Kultur und die Stadt - Friedrich Schorlemmer

Kultur und die Stadt - Friedrich Schorlemmer

Die Kultur als eine tragende Säule der Kommunen Reformation, Aufklärung und Klassik verpflichten die ganze Nation Friedrich Schorlemmer Was wird aus u...

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Die Kultur als eine tragende Säule der Kommunen Reformation, Aufklärung und Klassik verpflichten die ganze Nation Friedrich Schorlemmer Was wird aus unserer Demokratie, wenn die Keimzelle unserer demokratischen Verfasstheit, die Kommune, fast handlungsunfähig gespart und aussichtslos hoch verschuldet wird? Mit unserer Lebensqualität steht die Akzeptanz des demokratisch-sozialstaatlichen Systems auf dem Spiel. Wenn unsere Kommunen steuerlich so geknebelt, ja kaputt gespart werden, trifft das zuallererst die sog. „freiwillige Aufgabe Kultur“- mit weit reichenden, tief gehenden und lang anhaltenden Folgen. Zugleich war, ist und bleibt die lebendige Kultur in der Kommune auf das besondere Engagement Einzelner mehr angewiesen als jede andere öffentliche Aufgabe: intellektuell, personell, finanziell. Drei kleinere Städte mit dem Erbe von ganz Großem , nämlich Wittenberg mit der Reformation, Wolfenbüttel mit der Aufklärung und Weimar mit der Klassik haben sich zusammengetan unter WWW, um diese geistig-kulturellen Leuchttürme ins gesamtstaatliche Bewusstsein und in gesamtstaatliche Verantwortung zu rücken. Was wäre Deutschland ohne Kirchenreform und die Behauptung der Freiheit des einzelnen, was ohne den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, was ohne die Blüte des Deutschen im Klassischen? Die GeistesKultur bildet das Rückgrat unserer Gesellschaft, auch wenn dieses Urteil keineswegs jedermann teilt. Die Kultur braucht prinzipiell mehr Aufwand als sie allgemein getragene Akzeptanz findet. Denken vollzieht sich stets „in dürftiger Zeit.“ (4/5 der Deutschen kennen z.B. nicht einmal unsere Nationalhymne) Die Kulturträger, die die Kultur der Stadt prägen, müssen an stets Konzessionen an Mehrheitsbedürfnisse und Mehrheitsgeschmack machen, ohne deswegen die anspruchsvollere Kultur für Minderheiten zu verraten. Es ist unübersehbar, wie Städte mit besonderer Geschichte und Sehenswertem aus der Vergangenheit sich in den touristischen Wettbewerb stürzen, aber dabei meist inhaltliche Vertiefung vermeiden, weil das „die Masse“ nicht will und weil selbst die Bewohner dieser Städte von einer geistigen Aneignung weit entfernt sind. Ist ein gewisses Grundwissen nicht von all denen abzuverlangen, die sich doch Touristenscharen erhoffen, die allzu gerne mit den großen Namen werben und die enttäuscht sind, dass nicht so viele Touristen kommen, wie sie es gern hätten, um den Umsatz zu steigern? Welchen Umsatz eigentlich? Eine Minderheit weiß etwas, hält gar persönlich etwas davon, was diese Städte mit einer großen Vergangenheit bedeuten – national, ja international. Zugleich ist diese Mehrheit stolz, wenn Fremde kommen, nach ihren historischen Wirkungsstätten, Wahrzeichen, Denkmälern, Kirchtürmen, vielleicht gar 1

nach Museen fragen. Im April 2010 mussten Luther-und Melanchthon-Denkmal auf dem Wittenberger Markt abgebaut und in eine Restaurationswerkstatt verbracht werden. In einer sog. Kunstaktion sollen im August nun 800 etwa 1m große Schadow-Lutherfiguren-Imitate aus Kunststoff in den Farben rot, schwarz, blau, rot und grün auf dem Markt aufgestellt und je für 250 € verscherbelt werden – als Botschafter sollen sie in die ganze Welt gehen. Nimm ihn erst mal unter den Arm. Zeig, wie er steht und sieh, dass er nicht mehr auf dem Sockel steht… Doch zu diesen Zwergen soll man nicht Zwerg sagen, sondern “Lutherbotschafter“. Wie heißt die Botschaft? PR-Gewinn? Otmar Hörl aus Nürnberg versteht sich als Künstler des Seriellen, der schon einmal hunderte Zwerge hat aufstellen lassen - Gartenzwerge mit Hitlergruß oder in Nürnberg aberhunderte Dürerhasen aus Plaste. Kritikern antwortet er, man könne doch froh sein, dass er Luther nicht mit MPi dargestellt habe. Das sei doch freundlich er Umgang mit dem Reformator. Eine PR-Idee, der ein undefinierbarer Sinn unterlegt wird, eine Zwergenidee mit Kunstanspruch. Die Initiatoren behaupten jetzt schon, noch nie sei Luther so im Gespräch gewesen. Darunter sind Theologen – offen für moderne Kunst, wie sie meinen. Die großen Geister aus den kleinen Städten durchdringen bis heute nicht (oder noch nie?) die Öde der Provinz, vermögen kaum das Provinzelle, die geistige und kulturelle Genügsamkeit, Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit zu überschreiten. Nichtsdestotrotz bleiben die Namen, mit denen diese drei Städte „wuchern“, nicht nur wichtig, sondern für das kulturelle Gedächtnis Deutschlands - als eine Voraussetzung heutiger Aneignung - unverzichtbar.. Selbst die dieser historischen Tradition mit kulturellem Anspruch gegenüber relativ abstinente große Bevölkerungsgruppe bleibt für unser Erbe wichtig, solange sie nicht dagegen aufbegehrt, dass diese „historischen Größen“ bei knappen öffentlichen Kassen besondere Beachtung und Pflege erfahren. Diese Mehrheit gehört zu den unentbehrlichen, still-stummen Mitläufern jeder Kultur. Das ist durchaus vergleichbar mit den vielen Kirchenmitgliedern bei so wenigen Aktiven in der Gemeindearbeit oder mit den vielen „Karteileichen“ in Parteien, Vereinen etc. Genau aus diesem Grunde sind unsere Städte mit ihren bewussten Kulturträgern gehalten, für dieses Mehrheitspublikum hin und wieder Massenevents anzubieten, darüber nicht die Nase zu rümpfen, sondern weiterhin daneben unverdrossen ein Angebot zu unterbreiten, das über den Horizont oder das Interesse von 95 % der Bürgerinnen und Bürger hinausreicht. Viele nehmen an dem, was in den Städten allmonatlich kulturell los ist, nur vom Hörensagen oder nachträglich aus der Zeitung teil. Meistens äußern sie sich im Klageton, es sei „nicht viel los in dieser Stadt“ und abends würden „die Bürgersteige hochgeklappt“. Solches Desinteresse betrifft nicht nur ferne Vergangenheit und die Unwillig2

keit, sich damit zu beschäftigen, sondern erst recht das Leben seit Luther, Lessing oder Goethe. Musealisierung ist die Folge. Schon 1999 mussten wir erleben - genau zehn Jahre nach dem demokratischen Umbruch –, dass Erinnerung an die dramatischen Augenblicke einer friedlichen Machtablösung der kommunistischen Ein-Parteien-Diktatur-Zeit auf dem Marktplatz vor dem Lutherdenkmal kaum Interesse fand. Wir wollten auch 2009 nicht bloß zurückblicken, sondern in Veranstaltungen, Inszenierungen, Ausstellungen auch fragen, was in den Jahren seither geworden bzw. was leider nicht geworden oder gar verloren ist. Die Besucherzahlen in einer vorzüglich gestalteten Ausstellung mit mit „Rücksichten- Ansichten und Aussichten“ hielten sich in betrüblichen Grenzen. Das allgemeine politische Interesse mitsamt einem lebendigen Ausdruckswillen ist fast ausgestorben. Wer in der Kultur zuförderst nach Zahlen fragt, kann gleich aufgeben. Und er muss nach Zahlen fragen, weil es Leute geben muss, die zahlen: Steuern, Spenden und Sponsorengelder. Das Problem hat grundsätzlicheren Charakter; es betrifft unsere Demokratie in ihrer Substanz und Akzeptanz. Immerhin sind in Sachsen-Anhalt bei der letzten Landtagswahl nur noch 44 % überhaupt zur Wahl gegangen. Das sind im Wesentlichen dieselben Bürger, die 40 Jahre lang 98,97 nicht nur brav zur sogenannten Volkswahl gegangen waren, sondern stets lächelnd ihren Zettel gefaltet hatten. Hans Magnus Enzensberger hat ein sehr scharf beobachtendes Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ geschrieben. Das muss man nicht nur ironisch verstehen. Enzensberger macht die Differenz in verschärfter Weise offenbar, die zwischen denen die meinen, Ideen umsetzen zu können, und der gesamten „Bevölkerung“ bestehen. Über die Schwierigkeiten der Umerziehung Einfach vortrefflich all diese großen Pläne: das Goldene Zeitalter das Reich Gottes auf Erden das Absterben des Staates. Durchaus einleuchtend. Wenn nur die Leute nicht wären! Immer und überall stören die Leute. Alles bringen sie durcheinander. Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht laufen sie zum Friseur. Statt begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln sagen sie: Jetzt wär’ ein Bier gut. Statt um die gerechte Sache 3

kämpfen sie mit Krampfadern und mit Masern. Im entscheidenden Augenblick suchen sie einen Briefkasten oder ein Bett. Kurz bevor das Millennium anbricht kochen sie Windeln. An den Leuten scheitert eben alles. Mit denen ist kein Staat zu machen. Ein Sack Flöhe ist nichts dagegen. Kleinbürgerliches Schwanken! Konsum-Idioten! Überreste der Vergangenheit! Man kann sie doch nicht alle umbringen! Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden! Ja wenn die Leute nicht wären dann sähe die Sache schon anders aus. Ja wenn die Leute nicht wären Dann gings ruckzuck Ja wenn die Leute nicht wären Ja dann! (Dann möchte auch ich hier nicht weiter stören.) aus: Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1955-1970, S. 128f. Und der große lyrische Zyniker Benn spottete schon vor 60 Jahren über unsere Etüden… Eure Etüden, Arpeggios, Dankchoral sind zum Ermüden und bleiben rein lokal. Das Krächzen der Raben ist auch ein Stück – dumm sein und Arbeit haben: Das ist Glück. Das Sakramentale – schön, wer es hört und sieht, doch Hunde, Schakale die haben auch ihr Lied. Ach, eine Fanfare, doch nicht an Fleisches Mund, 4

dass ich erfahre, wo aller Töne Grund. (aus: Gottfried Benn, Gedichte, S. 455) Ja, auch das Krächzen wie Raben kann zu Kultur gezählt werden, sowie man seine Arroganz abzulegen bereit ist. Im übrigen bezieht sich eine kulturell eher genügsame Haltung mit einer Lust am Seichten nicht etwa auf Menschen mit 8-Klassen-Abschluss. Das geht quer durch die Sozial- und Bildungsschichten. Jede Zeit hat sich auf ihre Weise der besonderen Aufgabe zu stellen, das aus der Vergangenheit Überkommene zu bewahren, zu vermitteln und zu transformieren. In allem „mit gutem Grund“ Tradierten ist ein Überschuss verborgen, etwas nicht Abgegoltenes, etwas prinzipiell Unerfüllbares. Darin steckt eine Kraft, dem Unerfüllbaren entgegenzustreben – ob nun bei Lessing in Wolfenbüttel, ob bei Schiller in Weimar oder bei Melanchthon in Wittenberg, die sich in einer kulturellen Initiative W.W.W. zusammengetan haben, um dem Erbe der Reformation, der Aufklärung und der Klassik viel mehr nationale Mitverantwortung zu erstreiten. Sie verstehen sich als spezifische Sachwalter der demokratischen Öffentlichkeit für die jeweilige Polis (mit den herausragenden, weltweit bekannten Namen) etwas ungeheuer Wertvolles zu verwalten. Sie fühlen sich nicht nur den heute lebenden Menschen, sondern vergangenen Generationen ebenso verpflichtet, wie sie künftigen Generationen verpflichtet bleiben - gerade in geistig oder materiell kargen Zeiten. Der Maler und Grafiker Georg Karl Fahler gab über Kunst dem Einzelnen und die Masse Auskunft: „Kunst zielt auf das Bewusstsein Einzelner, kann Trost, Hoffnung, ja Glück spenden. Sie fordert geistige Hinwendung durch Phantasie und Intellekt. Kunst ist kein Dogma, sondern These und Antithese zugleich. Deshalb ist sie für Massenbewegungen ungeeignet. Gerade darin beruht ihre Stärke: Sie proklamiert Freiheit, Unabhängigkeit, und die ihr innewohnenden Ordnungsprinzipien sind verallgemeinerbar, über Gegenwart und Zukunft hinaus. Kunst steht in einem Spannungsfeld zur Politik; sucht jene den Kompromiss, ist diese kompromisslos. Die Sprache der Kunst ist, wie die der Wissenschaft und Technik, international. Gefährlich wird es, wenn Kunst sich national gebärdet, dann kann sie politisch missbraucht werden.“ Gemeinsam haben wir in Deutschland nach aller geschichtlichen Erfahrung darüber hinaus zu wachen, dass das große Erbe nie wieder in nationalistische Fänge gerät. Deshalb gehört zur aktuellen Erinnerungskultur auch die kritische 5

politische Erinnerungsarbeit an problematische Wirkungs- und Verwertungsgeschichte. Weimar bot eine vorzügliche „Infrastruktur“ für Buchenwald, auf Wittenbergs Marktplatz reckten 1933 SA und Männer im Talar gemeinsam den rechten Arm in den Himmel und das dem Wolfenbüttel nahe Braunschweig verlieh „dem Führer“ die deutsche Staatsbürgerschaft. Weil es nur bedingt gelingt, die Bevölkerung dieser drei Städte zum vollen Engagement für ihr großes Erbe zu gewinnen, also mit besonderem geschichtlichen Bewusstsein zu leben, brauchen diese drei Städte - gerade wegen ihrer oben genannten inneren Beschränkungen – beständiges unterstützendes Interesse einer über unsere Städte und Bundesländer hinausreichenden Öffentlichkeit. Die große Mehrheit will die äußere Hülle, aber verwendet wenig darauf, unter die Hülle zu gucken. Sowohl die gigantischen Riesenräder wie diverse AutoRallyes mit allen möglichen Shows wollen auf den Marktplatz, auch wenn ihr „Event“ direkt mit dem Ort überhaupt nichts zu tun hat. Sie lieben die historische Kulisse lediglich als Identifikationssignal mit Außenwirkung. Daneben gibt es dort durchaus „Formate“, die qualitätsvoll und angemessen sind und sogar von größerem Publikum angenommen werden. In Wittenberg ist das jährliche Maiblumenfest, der wundervolle herbstliche Töpfermarkt und das vielfältige Treiben zum Reformationstag zu nennen. Schon Martin Luther hat sich über seine Stadt und ihre Bewohner, diese „alte Sodoma“, unmissverständlich geäußert. „Selbst wenn man hier gute und ehrbare Leute gesät hätte, wären doch nur grobe Sachsen aufgegangen.“ Der Schösser, also der Chef der Festungsanlagen, behandelt ihn und sein ganzes Anwesen wie den letzten Dreck, so dass Luther einen empörten Bittbrief an den Kurfürsten schreiben muss, wissend, dass diese Herrschaften längst vergessen haben, was sie ihrem Luther verdanken und was er für die Welt bedeutet. Schösser haben normalerweise „viele Kinder“. Wer aus der Bevölkerung für Kultur eine Mehrheit zu erreichen anstrebt, muss das volkstümlich-folkloristische neben dem Anspruchsvoll-Künstlerischen anbieten und Schnittmengen für beides suchen. Die Verantwortlichen haben alles im Blick zu behalten: das Universalistische wie das Partikulare, das Allgemeine wie das Besondere, das Narrative wie das Argumentative, das im Erbe ihrer Städte steckt. Dazu gehört eine engere inhaltliche und personelle Durchwirkung all derer, die für Wirtschaft und mit denen, die für Kultur zuständig sind, damit es nicht zu unproduktiven Entgegensetzungen kommt, als ob also die einen nur noch nach der Substanz und die anderen nur noch nach der Bilanz fragen. Unerlässlich ist, dass die diversen Kulturträger der Stadt nicht nur institutionell, sondern auch personell füreinander Interesse zeigen und das Engagement des je anderen würdigen. Alle Beteiligten sollten sich nicht zuerst als Konkurrenten, 6

sondern als aufeinander Angewiesene verstehen. Wer allerdings Kultur bloß als Job oder als Marketing (besonders in der inhaltsleeren Öffentlichkeitsarbeit) betreibt, also nicht selber für die Sache brennt, dafür aber sorgsam seine Arbeitsstunden zählt, der hat in Kulturarbeit weder etwas verloren noch zu gewinnen. Man mag sich wundern und auch richtig ärgern, wie wenig Interesse an inhaltlichen Angeboten viele von denen zeigen, die die Städte für Besucher präsentieren. Wenn es richtig ist, dass Kultur Minderheitenprogramm bleibt, müssen alle die, die Kultur machen und hoch halten, also so „Hochkultur“ versuchen, sich mit der stillen Akzeptanz der Mehrheit begnügen und vergnügt ihre Sache weiter betreiben. Schließlich leben alle die, die das Minderheitenprogramm „Kultur“ als innere Pflicht, als Anstrengung mit Glücksgefühl betreiben, von der Mehrheit, die einer Minderheit Kultur mit bezahlen, ohne sie selber zu nutzen! Kultur bleibt öffentlicher Auftrag in der Demokratie, weil sie sich nicht von der Gefälligkeit von Sponsoren abhängig machen darf, so hilfreich auch finanziell engagierte Bürger sind – als Bürger, die den Gewinn für die Stadt vor ihren eigenen Gewinn zu stellen vermögen und bereit sind. Immer wieder wird man Veranstaltungstypen anbieten, die das Flair unserer Städte und ihre Symbole auf eine kaum angemessene Weise nutzen wollen, sich der Personen, Symbole, Orte kommerziell verflachend bedienend. Sei es drum: Hauptsache, „das andere“ behält seinen Qualitätsanspruch, bekommt seine Realisierungsmöglichkeit und findet seine Interessenten. Der Streit um die Kultur – relativ leise verlaufend – entzündet sich an einem differierenden Kulturbegriff. Für die einen ist nur das sinnvolle Kultur, was von Anfang an auch ins Marketing übersetzbar ist und somit gut verkaufbar ist. Für die anderen ist nur das Kultur, was die Frage nach der Vermarktungsmöglichkeit ans Ende stellt und die Qualitätsansprüche in die Mitte rückt. Die FAZ hat vor einigen Jahren (8.5.06) über die „Kulturindustrielle Offensive“ in China Interessantes berichtet: „Die KP China hat sich entschlossen, Kunst nur noch als Konsumartikel und Kultur allein unter marktwirtschaftlichen Kategorien zu verstehen. Das ist weder harmlos noch banal – aber gut für die Partei.“ Wir wollen nun wohl weder Chinesen werden, noch tun, was für „die Partei“ gut ist, sondern die identitätsstiftende - das anspruchsvolle wie das folkloristische - „Heimat-Erbe“ hochhalten. Bitte merken Sie sich besonders: WWW - Wittenberg . Wolfenbüttel . Weimar. Aus der Provinz kam größeres als es die Provinz allein über die Jahrhunderte weiterzutragen vermag. 7