung stellvertretend für viele junge Menschen, die im familiären Geflecht aus Verantwortungen, wechselseitiger Unterstützung und Alleingelassenwerden, dem Bemühen, alles wieder ins Lot zu bringen, oft jahrelang das wenige Geld, das sie selbst oder ihre ganze Familie zur Verfügung haben, jonglieren und dabei oft erstaunlich lange und erstaunlich gut über die Runden kommen – und wie fremd ihnen unsere an mathematischer Genauigkeit orientierten Haushaltspläne sind, wie wenig das mit ihrer Finanzkultur und ihrem Alltag zu tun hat. Zwei Strukturmerkmale jugendlicher Verschuldung werden dabei sichtbar: Das Handeln im Rahmen persönlicher Verbindlichkeiten. Und die Herstellung von Handlungsfähigkeit und Teilhabe durch Verschuldung. Sozioökonomische Ungleichheit kann dann durch Geld verdeckt werden. Handlungsoptionen erweitern sich durch Verschuldung und schützen dann zunächst vor schmerzlichen Erfahrungen und Gefühlen (vgl. Braun, A/Lanzen, V./Schweppe, C. 2016, S. 40). Meist geschieht das nicht bewusst und auch nicht zielgerichtet, eher drückt es sich in Form eines unbewusst eingegangenen und dann zu spät erkannten Risikos aus. Verschuldung wirkt dann wie Inkompetenz ist aber Antwort auf den Verlust gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Überschuldung ist dann Bewältigungshandeln, ist Ergebnis von Handlungen selbstbestimmter „Akteure, die Antworten auf Zumutungen, prekäre Lebensverhältnisse oder eingeschränkte Handlungsoptionen zu finden versuchen“ (ebd., S. 41). Viele jonglieren das gut, manche scheitern. Interessant ist in diesem Zusammenhang des Schweizer Dozenten Christof Mattes, der darauf verweist, dass deutlich weniger Jugendliche von Verschuldung betroffen sind als in prekären Verhältnissen leben. Er unterstreicht ebenso wie die Mainzer Forschungsgruppe, dass es bei Prävention deshalb nicht vorrangig um die Vermittlung von Wissen gehen dürfe sondern um das Aufgreifen lebensweltlicher Fragen und die Einbettung in biografische Zusammenhänge, gezielt auch die Einbettung in den Herkunftshaushalt und die Arbeit mit und das Aufgreifen der spezifischen Bewältigungsmechanismen und Lösungsansätze von Familien, die in Armuts- und Begrenztheitssituationen leben. Und er verweist darauf, dass wir von diesen Familien lernen können, wie man das jongliert. Leben und Erziehen in Armut und mit knappem Budget. Das zweite Merkmal: Schulden als persönliche Verbindung. Dazu ein Zitat: „Nichts Besseres als Schulden haben! Da bittet man unablässig den lieben Gott für Dich, dass er Dir ein gesundes, glückliches, langes Leben schenke, und weil man fürchtet, sein Geld bei Dir zu verlieren, so redet man vor den Leuten nur das Beste von Dir, damit sich immer Neue finden, die Dir borgen, neue Quellen fließen und alte Löcher mit frischem Lehm zugeschmiert werden können, den andere hergeben sollen.“ (Pamurg, zitiert nach Francois Rabelais 1540 – aus Graeber: Schulden, die ersten 5000 Jahre, S.159)

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Nach diesen Prinzipien ist die Schufa nicht ausgerichtet. Und unser modernes Kredit- und Mietwohnungsvergabesystem auch nicht. Unsere Kreditpflichten sind höchst individuell und müssen nicht vom ganzen Clan mit seinen sozialen Bindungen, Verpflichtungen und Wechselwirkungen ausgeglichen werden. Auch wenn Inkassobüros oder Anwälte dies gerne vorschlagen oder bei Hausbesuchen sogar darauf drängen. Und auch wenn Familien oft einstehen für die Fehler der jüngeren Generation. Wechselseitiges Aushelfen, Kredite und Schulden waren, und sind es teilweise noch, ein universelles Bindemittel gesellschaftlichen Zusammenhalts, so stellt es David Graeber in seinem Buch Schulden dar. Wer hat gibt, was andere brauchen – vertrauend darauf, dass, wenn man selbst benötigt, etwas gegeben werden wird. Es beginnt aus seiner Sicht damit, dass wir den Eltern das Leben schulden und setzt sich fort in jedem Akt des wechselseitigen Gebens und Nehmens von Gefallen, Aufmerksamkeiten, Geburtstagsgeschenken, nachbarschaftlichen Ausborgungen, wechselseitigem Aushelfen und Unterstützung. Ein Kreditkonto, dessen genauen Stand wir nie kennen, der uns auch nicht dauernd kümmert, dessen Verzinsung wir nicht berechnen können und der uns doch unsichtbar aneinander bindet. Wenn alle Aufrechnungen ausgeglichen wären, wir mit allen gleich wären – dann, ja dann wären wir wahrlich frei. Das wäre das Paradies. Mit diesem Geben und Nehmen kennen sich junge Menschen aus. Je nach finanzieller Kultur in der Familie und deren Herkunft oder Hintergrund sind das unterschiedliche Maximen, das Prinzip aber ist gleich und ihnen zutiefst vertraut. In Hauptschulen beispielsweise begegnet uns oft, wenn wir nach Taschengeld oder Geldleihen fragen, dass mal der eine, mal der andere Geld hat, man sich wechselseitig leiht und aushilft, niemand genau rechnet oder Buch führt, Hauptsache, das was aktuell anliegt kann getan, das wozu das kollektive Geld reicht, kann sich geleistet werden. Eine Art solidarischer Kommunismus der knappen Kassen. Die Welt der Verträge ist demgegenüber eine andere. Plötzlich wird genau gerechnet, plötzlich gibt es Fristen, die nicht verschiebbar sind und nur begrenzt Verständnis, wenn diesen Monat das Geld wieder nicht reicht – und schon gar keines, wenn der Vertrag am besten ganz beendet werden soll. Plötzlich gibt es auch Kleingedrucktes, wesentliche Details, die Notwendigkeit, sich standhaft zu wehren, vielleicht auch über Rechte Bescheid zu wissen, das Bankkonto strategisch zu nutzen, usw. Manches wissen sie, anders nicht. Und jemanden, den sie fragen können, der sich anders damit auskennt als dass es besser gewesen wäre, gar nicht in die Situation zu kommen, ist oft nicht zur Hand. In der Beratung junger Menschen ist diese personale Auffassung von Verschuldung noch deutlich zu spüren. Es wirkt oft so als wollten sie ganz persönlich der Kundenbetreuerin von Vodafone oder Herrn Rechtsanwalt Haas den entstandenen Schaden wiedergutmachen – und fühlen sich in der Umkehrung von deren Geldeintreibungspraktiken genauso persönlich unverstanden bzw. erwarten die Anerkennung und Würdigung ihres Einsatzes und ihrer persönlichen Situation wie von nahen Bekannten. Meist zunehmend verzweifelt, weil sie gegen die geschulten Geldeintreiber rhetorisch wenig ausrichten können.

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Die Verschuldungswege sind bei allen dargestellten jungen Menschen sehr unterschiedlich, und die Geschichten bleiben variabel und immer wieder aufs Neue spannend. Die Reaktionen und Umgangsweisen sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Allen gemeinsam ist, dass sie zunächst ernsthaft versuchen, eine Lösung zu finden. Anrufe, Ratenvereinbarungen, kreative Lösungen, die Bitte, Verträge der Einfachheit halber vorzeitig zu beenden. Die, die bei uns landen, sind damit gescheitert. Auch an den geschulten Mitarbeitern der Konzerntelefonzentralen mit ihren unpersönlichen Vorgaben oder den Vertretern der Inkassobüros mit deren spezifischer Mischung aus vorgeblichem Verständnis und kalkulierten Drohgebärden und Einschüchterungsversuchen. Die Reaktion sind Verzweiflung, manchmal Wut, eher Scham und Ohnmacht. Selten Trotz, oft Flucht. Diese Situation kann krank machen oder latente Krankheit auslösen oder verstärken – oder tiefer in die Verzweiflung treiben, wenn noch eine Lebensaufgabe dazukommt: ein Kind, eine Trennung, ein Umzug, Konflikte mit den Eltern, drohende Obdachlosigkeit. Entsprechend ist zu Beginn einer Beratung auch meist die Verzweiflung und Ohnmacht groß, der Druck entsprechend. Aber es gibt eben auch Hoffnung und Aufbruch und den Neustart – auch wenn es manchmal lange dauert oder sich zunächst kein gehbarer Weg andeutet. Wir hatten in Tübingen in den ersten beiden Jahren, in der es die Beratungsstelle nun gibt, 245 Anfragen von jungen Menschen unter 25 Jahren. Im ersten Jahr 110, im zweiten knapp 140. Im dritten Jahr lässt es zum Glück wieder nach. Dazu kommen 20 ältere aus dem direkten Umfeld, Eltern, ältere Geschwister oder Partner. Wir haben das Konzept ohne Wartezeit durchgehalten, auch wenn es stellenweise kaum zu stemmen war. Hälftig männlich und weiblich, ca. 20% mit Kind oder Kindern, ca. 30% mit Jugendhilfeerfahrung oder -hintergrund. Eine besondere und wichtige Zielgruppe, ein guter Kooperationspartner. 50% sind arbeitslos und ca. 50 % in Arbeit oder Ausbildung. Die Verschuldung reicht von 400 bis 40.000,- Und tendenziell kommen zu uns auch über Mundzu-Mund-Propaganda immer häufiger junge Menschen im Anfangsstadium von Verschuldung. Das hilft, denn dann können wir Ausstiege aus Arbeit und Ausbildung verhindern oder Umorientierung flankieren. Zusammen mit dem Jobcenter, mit Schulsozialarbeit, Sucht- und Drogenberatung, Migrationsdienst, usw. Vernetzung ist zentral und Niederschwelligkeit. Wir haben durch die Jugendberatung den Anteil der Unter-25-Jährigen an den intensiven Beratung der Schuldnerberatung Tübingen insgesamt von 12 % auf 25 % gesteigert. Das entspricht ihrem Anteil an den Verschuldeten, wenn die Statistiken stimmen und zeigt, dass mit dem richtigen Konzept die Zielgruppe auch erreicht werden kann. Nur wenige sind nach der telefonischen Beratung ausreichend versorgt und kommen wieder alleine klar. Die Mehrzahl möchte einen Termin, alles genauer besprechen und anschauen und einschätzen lassen. Dazu gehört auch, die eigene Geschichte wenigstens in Ansätzen zu erzählen.

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Entscheidend erscheint mir aber weniger, woher sie kommen, sondern wohin sie wollen. Nicht am Problem sondern an der Zukunft, die sie sich vorstellen, an der Handlungsfähigkeit, die ihnen geblieben ist, wollen wir anknüpfen. Ihre Kompetenzen und Bewältigungsversuche zu verstehen und sie positiv zu würdigen – und damit eine Kontinuität in den biografischen Faden zu weben statt einen Bruch mit dem Bisherigen zu fordern. Thiersch: „Es zählt, was in der gemeinsamen Aktion offenkundig ist und realisiert wird.“ (Thiersch in Vermitteln, S. 118). Sie wollen unterstützt werden und sie wollen in aller Regel, dass wir das gemeinsam in Angriff nehmen. Jugendliche Verschuldung und Verschuldung junger Erwachsener gehört zu unserem wirtschaftlichen Alltag. Es gibt gute und weniger gute Gründe, in die Überschuldung zu geraten. Viele dieser Gründe haben wenig mit Rechnen zu tun, eher mit Krisenkompetenz und sozialem Umfeld. Das können wir in kurzen Präventionsveranstaltungen nicht herstellen – und rechnen alleine schützt nicht. Prävention sichert deshalb aus unserer Sicht vor allem die Bekanntheit der Stelle, ebnet den Zugang, verschafft uns Gelegenheit, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, wie sie die wirtschaftliche Welt und sich darin sehen. Verschafft uns die Möglichkeit, uns als attraktive Beratungsstelle darzustellen, die man bei ersten oder auch massiven Schwierigkeiten aufsuchen kann. Dann muss Hilfe aber auch schnell zugänglich sein. Wer sich durch schnelle Aktionen verschuldet, in der beginnenden Überschuldung immer wieder schnell reagiert und sich umstellt, neu orientiert, Alternativen sucht, verwirft, … der kann meist nicht lange warten, bis die Beratung beginnt. Wer sich Scheitern eingesteht und Hilfe sucht braucht schnell Antwort. Das bedeutet aber auch, dass eine solche Beratungsstelle langfristig gesichert sein sollte, damit die Bekanntheit wächst, sich das Angebot herumspricht auch und gerade bei denen, die eher fern von Beratungsangeboten leben. Das braucht Vorgesetzte, die sich frühzeitig um die Weiterfinanzierung kümmern, das braucht offene Ohren beim Landkreis, dass eine spezielle Jugend-Schulden-Beratung in der Daseinsfürsorge gerade für die Jungen ein wesentliches und lohnendes Puzzlestück darstellt. Es ist eine bunte Meute, die da kommt. Rote, grüne und blaue Haare, mit und ohne Tattoos, manch bleicher Spieler, ein sonnengebräunter Stuckateur, der ölverschmierte Mechaniker. Goahosen neben gestyltem make-Up, muffelig riechend oder mit viel billigem Parfum, das den Atem raubt, da hat der junge Mensch noch gar nichts von seiner Geschichte erzählt. krähendes Kind und stille Depression, Panik, eine sehr lohnende Arbeit mit einem Querschnitt unserer Gesellschaft. Zum Flyer von Cash-Kurs fiel mir ein, dass in einer Beratung eine junge 18-jährige vor mir saß, die als Gerichtsauflage mit unserer Hilfe Wiedergutmachung für einen Kleiderkreiselbetrug, den sie begangen hatte, organisieren sollte. Sie hatte vor kurzem

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erfahren, dass sie schwanger war und schilderte, wie betrübt sie war, dass sie so jung, ohne Schulabschluss, mit 2.500,- € Schulden und nun schwanger sei. „Ich wünschte,“ sagte sie, „Ich wünschte, dass es Geld vom Regen himmelt“. Darin steckt so viel Hoffnung, dass das Schicksal, das als grau und dauerregnerisch empfunden wurde, sich wenden möge. Ein Regenbogen auftauchen soll. Sprachs und knabberte weiter an ihrem Milky Way. Denn das haben wir auch herausgefunden. Junge Schuldner sind eigentlich ständig hungrig. Meist real, oft aber auch lebenshungrig. Deshalb haben wir immer eine Schüssel mit Knabberzeug im Büro stehen. Und das erscheint uns auch eine passende Grundausstattung für Cashflow, das wir gerne mitgebracht haben. Tübingen ist ähnlich wie Esslingen laut Verschuldungsstatistik ein Landkreis, der eher nicht zu denen gehört, in denen Jugendverschuldung exorbitante Ausmaße annimmt. Und dennoch gibt es ausreichend junge Menschen mit ausreichend Verzweiflung, Unterstützungsbedarf und -wunsch, um eine volle Stelle auszulasten. Das wussten wir anfangs nicht, das finden wir heute bemerkens- und berichtenswert. Wir wünschen der Esslinger Jugend-Schuldnerberatung Cashflow einen ähnlichen Erfolg und Nachfrage und eine ähnliche Unterstützung wie sie sich im Moment seitens des Landkreises bei uns andeutet. Möge Cashflow lange im Fluss bleiben

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