Kultur übersetzen - Universität des Saarlandes

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Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Herausgegeben von Alberto Gil und Manfred Schmeling Inhaltsverze...

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Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog

Herausgegeben von Alberto Gil und Manfred Schmeling

Inhaltsverzeichnis

Alberto Gil und Manfred Schmeling Vorwort

IX

Manfred Schmeling Georges-Arthur Goldschmidt – Eine Würdigung

1

Georges-Arthur Goldschmidt Wie Grün Rot werden soll oder Die Metamorphose des Übersetzens

5

Theoretisch-philosophische Fragestellungen Jörn Albrecht Heidegger auf Französisch – die ‚Poststrukturalisten‘ auf Deutsch. Ein Fall von ‚verschränktem‘ Kulturtransfer

17

Hervé Pasqua Traduction et déconstruction

33

Pierre Deshusses und Irène Kuhn Der Übersetzer: ein Seiltänzer über dem Abgrund der Sprachen

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Historische Schwerpunkte Ursula Wienen Jean-Jacques Rousseaus Briefe über die Botanik im Spiegel ihrer deutschen Übersetzungen. Ein Beitrag zur kulturellen Prägung der Fachübersetzung

Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

55

Fritz Nies Vernetzung und Affinitäten. Deutsche Autoren in französischer Sprache, (teils lange) vor der Romantik

71

Lieven D’hulst La culture allemande en France au début du XIXe siècle: analyse statistique des livres traduits entre 1810 et 1840

83

Hans-Jürgen Lüsebrink „Lost in Translation“ – Übersetzung und Exilerfahrung bei Eva Hoffman (Polen/Kanada/USA) und Jacques Poulin (Québec, Kanada)

97

Textsortenspezifisches Übersetzen Georgette Stefani-Meyer Fonction et statut de la traduction dans le Journal des savants entre 1665 et 1714

109

Alberto Gil Traduire la Rhétorique. Rainer Maria Rilke als Übersetzer des sermon L’Amour de Madeleine

117

Jean-Claude Lejosne und Pierre Dimon Problèmes de traduction (dans le couple français-allemand) de l’interculturalité dans l’expression du droit et la réflexion sur l’éthique: ambiguïté et désambiguïsation dans des domaines ‚sensibles‘

129

Michael Schreiber Rhetorische Fragen in politischen Reden. Textsortenspezifik und Übersetzung

153

Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Formen medialen Transfers: Neue Medien/Intermedialität Vahram Atayan Elektronische Übersetzungsbibliografien als translationswissenschaftliches Werkzeug: Eine exemplarische Studie zu den Titeln von Übersetzungen Französisch-Deutsch aus dem 16.–17. Jahrhundert

167

Rainer Schmusch „La vie est un voyage“. Vertonter Text in Übersetzung: Lied und Oper als Kulturvermittler

181

Herbert Schneider Vertonter Text in Übersetzung oder: Kann man Die Meistersinger von Nürnberg und Aristide Bruants „A Batignolles“ übersetzen?

195

Jean-Loup Korzilius Le geste pictural et la question de l’origine dans l’œuvre de Pierre Soulages et Karl Otto Götz

229

Ramona Schröpf Zur Übertragung von Kulturspezifika in der Filmuntertitelung

241

Autorenverzeichnis

261

Bildnachweis

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Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Vorwort

Das Thema der Übersetzung hat große wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung unter anderem dadurch erlangt, dass viele Einzel- oder Teildisziplinen sich ihm widmen – von der allgemeinen Linguistik über die Fremdsprachenphilologien, die Translationswissenschaft und die Komparatistik bis hin zur Philosophie und Psychologie. Unterschiedliche Theoriemodelle und eine heterogene Bewertungspraxis sind die Folge. Auch in diachronischer Perspektive herrscht große Vielfalt, wenn man die unterschiedlichen Entwicklungsstufen seit der Praxis der Belles infidèles zugrunde legt. Normative, deskriptive, pragmatische und andere Ansätze lösen einander ab. Mit der kulturwissenschaftlichen Wende in den Geisteswissenschaften entwickeln sich allmählich neue Herangehensweisen, die insbesondere die Vermittlungs- und Transferleistung des Übersetzungsprozesses betonen. Text und Kultur werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern stehen fortan in einem gemeinsamen Denk- und Forschungszusammenhang. Damit verbunden ist das neue methodische Gewicht von kultureller Kontextualisierung, von interdisziplinärer und interkultureller Forschung. Statische Modelle des Übersetzens erscheinen aus dieser Sicht obsolet, die bewusste Einbettung von translatorischen Aktivitäten in die kulturelle Dynamik des internationalen Austauschs dagegen vielversprechend. Ob und durch welche kulturellen (auch ökonomisch, politisch, ästhetisch etc. bedingten) Sachverhalte die übersetzerische Rezeption gebremst oder im Gegenteil gefördert wird, in welchem Verhältnis sie zu anderen Medien des Kulturtransfers (Paratexte, unterschiedliche Formen produktiver Adaption etc.) steht, welche historisch-konkrete Rolle eine Institution (Bibliothek, Verlag), eine bestimmte Übersetzerschule, eine Übersetzerpersönlichkeit etc. spielen… die Beantwortung solcher und weiterer Fragen bedarf der kulturwissenschaftlichen Kontextualisierung. Aktuelle Forschungen über Interkulturelle Kommunikation (z. B. Lüsebrink 2005) betonen nicht ohne Grund den Stellenwert der Übersetzung auf diesem Gebiet. Damit sei zugleich ein Forschungsziel des vorliegenden Bandes angedeutet, dessen Titel, Kultur übersetzen, diesem kulturbezogenen Profil und damit zugleich der Komplexität des Gegenstandes gerecht zu werden versucht. Er stellt das Ergebnis eines deutschfranzösisch ausgerichteten Kolloquiums dar, das im November 2006 in Zusammenarbeit zwischen der Fachrichtung Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, der Fachrichtung Angewandte Sprachwissenschaft sowie Übersetzen und Dolmetschen sowie dem Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes durchgeführt wurde. Das Problem der mehrfachen kulturellen Verankerung von Texten erfordert einen methodischen Ansatz, der nicht allein fachwissenschaftlich geleistet werden kann, sondern der sich durch Komplementarität der Perspektiven auszeichnet. Aus diesem Grund beruht Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

X

Vorwort

der Band auf den drei Säulen der Interdisziplinarität, des Methodenpluralismus und der Perspektivierung durch unterschiedliche nationale Wissenschaftskulturen. Er repräsentiert so einen Brückenschlag zwischen der Translationswissenschaft und den einzelnen kulturwissenschaftlichen Disziplinen (Kunstgeschichte, Philosophie, Literatur- und Sprachwissenschaft, Rhetorik etc.) und leistet damit einen Beitrag zur Entwicklung einer Kulturtransferforschung, welche der besonderen Rolle der Übersetzungen bei der Überschreitung kultureller Grenzen gerecht zu werden vermag. Es wäre aber naiv, sozusagen von der Eigendynamik deutsch-französischer kultureller Beziehungen auszugehen und Defizite zu unterschätzen. Einerseits leben wir in einer Epoche europäischer Anpassungsprozesse, vor allem auf ökonomischer, partiell auch auf politischer Ebene, auf der anderen Seite muss konstatiert werden, dass das Interesse an der Kultur des jeweils Anderen und in der Folge der wissenschaftliche Austausch nur bedingt damit Schritt halten. In welchem Maße die beiden Wissenschaftssysteme und Forschungskulturen in Frankreich wie in Deutschland vor allem national geprägt sind, zeigt sich beispielsweise an der sehr geringen Zahl der jeweiligen Übersetzungen wissenschaftlicher Publikationen. Was zur Folge hat, wie der Romanist Fritz Nies in seinem Band Spiel ohne Grenzen? (2002) beklagt, dass in den meisten Disziplinen die aktuellen Forschungsergebnisse nicht oder nur unzureichend wahrgenommen werden und das nationale Wissenschaftssystem häufig der einzige Referenzrahmen aktueller Forschung bleibt. Umso mehr bedarf es neuer Initiativen und Denkanstöße auf vielfältigen Ebenen, welche die Unkenntnis auf kulturellem Gebiet und den wissenschaftlichen ‚Provinzialismus‘ zugunsten einer Verbesserung des Wissenstransfers zwischen beiden Kulturen aufzulösen vermögen. Unser Band versteht sich somit nicht allein als Versuch, die Frage nach der Übersetzung von Kultur wissenschaftlich zu reflektieren, sondern auch als konkreter Beitrag zum Kulturtransfer im Sinne der von Fritz Nies aufgestellten wissenschaftspolitischen Vorschläge zur Vertiefung der deutsch-französischen Beziehungen. Ein Wort zum Konzept der Reihe „VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien“, in der dieser Band erscheint: Kultur als übersetzbares Gut wird zum einen allgemein metonymisch im Sinne einer höheren Kultur verstanden, als der Ort, wo beispielsweise Literatur und Kunst über Generationen hinweg zum Erbe eines Volkes werden. Dieses „kulturelle Gedächtnis“ ist Gegenstand des Bandes Kulturelles Gedächtnis und interkulturelle Rezeption im europäischen Kontext, der den Auftakt der Reihe VICE VERSA bildet. Es ist eine theoretische wie praktische Herausforderung, darüber nachzudenken, ob das kulturelle Gedächtnis, das sich im Wechselverhältnis zwischen Produktion und Rezeption konkretisiert, nicht immer auch ein interkulturelles ist. Denn kulturelle Entwicklung bedeutet nicht zuletzt kulturelle Grenzüberschreitung. Im Fokus dieses zweiten VICE-VERSA-Bandes steht nun die Übersetzung, die traditionell das linguistische, hermeneutische oder theoretische Interesse vieler Forscher, auch vieler Dichter, weckt. Mit dem Projekt Kultur übersetzen soll jedoch ein besonderer sachlicher Schwerpunkt gesetzt werden, der an den im ersten Band thematisierten Aspekt des (inter)kulturellen Gedächtnisses anschließt. Die weitere Verwendung des Begriffs „Kultur“ im Hinblick auf Gebrauchsgüter macht die Übersetzung – als ‚pragmatische‘ Instanz und Medium interkultureller Prozesse – zu einem wichtigen Gegenstand der Kulturtransferforschung. Gemäß der Aufgabenstellung von VICE VERSA konzentrieren sich die Untersuchungen dabei auf den deutsch-französischen Bereich mit Beiträgen in beiden Sprachen. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Vorwort

XI

Den Auftakt des Bandes bildet ein Essay des zeitgenössischen Übersetzers und Autors Georges-Arthur Goldschmidt, den Manfred Schmeling vorab mit einer Laudatio würdigt. Goldschmidt reflektiert über Möglichkeiten und Grenzen seiner Arbeit und berichtet über seine positiven, aber auch schmerzvollen Erfahrungen im Sprach- und Kulturtransfer. Hierfür wählt er den Titel „Wie Grün Rot werden soll oder die Metamorphose des Übersetzens“.1 Die deutsch-französische Perspektive wirft in der Übersetzungsforschung Probleme auf, die durch die bewegte Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich eine Fülle an Nuancen aufweisen. So widmet sich das erste Kapitel theoretisch-philosophischen Fragestellungen, deren Schwerpunkt auf der kritischen Auseinandersetzung mit der französischen Übersetzung philosophischer Texte liegt. Beispiele hierfür sind Schriften Martin Heideggers (Jörn Albrecht) und die postmodernistische Theorie Jacques Derridas in Bezug auf die Translation (Hervé Pasqua) sowie die grundsätzliche Frage, ob und zu welchen Bedingungen Übersetzen überhaupt möglich ist (Pierre Deshusses und Irène Kuhn). Im zweiten Kapitel werden historische Schwerpunkte gesetzt: Die Übersetzungstheorie erweist sich unter anderem dadurch als Geisteswissenschaft, dass sie auf eine Tradition zurückblickt, in der über das eigene Tun reflektiert bzw. Fragestellungen und Methoden – mitunter im heftigen Streit – diskutiert werden. Im vorliegenden Band wird diesem Tatbestand unter verschiedenen Perspektiven Rechnung getragen: in der Analyse konkreter historisch zu würdigender Übersetzungen, wie Jean-Jacques Rousseaus Briefen über die Botanik (Ursula Wienen), über Kontaktforschung beim Studium deutscher Autoren in französischer Sprache aus der vorromantischen Zeit (Fritz Nies), in quantifizierenden Studien zum Transfer deutscher Kultur in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Lieven D’hulst) sowie in der Untersuchung von literarischer Reflexion über Übersetzung im Zusammenhang mit Exilerfahrung am Beispiel zweier zeitgenössischer Autoren (HansJürgen Lüsebrink). Textsortenspezifisches Übersetzen ist Gegenstand des dritten Kapitels. So wie über Sprache zu sprechen letztlich nur varietätenlinguistisch möglich ist, lässt sich über Translation, als parole-Akt, am besten auf dem Weg der Erforschung von Übersetzungen einzelner Textsorten und -typen reflektieren. Gewählt wurden die im Journal des savants zwischen 1665 und 1714 gesammelten Übersetzungen (Georgette Stefani-Meyer), rhetorisch aufgearbeitete Texte in literarischer Form (Alberto Gil), Fachtexte der Jurisprudenz (JeanClaude Lejosne und Pierre Dimon) sowie moderne politische Reden (Michael Schreiber). Das letzte Kapitel schließlich untersucht Formen medialen Transfers in den Bereichen Neue Medien und Intermedialität: Neben grundsätzlichen und historischen Problemstellungen des Übersetzens stehen auch aktuelle und künftige Herausforderungen im Fokus des wissenschaftlichen Interesses, beispielsweise die Erstellung einer Übersetzungsbibliografie mithilfe elektronischer Werkzeuge (Vahram Atayan). Als Phänomene der Inter1

Als Eröffnungsrede zum Kolloquium „Kultur übersetzen“ an der Universität des Saarlandes vom 15.–17. November 2006 wurde der Beitrag von Georges-Arthur Goldschmidt auf SR2 KulturRadio in der Sendung „Literatur im Gespräch“ am 28. November 2006 ausgestrahlt und als Podcast freigegeben. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

XII

Vorwort

medialität wurden Musik und Kunst gewählt, etwa die Übersetzung vertonter Texte, z. B. der Zauberflöte Mozarts (Rainer Schmusch) oder der Meistersinger von Nürnberg Wagners (Herbert Schneider), oder Übertragungsfragen in der Malerei zwischen Pierre Soulages und Karl Otto Götz (Jean-Loup Korzilius). Von aktuellem Interesse, aber auch zukunftsweisend für den Medienbereich sind kulturspezifische Fragestellungen der Filmuntertitelung (Ramona Schröpf). Die hier publizierten Beiträge behandeln ein Phänomen, dem man sich nur in dieser Vielfalt annähern kann. Wie der Philosoph Josef Pieper trefflich formuliert hat, ist Übersetzung eine Grundgestalt der Interpretation; und in gewissem Sinn ist jedes Interpretieren als Übersetzung zu verstehen. Die hermeneutische Frage, die hinter jedem Übersetzen steht, ist im lebendigen Umgang mit dem Sein und seinen Erscheinungsformen allgegenwärtig, weswegen Übersetzen die Kulturtat par excellence genannt werden kann. Den Herausgebern war entsprechend dem Reihenkonzept von VICE VERSA daran gelegen, den wissenschaftlichen Nachwuchs in den internationalen und interdisziplinären Dialog einzubeziehen. Letzteres betrifft auch die konzeptuelle Vorbereitung des Kolloquiums im Vorfeld dieser Publikation, an der die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Christian Winterhalter (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft) und Fidèle Yameogo (Übersetzen) essenziell beteiligt waren. Wir danken der Deutsch-Französischen Hochschule, deren großzügige Unterstützung die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Kultur übersetzen“ ermöglichte. Saarbrücken, im Juli 2008

Alberto Gil und Manfred Schmeling

Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Jörn Albrecht

Heidegger auf Französisch – die ‚Poststrukturalisten‘ auf Deutsch

Ein Fall von ‚verschränktem‘ Kulturtransfer 1 Einführende Bemerkungen In seinem Buch Les Transferts culturels franco-allemands erwähnt Michel Espagne den Einfluss, den „une certaine philosophie française regroupée sous l’étiquette de poststructuralisme“ – in Deutschland ist auch der Terminus „Neostrukturalismus“ üblich1 – auf die deutsche Intelligenzija ausgeübt hat, als ein Musterbeispiel für das Phänomen, das er mit dem Terminus transfert culturel begrifflich zu fixieren sucht.2 In zwei Untersuchungen über ‚poststrukturalistische‘ Texte in deutscher Übersetzung, auf die ich mich hier stütze3, konnte ich diese These weitgehend bestätigen. Mehr noch: Wer die deutschen Übersetzungen von Denkern wie Jacques Lacan, Michel Foucault oder Jacques Derrida analysiert, wird eine doppelte Entdeckung machen. Zum einen zeigt sich, wie stark die Übersetzerinnen und Übersetzer am Phänomen dieses „Kulturtransfers“ beteiligt sind, in einer Epoche, in der trotz ständiger Freundschaftsbekundungen die Interessierten auf beiden Seiten des Rheins die Texte ihrer Nachbarn immer seltener im Original lesen können. Oft sind es die Übersetzer, die zur Herausbildung, Verbreitung und Verfestigung einer sprachlichen Erscheinung beitragen, die in der deutschen Sprachwissenschaft weitgehend wertneutral „Diskurstradition“ genannt wird. Das entspricht – mutatis mutandis – der écriture Roland Barthes’4, dem Jargon Theodor Wiesengrund Adornos5 oder der ‚Schreibe‘ der deutschen Umgangssprache. Zum anderen wird deutlich, dass bei der Genese der poststrukturalistischen Diskurstraditionen ein Kulturtransfer in umgekehrter Richtung Pate gestanden hat, ein Transfer, der durch die Heidegger-Übersetzungen von Jean Beaufret und anderen ausgelöst wurde. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Martin Heidegger seinerseits für die Entstehung der betreffenden Diskurstradition bedeutsame Anleihen bei

1 2 3

4 5

Vgl. Frank, Manfred: Was ist Neostrukturalismus?, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983. Vgl. Espagne, Michel: Les Transferts culturels franco-allemands, Paris: PUF, 1999 (Perspectives germaniques), S. 24. Albrecht, Jörn: Le ‚jeu des signifiants‘ et sa traduction dans les textes des maîtres-penseurs ‚poststructuralistes‘, in: Roux-Faucard, Geneviève/Sauter, Roger (Hg.): L’Emprunt dans la traduction des textes littéraires, Montpellier: Praxiling, Univ. Montpellier III, 2006 (Transfer(t) 2), S. 53–98, und ders.: La traduction des ‚poststructuralistes‘ français en allemand: un cas de ‚transfert culturel‘?, in: Lombez, Christine/Kulessa, Rotraud von (Hg.): De la traduction et des transferts culturels, Actes du 4e congrès de l’Association des franco-romanistes allemands, Paris: L’Harmattan, 2007, S. 11–23. Vgl. Barthes, Roland: Le Degré zéro de l’écriture, Paris: Seuil, 1953. Vgl. Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1964. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Jörn Albrecht

Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard gemacht hat. Im vorliegenden Beitrag soll der Versuch unternommen werden, die Erscheinungsformen dieses ‚verschränkten‘ Kulturtransfers nachvollziehbar zu machen und den Anteil der Übersetzung an der Wirksamkeit dieses Phänomens zu bestimmen. Auf den wenigen Seiten eines Aufsatzes lässt sich dieses Ziel nicht wirklich erreichen. Eine These dieser Art sollte durch zahlreiche Beispiele wenn nicht ‚bewiesen‘, so doch plausibel gemacht werden. Nicht zuletzt aus räumlichen Gründen muss auch der politische Aspekt, d. h. Heideggers ‚Verstrickung‘ in den Nationalsozialismus, hier ausgespart bleiben. Was Historiker und Philosophen wie Victor Farías, Jean-Pierre Faye, Hugo Ott oder Georges-Arthur Goldschmidt zur ‚Demontage‘ Heideggers vorgebracht haben, kann hier ebenso wenig berücksichtigt werden wie die Verteidigungsargumente und contreattaques von Jean Beaufret, François Fédier oder – last but not least – Jacques Derrida. Es geht mir hier in erster Linie um sprachliche und übersetzerische Erscheinungen, die natürlich – wer wüsste das nicht – niemals völlig sauber von inhaltlichen Aspekten getrennt werden können. Lacan und Derrida haben diese Trennung, diesen Rückzug auf den rein formal-sprachlichen Aspekt, auf das jeu des signifiants, selbst zum Gegenstand ihrer Ausführungen erhoben.6 Heidegger ist meines Wissens selten so weit gegangen, aber er hat sich doch gelegentlich dazu herabgelassen, zu rein sprachlichen Problemen Stellung zu nehmen. So z. B. in einem Brief an seinen Übersetzer Jean Beaufret, der später als Brief „Über den Humanismus“7 veröffentlicht wurde: Denken ist l’engagement par l’Etre pour l’Etre. Ich weiß nicht, ob es sprachlich möglich ist, dieses beides („par“ et „pour“) in einem zu sagen, nämlich durch: penser, c’est l’engagement de l’Etre. Hier soll die Form des Genitiv „de l’...“ ausdrücken, daß der Genitiv zugleich ein gen. subiectivus und obiectivus ist. Dabei sind „Subjekt“ und „Objekt“ ungemäße Titel der Metaphysik, die sich in der Gestalt der abendländischen „Logik“ und „Grammatik“ frühzeitig der Interpretation der Sprache bemächtigt hat. Was sich in diesem Vorgang verbirgt, vermögen wir heute nur erst zu ahnen. Die Befreiung der Sprache aus der Grammatik in ein ursprünglicheres Wesensgefüge ist dem Denken und Dichten aufbehalten.8

Ähnliches notierte Nietzsche gut siebzig Jahre früher in seinen berühmten Notizheften: „Subjekt“ „Objekt“ „Prädikat“ – diese Trennungen sind gemacht und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Thatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin’s, der etwas thut, der etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.9 […] Der Ursprung des Gedankens ist uns verborgen; es ist eine große Wahrscheinlichkeit, daß er ein Symptom eines umfänglicheren Zustandes ist, […] für das Bewußtsein ist jeder Gedanke ein Stimulans – in dem Allen drückt sich irgend Etwas von einem Gesammt-Zustand in Zeichen aus.10

6 7 8 9

10

Ausführlicher in Albrecht: Le ‚jeu des signifiants‘. Heidegger, Martin: Über den Humanismus, Frankfurt a. M.: Klostermann, 2000 (erstmals 1949). Heidegger: Über den Humanismus, S. 5 f. Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 11: Nachgelassene Fragmente 1884–1885, hg. von Giorgio Colli und Mazzinno Montinari, Berlin [u. a.]: de Gruyter/München: dtv, 21988, S. 562 (= 36[26]). Nietzsche: Nachgelassene Fragmente, S. 174 (= 26[92]). Vgl. Albrecht, Jörn: Friedrich Nietzsche und das ‚sprachliche Relativitätsprinzip‘, in: Nietzsche Studien 8 (1979), S. 225–244. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Heidegger auf Französisch – die ‚Poststrukturalisten‘ auf Deutsch

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Das klingt nicht nur nach Heidegger, sondern darüber hinaus auch nach Michel Foucault. Es mag deutlich geworden sein (und es wird später, wenn wir uns den ‚Poststrukturalisten‘ zuwenden, noch deutlicher werden), dass wir es mit dem kontinentaleuropäischen Pendant des sogenannten linguistic turn zu tun haben – eine Wende, die sehr viel früher, im fernen Königsberg bei Johann Georg Hamann und seinem Schüler Daniel Jenisch begonnen hat. Dies alles spielt sich auf der Ebene der Sprachphilosophie ab. Ich werde mich ganz bewusst auf die tiefere, eher handwerklich-praktische Ebene der Sprachwissenschaft begeben. Ich kann mich dabei auf eine gründliche und verdienstvolle Vorarbeit stützen, auf die Habilitationsschrift von Andreas Michel über Die französische Heidegger-Rezeption und ihre sprachlichen Konsequenzen.11

2 Ein Beispiel zur Einführung In seiner Polemik gegen die „Seinsvergessenheit“ der abendländischen Philosophie hat Heidegger immer wieder von der Notwendigkeit einer „Destruktion“ der überlieferten Metaphysik gesprochen. Der Seher aus Meßkirch ist berühmt für seine etymologischen Spielereien, die später von Lacan und Derrida begeistert aufgenommen, nachgeahmt und übertroffen wurden. Darauf wird zurückzukommen sein. Heidegger bedient sich dabei keineswegs ausschließlich deutschen Sprachmaterials; seine berühmt-berüchtigte „Germanizität“ und seine „Latinophobie“ sind nicht so ausgeprägt, wie einige Kritiker meinen. So heißt die Seinsbestimmung des Daseins (im Gegensatz zur bloßen Vorhandenheit, dem être-sous-la-main) bei ihm bekanntlich Existenz (von existentia), ein Wort, das man freilich in einem Wörterbuch des klassischen Lateins vergeblich suchen wird. Das lateinische destructio verwendet er bewusst im etymologischen Sinn (de-struo). In § 6 von Sein und Zeit „Die Aufgabe einer Destruktion der Geschichte der Ontologie“ heißt es: Soll für die Seinsfrage selbst die Durchsichtigkeit ihrer eigenen Geschichte gewonnen werden, dann bedarf es der Auflockerung der verhärteten Tradition und der Ablösung der durch sie gezeitigten Verdeckungen. Diese Aufgabe verstehen wir als die am Leitfaden der Seinsfrage sich vollziehende Destruktion des überlieferten Bestandes der antiken Ontologie auf die ursprünglichen Erfahrungen, in denen die ersten und fortan leitenden Bestimmungen des Seins gewonnen wurden.12

Aus dem Kontext geht klar hervor, dass damit kein schlichtes ‚Zerstören‘, sondern ein ‚Abtragen‘, ‚Abbauen‘, ‚Entflechten‘, ‚Auseinandernehmen‘ gemeint ist. Die Latinisierung des Deutschen, die nicht wie die relatinisation des Französischen bereits im Mittelalter, sondern erst in der Renaissance einsetzte, hat zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt: Im Französischen bedeutet destruction – wie grosso modo bereits im klassischen Latein – einfach „zerstören“. Es gibt kein volkstümliches Wort, kein mot populaire im Sinne der klassischen historischen Sprachwissenschaft, das den Latinismus destruction, der bereits im 12. Jahrhundert belegt ist, für höhere Aufgaben ‚freistellen‘ könnte. Derrida hat das bei seiner Auseinandersetzung mit Heidegger sehr wohl gemerkt; er wusste, dass er diesen Terminus 11 12

Michel, Andreas: Die französische Heidegger-Rezeption und ihre sprachlichen Konsequenzen. Ein Beitrag zur Untersuchung fachsprachlicher Varietäten in der Philosophie, Heidelberg: Winter, 2000 (Studia Romanica 91). Heidegger, Martin: Sein und Zeit, Tübingen: Niemeyer, 192006 (erstmals 1927), S. 22. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Jörn Albrecht

nicht einfach mit destruction wiedergeben konnte. So verfiel er auf die Lösung déconstruction.13 Der Heidegger-Übersetzer François Vezin hat es mit désobstruction versucht, ein Wort mit technischen Konnotationen, das sich in diesem Bereich nicht durchsetzen konnte.14 Nebenbei sei bemerkt, dass Leute, die sich vermutlich nie mit Heidegger auseinandergesetzt haben, heute von Destrukturierung sprechen, wenn sie etwas meinen, was der Philosoph schlicht Destruktion genannt hat. Die déconstruction Derridas, ein geduldiges Zerlegen eines üblicherweise als etwas Einheitliches hingenommenen Komplexes, möglicherweise mit dem Ziel, der Sache auf den Grund zu gehen und die Einzelteile neu zusammenzusetzen, hat, wie wir alle wissen, eine erstaunliche Karriere gemacht. Sie ist in die angelsächsischen Länder eingewandert. Ingrimmig konstatiert der amerikanische Philosoph John R. Searle, dem Heidegger und Derrida gleich fern liegen: First, and most important, the deconstructionist is on the lookout for any of the traditional binary oppositions in Western intellectual history, e.g., speech/writing; male/female; truth/fiction, literal/metaphorical; signified/signifier, reality/appearance. […] The deconstructionist wants to undermine these oppositions […].15

Der Terminus ist schließlich nach Deutschland zurückgekehrt und hat dort für beträchtliches Aufsehen gesorgt.16 Das muss für den hier verfolgten Zweck genügen. Es sollte nur ein Beispiel dafür gegeben werden, was mit dem im Titel erscheinenden Ausdruck „verschränkter Kulturtransfer“ gemeint ist.

3 Der Einfluss Heideggers auf die écriture der französischen Poststrukturalisten 3.1 Der „Jargon der Eigentlichkeit“ Einer der ersten, der auf die Idee kam, die heideggersche Philosophie in erster Linie auf formaler Ebene anzugreifen, d. h. die Diskursform zu kritisieren und lächerlich zu machen, in der sich diese Philosophie manifestiert, war Theodor W. Adorno. Er sah in Heidegger den auffälligsten Vertreter einer Diskurstradition, die sich schon früher konstituiert hatte und für die er die eingängige Bezeichnung „Jargon der Eigentlichkeit“ geprägt hat. Auf die Etymologie von eigentlich, ein Wort, das aus der deutschen Mystik des Hochmittelalters stammt, kann ich hier nicht eingehen.17 Ich gebe zunächst eine knappe Expli13 14 15 16 17

Vgl. u. a. Derrida, Jacques: Heidegger et la question, Paris: Flammarion, 1990 (Collection champs 235), S. 29. Im konkreten technischen Sinn: „Verstopfungen in einem Rohr, einer Leitung auflösen“. Searle, John R.: The Word Turned Upside Down, in: The New York Review of Books, 30/16 (1983), S. 74–79, hier S. 74. Bei der Diskussion, die dem mündlichen Vortrag des vorliegenden Beitrags folgte, wies Fritz Nies darauf hin, dass Derrida in erster Linie durch amerikanische Vermittlung in Deutschland populär wurde. Teil II, Kap. 2 von Sein und Zeit steht im Zeichen der „Eigentlichkeit“; vgl. hierzu Luckner, Andreas: Wie es ist, selbst zu sein. Zum Begriff der Eigentlichkeit (§§ 54–60), in: Rentsch, Thomas (Hg.): Martin Heidegger, Sein und Zeit, Berlin: Akademie Verlag, 2001 (Klassiker auslegen 25), S. 149–168. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Heidegger auf Französisch – die ‚Poststrukturalisten‘ auf Deutsch

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kation dessen, was Adorno unter „Jargon“, einer negativ bewerteten Diskurstradition, versteht: Was Jargon sei und was nicht, darüber entscheidet, ob das Wort in dem Tonfall geschrieben ist, in dem es sich als transzendent gegenüber der eigenen Bedeutung setzt; ob die einzelnen Worte aufgeladen werden auf Kosten von Satz, Urteil, Gedachtem. Demnach wäre der Charakter des Jargons überaus formal: er sorgt dafür, daß, was er möchte, in weitem Maß ohne Rücksicht auf den Inhalt der Worte gespürt und akzeptiert wird durch ihren Vortrag.18

Der „Jargon der Eigentlichkeit“, so der aus gutbürgerlichem Haus stammende Musiktheoretiker und Soziologe, diene den „kleinen Leuten“ als eine Art von Rückversicherung und umgebe sie mit der Aura spießiger Vertrautheit: Nicht zuletzt hat der Jargon auch etwas von der rauhen Manier des Portiers im Gebirgshotel, der die Gäste anherrscht wie Eindringlinge, und damit ihr Vertrauen erwirbt.19

Halten wir schnell noch eine konkrete sprachliche Einzelheit fest: Das Oberste, das zu denken wäre und das dem Gedanken widerstrebt, verschandelt der Jargon, indem er sich aufführt, als ob er es – „je schon“, würde er sagen – hätte.20 [Hervorhebung von J. A.]

Dieses von Adorno monierte, aus jeweils generalisierte je erscheint heute regelmäßig innerhalb einer Diskurstradition, die stark vom französischen Poststrukturalismus beeinflusst ist. Die Vertreter dieser Richtung wären bass erstaunt, möglicherweise sogar empört, wollte man sie mit der von Adorno so genannten „deutschen Ideologie“ in Verbindung bringen. Wer heute völlig unbefangen aus großem zeitlichen Abstand Adornos Schrift liest, wird feststellen, dass diese Denunziation eines „Jargons“ ihrerseits in einem Jargon verfasst ist, einer ‚Schreibe‘, die am Anfang einer andersartigen, in den 1960er und 1970er Jahren sehr populären Diskurstradition steht.

3.2 Einige sprachliche Eigentümlichkeiten des heideggerschen Diskurses (langage Heidegger) Vereinfachungen sind im Rahmen eines kurzen Beitrags unumgänglich. Ich folge daher einer ziemlich grobmaschigen Charakterisierung, die der englische Heidegger-Übersetzer John Macquarrie aus seiner übersetzerischen Tätigkeit abgeleitet hat.21 Zur Erleichterung des unmittelbaren Vergleichs werde ich dasselbe grobe Raster im nächsten Kapitel verwenden, wo der langage Heidegger mit der Diskursform der französischen Poststrukturalisten in Parallele gesetzt werden soll. 18 19 20 21

Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, S. 11. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, S. 43. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, S. 13. Vgl. Macquarrie, John: Heidegger’s Language and the Problems of Translation, in: Macann, Christopher (Hg.): Martin Heidegger. Critical Assessments, Bd. 3: Language, London/New York: Routledge, 1992 (Routledge Critical Assessments of Leading Philosophers), S. 50–57. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Jörn Albrecht

3.2.1 Die terminologische Innovation Dass Heidegger eine Fülle von Neologismen verwendet, braucht hier nicht besonders hervorgehoben zu werden. Heideggers Gegner sehen darin teils einen unzulässigen Eingriff in die intersubjektive Dimension der Sprache – erinnern wir uns daran, dass der französische Verkünder des Bon Usage, Claude Favre de Vaugelas, einst versichert hatte, selbst der König habe kein Recht darauf, neue Wörter zu erfinden –, teils den Versuch, banale Sachverhalte in einem bedeutsamen Licht erscheinen zu lassen. Heideggers Anhänger betonen dagegen, diese Neologismen seien notwendig zur Durchführung der angestrebten Destruktion (oder Dekonstruktion) der abendländischen philosophischen Tradition, die seit Platon in falsche Bahnen geraten sei. Die Verwendung der gebräuchlichen Termini würde das Denken unweigerlich in die alten Spurrillen, die ornières, zurückführen. Aus linguistischer Sicht sind, wie in der allgemeinen Terminologielehre, zwei Typen von Neologismen zu unterscheiden: a) Tatsächliche Neubildung mit Hilfe von Wortbildungsverfahren Dieses Verfahren hat eine ehrwürdige Tradition: Das lateinische Verb esse verfügt bekanntlich über kein Partizip Präsens Aktiv: ein solches gibt es hingegen bei einigen seiner Komposita, wie z. B. praesens oder absens. Schon Caesar soll in seiner nur indirekt und fragmentarisch überlieferten Schrift De Analogia den Gebrauch des Partizips ens empfohlen haben. Die Scholastiker gebrauchten später diese Form unbekümmert, und sie scheuten sich auch nicht, das Verb mit Hilfe des griechischen Artikels in ein Substantiv zu konvertieren: to esse. Aus der großen Menge heideggerscher Neubildungen seien hier nur ganz wenige mit ihren teils von den Übersetzern geprägten französischen Äquivalenten aufgeführt: nichten; Nichtung → néantir (Corbin); se néantiser; néantisation (Sartre) Geworfenheit: être-jeté; Seiendheit: étantité

b) Terminologisierung, d. h. Verwendung gemeinsprachlicher Wörter in einem spezifischen Sinn Diese Form der semantischen Neologie ist für den Rezipienten gefährlicher als die morphologische, da sie schwerer zu erkennen ist: Wiederum nur wenige Beispiele: Zeug: util (outil) Wir nennen das im Besorgen begegnende Seiende das Zeug. Im Umgang sind vorfindlich Schreibzeug, Nähzeug, Werk-, Fahr-, Meßzeug. […] Ein Zeug „ist“ strengenommen nie. Zum Sein von Zeug gehört je immer ein Zeugganzes, darin es dieses Zeug sein kann, das es ist. Zeug ist wesenhaft „etwas, um zu…“.22

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Heidegger: Sein und Zeit, S. 68. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

Heidegger auf Französisch – die ‚Poststrukturalisten‘ auf Deutsch

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L’étant se rencontrant dans la préoccupation, appelons-le l’util. Dans le commerce avec l’étant au sein du monde se rencontrent des utils pour écrire, des utils pour coudre, des outils [sic !] des utils de transport, des utils de mesure. […] Un util n’« est » en toute rigueur jamais. A être de l’util appartient toujours chaque fois un utillage à l’intérieur duquel cet util peut être ce qu’il est.23

Bemerkenswert scheint die Tatsache, dass hier das gewöhnliche französische Wort outil als Unterbegriff des archaisierenden Kunstworts util erscheint, mit dem Vezin wohl primär auf das etymologisch verwandte Adjektiv utile und das Substantiv ustensil anspielt. Gestell: Arraisonnement (dispositif) Wir nennen jetzt jenen herausfordernden Anspruch, der den Menschen dahin versammelt, das Sichentbergende als Bestand zu bestellen – das Ge-stell. Wir wagen es, dieses Wort in einem bisher völlig ungewohnten Sinne zu gebrauchen.24 Maintenant cet appel pro-voquant qui rassemble l’homme (autour de la tâche) de commettre comme fonds ce qui se dévoile, nous l’appelons – l’Arraisonnement. Nous nous risquons à employer ce mot (Gestell) dans un sens qui jusqu’ici était parfaitement insolite.25

Während bei Heidegger die Terminologisierung des Worts durch figurae etymologicae vorbereitet wird: stellen, bestellen (in anderen Passus auch vorstellen und herstellen), geschieht dies im Französischen durch ein Netzwerk von Metaphern, das vom Leser weniger leicht zu durchschauen ist. Immerhin erklärt der Übersetzer in einer sehr langen Fußnote die morphologischen Zusammenhänge im Deutschen und rechtfertigt, warum er gerade arraisonnement als Äquivalent gewählt hat. Die Neologie ist im Französischen vielleicht noch kühner als im Deutschen, denn im Gegensatz zum Verb arraisonner, „zur Vernunft bringen“, ist arraisonnement eigentlich ein technischer Fachausdruck: „ein Schiff im offiziellen Auftrag inspizieren“. Sehr beliebt ist auch die formale Kennzeichnung der Terminologisierung durch abweichende Graphie; man denke nur an Derridas différance: Seyn Aus der Zeit, als Deutsch zumeist in Fraktur geschrieben und gedruckt wurde, stammt die Gewohnheit, den Buchstaben i in unmittelbarer Nachbarschaft zu n und m durch y zu ersetzen, um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten. Heidegger erinnert sich dieses Brauchs und benutzt die alte Schreibung, um im wahrsten Sinn des Wortes ‚augenfällig‘ zu machen, dass es beim Seyn um etwas anderes geht als um den Inbegriff alles Seienden: Aber zur Klärung vor allem gegenüber dem Gerede von „Ontologie“ und vom „Sein“ gilt es folgendes zu wissen: Das Seiende ist. Das Seyn west. […]

23 24 25

Heidegger, Martin: Etre et temps, traduit de l’allemand par François Vezin, Paris: Gallimard, 1986, S. 104. Heidegger, Martin: Vorträge und Aufsätze, Pfullingen: Neske, 1954, S. 27. Heidegger, Martin: Essais et conférences, traduit de l’allemand par André Préau et préfacé par Jean Beaufret, Paris: Gallimard, 1958 (Les Essais 90), S. 26. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Jörn Albrecht „Das Seyn“ meint nicht nur die Wirklichkeit des Wirklichen, auch nicht nur die Möglichkeit des Möglichen, überhaupt nicht nur das Sein vom jeweiligen Seienden her, sondern das Seyn aus seiner ursprünglichen Wesung in der vollen Zerklüftung, die Wesung nicht auf „Anwesenheit“ eingeschränkt.26

Bei Aristoteles und anderen nachsokratischen Denkern werde dieser „ursprünglichen Wesung“ schon nicht mehr Rechnung getragen. Heidegger nennt gelegentlich den „Inbegriff alles Seienden“ in Abgrenzung zum „Seyn“ Seiendheit.27 Auf eines der französischen Äquivalente, auf die étantité, wird in Abschnitt 3 zurückzukommen sein. 3.2.2 Rückgriff auf Archaismen und Spiel mit der Etymologie Als einer der ersten hat Mario Wandruszka auf diese Eigentümlichkeit des langage Heidegger hingewiesen. Wie für die meisten Linguisten ist auch für ihn die Sprache kein „Überbauphänomen“ im marxistischen Sinn, denn sie reagiert mit außerordentlicher Trägheit auf die gesellschaftliche Basis: Es ist eine sprachwissenschaftliche Binsenweisheit, daß die „innere Form“ eines sprachlichen Gebildes nur für die Zeit seiner Prägung lebendiges Zeugnis ablegt, nicht aber für alle folgenden Zeiten, in denen es einfach als eine Bezeichnung weitergegeben werden kann, deren Bildung bedeutungslos, unverständlich, ja oft genug widersinnig geworden ist, wie der Buchstabe, der nichts mehr mit der Buche zu tun hat […]. Ein Rückgriff auf die Etymologie besitzt daher zwar stets historisches Interesse, kann aber das Verständnis für den wahren Wert, den ein Wort in einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Sprache besitzt, oft erschweren und verhindern […].28

Heidegger bedient sich ungeniert dieses von Wandruszka kritisierten Verfahrens und schreckt auch vor den seltsamsten volksetymologischen Ausdeutungen nicht zurück. Nicht nur sind ihm seine französischen Übersetzer darin gefolgt, die französischen Poststrukturalisten haben ihn, wie wir noch sehen werden, sogar übertroffen. Zwei Beispiele müssen zur Illustration genügen: er-wirken: Das Werk der Kunst ist in erster Linie nicht Werk, sofern es gewirkt, gemacht ist, sondern weil es das Sein in einem Seienden er-wirkt. Er-wirken heißt hier ins Werk bringen, worin als dem Erscheinenden das waltende Aufgehen, die fÚsij, zum Scheinen kommt.29 [Hervorhebungen von J. A.] L’œuvre de l’art n’est pas au premier chef une œuvre en tant qu’elle est opérée, faite, mais parce qu’elle effectue l’être dans un étant. Effectuer signifie ici mettre en œuvre ; et dans cette œuvre, considérée comme l’apparaissant, vient à parence l’épanouissement perdominant, la fÚsij.30 [Hervorhebungen von J. A.] 26

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Heidegger, Martin: Das Ereignis und die Seinsfrage, in: ders.: Gesamtausgabe. Abt. 3: Unveröffentlichte Abhandlungen, Vorträge – Gedachtes, Bd. 65: Beiträge zur Philosophie (vom Ereignis), Frankfurt a. M.: Klostermann, 1989, S. 73–77, hier S. 74 f. So z. B. in der handschriftlichen Notiz zu § 1 von Sein und Zeit. Wandruszka, Mario: Etymologie und Philosophie, in: Keller, Hans-Erich (Hg.): Etymologica. Walther von Wartburg zum 70. Geburtstag, Tübingen: Niemeyer, 1958, S. 857–871, hier S. 861. Heidegger, Martin: Einführung in die Metaphysik, Tübingen: Niemeyer, 61998, S. 122. Heidegger, Martin: Introduction à la métaphysique, traduit de l’allemand et présenté par Gilbert Kahn, Paris: Gallimard, 1967 (Classiques de la philosophie), S. 166. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Die Suggestivität solcher Termini kann sich nur entfalten – das hat Wandruszka klar gesehen – wenn sie mit Hilfe von figurae etymologicae eingeführt werden. In der französischen Übersetzung geht ein Teil dieser „etymologischen Kohärenz“, wie Andreas Michel dieses Phänomen nennt31, verloren. Das liegt jedoch in erster Linie daran, dass sich der Übersetzer am ‚Wortlaut‘ (im herkömmlichen Sinn) orientiert hat. Wir werden sehen, dass das Französische, zumindest was die neueren philosophischen Diskurstraditionen angeht, dem Deutschen an morphologisch-semantischer Bildsamkeit in nichts nachsteht. Meine These besagt – daran sei hier nochmals erinnert –, dass diese erstaunliche sprachliche Geschmeidigkeit der neueren französischen Diskursformen nicht zuletzt durch Übersetzungen aus dem Deutschen befördert wurde. Ekstase Wie das allseits bekannte Beispiel der al»qeia zeigt, die Heidegger als „Unverborgenheit“ deutet32, bewegt er sich bei seinen etymologischen Streifzügen nicht nur im Bereich seiner Muttersprache. So verwendet er den Terminus technicus Ekstase nicht in der schon im Griechischen lexikalisierten übertragenen Bedeutung von škstasij, „Entrückung“, sondern geht auf die konkrete Bedeutung von ex…sthmi, „hinausstellen“, zurück. Ekstasen sind für ihn herausgehobene „Momente“ der Zeitlichkeit: Zukunft, Gewesenheit, Gegenwart zeigen die phänomenalen Charaktere des „Auf-sich-zu“, des „Zurück auf“, des „Begegnenlassens von“. Die Phänomene des zu …, auf …, bei … offenbaren die Zeitlichkeit als ekstatikÒn schlechthin. Zeitlichkeit ist das ursprüngliche „Außer-sich“ an und für sich selbst. Wir nennen daher die charakterisierten Phänomene Zukunft, Gewesenheit, Gegenwart die Ekstasen der Zeitlichkeit.33

3.2.3 Das Spiel mit der Polysemie „Polyseme Wörter werden meist durch den Kontext disambiguiert“: Dies kann man in zahlreichen Einführungen in die Sprachwissenschaft lesen. In der Tat gehört eine gewisse sprachliche Geschicklichkeit dazu, mehrdeutige Wörter so zu verwenden, dass zwei Bedeutungen gleichzeitig verstanden werden können. Heidegger ist ein Meister in dieser Kunst. Wie wir noch sehen werden, haben ihn Lacan und Derrida darin übertroffen. Ich gebe wiederum nur zwei Beispiele: unheimlich 1. „beunruhigend, Furcht einflößend“; 2. „nicht heimlich, unvertraut“ → in-quiétant Das griechische Wort deinÒn ist in jener unheimlichen Zweideutigkeit zweideutig, mit der das Sagen der Griechen die gegenwendigen Aus-einander-setzungen des Seins durchmißt. Einmal nennt deinÒn das Furchtbare […]. Zum anderen aber bedeutet deinÒn das Gewaltige im Sinne dessen, der die Gewalt braucht, nicht nur über Gewalt verfügt […]. Das Un-heimliche verstehen wir als jenes, das aus dem „Heimlichen“, d. h. Heimischen, Gewohnten, Geläufigen, Ungefährdeten herauswirft. Das Unheimische läßt uns nicht einheimisch sein. Darin liegt das Über-wältigende.34

31 32 33 34

Michel: Die französische Heidegger-Rezeption, passim. Vgl. Heidegger: Sein und Zeit, S. 33. Heidegger: Sein und Zeit, S. 328 f. Heidegger: Einführung in die Metaphysik, S. 114–116. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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Jörn Albrecht Le mot grec deinÒn est ambigu, de cette inquiétante ambiguïté selon laquelle le dire des Grecs parcourt les contrariétés des dif-férends de l’être. D’un côté deinÒn désigne l’effrayant […]. Mais d’un autre côté deinÒn signifie le violent conçu comme celui qui emploie la violence, qui non seulement en dispose […]. Nous comprenons l’inquiétant comme ce qui nous rejette hors de la « quiétude », c’est-à-dire hors de l’intime, de l’habituel, du familier, de la sécurité non menacée. Ce qui est étranger nous empêche de rester dans notre élément. C’est en cela que réside le pré-potent.35

Nicht nur die Übersetzer, auch die Kommentatoren führen in solchen Fällen häufig zusätzlich den ausgangssprachlichen Terminus an, um dem Leser eine gewisse Kontrollmöglichkeit an die Hand zu geben: La révélation de l’espace pur est également celle de la pesanteur de l’étant. Cet étant flotte dans le vide, il n’a plus aucun visage familier ; il est inquiétant, étrange, unheimlich.36

wiederholen 1. „dasselbe noch einmal tun“; 2. „etwas zurückholen“ → re-quérir Der Anfang kann nicht und kann nie ebenso unmittelbar, wie er anfängt, dieses Anfangen auch so bewahren, wie es allein bewahrt werden kann, nämlich dadurch, daß es in seiner Ursprünglichkeit ursprünglicher wieder-holt wird. Deshalb ist auch nur in einer denkenden Wieder-holung und allein durch diese angemessen vom Anfang und dem Einsturz der Wahrheit zu handeln.37 Le commencement ne peut pas, ne peut jamais garder son commencer dans l’immédiateté avec laquelle il commence, à savoir de la seule manière dont il peut être gardé, en le re-quérant dans son originalité plus originairement encore. Aussi bien ne peut-on traiter adéquatement du commencement et de l’écroulement de la vérité que dans une ré-pétition pensée.38

Trotz der von Heidegger übernommenen, später auch im Diskurs der Poststrukturalisten sehr beliebten Bindestrichschreibung, die der ‚Reetymologisierung‘ dient, können die französischen Äquivalente dieser Form der Polyphonie, d. h. der gleichzeitigen Präsenz beider Bedeutungen, nicht gerecht werden. Das gilt, wie wir noch sehen werden, natürlich auch im umgekehrten Fall, d. h. bei der Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche. Dies alles könnte durch viele weitere Beispiele sowohl vertieft als auch feiner aufgegliedert werden. An dieser Stelle ist nicht mehr möglich als eine vorläufige Bilanz. Was steckt hinter diesen sprachlichen Gewaltakten, die der Liebhaber einer klassisch ‚reinen‘ Diskursform so abstoßend findet? In den Fällen, in denen es der Autor ‚ernst meint‘, in denen er nicht nur wie ein Jahrmarktartist Aufmerksamkeit erregen will, geht es eigentlich immer darum, die Bedeutungen der Wörter zu ‚dekonstruieren‘, die im Lauf der Sprachgeschichte zu schwer analysierbaren Konglomeraten herangewachsen sind. Wenn Meister Eckhart in seiner sechsten Predigt (iusti vivent in aeternum) das „Sein“ der „Istichheit“ (mhd. isticheit) gegenüberstellt,39 dann offenbar deshalb, weil er ein Wort braucht, das nur 35 36 37 38 39

Heidegger: Introduction à la métaphysique, S. 156–158. Caron, Maxence: Introduction à Heidegger, Paris: Ellipses, 2005 (Philo), S. 24. Heidegger: Einführung in die Metaphysik, S. 146. Heidegger: Introduction à la métaphysique, S. 194. Meister Eckhart: Predigt 6: iusti vivent in aeternum, in: ders.: Werke. Sämtliche deutschen Predigten und Traktate sowie eine Auswahl aus den lateinischen Werken, kommentierte zweisprachige Ausgabe, hg. von Niklaus Largier, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag, 1993 (Bibliothek des Mittelalters 20/Bibliothek deutscher Klassiker 91), S. 76–87, hier S. 80. Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1

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„Istheit“ bedeutet, d. h. den Begriff dessen, was man meint, wenn man „ist“ sagt. Mittelhochdeutsch sîn „sein“ konnte schon zu seiner Zeit weit mehr bedeuten, es enthält Bedeutungskomponenten, die er an dieser Stelle nicht brauchen konnte. Bemerkenswerterweise wird dieser Neologismus im Französischen durch étantité wiedergegeben,40 eine in keinem der großen französischen Wörterbücher verzeichnete Neubildung,41 die möglicherweise ursprünglich zur Wiedergabe der heideggerschen Seiendheit geprägt wurde. Was ihre ‚Radikalität‘ angeht, so stehen die modernen französischen Diskursformen den deutschen in nichts nach. André Martinet war einer der Ersten, der dies den französischen Puristen vorgehalten hat. Während der gebildete Normalfranzose aus lauter Angst, einen Fehler zu machen, sich nur vorgestanzter Floskeln bediene, habe nur der anerkannte Intellektuelle das Recht, die Möglichkeiten seiner Sprache auszuschöpfen: Or, en France, il n’y a guère que l’écrivain professionnel, le poète ou le romancier, qui puisse impunément jouer de la langue à sa guise : la liberté syntaxique du français littéraire contemporain est probablement sans égale dans le monde des langues ; on y retrouve toutes les constructions, toutes les combinaisons, toutes les violences qui paraissent si étranges au linguiste lorsqu’il les rencontre dans les langues des antipodes.42

Wenn wir uns nun der ‚Rückkehr Heideggers nach Deutschland‘, d. h. den Texten der französischen Poststrukturalisten in deutscher Übersetzung zuwenden, so werden wir feststellen, dass Heideggers Saat in Frankreich aufgegangen ist. Bewusst salopp formuliert: Lacan und Derrida können das alles noch viel besser. Bis zu einem gewissen Grad wird auch die communis opinio zu relativieren sein, Heidegger bediene sich einer Form des Ausdrucks, für die das Deutsche eine besonders geeignete Grundlage bilde. Mit Hilfe des Französischen lassen sich, wenn man nur erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, ganz ähnliche Effekte erzielen. Schwierigkeiten entstehen nur bei der Übersetzung im engeren Sinn, nicht bei der freien Nachbildung.

4 Heideggers Rückkehr nach Deutschland: die deutschen Übersetzungen der französischen ‚Poststrukturalisten‘ Zunächst eine Vorbemerkung: Unter dem Begriff „französische Poststrukturalisten“ werden hier in erster Linie Jacques Lacan und Jacques Derrida verstanden. Gegen ein solches Vorgehen ließen sich mancherlei Einwände vorbringen. Meine hier vorgetragene These, bei der Übersetzung der französischen Poststrukturalisten handle es sich um so etwas wie um eine ‚Rückkehr Heideggers nach Deutschland‘, stößt auf eine Schwierigkeit: … das Verhältnis zwischen den drei genannten Autoren. Die engen Beziehungen zwischen HeidegDie Leseprobe hat Ihr Interesse geweckt? ger und Derrida brauchen hier nicht eigens belegt zu werden. Schwerer zu beurteilen ist Dann lesen Sie den vollständigen Textheute im Buch übersetzen“. das Verhältnis Lacans zu Heidegger. Die auch noch„Kultur sehr lesenswerte, im Jahre von 40 41 42

Das Beispiel stammt aus einer mittlerweile nicht mehr verfügbaren Internetquelle. Etant ist überall vorhanden, im Grand Larousse Universel mit dem Hinweis: „trad. de l’all. [das] Seiende“ (Bd. 6, Paris: Larousse, 1989). Martinet, André: Le Français sans fard, Paris: PUF, 1969 (Collection SUP: Le Linguiste 6), darin Kap. 2: Les puristes contre la langue, S. 25–32, hier S. 28.

Kultur übersetzen Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog Alberto Gil, Manfred Schmeling (Hrsg.) VICE VERSA. Deutsch-französische Kulturstudien, Band 2 Akademie Verlag, Berlin 2008. 271 S., Festeinband, € 59,80 ISBN 978-3-05-004340-1