Kommunistischer Widerstand – Ein Beispiel aus Speyer

Kommunistischer Widerstand – Ein Beispiel aus Speyer

M6 Kommunistischer Widerstand – Speyer/Pfalz Kommunistischer Widerstand – Ein Beispiel aus Speyer Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschl...

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M6 Kommunistischer Widerstand – Speyer/Pfalz

Kommunistischer Widerstand – Ein Beispiel aus Speyer Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Ernst Thälmann wurde kurz nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verhaftet. Der gegen ihn angestrengte Prozess „wegen Hochverrats“ wurde allerdings nie durchgeführt; offenbar um eine von den Nationalsozialisten befürchtete internationale Solidaritätskampagne zu verhindern. Ohne Gerichtsurteil blieb er daher in verschiedenen Haftanstalten inhaftiert, bis er am 18. August 1944 auf Veranlassung Adolf Hitlers im KZ Buchenwald ermordet wurde. Der folgende Text stammt von Anton Schultheis aus Speyer. Dieser berichtet darin über seinen Bruder, den Malermeister Jakob Schultheis, und die 1942 von ihm gegründete „Speyerer Kameradschaft“, die sich der Unterstützung von Thälmanns Frau und Tochter widmete. 01 Der Kommunistenführer Ernst Thälmann war seit 1933 spurlos verschwunden. Durch einen unglückseligen Zufall für Jakob löste sich der Schleier um das Geheimnis. Eines Tages kam er 05 aufgeregt in meine Wohnung und erzählte mir als Neuigkeit, dass Ernst Thälmann noch am Leben sei und in Hannover im Gefängnis sitze. Wohlgemerkt, mich machte er als erste Vertrauensperson damit bekannt und berichtete mir sein Wiederse10 hen mit dem Eisengießer Georg Blohorn. […] Blohorn war ebenfalls Kommunist und machte in der Folge [meinen] Bruder Jakob mit dem Wohnsitz der Familie Thälmann in Singen bekannt. Er gehe in dem Haus aus und ein, Frau und Tochter seien 15 ganz [allein] auf sich angewiesen. Sodann schilderte er die schlechte Lebenslage der verlassenen Frauen, denn ihre Männer sind seit 1933 politisch inhaftiert. Sie selbst seien ohne jegliche Unterstützung und Hilfe, mit Ausnahme von etlichen 20 Schweizer Genossen, die von Zeit zu Zeit eine kleine Geldsammlung für sie machten. Jakob fasste sofort den Plan, hier helfend einzuspringen, vereinigte um sich eine Anzahl vertrauenswürdiger Genossen. Als Erstes gaben wir zwei ein 25 Paket und etwas Geld an Frau Thälmann, als sie bei der Durchfahrt in Heidelberg zu ihrem Mann nach Hannover Aufenthalt hatte. Jakob und seine Frau waren am Bahnsteig, und sie trafen sich verabredungsgemäß an dem einfahrenden D-Zug. Er 30 freute sich, mit dieser Frau persönlich gesprochen zu haben. Die weitere Verbindung wurde durch Georg Blohorn unter Deckadressen aufrechterhalten. Daraufhin entwickelte sich eine größere Geldspende[aktion], die sich in gewissen Zeitab35 ständen wiederholte. Auch Lebensmittel und Rauchwaren wurden gesammelt. Im Anschluss daran waren politische Zusammenkünfte und engere Besprechungen in der Wohnung von Jakob. Dabei wurde fleißig der Auslandssender abgehört. 40 Sonntags wurden Spazierfahrten durchgeführt,

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Jakob Schultheis, Foto um 1921

gruppenweise geteilt, Treffpunkt da oder dort. Es beteiligten sich auch kommunistisch eingestellte polnische Zivilgefangene aus Waldsee an sämtlichen Aktionen. Selbstverständlich wurde alles mit 45 größter Vorsicht planmäßig getarnt. Die Spenden an Frau Thälmann wurden jeweils von Genossen nach Singen gebracht. Als Vermittler diente immer Georg Blohorn, um das Werk so unauffällig als

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möglich zu gestalten. Ich für mein Teil stand dem 50 Werk aus zweierlei Gründen skeptisch gegenüber: Erstens war Jakob bei Unterhaltungen mit fremden Leuten zu unvorsichtig und leichtsinnig. Zweitens war der Verkehr in seiner Wohnung zu auffallend um geheim zu bleiben. Das gab mir zu 55 denken, obwohl [dort] eine „Geschäftsstelle für

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Körperbehinderte“ eingerichtet und von ihm betreut war. Das Emailleschild ließen wir als Deckmantel am Tor festmachen. Genug davon – ich sah es kommen, zog mich zurück und blieb fern. Immerhin dauerte es noch 1½ Jahre, bis die Gestapo von dem Treiben Wind bekam und das Haus heimlich beobachten ließ, wer ein und aus ging.

Im Lauf der Zeit stießen immer mehr Menschen zur „Speyerer Kameradschaft“, so auch der in Deutschland geborene Pole Stanislaus Peplinski, der in Waldsee bei Speyer wie viele seiner Landsleute Zwangsarbeit in der Landwirtschaft verrichtete. Dieser agierte als Verbindungsmann zwischen den polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in Speyer sowie der schließlich mehr als 40 Personen zählenden Gruppe um Jakob Schultheis. Peplinski beteiligte sich auch an der Herstellung und Verbreitung von antinazistischen Flugblättern. Am 16. April 1944 wurde er verhaftet. Am 9. Februar 1945 begann in Potsdam der Prozess gegen ihn, Jakob Schultheis und weitere Mitglieder der „Speyerer Kameradschaft“. Schultheis und Peplinski wurden am 19. März 1945 hingerichtet.

65 Aus dem Urteil des „Volksgerichtshofs“ vom 15. Februar 1945: Jakob Schultheis, ein alter Marxist, hat von Ende 1942 bis zum Frühjahr 1944 in Speyer im Rahmen 70 eines illegalen Zirkels Spenden für den Kommunistenführer Thälmann gesammelt, Feindsender abgehört, deren Nachrichten auch andere, insbesondere auch polnische Arbeiter, abhören lassen und hochverräterische Pläne erörtert.

75 Stanislaus Peplinski hat gemeinschaftlich mit anderen, vor allem mit polnischen Landsleuten, Feindsender abgehört, die Übertragungen übersetzt und sich an den Umtrieben des Kreises um Jakob Schultheis beteiligt. 80 Diese beiden Angeklagten werden deshalb wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung, Peplinski auch wegen Schädigung des Reichswohls, zum Tode verurteilt.

Arbeitsaufträge

1. Fasse zusammen, welche Aktivitäten die „Speyerer Kameradschaft“ entfaltete. 2. Begründe, warum das Abhören von „Feindsendern“ für die Nationalsozialisten einen schweren Straftatbestand darstellte. 3. Stellt Vermutungen an, weshalb viele Menschen trotz dieses Verbotes heimlich „Feindsender“ hörten. 4. Diskutiert in Kleingruppen, ob die Aktivitäten der „Speyerer Kameradschaft“ als Widerstand bezeichnet werden können.

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