Konzeption Kita Hermann Rohloff 17.05.2017 (2) - Stadt Bad Kreuznach

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Konzeption

„Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken“ (Novalis)

Konzeption der städt. Kindertagesstätte Hermann-Rohloff Bad Kreuznach Stand: 01.12.2016 1. Organisationsstruktur 1.1. Träger 1.2. Personal / Ausbildungsstätte 1.3. Unser Haus und seine Rahmenbedingungen 1.4. Elternausschuss / Förderverein 1.5. Was uns besonders macht 1.6. Tagesablauf Kita 1.7. Tagesablauf Krippe/Nestgruppe 2. Pädagogik 2.1. Grundlagen der pädagogischen Arbeit 2.2. Warum die Reggio-Pädagogik 2.3. Bild des Kindes 2.4. Rolle der pädagogischen Fachkraft 2.5. Erziehungspartnerschaft mit Eltern 2.6. Raum als 3. Erzieher 2.7. Projektarbeit 2.8. Beobachtung und Dokumentation 2.9. Portfolio 2.10. Gemeinwesen / Öffentlichkeitsarbeit / Kooperationen 2.11. Was uns besonders ausmacht 3. Die Rechte des Kindes 3.1. Gestaltung von Gemeinschaft und Beziehung / Bildung 3.2. Lernen und Bildung 3.3. Partizipation 3.4. Gesundheit und Pflege 3.5. Kinderschutz 3.6. Interkulturelles Lernen 3.7. Inklusion 3.8. Bewegung 3.9. Ruhe und Rückzug 3.10. Kreativität 3.11. Naturwissenschaften 3.12. Musik / Rhythmus 4. Übergangsgestaltung 4.1. Eingewöhnung 4.2. Übergang Krippe / Nestgruppe in den Kindergarten 4.3. Übergang Kindergarten in die Grundschule 1

1.Organisationsstruktur 1.1 Träger Bad Kreuznach ist eine Kurstadt und zugleich Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises in Rheinland-Pfalz. Ihre Einwohnerzahl liegt bei ca. 50.000 Die Stadt Bad Kreuznach, vorrangig das Amt für Kinder und Jugend, ist Träger unserer Kindertagesstätte Hermann-Rohloff. Sie handelt im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes sowie des Kindertagesstättengesetzes für Rheinland-Pfalz mit seinen Ausführungsbestimmungen. Die Stadt unterhält zur Zeit 18 Kindertagesstätten mit Krippen, Kitas und Horten, die über verschiedene Betreuungsangebote verfügen und eine Vielfalt an pädagogischen Ausrichtungen im Sinne der Rahmenkonzeption für die kommunalen Kindertageseinrichtungen vorweisen.

1.2 Personal / Ausbildungsstätte In unserer Kindertagesstätte gibt es vier Kindergarten-, zwei Krippen- und eine Nestgruppe. Der Personalschlüssel für die einzelnen Gruppen sieht folgende Verteilung vor: • • •

Kindergartengruppe: 1,75 Planstellen für 25 Kinder von 3 – 6 Jahren Nestgruppe: 2,0 Planstellen für 15 Kinder von 2 – 4 Jahren Krippengruppen: 2,75 Planstellen für 10 Kinder von 0;2 – 3 Jahren

Das multiprofessionelle Team weist ein breites fachliches Spektrum auf: • • • • • • • •

Fachkräfte für Sozialwesen Kinderkrankenschwester Musikpädagoge Fachkraft für Sozialwesen mit dem Schwerpunkt für Bewegungserziehung Fachkräfte für Reggio – Pädagogik Fachkräfte für Frühpädagogik Sprachförderkräfte Anleiter für Auszubildende

Zusätzlich kooperieren wir mit verschiedenen externen Fachkräften: • • •

Sprachförderkraft Integrationskraft Fachkraft für frühe Musikerziehung (Musikschule) 2

Überdies bieten wir Berufspraktikanten, Teilzeitauszubildende, Schulpraktikanten und Personen, die das freiwillige soziale Jahr absolvieren, die Möglichkeit, sich Erfahrungen in unserer Einrichtung anzueignen. Außerdem verstärken neben einer Hauswirtschaftsmeisterin und einer Hauswirtschaftskraft für die Küche auch drei Reinigungskräfte unser Team.

1.3 Unser Haus und seine Rahmenbedingungen Unsere Kindertagesstätte wurde im Februar 2014 eröffnet. Sie liegt am äußeren südlich-östlichen Rand von Bad Kreuznach und grenzt an die Weinberge, das Industriegebiet und das Neubaugebiet. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ermöglicht auch Familien aus anderen Stadtteilen, uns problemlos zu erreichen. Derzeit stehen 110 Plätze zur Verfügung, die wie folgt aufgeteilt sind: -

4 Kindergartengruppen á 18 Kinder im Alter von 2 – 6 Jahren 2 Krippengruppen á 10 Kinder im Alter von 2 Monaten – 3 Jahren 1 Nestgruppe á 15 Kinder im Alter von 2 – 4 Jahren

Montags bis freitags werden die Teilzeitkinder von 7:30 Uhr – 12:00 Uhr sowie von 14:00 Uhr – 16:00 Uhr betreut. Die Betreuungszeit der Ganztagskinder beginnt um 7:30 Uhr und endet mit der Schließzeit um 16:30 Uhr. Während des Kindergartenjahres ist unser Haus an 25 Tagen geschlossen, die sich wie folgt aufteilen: • • • • •

15 2 1 1-2 4-5

Tage in den Sommerferien (= 3 Wochen) Tage für Teamfortbildungen Tag für den Betriebsausflug Tage für Brückentage Tage „zwischen den Jahren“

Diese Schließtage werden frühzeitig zu Beginn des jeweiligen Kindergartenjahres schriftlich bekannt gegeben. Als Startpunkt für einen Rundgang durch die Einrichtung bietet sich die Piazza als Eintrittspforte und zugleich Mittelpunkt des Hauses an. Von ihr ausgehend erstrecken sich barrierefrei alle Bereiche für die Kinder. Ferner sind die große Turnhalle, das Elternzimmer, und das Büro der Leitung direkt angebunden. Ein großes Augenmerk, liegt dabei auf der Raumgestaltung, die lebendig, behaglich, ästhetisch, auffordernd und einladend wirken soll. Jede Gruppe hat zusätzlich einen Nebenraum, den die Kinder als Rückzugsort nutzen können. 3

Das großzügige und naturnahe Außengelände ist von allen Gruppenräumen ebenerdig zu erreichen. Die Kinder finden viele Möglichkeiten, intensive sinnliche Erfahrungen zu machen, zu konstruieren und sich selbst wahrzunehmen. Dazu gibt es verschiedene Ebenen, Rückzugsmöglichkeiten, Materialien, Sand- und Lehmarten sowie eine Wasserpumpe. Das Mittagessen wird von unserer Hauswirtschaftsmeisterin frisch zubereitet. Wir orientieren uns hier an dem InForm Projekt des Bundes und achten auf eine ausgewogene, regionale, kindgerechte und gesunde Ernährung. Die Kindergartenkinder nehmen ihr Mittagessen im Bistro ein, die Krippenkinder und die Kinder der Nestgruppe essen in ihren jeweiligen Gruppen.

1.4 Elternausschuss / Förderverein Der Elternausschuss wird zu Beginn eines jeden Kindergartenjahres von den Eltern und Erziehungsberechtigten (nachfolgend Eltern genannt) gewählt. Die Anzahl der Mitglieder ist abhängig von der Anzahl der Kita-Gruppen. Unser Elternausschuss sollte aus 12 Mitgliedern bestehen, die idealerweise mit jeweils zwei Mitgliedern die einzelnen Gruppen vertreten. Er verfügt über keine originären Entscheidungsbefugnisse, da dies im Widerspruch zu der pädagogischen Eigenverantwortung der Fachkräfte und dem Entscheidungsrecht des Trägers stünde. Hingegen hat der Elternausschuss ein Informations-, Anhörungs- und Beratungsrecht, mittels derer er einen großen Einfluss ausüben kann, insbesondere wenn ein vertrauensvolles und kooperatives Verhältnis zwischen ihm, der Kita-Leitung und dem Träger besteht. In diesem Sinne vertritt der Elternausschuss sowohl intern als auch in der Öffentlichkeit die Interessen der Kinder und Eltern. Er organisiert Elterntreffen zum Kennenlernen, zum gemeinsamen Austausch und regelmäßigem Kontakt, um Wünsche und Probleme in Erfahrung zu bringen aber auch Vorschläge zu unterbreiten und Anregungen zu geben. So versteht sich das Gremium als Bindeglied zwischen Eltern und pädagogischem Personal und vermittelt bei Bedarf auch zwischen Eltern und Leitung. In diesem Zusammenhang kann jedes Mitglied des Elternausschusses jederzeit angesprochen werden. Dabei werden alle Anfragen vertraulich behandelt. Um den Informationsfluss zwischen dem Team und den Eltern zusätzlich zu unterstützen finden sowohl regelmäßig, als auch nach Bedarf nicht öffentliche Elternausschusssitzungen mit der Leitung statt. Die Themen umreißen u. a. Projekte, Anschaffungen und Renovierungen. Ferner unterstützt er das pädagogische Team bei Veranstaltungen wie z. B. dem Laternenumzug und das Sommerfest.

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Die Sitzungsprotokolle werden für alle Interessierten an einer Informationswand ausgehängt. Die Fotos der aktuellen Ausschuss-Mitglieder sowie deren Kontaktdaten befinden sich in der Elternecke der Piazza. Als weiteres unterstützendes Gremium wurde der „Förderverein der Kita Hermann Rohloff e. V.“ ins Leben gerufen. Dieser ist gemeinnützig und dient dem Zweck, unsere Einrichtung aktiv und finanziell zu unterstützen.

Dies erfolgt durch die Anschaffung oder Bezuschussung von - Materialien, (z. B. Pflanzen für unseren Schrebergarten) Lern und Spielgeräten sowie die finanzielle oder organisatorische Unterstützung bei Veranstaltungen, Festen und Projekten. So wurden beispielsweise die Kosten für ein Puppenspiel und ein Zauberer übernommen. In besonderen Fällen erfahren auch einzelne Kinder eine finanzielle Unterstützung. 1.5 Was uns besonders ausmacht In unserem Haus arbeitet ein großes Team mit vielen Talenten, weshalb eine besonders große Vielfalt pädagogischer Bezugspersonen die Arbeit mit den Kindern bereichert. Ein hervorzuhebender Punkt unserer Grundeinstellung ist der Blick auf jedes einzelne Kind mit seiner Einzigartigkeit und seinen individuellen Bedürfnissen. Es kommt uns darauf an, die Kinder in ihrem Handeln zu stärken und wertzuschätzen. 5

Das bedeutet auch, dass alle mit ihrer Unterschiedlichkeit in unserem Haus willkommen sind. Von dieser Vielfältigkeit profitieren wir, weswegen uns Inklusion sehr wichtig ist. „Es ist normal, verschieden zu sein.“ (Anonym) Wir haben verstanden, dass Freiheit und Begrenzung zusammen gehören. Erstere basiert auf Verantwortung, Letztere bietet Schutz vor Beliebigkeit.

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1.6 Tagesablauf Kindergarten

07:30 – 08:30 Uhr



Ankommen der Kinder

08:30 – 09:00 Uhr



Morgenkreis in allen Gruppen

09:00 – 11:30 Uhr

• • •

Freies Frühstück Individuelle Gruppenarbeit Gruppeninterne und -übergreifende Angebote und/oder Projekte Freies Spiel und/oder Freispiel in den verschiedenen Räumen und dem Außengelände Gezielte Angebote wie z.B. Singkreis, Vorschule und musikalische Früherziehung

• •

11:30 – 12:00 Uhr



Abholzeit der Teilzeitkinder

11:30 – 14:00 Uhr

• • • •

Gemeinsames Mittagessen Ruhephase Schlafen Ruhiges Spielen

14:00 – 16:00 Uhr



Bring– und Abholzeit der Teilzeitkinder

14:00 – 16:30 Uhr

• • • • •

Individuelle Gruppenangebote Individuelle Projekte Gemeinsamer Mittagssnack Freies Spiel und/oder Freispiel in den verschiedenen Räumen und dem Außengelände Abholzeit der Ganztagskinder



Ende der Betreuungszeit

16:30

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07:30 – 08:30 Uhr



Ankommen der Kinder

08:30 – 09:30 Uhr



Morgenkreis mit anschließendem Frühstück

09:30 – 11:30 Uhr

• • •

Freispiel in den Gruppenräumen oder im Außengelände Angebote oder Projekte Wickeln

11:30 – 12:00 Uhr



Abholzeit der Teilzeitkinder (Nestgruppe)

11:30 – 12:00 Uhr



Gemeinsames Mittagessen

12:00 – 14:30 Uhr

• •

Mittagsschlaf Wickeln

14:00 – 16:00 Uhr



Bring- und Abholzeit der Teilzeitkinder (Nestgruppe)

14:30 – 15:00 Uhr



Gemeinsamer Snack

15:00 – 16:30



Freispiel in den Gruppenräumen oder im Außengelände Angebote oder Projekte Abholzeit der Ganztagskinder

• •

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Bedürfnisorientiertes Schlafen, Wickeln, Essen, Trinken, Begleitung des Toilettenganges

1.7 Tagesablauf Krippe und Nestgruppe

2. Pädagogik

2.1 Grundlagen der pädagogischen Arbeit Wie eingangs erwähnt, arbeitet unser Team auf Grundlage des Kindertagesstättengesetzes des Landes Rheinland-Pfalz. Daneben sind die Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten, sowie die pädagogische Rahmenkonzeption der Stadt Bad Kreuznach handlungsleitend. In der praktischen Umsetzung dieser gegebenen Grundlagen und Empfehlungen erscheinen uns die Philosophie und Haltung der Reggio-Pädagogik als ebenso passend wie entwicklungsförderlich.

2.2 Warum Reggio-Pädagogik? Die Reggio–Pädagogik entwickelte sich nach Ende des 2. Weltkrieges aus einer Elterninitiative und einer Frauenbewegung, in der Stadt Reggio Emilia in Norditalien. Nach den inhumanen Erfahrungen des Krieges stellten sich die hier engagierten Menschen die Frage: „Wohin wollen wir unsere Kinder erziehen?“ Ihr Ziel war es, dem faschistischen Vorschulsystem, das vor dem 2. Weltkrieg herrschte, mit demokratischen und sozialen Erziehungsformen entgegenzuwirken. Bis zu diesem Zeitpunkt war ausschließlich die katholische Kirche Träger von Kindertageseinrichtungen. Und so entstand der erste Volkskindergarten 1945 aufgrund dieser Bewegung. Durch den Verkauf der Einzelteile, eines im Krieg liegengebliebenen Panzers, konnte das Haus (Asilo del popolo) finanziert werden. Prof. Loris Malaguzzi (1920-1994; Pädagoge) war von dem Projekt der Bürger/innen so sehr begeistert, dass er sich diesem anschloss. Somit wurde Malaguzzi der (Mit-) Begründer der Reggio–Pädagogik und wurde später langjähriger Leiter des Koordinationsbüros für die kommunalen Einrichtungen in Reggio Emilia. Ende der 70´er Jahren kam die Reggio–Pädagogik durch Ausstellungen in verschiedenen Städten nach Deutschland. Seit 1995 wird sie hier durch „Dialog Reggio“ repräsentiert und gefördert. Weltweit interessieren sich zunehmend Menschen für diese Pädagogik und sie findet sehr große Anerkennung. Die Reggio–Pädagogik ist nicht wie ein klassisches pädagogisches Konzept, sondern vielmehr eine Erziehungsphilosophie, in der feste Grundelemente mit variablen und individuellen Elementen verbunden werden. Dabei ist die Grundhaltung der pädagogischen Fachkräfte, die von einem ressourcenorientierten, 9

optimistisch und humanistischen Menschenbild geprägt ist, ein wichtiger Bestandteil Da Pädagogik im stetigen Wandel ist, entsteht die (Weiter-)Entwicklung durch den permanenten Austausch zwischen Erwachsenen, Kindern und deren Mit- und Umwelt. Unverzichtbare Aspekte der Reggio–Pädagogik sind: • • • • • • •

das Bild vom Kind, Projektarbeit, Beobachtung und Dokumentation, das Portfolio der Raum als dritter Erzieher die Rolle der pädagogischen Fachkraft und die Elternpartnerschaft

Das Kind steht mit seinen individuellen Bedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten im Mittelpunkt unserer pädagogischen Arbeit. Es ist wichtig Selbstbildungsprozesse aufzugreifen und damit die Ziele zu begleiten, die sich das Kind selbst setzt, um seinem Entwicklungstempo gerecht zu werden. Es entscheidet, wie es lernt und auf welche Art und Weise es das tut, um seine Umwelt begreifen zu können. Während seiner kompletten Entwicklung werden Kinder von biologischen und ökologischen Reizen beeinflusst. Viele große und kleine Menschen, pädagogische Fachkräfte, Köchinnen, Eltern, Reinigungskräfte, Hausmeister … kurz gesagt: Alle Menschen in und um unsere Einrichtung gestalten die Entwicklung aktiv mit.

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2.3 Bild des Kindes Hundert Sprachen hat das Kind – Und es gibt Hundert doch Ein Kind ist aus hundert gemacht, ein Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken, hundert Weisen zu denken, zu spielen und zu sprechen. Hundert, immer hundert Weisen zu hören, zu staunen und zu lieben, hundert Freuden zu singen, zu verstehen. Hundert Welten zu entdecken, hundert Welten frei zu erfinden, hundert Welten zu träumen. Ein Kind hat hundert Sprachen, und noch hundert und hundert, aber neunundneunzig werden ihm geraubt. Die Schule und die Kultur trennen ihm den Geist vom Leib. Man sagt ihm, es soll ohne Hände denken, ohne Kopf handeln, nur hören und nicht sprechen, ohne Freuden verstehen, nur Ostern und Weihnachten staunen und lieben. Man sagt ihm, es soll die schon bestehende Welt entdecken und von hundert Welten werden ihm neunundneunzig geraubt. Man sagt ihm, dass Spiel und Arbeit, Wirklichkeit und Fantasie, Wissenschaft und Vorstellungskraft, 11

Himmel und Erde, Vernunft und Träume Dinge sind, die nicht zusammenpassen. Ihm wird also gesagt, dass es Hundert nicht gibt. Ein Kind aber sagt: Und es gibt Hundert doch.“ Loris Malaguzzi

In dem Gedicht von Loris Malaguzzi ist stets von „100 Sprachen“ die Rede. Diese Metapher für die schier unbegrenzten Ausdrucksformen des Kindes, steht für die Sprachen des Lebens, die bei der Geburt als potenzielle Kompetenzen im Kind angelegt sind. Dies bedeutet, das Kind spricht von Anfang an in hundert Sprachen zur Welt. Es fragt mit seinen Blicken, und sein Gesicht spricht von seinem Erstaunen. Es erzählt mit seinen Gesten von empfundener Zuneigung, von Begeisterung und Glück. Es unterhält sich zunächst mit der Stimme seiner Augen, seiner Hände und seines ganzen Körpers mit seinem Gegenüber. Das Kind ist also nicht auf das gesprochene und geschriebene Wort reduziert. Es ist weit vielfältiger, ideenreicher und kreativer. Es gibt seinen Eindrücken von der Welt einen individuellen und vielfältigen Ausdruck. Seine Hände benutzt es, indem es malt, modelliert und baut. Ein Kind nutzt seine Phantasie um Geschichten zu erfinden und variiert diese in seinen Erzählungen immer wieder. Diese Kunst des Geschichtenerfindens fördert die Sprache der Imagination und Phantasie. Es nutzt sein Handeln, um die Welt zu ergründen und seine Gesten, um Zuneigung sowie Abneigung zu zeigen. Auf vielfältige kreative Weise werden sowohl erfreuliche als auch belastende Erlebnisse spielerisch verarbeitet und zum Ausdruck gebracht. Emotionen wie Freude, Spaß, Trauer, Wut, Angst und Aggressivität gehören zum kindlichen Ausdruck und werden als wichtige Anhaltspunkte verstanden. Ein weiteres Potenzial über welches das Kind schon von Geburt an verfügt ist die Gabe des Forschens. Indem sich das Kind forschend mit der Welt auseinandersetzt, lernt es unter anderem auch all seine Sprachen zu entwickeln. Die Motivation des Kindes die Welt zu erforschen, entsteht aus der Neugierde und dem Erstaunen heraus. Genährt wird sie aus der Freude, die beim Erforschen aufkommt. Die Neugierde, Menschen sowie Dinge samt deren Veränderungen mit allen Sinnen wahrzunehmen ist dem Kind angeboren. So beschäftigt es sich beispielsweise auch mit der realen Welt und entwickelt ethische Haltungen indem es sich mit Themen des Weltgeschehens auseinandersetzt. Demnach sind Neugierde und Erstaunen grundlegend dafür, dass es ein eifriger Forscher und Konstrukteur seines Wissens sein kann. Eine ebenso wichtige Grundlage ist das Vorhandensein der Sinne als wahrnehmender Werkzeuge, um die Welt mit allen Sinnen erleben und begreifen zu können. 12

Ein Kind verfügt demnach über genau die Potenziale, die es braucht, um eben jener aktiver Konstrukteur sein zu können. Anders ausgedrückt: Aktiv lernt es durch sich selbst und folgt dabei seinem ganz eigenen individuellen Entwicklungsplan. Diese Haltung unterstützt das Recht eines jeden Kindes auf Individualität und das Erschließen der Welt mit seinen eigenen Interessen, Fragen, Erkenntnissen und seinem schöpferischen Lernen. Das Kind ist jedoch nicht nur Konstrukteur seines eigenen Wissens, es ist ebenso Co-Konstrukteur. Es ist fähig die Lernprozesse der gleichaltrigen Kinder auf eine Art und Weise zu bereichern wie es selbst Erwachsenen nicht möglich wäre. Die Gemeinschaft der Kinder stellt für die Entwicklung einen besonders wirkungsvollen Faktor dar. Somit lernt das Kind auch durch die Gemeinschaft mit anderen Kindern. Dabei wird aktiv eine Beziehung zu den Kindern, den Erwachsenen und den Dingen der Welt hergestellt. Zu unserem Bild des Kindes lässt sich nunmehr sagen, dass das Kind von Geburt an ein kompetentes Wesen ist, das die Kunst des Forschens und die hundert Sprachen bereits besitzt und auf dieser Grundlage sein eigenes Wissen konstruiert.

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2.4. Rolle der pädagogischen Fachkraft Malaguzzi beschreibt das Rollenverständnis mithilfe dreier Grundvoraussetzungen, die eine pädagogische Fachkraft nach seiner Auffassung erfüllen muss: „Erstens, die Erwachsenen sollten sich bewusst sein, dass Kinder mit Fähigkeit und Absicht, aktiv zu denken und zu handeln, geboren werden. Zweitens, die Erwachsenen sollten in der Lage sein, die Kinder diese Überzeugung spüren zu lassen. Drittens, ihr Verhalten sollte diesen Erkenntnissen entsprechen.“ (Malaguzzi 1998a, 13) Vor diesem Hintergrund ist eine der Säulen, auf denen die Reggio-Pädagogik fundiert, die Rolle der pädagogischen Fachkraft, denn sie ist neben dem Kind und den Eltern, Hauptakteurin der kindlichen Entwicklung. Bringt sie also bestimmte Qualitäten mit, stellt sie eine Ressource für das Kind dar, die seine Entwicklung fördert. Dabei gibt es neben den bereits beschriebenen, weitere zehn Faktoren, die die pädagogische Fachkraft zu dieser Ressource werden lassen: (Knauf 1998) • • • • • • • • • •

Zuneigung Vertrauen Wohlbefinden Freiheit Partner Impulse Zeit Raum Aktivität Ausdruck

Entscheidend ist, dass sie die zehn Faktoren mit Leben füllt und dem Kind ermöglicht, in der oben beschriebenen Weise Konstrukteur seiner Entwicklung zu werden. Das kompetente Kind braucht für die Entwicklung seiner Potentiale eine kompetente Fachkraft, die es dabei unterstützt, ein eifriger Forscher zu sein und sich in „hundert Sprachen“ auszudrücken. Daneben ist sie im Hinblick auf die Selbstbildungsprozesse des Kindes seine Wegbegleiterin. Ihre Aufgabe ist es, das Kind auf vielfältige Weise beim Lernen zu ermutigen, zu bestärken und zu unterstützen. Eine weitere Art dieser wegbegleitenden Unterstützung liegt in der Wissens- und Kompetenzleihgaben, die dem forschenden Kind angeboten werden. Das Kind erforscht selbsttätig mit sich, anderen Kindern und Erwachsenen die Welt. Dabei stößt es auf immer komplexere Fragestellungen, die es mit Hilfe der pädagogischen 14

Fachkraft selbst beantworten kann. So bahnt sie an Stellen den Weg, an denen das Kind alleine an Grenzen stößt, indem sie z. B. auf Unstimmigkeiten aufmerksam macht, und ihm damit einen neuen Impuls gibt, weiter zu forschen. Die Wissens- und Kompetenzleihgaben sollen genau bemessen sein, damit sie als Impuls zum weiteren selbsttätigen Forschen wirken können. Sie befindet sich also gemeinsam mit dem Kind auf einem Weg des Fragens, Forschens und Lernens, der nicht von vornherein festgelegt ist. In diesem Verhältnis sind noch nicht alle Fragen der Welt eindeutig und abschließend beantwortet. Das lässt Raum für neue Interpretationen durch die Kinder und Erwachsenen.

Mittels dieser Art der Begleitung drückt die pädagogische Fachkraft ihr Zutrauen und zugleich Wertschätzung gegenüber den kindlichen Potenzialen aus und schenkt ihnen Beachtung. Die pädagogische Fachkraft ist zugleich bestrebt, das Kind ganzheitlich, verstehend und einfühlsam zu be(ob)achten. Malaguzzi spricht von dem „dritten Auge“ bzw. dem „dritten Ohr“, um Gesten, Mimik und Worte der Kinder feinfühlig wahrzunehmen, zu verstehen und zu interpretieren. Darum findet sich in der Reggio Pädagogik die Metapher von der sehenden und zuhörenden Zeugin der kindlichen Entwicklung, die sich „sensibel macht, für die Wunder des Alltags“ (Loris Malaguzzi).

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Die grundlegende Be(ob)achtung und Wertschätzung kindlicher Worte, Geschichten und Spielprozesse können ein Schlüssel für den Zugang zu phantasievollen Erfindungen des Kindes sein. Es geht nicht um das reine Hören oder Hinschauen. Vielmehr ist das Ziel, durch Achtsamkeit zu erkennen, was das Kind neugierig macht, was es bewegt, was es beschäftigt und interessiert, um ihm geeignete Materialien, Angebote und notwendige Bedingungen zur Verfügung zu stellen ohne vorgefertigtes Wissen überzustülpen. Durch das dokumentarische Festhalten mittels Fotos, Aufnahmegeräten, „Kindermund“ und Kinderzeichnungen, treten pädagogische Fachkräfte sowohl untereinander als auch mit dem Kind und seinen Eltern in den Dialog. Die Fotos ermöglichen ein Dokumentieren von Mimik und Gestik der Kinder. So bahnt sich ein Weg zur Interpretation. Überdies finden Gefühle und Themen des Kindes Beachtung und Wertschätzung, wodurch es ermuntert wird, begeistert zu philosophieren.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sich im Rollenverständnis der pädagogischen Fachkraft eine besondere Haltung dem Kind gegenüber ausdrückt, die von Vertrauen, Zuversicht und Optimismus geprägt ist. Die pädagogische Fachkraft ist Begleiterin, Forscherin und Zeugin zugleich. Hierbei sollte sie ihre persönlichen Leidenschaften ausleben, denn dann arbeitet sie mit Begeisterung, welche das Kind anstecken wird. So vermag sie am ehesten Lust auf Neues und Begeisterung zu wecken und schafft zugleich die beste Voraussetzung für gelingende Lernprozesse. Denn für das, was ihnen wichtig und bedeutsam ist, geben sie sich hin, strengen sich an, wachsen über sich hinaus. Die Erklärung: Alle Erfahrungen sind unabdingbar mit Gefühlen verknüpft. Im Zustand der Begeisterung, werden glücklich stimmende Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet. Geschieht dies in Verbundenheit mit Anderen, und zugleich autonom und frei, die werden die Vernetzung, und Stabilisierung der Lerninhalte sehr erleichtert. „Das wahre Geheimnis des Erfolgs ist die Begeisterung.“ (Walter Chrysler 1875-1940) 16

2.5 Erziehungspartnerschaft mit Eltern Kindertagesstätten haben eine familienunterstützende Funktion. Unserem Leitgedanken folgend, sind dabei die Eltern die Experten für ihre Kinder. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit ihnen erfolgt daher in einer vertrauensvollen Beziehung, die zugleich Voraussetzung für das Gelingen der pädagogischen Arbeit ist. Die Reggio-Pädagogik versteht Erziehung als Gemeinschaftsaufgabe. Dies bedeutet, dass alle für die Erziehung zuständigen Personen einbezogen werden. Auch unsere Gesetzgebung erkennt die Wichtigkeit der engen Zusammenarbeit von Eltern und pädagogischen Fachkräften. Dies hält sie in verschiedenen Gesetzestexten fest. So nimmt sie in § 22 Abs. 2 SGB VIII direkten Bezug auf die Erziehungspartnerschaft. Aber auch im Kita-Gesetz sowie in den Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz ist sie verankert. So wie unser Team aus verschiedenen Persönlichkeiten besteht, so setzt sich auch die Elternschaft aus einzigartigen Individuen zusammen. Jeder Einzelne ist wichtig und wird gleichwertig gesehen. Es ist zudem erwünscht, dass auch Eltern ihre Kompetenzen und Ressourcen einbringen, weswegen wir sie ermutigen, sich in unserem Kita-Alltag zu beteiligen. Durch diese Diversität profitiert die pädagogische Arbeit mit den Kindern. Vor diesem Hintergrund definieren wir uns als Sozialraum, der in einer engen Verknüpfung mit den Eltern, den Kindern die wünschenswerte Bandbreite an Erfahrungsmöglichkeiten eröffnet. Ein Kind muss als untrennbarer Teil seiner Familie gesehen werden, Die Partnerschaft zwischen pädagogischer Fachkraft und Eltern bildet eine Brücke zwischen den Bezugssystemen Familie und Kita. Das Wort „Partner“ in Erziehungspartnerschaft zeigt die Wichtigkeit der gegenseitigen Akzeptanz und Wertschätzung. Unserem Team ist eine vertrauensvolle, partnerschaftliche, kooperative Zusammenarbeit mit den Eltern sehr wichtig, deren einzelne Aspekte nachfolgend dargestellt werden. Von Anbeginn werden die Eltern, im Rahmen der Voranmeldungen, Aufnahmegesprächen sowie in der eigentlichen Eingewöhnungszeit in die Arbeit einbezogen. Eine gute Partnerschaft setzt des Weiteren einen regelmäßigen Austausch voraus. Dieser findet in Form von Entwicklungsgesprächen, Elternabenden, Elternbriefen, gemeinsamen Festen sowie bei Tür - und Angel-Gesprächen statt. Besonders in den Bring- und Abholsituationen tauschen wir uns gemeinsam aus. So erfahren wir gleich am Morgen von den Eltern z.B., dass ihr Kind in der Nacht 17

schlecht geschlafen hat. Das ermöglicht uns, auf das Kind bestmöglich einzugehen. Ebenso verhält es sich in den Abholsituationen, wenn wir den Eltern wichtige Informationen über den Tag ihrer Kinder übermitteln, der durchaus bis zu 9 Stunden umfasst. Dieser Austausch erleichtert und unterstützt ein kind-orientiertes Handeln. Der Elternausschuss besitzt ein Mitwirkungsrecht und ist ein wichtiges Organ zur Gestaltung der Erziehungspartnerschaft. Er dient als Sprachrohr der Eltern und lässt deren Wünsche sowie Vorschläge in die Entscheidungen der Kita einfließen. (siehe Elternbeirat) Wir möchten die Eltern ermutigen ihre Wünsche und Kritik zu äußern, denn der Elternbeirat ist zudem ein wichtiges Gremium, das uns hilft, uns pädagogisch und organisatorisch an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien zu orientieren. Zudem bietet sich die Mitarbeit der Eltern in der Projektarbeit an, da sie selbst auch Experten für Themen sind/sein können (siehe Projektarbeit). Auch machen Aushänge sowie sprechende Wände unsere Arbeit transparent. Um den Eltern Raum in unserer Kita zu geben, haben wir eine gemütliche Elternecke in der Piazza eingerichtet. Dieser Ort der Begegnung und des Austausches dient auch den Eltern untereinander als solcher. Zudem gibt es ein separates Elternzimmer, in dem Gespräche geführt werden und das den Eltern innerhalb der Eingewöhnung als Rückzugsort zur Verfügung steht.

2.6 Raum als „Dritter Erzieher“ In unserer Pädagogik spielen die belebten Räume eine große Rolle. Sie haben, wie wir, einen pädagogischen Auftrag und werden daher auch als „Dritter Erzieher“ bezeichnet. Jeden Morgen werden die Gruppenräume liebevoll für die Kinder vorbereitet, um Impulse zu setzen und eine Atmosphäre des Wohlbefinden zu schaffen, die sowohl anregend und aktivierend, als auch wärmend und Geborgenheit vermittelnd ist. Dies lädt die Kinder ein, ihren persönlichen Bedürfnissen nachzugehen und so selbst Gestalter ihres Tages und Lernens zu sein. In jedem Raum findet sich neben ansprechend strukturiert geordnetem Material auch eine Oase der Ruhe wieder: es gibt Sofas, Kuschelecken, Bücher, Kissen und Decken um tägliche Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Wichtige Merkmale eines jeden Raumes sind die Helligkeit und die Lichtverhältnisse. Durch bodentiefe Fenster verschwimmen die Grenzen der Innen- und Außenwelt. Wir beobachten wie die Natur sich verändert, wie Menschen ihrer Arbeit oder ihren Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Gleichermaßen kann die Außenwelt uns bei unserem Tun beobachten und an unserem Wachsen teilhaben. 18

Die Farben der Wände sind schlicht gehalten, so dass die Aufmerksamkeit auf dem Wichtigsten liegen kann: dem Werken der Kinder; den Fotos des Alltags, des Fortschritts, des Lebens; den Ausstellungen des Alltäglichen. So werden Lernprozesse sichtbar, an denen die Kinder wachsen können. Alle Gruppen unserer Einrichtung haben neben der Offenheit, Klarheit und Schönheit noch Etwas gemeinsam: die Individualität: Alle Menschen, die in ihnen „wohnen“, gestalten die Räume mit. Bestücken sie mit Möbeln, die schon ein „Leben“ hatten und verleihen ihnen somit eine persönliche Note. Vor allem aber Vertrautheit. Bei der Gestaltung der Räume, spielen die „100 Sprachen des Kindes“ eine besondere Rolle. Die Kinder sollen ihren Interessen nachgehen können. Dabei findet Lernen statt, dem sie in unseren Räumlichkeiten Ausdruck verleihen. Ob im Spiel, beim Gestalten, Konstruieren, Erforschen, Bewegen oder das Schlüpfen in verschiedenen Rollen. So sind unsere Gruppenräume, angefangen bei den Krippengruppen, über die Nestgruppe, bis hin zu den Kindergartengruppen, aufeinander aufbauend gestaltet. Spielmaterial, Mobiliar, Rückzugsmöglichkeiten und Funktionen orientieren sich am Entwicklungsalter und Bedürfnissen der jeweiligen Kinder. Im Bereich der Krippen-und Nestgruppen sind die Räume strukturell gleich aufgebaut, aber jede Gruppe hat seine eigenen charakteristischen Merkmale. Jede Gruppe stellt Materialien zur Verfügung, die die Phantasie im Rollenspiel, den Sinn für Konstruktion, die Farbenlehre, das ruhige Spiel und diverse Rückzugsmöglichkeiten anregen und ermöglichen. Das besondere im Eichhörnchenwald ist ein Holzspielhaus, das die Sinne der Kinder in besonderer Weise anregt. Im Eulenbaum befindet sich eine kuschelige Traumhöhle, die zum Entspannen einlädt. Der Hasenbau verfügt über eine große Werkbank vor der Fensterfront, auf der sich Themenorientierte Materialien befinden. Zusätzlich lädt ein Krippenatelier die Kinder ein, ihren Sinnen und Gefühlen, mit verschiedenen Materialien Ausdruck zu geben. Im Bereich des Kindergartens haben die Gruppenräume zudem verschiedene Funktionsschwerpunkte, die den Kindern weitere Möglichkeiten zur Gestaltung ihres Lernens und zur Entfaltung ihres Selbst bieten: -

Es gibt das Löwentheater, in dem das Rollenspiel zuhause ist. Die Kinder schlüpfen in Rollen. Sie geben ihrem Erlebten Ausdruck, lassen ihrer Phantasie freien Lauf und versuchen sich die Welt zu erklären.

-

In der Affenbande findet man den Bereich des Bauens und Konstruierens. Die Kinder erleben mit den unterschiedlichsten Materialien die Tücken der

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Statik und der Schwerkraft und setzen sich ebenso mit der Anziehungskraft der Magneten auseinander. -

Im Papageienschwarm ist das Atelier beheimatet, das mit seinen verschiedensten Materialien dem künstlerischen Ausdruck der Kinder jegliche Freiheit gibt, sich durch Kreativität nach Belieben zu verwirklichen. Hier findet Lernen seinen deutlichsten Ausdruck.

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Die Storchenwiese widmet sich dem Entdecken und Erforschen der Welt. Gemeinsam mit den Erziehern experimentieren und untersuchen die Kinder die unterschiedlichsten Dinge des Alltags und dessen, was sie gerade beschäftigt. Sie erkunden, sie beobachten, sie analysieren, machen Fehler und erfinden neu.

Neben den Gruppenräumen gibt es weitere Räume, die von den Kindern täglich genutzt und belebt werden: In unserem Bistro treffen sich die Kinder zum Frühstücken, zum Mittagessen, zum Feiern, Kommunizieren und zum vertrauten Zusammensein mit Freunden. Selbiges gilt für den Mittelpunkt unseres Hauses: die Piazza. Rund, wie ein Marktplatz und von allen Seiten zu erreichen, ist sie ein Treffpunkt für Groß und Klein, für Freunde und solche die es werden wollen. Hier wird kommuniziert, 20

gesungen, gelacht, gefeiert. Es ist ein Ort des Aktivseins, des Beobachtens, des Bewegens, des Innehaltens. Wie bereits beschrieben, sind hieran das Elternzimmer, die Turnhalle, das Büro und die beiden Bereiche Kindergarten und Kinderkrippe angegliedert. Offenheit, Gemeinsamkeit, Phantasie, Herausforderung, Geborgenheit, Wärme, Licht, Schatten, Leise und auch Laut findet man in jedem unserer Räume. Es sind nicht nur Schlagworte, es ist das Leben in unserer Einrichtung.

„ Räume dienen dem Ziel, das Staunen über die Vielfalt, die Geheimnisse und den Zauber der alltäglichen Phänomene wieder zu entdecken. Unsere Einrichtungen sind vor allem Werkstätten, in denen Kinder die Welt untersuchen und erforschen.“ (Loris Malaguzzi, 1985)

2.7 Projektarbeit Projektarbeit ist für uns… … Begleiten von Lernprozessen, die die Kinder bestimmen … Dialog auf Augenhöhe … Gemeinsames Lernen und Entdecken … sich gemeinsam und miteinander auf den Weg machen … gemeinschaftliches Tun … selber tun … verschlossene Türen öffnen … der spannende Anfang von einem eventuellen Ende … ein angefangenes Buch … ein neuer Tag … der Griff in eine Schatzkiste … eine spannende Reise … eine Abenteuerreise! … eine Entdeckungsreise … eine Erlebnisreise … die Räder für den Wagen

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… ein Tor zur großen weiten Welt … eine Weltkarte … sich die Welt erklären … Freiheit! … Freiarbeit ohne festes Ziel! … einen Gedanken ausufern lassen … AHA-Erlebnisse … Zeit bis zum AHA-Erlebnis … von und miteinander lernen … eine Bereicherung … ein lustvolles Dazulernen … ganzheitliches Lernen … ein? Es lebt von dem, was die Erzieherin nicht weiß! … lebenslanges Lernen (Eva Reichert-Garschhammer)

Projekte nehmen ihren Anfang aus Beobachtungen, Erlebnissen, Gesprächen und Impulsen ebenso von Kindern wie Erwachsenen. Für das Lernen in Projekten brauchen Kinder pädagogische Fachkräfte, die bereit sind, sich mit dem Kind auf Dialoge einzulassen, sowie Zeit, Raum und Materialien. Projekte können über einen sehr kurzen Zeitraum gehen, wie ein paar Tage, längstens jedoch über ein Jahr. 22

Hier spielen Leidenschaft, Begeisterungsfähigkeit, Ausdauer, Fantasie, bewusste Wahrnehmung, Kommunikation und Konzentration eine große Rolle. Dies alles bildet eine wichtige Voraussetzung für die Anschlussfähigkeit der Lerninhalte. Die Kinder dürfen frei entscheiden, ob sie sich dem Projekt zuwenden oder lieber ihr eigenes gestalten. Oft ergeben sich dabei überraschende Verläufe und eindeutige Ziele, stets jedoch bleibt der Weg das Ziel. Die pädagogischen Fachkräfte sind in diesen Prozessen Begleiter, die Impulse geben, mit den Kindern im Dialog stehen, als „Übersetzer“ fungieren und die Funktion als Beobachter und „Zeuge“ innehaben. Projekte sind immer demokratisch, zielen auf Gleichberechtigung ab und setzten prinzipiell Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe als Arbeitsform voraus. Für unser Haus bedeutet dies, dass die Kinder gemeinsam und/oder mit den pädagogischen Fachkräften, Eltern und Experten Projekte planen, entwickeln und durchführen. Durch das selbständige Suchen nach Möglichkeiten und Lösungswegen, werden die Selbstbildungsprozesse im Kind gestärkt, es fühlt sich ernst genommen und gehört, Selbst-Bewusstsein und Selbst-Wertgefühl entwickeln sich weiter.

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2.8. Beobachtung und Dokumentation Die Dokumentation ist ein zentrales Element der Reggio-Pädagogik. Hierbei ist die klassisch geltende Dokumentationsform die sogenannte Wanddokumentation welche sich auf die Metapher der „100 Sprachen“ mit der Bezeichnung der „Sprechenden Wände“ beruft. In den Projektdokumentationen hinterlassen Kinder Spuren ihres Handelns“ (Knauf 2004) Aber auch in den Bildungsplänen der Länder ist die Bildungsdokumentation in den KiTas verankert. Dabei geht es darum, das einzelne Kind systematisch und regelmäßig in seinem Lernumfeld zu beobachten und dies zu dokumentieren. Die Wanddokumentation stellt in erster Linie die Entwicklung und Erkenntnisse der Kinder dar. Ebenso ruft sie das Erinnerungsvermögen der Beteiligten auf, kann hierdurch weitere Dialoge fördern und Rückmeldung über das Geschehene geben. Sie dient als eine wichtige Informationsquelle für Kinder sowie für Erzieherinnen und Eltern. Sie fungiert als „Veranschaulichung eigener Erkenntnisprozesse“, als Gedächtnisstütze und Zeitbrücke sowie auch als Herausforderung für „Neubetrachtung“ und „Selbstkorrekturen“ (Rinaldi, 2002). „Die Dokumentation erlaubt den Kindern, all das noch einmal zu durchlaufen, was sie tun und was sie sind. Sie hilft ihnen, ihre Methoden, ihre Entscheidungen, die Momente des Stillstands, ihren Eifer, zum Ziel […] zu gelangen, noch einmal zu erleben“ (Vecchi, 2002).

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Dokumentationen basieren auf Beobachtung und Begleitung der Kinder durch Erzieherinnen, die deren individuelle Aussagen und Aktionen Achtung schenken. Sie kann unterschiedliche Schwerpunkte und Präsentationsformen annehmen. Hierunter zählen Kinderaussagen, Kinderwerke, Fotos und Videos. Somit wird der Aktionsprozess festgehalten und für die Kinder, Eltern und die Öffentlichkeit transparent gemacht. Das bedeutet zugleich, dass die beobachteten Kinder und der Prozess möglichst authentisch festgehalten werden und die Beteiligten sich in ihrem Handeln und Denken widergespiegelt finden. Durch das gemeinsame Erstellen der Dokumentationen und die implizite Reflektion werden sie einerseits in ihrer Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit gestärkt, andererseits wachsen das Vertrauen und das Gefühl der Geborgenheit. Ferner ermöglicht diese besondere Methode der Dokumentation auch den Eltern den Einblick auf die pädagogische Konzeption der Einrichtung und die Arbeitspraxis der Erzieherinnen. Es entstehen Brücken zwischen Kita und Elternhaus.

2.9 Portfolio Der Begriff Portfolio kommt aus dem Lateinischen und setzt sich zusammen aus „folium“ für Blatt und „portare“ für tragen. Neben der oben beschriebenen großflächigen Wand- ist diese Heftdokumentation eine weitere Form im reggianischen Alltag. Hierbei handelt es sich um eine Art Archiv über die Entwicklung eines jeden Kindes, das in einem weißen Ordner angelegt und mit ihm fortlaufend ergänzt und gepflegt wird. Es ist der Besitz des Kindes und steht frei zugänglich im Gruppenraum. Kinder schauen sich gerne ihre Portfolios an und zeigen es anderen. Es entstehen Zeitbrücken, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die den Dialog anregen. Der Inhalt setzt sich aus Beobachtungsdokumentationen der Erzieherinnen zusammen, die mit kurzen Sätzen bzw. Stichpunkten versehen und datiert werden. Daneben finden Lerngeschichten und individuelle Fragmente wie Kindesäußerungen, Zeichnungen und Fotos hier ihren Platz. Ferner werden Lernschritte des Kindes beleuchtet, sodass es hier immer die Möglichkeit hat, Vergangenes erneut zu entdecken, wieder aufzugreifen und Entwicklungsfortschritte an sich selbst zu erkennen. Mit der reinen Freude an der Spiegelung der eigenen Selbstwirksamkeit wird auch die Lernmotivation unterstützt.

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Die Inhalte unserer Portfolios nun in der Übersicht: • • • •

Dokumentation von Entwicklungs(-fort-)schritten in Form von Lerngeschichten Werke/ Produkte des Kindes Persönlich gestaltete Seiten vom Kind oder eines Familienmitgliedes Fotos, die das Kind im KiTa- Alltag, Angeboten, Projekten und Lernsituationen zeigen • Erinnerungsfotos (z.B. Geburtstage; Ausflüge, Feste) • Dokumentation der Eingewöhnung • Dokumentationen über die Vorlieben und Interessen des Kindes • Dabei liegt unser Augenmerk auf diesen Aspekten: • • • • • •

„Was tut das Kind?“ statt „Was kann es (schon), was kann es noch nicht?“ Es geht darum, die Stärken zu stärken. Welche Interessen stehen gerade im Mittelpunkt? Welchen neuen Herausforderungen stellt sich das Kind? Soziale Interaktion (z.B. Wie steht das Kind in Kontakt mit seinem Umfeld?) Wie erschließt sich das Kind seine Umgebung? (Experimentieren, Ausprobieren, Verwerfen, Neuanfang) • Welche Ausdrucksformen und -mittel setzt das Kind ein? • Welche Forderungen stellt das Kind an die Erzieher/-innen? • Greift das Kind auf erworbene Ressourcen zurück und verknüpft es diese mit neuen Herausforderungen?

In der pädagogischen Arbeit versteht man unter einem Portfolio also die individuelle, stärkenorientierte, systematische Dokumentation sozialer, emotionaler und kognitiver Fähigkeiten eines Kindes. Es ist somit eine Zusammenstellung von Dokumenten und Materialien, die im Laufe der Zeit verschiedene Aspekte der Entfaltung und Entwicklung eines Kindes aufzeigen. Die der Portfolioarbeit zugrundeliegenden Beobachtungen und Aussagen der Kinder machen uns nochmals bewusst, wo seine Interessen und Fähigkeiten liegen und geben uns zugleich wichtige Anhaltspunkte für die Planung unserer pädagogischen Arbeit (Angebote und Projektarbeit). Schließlich bietet das Portfolio auch den Eltern die Möglichkeit nachzuvollziehen, mit womit sich ihr Kind beschäftigt und welchen Blick die Erzieher/innen darauf haben. Dadurch wird die Arbeit transparent und ermöglicht Teilhabe. Zum Schuleintritt bekommt jedes Kind sein Portfolio mit nach Hause. 26

2.10 Gemeinwesen, Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen Erziehung, Bildung und Betreuung vollziehen sich nicht ausschließlich in der Kindertagesstätte, weswegen es wünschenswert ist, dass unsere Kinder einen unmittelbaren Bezug zu ihrer Umgebung, und damit zum Gemeinwesen bekommen. Sie sollten Menschen kennenlernen, wissen, wo sie aufwachsen, welche Geschäfte, Institutionen, Häuser und Spielplätze es in nächster Nähe gibt. Daher führen uns regelmäßige Exkursionen mit den Kindern in den Stadtteil, die Weinberge und in die nähere Umgebung. Zugleich geht es uns darum, immer wieder ins Bewusstsein zu holen, dass Kinder ein wesentlicher Teil der Gesellschaft sind und beide sich wechselseitig beeinflussen. Hier wird die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Kindern noch einmal betont. Daher betrachten wir die Gemeinwesenarbeit nicht als Zusatzaufgabe sondern vielmehr als eine wichtige Methode für Bildung und Erziehung, über die wir mit den Eltern in einem partnerschaftlichen Dialog stehen. Konkret pflegen wir Kooperationen mit folgenden Institutionen: • Schulen • Therapeuten • Kindertagesstätten • Stadtteilverein • Bücherei • PuK Daneben sind wir im Kindernetzwerk Stadtteil Süd-Ost aktiv. Wir sehen hier die Wichtigkeit der Vernetzung im Sinne eines Austausches von Ressourcen, Ideen, Gesprächen, Wertschätzung und Gemeinschaft. Das heißt, wir können unseren Teil zur Verfügung stellen, profitieren jedoch gleichzeitig von den anderen „Netzwerkern“.

3. Die Rechte des Kindes Das Ziel der UN-Konvention über die Rechte des Kindes ist es, die Lebensumstände von Kindern in aller Welt strukturell zu verbessern. In der Konvention wird das Kind als Träger eigener Rechte ernst genommen. Es ist nicht mehr nur Adressat von Fürsorge, Schutz und Erziehung, vielmehr wird seine Subjektstellung als Mensch mit dem Anspruch auf Beteiligung und Mitsprache betont. In unserer Arbeit steht das Kind prinzipiell mit allen seinen Rechten im Fokus. Beispielhaft werden nachfolgend jene ausgeführt, die im Kontext unserer pädagogischen Wirksamkeit besonders bedeutsam sind. 27

3.1 Gestaltung von Gemeinschaft und Beziehung / Bildung Im Zusammensein mit Erwachsenen und anderen Kindern entwickeln Letztere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit sowie soziale Kompetenzen und lernen die Grundlagen für ein menschenwürdiges Miteinander. Unsere Kindertagesstätte bietet Kindern einen erweiterten Erfahrungs- und Lebensraum zur Gestaltung von Beziehungen unterschiedlicher Verbindlichkeit. Hierbei ist unseres Erachtens die Achtung vor der unantastbaren Würde eines jeden Menschen von großer Bedeutung. Unabhängig von Leistung, Nation, Herkunft, Geschlecht und Religion haben Kinder ein Recht auf Freiheit, persönliche Entfaltung und Selbstständigkeit. Daher fördern wir Toleranz und Respekt im täglichen Umgang unterstützen ihr Selbstbewusstsein und zugleich deren Wertschätzung für andere. Durch die Möglichkeit im Kindergarten eigenständig und selbstverantwortlich zu agieren, erwerben Kinder die für ein verantwortliches soziales Zusammenleben notwendige Handlungskompetenz und erfahren überdies die Grundlagen demokratischen Handelns.

3.2 Lernen und Bildung Kinder nehmen ihre Umwelt intensiv mit allen Sinnen wahr. Nur wenn die Voraussetzung einer emotionalen Offenheit bzw. Zugewandheit des Kindes erkennbar ist, kann es sein Entwicklungspotenzial entfalten. Als unterstützend erweist sich dafür eine wertschätzende Bildungspartnerschaft zwischen Kind, Eltern und pädagogischem Fachpersonal. Bildung, Lernen und Entwicklung werden hierbei in ihrer untrennbaren Wechselwirkung und nicht als voneinander isolierte Prozesse verstanden. Je positiver und optimistischer wir das Kind sehen, wahrnehmen und erkennen desto mehr Möglichkeiten hat es, mit seinen Fähigkeiten, die Welt zu erfahren. Dies sollte ohne Druck, Zwang und Angst passieren, denn ein Kind, das zu etwas gezwungen wird, verliert Neugier und Explorationsdrang.

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3.3 Partizipation Partizipation bedeutet, „Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, zu teilen und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden.“(Schröder 1995) Partizipation (d.h. Teilhabe) ist ein fester Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit. Sie basiert auf einer demokratischen Grundhaltung in der Erziehung und setzt immer Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität voraus. Sie ist u.a. verankert in der UNKinderrechtekonvention und im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII). Teilhabe wird hierbei als Schlüssel für Bildung und Chancengleichheit gesehen. Auch vor dem Hintergrund, dass das Kind einen Großteil seines Tages in unserer Kita verbringt, ist es uns besonders wichtig, dass es seinen Alltag aktiv mitgestalten kann. Es wird daher in möglichst viele Entscheidungsprozesse mit einbezogen. Dies 29

geschieht unter Berücksichtigung des jeweiligen Alters und Entwicklungsstandes des Kindes. Im Morgenkreis dürfen sich beispielsweise schon die Kleinsten eigenständig für ein Kreisspiel entscheiden, vor einem gemeinsamen Frühstück wird abgestimmt, was jeder essen möchte, Regeln werden zusammen festgelegt und diskutiert. Das Kind lernt dabei, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und gegenüber anderen zu vertreten. Ferner übt es, konstruktiv zu diskutieren, zuzuhören und andere von seiner Meinung zu überzeugen. Es lernt aber ebenso, dass bei demokratischen Entscheidungen in der Kindergruppe jede Stimme gleich viel wert ist und sich infolgedessen die eigenen Wünsche und Forderungen nicht immer alle durchsetzen lassen.

Oft reflektieren wir vereinbarte Entscheidungen nach einer Erprobungsphase gemeinsam mit den Kindern, fragen, was gut, aber auch was nicht so optimal verlaufen ist. So kann das Kind Verantwortung für seine Entscheidung übernehmen und ggf. gemeinsam mit anderen nach Änderungs- und Verbesserungsmöglichkeiten suchen. Durch Partizipation fühlt sich das Kind ernst genommen und wertgeschätzt. Es erfährt, wie wichtig uns seine Meinung, aber auch die Meinung der anderen ist. Es setzt sich aktiv mit seiner Umwelt auseinander, weil es Selbstwirksamkeit und sozialen Zusammenhalt erlebt.

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3.4 Gesundheit und Pflege Fürsorgliche Beziehungen, die Geborgenheit in einer sicheren emotionalen Bindung vermitteln, gehören zu den existentiell notwendigen Voraussetzungen für das gesunde Aufwachsen von Kindern.

In der beziehungsorientierten Pflege gehen die päd. Fachkräfte feinfühlig auf die kindlichen Grundbedürfnisse nach beständigem liebevollem Kontakt, nach körperlicher wie seelischer Unversehrtheit und Sicherheit, sowie nach entwicklungsgerechten und individuellen Erfahrungen ein. Der Blick ist also auf die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind gerichtet, und zugleich auf die Selbstbeteiligung des Kindes. Jede Berührung und jedes Wort sind bedeutsam und wichtig. Wir nehmen uns für das einzelne Kind in einer Pflegesituation Zeit, treten mit ihm in Blickkontakt, kommunizieren über die einzelnen Schritte und berühren es behutsam. Die Kinder führen dabei all das aus, was sie leisten können und wollen. Prinzipiell wickeln wir die Kinder nach Bedarf. Wir haben jedoch auch feste Zeiten für diese wichtigen Interaktionen im Tagesablauf eingeplant. Ferner sind natürlich auch eine gesunde Ernährung und das Einhalten aller Hygieneund Sicherheitsmaßnahmen von Bedeutung. Daher servieren wir den Kindern ein ausgewogenes, gesundes Mittagessen, gewährleisten in Zusammenarbeit mit der Unfallkasse und Dekra alle Sicherheitsstandards und nehmen das Infektionsschutzgesetz als Vorgabe für alle Krankheitsbilder.

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3.5 Kinderschutz Zum 01. Januar 2012 trat das Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. Hierin werden alle Mitarbeiter/-innen in Kindertagesstätten, Krippen, Horte und Schulen verpflichtet einzuschreiten, wenn sie das Wohl eines Kindes gefährdet sehen. Gemeint ist beispielsweise, dass ein Kind ungepflegt oder unterernährt ist, anhaltend unpassende Kleidung trägt, geschlagen wird, oder Missachtung und Lieblosigkeit erfährt. Beobachten Fachkräfte solche Vorkommnisse, liegt ihre Aufgabe zunächst darin, die Eltern anzusprechen und gemeinsam mit ihnen nach Möglichkeiten zu schauen, um die Situation zu klären und das Beste für das Kind zu bewirken. Hierfür werden konkrete Absprachen darüber getroffen, was die Familie tun kann, und wie unsere Einrichtung die Eltern hierbei unterstützt. Stellt sich heraus, dass die Eltern die Absprachen nicht einhalten können oder wollen, um eine Verbesserung der Situation für das Kind herbeizuführen, sind wir verpflichtet, unseren Träger und das Jugendamt einzuschalten und um weitere Hilfen zu bitten.

3.6 Interkulturelles Lernen Unsere Kindertagesstätte ist ein Ort der Begegnung für Menschen unterschiedlicher Herkunft. Ein offener und neugieriger Umgang mit den verschiedenen Kulturen, Nationalitäten und Religionen kennzeichnet unsere Arbeit. Durch die vorhandene Diversität kann sich das Kind mit vielfältigen Formen von Sprache, Glauben, Festen und Bräuchen auseinandersetzen. Es nimmt die Unterschiede wahr, wird sich gleichzeitig aber auch seiner eigenen Herkunft und Kultur bewusst.

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Konkret werden im Alltag beispielsweise Lieder in unterschiedlichen Sprachen gesungen, muslimische Kinder berichten vom Zuckerfest im Morgenkreis, beim Frühstücksbuffet gibt es Speisen aus verschiedenen Ländern, die von den Eltern zubereitet wurden. Das Zusammenleben mit verschiedenen Kulturen ist uns und den Kindern selbstverständlich.

3.7 Integration und Inklusion Integration meint die Herstellung einer Einheit, eines Ganzen, also die Gemeinsamkeit von unterschiedlichen Menschen in allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Dies beinhaltet wertschätzende Interaktionsprozesse von Menschen mit und ohne Behinderung und führt zu einem Zusammenleben bzw. Zusammenlernen von gleichwertigen Partnern. Der Mensch mit Behinderung ist nicht Objekt von Wohltätigkeiten, sondern Mitmensch, Partner und auch Gebender. Er kennt seine Vorlieben, Interessen und Bedürfnisse selbst am besten. Die Integration von Menschen mit Behinderung ist ein gesamtgesellschaftlicher Lernprozess. Unser pädagogischer Grundsatzgedanke ist, jedes Kind mit seine Interessen und Fähigkeiten in der Gegenwart anzuerkennen und seinen weiteren Entwicklungsweg zu begleiten. Integration bedeutet nicht, dass die Kinder mit Behinderungen bestimmten Gruppen „angepasst“ werden sollen und dass sie sich an den Normen, Werten und Leistungen der Kinder ohne Behinderung zu orientieren haben. Alle Angebote und Aktivitäten werden als Anreiz für die individuelle Entwicklung verstanden. Jedes Kind kann sich so beteiligen, wie es in seinem Rahmen möglich ist und seinem Interesse entspricht. In einer Kindergruppe, in der ein partnerschaftliches Miteinander im Geben und Nehmen stattfindet, werden individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten zur Erfahrungs- und Lernmatrix. Integrative und interkulturelle Erziehung bedeutet für uns, das „Anderssein“ nicht nur zu akzeptieren, sondern auch schätzen zu lernen. Somit ist die Chance auf ein friedliches und zufriedenes Miteinander gegeben. Kinder reden nicht über Integration, sie praktizieren sie auf natürliche Weise und sind – wie der nachfolgende kurze Dialog zeigt - damit ein Vorbild für uns alle. Ein Besucher fragt ein Kind: „Wieviel Ausländer sind denn bei euch in der Kita?“ Das Kind antwortet: „Da sind nur Kinder!“ „Inklusion ist als Konzept zu verstehen und versucht, alle Menschen mit Beeinträchtigungen in einen Alltag für alle mit einzubeziehen. Menschen mit Behinderung werden nicht nur in eine Welt von Menschen ohne Behinderung integriert, sondern alle Menschen in einer Gesellschaft werden angesehen als Menschen mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen, auf die angemessen reagiert werden muss. Dies beinhaltet die Vision, dass die Kindertageseinrichtungen offen 33

sind für wirklich alle Kinder mit und ohne Behinderung oder auffällige Kinder. Jedes Kind bekommt die individuelle Unterstützung, die es benötigt (Vollmer, K., 2008).“

Inklusion wird zum Gegenstand unseres pädagogischen Handelns und erfordert das Mitdenken über den Kindertagesstättenaufenthalt hinaus. In diesem Zusammenhang ist die Familie als einflussreichster und zeitlich dauerhaftester Einflussfaktor für das Leben und die Entwicklung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen, Kindern aus anderen Nationen oder Kulturen von herausragender Bedeutung. Die Unterstützung der Eltern durch die Kita orientiert sich am Lebensstil, den Werten und den Prioritäten der einzelnen Familie. „Inklusion beinhaltet zwingend vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Sie zielt darauf ab, allen Kindern Erfahrungen mit Vielfalt zu ermöglichen. Unterschiede fordern Kinder kognitiv und sprachlich heraus, wenn sie zum Vergleichen, Aufeinanderbeziehen, Differenzieren anregen. Sie sind der ideale Motor für Entwicklung, wenn Gespräche darüber in einer Sprache stattfinden, die anerkennend, respektvoll, einfach, sachlich, nüchtern und direkt ist“ (Kobelt, D., 2008)

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3.8 Bewegung „Der Mensch denkt, fühlt und handelt ganzheitlich. Er kann Bewegungen vom Erleben und Wahrnehmen nicht trennen.“ (www.familienzentrum-heidegarten.de/fuer-kinder/bewegungserziehung-motorik)

Bewegung und Fortschritt zählen zu den Grundbestreben eines jeden Menschen. Durch, in und mit Bewegung nimmt das Kind sich selbst in und mit seiner Umwelt wahr. Bewegung ist zugleich Ausdruck von Emotion und dient der Kommunikation (es tanzt beispielsweise wenn es fröhlich ist, dreht sich weg, wenn es überfordert ist oder tritt zornig mit dem Fuß auf den Boden). Bewegung ist mit der Reifung und Vernetzung der Hirnfunktionen eng verbunden und somit nicht nur für die motorische Entwicklung entscheidend, sondern auch ausschlaggebend für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung. Das Kind hat bei uns die Möglichkeit, seine motorischen Fähigkeiten zu erproben und unter der behutsamen Erweiterung seiner Grenzen, diese stetig weiter zu entwickeln. Hierfür stehen ihm neben großzügigen Gruppenräumen auch unsere Piazza und die Turnhalle mit vielfältigen Turn-, Kletter- und Bewegungsanregungen 35

zur Verfügung. Zudem halten wir uns nahezu täglich mit den Kindern auf unserem großen, naturnahen Außengelände auf.

3.9 Ruhe und Rückzug „Ausgeschlafene, ausgeruhte Kinder sind ausgeglichener und stressresistenter. Zudem wird sich, nach neusten Forschungserkenntnissen, „ihre Lernleistung längerfristig deutlich verbessern“ (Prof. Jan Born, Universität Lübeck)

Kindern Raum, Zeit und „Inseln der Ruhe“ zu bieten, ist ein unerlässlicher Teil unserer konzeptionellen Überlegungen. In jedem Gruppenraum gibt es ein kuscheliges Sofa, oder eine Höhle mit Kissen, Decken, Hörspielen und Büchern, damit Kinder sich selbstbestimmt die Auszeit vom Alltag und des Geräuschpegels nehmen können. Immer dann wenn sie sie brauchen. Zudem bieten wir für die Jüngsten nach dem Mittagessen den Mittagsschlaf an. Es gehört zu einem festen Ritual, sich nach dem Essen umzuziehen und gemeinsam mit einer Erzieherin zu dem eigens dafür gedachten Schlafraum zu gehen. Jedes Kind hat seine eigene Schlafmatratze mit Bettwäsche die es von zuhause mitgebracht hat. Der heimische Geruch ist vertraut, beruhigt und erleichtert das Einschlafen. Der Schlafraum an sich bietet eine gemütliche Atmosphäre, er ist leicht abgedunkelt und mit warmen Lichtquellen versehen, wenn die Kinder ihn mittags betreten. 36

Für die Älteren, die meist keinen Mittagsschlaf mehr benötigen, bieten wir eine „Ruhephase“ - ähnlich einer Mittagspause - an. Diejenigen, die den Bedarf nach Ruhe und einer Auszeit haben, machen es sich mit einer Erzieherin, Decken, Kissen, Büchern oder Hörspielen in einem Gruppenraum gemütlich und nutzen so die Zeit zum Entspannen und Aufladen der Energien.

3.10 Kreativität „Die wesentlichen Zutaten für Kreativität sind für alle gleich: Mut, Verzauberung, Erlaubnis, Beharrlichkeit, Vertrauen – diese Elemente sind für alle zugänglich.“ (Gilbert, 2015) Kreativität wird oft mit einer Art künstlerischem Geschick oder Begabung, manchmal auch besonderem Talent verknüpft. Aber ist es wirklich eine Besonderheit, welche nur einer bestimmten Anzahl Menschen vorbestimmt ist und damit wiederum einer gewissen anderen Anzahl Menschen vorenthalten bleibt. Die Forschung weiß inzwischen, dass sich von frühester Kindheit an unser Gehirn selbst organisierend im Austausch mit unserer Innen- und sozialen Umwelt befindet. Dabei werden Erlebnisse im Gehirn geordnet und als Erinnerung abgespeichert. Im kreativen Prozess werden diese Ordnungen aufgebrochen und neu kombiniert. 37

Wahrnehmen, erinnern, denken, fantasieren und träumen sind kreative Prozesse, welche die Reifung des Gehirns stimulieren und in enger Wechselwirkung mit einer fördernden Umwelt stehen. Doch das Wissen allein reicht nicht aus, um kreativ zu sein. Es bedarf kreativem Denken und Handeln. Dazu brauchen Kinder eine strukturierte Umgebung in der Wissen und Fertigkeiten erworben werden und sie brauchen Freiräume, in denen das Erlernte zu neuen Mustern kombiniert wird. Kreativität ist ein Prozess und um einen Prozess in Gang zu setzen bedarf es zunächst einmal Mut. Mut, sich darauf einzulassen, in Ungeahntes aufzubrechen und zu forschen, Fehler zu machen, sich zu irren und sich dennoch nicht aufzugeben. Mut, es einfach zu beginnen.

Um überhaupt Mut fassen zu können, stellen sich Kinder zunächst ihren Ängsten. Das kann die Angst davor sein, sich beim Hantieren mit beispielsweise Ton oder Fingerfarben schmutzig zu machen. Es können jedoch auch Ängste vor Kritik und Wertung an dem Erschaffen durch Dritte oder auch nur der Umgang mit verschiedenen Meinungen sein. Es bedarf schon einer ordentlichen Portion Mut, seine Werke anderen zu präsentieren. Wir unterstützen die Kinder, ihr Werk als 38

besonders und wertvoll anzusehen und diesem auch den nötigen „Rahmen“ zu geben. Im Flur, in der Vitrine und an unseren Doku-Wänden sind die Kunstwerke zu sehen und zu bewundern. Einmal jedoch den Mut gefasst, möchte sich das Kind verzaubern und sich im Reich seiner Fantasie treiben lassen. Dies kann auf ganz verschiedene Arten geschehen. So zauberte es einem Jungen, welcher zuvor motivationslos und gelangweilt durch den Raum streifte, trotz seiner Scheu gegenüber Farben ein Lächeln ins Gesicht, nachdem er den ersten Pinselstrich auf ein Blatt Papier setzte. Kinder finden in vielem ihre Inspiration. Durch Gruppendynamik können sich ursprüngliche Ideen in ungeahnte Richtungen weiterentwickeln oder gänzlich ändern. Einstige Erlebnisse können wieder lebendig werden oder ganze Verwandlungen entstehen lassen. Die Kinder schlüpfen in Rollen, werden ihre Idole und Protagonisten ihres Lieblingsbuches oder Lieblingsfilms. Auch der Raum mit all seinen Materialien und möglichen Szenarien wirkt inspirierend auf die Kinder ein. Jedoch ist es ebenso wichtig, dass sie Freiraum bekommen mit Materialien zu experimentieren, sie zu entdecken und sie als Medium zu nutzen. Material hat nur einen Nutzen, wenn es genutzt werden kann, nur einen Sinn, wenn es ihn verliehen bekommen darf. Frei zugänglich und sichtbar wird das Kind seiner Umwelt Leben einhauchen. So wie das Kind die stetige Erlaubnis benötigt, um zu kreieren und zu erschaffen, sollte auch die Erlaubnis des Kindes bedacht werden. Es ist weder selbstverständlich, dass es mit seiner Umwelt interagiert, seine Gedankenwelt öffnet und seine Fantasien sichtbar werden lässt, noch, dass andere aktiv in die kindlichen Prozesse eingreifen dürfen. Kreativität verlangt regelrecht eine Einverständniserklärung auf Gegenseitigkeit. Das Einverständnis zu probieren und zu beginnen aber auch zu beenden. Die Erlaubnis zu helfen, gar anzuleiten oder zu korrigieren. Jedoch vor allem die Erlaubnis, das Erschaffene zu präsentieren. Durch Vitrinen, Dokumentationswände und offenen Austausch in Morgenkreisen kann der Erbauer, der Künstler, der Erfinder, und der Schöpfer sein Werk zur Inspiration, zur Motivation, zur Freude oder aus Stolz teilen. Es bedarf der Beharrlichkeit der pädagogischen Fachkraft, dem steten Interesse nicht nur am Ziel, sondern ebenso am Weg. Kreativität funktioniert nicht auf Knopfdruck. Kreativität fließt oft auch nur langsam und in Etappen. Das Kind verliert recht schnell sein Interesse, war es auch zuvor noch so Feuer und Flamme, wenn es nicht spürt, dass das was es tut von Bedeutung ist. Es ist grundlegend wichtig dem Kind zu vertrauen und ebenso bedeutsam, dass es sich selbst vertraut. Das Kind möchte darauf bauen können, dass es Wertvolles erschafft und all seine Mühe einen Sinn hat. Es möchte vor allem darauf vertrauen dürfen, dass es die Chance bekommt, etwas zu beginnen, zu lernen, zu zeigen, zu beenden und wieder neu anzufangen. Kreatives Handeln nimmt starken Einfluss auf unser Leben. Ihm geht immer kreatives Denken voraus und dieses kreative Denken 39

prägt unsere Persönlichkeit und die des Kindes – die Art, wie wir unser Leben gestalten. Jedes Gehirn ist auf Kreativität ausgelegt und jeder Mensch ist kreativ. Hier ist es an uns, die Kinder in ihrem Sein und Tun zu ermutigen, sie zu unterstützen und ihnen die nötige Anerkennung zu geben.

3.11 Naturwissenschaften Naturwissenschaft heißt: die Phänomene der Natur verstehen wollen; den "Geheimnissen der Welt" auf die Schliche zu kommen. Kinder tun dies von Geburt an täglich, denn sie sind neugierig, wollen ihre Umwelt erleben, sie begreifen und wissen wie ihre Welt „funktioniert“. Dieser natürliche Wissensdurst wird durch Anregungen in allen zur Verfügung stehenden Bereichen geweckt, unterstützt und herausgefordert. Ungeachtet dessen, ob es sich hierbei um Kunst, Mathematik, Biologie oder Themen wie die Interpretation von Gedichten und der Philosophie handelt. Naturwissenschaften sind ein Weg vom Entdecken zum Verstehen. Diesen Weg kann man auf eine einfache Formel bringen: Sehen - Staunen – Ausprobieren und natürlich Fehler machen sowie durch Versuch und Irrtum ganz neue Wege entdecken. Prinzipiell eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, naturwissenschaftliche Phänomene zu beobachten, Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung herzustellen und zu erkennen. Doch welche Inhalte verbergen sich hinter Naturwissenschaften? Welche Themen sind gemeint? Und könnte sie für unsere Kinder relevant sein?

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Hier einige Beispiele, die sich zum gemeinsamen Erforschen und Erarbeiten anbieten:

Elemente:

Erde, Luft, Wasser, Feuer,…

Mathematik: Zahlen, Mengen, Logik, Räumliches Denken/Geometrie,… Physik:

Magnetismus, Schwerkraft, Hebelwirkung, Aggregatzustände,…

Chemie:

Säuren, Basen, Emulsionen, Gase,…

Biologie:

Der Mensch, Tiere, Pflanzen,…

Geographie: Erdteile, Länder, Lebensbedingungen, Oberflächenstruktur der Erde,… Geologie:

Steinkunde, Erdzeitgeschichte, Vulkanismus,…

Astronomie: Sonne, Mond, Sterne, Himmel,… Zeitbegriff:

Kalender, Uhr, Jahresablauf, Zeitalter,…

Meteorologie: Wetterphänomene, Klima,… 41

In unserer Kita sehen wir die Kinder als Forscher und Entdecker ihrer ganz persönlichen Mitwelt. Dabei geht es uns nicht um die richtige Sicht der Welt, oder den Erwerb von richtigem Wissen, sondern um die Erprobung von Strategien für die Annäherung an die „Wahrheit“. Es ist unsere Aufgabe, sie auf ihrem Weg der Erkenntnis zu begleiten und zu unterstützen. Dabei sind wir offen für ihre Fragen, stellen ihnen vielfältige Materialien und Medien zur Verfügung die sie zum Finden ihrer Antworten benötigen und regen sie an Dinge zu hinterfragen. Ein passendes Sprichwort macht dies deutlich: „Es ist nicht im Geist, was nicht in den Sinnen war!“ (G.W. Leibnitz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, 1996) Sie experimentieren mit Rohren und Schläuche im Wasser und Sand, setzen Taschenlampen und Spiegel für Lichtspiele ein, schauen durch Lupen in verschiedenen Größen, erforschen und untersuchen durch das Mikroskop eigenständig Sachverhalte und Zusammenhänge.

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Sie lernen, Probleme gemeinsam mit anderen zu lösen und dass es manchmal mehr als nur eine richtige Antwort gibt. Während das Kind dabei sein eigenes Wissen über die Welt aufbaut steht es im Austausch mit anderen. Lernen ist immer auch ein sozialer Vorgang, der sich im gemeinsamen Handeln und Reden vollzieht. Sich z. B. gemeinsam einer Frage zu widmen und nach Antworten zu suchen, festigt die Lernprozesse der Mädchen und Jungen. Das Wissen wird also von Kindern und ihren Bezugspersonen zusammen "konstruiert" und bietet den Erwachsenen täglich einen spannenden Einblick in die persönliche Welt des Kindes. „Ein Forscher traut sich zu, Dinge herauszufinden, ist neugierig, selbstbewusst, hartnäckig und kreativ. Und ein Forscher weiß aus eigener Erfahrung, dass Forschen Spaß macht, weil man sich gut und stolz fühlt, wenn man etwas entdeckt, etwas erfunden oder herausgefunden hat.“ (Gabriele Dahle / Vortragstext Didacta 2007)

3.12 Musik / Rhythmus Kinder reagieren auf musikalische Angebote mit direkter Freude, was zur inneren Harmonie beiträgt. Musik gehört als bewusstes Element zu unserem Alltag, da sie nach unserem Verständnis unabdingbar zu einer ganzheitlichen Bildung zählt. Wir singen im Morgenkreis und es finden Sing-/Spielkreise statt, in denen die Kinder in andere Rollen schlüpfen können, Geschichten/Märchen nachspielen, Interessen geweckt und/oder vertieft werden, Emotionen ausgelebt oder aufgegriffen werden. Ergänzend dazu stehen uns auch unterschiedliche Orff-Instrumente zur Verfügung. Jeden Freitag findet unser gemeinsamer Singkreis mit Kita und Krippe in der Piazza statt. Über die zugleich gegebene Anregung zur Bewegung wird der direkte Zusammenhang zu Rhythmus und Tanz geschaffen. Wiederkehrende Reime, Rhythmen und Inhalte fördern überdies den Wortschatz, die Grammatik und viele sprachliche und nummerische Elemente.

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4. Gestaltung von Übergängen

4.1 Eingewöhnung Die Gestaltung einer behutsamen, d. h. am Kind orientierten Eingewöhnungszeit von der Familie in die Kindertagesstätte, zählt zu unseren Qualitätskriterien. Hierbei ist die Einbindung der Eltern selbstverständlich. Die Eingewöhnungszeit ist für alle Beteiligten außerordentlich wichtig. Ob sich ein Kind in unserem Haus wohl fühlt, hängt sehr vom Verlauf der Eingewöhnungszeit ab. Deshalb gilt für eine optimale Eingewöhnungsphase: Zeit einplanen! Das Kind muss eine stabile Bindung zur Bezugserzieherin haben, um sich gut von den Eltern trennen zu können. Damit die Eltern vor dem Eintritt, die Bezugsperson ihres Kindes und die Einrichtung kennen lernen können, findet ungefähr 2 Wochen vor dem ersten „Schnuppertag“ ein Eintrittsgespräch statt. Ziel des Gespräches ist es, die Eltern Einblicke in die Eingewöhnungszeit und den Tagesablauf zu ermöglichen, sowie unsererseits Informationen über das Kind zu erhalten. Auf dieser Basis können die Eltern das Kind bereits im Voraus auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten, indem sie mit ihm über den Kindergarten sprechen. Die Eingewöhnungszeit durchläuft verschiedene Phasen, die im weiteren Textverlauf erläutert werden. Da aber jedes Kind verschiedene Bedürfnisse haben kann, muss das Vorgehen im Einzelfall unterschiedlich gehandhabt werden. Selbstverständlich werden diese individuellen Absprachen mit den Eltern abgestimmt, verfolgen wir doch dasselbe Ziel wie sie.

Während der Eingewöhnung haben die Eltern die Möglichkeit unsere Räumlichkeiten, die Gruppenerzieher/-innen und die anderen Kinder der Gruppe kennenzulernen. Das Kind darf sich frei in unserem Haus bewegen, so dass es nicht nur seine Gruppe erkundet, sondern einen Eindruck von allen Räumen gewinnt. Die Eltern können sich in Ruhe ein Bild davon machen, wie das Kind diesen Teil des Tages bei uns verbringt. Die Haltung der Bezugsperson ist zurückhaltend und eher auf den Kontakt mit den Eltern bedacht, damit das Kind das Vertrauen seiner Eltern zur Bezugsperson sowie die wertschätzende Atmosphäre wahrnimmt. Doch erst wenn es selbst Vertrauen in die Bezugserzieher/-innen, die Einrichtung und den Tagesablauf gefasst hat, ist es in der Lage in der Einrichtung sein Entwicklungspotenzial zu entfalten. Alle 44

Grundbedürfnisse des Kindes wie Zugehörigkeit, Schutz und Bindung, Bedürfnis nach Kompetenz und Autonomie müssen in gleichem Maße erfüllt sein, damit sich die Mädchen und Jungen gut und sicher entwickeln können. Sobald das Kind emotional gefestigt ist, Vertrauen zur Bezugsperson aufgebaut hat und sich von den Eltern lösen kann, finden erste kurze Trennungsversuche statt, bei denen es darüber informiert wird, wohin seine Eltern gehen. Ein Beispiel: „Die Mama/der Papa geht mal kurz auf die Toilette.“ Da Kinder in diesem Alter noch kein konkretes Zeitgefühl haben, fällt ihnen die Einschätzung der Dauer leichter, wenn es an eine überschaubare und ihnen bekannte Tätigkeit geknüpft wird. Als goldene Regel gilt, dass die Trennung mit einer offensiven Verabschiedung stattfindet und der Raum nicht ohne das Wissen des Kindes verlassen wird. Succezive wird die Trennungszeit dann erweitert. Für diese Phase stehen den Eltern das Elternzimmer und die Elternecke als Aufenthaltsorte zur Verfügung. Mit zunehmender Zeit verlassen sie schließlich die Kita, bleiben jedoch jederzeit erreichbar, bis ihr Kind sind vollends einfinden konnte. Zum Abschluss der Eingewöhnung lädt die Bezugserzieher/in die Eltern zu einem Gespräch ein, bei dem die erste Zeit gemeinsam angeschaut, gute Momente, aber auch Stolpersteine der Eingewöhnung erkannt und reflektiert werden.

4.2 Übergang Krippe bzw. Nestgruppe in den Kindergarten Der Übergang von der Krippe/Nestgruppe in den Kindergarten ist für die Mädchen und Jungen eine neue Herausforderung, vor allem aber ein Anreiz für ihre weitere Entwicklung. Starke Gefühle wie Abschied, Verlust, Trauer, aber auch Stolz und Freude auf das Kommende gehören bei ihnen wie bei ihren Eltern dazu. Daher ist es uns wichtig, den Übergang für die Kinder und ihre Eltern möglichst bedürfnisorientiert zu gestalten. Vor Beginn dieser Phase erhalten die Eltern von den Erzieher/innen der Krippe ihren „Brückenbrief“ mit allen wichtigen Informationen. Die Inhalte unseres Übergangskonzeptes stellen wir nun in der Übersicht dar: 1. Kontaktaufnahme in vertrauter Umgebung Die neue Bezugsperson (Erzieher/in aus dem Kindergarten) besucht zu Beginn das Kind in der Krippengruppe/Nestgruppe. Beide lernen sich in vertrauter Umgebung näher kennen.

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2. „Schnuppertage“ in der neuen Gruppe im Kindergarten Die vertraute Bezugsperson (Erzieher/in aus der Krippengruppe/Nestgruppe) begleitet das Kind in die neue Gruppe. Auf diesem Weg lernt es Stück für Stück seinen neuen Gruppenraum und die anderen Kinder kennen. Dabei wird es von der von seiner neuen Bezugsperson empfangen und begleitet. Sobald das Kind eine sichere Bindung zu dieser aufgebaut hat, versucht sich die vertraute Bezugsperson zu lösen und sich dabei seinem individuellen Tempo anzupassen. Während dieser Übergangsphase stehen den Eltern die Krippen/Nesterzieher/in unverändert zum täglichen Austausch zur Verfügung. 3. Übergangsgespräch Bevor das Kind in die Kindergartengruppe umzieht, laden die Krippen/Nesterzieher/in und Kindergartenerzieher/in zu einem Gespräch ein. Inhalte dieses Gespräches sind: • Informationen über die Besonderheiten der täglichen Abläufe im Kindergarten und in der neuen Gruppe • Informationen der Eltern über ihr Kind an die neue Bezugsperson • Einladung zu einem bis drei Hospitationstagen im Kindergarten für die Dauer von jeweils eine Stunde 4. Abschied in der Krippen-/Nestgruppe – Umzug in die Kindergartengruppe Das Kind feiert in seiner Krippen-/Nestgruppe die Verabschiedung. Es packt einen „Koffer“ mit seinen persönlichen Sachen, wird in die neue Gruppe begleitet, und dort offiziell willkommen geheißen. Sodann räumt es gemeinsam mit seinem/r neuen Bezugserzieher/in die persönlichen Sachen in seinen Schrank. In den kommenden Tagen, sind die Eltern herzlich eingeladen, in der neuen Gruppe zu hospitieren.

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3.4.

Übergang Kindergarten in die Grundschule

Die Kinder, die im kommenden Jahr eingeschult werden, treffen sich einmal wöchentlich außerhalb ihrer Stammgruppe. Auf dem Weg vom Ich zum Wir, begleiten konstante Bezugserzieher/innen die Kinder, die sich nach und nach als Gruppe finden. Diese pädagogische Fachkraft unterstützt die Kinder dabei, sich ihrer Stärken und Interessen bewusst zu werden, was den Selbstwert jedes Einzelnen steigert. Ebenso sollte sich der/die Erzieher/in mit seiner/ihrer persönlichen Begabung einbringen. „Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon“ -AnonymAuch in der Vorschularbeit sehen wir Netzwerkarbeit als Qualitätskriterium. Durch Besuche in der Schule und einen konstruktiven Austausch mit den Lehrkräften, wird den Kindern ein erster Eindruck vermittelt. Die Vorschulgruppe kann zur Themenfindung auf die Kompetenzen einzelner Netzwerkmitglieder zurückgreifen, z.B.: andere Erzieher/innen, Eltern, Großeltern, andere Kinder, Nachbarn, Hausmeister, Musiklehrer. Die Vielfältigkeit des Erfahrungsraumes bietet den Kindern einen reichhaltigen Schatz an Fragen, deren Beantwortung sie sich im Laufe eines Projektes nähern. Bildungsbereiche wie Ausdauer, Konzentration, emotionale Kompetenzen, kognitive Fähigkeiten, Fein- und Grobmotorik, soziale Kompetenzen und Sprache werden hierbei gefördert. Der/die Erzieher/in dokumentiert den Projektverlauf mit Bildern/Fotos und Zitaten der Kinder, um mit ihnen auf der metakognitiven Ebene reflektierend im Gespräch zu bleiben. Passend dazu führen wir im Raum Bad Kreuznach Ausflüge durch, die einerseits Themeninhalte vertiefen und verfestigen und andererseits einen Bezug zur Heimat herstellen. Den Abschluss der Kindergartenzeit zelebrieren wir mit einem Ausflug und einem Fest in der Kita, zu dem Familie und Freunde herzlich eingeladen sind. „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ (Afrikanisches Sprichwort)

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Erstellt am 01.12.2016 von:

Städt. Kindertagesstätte Hermann-Rohloff Dürerstraße 141 55543 Bad Kreuznach [email protected] 0671-97043678

Begleitet durch Marymar del Monte und Professor Tassilo Knauf

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