Keine Angst vor dem Fegefeuer

Keine Angst vor dem Fegefeuer

Foto: Lawrenz/EKD Luther lag daran, dass sich die Menschen auf den Tod vorbereiten, erinnert Margot Käßmann zum Beginn des Gedenkjahres an den großen...

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Luther lag daran, dass sich die Menschen auf den Tod vorbereiten, erinnert Margot Käßmann zum Beginn des Gedenkjahres an den großen Reformator. Die EKD-Botschafterin betont: Wer über das Sterben nachdenkt, lebt intensiver. Im 16. Jahrhundert beherrschte viele Menschen die lässt die Vertrautheit schwinden und die Angst umso Angst vor Fegefeuer und Höllenqualen. Aufgrund größer werden. Dabei ist der Redebedarf enorm. dieser Angst konnte der Ablasshandel blühen. Gegen Beginnt aber jemand, über das eigene Sterben zu diese Angst stellt Martin Luther seine Lehre von der sprechen, wird schnell abgewiegelt und das Thema Rechtfertigung allein aus Glauben: Nichts, was du geändert. Die meisten Menschen setzen sich erst tust oder leistest, bringt dir einen gnädigen Gott, dann mit den Fragen auseinander, wenn sie die sondern du musst dich ganz auf die Gnade Gottes Augen davor nicht verschließen können, weil ein verlassen. Luther liegt daran, dass Menschen sich enger Angehöriger schwer erkrankt ist oder eine mit dem Tod befassen, sich auf den Tod vorbereiten. Freundin im Sterben liegt. Im Alltag kommt der Auf den Tod vorbereitet sein heißt, an den Tod Tod kaum vor, hat das Sterben keinen Raum. denken mitten im Leben. Halfen dabei im Mittel­ Dabei sterben rund 860.000 Menschen jedes alter Bußpredigten oder Mahnun­ Jahr in unserem Land. Das heißt gen durch die Pest, so können es Frauen, Männer und Beginnt jemand, über 860.000 heute kurze Eindrücke sein: Ein Kinder stehen vor den letzten das eigene Sterben zu Fragen. Und ihre Angehörigen Mahnmal an die Toten der Krie­ ge, eine Lektüre, der Gang über sprechen, wird schnell auch. Die meisten Menschen ster­ einen Friedhof. ben im Krankenhaus (40 Prozent) abgewiegelt. Es tut gut, ans Sterben zu den­ oder in einer Pflegeeinrichtung ken – für das Leben! Wer die ei­ (30 Prozent). Gerade in Kranken­ gene Endlichkeit und die anderer nicht ignoriert, häusern aber gibt es wenig Raum und Zeit für lebt intensiver. Es muss doch nicht erst eine Krebs­ Sterbende oder Trauerangebote für Angehörige. diagnose kommen, damit du dein Leben änderst! Vieles hat sich in den vergangenen Jahren zwar Wie will ich schon jetzt leben, damit ich am Ende verbessert – Menschen sterben nicht mehr allein auf in Frieden sterben kann, darum geht es. Ich verste­ dem Flur. Aber in vielen Häusern gibt es noch immer he das Leben als geschenkte Zeit, die ich nutzen, keinen Abschiedsraum, und dem Pflegepersonal verantworten und auch auskosten will. Gerade dass wird keine Zeit zugerechnet, um Sterbende zu be­ unsere Zeit begrenzt ist, macht sie so kostbar. Ge­ gleiten oder gar Angehörige zu trösten. wiss, der Tod ist schmerzhaft, die Angst vor dem Sowenig wie wir Geburten regeln können, son­ Sterben ist groß. Aber die ewige Fortsetzung unseres dern sie jeweils individuell bleiben, so ist es auch mit Lebens ist doch nicht unbedingt ein beglückender Krankheit und Sterben. Es geht darum, die Ge­ Gedanke. Oder, wie der Theologe Heinz Zahrnt schichten zu erzählen, sie mitzuerleben, sie zum Teil einmal schrieb: „Für immer leben, das wäre nicht unserer Gespräche und Erfahrungen zu machen. das ewige Leben – es wäre die ewige Hölle.“ Was Zahrnt schreibt: „Wohin Gott durch den Tod uns allerdings Gottes Zukunft betrifft, kann ich mir führt, bleibt ein Geheimnis. Mit einem Geheimnis ewiges Leben durchaus vorstellen. Kurzum: Wer aber kann man leben, wenn man Vertrauen hat. über das Sterben nachdenkt, lebt intensiver. Über ein Geheimnis kann man auch nachdenken In seinem Buch „Das letzte Hemd ist bunt“, und sogar spekulieren, aber man kann es nicht ent­ schreibt Fritz Roth, es gehe „um die Frage, wie wir rätseln wie den Mordfall in einem Kriminalroman. die Handlungsspielräume füllen und die Vertraut­ Wenn der Tod für uns aus einem menschlichen heit mit Tod, Abschied und Trauer zurückgewin­ Rätsel zu einem göttlichen Geheimnis wird, dann nen“. Diese Vertrautheit scheint mir ein zentraler sind wir ein Stück weiter, dann haben wir überhaupt Punkt. Das Wegschließen des Todes hinter die die letzte uns mögliche Stufe menschlicher Lebens­ Mauern von Angst, Sprachlosigkeit, Unkenntnis, weisheit erreicht und können ‚das Zeitliche segnen‘.“ das Abschieben auch der Sterbenden in Institutionen Dem hätte Luther nichts hinzuzufügen. √ Ausgabe 12/16, 19. Jahrgang

Einwurf

Keine Angst vorm Fegefeuer

Professorin Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, geboren 1958, ist Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017 und Pastorin der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers. Die Theologin arbeitete unter anderem als Gemeindepfarrerin und Studienleiterein der evangelischen Akademie Hofgeismar. Von 1999 bis 2010 war Käßmann Landesbischöfin der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers. Sie ist Mitherausgeberin des Monatsmagazins „chrismon“ und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Margot Käßmann hat vier erwachsene Kinder. Kontakt: [email protected]

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